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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

19. Juni 2024

Samstag, 19.06.2004 – Powersailor Rangermoon

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Ich gehe um 19:00 in die Bibliothek und gehe meiner üblichen Arbeit (?) nach.
Das Wetter nähert sich der Grenze der Unerträglichkeit… es ist warm (und es erscheint mir vermutlich wärmer, als es tatsächlich ist) und die Luftfeuchtigkeit hält sich nicht weit unter der 100 % Marke. Es regnet auch, und ich würde das einen „stärkeren Nieselregen“ nennen, nicht mehr, aber die Lufttemperatur sinkt nicht. Es regnet widerlich lauwarmes Wasser vom Himmel und allein der Luftzug der eigenen Fortbewegung verschafft Kühlung, weil die Haut ja ständig feucht ist. Sobald man aber stehen bleibt, stürzt einem das Wasser aus allen Poren.
Der Supermarkt ist das krasse Gegenteil. In dem Gebäude sind es 20 Grad Celsius mit geringer Luftfeuchtigkeit – man kommt von draußen herein und fühlt sich sofort wie in einem Kühlschrank. Ich hätte nicht gedacht, dass 20 Grad mal so wenig sein könnten. Und sobald man wieder nach draußen geht, läuft man wie
gegen eine Wand aus wabernder Feuchtigkeit, die einen umhüllt.
Mehr gibt es da heute nicht zu sagen… wäre da nicht die Episode SailorMoon, die ich gesehen habe und die den Fan der Animeserie in basses Erstaunen (oder Entsetzen?) versetzt (die Unwissenden aber kalt lassen dürfte).

Aha, Usagi weiß also nichts von der Tatsache Minako = SailorVenus, weil ihr das tatsächlich keiner gesagt hat. Die anderen drei haben entschieden, die Information für sich zu behalten, damit Usagi nicht auf dumme Gedanken kommt… welche auch immer. Bei ihr gibt es in dieser Hinsicht ja kein Limit. Möglicherweise hätte ihr die Tatsache, ihren Lieblingsshowstar im Team zu haben, den Kopf verdreht. Ihre Ansprüche sind ja nicht hoch.
Minako ist nach dem Blackout während ihres Konzerts im Krankenhaus gelandet. Rei besucht sie und der Kernpunkt des Gesprächs ist der, dass Minako wohl noch ca. zwei bis drei Monate zu leben hat und sich eigentlich schon aufgegeben hat, weil auch die Erfolgschancen einer Operation angeblich bei nahezu Null liegen.
(In der Pause wird Werbung für ein PS2 Spiel gezeigt, das „MagnaCarta“ heißt. Ich frage mich, wie viele von den Leuten, die diese Werbung gemacht haben oder für die diese Werbung gemacht wurde, eine Ahnung haben, was dieser Begriff eigentlich bedeutet…)
Aber zum Ende erscheint Minako dann doch. Königin Beryll stellt sich den Senshi persönlich, aber weil es noch zu früh für den Showdown der Serie ist, lässt sie die vier Generäle erscheinen und droht, sie alle zu töten, sollte Endymion (Mamoru) nicht gefügig sein und ihr folgen. Die Waffen der vier richten sich also am ferngesteuerten Arm gegen ihre Besitzer und Kunzyte ist wieder die Nummer Eins, wenn es um das Schneiden verständnisloser Gesichter geht. Mamoru will natürlich nicht, dass seine ehemaligen Getreuen so schändlich gemordet werden, also macht er ein paar zögerliche Schritte auf Beryll zu. Usagi gefällt das natürlich gar nicht und wir erleben die seltsamste und unerwartetste Transformation, die keinem Fan der Animeserie je in den Sinn gekommen wäre.
SailorMoon mit Terminator-Blick: „Du wirst Deine Finger von ihm lassen!“
Beryll greift ihre leuchtende Gestalt mit einem explodierenden Blitz an („I love the smell of fresh Nape in the Morning“), der die Senshi wieder mal fliegen lässt (markant: laszives Wälzen auf dem Boden mit Schmutz im Gesicht), aber SailorMoon steht wie der Fels in der Brandung und verzieht keine Miene, was bei der Königin offenbar eine gewisse Besorgnis auslöst. Ein Schwert erscheint in Usagis Hand – ein Schwert, verehrte Fans! Es ist zwar offensichtlich aus Plastik und von Bandai hergestellt, aber es ist ein Schwert, was den krassesten Bruch mit der Vorlage darstellt, die ich bisher gesehen habe. Nicht, weil die Manga- und Anime-SailorMoon kein Schwert gehabt hätte, sondern eben, weil sie eines hatte (während sie mit Galaxia zu Gange war) und sich weigerte, es zu benutzen, weil Gewalt ja nur mehr Gewalt hervorruft.
Wie dem auch sei, SailorMoon hat also ein Schwert und wird mit Energiesalven bombardiert, die sie, ohne das Gesicht zu verziehen, mit eben diesem Schwert lässig beiseite wischt, worauf die Ladungen im Umland explodieren. Die Königin schiebt mittlerweile Panik und stößt allerhand Drohungen aus, unter anderem die alte Leier, die vier Generäle zu töten, worauf sich Nephlyte, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht, mit seinem Schwert durchbohrt und leblos zu Boden geht. (Ich will nicht sagen „tot“, weil er zu der Sorte Leuten gehört, die dauernd wiedergeboren werden). Das schockiert Mamoru dann doch sehr und er sorgt dafür, dass Usagi aus dem Terminatormodus in ihre ursprüngliche Form zurückkehrt, bevor sich noch andere den Bauch aufschlitzen. SailorMoon verwandelt sich also in Usagi zurück, die auch gleich das Bewusstsein verliert.

Wer hat hier denn am Rad gedreht? Eine SailorMoon, die über Leichen geht, um die Bösen zu besiegen? Das hat sogar noch das Schwert übertroffen! Was auch immer das hier sein soll, aber „SailorMoon“ ist das nicht mehr. Aber andererseits… sie sieht mit diesem Gesicht viel schnuckeliger aus… auf jeden Fall besser als mit ihrem Dauergrinsen wie ein Kind, dem man einen übergroßen Schokohasen zu Ostern geschenkt hat, auch wenn die Klamotten, die man ihr für diese Transformation verpasst hat, aussehen, als hätte sie den Lolitashop um die Ecke in Harajuku während des Schlussverkaufs ausgeraubt.

3. Juni 2024

Donnerstag, 03.06.2004 – SPAM-Blocker können auch überempfindlich sein!

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Ich habe endlich „Azumanga Daiô“, den Anime, in die Hände bekommen. Allerdings fehlt die Episode 16 und die Nummer 25 scheint beschädigt, sie lässt sich nicht abspielen. Mal sehen, ob die Serie dennoch den Aufwand wert ist. Wenn SangSu mir das vorher gesagt hätte, wäre ich nicht so hinterher gewesen.

Ich erhalte Post von Katsuki-sensei. Sie fasst meine Entwarnung mit Beruhigung auf, weiß aber gar nicht, um was es geht, weil die Firewall der Universität meine Mail in den SPAM-Ordner abgelegt und sie meine Mail mitsamt dem Müll gelöscht hat. Ich informiere sie also kurz über die Lage.

Nach dem Unterricht gehe ich in die Bibliothek und schreibe Post.

Ich sehe mir am Ende noch die erste Episode von „Konjiki no Gash Bell“ an und bin sehr zufrieden. Wenn die Serie so bleibt, muss ich sie ganz haben. Leicht gesagt! Mir stehen derzeit 30 Episoden zur Verfügung, aber die Serie hat auf jeden Fall mehr als 52 und läuft immer noch im japanischen Fernsehen![1] Ich verstehe jetzt auch endlich, um was es dabei geht. Ich hatte aus dem Durchblättern des Manga (diese telefonbuchdicke Anthologie, die ich im Papierabfall eines der Büros hier gefunden habe) geschlossen, dass es sich bei den kleinen Humanoiden um Roboter oder Androiden handele – immerhin sind sie sehr stark und haben verschiedene Arten von übernatürlichen Kräften.

Zunächst einmal handelt es sich bei der blonden Hauptfigur um einen Jungen, nicht um ein Mädchen. Er trägt nur reichlich ungewöhnliche Klamotten… einen schwarzen Überwurf, beinahe ein Poncho, könnte man sagen, eben mit Ärmeln… sieht also aus wie ein Kleid. Aber die geschlechtlichen Fakten des Kleinen werden auch gleich in den ersten Minuten klargestellt. Die Darstellung ist simplifiziert, aber gleich eine Großaufnahme.

Und die Kleinen sind Dämonen. Gash Bell hat kleine Hörner, wie es sich für japanische Dämonen gehört. Er trägt, wie alle seiner Art, ein Buch bei sich, in dem Begriffe stehen, die die Elementarattacken auslösen (das ist keine spezifische Eigenart japanischer Dämonen). Um diese Begriffe laut vorzulesen, brauchen diese Dämonen einen Begleiter, für gewöhnlich einen Menschen, wie es scheint.

Gash Bell wurde verwundet von einem japanischen Wissenschaftler in England gefunden und auskuriert. Er scheint auch immer noch einen Schaden zu haben, da er sich nicht daran erinnern kann, wenn er einen Angriff ausführt („Warum sieht Dein Zimmer so verwüstet aus?“).

Der Wissenschaftler schickt ihn zu seinem Sohn nach Japan, weil der zwar hyperintelligent ist, aber keine Freunde hat, weil er die meisten Menschen für schlichten Abfall hält. Der einzige Mensch, der ihn offenbar mag, ist der Klassentrottel, ein Mädchen, dem er offenbar einmal Mathematik verständlich gemacht hat. Sie ist wirklich nicht sehr helle, aber sehr warmherzig. Interessanterweise heißt sie „Mizuno“ und ich möchte wetten, dass es sich um eine Anspielung auf Mizuno Ami, das Genie unter den SailorSenshi, handelt.[2]


[1] Animelexika sprechen von 152 Episoden.

[2] Zehn Jahre später hatte ich knapp 30 Episoden gesehen und die Serie weggeworfen – es handelt sich um einen typischen Shônen Anime, in dem es um nicht viel mehr als immer neue Kämpfe mit immer stärkeren Techniken geht.

15. Mai 2024

Samstag, 15.05.2004 – Erdbebenalarm! (Annahme Üb)

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Ich stehe um 07:15 auf, weil ich vermeiden möchte, wieder bis zum kommenden Freitagabend warten zu müssen, um die „SailorMoon“ Episode vom Samstag sehen zu können. Es kommt jeden Abend was anderes, und weil ich inzwischen früher schlafen gehe, habe ich nicht mehr so viel Zeit, das TV-Programm zu verfolgen. „Ogami“ läuft derzeit fünfmal die Woche… mittags wird die Episode aufgezeichnet und abends angesehen… das ist zu viel. Die Serie ist cool, aber sie kostet so zuviel Zeit. Wird gestrichen. Und ich will „SailorMoon“ in Zukunft aus Zeitgründen wieder „live“ sehen.

Sieht aus, aus würde sich die Episode heute in erster Linie mit Makoto/Jupiter beschäftigen. Makoto erklärt sich bereit, für den am Arm verletzten Motoki zu kochen und landet mit ihm im Kino. Nachdem es ihm in der vergangenen Episode nicht gelungen ist, sie in „Finding Kame“ („Findet die Schildkröte!“, um dem deutschen Titel der Anspielung nahe zu kommen) zu schleppen, schafft er es diesmal, sie zu „Kame Fighter“ zu überreden (meiner Meinung nach eine Anspielung auf „Street Fighter“ oder vielleicht „Kamen Rider“, eine der unzähligen schlechten, aber auch erfolgreichsten und langlebigsten japanischen Superheldenserien). Und dann erklärt sie dem todunglücklichen Motoki, dass aus ihnen nichts werden könne. Die Gründe haben sich seit der Zeit der Animeserie offenbar nicht geändert, kurz: Sie ist ein Tomboy (sie findet sich ganz und gar nicht weiblich) und hat Komplexe deswegen. Motoki zieht ab („So gründlich hat mir noch niemand eine Abfuhr erteilt.“), worauf Makoto von einer Handvoll Yôma angegriffen wird. Es entspinnt sich die übliche Vorführung in Gelenkbeweglichkeit und sie muss auch was einstecken. Aber der Ausgang bleibt natürlich wenig spannend. Und nachdem der Feind (mit Unterstützung der übrigen Senshi) dann in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist, sieht sie passend zur heutigen Gelegenheit auch ein, dass man alleine ja doch nur mehr Probleme hat, klarzukommen (und zeigt dabei mit dem metaphorischen Ellenbogen auf die eher zufällig anwesende SailorVenus, um den unfeinen Zeigefinger zu vermeiden). Mittlerweile hilft Zoisyte dem Gedächtnis von Nephlyte auf die Sprünge, indem er Mamoru gleich vor Ort erscheinen lässt – und wenige Augenblicke später nennt auch Nephlyte ihn „Master Endymion“.

„SailorMoon“ Merchandising wird übrigens immer toller! Es gibt inzwischen nicht nur die Klamotten zu kaufen (für Vierjährige), sondern auch noch die Haartracht – und die sieht aus wie der Skalp eines gelben Langohrdackels, falls es einen solchen gibt.

Ich bekomme zufällig auch wieder eine „Pokemon“ Werbung zu Gesicht, und die macht mir das folgende lebhaft deutlich: „Pokemon“ lebt! Und es erfreut sich offenbar immer noch ungebrochener Beliebtheit, während „Digimon“ so unsichtbar ist, als habe es nie existiert. Kaum Merchandising, keine Werbung, nichts. Mir scheint, dass die Serie in den USA und in Deutschland viel erfolgreicher ist, als in ihrem Ursprungsland. Offenbar haben die japanischen Animefans „Digimon“ hier nicht nur als Plagiat erkannt, sondern auch gleich als solches von der Programmliste gebürstet.

Pokemon Landkarte 2004

Überdies ist zu hören, dass Deutschland hier inzwischen als „Zweites Animeparadies“ bekannt geworden ist. Das deutsche Fernsehprogramm scheint einen Ruf bis nach Japan zu genießen, und die deutsche Fangemeinde ruft ständig nach mehr. Natürlich kommen Lobeshymnen dieser speziellen Art auf das deutsche Vaterland nur von eingefleischten (japanischen) Fans der animierten Filmkunst; die ganze übrige (japanische) Bevölkerung ist bass erstaunt, wenn man ihnen erzählt, dass man „SailorMoon“ und „DragonBall“ in Deutschland kenne, und diese Serien sogar übersetzt worden seien.

Ich fahre in die Stadt, um mich nach einem Memorystick umzusehen und darf vor dem Kaufhaus eine halbe Stunde warten, weil der Laden erst gegen zehn Uhr aufmacht. Und dafür werde ich auch noch herb enttäuscht. Das Daiei hat überhaupt keine Elektronikabteilung mehr, seit der Pächter „Laox“ zu Gunsten des 100 Yen Shops „Daisô“ zugemacht hat, und im Ito Yôkadô gibt es kein Computerzubehör. Dass es noch das „Denkodô“ gibt, das auf solche Dinge spezialisiert ist, habe ich in dem entscheidenden Moment natürlich völlig vergessen und Melanie erinnert mich daran, als ich wieder zuhause bin. Stattdessen fahre ich erst einmal ziellos durch die Innenstadt, in der Hoffnung, vielleicht einen kleinen Computerladen zu finden, wie sie in Deutschland relativ häufig sind, aber auch da ist nichts zu finden. Reine Zeitverschwendung, weiter zu suchen. Ich gehe also ins „Game and Game“ in der Nähe vom Bahnhof. Ich wollte schon seit letztem Herbst wissen, was man da drinnen so alles spielen kann.

Da wäre zunächst der übliche Taikô-Automat. Vor dem Automaten sind zwei japanische Trommeln angebracht (in japanerfreundlicher Höhe, d.h. ein bisschen niedrig für meinen Geschmack), die man mit den vorhandenen Holzklöppeln bearbeiten muss. Auf dem Bildschirm liest man ab, in welchem Takt man auf die Trommeln zu schlagen hat (indem man für jeden Schlag eine optische Aufforderung erhält). Das Angebot an Melodievorgaben ist großzügig.

Taikô

Weiter hinten befindet sich ein „Time Crisis 3“ Automat, der hier nur 100 Yen pro Spiel kostet, und nicht 200, wie im Ito Yôkadô. Wahrscheinlich ist er deshalb dort so schnell wieder verschwunden. Und hier hat man zwei Monitore, was bedeutet, dass der Handlungsablauf anders ist – die beiden Spieler trennen sich auch schon mal und nehmen den Gegner in die Zange. Weiter links befindet sich auch ein Shooter zur Serie „Lupin III.“, mit einer Walther P38 (was sonst?) Spielpistole aus Plastik.

Timw Crisis 3 Co-op

Daneben wiederum stehen zwei Boxautomaten, deren Schlagflächen schon ziemlich mitgenommen aussehen. Ui, die Dinger sind von 1994 und zeigen irgendein Superhelden-Setting, anders als im Ito Yôkadô, wo das Setting der Anime „Ashita no Joe“ ist. Und da oben ist eine Kamera angebracht… wofür? Das kann man bald auf dem Bildschirm sehen: Es erscheint eine grobe Kopfform auf dem Bildschirm und da soll man seinen Schädel ranhalten, bis die beiden Objekte deckungsgleich sind. Dann macht die Kamera ein Bild, verzerrt und verfärbt das Gesicht und setzt es auf die Hälse der Gegner! Wenn man also jemanden nicht ausstehen kann, bringt man ein entsprechend großes Foto mit, hält es vor die Kamera und drischt dann lustig drauf los.

Den Rest der Geräte im unteren Stockwerk kenne ich bereits – bis auf den „legendären“ Angel-Automaten von SEGA, den ich bisher nur aus einschlägigen Zeitschriften kannte, in denen Leute über Japan-Erlebnisse schreiben. Es gibt ihn also immer noch… und man angelt damit auch tatsächlich. Dort, was sonstwo der Joystick, bzw. das Joypad, angebracht ist, befindet sich hier der Griff einer Angel, und man sollte sich vorher die Erklärungen auf dem Bildschirm ansehen, um zu verstehen, wie Hochseeangeln à la SEGA überhaupt funktioniert. Aus dem Griffstück ragt eine Spule heraus und der dazu gehörende Faden verschwindet in einer Öffnung unterhalb des Monitors. Man muss allerdings nicht warten, bis nach drei Stunden endlich mal ein Fisch angebissen hat, der Fisch kommt sofort. Das Spiel besteht aus der richtigen Handhabung der Angelegenheit. Am unteren Bildschirmrand befindet sich ein Balken, der länger und rot, bzw. kürzer und blau wird, und stellt die Kraft dar, die gerade auf der Leine lastet – und die Leine zieht tatsächlich recht kräftig, man langweilt sich also nicht. Wenn die Leiste rot wird, muss man Schnur geben, sonst reißt die (virtuelle)Leine, wenn die Leiste blau wird, muss man anziehen, sonst verliert der Fisch den Haken.

unscharfer Angelsimulator

Im Obergeschoss findet man weitere Automaten. Da sind natürlich die obligatorischen Kampfspiele, die meisten davon 2D, aber mit sehr guter grafischer Qualität. Auch zwei Pferderennen sind vorhanden, aber diese hier ohne die Modellrennbahn; man verfolgt das Rennen nur auf großen Bildschirmen.

Virtuelle Rennbahn

Es gibt Einarmige Banditen und natürlich auch Pachinko, dazu die üblichen Münzspiele, wo man Münzen vor einen Schieber wirft und hofft, dass mehr herausgeschoben werden, als man hineinwirft. Aber hier befinden sich vor allem interessante Fahrsimulatoren. Der Anime „Initial D“ hat natürlich einen Simulator hervorgebracht… in der Ecke steht ein „F-Zero“ (Super NES) Nachfolger, der allerdings so weit vom Original entfernt ist, dass mich das Spiel mehr an „WipeOut“ erinnert. Aber die Maschine ist cool, mit dem schaukelndem Cockpit, den Pedalen und der futuristischen Lenkvorrichtung.
Daneben aber steht das, was mich am meisten interessiert. Das Spiel heißt „Tokyo Wars“ und bietet die Möglichkeit, mit vier Leuten gleichzeitig unterwegs zu sein – in modernen Kampfpanzern, in den Straßen von Tokyo. Grüne Panzer gegen weiße Panzer. Sieht interessant aus… vielleicht sollte ich mir mal zwei oder drei Leute suchen, um eine Runde zu fahren. Allerdings kann ich auch nicht erkennen, ob man nur miteinander oder auch gegeneinander spielen kann. Nur miteinander wäre ja schlicht langweilig und kaum mehr als eine Versuchsfahrt wert.

Tokyo Wars, 6 Jahre vor World of Tanks

Ich kehre zur Universität zurück, es ist inzwischen elf Uhr. Ich schreibe zwei Berichte und gehe dann um kurz vor Zwei zu dem verabredeten Treffpunkt der Teilnehmer des Erdbebenexperiments, für das Alex in den letzten Tagen kräftig die Werbetrommel gerührt hat. Und damit fängt der eigentliche Tagesbericht erst an!

Man hat einen speziellen LKW kommen lassen, in dem man, jeweils in Paaren, ein Gefühl für Erdbeben bis Stärke 7 bekommen soll. Der Zufall hat mir die Chinesin ReiGen als „Partnerin“ zugeteilt. Sie sieht meines Erachtens unglaublich gut aus, aber allein deshalb ein Bild von ihr zu machen und es in das Poster einzubinden, wäre falsch. Wenn ich mehr kommunikativen Kontakt mit ihr bekomme, werde ich sie auch in meine Porträtsammlung aufnehmen, alles andere wäre sexistisch. Aber zurück zu unserem Simulator: Der Boden der Ladefläche kann mittels einer Hydraulik ganz heftig bewegt werden. Allerdings soll man während der Vorführung auf dem Boden sitzen, was dem Ganzen ja wieder einen Teil des Reizes nimmt – schließlich sitze ich die meiste Zeit auf einem Stuhl. Interessant ist das Gerüttel schon, aber eigentlich ist das Ding hier nur ein Spielzeug. Es ist zu klein für effektive Übungen und taugt vielleicht als Attraktion für ahnungslose Ausländer und Grundschüler. Man hat es also für die Ausländer hergefahren, und das kostet die Fakultät auch umgerechnet 1200 E. An dem Experiment nehmen nur Ausländer teil, also Nicht-Japaner, weil es bei dem Gesamtexperiment darum geht, wie verständlich die japanischen Radiodurchsagen für Ausländer sind. Da fängt der Unsinn auch schon an: Man will ein leicht verständliches Japanisch finden, anstatt für Ausländer ganz einfach Durchsagen auf Englisch zu machen.

Nach der „Erdbebenerfahrung“ wird je eine Sechsergruppe in einen Warteraum geführt. Als ich den Simulator verlasse, will mir einer der Betreuer meinen Rucksack reichen, hebt sich daran aber fast einen Bruch. Ich hebe ihn lieber selbst auf und bedanke mich für seine Mühen. Im Warteraum bekommt man ein Getränk und Kekse und sieht eine kurze Vorführung mit Bildern aus Kobe. Danach wird man einzeln zum Experiment geführt, in einen präparierten Raum also, ich bin der vorletzte in meiner Gruppe. Ich erhalte eine „Begleiterin“, die mir einen Schrittzahlmesser an den Gürtel hängt. Man soll erst den Radiodurchsagen zuhören und tun, was man vom Sprecher gesagt bekommt. Im Raum befinden sich der Versuchsleiter und eine Protokollantin, die natürlich  eigentlich gar nicht da sind (Annahme Üb halt).

Die Situation (laut Faltblatt, das man vorher bekommt): Morgens um 07:00, gerade aufgestanden, wird man von einem Erdbeben überrascht. Gegenüber von dem Tisch, an dem ich stehe, fällt effektvoll und dramatisch ein Regal aus Pappe um und die leeren Dosen scheppern auf den Boden. Ich bin zuerst gar nicht in der Lage, das mit dem Experiment in Verbindung zu bringen, weil natürlich nichts wackelt und auch keiner ruft: „ERDBEBEN! JETZT!“. Stattdessen ertönt eine ruhige Stimme aus dem Radio, die mich auffordert, mich unter den Tisch zu legen, um mich vor Trümmern von der Zimmerdecke zu schützen. Ich wackele selbst ein bisschen herum wie bei einem Erdbeben und fühle mich augenblicklich wie auf einem alten „Star Trek“ Filmset. Dann soll ich Haus- oder Straßenschuhe anziehen. Und dann heißt es, das Erdbeben sei vorbei und ich solle unter dem Tisch hervorkommen.
Was ist das für eine Reihenfolge? Ich glaube, ich ziehe lieber dann meine Schuhe an, wenn das Erdbeben vorbei ist, und nicht, wenn alles noch wackelt, bzw. greife die Schuhe auf dem Weg zum Tisch. Dann soll ich meinen Helm anziehen und nachsehen, ob das Gas abgeschaltet ist. Aha… an der Garderobe hängt ein Helm… so ein Zufall! In meinem Apartment habe ich keinen Helm. Wer hat überhaupt einen Helm zuhause? (Ha! Ich habe einen zuhause – in Gersheim, auf dem Regal im Keller!) Und ich soll sehen, ob das Gas ausgeschaltet ist? Kein Problem, ich kümmere mich darum, muss mich aber fragen, ob bei einem echten Erdbeben nicht sowieso gleich das ganze Gestänge aus der Wand raus bricht und das Gas im Raum verteilt.

„Überprüfen Sie, ob die Fenster offen sind!“ fordert mich das Radio auf. Exakt so formuliert – auf Japanisch natürlich. Ich denke: „Was heißt das jetzt?“ Was hat man mir in der Grundschule beigebracht? Bei Erdbeben kommt es oft zu Bränden. Was tut man da? Möglichst keine Fenster und Türen aufmachen, damit das Feuer keine Luft erhält. Ich interpretiere die Aufforderung also falsch und vergewissere mich, dass die Fenster geschlossen sind, indem ich theatralisch dranklopfe. Später erzählt man mir dann, dass die Fenster geöffnet werden sollen, damit die Feuerwehr schnell Löschwasser reinspritzen kann. So einen Unsinn habe ich ja lange nicht gehört! Wenn’s in dem betreffenden Raum brennt, platzen die Scheiben mit hoher Wahrscheinlichkeit (ganz zu schweigen von den Auswirkungen der Erschütterungen selbst), und im Zweifelsfall wird die Feuerwehr die Fenster selbst zerstören können, und sei es mit Trümmern, von denen es dann bestimmt genug gibt.

Dann soll man den Rucksack (ein bereitgestellter, ebenfalls an der Garderobe gelagert, nicht mein eigener) und das kleine Radio (liegt auf dem Tisch) nehmen und sich gemäß (nie zuvor gesehenem) Fluchtplan zum Rettungsplatz begeben. Der Rucksack ist mir zu klein, also schnalle ich ihn nicht auf den Rücken, sondern behalte ihn in der Hand (ist natürlich ein Fehler, weil man über Trümmer stürzen könnte) und stopfe das Radio hinein. Klarer Gedanke: Zuerst mal aus dem Gebäude flüchten, bevor es über mir zusammenstürzt, und dann höre ich mir im (kleinen) Radio an, was ich beachten muss – wo gibt es Kleidung, Nahrung und Notunterkunft, oder vielleicht auch einen Arzt? Dazu heißt es später, dass man bereits auf dem Weg nach draußen das Radio angeschaltet haben sollte. Der Mann im (großen) Radio sagt „Stellen Sie die Apfelwelle ein!“ Das ist ein lokaler Regionalsender, der offenbar eine Immunität gegen Erdbebenschäden besitzt, weil man hier ganz natürlich davon ausgeht, dass er nicht ausgefallen ist. Aber auf welcher Frequenz? Das wird entweder nicht gesagt oder ich habe es beim Wandern durch den Raum nicht mitbekommen. Ich nehme mal letzteres an, denn so katastrophal kann der Katastrophenschutz hier dann doch nicht sein.

Der Fluchtplan besteht erst mal aus fünf oder sechs Zeilen japanischen Textes. Ja, bin ich denn blöd? Ich will schnell aus dem Haus raus, und nicht erst die Höhen und Tiefen japanischer Schriftzeichen und Grammatik analysieren! Ich versuche, das Wichtigste zu erfassen. Da ist ein Bild… aha, das ist schon mal gut. Es stellt ein Viereck dar, unten ist eine bunte Fläche, da steht „Sie sind hier!“ Oben rechts befindet sich ein weiteres Feld, da steht „Fluchtpunkt“ und darüber steht geschrieben, halb im Text versteckt, aber dennoch groß, „3. Stock“. Am linken Rand des Vierecks ist dann noch ein weiteres Feld, daran steht „Fahrstuhl“. Ich nehme also an, dass das Viereck das Gebäude ist. Aber… von meiner Position aus betrachtet, ist der Fahrstuhl rechts den Gang runter und nicht links. Ist das ein Test, in dem man sich die Karte verkehrt herum vorstellen muss? Oder hat irgendein Idiot den Plan falsch gezeichnet? Ich stehe dreißig Sekunden lang wie der Ochse am Berg in der Gegend rum und versuche, aus dem Plan schlau zu werden. Ein paar Pfeile auf dem Papier, um den Weg zu markieren, wären sehr hilfreich gewesen!

Ich entscheide mich dann dafür, den Plan als falschrum zu betrachten, gehe aus der Tür und wende mich nach links. Eine Studentin (die tatsächlich meinen eigenen Rucksack mit dem schweren Zeug drin geschultert hat) folgt mir, um meinen Fluchtweg mit einer Kamera festzuhalten. Ich folge also 30 m weit dem Gang nach links und komme ins Treppenhaus. Ich überlege nur eine halbe Sekunde. Ich erinnere mich daran, dass auf dem Plan die Rede vom dritten Stock war… aber das kann gar nicht sein! Welcher Trottel flieht bei Erdbeben oder Feuer denn die Treppe hoch? Ich folge dem natürlichsten Gedanken und gehe die Treppe runter. Ich passiere dabei einen Stuhl mit (japanischer) Aufschrift, beachte ihn aber nicht weiter – im Notfall würde ich es auch nicht tun, ich will schließlich raus hier. Ich folge im Sturmschritt den „Notausgang“ Schildern, wie man das halt so macht; die Assistentin (vielleicht 1,50 m) keucht hinterher – aber die Notausgänge sind alle zu. Die sind an Wochenenden grundsätzlich abgeschlossen. Was ist denn das für ein Blödsinn? Ich mache also ein Fenster auf und mache Anstalten, hinauszuklettern, aber dann verkündet die Kamerafrau „Übung Ende“. Und führt mich tatsächlich in den dritten Stock! Im dritten Stock liegt tatsächlich der designierte Fluchtpunkt! Haben die von Psychologie denn gar keine Ahnung? Haben die von überhaupt irgendwas Ahnung?
Auf dem genannten Stuhl steht übrigens geschrieben, dass der Keller nicht zum zur Verfügung stehenden Gelände gehört – aber ich kann, in Eile, keinen japanischen Text so schnell lesen, wie ich gehe!

Zur Ermittlung der zurückgelegten Entfernung soll ich zehn Schritte weit gehen. Ich frage extra nach: „Soll ich so gehen wie eben?“ „Aber natürlich!“ Also stürme ich los und komme etwa neun Meter weit, was deutlich weiter ist, als mit der Bodenmarkierung vorgesehen. Der Mann mit der Messlatte staunt. Er fragt meine Begleiterin, ob das so stimme. Sie nickt. Dann soll ich einen Fragebogen ausfüllen, in dem ich meine Beweggründe für dieses oder jenes Verhalten darlegen soll – kundenfreundlich in englischer Sprache. Ich äußere mich (für japanische Begriffe) recht ungehalten über die unsinnige Karte, was den Zeichner (ein Doktorand aus Indien) zu einem „Aha!“ Erlebnis führt, weswegen er sich mit der flachen Hand an die Stirn fasst. Das Viereck auf dem Plan ist nicht etwa das Gebäude – es ist ein Innenhof! Der Gang im Gebäude stellt die Außenseite des imaginären Wohnblocks dar, und man verlässt den „Sie sind hier!“ Punkt nicht aus dem Viereck heraus, sondern in das Viereck hinein! Darauf muss man erst mal kommen! Ich glaube, die Jungs werden die Karte in Zukunft anders machen.

„Warum sind Sie in den Keller gelaufen, wenn doch auf dem Plan steht, dass Sie in den dritten Stock laufen sollen?“ fragt mich einer der Übungsleiter.
„Weil man Gebäude verlässt, indem man die Treppe hinunter-, und nicht hinaufsteigt!“
„Ich verstehe…“ Der andere Deutsche habe genau das gleiche gesagt, erzählt er. „Der andere Deutsche“ kann nur Marc sein, und der hat die japanische Beschriftung des Plans garantiert besser verstanden als ich. Außerdem ist auch der Chinese (also ein geborener Kanjispezialist), der vor mir dran war, die Treppe runter gelaufen. Das sollte dem Team zu denken geben und die Fluchtpunkte in Zukunft realistischer anlegen.
Schließlich muss ich noch einen kurzen Sprachtest machen, der meiner Mittelstufe entspricht. Oder „entsprechen soll“. Da werden Ausdrucksformen und Begriffe abgefragt, die ich noch nie gehört habe (und auch da sagt mir Marc später das Gleiche, was mich doch beruhigt). Als Geschenk erhält jeder ein Taschenradio, sogar mit Digitalanzeige, Uhr und Wecker und einem speziellen Aufdruck, der den Namen des Experiments wiedergibt.
Ich werde von einem Helfer aus dem Gebäude geführt, auf einem Umweg, damit ich nicht mit anderen Probanten zusammenpralle. BiRei gehört ebenfalls zu den freiwilligen Helfern, und weil sie so verloren vor dem Gebäude herumsteht, bleibe ich noch eine Weile und leiste ihr Gesellschaft.

Es scheint, dass zeitgleich eine Veranstaltung für Studenten im letzten Studienjahr stattgefunden hat. Um etwa 17:30 ergießt sich eine Masse von mindestens 100 jungen Männern und Frauen im Geschäftsanzug (!) aus der Mensa und defiliert an uns vorbei. BiRei macht sich über die Jungs lustig.
„Da, schau Dir an, wie klein die alle sind! Die sind kaum größer als ich. Und wie die rumlaufen! Die sehen doch total weibisch aus mit ihren Umhängetaschen am Arm!“ Ich grinse still vor mich hin. Immerhin können die Jungs für ihre Größe nichts. Aber BiReis Idealbild von einem Mann ist nicht schwer zu erraten. Solche, wie die da, gebe es auch in China, sagt sie. Ich glaube, „männliche“ Männer sind in Japan (prozentual) ebenso häufig wie in China, klammert man aus, dass in China zehnmal mehr Menschen (und damit „männliche“ Männer) leben.

Es erscheinen auch immer wieder Mitglieder des Forschungsteams, die meine Darbietung sehr amüsant fanden. Auch die Protokollantin, offenbar Kettenraucherin, kommt zu uns nach draußen, nachdem das Experiment für heute beendet ist. Ich frage sie, warum man neben den Informationsblättern für Mülltrennung nicht auch welche mit Informationen zum Verhalten bei Erdbeben im Rathaus oder (als Student) an der Universität erhalte. Ein A5-Blatt könne wohl nicht so teuer sein? Und dann legt sie los mit einer fünfminütigen Erklärung, von der ich nicht genug verstehe, um auch nur ansatzweise zu wissen, was sie da gerade gesagt hat. Sie redet eine Spur zu schnell für meine Ohren, und nach dieser Informationsflut pocht mir der Schädel.
MinJi kommt vorbei, sie trägt eine große Tüte mit Essen. Sie gehört ebenfalls zu den Helfern und bringt einen Teil des Essens für die „Afterparty“, das gesellige Beisammensein nach der Arbeit, das um 18:30 beginnen soll. Ich könne auch daran teilnehmen, es sei genug für alle da, sagt die Protokollantin, die übrigens 21 Jahre alt ist und wie Anfang Dreißig aussieht. Ich lehne das Angebot dankend ab, Melanie wartet zuhause. MinJi schließt sich der Einladung an. Sie zupft mich am Ärmel, sieht mich an und sagt: „Komm, wir essen zusammen, wir essen zusammen!“ Da bricht mir doch der Schweiß aus! Mal unter Männern gesagt: Wenn MinJi Dich mit ihren hübschen Äuglein auffordernd anschaut und Dich mit der ihr eigenen Art um etwas bittet, dann sagst Du nicht einfach so Nein.
Ich tue es aber trotzdem und sehe zu, dass ich wegkomme, bevor ich umkippe. Ich flüchte sogar zuerst in die falsche Richtung, obwohl mein Fahrrad unter der Treppe der Bibliothek steht. Natürlich bereue ich das (ein ganz kleines bisschen), aber ich glaube, es war richtig so. Ich war ja schon überrascht (ist das das richtige Wort?) genug, als sie eingangs sagte, sie wolle meine Augen anfassen, weil ihr die Farbe so gut gefalle. Da kam ich mir schon vor wie im Schnellkochtopf.
Ich fahre also nach Hause und gehe mit Melanie zum Essen. SangSu hört uns beim Hinausgehen auf dem Gang reden und zeigt uns stolz die Sommerklamotten, die er sich heute gekauft hat. Sehen gut aus. Ich glaube, ich will auch so ein Hemd. Aber ich habe Hunger (und damit noch weniger Sinn für Ästhetik als sonst) und wir radeln los. Ich bestelle mir gebratene Leberstücke mit Sojasprossen und Reis, dazu Misosuppe. Ich wusste nicht, dass man Leber so gut machen kann… zuhause kann ich Leber essen, auch mit Genuss, aber danach braucht es erst mal eine Zeitlang keine mehr zu geben. Das hier scheint mir beinahe was Anderes zu sein. Die Leber kaut sich sehr angenehm und schmeckt dezenter nach Leber, als ich das gewohnt bin.
Wir beenden den Tag später mit den Anime, die wir in den letzten Tagen aufgenommen haben.

12. Mai 2024

Sonntag, 09.05.2004 – Selbstzensur?

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Spiele — 42317 @ 21:53

Ich gehe zuerst in der Bibliothek meinem üblichen Tun nach, abgesehen davon, dass ich mir für Combat Mission ein virtuelles Testgelände anlege, das helfen soll, Material- oder Taktikfragen zu beantworten.
Um 17:00 fahre ich mit Melanie ins Naisu Dô und sehe mir erstmals das obere Stockwerk mit den Spielen und Konsolen an, weil man mich letztens gebeten hat, mich nach einem SEGA Saturn umzusehen. Ich finde auch ein gebrauchtes Stück für 5000 Yen und schreibe es für die Rückfrage in mein Notizbuch.

Um etwa halb Sieben fahre ich dann wieder nach Hause und lese den Pokemon Manga weiter. Dort vollzieht sich beim Wechsel vom siebten zum achten Kapitel ein krasser Stilwandel: Kasumi/Misty wechselt ihre Haarfarbe von schwarz auf orange/rot (wie man es aus der TV-Serie kennt), und weil niemand eine Bemerkung dazu macht, muss ich annehmen, dass dies den Normalzustand darstellen soll, als wäre es nie anders gewesen. Des Weiteren bedecken ihre Hosen neuerdings (zumindest teilweise) ihre Oberschenkel (und werden damit ihrer Bezeichnung endlich gerecht) und ihre bislang großzügig angelegte Weiblichkeit in Form einer etwas übertriebenen Oberweite wurde auf ein vernünftiges Maß reduziert. Auch ansonsten wurden die Reize der weiblichen Charaktere zurückgenommen, sieht man von Musashi/Jesse ab, die immer noch sehr *ähem* aussieht. Aber die ist ja auch ein „böses Mädchen“, und die dürfen offenbar nach „Verderbtheit“ aussehen.
Inwiefern die Sprache entschärft wurde, kann ich noch nicht sagen.

Ich habe den starken Verdacht, dass der Kurswechsel möglicherweise auf Protest von Müttern zurückzuführen ist, die sich irgendwann – zu Recht! – gefragt haben, was ihre Kinder da zu lesen und vor allem zu sehen bekommen.[1] Im sechsten und siebten Kapitel (das obligatorische Onsen[2]-Kapitel) befinden sich ein paar Darstellungen, die dem Fass durchaus den Boden ausgeschlagen haben könnten.


[1] „Dengeki Pikachu“ ist ein Dôjinshi, der mit der offiziellen Produktreihe nichts zu tun hat, die hier aufgeführten Gedanken sind also hinfällig.

[2] Heiße Badequelle

Samstag, 08.05.2004 – Kasukabe Boys

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 21:48

Melanie hat sich gestern Abend, mit technischer Unterstützung unseres ungarischen Bekannten, ein neues Fahrrad besorgt und wir entschließen uns dazu, heute ins Kino zu gehen, um den „Shin-chan“ Film „Kasukabe Boys“ anzusehen. Am Sonntag, morgen, läuft die letzte Vorstellung.
Es handelt sich dabei, grob gesagt, um eine Western-Parodie, in der Klaus Kinski und (ein recht junger) John Wayne (als die Bösen) ebenso auftreten, wie auch Yul Brunner und der Rest der Glorreichen Sieben.
Shinnosuke landet mit seinen Freunden beim Spielen in einem alten Kino, in dem zwar niemand anwesend ist, wo aber trotzdem, reichlich unscharf, eine Szene aus einer typischen Western-Wüste auf dem Bildschirm gezeigt wird. Er geht zwischendurch auf die Toilette und als er zurückkommt, sind die anderen vier verschwunden. Er geht nach Hause, aber es stellt sich bald heraus, dass seine Freunde nicht nach Hause gegangen sind. Die komplette Familie macht sich also auf den Weg, das alte Kino zu besuchen – was natürlich dazu führt, dass sie in dem (namenlosen) Film landen…

Wüste. Eine Bahnlinie. Eine klassische Westernstadt. John Wayne und seine Gehilfen lassen die Dorfbewohner für sich arbeiten. Shinnosukes Freund Kazama hat sich der Gang auch inzwischen angeschlossen (er ist der Sheriff geworden) und gibt vor, sich nicht mehr an Shinnosuke zu erinnern. Masao (in der Rolle des unterdrückten Mexikaners) erzählt dasselbe. Nene lebt mit Masao zusammen und Bô ist der einsame Indianer, der in seinem Tipi am Rand eines Canyons wohnt. Es scheint, dass die Stadt voller Leute ist, die hier eigentlich nicht hingehören und wieder aus dem Film raus müssen – aber je mehr Zeit man in „Justice City“ (so der Name der Stadt) verbringt, desto mehr vergisst man von seinem alten Leben.
Des Weiteren steht in dieser Welt die Zeit still. Das heißt, hier ist immer „High Noon“, 12 Uhr mittags. Shinnosuke geht dazu über, den Zeitverlauf daran zu messen, wie häufig der örtliche Erfinder und Bastler (sicherlich auch eine Parodiegestalt, die ich aber nicht erkenne, möglicherweise Steve McQueen) als Strafe für sein freidenkerisches Tun hinter einem Pferd durch die Straßen geschleift wird. Die Bösen haben natürlich ein Interesse daran, dass die Zeit stehen bleibt, denn ein Film, in dem jemand ungerechterweise uneingeschränkte Macht ausübt, kann nur ein „Happy End“ haben – was sich natürlich zu ihren Ungunsten auswirken würde. Als die Leute sich dann zusammentun, um gegen ihr Joch zu protestieren, vergeht endlich etwas Zeit und die Sonne neigt sich ein Stück gegen den Horizont.
Zum Schluss gibt es dann wieder eine Verfolgungsjagd, diesmal Pferd, bzw. Ford, gegen Eisenbahn, und schließlich Eisenbahn gegen „MechaWayne“ (ein großer Roboter), der von John persönlich gesteuert wird und von den zu Superhelden mutierten Kindern zu Fall gebracht werden muss. Natürlich kommt, was kommen muss, nämlich das Happy End, und alle landen wieder in dem kleinen Kinosaal, wo alles angefangen hat.

Ich finde es sehr bedauerlich, dass in diesem Film „echte“ Gewalt zum Einsatz kommt. In „Das Imperium der Erwachsenen schlägt zurück“ waren die Bösen mit Spielzeugwaffen ausgerüstet und niemand wurde verletzt. In „Yakiniku Lord“ (oder „- Road“) gab es zwar einen Kampf am Ende, aber dabei handelte es sich um ein sehr lustig choreographiertes Handgemenge, dessen Schwerpunkt eindeutig auf Humor lag. Aber in „Kasukabe Boys“ schießen die Bösen mit Revolvern, es gibt Verletzte unter den Bewohnern, und Shin-chan und seine Mutter werden von John Wayne mit einer Peitsche bewusstlos geschlagen – ich glaub’, ich spinne! Von allem, was ich von Shin-chan bisher gesehen habe, ist das hier am wenigsten für das nicht erwachsene Publikum geeignet, das hier im Kinosaal so vier bis sieben Jahre alt sein dürfte. Bedauerlich ist eigentlich auch, dass die Kinder die Anspielungen auf klassische Western überhaupt nicht verstehen können. Wer von denen kennt denn Klaus Kinski? Oder gar Yul Brunner? Letzterer ist schon seit 1985 tot. Da war so mancher Elternteil erst so alt wie die anwesenden Kinder heute!
Und dann: Welch Aufhebens wurde in der TV-Werbung für diesen Film um die Präsenz der japanischen Gruppe „No Plan“ gemacht! Dabei waren die Jungs nur in einer einzigen Szene zu sehen, einer sagte einen Satz und damit war der Fall gegessen. Sie haben dann das Schlusslied gesungen, das „Yume Biyori“ von Shimatani Hitomi (einem Doraemon Schlusslied) irgendwie nicht ganz unähnlich ist.

Dann trennen sich unsere Wege – Melanie fährt ins Book Off und ich in die Bibliothek. Ich mache allerdings noch einen Zwischenstopp in der Mazdavertretung und frage dort nach einer Fernbedienung für ein Pioneer Radio, die man am Lenkrad befestigen kann. Ich weiß nicht, wozu das gut ist, aber Kai will so was haben. Hätte ich dabei „Gran Tourismo“ besser im Hinterkopf gehabt, hätte ich zwei Gesprächszeilen bei dem Dialog mit dem Angestellten vermeiden können.
„Für welches Auto?“ fragt der. Ich bin verwirrt.
„Ist das wichtig? Für den Mazda MX5.“
„MX5? Ah so, Roadster. Für welche Radiomarke?“
„Es handelt sich um Pioneer.“
Ich bin mir nicht zu 100 % sicher, ob das noch stimmt, aber ich glaube, Kai kommt gar nichts anderes ins Haus (so lange er es sich Bohse noch nicht leisten kann…). Aber einen bestimmten Typ kann ich leider nicht nennen, weil ich keine Ahnung von Autoradios habe. Der Angestellte wirft einen Blick in den Katalog und meint dann: „Für Stereoradios werden keine Fernbedienungen geliefert.“ Ich weiß, dass Kai bereits eine Fernbedienung hat, also muss ich dann daraus schlussfolgern, dass es sich bei seinem Modell um kein Stereo-Radio handelt? Kai war mit Informationen leider nicht sehr großzügig, entgegen seinem sonst üblichen Perfektionismus in solchen Dingen. Ich sage dem Angestellten also, dass ich nachfragen werde und verabschiede mich bis zum nächsten Mal.
In der Bibliothek gehe ich meinen üblichen Tätigkeiten nach, aber mein Newsletter wird bis 17:00 nicht fertig.

Danach gehe ich mit Melanie essen, und zwar – endlich – in das Lokal des Shamisen-Meisters Daijô Kazuo. Eine sehr gemütliche Atmosphäre herrscht dort, und vor allem erweist sich die Dame des Hauses als sehr gesprächig, und sie lacht gerne. Sie ist sehr erheiternd auf ihre Weise. Ich frage sie, was denn die Spezialität des Hauses sei. „Eigentlich haben wir keine Spezialität“, sagt sie, empfiehlt aber „Tonkatsu Ramen“. Na, dann immer her damit. „Wir hatten schon früher einen Deutschen zu Gast“, erzählt sie, „das war Professor Höffgen. Er hat jeden Tag hier gegessen – bis er 1985 geheiratet hat. Ab dann ist er leider nicht mehr regelmäßig gekommen.“ Seit 1980 habe der Professor hier zu Mittag gespeist, erzählt sie weiter. Und sie erzählt offenbar gerne, interessanterweise ohne etwas zu erwischen, was mich langweilen würde. Sie vergisst darüber sogar, unsere Bestellungen zu bearbeiten, bis sie sich schließlich, nach etwa zehn kommunikativen Minuten, über sich selbst ein wenig erschreckt, besinnt und meint: „Oh, Ihr seid sicher hungrig – ich sollte mich endlich um Euer Essen kümmern.“ Aber es ist mir nicht wirklich aufgefallen, „dass da was fehlt“. Auf so sympathische Art und Weise ist mein Essen noch nie herausgezögert worden. Aber wir werden durch den Geschmack großzügig entschädigt – ich will hier auf jeden Fall noch einmal essen.
Auch Daijô-san ist da und ich frage ihn, wo oder wie man den Soundtrack zu „Nitabô“ kaufen könne. Er ist sich nicht sicher und fragt seinen Sohn. „Es gibt keinen zu kaufen“, sagt der.
AAAAAAAAAAAAAAAAAAARGH!
Wieder ein Traum meines Daseins dahin!

Wir fahren schließlich nach Hause. Melanie überfährt eine rote Ampel, weil die Straße frei ist und sie nicht warten will. Ich halte an und reagiere mit einer resignierenden Geste. Eine Großmutter am Straßenrand lacht vergnügt darüber.

Zuhause sehen wir uns „Kozure Ogami“ an und ich lese weiter in meinem „Pokemon“ Manga, dessen unterschwellige (sagte ich eben unterschwellige???) Sexualisierung mir hier und da die Sprache verschlägt – wie prüde erscheint mir da der Anime! Ich hege den Verdacht, das Ono Toshihiro einen Teil der existierenden Hentai Dôjinshi selbst unter einem Pseudonym zeichnet… seine Freude am Zeichnen üppiger weiblicher Formen ist unübersehbar.[1] Natürlich ist diese Vermutung an den Haaren herbeigezogen, aber ganz unwahrscheinlich ist es auch nicht – immerhin sind die (metaphorischen!) Haare vorhanden. Da befindet sich zum Beispiel auf dem Innenumschlag ein reichlich unbekleideter Shigeru/Gary. Der ist ein männlicher Charakter, ja, aber seine Körpermitte wird nur von einer vor ihm stehenden Figur verhüllt und ein Pfeil, der auf die private Gegend deutet, ist mit dem Kommentar versehen: „Er trägt eine Unterhose!“ Soll heißen: „Nein, er ist nicht nackt!“, aber der Eindruck wird erweckt. Weiterhin befindet sich auf Seite 9 des zweiten Bandes eine Stadtstraßenszene, gesehen aus der Vogelflugperspektive, und in einem der Fenster ist „Spielzeug“ zu sehen, dass definitiv nicht für Kinder ist. Auf Seite 47 im selben Band ist Kasumi/Misty dargestellt, und ihre Kleidung zeigt mehr, als sie verbirgt.
Die Amerikaner haben die Zensur zwar auf die Spitze getrieben, aber ich komme zu dem Schluss, dass der Manga in seiner Originalversion nicht für Kinder geeignet ist. Wenn ich einen guten Tag habe, würde ich sagen „Geeignet für Leser ab 13 Jahren“, aber nicht weniger.
Ich bin natürlich nicht so scheinheilig, zu behaupten, dass mich persönlich das sehr stören würde, aber ich bin auch alt genug und dieser Manga verfehlt eindeutig das offizielle Zielpublikum.


[1] „Dengeki Pikachu“ IST ein Dôjinshi und dessen Schöpfer Ono hat zur offiziellen Produktreihe keine lizenzrechtliche Beziehung.

Freitag, 07.05.2004 – Auf altem Boden

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 11:46

Wir haben uns einen guten Tag ausgesucht, um die Ruinen von Sannai Maruyama in Aomori zu sehen. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, wenn auch der kräftige Wind ein wenig kühl ist. Und beinahe hätte ich den Abfahrtstermin verpasst, weil ich in mein Schrifttum so versunken war. Melanie holt mich im 12:31 aus der Bibliothek und ich mache mich im Dauerlauf auf den Weg zum Bus.
Die Fahrt dauert eine Stunde bei einer Entfernung von ca. 50 km. Ich nutze die Zeit, um das Handout von Hugosson zum Thema NGOs, NPOs usw. zu lesen. Es handelt sich um einen Auszug aus seiner Doktorarbeit und die Angelegenheit liest sich dem entsprechend „spannend“. Die Angelegenheit ist sogar doppelt langweilig, weil mich eingehendere Wirtschaftsstudien nicht die Bohne interessieren. Das letzte Drittel braucht genauso viel Zeit wie die vorangegangenen Abschnitte zusammen, weil ich mich kaum noch konzentrieren kann und die Erläuterungen dreimal lesen muss, um sie zu verstehen. Ich gleite oft genug nur noch mit den Augen über die Zeilen, sehe die Wörter, erfasse aber den Sinngehalt nicht mehr.

Wir kommen dann endlich an und man weist uns einen älteren Herrn als Führer zu. Es handelt sich um einen freiwilligen Helfer, direkt passend zu meinem Text eben, der über ein überraschend gutes Englisch verfügt.
Man kann schnell erkennen, dass die Reste des Stadions, das hier errichtet werden sollte, zum Fund der Siedlung geführt hat und auf den Luftaufnahmen noch zu sehen war, längst entfernt worden sind. Und das, was man hier von der 7000 Jahre alten Anlage besichtigen kann, ist eigentlich nur ein geringer Teil dessen, was tatsächlich vorhanden ist. Man hat vor ein paar Jahren alles ausgegraben, analysiert und erfasst und anschließend wieder eingegraben, um das Material vor dem Einfluss von Wind und Wetter zu schützen. In Europa hätte man wohl alles offen gelassen und die Anlage überdacht.

Die Größe der Siedlung ist dabei der Umstand, der es notwendig machte, die Geschichtsbücher umzuschreiben. So war man bisher davon ausgegangen, dass die Dörfer der damaligen Jäger- und Sammlerkultur nicht mehr als einige Dutzend Menschen beherbergt haben dürften, weil es noch nicht möglich war, Nahrungsmittel effektiv zu lagern oder überhaupt anzubauen. Damals gab es noch keinen Reisanbau – womit der Besuch dieses Freilichtmuseums streng genommen das Thema des Seminars verfehlt. Die Ausgrabungen haben aber aufgezeigt, dass hier etwa 500 Menschen zur gleichen Zeit gelebt haben. Die Müllhalden der damaligen Bewohner legen Zeugnis darüber ab, dass die Gewässer fischreich genug waren, um eine solche Anzahl von Menschen zu ernähren und auch noch weitgehend auf das Jagen verzichten zu lassen. Man findet kaum Überreste von Landtieren in den Abfallhaufen, und das, obwohl die Siedlung etwa 1400 Jahre lang bestanden haben dürfte, bis ein globaler Klimaumschwung zu einer Abkühlung führte, die die Winter strenger machte und die Küste nach und nach auf ihren jetzigen Stand einige Kilometer weiter nördlich verlagerte. Der Meeresspiegel sank um fünf Meter, und 80 % dessen, was heute die Stadt Aomori ist, wurde damals vom Wasser erst freigegeben.
Trotz der an sich großzügigen Natur war die Kindersterblichkeit hoch, die Angaben schwanken zwischen 60 und 80 %. Kinder bis zu drei Jahren wurden übrigens in speziellen Tongefäßen beerdigt. Nach zwei Jahren grub man sie wieder aus, säuberte die Gebeine und beerdigte sie aufs neue, während Erwachsene in Erdkuhlen gelegt wurden und ein paar Beigaben erhielten, dann aber nicht mehr „bearbeitet“ wurden.

Interessant ist auch der etwa 20 m hohe Turm. Er besteht aus zwei „Stockwerken“ (ohne Leiter oder ähnliches allerdings) an vier dicken Baumstämmen. Es handelt sich natürlich um eine Rekonstruktion; der eigentliche Fundplatz befindet sich einige Meter weiter in einem der kleinen Gebäude, die die wichtigsten Stücke oder Fundstellen vor Umwelteinflüssen schützen. Das Original, bzw. die Vorstellung davon, sorgt bei Archäologen gewissermaßen für schlaflose Nächte, weil erstens Baumstämme dieser Größe in Japan sehr selten waren und  sind (das Rohmaterial für die Replik stammt aus Sibirien), weil zweitens das damalige Werkzeug kaum zugelassen haben dürfte, solche Stämme zu bearbeiten, und weil drittens niemand eine Vorstellung davon hat, wie die Stämme aufgerichtet worden sein könnten. Schließlich handelt es sich um mehrere Tonnen Holz. Eines dagegen ist sicher: Es handelte sich nicht um einen Wachturm im kriegerischen Sinne. Es scheint sehr friedlich zugegangen zu sein in dieser Gegend. Keiner der Knochenfunde weist Spuren von Waffengewalt auf. Man geht davon aus, dass es sich um eine weit sichtbare, künstliche Landmarke gehandelt hat. Das senkrechte Aufrichten von kleineren Konstrukten jedoch scheint bereits kein Problem gewesen zu sein: In dem kleinen Museumsgebäude entdecke ich ein einfaches, aber nichtsdestotrotz effektives Senkblei – ein Stein von ca. 500 g an einer Schnur aus Flechten. Zum Schluss werden noch ein paar Gruppenfotos gemacht und ich sehe mir vor der Rückfahrt noch einen kurzen Werbefilm über die Anlage an.

Man hat von dem Gelände übrigens einen sehr schönen Ausblick auf den Berg Hakkôda („Acht-Affen-Feld“). Unser Führer erzählt uns auch eine interessante Geschichte dazu, von der Kashima-sensei sagt, sie sei in Japan sehr bekannt. Im Winter des Jahres 1903 (er sagte eigentlich „zwei Jahre vor dem Krieg mit Russland“, aber ich will von meinen Lesern nicht zu viel verlangen) hatte das örtliche Regiment auf dem Berg den Winterkampf geübt und dabei 100 Mann durch Wettereinflüsse verloren.

Zurück in Hirosaki will Melanie eigentlich mit mir ins Kino, um „Crayon Shin-chan: Kasukabe Boys“ anzusehen, aber leider hat ausgerechnet heute jemand ihr Fahrrad geklaut – das Rad, das sie sich für 5000 Yen gekauft hat, anstatt sich eines aus den Haufen alter Räder zu nehmen, wie ich ihr geraten habe. Absperren stellt halt eine Unbequemlichkeit dar und kostet Zeit. Und Bequemlichkeit kostet Fahrräder. Wenn jemand mein Fahrrad klaut, bin ich zwar nicht begeistert, aber mir geht dadurch finanziell nichts verloren. Während sie sich dann (zusammen mit Misi, der scheinbar immer das passende Werkzeug dabei hat) auf die Suche nach Ersatz macht, besuche ich Yukiyo an ihrem Arbeitsplatz – im Schnapsladen – gegenüber vom Maruesu Supermarkt. Ich bin ja bereits seit längerer Zeit auf der Suche nach einem trüb-weißen Sake, dessen Existenz bisher von allen verneint worden war, die ich gefragt hatte, auch von Leuten mit Japan-Erfahrung und auch Japanern. Aber Yukiyo hat ihn für mich gefunden. Das Zeug heißt „Nigori Sake“ (= „trüber Sake“, einfacher geht’s nicht) und ist bestimmt nicht jedermanns Ding. Man muss das Getränk schütteln, um die staubartigen Bestandteile aufzuwirbeln. Man spürt die Schwebeteilchen auch deutlich auf der Zunge beim Trinken. Schmeckt stärker als gewöhnlicher Sake (bei gleichem Alkoholgehalt), und der Geschmack ist meiner Meinung nach auch gar nicht schlecht – nur der Geruch ist unhaltbar. Ich bleibe lieber bei Standard-Sake. Ich nehme an, dass diese Art von Sake nicht vollständig vergoren oder gesiebt wurde.

Ich besorge mir im Maruesu eine Kundenkarte, weil es dort öfter preisreduziertes Brot gibt, als das im Beny Mart der Fall ist, und weil ich sie endlich entdecke, kaufe ich auch eine Dose „Fire – Gold Rush“ (das ist Dosenkaffee). Dann gehe ich in die Bibliothek und schreibe meine Post. Als ich fertig bin, um kurz vor Acht, fahre ich noch ins Naisu Dô und kaufe ein „Tenchi Muyô“ Artbook mit Produktionsskizzen drin. Ich setze die Fahrt fort und gehe ins Ito Yôkadô. Dort kaufe ich ein weiteres Artbook – mein erstes neues – das aus Teilen von „Dai Undôkai“, „El Hazard“, „Pretty Sammy“ und „Tenchi Muyô“ zusammengesetzt ist. Darunter befindet sich auch ein Crossover Manga „Dai Undoukai Vs. Pretty Sammy“. Ich stelle später beim Lesen (ja: Lesen!) fest, dass es sich hierbei weniger um ein Artbook als eher um eine Sammlung kurzer Mangastrips handelt. Mir scheint, dass es sich bei den kurzen, farbigen Szenen um Beigaben der Laserdisks handelt, aber es sind auch viele wohl „unabhängige“ in Schwarzweiß dabei. Und eine kleine CD-ROM ist auch drin. Aber da ist wohl nur das gleiche drauf, was schon im Buch drin ist. Ich sollte mir das bei Gelegenheit ansehen. Wenn ich mal Zeit habe… hahaha, Zeit! „Spässle g’macht, Witzle g’risse“, wie mein badensischer Kamerad Jordan immer zu sagen pflegte.
Die Tenchi Manga scheinen übrigens so schlecht gar nicht zu sein – man muss sie nur lesen können, weil viel von dem dargestellten Humor auf Sprache und nicht auf Bildern beruht. Und ich finde eine Übersetzung, die den Humor auch ohne Kenntnisse der japanischen Sprache rüberbringt, stellenweise unmachbar. Beispiel?

Aeka (außerirdischer Herkunft) fragt: „Was ist Hanabi?“ (Hanabi = Feuerwerk)
Ryôko (auch nicht „von hier“) scheuert ihr eine und Aeka sieht Sterne.
Tenchi: „Nein, Ryôko, das ist Hibana, nicht Hanabi!“ (Hibana = Funken)

Der Witz, der aus der simplen Verdrehung der beiden Kanji „Hi“ („Feuer“) und „Hana“ („Blume“) herrührt, kann nicht 1:1 übersetzt werden, die japanischen Begriffe müssen drin bleiben – sonst müsste der Text radikal verändert werden. Übrigens ist dieser Witz, im Rahmen der Geschichte um Tenchi, eigentlich nicht zulässig, weil man auf der Heimatwelt von Aeka erstens ebenfalls Japanisch redet und zweitens auch Feuerwerke kennt. In dem Tenchi Film „Manatsu no Eve“ wird ein solches gezeigt.
Das Lesen der Manga dauert länger als bei „Pokemon“ oder „Bôbobo“, weil hier nämlich keine Hilfszeichen gegeben sind, die mir die Lesung verraten und ein schnelles Nachschlagen möglich machen würden. Zum Glück sind die Namen der Personen derart kompliziert geschrieben, dass man sie schnell lesen lernt – sie schreiben zu lernen, würde allerdings eine ziemliche Mühe bedeuten.

29. April 2024

Donnerstag, 29.04.2004 – Einmal die Runde gemacht

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Es wirkt, als ob das Wetter den verpassten Sonnenschein der vergangenen Tage komplett nachholen will. Ich packe meinen Pullover in den Rucksack und mache die Arme der Armeejacke kurz. Ich fahre gegen 11 Uhr zur Bibliothek, in der Hoffnung, dass sie geöffnet hat, aber ich finde sie verschlossen vor.
Dafür sind auf dem Campus gar seltsame Gestalten zu sehen. Hier befinden sich schätzungsweise 50 Cosplayer in verschiedenen Kostümen, von denen ich die meisten nicht erkennen kann, auch Verkleidungen weiblicher Charaktere sind zu sehen, ungeachtet der Tatsache, dass hier nur Männer um die 20 versammelt sind. Und sie sammeln sich in einem Kreis um eine Taikô-Trommel von 50 Zentimetern Durchmesser und ihren Trommler. Daneben stehen zwei Bannerträger, auf deren Fahnen der Name einer Oberschule geschrieben steht. Dann schlägt der Trommler einen gemächlichen Takt, einer der Fahnenträger stellt mit grölender Stimme irgendeine mir unverständliche Aussage in den Raum, die von der Truppe enthusiastisch bejaht wird. Dann tun sie etwas, was man als „Singen“ bezeichnen könnte und beenden das Lied mit einem dreifachen „Banzai!“ („Banzai“ heißt übrigens „10000 Jahre“ und die, soweit mir bekannt, beziehen sich das auf das Lebensalter, das man dem Tenno wünscht.) Dann formt sich der Kreis zu einer Kolonne um, mit dem Trommler, den Fahnen und einer Handkarre mit ca. zehn Litern Sake an der Spitze. Dann beginnen sie, immer wieder denselben Satz zu intonieren, laut und unmelodisch, und verlassen den Campus wie eine Prozession.[1]

Es gibt noch ein paar weitere Leute, die heute auf offene Türen gehofft hatten, und während die Kolonne mit den grölenden Kostümierten abzieht, winke ich mir eine junge Frau her (wen oder was auch sonst) und frage sie, was es damit auf sich habe. Sie wisse das auch nicht, sagt sie, aber einen Zusammenhang mit dem heutigen Feiertag, Midori no Hi, gebe es wohl nicht. Die Litanei des Zuges kann sie zwar wiederholen, aber der Informationsgehalt ist ihr völlig unklar. Für mich klingt das wie eine Mischung von Spanisch und Japanisch. Möglicherweise eine Art Insiderjargon.

Ich verlasse den Campus ebenfalls und fahre in die Stadt, an der Kolonne vorbei, zum Ito Yôkadô. Dort bestelle ich die „Final Fantasy VII Piano Collection“ für Sebastian und es heißt, ich solle am 15.05. noch einmal vorbeikommen, weil die kommende Golden Week alle Vorgänge dieser Art gewissermaßen auf Eis lege und es zu Verzögerungen komme. Ich finde auch den „Area 88“ Soundtrack, aber den lasse ich liegen, weil er von dem Intro nur die „TV Size“ Version enthält – und die ist mir ein bisschen zu kurz. Ich will die Vollversion, und dafür brauche ich entweder die Single-Version des Soundtracks oder aber die CD der „Angels“, die das Stück gespielt haben. Beim Suchen in der Kategorie „A folgende“ (was in Japan I, U, E und O einschließt, die Gründe erläutere ich gerne jedem, der fragt) finde ich leider die „Angels“ nicht. Dafür aber zwei frisch gelieferte Singles von „e.mu“. Das sollte ich bei nächster Gelegenheit mal Anna schreiben.

Da es sonst nichts Interessantes gibt, fahre ich gleich weiter, ins Book Off, und kaufe mir den „Pokemon“ Manga, der hier „Dengeki Pikachû“ heißt – „Donnerschock Pikachû“ würde man bei uns (in Pokemon-Kreisen) wohl sagen, auch wenn „Dengeki“ m.E. mehr auf „Elektroschock“ hinausläuft. Von dem Manga sind nur drei Bände (seit 1997) erschienen, und ich kann mir (noch) nicht erklären, warum das so ist.[2] Die TV-Serie hat über 500 Episoden hervorgebracht und erfreut sich immer noch so großer Beliebtheit beim jungen Publikum, dass derzeit ein weiterer Film in die japanischen Kinos kommt.

Dann statte ich dem Cub Center einen Besuch ab und stelle dabei fest, dass die Auswahl von Dosenkaffee in diesem großen Markt kleiner ist als im bedeutend kleineren BenyMart bei mir um die Ecke (obwohl sie zum gleichen Konsortium gehören). Ich brauche eine Kaffeedose der Marke „Gold Rush“ aus der Serie „Fire“. Im Fernsehen läuft Werbung für das Produkt, aber ich habe es noch nirgendwo gesehen.

Ich fahre Richtung Sakurano und sehe mir den „Dainamu Freizeitpark“ an, der mir wegen des auffälligen Schilds an der Straße eben aufgefallen ist. Eine nähere Untersuchung ergibt allerdings, dass es sich dabei lediglich um eine unspektakuläre und ordinäre Pachinko-Halle handelt.

Wenn ich schon in der Nähe bin, kann ich auch das „SEGA Center“ in Augenschein nehmen, nachdem man mich kürzlich gefragt hat, ob ich einen „SEGA Saturn“ besorgen könne. Aber es handelt sich bei dem entdeckten Laden nicht um eine SEGA-Verkaufsstelle, sondern um eine Spielhalle, mit den üblichen Fahr-, Schieß- und Kampfautomaten. Auch MahJong kann man am Automaten spielen, und ich frage mich, warum diese Idioten hier nicht einfach ein Brett mit den Spielsteinen kaufen und mit Freunden spielen, anstatt ständig den Automaten neu zu füttern. Und die Halle riecht wirklich abstoßend nach Zigarettenrauch. Die Toilette im Vergleich riecht nach einer (chemisch erzeugten) Zitronenpresserei, und das empfinde ich als wesentlich angenehmer.
Das untere Stockwerk ist frei für alle Altersgruppen, aber in den ersten Stock darf man nur als Erwachsener. Dort befinden sich die ganzen Glücksspiele. Ich will nicht im Einzelnen darauf eingehen, aber die beiden „Pferderennen“ sind interessant – von einem technischen Standpunkt aus betrachtet.

Der erste Automat ist voll elektronisch. Ein großer Bildschirm hängt an der Wand, etwa 200 x 100 cm groß, auf dem das Rennen zu sehen ist, in aktueller Konsolenqualität, untermalt von der Stimme eines passionierten Kommentators aus den Lautsprechern. Das Publikum dürfte komplett jünger als dreißig Jahre sein. Vor dem Bildschirm stehen zehn Monitorterminals mit Stühlen, von denen im Moment sieben besetzt sind. Auf dem kleinen Monitor nun kann man Informationen bezüglich des eigenen, virtuellen Rennstalls abrufen; man kann sein Pferd offenbar auf unterschiedliche Art und Weise füttern und pflegen, und wenn man das virtuelle Pferd (über den Touchscreen) streichelt, reagiert es darauf. Man kann hier offenbar einige individuelle Faktoren in das Rennen mit einbringen.

Der zweite Automat, am anderen Ende des eigentlich kleinen Raumes, ist nicht für „Züchter“, sondern für Zocker. Auch hier befindet sich ein Bildschirm mit den gleichen Ausmaßen wie gegenüber, aber die Anlage hat auch einen auffälligen mechanischen Teil. Da steht also ein Tisch, der ebenso groß wie der Bildschirm ist, und auf diesem Tisch befindet sich eine Modellanlage einer Pferderennbahn. Auf dieser Modellbahn stehen kleine Pferde mit noch kleineren Reitern an einer Startlinie. Acht Spieler können gleichzeitig spielen, und dazu sind wieder kleine Monitore in den Tisch eingebaut, mit denen die Spieler ihre Wetten abschließen können, ohne allerdings Einfluss auf die virtuellen Tiere auszuüben. Den Wetteinsatz entrichtet man in Form von Spielmünzen, die man in einen Einwurfschlitz neben dem Monitor einwirft. Wenn das Rennen schließlich startet, kann man sich aussuchen, ob man die zeitgemäß wirklich gute Computergrafik auf dem Monitor betrachtet oder aber den kleinen Modellpferden zusieht, die, von Magneten unter der Oberfläche gesteuert, über die grüne Bahn ziehen – und zwar auf exakt die gleiche Art und Weise, wie es die auf dem Monitor tun, der Vorgang und das Ergebnis sind völlig identisch, unabhängig von dem verwendeten Medium. Hier findet der Bildschirm allerdings keine Beachtung. Die Aufmerksamkeit der vier Spieler, einer davon immerhin um die 50, richtet sich voll und ganz auf die Modellbahn. Man kann hier natürlich kein Geld gewinnen, sondern nur die genannten Spielmünzen, von denen man je eine für 10 Yen kaufen kann. Ob man das Spielgeld am Ende vom Tag, sofern man etwas gewonnen hat, nicht doch an einem verschwiegenen Plätzchen gegen Bargeld umtauschen kann, ist eine andere Frage.

Dann fahre ich durch das Gassengewirr in Richtung Westen und lande, eher zufällig, vor der hiesigen Mazda-Vertretung. Aber ich halte mich nicht auf, sondern bemühe mich nur darum, einen Zusammenhang zu anderen Wegpunkten herzustellen, damit ich wieder herfinde. Ich fahre wieder in den kleinen Park, der sich so unweit meiner Wohnung befindet, wo ich eine halbe Stunde herumsitze und drei Jungs bei ihren wenig erfolgreichen Versuchen, einen Bumerang zu bedienen, zusehe. Aber der Wind wird recht frisch und die Gemütlichkeit des sonnigen Nachmittags geht verloren.

Ich fahre also nach Hause, lese im Latour und nehme mir den ersten Band des „Pokemon“ Manga vor. Der Zeichner beweist seinen Hang zu weichen Formen, die im Anime leider völlig verloren gegangen sind. Aber was heißt „verloren gegangen“? Soweit mir bekannt, war der Ursprung das Spiel von Nintendo, dann wurde ein Anime daraus und dann erst kam der Manga auf den Markt. Ich kann mich auch irren, aber das ist die Reihenfolge, die ich vage im Hinterkopf habe. Auf jeden Fall zeigen sich die Vorlieben des Zeichners an den recht üppigen weiblichen Formen – schlank, aber sonst gut ausgestattet –, die sich deutlich von den kantigen und direkt spartanischen Formen des Anime abheben. Kasumi/Misty zeigt sich während des Kampfes gegen Satoshi/Ash sehr freizügig in einer Art Badeanzug, der, im Einklang mit ihrer deutlich übertriebenen Oberweite, so gar nicht zu ihren angegebenen 12 Jahren passen will. Und ansonsten trägt sie sehr knappe Hotpants. Na denn…[3]


[1] Möglicherweise Absolventen derselben Schule, bereits im Studentenalter.

[2] Erklärung: Es handelt sich nicht um den Pokemon Manga, sondern nur um einen (und inoffiziellen) Pokemon Manga.

[3] Es handelt sich auch nur um einen inoffiziellen Manga, einen Dôjinshi, der ohne Lizenzbeziehung zum offiziellen Merchandising existiert.

19. April 2024

Montag, 19.04.2004 – Lange nicht gesehen

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute Morgen scheint die Sonne zwar durch die Wolken, aber im Verlauf des Tages soll es möglicherweise noch regnen – mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 %.

Yamazakis Stunde bleibt heute der einzige Unterricht für mich und er verläuft in den gewohnten Bahnen, abgesehen davon, dass wir neuerdings für die Beantwortung der Fragen aus seinen Hörspielen extra Blätter zum Ausfüllen ausgeteilt bekommen – reine Materialverschwendung! Lustig ist allerdings sein Versuch, einen Umstand am Beispiel eines Mannes zu erklären, der sich gerade aufhängt, mitsamt der ihm eigenen Körpersprache. Allerdings habe ich nicht verstanden oder bereits wieder vergessen, was uns der Künstler damit sagen wollte.

Nach dem Unterricht gehe ich ins Center und sehe meine Post durch. Ich entleere auch mal wieder meine Kamera und treffe Yôko wieder. Yôko? Moment mal, wer ist Yôko? Ich verüble ihr nicht, dass sie wegen meiner Frage etwas enttäuscht ist. Ich habe sie im Januar einmal getroffen, als sie gerade aus Neuseeland zurück war und habe ihr erfrischend gutes Englisch bewundert. Allerdings hat sich dieser Umstand nicht in meinem Tagebuch niedergeschlagen, also habe ich es vergessen. Warum habe ich bei der Gelegenheit heute nicht gleich ein Bild von ihr gemacht? Weiß der Geier…

Das ist auch etwa der Zeitpunkt, zu dem Melanie das Foto mit den Krankenschwestern entdeckt:
„Dominik!? Was ist denn das für ein Bild??“

Gleich darauf finde ich auch Yui im Center vor und wir verabreden, uns am folgenden Montag um diese Zeit hier zu treffen. Danach gehe ich in die Bibliothek und beschäftige mich dort bis etwa 17:00, dann gehe ich in die Sporthalle. Kurz darauf kommen auch wieder ein paar Volleyballerinnen vorbei und spielen mit den kleinen Gewichten, aber das letzte Drittel meiner Zeit bin ich allein in dem Raum.

Als ich nach Hause gehe, durchquere ich auf dem Weg zu meinem Fahrrad wie üblich das Ingenieursgebäude und finde auf einem Zeitschriftenstapel eine der telefonbuchdicken Mangasammlungen, in denen jede Woche je ein Kapitel verschiedener Serien erscheint. Die Aufmachung ist „Gush Bell“… dann kann ich ja mal reinschauen. Ich kann anhand dieses einen Kapitels nicht sagen, ob der Manga ernst oder bekloppt ist… die kleinen Mädchen mit den kugelrunden Köpfen und den übergroßen Augen sind auf jeden Fall extrem stark und ich nehme bislang an, dass es sich um Androiden handelt.[1] Es scheint hier eine Art Endkampf stattzufinden, so wie die Protagonisten hier zusammengedroschen werden. Einer muss sogar wiederbelebt werden.

Ich gehe nach Hause und wir sehen uns „Atashin’chi“ an, von dem ich nun endlich weiß, was es bedeutet: „Atashi“ ist eine weibliche Selbstbezeichnung, „Ich“ sagen wir im Deutschen einfach, und der Anhang „n’chi“ steht für „no Uchi“, was komplett „Atashi no Uchi“ wäre, und „mein Haus“ = „meine Familie“ bedeutet.

Außerdem komme ich endlich dazu, die „SailorMoon“ Episode vom Samstag zu sehen. Das Mädchen mit den blauen Haaren ist tatsächlich Luna – nennt mich „Gott“! Allerdings folgt sie einem alten und augenfälligen „SailorMoon“ Syndrom: Wenn sie sich verwandelt, tauscht sie ihr Hirn aus. Im Falle von Usagi zu SailorMoon ist das gut, weil Usagi sowieso keine nennenswerten Kapazitäten in der Birne hat, aber Luna folgt dem Beispiel von Mamoru und tauscht ihr Gehirn während der Verwandlung gegen ein aufgeweichtes Milchbrötchen.
Man könnte doch auch mal ein Fansub einer Animeepisode machen, in der Tuxedo Kamen mal wieder irgendwo runterspringt und dann sagt: „Ich bin der Schrecken, der die Nacht durchflattert… ich bin der freche Nachbar, der Deine Rosenbeete plündert…“
Wie dem auch sei… die Katze Luna ist ultra-rational und eine Quelle der Vernunft, die sich weniger von Emotionen leiten lässt. Wenn sie jedoch als Mensch auftritt, verhält sie sich viel mehr wie eine Katze (um dem Catgirl-Klischee zu entsprechen, denke ich). Sie hat Angst vor Hunden (die in meine Hand passen) und läuft im Zeitraffer davon, und im Toys’R’Us (einer der Sponsoren) kommt sie nicht umhin, einer Anzahl herumrollender Bälle hinterher zu springen. Also bitte!

EvilMerkur hat beim letzten Mal wohl ein bisschen zu viel vom positiven Licht der Prinzessin abbekommen und nähert sich in Folge dessen wieder ihrem langweiligen Normalzustand an, lädt aber Usagi zu einem Kampf ein. Und natürlich brät sie ihr eins über und SailorMoon muss von (der menschlichen) Luna gerettet werden. EvilMerkur gerät ins Hintertreffen; Kunzyte kommt ihr zu Hilfe und kümmert sich um Luna. Sie ist schnell und er kann sie nicht erwischen, daher ist er sichtlich genervt. Er macht ein Gesicht wie ein Vater, der mit dem unbändigen Verhalten seiner Tochter überfordert ist. Es ist das Beste an der gesamten Episode. Schließlich trifft er sie doch und beendet damit ihre Verwandlung. Er kommt so gerade noch rechtzeitig, um die endgültige Bekehrung EvilMerkus zum Guten zu verhindern. Sie langt also mit dem Eisschwert noch mal so richtig hin und zerbricht damit den Mondstab, worauf SailorMoon bewusstlos (aber ohne einen Kratzer) zu Boden sinkt. EvilMerkur erkennt bei diesem Anblick ihr böses Tun und beweint ihre Tat, offenbar bekehrt.

Um neun Uhr läuft „Mito Kômon“ – das ist die Sendung, die ich irgendwann einmal als „Thai Ginseng unterwegs“ bezeichnet habe. Natürlich sehe ich mir das weiter an… man muss diesen Mann hin und wieder onkelhaft lachen hören, das macht den ganzen Tag besser. Heute bietet er sich, zum Entsetzen seiner Begleiter, einem geizigen Geldverleiher als Yôjimbô (Leibwächter) an, ohne, dass ich den geäußerten Grund verstanden hätte. Wohl, um diesem eine Lektion erteilen zu können. Es ist lustig, ihn als ungelenken Geldeintreiber zu sehen und wie er den Geizhals dabei ausbremst. Natürlich lacht er am Ende wieder auf die ihm eigene Art und Weise und die Leute fallen massenweise vor ihm in den Staub, wenn sein linker Heinrich das Wappen auspackt. Ich frage mich, ob sich die Serie eigentlich selbst noch ernst nimmt. Aber selbst wenn nicht, macht mir dieser Umstand das Ansehen nur angenehmer.

Den Rest des Tages verbringe ich mit meinem Tagebuch. Vokabeln lerne ich morgen früh, da ich ja erst um 14:20 Unterricht habe. Die Zeit sollte reichen.


[1] Entgegen dem missverständlichen Charakterdesign handelt es sich bei den meisten der gemeinten Charaktere um Jungs, und auch nicht um Androiden, sondern um eine Art von Dämonen.

9. April 2024

Freitag, 09.04.2004 – Extratour

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Die Testergebnisse hängen aus und erzählen mir, was ich auch vorher bereits wusste. Gleicher Level, gleiche Lehrer, Mittelstufe A. Die Organisation hat sich aber scheinbar geändert. Es gibt inzwischen auch einen „gehobenen“ Grundkurs. Mélanie Mathieu ist noch unter uns, Valérie hat den Test nicht mitgeschrieben, also wird sie es auch noch sein, ebenso Yannick (den ich seit einigen Tagen aber nicht mehr gesehen habe). Irena ist in die Oberstufe, Nan in die gehobene Mittelstufe aufgestiegen. Die chinesischen Namen kann ich nicht identifizieren, da ich die Schreibungen nicht erkenne. Aber ich werde früh genug erfahren, wer noch da ist und wer die Stufe gewechselt hat.

Ich gehe ins Center und rede einige Minuten mit Marc, bevor ihn irgendwelche Aufgaben der Organisation der Welcome Party am 16. April rufen. Ich rede auch noch ein paar Sätze mit Nim (sie sieht dünner aus, streitet das aber ab) und gehe dann in die Bibliothek. Aber auch dort bleibe ich nicht lange. Ich sehe nach meiner Post, finde, was ich suche, schreibe noch was ins Forum und verlege dann in den Computerraum, um mir die erste Handlungssequenz meines Gefechts gegen Frank anzusehen. Natürlich ist noch nichts los, und ich schreibe exakt das in meinen Spielbericht. Dann wende ich mich meinem Newsletter zu und schreibe bis zum Datum des 28. März, womit ich nur noch einen Rückstand von zwei Wochen habe. Ich sehe mir die Episoden 02 bis 04 von „Gunslinger Girl“ an und komme zu der Meinung, einen guten Griff getan zu haben.

Um 18:50 mache ich mich auf den Weg in die Sporthalle und bleibe dort bis 19:55. Dann fahre ich in den Beny Mart, weil ich noch was zu trinken brauche und will dann nach Hause. Zumindest ist das mein abwegiger Plan. Mir kommen nämlich zwei Eingebungen auf einmal: Als ich auf halbem Wege nach Hause auf die Uhr sehen will, stelle ich fest, dass ich sie im Umkleideraum habe liegen lassen, alle beide, und das wiederum bringt mich zu der Erleuchtung, dass ich mein Fahrrad aus unerfindlichen Gründen vor dem Supermarkt vergessen habe. Also… im Sturmschritt zum Supermarkt und mit überhöhter Geschwindigkeit zur Sporthalle zurück, wo ich alles noch an seinem Platz vorfinde. Um 20:30 komme ich dann endgültig zuhause an.

Wir schauen uns alles an, was wir innerhalb der vergangenen sieben Tage mangels Zeit auf Video aufnehmen mussten. Das wäre dann „Pretty Cure“, „Gokusen“ (der Anime), „Nadia“ und „SailorMoon“. Ich bin sehr erfreut darüber, dass NHK den Gainax-Anime „Fushigi no Umi no Nadia“ sendet. Ich kann die Serie zwar wahrscheinlich nicht komplett sehen, aber immerhin einmal die wichtigsten Originalstimmen hören. Und die sind sehr entspannend im Vergleich zu der deutschen Synchro. Nichts gegen Beate Pfeiffer, die Frau ist nett (ich habe ein paar Mails mit ihr ausgetauscht) und außerdem Saarländerin aus Neunkirchen, aber an ihre Stimme in dieser Hauptrolle musste ich mich erst gewöhnen, bevor ich Gefallen an der deutschen Version finden konnte – und das, bevor ich die japanische überhaupt kannte.

Die „SailorMoon“ Episode ist die von letzter Woche. Diesen Samstag kommt keine Folge, wegen irgendeinem bedeutenden Sportereignis. Die wichtigsten Dinge der Episode sind zunächst Mamorus Abreise nach London (nicht nach Amerika), wo er eigentlich mit Hina (seiner Verlobten) zusammen studieren wollte, aber sie sagt im letzten Moment ab. Und es gibt je einen Power-Up Gegenstand für jede der SailorSenshi. Das Ding sieht aus wie ChibiUsas „Kuhglocke“, nur ohne die Glocke – eben nur der Griff davon in Form eines (Plastik-) Reifs (grob in Sternform). Die Vorschau auf die nächste Woche zeigt eine Elfjährige im Senshikostüm, deren Name nicht verraten wird, und der paranoide Fan denkt sofort an ChibiUsa, aber eigentlich ist klar, dass es sich hier mit den dunkelblauen Haaren, den Katzenohren und dem Katzenschwanz nur um eine humanoide Luna handeln kann.

5. April 2024

Montag, 05.04.2004 – Jim allein in London

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime,Militaria,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

Ich stehe um 08:30 auf, mache mich fertig und fahre zur Uni. Meine Winterjacke kann ich heute beruhigt zuhause lassen. Außerdem ist mir nicht danach, ins Center zu gehen, deswegen setze ich mich ohne Umwege in den Computerraum und schreibe meine Berichte – fünf an der Zahl werden es heute.

Dann kümmere ich mich um meine Post: Ah, Hans-Jott-K hat seine Adresse innerhalb Karlsruhes geändert. Frank schreibt mir, dass er bereit sei, und ich ihm meinen ersten Zug schicken könne. Aha… eigentlich habe ich das bereits vor Tagen gemacht. Ist da technisch etwas schief gegangen oder hat er das System nicht verstanden? Ich packe also meinen Spielzug erneut in einen Mailanhang und erläutere noch einmal das Procedere, um beiden Möglichkeiten gerecht zu werden. Ich hoffe, dass meine Erklärung schlüssig ist.

Schließlich gehe ich ins Animetric Forum, erhöhe die Zahl meiner Einträge und habe dann bis um Fünf noch eine Stunde Zeit. Ich sehe mir die Episoden Nummer 5 und 6 der Serie „Area 88“ an. Der Soundtrack ist übrigens von Vincent de Moor – aber das sollte bestenfalls Fans des Genres was sagen, wenn überhaupt. Ich mag die Serie immer noch. Die grafische Qualität ist hervorragend und die Luftkämpfe finde ich sehr gut animiert. Wer auch immer die Serie ins Leben gerufen hat, muss ein großer Fan von militärischen Jets sein, daran besteht für mich kein Zweifel. Natürlich hat der Realismus etwas gelitten, und ich meine dabei nicht die Machbarkeit irgendwelcher Stunts in der Luft bei Mach 2. „Area 88“ ist der Name der Basis einer fliegenden Söldnerstaffel im Dienste eines sich im Bürgerkrieg befindlichen, ungenannten Staates im Nahen Osten, deren Piloten alle mit privaten Maschinen auf eigene Kosten fliegen und Geld für zerstörte Ziele erhalten. Die Piloten müssen entweder einen Zeitvertrag erfüllen oder sich mit dem Geld, das sie verdient haben, aus dem Vertrag freikaufen. Allerdings stelle ich mir die Versorgungslage einer Basis, auf der jeder Pilot eine andere Maschine fliegt, etwas schwierig vor – jeder Pilot braucht dann individuelle Ersatzteile. Diese Staffel jedenfalls schießt Dutzende von gegnerischen Maschinen ab, und das wundert mich wenig, weil eine Luftwaffe keine große Zukunft hat, wenn sie mit alten MiG-15 gegen moderne Typen wie Harrier, F-14, F-15, F-16, Phantom II oder Mirage antritt.

Um 17:05 setze ich mich auf mein Fahrrad und düse mit Höchstgeschwindigkeit im 18. Gang die Hauptstraße hinunter, um zum Ito Yôkadô zu kommen. Ich gehe geradewegs in die CD Abteilung und greife zielsicher heraus, was ich suche: Den Soundtrack von „Kaiketsu Zorori“. Gerade gestern Abend habe ich erfahren, dass es die CD ab heute zu kaufen gibt. Unter den sonstigen Neuzugängen finde ich auch Soundtracks zu „SailorMoon“, einer davon mit dem abschreckend wirkenden Aufdruck „DJ Moon“. Es ist aber tatsächlich die Sammlung der Original Hintergrundmusik der Serie und keine wilden Technoversionen. Kostet 3000 Yen… das ist mir zu teuer. Die Hintergrundtitel interessieren mich auch eigentlich wenig. Ich bin mehr an Gesang interessiert. Und den gibt’s auch – für insgesamt 5000 Yen. Jede einzelne der fünf Senshi hat, in bester japanisch-kapitalistischer Tradition, ihr eigenes „Character Album“ bekommen, auf dem jeweils zwei Lieder zu finden sind (nur Aino Minako hat drei). Die sind für mich aber auch nur dann interessant, wenn die Darstellerinnen selbst singen, und das kann ich auf den ersten Blick nicht feststellen.
Ich nehme also die „Zorori“ CD mit, und der Verkäufer zeigt mir auch extra noch einmal den Preis, damit ich ihn auch nicht vergesse, bis ich ihn drei Sekunden später auf der Kasse wiedersehe. Aber natürlich habe ich nichts dagegen, dass man mir den Preis zeigt, um festzustellen, ob ich nicht vielleicht doch noch meine Meinung ändern möchte und die Scheibe nicht kaufe. Aber ich bin bereit, die 1300 Yen zu investieren. Als Zusatz zur Erstauflage gibt es eine Zorori-Pappmaske, die man ausschneiden und sich um den Kopf schnallen kann. Des Weiteren gibt es einen gefalteten Bogen Papier mit einzelnen Bildern aus dem Intro und dem Extro zum Ausschneiden, um ein Daumenkino daraus zu basteln. Davon habe ich zwar nichts, aber ich werde es in mein Archiv packen.
Natürlich enthält die CD auch wieder Karaoketitel, für die ich keine Verwendung habe, aber immerhin habe ich sowohl das Intro- als auch das Endlied auf einer CD bekommen. Das ist selten, aber die Musik wurde auch nicht von irgendeiner greifbaren Band gespielt. Das Intro wird von dem Sprecher Zororis selbst gesungen (Yamadera Kôichi!) und auch das Endlied scheint marketingtechnisch eher uninteressant. Ein hübsches, aber wenig publikumstaugliches Liedchen, das niemals in einer Hitparade landen würde. Aber es gefällt mir – und darauf kommt es an.

Ich gehe anschließend in den 100-Yen-Shop im Daiei und kaufe eine Packung salziger Cracker, vergleichbar mit „TUC“. Aber die Dosen mit dem halben Liter Milchkaffee gibt es nicht mehr. Ich muss annehmen, dass diese Läden zum Teil auf sehr kurzfristige Angebote reagieren, und demnach könnte ich von Glück sprechen, wenn ich jemals wieder eine solche Dose überhaupt zu Gesicht bekomme. Na ja, vielleicht sind die Dinger auch einfach nur heute ausverkauft, weil noch mehr Leute auf den Geschmack gekommen sind.

Abends sehen wir uns „28 Days After“ an – „28 Tage danach“. Es ist die Geschichte eines Mannes, der nach einiger Zeit im Koma im Krankenhaus wieder zu sich kommt und London menschenleer vorfindet. Es stellt sich heraus, dass alle entweder von einer Epidemie dahingerafft oder evakuiert worden sind – wohin auch immer, weil scheinbar alle Ortschaften verlassen sind. Nur die Infizierten sind noch da, und die stürzen sich wie wahnsinnig auf alle Gesunden. Es sind keine „klassischen“ Zombies = Untote, sondern Leute, die sich eine Art Tollwut eingefangen haben – das heißt, sie leben im klinischen Sinne, und das wiederum heißt, dass sie Nahrung und Wasser brauchen (das zu sich zu nehmen sie geistig scheinbar nicht in der Lage sind), und einer der Pläne besteht darin, sie einfach auszuhungern.
Der Schluss des Films ist schon beinahe ein Scherz. Nach dem Abspann geht der Film nämlich gewissermaßen weiter und man sieht einen alternativen Schluss. Hätte Melanie nicht die Werbung nach dem Film sehen wollen, wäre uns der „Anhang“ nie aufgefallen. Ich frage mich, wie viele Prozent der Zuschauer den alternativen Schluss gesehen haben, wenn er in jeder nationalen Version so versteckt wird.

Ein paar Fragen lässt das Schauspiel offen: Warum ist das Krankenhaus leer – ohne zumindest ein paar Leute, die ebenfalls nicht transportfähig sind? Unser Komaheld war ja wohl nicht der einzige, den man nicht mitnehmen und nur mit Hilfe von Maschinen am Leben erhalten konnte. Dann würde mich natürlich auch interessieren, warum die Infizierten sich nicht gegenseitig angreifen? Warum veranlassen Hunger und Durst sie nicht dazu, den Inhalt der Supermärkte oder sich gegenseitig zu essen? Andererseits: Nach spätestens einer Woche ohne Wasser ist ein Mensch wohl reichlich handlungsunfähig, und wenn die Seuche nach 28 Tagen noch nicht ausgestorben ist, müssen wohl einige Exemplare auf die Idee gekommen sein, mal einen Schluck aus der Themse zu nehmen – oder aber es sind immer rechtzeitig neue Leute infiziert worden. Und warum kann Jim, der Mann aus dem Krankenhaus, nach längerer Bettlägerigkeit, auch wenn es sich nur um einige Tage handelte, einfach so, aus dem Koma raus und hoch, aufstehen, ohne einen Kreislaufzusammenbruch zu erleiden und sogar sofort richtig gut rennen?[1]

Trotz solcher Unklarheiten ist der Film ganz gut. Enthält ein paar interessante Elemente. Zum Beispiel, dass die Zombies (man kann die Infizierten wohl durchaus so nennen) rennen können. Klassisch wäre ein Pulk von entsetzlich anzusehenden Gestalten, die sich langsam, aber stetig auf der Suche nach lebendem Fleisch und Gehirn nach vorne bewegen. Interessant finde ich auch, dass die Inkubationszeit nur ein paar Sekunden beträgt. Der ebenso klassische Verwundete, der seine Infektion verbirgt oder nichts davon weiß und irgendwann „unerwartet“ zuschlägt, fällt also flach.
Ansonsten werden aber sehr klassische Verfahren angewendet, wenn es um die Erzeugung von Spannung geht, also Musikeinspielungen oder bestimmte Kameraeinstellungen. Wenn man aber ein bisschen was von Raimi oder Romero gesehen hat, weiß man, was kommt und wann man damit zu rechnen hat. Das senkt zwar ein wenig die Spannung, aber Wiedererkennungseffekt und ein wenig Erinnerung „an alte Horrorzeiten“ tragen sehr zum Wohlbefinden des Zuschauers bei.
Mein letzter Punkt: Der Film spielt in England und ich stelle fest, dass ich Probleme habe, Britisches Englisch zu verstehen. Ich bin Amerikanisches Englisch gewöhnt und die Umstellung meiner Ohren geht nicht so flüssig, wie ich das gerne hätte. Vor allem die dargestellten Soldaten reden einen ungewohnten Dialekt.


[1] Als ich selbst nach einer Operation und ein paar Tagen Bettruhe aufgestanden bin, wurde mir nach zwei Schritten schwarz vor Augen und der Pfleger musste mich auffangen.

4. April 2024

Sonntag, 04.04.2004 – J-Rock the Movie

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Das Wetter hat sich deutlich gebessert, dennoch sehe ich davon ab, einen Ausflug mit dem Fahrrad zu machen. Ich würde ja zwangsläufig wieder irgendwo in der Wildnis landen und vom Scheitel bis zur Sohle mit Schlamm bedeckt werden.

Wir sehen uns die erste Kassette der „Atashin’chi“ Sammlung der Videothek an, also die ganz frühen Episoden, und die beschäftigen uns etwa zwei Stunden lang. Es ist auffällig, dass die Stimmen der Figuren zu Beginn anders klangen, vor allem die der Mutter, die später etwas schriller geworden ist. In diesen ersten Episoden ist es viel einfacher, zu hören, dass dieselbe Frau auch JunJun in der „SailorMoon SuperS“ Staffel gesprochen hat.

Zwischendurch muss auch mal wieder ein Korb Wäsche gewaschen werden und es zeigt sich, dass es besser gewesen wäre, das weiße Frotteehandtuch unter der dunklen Wäsche nicht zu übersehen. Meine beiden T-Shirts muss ich noch einmal mitwaschen, weil ich die Fussel mit der Kleiderbürste allein nicht herauskriege, und ich will mich nicht stundenlang daran versuchen, die störenden Fussel mit den Fingernägeln abzukratzen.

Dann schaue ich „Zorori“ von heute morgen an und verschiebe „Pretty Cure“ auf später. Wir sehen uns nämlich „Moon Child“ an. Dabei handelt es sich um einen Film, in dem Hyde und Gackt die Hauptrollen spielen – mit zwei der erfolgreichsten Sänger in Japan. Die Sache fängt ganz cool an – scheint eine Art Actionfilm zu werden, mit dicken Knarren und einem Vampir = Hyde. Der Vampir findet das Straßenkind Shô und nimmt sich seiner an. Doch dann plötzlich wechselt der Film das Genre und ich frage mich, ob vielleicht plötzlich mitten in der Produktion der Regisseur gestorben und durch jemand völlig anderen ersetzt worden ist… denn: Einige Jahre später: Shô, als Erwachsener gespielt von Gackt, hat auf einmal eine eigene Gang und auch noch eine Familie, so richtig mit Frau und Kind. Dann wird seine Gang von der Konkurrenz umgenietet, und sein Bruder wird bei dem Versuch erschossen, den Chef der Konkurrenz zu töten. Und dann wird seine Frau krank… und stirbt… ach Gott, Walter! Nach eben diesem Zeitsprung sitzt sein Freund, der Vampir und Superkämpfer, auch auf einmal in einem fernen Gefängnis und mir ist nicht begreiflich, wie er da hingekommen ist. Aber er büchst natürlich aus, um seinem Freund Shô zu helfen, der auszieht, den Tod seiner Freunde zu rächen. Das Ende des Films ist wieder actionlastiger, als dieser langweilige Durchhänger in der Mitte, aber das rettet die Sache nicht. Der Film fängt wirklich gut an, entwickelt sich dann aber in eine völlig unerwartete und ziemlich langweilige Richtung. Aber es war ganz nett, den Film mal gesehen zu haben.

27. März 2024

Samstag, 27.03.2004 – Rückstandsberechnung

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Es ist ein schöner Tag. Sonne, ein paar Wolken, leichter Wind… natürlich merke ich davon erst was, als ich kurz vor Anbruch der Dunkelheit einkaufen gehe, aber immerhin. Zuerst schlafe ich mal bis Mittag, weil ich das ja die ganze Woche über nicht mache – schließlich muss ich den Newsletter in Schwung halten. Ich bin noch immer fünf Wochen hinter dem aktuellen Datum. Pro Woche kann ich… 20 Berichte schreiben, wenn nichts dazwischenkommt, 37 Berichte fehlen mir bis zum heutigen Tag, das wären also zwei Wochen Arbeit, in denen natürlich wieder 14 Tage in meinen Notizen dazukommen. Mit etwas Glück kann ich das in etwas mehr als einem Monat aufgeholt haben, aber das ist eine eher optimistische Schätzung, weil im April das Sommersemester beginnt und damit eine ganze Stange anderer Arbeiten auf mich zukommt. Mein Lichtblick ist, dass dann aber auch die Bibliothek wieder an Wochenenden geöffnet sein wird, das könnte den Zeitverlust während der Woche kompensieren.

Ich lese den ganzen Tag in „I, Robot“ und werde gegen 19:00 damit fertig.
Danach läuft im Fernsehen ein weiterer „Crayon Shin-chan“ Film, wie offenbar üblich mit einem langen Titel, wie schon beim letzten Mal: „Arashi o yobu – Eikô no Yakiniku Roodo“. Auch in diesem Titel wird also ein Sturm gerufen… „Eikô“ ist „Ruhm“ oder „Ehre“, und „Yakiniku“ ist „Brat-/Grillfleisch“, aber „Roodo“ könnte wegen der japanischen Schreibgewohnheiten entweder für „Road“ („Straße“) oder „Lord“ („Herr“) stehen. Ich wage keinen Versuch einer kompletten Übersetzung, weil mir nichts einfallen will, was nicht irgendwie lächerlich oder völlig sinnfrei klingt. Ich hoffe, dass der Film ebenfalls bald als Fansub zu finden ist. Ich würde auch gerne genauer sagen, warum mir der Film gefällt (weil er lustig ist!), aber ich kann die Umstände nicht genauer beschreiben, weil ich den Auftakt des Films nicht gut verstanden habe. Zu Beginn verspricht Misae (die Mutter) der Familie für den Abend ein Yakiniku Essen. Dann bricht ein Auto durch die Mauer vor dem Haus und der Fahrer (er trägt einen weißen Kittel) bittet um Hilfe. Kurze Zeit später wird das Haus von einer Art Sonderkommando gestürmt und Familie Nohara nimmt die Beine in die Hand. Also keine lange Einleitung – „Wir grillen heute Abend!“ und Action! Bald darauf läuft auf allen Kanälen die Meldung, dass die Familie Nohara, inklusive der Kinder und dem Hund, polizeilich gesucht würden und es beginnt eine wilde Jagd nach Aitama. Der Gedanke an das versprochene Essen erhält dabei den Durchhaltewillen aufrecht. Am Strand von Atami kommt es dann zum Showdown und Familie Nohara verprügelt die Verfolger kurzerhand – warum haben sie das nicht schon vorher gemacht? Der Fall scheint sich irgendwie zu klären, denn die einen steigen ins Auto und fahren nach Hause, die anderen steigen in ihre Bell UH-1 und fliegen irgendwohin zum Surfen. Die Erklärung am Ende, über Sinn und Zweck dieser ganzen Aktion, habe ich mangels Vokabular leider nicht verstanden. Wenn ich kein Fansub finde, werde ich den Sinn auch in absehbarer Zeit nicht verstehen.

Sehr schön fand ich die grafischen „Sondereinlagen“. „Shin-chan“ ist für gewöhnlich in einem sehr einfachen Stil gezeichnet, aber diesmal gab es „Fanservice“ in Form von detaillierten Darstellungen der Familienmitglieder in gehobener Zeichenqualität; jeweils nur ein paar Augenblicke, aber dennoch interessant. Warum Shinnosuke allerdings plötzlich blond war, verstehe ich nicht. Es erinnert mich ein bisschen an die „Project A-Ko“ OVA, wo man ein Billardspiel sehen konnte, bei dem die Charaktere so aussahen, wie sie es halt könnten, wenn man das für angebracht gehalten hätte. Die Nebencharaktere sind (in den „Shin-chan“ Filmen) anscheinend grundsätzlich qualitativ besser gezeichnet, als die Hauptpersonen, und ich verstehe nicht, was mir das sagen soll. Vielleicht werden da Leute parodiert, sie ich als Ausländer in Japan nicht erkenne.

Wir schauen uns „Atashin’chi“ an und „SailorMoon“ muss natürlich auch noch rollen.
Nachdem Usagi also weiß, was es mit Mamoru auf sich hat, verrät er ihr, dass er auch über sie Bescheid weiß – er hat ihre Verwandlung vor einiger Zeit in einem Spiegelkabinett eher zufällig beobachtet. Hina, Mamorus Verlobte, kommt allmählich dahinter, dass aus ihr und Mamoru nichts wird und ist deshalb natürlich todunglücklich – und wird (ebenso natürlich) von einem Yôma angegriffen. Jupiter und Mars kämpfen gegen den Yôma und Jedyte… und ich habe schon lange keine solche leblose Choreografie mehr gesehen, auch gemessen an den niedrigen „SailorMoon“ Standards. SailorMoon und Kunzyte kommen dazu, Kunzyte schleudert sie zu Boden und Venus muss sie retten. Dann friert der Yôma Venus, Jupiter und Mars ein und Kunzyte bringt EvilMerkur dazu – erst einmal „in Zivil“ (spüre ich da gerade meine Reißzähne wachsen?), damit wir auch die „böse“ Verwandlungssequenz noch einmal bewundern können. Ich habe aber zweimal hinsehen müssen, um Hama Chisaki in dieser „bad girl“ Aufmachung erkennen zu können.

EvilMerkur kämpft daraufhin mit SailorMoon, wirft sie ebenfalls zu Boden und Kunzyte will sie einen Kopf kürzer machen. Aber diesmal wird Usagi stilecht von Tuxedo Kamen gerettet, der stattdessen den Schwerthieb einsteckt – und stirbt! Einen Moment lang dachte ich: „Jetzt läuft sie Amok und macht alle platt!“ Aber nur einen Moment lang, schließlich würde das nicht zu ihrem Charakter passen. Nein, viel besser! Stattdessen erscheint Prinzessin Serenity (Usagis wahres Ich jenseits von SailorMoon) und der Halbmond auf Minakos Stirn verwandelt sich in einen normalen Stirnreif, wie ihn auch die anderen tragen. Angesichts der Entfesselung positiver Energie ergreifen die Bösen die Flucht, die Senshi erkennen die wahre Prinzessin, dass Venus nur die #1 unter den SailorSenshi, aber keinesfalls die Mondprinzessin ist, und machen einen Kniefall, inklusive, wie von mir prophezeit, Venus (wenn auch früher als von mir gedacht).

Sawai Miyû sieht als Serenity ein gutes Stück älter aus; zumindest für meine Augen, die mit Gesichtern eh nicht so klarkommen, ist sie kaum wieder zu erkennen. Für die kommende Episode wird ein Rückblick auf den Untergang des Mondreiches angekündigt… ich bin gespannt. Wie so oft.

22. März 2024

Montag, 22.03.2004 – Wie learnt’s ma a richtig’s Action English?

Filed under: Bücher,Japan,Manga/Anime,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Um kurz nach Eins bin ich im Rechenzentrum, aber ich stelle schnell fest, dass nichts geht. Die Verbindung zum Internet ist nicht existent. Das heißt, nach drei Minuten ist die GMX Startseite zwar aufgebaut, aber nach fünf weiteren Minuten mache ich das Explorerfenster zu, weil ich nicht ewig warten will, bis mein Login bestätigt ist. Ich beschäftige mich also offline mit dem Schreiben meiner Berichte. Versenden kann ich sie auch später noch. Ich schreibe über den Zeitraum vom 10. bis zum 14.02., aber mit dem letzten Werk werde ich nicht mehr fertig, weil das Gebäude ab heute (bis zum 05. April) bereits ab 17:00 schließt. Der Wachmann macht mich darauf aufmerksam. Ich habe den Aushang zwar gelesen und verstanden, aber wieder vergessen. Das ist ja ganz toll. Mir gehen also pro Tag drei bis vier Stunden Zeit zum Schreiben verloren. Die könnte ich mit Lesen füllen – mir scheint, ich werde noch mehr Bücher kaufen müssen, sollte mein derzeitiger Stapel nicht reichen.

Aber der Tag ist noch jung. Ich fahre ins Book Off, um die bestellten CDs von Kuraki Mai zu kaufen. Für mich selbst finde ich zumindest nichts von dem, was ich suche. Dafür finde ich andere Sachen. Da wäre zum Beispiel eine Lösungshilfe für „Diablo“ von 1997. Kostenpunkt: 105 Yen = 80 Cent. Ich blättere das Heft schnell durch und finde genügend Informationen, die zumindest nicht uninteressant sind. Da sind Tabellen mit den Werten der Gegner, Waffen, Tränke und Zauber, Charakterbeschreibungen, und alle Dialog- und Buchtexte aus dem Spiel, in Englisch und Japanisch. Das ist für mich das Beste daran, weil ich schon vor langer Zeit geplant hatte, diese (englischen) Sprachsequenzen mal auf Band aufzunehmen, weil es sich ganz einfach cool anhört. Ich bin aber leider nie dazu gekommen… und leider habe ich auch nur eine Playstation Version… von der PC Version kann man bestimmt die einzelnen Dateien auf eine CD brennen. Ich warte ab. Interessant in dem Heft ist auch ein Kapitel mit „Dialoganweisungen“ für japanische Spieler, die online mit anderen Spielern in aller Welt kommunizieren wollen oder müssen. Beim Durchblättern fällt mir zum Beispiel ein kurzes Verzeichnis der gängigen Abkürzungen für Chat-Kommunikation auf.

Des Weiteren kaufe ich das „Eve“ Artbook von „Shin Seiki Evangelion“ für 315 Yen, zum Verkauf. Ich habe bereits eine eigene Ausgabe. Warum ich das „Adam“ Artbook dann nicht auch gleich gekauft habe, ist mir im Nachhinein nicht klar.
Ich finde auch zwei Spielhilfen für „Bust a Groove“, aber ich finde keinen Sinn darin, mir eine Hilfe für ein Spiel zu kaufen, das ich mit links durchspiele und dessen versteckte Charaktere mit gänzlich bekannt sind.

Nach Anbruch der Dunkelheit mache ich mich auf den Heimweg und gehe in den Beny Mart, weil ich was zu trinken brauche. Aber Boco ist ausverkauft. Oder aus dem Angebot gestrichen worden – an der üblichen Stelle befindet sich ein Getränk (ebenfalls von Coca Cola Japan) mit dem Namen „Tadas“, das zwar die gleiche, trüb-weiße Farbe aufweist, aber nach Apfel schmeckt, und das nicht besonders gut. Wenn es kein Boco mehr gibt, dann steige ich kurzerhand auf Aquarius um, weil es mir ebenfalls schmeckt, aber nur genauso viel kostet wie Boco. Wenn ich bedenke… in Deutschland würde ich niemals nie auf die Idee kommen, Aquarius zu trinken – das ist viel zu teuer! Vor allem, weil ich mehr als zwei Liter am Tag brauche. Und wenn ich schon mal hier bin… ich brauche eine neue Packung Fleischstreifen für mein Frühstück, und Ketchup (als Gewürz) für die dazugehörige Soße.

Wieder zuhause, sehe ich „Mujin Wakusei Survive!“ und bewundere die Idee der Drehbuchschreiber, auf einer offensichtlich tropischen Insel Winter mit Schnee einkehren zu lassen. Offenbar herrschen auf anderen Planeten zwangsläufig ganz andere Gesetze der Botanik. Aber auch die Zoologie folgt dort ihren eigenen Bahnen… da existiert auch ein riesiges, elefantenähnliches Vieh, das beim Spazieren durch den Urwald grundsätzlich eine Schneise von umgeknickten Bäumen hinterlässt – warum stehen da überhaupt noch intakte Bäume? Außerdem gibt es davon bislang nur ein Exemplar – es gibt bestimmt ein tolles Fremdwort für „selbstbefruchtend“, aber das fällt mir nicht ein. Man setze ein Fragezeichen dahinter.[1]

Später läuft eine Englisch-Lernsendung mit Shaku Yumiko (die Hauptdarstellerin aus „Sky High“), und allein deshalb sind wir auf die Idee gekommen, die Show anzusehen. Heute werden Leute gefragt, wie man am effektivsten Englisch lernen könne. Man beachte die Auswahl:
Arnold Schwarzenegger empfiehlt, viel zu lesen und viele Filme in englischer Sprache anzusehen. Regelmäßiges Nachschlagen von Vokabeln erweitere zwangsläufig den Wortschatz.
Sylvester Stallone sagt, man solle am besten mit Singen beginnen. Keine Popsongs, sondern Kinderreime, die exakt diesen Zweck erfüllen: Der Sprechapparat gewöhnt sich so, aufbauend auf einer sehr einfachen Basis, an die Sprachlaute und man trainiert auf diese Art und Weise die Artikulation.
Jackie Chan sagt, man solle viel reden, also mit Leuten kommunizieren, so könne man sich stückweise verbessern, weil auch jemand da sei, der korrigierend eingreifen könne. Er sagt weiterhin, dass er in seinen Filmen zwar versuche, betont deutlich zu sprechen, dass er aber sonst am Set einfach „Jackie-Chan-Englisch“ rede – womit die Chinatown-Variante wohl einen Namen bekommen hätte.
Ich verstehe, dass man Arnold und Jackie (als Ausländer) gefragt hat – aber Stallone? Dann doch eher Prochnow. Aber immerhin kann man gut fahren, indem man die vorgestellten Methoden kombiniert.
Und weil es mir noch nicht spät genug ist, beginne ich mit dem vierten (und letzten verfügbaren) „Erdsee“ Roman.


[1] Wie man später herausfinden kann, handelt es sich bei dem Kälteeinbruch um eine Fehlfunktion der Terraformungsanlage, und es gibt auch noch eine kleine Herde dieser „Elefanten“. Das Einzeltier hatte sich nur verlaufen und den Rückweg nicht mehr gefunden.

21. März 2024

Sonntag, 21.03.2004 – Nitabô

Filed under: Japan,Manga/Anime,Musik,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Ich stehe um Zehn auf und lese „Erdsee“. Um 14:00 mache ich mich mit Melanie auf den Weg ins Daiei. In der dortigen Gemeinschaftshalle wird um 15:10 der Film „Nitabô“ gezeigt. Der Anime handelt von einem Shamisen-Meister im 19. Jahrhundert; ich wollte ihn unbedingt sehen und heute ist der letzte Tag.

Wir sind um 14:30 an Ort und Stelle und haben noch ein bisschen Zeit, die wir in der Spieleabteilung verbringen. Melanie spielt ein Spiel, bei dem man auf einer Art Heimtrainer sitzt und mit den Pedalen den Propeller des Fluggerätes antreibt, das man vor sich auf dem Bildschirm sehen kann. Aufgabe des Spielers ist es, riesige Luftballons durch Berührung zum Platzen zu bringen, und natürlich arbeitet man dabei gegen die Zeit. Zwei Mädchen, um die 13 vielleicht, sitzen daneben (sie warten darauf, dass ihre Purikura Fotos ausgedruckt werden) und amüsieren sich darüber. Ihren Kommentaren entnehme ich, dass sie dieses Spiel gerne gespielt haben.

Die Tretmühle

Ich habe Hunger, also gehen wir noch in den Supermarkt im Keller und ich kaufe ein Paket Sandwichbrot.

Es wird schließlich Zeit und wir gehen zur Gemeinschaftshalle. 1300 Yen soll eine Karte kosten. Vorbestellung wäre billiger gewesen. Hier befinden sich vornehmlich Leute über 40 und die Kinder, die mitgebracht wurden, aber wen wundert das? Für die Altersgruppe dazwischen ist Shamisenmusik wahrscheinlich viel zu uncool. Ha, die wissen nicht, was sie verpassen! Ich krame den Geldbeutel heraus. Alle anderen Leute scheinen bereits eine Karte zu haben, also greife ich einen der „Platzanweiser“ heraus und frage ihn, wie wir an eine Karte kämen. Er weist uns zu einem Tisch am Eingang. Er nimmt zwei Karten aus dem Abreißblock und sagt: „Für Sie beide zusammen nur 2000 Yen – ein kleiner Service.“ Oha, dann umso lieber. Da sagen wir nicht nein und bedanken uns dafür.
Daijô-san, der die Biografie geschrieben hat, auf der der Film beruht, ist ebenfalls da und erläutert die Handlung kurz. Ein Mitarbeiter der Produktionsfirma sagt ebenfalls ein paar Worte und dankt allen Beteiligten. Ich hätte etwas solches für die Premiere erwartet, aber nicht für die letzte Vorstellung. Mir gefällt die Idee, obwohl ich vielleicht 10 % von dem verstanden habe, was die beiden Herren tatsächlich gesagt haben.

Eine Vorführung dieser Art bleibt natürlich nicht ohne Begegnungen. Zuerst wäre da eine der Familien aus dem „Happy Hippo Club“, genauer die Familie mit den niedlichen Zwillingstöchtern, denen ich die Bezeichnung „otokorashii Dominik“ zu verdanken habe. Die beiden Mädchen kichern, als ich winke. Mikami weist mich bei der Gelegenheit darauf hin, wer noch hier erscheinen wird, aber das dauert noch ein paar Minuten. Zunächst erscheint eine Dame auf dem Stuhl neben mir, die mich auf Englisch anspricht. Sie will mit dem Reden auch gar nicht mehr aufhören, scheint mir, bis sie mir eröffnet, dass sie mich kenne, bzw. mich bereits getroffen habe. Aha? Ich grübele, aber mein Gedächtnis für Gesichter ist schlecht wie eh und je. Ja, sie sei die Lehrerin von der Seiai Oberschule gewesen, die ich damals (am „Judgment Day“) gebeten habe, ein Gruppenfoto der Juroren zu machen (aus dem leider nichts wurde, weil die verdammte Kamera voll war). Dann erst fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich entschuldige mich für mein schwaches Gedächtnis. Schließlich klopft mir die von Mikami angekündigte Yûmiko auf die Schulter. Sie ist mit ihrer Mutter Eiko hier. Ich bin angenehm überrascht, wenn ich das angesichts der Ankündigung noch so sagen kann.

Oh… und der Film ist gut. Vor allem gefällt mir der Soundtrack und Shamisenmusik allgemein gefällt mir immer besser. Tsugaru Shamisen, um genau zu sein – HiroDai verpflichtet. Ich bin sicher, dass auch Oliver was daran haben könnte, und sei es von einem rein spieltechnischen Standpunkt aus betrachtet.
Die grafische Qualität ist hervorragend, die Geschichte wird in sehr schönen Bildern erzählt, die nach meinem Empfinden einer Ghibli-Produktion durchaus das Wasser reichen kann. Die Handlung ist auch nicht das, was man „Main Stream“ nennen könnte – es geht um einen blinden Musiker, da ist nicht viel Action zu erwarten. Zuletzt sprechen die dargestellten Personen ein sehr klares, deutliches Japanisch und man versteht sie sehr gut. Zumindest habe ich von den Dialogen deutlich mehr verstanden, als von dem, was die zwei Kommentatoren vor Beginn des Films erläutert haben. Mit anderen Worten: Ich will den Film haben.

Gleich nach der Vorführung kommt Jin Eiko zu mir und fragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen ein kleines Konzert zu besuchen, an dem auch Yûtarô mitwirke. Ich überlege zuerst, ob ich das Angebot annehmen soll oder nicht, aber dann frage ich mich, ob ich denn bescheuert sei – was gibt es da zu überlegen? Ja, wir sind dabei. Wir haben wirklich nichts Besseres vor. Unsere Fahrräder sollen wir einfach am Haus der Familie abstellen, von da aus würden wir dann mit dem Auto mitgenommen. Genau das machen wir und erhalten jeder ein Crèpe aus eigener Produktion mit Vanilleeisfüllung als „Reiseproviant“. Besten Dank. Sogar ich muss zugeben, dass das Produkt gut ist. Mein Vater allerdings hätte mich wohl in den Kofferraum gesperrt, wenn ich je versucht hätte, in seinem Auto ein Eis zu essen.

Wir gehen in die Halle, wo Essen verboten ist, also wende ich das „englische Transportverfahren“ auf mein verbliebenes Brot an – ich stopfe es unter meine Jacke.[1] Zur großen Belustigung von Jin Eiko. Wir verpassen nur die ersten Minuten. Es handelt sich auch nicht wirklich um ein „homogenes“ Konzert, sondern um eine Veranstaltung, in der mehrere Gruppen auftreten. Alles Kinder bis 14 Jahre, und gespielt wird auf Keyboards des Sponsors – Yamaha. Gespielt wird unter anderem „Unter dem Meer“ aus dem Disneyfilm „Arielle“, die Star Wars Symphonie (Episode IV), Titel von SMAP, und und und. Das Alter der Interpreten steigt im Laufe der Vorstellung, das heißt, Yûtarô und seine Gruppe spielen als letzte. Und ganz am Ende dürfen alle gemeinsam zur Freude der Eltern noch was singen. Ich beglückwünsche Yûtarô zu seiner Leistung und frage ihn, wie er sich fühle. Er sagt, er habe noch ganz heftiges Herzklopfen.

Und weil der frühe Abend so schön ist, werden wir auch noch zum Essen eingeladen. Wir essen in einem traditionell eingerichteten Haus – ohne Stühle. Als Vorspeise bekommen wir Tempura und frittierte Garnelenschwänze, danach gibt es Sushi, eine Platte für jeden, von denen ich allerdings drei esse, weil Jin Eiko ja bekanntlich auf Grund ihrer Familienvorgeschichte keinen Fisch mehr sehen kann und Melanie bereits satt ist. Das Hauptgericht sind Soba Nudeln, kalt. Zum Nachtisch gibt es Eis – und zwar Soba Eis! Es schmeckt irgendwie auf sanfte Art und Weise nach Nuss.

Wir mit Familie Jin inklusive Großeltern

Um kurz nach Neun fahren wir zum Haus der Familie Jin zurück und von dort aus mit dem Fahrrad nach Hause, trotz des mehrfachen Angebots, mit dem Auto nach Hause gefahren zu werden. Aber es ist ja nun wirklich nicht kalt und wir sind schon des Öfteren nach Anbruch der Dunkelheit unterwegs gewesen. Ich werde morgen eine Mail schreiben, in der ich mich ausführlich bedanken kann.

Zuhause sehen wir noch „Tetsuwan Dash“, eine der Shows der Band TOKIO. Und die haben heute niemand geringeren als Jackie Chan zu Gast. Und das nicht zum ersten Mal, wie ich aus den Gesprächen entnehmen kann. Nebenbei sei erwähnt, dass Jackie Chan in Japan einen größeren Volksauflauf von Autogrammjägern verursacht als die einheimische Band TOKIO, deren Gesichter in Japan doch auch jeder kennt. TOKIO fährt hier natürlich keine gesittete Talkshow – hier wird ein Wettkampf veranstaltet. Aufgabe ist es, ein Souvenir aus Hakone zu besorgen – jeder ein anderes – und an einen vorher festgelegten Ort zu bringen. Mit maximal 3000 Schritten.[2] Dazu erhalten alle Teilnehmer einen Schrittzähler. Jedes öffentliche (!) Fortbewegungsmittel ist erlaubt, mit Ausnahme eines Taxis. Das heißt, die Jungs müssen erst einmal nach Hakone kommen und dort ihr Souvenir finden, indem sie Leute fragen. Um die Beschränkung der Schrittzahl weniger hart zu machen, erhält jeder einen Hartschalenkoffer mit Rädern.
Matsuoka hat das Souvenir als erster besorgt, aber er scheitert 2,5 m vor dem Ziel. Jackie kommt als dritter an, aber auch er hat 7,5 m vor der Ziellinie seinen letzten Schritt verbraucht. Jetzt würde ich natürlich gerne den Namen des Siegers nennen, aber ich habe ihn mir nicht gemerkt.

Danach sehe ich noch „Pretty Cure“ und „Zorori“ an, und ich stelle heute den endgültigen Anachronismus jener Welt fest – da gibt es nämlich Automobile und mit Motoren betriebene Luxusliner. Über den mechanischen Drachen der ersten Episode habe ich „hinweggesehen“ und dachte, die moderne Technik sei aus rein humoristischen Gründen eingefügt worden, aber jetzt, wo die damals entführte Prinzessin und ihr Prinz mit einem Chevrolet Cabrio in die Flitterwochen fahren, muss ich die Lage wohl anerkennen. Was nicht heißt, dass ich mir das nicht weiter ansehen werde… Zorori ist immer noch lustig.


[1] Die Bezeichnung geht auf meinen ersten Englandausflug im Schulrahmen anno 1991 zurück. Ohne Rucksack war ich gezwungen, mir gegebene Lunchpakete in meine Jacke zu stopfen. Da viele meiner MitschülerInnen diese Lunchpakete abscheulich fanden, hatte ich immer ein halbes Dutzend davon auf diese Art und Weise bei mir, um sie im Laufe des jeweiligen Tagesausflugs zu verzehren.

[2] Hakone liegt über 80 km südöstlich vom Stadtzentrum von Tokyo entfernt.

19. März 2024

Freitag, 19.03.2004 – Der Preis der Schnürsenkel

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Ich ziehe am Morgen meine Schuhe an, um zur Uni zu fahren, und ich sehe, dass ich es nicht mehr viel länger aufschieben kann: Ich brauche neue Schnürsenkel. Es kann sich nur noch um Tage handeln, bis mein rechter Schnürsenkel reißt. Es sei ihm gegönnt, in Rente zu gehen… fünf Jahre sind eine gute Lebensdauer. Vielleicht hätte ich vorsichtshalber die völlig intakten Schnürsenkel meines nicht mehr ganz so intakten Paars Stiefel aus Deutschland mitbringen sollen, für einen solchen Fall… aber dafür ist es zu spät, ich brauche Schnürsenkel jetzt, und die werden wohl nicht die Welt kosten.
Ich setze mich auf mein Fahrrad und besuche den 100-Yen-Shop. Aber dort gibt es keine Schnürsenkel.
Ich rolle also den Hügel 100 m weit wieder hinunter und gehe ins Sunday Home Center. Aber auch da gibt es keine Schnürsenkel. Eine Angestellte sagt, ich solle in Richtung Westen fahren und das Kaufhaus „Yasuhara“ (offenbar eine Art GLOBUS) aufsuchen, da gebe es sicherlich Schnürsenkel.
Ich fahre in die angegebene Richtung und komme beim örtlichen Max Value vorbei. Warum sollte ich nicht auch da fragen? Ich betrete den Supermarkt und bekomme eine kleine Tüte Erdnüsse geschenkt. Aber dieser Supermarkt verkauft Nahrungsmittel und Küchenbedarf, keine Schnürsenkel. Ich verlasse den Laden durch eine andere Tür wieder und bekomme noch eine Tüte Erdnüsse geschenkt.

Ahaaa… aber neben dem Max Value befindet sich ein Schuhladen. Da gibt es garantiert das, was ich suche. Ich gehe also in das Schuhgeschäft und mache der Verkäuferin klar, was ich gerne hätte. Sie zeigt mir ein Sammelsurium von Schnürsenkeln, aber natürlich sind die meisten zu kurz. Sie sagt, auf die Art von Stiefeln, wie ich sie trage, sei ihr Laden nicht ausgelegt. Ich nehme mir dennoch das längste Paar in schwarz heraus, 140 cm lang. Ich weiß nicht, ob das reicht; ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wie lange Schnürsenkel für den „Kampfschuh, BW“ sein müssen. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Ich kaufe die Schnürsenkel für 340 Yen, entferne den alten und fädele den neuen ein. Die 140 cm reichen genau – und „genau“ heißt, dass ich das Band nicht, wie gewohnt, noch einmal um den Schaft wickeln kann, bevor ich sie zubinde. Aber ich kann sie zubinden und die Schlaufen in die Seite des Stiefels stopfen, damit sie nicht aufgehen. Und das ist auch notwendig, weil es die Schnürsenkel nämlich nur aus Polyester gibt. Das heißt, die Oberfläche des Materials ist so glatt, dass der Knoten sich nicht selbst halten kann; wenn ich die Schlaufen nicht in den Stiefel stopfen würde, hätte ich dauernd offene Schnürsenkel. Wer hat sich diesen Mist bloß ausgedacht? Schnürsenkel, die nicht zuhalten – warum nicht auch Bücher verkaufen, die aus lauter losen Seiten bestehen? Weil es unpraktisch ist! Aber was soll’s… diese Plastikdinger verschaffen mir auf jeden Fall genug Zeit, mir ordentliche Schnürsenkel zu suchen.

Ich fahre zur Uni. Ich habe noch immer Misis Memorystick, also gehe ich ins Center, um ihn möglicherweise zurückgeben zu können, aber der Ungar ist um diese Zeit natürlich noch nicht da. Stattdessen unterhalte ich mich ein bisschen mit BiRei, die immer noch, allein, in den Shimoda Heights I wohnt. Sie wollte, wie Mei, in das Frauenwohnheim umziehen, aber BiRei erhält ein Stipendium und deshalb bleibt ihr das Wohnheim verwehrt.
SongMin taucht ebenfalls auf und ich mache endlich ein „offizielles“ Bild von ihr für mein Poster mit den Gesichtern. Ich will auch von Jû eines machen, der plötzlich aus dem Boden gewachsen zu sein scheint, aber er möchte das lieber verschieben, weil er eine Verletzung an der Nase hat und deshalb nach seinem Ermessen wohl zu unschön aussieht. Das existierende Foto, das ich während des Essens im Bunpuku gemacht habe, sei doch gut genug, sagt er. Ich sage, es sei zu dunkel. Ich werde ihn später noch einmal fragen.

Ich verlasse das Center, um in den Computerraum zu gehen und stelle fest, dass in meinem Hinterreifen keine Luft mehr ist. Ich schiebe das Fahrrad also 300 m weit zu „Saitô Bicycle“ und pumpe den Reifen wieder auf. Ich höre kein Geräusch, das mir einen Schaden verraten würde, also war es vielleicht irgendein Scherzkeks, der mir die Luft rausgelassen hat. Ich fahre ans Physikgebäude und die Luft ist immer noch drin.

Ich schreibe vier Berichte. Und dann ist das Internet plötzlich nicht mehr zu erreichen. Ich nutze die „Pause“ und sehe mir die Anime an, die ich letztlich gebrannt habe und die dritte Episode der „Taiho shichau zo!“ Realserie. Ich gelange im Anschluss daran zu der Erkenntnis, dass „Comic Party Revolution“ zwar ganz nett ist, aber auch nicht wirklich interessant, das gleiche gilt für „Android Ana Maico“. Aber „Airmaster“ gefällt mir nach der zweiten Episode schon besser als nach der ersten, also werde ich mir den Rest auch noch besorgen.
„Miyuki“ werde ich auf jeden Fall haben wollen – es handelt sich dabei nämlich um die „Miyuki“ Serie, die Anfang der Neunziger auch auf TELE 5 gelaufen ist. Leider war ich damals viel zu ignorant, um die Qualitäten der Serie zu erkennen, bevor TELE 5 den Betrieb eingestellt hat. Es handelt sich, schlicht gesagt, um eine Liebeskomödie um einen Jungen, der ein Mädchen namens Miyuki liebt und eine Schwester mit dem gleichen Namen hat. Ich dachte eigentlich, die Serie hieße „Daburu Miyuki“ („Double Miyuki“), deshalb war ich von dem Titel etwas überrascht.

Zwischendurch kommt Misi hereingeschneit und ich gebe ihm seinen Datenspeicher wieder. Er sieht sich „Airmaster“ und „Mezzo DSA“ an. Bei „Mezzo DSA“ handelt es sich offenbar um das Nachfolgeprodukt von „Mezzo Forte“, mit dem Unterschied, dass „DSA“ ohne… explizite sexuelle Darstellungen auskommt und ich finde das auch ganz gut so. Ansonsten, so scheint mir, ist das gleiche Set an Charakteren vertreten.

Um Acht gehe ich nach Hause. Und ich gehe tatsächlich, weil ich nämlich meinen Hinterreifen platt vorfinde. Also offenbar doch ein Schaden, den ich mir während der „Schnürsenkel Odyssee“ zugezogen habe. Ich werde mir wohl in den nächsten Tagen ein neues, gebrauchtes Fahrrad besorgen müssen. Das hier ist nicht mehr zu retten. Wenn das Fahrrad Schnellspanner hätte, könnte ich kurzerhand den Reifen austauschen, aber ich brauche leider Werkzeug, das ich nicht habe, und die Schrauben sind auch angerostet. Hmpf… die Gangschaltung ist eh hinüber, ich kann nur noch in einem Gang fahren, und das auch nur, weil ich die vordere Zahnradeinstellung mit einer kleinen Metallstange fixiert habe. Außerdem knackt das Rad ganz verdächtig, wenn ich in die Pedale trete. Nein, dieses Stück geht in Rente. Ich lasse es vorerst hier stehen, bis ich es dahin zurückbringe, wo ich es gefunden habe.
Um 21:00 läuft „Spy Kids 2“ im Fernsehen, aber ich sehe nicht viel hin, weil ich immer noch „Erdsee“ lese. Erst um 23:15 lege ich das Buch weg – heute läuft die leider vorerst letzte Episode von „Skyhigh 2“.

18. März 2024

Donnerstag, 18.03.2004 – Mail Order Dominik

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Ich gehe um 11:00 in den Computerraum, und… ja, das Übliche. Volker hat bereits geantwortet und macht Tamara keine Hoffnung auf ein Praktikum in Japan. Unbezahlte Praktika seien schon extrem schwer zu bekommen, sagt er, und das auch nur mit guten Beziehungen zu den richtigen Stellen – die ich nicht habe.

Es erreicht mich auch eine CD Bestellung im Wert von 150 E. So weit ich das auf die Schnelle feststellen kann, sind alle Titel käuflich zu erwerben, und die 150 E kann ich vorstrecken – die Quelle ist verlässlich. Allerdings wird das meine Pläne, mir eine Gakuran zu besorgen, weiter zurückwerfen (um einen ganzen Monat), da mir das Geld zwar ersetzt wird, das aber auf mein fernes deutsches Konto, das Geld wird mir daher in Japan fehlen. Ich schätze, ich werde das Geld dann für meinen Semesterbeitrag aufwenden, und der hat größere Bedeutung als was zum Anziehen.

Ich schaue mir die erste Episode von „Gunslinger Girl“ an. Der Titel klingt furchtbar, ich dachte zuerst an eine Art Wildwest-Szenario, aber es geht um was Anderes, was in der folgenden Beschreibung wahrscheinlich nicht weniger abschreckend wirkt: Da existiert eine Regierungsorganisation (?) in Italien, die kleine Mädchen, Waisenkinder, möglichst jung und Opfer von Verbrechen oder Unfällen (alle diese Bedingungen müssen zutreffen), für tot erklären und zu Cyborgs umbauen lässt, um sie als Sonderkommandos gegen böse Buben einzusetzen. Weil die Mädchen so harmlos aussehen, sind sie nicht verdächtig und werden vom Feind nicht als gefährlich eingestuft – zumindest so lange, bis sie ihre Sturmgewehre aus dem Geigenkoffer holen und aufräumen. Ich sagte ja, es klingt nicht besonders toll.
Die genannte Organisation instrumentalisiert also die Kinder, macht sie zu Maschinen und vergisst dabei die Tatsache, dass es sich dennoch um Kinder handelt. Nur wenige der Trainer, von denen jedes Mädchen einen hat, sehen ein, dass dieses Konzept inakzeptable ethisch-moralische Mängel aufweist und sträuben sich dagegen.

Mehr kann ich derzeit nicht darüber sagen, aber ich würde gerne sehen, wie die Geschichte weitergeht und wohin sie führt. Im Forum wird die Serie jedenfalls hoch gelobt, und das in erster Linie wegen der Storyelemente, nicht wegen des Konzepts „Girls with Guns“.
Bis ich damit fertig bin, ist es kurz vor Neun und der Wachmann bittet mich höflich, Schluss zu machen.

12. März 2024

Freitag, 12.03.2004 – Signorina, isch ’abe gar keine Telefon mehr

Filed under: Arbeitswelt,Japan,Manga/Anime,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

Morgens fahre ich ins Book Off, um mich nach bestellten CDs umzusehen. Der Wind ist zeitweise recht kräftig und an vielen Abstellplätzen sieht man reihenweise umgewehte Fahrräder. Ich stelle mein Fahrrad entsprechend sicher auf, aber die Tüte, die die Trockenheit meines Sattels garantieren soll, fliegt während meines Aufenthaltes auf und davon. Ich sollte in Zukunft einen Knoten machen, um zu vermeiden, dass ich die Gegend so mit Müll verunstalte. Immerhin regnet es heute nicht, von daher komme ich ohne Tüte aus, bis ich im Supermarkt die nächste erhalte.

Ich kaufe den „Trigun“ OST „The first Donuts“, „Kenka Banchô“ von Miyamura Yûko und ein „Final Fantasy VII“ Lösungsheft für mich. Zum Verkaufen nehme ich mir ein „Weisskreuz“ Artbook und etwas, das ich zuerst für eine Anthologie von (no hentai) EVA Dôjinshi halte – es wird sich jedoch (nach dem Kauf) herausstellen, dass dieses katalogförmige Buch das Original ist – bis zum Kapitel Nummer 29, heißt das. Der „Shin Seiki Evangelion“ Manga ist nicht abgeschlossen, glaube ich. Warum also bringt jemand eine Anthologie heraus??? Ich bezweifle außerdem, dass ich das Buch je wieder loswerde… aber immerhin habe ich jetzt Gelegenheit, den Manga als Vergleich zum Anime zu lesen. Die Unterschiede fallen ja bereits im ersten Kapitel auf…
Für alle anderen bestellten Artikel mache ich erst einmal Notizen darüber, was überhaupt verfügbar ist und werde nachfragen, ob das so genehm sei. Oha, ich sehe da auch einen „Final Fantasy Tactics“ OST herumstehen… aber er kostet 3880 Yen. Nee, lieber nicht. Wenn ich mir je eine Gakuran leisten können will, muss ich eisern sparen.

Ich kehre zur Universität zurück und bleibe bis um Acht. Um etwa 17:00 kommt Misi, setzt sich auf einen Stuhl neben mir, und wird just in diesem Moment vom „York Cultural Center“ angerufen. Man bittet um meine Telefonnummer. Misi drückt mir das Telefon in die Hand und ich versuche, der Dame klar zu machen, dass mein Telefon seit neuestem gar nicht mehr funktioniert und sie mit der Nummer daher überhaupt nichts anfangen könne. Nein, ich kenne die Telefonnummer leider nicht auswendig. Wozu auch? Meine Argumentation stößt auf taube Ohren, oder aber meine Telefon-losigkeit ist derart außerhalb jeder japanischen Vorstellungskraft, dass man meine Aussage darüber schlicht nicht ernst nimmt. Aber gut, ich will nicht so sein. Morgen findet der Unterricht statt, dann bringe ich die Telefonnummer gerne mit. „Hm… in Ordnung. Aber kommen Sie auf jeden Fall und rufen Sie an, wenn irgendwas dazwischenkommen sollte!“ Aber eine Nummer, die ich anrufen kann, für den unwahrscheinlichen Fall, dass mir etwas dazwischenkommt, erhalte ich nicht. Macht nichts, ich könnte Misi danach fragen, aber ich sehe die Notwendigkeit nicht und lasse es sein.
Zuhause sehe ich mir die Lektion für morgen an und lese die vorherige und die nachfolgende gleich mit, nur für den Fall, dass es nötig sein sollte. Es könnte ja sein, dass ausnahmsweise einmal jemand Fragen zur letzten Lektion stellt, und es kann auch nicht schaden, wenn ich ansage, um was es in der nachfolgenden geht.
Das „York Cultural Center“ liegt übrigens im siebten Stock des Gebäudes, in dem sich auch das Kaufhaus Ito Yôkadô befindet. Man hat von da oben einen netten Ausblick auf die Stadt.

Abends höre ich mir die „Trigun“ CD an… die einzig brauchbaren Lieder sind „H.T.“ und „Kaze wa Mirai ni fuku“, die übrigen sind unbedeutende Hintergrundmusik. Die werde ich nicht behalten. Go, go, Power E-Bay… Die CD von Miyamura Yûko werde ich allerdings behalten. Denn wie ich bereits sagte: Die Frau kann nicht wirklich gut singen, aber ich mag ihre Stimme. Eigentlich paradox.

29. Februar 2024

Sonntag, 29.02.2004 – Im Wolfspelz

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Das Schaltjahr macht sich bemerkbar. Wie? Indem ich feststelle, dass meine Fünf-Euro-Zwiebel, die sich Digitaluhr nennt, keine Option für das Verstellen des Datums besitzt!

Heute ist Schnee angesagt. Viele kleine und feine Schneeflocken rieseln aus den Wolken, als ich bereits anfing zu hoffen, mit dem Schnee sei es jetzt vorbei. Und morgen soll es nicht besser werden.

Ich verbringe den Tag mit dem Lesen in meinem neuen Buch „Dogs of War“, während Melanie in die Stadt fährt, um allerlei Bastelmaterial zu kaufen – für die bereits erwähnten Papierhemden im Miniformat, die letztendlich die Verzierung eines Papier-Pappe-Rahmens werden sollen. In den Rahmen selbst kann man dann nach Wunsch allerlei Nachrichten einfügen, die dem Besucher an der Tür eine gewisse Ahnung von der Machbarkeit irgendwelcher Ideen für Aktivitäten mit der Person geben sollen, die hinter der Tür wohnt. Melanie bereitet also „Herzlich willkommen“, „Betreten verboten“ oder „Gernots müssen draußen bleiben!“ vor. Das Präsent richtet sich an Ricci, und den Insiderwitz erkläre ich jetzt nicht.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit gehe ich Getränke kaufen und im Anschluss in die Videothek, weil ich „Jin Roh“ ausleihen möchte. Auf halbem Weg dahin, die Einkäufe habe ich bereits hinter mir, kommt mir Melanie entgegen. In der Annahme, ich ginge gerade einkaufen, bittet sie mich, auf sie zu warten und ich schlage vor, dass sie zur Videothek kommen soll, wenn sie ihr Zeug abgelegt hat.

Es gibt natürlich nur eine Version des Videos, das ich haben will – Original ohne Untertitel. Üblicherweise – bei „einfachen“ Filmen, soll das heißen – stört mich das nicht so sehr, weil ich im Notfall anhand von Bildern und/oder Kontext auf die Dialoge schließen kann, aber bei „Jin Roh“ ist das ein bisschen anders. Der Film hat eine gewisse philosophische Tiefe und man muss die Dialoge verstehen, um auf das schließen zu können, was damit gemeint ist. Dennoch nehme ich den Film mit. Ich habe ihn schon einmal gesehen, vor viereinhalb Jahren in Koblenz, um genau zu sein. Ich denke, ich werde mich im Laufe des Films an genügend Sachen erinnern, die mir das Verständnis des Films ermöglichen. Um 22:00 fangen wir an, den Film zu sehen und bringen ihn pünktlich vor dem Datumswechsel wieder zurück.

Zuvor allerdings testen wir die Kopierfähigkeit des Videos – und es geht! Ich bin erstaunt, dass das Videoband über keinen Kopierschutz verfügt. In Deutschland ist das Standard. In Japan gibt es offenbar nur eine relativ geringe Anzahl von kopiergeschützten Videos. Jetzt könnte ich mich hier natürlich zum Dauerkopierer machen, aber ich glaube, ich verzichte darauf. Erstens halte ich das Kopieren von Videos für unangebracht und zweitens bin ich jemand, der Filme kauft, wenn sie gut sind. Gute Filme sind ihr Geld normalerweise wert. Wenn ich einen Film in der Hand halte, und der Preis ist mir zu hoch, dann heißt das entweder, dass ich sparen muss, um den Film zu bekommen, oder aber, dass der Film nicht so gut ist, dass ich die betreffende Summe bezahlen würde. Ganz zu schweigen davon, dass mir das Konzept des Videobandes nicht mehr zusagt.[1] Melanie lässt sich eine eigene Mitgliedskarte machen, und das dauert zwanzig Minuten. In dieser Zeit sehen wir uns die Regale mit den Serien an und versuchen herauszufiltern, was uns gefallen könnte.


[1]   Entgegen des Eindrucks, den ich bisher gemacht habe, kaufe ich auch Spiele, Musik und Serien, die mir gefallen, sobald ich das Geld dafür habe.

22. Februar 2024

Sonntag, 22.02.2004 – Video bis zum Abwinken

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Wir sehen uns heute eine Episode der Realserie „Good Luck“, zwei Episoden des Anime „Tsuki-hime“, und jeweils vier Episoden der Anime „Prince of Tennis“ und „DNAngel“ an.

Bei „Good Luck“ handelt es sich um eine Realserie, deren Protagonist ein junger Kopilot bei einer japanischen Fluggesellschaft ist. Er sieht gut aus und die Stewardessen bemühen sich um seine Gunst, aber das lässt ihn kalt. Der Rest ist nach einem noch einfacheren Muster gestrickt und ich prophezeie: Am Ende der Serie wird er sich gegen seinen starrsinnigen und überpeniblen Vorgesetzten durchgesetzt, die Pilotenveteranen von seinen Fähigkeiten überzeugt haben, und mit der gut aussehenden Mechanikerin (Shibasaki Kô) zusammenkommen, die ihn gleich zu Beginn heftig angeschnauzt hat. Noch mehr? Ich rate, dass der Vorgesetzte deshalb so penibel ist, weil er einmal leichtsinnig gehandelt hat, wobei wahrscheinlich Menschenleben zumindest gefährdet wurden. Und ich rate weiterhin, dass die Mechanikerin diesen Job deshalb gewählt hat, weil ein ihr nahe stehender Verwandter wegen eines Wartungsfehlers der Bodencrew sein Leben verloren hat. Ich bin davon überzeugt, nicht mehr als eine Episode sehen zu müssen, um das zu wissen. Und das liegt nicht daran, dass ich vielleicht ein helles Köpfchen wäre, sondern daran, dass die Serien alle ein ähnliches Strickmuster haben und Gesten und Bemerkungen immer so schrecklich offensichtlich sind, wenn man ein wenig Erfahrung mit solchen Serien hat. „Good Luck“ interessiert mich nicht. Auch das Charisma eines Takenaka Naoto (Hauptdarsteller in dem bereits ansatzweise beschriebenen Drama „Lion Seinsei“) und die reizende Shibasaki Kô retten die Serie nicht.

„Tsuki-hime“ wird von vielen Leuten gelobt, in alle himmlischen Höhen, zumindest von so ziemlich jedem, der sich im Animetric Forum tummelt (und die Serie auch gesehen hat). Und die Serie ist auch nicht so schrecklich durchsichtig wie die eben erwähnte Realserie (das macht Animeserien im Schnitt besser als Realserien). Aber ich finde „Tsuki-hime“ irgendwie… uninteressant. Ich finde in der Serie keine Charaktere, die ich sympathisch finden kann, und das ist für mich eine wichtige Voraussetzung, wenn es darum geht, zu beschließen, ob ich etwas weiterhin ansehe oder nicht. Die haben alle irgendwelche dunklen Geheimnisse, was an sich nichts Übles ist, aber die Stimmung ist so derart melancholisch, dass mir der Spaß vergeht. Der Held der Geschichte (nennen wir ihn mal so, obwohl er es nicht verdient) hat hin und wieder Aussetzer, in denen er irgendwelche Leute mit seinem (zumindest nicht kleinen) Taschenmesser in Stücke schneidet. Na hurra. Und er sieht irgendwelche Linien… als Kind noch erhält er von einer geheimnisvollen jungen Frau eine Brille, die diese Linien vor seinen Augen verbirgt und ihm ein „normales“ Bild seiner Umgebung vermittelt.

Ich ziehe später Informationen ein und erfahre, dass diese Linien die Schwachstellen physischer Körper darstellen, seien es leblose Gegenstände, Humanoide, Tiere oder Pflanzen. Ich sage deshalb „Humanoide“, weil in dieser Serie Vampire und andere Nicht-Menschen auftreten, die für gewöhnlich nicht gerade leicht zu töten sind. Unser so genannter Held hat den Drang entwickelt, die sich ihm offenbarenden Schwachpunkte physischer Objekte zu zerschneiden, auch wenn es sich dabei um Menschen handelt. Aber er ist sich dieser Taten nicht voll bewusst und wacht morgens auf – die Spuren sind auf geheimnisvolle Art und Weise beseitigt – und hat das Gefühl, einen Albtraum gehabt zu haben. Eines Tages gerät er an einen weiblichen Vampir, den er flugs filettiert, zu ihrem eigenen Erstaunen. Aber sie kommt ja wieder und spricht ihn darauf an, wie er es wohl geschafft haben mag, sie in 17 Einzelteile zu zerlegen (und nennt ihm jedes einzelne Stück Schaschlik).
Das Geheimnis wird zu diesem frühen Zeitpunkt natürlich noch nicht gelöst. Jetzt werde ich im Forum garantiert gelöchert, der Serie eine Chance zu geben. Vielleicht tue ich das noch, ir-gend-wann.

Bei „Prince of Tennis“ geht es ganz bestimmt nicht um Fußball. Da folgt ein Match auf das andere, mit irren und utopischen Spezialattacken und Taktiken. Mehr gibt es da nicht. Da wird nur Tennis gespielt, habe ich den Eindruck. Nebenbei gibt es ein paar Minuten sonstiger Handlung pro Folge, wenn nicht gerade ein wichtiges Spiel ansteht, das sich dann schon mal über mehr als eine Episode hinziehen kann.
Der aufmerksame Leser fragt sich an dieser Stelle natürlich, warum ich mir dann „Ace o nerae!“ ansehe? Da geht es auch nur um Tennis (wenn auch mit etwas mehr Handlung zwischen Training und Spiel)! Aber einfache Fragen haben einfache Antworten: Man nehme ein Bild von Echizen Ryôma in die eine und ein Bild von Ueto Aya in die andere Hand, betrachte die Bilder sorgfältig und bedenke dabei, dass ich ein männlicher Fernsehzuschauer bin. Da liegt die Antwort wirklich auf der Hand.

Gegen acht Uhr fährt Melanie los um zu sehen, ob das „Ramen auf Rädern“ an seinem Platz vor der Mittelschule steht. Ja, der kleine LKW steht da und wir ziehen los. Leider ist der Wagen zum gegebenen Zeitpunkt gerade besetzt und wir müssen warten, bis die Gäste gegangen sind. Einer ist immer noch drinnen, aber der Platz reicht jetzt auch für uns vier.
Wir sitzen dann einige Minuten am Tisch, ohne dass etwas passiert. Da es hier nur ein Gericht gibt, nämlich ganz normale Ramen in Suppe mit Fleisch und Lauch, gehen wir einen Moment davon aus, dass man das Essen nicht extra zu bestellen brauche. Natürlich ist das eine Fehlannahme. Es gibt zwar nur ein Gericht, aber man kann es modifizieren lassen, indem man ein Reisbällchen dazu möchte, oder vielleicht eine doppelte Portion Fleisch. Schließlich durchschaue ich das Procedere, zeige dem Wirt mit dem feschen weißen Handtuch um den Kopf vier Finger und sage „Onegai shimasu!“, worauf die Küche in Bewegung gerät.
Ich bin wie üblich sehr zufrieden mit dem Essen, und Melanie ebenso. Über Ricci kann ich keine Aussage machen, aber Ronald schien, untertrieben ausgedrückt, wenig begeistert, weil die Nudelsuppe seines Erachtens etwas fett gewesen sei. Natürlich kann man einwerfen, dass er offenbar nichts gegen fettiges Essen bei „Kentucky Fried Chicken“ habe, aber zu seiner Verteidigung: Das ist eine andere Art von Fettigkeit. Auf der Nudelsuppe hier sieht man große Fettaugen, und die sind nicht jedermanns Sache, gerade bei Rinderfett.

Wir kehren nach Hause zurück und sehen uns die ersten vier Folgen von „DNAngel“ an. Ich würde es eine „Magical-Girl-Serie mit männlicher Hauptrolle“ nennen. Im Grunde genommen sieht man hier das männliche Gegenstück zu „Kamikaze Kaitô Jeanne“. Auch hier verwandelt sich der Held in einen Meisterdieb (genetisches Familienerbe) und er kündigt seine Diebstähle ebenfalls vorher an. Er hat Flügel wie ein Engel (nur halt schwarz) und trickst die in Hundertschaften angetretene Polizeitruppe aus. Dennoch… ich möchte noch mehr davon sehen. Der Soundtrack gefällt mir sehr gut und die Charaktere sind sehr sympathisch. Außerdem habe ich auch von „Kamikaze Kaitô Jeanne“ nicht so schrecklich viel gesehen.

21. Februar 2024

Samstag, 21.02.2004 – Prinzessinnen und Puppen

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 9:15

Strahlender Sonnenschein am Morgen durch unsere Balkontür macht das Weiterschlafen unter den sich aufheizenden Bettdecken unmöglich, also stehen wir auf. Es ist Samstag und wir haben „SailorMoon“ aufgenommen, aber wir stellen fest, dass 10 Minuten am Ende fehlen, weil das Band nicht lange genug war. Ich verschwende daher keine Zeit damit, mir den Anfang anzusehen, auch, weil die Bildqualität schreiend schlecht ist. Daher findet sich hier keine Zusammenfassung der Episode.
Melanie fasst deswegen den Plan, demnächst einen externen Videorekorder zu leihen, schließlich habe sich Angela ihre Waschmaschine ebenfalls nur geliehen. Aber ich halte das für unrealistisch. Eine Waschmaschine ist ein großes und teures Gerät, dessen Verleih sich lohnen könnte, weil nicht jeder die Mittel hat, sich eine eigene zu kaufen. Ein Videorekorder dagegen ist ein kleines Gerät, das sich jeder, der nicht gerade arm ist, leisten kann.

Wir sehen uns acht Episoden von „Scrapped Princess“ an und ich sehe, dass auch dies eine Serie ist, die ich haben möchte. Das nicht zuletzt deshalb, weil mir die Stimme der Hauptdarstellerin gut gefällt. Es handelt sich um Orikasa Fumiko, die der Mikan aus „Atashin’chi“ schon ihre Stimme leiht – und auch Prinzessin Else in „Zorori“ (und das hat Melanie aus „Zorori“ herausgehört, was mich in arges Erstaunen versetzt hat). Leider sind nur acht Episoden vorrätig, aber Ricci hat die übrigen 16 in Tokyo in sicherer Verwahrung.
Was mich sonst an der Serie reizt, ist das Setting, das mich an „Final Fantasy“ erinnert, wie es früher einmal war: Eine reine Fantasy-Welt mit Rittern und Magiern und Barden und all dem romantischen Zeug, hinter der eine vergessene Hochtechnologie steht. Es fallen Begriffe wie „DNA“ und „Programm“ und dergleichen, die dem normalen Einwohner einer solchen Welt natürlich nichts sagen. Aber lustig sind vor allem die Namen. Da heißen Leute u.a. „Mauser“, „Galil“, „Barrett“, „Steyr“ oder „Socom“, und eines der Pferde heißt „Dragunov“. Für die Unwissenden:

  • Mauser ist eine deutsche Waffenfirma in Oberndorf
  • Galil ist die Bezeichnung eines israelischen Sturmgewehrs
  • Barret ist ein Waffenproduzent in den USA
  • Steyr ist ein Waffenhersteller in Österreich
  • Socom ist die H&K Mk 23 Pistole, die in den USA hergestellt wird
  • Dragunov ist ein russisches Scharfschützengewehr

Die Serie handelt von Pacifica, die wohl eine verstoßene Prinzessin ist, die fast jeder gerne tot sehen möchte, weil geweissagt wurde, dass sie das Ende der Welt einläuten werde (oder etwas ähnlich Apokalyptisches). Dabei ist sie ein nettes Mädchen und tut keiner Fliege etwas zu Leide. Wahrscheinlich ist hier eine Verschwörung am Werk, die die wahre Prophezeiung unterschlagen (oder die gegebene falsch interpretiert) hat, weil dadurch ihre Machtbasis untergraben wird… aber das ist nach den ersten acht Episoden noch nicht annähernd klar. Pacifica wird begleitet von zwei sympathischen Militärmagiern, Bruder und Schwester, die für ihre Sicherheit sorgen, und gerade die Schwester hinterlässt in ihrer Fürsorge des Öfteren Trümmer und rauchende Ruinen, wie mir scheint.

Nachdem wir uns dann mehrere Stunden mit den „Humor“ Ordnern unserer Computer vergnügt haben (ich habe meine komplette, wenn auch kleine, Festplatte auf CD-ROM dabei), sehen wir zum Schluss noch „Karakuri Zôshi Ayatsuri Sakon“ – das, was man für gewöhnlich kurz „Ayatsuri Sakon“ nennt.

17. Februar 2024

Dienstag, 17.02.2004 – Ich bin enttarnt

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute Morgen also noch eine Stunde bei Yamazaki-sensei… und dieser Gedanke geht mir so langsam durch den Kopf, dass ich jede einzelne Silbe bewusst erfassen und mit Missbilligung strafen kann.

Und wieder einmal sind Melanie und ich die einzigen Anwesenden… zunächst!
Nach zehn Minuten kommt Valérie dazu. Und noch einmal 20 Minuten später trifft sogar Chin ein! Das ist der Chinese (Arzt, Mitte 30), der sich bisher um jeden einzelnen Kanji-Test herumgedrückt hat. Hui, vier Leute!
Am Schluss bekommen wir unsere Klausuren zurück und mein Pegel liegt bei 60 %. Ein Rekord in diesem Semester (in Bezug auf Japanischklausuren). Natürlich sind 60 % arm – aber wenige Minuten vor dem echten Ferienbeginn will ich darüber nicht weiter nachdenken.

Ich gehe in die Bibliothek und finde gleich drei lange Mails auf einmal vor – von Sebastian, Kai und Kati. Kati schreibt über ihre Ferien, die anderen haben wichtigere Belange. Dann muss Kati leider warten.
Ich schreibe selbst noch drei Mails und schon zeigt die Uhr nach Zwei. Ich gehe schnell ins Center und verpacke zwei Bücher, die ich per E-Bay verkauft habe und nach Deutschland schicken will. Dann kommt FanFan ins Center, sieht und begrüßt mich.

Was ich da täte, möchte sie wissen.
Ei, ich verpacke Bücher, die ich nach Deutschland schicken will.
Ob sie sie mal sehen dürfe?
Die Gedanken, die innerhalb einer halben Sekunde in meinem Kopf erwägt wurden, hier in Kürze: Wenn ich ihr verbiete, die Bücher zu sehen, ist das erstens hochgradig verdächtig und zweitens könnte sie beleidigt sein. Wenn ich ihr die Bücher zeige, werde ich ihr ebenfalls in Zukunft verdächtig sein… aber wenn ich offen bin, kann ich meinen Ruf eher wieder hinbiegen, weil sie weiß, woran sie ist.
Hm, in Ordnung… aber sie solle nicht erschrecken. Sie tut es trotzdem. Sie nimmt den ersten Band, den sie greifen kann, in die Hand, mit dem Titel „EVA Hot“ und sieht Hoshino Ruri (aus „Nadescio“) in eindeutiger Stellung. Wenige Sekunden später entschwindet sie ohne weiteren Kommentar. Ich packe also weiter ein.

Und als ob FanFan nicht gereicht hätte, kommen als nächstes BiRei und Mei mit fröhlichen Gesichtern auf mich zu. Aha, die nächsten. Das Spiel beginnt von vorn.
Was ich denn da täte, möchten sie wissen.
Ich denke erst gar nicht und drücke Mei „EVA Hot“ in die Hand.
Ein Moment Stille.
Aber immerhin laufen die beiden nicht gleich weg. Mei macht Witze über meinen Extraverdienst. Soll sie. Gefällt mir besser als Weglaufen.
Die beiden wollen kommenden Monat ins Frauenwohnheim umziehen und ich frage sie, wie es mit einer Umzugsparty wäre. Ja, BiRei zumindest hat nichts dagegen, Mei überhört die Frage und schweigt dazu. Sie blättert lieber in „EVA Hot“ mit dem Bild von Hoshino Ruri drauf. Jetzt mache ich die Witze („Was ist? Hast Du Gefallen daran gefunden?“), aber das prallt von ihr ab wie Wasser von einer gewachsten Karosserie. Ich denke an den Film „Feuerwalze“ mit Chuck Norris (Zitat):
„Was wird er schon tun? Er ist Chinese, und Chinesen lächeln…“
Mei tut genau das angesichts meiner Bemerkung.
Schließlich bringe ich die Bücher zur Post, und bis ich zuhause bin, ist es schon 14:30. Aber Melanie reagiert darauf gelassener, als ich erwartet hätte.

Unser heutiges Programm besteht aus der zweiten Hälfte der „GTO“ Serie, nur unterbrochen von einem Besuch im „Bunpuku“ Ramen-Laden. Zuletzt sehen wir uns noch eine Episode von „Chrno Crusade“ an. Ja, der Name ist richtig geschrieben. Da fehlt tatsächlich das erste „o“ in der Rômaji Schreibung. Nehmen wir also an, dass es sich um Absicht handelt. Die Serie ist auch ganz hervorragend gezeichnet, gute Arbeit, aber auf eine niedliche Variante von „Warrior Nun Areala“ (nicht totzukriegende Leser der „AnimaniA“ werden das wahrscheinlich kennen) kann ich gut verzichten. Da ist eine junge Nonne mit reichlich reizfreier Unterwäsche, die im New York des Jahres 1928 unter Dämonen aufräumt. Natürlich erfüllt sie alle Klischees, die man so braucht, um eine niedliche Heldin zu basteln. Ich nenne hier nur den klassischen Vorgang „Zu schnell zu viel essen, sich verschlucken, blau anlaufen, sich dreimal auf das Brustbein klopfen, mit Wasser nachspülen“. Ich hab das auch schon probiert (bevor ich blau angelaufen bin allerdings), aber es hat nichts gebracht, mir auf das Brustbein zu schlagen (außer dem üblichen dumpfen Trommelgeräusch). Der Brocken bewegt sich erst, wenn man ihn wegspült. Begleitet wird die Nonne von einem nicht minder niedlichen, (zum Guten übergetretenen?) dämonischen Gehilfen mit der körperlichen Erscheinung eines schätzungsweise 16-jährigen Jungen, dem die Vorgesetzten der Kampfnonne natürlich wenig Vertrauen entgegenbringen. Ich bin sicher, dass er noch eine zwiespältige Rolle spielen und am Schluss an der Vernichtung des Bösen großen Anteil haben wird. Der Inhalt offenbart sich dem Erfahrenen also eigentlich bereits nach der ersten Episode. Die restliche Handlung ist mir zu offensichtlich… mir reicht eine Episode.

Die Nonne heißt übrigens, ja, tatsächlich, „Rosette“. Natürlich ist mir bewusst, dass es sich dabei um ein architektonisches Merkmal gotischer Kirchen handelt (dieses grob runde Fenster an der Frontseite heißt im kunsthistorischen Fachjargon so) und dass ihr Name höchstwahrscheinlich deshalb ausgesucht wurde – von einem arglosen Japaner, der die populärste Bedeutung des Begriffs wahrscheinlich nicht kennt. Dennoch finde ich das Wort als Namen für eine Frau reichlich unpassend. „Uhura“ ist als Frauenname richtig harmlos dagegen.

15. Februar 2024

Sonntag, 15.02.2004 – Hana yori… danke…

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Um 08:50 bin ich wach genug, um aufzustehen, nachdem mich bereits einige Zeit vorher ein lautes Donnergrollen unwiderruflich aus dem Schlaf gerissen hat. Dann kann ich ja meinen Tagebucheintrag über den gestrigen Tag nachholen. Etwa um 12:30 gehe ich mit Ronald zur Bibliothek. Aber… die ist zu! Dicht! Verschlossen!
Warum? In mir dämmert der Verdacht, dass die Bibliothek während der Semesterferien an Wochenenden nicht öffnet. Das wäre ja mal was… denn es bedeutet, dass mir zwei Siebtel der zum Schreiben verfügbaren Zeit flöten gehen. Ich werde in 100 Jahren nicht mit meinem Tagebuch fertig. Dabei wollte ich mich darum bemühen, möglichst nur zwei oder drei Tage hinterher zu hängen. Schon wieder zerschellt ein Plan an der Realität. Natürlich wäre es einfacher, lediglich eine Wochenzusammenfassung zu schreiben… aber das entspräche nicht dem, was ich selbst haben will. Ich werde einfach schreiben, wenn ich Zeit dazu habe.

Wir gehen also wieder zurück und gehen auch in den Supermarkt. Ich brauche Boco, Melanie und Ricci brauchen Milch, Ronald braucht Pepsi Light. Aber die ist ausverkauft – das Getränk ist derzeit „Angebot des Monats“ für 157 Yen (ca. 1,20 E) pro Flasche. Kein Wunder, dass da gehamstert wird.

Das abendliche Fernsehprogramm besteht aus „Gravitation“ und „Hana yori Dango“, letzteres nicht in der Animeversion. Wenn ich das richtig sehe, handelt es sich hierbei um die taiwanesische Live-Action Variante mit dem Titel „Meteor Garden“. Wie dem auch sei, ich hasse diese Serie und alle ihre Charaktere bereits nach zwei Episoden, und ich muss mir schwer überlegen, ob ich den Versuch wagen soll, mir die Animeserie anzusehen. Ich weiß nicht, ob meine Meinung nur auf den Charakteren beruht, oder ob ich die Schauspieler noch zusätzlich unsympathisch finde. Ich mag ihre Hackfressen nicht. Außerdem habe ich von Haus aus was gegen Feindseligkeiten und Intrigen in der Schule oder sonst wo, vor allem dann, wenn reiche Jugendliche auf diese Art und Weise ihr Reich-Sein ausleben.

Während Melanie zum Einkaufen weg ist, führe ich Ricci und Ronald die erste Episode von „Bôbobo“ vor – mit dem erwarteten Ergebnis… aber es diente nach diesem taiwanesischen TV-Müll meiner eigenen Entspannung.

13. Februar 2024

Freitag, 13.02.2004 – Sind wir bald fertig?

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute ist Freitag und wir müssen wieder früh raus, weil Ogasawara-sensei eine Nachholstunde angesetzt hat. Wir sollen die Klausuren vom Wochenanfang zurückbekommen. Und, hurra, ich komme auf 58 %. Kein Grund zum Feiern, aber immerhin ist das besser als das letzte Mal. Außerdem sind heute nur vier Leute anwesend: Die Lehrerin selbst, die Chinesin Chong, Melanie und ich. Wie es scheint, werden Sondertermine gerne von mindestens zwei Dritteln des Kurses „vergessen“. Und zur Entspannung spielen wir im Anschluss ein Spiel, für das wir per Zufall kleine Papierzettel zugewiesen bekommen, auf denen Begriffe stehen, die wir erklären sollen, während der Rest der Anwesenden raten soll, was wir da erklären. Ich erkläre „Zahnbürste“, „Zahnpasta“, „Tageszeitung“ und „Mikrowelle“.[1]

Nach dem Unterricht arbeite ich die notwendigste Post ab, bringe ein Buch zu derselben und gehe dann nach Hause. Wir sehen uns im Laufe des Tages noch mehr Episoden an, darunter weitere Teile von „Fumoffu!“. Die Rugby-Episode muss der absolute Höhepunkt sein, weil ich mir keine Steigerung mehr vorstellen kann. Ich leide Schmerzen und weine Tränen vor Lachen.

Des Weiteren sehen wir Teile von „Ayatsuri Sakon“, wo es um einen Puppenspieler und seine Marionette geht, die „zusammen“ Kriminalfälle lösen. Ob der Puppenspieler, Sakon, einfach nur eine glatt gespaltene Persönlichkeit oder ob die Puppe, Ukon, ein Eigenleben hat, ist mir nicht klar geworden.[2] Auf jeden Fall verfährt auch diese Serie nach dem Prinzip, den Zuschauer völlig im Dunkeln zu lassen, was die Aufklärung betrifft und den Protagonisten am Ende einen aufklärenden Monolog führen zu lassen, was ich persönlich bedauere. Man erhält als Zuschauer keine Gelegenheit, sich selbst fundierte Gedanken zu machen, es erleichtert lediglich die Arbeit der Drehbuchautoren (da sie am Ende behaupten können, was immer sie wollen). Aber ansonsten ist die Serie empfehlenswert, die Zeichenqualität ist hervorragend und die Stimmung ist sehr passend inszeniert, zum Teil sehr düster, um genau zu sein.
Zuletzt sehen wir ein paar Episoden der „Gravitation“ TV-Serie an. Der doch als homoerotisch zu bezeichnende Inhalt ist nicht ganz mein Ding, aber die Charaktere sind zum Teil sehr sympathisch und lustig. Ich würde damit keinen Platz in meinem kleinen Regal verschwenden wollen, aber anschauen hat sich auf jeden Fall gelohnt.


[1] Die ersten beiden Begriffe kann ich leicht umschreiben, weil ich mir Details aus dem Werbefernsehen gemerkt habe.

[2] „Ukon“ und „Sakon“ sind übrigens die Bezeichnungen der beiden Bäume, die rechts bzw. links vom Eingang des Kaiserpalastes in Kyoto stehen.

12. Februar 2024

Donnerstag, 12.02.2004 – Kauftour

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Die letzte Klausur des Semesters erwartet uns. Sie kommt mir besser zu bewältigen vor als die vorherige, aber… warum ist es bloß immer das letzte Drittel einer Arbeit, das meinen Karren in den Dreck schieben muss?

Danach findet heute kein Unterricht mehr statt. Aber noch ist das Semester nicht vorbei. Wir haben noch eine Stunde bei Ogasawara-sensei vor uns, morgen. Ich sehe nach meiner Post und in „mein“ Forum, aber viel steht nicht an, also bin ich zeitig wieder daheim. Entsprechend der Tatsache, dass jetzt vier Leute in unserem Apartment wohnen, muss öfters Wäsche gewaschen werden, das heißt: Heute, jetzt sofort, und morgen gleich wieder.

Am Nachmittag fahren wir mit dem üblichen Bus zum Ito Yôkadô, steigen dort in den 100-Yen-Bus um und fahren zum „Cub Center“, einem „GLOBUS“ ähnlichen Verbrauchermarkt, das sich fast genau gegenüber vom Book Off befindet. Es schneit wieder stark, und der Schnee ist nass. Die Bürgersteige neben der Hauptstraße sind nicht geräumt und wir müssen uns auf kleinen Trampelpfaden fortbewegen, die nicht nur glatt, sondern zum Teil auch noch sehr abenteuerlich mit Eistrümmern „verziert“ sind, die vom Räumdienst von der Straße entfernt wurden. Man kommt sich vor wie in den Bergen! Und das ist ausnahmsweise kein Lob an die Landschaft.

Was die anderen drei im Book Off kaufen, habe ich mir nicht gemerkt, ich jedenfalls nehme die CD „Fuwari“ von Hayashibara Megumi mit, und das für 750 Yen. Billiger werde ich sie kaum bekommen. Zwischendurch muss ich aber auch kurz in das nebenan befindliche Restaurant eilen, um eine Toilette aufzusuchen… Boco ist da fast so gut wie Pfirsich-Eistee von Solevita! Danach suche ich für Freunde nach dem Hörspiel zur Manga-Reihe „Skip Beat!“ und nach dem Album „ID“ von Aikawa Nanase. Leider sind die Titel nicht verfügbar. Es sind aber noch zwei oder drei Läden übrig, in denen ich nach gebrauchten CDs fragen kann. Wir verlassen den Laden erst bei Anbruch der Dunkelheit und kehren nach Hause zurück.

Wir fangen an, die Serien, die Ricci mitgebracht hat, anzusehen, und die erste Nummer ist „Full Metal Panic – Fumoffu!“. Ich lache mir einen Ast und bin bemüht, nicht vom Stuhl zu fallen. Hinterher tut mir der Kopf weh vor Lachen. „Full Metal Panic“ war schon eine hervorragende Serie mit Humoreinlagen, die meinen Geschmack ziemlich genau trafen, nicht zuletzt, weil ich Teile meiner Persönlichkeit in der männlichen Hauptfigur Sagara Sôsuke wiedererkenne. „Fumoffu!“ ist eine Art Zugabe. Es geht dabei nicht darum, irgendeine Handlung aus der ursprünglichen Serie weiterzuführen, oder etwa eine eigene, neue, auf die Beine zu stellen. Die paar Episoden sind locker zusammengemischt und der rote Faden fehlt ihnen. Es geht wohl nur darum, das Verhältnis von Sôsuke und Chidori weiter auszuschmücken und den übertriebenen, militärisch-rationalen Unsinn von Sôsuke noch stärker zu betonen. Man könnte die „Fumoffu!“ Episoden wahrscheinlich ganz unauffällig in die Hauptserie einfügen, ohne dass es einem Uneingeweihten auffallen würde.

Wir sehen uns dann abends „Ace o nerae“ an, was, wie ich vermutet habe, von unserem Besuch natürlich nicht mit allzu viel Ernst betrachtet wird. Das wäre auch fehl am Platze, auch wenn die Serie möglicherweise durchaus ernst gemeint ist. Aber der Schmalz darin reizt doch immer wieder zu zwanglosen Kommentaren. Von „Doll House“ können wir nur noch die letzte halbe Stunde sehen, weil sich die Sendezeit aufgrund des Fußballspiels Japan-Malaysia verschoben hat.

5. Februar 2024

Donnerstag, 05.02.2004 – Der Anfang vom Ende

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Über Nacht hat es 10 cm Neuschnee gegeben und der Himmel am Morgen ist strahlend blau. Die Aussicht aus der Balkontür ist sehr schön, aber ich muss davon ausgehen, dass es knochig kalt ist. Der erste Schritt vor die Haustür bestätigt diesen Verdacht. Und natürlich ist es glatt. Also vorsichtig gehen.

Yamazaki-sensei arbeitet heute mit uns Übungsblätter durch, nachdem wir gestern mit dem Lehrbuch fertig geworden sind. Ich hätte mir gewünscht, dass er vielleicht die wichtigsten Inhalte noch einmal wiederholt, angesichts der Klausur kommende Woche. Mit Anteilen aus der ersten Semesterhälfte, aber mit Schwerpunkt auf der zweiten, sagt er. Das kann ja heiter werden.

Die Endphase des Semesters beginnt dann heute mit der ersten Abschlussarbeit, der Kultur-Klausur. Ich empfinde sie als nicht wirklich schwer, aber Essay-Aufgaben waren noch nie mein Ding, weil ich nie sicher bin, ob ich den Punkt auch treffe. Hinzu kommt, dass ich eigentlich zu gut gelaunt bin. Das ist mir verdächtig, weil ich mir den Zustand nicht erklären kann. Vielleicht ein Ausdruck von Nervosität. Einige meiner Formulierungen lassen sogar ein gewisses Maß an Ironie erkennen. Aber schließlich geht es unter anderem um die Verbreitung des Christentums in Japan – wie könnte ich da ernst bleiben? Ich schreibe abschließend einen Vermerk darunter, in dem ich Sawada-sensei bitte, doch auch meinen Stil zu kommentieren. Es sind noch zwei Minuten bis zum Schlussgong. Ich nutze damit die Zeit und den Raum (eine Doppelstunde und zwei Seiten Papier im Format A3) optimal aus, ohne Eile, aber auch ohne zu wissen, ob das nun gut oder schlecht war.

Nach der Arbeit mache ich einen elektronischen Abstecher ins Forum von Animetric.com. Bis heute habe ich 16 Episoden der irren Serie „Oruchûban Ebichû“ gesammelt, und hier finde ich den Hinweis, dass es insgesamt 27 davon gibt. Oder „geben soll“. Na hurra. Ich habe keine Idee, wo ich den Rest auch noch herbekommen könnte. Elf der Episoden sind also offenbar nie von den FanSub Teams bearbeitet worden… eigentlich schade. Immerhin handele es sich dabei, so ist da zu lesen, um eine Reihe von einzelnen Episoden, die untereinander nur einen lockeren Zusammenhang haben und nicht wirklich auf eine Art Ende hinzuarbeiten scheinen. Also werde ich vorerst damit leben können.

Ich verständige mich anschließend schriftlich mit Ricci, um ihr, wie auch Melanie, mitzuteilen, was sie alles für die Dauer ihres Besuchs bitte mitbringen soll. In erster Linie geht es dabei um TV-Serien, aber ich möchte auch Zugriff auf die Unzahl ihrer Musiktitel (4000?) erhalten, die sich auf ihrer Festplatte befinden.

Am späten Nachmittag sehe ich eher zufällig meine verehrte Tutorin wieder, die sich dafür entschuldigt, den letzten Termin vergessen zu haben. Aber so ernst nehme ich diesen Zwischenfall nun wirklich nicht, da ich inzwischen alleine ausgetüftelt habe, wie das mit dem Bankautomaten funktioniert. Ich hoffe nur, mir das alles bis zum nächsten Mal merken zu können.

Die morgige Klausur verhindert leider, dass ich den TV-Abend voll nutzen kann. Bis auf „Mujin Wakusei Survive!“ („Überleben auf einem unbewohnten Planeten!“) muss alles aufgenommen werden. Und ich finde es übertrieben, die Serie so zu nennen, weil sich die Handlung lediglich auf einer kleiner Insel abspielt, die offenbar mitten in einem riesigen Ozean liegt. Und die Insel ist so klein, dass die gestrandeten Kinder sie zu Fuß binnen eines Tages von Süden nach Norden durchqueren können, inklusive Klettertour.

1. Februar 2024

Sonntag, 01.02.2004 – Neue Serien

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Ich muss noch ein paar Fakten über die hiesige Kultur auswendig lernen, um in der kommenden Klausur auch etwas präsentieren zu können, also gehe ich nicht in die Bibliothek. Außerdem muss auch hier noch was getan werden. Das übliche Wäschewaschen gehört dazu.

Wir haben am Morgen ein paar Animeserien aufgenommen, die uns nichts sagten, um mal zu sehen, was davon zu halten ist. Da wäre „Tantei Gakuen Q“, also „Detektivschule Q“. Die Grafik ist gut – wirklich. Aber meines Erachtens handelt es sich dabei um einen „Meitantei (Detektiv) Conan“ Klon: Ein Team von Schülern löst Kriminalfälle, hin und wieder muss auch eine/r von ihnen gerettet werden und gegen Schluss hält der Anführer einen ewig langen Monolog, in dem er die Tat herleitet, das Warum und Weshalb und vor allem auch das Wie, und wie man dem bösen Täter denn nun auf die Schliche gekommen sei. Das muss nicht sein. Außerdem läuft die Serie ja bereits seit einer Weile und es macht wenig Sinn, sich in die laufende Handlung zu schalten. Obwohl ich eher annehme, dass die Reihenfolge der Episoden völlig unwichtig und die Folgen so in sich geschlossen sind, dass alles, was man verpasst haben kann, die Vorstellung der Charaktere gewesen sein dürfte.

Und was ist das hier… „Duel Masters“? Der Name verheißt schon nichts Gutes. Und siehe da, wie ich mir dachte geht es um – tadaa! – Duelle mit Spielkarten! Eine Merchandisingserie für Jungs, die darauf abzielt, ein Kartenspiel zu vermarkten. Als ob es davon nicht bereits genug gäbe. Das Original war schon Schrott.

Aber es gibt auch eine neue Serie für Mädchen: „Futari wa Purikyua“ heißt sie. „Purikyua“ ist japanisch kurz für (engl.) „pretty cure“, also „hübsche Heilung“. „Futari“ sagt aus, dass es sich um zwei Personen handelt. Und die Serie sprüht vor Originalität! Oh Himmel… hier wurde das Genre „Mahô Shôjo“ („Magical Girls“, also weibliche Helden, die sich verwandeln und die Welt retten) mit „Yû Gi Ô“ verschmolzen.
Wir haben hier zwei Mädchen, die eine intelligent und analytisch, die andere sportlich und impulsiv, die sich mit Hilfe von Karten – ja: schon wieder Karten! – in Kämpferinnen für das Gute verwandeln, indem sie diese durch ein Lesegerät ziehen, das sie immer mit sich führen. Die Verwandlungssequenz der beiden ist fast zwei Minuten lang – und sie läuft jedes Mal! Böse Dämonen fahren in technische Gegenstände, saugen Leuten Energie ab und die beiden Mädels machen sie wieder ’putt. Alles wie gehabt. Aber die Bösen haben einen gewissen Coolnessfaktor, weswegen ich mir das Programm zumindest sporadisch ansehen werde. Außerdem geht der Regisseur die Angelegenheit ein wenig parodistisch an, warum also nicht. Natürlich rollt die Werbung gleich von Anfang an mit, und man kann die Karten und Lesegeräte mit den passenden Gürteltaschen kaufen. Wenn man die Karten einliest, erscheint auf dem Display ein eher sinnfreier Text, der wohl eine Art Tagesmotto ausgeben soll.[1]

Mein persönlicher Lichtblick ist „Kaiketsu Zorori“. Das Titellied gefällt mir. Es wird nie in den Top 100 landen, und es wird vom Sprecher Zororis (das ist der Name des Protagonisten) selbst gesungen. Wenn ich den Namen im Abspann richtig lese, handelt es sich bei dieser Person um keinen geringeren als Yamadera Kôichi!
Nicht-Eingeweihte kennen den natürlich nicht, und das ist ja auch in Ordnung. Animefans müssten zumindest ins Grübeln gekommen sein, aber Liebhaber der Serie „Cowboy Bebop“ müssen sich in Grund und Boden schämen, wenn sie den Mann nicht vom Namen her kennen: Yamadera Kôichi ist die Stimme von Spike Spiegel. Wenn ich mir jetzt vorstelle, wie Spike „Hassuru! Hassuru!“ singt, muss ich schon fast lachen.

Na, wie dem auch sei. „Kaiketsu Zorori“ ist recht offensichtlich für Kinder gemacht, mit Tiercharakteren. Das Setting ist – wie soll ich sagen? – „romantisiert euro-japanisch“. Man stelle sich also mal einen rollenden Nudelsuppenverkäufer in Rothenburg o.d.T. vor, wie er eine Holzkarre mit Töpfen und japanischer Aufschrift auf den Marktplatz stellt. Natürlich ist das Ganze in der fantastischen Welt der Märchen und Sagen angesiedelt. Es gibt Könige und Prinzessinnen, Ritter und Drachen, Magier und umherziehende Abenteurer. Zorori, der Held, ist ein solcher. Er ist ein Fuchs, und diese Metapher sagt im Westen und im Osten etwa das gleiche aus. Er freundet sich mit den Kindern Ishishi und Noshishi (der Japanologe kann anhand dieser Namen erraten, dass es sich bei den beiden um Wildschweine = „Inoshishi“ handelt) an, indem er die bereits erwähnte Rollkarre mit den Suppentöpfen klaut und im Schweinsgalopp aus der Stadt verschwindet, um sich zusammen mit den beiden Brüdern den Bauch vollzuschlagen. Er trägt in dieser sehr europäisch anmutenden Welt ein Ronin-Kostüm mit japanischem Strohhut, Umhang und Strohsandalen, wie man das von wandernden, herrenlosen Samurai quaasi gewohnt ist. Aber wenn er sich als Held in Szene setzen will, dann reißt er sich das in einem Ruck vom Leib und erscheint als Zorro, mit spanischem Hut, Augenmaske, Umhang und Degen. Beim Saltosprung vom Balkon verschätzt er sich in der Höhe aber auch schon mal um zwei Meter. Einer der wenigen Helden, die beim Angeben auf die Schnauze fallen. Ich mag ihn.

Natürlich drängt es ihn nach Reichtum, Macht und hübschen Frauen, und er tut so einiges, um das zu erreichen. So bastelt er z.B. einen mechanischen Drachen (man beachte das Setting!), den er mit seinen beiden neu gefundenen Schülern steuert, um eine Prinzessin zu entführen. Er will dann als Retter auftreten, die Prinzessin heiraten und das halbe Königreich als Belohnung erhalten, wie es ja Brauch gewesen zu sein scheint. Den eigentlichen Ritter lässt er von den verkleideten Ferkeln mit irgendwelchen toll aussehenden, aber völlig nutzlosen Gegenständen ausrüsten und eignet sich dessen Rüstung selbst an, bevor… bevor er den Ritter mit… mit einem riesigen Reisbällchen überrollen lassen will. Ich lache mich schief. Natürlich schlägt sein Plan fehl, womit er sich in die Reihe der sympathischen Antihelden neben dem Kater Sylvester und dem genialen Kojoten einreihen dürfte.
Auch hiervon gibt es sofort Merchandising – „Zorori“ Schlafanzüge!


[1] Pretty Cure wurde eine meiner Lieblingsserien, oder genauer: Die erste und die zweite Staffel, in denen Honoka und Nagisa die Hauptrollen sind. Pretty Cure wurde allerdings auch ein nie endendes Medienmonster – es kommt etwa jedes Jahr eine neue Staffel heraus, in der Regel mit neuen Protagonistinnen, die sich alle im gleichen Handlungsuniversum aufhalten, weswegen es mehrere „All Stars“ Filme zur Serie gibt, in denen alle bisherigen magischen Mädchen gleichzeitig auftreten. Zu meiner Überraschung gibt auch „Otona PreCure“ Staffeln, in denen die Protagonistinnen eben keine Schülerinnen, sondern erwachsene junge Frauen sind. Leider finde ich keine Gelegenheit, etwas davon zu sehen.

31. Januar 2024

Samstag, 31.01.2004 – SailorMoon, quo vadis?

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Minako gibt sich endlich als SailorVenus zu erkennen (wenn auch nur Rei gegenüber), und sie hat die übelste Verwandlungssequenz von allen! Da hat jemand bei der Planung ein bisschen übertrieben. Ein bisschen viel Pathos schwingt da mit. Außerdem sieht ihr Gesicht im Profil nicht sonderlich gut aus. Gut, das Gesicht sieht auch von vorne nicht wirklich überzeugend aus. Minako sieht offenbar ständig bekifft aus. Sogar Ami sieht besser aus, wenn auch bürgerlich-braver. Ich will Venus immerhin zu Gute halten, dass sie für die Rolle die richtige Ausstrahlung hat. Zumindest nach meinem Empfinden, will ich vorsichtig ergänzen.
Hm… Minako kniet wirklich sehr inbrünstig vor dem Altar. Aber Japaner denken sich ja wenig bei Religion – es kann ja nicht schaden, noch ein paar weitere Gottheiten mit zu verehren. Leider hat der Christengott da eine Ausschlussklausel… egal. Wie es der Zufall will, liegt Reis Mutter just auf dem kleinen Friedhof vor der Kirchentür – daher die spätere Enthüllung, weil Rei ja zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort erscheint.

Ich werde endlich mit meinem Bericht über den 31.12.2003 fertig – was war das für ein Kampf! Ich habe an dem Tag wohl wirklich genug für eine ganze Woche erlebt.

Am Nachmittag gehen wir ins Ito Yôkadô, weil ich den „Bôbobo“ Soundtrack kaufen will. „Shiawase“ von Money Lover finde ich, aber „Wild Challenger“ von JINDOU bleibt verschollen. Ja, der sei gerade ausverkauft. Ich solle einfach nächste Woche noch einmal vorbeikommen, am Montag komme die nächste Lieferung.
Melanie kauft den Soundtrack von „Ô-oku“. Das ist die Bezeichnung für den innersten Teil des Palastes des Shôguns, wo die Frauen wohnen. „Oku“ heißt „innen“ und deswegen nennt man Ehefrauen allgemein auch „Oku-san“ – das ist eben die Person, die im Haus ist, bzw. bleibt. Der Soundtrack ist ganz nett, aber ich finde ihn irgendwie unpassend. Das Hauptthema wird mit Akkordeon gespielt und hört sich mehr an wie aus einem Drama um eine Pariser Theatertruppe.

Derzeit scheinen „Tom & Jerry“ auf einem Höhenflug in Japan zu sein. DVD und VHS Sammlungen werden angeboten, und es läuft sogar ein „endloses“ Band vor der Multimedia-Abteilung. Ich bleibe gerne stehen und sehe ein bisschen zu. Ich stelle fest, dass auch in Japan gewisse Stellen synchronisiert wurden, aber zum Glück wurde auf einen Hintergrundsprecher verzichtet. Spike, der Hund, und Nibbles, die kleine Maus, haben auch im Originalton Text und der wurde natürlich japanisch vertont. Leider wurden auch verschiedene Lautäußerungen neu vertont, und das finde ich weniger reizend. Seltsamerweise aber nicht alle, also bin ich mir nicht sicher, was das Studio sich dabei gedacht hat. Auf jeden Fall freue ich mich sehr, dass die „Tom & Jerry“ Cartoons endlich käuflich zu erwerben sind. Ich habe schon lange darauf gewartet. So ungefähr… knapp 20 Jahre. Jetzt bleibt natürlich zu hoffen, dass das nicht auf Japan beschränkt bleibt.

Nachdem wir bei den CDs fertig sind, landen wir eher zufällig in der Manga-Abteilung, weil ich eine „Bôbobo“ Büste dort gesehen habe. Der Manga liegt komplett zum Verkauf aus. Ich kaufe mal Band 1. Die Serie ist von 2001, wie ich im Innenteil lese… und dies hier ist die 17. Auflage? Wow, scheint sich gut verkauft zu haben – sonst gäbe es wohl auch den Anime nicht.

Wir gehen ins „Skylark“ zum Essen. Es ist nicht ganz so gut wie das „Saizeriya“ in Tokyo, aber ich bin zufrieden, auch mit den Preisen. Die Pizza schmeckt, sie hat 25 cm Durchmesser und man bekommt sie für umgerechnet etwa 3,60 E. In Japan ist das ein sehr entspannender Preis. Ich probiere auch einen Hamburger. Er ist besser als bei McDonald’s und größer. Aber ich stelle dennoch fest, dass Hamburger einfach nicht etwas sind, was ich öfters essen will. Bemerkung am Rande: „Hamburger“ sind in Japan generell das, was sie auch überall auf der Welt sind, aber es gibt auch etwas, das nennt sich „Hamburg“ – dabei handelt es sich um Hackbraten!

Der „Bôbobo“ Manga erweist sich als lustig und vor allem als anfängerfreundlich. Alle Kanji sind mit ihren Lesungen versehen, so dass man nicht erst suchen muss, wie man den Krempel liest, bevor man zum Verständnis der Bedeutung schreiten kann. Außerdem sind Kanji in Manga allgemein auch oft genug so klein, dass das ungeübte Auge nur einen Farbklecks oder chaotische Linien sieht. Ganz zu schweigen von den Eigenkreationen mancher Autoren. Ich glaube, ich werde mir irgendwann die ganze Reihe kaufen – das sind 11 Bände. „Irgendwann“ bedeutet allerdings, dass es nicht mehr während meines diesjährigen Aufenthaltes sein wird.[1]


[1] Dies geschah aber nie und ich habe im Laufe der Jahre auch das Interesse verloren.

27. Januar 2024

Dienstag, 27.01.2004 – Arbeitsentlastung

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Wegen der Schneemassen, die heute Morgen vom Himmel fallen, wird der Gang zur Uni wieder zur Rutschpartie, aber im Gegensatz zu Melanie schaffe ich es, ohne Bodenkontakt anzukommen.

Der Unterricht läuft wie immer vor sich hin und in unserem Buddhismus-Seminar erfahren wir, dass es eine Abschlussklausur und eine Hausarbeit geben wird. Aber Prof. Philips sagt, dass ihm zwei bis drei gründlich durchdachte Seiten völlig genügen würden. Das ist doch was… denn wenn ich meine Kommentare zusammenfasse, die ich in den letzten Wochen über das Thema niedergeschrieben habe, kann ich damit schon ein kleines Buch füllen, und den Rest kann ich dann noch mit der Beschreibung der grundlegenden Begriffe auffüllen. Ich glaube, ich lasse die Lebensdaten von Siddharta Gautama und meine Kommentare zu seinem Leben einfach weg, dann passt das schon. Meine einzige Sorge ist wieder der Schluss der Arbeit. Ich muss ja zu einer Art Schlussfolgerung kommen, oder überhaupt eine Art Schlusskommentar verfassen. Aber da fällt mir wohl schon noch was ein.

Wegen technischer Grundsatzfragen besuche ich Philips nach dem Unterricht in seinem Büro und schaffe es tatsächlich, zwei Stunden zu bleiben. Allerdings muss ich zugeben, dass ich das „Betriebsverhältnis“ etwas geölt habe. Philips redet gerne über Afrika, er kommt eher früher als später auf dieses Thema und ich muss nur eine oder zwei Fragen stellen, um Geschichten aus Nigeria zu hören und seine Homepage vorgeführt zu bekommen, auf der man unter anderem eine Bildergalerie vorfindet. Auf diesen Bildern sieht man einen wesentlich jüngeren Prof. Philips, mit Farbe im Haar und ohne Bürobauch, auf seiner Expedition in Westafrika. Ich muss allerdings kein Interesse an der Geschichte und den Kulturen Afrikas heucheln, falls das jemand meint. Ich interessiere mich tatsächlich, wenn auch relativ oberflächlich, für diese Dinge.

Außerdem war er in der Lage, mir ein afrikanisches Restaurant zu empfehlen, für das ich noch nicht einmal nach Tokyo fahren muss. Das Restaurant befindet sich in Akita, und man serviert dort – ich höre die Witze bis nach Japan – äthiopische Küche. Jetzt kann ich äthiopische Küche natürlich überhaupt nicht von nigerianischer unterscheiden (von der ich nur weiß, dass sie sehr fleischhaltig sein soll, wie mein nigerianischer Bekannter Bede sagt), aber ich möchte es mir nicht entgehen lassen, afrikanisch zu essen. Mal sehen, wann ich nach Akita komme.

Danach gehe ich in die Bibliothek, sehe nach meiner Post und schreibe an meiner Hausarbeit. Das Animetric Forum versorge ich mit einer Sammlung von japanischen Zähleinheitsbegriffen, und bei E-Bay werden zwei weitere Artikel eingestellt.

Ich komme relativ spät nach Hause und natürlich habe ich beim Einkaufen wieder die Mandarinen vergessen. Trotz des daher „akuten Vitaminmangels“ genieße ich das Essen, das Melanie gekocht hat. Fleischröllchen mit… Füllung. Fast eine Art Roulade. Leider erweisen sich die Pilze in der Füllung als ein wenig zäh… man kann sie natürlich essen, allerdings ich glaube nicht, dass es geplant ist, dass man die Dinger beim ersten Bissen komplett mit rauszieht. Aber der Gesamtgeschmack ist sehr gut. Das möchte ich noch einmal essen. Ich habe allerdings keine Ahnung, was man mit diesen Pilzen machen muss, damit man sie auf Anhieb abbeißen kann.

Wir können uns endlich… nein: Ich kann mir endlich die Bôbobo Episode von der letzten Woche ansehen (Melanie bekommt davon eher innere Blutungen), und die Serie erweist sich weiterhin als unterhaltsamer Nonsens – schon beinahe Nihilismus. In der Serie wird dauernd gekämpft (nach einem Muster, wie man es in DragonBall schon gesehen haben mag: der Held zieht von einem Gegner zum nächsten), aber die Figuren machen so viel Unsinn nebenher, dass überhaupt keine Spannung darüber aufkommt, wie denn der Kampf ausgehen könnte. Man vergisst ihn beinahe vollkommen. Aber Bôbobo hat für mich andere Qualitäten, es ist gerade das Chaos in der Handlung (Handlung?), das den Reiz für mich ausmacht.
Hey, und morgen erscheint der offizielle Soundtrack! Das heißt, das Titel- und das Endlied, natürlich auf getrennten Singles für jeweils 1000 Yen. Dann muss ich ja bei nächster Gelegenheit gleich mal einkaufen gehen.

12. Januar 2024

Montag, 12.01.2004 – Invasionsvorbereitungen

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Heute lacht die Sonne wieder, und damit beginnt die sechste Schneeschmelze des laufenden Winters. Wegen der Schneefälle in letzter Zeit gibt es auch einiges zu schippen, und die Leute kippen den geräumten Schnee für gewöhnlich in die kleinen Bäche, die sich offen durch das gesamte Stadtgebiet ziehen. Anderswo hätte man diese Bäche wohl zubetoniert und unterirdisch laufen lassen, aber nicht hier im Norden. Die Einschnitte finden im Winter ihren wahren Verwendungszweck als Schneeendlager. Zum Teil sind die Vertiefungen gar nicht mehr zu erkennen. Im Gegenteil: Wo sich vor kurzem noch der Bach entlang schlängelte, und das etwa einen Meter unterhalb der Straße, befindet sich jetzt eine Hügelkette aus Schnee, etwa zwei Meter hoch.

Am Abend wird ein so genanntes „Special“ der Serie Mujin Wakusei Survive gesendet („Überleben auf einem unbewohnten Planeten“), was ich mir aufnehmen lasse. Als ich aber endlich nach Hause komme und das Band laufen lasse, stelle ich fest, dass es sich dabei um einen dieser unnötigen Rückblicke, eine Zusammenfassung der vergangenen Episoden, also lediglich um „Szenenrecycling“, handelt. Ich habe das bisherige Geschehen noch ganz gut im Kopf, also wäre es reine Zeitverschwendung, mir das anzusehen. Abgehakt. Aber zu meiner großen Freude wird die Animeserie Montana in den kommenden Wochen wiederholt. Natsukashii! Der volle Titel der Serie lautet übrigens Bôken Kôkû Gaisha Montana, übersetzt etwa Abenteuerfluggesellschaft Montana. Wobei „Montana“ der Vorname des Protagonisten ist. Ein Abenteurer mit Hut und Lederjacke. Und sein Vetter heißt Henry. Ein Archäologe mit Hut und Lederjacke. Und „Jones“ ist ihr Familienname.

… bei genauerer Überlegung und unter Zuhilfenahme meines bisherigen Tagebuchs fällt mir ein, dass ich im vergangenen Oktober bereits davon berichtet habe, dass „Montana“ hier im Fernsehen läuft.

Melanie kauft im Sunday Home Center eine weitere Pfanne. Erstens brauchen wir eine (je nachdem, was wir essen wollen) und zweitens sind die Dinger gerade im Angebot, für etwa die Hälfte des Originalpreises. Und wir brauchen die Pfanne auch aus dem gleichen Grund, aus dem wir auch die ausklappbare Matratze kaufen, die ebenfalls dieser Tage im Preis reduziert sind: Wir werden demnächst Besuch bekommen, und es soll ja niemand auf den Reisstrohmatten schlafen müssen.

Der Rest des Tages vergeht mit Hausaufgaben.

10. Januar 2024

Samstag, 10.01.2004 – Armed and harmless

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Heute läuft, endlich nach der Neujahrsunterbrechung, die erste SailorMoon Episode des neuen Jahres. Und das Jahr fängt gar nicht gut an. Meine Hoffnungen, die Serie könnte in großem Stil Eigenleben entwickeln, zerschlagen sich weitgehend. Ja, Kunzyte hat Usagi/SailorMoon zwar mit einem Yôma „infiziert“ und im Anschluss sogar vom Krankenbett entführt, aber statt mal so richtig Amok zu laufen, ihre Senshi aufzumischen oder sonstiges Unheil zu stiften, liegt sie im Negaversum einfach nur rum – schlafend auf einer Art Steinbett. Merkur kommt zwar, sie zu retten, bald gefolgt von den übrigen Senshi und Tuxedo Kamen, aber Usagi heilt sich im Prinzip selbst. Bäh, wie einfallslos. Ich fühlte mich ein bisschen an die Geschichte von Rasputin erinnert, dem man genug Gift ins Essen getan hatte, um damit zehn Elefanten niederzustrecken, der aber darauf nur herzhaft rülpsen musste – es ist anzunehmen, dass sein ständiger Alkoholmissbrauch ihn quasi gerettet hat. Aber gut, Usagi rülpst nicht. Sie macht die Augen auf, gähnt, und ist wieder bester Dinge, als sei nichts geschehen. Kunzytes Gesicht war einfach toll.

Venus hat sich noch immer nicht zu der Truppe bequemt und so langsam frage ich mich, welche dramatischen Ereignisse sie dazu bewegen könnten, sich den anderen so richtig anzuschließen. Ich fürchte: Es wird der Endkampf sein. Komatsu Ayaka scheint die leichteste Rolle zu haben, gemessen an ihrer Bildschirmpräsenz. Aber dafür rennt sie auch rum, als hätte sie an der Uhu-Tube geschnüffelt. Mit abgestreckten Armen, als sei sie der Meinung, fliegen zu können, wenn sie schnell genug läuft. Es ist jedes Mal aufs Neue lustig.

Ich bin müde, also schlafe ich weiter, bis 12:00. Vorher war da kein Wachwerden.

Ich will in der Bibliothek aber auch noch mindestens einen Bericht schreiben, also mache ich mich baldigst mit Melanie zusammen auf den Weg. Das heutige Wetter muss ich als „warm“ bezeichnen. Man spürt die Sonne richtig auf der Haut. Nach 500 Metern verstaue ich Schal und Handschuhe wieder im Rucksack, weil ich merke, dass es sonst nicht mehr lange dauern wird, bis ich in Schweiß ausbreche. Ja, wo ist er denn, der harte Hirosaki-Winter, der angeblich Mitte November anfangen und bis Mitte März andauern soll? Wo sind die unglaublichen Minustemperaturen, die man mir prophezeit hat? Wo sind die Berge von Schnee? Bis jetzt haben sich Frost, Schnee und Eis noch nicht länger als drei Tage am Stück halten können. Und die angekündigten „zwei bis sechs Meter Schnee“ habe ich bis dato nur in Form von Abraumhalden gesehen. Ich erinnere mich an härtere Winter in Deutschland. Ich gehe derzeit davon aus, dass der Winter in Hirosaki generell nicht härter ist als in Deutschland, dass aber diese Legende von Leuten, die möglicherweise nicht sonderlich winterfest sind, mehr oder minder absichtlich gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Vor zwanzig Jahren sei der Winter viel härter gewesen, heißt es, unter anderem von Professor Vesterhoven. Ja, das ist mir klar. Vor zwanzig Jahren war auch Winter in Deutschland noch richtiger Winter. Was interessiert mich die Wetterlage in Japan von anno 1983/84? Ich bin jetzt da. Ich wollte hier mal einen richtig extrem verschneiten, sibirisch kalten Winter erleben und werde bisher herb enttäuscht.

Enttäuscht bin ich auch von der Bibliothek. Die nutzt nämlich den Feiertag am Montag, um übers Wochenende Urlaub zu machen. Also wieder kein Bericht heute. Wir gehen stattdessen in die Stadt. Dort gibt es einen Laden, wo man gegen Entgelt eine oder mehrere Stunden im Internet surfen kann. Ein Internetcafé möchte ich es nicht nennen. Es ist ein Laden, der gebrauchte Manga, CDs und sogar Schallplatten verkauft und zwei Quadratmeter für Internetnutzer frei gemacht hat. Im hintersten Eckchen von dem Laden kann man auch Videospiele spielen und, wie sollte es anders sein, Sammelkarten tauschen oder die entsprechenden Kartenspiele spielen. Der Preis für eine Stunde Internet liegt bei 200 Yen, also etwa 1,50 E. Und man bekommt ein Getränk umsonst dazu. Ich erinnere mich, dass Mitte der Neunziger Jahre eine halbe Stunde im Karstadt (Saarbrücken) mal 5 DM gekostet hat, ohne irgendwelchen Service. Melanie kauft eine Stunde und erlaubt mir, schnell meine Post durchzugehen. Den Rest der Zeit verbringe ich damit, den Laden nach brauchbarem Material zu durchsuchen.

Das Angebot an CDs von Tomoyasu Hotei (er hat sowohl den Antagonisten in „Samurai Fiction“ als auch den dazu gehörenden Soundtrack gespielt) und TWO MIX gefällt mir, aber was mir nicht gefällt, sind die Preise. Aber ich kaufe zwei Soundtracks von „Yû Yû Hakusho“, in erster Linie, weil Ogata Megumi mit von der Partie ist und in zweiter Linie, weil man die bestimmt auch wieder mit Gewinn verkaufen kann. 900 Yen pro CD sind annehmbar als Einkaufspreis. Hm… aber bei dem Zustand der Plastikhülle hätte ich das gleiche Produkt im Book Off wahrscheinlich für die Hälfte bekommen. Da wäre zum einen „Karaoke Battle Royal“ und „Music Battle 2“. Die Karaoke CD ist ein Doppelpack. Auf der ersten CD befinden sich die Originallieder, auf der zweiten CD die Instrumentalversionen. Das Booklet präsentiert alle Songtexte, die Titel sogar in lateinischer Umschrift. Leider stellt sich am Abend heraus, dass beide Produkte nicht genug zu bieten haben, als dass ich sie behalten wollte, also werden sie für den Verkauf vorgemerkt.[1]

Der Laden hat aber, wie ich feststelle, wirklich altes Material. Ich sehe in einer Ecke Kartonstapel und Ausstellungsmodelle von „Sega Saturn“, „Super NES“, alte GameBoys aus der ersten Produktionsreihe (1989) und „Playstation“ Konsolen, daneben ebenso altes Zubehör – zum Beispiel die Bazooka für das Super NES, von der ich bisher angenommen hatte, ihre Existenz sei nur ein Gerücht.

Es gibt also auch GameBoys und Gameboy Pocket Modelle. Hm… jetzt habe ich bereits seit Monaten das „SailorMoon R“ Spiel in meiner Schublade rumliegen und möchte es ausprobieren… aber die Color GameBoys sind mir zu teuer, die alten sind mir zu schlecht (und sie brauchen vier Batterien) und für die Pocket GameBoys brauche ich spezielle, kleinere Batterien – also verwerfe ich den Gedanken wieder.

Schließlich finde ich auch Artbooks, aber das Angebot ist schwach, und der Zustand ist fragwürdig. Zuletzt gibt es hier eine ganze Wand mit alten Schallplatten und LDs, und gerade Schallplatten sind etwas, das jemand, der jünger als 20 Jahre ist, bestenfalls noch vom Hörensagen kennt, wenn er nicht mal beim Aufräumen des Dachbodens zufällig auf eine verstaubte Kiste der Eltern oder Großeltern gestoßen ist. Aber die Titel, die hier herumliegen, sagen mir alle nichts, obwohl die Mehrzahl nicht japanischen Ursprungs ist.

Weil sonst nichts mehr da ist, sehe ich mir die alten Manga eben auch noch an. Und ich werde nach wenigen Sekunden fündig. Ich finde einen SailorMoon Anime-Manga. Also nicht einen Band der ursprünglichen Manga, sondern einen Band der Veröffentlichung, die die Geschichte anhand von Bildern aus der Animeserie nacherzählt, mit Sprechblasen und so. Und wie es der Zufall will, handelt es sich um einen ganz besonderen Band. „Besonders“ deshalb, weil er mir etwas über die Originalfassung verrät, was ich schon lange habe wissen wollen. Es handelt sich um Band #8, und das Kapitel, bzw. die Episode, behandelt den Tod von Zoisyte. In der deutschen Version der Serie nun sagt er im Angesicht des Todes an dieser Stelle: „Kunzyte… lass mich in Schönheit sterben…“, worauf Kunzyte die Illusion einer Blumenwiese mit rieselnden Rosenblättern erzeugt, um ihm den Wunsch zu erfüllen.[2]

So (ha!), jetzt gibt es in der japanischen Version natürlich auch diese Blumen und die Blütenblätter, aber Zoisyte sagt: „Kunzyte-sama… anata no Ude no naka ni shinitai…
Für alle die, die des Japanischen nicht mächtig sind: „Verehrter Kunzyte… ich möchte in Deinen Armen sterben…
Man beachte den feinen Unterschied. Die Blumen waren also nur nettes Beiwerk und Kunzytes höchsteigene Idee. Ich sehe aber von einem Kauf ab. So wichtig ist es nun auch wieder nicht, und es reicht mir, zu wissen, was ich wissen wollte.

Wir gehen schließlich wieder. Und es hat wieder zu schneien begonnen. Mal sehen, wie lange es diesmal hält. Es schneit nicht einmal eine Stunde lang, und obwohl es in manchen Augenblicken ziemlich kräftig vom Himmel schneit, reicht der Schneefall nicht einmal aus, um als Verzierung für die freigeschmolzenen Stellen zu dienen.
Auf dem Rückweg nach Nakano gehe ich ins kleine Naisu Dô und kaufe die HK MP5. Sie hält von nahem betrachtet, wirklich nicht viel her, aber eigentlich will ich, sobald das Wetter es zulässt, nur ein paar Bilder davon machen und sie dann verkaufen. Wohl kaum nach Deutschland.
Den Einkauf der Getränke will ich auf später verschieben, vor allem, weil ich jetzt ein relativ großes Paket mit mir rumschleppe. Nicht schwer, aber sperrig. Und was würden Kunden und Belegschaft wohl davon halten, wenn ich mit einer Maschinenpistole im Gepäck in den Supermarkt marschiere?

Zuhause stopfe ich eine dreifache Portion Reis in mich hinein und sehe mir „Sazae-san“, „Crayon Shin-chan“ und natürlich „Bobobôbo Bôbobo“ an. Ich bewundere immer wieder die Eigenschaft dieser Serie, einen Aufbau wie „DragonBall“ zu haben (die Gruppe kämpft sich von einem Gegner zum nächsten), aber nicht einen Moment lang eine Art Spannung aufkommen zu lassen, wie man sie von dieser Art von Geschichte eigentlich erwarten sollte. Bôbobo und Donpachi machen im Angesicht ihrer Gegner so viel Unsinn, dass man völlig vergisst, dass da eigentlich gerade ein Kampf stattfindet, oder eher „stattfinden sollte“. Diese Kämpfe gehen ganz schnell vonstatten, ohne einen Zweifel daran zu lassen, wer am Ende gewinnen wird – nämlich der Nasenhaarfighter Bôbobo.

Um etwa 21:00 gehe ich dann einkaufen und kehre danach vor den Fernseher zurück. Ich bin mir allmählich ganz sicher, dass Azama Miyû, die die Rolle der SailorJupiter bekommen hat, Werbung für ADSL-Flatrate Internetanschlüsse macht. Für den Werbeclip hat man ihr, warum auch immer, einen Schnurrbart in ihr hübsches Gesicht geklebt, und ich habe eigentlich kein Talent dafür, mir Gesichter zu merken. Aber die Stimme aus der Werbung versichert mir mehr und mehr, dass sie es sein muss. Jetzt frage ich mich natürlich, was Azama Miyû bereits so bekannt gemacht hat, dass sie in der Werbung gelandet ist. Japanische Werbung baut sehr auf bekannten Gesichtern aus Film und Fernsehen auf. Ich glaube kaum, dass ihre „unglaubliche“ Leistung in der Werbung ihr genügend Referenzen verschafft haben, um in der SailorMoon Serie eine der Hauptrollen zu spielen. Oder umgekehrt. Ihre offizielle Homepage ist leider nicht erreichbar (seit Wochen), also kann ich über den bisherigen Verlauf ihrer Karriere keine Aussage machen.


[1]   Kein Mensch wollte das kaufen, YûYû Hakusho ist zu unbekannt.

[2]   Ist natürlich auch ein Witz der Dialogregie…

8. Januar 2024

Donnerstag, 08.01.2004 – Der Ofen ist aus

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Und wieder hat es über Nacht geschneit. Und es schneit am Morgen auch gleich weiter. Die Sichtweite beträgt, großzügig geschätzt, etwa 100 Meter. Ich schreibe heute zwei Berichte, weil am 14. und 15. Dezember nicht schrecklich viel los war, und die Einträge für den 16. und 17. Dezember dürften, wenn überhaupt, nicht viel länger werden. Ich gehe auch noch mal ins Center, um die Umschläge der Bücher einzuscannen, die ich verkaufen will. Darunter befindet sich ein Dôjinshi der Animeserie „Tsukihime“, mit dem eindeutig deutschen Titel „Freude“. Auf dem Cover werden ein paar Zeilen aus der „Ode an die Freude“ zitiert. Allein deswegen habe ich den Band gekauft. Erst nachher war mir klar geworden, dass das eine Dummheit gewesen sein dürfte, weil in Deutschland niemand jemals etwas von Tsukihime gehört haben dürfte. Ich hatte es auch nicht, bis ich im „Mandarake“ in Tokyo ein Poster zu Gesicht bekommen hatte, vor drei Wochen etwa. Das mir natürlich nichts über den Inhalt verraten hat. Aber die deutsche Aufschrift auf dem Cover war eben auffällig, und das Cover sah auch sehr dezent aus. Der Inhalt war weniger dezent und sah aus, als würde es sich um eine Reihe von Bleistiftskizzen handeln. Also weg damit… Aber die „Ode an die Freude“ auf einem Hentai Manga anzubringen empfinde sogar ich als pure Blasphemie.

Misi ist natürlich auch an diesem Tag nicht weit und erkundigt sich bei mir, wie E-Bay denn so funktioniere. Ich erkläre es ihm und er ist interessiert. Er sagt, dass es jedoch keine ungarische „Abteilung“ von E-Bay gebe, und ich habe keine Ahnung, wie man es in diesem Fall anstellt, irgendetwas per E-Bay nach Ungarn zu verkaufen. Erst einige Stunden später komme ich auf den Gedanken, dass er ja mit E-Bay.com international handeln kann. Es ist ja vollkommen egal, wohin man sein Zeug verkauft, Hauptsache, man verdient Geld damit und gerät nicht aufgrund von irgendwelchen Zollgesetzen in Schwierigkeiten. Ich glaube auch, dass man zumindest als Verkäufer kein Plastikgeld haben muss. Ich werde das auch im eigenen Interesse mal prüfen.

Zurück in der Bibliothek meldet mir das System, dass ich noch 82 Seiten Papier ausdrucken könne und dass mein Nutzerprofil mit 1,28 Gigabyte zu groß sei – ich solle mich bitte auf 300 MB beschränken. Ja, das ist kein Problem, ich kann meine Musik auch von der CD runter anhören. Also lösche ich die Musik und lande so bei knapp 100 MB, was eigentlich nur meine Worddateien und der WinAmp Player ist, hinzu kommen noch ein paar Bilder, aber das ist alles.

Während des ganzen Tages schneit es munter weiter, bis auf ein paar wenige Momente, in denen die Wolken offenbar kurz Luft holen, bevor sie die nächste kalte Ladung rauspusten. Bis zum Abend liegen 20 cm Neuschnee in der Landschaft herum. Melanie freut sich natürlich über den Schnee, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er den Weg nach und von zu Hause gefährlich macht. Auf der Hauptstraße hat sich ein Eispanzer von 2 cm Dicke gebildet, knochenharter, festgefahrener und spiegelglatter Schnee.

Am Abend sehen wir uns eine weitere der in diesen Tagen startenden Serien an. Hier geht es um eine junge und natürlich reichlich unkonventionelle Anwältin, die von den Ryûkyû Inseln (Okinawa und dergleichen) nach Tokyo kommt, um das Erbe ihres Vaters anzutreten. Hm, aber was heißt jung… dem Aussehen nach zu urteilen dürfte die gute Frau schon ein Stück über Dreißig sein, und wenn sie dem japanischen Durchschnitt folgt, dann ist sie noch einmal knapp zehn Jahre älter als sie aussieht.[1] Eine der Hauptrollen ist ein Richter, der wohl ein Freund ihres Vaters war. Itô Shirô heißt der Schauspieler, und er hat bereits in der Serie „Taiho shichau zo!“ („You’re under Arrest“) den Chef des Polizeireviers Bokutô gespielt. Wie es scheint, ist seine Rolle hier ganz ähnlich, vielleicht ein bisschen weniger trottelig. Ich werde die Serie weiterhin ansehen. Sie scheint nicht schlecht zu sein, und etwas juristisches Vokabular kann ja nicht schaden. Wenn jemand einer Brutalität meinerseits zum „Higaisha“[2] fällt, dann bin ich ein „Hannin[3]. Wenn ich mich erwischen lasse, brauche ich einen „Bengoshi[4], der aber nicht viel machen kann, wenn es einen „Shônin“[5] gibt.

Kurz nach zehn kommt SangSu vorbei und teilt uns mit, dass es wegen Jûs Umzug eine kleine Feier geben werde. Ah ja, Jû verlässt uns hier ebenfalls in den Shimoda Heights II und zieht in ein kleineres (und daher billigeres) Apartment in den Shimoda Heights I, wo ja auch Misi, Paula, Irena, Valerie, Mei und BiRei wohnen. So sei es denn. Allerdings habe ich bei dem mehr oder minder chaotischen Wortschwall, den SangSu da ablässt, den Verdacht, dass er uns gleich bitten möchte, diese Feierlichkeit bei uns abhalten zu können. Warum auch immer, aber Melanie vermutet das gleiche, bis er dann damit rausrückt, dass die Party bei ihm stattfinden wird. Seine seltsame Argumentation kommt daher, dass er der Meinung ist, dass es bei ihm zu kalt sein dürfte, weil seine Heizung nicht funktioniere. Sie gehe aus und an, wie es dem Gerät beliebe.

Ich sehe mir den Ofen an, und Melanie begleitet uns. Es handelt sich um das gleiche Modell wie unserer, und stelle zuerst fest, dass das Ding auf Styroporblocks gelagert ist. Das heißt, dass bei der leisesten Bewegung sofort der Erdbebenfühler des Geräts reagiert und den Ofen abschaltet. Aber man kann den Ofen auch nicht einfach von den Blöcken herunterheben, weil das Verbindungsrohr, das die Abgase vom Ofen in den Kamin führt, dann nicht lang genug ist! Welcher Idiot hat denn das verbrochen? Des weiteren ist das Thermometer des Ofens kaputt. Es zeigt eine konstante Temperatur von 9 Grad Celsius an, auch als der Raum bereits auf schätzungsweise 25 Grad aufgewärmt ist. Man muss den Ofen also manuell bedienen. „Dauerheizen“ drücken, bis es warm genug ist und abschalten, bis es wieder kühl wird.

Und weil SangSu ein unterhaltsamer (und wohl anhänglicher) Mensch ist, zeigt er uns noch eine Reihe von zum Teil eingescannten Familien- und Privatfotos seit Anfang der Achtziger Jahre, inklusive der Fotos, die er während seines Wehrdienstes gemacht hat. Gegen Mitternacht treibt es mich dann allerdings doch so langsam ins Bett und wir verabschieden uns. Bevor ich allerdings in sanften Schlummer versinken kann, muss ich noch meine Kanjiliste für den nächsten Test fertig schreiben.


[1]            Die Darstellerin Takashima Reiko ist Jahrgang 1964, also 40 Jahre alt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.

[2]            Opfer

[3]            Täter

[4]            Verteidiger

[5]            Zeugen

4. Januar 2024

Sonntag, 04.01.2004 – Neujahrsfeier

Filed under: Japan,Manga/Anime,Musik,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Wir stehen um 09:10 auf, weil wir von Familie Jin zum Mittagessen eingeladen worden sind. Zumindest hieß es, um 12:00 sollten wir da sein. Für einen Saarländer klingt das nach Mittagessen. Auf der Straße liegt Schnee, nachdem es gestern Abend zu schneien begonnen hat. Es ist nicht sehr viel, eine dünne, aber geschlossene Schneedecke, und auf jeden Fall genug, um zu Fuß gehen zu müssen. Eine Fahrt mit dem Fahrrad will ich nicht riskieren. Wir müssten also um 11:15 spätestens aufbrechen.

Bis dahin kann ich noch in den „Fushigi no Umi no Nadia“ OST reinhören, den ich gestern gekauft habe. Ich stelle fest, dass man drei Vierteln des Soundtracks anhört, dass die Serie eine GAINAX Produktion ist, das heißt, man hört, dass die Nadia-Musik die Vorstufe zum „Evangelion“ Soundtrack ist, und zwar ganz deutlich. Das ist schade, aber kein Grund für mich, enttäuscht zu sein. Der größte Teil vom Rest besteht aus wirklich brauchbaren Gesangsstücken, obwohl auch darunter welche sind, denen man entweder die „Evangelion“ Verwandtschaft anhört, oder aber, dass die Musik zu den besten „SailorMoon“ Zeiten, also Ende der Achtziger bis Anfang der Neunziger, geschrieben wurde. Gleiche Instrumente, demnach sehr ähnliche Klangelemente, und nur die Melodie unterscheidet sich wirklich von der „Vorlage“. Und natürlich ist die Sängerin eine andere. Aber in den allergrößten Teil der Titel muss ich nur wenige Sekunden hineinhorchen, um zu wissen, dass ich keine Überraschungen erleben werde. Die Unterschiede zum EVA OST sind dafür zu minimal. Ich frage mich ernsthaft, ob ich die CDs behalten soll… im Prinzip könnte ich zwei davon verkaufen.

Wir gehen zeitig los und sind pünktlich bei den Jins, die das Essen in den „alten“ Teil des Hauses verlegt haben, wo wir in einer Räumlichkeit von der Größe von 12 Matten Platz nehmen. Sushanan ist nicht da, und man teilt mir mit, dass ihr „Termin“ erst am 12.01. sei. Die Großeltern sind bedauerlicherweise ebenfalls nicht mit von der Partie, aber ich frage nicht weiter nach. Es wird einiges geboten. Da wäre zum Beispiel ein Topf Oden, dessen Inhalt noch besser schmeckt als der, den ich bei Prof. Fuhrt gegessen habe. Daneben gibt es auch Sushi zum selber rollen. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob der Begriff „Sushi“ hier angebracht ist, da bei dem Begriff jeder gleich an kleine Reisröllchen mit Algenumwicklung und eine irgendwie geartete Kernfüllung denkt. Es sind mehr als die üblichen Zutaten vorhanden, darunter Gurken, Krabben, Fischwurst, Schinken, Fischstreifen, usw., aber sie werden in die Nori wie in eine Tüte eingerollt und so mit der Hand gegessen. Und das Ganze hätte auch bequem doppelt so viele Leute satt gemacht.

Während des Essens erfahre ich, dass Jin Eiko (die Gastmutter) keine Fischprodukte mag. Auch solche Japaner soll es geben. Warum dieses? Sie kommt aus einem Dorf bei Hachinohe an der Ostküste von Aomori-ken und ist die Tochter eines… Fischers. Sie wurde in ihrer Kindheit so sehr mit Fisch gefüttert, dass sie keinen mehr sehen kann. Jin Yûtaka (der Vater) macht währenddessen Fotos von dem Ereignis, das ich nicht fotografieren kann, weil meine Kamera voll ist und ich mein Übertragungskabel bei Ronald in Tokyo habe liegen lassen. Dazu macht er auch kurze Videos mit der gleichen Kamera, die er mir via E-Mail zusenden will.
Er sagt, er sei Arzt mit Schwerpunkt Nuklearmedizin (Radiologe). Und weil er Nukleartechnik so interessant findet, hat er vor einigen Jahren einmal die Gelegenheit genutzt, ein Atomkraftwerk in der Normandie zu besichtigen, wohl zusammen mit einer Gruppe von entsprechenden anderen Wissenschaftlern. Er findet diese Kraftwerke generell interessant, während ich für ein solches Interesse wenig Verständnis habe. In Deutschland sind AKW nicht sehr beliebt.

Zum Nachtisch, und da musste ich doch ein wenig lachen, gab es eine Tasse Instantkaffee, den das Ehepaar von einem „Ausflug“ nach Korea über Weihnachten mitgebracht hat, in den Milch und Zucker schon eingearbeitet sind. Weiterhin gibt es eine Reihe von japanischen Süßigkeiten, die man zu Neujahr serviert, die so richtig chemisch aussehen, und meiner Meinung nach auch ebenso schmecken. Hm, ja… ich habe schon besseren Kaffee getrunken. Und die Süßigkeiten… ich belasse es bei der Probierportion. Aber ich muss mich im Ablegen meiner diesbezüglichen Ehrlichkeit noch etwas üben. Ich sage, es schmecke „interessant“. Es fällt mir schwer, Dinge zu loben, die nicht meinen Geschmack treffen.

Yûmiko hat offenbar Interesse an einer Vortragsform namens „Rakugo“ gefunden. Oder sie ist daran „interessiert worden“. Ich sagte ja bereits, dass sie einen Sprachfehler hat, und Marc erzählt mir später, dass Rakugo in Japan derzeit ein geschätztes Mittel sei, Sprachfehler auszubügeln und deutliches Sprechen zu lernen. Angeblich machen das viele Kinder und auch Leute vom Fernsehen, die mit Sprechen ihre Brötchen verdienen. Hm, dann würde ich dem lispelnden Nachrichtensprecher von NHK eine solche Kur empfehlen. Warum auch immer Yûmiko zum Rakugo gekommen ist, sie hat in bester japanischer Manier zwei kurze Episoden auswendig gelernt und trägt sie uns vor. Als (noch) Laie bin ich mir nicht sicher, warum diese Vortragsart deutliches Sprechen erleichtern soll, denn wie es scheint, besteht eine Kür daraus, möglichst schnell einen Text herunterzurattern, der voller Wort- und Lautspiele ist und sich daher wohl nur dem Muttersprachler voll eröffnet. Ich verstehe gerade mal 10 % der gesagten Begriffe, verstehe keinerlei Zusammenhänge und weiß auch nach der „übersetzten“ Darlegung des Inhalts immer noch nicht so recht, was ich da eigentlich gerade gehört habe und was daran eigentlich lustig ist. Aber es war eine sehr beeindruckende Darstellung von schnellem Sprechen wie von einem japanischen Eddie Murphy.
Yûtarô hält sich wie üblich mit der Interaktion zurück, erscheint mir heute aber wesentlich entspannter als sonst. Immerhin beteiligt er sich an den Gesprächen, und macht nebenher allerlei Unsinn mit seiner Schwester, die Gefallen daran findet, sich von ihm huckepack durch den Raum tragen zu lassen.

Während die Kinder, Melanie und Mutter Eiko bereits zum Spielen übergehen, esse ich noch ein bisschen weiter. Von daher kann ich das Kartenspiel nicht wirklich gut erklären. Auf den Rückseiten der Karten steht jeweils ein Gedicht. Einer der Spieler liest es vor und die übrigen Spieler müssen offenbar die Karte finden, auf der das erste Silbenzeichen des Gedichtes aufgedruckt wurde. Wer am Ende die meisten hat, gewinnt. Aber all das sehe ich nur aus dem Augenwinkel, während ich mit Vater Yûtaka eine Basisdiskussion über Atomstrom führe.
Ich stoße erst zu der Spielgruppe, als Yûmiko ein „Hamtarô“ Poster auspackt. Auf der einen Seite ist Hamtarô selbst, auf der anderen Seite ist Ribon-chan abgebildet (man muss die Namen der Hamster nicht wirklich kennen, aber in Japan kennt sie jedes Kind). Aufgabe dieses Spiels ist nun, den Hamstern mit verbundenen Augen Nase, Augen und Mund zu aufzulegen. Natürlich führt das zu den abwegigsten Ergebnissen, vor allem, wenn der Mund, der die Form einer „3“ hat, die auf dem Rücken liegt, auf dem Oberkörper landet und frei heraus als „Oppai“ („Brüste“) bezeichnet wird, oder aber, wenn er im Unterkörperbereich landet und dem entsprechend „Kintama“ („Goldene Bälle“) genannt wird – eine japanische Scherzbezeichnung für nicht schwer zu erratende männliche Körperteile. Das sorgt für Belustigung, aber noch mehr erstaunt mich der offene Umgang mit Begriffen, die, nach meinem Empfinden, in meinem kulturellen Umfeld in den Tabubereich fallen, sofern man sich nicht in einem wirklich intimen Personenkreis befindet. Das ist hier zwar prinzipiell gegeben, Familie ist Familie, aber immerhin befinden sich auch zwei „Außenstehende“ im Raum.

Auch solche Treffen scheinen in Japan kurz zu sein, und wir werden um 15:00 wieder nach Hause gefahren. In Deutschland bleibt Besuch ja grundsätzlich bis mitten in die Nacht, sofern nicht etwas Dringendes dagegenspricht. Die Eltern setzen sich also nach vorn, Melanie und ich sitzen hinten, und die Kinder… ja, die werden auf der Kofferraumfläche des Jeep-artigen Fahrzeugs „gestapelt“.[1] Es sieht lustig aus, aber für sehr sicher halte ich das nicht. Ich habe überhaupt das Gefühl, dass das Benutzen der Sicherheitsgurte in Japan sträflich vernachlässigt wird, auch im Winter, auf vereisten Straßen. Wer die Sicherheitsgurte erfunden hat, dachte sich auch was dabei. Mein Kumpan Kai verwendet auch keinen, weil er nicht im Auto verbrennen will, weil die Gurtschließe sich verkanten oder die Plastikteile diese zuschmelzen können, wie er sagt. Ich glaube, die meisten machen das aus schierer Bequemlichkeit. Zum Abschied bekommen wir eine Tüte Äpfel. Wie erwartet.

Da der Tag noch jung ist, können wir auch noch Wäsche waschen. Ich will mir auch noch mehr von meinen neuen CDs anhören, aber die Batterien wollen nicht mehr. Diese No-Name Batterien haben noch nie viel getaugt… In Deutschland habe ich mal zwei Akkus von Duracell gekauft, die was herzumachen scheinen. Ich gehe also ins Sunday Home Center und kaufe ein paar Markenakkus von Panasonic und hoffe, dass sie ihr Geld wert sind.


[1] „SUV“ war zumindest mir damals noch kein Begriff.

3. Januar 2024

Samstag, 03.01.2004 – Punkte sammeln

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 9:22

Nach dem Aufstehen arbeiten wir unseren Wäscheberg weiter ab und machen uns gegen 15:00 auf den Weg nach Osten – zum Book Off und ins Kaufhaus „Sakurano“. Das heißt, wir schaffen es noch bis zum Book Off – das Sakurano verschwindet unauffällig hinter der Suchaktion nach Schnäppchen in dem Second Hand Laden. Im Book Off läuft heute außerdem eine Aktion wegen Neujahr, „Hatsu-uri“, „Erster Verkauf (des Jahres)“, nennt sich das und wird in so ziemlich allen bedeutenden Kaufhäusern und Läden durchgeführt. Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht von einem Schrein zum anderen getingelt, sondern hätte mich nach Sonderangeboten umgesehen. Die Schreine laufen mir nicht weg, die Neujahrsangebote schon. Aber was soll’s? Ich kümmere mich um das Hier und Jetzt. Die Verkaufsaktion im Laden wird lautlich untermalt von… markiger Marschmusik!? Immer wieder das gleiche Stück, stundenlang. Ich mag Marschmusik, und ich finde auch das laufende Stück gar nicht schlecht, aber diese Tretmühle ist wirklich anstrengend… ich tue also mein Bestes, nicht weiter hinzuhören.

Ich gehe zuerst die Regale mit den DVDs durch und ich bin geschockt. Es zeigt sich, dass es billiger ist, die Anime DVDs in Deutschland im Laden zu kaufen oder in den USA zu bestellen, als sie im Ursprungsland gebraucht zu kaufen! Nee, ohne mich. So nötig habe ich es dann doch nicht. Aber mehrere Soundtracks finden meinen Gefallen und ich verlasse 7040 Yen ärmer und neun CDs reicher den Laden. Und weil heute ja noch Sonderverkaufstag ist, bekomme ich pro 1000 Yen ein Los gutgeschrieben, mit dem man verschiedene Sachen gewinnen kann… u.a. ein Mountainbike, ein Urlaub in einem Ryôkan mit Onsen (= eine japanische Pension mit heißen Quellen zum Baden), eine Digitalkamera oder eine Soundanlage von SONY. Ich trage also meine Daten ein, mache meine Kreuzchen an den gewünschten Preisen und werfe das Los in die Trommel. Die Losaktion findet landesweit in allen Book Off Läden statt, also mache ich mir nicht die geringsten Hoffnungen auf einen Preis. Was wir auf jeden Fall bekommen, sind je eine echt stabile Stofftüte mit „Book Off“ Aufdruck und zwei Tüten Kartoffelchips.

Das Rabattsystem lädt immer wieder zum Einkaufen ein. Fünf Prozent des Warenwertes werden als Bonuspunkte gutgeschrieben und jeder Punkt gibt einen Abzug von 1 Yen auf den nächsten Einkauf, wenn man den Bonusgutschein vorlegt. Meiner Meinung nach ist dieses System verlockender, als wenn man die 5 % einfach vom Kaufpreis subtrahiert. Man erhält den Rabatt nämlich nur, wenn man noch einmal hingeht und was kauft.

Draußen ist es bereits dunkel. Wir vergessen deshalb die Idee mit dem Sakurano wieder und fahren nach Hause.

Zum Schluss noch ein Wort an alle, die auch in Japan den Genuss von Milch nicht vermissen wollen: Vom Kauf der Marke „Teishibô Gyûnyû“ möchte ich dringend abraten. Der Geschmack mag relativ normal erscheinen, aber die Milch riecht wie ein Betriebsunfall bei BASF. Ich rate dazu, möglichst fette Milch zu trinken. Melanie und ich sind hängen geblieben bei Milch der Firma „Morinaga“, die u.a. ganz leicht an dem Aufdruck „4.0 %“ zu erkennen ist. Ja, diese Milch hat tatsächlich vier Prozent Fettgehalt. Und sie schmeckt ganz hervorragend, vergleichbar mit der „Bärenmarke“ Milch in Deutschland. Der Geruch ist immer noch nicht ganz das Wahre, aber deutlich besser als bei dem „Billigprodukt“.

Und vielleicht sollte ich bei dieser Gelegenheit den Begriff „Billigprodukt“ in Bezug auf Milch näher definieren. Die billige Milch, die ich keinem empfehlen möchte, kostet 148 Yen pro Liter. Das sind derzeit etwa 1,10 E. Die Morinaga Milch kostet pro Liter gleich 198 Yen, also ca. 1,50 E. Das würde ich teuer nennen, bedenkt man, was Milch in Europa so kostet. Ich kann auf Milch voll und ganz verzichten, bis auf die ein oder zwei Liter, die ich pro Jahr so trinke. Aber Melanie ist eine leidenschaftliche Kakaotrinkerin, die es sich, angestachelt durch die Tatsache, dass man hier „Nesquik“ kaufen kann, nicht entgehen lässt, immer einen Liter im Kühlschrank stehen zu haben. Allerdings muss ich auch dazu sagen, dass die Milch bereits einige Tage vor Erreichen des Haltbarkeitsdatums reduziert wird. Es ist also keine Seltenheit, die Morinaga schon für 148 bis 168 Yen zu bekommen.

18. November 2023

Dienstag, 18.11.2003 – Die unendliche Geschichte

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uncategorized — 42317 @ 11:33

Um 0700 sehe ich aus dem Fenster und werde von der Sonne angelacht. Das ist gut so. Der Gewohnheit folgend müsste das Wetter aber ab 0900 schlechter werden, mit Bewölkung und Regen ab 1200…

Melanie hat für mich eine Episode Pokemon aufgezeichnet und ich sehe sie mir beim Frühstück an. Die derzeit laufende Staffel heißt Advanced Generation, und seit der ersten Staffel hat sich am Konzept nichts geändert. Gut, die Zusammensetzung der Reisegruppe von Protagonisten ist anders. Als ich die Show zuletzt in Deutschland angesehen habe, und das schon eher zufällig, war Takeshi („Rocko“) nicht mehr dabei und durch irgendeinen Trottel ersetzt. In der Advanced Staffel ist Takeshi wieder dabei, dafür fehlt Kasumi („Misty“), die nun ihrerseits durch einen mir neuen weiblichen Charakter ersetzt wurde. Oh ja, und Satoshi („Ash“) hat offenbar nach 600 Episoden endlich mal das Hemd gewechselt. Natürlich rennt er immer noch mit seinem Pikachu (Stufe 1294 mindestens) rum. Wie immer erscheint dann Team Rocket, also Musashi und Kôjirô („Jesse“ und „James“), die werden von den Helden in Richtung Mond geschossen und die Reise geht weiter.

Dabei hatte ich in der Mitte der ersten Staffel noch das hoffnungsvolle Gefühl, dass sich eine Art Story entwickeln würde, die dann notwendigerweise auch einmal ein Ende haben müsste… aber da wurde man ja bitter enttäuscht. Mir gefallen die japanischen Stimmen, vor allem Hayashibara Megumi (als Musashi) läuft mir immer wieder schön in den Gehörgang hinein, und auch Matsumoto Rika hört man aus Satoshi immer wieder raus, wenn man „Yûgen Kaisha“ („Phantom Quest Corp.“) mal auf Japanisch gesehen hat. Aber genug davon. Ich langweile mich mit Pokemon ja schon selbst.

Die Brille von Philips ist immer noch kaputt. Nichtsdestotrotz trägt er sie. Brillen müssen in Japan ja ungeheuer teuer sein, dass ein Professor sich nicht innerhalb von zwei Wochen eine neue besorgen kann. Und die Hierarchie des buddhistischen Universums ist mir immer noch nicht klar. Wenn man sich gut benimmt, wird man möglicherweise über kurz oder lang als Gott in einer Art Himmel wiedergeboren. Natürlich ist man auch als Gott sterblich, da laut der Lehre alles vergänglich ist. Aber nach meiner Interpretation des Buddhismus ist das Dasein als Gott auch eine Strafe – die Götter können nämlich nicht zur Erleuchtung gelangen (und darum geht es schließlich im Endeffekt) – und sie leben schrecklich lange. Dementsprechend lange zögert sich ihre Wiedergeburt als Mensch hinaus, und nur als Mensch kann man das Nirvana erreichen. Daher beneiden die Götter die Menschen ja. Und umbringen darf man sich laut „Regelwerk“ auch nicht. Und die Zeit in diesen Himmeln läuft anders. Es gibt die Geschichte von zwei Göttern, die aus dem Himmel heraus die Menschen betrachteten, sich zu weit vorlehnten und von ihrer Wolke fielen. Sie landeten in einer Gebärmutter und wurden als Menschen geboren. Sie lebten dieses Leben, wurden alt und verstarben. Danach kehrten sie in den Himmel zurück und andere Götter fragten sie bei ihrer Ankunft, wo sie denn den halben Nachmittag gewesen seien…
Man muss als Gott also nicht erst der allgemeinen Endlichkeit anheim fallen, man kann auch unter anderen Umständen als nirvanafähiger Mensch geboren werden.

Bevor ich am Nachmittag anfange, meine Post zu schreiben, nehme ich ein Blatt Papier und schreibe Familie Jin einen kurzen Brief, in dem ich ihnen mitteile, dass ich inzwischen per Telefon erreichbar sei. Aber kaum dass ich eine Zeile geschrieben habe, erhalte ich meine erste Chance (seit ich in Hirosaki bin!), mit männlichen Studenten zu reden. Mehr als zwei Sätze am Stück, sollte ich einschränken.
Es sind zwei Studenten, die offenbar als Tutoren arbeiten (= Austauschstudenten betreuen) und deshalb im Center sind. Damit sind es auch die ersten männlichen Tutoren, die ich live zu Gesicht bekomme. Die beiden sind ein ungleiches Gespann. Der rechts neben mir trägt eine Brille und eine weiße Winterjacke und macht einen akademischen Eindruck, er redet auch sehr deutlich, aber nicht so, dass man sich als Japanischlerner gleich übertrieben vorsichtig behandelt vorkommt. Der andere, gegenüber von mir, hat braungefärbte Haare, trägt braune Cordhosen und einen rot-braun gemusterten Strickpullover und redet völlig normal – das heißt: für mein Können eine kleine Spur zu schnell. Ich muss öfters nachfragen. Vor allem spricht er auf eine Art und Weise (und ich mache das am Tonfall fest), die mir den Eindruck vermittelt, dass er vor Langeweile gleich vom Stuhl fällt, sich aber Mühe geben muss, das zu verbergen. Ich finde das nicht berauschend, aber ich will ihm keine böse Absicht unterstellen.

Ob ich schon japanische Freunde („tomodachi“) gefunden habe, wollen sie wissen. Nein, sage ich, weil ich „Freunde“ als Leute definiere, die ich bereits einige Jahre kenne und mit denen ich trotzdem noch gut auskomme. Ich würde es also vorziehen, von „Bekannten“ („shiriai“) zu sprechen. Davon hätte ich bereits neun oder zehn. Und das seien alles Frauen. (Ein neidisches Raunen geht durch den Saal…)
Sie sagen mir, dass Deutschland in Japan vor allem wegen der hervorragenden Sozialleistungen einen guten Ruf habe, aber ich muss dabei doch auf die Einschnitte der vergangenen und der kommenden Jahre aufmerksam machen. Das sei in Japan nicht anders, sagen sie. Die beiden bereiten sich derzeit auch auf ihr Auslandsstudium vor; der Akademiker wird im kommenden Jahr nach Korea gehen, der Gelangweilte geht nach China.

Letzterer muss schließlich zur Arbeit und die Sitzgruppe löst sich auf, ich bleibe mit meinem Postvorhaben zurück. Aber viel ist es ja nicht und ich fahre im Anschluss gleich selbst vorbei, um meinen Brief in den Postkasten zu werfen. Falls ich den finde, ich kann mich nicht an einen solchen erinnern – aber wer sieht sich schon genauer die Haustüren von Leuten an, die man besucht? Bevor ich Gelegenheit habe, mir darüber weiter Gedanken zu machen, als ich auf die Haustür zugehe, öffnet die Großmutter die Tür. Dann kann ich mir auch gleich vorstellen und ihr das Papier persönlich in die Hand drücken. Sie ruft ihre Schwiegertochter die Treppe herunter, weil sie mit mir ja eigentlich nichts anfangen kann, und das bedauere ich sofort: Frau Jin hat sich offenbar vor wenigen Tagen bei einem Unfall den Fuß gebrochen und bewegt sich daher recht umständlich durch das Haus.1 In diesem Monat wird es daher kein Treffen geben (was ich sehr bedauere), aber sie ist fest entschlossen, am Freitag ins Plaza Hotel zu kommen, um die „International Party“ zu besuchen, trotz Krücken, weil alle Studenten etwas zu essen mitbringen, was zu ihrem Land passt. Ich teile ihr mit, dass Melanie einen Nudelsalat machen will, und sie freut sich sehr darauf, ihn zu probieren. Man könnte das schon beinahe als Leistungsdruck bezeichnen…

Am Abend präsentiert Melanie mir die Gasrechnung, die sie im Briefkasten vorgefunden hat: 9000 Yen. Kommt etwa auf 65 bis 70 E raus. Röchel…
Dann hilft nur noch, die Duschzeit von zwanzig auf zehn bis fünfzehn Minuten pro Person und Tag zu verkürzen. Ich bin nicht bereit, diese Kosten hinzunehmen. Das Duschen muss die Hauptquelle dieser Kosten sein, denn so schrecklich viel Gas verbrauchen wir über den Ofen beim Kochen ja wohl nicht…

1 Ich frage mich bis zum heutigen Tag, ob das Schrottauto an der Uni vom 14.11. 2003 nicht vielleicht auf ihr Konto geht?

9. November 2023

Sonntag, 09.11.2003 – Apfelland Story

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 10:28

Ein ruhiger, kühler Sonntag. Am Morgen stehe ich früh auf und sehe mir um 0830 den Anime Ashita no Naaja (gemeint ist „Nadja“) an. Es gibt unglaublich viel Merchandise dafür, daher interessiert mich schon, um was es sich dabei handelt. Unter anderem gibt es eine kleine, auf alt getrimmte Nähmaschine für Kinder; und der Anime soll mir auch verraten, warum das so ist.

Es geht um das hochwohlgeborene Mädchen Nadja (nicht „Nadia“), die wohl kurz nach ihrer Geburt von der Mutter getrennt wurde, aber sie nun wiedergefunden hat. Das heißt, sie hat herausgefunden, welche Adresse diese Dame hat, nachdem sie die letzten Jahre mit einer Art Zirkus durch die Gegend gezogen ist. Doch natürlich hat sie auch eine Rivalin, wie das bei weiblichen Heldinnen so üblich ist, die ihr auch noch zum Verwechseln ähnlich sieht. Diese Rivalin heißt Rosemarie (!) und ist ein reiches, verzogenes Gör, die sich das Erbe von Nadja unter den Nagel reißen will, unter Führung ihres ebenso bösen Onkels Hermann.

Und welches der Mädchen kommt wohl zuerst bei der verlassenen Mutter an, hm? Rosemarie natürlich. (Seit wann laufen solche Geschichten auf die einfache Tour ab?) Und die Mutter schenkt Rosemarie für jeden ihrer bisherigen Geburtstage (ich glaube, es sind 10) erst einmal je einen Diamanten von etwa einem Zentimeter Durchmesser. Die echte Nadja kommt also zu spät und wird am Tor barsch abgewiesen, trotz ihres doch auffälligen Aussehens, und obwohl sie eine Brosche trägt, die ihre Herkunft beweist (die sie aber sinnigerweise nicht einsetzt) – der Sinn dieser Aktion erklärt sich mir nicht so recht von alleine. Rosemarie hat Order gegeben, dass sofort die Polizei zu verständigen sei, sobald eine „falsche“ Nadja auftaucht. Darauf kommt der unhöfliche Wachmann aber erst, nachdem ihn der Kollege daran erinnert hat. Genug Zeit für Nadja also, sich nach einer anderen Möglichkeit umzusehen, in das Anwesen zu gelangen.

Sie steht also am Zaun und will hinüberklettern, als sie Rosemarie mit ihrer Mutter etwa fünfzig Meter weiter durch den Park des Anwesens (ja, in dieser Familie rollt der Rubel!) spazieren gehen sieht. Sie ist einige Sekunden fassungslos, holt dann aber Luft und – wer hat nicht damit gerechnet? – just in dem Moment, als sie durch lautes Rufen auf sich aufmerksam machen will, läuten natürlich die Glocken, die es da offenbar in einem Turm des Hauses gibt und übertönen ihre Stimme – und aufgeschreckte Tauben untermalen die Dramatik dieser Szene noch zusätzlich.

Oh Gottvater! Warum hast Du diesen Autor verlassen? Dann taucht natürlich die Polizei auf und Nadja muss Fersengeld geben. Unterstützt von ihren Zirkusfreunden, die sie in ihrem Dampffahrzeug auflesen. Das Setting ist überhaupt sehr „romantisch“. Zunächst einmal befinden wir uns in einer Art Europa. Die Architektur der Häuser hält sich in einem Stil, von dem Japaner offenbar glauben (sollen), dass Mitteleuropa so aussehe. In dem Zirkuswagen hängt ein Blatt Papier, auf dem etwas auf Englisch geschrieben steht, Weekly Schedule glaube ich. Und Nadja geht im Intro an einem Gebäude vorbei, auf dem Uhrenmuseum zu lesen ist.

Die ganze dargestellte Technik und Kleidung erinnert an die Wende zum 20. Jahrhundert. Und auch eben diese Nähmaschine in ihrem Raum. Würde mich nicht wundern, wenn da irgendwo „Singer“ draufstehen würde. Sie verwendet diese Maschine, um Kleider herzustellen, mit denen sie sich zu passenden Gelegenheiten verkleidet, um nicht erkannt zu werden, wenn ich das richtig interpretiere.

Ich gebe ja zu, dass die Charakterdesigns und das ganze Drumherum sehr hübsch entworfen und gezeichnet sind, aber mir ist die Serie eine Spur zu melodramatisch. Dies ist eine dieser Serien, in denen Zeit geschunden wird, indem die entsprechenden Leute immer zur falschen Zeit am falschen Ort sind und dort Dinge sehen oder hören, die nicht so sind, wie sie scheinen, und weil man zu wenig miteinander redet und deshalb falsche Schlüsse gezogen werden, etc. Kurz: Eine Reihe von seltsamen Zufällen und eine Portion Dummheit der handelnden Personen wird dafür sorgen, dass die Serie nicht innerhalb von drei Episoden vorbei ist, was sie durchaus sein könnte, wenn der Autor Sinn für Realismus hätte. Natürlich liest sich das verwirrend – und genau deshalb ist das nichts, was ich sehen muss.

Danach verbringe ich den Tag weitgehend in der Bibliothek. Ich komme aber nur dazu, einen einzigen Bericht zu schreiben, weil heute eine Menge kleiner Mails in den Briefkasten geflattert sind, die beantwortet werden sollten.

Am Abend esse ich noch einmal Yakiniku. Auf dem Papier handelt es sich um ein anderes Gericht, als das, das ich vor einigen Tagen gegessen habe. Auf dem Teller sieht es jedoch exakt gleich aus. Gebratenes, fettes Fleisch in dünnen Scheiben, dazu Kraut, Reis und Miso-Suppe. Es schmeckt auch verdächtig gleich. Habe ich was Falsches bekommen? Egal, es schmeckt und ich habe Hunger. Und man schenkt uns auch noch eine Tüte mit Äpfeln. Äpfel scheinen uns nicht ausgehen zu wollen. Wann immer die Schale leerer wird, bekommen wir unerwartet neue. Aber mich soll das nicht stören.

Im Fernsehen sehe ich noch eine Auswahl von Kämpfen aus dem gerade laufenden „Kyûshû Basho“, dem aktuellen Sumô-Turnier. Musashimaru wie immer mit gelangweiltem Pokergesicht… alleine durch die Art, wie er das Salz in den Ring wirft, verhöhnt er den Gegner schon. Aber der Gegner wiegt auch bestimmt knapp zwei Zentner weniger als Musashimaru. Der Kampf verläuft auch in etwa so, wie sein Gesicht – ohne Überraschungen.

Ich finde es eigentlich bedauerlich, dass ich nur eine Zusammenfassung zu sehen bekomme. Ich würde gerne mehr davon sehen.

Ab acht Uhr am Abend bringen alle uns verfügbaren Sender die Auswertung der Parlamentswahlen. Das dauert bis Mitternacht, und ich fühle mich nicht genötigt, mir das anzusehen. Nach etwa zwanzig Minuten der ersten Prognosen ist der Sieg der Regierungspartei bereits absehbar. Es würde auch an ein Wunder grenzen, wenn die Jimintô eine solche Wahl verlieren würde. Ich bin sicher, dass sie auch diesmal eine Mehrheit im Parlament und das Premierministeramt davontragen wird.

8. November 2023

Samstag, 08.11.2003 – BOBOBÔBO BÔBOBO!!!

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 10:12

Heute hat mein Großvater Geburtstag – und ich habe nicht rechtzeitig ans Schreiben gedacht. Dann wird die Karte am Montag wohl mit der Expresspost rausgehen. Die Postkarte kostet dann 330 Yen und erreicht ihr Ziel im Normalfall nach fünf Tagen. Ich mache auch den Versuch, zuhause anzurufen, muss aber feststellen, dass das von Münztelefonen aus offenbar nicht funktioniert. Ich bedauere jetzt sehr, dass ich nicht schon längst die Liste mit den Geburtstagen ausgedruckt habe.

Am Morgen beschäftigt mich allerdings etwas anderes, wie ich zugeben muss. Es ist Samstag: SailorMoon.

Kino Makoto ist heute dazugekommen. Sie lebt tatsächlich alleine. In einem geräumigen Apartment. In Tokyo. Ihre Waisenrente muss ja gigantisch sein. Aber auch das Zimmer von Ami scheint so groß wie meine gesamte Wohnung in Hirosaki. Dafür sieht es aber auch übertrieben klinisch aus. Noch wurde auch nicht explizit auf Makotos Kochkünste eingegangen – ein Umstand, der dem Fan doch sehr verdächtig vorkommt. Aber es ist ja noch Zeit. Aber auch hier rettet sie Usagi vor drei übermäßig coolen Oberschülern, auch wenn diese weit weniger massiv daher kommen als die Exemplare in der Anime-serie, wo die Jungs eher wie Yakuza-Schläger aussahen. Die hier spielen ganz cool Basketball und tragen natürlich entsprechend coole Klamotten, und sie reden den entsprechenden, coolen Slang der Jugendlichen.

Makotos (ebenso cooler) Oberschüler, dem sie hinterher schmachtet, ist natürlich ebenfalls in der Episode vertreten, und zwar als Opfer von Jedyte. Es gibt eine ganz tolle Szene, wo sie auf ihn warten muss, weil er von einem Yôma „aufgehalten“ wird. Die Yôma (das sind die Monster, die für die Oberbösen die Drecksarbeit machen) bemächtigen sich offenbar auch menschlicher Körper, um an Energie zu kommen. Warum sie das so machen, ist mir nicht klar. Makotos Oberschüler jedenfalls ist ein solches Opfer und befördert (unfreiwillig) ein Dutzend weiblicher Basketball-Fans (alle unter 20) ins Negaversum (das ist der Ort, wo im SailorMoon-Anime die Bösen wohnen). Makoto steht also den ganzen Tag an diesem Brunnen rum, und – wie könnte es anders sein – wird natürlich bis auf die Knochen nassgeregnet. Makoto im Regen – offenbar eine Konstante in Raum und Zeit.

Als sie nach Hause geht, trifft sie auf ihren Oberschüler und der Yôma greift sie an. Mit Schlangententakeln. Stylish. Der Oberschüler fällt zu Boden, als der Yôma sich wieder aus ihm löst, und anstatt ihr zu helfen, rennt er panisch davon. Makotos Gedanken schweifen ab zu all den Leuten, die sie bisher verlassen haben – aber SailorMoon hält zu ihr! Welche Freude! Die Zuschauer toben und fangen an, ekstatisch die Stühle zu zertrümmern!

Makoto wird also zu SailorJupiter und – Supreme Thunder! – macht den Yôma alleine fertig. Die anderen Senshi kommen gar nicht zum Zug und auch Tuxedo Kamen hat keinen Auftritt. Für die kommende Episode wird Zoisyte angekündigt, wenn ich dieses Outfit richtig interpretiere, das mir da so feierlich entgegenweht. 🙂

Danach will ich in die Bibliothek, muss aber feststellen, dass die am Wochenende erst um 1000 aufmacht. Das wäre dann in einer Stunde. Aber ich habe Glück. Irena steht vor dem Eingang und wartet auf ihre Gastfamilie, mit der sie den Bauernhof der Landwirtschaftlichen Fakultät besuchen will. Das heißt, ihr wurde gesagt, am Sonntag, dem 08.11., um 0900 sei der Ausflug. Nun ist der 08. aber leider ein Samstag. Und 0900 ist bereits vorbei. Sie sagt, sie wolle noch ein paar Minuten warten und dann wieder nach Hause gehen. Sie hat Glück, dass ich ihr ein Ohr kaue, denn um 0920 erscheint ihre Gastmutter, die schon seit zwanzig Minuten im Wagen vor dem Haupttor gewartet hat. Irena kommt also noch zu ihrem Vergnügen. Im Nachhinein muss ich mich allerdings fragen, warum sie vor der Bibliothek gewartet hat… ich kann mir nicht vorstellen, dass das der Treffpunkt gewesen sein soll, wo sich die Straße vor der Einfahrt 70 m weiter doch viel mehr anbietet.

In der Zwischenzeit ist auch Valerie dazugekommen, die ebenso wenig wie ich wusste, wann an Wochenenden die Tore der Bücherei geöffnet werden. Nachdem Irena dann weg ist, gehe ich mit Valerie in die Mensa, weil sie nicht in der Kälte (bestenfalls „Kühle“, sage ich) herumstehen will. Dort ist zwar kein Betrieb, aber die Tür ist offen. Ich unterhalte mich bis 1000 mit Valerie, und ich bin der Meinung, dass sie ein netter Mensch ist. Sie macht auf den ersten Blick einen reservierten Eindruck, der auf manche Menschen arrogant wirken könnte. Aber derlei Dinge finde ich bei ihr nicht. Sie ist auch keine Französin im eigentlichen Sinne, wie ich feststelle. Sie kommt auch nicht aus der Schweiz. Valerie stammt aus Neukaledonien. Eine ehemalige frz. Kolonie, daher die Sprache. Ei, wo ist denn das? Das liegt mitten im wärmsten Südpazifik, wo immer die Sonne scheint und „Winter“ ein Fremdwort aus Märchen und Sagen ist. Da wächst zwar nicht das Bier in den Palmen und die Leute müssen arbeiten, aber es ist ein Leben, das sich deutlich von dem in Mitteleuropa und Nordjapan unterscheidet, vor allem im Hinblick auf die Temperatur. Sonne, Strand und Palmen. Heizung? Was ist das?

Valérie 2003

Valerie studiert in Bordeaux, weil es an der Universität ihrer Heimat keine Japanologie gibt. Um sich das Studium in Frankreich leisten zu können, hat sie nach der Schule einige Jahre gearbeitet. Ich wäre rein optisch nie auf den Gedanken gekommen, dass Valerie bereits 28 Jahre alt ist. Sie ermutigt mich, meine Pläne für ein Auslandstudium in England nicht aufzugeben – ich könnte es später bereuen, diese Chance, die sich mir durch den PAD (Pädagogischer Austauschdienst) bietet, nicht genutzt zu haben. Ich bin ihr dankbar, dass sie mir in dieser Angelegenheit wieder zu mehr Mut verholfen hat. Ich schätze, es macht keinen großen Unterschied, ob ich die Universität mit 29 oder mit 30 Jahren verlasse…1

Ich bleibe dann bis um 1700 in der Bibliothek, abgesehen von einem kurzen Ausflug ins Naisu Dô, weil meine Freundin Natsumi, die eigentlich Marion heißt, mich gebeten hat, nach Artbooks von Card Captor Sakura und Shôjo Kakumei Utena Ausschau zu halten. Ich kaufe vier Sakura Artbooks – was den kompletten Bestand des Ladens darstellt. Utena ist nicht mehr auf Lager, seit ich das letzte Exemplar für meine eigene Sammlung gekauft habe. Und wenn ich schon mal da bin, kann ich gleich meinen eigenen weiteren Bedarf feststellen. Ich stelle eine Reihe von Büchern in „meine“ Ecke, damit ich, wie bereits erwähnt, nur ins Regal zu greifen brauche, wenn ich mit neuem Geld wiederkomme, in etwa zwei Wochen.

Was ich allerdings sofort mitnehme, ist eine Ausgabe der Voice Gallery von 1995. Diese Zeitschrift beschäftigt sich nur mit Synchronsprechern, aber weniger mit Interviews und ähnlichem, sondern fast ausschließlich mit Fotografien, denen ein wenig Text zur Seite gestellt wurde. In dieser Ausgabe finden sich Bilder von Hayashibara Megumi (Ranma-chan), Inoue Kikuko (Belldandy), Amano Yuri (Elise und Naria in Escaflowne), Hidaka Noriko (Akane in Ranma), Shiratori Yuri (Mokona in Rayearth), Matsumoto Rica (Satoshi/Ash in Pokemon), Mitsuishi Kotono (Usagi/SailorMoon), Orikasa Ai (Ryoko in Tenchi Muyô), Mizutani Yuko (Sora in Digimon), Hisakawa Aya (Ami/SailorMerkur)… und einigen unwichtigen, weil überwiegend männlichen Sprechern. 😉 Danach kehre ich in die Bibliothek zurück, um Natsumi mitzuteilen, was ich für sie habe.

Am Abend sehe ich mir Crayon Shin-chan an, diesmal die Serie. Und sie gefällt mir. Nicht mehr ganz die erste Staffel, wie mir scheint. Melanie mutmaßt, dass es an unserem mangelnden Textverständnis liegen könnte, dass wir die Serie auf Japanisch besser finden, als auf Deutsch. Ich will diese Möglichkeit nicht ausschließen, werde mir aber noch mehr davon ansehen.

Danach läuft eine brandneue Anime-Serie mit dem Titel BOBOBÔBO BÔBOBO!. Die erste Episode. Und… es geht um… Haare?? Der Held ist ein klassischer Muskelmann mit einer Figur wie ein Nothammer im Bus, mit einem blonden… Afro-Schnitt. Und er bekämpft Gegner… mit seinen Nasenhaaren!?! Er kann sie auf einige Meter Länge ausfahren und voll kontrollieren. Dabei parodiert er u.a. SailorMoon (indem er auf dieselbe Art und Weise mit den Armen fuchtelt, wenn er dem Gegner gegenübersteht), DragonBall (die Bösen sehen mit ihren Glatzen fast alle aus wie Tenshin Han) und sehr viel Hokuto no Ken (Fist of the North Star). Das postapokalyptische Setting der Serie sieht so richtig danach aus, mit den Trümmern und den Motorradgangs, die Leute belästigen. Das Mädchen mit den rosa Haaren tut durch ihr Aussehen das ihrige, um mich an Fist of the North Star zu erinnern (ihr Name ist Beauty).

Die Bösen hassen offenbar Haare und reißen sie den Leuten aus. Sie nennen sich Ke-kari-tai (etwa Haarjägertruppe), daher ist der Held, dessen Name BoBobôbo Bôbobo ist, ihr erklärter Feind. Dieser Anime ist zum totlachen. Die Serie wird gesponsert von Konami und Hudson, dem entsprechend gibt es bereits zum Start drei Spiele zu der Serie, unter anderem für Playstation 2. (Hudson zeichnet sich verantwortlich für mehrere Kampfspiele, darunter Bloody Roar, und Konami muss ich nicht extra vorstellen, denke ich.)2

Zuletzt läuft am Abend noch Ashita Tenki ni naare. Angeblich ein rotes Tuch für konservative Japaner. Eine freiwillig (!) alleinerziehende Mutter, und dazu mit braungefärbten Haaren, die bei einem Fernsehsender in Tokyo als Wetteransagerin arbeitet!? Die Produktion wurde für die Darstellung eines „Familienfragments“ kritisiert, wie man mir sagte. Eine Mutter mit Tochter ohne Ehemann ist für manche Leute offenbar ein Bruch der guten Sitten.

Mich berührt das herzlich wenig. Die Serie ist auch nicht lustig im eigentlichen Sinne, aber interessant anzusehen.

Wenn ich mich so ansehe, stelle ich übrigens fest, dass meine Beine sich verformen. Eine Folge des Radfahrens, nehme ich an, weil sich die entsprechenden Muskeln ausbilden.

1 Am Ende habe ich die Universität wegen Prüfungsangst und Stressdepression erst mit 34 abgeschlossen und bin aus Zeit- und Geldgründen nicht nochmal ins Ausland gegangen.

2 In der Japan Times fand sich der Kommentar, dass Bobobo sicher nicht so schnell im US-Fernsehen laufen werde, das Konzept sei viel zu japanisch-animistisch und aus kulturellen Gründen kaum vermittelbar. Ein halbes Jahr später war es dennoch dort lizenziert. Als ob sich irgendjemand vorm Fernseher für hochtrabende kulturelle Unterschiede interessieren würde, aa gibt es Action und abgefahrenen Humor, und das verkauft sich.

6. November 2023

Donnerstag, 06.11.2003 – Die Straße gehört mir (?)

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 11:12

Das Ryûgakusei Center ist heute… aus irgendeinem Grund geschlossen. Also muss ich für das Schreiben meiner Post auf die Bibliothek ausweichen. Die Rechner dort sind mir auch viel sympathischer. Windows 2000 Professional ist mir von der Uni Trier vertraut, die Maschinen haben mehr als ein Gigahertz Frequenzleistung, sie fahren schnell hoch, haben keine unnötigen Sachen wie die ganzen Downloadprogramme und Chat-Anwendungen drauf, wie man sie im Center findet, sie laufen stabil. Der Nachteil gegenüber Trier wiederum ist, dass man den Desktop nicht individuell gestalten kann, die Einstellungen werden immer wieder gelöscht. Und in der Programmleiste verbleiben die Shortcuts ebenfalls nicht. Aber damit kann ich leben.

Interessanterweise kann man das Musikprogramm WinAmp installieren. Ich entdecke zwar Windows Media Player, Quicktime und Real Player vorinstalliert, aber ich finde das Internet-Radio-Angebot dieser Programme entweder etwas mager oder unverständlich, das heißt, ich komme mit der Einrichtung nicht klar. Also lieber WinAmp, damit kenne ich mich aus. Ich habe mal einen Kanal für Klassische Musik, einen für 80er Popmusik, einen für Trance, einen für Rock und zwei für Heavy Metal in die Playlist getan. Das deckt meinen ersten Bedarf ab. Alles Weitere kann ich später noch finden.

Aber meine Kamera ist immer noch voll. Ich hatte noch keine Gelegenheit, die Bilder zu übertragen. Entweder war die eine Maschine, die ich benutzen muss, belegt, oder aber das Center war geschlossen. Hoffentlich läuft mir bis dahin nichts vor die Linse, was ich vermissen würde, wenn ich es nicht fotografieren kann.1

Der Unterricht zum Thema Kulturgeschichte von Tsugaru fällt ebenfalls aus, also habe ich viel Zeit. Am heutigen Tag schreibe ich drei Berichte auf einmal. Leider dauert das ein paar Minuten länger als geschätzt. Um 15:10 bin ich fertig, jetzt hat die Michinoku Bank geschlossen, und ich habe meine Miete nicht wie geplant einzahlen können. Aber – keine Panik! – die Miete ist auch erst am Ende des Monats fällig. Ich möchte mich nur darum bemühen, das Geld so schnell wie möglich loszuwerden…

Nachdem ich auch mit meiner Post fertig bin, fahre ich in Richtung Stadtmitte, zum Naisu Dô. Dort kaufe ich endlich das Artbook der Anime-Serie Cutey Honey, das ich bereits vor einigen Tagen ins Auge gefasst hatte. Es ist relativ dünn, kostet aber 2000 Yen. Aber ein Original aus dem Jahr 1981 ist mir das wert. Auch wenn der Preis damals gerade mal 580 Yen war. 23 Jahre sind doch nicht schlecht für ein solches Buch.

Ich finde bei der Gelegenheit auch noch verschiedene andere Dinge, die mich interessieren, darunter auch Artbooks der Serien Galaxy Express, Queen Millenia (Königin der Tausend Jahre) und Queen Emeraldas. Und die haben zum Teil auch bereits ein gesegnetes Alter. Für ebenfalls 2000 Yen pro Stück. Damit will ich aber warten, bis das nächste Geld bei mir ankommt. Ich habe eine „eigene Ecke“ im Regal2 eingerichtet… ich muss also in zwei, drei Wochen nur noch in den Laden gehen und ins Regal greifen, um alles in der Hand zu haben, was ich brauche. Dreimal zwanzig Minuten lang suchen ist mir lieber als einmal eine Stunde lang das Regal zu durchsuchen. Hinterher tun mir immer Knie und Rücken weh, weil ich ja von der Höhe des Fußbodens aus bis auf über zwei Meter Höhe meine „Fühler“ ausstrecken muss.

Auf dem Weg nach Hause, es ist immer noch hell, fahre ich beinahe in eines dieser Familien-Großraumautos hinein. Der Streckenabschnitt ist leicht abschüssig, und 30 km/h bin ich bestimmt gefahren, als vor mir dieser Wagen auf einen Parkplatz einbiegt. Der Fahrer hat meine Geschwindigkeit wohl etwas unterschätzt oder sich erst gar nicht darum bemüht, einen Blick in meine Richtung zu werfen.

Die Bremsen beweisen, dass sie gut sind. Zehn Zentimeter vor der Beifahrertür kommt das Vorderrad zum stehen. Der Wagen fährt weiter auf den Parkplatz, mein Hinterrad hebt sich in die Höhe, und weil ich nicht auf der Straße einen Salto schlagen will, springe ich einen halben Meter nach vorne, also dahin, wo vor einer halben Sekunde noch das Auto im Weg war. Der Fahrer kümmert sich in keiner Weise um den Beinahe-Vorfall. Ich hole einmal tief Luft, um den kurzen Schrecken loszuwerden und fahre weiter. Ich sehe mich nicht genötigt, mit einem japanischen Autofahrer zu diskutieren. Dafür fehlen mir das Vokabular und die Nerven.

Zuhause stelle ich fest, dass Melanie nicht da ist. Eigentlich wollte sie doch Hausaufgaben machen? Dafür sieht der Schreibtisch aus wie die Miniausgabe des Schlachtfelds von Sewastopol – voll mit Krempel, den man zum Verpacken von niedlich aussehenden Paketen (Melanie-Stil) offenbar so braucht. Und das, was auf dem Schreibtisch keinen Platz mehr findet, liegt auf dem Boden. Aha. Aber wozu aufregen? Ich mache eine Flasche Boco auf und sehe mir Hamtarô an. Auf Japanisch kommt das gleich viel besser. Ist allerdings immer noch zu kindisch. Und (Aber?) dieses Titellied ist ein extremer Ohrwurm. Man bekommt die Melodie nicht mehr aus dem Kopf, tagelang übrigens. Bereits zuhause hatte ich mir das Lied aus dem Internet besorgt, aber bei dem, was jetzt läuft, handelt es sich um eine Art Remix. Das alte Titellied wurde mit ein paar Dancefloor-Rhythmen aufgepeppt und landet noch viel besser in der „Zwischenablage“ hinter dem Trommelfell. Ich glaube, sogar das Schlusslied von Atashinchi steht dahinter zurück.

Unser erster, in Japan gekaufter Sack Reis geht heute zu Ende. In einem Monat braucht man pro Person also etwa fünf Kilo. Natürlich würde der Reis länger halten, wenn wir morgens nichts davon essen würden, aber man gewöhnt sich schnell daran, am Morgen etwas Warmes zu essen. Vor allem, wenn es Reis ist. Wenn ich zuhause in Deutschland morgens etwas gegessen habe, war mir nachher erst einmal schlecht. Nicht so richtig speiübel, aber mir war nicht gut, bis etwa zur Mittagszeit. Reis dagegen ist sehr bekömmlich, stelle ich fest, und leicht verdaulich. Ich habe bereits erwähnt, dass man zwei Stunden, nachdem man sich damit vollgegessen hat, schon nicht mehr viel davon spürt.

Die Reispreise hier im Beny-Mart beginnen bei 2800 Yen (ca. 21 E). Der teuerste Sack, den ich bisher gesehen habe, kostet 5300 Yen (ca. 40 E). Ich erinnere daran, dass hier von 10-Kilo-Säcken die Rede ist, nicht von den günstigen 22,5-Kilo-Säcken für 17 E, mit denen ich bisher „gearbeitet“ habe, dank der freundlichen Unterstützung der Familie Hary und ihrem Asia Laden in Saarbrücken. Und der billige Reis, den ich in Deutschland bekommen habe, war „nur“ Bruchreis. Der Bruchreis ist zwar gut, hält aber keinem Vergleich mit dem japanischen Produkt stand. Trotzdem möchte ich hinzufügen, auch wenn ich mich wiederhole, dass Basmati der bisher beste Reis war, den ich gegessen habe. Japanischer Reis kommt nur auf Rang Zwei.

In der Heimat werde ich mir einen Reiskocher zulegen. Der Reis wird einfach um Klassen besser in einem Suihanki (Reiskocher). Es werden in Deutschland auch Varianten verkauft, wo man den Reis auf der Herdplatte in einem normalen Topf „ankocht“ und dann den Topf in ein wärmeisoliertes Styroporgefäß stellt, wo dann der Rest des Wassers den Reis so schonend garen soll. Meine Großmutter hat eine solche Vorrichtung (leider) gekauft. Vergesst diesen Schrott, kauft Euch einen echten Reiskocher. Ich werde es auch tun.

Und weil Reis sich so gut verdaut, könnte ich den ganzen Tag Reis essen, von früh bis spät. Ein Pott leer – den nächsten gleich aufgesetzt. Und man braucht nichts groß dazu, ich esse den Reis einfach mit Sojasoße, mit Furikake (getrockneter Geschmack aus der Tüte zum Überstreuen) und/oder mit Nori-Blättern, nach denen ich mich dieser Tage verzehre… im wahrsten Sinne des Wortes. Beinahe jedenfalls.

Heute ist Donnerstag, da läuft „TRICK“ im Fernsehen. Ich genieße die Serie jedes Mal aufs Neue.

Was TRICK auf jeden Fall hat, ist das „Scooby-Doo-Kernelement“, das da besagt, dass hinter allen mysteriösen Geschehnissen immer ein logisch erklärbarer Trick steckt. Kurz gesagt, ging es diesmal um eine Dame um die 40, die ein Museum um eine alte Statue erleichtern will. Sie verschwindet, indem sie mit ihrem Fächer einen „Schlitz“ („Suritto“ = engl. „Slit“) in die Luft malt und hineinsteigt. Sie sagt, auf diese Art und Weise blitzschnell an anderen Orten wieder erscheinen zu können, indem sie sich dieser „Warp-Möglichkeit“ bedient. Es kommt dann heraus, dass sie Spiegelfolie aufhängt und dahinter ein Drehrad mit irren Farben aufstellt, damit der Schlitz auch magisch aussieht. Sie war vor 20 Jahren eine bekannte Sprinterin gewesen und nutzt den Überraschungseffekt (ihres Verschwindens) aus, um zu dem Ort zu rennen, an dem sie „erscheinen“ möchte, möglichst mit Zeugen. Der von ihr verwendete Begriff „Schlitz“ ist übrigens auch eine Anspielung auf ihr Kleid, das ebenfalls einen solchen hat. Sie nutzt jede Gelegenheit, um so ihr Bein zu zeigen, sehr zur Freude der männlichen Charaktere, die so gebannt sind, dass sie alles andere vergessen… außerdem lacht sie auf eine Art und Weise, wie man es aus verschiedenen Anime kennt. Nicht ganz Naga, aber immerhin. (Insidergespräche, ich weiß…) Natürlich ist das alles etwas irrsinnig. Es kann ja nicht sein, dass sie nicht damit gerechnet hat, dass einer der Zeugen zum Ort ihres „Verschwindens“ laufen könnte, um nachzusehen. Die Stellwände für die Spiegelfolie und das neonfarbene Rad dahinter wären jedem Trottel sofort aufgefallen.

Interessant ist übrigens auch, dass die Serie sich ein wenig über Absolventen der Tôdai (der Tokyo Universität) lustig macht. Ueda und Yamada sehen sich immer wieder verfolgt von einem Inspektor der Polizei. Dessen Assistent ist ein solcher Tôdai-Absolvent. Das erwähnt er auch bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit (vor allem, wenn er sich jemandem vorstellt) und macht sich dementsprechend „beliebt“. Er wirkt eigentlich wie ein Clown. Der funny Sidekick. Das deckt sich ein wenig mit einer Aussage von Professor Vesterhoven, der irgendwann in den vergangenen drei Wochen am Rande einmal erwähnt hat, dass Absolventen der Tôdai nicht mehr so beliebt bei Arbeitgebern seien wie früher. Das hinge nicht damit zusammen, dass Japans elitärste Universität an Qualität verloren habe, sondern damit, dass sich ihre Absolventen für die besten und schönsten und klügsten Söhne und Töchter der Sonne auf dem Erdball hielten.

Und natürlich sollte man im Anschluss nicht Manhattan Love Story verpassen… 🙂

1 Es handelte sich um eine „billige“ Kamera für 160 Euro, die schon nach damaligen Verhältnissen sehr durchschnittlich war. Der interne Speicher umfasste ganze 16 MB, das reichte für 24 Bilder im Format 1024 x 768. Der Vorteil gegenüber einer analogen Kamera war, dass man Bilder löschen und noch einmal aufnehmen konnte.

2 Im Regal des Ladens, muss ich betonen, auf einer Höhe oberhalb des Blickfelds.

18. Oktober 2023

Samstag, 18.10.2003 – Das Silber-Imperium schlägt zurück

Filed under: Japan,Manga/Anime — 42317 @ 10:32

Heute ist zwar Samstag, aber wir stehen dennoch um 07:00 auf, um – lang erwartet – die brandneue japanische „SailorMoon“ Realserie im Fernsehen zu sehen. Man verwechsle bitte diese Serie nicht mit dem peinlichen US-Produkt. Um 07:30 fängt die Show an, die Videokassette ist bereit. Und… wo fange ich an? Am besten mal da, wo das Wissen des „normalsterblichen“ Newsletter Empfängers aufhört, der nicht weiß, von was ich überhaupt rede. Wer mit dem Thema „SailorMoon“ nichts anfangen kann, weil er/sie noch davon gehört hat oder nie ein paar Episoden gesehen hat, darf mich gerne fragen, was es damit auf sich hat. Ich möchte in meinem Newsletter nicht den Platz mit einem „SailorMoon Guide“ füllen, also bitte ich Interessierte, mich einfach nach Unklarheiten zu fragen. Vielen Dank.

Wir haben die ersten beiden Episoden verpasst, weil in dem Werbeblatt zu lesen war, dass die Serie auf TBS/CBC laufen würde, und den Sender kriegen wir nicht rein. Dann haben wir eine Programmzeitschrift gekauft, die uns verriet, dass wir die Serie auch über das regionale Fernsehen sehen können.

Danach also Spannung bis zum Trommelwirbel:

Der Introsong ist ganz neu, also kein „Moonlight Densetsu“ Klon. Als nächstes ist auffällig, dass man die Computer-Animationstechnik nicht so weit ausnutzt, wie man das könnte (siehe zum Beispiel „Dr. Doolittle“), auch unter schmalen finanziellen Bedingungen. Ja, es ist eine Realserie, aber man hat keine „echte“ Luna (so der Name der Katze der Protagonistin) genommen, der man einfach einen Mond auf den Schädel hätte rasieren (geht nach japanischen Tierschutzgesetzen bestimmt) und nur einen beweglichen Mund hätte programmieren müssen. Nichts dergleichen! Die Katze Luna ist ein Plüschtier (!) (das man übrigens für 1980 Yen im Spielwarenhandel kaufen kann). Wenn Luna sitzt oder steht, wird sie mit einer Hand (!) bewegt, der Katzenbändiger ist dabei natürlich unsichtbar hinter dem Sessel oder unter dem Tisch versteckt, aber dennoch wie im Kasperletheater, damit sie etwas wackelt, wenn sie redet. Wenn sie geht, sind ihre Bewegungen so fließend, dass man sofort sieht, dass es eine Animation der gescannten Plüschkatze ist. Man erkennt sogar die Streifen ihrer Oberfläche. Ein echt positiver Punkt ist allerdings, dass die Stimme des Plüschtiers die gleiche ist, wie anno 1989 in der Animeserie: Han Keiko.

Die Verwandlungen der Senshi sind weniger dramatisch (und auch weniger sexy, wenn ich das bemerken darf) als im Anime, es wird sich weniger gedreht und verrenkt und die Mädchen haben nie weniger an, als das Badeanzug-ähnliche Untergewand des Sailor-Outfits. An dieser Stelle kann ich darauf zu sprechen kommen, dass die Verwandlungen erstmals „echte“ Verwandlungen sind. In „Zivil“ sehen die Mädchen aus wie normale (wenn auch überaus gut aussehende) junge Japanerinnen, und erst durch die Verwandlung tritt die Veränderung der Haarfarben auf. Man erkennt sie also wirklich schwerer, das ist ein Vorteil gegenüber der Animeserie.

Das Zubehör der Senshi wurde zeitgemäß modernisiert. Die Mädchen haben inzwischen Keitai (Handys), natürlich mit Kamera. Wenn sie mit dieser Kamera Bilder von Kleidung machen, können sie sich das gewünschte Outfit an den Leib zaubern. Das können offenbar alle, nicht nur Usagi. Das Artefakt, mit dem sie sich in Senshi verwandeln, scheint mittlerweile auch kein langweiliger Füller mehr zu sein, sondern die Armbändchen, die sie tragen. Zumindest war dies mein Eindruck. Und Ami benutzt einen Laptop neuerer Bauart, aber ich konnte noch nicht ausmachen, ob es sich um PC oder Mac handelt, aber ich halte Apple für wahrscheinlicher.

Die Senshi scheinen neuerdings auch allesamt Nahkämpfer zu sein, vielleicht nicht Merkur, aber Mond auf jeden Fall. Zum Weglachen! Zum Teil Zeitlupenkämpfe wie beim „6-Millionen-Dollar-Mann“. Und die Yôma (die feindlichen Dämonen) sind natürlich das Allerbeste. Die Schauspieler tragen abgedrehte Kostüme und geben nur unartikulierte Laute von sich. Die Yôma im Anime konnten immerhin ihre Namen sagen. Und: Ohne Pantyshots (mehr oder minder kurze, beabsichtigt zufällige Aufnahmen von weißer Unterwäsche) läuft hier gar nichts. Die akrobatischen Nahkämpfe fordern das geradezu heraus, und an entsprechenden Gelegenheiten herrscht kein Mangel. (Es ist allerdings keine echte Unterwäsche, sondern eben der untere Teil der bereits erwähnten Badeanzug-artigen Basiskleidung.) Aber das Ausnutzen der Gelegenheiten macht weniger Spaß als im Anime. Vielleicht werde ich auch zu alt dafür.

Und dann: Tuxedo Mask. Er sieht lustig aus, der Japaner im Smoking. Oh, und er wirft nicht mit Rosen. Vielleicht war das der Regie doch zu gewagt (man beachte den Schwerpunkt eines solchen Objektes, wenn es sich mit der Stielseite in den Boden bohren soll). Er wirft also mit seinem Stock. Und er erscheint auch nicht auf Laternenpfählen oder Hochhäusern oder großen Fensterbrettern, sondern er steht, wie andere Leute auch, auf dem Boden. Und wenn er wieder verschwindet, springt er nicht in Sätzen von 100 Metern davon, sondern er geht von dannen. Zu Fuß. Es ist kaum zu glauben. Ich amüsiere mich königlich.

Königin Beryll ist eine Dame im besten Alter in einem theatralischen Kostüm (mit einem wirklich auffälligen Dekolleté), mit laaaangen Fingernägeln und feuerroten Locken. Jedyte ist natürlich blond, mit leichten Locken, und ein richtiges Milchgesicht. Und natürlich sieht er (für mein Empfinden zumindest) reichlich androgyn aus. Nephlyte sieht neben ihm wie ein Motorradrocker aus. Aber der kommt erst später. Die beiden sehen nicht sonderlich älter als nach 18 oder 20 Jahren aus.

Noch was zu den Hauptrollen. Bisher sind erschienen Usagi, Ami und Rei. SailorV ist zweimal, von Luna verfolgt, durchs Bild gelaufen (Anime-style, mit seitlich abgespreizten Armen, sieht total lächerlich aus). Ich möchte mir das Urteil erlauben, dass die Darstellerinnen sich aber Mühe geben, und was die Darstellung der Charaktere betrifft, machen sie ihre Sache wirklich gut. Die Unterschiede im Gemüt der einzelnen Senshi kommen (bisher zumindest) schön zur Geltung, also Amis Zurückhaltung, Reis Temperament und Würde, und – natürlich – Usagis sonnige Lebenseinstellung. Sie könnte Werbung für Zahnpasta machen. Auf die anderen beiden bin ich gespannt.

Vor allem möchte ich wissen, wie viele Episoden es geben wird. Sollten es 52 sein, kann ich nicht alles sehen und aufnehmen, und wenn es 26 sind, bin ich neugierig, wie weit die Geschichte gehen wird, wenn Nephlyte bereits in Episode 4 auftritt. Ich wage nicht auf das Glück zu hoffen, die Outer Senshi, insbesondere Haruka und Michiru, zu erleben. Auf die Haruka wäre ich sehr gespannt. Oh, und natürlich auf ChibiUsa.

Mein Eindruck bisher: Die Serie ist, wie gehabt, für unkritische kleine Mädchen und für knochenharte SailorMoon-Fans geeignet. Man muss ein echter Fan sein, um an dieser Realserie Spaß zu haben, wenn man älter als zwölf Jahre alt ist (und ich bin ein echter Fan). Alternativ dazu kann man natürlich auch erwachsen sein und einfach nur Freude an hübschen Mädchen haben, zusammen mit der Fähigkeit, alles andere ignorieren zu können.

Ich nehme die Serie auf, aber ich bezweifle, dass ich die Tapes vervielfältigen kann, weil mein Videogerät zuhause in Deutschland kein NTSC aufnehmen kann. Ich kann nur abspielen. Wenn sich eine Möglichkeit findet (z.B. Digitalisierung), bin ich gerne bereit, Kopien zu machen. Aber das Internet ist ja groß und weit…

Ich empfehle jedem SailorMoon Fanclub, Vorführungen zur Aufnahmeprüfung zu machen. Wer nicht nach 15 Minuten schreiend davonläuft oder mit inneren Blutungen vom Stuhl fällt, ist ein wahrer Fan und hat sich den Zugang zu den inneren Kreisen der Gemeinde verdient. 😉 Ich werde jedenfalls weiterhin am Samstagmorgen aufstehen und einschalten. Yay!

An dieser Stelle muss ich mich wirklich und zum wiederholten Male fragen, warum die Produzenten japanischer Realserien nicht die aktuellen technischen Möglichkeiten ausnutzen? Es muss ja nicht der letzte Schrei sein, das kostet schließlich auch entsprechend Geld, aber mit dem technischen Stand vom, sagen wir, Ende der Neunziger Jahre könnte man sich doch relativ günstig ausrüsten, oder etwa nicht? Die Spezialeffekte in „Knight Rider“ waren ja zum Teil besser, als das, was mir in aktuellen Serien in Japan geboten wird. Will das japanische Publikum (so jung es vielleicht in bestimmten Fällen sein mag) das so sehen, wie es gezeigt wird? Oder wird hier vorgeführt, dass niemand nach Verbesserungen verlangt, um keinem der Verantwortlichen zu nahe zu treten? Und diese Verantwortlichen halten die Technik offenbar billigst, um möglichst viel Geld aus der Sache zu holen. Ich muss mich weiter bemühen, das zu verstehen.

Wie auch immer. Die TV-Zeitschrift offenbart mir weitere interessante Neuigkeiten. Anlässlich der Volleyballweltmeisterschaft 2003 (ja, das ist das Stichwort!) wird bitte was neu veröffentlicht? Ich glaube kaum, was ich da alles sehe – im positiven wie im negativen Sinne. „Attack No. 1“, in Deutschland bekannt als „Mila Superstar“ wird, digital überarbeitet, auf DVD veröffentlicht! Der Schuber beinhaltet 18 (ACHTZEHN) DVDs, mit insgesamt 2644 Minuten Spielzeit. Und der Hammer dabei: Das Paket kostet

9 4 . 8 0 0  YEN !

Und das sind (am 18. Oktober 2003) umgerechnet etwa:

7 1 0 EURO !!

Also… bei aller Liebe… da rutscht einem das Herz in die Hose. Ich warte doch lieber auf die Taiwan-Version in wenigen Monaten. Vielleicht kommt man da ran. Bei dem üblichen Preis für Taiwan-Versionen dürfte die Sache nicht mehr als 55 E kosten. Da warte ich doch gerne ein bisschen…

Hm. Zuletzt aber noch eine weitere Filmkritik. Wegen der langen Liste von hochgradig talentierten Sprechern (deren Auflistung den wenigsten unter meinen verehrten Lesern etwas sagen dürfte) wollte ich in Japan eine Gelegenheit nutzen, mir „Crayon Shin-chan“ anzusehen. Eine Serie, die mir in Deutschland nicht zusagt und von der ich derzeit wage, zu behaupten, dass man ein Idiot sein muss, wenn man sie sich freiwillig länger ansieht.

Meine Chance kam schneller, als ich dachte. Heute Abend lief einer der Movies im Fernsehen und ich habe ihn mir angeschaut. Der Titel: „Crayon Shin-chan – Arashi wo yobu MO-RE! Otona Teikoku no Gyakushû!“
Grob übersetzt: „Crayon Shin-chan – Mo-re ruft den Sturm! Das Imperium der Erwachsenen schlägt zurück!“

Verbesserungen sind mir willkommen. Ich habe z.B. keine Ahnung was „Mo-re“ (in Katakana-Schreibung) bedeutet. Vielleicht ein Name, der mir entgangen ist.

Ich habe eigentlich nicht viel von dem Film erwartet. „Crayon Shin-chan“ ist auf Deutsch freilich für Proleten, so mein Eindruck auf RTL2. Aber ich wurde vom Originalton angenehm überrascht (und ich betone, dass es sich hier um meine persönliche, subjektive Wahrnehmung handelt). Erstens war der Film lustig, ohne vulgär zu sein, sieht man davon ab, dass Shin-chan (eigentlich „Shinnosuke“) wieder Gelegenheit erhielt, seinen Hintern zu präsentieren und von einem fahrenden Bus herab auf eine Windschutzscheibe uriniert. Zweitens war der Hintergrund durchaus ernst. Ich hatte den unbestimmten Eindruck, dass der Autor vielleicht eine Spur zu viel „The Tribe“ gesehen hat.

Die Story sieht so aus: Eine Organisation mit unklaren Motiven und einem Pärchen an der Spitze verpasst den Erwachsenen eine Art Psychodroge (bitte nicht zu wörtlich nehmen), die sie wieder zu Kindern macht, zumindest im Geist. Die Verlockung ist offenbar die Sorglosigkeit und die Freuden des Kindseins, im Gegensatz zu der Verantwortung und der Arbeit, die das Leben als Erwachsener so mit sich bringt. Die Erwachsenen werden in ihrem entrückten Zustand gewissermaßen entführt (gelockt mit Musik, nach Art des Rattenfängers von Hameln, nur mit Kleintransportern) und in ein riesiges Gebäude gebracht, in dem eine Art „Heile Welt“ für sie aufgebaut wurde, in der sie Kinder sein, bzw. die „guten alten Zeiten“ leben dürfen. Die echten Kinder sind also erst einmal auf sich alleine gestellt und die stärkeren unter ihnen merken schnell, dass es materielle Vorteile bringt, die Supermärkte zu besetzen, weil dann die anderen zu ihnen kommen müssen, wenn sie essen wollen. Als dann schließlich Strom, Gas, und Wasser ausfallen, machen sich Shinnosuke und seine Freunde auf den Weg, die Eltern wieder zurückzuholen.

Am Ende gibt es eine schöne Verfolgungsjagd mit dem Bus, der von fünf Kindern gleichzeitig gesteuert wird (werden muss) und der Fahrzeugflotte der Organisation, deren Mitglieder mit Luftgewehren und Spielzeugwaffen auf den Bus schießen… niemand kommt zu Schaden, sieht man von Hunderten Autos ab. Den Höhepunkt bildet die Flucht der Familie den Tokyo Tower hinauf.

Der Kopf der Organisation hat durchaus uneigennützige Motive, aber leider habe ich nicht mehr verstanden, als ich einleitend bereits erwähnt habe. Als er seinen Plan scheitern sieht, will er mit seiner Partnerin Selbstmord begehen, aber an der Kante auf der Beobachtungsplattform des Turms überlegt sie es sich anders und sagt, dass sie nicht sterben möchte. Also auch keine Toten. Gut so. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich das jemals tun würde, aber ich empfehle diesen Film.

13. Oktober 2023

Montag, 13.10.2003 – Im Osten nichts Neues

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 10:48

Heute ist Montag und Feiertag. Ich schlafe bis um 10:15, weil mir der Berg vom Freitag immer noch in den Knochen steckt. Meine Güte… aber noch immer meldet sich kein Muskelkater. Dann wird er wohl auch nicht mehr kommen. Bin ich so hart oder war der Berg so weich? Ich könnte mich nicht festlegen, was davon denn nun der Wahrheit entspricht. 🙂

Da der Feiertag die Supermärkte nicht stört, gehe ich einkaufen, und da dies thematisch passend ist, habe ich eine gute Nachricht für alle Männer, die mal eine längere Zeit hier verbringen wollen. Vor allem für diejenigen, die sich von ihrem „Mach 3“ nicht trennen wollen und Vorräte an Klingen mitnehmen wollen: Jungs, spart Euch das. Es gibt hier alle gängigen Rasierer Europas. Der eine oder andere Nassrasierer trägt vielleicht einen anderen Namen, aber man erkennt sie als Europäer schnell am Design. Man muss also nicht vorher einen zehn Packungen Rasierklingen für 140 E kaufen.

Vielleicht schiebe ich an dieser Stelle noch die eine oder andere Tatsache über Waschmaschinen ein. Es ist in der Tat wahr, dass die gewöhnlichen Haushaltsmaschinen kalt waschen. Ja: kalt. Und ich drucke das fett, weil die Sache folgendermaßen funktioniert (am Beispiel der mir verfügbaren Maschine): Da passen ein bis höchstens zwei Hosen, zwei Pullover (wenn man auf eine Hose verzichtet, kann man auch drei nehmen) und drei T-Shirts rein, dann kann man noch mit Socken und Unterwäsche von drei Tagen auffüllen. Wenn man Handtücher oder Futonbezüge waschen muss, dann muss man Einschnitte bei den anderen Sachen vornehmen.

billige japanische Waschmaschine

Wenn die Wäsche in der Maschine liegt, dreht man den Wasserhahn auf und lässt die Maschine voll Wasser laufen. Und dabei handelt es sich um Leitungswasser, in der Temperatur, wie es aus der Leitung kommt. Und das Wasser wird auch nach dem Start des „Waschprogramms“ nicht geheizt. Das hat natürlich zum einen den Vorteil, dass es keine Heizstäbe gibt, die verkalken könnten und daher braucht man auch kein Calgon, falls es hier überhaupt Wasserenthärter gibt. Zum anderen sinkt die Stromrechnung. Man muss die Maschine aber so weit mit Wasser füllen, bis das Flusensieb unter Wasser ist. Ich gehe davon aus, dass es sich um knapp 50 Liter Wasser handelt, aber das werde ich mal abmessen. Wenn zu viel Material eingeladen wurde, dann kann die Schraube am Boden der Maschine das Wasser nicht richtig wälzen, die Wäsche bewegt sich kaum und wird daher eigentlich nur in Seifenwasser getaucht.

Die Gebrauchsanweisung des Waschmittels sagt, dass man 5 (FÜNF) Esslöffel Waschmittel hinzufügen soll. Angesichts dieser geringen Menge und des kalten Wassers muss ich annehmen, dass man das Waschmittel alternativ auch als Rattengift einsetzen kann. Ich habe das billigste Mittel gekauft. Aber es gibt auch „Ariel“. Es hat mich amüsiert, „Arieru“ auf der Packung zu lesen. Der Preis dagegen hat mich nicht amüsiert…

An der Konsole der Maschine befindet sich ein Drehschalter, mit einer Zeiteinstellung von bis zu 15 Minuten. So lange ist das Waschgang aktiv. Ich ziehe es daher vor, die Wäsche zweimal waschen zu lassen. Danach lässt man das schmutzige Wasser ab und steckt die Wäsche in die Schleuder, die sich in der gleichen Maschine befindet. Aber nicht zu voll machen, sonst klopft die Schleuder heftig an die Innenverkleidung, anstatt sich schnell zu drehen. Bis zu zwei Drittel Füllhöhe kann man riskieren. Außerdem muss man ein großes Kleidungsstück oben auf die Wäsche legen, weil die kleinen beim Schleudern herausfallen können. Eine meiner Socken liegt am Boden im Inneren der Maschine und ich habe noch keine Möglichkeit gefunden, sie da wieder rauszufischen. Wenn ich die Verkleidung lösen will, müsste ich die Kabel der Konsole ebenfalls ausstöpseln, und die sind nicht gesteckt, sondern geschraubt. Also lasse ich das lieber und besorge mir einen Draht. Oder drehe das Ding auf den Kopf.

Aber die Wäsche liegt jetzt in der Schleuder. Bevor man das Karussell startet, muss man die Wäsche erst mit Wasser übergießen, damit die Partikel aus dem Schmutzwasser besser rausgeschleudert werden können. Die Schleuder hat ebenfalls einen Zeitschalter, den man bis zu fünf Minuten einstellen kann.

Nachdem dann alles geschleudert ist, kommt die Wäsche nicht etwa ans Seil, sondern wieder zurück in die Waschmaschine. Also noch einmal vollaufen lassen, noch mal 50 Liter Wasser, diesmal ohne Waschmittel. Dies ist der Spülgang, wo die Seife und der Restschmutz aus den Fasern gespült werden soll. Noch einmal fünfzehn Minuten. Danach noch einmal schleudern und dann kann man die Wäsche endlich aufhängen. Insgesamt ist man also mit einer Stunde dabei. Und wenn alles trocken ist, muss man die Klamotten trotz Flusensieb noch kräftig bürsten. Aber man gewöhnt sich ja an vieles.

Sonst ist hier heute gar nichts los. Vokabeln und Kanji lernen ist auch nicht ultimativ spannend. Also springe ich zum Abend. Auf einem der Sender entdecke ich am Abend um ca. 19:00 eine Animeserie, die bei uns unter dem Titel „Montana“ gelaufen ist. Hier heißt das „Bôken Kôkû-Gaisha Montana“ („Abenteuerluftfahrtgesellschaft Montana“) Dabei handelt es sich um eine Art „Indiana Jones“ Parodie, deren Akteure anthropomorphe Katzen sind. Der Vetter des Protagonisten heißt „Henry“, und beide heißen „Jones“. (Indy wurde also auf zwei Leute verteilt: Den Abenteurer Montana und den Archäologen Henry.) Mann, das habe ich ja lange nicht gesehen! Das lief in Deutschland auf Nickelodeon, und ich habe einige angenehme Erinnerungen an diesen Sender. „Natsukashii“ würde ein Japaner wohl sagen.

5. Februar 2012

Gelesen: Der Graf von Monte Christo

Filed under: Bücher,Manga/Anime — 42317 @ 17:45

Die Notizen sammeln sich… schneller, als ich ausformulieren kann (davon, dass ich bei jeder sich prinzipiell bietenden Gelegenheit nicht auch die notwendige Motivation dazu aufbringe, ganz zu schweigen). Ich muss ja zugeben, dass gewisse Möglichkeiten der Kurzweil mich manchmal eine ganze Weile aufhalten… Civilization zum Beispiel, nach dem Kauf eines neuen Flachbildschirms wieder verstärkt CounterStrike, oder in letzter Zeit auch Railroad Tycoon. Abgesehen davon habe ich mir die Zeit genommen, “Der Graf von Monte Christo” von Dumas zu lesen. Nachdem ich vor ein paar wenigen Jahren die SciFi-Animeversion gesehen hatte, dachte ich mir, ich könnte die Vorlage mal lesen, und in Abwesenheit ausreichender Französischkenntnisse musste das halt die deutsche Ausgabe sein. An dieser Stelle also ausnahmsweise kein “Roadmovie”, sondern ein bisschen Literaturrezension.

Vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse im Frankreich des Jahres 1814 wird ein junger Mann mit dem Namen Edmont Dantes am Vorabend seiner Hochzeit als Folge von Neid, Missgunst und Egoismus auf einer Gefängnisinsel unweit von Marseille eingekerkert, ohne zu verstehen, was man ihm vorwirft und ohne je einen Richter gesehen zu haben.
Er verbringt 14 Jahre in Einzelhaft, gelangt aber durch heimliche Kommunikation mit einem Mitgefangenen an das Wissen über das riesige Vermögen einer mittlerweile ausgestorbenen Familie, das ein Opfer Cesare Borgias in Vorahnung seines baldigen Todes auf der italienischen Insel Montecristo versteckt hatte.
Nach dem Tod des Zellennachbarn gelingt ihm die Flucht, er eignet sich den Reichtum an und verbringt neun Jahre mit der Vorbereitung seiner Rache an den Leuten, die ihn ins Gefängnis gebracht haben, indem er alle auffindbaren Informationen über soziale Netzwerke, Geschäftsbeziehungen und auch alte Sünden, die sprichwörtlichen Leichen im Keller, einzieht, er lernt mehrere Sprachen bis zur Vollendung und baut selbst ein Netzwerk aus Geschäftspartnern, Freunden und Helfershelfern auf, das den gesamten Mittelmeerraum zu umspannen scheint. Er kommt als Graf von Monte Christo zurück (legt sich aber noch andere Tarnidentitäten zu) und vernichtet seine Widersacher, die mittlerweile zu Macht und Wohlstand gelangt sind.

Wenn man sich einmal an den antiquierten Sprachstil gewöhnt hat, liest sich die Geschichte sehr gut und auch schnell, obwohl ich sagen muss, dass die verwendeten Bauelemente manchmal ein bisschen simpel gehalten scheinen.

Schön ist zum Beispiel, wie aus dem Gefangenen Edmont der Graf wird:
Er wird eingekerkert und wird von einem nicht unfreundlichen Wärter bewacht, der ihn mit Namen anspricht. Nach einer Weile wechselt der Gouverneur der Insel und der Wärter geht mit. Der nachfolgende Wärter macht sich nicht die Mühe, sich die Namen der Gefangenen zu merken und ruft sie nach ihrer Zellennummer. Dantes, nun “Nummer 34”, verliert also seine Identität, was man ja scheinbar braucht, um sich eine neue anzueignen.
Durch seinen Zellennachbarn gelangt Nummer 34 also im Laufe der Jahre zu einer höheren Bildung, die es ihm später ermöglicht, sich realistisch als Aristokrat oder zumindest als Mitglied der gehobenen gesellschaftlichen Schicht auszugeben, denn Kleider machen zwar Leute, aber wenn einer, der sich “Graf” nennt, weiterhin den Sprachstil eines Marseiller Seemanns verwendet, dann fällt das auf. Nun ja, zumindest realistisch betrachtet, denn es fällt in dieser Geschichte nicht wirklich auf, weil die einfachen Leute, die den jungen Seemann Dantes umgeben, nicht anders reden als die Aristokraten, die zu Wort kommen. So gern Dumas historische Figuren in seine Geschichten einband, so wenig wollte er sich wohl gleichzeitig mit dem Studium realistischer Soziolekte belasten. Das kann man ihm nicht nachtragen, denn er wollte ja wohl unterhalten und keinen Beitrag zur linguistischen Forschung seiner Zeit leisten.
Angesichts seines nahenden Todes weiht ihn der Mitgefangene schließlich in das Geheimnis des Schatzes ein, von dessen Existenz er überzeugt ist, was ihm jedoch niemand glaubt. Das Geldversteck befindet sich auf der Insel Montecristo und so fällt die Wahl des identitätslosen Gefangenen für seine neue Identität auf diese Bezeichnung.

Auffällig ist ebenfalls, wie das Vorleben der zu bestrafenden Personen die sie treffende Strafe beeinflusst: Hat sich die Person des Todes eines Menschen schuldig gemacht, so muss er oder sie sterben. Diejenigen, die sich nur moralischer oder nicht-tödlicher Verbrechen schuldig gemacht haben, dürfen leben. Leider schien es Dumas zum Ende seiner Erzählung hin eilig gehabt zu haben, weil das endgültige Schicksal zweier Charaktere, Benedetto, der jemanden getötet hat, und Danglars, der sich nur bereichert hat, unausgesprochen bleibt, wobei ersterer sich in seiner letzten Szene im Gerichtssaal befindet, wo er den Mord (oder einen davon) zugibt, und letzterer befindet sich in der Hand italienischer Banditen. Das Ende läuft irgendwie zackzackzack und lässt meines Erachtens die Ausarbeitung vermissen.
Übrigens verhindert nur die Rückbesinnung auf Edmont Dantes, dass der Graf selbst jemanden tötet, womit er ja selbst in das hier präsentierte Muster der Wechselwirkung von Verbrechen und Strafe gefallen wäre. Zwar tötet auch ein anderer, positiver Charakter eine Person, dies aber in einem fairen Duell frei von niederen Beweggründen, und Rache, der Antrieb des Grafen, ist ein niederer Beweggrund, der somit sein Ableben im Augenblick des Triumphs aus literarischer Sicht hätte notwendig machen können. (Der Duellist findet sich aber anderweitig vom Schicksal gestraft.)

Die Japaner haben sich in ihrem Anime übrigens in keiner Weise für diese Wechselwirkung interessiert: Da kommt es zu einem (oder dem) Duell und einer muss dran glauben – womit ein bedeutendes Standbein der in der Romanvorlage dargelegten Moralvorstellung von Verbrechen und Strafe missachtet wurde. Entweder sie haben es nicht erkannt oder sich gedacht, scheiß drauf, wenn einer stirbt, fesselt das den Zuschauer mehr, als wenn es knapp verhindert wird. Sie begründen die allgemeine Handlungsweise des Grafen aber auch anders, weil er im Anime nicht einfach nur sprichwörtlich von Rachsucht, sondern de facto von einer Art Dämon besessen ist. Diese Einflussnahme durch eine dritte Entität entschuldigt dann scheinbar die Abweichung.

Ganz lupenrein bleibt der Graf aber dennoch nicht, es gibt zwei Punkte, von denen ich annehme, dass der Autor sich nichts dabei gedacht hat.
Zum einen gibt es einen Stelle, an der Albert von seiner Mutter gewarnt wird, sich vor dem Grafen in Acht zu nehmen, aber er, der vom Grafen kurz zuvor aus den Händen italienischer Banditen gerettet wurde, antwortet nur, dass der Graf weder spiele noch Alkohol trinke, wo solle also die Gefahr sein? Nun ja, abgesehen von literarischen Erwägungen wird von dem Grafen eindeutig gesagt, dass er Haschisch in Geleeform zu sich nimmt, und dass er sich aus kantonesischem Opium und irakischem Haschisch Pillen fertigt, mit deren Hilfe er eine Wirkung erzielt, für die man heutzutage wohl RedBull verwendet. Dieser Drogenkonsum wird in keiner Weise negativ dargestellt. Interessant dabei ist, dass ebenfalls an mehreren Stellen ausgesagt wird, dass der Graf kaum Nahrung zu sich nehme; er lädt zu opulenten Mählern ein, rührt aber selbst kaum etwas an – dabei dachte ich, dass der Wirkstoff im Haschisch den Appetit anrege? Vielleicht ist diese Erkenntnis jünger als das Buch und Dumas hat es nicht gewusst.

Aber wie dem auch sei, der zweite Punkt, der mir bei den vernachlässigten und ungesühnten Machenschaften Monte Christos auffällt, ist die Art und Weise, wie er den Bankier Danglars angreift: Der Graf manipuliert die Börse und die Unternehmen, von denen Danglars abhängg ist; an mehreren Stellen findet sich die Aussage, dass es in dem Umfeld zu Bankrotten gekommen sei, in deren Verlauf Danglars Millionen an Investitionen verliert. Sollte da nicht jedem auffallen und aufgefallen sein, dass hierbei Unschuldige, billigend in Kauf genommen, ins zumindest wirtschaftliche Unglück gestürzt werden, um jemand ganz anderen zu treffen? Dantes’ Gönner Morrel stand kurz davor, sich angesichts seiner Zahlungsunfähigkeit eine Kugel durch den Kopf zu schieben, man müsste wohl davon ausgehen, dass es in den vom Grafen ruinierten Unternehmen zu solchen Fällen gekommen ist – Familienschicksale also, deren Verlauf selbst als Vorlage für Rachegeschichten dienen könnte. Stattdessen bieten diese Ereignisse nur den Hintergrund, anhand dessen sich der unkritische Leser schadenfreudig am Niedergang des habgierigen Danglars erfreut.

Was mich wohl am meisten stört, ist die unangefochtene Über- und Allmacht des Grafen. Sein Reichtum gibt ihm Möglichkeiten der Einflussnahme, wie man sie in Computerspielen nur im Cheatmodus erreicht, seine Pläne sind perfekt, das eine Ereignis, das er weder vorhergesehen noch gewollt hat, hat keinerlei Auswirkungen auf den Gesamtverlauf und bleibt in der Kategorie “Kollateralschaden”, und an keiner Stelle ist der von ihm erdachte Ablauf der Ereignisse in irgendeiner Weise von einem Scheitern bedroht. In dieser Hinsicht fehlt dem Ganzen ein bisschen die Spannung, ob unser Held es nun schaffen wird oder nicht (obwohl jeder, der sich nur ein bisschen mit dem Geschichtenerzählen auskennt, weiß, dass der Held es immer schafft und sich nur die Frage des konkreten “Wie” stellt), aber ich wage zu behaupten, dass jede Geschichte durch einen handlungsfähigen Gegenspieler an Reiz gewinnt. Im Buch von Dumas sind alle handelnden Personen nur passive Figuren auf dem Schachbrett des Grafen von Monte Christo.