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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

23. Juni 2024

Mittwoch, 23.06.2004 – Besser unter der Matratze sparen!

Filed under: Japan,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Ogasawara-sensei lässt uns heute, wie befürchtet, „Shima Uta“ singen, aber es wird nicht ganz so grausig wie die letzte Vorstellung. Sie hat sich während einer Reise nach Tokyo am vergangenen Wochenende die “Single Collection +“ von „The Boom“ gekauft, weil sie die Zeit nicht aufwenden wollte, die „Shima Uta“ Maxi CD zu bestellen. Dr. „Dragon“ Chen möchte sich die Doppel-CD auch gleich ausleihen und ich werde wohl das gleiche tun, sobald er sie wieder zurückgibt. Vielleicht kann man ja auch mit anderen Liedern der Gruppe was anfangen, obwohl ich es eigentlich bezweifle. „Shima Uta“ ist ja nur von „The Boom“ gecovert, und männliche japanische Sänger haben bei mir eine weitaus niedrigere Erfolgsquote als ihre weiblichen Kolleginnen.
Mir fällt immer wieder auf, wie mies J-Pop, japanische Popmusik, eigentlich ist. Natürlich gibt es Lieder, viele sogar, die gut sind, bzw. die mir gefallen, aber das sind prozentual nicht viele. Ich kann auch nicht begründen, warum mir Soundtracks von Anime im Schnitt weit besser gefallen, als das, was in den lokalen Hitparaden so läuft. Bei „Music Station“ (in gewissem Sinne das japanische Gegenstück zu den deutschen Sendungen „Formel Eins“ oder „Hitparade“) rollen sich mir regelmäßig die Zehennägel hoch, also sehe ich mir das lieber nicht mehr an. Was lief da doch letztlich? Ein weibliches Rap-Duo gab da eine Art Mix aus Rap und HipHop zum Besten: „I know, you know, I’m going to za Machi“ (= „… the city“). Das ist mindestens genau so schlimm wie die „deutsche“ Liedzeile „Du bist so sweet wie Candy“, die stammt aus den 60ern, soweit ich weiß.[1]

SangSu referiert in Kondôs Unterricht heute über das japanische Bankensystem, muss aber eingestehen, dass er die Erläuterungen des Autors nicht ganz verstanden hat. Dabei ist das Prinzip nicht schwer zu verstehen. Möglicherweise ist er an Vokabeln gescheitert. Also schwimmt Kondô-sensei ganz in seinem Element und füllt die Lücken meines koreanischen Nachbarn.

Im Prinzip gibt es in Japan Versicherungen und private Banken, die ihr Geld damit verdienen, dass sie für Zinsen Geld an Unternehmen verleihen oder aber für Gewinnbeteiligungen Geld in Unternehmen investieren – mit Ausnahme von kleinen Unternehmen, da man diese in der Regel nicht als kreditwürdig betrachtet. Wegen der im Vergleich zu amerikanischen Banken geringeren Kapitalrücklagen der japanischen Institute ist das Risiko, das Geld nicht wieder zu sehen, für die hiesigen Kreditanstalten zu groß. Wie die kleinen Unternehmen an benötigte Kredite kommen, werde ich später ausführen.

Neben den privaten Kreditinstituten gibt es noch die staatliche Post, die nicht nur Brief- und Paketdienste anbietet, sondern auch Versicherungen und Bankgeschäfte. Allerdings fehlen der Postbank die personellen Kapazitäten, um effektiv mit privaten Unternehmen Geschäfte zu machen, und diese Mittlerrolle übernimmt der japanische Staat. Zum Leidwesen der meist ebenso ahnungslosen wie naiven japanischen Sparer verwendet die Regierung die Sparguthaben als „Ersatzhaushalt“, als zweiten und inoffiziellen Staatshaushalt, was natürlich nicht legal ist, aber in Japan ist grundsätzlich alles erlaubt, wobei man sich nicht erwischen lässt. Die Regierung investiert das Geld der Sparer in (meist vom Staat selbst initiierte) Bauprojekte, wie zum Beispiel den nie endenden Bau auch unnötiger Autobahnstrecken, um die politisch einflussreichen Bauunternehmen zu befriedigen.
Die Übersicht über die Investitionen (und deren Rentabilität) der vergangenen zehn Jahre zeigt deutlich, dass das Geld zum größten Teil in den Sand gesetzt worden ist und dass die Regierung wiederholt auf den offiziellen Staatshaushalt zurückgreifen musste, um das Geld der Sparer ersetzen zu können. Die Fähigkeit der Postbank, Zinsen an die Kunden auszahlen zu können, ist einer immer weiter wachsenden Gefahr ausgesetzt, während man der Öffentlichkeit auch weiterhin erklärt, dass Postbankguthaben absolut sicher seien, weil der Staat (angeblich) nicht Bankrott machen könne.

Zum Thema der Kredite für kleine Unternehmen und Privatleute erzählt Kondô weiter, dass diese häufig auf so genannte „Schwarze Kredite“ angewiesen seien, was keineswegs bedeutet, dass es sich dabei um illegale Finanzgeschäfte, vielleicht mit der Yakuza, handelt (oder handeln muss). Er nennt als populäre Beispiele „Acomu“ und „Promise“. Jedes Kind in Japan kennt diese Firmen aus der eingängigen TV-Werbung und Kondô-sensei wiederholt zu unserem Vergnügen die Melodien, „Ha-ji-mete no A-co-mu“ und „Pu-ro-mi-su“, um unserem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, obwohl es eigentlich nicht notwendig ist, weil niemand, der einmal eine Werbung für „Acomu“ und „Promise“ gesehen hat, sie jemals wieder vergessen könnte, was a) an den Ohrwurm-Jingles der Firmen und b) an den Models liegt, die in der Werbung auftreten. Dann rechnet er an einem Beispiel vor, wie sich ein solcher Kredit entwickelt, und eigentlich reicht es völlig aus, zu sagen, dass die Zinsraten sich auf einem Level kurz vor 30 % halten. Sein Fazit: „Sollten Sie je einen Kredit brauchen, gehen Sie niemals zu Promise oder Acomu!“

Hugosson stellt uns heute ein Konzept vor, dass man wohl mit „Gesellschaftsverantwortungsbericht“ übersetzen könnte. Es handelt sich jeweils um Schriftstücke von großen Privatunternehmen, die darin hervorheben, welche ihre guten Taten des vergangenen Jahres waren, also welche allgemeinnützigen Projekte oder Fonds oder Stiftungen finanziert wurden und derlei Dinge. Wir sollen für die Stunde übernächste Woche einen solchen Bericht auftreiben und zusammenfassen. Ich bezweifle, dass die Waffen- und Rüstungsindustrie solche Berichte anfertigt, aber ich kann ja mal nachsehen.


[1]   Die beiden Japanerinnen waren die Band HARUCARI, deren Lieder ich eigentlich schätze – allerdings hatten die beiden kurz zuvor ihren Schulabschluss gemacht, waren also nicht mehr an Kleider- und Frisurvorschriften ihrer Schule gebunden, und ich habe sie deshalb schlicht nicht erkannt!

18. Juni 2024

Freitag, 18.06.2004 – Reis, Reis, Reis

Filed under: Japan,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Ich gehe früh ins Center, um mit meiner Datenübertragung fertig zu werden, damit ich mit Misi die Memorysticks wieder tauschen kann. Ich lerne nebenher meine Vokabeln und lese ein paar „Kevin & Kell“ Comicstrips. Ich erfahre dabei, dass man auch Bücher davon kaufen kann, man kann sie im Internet bestellen. Aber eine Ausgabe kostet umgerechnet 10 E, und zwar ohne Angabe, wie viele Seiten oder Strips ich dafür bekomme.

Weil Eve gerade da ist, kläre ich mit ihr ein paar Einzelheiten meines Kampfberichtes. Sie hat sich dazu bereit erklärt, ihn nach Fehlern zu durchsuchen, obwohl ihr das Thema nichts bis wenig sagen dürfte, aber ich habe sie eingehend vorgewarnt, um was es dabei geht und sie hat trotzdem zugestimmt. Leider ist sie die einzige Muttersprachlerin vor Ort; wären Dave oder David noch da, hätte ich die fragen können. Ich glaube, dass männliche Leser eher einen Bezug zu dieser Materie haben könnten.

Kuramata-sensei hat einen Professor zu Gast, der eine „echte“ Vorlesung über die wirtschaftliche und ökologische Bedeutung des Reisanbaus für Japan hält – das heißt, er hat eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet und liest den Text exakt so ab, wie er auf der Leinwand erscheint. Aber gut, Stil beiseite. Ich habe mich schon woanders mehr gelangweilt. In seinem Text heißt es, dass Reisfelder das Land vor Taifunen schützen. Dieser Punkt ist mir nicht klar und ich frage nach. Die Reisfelder fungieren als ein gigantisches Netz vieler kleiner Staudämme und nehmen das Regenwasser auf, weswegen Überflutungen in Japan eine eher seltene Erscheinung seien. Ja, wenn ich „Taifun“ höre, muss ich in erster Linie an einen heftigen Sturm denken, und erst lange danach kommt mir der Gedanke an Regen. Offenbar ist die Trennung von „Sturm“ und „sintflutartiger Regen“ in japanischen Köpfen nicht so strikt wie in europäischen.
Dann erscheint unter „wirtschaftlichem Nutzen“ die Aussage „Reisfelder schmücken die Landschaft und ziehen Touristen aus den Großstädten an“. Nun ja, über die Ästhetik von Reisfeldern kann man sich streiten, aber man kann wohl sagen, dass es schön aussehen kann, wenn der Reis in Blüte steht. „Wie ein goldener Teppich auf dem Land“ sagen manche Beobachter.
Interessant fand ich auch das Argument „Reisfelder nehmen Giftstoffe (engl.: contaminants) auf und reinigen die Luft“. Ja, wenn sich das Gift im Reisfeld sammelt, landet es dann nicht in meiner Schüssel? Darüber muss der Professor einen Augenblick nachdenken, wirft einen Blick in die japanische Vorlage und meint dann: „Das verwendete Wort (Giftstoffe) ist vielleicht keine gute Wahl gewesen. Damit sind Stoffe wie Kohlendioxid gemeint.“ Aha, damit wird der Fall schon klarer.
„Aber machen das nicht alle Pflanzen?“
Der Professor lacht (verlegen?): „Ja, natürlich… aber dennoch ist es auch ein Vorteil der Reispflanze, oder?“
Wie kommt mir diese Argumentation vor?
„Benennen Sie die Vorteile eines Rotstiftes!“
„Man kann damit schreiben.“
Unter den statistischen Angaben findet sich die folgende Angabe, die mir (in aktuellerer Version) durch den Vortrag von Nim über Reisanbau in Japan bereits bekannt war: „Etwa die Hälfte der japanischen Bauern pflanzt ausschließlich Reis an.“
Ja, sind die denn alle von Sinnen?
„Warum pflanzen die denn keine Varietät von Reis, Gemüse und Obst, damit ihnen ein schlechtes Jahr nicht alles nimmt, was sie investiert haben?“
Darauf weiß er keine Antwort. Eine weitere Frage, die ihm unangenehm scheint. „Ja, das wäre sicherlich besser.“ sagt er. Warum kommt es mir vor, als hätte ich heute nur Fragen gestellt, die nicht genehm waren?
Die Statistiken offenbaren mir eine weitere Schwachstelle: Ich habe an anderer Stelle erwähnt, dass Japan nur 40 % seines Kalorienbedarfs selbst decken könne, die Reisversorgung aber sichergestellt sei. Klingt gut, vor allem als Wahlkampfslogan: „Die Reisversorgung ist sicher!“ Aber das hat einen Grund, der den Slogan ins Stolpern bringt: Seit dem Beginn der Sechziger Jahre ist der Pro-Kopf-Reisverbrauch aufgrund des steigenden Verzehrs von Brot und Nudeln von etwa 120 kg auf knapp 50 kg pro Jahr gefallen. Das heißt, wenn den Japanern Brot und Nudeln plötzlich nicht mehr schmecken würden (oder wenn sie der ewigen „Esst mehr Reis!“ Propaganda nachgeben würden), dann würde der Reis eben nicht reichen und es müssten gewaltige Mengen importiert werden.

Apropos Reisimporte: Japan wurde vor einiger Zeit von der Welthandelsorganisation WTO gezwungen, pro Jahr etwa 700.000 Tonnen Reis aus anderen ostasiatischen Staaten zu importieren (was etwa 9 % des eigenen Erntevolumens ausmacht). Dieser Reis aber landet nicht auf dem japanischen Markt, sondern wird in Hafenhallen gelagert, um bei Bedarf in Staaten mit Ernährungsengpässen geliefert zu werden, also zum Beispiel nach Nordkorea. Das mag an sich sehr nobel sein, aber für diese Starrsinnigkeit gegenüber dem Import von Reis kann man nur die Machtliebe der Liberaldemokratischen Partei LDP verantwortlich machen. Japanische Bauern sind aufgrund der Primitivität ihrer Mittel überhaupt nicht in der Lage, mit dem Ausland zu konkurrieren, sie würden untergehen, weil der Reis aus dem Ausland nicht nur billiger, sondern zum Teil auch besser ist. Allerdings stellen Reisbauern einen erheblichen Anteil der LDP Wählerschaft, und die Partei hat natürlich ein großes Interesse daran, ihre jahrzehntelange Alleinherrschaft aufrecht zu erhalten.
Der größte Nachwuchsfaktor für Reisbauern ist übrigens nicht der Familiennachwuchs der Bauern selbst, sondern Leute über 50, die sich pensionieren lassen, um dann als Bauern auf dem Land zu leben. Der Bauernstand veraltet, im wahrsten Sinne des Wortes. Der durchschnittliche Reisbauer ist um die 60 Jahre alt.

Ogasawara-sensei gibt uns unsere Klausuren zurück und bespricht sie. Ich komme auf 61 % und habe damit meinen Schnitt seit dem vergangenen Semester weiter gesteigert. Man muss es auch positiv sehen können.
Zuletzt gehen wir „Shima Uta“ weiter durch und sollen für die kommende Stunde den Text flüssig ablesen können – was bedeutet, dass mal wieder gesungen wird. Hat ihr denn die Vorstellung vom letzten Mal nicht ausgereicht?

Ich gehe ins Center und rede eine Weile mit Marc. Wie wir darauf kommen, weiß ich nicht mehr, aber er erzählt von „Baldur’s Gate II“, einem Rollenspiel für PC, das offenbar große Spielräume für das Verhalten des Charakters lässt, und das interessiert mich. Nichts ist übler in einem Rollenspiel, als dem Spieler keine Aktionsfreiräume abseits der Haupthandlung zu belassen.
Izham, der Malaye, rät mir, es auch mal mit „World of Warcraft“ zu versuchen. Ich wiederum tue mein bestes, ihn für „Combat Mission“ zu erwärmen, weil er ein Faible für Taktik- und Strategiespiele zu haben scheint, also gebe ich ihm die CD mit, bevor ich mich in die Bibliothek verziehe.

10. Juni 2024

Donnerstag, 10.06.2004 – Alternativhistorik

Filed under: Japan,Militaria,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Yamazaki-sensei hat einen intelligenten Plan gefasst (ganz ohne Ironie), wie er die Leute am Einschlafen während des Unterrichts hindern kann: Er lässt die Aufsätze nicht mehr zuhause schreiben, sondern schon während des Unterrichts beginnen. Immerhin beschäftigt das das Hirn weit mehr, als drögen theoretischen Vorträgen über Grammatik zu lauschen. Die gerade aktuellen Kurzbiografien sind auch nicht weiter kompliziert. Eine Meinungsdiskussion mit ihrem Für und Wider gestaltet sich stilistisch weitaus schwieriger.

Nach dem Unterricht sitze ich stundenlang im Center herum und verschiebe Dateien auf den „richtigen“ Rechner, so bis etwa um 16:00. Währenddessen kommen und gehen eine Menge Leute, wie z.B. SungYi, der ich erklären muss, dass ein Win98 Computer die Kamera nicht erkennt, wenn sie nicht vorher die Treiber installiert. Sie solle  es besser mit einem XP Rechner versuchen, weil in dem Betriebssystem ja alles Mögliche schon drin ist.
BiRei ist auch eine Weile da und erklärt, dass sie sich fest vorgenommen habe, irgendwann nach Deutschland zu reisen, um mal zu sehen, wie’s da so aussieht, für den Fall, dass sie uns besuchen dürfe. Als ob ich da je was dagegen haben könnte…

Ich verbringe noch einige Zeit online mit Lesen und lande unweigerlich bei kriegerischen Daten. Ich habe vor einigen Jahren bereits eine Dokumentation über den chinesischen Bürgerkrieg der 30er Jahre gesehen, und natürlich kommt man dabei nicht um Chiang Kai-shek herum. Die Aufnahmen zeigen ihn beim Inspizieren von Truppen. Die Männer auf dem Video waren eindeutig Chinesen, trugen aber ganz klar die Uniform der deutschen Wehrmacht, markant Feldgrau; der Schnitt der Jacken ist ebenso unverwechselbar wie der Stahlhelm. Ich habe erst jetzt endlich die Antwort auf die implizite Frage gefunden („Wie zur Hölle kommen Chinesen in deutsche Uniformen???“), obwohl man nicht von mir behaupten kann, ich würde zu wenige Bücher zu diesem Thema lesen (und es sind noch nicht so viele, wie ich gerne konsumieren würde), und die Antwort kam von www.feldgrau.com (es handelt sich um eine Seite in englischer Sprache). Dort findet man die folgende Vorgeschichte zu diesen Bildern: Das Deutsche Reich hatte bereits 1921 mit China (mit der Partei Chiang Kai-sheks) diplomatische Beziehungen aufgenommen und unterhielt von 1927 bis 1938 einen militärischen Beraterstab vor Ort. Der Chef dieses Stabes von etwa 50 Mitarbeitern war (unter anderen) kein geringerer als General von Seeckt, der zur Zeit der Weimarer Republik Chef der Heeresleitung gewesen war. Ursprünglich war geplant, dass das Deutsche Reich (nunmehr das Dritte) die komplette National-Chinesische Armee in Stärke von 3,7 Millionen Mann bis zum Anfang der Vierziger Jahre ausrüsten und vor allem ausbilden sollte. Man traute den Chinesen aber nicht viel zu und verfolgte den Plan eher halbherzig, und wegen des Geldes. Die deutsche Regierung verständigte sich aus ideologischen (= nicht von Vernunft geleiteten) Gründen aber lieber mit Japan und der Beraterstab wurde zurückgezogen (und der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 verprellte dann wiederum die Japaner, wegen des Bruchs der Antikomintern-Vereinbarung). Bis 1938 waren nur acht Divisionen in den Genuss einer deutschen Ausbildung gekommen – die allerdings dann die Elite der nationalen Armee Chinas wurden. Der Bruch mit China kostete Deutschland seine Hauptquelle für Wolfram – ein Metall, dass für moderne industrielle und militärische Zwecke unverzichtbar ist.

Das Szenario eines mit China (und damit gegen Japan) verbündeten Deutschen Reiches erscheint mir interessant. Hätten wir dann die Amerikaner im Atlantik bekämpft, um im Pazifik mit ihnen gemeinsame Sache zu machen?[1] Klingt abwegig. Ich wage aber zu bezweifeln, dass die pazifischen Ereignisse von 1941 ihren Lauf genommen hätten, wenn der japanische Großangriff auf China (südlich der Mandschurei) von 1937 auf deutsch ausgebildeten und ausgerüsteten Widerstand getroffen wäre… man erinnere sich, dass Japan an den Sowjets bereits zu Beginn des Krieges schwer zu knabbern hatte, zu einem Zeitpunkt, als mit der Wehrkraft (theoretisch) noch alles in Ordnung war. Die Sowjets (unter der Führung Schukows) fügten der japanischen Kwantung Armee im Mai 1939 heftige Verluste an der mongolischen Grenze zu – während die deutsche Invasion 1941 gegen eben jene Sowjets eine zunächst verheerende Wirkung entfaltete. Was hätte eine deutsch ausgebildete chinesische Armee also möglicherweise erreicht? Bei der Vielzahl von Ursachen und Wirkungen, die aus dem Zweiten Weltkriegs erwachsen sind, hätte es die politische Landschaft auf dem Globus nachhaltig verändert, vor allem im Hinblick darauf, dass Chiang Kai-Shek auch möglicherweise mit Mao Ze-Dong fertig geworden wäre.

Ich gehe noch in die Bibliothek, halte mich aber nicht lange auf. Ich spiele nur meinen heutigen Spielzug gegen Frank und schreibe meinen Bericht dazu. Die Entwicklung der Lage zwingt mich, um Waffenstillstand zu ersuchen – noch kann ich nämlich behaupten, nicht besiegt zu sein, also akzeptiere ich das Unentschieden.


[1]   Natürlich nicht – ohne ein Bündnis mit Japan hätte das Deutsche Reich vermutlich nicht mit einer Kriegserklärung an die USA reagiert.

6. Juni 2024

Sonntag, 06.06.2004 – D-Day, aber nur in einer einzigen Zeitung

Filed under: Japan,Militaria,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Die „Japan Times“ bringt heute einen Bericht über die Landung in der Normandie, aber an der übrigen Medienlandschaft Japans scheint dieses bedeutende Datum, es ist der 60. Jahrestag, spurlos vorüberzugehen. Kein Wort davon in den Nachrichten. Andererseits wurde auch die Landung der Amerikaner auf Okinawa vom 01.04. in den TV-Nachrichten überhaupt nicht erwähnt. Ich möchte dagegen wetten, dass Anfang August die Zeitungen voll sind von Aufnahmen aus Hiroshima und Nagasaki.
Die deutschen, britischen und amerikanischen Medien, die ich im Internet verfolge, sind natürlich Feuer und Flamme, und in den übrigen Teilnehmerstaaten wird es nicht anders aussehen. Von daher gibt es eine Menge Berichte und Artikel, die mich interessieren.

Zunächst einmal wurde in England eine Umfrage unter Schülern in Auftrag gegeben, die herausfinden sollte, ob die Elf- bis Vierzehnjährigen mit dem Begriff „D-Day“ überhaupt noch etwas anfangen können. Und da kamen abenteuerliche Sachen raus. Nur etwa 30 % der Schüler kannten den Begriff überhaupt. Andere wussten „etwas“ aber nicht genug. Harmlos ist noch, dass da „Amerikaner gekommen (sind), um die Engländer zu retten“. Der Rest der geäußerten Meinungen lässt sich übertrieben zusammenfassen: „Eine Landung im von Nazis besetzten Neuseeland anno 1066 unter Führung von Denzel Washington“. Ich kann jedem dieser Einzelteile einen gedanklichen Hintergrund zuordnen, sogar Denzel Washington (weil George Washington ein bekannter Amerikaner ist, der Engländern bekannt sein sollte), aber wie kommen die auf Neuseeland?
Die Zahl der Schüler, die Winston Churchill als den damals amtierenden Premierminister identifizieren konnten, ist ebenso gering. Die Faszination des Bösen ist allerdings spürbar: 79 % der Gefragten identifizierten Adolf Hitler richtig als den Chefoberboss des Feindes.

Außerdem wurde dieser Tage auch, zwei Jahre vor der Invasion, SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich aus der Welt geschafft. Er hatte sich 1941, als neu ernannter „Reichsprotektor von Böhmen und Mähren“, selbstherrlich die tschechische Wenzelskrone auf den Kopf gesetzt, von der es heißt, dass derjenige, der dies unerlaubt wage, binnen Jahresfrist sterben werde. Ja, und nachdem die Maschinenpistole des britischen Kommandosoldaten nicht funktionierte und ihn auch der Sprengsatz nicht (direkt) umbrachte, war es ein Rosshaar aus dem Sitz seines Wagens, das ihm (durch die Explosion) in die Milz eingedrungen war und eine Blutvergiftung auslöste. Hätte er seinem Fahrer befohlen, Gas zu geben, anstatt den Angreifer zu bekämpfen, dann hätte man sich seiner wohl erst durch die Nürnberger Prozesse annehmen können.

Ich fahre ins Ito Yôkadô. Die zweite „Anime Trance“ CD hat mir so gut gefallen, dass ich mir die erste auch noch bestellen möchte. Und weil mir immer noch nach Pizza ist, fahre ich am Abend mit Melanie noch einmal ins SkattLand. Die Thunfischpizza ist gar nicht schlecht da, sogar Tabasco macht sich gut darauf (obwohl ich das nur verwende, weil nichts Anderes zum Schärfen da ist). Die so genannte „Age-Pizza“ finde ich nicht so berauschend, wenn auch essbar. Es handelt sich dabei um Pizzateig mit Pizzafüllung, der in der Friteuse gebacken worden ist.

2. Juni 2024

Mittwoch, 02.06.2004 – Die Bauern, unsere Beziehungen, und die Neue Kuh

Filed under: Japan,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 0:00

Von den Leuten, die ich gestern um Rat gefragt habe, haben tatsächlich wie erwartet drei geantwortet. Meinen besten Dank. Ich erfahre leider nichts Neues, außer, dass die weniger wissen als ich. Unter Trierer Studenten, die vorübergehend ins Ausland ziehen, geht man davon aus, dass es notwendig sei, die Rückmeldung mit Hilfe der TuniKa in Trier vor Ort vorzunehmen, indem man einem Treuhänder seine Karte überlässt und den bittet, die entsprechende Überweisung vorzunehmen. Dies entspricht aber nicht der Wahrheit – eine Überweisung des Semesterbeitrags mit Matrikelnummer als Verwendungszweck reicht völlig aus. Am meisten wundert mich, dass Katsuki-sensei noch nicht geschrieben hat. Sie ist als notorische Frühaufsteherin normalerweise recht schnell beim Beantworten der Post, und ich habe sogar einen hohen Prioritätsgrad angegeben.

Kondô-sensei lässt den Unterricht heute ins Freie verlegen, weil das Wetter so schön ist. Dann drückt er Mei 1000 Yen in die Hand und sagt, sie solle bitte zum Automaten gehen und bitte für alle was zum Trinken besorgen. Sie bringt Tee. Und dieses Zeug aus dem Automaten, allem voran Ôlong, ist einfach widerlich. Aber ich trinke ein paar Schlucke davon, um den Spender nicht zu beleidigen, wie man das in Japan halt macht.
Nim redet über den Zustand der japanischen Landwirtschaft, und der zu Grunde liegende Aufsatz (von 2003) zeichnet da ein reichlich düsteres Bild. Fünf Prozent der japanischen Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig, in Deutschland sind es drei. Das ist an sich nicht atemberaubend. Die quantitative Reisversorgung ist sichergestellt, aber dennoch kann Japan aus sich heraus nur 40 % des nationalen Kalorienbedarfs decken. Die Nahrungsmittelimporte sind so hoch, dass sie die Exportgewinne in Höhe von etwa 7 Trillionen Yen (ca. 53 Mrd. Euro) fast vollständig aufzehren. Vom weltweiten Fischfang z.B. gehen 60 % (!) nach Japan.[1] Deutschland ist, laut Aussage des Verfassers, in der Lage, seinen Kalorienbedarf zu 99 % selbst zu decken. Natürlich bedeutet eine solche Angabe in der Statistik nicht, dass ein Staat mit einer Sättigung von 100 % keine Importe bräuchte. Schließlich könnte das auch bedeuten, dass das nationale Angebot zwar sehr kalorienhaltig, aber wenig abwechslungsreich ist.
Nim ist leider nicht leicht zu verstehen. Ihr Englisch (es mag nicht sehr gut sein, aber es ist auch nicht schlecht) macht dabei nur den geringsten Teil des Problems aus. Hinter ihr plätschert nämlich der Brunnen, neben mir übersetzt SangSu das Gesagte für Mei ins Koreanische und wir müssen andauernd Ameisen von unseren Kleidern verjagen, weil es hier in der Umgebung offenbar einen volkreichen Staat gibt.

Im Anschluss redet Hugosson, im Lehrsaal, über „Soziales Kapital“ (oder „Gesellschaftliches Kapital“), was man auf gut Deutsch „Vitamin B“ nennt – Beziehungen. Wie viele Beziehungen wir denn hätten, will er wissen. Ich gebe an, so um die 80 zu haben. Ich denke, so viele Leute stehen mir nahe genug, um sie um einen Gefallen bitten zu können, wenn es einmal notwendig sein sollte. Die Koreanerin JiGong schickt gleich „ein paar Hundert“ ins Rennen. Aha. Die Thailänderin Nun setzt der Sache die Krone auf und gibt „um die 2000“ an. Da fällt mir ja die Kinnlade runter! Und ich habe echte Probleme, das zu glauben. Ich möchte schätzen, dass es auf der Welt etwa 150 Leute gibt, die sich an meinen Namen oder an mein Gesicht (oder zumindest eines davon) erinnern können. Den „harten Kern“, also meine besten Freunde, gebe ich mit etwa einem halben Dutzend an, und da unterscheide ich mich nicht von den anderen, was meiner Meinung nach die These von den 2000 Kontakten weiter aushöhlt.

Als nächstes, nach dem Unterricht, schreibe ich „Entwarnungen“ an alle, die mir auf meine Anfrage geantwortet haben, und an meine Lehrerin. Dann gehe ich ins Sekretariat meiner hiesigen Fakultät und beantrage die Immatrikulationsbescheinigung – auf Englisch, bitte. Das Papier werde binnen der nächsten zwei Tage in meinem Postfach liegen, heißt es.
In eben jenem Postfach finde ich heute einen Bescheid des Centers, in dem ich aufgefordert werde, bis zum 30. Juni meine Rückreiseformalitäten mit der Angabe meiner Reiseroute zu beginnen. Ich gehe also zu Prof. Fuhrt, um eine mögliche Verlängerung zu klären, aber er verweist mich an meine Kontaktstellen in Trier. Außerdem bietet er mir an, das Faxen der Immatrikulationsbescheinigung für mich zu übernehmen.

Ich werfe am Abend einen Blick in die „Japan Times“ und finde darin einen interessanten Bericht. Darin ist zu lesen, dass das japanische Unternehmen „Kirin“ es geschafft habe, eine Kuh zu züchten, die gegen BSE immun sei. Man habe dazu ein Trägerprotein entfernt, das angeblich keine andere Funktion als das Übertragen von solchen Krankheiten habe. Die Kuh sei noch nicht geboren, sondern befinde sich derzeit noch im Mutterleib – nichtsdestotrotz laufen die Untersuchungen bereits. Jetzt frage ich mich allerdings, warum ausgerechnet eine Brauerei, wenn auch die zweitgrößte Japans, solche Forschungen betreibt. Die verkaufen nämlich Getränke jeder Art – nur keine Milch.[2]


[1] Ich frage mich heute, ob diese Zahl korrekt berechnet war. Im Jahr 2020 betrug der japanische Anteil am weltweiten Fischkonsum (laut de.statista.com) nämlich nur knapp 4 %.

[2]   Patente sind immer eine Kapitalanlage.

22. Mai 2024

Samstag, 22.05.2004 – Sushi bis der Arzt kommt

Filed under: Japan,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Ich sehe mir gleich am Morgen „SailorMoon“ an, um nicht wieder tagelang hinterherhängen zu müssen, weil ich keine Zeit dafür habe: Usagi fasst den Plan, Mamoru nach London zu folgen. Die falsche Schlange Mio (habe ich bereits erwähnt, dass sie passend zur Rolle hinterlistig und falsch aussieht?) lädt sie dazu ein, doch als Assistentin beim Fernsehen zu arbeiten und vermittelt sie an einen jungen Schauspieler. Ihre Aufgabe soll es sein, auf dessen Dackel aufzupassen und generell hinter ihm her aufzuräumen. Wenn ich das recht verstanden habe, heißt es, der Schauspieler werde demnächst nach London fliegen und sie könne als seine Assistentin mitkommen. Natürlich läuft die Assistentengeschichte darauf hinaus, dass Usagi der Dackel entwischt und sie mitten in die Live-Aufnahme hineinstürzt, um ihn wieder einzufangen. Neue Vokabel: „Live Aufnahme“ = „Nama Hôsô“.
Meiner Meinung nach wurde mit der untertreibenden Darstellung ihrer Intelligenz, ihrer Begriffsstutzigkeit, etwas übertrieben, als sie eine Weile perplex vor der Kamera herumsteht und offenbar nicht begreift, was das Fuchteln und Winken der Crew zu bedeuten hat oder wie sie das Schild mit der Aufschrift „Nama Hôsô“ interpretieren solle.
Natürlich entpuppt sich der Schauspieler als „Besessener“, mit einem Monster infiziert, das schließlich hervorkommt und Usagi angreift – was es auch schon hätte tun können, als die beiden allein zusammen in seiner Ankleide waren und sie das Pipapopipi von dem Köter vom Boden aufgewischt hat. Der Yôma staucht sie ein bisschen zusammen, aber sie wird natürlich gerettet – von Mamoru! Man sollte besser sagen „von Prinz Endymion“, der in seiner weißen Opernuniform wirklich lächerlich aussieht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Darsteller nur ein halbes Hemd ist und die Polster lediglich seine Schultern verbreitern – um das Doppelte! Und seit wann trägt Endymion eigentlich Weiß? Die schwarze Rüstung aus der Animeserie sah viel martialischer (= besser) aus.
Man kann also mittlerweile davon ausgehen, dass die abschreckend aussehende Mio auf sehr direkte Art und Weise mit der im Vergleich direkt ansehnlichen Königin Beryll im Zusammenhang steht.
Zoisyte und Nephlyte haben auch inzwischen den „Club der Getreuen des Endymion“ gegründet, und es zeigt sich, dass auch Kunzyte sich sehr wohl an diese Vergangenheit erinnert, aber er nimmt seinem ehemaligen Boss übel, dass er es nicht geschafft hat, den vernichtenden Angriff der Bösen auf das Mondreich abzuwehren, und schmollt deshalb. Nur Jedyte, der die mehr oder weniger konspirative Versammlung beobachtet, hat keine Ahnung, von was die drei da reden und verpetzt Zoisyte bei der strengen Königin mit der angenehmen Stimme, worauf der arme Zoisyte natürlich sofort gezüchtigt wird. Ja, so geht’s bei denen zu…

Ich fahre in die Bibliothek. Es ist bewölkt. Aber solange es am Nachmittag, auf dem Weg zum Sushi Shôgun und wieder zurück, nicht regnet, ist mir das egal. Ich schreibe also bis um 16:20 und fahre dann zum GEO, wo Mei uns treffen wollte. Misi kommt auch mit, er verzichtet heute auf das Paragliding. Um 16:30 trifft Melanie am GEO ein und sagt, Mei sei sofort zum Sakurano gefahren, zum „Shopping“, wie sie sagte. It est: Spazierengehen im Kaufhaus, Kleider angucken und Preise schrecklich finden. Wir fahren also zu dritt los und warten vor dem Sushiladen. Bis um 17:00 kommen Wiirit und Nan, dann Mei, das Ehepaar Han und Jo, schließlich Izham (aus Malaysia, ein Moslem, der aussieht wie ein Klischee-Jesus) mit einer jungen Frau, die ebenfalls von seiner Universität kommt. Die Temperatur ist angenehm kühl, nur Mei beschwert sich, dass ihr kalt sei.
Wir gehen hinein, es ist auch schon Fünf. Kurz darauf stößt Irena zu uns, die mir angekündigt hatte, dass sie zu spät kommen werde – sie wollte auf das Paragliding nicht verzichten. Um etwa halb Sechs kommen dann die letzten: Alex, Chris, Mélanie, der Japaner, den ich auf Daves Abschiedsparty getroffen habe, und eine Japanerin mit Namen Ayako, die gerade vor wenigen Tagen erst aus Korea zurückgekommen ist. Ich habe sie noch nie zuvor gesehen, sie scheint mit Izham bekannt zu sein, und ich glaube, dass der schon eine ganze Weile in Japan ist und nicht zu denen gehört, die im letzten Oktober erst gekommen sind.
Wir bleiben eine Stunde und ich verspeise 13 Teller. Danach fühle ich mich sehr satt. Mei hat bereits nach sechs Tellern genug und meint, dass sie „zum Platzen voll“ sei – der Ausdruck scheint auch im Japanischen gängig zu sein. Alle anderen haben, +/- 1 Teller, genau so viel gegessen, wie ich prophezeit hatte. Nan allerdings… diese eher schlanke Thailänderin, die schlägt mich um drei Teller, schlürft auch noch ganz gemütlich eine Krabbensuppe dazu und spült das Ganze mit einem großen Bier runter! Aha… wie es scheint, trägt sie ihre „Heineken“ Mütze nicht umsonst. Aber wo stopft sie das ganze Zeug eigentlich hin???

Wir gehen schließlich und ich bedanke mich für das Kommen. Melanie möchte noch ins Ito Yôkadô und ich begleite sie. Dort nehme ich die Gelegenheit wahr, eine CD für eine Bekannte zu bestellen.

Zuhause sehen wir uns „Doraemon“, „Atashin’chi“ und „Shin-chan“ an, „Bôbobo“ entfällt heute leider, und zwar aus aktuellem Anlass: Premierminister Koizumi ist nach Nordkorea gereist und hat die Rückführung von Japanern ausgehandelt, die in den vergangenen 40 Jahren vom nordkoreanischen Geheimdienst entführt worden waren. Dabei handelte es sich keineswegs um Wissenschaftler oder Facharbeiter, aus denen man einen direkt greifbaren praktischen Nutzen hätte ziehen können, sondern um ganz normale „08/15 Japaner“.
Da ist zum Beispiel die Rede von einem Ehepaar, das vor über 20 Jahren „von einem Strand in Nordjapan“ entführt worden war. Die beiden waren damals Studenten und sie war schwanger. Mittlerweile haben sie zwei erwachsene Kinder, die beide an der Universität von Pyöngyang studieren und bislang keine Ahnung hatten, dass sie eigentlich Japaner sind – einem Volk zugehörig, dessen teuflische Natur und Hassenswürdigkeit man sie ihr ganzes Leben lang intensiv gelehrt hat.
Den gaaaaanzen langen Abend lang sieht man auf allen fünf hier verfügbaren Kanälen immer wieder die gleichen Bilder. Koizumi mit Kim Yong Il am Verhandlungstisch, die japanischen Opfer, wie sie ins Flugzeug einsteigen und auf der anderen Seite des Japanischen Meeres (bzw. der Koreanischen Ostsee) wieder aus dem Flugzeug aussteigen und in einen Shuttlebus gebracht werden; hin und wieder schiebt man neue Bilder irgendwelcher Pressekonferenzen ein. Möglicherweise ist das wichtig (zumindest für Japaner), aber es den ganzen Abend zu sehen ist schlicht langweilig.

Es würde mich interessieren, mit was Koizumi diese Japaner freigekauft hat. Die Nordkoreaner brauchen ja so ziemlich alles – Nahrung, Devisen, Hochtechnologie, etc., und Kim Yong Il hat nicht das Image von jemandem, der aus reiner Freundlichkeit jemanden aus dem Land lässt.[1]


[1]   Wie ich später hörte, hatte Kim das Thema der Herausgabe entführter japanischer Staatsbürger im Zuge eines Wirtschaftsgipfels überraschend selbst angesprochen. Vielleicht war er – fälschlicherweise – davon ausgegangen, dass die japanische Regierung von diesen Aktionen wusste? Die Entführten wurden übrigens als Sprachlehrer für Geheimagenten des Regimes eingesetzt.

16. Mai 2024

Sonntag, 16.05.2004 – Auf sein Visum sollte man achten!

Filed under: Japan,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Ich sehe mir am Morgen „Zorori“ und „Pretty Cure“ an und verschwinde dann in die Bibliothek. Spannend, gelle?
Kurz vor Schluss schaffe ich es noch, mich über ein neues Mitglied im Animetric Forum zu beschweren, dass sich doch tatsächlich „Der Führer“ nennt… und es ist auch noch ein Deutscher (sofern man seinen Worten glauben kann, denn er könnte auch ein so genanntes Chamäleon sein). Hat der nicht alle Tassen im Schrank? Passenderweise besteht sein erster Eintrag aus einem dicken Lob für das Strategiespiel „Blitzkrieg“, „weil man Hitler und Stalin spielen kann“ (= Deutschland und die Sowjetunion). Mich stört die Begründung, nicht das Spiel – sonst dürfte ich nach eigenen Maßstäben Combat Mission nicht spielen.

Aber Ricci hat eine sehr interessante Mail geschrieben, für die ich ihr auch sehr dankbar bin. Wir sollen auf jeden Fall darauf achten, dass wir unsere Visumsfrist auch einhalten, wie sie auf dem Visum geschrieben steht, sagt sie, und um die Aufforderung zu unterstreichen, schickt sie uns auch einen Zeitungsartikel zum Thema (der auch später wortwörtlich in der „Japan Times“ auftauchen wird):
Zwei US-Amerikaner, beide Studenten auf dem Weg zum Doktor und seit fünf Jahren im Land, hatten wohl offenbar ihr Visum um zwei Wochen bzw. einen Tag überschritten, worauf man sie nicht etwa, wie sie es gerade tun wollten, einfach ins Flugzeug steigen und gehen ließ, nein, die beiden verschwanden für ein paar Tage in Untersuchungshaft! Das Ende vom Lied waren umgerechnet 3000 Dollar Geldstrafe und fünf Jahre Einreiseverbot. Ganz zu schweigen davon, dass sie am Flughafen wie Drogenschmuggler durchsucht und in Handschellen abgeführt worden waren. Man hatte ihnen auch nicht erlaubt, ihre Angehörigen zu verständigen oder überhaupt zu telefonieren, wie das andernorts üblich ist, wo sich die Staatsgebilde ebenfalls „demokratisch“ oder „rechtsstaatlich“ nennen. Von anderen „Visumsverbrechern“ hieß es, dass sie um eine Strafe herumgekommen seien, indem sie einen Entschuldigungsbrief geschrieben hätten… na denn. Aber es soll in Japan Stellen geben, die auf eine Erhöhung der Strafe auf 30.000 Dollar und bis zu fünf Jahren Gefängnis hinarbeiten.
Ich sollte nachfragen, zu welchem Zeitpunkt die letzte Zahlung meines Stipendiums fällig ist. Für den ersten Monat habe ich ja nichts bekommen, also nehme ich doch an, dass ich Ende September 2004 die letzte Zahlung erhalte (sofern zwölf Raten überhaupt geplant sind) – was natürlich nicht geht, wenn ich nicht mehr da bin, und immerhin reden wir hier über etwa 600 E, auf die ich unmöglich verzichten kann. Ich werde also möglicherweise noch ein Touristenvisum beantragen müssen, falls dies für einen Zahlungserhalt notwendig ist und ich nicht länger bleibe.

Und was steht da noch in dem Bericht? Der Gouverneur von Tokyo, offenbar ein bekannter Vertreter der „Rechts-Außen“ Linie, habe geäußert, dass man ein Auge auf Ausländer haben müsse, weil diese im Falle von Erdbeben die Gelegenheit nutzen könnten, Unruhen hervorzurufen! Da geht mir doch der Hut hoch! Man kommt sich ja vor wie im September 1923 – ob man beim nächsten großen Beben in Tokyo ebenfalls wieder Tausende von Koreanern und Chinesen (und Leute, die keinen Tokyo Dialekt sprechen) lynchen wird, weil sie angeblich geplündert und Brunnen vergiftet haben? Ich nehme viel eher an, dass sich damals wohl ein paar Leute eine Darminfektion geholt haben, weil sie das Brunnenwasser ungekocht getrunken haben…
Ja, vor einiger Zeit haben ein paar Chinesen eine vierköpfige Familie in Fukuoka getötet, und Marc erzählt mir, dass es ein vergleichbares Verbrechen auch einmal bei Hirosaki gegeben habe; außerdem seien ungern gesehene Schwarzarbeiter aus den ärmeren ostasiatischen Staaten ein Phänomen, das die Bevölkerung verunsichere.

Eigentlich wollte ich noch ins Denkodô fahren, aber der Nieselregen hindert mich daran… ich weiß ja nicht, ob das Wetter beim Wasser nicht noch einen Gang zulegt. Ich verzichte also lieber… außerdem muss ich noch eine Lektion Kanji vorbereiten.

17. April 2024

Samstag, 17.04.2004 – GTD II / Great Teacher Dominik, die Zweite

Filed under: Arbeitswelt,Japan,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Ich stehe um 09:00 auf. Der Tag ist sonnig, aber kühl. Ich setze mich in die Bibliothek und beginne mit meiner Post. Da kommt auch was Interessantes geflogen: Mein alter Kamerad Ritter wird demnächst mit seiner Ausbildung für den gehobenen Polizeidienst im Lande Rheinland-Pfalz beginnen. Das ist doch was!

Ah, und ich bin wieder mal spät dran… ich gratuliere Kai und Frank drei, bzw. zwei Tage verspätet zum Geburtstag. Und ich kann endlich den dritten Zug des Stadtkampfes beenden. Allerdings schreibt Frank auch, dass er bis Donnerstag keine Zeit haben wird. Dann warte ich eben. Ich habe ja auch genug zu tun, um mich nicht zu langweilen. Aber wahrscheinlich wird er dafür besser bezahlt.

Und auch Ritter bekommt Appetit auf Combat Mission… sehr schön. Eine Vergrößerung der Gemeinde ist mir immer Recht. Allerdings mache ich mir angesichts seines Ausbildungsbeginns keine Hoffnungen auf ein Spiel in absehbarer Zeit, auch wenn mir die Idee gefallen würde, gegen einen Feldwebel zu spielen. Außerdem liegt mein Hauptinteresse derzeit bei Kampfberichten, und außer Frank kommt derzeit nur Misi in Frage. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie begeistert Karl von der Idee wäre, einen Bericht in englischer Sprache zu schreiben. Ausführliche Berichte liegen ihm im Blut, habe ich das Gefühl, aber ob er sich die Mühe auf Englisch machen will, ist eine andere Frage. Ich klammere ihn vorerst aus. Die beiden Michaels (Harz und Ritter) sind des Englischen zwar ebenfalls mächtig, aber alles andere als passionierte Schreiber. Die halten sich beide am liebsten kurz. Ich erinnere mich, dass der Herr Harz auf eine Anfrage von mir hin mal einen Bericht über ein Gefecht von dreißig Spielzügen gegen Karl in fünf Zeilen untergebracht hat… das war etwa so befriedigend wie Nudeln ohne Salz und Käse.

Um 11:48 kommt Misi zu mir und fragt mich, ob ich bereit wäre, den Englischunterricht im „York Culture Center“ noch einmal zu übernehmen. Ihm sei heute nicht danach, er hasse den Job sowieso, und Alex sei nicht da. Wie, heute? Ja, heute, um 13 Uhr. Also… jetzt!? In etwas mehr als einer Stunde, und ohne Lehrbuch, weil sie damit fertig seien. Aus dem Stegreif… ja, aber sicher doch! Ich kann die 2000 Yen gebrauchen, außerdem gefällt mir diese Art von Arbeit. Ich suche mir zwei Berichte aus der „Japan Times“ aus und lege mir damit mein wenn auch mageres Konzept zurecht. Ich sehe also zu, dass ich mit meinem Schreibkram fertig werde und fahre um 12:35 ins Ito Yôkadô.
Die Übernahme ist kein Problem und „meine“ Kursteilnehmer sind recht überrascht, mich noch einmal hier anzutreffen. Nachdem alle eingetroffen sind (vier Leute wie beim letzten Mal), erläutere ich, warum ich hier bin und warum die heutigen Inhalte etwas provisorisch erscheinen könnten. Natürlich habe ich mich bei der Auswahl von meinen persönlichen Interessen leiten lassen, aber ich musste ja auch Themen verwenden, von denen ich Ahnung habe. Ich kündige also eine freie Diskussion an.

Erstes Thema: Die umstrittenen Sahalin Inseln.
Sahalin interessiert hier im Raum niemanden, keiner braucht diese Inseln nördlich von Hokkaidô, wo es außer Fisch nichts zu geben scheint; außer konservativen Politikern scheint es niemanden zu geben, den Sahalin interessiert. Bis auf Ozaki-san, den Herrn um die sechzig. Er sagt, dass Sahalin sehr wohl an Japan zurückgegeben werden sollte und er nennt auch einen pragmatischen Grund, der mit Patriotismus, mit japanischem „Blut und Boden“, direkt nichts zu tun hat: Da oben gibt es nicht nur Fisch, sondern, wie er sagt, auch Erdgasvorkommen in einem bisher nicht näher bekannten Ausmaß. Aha, so läuft der Hase! Natürlich gibt es Leute, die eben wegen der Erdgasvorkommen auch auf Erdöl hoffen, das Japan unabhängiger von Importen machen würde.

Zweites Thema: Mülltrennungsvorschriften im Vergleich
Im Großen und Ganzen halte ich an dieser Stelle einen Monolog über die Unterschiede des japanischen Recyclingsystems zum deutschen, aber ich komme zu keinem Ergebnis, welches ich für besser halten würde, da ich die Hintergedanken der jeweiligen Entwickler nicht kenne. Außerdem nutze ich die Gelegenheit, mich über die Schrottkarren im Naturschutzgebiet auszulassen.

Drittes Thema: Die japanischen Jieitai[1] im Irak
Natürlich sind sich alle einig, dass der Irak ein gefährliches Pflaster ist und dass die Familien zuhause mit Recht um das Leben ihrer Angehörigen in Uniform bangen, aber ebenso herrscht darüber Einigkeit, dass der Einsatz auf lange Sicht einen positiven Effekt haben wird. Neben wirtschaftlichen Vorteilen, die sich aus dem Aufbau des Irak ergeben, wird auch das Prestige Japans steigen, dass mit seiner Bautruppe die Lebensverhältnisse im Irak verbessern hilft und keine Besatzungs- oder Sicherungstruppe ist. Allerdings habe ich auch den Eindruck, dass die Tatsache, dass man japanische Leben für irakische Leben riskiert, eine bittere Pille ist, die man aber in die Backentasche schiebt, um sie nicht schlucken zu müssen. Natürlich ist derlei Denken nur menschlich.
Danach kehre ich mit trockener Kehle in die Bibliothek zurück und schreibe den Bericht zum 10. April.

Im Animetric Forum erhalten wir derzeit „Liveberichte“ aus Litauen, wo wohl eine Art Bandenkrieg tobt. Da hat wohl eine Gruppe ethnischer Russen (klassisch in Trainingsanzügen) einen litauischen Metalfan (lange Haare, Nietenleder-Outfit) ins Krankenhaus geprügelt, worauf sich die langhaarigen Metalfans mit kahlköpfigen Skinheads verbündet haben (!), um sich bei den Russen „Respekt“ zu verschaffen. Die Skinheads (40 Mann) haben daraufhin (angeblich ohne Beteiligung der Metalfans) acht von den Russen in die Mangel genommen, und auf der Straße geht das Gerücht, dass einer davon tot sei. „Wir kämpfen hier ums Überleben!“ sagt Cabala, der Autor, „Wenn wir ihnen nicht die Faust zeigen, werden uns die Russen weiter angreifen!“
Ich frage mich, ob wir auf der Linie Königsberg, Brest-Litowsk und weiter nach Süden nicht vielleicht eine Mauer hochziehen sollten…

Um 17:00 gehe ich mit Melanie in den Park, weil heute das Kirschblütenfest beginnt. Mit dabei sind außerdem SangSu, Jû und Mélanie. Die Lufttemperatur beträgt acht Grad und fallend, weil die Sonne in wenigen Stunden untergehen wird, und wenn man normale Kleidung ohne Jacke trägt, ist das ziemlich kühl. SangSu überlässt Mélanie daher seine Jacke. Er scheint härter im Nehmen als er aussieht. Wir fahren auch am Tempel vorbei, der auf dem Weg liegt, weil Jû noch nie dort war und es da auch ein paar schöne Motive für die Kamera gibt. Die Kirschblüten sind noch nicht alle aufgesprungen, das könnte noch ein oder zwei Tage dauern, aber die meisten strahlen uns bereits von den Bäumen entgegen.

SangSu, Melanie, Mélanie, Dominik, Jû hinter der Kamera

Wir treffen im Park auch Masako, eigentlich genau richtig, weil ich ihre Mailadresse überprüfen will. Da sie mit der Uni fertig ist, hat ihre Uni-Mail-Adresse ihre Gültigkeit wohl verloren und ich brauche eine neue, um Kontakt halten zu können.
Der Park ist gut besucht und einige Leute sind schon schwer am Feiern. Ein paar junge Leute sprechen dem Sake kräftig zu und spielen Jan-Ken-Pon; der Verlierer muss ein Kleidungsstück ablegen. Vielleicht sollte ich statt „Leute“ besser „Männer“ sagen, da sich ihre Freundinnen (leider) nicht beteiligen und nur amüsiert zusehen, wie sich ihre Begleiter öffentlich zum Affen machen und sich in Gefahr begeben, sich edle Körperteile abzufrieren. Einer steht schon in Shorts da.

Als wir wieder gehen, schlage ich vor, ins „SkattLand“ was essen zu gehen, aber mein Vorschlag scheitert an finanziellen Bedenken. Jû sagt, er sei diesen Monat bereits ziemlich pleite, und Mélanie hat keine Jacke dabei, da sie die geliehene ja eher früher als später zurückgeben muss. Auf dem Weg nach Hause verliere ich die anderen vier kurzzeitig aus den Augen, weil ich über eine Ampel fahre, die hinter mir rot wird und mich von der Truppe abschneidet. Ich finde mich allein und fahre schnellstens zu der roten Brücke, wo sie vorbeikommen müssen, wie ich vermute. Nach fünf Minuten allerdings kommt noch niemand, also muss ich annehmen, dass sie einen anderen Weg gefahren sind (was eigentlich eher unwahrscheinlich ist) oder dass sie bereits vor mir hier waren und bereits an der Hauptstraße sind. Ich fahre also dorthin und treffe dort sofort wieder auf meine „Reisegruppe“. Ich versuche nicht weiter, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Wir verabreden, uns um acht Uhr bei SangSu zu treffen, um einen Film anzusehen, allerdings ohne Mélanie, die lieber nach Hause möchte. Und wenn wir schon mal da sind, werden wir von SangSu auch mit den Fotos beglückt, die er Anfang April in Korea auf Heimaturlaub gemacht hat. Außerdem zeigt er uns ein Video, dass ihn gewissermaßen als Moderator auf einer Werbeveranstaltung für Oberschüler seiner Universität zeigt. Das sei vor drei Jahren gewesen, sagt er. Er scheint über eine gewisse Prominenz zu verfügen… aber es ist ohne Zweifel festzustellen, dass er schon damals ein Clown war.


[1] Selbstverteidigungskräfte

14. April 2024

Mittwoch, 14.04.2004 – Beengte Verhältnisse

Filed under: Japan,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Mittwoch wird in diesem Semester der „Großkampftag“ werden, weil ich durchgehend Programm von 08:40 bis 16:50 habe. Und der Tag beginnt mit Yamazaki-sensei im Raum 415. Der Raum ist so klein, dass wir gerade so alle hineinpassen, nur die vier Stühle, die neben dem Lehrerpult stehen, sind noch frei.

Danach haben wir Unterricht bei Ogasawara-sensei, im selben Raum, und die Frau zieht für gewöhnlich mehr Publikum als Yamazaki. Außerdem mischen sich auch noch Misi und Nim unter uns, die eigentlich einen Level tiefer angesetzt sind. Schließlich muss einer der Koreaner den kleinen Schrank, in dem der Kassettenrekorder steht, als Schreibunterlage benutzen, weil alle Tische besetzt sind. Wir können nach kurzer Rücksprache mit der Uni-Organisation allerdings in den Raum 421 verlegen, in dem genug Platz für alle ist.
Im Anschluss gehe ich mit Nim einen Stock tiefer, um das zweite Wirtschaftsseminar von Kondô-sensei zu besuchen. Im Vorbeigehen deutet sie auf die Herrentoilette und sagt, dass sie bisher immer diese benutzt habe, weil ihr das Schild am Eingang nicht aufgefallen sei.

Der Unterricht bei Kondô-sensei ist schwach besucht. Misi und Nim sind da, die Koreanerin MunJu und meine Wenigkeit, und außerdem freue ich mich darüber, mit Mei einen Kurs zu teilen. Nur Kondô ist nicht da. Nach 15 Minuten gehe ich ins Center und frage nach. Der Stundenplan, der an seiner Tür hängt, beinhaltet einen Fehler – Kondô hat diese Stunde für Donnerstag eingetragen. Ich würde das in dieser Situation als „aufschlussreich“ bezeichnen. Ich rede mit Chiba-sensei, der meint, dass er sich darum kümmern werde. Wir sollten noch ein wenig warten.

Kondô trifft fünf Minuten später ein, entschuldigt sich für seinen Fehler und überrascht Mei damit, dass der Kurs auf Englisch gehalten werden wird (und sein schriftliches Englisch ist furchtbar – der „Rotary Club“ wird zum „Lottery Club“). Mei hat erst letztes Jahr begonnen, Englisch zu lernen, aber Kondô sorgt auch gleich für Entspannung in diesem Punkt: Er wird keinen Leistungsnachweis außer Anwesenheit verlangen und das Lehrbuch, das er verwendet (und kopiert hat), ist zweisprachig Japanisch-Englisch. In Folge dessen lässt er es abschnittsweise vorlesen. Ich hoffe, dass das nicht so bleibt und denke, dass das daran liegt, dass er für heute eigentlich nichts vorbereitet hat – das Buch kann man auch zuhause vorbereitend lesen. Sehr groß ist es nicht und die Sprache ist leicht verständlich. Nim liest den ersten englischen Abschnitt vor und Mei den japanischen. Und bei Mei spürt man die Macht von acht Jahren Unterricht in Japanisch: Sie zwitschert den japanischen Wirtschaftstext in einer Geschwindigkeit herunter, wie ich es mit der Londoner Ausgabe der „Financial Times“ nicht besser könnte. Beeindruckend.

Zuletzt habe ich Unterricht bei einem relativ jungen Lehrer, dessen leichter, aber vorhandener Akzent mir gleich verdächtig vorkommt: Der Mann heißt Hugosson und stammt aus Schweden. Er ist seit 1992 in Hirosaki. Sein Thema ist „Public Policy“, und nachdem wir die Vorstellungsrunde hinter uns haben, versuchen wir uns an Definitionen für „Wirtschaft“ („Economy“) und „Organisation“. Anders als bei Kondô wird hier allerdings eine Abschlussklausur geschrieben. Die Themen in dem kopierten Lehrbuch sind nichts sagend bis abschreckend, aber der Diskussionsstil gefällt mir. Ich hoffe, dass das so bleibt.

Ich gehe in den Computerraum und finde leider keine Post von Frank vor, wie ich sie gerne haben würde. Als ich mit meinem Krempel fertig bin, gehe ich nach Hause. Melanie hat leider versäumt, „Nadia“ aufzunehmen… aber ich bin etwas zu müde, um diesem Umstand irgendwelche Emotionen entgegenzubringen. Ich sitze eher apathisch vor dem Bildschirm… ich weiß aber noch, dass währenddessen ein Bericht über eine Frau (in den USA) gesendet wurde, die 1977 entführt und während der kommenden sieben Jahre weitgehend in Kisten und ähnlichen Behältnissen gefangen gehalten worden war – bis auf die Zeiten nachts, wo sie mit Handfesseln an einen Balken gehängt und mit einem Gürtel verprügelt wurde. Als das keinen Reiz mehr hatte, wurde sie quasi als Arbeitssklavin gehalten und kümmerte sich um Haus, Garten und Kind – das Kind des Entführers. So was wollte ich jetzt natürlich nicht unbedingt sehen, eher was Entspannendes. Soll ich darüber jetzt denken: „Das war ein unnötig hell beleuchteter Extremfall!“ oder „Man soll die Augen nicht vor unangenehmen Realitäten verschließen!“?

Dann ist da ein 290-kg-Japaner, der in eine spezielle Klinik nach China verschifft wurde und dort binnen vier Monaten 140 kg Gewicht verlor. Die Lösung: Maßvolles Essen und regelmäßige Bewegung.

Zuletzt läuft eine neue Serie an, über ein Ehepaar, dessen kleiner Sohn Autist ist. „Hikaru“ ist sein Name und der Name der Serie. Und jetzt weiß ich, dass „Autismus“ auf Japanisch „Jiheishô“ heißt – ob ich das mal brauche, ist allerdings was Anderes. Es bedeutet in etwa „Krankheit, bei der man sich selbst (vor seiner Umwelt) verschließt“. Yamaguchi Tatsuya (TOKIO) spielt die Hauptrolle als Vater des Jungen.
Das ist mir zu dramatisch… die Schwiegermutter macht natürlich die Mutter des Jungen für die Umstände verantwortlich, der Junge macht lauter Nonsens (wie zum Beispiel den Inhalt sämtlicher Schubladen auf den Boden zu werfen), und es fließen viele Tränen der Verzweiflung. Das muss nicht sein. Nicht ausgerechnet am Abend nach dem längsten Unitag der Woche, wenn ich leichte Unterhaltung brauche.

11. Dezember 2023

Donnerstag, 11.12.2003 – Roadrunner

Filed under: Japan,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Ein sonniger Morgen, kein Schnee über Nacht. Aber es ist dennoch ziemlich kühl. Von dem gefallenen Schnee ist nur noch etwas auf den Dächern und ein paar Flecken auf dem Rasen übrig. Und morgen soll es regnen. Mal wieder.

Leider verschätze ich mich in der Zeit, die ich zum Rasieren brauche und werde erst um 0740 fertig. Dann also schnell den Reis in die dafür vorgesehene Körperöffnung stopfen und los geht’s, um 08:20. Das reicht bei den herrschenden Bodenverhältnissen zu Fuß gerade so, um pünktlich zu sein, wenn man ein bisschen Gas gibt. Die Straßen sind frei, aber auf den Bürgersteigen liegt noch Eis. Es ist allerdings kein festes Eis, es ist gebrochen und sehr körnig. Man kann also beinahe normal darauf laufen. Da wir spät dran sind, will ich mich beeilen, aber pro 100 Meter, die ich zurücklege, fällt Melanie 20 Meter zurück. Vom Boden her wäre es wirklich möglich, etwas schneller zu gehen, als sie das tut. Aber sie kann natürlich nichts dafür – es pflügt nicht jeder so durch die Gegend wie ich. Aber ich will nicht zu spät kommen und ziehe auf den letzten 500 Metern davon. Sie wird mir das übel nehmen, das weiß ich. Aber ich kann nicht spazieren gehen oder alle paar Meter stehen bleiben, um zu warten, wenn ich weiß, dass ich mich eigentlich beeilen sollte. Ich kann dann nicht langsam machen… das macht mich ganz zappelig und meine Laune wird ungenießbar. In dem Fall muss ich also abwägen, ob ich lieber ihre oder lieber meine Laune in den Keller trete. Heute steht meine Entscheidung fest. Ja, vielleicht ist das nicht nett. Ich habe aber was dagegen, zu spät zu kommen, vor allem, wenn es sich noch vermeiden lässt. Wir sind doch kein einheitlicher Organismus – es ist immer noch jeder in erster Linie für sich selbst verantwortlich.

Ich bin etwa eine Minute vor ihr da. Ich vor dem Gong, sie danach. „Danke, dass Du auf mich gewartet hast!
Ja, sie nimmt mir das übel. „Ja, keine Ursache.
Die Situation juckt mich jetzt gerade wenig.
Sie setzt sich in die übernächste Reihe hinter mir. Oha, symbolischer Abstand. Mach nur.

Nach dem Kanjitest, noch während des Unterrichts, sehe ich, dass sie eifrig ihr Tagebuch benutzt – sie wird einen entsprechenden Eintrag zu meinem unsozialen Verhalten schreiben… als ob ich je behauptet hätte, sozial zu sein…
Und weil ich ein gutes Gedächtnis für solcherlei Dinge habe, fällt mir in diesem Moment ein Tag im Oktober ein, an dem ich mich tödlich über die hiesigen Unterrichtsverfahren aufgeregt habe, und um genau zu sein, war es der 15. Oktober. Der „Born to kill?“ Eintrag war das. An dem Tag habe ich noch während des Unterrichts meine Meinung schriftlich festgehalten und wurde deswegen von ihr vorwurfsvoll getadelt:
Pass gefälligst auf und schreib nicht in Dein blödes Tagebuch!
Würde ich nicht gerade im Unterricht sitzen, würde ich angesichts dieser paradoxen Situation laut lachen.
Sic transit gloria mundis!

Am Ende der Stunde erzählt uns Yamazaki-sensei, dass sich nächste Woche der Stundenplan geringfügig ändere. Wegen der vielen ausgefallenen Montage sei eine Umstellung beschlossen worden. Ich glaube, der Unterricht am Donnerstag wird durch einen „Montagsstundenplan“ ersetzt. Genau verstanden habe ich die Angelegenheit nicht, aber es gibt Leute, die ich deswegen befragen kann.

Der Unterricht von Sawada-sensei beschäftigt sich heute mit Kogin-Stickerei. Es handelt sich dabei um eine Kunstform in Tsugaru, die aus dem Verbot (während der Edo-Periode) entstanden ist, dass Bauern keine Kleidung aus Baumwolle, sondern nur aus Leinen tragen durften. Leinen ist nicht dafür bekannt, dass man daraus warme Kleidung machen kann, und wenn man im Süden wohnt, dann mag das nicht allzu schlimm sein, aber hier oben sieht die Sache anders aus. Es gab allerdings kein Gesetz, dass den Bauern die Verwendung von Baumwollfäden verboten hätte. Die Frauen von Tsugaru stickten also Baumwollfäden in die Leinenkleider ihrer Familien, um sie über den Winter zu bringen. Und zwar so viel davon, dass man das Leinen darunter kam noch erkennen, sondern nur noch stellenweise erahnen konnte. Wenn man ein Auge für solche Dinge hat, kann man in den erhaltenen Kleidern (und auch in neuen Handarbeiten aus Heimproduktion) sehr schöne Muster finden.

Die Aufgabe für heute: 5 x 15 cm2 Leinen selbst besticken. Ich soll sticken??? Na wunderbar. Ich brauche ja schon eine ewige Zeit, um den vermaledeiten Faden überhaupt durch das Nadelöhr zu pressen. Und wie soll das jetzt laufen? Ich verstehe die Arbeitsanweisung nicht, weil hier Bewegungsabläufe beschrieben werden, unter denen ich mir nichts vorstellen kann. Dr. „Dragon“ Chen kommt damit auch nicht wirklich klar.
Wenn Du das gut machst, überlege ich mir, ob ich mich von Dir operieren lasse“, sagt Sawada-sensei schmunzelnd.
Einen Blinddarm zu entfernen ist viel leichter als das hier!“ sagt Chen. Und während ich noch an der Vorlage herumrätsele, nach der wir das Muster eingeben sollen, sieht sie sich noch einmal seine Arbeit an und meint: „Ich glaube, ich lasse mich lieber nicht von Dir zunähen…

Natürlich machen hier alle Scherze über die Bemühungen der weniger Begabten. Chen bringt auf Anhieb nichts zustande, ich habe nach einer Stunde endlich die Grundlinie fertig (und es werden Fotos von meinem hochkonzentriert anmutenden Gesicht gemacht), und SangSu stickt ein arg abstraktes Bild von seinem Hund in das Stück Leinen. „Der ist weggelaufen, bevor ich nach Japan gekommen bin,“ sagt er, „und ich hoffe, dass er dadurch wieder zurückkommt.“ Und dann plappert er wieder drauf los, von seinem Hund, und davon, wie man Kitahara-sensei eine besondere Freude machen könnte, indem man „K.K.“ (für Kitahara Kanako) in das Leinen stickt. Er sorgt für allgemeine Belustigung.

Am Ende der Stunde muss ich mein mühsam zusammengepuzzeltes Werk wieder lösen, weil ich mich bei der Reihenfolge der Einstichlöcher verzählt habe. Als Hausaufgabe sollen wir es für die nächste Stunde fertig haben. Ich kann mir wirklich angenehmere Beschäftigungen für meine Mußestunden vorstellen. Und die Vorlagen gehen mir auf den Senkel… warum soll ich hier unbedingt reproduzieren, was andere bereits gemacht haben? Aber nein, wir dürften auch gerne individuelle Muster entwerfen, wenn wir uns kreativ genug fühlten, sagt Sawada-sensei. Na, dann weiß ich natürlich binnen 30 Sekunden, was ich mit meinem Stück Leinen mache… nein, ich werde nichtHentaiman“, „Black Death“, „der Extreme“ oder „42317“ in das Leinen sticken. ?

Habe ich heute Yui vergessen? Ich bin nach dem Unterricht sofort in die Bibliothek gegangen, anstatt erst in der Halle vorbeizusehen. Ich glaube aber zumindest, dass sie nicht angerufen hat, um zu fragen, wo ich bleibe. Und ich glaube das nur, weil ich bei meiner Beschäftigung am Computer für gewöhnlich Kopfhörer trage und Musik höre. Keine Chance für das Telefon.

Als ich am Abend vom Einkaufen zurückkomme, findet sich eine lohnende Tätigkeit fürs Wochenende. Jin Eiko ruft mich an und bittet mich in einem für mich geradezu peinlich langsamem Japanisch, am Samstag auf eine kleine Party des „Hippo Family Clubs“ zu kommen, zusammen mit Melanie. Ich solle um 16:30 am „Dotemachi Square“ sein. Die Uni hat diese Feierlichkeit nicht angekündigt, also gehe ich diesmal von einem wirklich kleinen Rahmen aus, also Gastfamilien und die zugehörigen Studenten.

Am Abend läuft im Fernsehen (wieder) ein Bericht über die Situation in Peking. Alles, was ich verstehe, ist, dass sich eine Handvoll japanischer Austauschstudenten wohl irgendetwas ungebührliches geleistet hat, was die chinesischen Gemüter so sehr erregt, dass 2000 Leute (hauptsächlich Studenten, wie mir scheint) auf die Straße gehen und lauthals demonstrieren. „Apologize! Apologize!“ brüllen sie. Auf Englisch. Damit die internationale Presse das auch versteht. Sie tragen auch Transparente in englischer Sprache, auf denen Parolen wie „Japaner raus!“ zu lesen und japanfeindliche grafische Darstellungen zu sehen sind. So langsam interessiert mich, was da los ist. Haben die Jungs an eine Mao-Statue gepinkelt? Oder eine ausschweifende Orgie gefeiert (wie die japanischen Geschäftsleute in Shanghai, was dieser Tage ebenfalls in der „Japan Times“ zu lesen ist)? Ich werde Sawada-sensei fragen, sobald ich dazu komme.

Die TV-Zeitschrift beinhaltet in dieser Woche einen Extrabericht über den von mir bereits beschriebenen „Tai Ginseng“. Da ist zu lesen, dass die Serie bereits seit 1969 existiert, mittlerweile mit dem fünften Hauptdarsteller, und bis etwa 1993 wurde sie in Schwarzweiß gedreht!? 1000 Episoden gibt es davon inzwischen, und aus diesem Grund soll demnächst ein „Movie Special“ gezeigt werden. Ich frage mich, wie man dieses Konzept 1000 Episoden lang durchhalten kann. So viel Abwechslung kann es doch nicht geben… man müsste ja annähernd ebenso viele verschiedene Berufe auffahren, für die Leute, die gerettet werden sollen. Aus den Fängen gieriger Feudalherren. Gibt es davon eigentlich so viele? Immerhin sehe ich, dass andauernd Samurai gemaßregelt werden, die mindestens aus der „mittleren Führungsebene“ stammen, wie man sagen könnte. Die Position der gezeigten Gegner scheint mir jeweils in die „Top 5“ des jeweiligen Clans zu gehören. Wie viele gab es davon?

Übrigens ist die Ninja-Xena in dem Lack-Leder-Polyester-Dress bereits seit Anfang der Achtziger dabei (mindestens) und ist dieses Jahr 53 Jahre alt geworden. Sie dürfte damit das älteste Mitglied der Wandertruppe, dieser japanischen „Spezialisten unterwegs“ sein, denn der Hauptdarsteller ist deutlich jünger als sie. Sein Alter wird nicht angegeben, aber wenn man ihn ohne Schminke sieht, erkennt man ihn erst einmal nicht wieder und man würde ihn auf Mitte Dreißig schätzen.

24. Januar 2016

Exotik, Heil und Horror

Filed under: Japan,Zeitgeschehen — 42317 @ 14:20

Was lese ich da denn schon wieder?

Japan hat eigene Zugverbindung für elf Schüler

Hokkaidô ist ja in gewisser Hinsicht das MeckPomm Japans, daran kann man nicht wirklich zweifeln. Da gibt es kleine Dörfer, die in wenigen Jahren aufgegeben werden müssen, weil die Bevölkerung rückläufig ist, denn die jungen Leute wandern aus wirtschaftlichen Gründen in Städte ab. Was mich an dem Text stört, ist der Hinweis: “Die Fürsorge der Bahngesellschaft nähert sich dem Deutsche-Bahn-Niveau.” Wegen der Ankündigung, dass im kommenden März, zum Ende des Schuljahres, Schluss sei und die Linie eingestellt werde. Die Polemik störte mich irgendwie und solcherlei Berichte über Nebensächlichkeiten in meinem Lieblingsland wecken natürlich meine Neugier, da die dortige Realität sich selten so verhält, wie sie in den Medien auf der anderen Seite der Weltkugel dargestellt wird.

Schauen wir also über den im Bericht genannten Tellerrand. Bei der Japanischen Eisenbahngesellschaft kann man nachlesen, dass die im Text aufgezeigte Bahnlinie mit der Bezeichnung Sekihokusen den größten Teil der Insel Hokkaidô durchquert, insgesamt 234 km lang, in mehrere Unterabschnitte organisiert ist, und 40 Bahnhöfe und Haltestellen aufweist. Der angeblich vor der Schließung stehende Streckenabschnitt von Shirataki bis nach Engaru liegt so ziemlich genau in der Mitte.

Erstens muss man sich doch fragen, warum man für nur elf Personen nicht einfach einen Kleinbus im Format 3,5 t fahren lässt? Das wäre doch billiger.
Zweitens würde es doch keinen Sinn machen, ein paar Kilometer in der Mitte der Sekihokusen stillzulegen und auf dem Rest einen so getrennten Betrieb aufrecht zu erhalten.
Ich will sagen, dass die auf ze.tt angebotenen Informationen allein zum Verständnis nicht ausreichen.

Zuerst: Von welchem Bahnhof reden wir nun eigentlich, wenn es um die Oberschülerin Kana geht? Im Text wird Shirataki genannt. Der Marker auf der Landkarte liegt aber auf Kyûshirataki, etwa fünf Kilometer weiter in Richtung Engaru. Und auf dem Foto, das diese seltsam vorindustrielle Hölzhütte zeigt (so sehen Landbahnhöfe in Japan oftmals aus), erkennt man den Haltestellennamen Kamishirataki (wenn man es denn lesen kann), was von Shirataki Hbf schätzungsweise drei Kilometer in die entgegengesetzte Richtung liegt, und das auch nicht der Bahnhof sein kann, an dem die verschneite Schülerin steht, weil man auf den ersten Blick erkennen kann, dass es sich um ein ganz anderes Gebäude handelt. Dieses Foto ist somit als sinnfreie Illustration entlarvt.
Denn wenn wir uns ein Bild von der Haltestelle Kyûshirataki ansehen, stellen wir als erstes fest, dass es sich nicht um einen Bahnhof im eigentlichen Sinne, sondern lediglich um einen Bahnsteig mit Unterstellhäuschen mitten in der Pampa handelt, also eine Gegebenheit, die man in Deutschland oft als “Milchkanne” bezeichnet, weil so manche deutsche Regionalbahn ja angeblich an einer jeden solchen anhält.

Kyushirataki Haltestelle

Aber wir stellen zweitens auch fest: Es ist die richtige Milchkanne. Man sieht das vom Beobachter abgewandte kleine Schild, die Laterne neben dem Unterstand und das Fenster an der Giebelseite.

Wenn ich meine japanischen Quellen richtig verstehe, dann wurde beschlossen, wegen des geringen Passagieraufkommens in diesem Bereich das Angebot zu privatisieren und drei Haltestellen einzusparen (bzw. diese in reine Signalstationen umzuwandeln, wo entgegenkommenden Züge per Doppelgleis nur noch einander ausweichen), zu denen auch Kyûshirataki gehört. Shirataki Hbf und Engaru Hbf werden in Abstimmung mit dem überregionalen Expresszug, der die Endbahnhöfe der Linie verbindet, auch in absehbarer Zukunft fünfmal täglich angefahren, und das heißt, dass nur die seltenen Fahrgäste aus den kleinen Siedlungen fünf bis maximal sechs Kilometer nach Shirataki zurücklegen müssen, um von dort aus die Bahn nach Engaru (oder in die andere Richtung) nehmen zu können. Das ist für die Betroffenen zwar unbequem, klingt aber schon ganz anders als die in dem Bericht genannten, als alternativlos auffassbaren, 38 Kilometer bis Engaru.

Es wird also keineswegs die Bahnlinie eingestellt – nur diejenigen Haltestellen mit einem unwesentlichen Passagieraufkommen werden nicht mehr angefahren. Die Angabe von elf Schülern bezieht sich also scheinbar nur auf diese kleine Siedlung, die als Kyûshirataki auf der Landkarte verzeichnet ist, da sowohl in Engaru als auch in Shirataki genügend Menschen leben und mit dem Zug fahren, dass sich der Betrieb auch weiterhin lohnt. Das ist etwas ganz anderes und deutlich weniger krass. Denn Japan Railways fährt auch weiterhin in Dörfer (in Shirataki selbst wohnten vor zehn Jahren noch über 1150 Menschen), die die Deutsche Bahn aus Gründen mangelnder Rentabilität längst aufgegeben hätte. Das hat auch für einen politisch nach links neigenden Bürger wie mich nichts mit mangelndem Willen zur Dienstleistung zu tun, obwohl ich die Meinung teile, dass die Deutsche Bahn sich auf den Pendlernahverkehr konzentrieren sollte, wo sie kaum schlagbar wäre, anstatt prestigeträchtig auf Fernstrecken mit der Luftfahrt zu konkurrieren.

28. Juli 2013

Nebensächlichkeiten 2012 (Teil 2)

Filed under: Japan,Militaria,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 15:15

LINGOARMAGEDDON
Das ist natürlich nicht der Titel des interessanten Beitrags des Deutschlandfunks im Umfeld der Veröffentlichung des Worts oder Unworts des Jahres durch die Gesellschaft für Deutsche Sprache, der allerlei Anrufern die Gelegenheit gab, sich über den, so wörtlich, “Verfall der deutschen Sprache” auszulassen.
Alle diese Diskussionen verlaufen gleich. Man beschwert sich über Anglizismen und andere, wenn auch seltenere ausländische Einflüsse, über Jungendslang und über die allgemeine Aufweichung von Grammatik und Satzzeichensetzung. Die Kritik ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, ganz klar. Wie viele Leute mit akademischer Bildung haben Kommata im Griff? Den Konjunktiv der indirekten Rede? Wie viele von denen kommen mit Genitiv und Dativ klar?
Eine Universität in Ostdeutschland hat sich gutes Deutsch auf die Fahnen geschrieben und verordnet ihren Jurastudenten Deutschkurse – man kann über viele Gebiete diskutieren, aber ich denke, dass die Sprache juristischer Darlegungen präzise sein muss, gerade mit Blick auf die indirekte Rede, von daher halte ich das für eine sehr gute Idee.
Wenn Uniabsolventen da Mängel haben, bedeutende sogar, und da nehmen sich weder Geisteswissenschaftler noch der Deutschlandfunk selbst aus, welche Standards kann man in der allgemeinen Bevölkerung erwarten? Nach dem, was ich so an schriftlichen Beiträgen im Internet lese… gar keine. Sprache ist, was funktioniert? Zumindest ist das auch die Ansicht einiger Linguisten, die ich selbst als radikal bezeichnen möchte.

Ich habe mir im Laufe der Sendung mehrfach den Kopf aufs Lenkrad schlagen wollen, weil die Argumentation so manchen Anrufers den einfachen Schluss zulässt, dass sie oder er von Sprache an sich überhaubt keine Ahnung hat, von der Entstehung und der phonetischen und lexikalischen Evolution derselben. Scheinbar hört das Denken vieler Zeitgenossen in einer romantisierten Vergangenheit auf, was sie zu der Meinung bringt, die deutsche Sprache (oder welche auch immer) sei wie Boticellis Venus aus ihrer Muschel quasi aus dem Nichts sofort in einen unmittelbaren Zustand der Perfektion hinein entstanden. An sowas kann man doch nur glauben, wenn man der Bibel die Geschichte vom Turmbau zu Babel 1:1 abkauft. Dass bei gewählter Ausdrucksweise kein Weg um lateinische und griechische Einflüsse herum führt, die ja wohl auch irgendwann das “reine Deutsch” verfälscht haben, kommt solchen Leuten scheinbar nicht in den Sinn, und spätestens der Dreißigjährige Krieg mit seiner Massenzuwanderung von Söldnervolk hat nicht nur der arischen, sondern auch der linguistischen Eigenstellung des Deutschen einen deutlichen Dämpfer versetzt. Mich würde wirklich interessieren, in welchem Zeitraum jene Anrufer eine Goldene Zeit der deutschen Sprache ansetzen, und ihre Großväter würde ich gern mal fragen, was sie vor über 50 Jahren von den sprachlichen Eigenheiten ihrer damals jugendlichen Enkel hielten, die die heutigen Großväter sind.
Sprache befindet sich ständig im Wandel, und das haben spätestens die Brüder Grimm in ihrer hauptberuflichen Tätigkeit als Germanisten belegt, deren nach ihnen benannte Sammlung von Hausmärchen jenen Romantikern vielleicht und unter anderem als Vorlage für unverfälschtes Deutsch dient. Fremdsprachen haben sich in Grenznähe und entlang wichtiger Handelsrouten immer untereinander vermischt und in einem Zeitalter globalisierter Kommunikationsmittel und Massenmedien wird sich diese Vermischung dauerhaft auf einer viel breiteren Basis abspielen; sprachwissenschaftliche Schätzungen sind dahingehend, dass jede Woche eine eigenständige Sprache auf diesem Planeten ausstirbt: Die Geschichte vom Turmbau zu Babel liest sich in der Tat rückwärts realistischer.

PARTEINAHME
Kommen wir zu einem anderen sprachlichen Punkt, der mir in den Nachrichten immer wieder auffällt, und zwar Parteinahme gegen Personen mit schlechtem Image, wo doch eigentlich Objektivität angebracht wäre. Zumindest dachte ich einmal, dass Objektivität ein Qualitätsmerkmal guter Informierung sei.
Es geht mir konkret um das Wort “Machthaber”. Spätestens seit dem Arabischen Frühling, seit der Krise in Tunesien und in Libyen, die zum Sturz der dortigen Regierungen führte, findet dieser eindeutig negativ konnotierte Begriff einen geradezu inflationären Gebrauch, zumindest wäre mir die Verwendung des Worts “Machthaber” in dieser Konzentration noch nie aufgefallen.

Personen, die einst “Präsidenten”, “Premierminister”, oder weiß der Teufel was waren, werden plötzlich zu “Machthabern”, und es stellt sich wie immer die Frage, ob jemand die Volksmeinung auf diese Weise lenkt, oder ob das öffentliche Image der betroffenen Personen die Medien dazu verleitet, ihre Objektivität aufzugeben. Nun gut, in dem Fall ist die Frage einfach: Woher, wenn nicht aus den Medien, erfährt das Volk denn von zumindest angeblichen Greueltaten der Herrschenden? Und die Eindeutigkeit der Lenkung der Volksmeinung als Absicht bei der Verwendung des Begriffs könnte klarer nicht sein – oder ist schon mal jemand auf die Idee gekommen, Frau Merkel als “die deutsche Machthaberin” zu bezeichnen, die sie doch eindeutig ist?
Wie es scheint, gibt es derzeit nur zwei “Machthaber” auf der Welt: Kim Jong-Un und Bashar al-Assad. In absehbarer Zeit wird Herr Putin wohl nicht vom “Präsidenten” zum “Machthaber” mutieren – das wird sich keiner trauen, Magnizkij und Nawalny hin oder her.

KLEINE WELT
Es begab sich zum Geburtstag einer Freundin in Saarbrücken, dass eine gemeinsame Bekannte, die wir vom Studium her kannten, sich dort ebenfalls einfinden würde, mit dem informativen Zusatz, sie werde mit ihrem Freund kommen. So weit, so nichtssagend.
Ich war dann mit meiner Liebsten früher dort, irgendwann klingelte es an der Tür und die beiden angekündigten Gäste kamen die Treppe hoch. Der besagte Freund schob sich in mein Sichtfeld und stellte sich den Leuten weiter vorne vor, und noch bevor er seinen Vornamen genannt hatte, war mein Unterkiefer bereits auf dem Weg Richtung Boden.
Der Typ aus Stuttgart hatte mit mir zusammen Grundausbildung in Cham gemacht, war dort der einzige gewesen, der bereits ein schmuckes Namensschild (vom Vater geerbt) hatte, während wir übrigen einen vorläufigen, handbeschriebenen Filzstreifen bekamen. Die Ausbildung “Retten und Bergen” hab ich auch zum Teil mit ihm gemacht, und es ist gar nicht leicht, einen Kerl von knapp über 100 kg durch ein enges Stellungssystem und anschließend daraus heraus zu zerren. Immerhin habe ich ihn nicht aus der Oberluke des Zweieinhalbtonners hieven müssen (für sowas suchen sich die Ausbilder immer einen der schwersten Leute aus).
Auf den zweiten Blick hat er mich dann erkannt (während er nach meiner Wahrnehmung noch genauso aussieht, wie damals) und seine Freundin war auch nicht wenig geplättet. Sie hatte ein Praktikum bei BOSCH absolviert und war nach dem Studium für den Konzern nach Japan gegangen, wo sie denn meinen alten Kameraden kennen lernte, der für den selben Betrieb arbeitete. “Da hab ich erst nach Japan gehen müssen, um einen Deutschen zu treffen, mit dem man was anfangen kann.” Dass jener Kamerad in Japan gelandet war, war scheinbar mehr dem Zufall geschuldet. Aber wieder einmal erwies sich die Welt als klein.

VERSCHWENDETES GELD
2012 war ich offiziell der Besitzer meines Elternhauses, und laut Überlassungsvertrag mit Nießnutzklausel war der Vorbesitzer, mein Großvater, dazu verpflichtet, die laufenden Kosten zu tragen – schließlich hatte ich es nicht dicke und ich wohnte auch nicht drinnen. Bedingt durch die fahrlässige Verarmung des Vorbesitzers kamen allerdings laufende Kosten auf mich zu, zumindest die Grundsteuern musste ich entrichten. Eine bittere Pille, spätestens zu dem Zeitpunkt, als klar wurde, dass ich das Haus eh würde verkaufen müssen und keine Investition mir mehr irgendeinen Gewinn bringen würde.

Noch etwas Geld verschwendete ich im Zuge einer Zahlungsaufforderung der Bundeskasse in Halle, die mich an meine BaföG-Rückzahlungspflichten erinnerte. Leider hatte ich vergessen, der Bundeskasse auch mitzuteilen, dass ich zwischendurch umgezogen war. Für die Ermittlung meiner neuen Adresse (zu dem Zeitpunkt noch in Trier) wurde mir eine Bearbeitungsgebühr in Höhe von 25 E berechnet, aber um die Rückzahlung an sich in Gang zu setzen, war mein Einkommen zu niedrig. Die Sache wurde also ein Jahr lang ausgesetzt, und diesmal vergaß ich weder die Anzeige meiner Adressänderung noch den sanften Anstieg meines Einkommens.

NEBEN-BERUFLICHES
Ich gehe hier auf ein paar Ereignisse ein, die indirekt mit meiner Arbeit zusammenhängen.

Ich war an einem Tag mal wieder bei einem meiner Tierärzte, und bei der Übergabe der Fracht riss einer der Kartons unten aus und der Inhalt lag auf der Ladefläche.
“Kein Problem,” sagte der Tierarzt, “das geht nicht kaputt.”
“Was ist das denn für schweres Zeug?”
Er zeigte mir ein zylinderförmiges schwarzes Etwas von der Länge eines Zeigefingers.
“Das sind Magnete.”
“Wozu braucht man die als Tierarzt?”
Er nahm daraufhin ein längliches Arbeitsgerät von mehr als einem halben Meter Länge aus dem Regal; es machte einen stabilen Eindruck, aus hell oliv-farbenem Plastik, ich hätte es für eine Art Sonde gehalten.
“Hier vorne”, er berührte mit dem Zeigefinger eine Fassung an der Spitze, “klemmt man den Magneten rein, dann schiebt man es der Kuh in den Hals und fischt damit metallische Gegenstände wie Nägel aus dem Magen.”
“Wie kommen die Nägel in den Kuhmagen?”
“Och, die sind oft im Tierfutter mit drin…”
Mir fiel spontan die Häufigkeit von Zigarettenkippen im Vogelwinterfutter ein und mein Vertrauen in die deutsche Viehzucht sank ein weiteres Stück.

Interessant fand ich auch, dass ein Kuheuter nicht einfach nur ein Hautsack mit Milch drin ist, die sind tatsächlich in vier Kammern unterteilt. Ich wusste das nicht und war wieder für eine Erweiterung meines Allgemeinwissens dankbar.
Auch interessant: Ich hatte vor langer Zeit mal gehört, dass verschiedene Arten von Säugetieren mitunter unterschiedliche Körpertemperaturen haben und fragte Dr. P in Waxweiler.
“Ja, das stimmt,” sagte der, “ein Schwein kann 41° Fieber haben und überleben!”
Einzelheiten konnte er mir leider keine nennen, denn ich hatte in der Schule mal was gelernt über die Gefährlichkeit von Fiebern, die daher kommt, dass das Körpereiweiß irgendwann zu warm wird und ausfällt, was den Stoffwechsel unmöglich macht, exitus. Warum hält Schweineeiweiß mehr aus als Menscheneiweiß? Ich habe gedacht, Eiweiß sei Eiweiß, was die chemischen Eigenschaften betrifft?

An einem anderen angenehmen Tag hatte ich eine weitere Begegnung mit dem Apotheker in Daleiden, den ich in bester Laune erleben durfte. Ich hatte Zeit und ließ mich auf einen Plausch ein, den ich bald bereute. Er sprach an, dass der Job als Lieferfahrer doch hart sei, und ich sei doch sicherlich noch nicht zu alt, was aus mir zu machen – ich könne doch das Abitur nachholen?
Touché.
“Nein,” sagte ich, “brauch ich nicht, ich hab einen Hochschulabschluss in Geisteswissenschaften.”
Erstaunen, Rückfragen, Floskeln.
“Dann haben Sie Ihre Lebensplanung bestimmt nach Bauchgefühl gestaltet, das ist immer ein Fehler.”
Touché.
“Ich musste aber auch was aussuchen, wofür ich genug Interesse und Motivation aufbringen würde, um die Sache auch zu Ende zu bringen.”
Es folgte eine kurze Darstellung seines eigenen Lebenslaufs – er hatte wohl in Chemie promoviert und dann festgestellt, dass die sich anbietenden Arbeitsstellen nicht zu seinem Gefallen waren, und hatte ein Studium der Pharmazie inklusive erneuter Promotion angeschlossen.
“Wenn man bereits Chemie studiert hat, dann ist Pharmazie keine Herausforderung mehr” sagte er. Mitten im Studium habe seine Frau dann eine Tochter zur Welt gebracht und das sei schon eine harte Zeit gewesen, in der sie an allen Ecken und Enden hätten sparen müssen. Mit der Apotheke hier habe er eine gute wirtschaftliche Grundlage, von der man bequem leben könne. Dann ging er zum Werdegang seiner Tochter über, die in den USA promoviert habe und dort einen Haufen Geld bei einem Pharmakonzern verdiene; er ließ sich auch nicht nehmen, Fotos am Monitor zu zeigen.
Dann wurde die Angelegenheit skurril.
“Gehen Sie doch in die USA. Das ist vermutlich das einzige Land auf der Welt, wo sie als reiner Geisteswissenschaftler tatsächlich Ihr Glück machen können. Suchen Sie sich ne hübsche Amerikanerin, werden Sie Staatsbürger und machen Sie was aus sich.”
Ich hätte ihm an der Stelle sagen können, dass die USA eines der letzten Länder der Welt seien, in denen ich leben möchte und hätte das mit der tief verwurzelten Religiösität und dem grotesk öffentlichen Patriotismus der Leute dort begründen müssen; das war mir allerdings zu umständlich, also sagte ich nur (mit dem höflichsten Lächeln): “Ich habe bereits eine Freundin hier, ich glaube, die hätte was dagegen, wenn ich mir eine hübsche Amerikanerin suchen würde…”
“Ach, von solchen Sentimentalitäten dürfen Sie sich nicht aufhalten lassen. Vergessen Sie die, die ist Ihnen nur ein Klotz am Bein. Hören Sie auf mich.”
Ich war einen Moment lang wie vom Donner gerührt. Dann lag mir die Frage auf der Zunge, ob er das damals, als armer Student, ebenfalls getan hätte, also seine Frau und sein Kind verlassen, hätte sich ihm die Möglichkeit einer möglicherweise lukrativen Emigration geboten? Ich sparte mir die Frage und dankte ihm höflich für das Gespräch, das ich nicht vergessen würde.
“Sehen Sie? Da haben Sie sogar noch etwas Lebenshilfe von mir erhalten,” meinte er, drückte meine Hand und strahlte übers ganze Gesicht. Der meinte das ernst, ansonsten müsste ich ihn für einen hervorragenden Schauspieler mit bitterbösem Humor halten. Ich verließ die Kreuz-Apotheke völlig perplex und konnte immer noch kaum glauben, was ich da eben gehört hatte.

Zum Abschluss dieses Themas springe ich ins Frühjahr 2013: Die Arztpraxis in Daleiden verkündete ihren Umzug in eine Ortschaft mit besserer Infrastruktur, in Folge dessen war der Kreuz-Apotheke die Grundlage entzogen und der Dr.rer.nat gab die Einstellung des Betriebs bekannt. Ich bedauere dies für die dort beschäftigten Damen, die allesamt sehr nett sind, aber den Apotheker vermisse ich garantiert nicht.

HAARSTRÄUBEND
Mein Kollege Felix hat eine Art besten Freund, der scheinbar bei UPS arbeitet und mit dem er einen Teil seiner Freizeit verbringt, zum Beispiel sind die beiden in Damenbegleitung schon in Freizeitparks gefahren. Man sollte für solche Freunde dankbar sein, und ich bin dem Schicksal dankbar, dass ich mehrere solche Freunde habe.
Mir stand aber wirklich der Mund vor Erstaunen offen, als Felix mir erzählte, er sei mit eben jenem Freund, diesmal ohne Damenbegleitung, auf einer so genannten Furry-Con gewesen.
Das wäre nun das letzte gewesen, was ich dem eigentlich dauergefrustet und leicht verklemmt anmutenden Felix zugetraut hätte.
“DU warst auf einer Furry-Con??? Was hat Dich denn auf den Trichter gebracht???”
“Na ja, ich wollte da eigentlich nicht hin, aber mein bester Freund hatte zwei Karten und der andere war abgesprungen, also fragte er mich, ob ich stattdesen mit will. Wenn’s denn schon umsonst ist…”
“Du weißt schon, dass Furry-Cons in erster Linie wegen ihrer intimen Gelegenheiten bekannt sind, oder?”
“Ja… aber nur, wenn man das auch will…”
Leider rückte er nicht mit Details raus und eigentlich würden mich Fotos brennend interessieren, aber so weit bekam ich ihn dann nicht. Scheinbar doch zu intim.

19. Juli 2013

Nebensächlichkeiten 2012 (Teil 1)

Filed under: My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 12:14

Bevor ich endgültig zum Anbruch des Jahres 2013 komme, erst mal ein paar kleinere Dinge zum Einschieben, die auch nicht alle mit meiner Arbeit zusammenhängen. Also bitte nicht gleich die Haare raufen, wenn es heute etwas durcheinander zugeht.

UMZUGSHELFER
Ich habe zum Beispiel zwei Freunden aus China in meinem Bekanntenkreis beim Umzug geholfen und ich habe den vagen Eindruck, dass zumindest der erste dieser Umzüge noch 2011 stattfand. Es ist jedenfalls sehr lange her und ich habe nur eine Notiz in Form eines simplen Stichworts, ich weiß also so gut wie nichts mehr über den ersten Umzug, der nach Aachen ging. Schöner sonniger Tag, nicht zu heiß, wolkenlos.

Bei dem fraglichen Chinesen handelte es sich um den Ehemann einer mit mir befreundeten Japanerin. Er fuhr mit mir nach Aachen (und würde auch mit mir wieder zurückfahren, da er noch in Trier zu tun haben würde), sie würde eh noch eine Weile in Trier bleiben und bei einer Freundin wohnen, weil sie arbeitstechnisch scheinbar noch gebunden war. Ich hatte natürlich meinem VOrgesetzten Bescheid gesagt und verständigte mich mit ihm auf eine Kilometerpauschale in Höhe von 15 Cent, was der Summe entsprach, die er selbst an JP Transporte abgeben musste, wenn er ein bestimmtes monatliches Kontingent an Kilometern überschritt, von daher war das wohl duchaus fair.
Bei der Route wollte ich ein Experiment machen: Kürzeste Strecke versus Schnellste Strecke. Der Hinweg führte weitgehend über die Autobahn, es gab keinerlei Probleme mit dem Verkehr, keine Baustellen, keine Unfälle, freie Bahn für freie Bürger. In der Stadt machten wir kurz Halt bei Freunden des Ehepaars, um noch ein Schränkchen oder sowas aufzunehmen, dann ging es zur anvisierten Wohnung.

Bei der handelte es sich um eine von Chinesen, zwei Frauen und zwei Männern, alle im Alter gewöhnlicher Studenten, bewohnte WG. Für ein Ehepaar eindeutig eine Durchgangsstation. Aber gut. Die Bewohner waren sehr nett und bereiteten etwas ganz einfaches zu essen zu, eine Portion Reis mit Gemüse, Pilzen und ein wenig Fleisch. Ich hätte nichts anderes erwartet bei Studenten, die wenig Geld zum Leben haben (Reis gilt selbst in China als das Grundnahrungsmittel der Unterprivilegierten, derer, die nichts besseres bekommen), aber es schmeckte und war sättigend.

Es hätte aber in der Tat noch besser sein können, wie wir im Laufe des multilingualen Gesprächs feststellten. Die stammten nämlich alle aus einer Provinz, ich habe vergessen, welche, in der Nudelgerichte verbreiteter sind als Reis und ich erwähnte scherzhaft, dass ich für eine gute Nudelsuppe zu töten bereit sei. “Schade, eine Nudelsuppe wäre auch kein Problem gewesen,” meinte die Köchin bedauernd. Und damit nicht genug: In ihrer Heimat ist scharfes Essen an der Tagesordnung, aber es hatte ja niemand wissen können, dass ich gern scharf aß. Schade, eine Doppelgelegenheit verpasst.

Für den Rückweg forderte ich den Navi auf, mir die kürzeste Strecke zu zeigen. Das hätte ich bei feuchtem Wetter nicht getan, weil ich ja weiß, dass der Hersteller auch unbefestigte Feldwege in der Rubrik “Straßen” eingeordnet hat.
Also Bundes- und Landstraßen. Das war aber nicht schlimm, denn nach etwas unbekanntem Gelände im Aachener Umland landete ich bald auf der B51, die in unmittelbarer Nähe von Hallschlag und Reuth nach Trier verläuft – mein ehemaliges Zustellgebiet. Diese Art von Heimvorteil machte die Abweichungen, die ich von der Bundesstraße nehmen würde, zu einem durchaus kalkulierbaren Risiko. Wir fuhren also auch Feld- und Waldwege, die meinen Fahrgast dann und wann aus seinem Schlummer rissen, wenn eine Ansammlung von Schlaglöchern ein sanftes Umfahren unmöglich machte. Ich kannte diese Wege ja alle, ich war mir nur nicht sicher, welche der Navi aussuchen und welche er ausklammern würde.

Auch die Rückfahrt verlief also entspannt und ohne Probleme, und sie dauerte nur unwesentlich länger als die Hinfahrt, die natürlich mit einer deutlich höheren Durchschnittgeschwindigkeit absolviert worden war.
Letztendlich möchte ich erwähnen, dass ich großzügig bezahlt wurde, jenseits der von mir pauschal anberaumten Summe von 10 E pro Stunde, die ich für mich erbeten hatte.

Es muss dann wohl tatsächlich etwa ein Jahr später gewesen sein, denn es war mal wieder Sommer, dass eine weitere chinesische Bekannte aus beruflich Gründen umziehen musste – ans andere Ende der Republik, nach Barleben, und das liegt einen Katzensprung nördlich von Magdeburg, also nur unwesentlich westlich von Berlin. Sie hatte dort einen Zeitvertrag als Lehrerin an einer freien Schule erhalten und sie und ihr Mann brauchten wohl das zweite Einkommen. Er war zu dem Zeitpunkt Doktorand an der Uni Trier und hatte daher nicht die Zeit, einer Vollbeschäftigung nachzugehen. Auch dieses Paar entschloss sich also zu einer Fernbeziehung.

Um Dunstkreis dieses Umzugs stellte ich fest, dass die eben besagte Chinesin und die zuvor angesprochene Japanerin befreundet sind… nun ja, angesichts dessen, was ich über die soziale Vernetzung von Chinesen im Ausland eigentlich wusste, hätte es mich wundern müssen, wenn sie sich nicht zumindest gekannt hätten.
Es halfen einige Leute beim Einräumen des Wagens, darunter auch Studenten des Ostasieninstituts, aber alle mit Schwerpunkt China. Lustig war, dass einer davon mit einer mir bekannten, aus Japan stammenden Apothekenhelferin befreundet war. Wer also Apothekenkunden mit exotischen Sprachkenntnissen erstaunen will, muss bei Medikamentenbedarf entweder zum Viehmarkt oder in die Gartenfeldstraße gehen.
Wie dem auch sei: Der Wagen wurde im angesetzten Zeitrahmen gepackt, einen Tag vor der Fahrt selbst, und darinnen bewegte sich nichts, rein gar nichts. Die Packung war eindeutig meiner würdig, um es mal so auszudrücken.

Morgens um Fünf ging es los. Autobahn Richtung Koblenz, dann vorbei an Kassel, von wo aus eine hervorragend ausgebaute Autobahn in Richtung Berlin führt, mit durchgehend drei bis vier Fahrspuren pro Richtung, ohne uns dabei irgendwo um Abfahrten kümmern zu müssen, mal abgesehen von Magdeburg selbst. Das Wetter spielte voll und ganz mit, zumindest die meiste Zeit und die ganze Fahrt über. Wolkenloser Sonnenschein lag über der Republik, aber es war auch entsprechend warm. Irgendwo auf dem Weg fiel mir ein KAUFLAND-Depot auf, was sicherlich eines der größten Gebäude war, die ich jemals mit eigenen Augen gesehen habe.

In Barleben angekommen, sollten wir von zwei hier wohnhaften Studenten aus China unterstützt werden, die aber noch nicht bereit waren. Wir waren wohl auch ein wenig zu früh, den anberaumten Puffer für Eventualitäten hatten wir nicht gebraucht.
Ich bekam also ein bisschen das Städtchen und die zukünftige Arbeitsstätte gezeigt, und abgesehen von einzelnen vernachlässigten Gebäuden befand sich die Ortschaft in einem aufgemöbelten Zustand, der Soli kam hier scheinbar an.
Als wir dann bei einem Dönermann aßen, meldeten sich die beiden Helfer, sie würden sich gleich zu uns gesellen. Es handelte sich um zwei sympathische junge Männer Anfang Zwanzig, die in Magdeburg studierten. Der Zeitraum, in dem wir da saßen, war dann letztendlich die einzige Phase des Tages, in der sich Wolken vor die Sonne schoben und ein paar Regentropfen vom Himmel fielen, aber das klärte sich wieder, sobald wir uns an die Arbeit machten.

Die Wohnung, die es einzuräumen galt, befand sich im dritten Stock (Dachgeschoss) eines Reihenhauses, das scheinbar dem Betreiber eines Seniorenheims gehörte. Das Seniorenheim befand sich im gleichen Komplex, der Hausmeister desselben war zuständig für Wasser und Strom und wir bekamen ein paar Reinigungsutensilien von der Belegschaft zur Verfügung gestellt.
Ich verordnete der zu bewältigenden Arbeit das gleiche System, das sich vor langer Zeit einmal in Euren bewährt hatte: Wir stellten gemeinsam ein paar Sachen, quasi als “Pool”, in das Treppenhaus, dann ging es etappenweise weiter. Einer trug die Sachen vom Auto ins Treppenhaus, wo jeder andere ein Stockwerk zugewiesen bekam, das er oder sie zu bewältigen hatte. Als das Auto leer war, verlagerte sich die Kette nach oben; meine chinesische Bekannte konnte sich nun um die Organisation des Stauguts im Wohnraum kümmern, während wir übrigen die Lasten jeweils ein Stockwerke nach oben hievten.

Währenddessen kam es nur zu einem einzigen Unfall, der leider Bruch produzierte. Einer der Jungs hob eine Kiste an den dafür vorgesehen Griffen, der Boden gab unter der Masse des Inhalts nach und eine Weinflasche zerbrach auf der Treppe. Zunächst mussten wir also Eimer und Besen im Seniorenheim besorgen, weil solche Getränke sich bei der gegebenen Temperatur schnell in effektiven Kleister verwandeln. Eine zusätzliche Sache, über die wir lachten, gab es aber dennoch: Einer der beiden Helfer hatte am Abend zuvor zu kräftig gebechert und von den aufsteigenden Alkoholdämpfen wurde ihm sofort kotzübel. Er behielt sein Essen zwar bei sich, musste aber ein paar Minuten aussetzen, bis die Atmosphäre im Treppenhaus für ihn wieder atembar war.

Am Nachmittag, es war wohl noch vor Vier, war die Sache erledigt und ich machte mich bereit, dieses Mal den Rückweg allein anzutreten.
Das Highlight der Rückreise sollte ich aber nicht unterschlagen… ich stand irgendwo im Stau – bei Köln wohl, denn ich erinnere mich, dass der Stau vom Feierabendverkehr eines Ford-Werks herrührte. In eben jenem Stau jedenfalls kam ich hinter einem Bus der Bundeswehr zu stehen, und auf der Rückbank fand sich eine Handvoll Offiziersanwärterinnen, alle blond und gut aussehend. Die versuchten, mit mir zu kommunizieren, aber sie hatten nur Kugelschreiber und A5 Zettel, deren Aufschrift ich durch die leicht getönte Scheibe des Busses nicht habe erkennen können. Ich hatte einen Filzstift da, aber irgendwas hielt mich zurück, der vergnügt lächelnden Rückbankbesetzung meine Telefonnummer zu geben. 🙂

Ich wurde auch für diesen Freundschaftsdienst großzügig bezahlt, aber in einem Punkt konnte ich meiner netten Arbeitgeberin nicht nachkommen: Ich konnte Ihr keine Rechnung geben, wie sie das Finanzamt gern gehabt hätte (denn beruflich bedingte Umzüge kann man voll von der Steuer absetzen). Ich hatte ihr ja nur einen Freundschaftsdienst erwiesen, und auch die Überlassung des Transporters für den Umzug war aus diesem Winkel zu betrachten. Alles, was ich letztendlich tun konnte, war, ihr eine formlose Bestätigung der von ihr geltend gemachten Kosten auszuhändigen, in der Hoffnung, dass die Steuerbehörde etwas solches akzeptieren würde.

DAS BROT
Kommen wir von chinesischen Freunden und Bekannten zu Brot. Wollte ich einen Zusammenhang erzwingen, würde mir als erstes “Chinesenhaar” einfallen. In den alten Zeiten handelte es sich – zumindest angeblich – um eine legitime Zutat zu industriell hergestelltem Brot, ja, auch in Deutschland, die man des Aromas wegen in Pulverform zusetzte. Verdirbt einem den Geschmack? Na ja, vielleicht war es besser, dass die Allgemeinheit davon nichts wusste. Glücklicherweise (?) fand sich irgendwann ein künstlicher Aromastoff, der den Export von Friseurprodukten aus dem Reich der Mitte überflüssig machte.

Also gut, ich wollte von Brot sprechen. Genauer von meinem Brotbackautomaten. Vor einigen Jahren hatte ich einen von Volker ausgeliehen. Mir gefielen die Resultate, also besorgten wir selber einen günstigen gebrauchten. Der lief oft nachts, was uns für ein Frühstück warmes und frisches Brot lieferte. Feine Sache, also war ständig eine kleine Ansammlung von Brotbackmischungen aus dem Supermarkt vorrätig.
Nach einigen Monaten, ich glaube, meine Freundin war damals wegen einer Fortbildung in Saarbrücken, stellte ich abends wieder das Gerät ein und legte mich ins Bett, in der Hoffnung, dass mich das Lautsignal der Maschine, das das Ende des Backvorgangs anzeigte, nicht wecken würde.
Stattdessen erwachte ich irgendwann, weil ich eine Art Knall gehört zu haben glaubte. Ich stand auf, ging ins Esszimmer, schaltete das Licht ein und sah mich um, da ich davon ausging, dass irgendwas heruntergefallen war. Ich fand aber nichts, also ging ich wieder schlafen.

Vielleicht lag es an dieser Unterbrechung meiner Nachtruhe, dass ich nicht tief genug schlief, um die Backmaschine zu überhören. Also gut, ich stand erneut auf, um die Nervensäge abzuschalten und das Brot aus der Form zu nehmen; ließ man das Brot darinnen, passierte es in der Regel, dass die langsame Abkühlung Feuchtigkeit anzog und die Kruste aufweichte, das musste ja nicht sein.
Als ich die Form stürzte, kam mir allerdings kein Brot, sondern weicher Teig entgegen. Was war passiert? Ich kam auf keine plausiblere Lösung, als dass ich versehentlich irgendeinen Bedienfehler angerichtet hatte. Ich klemmte die Form samt Teig erneut zum Backen in das Gerät, achtete sorgsam auf die Einstellungen, und legte mich Schlafen. Es war so gegen vier Uhr morgens.

Nach der regulären Backzeit weckte mich der Automat erneut piepend durch die geschlossene Tür, erneut sah ich nach meinem Brot und fand ebenso erneut nur rohen Teig. Hm. Ich besah die Backmaschine: Warum war mir vor etwa zwei Stunden noch nicht aufgefallen, dass die Röhre kalt war? Dabei sollte der Backvorgang doch eben erst beendet worden sein. Das ließ mir als Laien nur einen Schluss zu: Was ich zuerst gehört hatte, war nicht etwa das Geräusch eines herabgefallenen Gegenstands, sondern ein Kurzschluss im Gerät, der interessanterweise alles außer den Heizstäben intakt gelassen hatte; die Digitalanzeige funktionierte, die Leuchtanzeigen funktionierten, die Knethaken versahen treu ihren Dienst.

Ein paar Wochen später kam ein neuer Backautomat ins Haus, aber es handelte sich ein Modell mit nur einem Knethaken am Boden einer tiefen (anstatt breiten) Backform, das mich nicht zufriedenstellte, und damit endete die einige Monate andauernde Phase des Brotbackens. Ich sollte im Nachhinein auch ganz dankbar sein, dass jener Kurzschluss der Maschine damals mit einem deutlichen Knall den Garaus gemacht hatte, anstatt heimlich, still und leise. Schließlich hätte mir damals im Schlaf auch die Bude abfackeln können…

5. April 2011

Dienst an Europa

Filed under: Japan,Zeitgeschehen — 42317 @ 18:47

Gerade wo ich lese, dass die Kreditwürdigkeit Portugals erneut herabgestuft wurde, komme ich zu dem Schluss, dass man diese Krise als ein Problem von Banken einerseits und Steuerzahlern in ihrer Funktion als Melkvieh andererseits zu betrachten scheint (wobei es eine Schande ist, dass viele die gemeinsame Währung zum Teufel wünschen, aber eine Mehrheit den Banken weiterhin ihr Vertrauen ausspricht). Gerade die BILD Zeitung hatte sich ja im Falle Griechenlands dazu berufen gefühlt, durch Falschinformation und Halbwahrheiten das Land und das Volk pauschal zu verunglimpfen. Im Falle Portugals scheint das nicht so zu sein, aber ganz abgesehen von der Boulevardpresse vermisse ich die Beeinflussung der Öffentlichkeit, freiwillig zur Sanierung dieser Staaten etwas beizutragen – und zwar auf eine Art und Weise, die dem “Geldspender” das Gefühl gibt, etwas für sein Geld bekommen zu haben, anstatt es Zähne knirschend einfach nur dem staatlichen und finanziellen Establishment zu überlassen, auf welche Art und Weise man dieser Zerreißprobe für Europa und sein Währungssystem begegnet.

Ganz kurz gesagt: Wäre dies nicht ein Anlass, massiv für Urlaubsreisen in diese Länder zu werben? Und nicht nur Portugal und Griechenland, auch für die Republik Irland und auch Island gilt ähnliches.
Ich kann mir im Sinne eines Preisleistungsverhältnisses jedenfalls keine sinnvollere Form der Unterstützung denken, und gleichzeitig entscheidet man selbst darüber, wieviel ausgibt, wo man es ausgibt, und welche Dienstleistungen man dafür in Anspruch nimmt.
Ist denn auf europäischer Ebene niemand auf die Idee gekommen?
Wäre vielleicht sogar eine kleine Subvention für Reisen in diese Staaten nicht sogar eine Ertrag versprechende Maßnahme?

Okay, vielleicht würde diese gezielte Subvention auf europäischer Ebene am Wettbewerbsrecht scheitern. Andererseits könnten doch Griechenland und Portugal im nationalen Rahmen solche Touristenlockangebote im europäischen Ausland unterstützen? Aber wenn ich Reiseangebote sehe, zum Beispiel bei Norma oder Aldi, fällt mir nichts dergleichen auf.

Aber zumindest könnte man doch die Bevölkerung freundlich dazu auffordern, sich bei ihren Reiseplänen grob in diese Richtung zu orientieren. Hätte ich Geld, ich würde es tun. Was wird getan, um das öffentliche Image dieser Länder positiv zu erhalten und sie als Reiseziel attraktiv erscheinen zu lassen? Ich weiß es nicht. Vielleicht wird etwas getan, aber nicht in den Medien, für die ich empfänglich bin?

Vielleicht macht sich manch einer Sorgen um die Anschläge linksgerichteter Gruppen? Immerhin scheint sich diese Art von Terrorismus internationalisiert zu haben, liest man doch mittlerweile auch, dass italienische Anarchisten einen Sprengsatz an den Direktor eines Athener Gefängnisses gesandt hätten.
Andererseits hat auch die ETA den Spanienurlaub nicht zum Erliegen gebracht, man ist trotz RAF in den Schwarzwald gefahren, die Roten Brigaden haben die Strände von Neapel ebenso wenig leergefegt wie die Mafia, und zu guter letzt hat auch die IRA die wenigsten Interessierten davon abgehalten, ein paar Tage in London zu verbringen.
Und selbst wenn man sich wegen dieser Situation in Griechenland nicht an den Peleponnes traut – für Portugal kann diese Ausrede nicht gelten. Die Lage dort ist politisch stabil.

Übrigens: Auch Japan kann Touristen derzeit gut gebrauchen. Japan ist nicht nur weit, sondern auch lang, und die Landesteile, die südwestlich von Tokyo liegen, haben allein genug kulinarische und kulturelle Höhen zu bieten, um mehrere Jahresurlaube zu füllen und sind gleichzeitig Hunderte von Kilometern von den Reaktoren in Fukushima entfernt.
Wenn man nach Breslau in Polen fährt, denkt man ja auch nicht gleich an Chernobyl.

18. März 2011

Schwerpunktsetzung

Filed under: Japan,Zeitgeschehen — 42317 @ 14:36

Seltsame Dinge geschehen auf der Welt, und ich rede weder von Plattentektonik noch von Kernphysik. Es geht mir um die Psychologie der Medienberichterstattung.

Alle Medien sind voll von Bildern, Berichten und Kommentaren in Bezug auf die gefährdeten Atomreaktoren in der Nähe von Fukushima. Ach ja, und da war ja auch noch ein Tsunami. Oh, das Erdbeben haben wir fast vergessen. Dass die aktuelle Naturkatastrophe in Bezug auf die offiziellen Opferzahlen das massive Hanshin-Beben von 1995 nach neuesten Erkenntnissen erst erreicht, wird meist als Randnotiz noch in die Berichterstattung über die Kühlmaßnahmen eingeworfen (und die Zahlen werden noch bedeutend steigen).

Meine Dreisprachigkeit ermöglicht mir dabei einen viel sagenden Überblick: Es wird nirgendwo mehr Wind um die mögliche Kernschmelze gemacht, als in Deutschland. Die Japaner gehen mit der Situation relativ ruhig um, und das mag vordergründig damit zusammenhängen, dass man sich dort mehr Gedanken um die aktuelle Notsituation macht, und weniger um eine, die derzeit lediglich denkbar ist.

Die bedeutenden amerikanischen und britischen Medien füllen ihre Frontseiten auch nicht mit Chernobyl-Panikmache, bevor es soweit ist. Natürlich hat man dort einen ganz anderen Blickwinkel auf die Atomkraft, und letztendlich übertreffen die US Amerikaner die Briten noch in ihrem Insulanerdenken – hier auch zu Recht, denn eine Strahlenwolke würde sich auf dem Weg über den Pazifik ausreichend verdünnen. Die Chancen, dass die Strahlung in Deutschland besorgniserregende Höhen erreichen wird, stehen jedenfalls ganz ganz schlecht.

Aber in Deutschland schlagen die Wellen hoch. Da macht man sich Sorgen um Nahrungsmittel, Jodtabletten und den Südostasienurlaub. Ist es dabei nicht bezeichnend, dass Thailand als einziges Land in der globalen Region seinen Bürgern die Ausreise aus Japan empfohlen hat? Wie man mir berichtete, sind die Deutschen am schnellsten in Massen geflohen. Von 5000 in Tokyo lebenden Deutschen seien derzeit noch 1000 übrig – wobei offen blieb, ob die lediglich zum Beispiel nach Ôsaka ausgewichen sind oder das Land verlassen haben.

Dabei muss man doch bestimmte Dinge mal eindeutig festhalten: Die Importmengen an japanischem Gemüse aus der möglicherweise betroffenen Region ist geringfügig. Inwiefern hier Fisch aus dem Pazifik konsumiert wird, kann ich nicht sagen, aber ich will gar nicht wissen, wie viel chemischer und nuklearer Müll bereits illegal im Pazifik entsorgt wurde, ganz zu schweigen von den Langzeitfolgen früherer Atomwaffentests. Über hundert Millionen Tonnen Plastikmüll treiben in riesigen Strömungswirbeln, deren Teilchen teilweise von Fischen gefressen werden und generell Giftstoffe ins Wasser abgeben. Das Phänomen ist seit Jahren bekannt, stört aber scheinbar keinen.

Die Aussage einer ZDF-Sondersendung, bei der auch das Thema Jodtabletten angesprochen wurde, war ebenfalls klar: Die Tabletten, die man einfach so in den Apotheken kaufen kann, enthalten 1 % des Wirkstoffs, der im Falle echten Bedarfs (das heißt zur Vermeidung der Einlagerung radioaktiven Jods in die Schilddrüse) unter ärztlicher Aufsicht verabreicht wird. Der Ankauf von rezeptfreien Jodpräparaten freut also in erster Linie die Apotheker und die Pharmaindustrie, aber einen gesundheitlichen Nutzen hat man davon genausowenig, wie ein gesundheitlicher Bedarf besteht.

In einem Interview mit einem Mitarbeiter des Bundesamts für Strahlenschutz wurde eine ebenso interessante Grafik gezeigt, die die in Deutschland gemessene Strahlenbelastung der Atmosphäre seit den Vierziger Jahren aufzeigte. Die Spitze, die sich durch den Reaktorunfall in Chernobyl anno 1986 ergab, war zwar deutlich zu sehen, aber ebenso deutlich konnte man auch als Laie ablesen, dass die Belastung in den Sechziger Jahren in Folge all der oberirdischen Atomtests dreimal höher war.

Der Punkt, in dem Chernobyl auch weiterhin heraussticht, besteht darin, dass Pilze und Wild aus Süddeutschland wegen der mit dem Wind vermittelten strahlenden Partikel in den kommenden 100 Jahre noch zum Großteil ungenießbar sein werden, weil die Grenzwerte heute, nach 25 Jahren, mehrfach überschritten werden. Darüber herrscht hierzulande Ruhe. Bayern und Schwaben raufen sich also im Moment mehr die Haare wegen einer möglichen Nuklearkatastrophe, die den halben Globus entfernt stattfinden könnte, als um die bedenkliche Strahlenbelastung vor ihrer Haustür. Wer mahnt den Massenexodus aus den betroffenen Gebieten an? Natürlich keiner. Oberammergau wurde deswegen jedenfalls nicht evakuiert und es erfreut sich weiterhin hoher touristischer Beliebtheit.

Um meine persönliche Meinung einzustreuen: Statt Laufzeiten zu verlängern, sollten wir uns darum bemühen, den Atomstrom so bald wie irgend möglich zu ersetzen. Dass die Atomlobby an ihren Reaktoren noch weiter Geld verdienen will, steht außer Frage und einer frühen Abschaltung entgegen, schließlich helfen die Meiler dabei, dass wir jährlich 17 Terawattstunden Strom ins Ausland verkaufen können.
Die Frage, ob wir in zwei, fünf, oder erst in fünfzehn Jahren über die Technologie verfügen, uns von der Energiegewinnung durch Kernspaltung zu trennen, kann ich nicht beantworten, weil es mir dafür eindeutig an Wissen mangelt. Deswegen sage ich nur “so bald wie irgend möglich”. Denn auch wenn wir in Zentraleuropa mit günstigem Klima und hoher tektonischer Stabilität gesegnet sind, bleibt menschliches Versagen immer eine Option. Es muss nur irgendjemand zur falschen Zeit am falschen Ort etwas Falsches tun. Die Chance mag gering sein, aber sie ist da, egal, wie sicher ein Reaktor ist.

Kehren wir also zum gegebenen Notstand zurück, denn japanische Technik- und Organisationslegenden zerbrechen gerade reihenweise.
Die ZEIT bescheinigt den Japanern gründliche Vorbereitung und Organisation, die New York Times tut das Gegenteil, und auch die TV-Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender (was anderes sehe ich mir erst gar nicht an) lässt Zweifel aufkommen. Wenn man Bilder von verwüsteten Ortschaften zu sehen bekommt, sieht man auch immer Aufräumarbeiter und Leichensucher. Zu Fuß, mit behandschuhten Händen.
Wo ist denn das ganze Bergungsgerät? Immerhin habe ich mittlerweile in einem Video von Euronews mal einen Bagger gesehen. Natürlich ist die Situation wegen der zerstörten Straßen schwierig, aber das Einsatzgebiet ist ja trotz seiner Größe begrenzt, und an eben jener Grenze würde man doch Bilder von einem technischen Großeinsatz erwarten?
In den Notunterkünften mangelt es an Kerosin für die Heizgeräte – hat die japanische Regierung etwa keine keine strategischen Reserven? Kanister mit Heizöl kann man ganz ohne Straßen und Rollfelder per Hubschrauber anlanden, und letztendlich sollte man meinen, dass die Armee eines Industriestaates in der Lage sein müsse, die Versorgung auch in Extremsituationen sicherzustellen, denn für kriegsähnliche Zustände sollen sie ja da sein, denke ich, und wie im Krieg sieht es im Katastrophengebiet aus, nur die großflächigen Brandspuren fehlen.

Eine geradezu paradox anmutende Meldung lief gestern Abend über den Ticker der dpa: Japan habe über das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe die Lieferung von ferngesteuerten Robotern für den Einsatz in den Kernkraftwerken erbeten.
Was sagt uns das über die tatsächliche Leistungsfähigkeit japanischer Roboter und der dahinter stehenden Forschung aus? Ist Japan als Heimat toller Roboter nicht immer wieder im Gespräch, zumindest in der Abteilung “Kurioses aus Fernost”?
Ich selbst habe bereits Ende 2003 die Ausstellung zum Thema Roboter des “Nihon Kagaku Mirai Kan” (etwa “Japanisches Museum für Zukunftsorientierte Wissenschaften”) gesehen und mich auch im Gespräch mit Angestellten zum Thema informiert, da war bereits die Rede von rollenden Robotern, die in Gebieten eingesetzt werden könnten, wo es für Menschen zu gefährlich ist. Was ist daraus geworden? Hat die Forschung in den vergangenen acht Jahren geschlafen, auf den ASIMO-Lorbeeren ruhend? In Deutschland existieren entsprechend spezialisierte Maschinen scheinbar, und ausgerechnet in Japan, das sich selbst als Land der Roboter darstellt, wohl nicht.

Und was die “gute” Organisation von Erdbeben- und Katastrophenhilfe angeht… meine persönliche Erfahrung mit einer solchen Erdbebenübung, die wegen der vielen ausländischenn Studierenden vorrangig ganz klar auf den Unterhaltungseffekt abzielte, haben mich nicht davon überzeugt, dass das – aktuell von der ZEIT gelobte – japanische Krisenmanagement zu einem spürbaren Teil mehr als Augenwischerei ist, die diejenigen beruhigen soll, die nicht weiter drüber nachdenken wollen.

Da forschte man an der Universität von Hirosaki anno 2004 daran herum, welche japanischen Begriffe statistisch betrachtet eher von Ausländern verstanden würden, um eben diese “leichteren” Begriffe in die Radiodurchsagen einfließen zu lassen, anstatt dass man einfach auch Meldungen in englischer Sprache absetzte (was auch für die schriftlichen Fluchtpläne gelten sollte). Und ging scheinbar mit tödlicher Gewissheit davon aus, dass trotz Erdbebens die örtlichen Radiostationen weiter senden könnten, da immer darauf hingewiesen wurde, ein kleines Batterieradio mit sich zu führen, um Informationen zu Notunterkünften und dergleichen mehr zu erhalten. Dass für die Übung damals der simulierte Sammelpunkt im dritten Stock lag, anstatt dass man den natürlichen Fluchttrieb in Betracht zog und den Fluchtweg die Treppe hinunter leitete, kann ich heute noch nicht verstehen.

18. Dezember 2010

“Warum essen sie dann keine Hähnchen?”

Filed under: My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 15:30

Was besseres als eine Parodie Marie Antoinettes ist mir nicht eingefallen als Überschrift für diese Idee, die mir in den vergangenen Tagen durch den Kopf ging. Warum mir dieses naive Zitat, in dem es eigentlich um Kuchen ging, eingefallen ist, erkläre ich gleich.

Zum monatlichen Einkauf habe ich meine Großeltern besucht, just an den Tagen, an denen die Presse das Schneechaos in Deutschland ausgerufen hatte. Ich will das nicht kleinreden, bestimmt hat es viele Leute wörtlich eiskalt erwischt und mancherorts wird die Lage auch ernst gewesen sein – soweit es mich betrifft, kann ich mich nicht beschweren. Ich konnte über 100 km von meiner Haustür in Trier bis in mein Heimatdorf fahren, ohne dabei mehr als 500 m schnee- oder eisbedeckte Fahrbahn gesehen zu haben. Das waren ein paar Meter an offenen Stellen, wo der Wind den Schnee auf die Straße geweht hatte, und die letzten Meter, nachdem ich von der Hauptstraße im Dorf abgebogen war. Mein ehrlicher Dank also an die Männer (und Frauen?) der Räumdienste, die ganz hervorragende Arbeit in dem von mir befahrenen Bereich geleistet haben.

Was hat das mit Hähnchen zu tun? Kommt sofort: Da wir den Morgen mit Einkaufen verbracht hatten, blieb keine Zeit für die Vorbereitung eines Mittagessens. Die beiden alten Herrschaften ermüden sich bei einem Gang durch einen großen Supermarkt zu sehr, um nachher noch Energie zum Kochen zu haben. An diesem Tag stand jedoch in der Dorfmitte ein Hähnchengrill und ich wurde geschickt, für jeden ein halbes Hähnchen zu holen.
Ich unterhielt mich ein bisschen mit der Besitzerin darüber, warum sie keine Hähnchenkeulen anbiete, und sie sagte, dass man Hähnchenfleisch zwar nachgeworfen und auch wieder los bekäme, dass der spezielle Spieß, also das Metallkonstrukt, an dem man die Keulen befestigt, allein jedoch bereits 600 Euro koste, und sie scheue die Investition. Wir sprachen auch ein bisschen über Preise, und das brachte mich unweigerlich zu dem Preisvergleich, den ich hier ausführen möchte:

Dass Verbraucherpreise ständig steigen, muss ich keinem erzählen, das weiß jeder. Aber es gibt Unterschiede.
Vor etwa zehn Jahren kaufte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen großen Sack Reis, im Asialaden der Familie Hary in Saarbrücken. Damals bekam ich 22,5 kg thailändischen Bruchreis für 17,50 Mark.
Seitdem ist der Reispreis um das Dreifache gestiegen: Heute bezahle ich für 20 kg thailändischen Bruchreis (also für 11 % weniger Masse) 26 Euro. (Das heißt, ich würde so viel zahlen, wenn ich statt Langkornreis Bruchreis kaufen würde. Für 20 kg normalen thailändischen Langkornreis sind heute 30 Euro die Norm.)
Irgendwie kann ich das nachvollziehen. Zum einen ist da die Inflation, zum anderen Wirtschaftskrisen, dann lässt möglicherweise die Steigerung des Wohlstands in den Anbauländern die Preise steigen, und man darf auch nicht vergessen, dass es in den vergangenen Jahren zu vielen Naturkatastrophen gekommen ist, die die Bereitstellung von Nahrungslieferungen notwendig machten, die wirtschaftlich als Steigerung der weltweiten Nachfrage zu werten sein dürften.

Für mich als Laie sieht diese Preisentwicklung also irgendwie plausibel aus, obwohl ich mir bestimmt über vieles im Unklaren bin und so einiges sicherlich auch falsch verstehe. Ich hätte jedenfalls nicht weiter darüber nachgedacht, wenn mir an jenem Einkaufstag nicht zwei weitere Preisschilder aufgefallen wären.

Noch ein Rückblick: Als ich etwa zwölf Jahre alt war, überkam mich ein heftiges Verlangen nach Wiener Würstchen, von denen ich mir nach der Schule ein Kilo an der Fleischtheke kaufte, und das Kilo kostete 16 Mark.
21 Jahre später kostet ein Kilo Wiener an der Fleischtheke im Supermarkt 10 Euro, also nur wenig mehr als damals.

Ebenso hatte ich wenige Jahre später den Plan, mal ein Schnitzel mit Pommes zu essen. Auf der Speisekarte war das Gericht mit 10,50 Mark angegeben.
Wenn ich heute für eine normale Schnitzelportion mit Pommes mehr als sechs Euro zahlen soll, fühle ich mich schon beinahe über den Tisch gezogen. Für eine Portion, die mich sättigt, sind in der Regel zehn Euro fällig, aber das ist auch nicht wenig für einen normalen Magen.
Vielleicht ist es deshalb ein schlechtes Argument. Ich komme daher lieber zu den versprochenen Hähnchen:

Vor zwanzig Jahren stand im Ort meiner Schule auf dem so genannten Paradeplatz eine Imbissbude, wo ein halbes Hähnchen 5,50 Mark kostete. Hätten Hähnchen die gleiche Preisentwicklung mitgemacht, wie der Reis, dann müsste ein halbes Hähnchen heutzutage etwa 8,50 Euro kosten – und zwar ohne Salat und Pommes. Ein halbes Hähnchen kostet aber nur 2,70 Euro.

Warum sind Fleisch- und Fleischnebenprodukte der hier genannten Art von der allgemeinen Preisentwicklung (scheinbar) ausgenommen?
Der Witz von dem Kunden, der in die Bäckerei kommt und sich beschwert, dass ein Brot vor 20 Jahren soundsoviel gekostet habe, worauf die Angestellte in den Backraum ruft, ob noch Brot von vor 20 Jahren da sei, ist keiner mehr.
Sind die Futtermittelpreise seit 20 Jahren stabil? Wohl kaum, aber wenn ja, warum kostet dann mein Brot, das doch prinzipiell aus dem gleichen Rohstoff besteht, immer mehr? Wurden in der Zucht und Fleischverarbeitung in den vergangenen Jahren massiv Stellen gekürzt? Dann wäre aber doch irgendwann eine Grenze erreicht, unterhalb der ein Betrieb nicht funktionieren kann und die Preise müssten in einem normalen Maß zu steigen beginnen. Verzichtet irgendjemand in der Kette zwischen Züchter und Endverbraucher auf seine Gewinnmarge? Unvorstellbar. Gibt es so viele Anbieter mit so viel Schlachtmasse mehr, bei deutlich weniger stark gestiegener Nachfrage? Aber wer lässt sich denn auf ein Geschäft ein, wenn es da nichts oder nur wenig zu verdienen gibt (und es nicht vielleicht der Geldwäsche dient)? Sind die Mastbedingungen heute so viel schlimmer als vor 20 Jahren, um auf diese Art und Weise Geld zu sparen, das der Kunde dann dankbar nicht zu zahlen braucht?

Wiesenhof bezeichnet sich auf der Firmenseite im Internet als “Deutschlands Geflügelmarke Nr. 1” und präsentiert sich als Unternehmen, das “seit jeher besondere Maßstäbe in punkto Qualität, Sicherheit und Transparenz” setze. Ich habe also am 7. Dezember eine Mail geschrieben, in der ich in Kurzfassung meine Beobachtung schilderte und fragte, was Wiesenhof dazu sage, warum der Preis für Geflügel seit Jahrzehnten stabil geblieben sei.
Am 17. Dezember erhielt ich folgende Mitteilung, Zitat (minus Grußformeln):

” (…) Ihre Feststellung bezüglich der konstanten Preise ist richtig. Das ist übrigens nicht jedem Verbraucher bewusst.

In der Geflügel-Aufzucht gab es in der Vergangenheit einige Fortschritte bei den verwendeten Technologien und in der Forschung und Entwicklung. Die sich ergebenden Kostenvorteile wurden, auch durch den starken Wettbewerb bedingt, immer an den Verbraucher weitergegeben.

Was hat sich geändert bzw. warum ist die Aufzucht von Hähnchen heute kostengünstiger?

Hauptgrund ist die züchterische Selektion. So ist bei den heute in der Aufzucht eingesetzten Rassen die Futterwertung wesentlich besser als noch vor Jahren. Und Futter ist der wesentliche Kostenfaktor. Eine gute Futterverwertung ist auch vor dem Hintergrund wichtig, dass Futter-Ressourcen nicht verschwendet werden und weniger Hühnermist anfällt. Zusätzlich wurden die Futtermischungen selbst nach wissenschaftlichen Erkenntnissen optimiert. So ist heute schon sehr gut erforscht, in welchem Lebensabschnitt bestimmte Nährstoff-, Vitamin- und Mineralstoffzusammensetzungen am sinnvollsten sind.

Daneben werden schon die Elterntierherden, die die Bruteier erzeugen, gegen die häufigsten Krankheiten mit qualitativ hochentwickelten Impfstoffen geschützt. Dieser Impfschutz geht auf die Küken über und macht sie deutlich widerstandsfähiger. Die Bruteier werden hygienisiert und in nahezu keimfreien, hochmodernen Brütereien ausgebrütet. All diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass die Verluste bei der Aufzucht in den Jahren minimiert wurden. Das ist einmal aus Tierschutzgründen vernünftig und spart zudem natürlich auch Kosten.

Der internationale Wettbewerb, in dem wir uns befinden, zwingt zu weiteren kreativen Lösungen. So wird der Hühnermist, der bei unseren Partner-Landwirten anfällt, zu großen Teilen kompostiert und dann in der Pilzzucht eingesetzt. Erzeugt werden damit z.B. Champignons und übrig bleibt Humus, der von Baumschulen abgenommen wird. Wir nutzen darüber hinaus das Fett aus den Schlachtabfällen zur Raffination von Geflügelöl. Damit fahren ca. 600 unserer LKW´s. Das spart nicht nur Kosten sondern entlastet auch die Umwelt nicht unerheblich.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer solcher Beispiele.

Leider sind die Preisschwankungen an den Rohstoffmärkten in jüngster Vergangenheit erheblich gestiegen. Und da z.B. in Deutschland bereits sehr viel Ackerfläche für nachwachsende Rohstoffe (vor allem Mais für subventionierte Biogas-Anlagen) verwendet wird, müssen wir in der Zukunft mit nachhaltigen Preissteigerungen beim Futter rechnen. Das wird leider nicht nur Geflügelfleisch mittelfristig verteuern sondern betrifft alle anderen Fleischsorten auch. (…)”

Nun ja… zum Thema Wiesenhof kursierte 2009 das folgende Video:
Skandal bei Wiesenhof
Sieht nach hoch motivierten Ein-Euro-Jobbern aus.

Man vergleiche hierzu auch den folgenden schriftlichen Bericht:
Wendland.net: Skandal bei Wiesenhof

Wenn man seine Hühnchen und Hähnchen natürlich so zusammenpfercht, spart man zusätzlich zu dem Gesagten natürlich auch Raummiete, Instandhaltungskosten, und Transportraum.

31. Januar 2010

Shvingdaiding

Filed under: Arbeitswelt,Spiele,Zeitgeschehen — 42317 @ 15:37

Am Donnerstag Abend hatte ich eine zweistündige Verabredung mit einem Freund, die dem Vergleich unserer Einsatznotizen im Nachhinein eines “Combat Mission” Gefechts diente. Die lustigsten Besprechungen dieser Art sind immer die, in denen die Kontrahenten sich ganz anders verhalten hatten, als der jeweilige gegenüber angenommen hatte. In unserem Fall war’s eher so, dass der Spieler der deutschen Seite gar keine Vorahnungen äußerte und flexibel auf die Entwicklungen meiner, sowjetischen, Seite reagieren wollte, und ich mit meinen Vermutungen über sein Vorgehen genau ins Schwarze getroffen hatte – abgesehen davon, dass eines der beiden Gefechte an einer Stelle auf der Karte stattfand, wo keiner von uns damit gerechnet hatte. Letztendlich war es also doch sehr lustig, vor allem, da wir den Hörsaal mit Beamer für die Screenshots verwenden konnten, und dauerte von kurz nach 10 bis kurz vor 12.

Um kurz nach 12 ging ich dann also die paar Meter nach Hause, aus der Uni raus, über die Straße, und als ich die Straße erreicht hatte, hörte ich von hinten, aus Richtung des E-Gebäudes, das ich als fröhliches Johlen bezeichnen müsste. Und im nächsten Moment sehe ich drei Typen Anfang 20 den Weg zur Hauptstraße runterlaufen, splitternackt und nur mit Schuhen bekleidet. Also nicht gerade passende Kleidung bei Temperaturen unterm Gefrierpunkt und leichtem Schneefall.

Möglicherweise lag es an meiner Anwesenheit, dass sich zwei von ihnen etwas zurückhielten und bei der ersten der beiden Fußgängerbrücken stehen blieben, aber der dritte ignorierte mich völlig, lief auf die Straße und begann, Hüften schwingend zu tanzen und dabei vorbeifahrenden Autos zuzuwinken…

Ich weiß nicht, was daraus geworden ist, ich wollte jedenfalls nicht stehen bleiben und noch ein wenig zusehen, weil ich eigentlich um Mitternacht im Bett sein möchte, um freitags im Laden nicht völlig neben der Spur zu sein.

Dabei wurde der Freitag schon so doll genug. Wenn eine neue Fuhre Teppiche reinkommt, werden die in der Regel zu Dokumentationszwecken fotografiert, aber auch ein paar der Ladenhüter sollten endlich einmal ins Fotoarchiv aufgenommen werden, also wurde der Stapel mit den Taschen zerpflückt, nach qualitativen Kriterien getrennt, und die besten Teile der bessere Hälfte an die Rückwand genagelt und fotografiert. Kommunikative Missverständnisse sorgten dabei für ein paar Komplikationen, die mich erst um viertel nach Sechs aus dem Laden ließen.

Zusammen mit dem nötigen Einkauf kam ich also erst in einen späteren Bus als gewöhnlich, was in der Folge angesichts des verschneiten Wetters dazu führte, dass die Linie 83 am Kolonnenweg, das ist die Abzweigung zur Wehrtechnischen Dienststelle, von der Hauptstraße abfuhr und der Fahrer verkündete, dass wegen der Straßenlage der Verkehr nach Neukürenz, zur Uni und nach Tarforst vorerst eingestellt sei. Man müsse auf ein Streufahrzeug warten.

Wundervoll. Letztendlich verließ ich den Bus, schnallte meinen Rucksack enger, und stapfte/rutschte die Straße zu Fuß hoch,von wo aus mir auch ungewöhnlich viele Fußgänger, die meisten jünger als ich, entgegen kamen. Die Sperrung der Strecke für Busse wirkte auch in die andere Richtung. Zwei Busse standen an der Haltestelle Bonifatiusstraße, zwei an der Haltestelle Kohlenstraße, und einer an der Haltestelle Universität vor meiner Haustür, wo ich um etwa 1930 eintraf.

Die Stadtwerke lassen in den Medien verlauten, dass das Streusalz knapp sei und verweisen auf den “ungewöhnlich harten Winter”. Welchen ungewöhnlich harten Winter meinen die? Das, was da grade an Wetter in Trier zu beobachten ist, würde ich aus meiner Erfahrungsperspektive einen ganz normalen Winter nennen – zu unterscheiden von den eher milden Wintern mit wenig Schneefall der vergangenen Jahre. Sich darauf zu verlassen, dass das so bleiben wird, und das die globale Erwärmung schon dafür sorgen werde, dass man weniger Salz brauche, kann ja wohl nicht die Begründung für diese Unbequemlichkeiten sein.

Ich weiß sowieso nicht, was das mit dem großflächigen Einsatz von Streusalz soll. Wollen wir das im Grundwasser haben? Ich denke, das wollen wir nicht. Würde es nicht reichen, das Salz an besonderen Stellen einzusetzen, also an Steigungen, oder auf kurvigen Strecken, von mir aus auch auf Autobahnen? Wozu Streusalz auf ebenen Land- oder Bundesstraßen? Dann fährt man halt mal langsamer und plant mehr Reisezeit ein, wenn man denn unbedingt fahren muss. Auf den festgefahrenen Schnee schmeißt man dann eine Ladung Splitt und hält die Fahrer weiterhin dazu an, entsprechend langsamer zu fahren. Das funktioniert in Österreich, warum also nicht bei uns? Vielleicht ist das Streusalz nach der Erfindung des Kühlschranks die letzte Festung der Salzlobby.

12. Dezember 2009

Ein Blog weniger

Filed under: Zeitgeschehen — 42317 @ 23:30

Erinnert sich jemand an den Artikel, den ich über islamisches Blogging geschrieben habe? Mit besonderem Augenmerk auf dem Abschnitt über Mohammed Ali Abtahi muss ich mittlerweile festhalten, dass der Mann letzten Monat zu sechs Jahren Knast wegen Verschwörung gegen die Regierung verurteilt worden ist.
Man hatte ihn wohl im Nachhinein der Unruhen nach den Wahlen im Juni festgenommen, nachdem er in der Öffentlichkeit von Wahlbetrug gesprochen hatte. Das geht noch aus seinem Blog hervor, die Angaben über seine Verurteilung stammen von der englischen Wikipedia.

30. November 2009

Der Ketchup bleibt!

Filed under: Zeitgeschehen — 42317 @ 21:59

Frau Sommer, Senior Manager Customer Service von McDonald’s Deutschland hat mir heute morgen eine Antwortmail geschrieben. Ich hatte gefragt, ob es möglich wäre, den Text der Presseerklärung zu lesen, aus der dieses Gerücht mit der Umstellung auf das Gelb-auf-Grün-Logo entstanden war, und die Antwort liest sich wie folgt:

“hierzu gab es eigentlich keine Pressemitteilun unsererseits.

Ein Journalist hat eine Ansprache unseres Vorstands falsch interpretiert.
Es ging um die Eröffnung unseres neuen Restaurants am Münchner Flughafen.
Hierbei dann eben um unser neues Außendesign, dass in Natur- und Grüntönen erscheint.

Unser Logo selbst wird sich natürlich nicht ändern.”

Was ein Journalist doch alles bewirken kann… wenn einer vom anderen abschreibt, ohne mal sicherheitshalber nachzufragen.

27. November 2009

Wir wollen mal die Pommes beim Ketchup lassen

Filed under: Zeitgeschehen — 42317 @ 21:47

In den GMX Wirtschaftsneuigkeiten war vor einigen Tagen, am 23.11.2009, zu lesen, dass McDonalds sein Logo ändern wolle – “Das Firmenlogo, das gelbe M, werde künftig vor grünem Hintergrund leuchten, kündigte der stellvertretende Deutschlandchef der Fastfood-Kette, Holger Beeck, in der Financial Times Deutschland an”, heißt es da.
Zumindest in der Onlineausgabe der FTD kann ich keinen Hinweis darauf finden, möglicherweise handelt es sich um einen Artikel, der nur in der Printausgabe erschienen ist, und deren Archiv kann ich über das Internet als Nichtzahler nicht einsehen.

Etwas einschränkender war ein Bericht zum gleichen Thema in der Huffington Post aus Washington, in dem nur die Rede von den europäischen McDonalds Imbissbuden war (ich weigere mich, von “Restaurants” zu sprechen).

Am Tag darauf war die Meldung international, sah sich aber auf den Wortlaut “in Deutschland” beschränkt, in den Hindustan Times, im Independant Online, bei FOX 12 Idaho (wo sogar behauptet wird, dass einige Läden in Großbritannien und Frankreich dem neuen Trend bereits gefolgt seien), in den Straits Times, in Japan Today, und so weiter, und so fort… und natürlich auch bei bild.de.

Aber diese Berichte sind falsch und ich fänd’s jetzt klasse, wenn ich derjenige wäre, der das exklusiv oder als erster bringt – denn von Neugier getrieben, habe ich keine drei Klicks gescheut und eine Anfrage an den “Senior Manager Customer Service” der Kette in Deutschland, Frau Judith Sommer, gesendet, und ihre Antwort liest sich wie folgt:

“Sehr geehrter Herr Schwarz,

vielen Dank für Ihre Anfrage vom 25.11.2009.
Im Rahmen der Pressemitteilungen hat es eventuell einige Missverständnisse gegeben.

Mit großem Aufwand haben McDonald’s Deutschland und seine Franchise-Nehmer bisher die Innendesigns der Restaurants modernisiert – bis Ende des Jahres wird dieser Prozess weitestgehend abgeschlossen sein. Das neue Design fügt sich harmonisch in ein modernes Städtebild und ist zugleich sehr hochwertig und aufmerksamkeitsstark. Edle Holztöne, Naturstein und gedecktes Grün: So präsentieren sich die McDonald’s Restaurants der nächsten Generation von Außen.

Während Dunkelgrün die Außendarstellung von McDonald’s schrittweise immer stärker bestimmen wird, bleibt unser weltbekanntes Logo, die so genannten “Golden Arches”, unverändert.

Haben Sie dazu noch weitere Fragen? Dann schreiben Sie einfach eine E-Mail an info@mcdonalds.de: Wir sind gerne für Sie da.

Beste Grüße aus München

Judith Sommer
Senior Manager Customer Service”

(Hervorhebung von mir.)

Das heißt, ein Scherz war es nicht, dass das goldene M ab demnächst vor grünem Hintergrund leuchten würde, aber ich würde gern die Pressemitteilung lesen, auf der das Missverständnis beruht. Vielleicht schickt Frau Sommer mir die auch noch. Ich würde mich jedenfalls freuen. Und natürlich konnte ich es nicht lassen, den Briten eine Anfrage zu schicken, ob da tatsächlich bereits irgendwo grün-gelbe Schilder rumstehen… mal sehen, was kommt.

In Island jedenfalls macht McDonalds angeblich dicht – weil alle Rohstoffe importiert werden müssen und die isländische Krone wegen der Wirtschaftskrise und dem dortigen Bankenzusammenbruch mittlerweile kaum noch was wert ist.

28. Oktober 2009

Überlasst es doch gleich den Vögeln…

Filed under: Zeitgeschehen — 42317 @ 14:29

Twittern ist wie mit einer Wand zu reden und zu hoffen, dass sich im Nebenraum jemand dafür interessiert und zuhört.
Ich verstehe den Siegeszug dieses Konzepts eindeutig nicht.

25. März 2009

Die bösen Jugendlichen heutzutage

Filed under: Zeitgeschehen — 42317 @ 11:34

Über den Nachrichtenticker der “Rhein Zeitung” kam heute Morgen um 10:48 Uhr die folgende Meldung:

Hildesheim – Ein 66 Jahre alter Rentner muss sich seit heute vor dem Landgericht Hildesheim wegen dreifachen Mordes verantworten. Nach jahrelanger Fehde habe er seine 64 und 59 Jahre alten Laubennachbarn sowie deren 33-jährigen Sohn erschlagen, so die Anklage. Der Mann habe seine ahnungslosen Opfer mit einem schweren Eichenknüppel getötet.

Angesichts der aktuell laufenden Diskussionen stellt sich mir die eine Frage:
Hat man seinen Computer schon untersucht?

Der hatte doch nicht etwa Killerspiele auf der Festplatte!? Gott behüte!
Wie könnte er sonst auf die Idee kommen, kaltblütig gleich drei Leute umzubringen?

Makaber hin oder her – es wird dieser Tage soviel von erzieherischen Maßnahmen bei Heranwachsenden geredet, aber wie wäre es, auch einmal diese halsstarrigen, sturen, und rechthaberischen Rentner zu erziehen? Jene alten Leute, die auf die jungen Leute mit dem Finger zeigen, bei Verfehlungen von Anstand und Ordnung reden, am besten noch mit dem Qualitätssiegel “deutsch”, und schimpfen, sowas hätte es früher nicht gegeben? Jene alten Leute, die überhaupt nicht mehr die geistige Flexibilität besitzen (oder vielleicht nie besaßen), um zu erkennen, dass sie an einer Streitsituation mit Schuld oder selbst Schuld sein könnten?

Haben alte Leute in dieser Gesellschaft einen Freifahrtschein für Mord und Totschlag und gehen “einfach so” in den Knast dafür, während ein jugendlicher Täter sofort ein großes Geschrei um seine privaten Hintergründe und Freizeitgewohnheiten verursacht?

Hör ich da jemanden “Aber Fritzl…” rufen?
Ich kann mich erinnern, dass wegen der Ungeheuerlichkeit der Sache ein großer Medienaufwand gemacht wurde – aber ist irgendwo auf politischer Ebene ernsthaft die Frage nach dem Warum gestellt worden? Sind öffentlich Maßnahmen diskutiert worden, die der vorbeugenden Vermeidung dienlich sein könnten?
Nö.
Mir scheint, in seinem Fall ließ man es bei “Der hat hat halt einen an der Klatsche” beruhen.
Das kann ja wohl nicht angehen.

9. Dezember 2007

Die Legende vom Amokwetter

Filed under: Zeitgeschehen — 42317 @ 20:02

National Geographic über Hurricanes

Ebenso wiederkehrend wie verregnete Sommer und zu warme Winter – so lange man nicht in Dimensionen eines menschlichen Lebens denkt.

25. November 2007

Auf Dünger wächst es vielleicht gut

Filed under: Zeitgeschehen — 42317 @ 13:00

Obwohl ich einer der Leute bin, die der Meinung sind, dass man die historische Belastung, die auf einigen Begriffen liegt, schrittweise hinter sich lassen sollte, fand ich es dennoch amüsant, dass “Bündnis 90/Die Grünen” ihren Parteitag ausgerechnet in Nürnberg abgehalten haben. Scheinbar sind die Grünen schon weiter als ich. 🙂

Ja, es gab bestimmt schon schwarze, gelbe, rote und lila-pink gestreifte Parteitage in Nürnberg, aber diesmal ist es mir eben aufgefallen…

14. Januar 2007

Rosen im Dezember

Filed under: Zeitgeschehen — 42317 @ 14:17

Es ist mir noch nie passiert, dass ich an einem 14. Januar aus dem Haus gehen konnte, ohne groß darüber nachzudenken, ob ich eine Jacke tragen sollte.
Ich komme vor’s Haus, erfreue mich taktisch am frühlingshaft warmen Sonnenschein bei leichter Brise, und freue mich strategisch auf meine niedrigeren Heizkosten so weit.

Das ZDF Politbarometer hat in seiner vorgestrigen Ausgabe aufgezeigt, dass etwa ein Drittel der Bundesbürger das milde Klima auf die Globale Erwärmung zurückführen. Das mag stimmen. Klimawandel gehört zu diesem Planeten wie das Ergrauen oder der Ausfall von Haaren im Alter. Abgesehen davon gibt es harte Winter und es gibt milde Winter.
Dieser hier ist so lang recht mild. Und wenn er so bleibt, sehe ich schon die sommerlichen Schlagzeilen über Ernteausfälle durch Ungezieferbefall.

Man kann halt nicht alles haben.
Welche Reifenfirma hat ihren Kunden einen Rabatt auf den 2006er Reifenkauf versprochen, sollte die Tagesdurchschnittstemperatur nicht unter ein bestimmtes Maß fallen?

Wie dem auch sei. Es ist ungewöhnlich warm in diesen Tagen und das Phänomen “Klimawandel” existiert. Und wenn ich einem japanischen Klimatologen gauben darf, denn ich im Sommer 2004 getroffen habe, dann können wir CO2 sparen oder einbunkern, so viel wir wollen – die Küstenlinie wird sich dennoch in unbestimmter Zeit, Stück für Stück, um 50 Höhenmeter landeinwärts schieben.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang übrigens einen Bericht, der “Die Ozon-Lüge” heißt:

http://www.wahrheitssuche.org/ozon.html

Hier mit Quellen:

http://members.internettrash.com/medwiss2/ozon.html#ozonlueg

Die erste Seite macht einen besseren Eindruck, weil sie eher nüchtern erscheint.
Die zweite hat einen Schrifttyp, der das Gefühl von Unseriösität generiert.
Graphopsychologie? Vielleicht später mal… auf jeden Fall würde ich etwas, das ich ernst meine, nicht auf einer Seite veröffentlichen, die “Internettrash” heißt. Das ist ja schon Rufselbstmord.