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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

13. August 2017

Op da schäl Seit (Teil 2)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:00

Also merke: Zweidimensional denken. Gebiete, nicht Linien. Die geistige Umstellung nahm einige Tage in Anspruch, sparte aber langfristig natürlich Zeit. Zunächst machte diesem Ideal jedoch noch die schiere Größe des Tourgebiets und das Gebaren mancher Kunden einen Strich durch die Rechnung. Die Industriegebiete oben im Siebengebirge sind erstaunlich aktiv, und allein vom Rhein aus hoch bis zur Autobahn (wo das Tourgebiet ja keinesfalls bereits seine östliche Grenze erreicht hat) und wieder runter zu fahren kostet eine gute Dreiviertelstunde Zeit, und da habe ich noch keinen Kunden gesehen, deren Abfertigung ja auch Zeit kostet.
Und dann gibt es Kunden wie einen in Bad Hönningen, der in der Regel erst anmeldete, nachdem ich mit Solvay fertig und längst woanders war, und gleichzeitig die Abholung erledigt haben will, bevor ich auf dem Weg nach Hause wieder durch den Ort fahren würde. Das führte dazu, dass ich von Linz aus nach Bad Hönningen zurück musste, was insgesamt eine halbe Stunde meines Feierabends verschlang.
Oder solche im Siebengebirge, die gern das Zeitlimit zur Anmeldung von Abholaufträgen ausnutzten und mich so immer wieder dort oben festhielten, weil es natürlich mehr Zeit kostet, wieder hoch zu fahren, als untätig auf einem Parkplatz rumzusitzen. Ins Büro zu gehen und zu fragen, ob was abzuholen sei, erwies sich schnell als hinfällig, da meine Kunden ja nicht vorhersehen können, ob nicht einem ihrer eigenen Kunden kurz vor Schluss noch einfallen würde, dass er ja noch was braucht. Nach Wochen und Monaten hatte ich aber den einen oder anderen, der es konnte, soweit, dass sie früher anmeldeten.

„Ich geb Dir ne kleine, nahe Tour“, hatte mir der Tourenfürst bei meinem Wechsel zu TNT angekündigt. Aber das einzige, was an der Tour klein war, waren die Frachtzahlen. Wie ich bereits sagte, waren 40 bis 60 Colli weit unter dem Pensum, das ich von Transoflex gewohnt war. Die Gemeinde Königswinter hat einen Durchmesser von gut 20 Kilometern. Von einem Ende zum anderen fahren zu müssen, macht bereits was aus. Aber bis ich nach der morgendlichen Abfahrt mein Tourgebiet überhaupt erreichte, verging bereits etwa eine halbe Stunde, wobei diese Zeit in einem bedeutenden Maße dem Innenstadtverkehr von Neuwied geschuldet war. Wenn Ferien sind, ist dieser Stau wie weggeblasen, weil die Mamis und Papis ihren Nachwuchs scheinbar gern direkt ins Klassenzimmer fahren, anstatt sie den Bus nehmen zu lassen. Irgendwann gab ich entnervt auf und nahm die Bundesstraße um Neuwied herum. Auch die führte zum Teil durch Stadtgebiet, wo es zu Ampelstaus kam, aber nicht in dem Maße wie in der Innenstadt. Trotz der zusätzlichen Kilometer sparte ich dadurch fünf bis zehn Minuten.

Bis nach Königswinter waren es etwa 70 km, die sich auf der B42 hinziehen wie Kaugummi. Dass sich die Straße als Bundesstraße bezeichnen darf, ist eigentlich in weiten Strecken ein Hohn. Erst in Nordrheinwestfalen bekommt sie vier Spuren mit baulicher Trennung in der Mitte. Bis dorthin handelt es sich um eine bessere Landstraße, die nur eine einzige Stelle bietet, wo man genug freie Sicht hat, um mit einem Kleintransporter auch mal einen LKW zu überholen. Verpasst man diese eine Gerade wegen Gegenverkehrs, verliert man wieder eine Menge Zeit. Und es rollt eine Menge LKW-Verkehr über die B42. Ich würde mal schätzen, dass es sich bei mindestens jedem zehnten Fahrzeug um einen LKW handelt. In Leutesdorf (und nicht nur dort) gibt es eine Bürgerinitiative gegen Verkehrslärm, und man muss sich das mal vorstellen: Die B42 ist die rechtsrheinische Hauptverbindung in Richtung Bonn. Eigentlich dürfen Laster nur bis Rheinbreitbach fahren, und das auch nur, falls sie eine Zustellung in einem der Orte auf der Strecke haben. Die Fahrer und Unternehmer werden dazu angehalten, bei weiter entfernten Zielen die Autobahn zu nehmen und Bad Honnef zum Beispiel über Aegidienberg/Landstraße anzufahren. Das interessiert aber die wenigsten, weil es zusätzliche Kilometer und zusätzliche Fahrzeit mit sich bringt. DHL zum Beispiel fährt mit einem Zwölftonner plus Anhänger grundsätzlich über die B42 nach Bonn. Das Verbot wird in keiner Weise durchgesetzt. Das Problem im Mittelrheintal ist aber nicht nur der LKW-Verkehr, denn parallel zur Bundesstraße verläuft auch eine für den Frachtverkehr immens wichtige doppelgleisige Bahnlinie. Da fährt nicht ab und zu mal ein Zug, nein, da fährt alle paar Minuten ein Zug.

Einmal, als ich die Erfahrung noch nicht gemacht hatte, stand ich in einer Schlange von Autos vor einem Bahnübergang in Königswinter. Ein Zug fuhr durch. Aber die Schranke öffnete sich nicht. Fünf Minuten darauf fuhr ein weiterer Zug durch, für den die Schranke erst gar nicht geöffnet worden war. Dann wurde die Straße wieder freigegeben, die sechs Autos vor mir rollten über den Übergang – und als ich an der Reihe war, schaltete die Ampel wieder auf Rot und die Schranke senkte sich erneut, um einen weiteren, wenige Minuten später passierenden Frachtzug passieren zu lassen. So geht das die ganze Zeit, jeden Tag. Insgesamt stand ich eine Viertelstunde so rum und beschloss daher, lieber vier Kilometer Umweg zu fahren, die es aber erlauben, dass ich die Gleise mittels einer Brücke überquere.

Zuletzt darf man nicht unterschätzen, wie laut diese Züge sind. Oft genug bin ich bei schönem Wetter neben einem Zug hergefahren. Die Züge fahren auf gerader Strecke ebenfalls um die 100 km/h und der Abstand zur Straße beträgt abschnittsweise nur wenige Meter. Diese Dinger sind so laut, dass ich bei offenem Fenster die Musik aus der Stereoanlage nicht mehr hören konnte, und ich höre nicht leise Musik. Die Anwohner der Dörfer am Rhein sind also eingeklemmt zwischen hunderten LKWs und tausenden PKWs auf der einen Seite, und rauschendem Schienenverkehr auf der anderen. Das kann kein Vergnügen sein.

Doch zunächst: Bevor ich am 01. Juli 2014 die Stelle als Fahrer offiziell antreten würde, war ich neugierig, ob es nicht möglich wäre, die zwei Wochen, die ich de facto arbeitslos gewesen war, durch eine Art Übergangsgeld vom Jobcenter ein wenig auszugleichen. Ich nutze etwas freie Zeit, um mich an entsprechender Stelle einzufinden und erkannte sofort, warum ich in der Vergangenheit immer wieder froh gewesen war, aus dem Gebäude wieder heraus zu kommen; es ist diese hoffnungslose Melancholie mit einem Schuss Aggressivität. Jetzt musste natürlich genau vor mir ein arg frustrierter junger Mann dran sein, der seinem Unmut Luft machte, wobei es in dem Büro zu einer lautstarken Diskussion kam. Es bestand kein Zweifel, mit welcher Art von Laune ich da drinnen empfangen werden würde. Die Sachbearbeiterin wischte mein Anliegen in einem forschen Tonfall vom Tisch.

Dann kam der erste Arbeitstag, an dem ich allein fahren würde. Wegen fälliger Reparaturen war ich die ersten Tage in einem Leihwagen unterwegs. Es war heiß und es kam, wie es kommen musste. Ich brauchte eingangs bereits bedeutend mehr Zeit, um aus dem Depot zu kommen, als die erfahreneren Kollegen, weil es auch in einem kleinen Depot genug Raum gibt, in dem man noch ungefundene Pakete suchen kann. Die Dispo macht dabei leider oft nur die halbe Arbeit, weil sie einfach im Bildschirmfenster der jeweiligen Tournummer nachsieht, ob ein Paket noch nicht in Beladung gescannt wurde und schickt den Fahrer dann suchen. Durch eine Nachlässigkeit bei der Programmierung der Benutzeroberfläche kann der Disponent aber nur sehen, DASS eine Paketnummer im Wareneingang gescannt wurde – er kann aber nicht auf den ersten Blick sehen, WO das geschehen ist. Deswegen kann es passieren, dass man eine halbe Stunde zunächst ohne, dann mit Hilfe durch das kleine Lager irrt, nur um dann beim zweiten Nachfragen zu hören, dass das gesuchte Paket gar nicht in Koblenz, sondern ganz woanders als „eingegangen“ gescannt worden war, also gar nicht gefunden werden konnte.
Oder man bekommt zu hören: „Das hat der und der Fahrer in Beladung gescannt.“ Auch das wird nicht auf den ersten Blick erkennbar gemacht. Man erkennt einen Vorteil der Transoflex-Software: Scannt jemand eines meiner Pakete, erhalte ich sofort Meldung auf meinem Handgerät, von wem ich es abholen muss; dabei werden die Sendungen bei TNT ebenso morgens auf die Touren verteilt, die Implementierung einer solchen automatisch generierten Mitteilung kann eigentlich keine so große Herausforderung sein. Wenn einem das jeweils einmal passiert ist, legt man sich also gleich schon mal zwei oder drei Rückfragen zurecht, BEVOR man Ware sucht, die man nicht finden kann.

An dieser Stelle muss ich hinzufügen, dass die Dispo die Fahrer bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag suchen lässt, wenn das Paket eindeutig da sein muss, obwohl die Fahrer doch Expresspakete geladen haben, die pünktlich zugestellt werden müssen. Da den Fahrer natürlich niemand festbindet, kann der natürlich dennoch sagen: „Ich lass das jetzt mit dem Suchen, sonst komme ich nicht mehr rechtzeitig an“, aber wenn das Paket dann doch noch gefunden wird, muss es auch irgendwie zugestellt werden, und das heißt in der Regel, dass der betroffene Fahrer de facto seine Mittagspause dafür aufwendet, die Ware im Depot abzuholen. Warum ist es nun wichtiger, die komplette Ladung dabei zu haben, als die Expresse zeitig zuzustellen? Dafür gibt einem niemand eine Erklärung. Aber irgendwann versteht man irgendwann, dass beide Umstände – „Paket nicht zugestellt“ und „Paket nicht rechtzeitig zugestellt“ – gleichwertig negativ in die Leistungsstatistik des Depots eingehen, dass aber der Fuhrunternehmer allein finanziell dafür haftet, wenn einer seiner Fahrer nicht rechtzeitig vor Ort ist.

Bei solchen Dialogen mit der Dispo wiederum stößt man auf das Phänomen der „Tageslaune“ – die Disponenten stehen nicht alle und jeden Tag solchen Rückfragen offen gegenüber. Immerhin kann man den zweien, die das betrifft, nennen wir sie mal „Jim“ und „Knopf“, weil mir nichts besseres einfällt, am Gesicht ablesen, was für eine Laune sie gerade haben. Jim ist an guten Tagen ein Quell guter Ideen (und sparte mir durch kreative Eingriffe in die Aufgabenverteilung zwischen mir und meinen Nachbarn im Laufe der kommenden Monate eine Menge Zeit), aber an schlechten Tagen kann man mit dem nicht reden, weil er gleich pampig wird. Und wenn Knopf seine Kinder ebenso erzieht, wie er das mit den Fahrern versucht, wenn er nicht gut drauf ist, dann müsste ich die beiden Jungs bedauern. Das wichtigste, was man sich für ihn merken muss, ist: Er hat keinen Humor. Klar, auch der macht mal Witze, und ich sage nicht, dass die grundsätzlich schlecht sind, aber wehe, man antwortet mit einer (wenn auch ebenso wenig ernst gemeinten) Bemerkung in seine Richtung, dann ist es mit dem Sonnenschein vorbei.
Rein oberflächlich betrachtet hilft es auch nicht, dass Knopf aussieht wie… wie soll ich sagen? Wenn man in der Brockhaus-Ausgabe von 1938 nachschlägt, findet man im Eintrag „Arier“ vermutlich ein Bild von ihm. Wenn ich jemals einen Film mit Handlung im Zweiten Weltkrieg mache, besetze ich die Rolle des bösen SS-Offiziers mit ihm. Nicht, dass er von der Einstellung her ein Nazi wäre, aber das forsche Wesen und das rein Äußere sind schlagende Argumente für ein solches Casting.

Ich schweife ab. Ich wollte was über meinen Mangel an Effizienz sagen, der mich als erstes eher gegen acht Uhr als gegen sieben Uhr aus dem Depot lässt, und mir dann auf der Tour Schwierigkeiten macht, weil ich natürlich immer noch fast jede Adresse im Navi eingeben muss und mich weniger gut organisieren kann, weil ich die räumlichen Verhältnisse und die Abfolge verschiedener Orte und Adressen noch nicht auswendig kenne. Die ersten Tage waren dem entsprechend extrem stressig, und das bei starker Sommerhitze.

In jenen Tagen wurde in Ittenbach ein neues Einkaufszentrum gebaut und gleichzeitig die davor verlaufende Hauptstraße ausgebessert, inklusive neuem Kreisverkehr an der Abzweigung zur Baustelle. Ich hatte eine Zustellung für das Einkaufszentrum und sah mich vor ein Problem gestellt: Der entstehende Kreisel war, mit einer Ampel versehen, für den Durchgangsverkehr offen, aber die Abzweigung war gesperrt. Ich fuhr vor der Ampel an der Tankstelle raus und ging die 200 m zu Fuß zum Kreisel, ging hinter die Absperrung zu den Bauwagen und traf dort sofort einen Verantwortlichen, der die Ware annehmen würde. Ich fragte, ob ich die Absperrung beiseite schieben dürfe, damit ich nicht jedes Paket einzeln – leichter, aber sperriger Dämmstoff – von der Tankstelle aus hertragen müsste. Er sagte, das sei kein Problem. Gesagt, getan: Ich fuhr in den Kreisel, schob geschwind die Absperrung beiseite, fuhr zu den Containern und stellte meine Ware zu.

Zu meiner Überraschung stellte ich beim Rausfahren fest, dass die Absperrung wieder an Ort und Stelle stand. Ich wollte aussteigen, um sie erneut zu bewegen, da schnauzte mich der Polier vom Kreisel an, dass die Sperre gefälligst stehen bleibe und ich gefälligst so und so und so zu fahren habe, um sie zu umgehen. Wie gesagt: Meine Ortskenntnis auf Stufe 1, meine nervliche Ausdauer fast auf Null. Wo sollte das Problem sein, dass ich den günstigen Moment abwarte, wo beide Ampeln auf Rot stehen, um mich wieder auf die Hauptstraße einzufädeln?
Ich machte an der Stelle einen entscheidenden Fehler: Ich begann, mit dem Polier in einem beiderseits gereizten Tonfall zu diskutieren, während ich mich gleichzeitig daran machte, zur Baustelle zurück zu rollen, um zu wenden, damit ich die in knappen Worten beschriebene Umleitung fahren konnte. Da rumste es plötzlich von hinten. Ich sah in den Spiegel: Ich war gegen einen Materialcontainer gefahren. Der Polier war in dem kurzen Moment vergessen, ich rastete völlig aus und hämmerte aus Wut über meine eigene Dummheit mit der Faust so heftig auf das Armaturenbrett, dass der Deckel der Lüftung raussprang.
Der Polier musste das gesehen haben. Denn es stellte sich zunächst heraus, dass diese Container nicht das Arbeitsgerät des Einkaufszentrums beinhalteten, sondern das für den Kreisel, das heißt, ich musste mich mit jemandem einigen, mit dem ich gerade noch heftig gestritten hatte. Zu meiner Überraschung lief das kurze Gespräch aber sehr sachlich ab, als habe der Streit nicht stattgefunden. Dafür war ich wiederum dankbar.

Der Tourenfürst teilte mir eine Woche darauf mit, dass die Schadensbehebung an dem Mietwagen 1500 Euro gekostet habe, dass er aber nicht auf meiner Eigenbeteiligung in Höhe von 500 Euro bestehe. Zur Erinnerung: Der Chefoberboss von JP hatte eine Eigenbeteiligung in der unsittlichen Höhe von 1500 Euro in den Verträgen seiner Fahrer stehen. Dafür war ich ebenfalls dankbar und fühlte mich in meiner Meinung bestärkt, dass ich im Umgang mit den Leuten meiner Umgebung scheinbar etwas richtig machte, denn ich bin sicher, dass die meisten anderen seiner Angestellten sehr wohl hätten zahlen müssen.

6. August 2017

Op da schäl Seit (Teil 1)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 11:33

Wir kommen nun endlich zu einem völlig neuen Kapitel meiner zweifelhaften beruflichen Laufbahn. Um den Titel zu erklären: Im Rheinland bezeichnet man die rechte Rheinseite als die „schäl Seit“ (weiter nördlich von Koblenz auch „schäl Sick“). Die Deutungsversuche verlieren sich im Dunkel der Geschichte; es könnte mit den linksrheinisch treidelnden Gäulen zusammenhängen, denen man zum Wasser hin Scheuklappen anlegte, damit die Sonnenreflexion sie nicht dauerhaft blendete, andere Interpretationen ziehen den Gegensatz zwischen der spätrömisch-christlichen Seite einerseits und der bis ins neunte Jahrhundert germanisch-heidnischen Seite andererseits heran. Ich jedenfalls wohne auf der schäl Seit und würde ab Sommer 2014, wie es aussah, auch rechtsrheinisch arbeiten, auf der Strecke zwischen Rheinbrohl und Königswinter.

Übrigens wurde ich zu der Zeit zum letzten Mal – bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich hier sitze und schreibe – wegen zu hoher Geschwindigkeit geblitzt, als ich samstags nach einer Besorgung im Baumarkt auf dem Nachhauseweg unaufmerksam war und 12 km/h zu schnell hinter einem 80er Schild unterwegs war. Da ich im Rahmen der Kündigungsfrist noch über den Tourenfürsten bei JP arbeitete, bekam ich die Forderung über die Zahlung von 25 E auch über dessen Büro, in dem die Frau C. arbeitete.
Das Foto war völlig verschwommen und konturlos, ein heller Blob vor dunklem Hintergrund. Wenn man mich kennt, kann man mich wohl an der Form des Unterkiefers und an der groben Form des Kopfes erkennen, aber objektiv hielt ich das für anfechtbar. Ich schrieb also zurück, dass die Person auf dem Foto nicht zu erkennen sei und dass ich das nicht sein könne, weil ich samstags nicht arbeite. Worauf die zuständige Polizeistelle wiederum die Frau C. kontaktierte, die ihrerseits gern bestätigte, dass es sich um mich handele.
Ich rief die Frau C. an und fragte, wie es denn mit etwas kollegialer Solidarität stünde, worauf sie mir im Brustton der Überzeugung mitteilte, dass man doch für Fehler, die man gemacht habe, gerade stehen müsse. Natürlich hatte sie da Recht, aber ich war ja kein notorischer Raser und in diesem Fall fand ich die Argumentation heuchlerisch.
„Frau C., mit solchen Ratschlägen sollten gerade Sie sich lieber zurückhalten.“
„Warum das denn?“
„Na, haben Sie oder haben Sie nicht mich und andere Fahrer dazu aufgefordert, nur vom Unternehmen gewünschte Zeiten in die täglichen Fahrtnachweise einzutragen? Das ist ein Wisch mit Name, Datum, Unterschrift, man nennt es Unterlagenfälschung und Betrug, und Sie stecken als Komplizin da mittendrin, falls die Behörden mal auf Ihren Betrieb und seine Geschäftspraktiken aufmerksam werden sollten.“

Aber richten wir den Blick wieder auf die Straße. Am 15. Juni 2014 war ich also mit Goldbart quasi zum Baggersee gefahren und angesichts meiner Zuversicht begann am 16. Juni mein TNT-Praktikum.

Ich kam zu einem Typen ins Auto, es war ein Fiat Ducato mit vielen vielen Kilometern auf dem Zähler, der von seinem Chef „der Hübsche“ genannt wurde (weil er das genaue Gegenteil von hübsch war) und der viel rauchte – sich aber in meiner Anwesenheit etwas zurückhielt. Es waren kühle Tage mit Nieselregen, die mich bei Transoflex wenig gestört hätten, aber erstens war ich hier eigentlich nur Zuschauer und zweitens hat man als geübter TNT-Fahrer Zeit für Pausen.
Wir fuhren um kurz nach Sieben aus dem Depot, den Rhein runter bis Königswinter, machten dort eine Schleife durch die Gemeinde in den östlich vom Rhein liegenden Hügeln (das so genannte Siebengebirge) und bis zum Stadtrand von Bonn, und waren um halb 12 wieder zurück in Bad Hönningen. Dort machte der Hübsche eine Stunde Pause, bevor er mit der fast täglichen Abholung bei Solvay in den Nachmittag startete. Er hatte ein Handy dabei und kümmerte sich derweil um WhatsApp und Facebook, während ich daneben saß und mich in den Mittagsschlaf langweilte, der dann dadurch abgebrochen wurde, dass ich fror. Das Praktikum hatte zwar auch warme Tage zu bieten, an denen mir aber wiederum zu warm wurde, weil der Hübsche scheinbar keinerlei Temperaturgefühl hatte. Der parkte auch bei Sonnenschein an der gleichen Stelle, wo ihm die Sonne direkt in die Windschutzscheibe knallte. Er schwitzte, dass es nur so lief, aber das störte ihn nicht und er blieb bei seiner Handypause, während ich noch weniger schlafen konnte, weil es so heiß war.

Er war ein geduldiger Erklärer, der auf jedes Detail, an das er sich entsinnen konnte einging, und im Vorbeifahren an späteren Tagen gern auf ein Straßenschild deuten würde, um mich zu fragen, ob ich denn noch wüsste, welcher Kunde sich dort befinde. Er muss wirklich anstrengende Leute im Auto gehabt haben, da er, im Laufe der Tage, viele Dinge mehrfach erklärte, die ich spätestens beim zweiten Mal verstanden hatte. Das Merken von Fakten war ja nicht das Problem. Mir war klar, dass mein Problem kommen würde, sobald ich mir selbst ohne Hilfe einprägen musste, wie ich am besten von A nach B komme und was für Gelegenheiten für weniger akute Zustellungen die Strecke dabei bot. Um meine Bemühungen zu unterstützen, ließ er mich auch bald selbst fahren, weil dies die beste Übung war. Wir mussten uns allerdings angewöhnen, kurz vor Erreichen des Depots an einer Tankstelle wieder die Plätze zu tauschen, weil die Versicherung in einem Schadensfalle Schwierigkeiten machen würde, da ich nicht für den Besitzer des Kleintransporters arbeitete; der Tourenfürst sah das also nicht gern, aber wir ignorierten das Verbot. Ich bemerkte bei diesen Fahrten, dass der Ducato völlig durchgenudelt war. Der Sitz war so durchgesessen, dass ich die Metallverstrebung am Steiß spürte und von auch nur halbwegs bequemem Sitzen überhaupt keine Rede sein konnte.

Nebenbei erfuhr ich, dass der Hübsche demnächst seinen Jahresurlaub nehmen würde, weil er wegen einer (?) Geschwindigkeitsübertretung seinen Führerschein einen Monat lang abgeben musste – vielleicht hatte er seinen Blitzerfetisch daher, vielleicht hatte er den schon länger, wer weiß? Er hatte jedenfalls eine entsprechende App auf dem Telefon, die ihn warnte und er hörte einen Radiosender, über den regelmäßig Blitzerwarnungen angesagt wurden, worauf er, bei entsprechenden Orten, die möglicherweise betroffenen Fahrer anrief, um sie auf diese Umstände hinzuweisen.
Die Landesgrenze zwischen Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen verläuft bei Rheinbreitbach, und die Schwerpunktsetzung der Länder spürt man sofort: Nach der Abfahrt Rheinbreitbach folgt auf der B42 eine kurze Strecke, wo man nur 70 fahren darf und kurz vor der Abfahrt Bad Honnef steht auch schon der erste fest installierte Blitzapparat. Ich glaube, aus dem Saarland und auch aus Rheinland-Pfalz kenne ich solche Dinger nur zur Überwachung roter Ampeln. In Rheinland-Pfalz setzt man wohl mehr auf mobile Einheiten, an der B42 gern eingesetzt in der Nähe der Brücke hoch nach Dattenberg. Ich musste mich arg zurückhalten, als just in jenen Tagen dort ein Blitzer stand und der Hübsche mit ausgestrecktem Mittelfinger daran vorbeifuhr und laut rief: „IHR KRIEGT MICH NICHT! IHR KRIEGT MICH NICHT!“
Bei Blitzern ist der Typ schon ein bisschen manisch.

In dem Gebiet jenseits der Landesgrenze gibt es jedenfalls mehrere fest installierte Anlagen. Eine bei Rheinbreitbach (B42, 70 km/h), eine mitten im Wald zwischen Bad Honnef und Aegidienberg (Schmelztalstraße, 40 km/h), eine am Ortseingang von Ittenbach aus Richtung Königswinter (Königswinterer Straße, 50 km/h) und noch eine am anderen Ende von Ittenbach an der AS zur A3 aus Richtung Oberpleis (auch Königswinterer Straße, 70 km/h). Dann wäre noch der besondere Fall in Vinxel zu nennen, vor dessen Ortsschild nur noch 70 erlaubt sind, wo ein Anwohner eine Attrappe aufgestellt hat. Zwar aus Holz, aber gar nicht schlecht gefertigt, dunkelgrau lackiert, sogar mit gläserner „Linse“ – allerdings steht die Konstruktion klar erkennbar auf seinem eingezäunten Privatgelände. Das Ding kann also bestenfalls Ortsfremde erschrecken – eigentlich. Denn: In meinem Navigationsgerät wird es als Blitzer angezeigt, was wohl bedeutet, dass regelmäßig Leute Rückmeldung über diese Position geben; meine beiden Negativanzeigen (dass es eben keinen Blitzer hier gibt) reichten jedenfalls nicht aus, um die Eintragung zu löschen. Löschungen scheinen eh schwer zu realisieren zu sein, weil ich auch auf der A3 eine Stelle als Blitzerposition angegeben bekomme, wo scheinbar nur ab und zu mal eine mobile Einheit aufgestellt wird.

Nun, Blitzer sind eigentlich nicht mein Problem, weil ich mich grundsätzlich an das Tempolimit halte. Wenn ich in der Vergangenheit geblitzt wurde, geschah dies aus Unachtsamkeit. Kommen wir lieber zu einem Punkt, der meine Achtsamkeit herausforderte. Bei Transoflex kann man sich Touren in Form einer Linie vorstellen. Man beginnt am Punkt A, dem Depot, und fährt über viele Zwischenpunkte zum Endpunkt, in der Regel die eigene Haustür. Das Konzept wird bei TNT schon dadurch eingeschränkt, dass die Fahrer nach der Tour ihre Abholer im Depot abgeben müssen, anstatt sie über Nacht im Auto zu lassen, sonst würde das mit der Zustellung am nächsten Tag ja nicht klappen. Na gut, könnte man sagen, dann hat die Linie eben noch einen weiteren Zwischenstopp, bevor man zur eigenen Haustür gelangt, aber die gesamte Tragweite begriff ich erst in diesen Tagen.
Wenn ich Transoflextouren lernte, machte ich simple Notizen darüber, in welcher Reihenfolge die Ortsteile und die darin befindlichen Straßen und die sich dort aufhaltenden Kunden angefahren werden mussten, um so effizient wie möglich arbeiten zu können. Das Ergebnis war eine einfache Liste, die man von oben nach unten auswendig lernte und sich dann die Variationen einprägte. Am ersten Tag meines Praktikums erstellte ich eine solche Liste, nur um am Folgetag bereits bemerken zu müssen, dass diese Liste nicht zu gebrauchen war.

Bei Transoflex wird der gewöhnliche Fahrer bestenfalls Pakete erhalten, die noch am Vormittag zugestellt werden müssen. Für frühere Expresse gibt es einen Frühdienst, der diese wenigen, aber sehr eiligen Pakete übernimmt. Bei TNT dagegen ist jeder Fahrer sein eigener Frühdienst. Es gibt weniger Fracht – 40, 50, 60 Pakete im Vergleich zu 200 bis 300 auf Transoflex Stadttouren – entsprechend früher kommt man aus dem Depot und kann auch 9-Uhr- oder 10-Uhr-Expresse pünktlich zustellen, wenn der Betrieb halbwegs normal läuft. Diese Expresse machen es allerdings notwendig, die Tour jeden Tag neu zu planen, man kann nicht in mehr oder minder starrer Reihenfolge vom Punkt A beginnend in geografischer Reihenfolge vorgehen. Ein simples Frachtbeispiel:

12er in Rheinbrohl,
12er in Bad Hönningen,
9er in Linz,
10er in Rheinbreitbach,
12er in Bad Honnef,
12er in Königswinter,
9er in Willmeroth.
Die übrigen Pakete haben kein Zeitlimit.

Fährt man über die B42, dauert die ununterbrochene Fahrt von Urmitz bis Willmeroth, dem in diesem Beispiel am weitesten entfernten Punkt auf der Landkarte, fast 90 Minuten. Komme ich also auf Grund irgendwelcher Umstände erst nach 07:30 Uhr vom Hof, wird die Sache problematisch. Ich kann die Fahrtzeit nach Willmeroth auf etwa 60 Minuten herabsetzen, indem ich (bei einer Geschwindigkeit von nicht mehr als 120 km/h) über die A48 zur A3 hoch und dann bis zur AS Königswinter fahre. Ausgehend von einer Abfahrt um halb Acht wäre es dann aber bereits halb Neun und ich müsste bis um Neun in Linz am Rhein sein, aber dorthin gibt es keine flotte Verbindung vergleichbar mit der A3. Und dann wäre da noch der 10-Uhr-Termin in Rheinbreitbach. Theoretisch könnte ich von Linz aus Rheinbrohl und Bad Hönningen abdecken und würde den 10er immer noch schaffen – aber nur theoretisch. Denn da sind ja noch die Abholer, die sich irgendwann melden. In diesem beschriebenen Fall würde ich nach dem 9er in Linz die 12er in Bad Hönningen und Rheinbrohl fahren, dann den 10er in Rheinbreitbach, und dann die 12er in Bad Honnef und Königswinter, und dann kommt der fast tägliche Solvay-Abholer in Bad Hönningen, Zeitlimit halb Drei. Das klingt einfach, aber zusammen mit anderen Abholern reicht diese Zeit nicht, in aller Gemütsruhe die nicht eiligen Pakete auf dem Weg nach Süden zuzustellen. Allein die Fahrzeit von Königswinter nach Bad Hönningen beträgt eine Dreiviertelstunde, pro Zusteller kann man sich etwa 5 Minuten hinzudenken, weil ja nicht alle Kunden leicht erreichbar an der Hauptstraße liegen. Ich würde also erneut an vielen Empfängern vorbeifahren, nur um den Solvaytermin zu schaffen. Dann müsste ich für die normalen Zusteller noch mal ganz hoch in die Königswinterer Dörfer fahren und käme auf dem Rückweg noch einmal in Bad Hönningen vorbei. Das ist nicht sehr effizient. Die Lösung sieht vielmehr so aus:

Zuerst der 9er in Linz, anschließend der 10er in Rheinbreitbach, dann fährt man über Bad Honnef und Aegidienberg (eigentlich Gelände der Nachbartour) nach Willmeroth, weil über Königswinter ein Umweg wäre, hält eine Minute vor Neun auf dem Parkplatz vor der Instandsetzungshalle des Bergwerks Hühnerberg in Willmeroth, krallt sich einen der Jungs dort, die bereits auf dem Weg in die Frühstückspause sind, und lässt ihn unterschreiben, bevor er überhaupt weiß, was er bekommt und bevor die Uhr im Scanner 09:00 anzeigt. Eine Sekunde nach Neun ist eine Verspätung, die eine dreistellige Vertragsstrafe für den Fuhrunternehmer nach sich zieht, eine Toleranzzeit wie bei Transoflex (es waren angeblich 15 Minuten) gibt es bei TNT nicht. Und dann bleibt zu hoffen, dass die Zustellung leicht genug ist, um sie selbst vom Auto zu heben (Bergbauersatzteile sind mitunter schwer), oder darauf, dass man einen Mitarbeiter gefunden hat, der bereit ist, eine Minute seiner Pause dafür zu opfern, sich nochmal auf den Stapler zu setzen. Ich habe nur einmal den Fall gehabt, dass ich die Unterschrift rechtzeitig von der Dame im Büro bekam, dann aber unter Hinweis auf die Pause bis 09:15 warten musste.

Danach fährt man die 12er und schiebt normale Zustellungen ein, die entweder direkt auf dem Weg liegen oder so ungünstig, dass man sie am Nachmittag lieber vermeiden möchte, wie zum Beispiel Stieldorf oder Rostingen. Zum Zeitpunkt der Abholungen in Bad Hönningen sind dann nur noch eine Handvoll normaler Zustellungen übrig und man kann sich im großen und ganzen auf Abholer konzentrieren. Die fährt man natürlich auch nicht, wie sie gerade reinkommen, sondern man tut das, was die Abweichung von der Transoflex-Routine ausmacht: Man darf nicht in eindimensionalen Linien, sondern muss in zweidimensionalen Gebieten denken. Mit etwas Erfahrung weiß man, bei welchen Kunden die Gefahr wie hoch ist, dass sie was anmelden, und kann so nach Bauchgefühl beschließen, was man gleich anfahren kann oder sollte, und was man nach hinten verschieben kann oder sollte, um unnötige Kilometer zu vermeiden. Statt einer Liste machte ich also eine Zeichnung mit den wichtigsten Örtlichkeiten mit Linien für die Straßen, die sie verbanden und kurzen Notizen mit den wichtigsten Kunden.