Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

26. April 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 9)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:03

Der Kurde machte sich. Er hatte seinen Gefahrgutschein geschafft, während andere im selben Lehrgang durchgefallen waren, und es schien ihm gut zu tun, er kam nur noch ganz selten zu spät zur Arbeit und schien disziplinarisch über den Berg. Er sagte nur manchmal mit einem Grinsen, dass er sich seine alte Tour in Bitburg zurückwünsche.
So vergingen ein paar Wochen und irgendwann im Dezember kündigte er dann an, ab Februar oder März werde er sich wieder beim Arbeitsamt einreihen. Da bei ihm nie sicher der Ernst von dem Spaß unterschieden werden konnte, schrieben wir das erst einmal seiner Nostalgie zu, die ihn scheinbar neuerdings mit Bitburg verband; sprich: Der neue Job als „Springer“ für Notfälle und Gefahrgutfahrer erfüllte ihn vielleicht nicht und er hatte es vorgezogen, zu gehen (oder zumindest in dieser Richtung Witze zu machen).
Allerdings machte noch jemand anders eine ähnliche Bemerkung, was mich dann doch neugierig machte. Immerhin musste die Firma 600 E blechen, um die Lehrgangskosten zu zahlen, da lässt man doch den Belehrten nicht ein paar Wochen später einfach so wieder gehen? Ich fragte Peter und der sagte, er wisse von nichts. Nun gut…

Zeitsprung: Anfang März 2012. Betriebsversammlung im Pausenraum. Betriebsversammlungen sind nie ein Grund zur Freude. Der Kurde hatte mit dem Feuer gespielt und sich dabei in die Luft gejagt, bildlich gesprochen. Konkret ausgedrückt, sah das so aus und ich erläutere ein paar Abläufe, damit man sich das Gesamtbild vor Augen führen kann:

Ein Paket wird vom Kunden abgeholt und von dem für das Gebiet zuständigen Lager per Scan aufgenommen. Pakete verschiedener Kunden gelangen von dort aus in ein Zentrallager, in welchen Paletten aus Paketen zusammengestellt werden, die einem bestimmten Depot zugeordnet werden können, zum Beispiel Trier. Die ganze Palette erhält einen Barcode, der beim Be- und Entladen des LKWs gescannt wird, um das Vorhandensein der Palette zu bestätigen. Im ausliefernden Depot wird die Palette abgepackt und der Wareneingang scannt noch einmal jeden einzelnen Barcode der einzelnen Pakete, damit der Server weiß, dass die Ware vor Ort ist (der so genannte RWE-Scan). Die Fahrer nehmen die Ware ihrer entsprechenden Postleitzahlen dann vom Band und bestätigen den Empfang ihrerseits wiederum mit einem so genannten Beladescan.

Die vor unser aller Augen operierende kriminelle Gruppe, bestehend aus dem Kurden und drei Leuten vom Band (nennen wir die mal Luigi und die beiden coolen Jugendlichen), machte sich unter anderem zu nutze, dass die verwendeten Scanner durch den häufigen Gebrauch schon ein paar Gebrechen zeigten. Luigi übernahm den RWE-Scan und täuschte bei „gewünschter“ Ware eine Fehlfunktion vor – das Band wurde angehalten, die Ware vom Band geräumt, und der Betrieb lief gleich weiter. Regelgetreu musste die angesprochene Ware, und es handelte sich wohl in der Regel um teure Notebooks für große Elektronikmärkte, natürlich wieder auf dem Band landen; stattdessen wurden die Computer auf eine Palette gestapelt, die Palette an die Wand für Sperr- und Gefahrgut gefahren und dort von dem Kurden in seinen Sprinter geladen. Zuhause lagerte der das ganze Zeug dann ein.
Das geschah so auffällig, dass sich keiner was dabei dachte, denn Waren aus Mischpaletten für die Elektronikketten werden oft übers Band geschickt und dann da unten wieder zu Komplettpaletten aufgestapelt, um sie in den LKW zu laden, der sie zum Zwischenhändler bringt (die Ketten kennt man ja aus der Werbung).

Vielleicht hätte das funktionieren können. Vielleicht. Aber erstens fielen die Mengen irgendwann auf, und zweitens handelte es sich zweifelsfrei um Ware, von der jeder in dem Geschäft weiß, dass sie Begehrlichkeiten unter den schwarzen Schafen weckt.
Was die Untersuchung ins Rollen brachte, weiß ich nicht, und ich habe auch nicht vor, die Angelegenheit weiter zu recherchieren. Die Sichtung der Überwachungsvideos brachte jedenfalls eindeutige Resultate. Die an der Decke hängenden Kameras sind in der Lage, in ihrerm Sichtbereich Barcodes von den Paketen abzulesen. Man kann die Software anweisen, einen gewünschten Barcode auf seinem Weg durch die Halle zu verfolgen. Und wenn jemand Ware ohne RWE-Scan mitnimmt, handelt es sich streng genommen bereits um Diebstahl (von daher sollte man niemals Ware auch nur anfassen, die noch als Palette am Kopf des Rollbands steht).
Die Sache flog also auf, die Bandaufleger brauchten von gestern auf heute drei neue Mitarbeiter. Die Diebe hatten in der Tat noch nichts von dem, was sie gestohlen hatten, verkauft und gaben alles zurück. Vielleicht wollten sie erst Gras über die Sache wachsen lassen? Warten, bis alle die Suche nach der Ware aufgegeben hatten?

Ich war vom Kurden doch sehr enttäuscht. Dass er ein Gauner war, war von Anfang an klar gewesen, aber eine solche Dummheit hätte ich ihm nicht zugetraut. Er wurde nicht angezeigt, angeblich, weil er als „Lagerist“ der entwendeten Ware alles bereitwillig zurückgab. Er bekam Hausverbot im Depot und fuhr für Peter weiter – im Auftrag des DPD. Das frustrierte mich gewissermaßen, denn ich hatte noch keinen gekannt, der so viele Chancen erhalten und alle vergeben hatte, und ich fand, dass es an der Zeit war, dass er endlich für seine Dummheiten zahlte. Wenn Soldaten potentielle Mörder sind, dann sind Transportfahrer potentielle Diebe, und da ich meinem derzeitigen Beruf mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit nachgehe, fühle ich mich doch irgendwo in meinem Ruf geschädigt, auf den ich Wert lege.

Allein, man sagte mir, dass es bei dem Stand der Dinge unwahrscheinlich sei, dass er dafür ins Gefängnis gehe – wenn da nicht ein kleiner zusätzlicher Faktor wäre: Er war zwar nicht angezeigt worden, tauchte aber natürlich in den Aussagen seiner Komplizen auf, die sehr wohl eine Anzeige erhalten hatten. Die Staatsanwaltschaft, hieß es, habe daraufhin eigenmächtig ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. Und: Wenige Wochen zuvor war der Kurde wegen einer Schlägerei auf einem der zahlreichen Weinfeste im Herbst zu einem halben Jahr auf Bewährung verurteilt worden. Das dürfte sich nun bemerkbar machen. Aber ein halbes Jahr ist ja schnell vorbei. Zuletzt war von ihm zu hören, er wolle Deutschland den Rücken kehren und in Mossul, wo er ja einmal hergekommen war, sein Glück versuchen.

Peter berief daher also eine Betriebsversammlung ein, um alle zu informieren und wollte reinen Tisch:
„Wenn von Euch noch einer da mit drin steckt, dann soll er es jetzt sagen, oder im Laufe des Tages unter vier Augen. Jetzt kann ich noch was für Euch tun, später geht das nicht mehr.“
Es gab tatsächlich noch einer unter vier Augen ihm gegenüber zu, sich an der Ware vergriffen zu haben, und aus irgendeinem Grund fanden sich im Laufe der darauf folgenden Woche drei verschiedene Leute, die mir den Namen unabhängig voneinander zutrugen. Auch dieser Täter gab zurück, was er an sich genommen hatte und bekam seine Chance – die er, soweit ich ihn einschätzen kann, auch sinnvoll nutzen wird. Ob er allerdings mit dem Kurden und seinen Leuten vom Wareneingang zusammengearbeitet hat oder unabhängig davon sein eigenes Süppchen zu Auslöffeln kochte, ist bislang ein Geheimnis geblieben, und von mir aus kann das auch so bleiben. Ich gehe aber davon aus, dass er unabhängig gehandelt hat, da ihn sonst Luigi und die coolen Jugendlichen wohl mit in den Abgrund gerissen hätten.

Irgendwie verbreiten sich Geschichten immer, und ich frage mich, wer sie immer rumerzählt? Ich meine, einer muss damit anfangen, und wenn ich mich so umsehe, dann drängt sich mir der Gedanke auf, dass dafür ein sehr kleiner Personenkreis in Frage kommt. In einem Falle, also einer noch ganz anderen Geschichte über die Arbeitsweise des Kurden, kam die Geschichte allerdings nicht von Kollegen der Transportfirma, sondern von einer Person, die für das Depot selbst arbeitet. Ich will mich dafür nicht verbürgen und eine Gegendarstellung des Kurden zu bekommen, könnte schwierig sein, von daher erzähle ich nur nach, was man mir erzählt hat:

Es gibt irgendwo in unserem Zustellungsgebiet eine Straße innerorts am Hang, und an einer Stelle, wo sich zufällig auch ein Kebapladen befindet, fand eine Person eines Morgens ein auffälliges Paket, und aus irgendeiner unergründlichen Motivation heraus gab er es bei der erstbesten und dazu schwangeren Nachbarin ab: Den großen Aufkleber mit dem schwarzen, dreiteiligen „Ventilator“ auf gelben Untergrund wusste er wohl nicht zu deuten. TATÜTATA! Dieser Fund, so gesundheitlich folgenlos er im Endeffekt auch gewesen sein mag, begründete unmittelbar einen Einsatz verschiedener Rettungskräfte, inklusive Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz, und was uns sonst noch wichtig und vor allem teuer ist.
Wie man mir erzählte, ist es unstrittig, aus wessen Auto dieses Paket stammte, denn der Barcode sagt alles. Der Kurde hatte dafür natürlich keine Erklärung. Uns bleibt daher nur das Reich der Spekulation, und da will ich mich zurückhalten. Sicher ist einzig, dass der Kurde nur selten an einem Kebapladen vorbeifahren konnte, ohne anzuhalten und auch was zu essen.

Eine Folge seines Abgangs für uns war natürlich, dass wir einen neuen Fahrer brauchten, und wir fanden einen, den Mike aus einem seiner zahlreichen anderen Beschäftigungsverhältnisse vor Transoflex kannte. Ich nenne ihn mal „den Kleinen“, weil er nicht gerade groß gewachsen ist; aber soweit ich das beurteilen kann handelt es sich um einen guten Mitarbeiter, der weiß, um was es geht, wie es läuft, und welche Regeln in dem Spiel gelten. Das schöne dabei ist auch, dass er gewissermaßen in meiner Nachbarschaft wohnt. Sollte es also technische Probleme geben, dann ist morgens um 0430 jemand in der Nähe, der mich zumindest mit in die Halle nehmen kann. Ich könnte wohl auch mit Puck fahren, aber der ist mir zu spät dran.

Wenn wir schon bei negativen Themen sind, dann reden wir doch auch mal über Menschenwürde.
Im vergangenen Sommer habe ich ja beschrieben, dass ich die verfügbaren (halb-) öffentlichen Toiletten geschickt nutzen muss, wenn ich mich nicht an den Straßenrand stellen will; ich meine, man muss die zivilisatorischen Errungenschaften ja nicht verschmähen, oder? Im Sommer jedenfalls hat das Problem eine andere Qualität als im Winter, wie ich in den letzten Monaten lernen musste. Im Sommer schwitzt man nicht unbedeutende Mengen dessen, was man trinkt, über die Haut aus. Ich habe zwei bis drei Liter getrunken, Wasser und Orangensaft, ohne deshalb mehr als ein- oder zweimal eine Toilette aufsuchen zu müssen. Im Winter dagegen fällt der Faktor Transpiration aus, und wenn es einem innerhalb einer Ortschaft plötzlich überkommt (und ich stelle fest, dass dies manchmal schnell geht, wenn man die Signale vorher in guter Hoffnung sozusagen beiseite geschoben hat), dann hat man nicht die Option, sich an die Straße zu stellen und macht sich am besten einen Knoten. Nee, das geht ja nicht so einfach.

Also Schließmuskeltraining. Aber alles hat Grenzen: Das Fassungsvermögen meiner Blase, die Stärke des Schließmuskels, und das Maß an Schmerzen, die zu ertragen ich bereit bin. Ich habe auch schon schreiend am Steuer gesessen, während ich mit Bleifuß aus einem Ort raus und in den nächsten Feldweg hineingerauscht bin. Was auch nicht verhinderte, dass zwei- oder dreimal was in die Hose ging. Rettender Vorteil im Winter: Die Jacke deckt das zu. Vorteil des Materials: Es trocknet schnell.
Eine Lösung musste her: Die Pinkelflasche. Die Saftflaschen, die ich kaufe, haben einen breiten Hals, und dieses Verfahren erlaubt es mir, auch innerorts mal schnell in der Ladefläche zu verschwinden, um den störenden halben Liter loszuwerden.
Toll ist was anderes, aber was soll ich machen?

Um noch etwas allgemeines einzustreuen: Unsere Autos scheinen in der letzten Zeit verstärkt Batterieprobleme zu haben. In der Folge musste Knut mehrfach ausrücken, weil sich in seinem Auto ein Überbrückungskabel befindet. So langsam glaube ich, wir haben zu wenige davon. Ein Ersatzfahrzeug, das mir zugeteilt worden war, sprang morgens nicht an, sogar der KIlometerzähler zeigte eine Null an und das einzige Lebenszeichen bestand aus einem kurzen, leisen Surren beim Einschalten der Zündung. Ein Ersatzfahrzeug, das man Puck an die Hand gegeben hatte, machte noch nicht einmal das. Das Lenkradschloss entriegelte nicht und der Zündschlüssel ließ sich nicht drehen.

„Zum Glück“ fand dies an einem Sonntag statt, an dem er mit besagtem Ersatzfahrzeug nach Plaidt fahren sollte, um seinen LKW nach erfolgter Reparatur wieder in Empfang zu nehmen.
Um halb 11 rief Puck mich an, ob ich nicht eine Idee hätte: die Schließanlage des Sprinters muckse sich nicht. Ich ging runter, zog den Metallschlüssel aus dem Gehäuse des elektronischen Schlüssels uns konnte damit immerhin die Tür öffnen. Wie gesagt: Nicht einmal die Zündung ließ sich einschalten, weil der Schlüssel sich nicht im Schloss drehen ließ. Wir gingen zu mir hoch. Der Diponent wurde verständigt, der rief den Kleinen an. Um 11 Uhr kam der Besuch, den ich eigentlich erwartet hatte. Um kurz nach 11 kam der Kleine. Auch der ließ seine Kontakte spielen und bekam um etwa halb 12 ein Starterkabel organisiert. In der Zwischenzeit kam schon der Vorschlag, „Ach komm, pack die Karten aus!“, denn immerhin hatte ich dann schon mehr Leute zusammen als für den gedachten Spielenachmittag am Tag zuvor. Gemeint war damit BANG!, aber ich konnte die Karten nicht finden. Puck konnte dann endlich lostuckern (und Elmo, der auch nach Plaidt muss, mit einer Stunde Verspätung in Zemmer abholen).

Warum hatte ich eigentlich ein Ersatzauto? Weil an dem mir zugeteilten Fahrzeug, mit der Nummer 560, zwar die Batterie keine Probleme machte, dafür aber der Motor. Enge Kurven bergauf waren ihm zu anstrengend. Da konnte es sein, dass man beim Beschleunigen auf einmal das Gefühl bekam, der halbe Motor schalte sich ab. 90 km/h Spitze auf gerader Strecke. Auffällig gerade dann, wenn man einen niederländischen LKW überholen will und dabei feststellt, dass der um oder vielleicht auch über 100 fährt. Steigungen werden da zur Herausforderung: Zwischen Neuerburg und Waxweiler hat der Hügel bestenfalls 10 % Steigung: Der Sprinter nahm diese mit Ach und Krach 40 km/h. Anfangs konnte man dem beikommen, indem man kurz anhielt und den Motor abschaltete, aber nach einer Weile war’s auch damit vorbei.

Ich erhielt zunächst einen anderen Sprinter, den man noch irgendwo in der Mottenkiste gefunden hatte. Da war sogar noch ein Kassettenrekorder drin, in dem ein Band gefangen war, das vorderasiatische Musik dudelte. Das Radio ging gar nicht. Aber der Wagen hielt nur ein paar Tage: Als ich gerade von Olewig Richtung Uni hochfuhr, fing der Motor an zu knattern; ein paar Augenblicke später strömten Abgase in die Fahrerkabine. Ich riss die Fenster auf und fuhr noch 200 m bis zum nächsten Parkplatz. Ich besah mir den Motor (als Laie würde ich sagen, dass einer der Zylinderköpfe undicht war), stellte die Überforderung meiner Kompetenzen fest, unterrichtete die Firma und ging nach Hause.
Zwischendurch wurde der Wagen von Peter in Augenschein genommen, woraufhin er mir mitteilte, dass am Abend einer kommen würde, der das Auto abschleppen sollte. Der kam kurz nach Sonnenuntergang und ich half ihm, das Fahrzeug auf dem Anhänger zu vertäuen, kritisch beäugt von zwei Damen um die Vierzig, deren Fahrzeug wir am Verlassen des Parkplatzes hinderten. Alles in allem kamen wir nur auf drei von vier benötigten Spanngurten. Streng genommen hätten wir noch einen besorgen müssen, aber der Abschlepper wollte auch irgendwann einmal nach Hause, die beiden Damen wirkten von Sekunde zu Sekunde ungeduldiger, also fuhr er so davon. Es hat wohl auch geklappt.
Und das Auto, das ich dann bekam – das war das Auto, wo die Batterie streikte.
Danach bekam ich wieder den Wagen, mit dem ich ganz zu Beginn gefahren war, mit der Nummer 540.

Rückblickend muss ich feststellen, dass ich alle Probleme – selbstverschuldet (wie Festfahren im Schlamm und Karosseriekratzer) oder nicht (besagte technische Probleme) mit der 560 gehabt hatte.
Aber zumindest der Teil mit den selbstverschuldeten Problemen sollte leider auch an der 540 nicht vorübergehen. Aber davon beim nächsten Mal.

8. April 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 8)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:55

Es ist schwierig, so viele Notizen in Fließtext umzusetzen, wenn man wenig Zeit hat, auch am Wochenende. Die vergangenen Wochenenden wurden zum Großteil dafür verwendet, meine DSA-Chronik auf den neuesten Stand zu bringen, und mittlerweile bin ich so weit, dass ich den ersten Entwurf an den Spielleiter schicken kann, damit er prüft, ob wir irgendwo Unstimmigkeiten drin haben, denn es könnte ja sein, dass ich Orts- und Personennamen falsch aufgeschrieben habe, oder dass meine Darstellung in Einzelheiten von dem abweicht, was tatsächlich gelaufen ist – ich kann nicht immer gleichzeitig Notizen machen, weil die Spielteilnahme manchmal halt meine ganze Aufmerksamkeit erfordert.
Wie dem auch sei: Die Abenteuer der alten Spielgruppe sind in ihrer Rohfassung fertig, was noch fehlt, ist eine Fehlerkorrektur und vielleicht noch etwas plastische Ausgestaltung durch bessere Umschreibungen der besuchten Örtlichkeiten.

Bei dem Thema – Spiele – kann ich auch grob bleiben, denn es ist mir in den vergangenen drei Monaten immerhin zweimal gelungen, einen Spielenachmittag der Arbeitskollegen zu organisieren, wenn auch nie ganz ohne Probleme, weil kurzfristig immer einer absagen musste. Lilly musste ihre Mutter irgendwohin fahren, der fröhliche Winzer musste für seinen Bruder einspringen, der sich den Fuß gebrochen hat, Felix hatte sich eine Erkältung zugezogen. Einmal saßen wir, das heißt, Puck, meine Freundin und ich mit Antonius allein da. Hat auch Spaß gemacht; Antonius hat sich das BANG! Komplettset gekauft und wollte es natürlich auch mal benutzen, und bei der Gelegenheit entdeckte er den neu hinzugekommenen Charakter „Santa Claus“ (oder „Claus the Saint“), der zwei Karten mehr zieht, als Spieler am Tisch sitzen und an jeden eine seiner Wahl verteilt. Er zog auch just diese Charakterkarte – und wurde prompt erschossen.
„Ihr habt Santa Claus umgebracht!“
Leider hat es sich im vergangenen Monat nicht ergeben, ein weiteres Mal zu spielen. Vielleicht wird es ja um den Maifeiertag rum was.
In einem Punkt bin ich jedenfalls ziemlich sicher: Ich kann mit den anderen Fahrern durchaus BANG! spielen, das kriegen sie hin (wenn auch mangels regelmäßiger Übung noch etwas holprig), aber ich fürchte, dass ich z.B. Battlestar Galactica nur mit den „DG-Lords“ (den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Depots) spielen kann, weil… die Regelverständniskapazität des durchschnittlichen Fahrers für ein derart vielschichtiges Spiel nicht ausreicht. Pandemie würde ich ihnen noch zutrauen.

Als ich eines schönen Tages spät nach Hause unterwegs war, es war schon nach Sechs und dunkel, als ich um den Verteilerkreis fuhr, huschte beim Abbiegen in die Dasbachstraße ein dunkler Schatten vor meiner Schnauze vorbei und ich ging heftig in die Eisen. Irgendein Komiker war auf dem eiligen Weg zur Bushaltestelle Nells Park einfach über die Straße gerannt – dunkle Haare, schwarze Hosen, dunkelblauer Pullover, im Zusammenspiel mit den aus Richtung Ruwer entgegenkommenden Autos (das heißt ihren blendend hellen Frontscheinwerfern) fast unsichtbar.
Kurzum, es entspann sich ein kurzes wütendes Wortgefecht, wer denn Schuld daran sei, dass ich ihn beinahe angefahren hätte. Ich war und bin eigentlich nicht der Meinung, dass 20 km/h zu schnell sind, um diese Kurve zu bewältigen, und es ist ja nicht so, dass ich einfach fahren würde, ohne einen Blick in die Umgebung zu werfen. Wie gesagt: Der Typ war fast unsichtbar unter den gegebenen Umständen. Er sagte, ich müsse langsam fahren und gefälligst richtig hinsehen, ich sagte, er dürfe in dunklen Klamotten nicht einfach auf die Straße rennen, denn wenn da ein großes Fahrzeug mit aktiviertem Blinker auf die Einbiegung zufährt, dann müsse er doch damit rechnen, dass ich auch abbiege, und dann bleibt man als Fußgänger doch lieber mal stehen, anstatt stur auf seinem Vorfahrtsrecht zu beharren und seine Knochen zu riskieren, gerade bei diesen Sichtverhältnissen und in dieser Kleidung!
Der war schon ziemlich sauer und drohte, die Polizei zu rufen. Mir war nicht ganz klar, aus welchem Grund, denn es war ja gar nichts passiert. Aber ich war müde und wollte nach Hause, also beruhigten wir uns beide ein bisschen und ich erklärte mich bereit, ihn zur übernächsten Haltestelle zu fahren, und wir würden die Sache beide vergessen. Im Nachhinein muss ich allerdings sagen, dass es durchaus seinen Reiz gehabt hätte, ihn die Polizei rufen zu lassen, denn er hätte sich vermutlich den größeren Einlauf geholt: Erstens in „Nachttarnkleidung“ einfach auf die Straße rennen und zweitens ohne triftigen Grund die Polizei belästigen. Wäre bestimmt interessant geworden.
Immerhin: Ich fahre seitdem solche Abzweigungen mit erhöhter Aufmerksamkeit, gerade im Dunkeln.

An der Spitze eines grob nach Osten zeigenden Dreiecks mit Basis auf der Linie Mettendorf-Neuerburg liegt das kleine Nest Rußdorf. Im vergangenen Jahr hatte ich ein- oder zweimal Kfz-Zubehör an eine Firma dort geliefert und sollte nun im Dezember, drei Monate nach meinem letzten Besuch, vier Reifen hinbringen.
Die angegebene Adresse war verlassen, in dem Sinne, dass die Rollläden der Arbeitshalle heruntergelassen waren und scheinbar niemand da war. Leider war auch im Hause des Chefs niemand anwesend, aber ich erinnerte mich an eine alternative Adresse 200 m weiter, wo ich in einem solchen Fall Sachen abliefern könne: Auch keiner da.
Also wieder zurück zur eigentlichen Adresse, versuchte Alternativzustelung (also beim Nachbarn).
Die erste Nachbarin war eine kleine dickliche Frau, mit Brillengläsern, die den Eindruck machten, als könne man damit reines Sonnenlicht zu Laserstrahlen bündeln. Die Mimik der Dame machte auch den Eindruck, als sehe sie extrem schlecht. Ich fragte sie also, ob sie die Reifen annehmen würde. Sie sah mich zweifelnd und unentschlossen an.
„Ich weiß nicht, vielleicht haben die das gar nicht bestellt…“
„Es sind Reifen, die bekommen doch öfter solche Sachen. Und wenn er es nicht bestellt hat, dann soll er anrufen, dann hole ich das wieder ab.“
„Na gut, dann nehme ich das.“
Ich trug die Reifen die Treppe zum Balkon hoch (wo die Haustür sich befindet), ließ mir ihren Nachnamen nennen und trug ihn in das Display ein.
„Ach, für wen genau ist das denn?“
Ich las ihr den Namen auf dem Adressaufkleber vor.
„Für den A.? Nein, dann nehme ich das doch nicht, der ist nämlich im Oktober gestorben.“
„Vielleicht hat sein Sohn noch auf den alten Firmennamen bestellt?“
„Nein, nein, der hat die Firma verkauft.“
Also trug ich die Reifen wieder runter, mittelmäßig genervt duch das Hin und Her, und wollte sie ins Auto laden, als ein anderer Nachbar die Tür öffnete und mich zu ihm winkte.
„Geben Sie die nur her, ich unterschreibe dafür. Der S. macht mir da keine Schwierigkeiten, falls er die Reifen doch nicht braucht. Der hat das Unternehmen zwar verkauft, arbeitet aber für den neuen Besitzer in Bitburg.“
Ich bedankte mich und setzte mich ins Auto. Blick auf die Uhr: 15 Minuten für diese eine Zustellung – allein vor Ort. Da hatte ich die Zeit, die ich brauchte, um den Umweg zwischen Mettendorf und Neuerburg zu fahren, noch nicht mit eingerechnet, das dürften weitere 15 Minuten gewesen sein.

Im Monat drauf war ich noch einmal da, wegen einer Abholung. Die Witwe des Verstorbenen war da, wusste aber von nichts und konnte mir nach einem kurzen Telefonat mit ihrem Sohn nur mitteilen, dass das Gerät vermutlich in Bitburg abzuholen sei. Ich setzte den Abholstatus also auf „Abholung ohne Ware – keine Ware“ und hatte allein an der überflüssigen Fahrzeit in dieses kleine Nest schon wieder eine Viertelstunde verloren.

Übrigens: Wenn jemand Motorsägen oder Entaster oder was für Wald- und Gartenarbeiten braucht – kauft nicht bei Solo. Ich hab jeden Monat einen Garantiefall von Solo als Abholung in Beladung. Garantiefälle von Stihl hatte ich in den vergangenen 11 Monaten exakt zwei. Und das waren keine ganzen Geräte, sondern nur kleinere Einzelteile.
Klar, Stihl ist teuer, aber das zahlt sich aus.

Am Heiligabend hatte ich mich freiwillig gemeldet, die Samstagsfahrt zu übernehmen. Ich wollte sehen, was man da so erlebt, ob viele Privatkunden noch schnell was bestellt hätten, oder ob die Leute anders drauf sein würden. Aber: Nichts von alledem. Ich hatte keine 20 Pakete im Auto, fuhr gerade mal Bitburg-Wittlich-Trier und war nach drei Stunden wieder zuhause, ohne etwas erlebt zu haben, worüber zu schreiben sich gelohnt hätte.
Insgesamt muss ich aber festhalten, dass die Weihnachtszeit etwa sechs Wochen dauert, in denen die Paketzahlen in meinem Zustellungsbereich um bis zu 50 Prozent über dem Normalen liegen, dazu kommt ein dickerer Anteil von Privatkunden in den entlegeneren Ortschaften, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Arbeitszeit. Am Mittwoch vor Weihnachten hörte das mit einem Schlag auf und die Paketzahlen sanken unter die normale Marke, und sie sanken zwischen den Feiertagen erneut rekordverdächtig tief.

Wenn ich schon von Feiertagen rede: Ostern dauert nur eine Woche und Privatkunden halten sich dabei zurück, aber die Frisöre, Apotheken und Tierärzte stocken auf (und natürlich die Warenhäuser und Fachmärkte für Unterhaltungselektronik und Kosmetik, von denen sich aber keine in meinem Gebiet befinden). Die Woche vor Ostern wäre auch vermutlich nicht so extrem geworden, wenn uns nicht Dienstag und Mittwoch zwei LKW-Linien im Stich gelassen hätten. Die kamen so spät, dass es sich nicht mehr lohnte, sie übers Band laufen zu lassen, denn wir müssen ja auch irgendwann mal mit der Zustellung anfangen. Dienstag fehlten mir 20 Pakete, aber damit kann man noch leben. Mittwoch fehlten mir 40 Pakete. Das macht sich deutlich bemerkbar, und hinzu kam, dass am Donnerstag eine Art Torschlusspanik herrschte: 197 Pakete auf meiner Tour, fast das Zweifache des üblichen Satzes, und bei den anderen sah es kaum besser aus. Aber ich fahre nur einen kleinen der großen Sprinter – da passen bestenfalls 160 Pakete der üblichen Größenverteilung hinein.
Gleichzeitig machte die Maschine Zicken, die 560 fuhr sich, als ob der halbe Motor fehlte. Am Morgen, auf der Autobahn nach Ehrang, wollte ich mich daran machen, einen niederländischen Lastzug zu überholen; mittendrin brach auf einmal der Schub weg, Drehzahl und Geschwindigkeit sanken, der Holländer fuhr mit etwa 100 an mir vorbei und davon (haben die etwa keinen Limiter???)
Peter entschloss sich daher, die 440 aus Koblenz kommen zu lassen, das Auto, das der fröhliche Winzer gefahren hatte, bevor es wegen Motorproblemen ausgetauscht werden musste. Nun war ein neuer Motor drin, es würde also seinen Zweck erfüllen. Allerdings musste der Fahrer erst mal herkommen und ich musste meinen ganzen Krempel aus der 560 raus und in die 440 hineinräumen – in ein Modell, das viel weniger Stauraum bietet. Vor allem kostete es Zeit und ich kam erst um Viertel nach Zehn weg (normal ist derzeit 0830). Der einzige Trost bestand darin, dass die vielen Pakete mit zwei oder drei Ausnahmen alle in Ortschaften auf der Haupttour gehörten und ich schaffte es vor sechs Uhr nach Hause.

Nicht nur, dass uns die LKWs im Stich ließen: Der fröhliche Winzer ist krankgemeldet, für den kommen ebenfalls Fahrer aus Koblenz runter. Dass mir dies am Montag alle Pakete für Schweich bescherte, fand ich wegen meiner mangelnden Ortskenntnis und der Art der Pakete nicht so lustig. Unter den Paketen waren zwei Aufsteller für Apotheken, einer in Schweich, die aufrecht transportiert werden müssen, man muss sie eigentlich auf einer Palette geschnallt liefern, aber das hätte nicht ins Auto gepasst. Daneben standen zwei mobile Klimaanlagen von jeweils einem Zentner. Und der Apotheker verweigerte die Annahme, weil er das nicht bestellt habe – na dann: Nach Schweich fuhr ich sofort zurück ins Depot, um den zurückgewiesenen Aufsteller abzugeben, denn mir war sonnenklar, dass das lange schmale und vor allem nicht festgeschnallte Ding den Abend nur als Plastikschrott erleben würde. Antonius und Lilly haben auch nicht schlecht gestaunt, als sie mich um kurz vor Elf in die Halle fahren sahen. Feierabend gegen sieben Uhr abends. Ein richtiger Scheißtag. Glücklicherweise war ich den Rest der Woche von Sondertouren befreit.

In der Eifel liegt im Winter Schnee, das ist nichts neues, ich habe damit gerechnet und mich vorbereitet: eine Sonnenbrille in meiner Sehstärke musste her, aus dünn geschliffenem Glas. Da ich mit dem Hugo Boss Markenmodell, das ich für gewöhnlich auf der Nase trage, sehr gute Erfahrungen gemacht habe, wollte ich das gleiche Modell mit getönten Gläsern – gab’s aber nicht. Boss sei da eigen und nehme Modelle schnell wieder vom Markt, sagte mir die Optikerin. Na gut, dann was anderes. Letztendlich entschied ich mich für eine Ray Ban, für die ich wiederum über 300 Euro hinlegte. Aber wenn die ebenso stabil wie die Boss-Brille ist, dann lohnt sich das auch; mit dem Ding musste ich in den vergangenen zehn Jahren zweimal zum Nachstellen zum Optiker.
Ich musste auch ein drittes Mal hin, das lag aber daran, dass mir bei einer Zustellung ein Paket ins Gesicht knallte, worauf der Nasenbügel an der Schweißstelle abbrach. Ich musste den Tag über also mit der Sonnenbrille fahren, um wenigstens scharf zu sehen, ging in Neuerburg zum Optiker, der mir das Nasenfahrrad für 18 E wieder verschweißte (Peter ersetzte mir die 18 Euro übrigens). Sieht wie neu aus.

Nur ein Problem muss ich bei der Sonnenbrille feststellen: Beim Schliff muss was schiefgegangen sein, denn das Bild wird schärfer, wenn ich den Kopf um knapp 45° nach rechts neige. Sobald ich Zeit dafür habe, werde ich das reklamieren, und das wird vielleicht noch etwas warten müssen, weil ich beim Ausräumen meines motorlahmen Autos natürlich die Sonnenbrille auf der Ablage über der Sonnenblende vergessen habe! Mal gucken, wie lang es dauert, bis ich das Ding aus Plaidt zurückbekomme.

Ein Gutes hatte der Autotausch allerdings noch: Die CD, die ich dem fröhlichen Winzer vor einem knappen halben Jahr geliehen hatte (just in der Woche, wo sein Motor draufging), war noch im Handschuhfach.