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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

9. April 2017

Die Fracht am Rhein (Teil 14)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 15:32

Zeitsprung. Nach dem Oktober 2013 befinden wir uns mitten im Weihnachtsstress, der prinzipiell jedes Jahr gleich ist, nur, dass eben dieses Jahr die Frachtzahlen im Vergleich zum Jahresdurchschnitt nicht ganz so stark anstiegen, weil die verdammten Jahresdurchschnittszahlen schon deftig waren. Und ich sage auch gleich an dieser Stelle, dass der Januar erneut keine Linderung brachte. Es ging fast genauso weiter. Ich überspringe kleinere Stichworte von Unfällen und Staus und Hinweise auf Leute, wie zum Beispiel: „Niehl: Nie bei Frau L. abgeben!“, weil ich schlicht nicht mehr weiß, was gemeint ist. In Niehl lebt ein IT-Fachmann, ich glaube, er baut Computer nach Kundenwunsch zusammen, und als ich zum ersten Mal dort war, war sein Haus gerade kein Rohbau mehr, aber die Einfahrt war bei feuchter Witterung ein Schlammacker. An eine Frau L. und Probleme mit einer solchen kann ich mich nicht erinnern.

Niehl ist ein kleiner Flecken östlich von Mettendorf, und jetzt, wo ich daran denke und das Stichwort überprüfe, fällt mir auf, dass Niehl in meinem Blog scheinbar noch nie genannt worden ist – das sollte eigentlich nicht sein, denn ich kann mich an eine andere Anekdote, vermutlich aus dem Jahr 2012 noch, deutlich erinnern. Es gibt nämlich einen gleichnamigen Ort bei Köln, der wirtschaftlich scheinbar nicht unbedeutend ist, denn ein Anwohner erzählte mir, dass es in den vergangenen Jahren zweimal vorgekommen sei, dass jeweils ein großer Sattelschlepper in das kleine Örtchen eingefahren sei, und nicht wieder ohne weiteres herauskam. Die Fahrer wollten nach Köln-Niehl und hatten sich bei der Zieleingabe auf dem Navi vertippt und – scheinbar in völliger Verkennung der geografischen Lage der Stadt Köln – die Autobahn an einer völlig unsinnigen Stelle verlassen, ohne den Navi in Frage zu stellen. Da mussten kleine Helfer kommen, die den Trailer entluden, damit das Gespann ohne Gefahr eines hohen Sachschadens wieder aus der Gasse kam.

Locker auch die Anekdote vom Mettendorfer Warenannehmer der Firma Hubor & Hubor: Die Warenannahme ist seine Werkstatt, wo er ständig damit beschäftigt ist, Einzelteile irgendwie miteinander zu verbinden. An einem schönen Nachmittag kam ich rein, sah ihn bei der Arbeit und rief ihm zur Begrüßung zu:
„Na, Herr X, wieder einen am Löten?“
„Mensch,“ gab er zurück und richtete sich grinsend auf, „das wär jetzt mal was!“

Na ja, kleine Anekdoten. Dennoch ist es mir ein Bedürfnis, in den März 2014 zu springen.

Gerüchte bewegen sich schneller durch die Halle, als es für einen Telefonanruf von einem Ende zum anderen benötigen würde. Am 10. März erfuhren wir so nebenher, dass Magnus seinen Vertrag als selbständiger Fahrer nicht mehr bei den P+R-Brüdern habe, sondern wie früher bei JP. Dafür wurde keine Begründung geliefert, aber eben diese Abwesenheit einer Erklärung machte die Sache sehr verdächtig.
Am 15. März knallte die Bombe dann bei uns rein: P+R war pleite. Peter und Rama hielten eine kurze Versammlung ab, in der sie uns informierten. Und dafür war ich von Trier nach Koblenz umgezogen und hatte mich durch die damit verbundenen Kosten beinahe ruiniert? Ich weiß nicht, ob ich das in dem Blogeintrag über den Umzug so festgehalten habe, aber nachdem die unvermeidlichen und die wichtigsten Ausgaben getätigt waren, habe ich nach dem Besuch eines Baumarkts selbst überrascht festgestellt, dass mein Kontostand auf unter 100 E gesunken war. „Tut mir Leid,“ sagte Peter, „ist nicht so gelaufen, wie wir uns das gedacht haben.“ Apropos, Blick aufs Konto: Das Februargehalt war nicht überwiesen worden. Der weitere Weg wurde hinter den Kulissen besprochen.
Am 17. März war klar, dass die Fahrer bei JP weiter beschäftigt werden sollten, unter Beibehaltung der P+R-Arbeitsverträge im gleichen Wortlaut. Da ich einen recht guten Vertrag hatte, konnte ich mich da nicht beschweren, aber was war mit meinem Februargehalt?
Am 19. März wurde uns mitgeteilt, dass alle Gläubigerforderungen an JP abgetreten wurden und dass wir unsere ausstehenden Gehälter von dort erhielten, was auch bald danach geschah.
In jenen Tagen kam es jedoch obendrein zu einem heftigen Streit zwischen den Brüdern und dem Chefoberboss. Das würde keine Trennung im Guten werden. Es ging zumindest zum Teil um die scheinbar miese Tourenplanung, und die Sache eskalierte – die beiden Brüder machten sich aufgebracht aus dem Staub und ließen zwei fast fertig geladene Trierer Touren stehen, für die nun auf die Schnelle je ein Fahrer gefunden werden musste. War mir eigentlich egal, ich hatte immer noch selbst genügend Probleme, und auch der kommende April wartete mit Arbeitszeiten von über 70 Stunden pro Woche auf.

Am 07. April zum Beispiel sollte ich Pakete bei RENO in Bitburg abholen. Vielleicht unverkaufte Ware, die ihr modisches Haltbarkeitsdatum überschritten hat, was auch immer. Das kam öfter vor und das Problem dabei war, dass zu dem Zeitpunkt der Sprinter noch halbvoll war. Damit mich die Abholware also nicht störte, musste ich alles zuerst einen Schritt weit in Richtung Hintertür räumen, um das Zeug von RENO an die Kopfwand stellen zu können, und dann müssen die Lücken wieder geschlossen werden. Das kostet natürlich nicht wenig Zeit und ich mochte diese Stopps daher nicht besonders. An diesem Tag im frühen April des Jahres 2014 jedoch waren es nicht nur deutlich mehr Kartons als üblich, sie waren darüber hinaus auch weder verschlossen noch mit dem obligatorischen Abhollabel beklebt. Der Kunde muss auf den Labels unterschreiben und ich muss den Empfang quittieren, und all das musste noch ausgefüllt werden. Tolle Wurst.
Es erscheint mir heute nicht mehr voll nachvollziehbar, aber meine Notiz sagt eindeutig aus, dass mir der Gedanke sympathisch schien, alle im Laden umzubringen. Vielleicht gab es noch andere Komplikationen, die ich vergessen habe? Oder es war die Gelegenheit, wo mir solches Denken voll bewusst wurde? Ich ertappte mich dabei, wie es beim Einräumen laut sagte: „Irgendwann bring ich sie alle um…“, und ich sagte das in jenen Tagen öfter, was mich doch irgendwo erschreckte. Nur wundern konnte ich mich nicht darüber.

Irgendwie passend dazu eine Notiz über einen Beitrag im Deutschlandfunk in der Rubrik „Forschung Aktuell“ mit der Meldung „Hunger macht aggressiv“. Wer hätte das gedacht? Da hatte tatächlich jemand eine wissenschaftliche Arbeit zu geschrieben. Richtig fundiert und akademisch wasserdicht – aber ich fragte mich amüsiert, wo hier denn der Erkenntnisgewinn liege? Dass Hunger aggressiv macht, weiß jeder. Wenn Du richtig Hunger hast, bist Du plötzlich bereit, einem Huhn den Kopf ab- und die Gedärme rauszureißen; ein Verhalten, das ich in normalem Zustand als extrem abstoßend empfinden würde.

Aber gut, immerhin hatte ich nur den halben April zu arbeiten, denn die zweite Hälfte hatte ich Urlaub, vom 17. April bis zum 02. Mai. Am 05. Mai unterschrieb ich einen neuen Vertrag bei JP-Transporte. Was irgendwo aberwitzig ist. Oder besser: Was sich als aberwitzig herausstellte, denn bereits am 07. Mai geschah folgendes…

Das mir aufgetragene Arbeitspensum hatte ein irrsinniges Maß. Schon wieder und immer noch. Vom Depot aus fuhr ich durch Ehrang nach Kordel, wo meine Zustellungen begannen. Von dort aus bediente ich die Gegend von Newel bis nach Trierweiler und Udelfangen, und von dort aus ging es erst nach Wolsfeld und Alsdorf, also dorthin, wo meine eigentliche Eifeltour überhaupt erst anfing. In den guten Zeiten im Sommer 2012 war ich um 10:30 Uhr in Irrel fertig und wusste so, dass ich zwischen halb drei und drei in Waxweiler fertig sein würde, aber nun, zwei Jahre später, hatte das alles keine Gültigkeit mehr. Mit Irrel war ich 2014 zwischen halb Eins und Ein Uhr fertig, neu hinzugewonnene Stammkunden verlangten kilometerweite Abstecher von der Hauptroute, und wenn ich dann am späten Nachmittag in Waxweiler alle Kunden durch hatte, fuhr ich nicht etwa nach Hause, sondern oft noch Bickendorf, Fließem, Badem und Kyllburg.

Und es geschah am 07. Mai 2014 in Kyllburg, dass ich just vor der Apotheke hinter einem parkenden Auto stehenbleiben musste, um den Gegenverkehr vorbeizulassen. Als ich dann wieder ausscheren wollte, um wieder Fahrt aufzunehmen, rollte ich auf der abschüssigen Straße ein Stück zu weit zurück und rammte mit dem Trittbrett das kleine Auto einer älteren Dame. Motorhaube und Kühlergrill waren eingedellt. Wir besprachen uns kurz, ich rief die Polizei an, die aus Bitburg anrücken musste, und dann warteten wir eine knappe Stunde. Währenddessen begann es in Strömen zu regnen, und ich tat, was ich in diesen Situationen immer tue: Schlafen. Als der Streifenwagen eintraf, schien wieder die Sonne, als könne nichts den Himmel trüben.
Der Unfall wurde aufgenommen und einer der Polizisten machte die Bemerkung, dass er diesen Sprinter kenne. Ein Kollege von mir war wohl vor nicht allzu langer Zeit in einen Unfall damit verwickelt gewesen und hatte die Sache durch Nicht-Auskunft hinausgezögert, weswegen besagter Polizist gewisse „Vorbehalte“ gegen meinen Arbeitgeber hegte (der sich wohl ebenfalls nicht sehr konstruktiv bei der Aufklärung der Angelegenheit verhalten hatte). Immerhin schien er das nicht auf mich zu übertragen und er zeigte Verständnis für meine Situation, die durch Überarbeitung und Mangel an Ruhe gekennzeichnet war.

Das war dann das Ereignis, das das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen brachte. Ich fuhr nach den Formalitäten sofort nach Plaidt, um meinen Unfallbericht abzugeben. Der Chefoberboss war nicht da, von daher nahm ich mir ein weiteres Blatt Papier aus dem Drucker und verfasste in drei Zeilen meine Kündigung. Ich hatte die Schnauze endgültig voll. Ich hatte keine Erklärung dafür, wie ich so weit zurückrollen konnte, um das Auto der Dame zu beschädigen, ich konnte auch nicht sagen, ob sie vielleicht zu nah aufgefahren war, und ich hatte möglicherweise verpasst, in den Außenspiegel zu schauen. Ich hatte und habe keinerlei Erinnerung an den Hergang des Unfalls. Dieses Mal war es das Auto – vielleicht würde ich demnächst die Oma selbst anfahren? Nein, jetzt war Schluss. Kündigung, Name, Datum, Unterschrift, Ihr könnt mich alle mal.

Der Chefoberboss war tags drauf in der Halle, um mich zu sehen. Versprach Verbesserungen, die ich in den vergangenen Monaten schon öfter von anderen Leuten gehört hatte, und meinte, ich könne doch nicht erwarten, dass binnen weniger Wochen alles gut reorganisiert werden könne. Er schob den Schwarzen Peter an Transoflex weiter, er sei ja bereit, mehr Touren zur Entlastung der Fahrer einzurichten, beharrte aber darauf, dass der Konzern dagegen nicht bereit sei, mehr Touren zu bezahlen, und aus eigener Tasche werde er das nicht machen. Ich entgegenete, dass ich schon seit Januar 2013 auf eine bessere Organisation des Zustellbetriebs warte, dass sich nichts verbessert habe, und dass ich schlicht nicht mehr könne. Allein bei dem Gedanken an den Unfall zitterte meine Hand. Ich war mit den Nerven am Ende, Punkt. Ich erklärte mich allerdings bereit, noch einen Nachfolger auszubilden.

Eine Woche darauf, am 15. Mai, war allerdings irgendwas Größeres mit Felix passiert, weswegen ich mich bereit erklärte, noch zwei Monate weiter zu machen, aber ich weiß nicht mehr, um was es ging. Es mag in jenen Tagen gewesen sein, dass ich vertretungsweise an der Mosel unterwegs war. Dabei fuhr ich nicht die ganze Tour, sondern nur einen Teil, und der war anspruchsvoll genug, also ganz anders als mein Eindruck, den ich vor zwei Jahren gewonnen hatte, als ich mit Felix einen Tag lang unterwegs gewesen bin. Ich habe dazu leider keine näheren Notizen gemacht und erinnere mich nur bruchstückhaft an einige Dinge, wie den Supermarkt, wo Felix Hausverbot hat, an eine verschachtelte Apotheke, an eine weitere, wo ich eine Angestellte im Kittel ihrer Kollegin erwischte, nachdem sie nicht verstand, warum ich sie mit dem falschen Namen angesprochen hatte („Das steht aber auf Ihrem Namensschild…“), eine Straße mit mehreren Hundert Hausnummern, ein Industriegebiet „Mont Royal“, das Nest Gornhausen, das nun wirklich weit ab vom Schuss liegt, die Fahrradhändler, die einem schon mal das halbe Auto allein füllen können, und eine Art Spa in einer Villa, wo mich ein Auftrag eine Weile aufhielt. Ich könnte daraus keine zusammenhängende Geschichte machen.

Ach ja, ich fasste den Plan, mir zwei leere Glasflaschen bei einem der Hersteller zu besorgen, um Dr. Pepper Cola einzufüllen, weil ich das nostalgische Geschmackserlebnis einer Limonade aus der Glasflasche wiedererleben wollte. Ich kam während jener Tage allerdings nicht dazu, bat schließlich Felix, mir Flaschen zu besorgen, und der drückte mir nach zweimaliger Wiederholung meiner Bitte schließlich zwei Flaschen ohne Etiketten in die Hand, die ziemlich eindeutig von ihm selbst ausgetrunken und gerade mal ausgespült worden waren und noch nach Weißwein rochen. Na ja, was soll’s. So isser halt.
Auffällig war noch, dass mir der vor langem verschwundene fröhliche Winzer eine SMS schickte, in der er mir mitteilte, dass ich in seinem Heimatort an ihm vorbeigefahren sei, ohne ihn zu erkennen. Wie konnte man ihn nicht erkennen? War er denn fett und hässlich geworden? Die Frage blieb leider ungeklärt.

Für den 19. Mai stehen dann aber mehrere Punkte in meinen Notizen.
Der bedeutendste Punkt war, dass der Tourenfürst auf mich zutrat. Er habe gehört, dass ich bei JP unzufrieden sei, ob ich denn nicht für ihn bei TNT fahren wollte? Ich erinnerte mich natürlich gern an die Aussage des Alten Kroaten, dass Paketzustellung bei TNT bedeutend weniger anstrengend sei, als bei Transoflex. Ich bekundete also Interesse, ohne noch weiter darüber nachzudenken – bloß weg hier! Der Tourenfürst bot an, mit dem Chefoberboss, der ja auch sein Vertragsgeber war, über meine Kündigung zu sprechen, die zum 15. Juni wirksam werden sollte.

Der zweite Punkt am 19. Mai ist, dass mir mein zweites Rollbrett geklaut wurde. Ich hatte ja eines irgendwo in Saarburg vergessen und niemand unter den Kunden dort hatte es je wieder gesehen. Danach hatte ich ein neues gekauft, nur halb so groß, aber besser als nichts. Ich verlieh es regelmäßig morgens an Kollegen, die damit ihre eigenen Zustellhindernisse oder Abholer zum Verschlusslager brachten, da Hubwägen in dem Depot ja Mangelware sind. In der Regel stellte es der Ausleiher irgendwann wieder unauffällig an meinen Platz, wo ich es dann zur eigenen Verwendung wieder vorfinden würde. Nicht so an jenem Morgen. Ich sah irgendwann auf die Uhr und stellte fest, dass ich meine eigenen Sachen mal nach vorn bringen musste, aber mein Rollbrett war nicht da. Ich fragte den heutigen Ausleiher, und der sagte mir, es tue ihm Leid, er habe das Rollbrett wohl versehentlich im Verschlusslager vergessen. Ich fragte den Rocker dann danach, aber dem war kein Rollbrett aufgefallen. Meine Umfrage unter weiteren Kollegen blieb ergebnislos. Super – Rollbrett weg, mehr Mühe und Frust für mich.

Zum dritten Punkt am 19. Mai 2014 komme ich im nachfolgenden Teil dieser Serie.

2. April 2017

Die Fracht am Rhein (Teil 13)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 13:39

Wir befinden uns jetzt im Oktober 2013. Für Felix ein richtig toller Monat, da ihm seine Mühle glatte dreimal unterm Hintern zusammenbrach und er mehrere Stunden Zeit verlor, bis jeweils ein Ersatzwagen bei ihm war und er mit dem Überbringer alle Pakete umgeräumt hatte. Felix war völlig bedient.

Ich fühlte mich Ende September bereits völlig bedient, da ich ja nicht nur Eifeldörfer, sondern auch noch ein paar Bitburger Dörfer anfuhr, weil der neue Bitburger Fahrer es nicht einsah, die komplette ihm zugeteilte Arbeit auch zu erledigen. Statt dem aber Druck zu machen, bekam ich zusätzliche Arbeit – so zwei Stunden pro Tag. Ich knackte die 70-Wochenstunden-Marke.
Ich fasste also den folgenden Plan: Da die meisten Kunden Stammkunden waren, würde ich bestimmte Dörfer auslassen und nur alle zwei Tage anfahren, denn ob ich jemandem drei Pakete oder sechs Pakete brachte, machte keinen echten Unterschied im Zeitaufwand. Auf meiner Tour kam der Zeitverlust durch das „Kilometer schrubben“.

Ich würde also an einem Tag zum Beispiel Butzweiler, Newel, Aach und Trierweiler weglassen und stattdessen gleich über Kordel und Welschbillig nach Irrel fahren. Am nächsten Tag würde ich von Neuerburg über Waxweiler direkt zur Autobahn und nach Hause fahren, anstatt erst noch die 3DI-Route anzusteuern (Dasburg, Dahnen, Daleiden, Irrhausen, dazu noch Arzfeld), sofern der Rollifahrer in Irrhausen, der wegen eines seitlichen Darmausgangs spezielle Exkrementbeutel benötigte, nicht ebenfalls auf dem Plan stand. Ich fasste die Stopps, die ich überspringen wollte, gleich am Morgen zu einem Stopp zusammen, setzte die Sendungen auf „Kunde abwesend“ und fuhr gegen 17 Uhr aus Neuerburg heraus.
Das blieb Peter natürlich nicht verborgen, weil er die Zustellungen seiner Fahrer immer wieder über sein Citrix Dispoprogramm verfolgte. Also rief er mich an.
„Du hast die Stopps bereits heute morgen zusammengefasst – hast Du das also geplant?“
„Ja, das habe ich eiskalt geplant. Ich hab keinen Bock, jeden Morgen um halb Fünf in der Halle zu stehen und abends gegen Sieben irgendwann nach Hause zu kommen!“

Die heute ausgelassene Nordroute kostete etwas mehr als eine Stunde, von der AS Waxweiler bis nach Hause dauerte es eine weitere Dreiviertelstunde.
Peter nahm das zähneknirschend hin, machte mir aber am Folgetag klar, dass das auch keine Lösung sei.

Am 14. Oktober kam ein vorläufiger Höhepunkt. Ich hatte wohl gegen Mittag ein schweres Paket unvorsichtig angehoben und merkte kurz danach, dass ich mir einen Muskel am Rücken gezerrt hatte – und das nicht zu knapp. Bald konnte ich nicht mehr durchatmen, mehr als vorsichtig flach atmen ließen die Schmerzen nicht zu. Natürlich musste ich auch möglichst vorsichtig beim Fahren sitzen. Interessanterweise war sich draußen zu bewegen und Pakete zustellen nicht so das Problem – das Problem war im Auto zu sitzen und zu fahren. Machte ich eine kleine falsche Bewegung, ja, wenn ich nur mal falsch atmete, bekam ich sofort einen heftigen Krampf in der Mitte des Rückens, gleich rechts neben der Wirbelsäule. Ich fuhr dann schreiend, während mir Tränen das Gesicht herabliefen.

Der 14. Oktober war – mein Leben hasst mich zuweilen – natürlich ein Montag. Es dauerte bis Donnerstag, bis die Krämpfe ausblieben, es zog dann nur noch und ich konnte mich dann übers Wochenende weitgehend auskurieren. Aber ich hatte genug, zuviel war zuviel und die Konsequenzen erschienen mir tragbarer als das, was ich gerade erlebte. Ich rief Peter gleich am Nachmittag des 14. an und teilte ihm mit, dass ich diesen Job nicht länger machen könne. Ich war völlig erschöpft und die Schmerzen machten mich wahnsinnig.
Ob ich gegen die Schmerzen nicht eine Tablette nehmen könne, meinte er.
„Du willst, dass ich unter Einfluss von Betäubungsmitteln Auto fahre? Kann ich das schriftlich haben?“ fragte ich zurück. Darauf gab er lieber keine Antwort. Aber ich machte ihm klar, dass es mir nicht nur um die aktuellen Rückenprobleme ging, sondern um die Arbeitsbedingungen im Allgemeinen – ich war das, was man „am Ende“ nennt. Er schien aber beeindruckt, denn er rief mich abends noch einmal an, um die ganze Geschichte zu hören, und tat, was er immer tat. Versprach Besserung und bat um noch etwas Geduld. Der Bitburger Fahrer wurde in der Folge etwas stärker belastet und immerhin rutschte meine Wochenleistung für eine Weile unter die Marke von 70 Stunden. Natürlich nicht allzu lange, denn im Oktober beginnt jedes Jahr aufs Neue das Weihnachtsgeschäft.

Lenken wir den Blick kurz auf neue Kollegen. Da wäre zum einen „Hibbel“, der Bitburger Fahrer, und zum anderen „das Schnitzel“. Hibbel hatte ihm den Namen gegeben. Keine Ahnung, warum. Das Schnitzel war wohl ein Verwandter des Tourenfürsten (der im Teil 3 dieser Serie kurz vorgestellt wurde), und manche Leute erzählten, er habe schon einige Lieferdienste hinter sich und habe überall bei mindestens einem Kunden Hausverbot erhalten, weil er keine Kritik vertrug – sprich: weil er zu schnell über den Hof gefahren war und dann auch noch diskutiert hatte, anstatt einfach zu sagen, dass es nie wieder vorkommen werde. Klar hatte der auch irgendwo ein sprichwörtliches Rad ab, aber ich fand ihn eigentlich ganz umgänglich. Im Gegensatz zu Hibbel.

Hibbel war streng darauf bedacht, seine Arbeitszeit so kurz wie möglich zu halten. Das bedeutete, dass er fuhr wie eine gesengte Sau (er war innerorts schon mit über 70 geblitzt worden, was er auch unumwunden zugab) und er wehrte sich durch strikte Verweigerungshaltung dagegen, sein gesamtes Tourgebiet zu fahren. Wenn ihm irgendwelche Ortschaften vom Zeitaufwand nicht zusagten, dann ließ er sie aus und fuhr dann freitags mal hin, weil freitags oft nicht ganz so viel los ist. Es war ein asoziales Kalkül. Zum Beispiel gibt es da einen Flecken mit Namen Echtershausen, ein paar vergessen wirkende Häuser am Ende einer etwa sechs Kilometer langen Sackgasse. Dort lebte ein älterer Herr, der wegen gewisser Alterserscheinungen auf Pflegeartikel angewiesen war, die er spätestens alle zwei Wochen erhielt. Der Herr war nicht nur nett, sondern auch durchaus dankbar, wenn man ihm seine Sendungen zeitnah zustellte, denn wie ich in der Vergangenheit zumindest andeutete, gibt es Ware, ohne deren Verfügbarkeit es mit der Menschenwürde schnell vorbei ist. Der bekam seine Sachen dann eben nicht montags, sondern erst freitags. Hibbel war das scheißegal. Der lag nach eigener Darstellung nachmittags um Fünf geduscht und gesättigt auf der Couch. Da hatte ich noch zwei Stunden vor mir.

Mir war klar, dass es sich um einen Typen handelte, bei dem Druck nur zu mehr trotziger Blockade führen würde, also versuchte ich es mit Softpower, fixte ihn zum Beispiel mit Dr. Pepper Cola an, die er auf Anhieb mochte. Immerhin kamen wir in der Halle gut miteinander aus, aber außerhalb der Halle endete für ihn die Kameradschaft. Er war ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man auch als Verweigerer einen solchen Job behalten kann – denn obwohl es Arbeitsuchende in genügender Anzahl gibt, gibt es nur ganz wenige Leute, denen man eine solche Arbeit geben kann, ohne dass die entsprechende Tour quasi zusammenbricht. Ein Verweigerer ist nur die zweitschlechteste Wahl: Die schlechteste ist jemand wie Sub75, der bei allem guten Willen nicht mehr leisten kann als vielleicht 50 %, während der Verweigerer immerhin 80 % leistet. Das nimmt dem Arbeitgeber einiges von seinem Drohpotential. Was bei mir natürlich trotzdem nicht zog, weil ich meine Kunden nicht im Stich lassen wollte. Ich bin halt so einer.

Ich musste also 120 % leisten und wurde kreativ darin, Abkürzungen zu finden.
Da gibt es zum Beispiel einen Waldweg zwischen Altscheid und Hamm, gerade gut genug, um ihn mit dem Sprinter zu fahren. Auf diese Weise sparte ich ein paar Kilometer und konnte quasi von Altscheid fast direkt nach Wiersdorf fahren, ohne den ganzen See weiträumig durch Koosbüsch und Hermesdorf umfahren zu müssen.
Jetzt geschah es aber an einem Tag im Herbst, dass ich aus vergessenen Gründen mit einem Ersatzwagen unterwegs war. In der Regel fuhr ich einen weißen 211er Sprinter, an jenem Tag war ich mit einem 313er Sprinter in ToF Farben unterwegs, als ich den Waldweg hinunterfuhr und die Brücke über die Prüm in mein Sichtfeld rückte.

Mir wich das Blut aus dem Kopf und mein Magen wurde so flau, dass mir spontan sogar im Sitzen die Knie weich wurden: Der Weg aus dem Wald heraus war wegen des felsigen Hangs rechts und dem Bach auf der linken Seite recht eng und ließ keinen Platz zum Ausholen oder Kurbeln zu, und der Weg endete am Brückenansatz in einer rechtwinkligen Linkskurve. In diesem Momant, als ich die Brücke sah, überkam es mich siedend heiß, dass mein Wagen heute einen Meter länger war als sonst. Ich brach in Schweiß aus. Wenn ich den Sprinter nicht um diese Ecke steuern konnte – und das war mehr als fraglich – saß ich bis zum Hals in der Fäkalientonne. Ich käme nicht mehr nach vorn, weil die Kurve zu eng ist, ich könnte aber auch nicht mehr zurück, denn selbst wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, das Fahrzeug zu wenden, wäre ich damit nie im Leben den abschüssigen Waldweg wieder hoch gekommen. An rückwarts Fahren war erst gar nicht zu denken. Auch die Chancen, (mal wieder) einen Schlepper aufzutreiben, der in der Lage wäre, meinen Transporter da hochzuziehen, rückwärts, wohlgemerkt, schätzte ich als sehr gering ein. Im schlimmsten Falle müsste eine Art Kran bestellt werden, der den Sprinter über den Bach hob.

Aber ich musste es zumindest versuchen. Ich nahm so viel Platz zum Ausholen, wie irgendwie möglich war. Nach drei Versuchen wurde klar: Die Fahrspur der Brücke war aber zu eng – ich würde mir am linken Pfeiler die Seite eindrücken und dabei vielleicht sogar die Brücke beschädigen, denn die ist aus Holz.
Letzte Chance: Die Fahrspur der Brücke wird beidseitig durch eine Holzbohle von 25 cm Durchmesser begrenzt, erst jenseits dieser 25 cm beginnt das Brückengeländer. Ich holte also tief Luft und setzte den rechten Vorderreifen auf die Bohle, die Fahrzeugschnauze kann also nur zwei Finger breit vom Geländer entfernt gewesen sein, das Rad dürfte daran gescheuert haben. Zentimeter um Zentimeter schob ich den Transporter weiter und behielt scharf die linke Seite mit dem Spiegel im Auge – und es passte! Dabei waren zwischen Pfeiler und Blech keine drei Zentimeter mehr frei. Ich atmete kurz durch und verbuchte dies unter Erfahrungen: Fahr niemals mit einem 313er diesen Weg runter!

Am 27. Oktober 2013 klingelte mich die Polizei um 09:00 Uhr aus dem Schlaf. Ich war natürlich nicht wenig erstaunt und war sicher, dass ich keine Verfehlung begangen haben konnte, die ein persönliches Erscheinen an meiner Haustür notwendig machte. Die Sache war schnell erklärt: Jemand hatte sich des Nachts am Sprinter zu schaffen gemacht, hatte die nicht zugestellten Pakete geöffnet, zum Teil mitgenommen und bei Nichtgefallen des Inhalts denselben auf der Straße und in Vorgärten verteilt.
Wie war das möglich? Ganz einfach. An diesem Wochenende fand irgendeine Feierlichkeit vermutlich am Sportplatz statt und ich hatte Samstagabend eine größere Anzahl von Jugendlichen beobachtet, die die Straße hoch in diese Richtung gezogen waren. Der Verdacht lag also nahe, dass sich von denen welche genug gelangweilt hatten, um auf dem Weg nach Hause mal eben zu checken, ob die Türen von dem Sprinter da auch abgeschlossen sind.

Dass JP Transporte mit Schrottkisten fährt, ist ja hinlänglich bekannt. In meinem speziellen Fall war bei dem 313er das Schloss der Hintertür nicht mit der Zentralverriegelung verbunden, man hätte also theoretisch mit dem Zündschlüssel mechanisch schließen müssen, wenn, ja: wenn, das Schloss hinten noch das Originalschloss gewesen wäre. Deswegen die mangelnde Verbindung zur Zentralverrieggelung, und: Der Zündschlüssel passte nicht. Ich konnte diese Tür nicht zusperren. Zumindest wusste ich nicht, wie ich es sonst anstellen sollte. Alarmanlage: Fehlanzeige.
Nun, was hatte ich denn noch dabei? Hundetabletten, Microfasertücher, Reinigungssteine gegen Hornhaut, Kompressen, eine Kabelrolle und das einzige Stück, das vollständig fehlte: Ein Radio der Firma Karcher AG. Ich machte eine Aussage und der verteilte Kartoninhalt wurde zur Beweissicherung mitgenommen. Ich holte das Zeug dann Anfang November irgendwann wieder im Polizeipräsidium ab und brachte es ins Depot zurück, von wo die Reste dann an die Versender zurückgesandt wurden.

Der Chefoberboss von JP Transporte war davon natürlich total unbegeistert und fragte mich, warum ich die Tür nicht auf die verbliebene Art und Weise verriegelt hätte: Man müsse per Knopf von innen abschließen und dann zur Seitentür hinausgehen, an der die Zentralverriegelung ja noch funktioniere.
„Woher soll ich das wissen? Sowas hat mir niemand gesagt.“
Das dürfte einiges gekostet haben, denn letztendlich war ToF ein Schaden entstanden, weil die Fahrzeuge des Fuhrunternehmers nicht vorschriftsmäßig funktionierten.