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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

27. November 2011

Gaytal-Kamikaze (Teil 5)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:58

Seit wenigen Wochen steht im Pausenraum der Fahrer ein Getränkeautomat der Firma Dallmayr. Den Kaffee kann ich nicht beurteilen, weil ich besser keinen trinke, wenn ich noch fahren muss, aber der Kakao ist verdammt gut. Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe weiterer Kaffee- und Milchvariationen, zuzüglich der Fleischbrühe, die in scheinbar keinem dieser Automaten fehlen darf. Aber um den Automaten soll es nur indirekt gehen.
Wie haben einen Bandaufleger, der normalerweise „Cooler“ gerufen wird, weil er so ähnlich heißt. Er ignoriert in der Regel gewisse Sicherheitsvorschriften, weil ihm die Sicherheitsschuhe zu unbequem sind, rasselte deswegen bereits mit seinem Vorarbeiter zusammen (ohne dass eine Besserung eintrat), und wenn ich mich recht erinnere, ist er aus ethnischer Sicht Kasache. Er ist allerdings völlig integriert und zeigt keine sprachlichen Besonderheiten, die ihn aus der Trierer Masse abheben würden, dass er sich also als einen solchen bezeichnet, ist meines Erachtens ebenso hirnrissig wie paradox, weil diese Art von Leuten unter normalen Umständen ihren Status als Minderheit stolz betonen, aber bei entsprechendem rhetorischen Bedarf die Ausländerfeindlichkeit anprangern, die ihnen entgegen gebracht wird, und sobald sie sich benachteiligt fühlen, sich wiederum als Teil des Ganzen darstellen. Aber das nur am Rande.
„Du bist’n Kasache?“ fragte ihn der Kurde also, „Was ist denn das Schlimmste, was man zu einem Kasachen sagen kann?“
„Äh, >Du Ukrainer<."
Das ist natürlich nicht die Art von Information, die man dem Kurden zur Hand gibt. Wenige Minuten später also:
„Ey, Du Scheiß-Ukrainer, arbeite gefälligst ordentlicher!“ oder „Schwing Deinen hässlichen ukrainischen Arsch ans Band!“ und lauter solche Sachen. Immerhin nimmt „der Ukrainer“ das mit Humor und der Kurde amüsierte sich prächtig.
Da würde mich natürlich interessieren, wie der nun so Angesprochene „Ukrainer“ definiert – sind das die Leute, die in der Ukraine leben? Meint er nur die „echten Ukrainer“ ausschließlich der ethnischen Russen, die immerhin etwa 17 % der Bevölkerung der Ukraine ausmachen, und der anderen Ethnien, die ebenfalls dort leben?
Das psychologische Profil des „Ukrainers“, der garantiert noch unters Jugendstrafrecht fällt, wurde aber durch einen anderen Dialog interessant beleuchtet, und jetzt komme ich darauf zurück, was das alles mit dem Dallmayrautomaten zu tun hat.
Hin und wieder ergibt sich eine Pause am Band, wenn zum Beispiel alle vorhandenen Paletten durchgelaufen sind und der nächste LKW noch nicht da ist, da geht der eine oder andere schon mal gern zum Automaten oder lässt sich was bringen. Bei einer solchen Gelegenheit entspann sich also folgender Dialog zwischen dem „Ukrainer“ und einem anderen Aufleger, der bereits am anderen Ende der Halle unterwegs war, um sich was zu ziehen:
„Ey, Homo! Bring mir ne Vanillemilch mit!“
„Was!?“
„Bring mir ne Vanillemilch mit, Du Homo!“
„Alles klar.“
Von der eklatanten Homophobie, die sich geradezu pathologisch durch diese Gesellschaftsschicht zieht, will ich gar nicht reden – mir ging es in dem Moment um den witzigen Spannungsbogen zwischen der männlich-prahlerischen Straßensprache einerseits („Ey, Homo!“) und dem Wunsch nach Vanillemilch andererseits: Ich war versucht, den „Homo“ zu fragen, ob er ihm vielleicht noch ein paar Kekse mitbringen könne.

Andere Sache: Es war und ist mein Prinzip, nicht für Tabakkonzerne zu arbeiten, weswegen ich dem Arbeitsamt auch dargelegt hatte, dass ich keinesfalls für JTI arbeiten würde. Es lässt sich allerdings in meinem derzeitigen Betätigungsfeld nicht vermeiden, dass hin und wieder Rauchwaren und Zubehör zur Ladung gehören.
Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich einen entsprechenden Kunden, der eingangs die Verklebung der Kartons mit der Begründung, dass es bereits vorgekommen sei, dass Teile des Inhalts gestohlen worden waren, kontrollierte. Ich erklärte, dass ich keinerlei Interesse hätte, mich an sowas zu vergreifen, und dass ich nicht traurig wäre, wenn der komplette Tabak dieser Welt sich in Luft auflöse. Uh, da war der Kunde verstimmt. Ach, ob ich denn willens sei, die Zusatzbelastung von 5000 E Steuern pro Kopf und Jahr zu tragen? Sein Tonfall verriet mir, dass die Sache nur emotional ausarten würde, wenn ich darauf antwortete, also behielt ich den Gedanken für mich und verabschiedete mich mit einer reichlich unverbindlichen Antwort.
Denn der Punkt ist dieser: Woher hat der Mann diese Zahl her? 5000 E pro Jahr und Steuerzahler? Oder pro Einwohner? Allein aus der Tabaksteuer und mit dem Rauchen verbundenen Abgaben?

In Deutschland leben ca. 65 Millionen Menschen, die älter sind als 20 Jahre. Diejenigen, die jünger sind, rechne ich mal nicht mit, obwohl auch ein Zehnjähriger indirekte Steuern zahlt, wenn er sich ein Päckchen Kaugummi kauft. 65 Millionen mal 5000 E macht demnach 325 Milliarden Euro – die durch Steuern und Abgaben im Zuge des allgemeinen Tabakkonsums angeblich in die Staatskasse gelangt. Allein in Deutschland. Jedes Jahr. Hallo!? Der gesamte Bundeshaushalt (ohne Neuverschuldung) beträgt nur 280 Mrd Euro!!
Laut Statistik raucht in Deutschland etwa ein Viertel der Erwachsenen, sagen wir also etwas mehr als 16 Millionen Menschen. Und die sollen jedes Jahr etwa 400 Milliarden Euro für Zigaretten etc. ausgeben (über 80 % des Verkaufspreises sind Steuern)? 25000 Euro pro Person und Jahr? Jedes Jahr einen Mittelklassewagen durch die Lungen gezogen?

Das ist doch völlig lächerlich! Wenn ich mich nicht irre, betragen die Einnahmen aus der Tabaksteuer in der BRD „nur“ 15 Milliarden… was bedeuten würde, dass ein kompletter Wegfall der Tabaksteuer jeden der etwa 65 Millionen erwachsenen Bundesbürger mit etwas mehr als 230 E und Jahr belasten würde („Uuuui!“) – und von diesen Kröten müsste man noch die Einsparungen im Gesundheitswesen sowie die Steuermehreinnahmen durch die Senkung von Frühinvalidität, Arbeitsunfähigkeit und Übersterblichkeit abziehen. Ich denke, von den 230 E bliebe nicht mehr viel übrig.

Ich glaube, dass eine Summe von 5000 E sich bestenfalls dann rechtfertigen ließe, ginge man davon aus, dass alle Menschen, die irgendwie mit der Tabakindustrie in Deutschland Geld verdienen (von den Vorständen der Konzerne über den Holzfäller der Papierindustrie bis zum Saatgutverkäufer, der beim Bauern nicht mehr so viel los wird, weil die Bäcker weniger Frühstücksbrötchen an die Angestellten der Konzerne verkaufen können, ganz zu schweigen von den Krebsärzten, den Reha-Spezialisten, dem Pflegepersonal, den Herstellern für Spezialnahrung und natürlich die von der Rezession betroffenen Bestattungsunternehmer!), auf einen Schlag auf der Straße stünden und bis an ihr Lebensende erwerbslos wären. Die Summe klingt jedenfalls nach einer Statistik „gezeichnet: Dr. Marlboro„.

Ach, wo ich schon von unliebsamen Kunden und Doktoren rede: Ich habe da ebenfalls vor noch nicht langer Zeit einen promovierten Apotheker kennen gelernt, der glücklicherweise nur ganz selten in seiner Apotheke weilt. Viele Apotheken haben mittwochs am Nachmittag geschlossen, und seine gehört dazu. Durch Unstetigkeiten in der Lieferkette kommt es nun vor, dass wir Waren zur Auslieferung auch mittwochs erhalten und seine Apotheke liegt am Beginn der letzten Etappe meiner täglichen Tour, das heißt, ich komme da nicht vor 13 Uhr hin.
Da ich die Apotheke verschlossen vorfand, klingelte ich an seiner Haustür gleich nebenan, aber niemand öffnete; Nachbarn waren zwar zuhause, sagten aber, der Herr Apotheker wünsche wegen der Empfindlichkeit mancher Waren keine Alternativzustellung. Gut, das kann ich natürlich verstehen.
Dann war ich also am Folgetag da und traf ihn zufällig persönlich an. Ich fragte ihn mit der üblichen Höflichkeit, ob er denn vielleicht eine Adresse vertrauenswürdiger Bekannter hätte, an der er seine Ware abgeliefert haben könnte. Da sagte der glatt Nein, er sei mittwochs grundsätzlich nicht da, er wünsche keine alternative Zustellung, und es sei ja wohl mein geschäftliches Risiko als Dienstleister und Lieferant, dass Empfänger nicht da seien, dann müsste ich halt am Folgetag noch einmal hinfahren.
Da stand mir vor Erstaunen erst mal der Mund offen, verlegte mich dann aber zur Abwicklung des Dialogs schnell auf eine wenn auch kurzsilbige Art von Höflichkeit, von der ein ungarischer Bekannter einmal sagte, Deutsche bedienten sich dieser nur, wenn sie kurz davor stünden, jemandem auf’s Maul zu hauen. Ich war auch wirklich platt. Überall sonst freuen sich Kunden, wenn man ihnen anbietet, auch Umwege zu fahren, um ihnen ihre Ware so früh wie möglich zuzustellen, und von dem Herrn Doktor hier bekommt man dafür einen verbalen Einlauf. Denn ist es nicht eigentlich SEIN Risiko? Hin und wieder enthalten Pakete Kühlakkus, weil die enthaltenen Medikamente außerhalb des Kühlschranks schnell verderben, obwohl ich festhalten muss, dass derlei Waren eher an Krankenhäuser und Arztpraxen als an Apotheken zu gehen scheinen. Wenn das, was in dem Paket ist, unbrauchbar wird, bin ich dafür nicht haftbar – ich bin nur dafür verantwortlich, dass die Ware in äußerlich einwandfreiem Zustand ankommt, also in einem schönen, ungeknickten und unverbeulten Karton.

Noch ein wilder Kunde: Karton, 50 x 50 x 20, von einer bekannten saarländischen Keramikfirma. Gewicht: ein Zentner. Daraus ergab sich eine Verkettung von Fehlern meinerseits.
Mike hatte mich morgens darauf aufmerksam gemacht, denn es handelte sich um einen 12-Uhr-Express in ein Dorf nahe der belgischen Grenze (der am weitesten von Trier entfernte Punkt meiner Tour), den ich wohl nicht schaffen könne, ich solle mir also keine Sorgen machen und die Ware einfach so früh wie irgend möglich zustellen.
Nun ja, aber dann ging es los: Zum einen scannte ich das Paket, das bei den Paletten am Ende der Halle lagerte, bevor ich es am Auto hatte. Zum zweiten nahm ich eine etwas leichtere Sendung, die daneben wartete, zuerst mit, ließ mir von Bert beim Einladen helfen, half ihm bei einem schweren Fernseher, lud dann meine eigene Fracht… und vergaß das Zentnerpaket.
Als ich dann in der Nähe des Zielortes war, bemerkte ich beim Stopp vorher, dass ich die Ware vergessen hatte und markierte die Ware mit dem Hinweis „Ablieferbeleg“ als ausgeliefert. Ich würde sie dann halt am kommenden Tag zustellen und die damit verbundene Vertragsstrafe schlucken.

Was ich letztendlich daraus lernte, war, dass ich in solchen Fällen gar keinen Status setze. An jenem Tag verhielt es sich so, dass ich nicht direkt nach Hause fahren, sondern im Depot eine Lieferung für Konrads Tour aufnehmen würde, weil diese für ein Dorf in der Nähe meiner Wohnanschrift bestimmt war und er sie nicht mehr in den Wagen bekommen hatte.
Letzter eigener Kunde um 1520, gute Zeit. Um etwa 1600, kurz bevor ich in Trier war, rief mich Gertrud (Name geändert) vom Büro aus an und sagte mir, der Kunde habe sich wegen des Ausbleibens seines Expresspakets beschwert, was denn damit sei. Nicht gut. Ich erklärte ihr, dass ich die Ware im Depot vergessen hatte und sie morgen zustellen wollte. Während sie kurz überlegte, zeigte mein Telefon an, dass der Akku nicht mehr lange reichen würde, dann sagte sie, sie werde dem Kunden sagen, dass ich das Paket an einer falschen Adresse abgeliefert hätte, wo ich es aber abholen und morgen zustellen könne, das sei eine Geschichte, aus der man am einfachsten wieder rauskomme. Na gut, sie hat mehr Erfahrung in dem Geschäft, aber es gefiel mir nicht sonderlich, da ich den Hang dazu habe, die Wahrheit zu sagen.
Ich fuhr erst mal zum Depot, lud Konrads Zeug ein UND das Zentnerpaket, und verstaute die Ware nicht angetroffener Kunden unter meinem Bandplatz, damit sie von den schweren Sachen, die jetzt im Auto waren, nicht zerquetscht wurden. Ich fuhr los, durch die Stadt, über Olewig aufs Land.

Da rief Gertrud erneut an – der Kunde sei sehr ungehalten gewesen und drohe mit einer Strafanzeige, wegen Unterschriftenfälschung oder wegen Diebstahls oder wegen was weiß ich noch alles. Mein Akku meldete sich deutlich. Ich sah auf die Uhr: 1645. Ich bat Gertrud, dem Kunden mitzuteilen, dass ich ihm seine Ware noch am heutigen Abend zustelle, falls er dies wünsche, ansonsten werde er sie ohne Umschweife am kommenden Mittag erhalten.
„An die belgische Grenze? Wie lange dauert das?“
„So eine anderthalbe Stunde. Ein Weg.“
„Ach Du großer Gott… bist Du sicher?“
„Mein Fehler – ich übernehme die Verantwortung dafür. Ich lasse doch so einen Vorwurf nicht auf mir sitzen!“
Der Kunde wollte seine Ware tatsächlich noch haben… also los. Das Telefon schaltete ich ab, für den Fall, dass ich selbst noch Kommunikationsbedarf hatte, denn die Eifelhöhen lagen in dickem Nebel und ich hatte es eilig.

Konrad hatte mir genau gemommen zwei Stopps aufgeladen, ein paar Computer und eine Kloschüssel. Den zweiten Kunden, mit der Kloschüssel, hatte ich um 1730 abgefertigt. Dass ich daher eine Europalette im Auto hatte, war ein purer Glücksfall, denn der Express und die Palette passten so schön zusammen, dass sich nur wenige Millimeter Bewegungsfreiheit ergaben. Dann konnten die Kurven ruhig kommen, ohne dass ich Schäden an der Beladung fürchten musste.
Und sie kamen. Mit Vollgas durch die vernebelte Eifel, nicht ganz mit Vollgas durch die Abschnitte, wo ich trotz voller Beleuchtung die Reflektoren der Straßenpfosten über 50 m weiter nicht sehen konnte. So mancher Beifahrer wäre dennoch sicherlich in Schweiß ausgebrochen und meine erworbene Ortskenntnis kam mir eindeutig zu Gute, vor allem, da der Navigator wegen des Nebels zeitweise die Fühlung zu seinen Satelliten verlor. Glücklicherweise kam mir auch nichts vor den Kühler, keine späten Wanderer, keine Füchse, Katzen oder Rehe, und auch keine Verkehrsschilder.

Punkt Sieben war ich am Ziel und händigte die Ware aus – unbeschädigt, wie der Empfänger zufrieden feststellte. Es handelte sich nicht um eine Keramikspüle, sondern um eine Sonderanfertigung aus massivem Stein im Wert von einigen tausend Euro. Der Empfänger war (zum Glück?) auch nicht der aufgebrachte Besteller, sondern dessen Sohn (in meinem Alter). Er sagte, er habe überraschend einen Anruf von seinem Vater erhalten, dass da noch eine Lieferung komme, angeblich falsch zugestellt, was denn nun damit gewesen sei? Um Gertrud nicht in Verlegenheit zu bringen, sagte ich nur, dass ich einen Konzentrationsfehler gemacht habe und entschuldigte mich in aller Form. Ich könne seinem Vater versichern, dass keinerlei Gesetze gebrochen worden waren und dass sich die Ware nie in der Gefahr befunden hatte, zu verschwinden. Der Sohn war damit zufrieden und wünschte mir eine gute Fahrt.
Rückweg auf der gleichen Strecke, ebenso schnell, obwohl ich trotz Bonbons und Orangensaft zeitweise Probleme hatte, meine Umgebung scharf zu sehen. Das hatte ich zuletzt auf der Rückfahrt von dem Messeabbau in Frankfurt, im Februar 2009. Zurück zuhause um 2015, Tageskilometerleistung: 529. Ich schaltete mein Telefon wieder an, weil ich es als Wecker benötige, und steckte es ins Ladegerät. Puck hatte mir eine SMS geschrieben, um mir mitzuteilen, dass er sich auf Mikes Anfrage bereit erklärt hatte, das Expresspaket an meiner Statt auszuliefern, da er viel weniger Kilometer gefahren sei, als ich. Ja, wo werd ich denn? Ich lasse doch andere Leute nicht die Suppe auslöffeln, die ich mir eingebröselt habe!