Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

15. Februar 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 8)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 14:09

Kommen wir nun zum Abschluss meiner Beschreibungen des ADR-Lehrgangs im Frühjahr 2013.

Auch als im Büro arbeitender Gefahrgutbeauftragter erlebt Herr Bach scheinbar genug. Da rief ihn eines Tages die Polizei an, weil ein Transoflex Fahrzeug nicht ausreichend gekennzeichnet gewesen sei: Den Beamten hatte missfallen, dass sich die orangefarbene Gefahrgutwarntafel an der Hecktür nach ihrem Empfinden nicht ausreichend vom ebenfalls orangefarbenen Transoflex Schriftzug oder den orangefarbenen „Rallystreifen“ abhob. Wozu, meinte Herr Bach zu dem Anrufer, sei wohl die deutliche schwarze Umrandung der Warntafel da? Und ob er denn auch konsequent alle Fahrzeuge der Stadtwerke rauswinke, wenn sie zwecks einer Instandsetzung eine kennzeichnungspflichtige Menge brennbarer Lackfarbe geladen hätten? Schließlich seien doch auch die deutschlandweit mit den Warntafeln farbgleich. Der Vorwurf wurde natürlich fallen gelasen.

Anderswo hatte sich ein Polizist Verkehrssicherheit und Umweltschutz zur vorrangigsten Aufgabe gemacht und ging so weit, täglich einige Hundert Meter vor dem Tor eines ToF-Depots ein Schild aufzustellen, das die Lieferfahrer pauschal dazu aufforderte, zwecks Kontrolle auf dem nächsten Parkplatz zu halten.
Haltenetz nicht heruntergezogen? Bußgeld.
Pakete nicht formschlüssig geladen? Bußgeld.
Gefahrgut nicht in der entsprechenden Box? Bußgeld.
Fahrt- und Kontrollnachweise vernachlässigt? Bußgeld.
Feuerlöscherplombe durch Unachtsamkeit entfernt? Bußgeld.
Frachtpapiere nicht vollständig oder nicht unterschrieben? Bußgeld.
Schließlich, als die Fahrer wussten, was kam und entsprechend penibel vorsorgten, ging er dazu über, die Transportsicherheit von Gefahrgutsendungen im Besonderen zu überprüfen, indem er feststellte, ob man noch ein Blatt Papier dazwischen einschieben konnte. Wenn Ja: Nicht formschlüssig – Bußgeld. Davon hatte der Konzern alsbald genug und man reichte eine Beschwerde ein, worauf die Schikane aufhörte.

Auch nicht schlecht war die Geschichte von dem Lieferfahrer, der auf winterlicher Fahrbahn auf einem Eisfleck weggerutscht und gegen einen Baum geprallt war. Der Schaden an der Fahrzeugfront war beachtlich und es war zu keinem Austritt gefährlicher Stoffe gekommen, aber der Fahrer hatte wohl einen Schock erlitten, denn während ein aufmerksamer Autofahrer den Unfall schon bald meldete und das Fahrzeug von der Feuerwehr gesichert werden konnte, wurde der Fahrer erst zwei Stunden später ziellos in der Gegend umherirrend aufgefunden.

Am allerirrsten fand ich die Geschichte, dass ein scheinbar radikaler Umweltaktivist einen Sprinter mit Radioaktiv-Kennzeichnung von der Straße abgedrängt hatte, weil er der Meinung war, es handele sich um einen Transport von Brennstäben in ein nahes Atomkraftwerk oder vom Atomkraftwerk in ein Zwischenlager. Dabei transportieren wir ausschließlich radioaktives Material zu medizinischen Zwecken – aber wer weiß das schon? Die Zeiten, wo Atomkraft als saubere Energie verklärt und anerkannt war, sind ja mittlerweile vorbei und dank entsprechender Berichterstattung in allen Medien geht Otto Normaldosenbiertrinker davon aus, dass „Radioaktiv = Teufelszeug“.

Ich weiß ja selbst nicht alles… so war mir zum Beispiel zwar klar, dass so genannte Alphastrahler nur wenig Reichweite besitzen, aber ich wusste nicht, dass sie auch so schwach sind, dass man die Strahlung mit einem Blatt Papier aufhalten kann. Gefährlich sind diese Stoffe nur bei dauerhaftem Aufenthalt im Gefahrenbereich mit entblössten Hautstellen – oder bei Aufnahme in den Körper, zum Beispiel als Staubpartikel in der Lunge oder im Verdauungssystem. Dann wirkt das Partikelchen konstant auf lebende Zellen in der direkten Umgebung und löst mit höchster Wahrscheinlichkeit Mutationen, also Krebs aus.
Man muss sich also darüber im Klaren sein, dass Strahlung nicht haften bleibt. Strahlung dringt gegebenenfalls durch das Gewebe und schädigt lebende Zellen. Das ist alles. Wird die Quelle entfernt, besteht mangels Strahlen auch keine Gefahr mehr. Nur aus psychologischen Gründen sei es angebracht, erläuterte Herr Bach, eine Zusammenladung von zum Beispiel Babybrei mit Plutoniumbehältern gegenüber den aller Wahrscheinlichkeit nach unwissenden Anwesenden im Eingangsbereich eines Krankenhauses zu verschleiern, zum Beispiel mit Hilfe einer kleinen Decke. Die könnten glauben, der Brei sei jetzt verstrahlt und schädlich für die neugeborenen Empfänger, während die einzige tatsächlich feststellbare Veränderung im Nahrungsmittel darin bestehe, dass die Joghurtkulturen „ausgedreht“ hätten.

Die Kursteilnehmer, etwa zwei Dutzend, waren allesamt Männer, und die meisten waren keine Leuchten, soll heißen: Menschen von völlig durchschnittlicher Bildung, von zwei oder drei Ausnahmen abgesehen, die den Schnitt unterboten. Ich habe mit dem einen oder anderen auch mal zwei oder drei Sätze geredet, aber zu mehr kam es nicht. Ich hatte den Eindruck, dass ich der einzige Teilnehmer war, der von seiner Firma quasi als Einzelgänger geschickt worden war. Die anderen kannten sich vom Arbeitsplatz her und es gab auch zwei, die früher mal im selben Unternehmen gearbeitet hatten. Die Hälfte der Leute bestand aus den Kindern oder Enkeln von Zuwanderern, darunter ein türkischer Deutscher Anfang Zwanzig, der mir wegen seines Kommunikationsverhaltens am Telefon auffiel, als er in der Mittagspause mit jemandem telefonierte, und das lief etwa so ab:
„(türkischtürkischtürkischtürkisch)? Ey, alles klar, (türkischtürkischtürkischtürkisch). (türkischtürkischtürkischtürkisch), weißt Du? Ey, ich schwör, (türkischtürkischtürkischtürkisch)!“
Als Linguist muss es einen in den Fingern jucken, entsprechende Studien zu machen.

Es war ein „deutscher Deutscher“ dabei, der entweder zu der Sorte gehörte, die gern vorgab, schlauer zu sein, als tatsächlich der Fall war, oder zu den Leuten, die es nicht ertragen konnten, ein Nichtwissen zuzugeben. Oder beides zusammen. Seine Kommunikationsstrategie zum Überspielen von Nichtwissen war dabei immer die gleiche:
„Stickstoff siedet bei -196° C und gefriert bei -210° C.“
„Ah ja, genau, absoluter Nullpunkt und so.“
Er wartete regelmäßig Aussagen und Antworten ab und gab dann durch solche Einwürfe vor, sich in genau dem Moment an eben jene genannten Details erinnern zu können. Es hätte ihn bestimmt keiner schäl angesehen, wenn er in solchen Situationen die Klappe gehalten hätte (ich weiß ja selbst nicht auswendig, bei welcher Temperatur Flüssigstickstoff transportiert wird, wozu auch?), aber er litt wohl an einem ausgeprägten Geltungsbedürfnis und ging mir auf den Keks.
(Abgesehen davon hat der so genannte Absolute Nullpunkt rein gar nichts mit dem Gefrierpunkt von Sticktoff zu tun.)

Ich muss aber gestehen, dass ich selbst ein bisschen überdreht war. Ich hatte schon völlig vergessen, wieviel Spaß es machen konnte, sich mal hinzusetzen und sich neues Wissen anzueignen. Ich fühlte mich pudelwohl und man merkte es wohl an meinen „Suggestionen“. Wir behandelten in einer Situation die Weisung, dass ein Fahrzeug mit Gefahrgut, gerade, wenn es sich um radioaktive Stoffe handelte, bei jedem Stopp zu verschließen sei, um eine unbefugte Entnahme durch Dritte zu verhindern, schließlich sei Terrorismus eine reale Gefahr. Herr Bach beschrieb dann eine Adresse in Köln:
„Da steht ein großer Gebäudekomplex, wissen Sie, um was es sich handelt?“
„Die Leichenverbrennungsanlage?“
„Nein, das Wasserwerk! (Was glauben Sie, was los ist, wenn einer eine Plutoniumkapsel aus Ihrem Wagen entwenden und sie in einem der Tanks versenken kann? Usw.)“
An anderer Stelle kamen wir auf Kaliumcyanid (auch als Zyankali bekannt) zu sprechen:
„Wofür verwendet man das?“
„Zum Selbstmord?“
„Ja, auch… in erster Linie braucht man es für Galvanisierungsverfahren in der Industrie.“
Mein rechter Nebenmann konnte ein Lachen nicht unterdrücken:
„Sag mal, was bist Du denn für einer??“
Ich war also auch nicht ohne in diesem Zusammenhang, hatte aber ganz andere unterbewusste Gründe dafür.

Unser Praxisunterricht bestand aus dem Betätigen eines Feuerlöschers. Da kam einer von der Feuerwehr, baute eine Anlage auf, die aus einer Gasflasche und einem angeschlossenen, aufrecht stehenden Rohr bestand, aus dessen Auslassöffnung das Gas strömte. Das Gas wurde entflammt und einer nach dem anderen sprühte es mit dem Feuerlöscher aus, worauf es jeweils erneut entzündet wurde, bis alle durch waren. Ich weiß nicht, ob diese Unterrichtseinheit einen großen Lerneffekt erzielte, aber immerhin hatte ich bis zu jenem Zeitpunkt noch nie einen Feuerlöscher bedient.

Als wir beim Radioaktivkurs angelangt waren, hatte sich die Anzahl der Teilnehmer deutlich verringert, schließlich braucht nicht jedes Fuhrunternehmen einen Spezialisten für dieses Feld. Wir waren dann noch sieben oder acht Leute und ich bemerkte anhand der unterrichtsrelevanten Äußerungen der anderen einen spürbaren Anstieg des Intelligenzquotienten im Kursdurchschnitt – die Kellerkinder waren nach dem Basiskurs zufrieden nach Hause gegangen. Leider erinnere ich mich nicht mehr an das Zahlenverhältnis von ethnischen Deutschen zu Migranten (oder deren Nachkommen).

Ein bisschen Sorge bereitete mir die Ankündigung, dass die Abschlussprüfungen (eine für den Basiskurs und eine für den Radioaktiv-Aufbaukurs) direkt im Anschluss an die letzte Unterrichtseinheit stattfinden würde. Das hieß ja, dass keine Zeit war, noch einmal das Wichtigste durchzugehen und das Aufgenommene einsinken zu lassen. Die Sorge erwies sich allerdings als unbegründet. Ein Großteil der Fragen ließ sich mit gesundem Menschenverstand beantworten, der Rest beinhaltete u.a. Fragen zur Bedeutung von Warnhinweisen.
Ich bestand beide Prüfungen problemlos und hatte lediglich eine Frage falsch beantwortet. Ich ging danach zum Prüfer und wollte wissen, um welche Frage es sich handele und was denn die richtige Antwort sei, aber er wies darauf hin, dass er diese Frage auf Grund der geltenden Regularien nicht beantworten dürfe.

Witzig war, dass mir just zu jener Zeit das Lied „Radioactive“ von Imagine Dragons auffiel, ich hörte es auf einer der Fahrten nach Köln zum ersten Mal, also wurde es mein persönliches Lehrgangslied und wollte mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ich verbinde es mit einer guten Phase inmitten einer arbeitszeitlich extrem anspruchsvollen Zeit.

Moralisch gestärkt kam ich also aus dem Lehrgang zurück und wartete darauf, entsprechend eingesetzt zu werden, doch es gingen weitere Wochen ins Land, ohne, dass sich irgendetwas in dem Bereich tat. Das heißt leider tat sich etwas anderes, was meine längerfristigen Hoffnungen dämpfte.

Dhalsim, neben Stranski und mir eine Stütze des von Peter erdachten Dispoteams, sprach mich eines Morgens am Band locker an und deutete an, sich im Rahmen von JP Transporte selbständig machen zu wollen (also als Sub-Subunternehmer, wie Peter und der Tourenfürst). Ich hätte doch was auf dem Kasten und er könne einen kühlen Denker als Partner brauchen.
Ich war zunächst irritiert. Woher kam dieser Plan? Hatte Peter seine Vorstellung von der Firmenreorganisation überhaupt mit jemand anderem als mir besprochen? Wusste davon irgendjemand was? Oder wusste Dhalsim nur mehr als ich? Diese Fragen verstörten mich, aber ich behielt sie für mich.
Ich lehnte aus anderen Gründen ab. Klar hätte ich nichts dagegen, mich als Fuhrunternehmer selbständig zu machen – aber nicht als Subunternehmer von JP Transporte, sondern bestenfalls bei Transoflex direkt. Ich hatte die Schnauze voll von schrottigen Autos und einer unfähigen, unwilligen oder – am ehesten noch – „angeleinten“ Werkstatt, der man, so meine Mutmaßung, aus Kostengründen von ober her verbot, Reparaturen auszuführen, die nicht TÜV-relevant waren. Wie anders sollte ich mir erklären, dass Kratzer und Beulen von den Verursachern zwar bezahlt werden mussten, die berechneten Instandsetzungen aber nie ausgeführt wurden?
Dhalsims Angebot jedenfalls war der erste Streich, und der zweite… folgte nicht sogleich, aber er folgte.

Zunächst spielte sich eine entscheidende „Begegnung“ mit meinen beiden Arbeitgebern ab, die sich an dieser Stelle gut macht, um die Skurrilität der Ereignisse der kommenden Monate für den geneigten Leser spürbarer zu machen, soll heißen: Man versteht mit diesen Informationen im Hinterkopf besser, wie ich mich bei all dem fühlte.

Im April waren die beiden noch voll überzeugt, das angedachte Dispoteam durchsetzen zu können, während ich wegen der sich mir darbietenden realen Verhältnisse bereits Zweifel hegte. Als Disponent musste man im Idealfall eine halbe Stunde vor den Fahrern im Depot sein, das heißt, zur Erinnerung, so gegen Vier Uhr morgens. In meinem Fall war das schwierig, da ich ja in Trier wohnte. Bei den aktuellen Arbeitszeiten bedeutete dies, dass ich um 0215 aufstand, um in Ruhe ein Frühstück zu mir nehmen zu können, und um Viertel nach Drei losfuhr, um um halb Fünf im Depot sein zu können.
Dispoarbeit hätte nun all das um eine halbe Stunde verschoben, Aufstehen um 0145, Abfahrt um 0245, das alles in der Hoffnung, durch die neuen Aufgaben vom Fahren etwas entlastet zu werden und zumindest mal wieder um 17 Uhr zuhause sein zu können – man erkennt an dieser Stelle also deutlich, wie bescheiden man als Paketfahrer in seinen Ansprüchen wird. Gerade dann, wenn man bedenkt, was für Arbeitskämpfe Mitte der 1980er stattgefunden haben, um (in der Metallindustrie) die 35-Stunden-Woche durchzusetzen. In der Paketlogistik wirken solche Forderungen wie Utopia, Schlaraffenland, Nimmerland und Wolkenkuckucksheim in einem: Eine 60-Stunden-Woche hätte mir schon zur Zufriedenheit gereicht.
Man fühlt sich an den Band „Asterix und Cleopatra“ erinnert, wo die Pyramidenbauarbeiter streiken – und zwar nicht etwa, weil sie höhere Bezahlung oder mehr Freizeit verlangen, sondern weil sie weniger Peitschenhiebe wünschen. Genau so kam ich mir manchmal vor. Nur ohne den Streik.

Mitte April also kamen Rama und Peter zu mir, um das Thema anzusprechen.
„Wann willst Du eigentlich umziehen?“
Meine letzten ernsthaften Versuche, eine Wohnung im Koblenzer Gebiet zu finden, lagen zwei Monate zurück.
„Ich will zuerst sehen, ob sich Euer Plan realisiert, sonst ziehe ich am Ende vergeblich um!“
„Hm, nein“, meinte Rama, „Du musst erst umziehen, sonst können wir Dich nicht so einsetzen, wie geplant.“ Denn es ging ja nicht nur um Büroarbeit, meine Aufgabe sollte auch darin bestehen, spontan bei Problemen einzuspringen, was natürlich schwierig ist, wenn man über eine Stunde weit entfernt wohnt. Und dann fügte er einen Satz hinzu, der so typisch ist für die Persönlichkeitsmerkmale, die ihn von seinem Bruder unterscheiden:
„Wenn das nicht so klappt, dann… müssen wir uns was anderes überlegen.“
Diese reichlich unverhohlene Drohung machte mich wütend, aber da diese zombiehafte Existenz mir immer noch besser erschien, als beim Arbeitsamt betteln zu gehen, forcierte ich das Vorhaben „Umzug“.

8. Februar 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 7)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 12:23

Ich muss noch eine Saarburger Geschichte hinzufügen. Da war ich in Irsch bei einem Arzt angekommen, kramte sein Paket hervor und schloss gerade die Hintertür des Sprinters, als ein älterer Herr in verdächtiger Kleidung auf die gleiche Eingangstür zuspaziert kam: Grüner Filzhut mit Gamsbart, grüner Lodenmantel, Bundhosen, grüne Wollstrümpfe, wanderfestes Schuhwerk, rustikaler Wanderstock. Ja, es fehlte nur noch die Flinte an der Schulter. Nach einem kurzen Blick auf mein amtliches Kennzeichen – es beginnt mit „WW“ – grinste er mich vergnügt an und sagte (wörtlich):
„Ah, Sie kommen aus ‚em Westerwald – da wer’n die Frau’n geknallt!“
Ich war erstmal zwei oder drei Sekunden sprachlos wegen dieser unerwarteten Obszönität und entgegenete dann „Nee, da pfeift mir der Wind zu kalt…“, holte mir meine Unterschrift von der Sprechstundenhilfe, und sah zu, dass ich wegkam.

Auch Stranski wollte mal Urlaub, und so kam es, dass uns, den verbliebenen „Trierern“, ein alter Bekannter über den Weg lief: Der Kurde. Richtig, das ist der Typ, der damals versucht hatte, in Komplizenschaft mit drei anderen Mitarbeitern, massenweise Elektronikware zu stehlen. Überführt hatte er alles zurückgegeben und kam mit irgendeinem nie durchgesickerten Deal ungeschoren (wenn auch fristlos entlassen mit Hausverbot im Trierer Depot) davon. Er fuhr dann zwei Tage Bitburg, weil er Peter diese Bitte scheinbar nicht abschlagen konnte. Dabei sei er hundemüde, erzählte er, da er eigentlich Spätschicht in einer Schlosserei arbeite und nach vier Stunden Schlaf nach Koblenz komme, um bis zum Nachmittag Pakete in Bitburg zu verteilen. Wohl auf Grund dieser Belastung kam es dann dazu, dass der Kurde nach zwei Tagen erlöst und durch mich ersetzt wurde.

Durch mich? Moment mal! Warum zum Teufel ich? Vor laaanger Zeit („vor dausendundeinem Jahr“, um es mal mit der Rhetorik eines Oberst Gerhardus auszudrücken) war ich mal mit Kelvin die Tour gefahren, im Spätsommer 2011, ich hatte sie also schon mal GESEHEN, mehr aber auch nicht. Es lief also wieder so, wie es immer gelaufen war: Ich erhielt morgens ohne Vorwarnung den Auftrag, eine mir unbekannte Tour zu fahren und bekam eine, na ja, halbwegs brauchbare Stoppsetzung, an der ich mich orientieren sollte. Natürlich wurden die ersten drei Tage zur reinen Katastrophe, weil nichts klappte und ich musste mir bei (damals noch) Toom einen Tadel vom berüchtigten Herrn Nörgel anhören, weil er seine Tchibo-Pakete nicht am Mittwoch, sondern erst am Donnerstag erhielt – niemand hatte mir gesagt, dass die bereits um 1300 zumachen.

Herr Nörgel stellte in jener Woche auch weiterhin klar, warum er einen Ruf als altes Ekel hatte: Ein offenbar neuer LKW-Fahrer fuhr an die Rampe und weil er scheinbar davon ausging, er müsse sich erst beim Lagermeister anmelden (ist ja vielerorts so), stellte er sich auf dieselbe, rief mangels Klingel in die offene Tür hinein und wartete auf den Lagermitarbeiter. Lagermitarbeiter Nörgel (irgendwo Mitte Fünfzig, Brille, einen Kopf kleiner als ich, hager, Schnauzbart) kam aus jener seiner Tür, fasste den Fahrer scharf ins Auge und forderte ihn unmissverständlich auf, hinabzusteigen:
„Runter von der Rampe! Sie haben hier nichts zu suchen!“
„Ich steh doch nur hier!“
„Das ist egal, sie haben hier oben nichts zu suchen, also runter da!“
„Das ist aber unhöflich…“ fügte der Fahrer noch leise hinzu und trollte sich dann.
Ich merkte mir also gut, die Laderampe überhaupt nur dann anzufassen, wenn es unbedingt notwendig war.

Es wurde im Laufe der kommenden Zeit, in der es mich wieder (und gleich für mehrere Monate) nach Bitburg verschlagen sollte, aber auch klar, dass Herr Nörgel seine Ungunst verteilte, je nachdem, wie sympathisch ihm der entsprechende Lieferant war. Ich habe die Gewohnheit, gerade grantige Kunden mit ausgesuchter Höflichkeit zu behandeln und bekam den Herrn Nörgel nach wochenlanger Bearbeitung dahin, dass er tatsächlich meinen Abschiedsgruß erwiderte (ich wünsche jedem Kunden einen schönen Tag – soviel Zeit muss sein). Auf die Idee, wie der UPS-Mann nach dem Ausladen tatsächlich (ungestraft!) auf die Rampe zu hüpfen, um die Unterschrift zu bekommen, kam ich allerdings nie. Und ich möchte zu guter Letzt noch hinzufügen: Der Umgangston des Herrn Nörgel mag hin und wieder ruppig erscheinen, aber prinzipiell macht er seinen Job richtig, denn er macht nicht lang rum und unterschreibt sofort, und er achtet darauf, dass Lieferanten in der Reihenfolge entladen, wie sie an seiner Rampe ankommen – keine Chance für Vordrängler.

Im März 2013 machte Peter sein Versprechen wahr und buchte mir einen Platz bei der ADR-Fortbildung. Das Akronym „ADR“ steht für „Accord Européen relatif au transport international des marchandises dangereuses par route“, offiziell übersetzt als „Europäisches Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße“. Ich sollte den Basiskurs und im Anschluss das Seminar über den Transport von nuklearem Gefahrgut besuchen, mit abschließender Prüfung, Kostenpunkt: 600 E.
Laut Kursplan waren mindestens 18 Einheiten Theorie zu je 45 Minuten vorgesehen, zuzüglich einer Unterrichtseinheit Praxis. Der Unterricht fand in der Transoflex DG Köln statt, jeweils samstags, von 0800 bis in den Nachmittag, inlusive einer Stunde Mittagspause, wenn ich mich nicht irre. Aber es ist schon lange her, und, wie ich bereits erwähnte, sind meine Notizen zur ersten Jahreshälfte 2013 verloren gegangen. Es erscheint mir jedenfalls nachvollziehbar, dass wir dreieinhalbe Tage Grundkurs und zwei Tage Aufbaukurs machten, genau weiß ich es leider nicht mehr.

Der halbe Tag jedenfalls bestand gleich aus einem Freitag, ich würde also nach der Tour sofort nach Köln fahren müssen. Zu jener Zeit war ich in Trier unterwegs, hatte gewissermaßen Glück – ich hielt schnell am Weidengraben an, aß etwas und machte das Auto übernachtungsfähig, weil Peter vergessen oder nicht vorgesehen hatte, mich in einem Hotel oder so unterzubringen. Die Planungen hierzu stotterten jedenfalls bereits im Vorfeld und ich teilte ihm schließlich mit, dass ich mich selber um die Angelegenheit kümmern würde. Ich nahm die Gästematratze, Bettzeug und den Reiskocher (zusammen mit Reis, Furikake und Mayonaise) und fuhr nach Köln.
Am Kölner Depot erklärte ich dem Wachmann meine Situation: Ich würde heute abend nicht mehr nach Trier fahren, nur um morgen in aller Frühe wieder herzukommen – ob es denn möglich wäre, auf dem gesicherten Firmengelände unterzukommen. Der Wachmann teilte mir in (nach meiner Erfahrung) ganz und gar un-wachmann-mäßig freundlicher Weise mit, dass dies auf Grund eindeutiger Vorschriften leider nicht möglich sei, aber ich könne problemlos die Waschmöglichkeiten für die Linienfahrer nutzen, für die eine Dusche vorhanden sei.

Peter hatte angekündigt, die Sitzung am Freitag Abend dauere nicht lange, ein bis zwei Stunden oder so, da würden nur der Kursplan besprochen und Formalia erledigt. Aber damit war’s nichts. Nach der Besprechung und den Formalitäten stiegen wir gleich ab etwa 19 Uhr bis 22 Uhr in den Unterrichtsstoff ein, quasi volle Pulle. Ich hatte mit einer Freundin aus Trierer Studentenzeiten ausgemacht, uns am Abend kurz zu treffen, aber das konnte ich vergessen. Wir erhielten ein Lehrbuch, neueste Ausgabe, weil wir der erste Kurs waren, der nach der neuesten Fassung der Gesetzesvorlage ausgebildet wurde. In Folge dessen bekamen wir nach erfolgreicher Prüfung auch keine „ADR-Scheine“ mehr, sondern eine Karte im Kreditkartenformat, inklusive eines biometrischen Lichtbildes (wobei ich feststellte, dass gar keine nicht-biometrischen Bilder für solche Zwecke mehr angeboten wurden). Das Gesicht wird für diese Bilder exakt frontal fotografiert und beide Ohren müssen zumindest theoretisch sichtbar sein. Auf keinen Fall dürfe das Kopfhaar ins Gesicht hängen, so wie bei einem Koblenzer Fahrer vor zwei Jahren. Seiner Beschreibung entnahm ich, dass es sich möglicherweise um den Michael-Jackson-Verschnitt handelte, dessen Auftritt bei der Weihnachtsfeier 2011 ich ja verpasst hatte.

Der Kurs sah übrigens für Frühstücks- und Mittagspausen etwas Verpflegung vor, belegte Brötchen und Getränke, da es in der Umgebung des Depots scheinbar keine Verpflegungsmöglichkeiten gibt. Wir wurden genau darüber belehrt, wieviele Brötchen und Flaschen uns zustanden, aber letztlich war es überflüssig, weil nicht jeder von den Brötchen aß, von daher waren für die anderen Teilnehmer mehr als genug da und niemand hatte Grund, sich zu beschweren, er sei zu kurz gekommen.
Ein bisschen Lachen musste ich nur wegen eines gleichzeitig im Gebäude stattfindenden Managerseminars, denn deren Catering machte einen viel appetitlicheren Eindruck als unseres. Wir bekamen gute, einfache Brötchen mit Käse, Wurst oder Hackepeter (also gewürztes Hackfleisch, für dessen Verfeinerung noch Zwiebeln gereicht wurden):

01 ADR Brötchen

Bei den Managern machten die Brötchen und Schnittchen zumindest optisch einiges mehr her:

02 ADR Managerbrötchen

Nach dem Unterricht ging ich Duschen, brauchte aber mangels Appetit den Reiskocher noch nicht, ich hatte in Trier gegessen. Auf der Ladefläche richtete ich das Gästebett her und ordnete ein paar verbliebene Pakete zu einer Ablage für meine Habseligkeiten. Dabei stellte ich fest, dass meine Telefonbatterie beinahe leer war – nicht weiter schlimm, wenn das Handy nicht auch mein Wecker wäre. Mit dem verbliebenen Ladestand würde das Gerät den nächsten Morgen nicht mehr erleben. Allerdings war es scheinbar so, dass der Wecker auch funktionierte, wenn ich das Telefon abschaltete, damit die Batteriespannung nicht weiter abnahm, aber ich war mir nicht sicher. Ich hatte jedoch keine Wahl, als es zu testen.

Der Wecker funktionierte in der Tat, erwies sich aber als überflüssig. Um sieben Uhr begann der Arbeitstag eines Wertstoffrecyclingunternehmens quasi neben meinem Bett und tonnenweise Altmetall wurden geräuschvoll auf dem Gelände abgeladen. Ich war auf einen Schlag hellwach, fuhr hoch – und die Alarmanlage des Sprinters ging los, weil ich die Schließanlage eingeschaltet hatte, um mich sicherer zu fühlen. Ich sprang also zum Lichtschalter hoch, es war saukalt im Laderaum, krallte mir hastig den Schlüssel und schaltete die Hupe ab. Ich habe in den kommenden Wochen darauf verzichtet, mich im Auto einzuschließen, aber ich blieb dabei, freitags nach der Tour nach Köln zu fahren, da es mir angenehmer schien, als samstags in aller Frühe fahren zu müssen. Es herrschten draußen aber halt Minustemperaturen, und ich spürte das nachts durch die Decke, da sonst um mich herum nur das Blech des Autos war.

03 ADR Unterbringung

Der Kursleiter, Herr Bach (Name natürlich geändert), zeigte sich weniger pedantisch, als man ihn mir beschrieben hatte. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an meine Schilderung der Begebenheit, als der Kurde auf genau diesen Lehrgang geschickt worden war und meine Freundin mehr oder minder scherzhaft mutmaßt hatte, das sei vielleicht Peters Wahl der Mittel, um ihn loszuwerden, da der Kurde fast grundsätzlich zu spät kam und bestimmt aus dem Kurs fliegen würde. Der Kursleiter war in der Tat streng, aber auch flexibel. Einer der Teilnehmer kam zweimal zu spät und erntete Missfallen, wohl am meisten wegen seiner fadenscheinigen Erklärungen, aber er schien nicht in Gefahr, gesperrt zu werden. Er zog es scheinbar selbst vor, zur dritten Sitzung nicht mehr zu kommen.

Herr Bach war ein Füllhorn interessanter Anekdoten. Er hatte wohl selbst als LKW-Fahrer angefangen und hatte sich mittels Fortbildungen in seine aktuelle Position hochgearbeitet, als Hauptverantwortlicher für Gefahrgüter bei Transoflex. Würde irgendeiner von uns beim Gefahrguttransport einmal Mist bauen, würde er es binnen fünf Minuten erfahren.
So erzählte er zum Beispiel, dass er mit einem Lastzug mit flüssigem Aluminium an einer eisglatten Steigung (er nannte auch die konkrete Stelle einer bestimmten Autobahn) ein Rückwärtsrutschen nur hatte verhindern können, indem er bei Vollgas die Räder drehen ließ, und glücklicherweise war die Fahrbahn so ausgewalzt, dass ihn die Spurrillen zur Seite hin festhielten.
Außerdem war er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und hatte bei einem Rettungseinsatz wegen einer Massenkarambolage auf einer Autobahn erleben müssen, wie die Gegenfahrbahn von haltenden Schaulustigen blockiert wurde und einer der Neugierigen ihn während der Erstversorgung eines Verletzten von hinten wegzuschieben versuchte, um ein Foto machen zu können.

Mein Vater hat selbst einmal mit dem LKW in einem solchen Stau irgendwo zwischen Saar und Odenwald gestanden und war irgendwann nach vorn gegangen, um zu sehen, warum der Verkehr stillstand, obwohl der Verkehrsfunk wissen ließ, dass sich der Unfall in der Gegenrichtung ereignet hatte. Auch in diesem Fall standen da Schaulustige, die mitten auf der Autobahn angehalten hatten. Er krallte sich einen davon und fragte ihn, was er glaube, hier zu tun? „Och… mal gucken…“ sagte er Angesprochene ziemlich unverbindlich, worauf meinem Vater der Kamm schwoll, also sagte er zu ihm, er werde jetzt die 200 m zu seinem LKW gehen und den Axtstiel hinterm Sitz hervorkramen, und wenn er dann hier zurückkomme und die Fahrspur nicht frei sei, werde er sein Auto kurz und klein schlagen. Der Verkehr kam binnen einer Minute wieder ins Rollen.
Einen solchen Extremfall habe ich selbst noch nicht erlebt, aber es passiert bei Blaulicht auf der Fahrbahn gegenüber immer wieder einmal, dass es zu einer Verlangsamung des Verkehrsflusses kommt, weil die Neugierigen zwar nicht stehen bleiben, aber das Tempo zurücknehmen, um wenigstens einen Blick auf das Geschehen werfen zu können.