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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

28. Juli 2013

Nebensächlichkeiten 2012 (Teil 2)

Filed under: Japan,Militaria,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 15:15

LINGOARMAGEDDON
Das ist natürlich nicht der Titel des interessanten Beitrags des Deutschlandfunks im Umfeld der Veröffentlichung des Worts oder Unworts des Jahres durch die Gesellschaft für Deutsche Sprache, der allerlei Anrufern die Gelegenheit gab, sich über den, so wörtlich, „Verfall der deutschen Sprache“ auszulassen.
Alle diese Diskussionen verlaufen gleich. Man beschwert sich über Anglizismen und andere, wenn auch seltenere ausländische Einflüsse, über Jungendslang und über die allgemeine Aufweichung von Grammatik und Satzzeichensetzung. Die Kritik ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, ganz klar. Wie viele Leute mit akademischer Bildung haben Kommata im Griff? Den Konjunktiv der indirekten Rede? Wie viele von denen kommen mit Genitiv und Dativ klar?
Eine Universität in Ostdeutschland hat sich gutes Deutsch auf die Fahnen geschrieben und verordnet ihren Jurastudenten Deutschkurse – man kann über viele Gebiete diskutieren, aber ich denke, dass die Sprache juristischer Darlegungen präzise sein muss, gerade mit Blick auf die indirekte Rede, von daher halte ich das für eine sehr gute Idee.
Wenn Uniabsolventen da Mängel haben, bedeutende sogar, und da nehmen sich weder Geisteswissenschaftler noch der Deutschlandfunk selbst aus, welche Standards kann man in der allgemeinen Bevölkerung erwarten? Nach dem, was ich so an schriftlichen Beiträgen im Internet lese… gar keine. Sprache ist, was funktioniert? Zumindest ist das auch die Ansicht einiger Linguisten, die ich selbst als radikal bezeichnen möchte.

Ich habe mir im Laufe der Sendung mehrfach den Kopf aufs Lenkrad schlagen wollen, weil die Argumentation so manchen Anrufers den einfachen Schluss zulässt, dass sie oder er von Sprache an sich überhaubt keine Ahnung hat, von der Entstehung und der phonetischen und lexikalischen Evolution derselben. Scheinbar hört das Denken vieler Zeitgenossen in einer romantisierten Vergangenheit auf, was sie zu der Meinung bringt, die deutsche Sprache (oder welche auch immer) sei wie Boticellis Venus aus ihrer Muschel quasi aus dem Nichts sofort in einen unmittelbaren Zustand der Perfektion hinein entstanden. An sowas kann man doch nur glauben, wenn man der Bibel die Geschichte vom Turmbau zu Babel 1:1 abkauft. Dass bei gewählter Ausdrucksweise kein Weg um lateinische und griechische Einflüsse herum führt, die ja wohl auch irgendwann das „reine Deutsch“ verfälscht haben, kommt solchen Leuten scheinbar nicht in den Sinn, und spätestens der Dreißigjährige Krieg mit seiner Massenzuwanderung von Söldnervolk hat nicht nur der arischen, sondern auch der linguistischen Eigenstellung des Deutschen einen deutlichen Dämpfer versetzt. Mich würde wirklich interessieren, in welchem Zeitraum jene Anrufer eine Goldene Zeit der deutschen Sprache ansetzen, und ihre Großväter würde ich gern mal fragen, was sie vor über 50 Jahren von den sprachlichen Eigenheiten ihrer damals jugendlichen Enkel hielten, die die heutigen Großväter sind.
Sprache befindet sich ständig im Wandel, und das haben spätestens die Brüder Grimm in ihrer hauptberuflichen Tätigkeit als Germanisten belegt, deren nach ihnen benannte Sammlung von Hausmärchen jenen Romantikern vielleicht und unter anderem als Vorlage für unverfälschtes Deutsch dient. Fremdsprachen haben sich in Grenznähe und entlang wichtiger Handelsrouten immer untereinander vermischt und in einem Zeitalter globalisierter Kommunikationsmittel und Massenmedien wird sich diese Vermischung dauerhaft auf einer viel breiteren Basis abspielen; sprachwissenschaftliche Schätzungen sind dahingehend, dass jede Woche eine eigenständige Sprache auf diesem Planeten ausstirbt: Die Geschichte vom Turmbau zu Babel liest sich in der Tat rückwärts realistischer.

PARTEINAHME
Kommen wir zu einem anderen sprachlichen Punkt, der mir in den Nachrichten immer wieder auffällt, und zwar Parteinahme gegen Personen mit schlechtem Image, wo doch eigentlich Objektivität angebracht wäre. Zumindest dachte ich einmal, dass Objektivität ein Qualitätsmerkmal guter Informierung sei.
Es geht mir konkret um das Wort „Machthaber“. Spätestens seit dem Arabischen Frühling, seit der Krise in Tunesien und in Libyen, die zum Sturz der dortigen Regierungen führte, findet dieser eindeutig negativ konnotierte Begriff einen geradezu inflationären Gebrauch, zumindest wäre mir die Verwendung des Worts „Machthaber“ in dieser Konzentration noch nie aufgefallen.

Personen, die einst „Präsidenten“, „Premierminister“, oder weiß der Teufel was waren, werden plötzlich zu „Machthabern“, und es stellt sich wie immer die Frage, ob jemand die Volksmeinung auf diese Weise lenkt, oder ob das öffentliche Image der betroffenen Personen die Medien dazu verleitet, ihre Objektivität aufzugeben. Nun gut, in dem Fall ist die Frage einfach: Woher, wenn nicht aus den Medien, erfährt das Volk denn von zumindest angeblichen Greueltaten der Herrschenden? Und die Eindeutigkeit der Lenkung der Volksmeinung als Absicht bei der Verwendung des Begriffs könnte klarer nicht sein – oder ist schon mal jemand auf die Idee gekommen, Frau Merkel als „die deutsche Machthaberin“ zu bezeichnen, die sie doch eindeutig ist?
Wie es scheint, gibt es derzeit nur zwei „Machthaber“ auf der Welt: Kim Jong-Un und Bashar al-Assad. In absehbarer Zeit wird Herr Putin wohl nicht vom „Präsidenten“ zum „Machthaber“ mutieren – das wird sich keiner trauen, Magnizkij und Nawalny hin oder her.

KLEINE WELT
Es begab sich zum Geburtstag einer Freundin in Saarbrücken, dass eine gemeinsame Bekannte, die wir vom Studium her kannten, sich dort ebenfalls einfinden würde, mit dem informativen Zusatz, sie werde mit ihrem Freund kommen. So weit, so nichtssagend.
Ich war dann mit meiner Liebsten früher dort, irgendwann klingelte es an der Tür und die beiden angekündigten Gäste kamen die Treppe hoch. Der besagte Freund schob sich in mein Sichtfeld und stellte sich den Leuten weiter vorne vor, und noch bevor er seinen Vornamen genannt hatte, war mein Unterkiefer bereits auf dem Weg Richtung Boden.
Der Typ aus Stuttgart hatte mit mir zusammen Grundausbildung in Cham gemacht, war dort der einzige gewesen, der bereits ein schmuckes Namensschild (vom Vater geerbt) hatte, während wir übrigen einen vorläufigen, handbeschriebenen Filzstreifen bekamen. Die Ausbildung „Retten und Bergen“ hab ich auch zum Teil mit ihm gemacht, und es ist gar nicht leicht, einen Kerl von knapp über 100 kg durch ein enges Stellungssystem und anschließend daraus heraus zu zerren. Immerhin habe ich ihn nicht aus der Oberluke des Zweieinhalbtonners hieven müssen (für sowas suchen sich die Ausbilder immer einen der schwersten Leute aus).
Auf den zweiten Blick hat er mich dann erkannt (während er nach meiner Wahrnehmung noch genauso aussieht, wie damals) und seine Freundin war auch nicht wenig geplättet. Sie hatte ein Praktikum bei BOSCH absolviert und war nach dem Studium für den Konzern nach Japan gegangen, wo sie denn meinen alten Kameraden kennen lernte, der für den selben Betrieb arbeitete. „Da hab ich erst nach Japan gehen müssen, um einen Deutschen zu treffen, mit dem man was anfangen kann.“ Dass jener Kamerad in Japan gelandet war, war scheinbar mehr dem Zufall geschuldet. Aber wieder einmal erwies sich die Welt als klein.

VERSCHWENDETES GELD
2012 war ich offiziell der Besitzer meines Elternhauses, und laut Überlassungsvertrag mit Nießnutzklausel war der Vorbesitzer, mein Großvater, dazu verpflichtet, die laufenden Kosten zu tragen – schließlich hatte ich es nicht dicke und ich wohnte auch nicht drinnen. Bedingt durch die fahrlässige Verarmung des Vorbesitzers kamen allerdings laufende Kosten auf mich zu, zumindest die Grundsteuern musste ich entrichten. Eine bittere Pille, spätestens zu dem Zeitpunkt, als klar wurde, dass ich das Haus eh würde verkaufen müssen und keine Investition mir mehr irgendeinen Gewinn bringen würde.

Noch etwas Geld verschwendete ich im Zuge einer Zahlungsaufforderung der Bundeskasse in Halle, die mich an meine BaföG-Rückzahlungspflichten erinnerte. Leider hatte ich vergessen, der Bundeskasse auch mitzuteilen, dass ich zwischendurch umgezogen war. Für die Ermittlung meiner neuen Adresse (zu dem Zeitpunkt noch in Trier) wurde mir eine Bearbeitungsgebühr in Höhe von 25 E berechnet, aber um die Rückzahlung an sich in Gang zu setzen, war mein Einkommen zu niedrig. Die Sache wurde also ein Jahr lang ausgesetzt, und diesmal vergaß ich weder die Anzeige meiner Adressänderung noch den sanften Anstieg meines Einkommens.

NEBEN-BERUFLICHES
Ich gehe hier auf ein paar Ereignisse ein, die indirekt mit meiner Arbeit zusammenhängen.

Ich war an einem Tag mal wieder bei einem meiner Tierärzte, und bei der Übergabe der Fracht riss einer der Kartons unten aus und der Inhalt lag auf der Ladefläche.
„Kein Problem,“ sagte der Tierarzt, „das geht nicht kaputt.“
„Was ist das denn für schweres Zeug?“
Er zeigte mir ein zylinderförmiges schwarzes Etwas von der Länge eines Zeigefingers.
„Das sind Magnete.“
„Wozu braucht man die als Tierarzt?“
Er nahm daraufhin ein längliches Arbeitsgerät von mehr als einem halben Meter Länge aus dem Regal; es machte einen stabilen Eindruck, aus hell oliv-farbenem Plastik, ich hätte es für eine Art Sonde gehalten.
„Hier vorne“, er berührte mit dem Zeigefinger eine Fassung an der Spitze, „klemmt man den Magneten rein, dann schiebt man es der Kuh in den Hals und fischt damit metallische Gegenstände wie Nägel aus dem Magen.“
„Wie kommen die Nägel in den Kuhmagen?“
„Och, die sind oft im Tierfutter mit drin…“
Mir fiel spontan die Häufigkeit von Zigarettenkippen im Vogelwinterfutter ein und mein Vertrauen in die deutsche Viehzucht sank ein weiteres Stück.

Interessant fand ich auch, dass ein Kuheuter nicht einfach nur ein Hautsack mit Milch drin ist, die sind tatsächlich in vier Kammern unterteilt. Ich wusste das nicht und war wieder für eine Erweiterung meines Allgemeinwissens dankbar.
Auch interessant: Ich hatte vor langer Zeit mal gehört, dass verschiedene Arten von Säugetieren mitunter unterschiedliche Körpertemperaturen haben und fragte Dr. P in Waxweiler.
„Ja, das stimmt,“ sagte der, „ein Schwein kann 41° Fieber haben und überleben!“
Einzelheiten konnte er mir leider keine nennen, denn ich hatte in der Schule mal was gelernt über die Gefährlichkeit von Fiebern, die daher kommt, dass das Körpereiweiß irgendwann zu warm wird und ausfällt, was den Stoffwechsel unmöglich macht, exitus. Warum hält Schweineeiweiß mehr aus als Menscheneiweiß? Ich habe gedacht, Eiweiß sei Eiweiß, was die chemischen Eigenschaften betrifft?

An einem anderen angenehmen Tag hatte ich eine weitere Begegnung mit dem Apotheker in Daleiden, den ich in bester Laune erleben durfte. Ich hatte Zeit und ließ mich auf einen Plausch ein, den ich bald bereute. Er sprach an, dass der Job als Lieferfahrer doch hart sei, und ich sei doch sicherlich noch nicht zu alt, was aus mir zu machen – ich könne doch das Abitur nachholen?
Touché.
„Nein,“ sagte ich, „brauch ich nicht, ich hab einen Hochschulabschluss in Geisteswissenschaften.“
Erstaunen, Rückfragen, Floskeln.
„Dann haben Sie Ihre Lebensplanung bestimmt nach Bauchgefühl gestaltet, das ist immer ein Fehler.“
Touché.
„Ich musste aber auch was aussuchen, wofür ich genug Interesse und Motivation aufbringen würde, um die Sache auch zu Ende zu bringen.“
Es folgte eine kurze Darstellung seines eigenen Lebenslaufs – er hatte wohl in Chemie promoviert und dann festgestellt, dass die sich anbietenden Arbeitsstellen nicht zu seinem Gefallen waren, und hatte ein Studium der Pharmazie inklusive erneuter Promotion angeschlossen.
„Wenn man bereits Chemie studiert hat, dann ist Pharmazie keine Herausforderung mehr“ sagte er. Mitten im Studium habe seine Frau dann eine Tochter zur Welt gebracht und das sei schon eine harte Zeit gewesen, in der sie an allen Ecken und Enden hätten sparen müssen. Mit der Apotheke hier habe er eine gute wirtschaftliche Grundlage, von der man bequem leben könne. Dann ging er zum Werdegang seiner Tochter über, die in den USA promoviert habe und dort einen Haufen Geld bei einem Pharmakonzern verdiene; er ließ sich auch nicht nehmen, Fotos am Monitor zu zeigen.
Dann wurde die Angelegenheit skurril.
„Gehen Sie doch in die USA. Das ist vermutlich das einzige Land auf der Welt, wo sie als reiner Geisteswissenschaftler tatsächlich Ihr Glück machen können. Suchen Sie sich ne hübsche Amerikanerin, werden Sie Staatsbürger und machen Sie was aus sich.“
Ich hätte ihm an der Stelle sagen können, dass die USA eines der letzten Länder der Welt seien, in denen ich leben möchte und hätte das mit der tief verwurzelten Religiösität und dem grotesk öffentlichen Patriotismus der Leute dort begründen müssen; das war mir allerdings zu umständlich, also sagte ich nur (mit dem höflichsten Lächeln): „Ich habe bereits eine Freundin hier, ich glaube, die hätte was dagegen, wenn ich mir eine hübsche Amerikanerin suchen würde…“
„Ach, von solchen Sentimentalitäten dürfen Sie sich nicht aufhalten lassen. Vergessen Sie die, die ist Ihnen nur ein Klotz am Bein. Hören Sie auf mich.“
Ich war einen Moment lang wie vom Donner gerührt. Dann lag mir die Frage auf der Zunge, ob er das damals, als armer Student, ebenfalls getan hätte, also seine Frau und sein Kind verlassen, hätte sich ihm die Möglichkeit einer möglicherweise lukrativen Emigration geboten? Ich sparte mir die Frage und dankte ihm höflich für das Gespräch, das ich nicht vergessen würde.
„Sehen Sie? Da haben Sie sogar noch etwas Lebenshilfe von mir erhalten,“ meinte er, drückte meine Hand und strahlte übers ganze Gesicht. Der meinte das ernst, ansonsten müsste ich ihn für einen hervorragenden Schauspieler mit bitterbösem Humor halten. Ich verließ die Kreuz-Apotheke völlig perplex und konnte immer noch kaum glauben, was ich da eben gehört hatte.

Zum Abschluss dieses Themas springe ich ins Frühjahr 2013: Die Arztpraxis in Daleiden verkündete ihren Umzug in eine Ortschaft mit besserer Infrastruktur, in Folge dessen war der Kreuz-Apotheke die Grundlage entzogen und der Dr.rer.nat gab die Einstellung des Betriebs bekannt. Ich bedauere dies für die dort beschäftigten Damen, die allesamt sehr nett sind, aber den Apotheker vermisse ich garantiert nicht.

HAARSTRÄUBEND
Mein Kollege Felix hat eine Art besten Freund, der scheinbar bei UPS arbeitet und mit dem er einen Teil seiner Freizeit verbringt, zum Beispiel sind die beiden in Damenbegleitung schon in Freizeitparks gefahren. Man sollte für solche Freunde dankbar sein, und ich bin dem Schicksal dankbar, dass ich mehrere solche Freunde habe.
Mir stand aber wirklich der Mund vor Erstaunen offen, als Felix mir erzählte, er sei mit eben jenem Freund, diesmal ohne Damenbegleitung, auf einer so genannten Furry-Con gewesen.
Das wäre nun das letzte gewesen, was ich dem eigentlich dauergefrustet und leicht verklemmt anmutenden Felix zugetraut hätte.
„DU warst auf einer Furry-Con??? Was hat Dich denn auf den Trichter gebracht???“
„Na ja, ich wollte da eigentlich nicht hin, aber mein bester Freund hatte zwei Karten und der andere war abgesprungen, also fragte er mich, ob ich stattdesen mit will. Wenn’s denn schon umsonst ist…“
„Du weißt schon, dass Furry-Cons in erster Linie wegen ihrer intimen Gelegenheiten bekannt sind, oder?“
„Ja… aber nur, wenn man das auch will…“
Leider rückte er nicht mit Details raus und eigentlich würden mich Fotos brennend interessieren, aber so weit bekam ich ihn dann nicht. Scheinbar doch zu intim.

19. Juli 2013

Nebensächlichkeiten 2012 (Teil 1)

Filed under: My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 12:14

Bevor ich endgültig zum Anbruch des Jahres 2013 komme, erst mal ein paar kleinere Dinge zum Einschieben, die auch nicht alle mit meiner Arbeit zusammenhängen. Also bitte nicht gleich die Haare raufen, wenn es heute etwas durcheinander zugeht.

UMZUGSHELFER
Ich habe zum Beispiel zwei Freunden aus China in meinem Bekanntenkreis beim Umzug geholfen und ich habe den vagen Eindruck, dass zumindest der erste dieser Umzüge noch 2011 stattfand. Es ist jedenfalls sehr lange her und ich habe nur eine Notiz in Form eines simplen Stichworts, ich weiß also so gut wie nichts mehr über den ersten Umzug, der nach Aachen ging. Schöner sonniger Tag, nicht zu heiß, wolkenlos.

Bei dem fraglichen Chinesen handelte es sich um den Ehemann einer mit mir befreundeten Japanerin. Er fuhr mit mir nach Aachen (und würde auch mit mir wieder zurückfahren, da er noch in Trier zu tun haben würde), sie würde eh noch eine Weile in Trier bleiben und bei einer Freundin wohnen, weil sie arbeitstechnisch scheinbar noch gebunden war. Ich hatte natürlich meinem VOrgesetzten Bescheid gesagt und verständigte mich mit ihm auf eine Kilometerpauschale in Höhe von 15 Cent, was der Summe entsprach, die er selbst an JP Transporte abgeben musste, wenn er ein bestimmtes monatliches Kontingent an Kilometern überschritt, von daher war das wohl duchaus fair.
Bei der Route wollte ich ein Experiment machen: Kürzeste Strecke versus Schnellste Strecke. Der Hinweg führte weitgehend über die Autobahn, es gab keinerlei Probleme mit dem Verkehr, keine Baustellen, keine Unfälle, freie Bahn für freie Bürger. In der Stadt machten wir kurz Halt bei Freunden des Ehepaars, um noch ein Schränkchen oder sowas aufzunehmen, dann ging es zur anvisierten Wohnung.

Bei der handelte es sich um eine von Chinesen, zwei Frauen und zwei Männern, alle im Alter gewöhnlicher Studenten, bewohnte WG. Für ein Ehepaar eindeutig eine Durchgangsstation. Aber gut. Die Bewohner waren sehr nett und bereiteten etwas ganz einfaches zu essen zu, eine Portion Reis mit Gemüse, Pilzen und ein wenig Fleisch. Ich hätte nichts anderes erwartet bei Studenten, die wenig Geld zum Leben haben (Reis gilt selbst in China als das Grundnahrungsmittel der Unterprivilegierten, derer, die nichts besseres bekommen), aber es schmeckte und war sättigend.

Es hätte aber in der Tat noch besser sein können, wie wir im Laufe des multilingualen Gesprächs feststellten. Die stammten nämlich alle aus einer Provinz, ich habe vergessen, welche, in der Nudelgerichte verbreiteter sind als Reis und ich erwähnte scherzhaft, dass ich für eine gute Nudelsuppe zu töten bereit sei. „Schade, eine Nudelsuppe wäre auch kein Problem gewesen,“ meinte die Köchin bedauernd. Und damit nicht genug: In ihrer Heimat ist scharfes Essen an der Tagesordnung, aber es hatte ja niemand wissen können, dass ich gern scharf aß. Schade, eine Doppelgelegenheit verpasst.

Für den Rückweg forderte ich den Navi auf, mir die kürzeste Strecke zu zeigen. Das hätte ich bei feuchtem Wetter nicht getan, weil ich ja weiß, dass der Hersteller auch unbefestigte Feldwege in der Rubrik „Straßen“ eingeordnet hat.
Also Bundes- und Landstraßen. Das war aber nicht schlimm, denn nach etwas unbekanntem Gelände im Aachener Umland landete ich bald auf der B51, die in unmittelbarer Nähe von Hallschlag und Reuth nach Trier verläuft – mein ehemaliges Zustellgebiet. Diese Art von Heimvorteil machte die Abweichungen, die ich von der Bundesstraße nehmen würde, zu einem durchaus kalkulierbaren Risiko. Wir fuhren also auch Feld- und Waldwege, die meinen Fahrgast dann und wann aus seinem Schlummer rissen, wenn eine Ansammlung von Schlaglöchern ein sanftes Umfahren unmöglich machte. Ich kannte diese Wege ja alle, ich war mir nur nicht sicher, welche der Navi aussuchen und welche er ausklammern würde.

Auch die Rückfahrt verlief also entspannt und ohne Probleme, und sie dauerte nur unwesentlich länger als die Hinfahrt, die natürlich mit einer deutlich höheren Durchschnittgeschwindigkeit absolviert worden war.
Letztendlich möchte ich erwähnen, dass ich großzügig bezahlt wurde, jenseits der von mir pauschal anberaumten Summe von 10 E pro Stunde, die ich für mich erbeten hatte.

Es muss dann wohl tatsächlich etwa ein Jahr später gewesen sein, denn es war mal wieder Sommer, dass eine weitere chinesische Bekannte aus beruflich Gründen umziehen musste – ans andere Ende der Republik, nach Barleben, und das liegt einen Katzensprung nördlich von Magdeburg, also nur unwesentlich westlich von Berlin. Sie hatte dort einen Zeitvertrag als Lehrerin an einer freien Schule erhalten und sie und ihr Mann brauchten wohl das zweite Einkommen. Er war zu dem Zeitpunkt Doktorand an der Uni Trier und hatte daher nicht die Zeit, einer Vollbeschäftigung nachzugehen. Auch dieses Paar entschloss sich also zu einer Fernbeziehung.

Um Dunstkreis dieses Umzugs stellte ich fest, dass die eben besagte Chinesin und die zuvor angesprochene Japanerin befreundet sind… nun ja, angesichts dessen, was ich über die soziale Vernetzung von Chinesen im Ausland eigentlich wusste, hätte es mich wundern müssen, wenn sie sich nicht zumindest gekannt hätten.
Es halfen einige Leute beim Einräumen des Wagens, darunter auch Studenten des Ostasieninstituts, aber alle mit Schwerpunkt China. Lustig war, dass einer davon mit einer mir bekannten, aus Japan stammenden Apothekenhelferin befreundet war. Wer also Apothekenkunden mit exotischen Sprachkenntnissen erstaunen will, muss bei Medikamentenbedarf entweder zum Viehmarkt oder in die Gartenfeldstraße gehen.
Wie dem auch sei: Der Wagen wurde im angesetzten Zeitrahmen gepackt, einen Tag vor der Fahrt selbst, und darinnen bewegte sich nichts, rein gar nichts. Die Packung war eindeutig meiner würdig, um es mal so auszudrücken.

Morgens um Fünf ging es los. Autobahn Richtung Koblenz, dann vorbei an Kassel, von wo aus eine hervorragend ausgebaute Autobahn in Richtung Berlin führt, mit durchgehend drei bis vier Fahrspuren pro Richtung, ohne uns dabei irgendwo um Abfahrten kümmern zu müssen, mal abgesehen von Magdeburg selbst. Das Wetter spielte voll und ganz mit, zumindest die meiste Zeit und die ganze Fahrt über. Wolkenloser Sonnenschein lag über der Republik, aber es war auch entsprechend warm. Irgendwo auf dem Weg fiel mir ein KAUFLAND-Depot auf, was sicherlich eines der größten Gebäude war, die ich jemals mit eigenen Augen gesehen habe.

In Barleben angekommen, sollten wir von zwei hier wohnhaften Studenten aus China unterstützt werden, die aber noch nicht bereit waren. Wir waren wohl auch ein wenig zu früh, den anberaumten Puffer für Eventualitäten hatten wir nicht gebraucht.
Ich bekam also ein bisschen das Städtchen und die zukünftige Arbeitsstätte gezeigt, und abgesehen von einzelnen vernachlässigten Gebäuden befand sich die Ortschaft in einem aufgemöbelten Zustand, der Soli kam hier scheinbar an.
Als wir dann bei einem Dönermann aßen, meldeten sich die beiden Helfer, sie würden sich gleich zu uns gesellen. Es handelte sich um zwei sympathische junge Männer Anfang Zwanzig, die in Magdeburg studierten. Der Zeitraum, in dem wir da saßen, war dann letztendlich die einzige Phase des Tages, in der sich Wolken vor die Sonne schoben und ein paar Regentropfen vom Himmel fielen, aber das klärte sich wieder, sobald wir uns an die Arbeit machten.

Die Wohnung, die es einzuräumen galt, befand sich im dritten Stock (Dachgeschoss) eines Reihenhauses, das scheinbar dem Betreiber eines Seniorenheims gehörte. Das Seniorenheim befand sich im gleichen Komplex, der Hausmeister desselben war zuständig für Wasser und Strom und wir bekamen ein paar Reinigungsutensilien von der Belegschaft zur Verfügung gestellt.
Ich verordnete der zu bewältigenden Arbeit das gleiche System, das sich vor langer Zeit einmal in Euren bewährt hatte: Wir stellten gemeinsam ein paar Sachen, quasi als „Pool“, in das Treppenhaus, dann ging es etappenweise weiter. Einer trug die Sachen vom Auto ins Treppenhaus, wo jeder andere ein Stockwerk zugewiesen bekam, das er oder sie zu bewältigen hatte. Als das Auto leer war, verlagerte sich die Kette nach oben; meine chinesische Bekannte konnte sich nun um die Organisation des Stauguts im Wohnraum kümmern, während wir übrigen die Lasten jeweils ein Stockwerke nach oben hievten.

Währenddessen kam es nur zu einem einzigen Unfall, der leider Bruch produzierte. Einer der Jungs hob eine Kiste an den dafür vorgesehen Griffen, der Boden gab unter der Masse des Inhalts nach und eine Weinflasche zerbrach auf der Treppe. Zunächst mussten wir also Eimer und Besen im Seniorenheim besorgen, weil solche Getränke sich bei der gegebenen Temperatur schnell in effektiven Kleister verwandeln. Eine zusätzliche Sache, über die wir lachten, gab es aber dennoch: Einer der beiden Helfer hatte am Abend zuvor zu kräftig gebechert und von den aufsteigenden Alkoholdämpfen wurde ihm sofort kotzübel. Er behielt sein Essen zwar bei sich, musste aber ein paar Minuten aussetzen, bis die Atmosphäre im Treppenhaus für ihn wieder atembar war.

Am Nachmittag, es war wohl noch vor Vier, war die Sache erledigt und ich machte mich bereit, dieses Mal den Rückweg allein anzutreten.
Das Highlight der Rückreise sollte ich aber nicht unterschlagen… ich stand irgendwo im Stau – bei Köln wohl, denn ich erinnere mich, dass der Stau vom Feierabendverkehr eines Ford-Werks herrührte. In eben jenem Stau jedenfalls kam ich hinter einem Bus der Bundeswehr zu stehen, und auf der Rückbank fand sich eine Handvoll Offiziersanwärterinnen, alle blond und gut aussehend. Die versuchten, mit mir zu kommunizieren, aber sie hatten nur Kugelschreiber und A5 Zettel, deren Aufschrift ich durch die leicht getönte Scheibe des Busses nicht habe erkennen können. Ich hatte einen Filzstift da, aber irgendwas hielt mich zurück, der vergnügt lächelnden Rückbankbesetzung meine Telefonnummer zu geben. 🙂

Ich wurde auch für diesen Freundschaftsdienst großzügig bezahlt, aber in einem Punkt konnte ich meiner netten Arbeitgeberin nicht nachkommen: Ich konnte Ihr keine Rechnung geben, wie sie das Finanzamt gern gehabt hätte (denn beruflich bedingte Umzüge kann man voll von der Steuer absetzen). Ich hatte ihr ja nur einen Freundschaftsdienst erwiesen, und auch die Überlassung des Transporters für den Umzug war aus diesem Winkel zu betrachten. Alles, was ich letztendlich tun konnte, war, ihr eine formlose Bestätigung der von ihr geltend gemachten Kosten auszuhändigen, in der Hoffnung, dass die Steuerbehörde etwas solches akzeptieren würde.

DAS BROT
Kommen wir von chinesischen Freunden und Bekannten zu Brot. Wollte ich einen Zusammenhang erzwingen, würde mir als erstes „Chinesenhaar“ einfallen. In den alten Zeiten handelte es sich – zumindest angeblich – um eine legitime Zutat zu industriell hergestelltem Brot, ja, auch in Deutschland, die man des Aromas wegen in Pulverform zusetzte. Verdirbt einem den Geschmack? Na ja, vielleicht war es besser, dass die Allgemeinheit davon nichts wusste. Glücklicherweise (?) fand sich irgendwann ein künstlicher Aromastoff, der den Export von Friseurprodukten aus dem Reich der Mitte überflüssig machte.

Also gut, ich wollte von Brot sprechen. Genauer von meinem Brotbackautomaten. Vor einigen Jahren hatte ich einen von Volker ausgeliehen. Mir gefielen die Resultate, also besorgten wir selber einen günstigen gebrauchten. Der lief oft nachts, was uns für ein Frühstück warmes und frisches Brot lieferte. Feine Sache, also war ständig eine kleine Ansammlung von Brotbackmischungen aus dem Supermarkt vorrätig.
Nach einigen Monaten, ich glaube, meine Freundin war damals wegen einer Fortbildung in Saarbrücken, stellte ich abends wieder das Gerät ein und legte mich ins Bett, in der Hoffnung, dass mich das Lautsignal der Maschine, das das Ende des Backvorgangs anzeigte, nicht wecken würde.
Stattdessen erwachte ich irgendwann, weil ich eine Art Knall gehört zu haben glaubte. Ich stand auf, ging ins Esszimmer, schaltete das Licht ein und sah mich um, da ich davon ausging, dass irgendwas heruntergefallen war. Ich fand aber nichts, also ging ich wieder schlafen.

Vielleicht lag es an dieser Unterbrechung meiner Nachtruhe, dass ich nicht tief genug schlief, um die Backmaschine zu überhören. Also gut, ich stand erneut auf, um die Nervensäge abzuschalten und das Brot aus der Form zu nehmen; ließ man das Brot darinnen, passierte es in der Regel, dass die langsame Abkühlung Feuchtigkeit anzog und die Kruste aufweichte, das musste ja nicht sein.
Als ich die Form stürzte, kam mir allerdings kein Brot, sondern weicher Teig entgegen. Was war passiert? Ich kam auf keine plausiblere Lösung, als dass ich versehentlich irgendeinen Bedienfehler angerichtet hatte. Ich klemmte die Form samt Teig erneut zum Backen in das Gerät, achtete sorgsam auf die Einstellungen, und legte mich Schlafen. Es war so gegen vier Uhr morgens.

Nach der regulären Backzeit weckte mich der Automat erneut piepend durch die geschlossene Tür, erneut sah ich nach meinem Brot und fand ebenso erneut nur rohen Teig. Hm. Ich besah die Backmaschine: Warum war mir vor etwa zwei Stunden noch nicht aufgefallen, dass die Röhre kalt war? Dabei sollte der Backvorgang doch eben erst beendet worden sein. Das ließ mir als Laien nur einen Schluss zu: Was ich zuerst gehört hatte, war nicht etwa das Geräusch eines herabgefallenen Gegenstands, sondern ein Kurzschluss im Gerät, der interessanterweise alles außer den Heizstäben intakt gelassen hatte; die Digitalanzeige funktionierte, die Leuchtanzeigen funktionierten, die Knethaken versahen treu ihren Dienst.

Ein paar Wochen später kam ein neuer Backautomat ins Haus, aber es handelte sich ein Modell mit nur einem Knethaken am Boden einer tiefen (anstatt breiten) Backform, das mich nicht zufriedenstellte, und damit endete die einige Monate andauernde Phase des Brotbackens. Ich sollte im Nachhinein auch ganz dankbar sein, dass jener Kurzschluss der Maschine damals mit einem deutlichen Knall den Garaus gemacht hatte, anstatt heimlich, still und leise. Schließlich hätte mir damals im Schlaf auch die Bude abfackeln können…