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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

29. April 2011

… und wieder Jobreisen

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 22:26

Eigentlich war ich bereits am 21. April unterwegs, um bei Key-Systems in St. Ingbert vorstellig zu werden, aber so Aufsehen erregend war die Sache nicht. Das Wetter war schön, der Zug fuhr in einem Stück durch, die Adresse unweit vom Bahnhof war schnell zu finden.
Obwohl… es muss ja immer was sein:
Als ich mich auf den erstbesten Platz setzte, merkte ich schnell, dass es dort nach Dixiklo roch.
Ich setzte mich ans andere Ende des Waggons, aber dort ging die Tür zwischen den Wagen scheinbar nicht zu und es war unangenehm laut.
Ich setzte mich in den nächsten Wagen, und kaum, dass ich dort saß, konnte ich sehen, wie sich die eben noch widerspenstige Tür sanft schloss…

Ich glaube, ich habe mich rhetorisch weit besser geschlagen, als zum Beispiel in Oberammergau, aber das lag nicht an meiner bereits verbesserten Vorbereitung. Die Art des Gesprächs passte einfach zu meiner Vorstellung von Kommunikation. Aber irgendwie schien das, was ich konkret vorbereitet hatte, wieder nur ungenügend gefragt zu sein. In Abwesenheit genauerer Informationen in Bezug auf den Job, den ich machen wollte, hatte ich mir die Eckdaten der Firma eingeprägt und mir ein paar Interna zurecht gelegt, die ich einstreuen konnte. Darüber hinaus hatte ich diesmal eine genau festgelegte Auflistung von Dingen, die ich als meine Stärken angeben konnte, und sogar, falls man danach fragen sollte, Schwächen im Hinterkopf. Stattdessen war die Frage nach dem, was ich über Firma wusste, recht schnell erledigt, weil ich ja nicht als Chronist, sondern als Mitglied des so genannten Fulfillment Teams an der manuellen Dateneingabe und Domainregistrierung arbeiten würde.

Ich glaube zwar, dass es mir geschickt gelungen ist, mein Wissen über die Firma einzustreuen („Dieser Mitarbeiter ist gerade nicht da, weil er in Vietnam ist.“ „Ich nehme an, er will dort die neue Toplevel-Domain .vn an den Mann bringen?“), aber in einem Punkt lasse ich meine Gegenüber regelmäßig zwangsweise im Dunkeln: Bei meiner Motivation genau da zu arbeiten, wo ich mich gerade bewerbe.
Zum einen sollte jedem klar sein, dass ich überhaupt arbeiten möchte, weil ich Geld brauche, aber das lasse ich unausgesprochen, weil ich damit bereits schlechte Erfahrungen gemacht habe. Stattdessen kann ich meine persönlichen Lebensumstände nennen, da gehört die Rückzahlung meiner Schulden natürlich ebenso dazu wie die Sorge um die allein lebenden und immer seniler werdenden Großeltern, und mein Wunsch, für einen sympathischen Arbeitgeber zu arbeiten. Aber: Ich glaube, das ist irgendwie eine Nebensache. Es läuft scheinbar darauf hinaus, dass man vom Bewerber erwartet, dass er oder sie eine fachliche Motivation hat, hier oder da zu arbeiten („Ich würde gern hier arbeiten, weil ich dies und das gelernt/studiert/gearbeitet habe und würde mich jetzt gern weiterentwickeln.“).
Ist bei mir ja ganz klar nicht der Fall. Ich bin das, was man einen Quereinsteiger nennt, es spricht nicht für mich, dass ich mir die Grundlagen meiner kommenden speziellen Verwendung erst aneignen muss, während es oft genug Bewerber gibt, die bereits aus einem spezialisierten Feld kommen und nur noch die für die Firma bedeutenden Details lernen müssen.

Egal, viel typischer war die Fahrt am 28. April zu Unilux in Schweich.
Ich sehe da auch ein Muster: Saarwellingen, St. Ingbert, Salmtal.
Der Anfangsbuchstabe häuft sich diesen Monat.

Salmtal? Ja, da bin ich am 28. April hingefahren, ein Tag, der kühl und regnerisch begann, was mich zwang, Jacke und Schirm einzupacken. Kurz bevor ich die Wohnung verließ, goß es in Strömen. Der Regen hörte auf, als ich im Bus saß, aber kühl blieb es vorerst.
Am Bahnhof wollte ich noch schnell ein Ticket lösen, aber der Automat sagte mir, er akzeptiere höchstens 10 E Scheine, und ich hatte nur einen Fünfziger. Die Dame vom Snackladen hatte kein Wechselgeld, in der Kasse der Bäckerei war auch nichts zu holen, und auch der Buchladen gab mir einen Korb. Zwei Minuten vor Abfahrt gelang mir der Wechsel dann endlich im Reisezentrum, ich verbrachte eine quälend lange Zeit damit, meine Fahrkarte zu lösen (immerhin akzeptierte der Automat sofort das Geld, ohne Zicken zu machen), und ich konnte in den Zug springen, Sekunden vor der Abfahrt.

In Salmtal wollte ich zur Firma Unilux, bekannt als Hersteller von Fenstern. Eingeladen hatte mich die Zeitarbeitsfirma Tempo-Team (früher Team BS) und ein Herr S. zeigte so viel Einsatz, mich dreimal anzurufen, nachdem ich in zwei aufeinander folgenden Wochen keine Zeit für die Betriebsführung hatte.
Salmtal selbst kenne ich nur vom durchfahren, mit dem Zug, weil es auf der Strecke nach Wittlich liegt, wo ich anno 2005 eine Umfrage (oder vielleicht eher eine Aufmerksamkeitskampagne) im örtlichen Baumarkt gemacht hatte. Streng genommen gibt es dort keinen Bahnhof, denn es handelt sich nur um einen mehr oder minder kundenfreundlich ausgebauten Bahnsteig mit einem kleinen Unterstand, in dem der Fahrkartenautomat untergebracht ist.
Herr S. nun hatte mir mitgeteilt, dass es einen Fußweg vom Bahnhof den Hügel hoch zur Firma gebe, und dass die Sache gerade mal zehn Minuten in Anspruch nehme, und die Führung beginne flexibel zwischen 1400 und 1430. Im Vertrauen darauf unterließ ich es, mir mittels einer Landkarte die geografischen Gegebenheiten einzuprägen, und wenn es so nah war, konnte ich mir ja eine schnelle Wegbeschreibung von einem Anwohner besorgen.

Ich stieg um 1349 aus, die Wolkendecke öffnete sich immer mehr, und dem entsprechend wurde es wärmer. Ich stopfte die Jacke in den Rucksack. Der Hügel war da, wie beschrieben. Grüne Wiesen mit Blumen, soweit das Auge reicht. Da war auch ein Weg, aber der schien nur zu einer Art Bauernhof zu führen. Um sicherzugehen, wollte ich die Option der Anwohnerbefragung in Anspruch nehmen.
Nun fand ich aber erst mal keinen, und der erste Laden, an dem ich vorbeikam, hatte geschlossen. So landete ich um drei Minuten vor Zwei in einer Filiale der Volksbank. Ich fragte eine Dame dort nach dem Weg, worauf sie mich entsetzt ansah.
„Ach Gott, ich kenn mich hier doch auch nicht aus…“
Sie steckte den Kopf in einen Büroraum, aus dem daraufhin eine weitere Angestellte herauskam und mir mitteilte, dass ich die Hauptstraße Richtung Selehm entlang gehen sollte, und in fünf bis zehn Minuten könne ich das Werk dann links sehen.

Als ich den Weg nach Selehm dann zehn Minuten lang gegangen war und nichts in Sicht war, was irgendwie nach einem Werksgelände oder überhaupt nach einem Gebäude aussah, verstaute ich wegen der einsetzenden Hitze auch meinen Pullover im Rucksack, kehrte wieder um, und wiederholte um etwa 1415 meine Frage im Büro eines Brötchenherstellers.
„Da sind Sie hier ganz falsch. Gehen Sie die Hauptstraße in den Ort hinein, an der Apotheke vorbei, über die Brücke, bis zum Kebapladen. Dort biegen Sie rechts ein und gehen immer geradeaus, dann können Sie’s nicht verfehlen.“
Das war die entgegengesetzte Richtung. Ich beschloss, mir die beiden von der Volksbank vorzuknöpfen, wenn ich wieder zurückkam, aber leider kam es nicht dazu.

Die zweite Wegbeschreibung passte. Es dauerte allerdings über 20 Minuten, bis ich ankam, und sah mich schon mit verbissenem Gesicht darum bitten, mir wenigstens zu bestätigen, dass ich da gewesen war, wenn ich die Führung schon verpasst hatte, um auf meinen Auslagen von über 17 E für die Fahrt nicht sitzen zu bleiben.
Der Pförtner schickte mich ins Hauptgebäude, und in der kleinen Vorhalle standen drei Leute in Arbeitsklamotten und einer im Anzug. Das war die Gruppe, die ich suchte, nur war es nicht der Herr S., sondern ein Herr M., bei dem es sich um den Filialleiter der Tempo-Team Niederlassung in Trier handelt. Viel älter als ich kann er nicht sein.

Er nahm die Unterbrechung gelassen, bot mir an, meinen Rucksack und den Schirm in seinem Auto unterzubringen und mich im Anschluss mit nach Trier zu nehmen.
„Haben Sie schon mal in Zeitarbeit gearbeitet?“
„Ja… das war 2006.“
„Was haben Sie denn zwischendurch gemacht?“
„Einen Universitätsabschluss.“
„Sie haben einen Uniabschluss? Was haben Sie denn studiert?“
„Sprachen… Japanisch und Englisch.“
„Warum hat der Herr S. Sie dann hierher geschickt? Sie wären in einem Bürojob doch viel besser untergebracht!“
„Vermutlich, weil ich Erfahrung im Lager-, Liefer- und Produktionsbereich habe…“
„Die Firma Dunlop in Wittlich braucht möglicherweise jemanden wie Sie… ich werde mal nachfragen. Suchen Sie denn was dauerhaftes oder nur was für zwischendurch?“
„Wie darf ich das verstehen?“
„Wie lange würden Sie denn hier arbeiten wollen?“
„So lange, bis ich was besseres finde.“
Zwei der drei Leiharbeiter lachen laut, Herr M. grinst.
„Ja, was soll ich sagen? Ich will bestimmt nicht bis zur Rente Fenster schrauben.“

Wir fingen daraufhin mit der Betriebsführung an und sahen, wie aus Holzlatten, Alustücken, Lack, und simplen Glasscheiben Hi-Tech-Fenster mit Dreifachverglasung werden.
„Diese Scheiben werden nicht anlaufen, weil die Temperatur von Außen die Innenfläche nicht soweit abkühlen kann, dass die Feuchtigkeit aus der Atemluft zum Beispiel darauf niederschlagen kann. Eher werden Ihre Wände schimmlig,“ erfuhren wir dabei.
Man lege außerdem Wert darauf, dass jeder Mitarbeiter, mit Ausnahme der Facharbeiter, durch alle Abteilungen rotiere, damit er nicht jeden Tag, Woche für Woche und Monat für Monat, immer das gleiche mache. Natürlich sei auch nicht jeder für jede Abteilung voll geeignet, manche Arbeiten seien nun mal körperlich belastender als andere. Es sei also klar, dass man ältere Mitarbeiter von den schwersten Arbeiten fernhalte, und auch, dass mal etwas zu Bruch ginge.
„Sie werden aber nicht gleich rausgeworfen, wenn Sie zum Beispiel so eine Scheibe kaputtmachen,“ sagt Herr M. und deutet auf ein Rohexemplar von mehreren Quadratmetern, „der Abteilungsleiter weiß, das sowas mal passiert und sieht das ganz locker.“ Dabei deutet er auf die blauen Container im Hof, die voller Bruchglas sind.
„Wir hatten hier im ganzen vergangenen Jahr auch nur einen ernst zu nehmenden Unfall; ein Mitarbeiter hat einen Scheibentransportwagen zu schwungvoll gezogen, worauf der gegen seinen Fuß rollte, leider hinter dem Teil, wo die Stahlkappe sitzt, und brach ihm den Mittelfußknochen,“ fährt er fort.

Interessant finde ich, dass hier das Sägemehl während des Jahres abgesaugt und gesammelt wird, um im Winter damit zu heizen. Das Sägemehl werde aber nicht nur aus diesem Grund sofort abgesaugt, denn der Holzstaub aus Buchen- und Eichenholz sei außerdem Krebs erregend.
„Seit wann ist das denn bekannt?“
„Schon immer, denke ich.“
Das überraschte mich dann doch ein bisschen, denn ich wüsste nicht, dass Mitte der Achtziger im Gersheimer Sägewerk irgendein Aufhebens um den Holzstaub gemacht worden wäre, andererseits habe ich auch nie darauf geachtet, sondern bei meinen seltenen Besuchen das Sägemehl immer nur irgendwo in der Ecke rumliegen sehen. Mein Vater hatte und hat davon möglichweise keine Ahnung, denn wir haben über Jahre mit Buchenholz geheizt und haben es hierzu im Keller stundenlang mit der Kreissäge kleingeschnitten, ohne dabei irgendeine Art von Staubschutz zu tragen. Immerhin haben in der Vergangenheit Untersuchungen meiner Lunge nie irgendwelche Probleme aufgezeigt.

Während der etwa 90-minütigen Führung kommt auch die Agentur für Arbeit nicht zu kurz:
„Irgendwas ist bei denen faul. Die haben kein Geld, um einem Mann, der von uns vermittelt wurde, zu einem Auto zu verhelfen, aber sie haben genug Geld, um ihn dabei zu unterstützen, uns zu verklagen, damit wir ihm endlich einen unbefristeten Vertrag geben – dabei hätte der längst einen unbefristeten Vertrag, wenn er ein Auto hätte. Ein brauchbares Auto kriegt man für einen Tausender, aber ob man für das Geld einen Anwalt und einen Prozess bekommt, wage ich zu bezweifeln.“
Unilux habe bereits einige Leute fest angestellt, setze aber Mobilität voraus. Unter Leiharbeitern reiche dagegen Carsharing voll aus.
Ich bin darüber natürlich amüsiert, aber man darf nicht vergessen, dass die deutsche Agentur für Arbeit keine zentral straff gesteuerte Institution, sondern ein Amalgam parallel und verwickelt laufender Kompetenzstränge ist, deren effiziente Koordination schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist, und oftmals zu widersprüchlichen Situationen führen kann.

Insgesamt macht der Laden einen guten Eindruck, und wer sechs Monate gearbeitet hat, bekommt volles Weihnachtsgeld. Weil Unilux allerdings direkt von der Bauindustrie und ihrem Rhythmus abhängig ist, ruht die Produktion in der Regel zwischen Weihnachten und Ostern, plusminus weniger Wochen. Allerdings gebe es Bestrebungen, verstärkt in den internationalen Handel einzusteigen, um mit Verkäufen auf der südlichen Halbkugel die Winterflaute abzuschwächen. Herr M. kam just spontan auf den Gedanken, dass in Japan derzeit sicherlich eine ganze Menge Fensterscheiben gebraucht würden – mir gefällt der Gedanke, aber ich schwieg lieber dazu, weil ich die Macht der japanischen Bauindustrie kenne, und wie es um die Aufnahmewilligkeit ausländischer Produkte dort drüben steht… obwohl „Made in Germany“ immerhin noch eine vergleichsweise gute Resonanz unter Importware allgemein finden dürfte.

Herr M. sagte auch etwas von Prämien, die das Unternehmen an die Mitarbeiter auszahle, wenn die Saison gut laufe, aber das Grundgehalt von knapp 1100 E klingt so ein bisschen abschreckend, muss ich sagen… da versuche ich es lieber auch weiter bei einer Trierer Transportfirma, dir mir mitteilte, dass ich wegen der Auftragsfluktuation gern jede Woche anrufen könne, um zu fragen, ob ein Job frei geworden sei, denn Fahren macht mehr Spaß als Fenster schrauben, und 1200-1300 E klingen besser als „knapp 1100“. Sollte sich nichts besseres bieten, nehme ich auch Unilux… oder Dunlop. Ein Zug nach Wittlich fährt alle halbe Stunde.
Wie dem auch sei: Wir sollten uns das übers Wochenende überlegen und man werde uns Mitte der kommenden Woche anrufen.

Ich fahre daraufhin mit Herrn M. Richtung Trier.
Er hat da übrigens ebenfalls studiert, allerdings Jura, und das ohne Abschluss, weil es ihm nicht liege, jahrelang das gleiche zu machen, außerdem brauche er befriedigende Zwischenergebnisse – er habe die Scheinfreiheit noch erreicht, fühlte sich aber auf dem Weg zum Abschluss von den Dozenten allein gelassen und warf, kein Ziel findend, das Handtuch. Er sei also ebenfalls als Quereinsteiger zur Zeitarbeit gekommen, mittlerweile Niederlassungsleiter und verdiene 2400 E; nur die 60-Stunden-Woche sei doch sehr fordernd.
„Für Sie finden wir bestimmt auch was passendes,“ sagte er zu mir, „schicken Sie mir heute Abend einfach mal einen Lebenslauf per Mail.“
Er erzählt noch dies und jenes, von alten Studienkollegen, die zwar einen Abschluss gemacht hätten, danach aber irgendwie auf der Strecke geblieben waren. „Ich verstehe einfach nicht, warum ich auf der einen Seite vom Schreibtisch sitze und die immer noch auf der anderen.“
Er kritisierte auch die neoliberalen Zeitarbeitsgesetze im Ausland (Luxemburg, Frankreich, Belgien, England) und lobte den deutschen Arbeitnehmerschutz, und erzählt in einer Anekdote von einem Betriebsratsmitglied der Firma BOSCH, der überrascht hatte feststellen müssen, dass es eine firmeninterne Anweisung gibt, dass Bewerber, die Hartz-IV oder andere staatliche Unterstützung bezogen hätten, erst gar nicht zum Vorstellungsgespräch vorgeladen werden.

Er lässt mich am Kaufland raus, weil ich noch einkaufen muss, und wir verabschieden uns. Zuhause prüfe ich die Lage anhand einer Landkarte, und was ich mir während meines Spaziergangs bereits gedacht hatte, bestätigte sich: Vom Bahnsteig zur Firma sind es Luftlinie in der Tat nur etwa 1000 Meter, und unüberwindliche Hindernisse scheint es keine zu geben, nur einen mehr oder minder direkt dorthin führenden Weg kann ich nicht entdecken. Möglicherweise handelt es sich um eine Fahrspur für Traktoren, die man auf dem Foto wegen des Grases nicht sehen kann.
Aus den Beschreibungen von Herrn S. habe ich nun interpretiert, dass irgendwelche Mitarbeiter öfter und für gewöhnlich über den Hügel gehen. Herr M. wiederum weiß von einer solchen Abkürzung rein gar nichts und sagt, dass die Leute mit eigenem Kfz oder Fahrgemeinschaft kämen.
Auch eine Zeitarbeitsfirma ist ein Amalgam aus parallel und zum Teil widersprüchlich verlaufenden Informationsflüssen.

22. April 2011

Die Randstad-Reise

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 16:43

Das Arbeitsamt hatte mir Jobangebote geschickt, darunter eines von einer Zeitarbeitsfirma in Wiesbaden mit der Bezeichnung „Jobleister“. In dem Angebot war von Lagerarbeit in einem Lebensmittellager die Rede, und das klang ja nicht uninteressant. Nach Anfrage bei dem Unternehmen stellte sich allerdings heraus, dass von einer dauerhaften Beschäftigung an einem Ort keine Rede sein könne. In der Antwort, die ich erhielt, stand zu lesen, dass der Zeitarbeiter drei Wochen irgendwo eingesetzt würde, die Unterkunft werde gestellt, und im Anschluss ein paar Tage Heimaturlaub erhalte, wobei er sich seinen Einsatzort nicht aussuchen dürfe.
Na wie schön. Das bedeutet, dass sich meine Beziehung auf ein paar Tage im Monat beschränken soll und dass ich von einem Arbeitsplatz zum nächsten wechsele, ohne jemals irgendwo eingegliedert werden zu können? Das heißt ständig neue Nervosität darüber, ob man mit den neuen Kollegen klarkommt, kein soziales Netzwerk und so weiter.
Haben die ne Meise? Ich nehme gern Arbeit an, für die ich umziehen muss, und erst Recht Arbeit, für die ich nicht umziehen muss, aber wie ein Wanderarbeiter ständig zwischen verschiedenen Orten zu pendeln läuft mit mir nicht.

Eine weiteres Angebot dreht sich um die Stelle eines Produktionshelfers in der Herzogenbuscher Straße in Trier, inklusive Link zum ursprünglichen Jobangebot über die Firma Randstad.
Randstad ist ebenfalls eine Zeitarbeitsfirma, die Arbeitskräfte verleiht. Immerhin genießt Randstad unter all den Krisennutznießern noch einen guten Ruf. Nur der mir gegebene Link, der war ungültig.
Ich setzte mich also mit Randstad in Verbindung und man lud mich zu einem Beratungsgespräch ein, damit ich meine Personalien und meine Arbeitserfahrungen und -wünsche vermitteln konnte. Lustigerweise befindet sich Randstad im selben Gebäude wie der Vertreter meiner Haftpflichtversicherung.
Die Trierer Stelle gab es scheinbar nicht mehr, und da ich im Personalbogen angegeben habe, dass ich aus Gewissensgründen keinesfalls in der Tabakindustrie arbeiten würde, fiel JTI, einer der bedeutendsten Arbeitgeber in Trier, schonmal raus.
Aber man konnte mir was anderes anbieten – in Saarwellingen oder in Bitburg. Da ich nicht mobil bin, fiel Bitburg völlig flach. In Saarwellingen könnte ich, dank Heimatnähe, eher arbeiten, weil ich mir zum einen das Auto des Großvaters leihen könnte, um nicht völlig auf Fahrgemeinschaften angewiesen zu sein.
Um das abzuklären, müsste ich allerdings nach Saarwellingen fahren.

Ich habe nur eine grobe Vorstellung davon, wo Saarwellingen überhaupt liegt, also verließ ich mich auf die Angaben der Verbindungssuchmaschine der Deutschen Bahn. Dort hieß es, ich solle mit dem Zug nach Dillingen fahren, dann mit dem Bus nach Nalbach, und in Nalbach in den nächsten Bus umsteigen, der mich nach Saarwellingen bringen sollte.
Ein Anruf bei der dortigen Niederlassung von Randstad ergab, dass ich an der Haltestelle „Schulzentrum“ aussteigen solle.

Der Tag der Reise war kühl, eine Art Temperaturloch in der Folge fast sommerlicher Tage im April 2011. Zwischen Merzig und Dillingen regnete es sogar ein wenig, aber bei Ankunft in Dillingen war es trocken. Vorerst.
Der benötigte Bus stand bereits da, ich zahlte 2,70 E und los ging die Fahrt. Kurz vor Nalbach gab es einen heftigen Regenschauer, und mir wurde klar, dass Reisen zu Vorstellungsgesprächen scheinbar immer was dramatisches bieten mussten, um drüber zu schreiben.

Nalbach ist ein kleines Dorf, wo es nicht viele Haltestellen gibt. Ich fragte den Fahrer, wo ich denn in den Bus nach Saarwellingen umsteigen könne, und wurde an die nächste Haltestelle verwiesen. Da stand ich nun, und immerhin regnete es nicht mehr. Auf dem Fahrplan findet sich eine Reihe von Bussen, aber da stehen nur die Endhaltestellen und nicht, über welche Orte sie fahren. Ich bemühte also meine Reisenotizen und suchte die darin angegebene Liniennummer: Eine halbe Stunde Wartezeit tat sich auf.
Etwa einen Kilometer weiter konnte ich den Ortsausgang sehen, und direkt an der Haltestelle war ein Supermarkt. Ich kaufte in aller Seelenruhe was zu trinken, stieg letztendlich in den vorgesehenen Bus, und zahlte erneut 2,70 E.

Und ab diesem Zeitpunkt wurde meine Laune strapaziert.
Saarwellingen liegt bestenfalls zwei Kilometer hinter Nalbach. Statt dreißig Minuten totzuschlagen, hätte ich auch zu Fuß hingehen können! Es gibt in Saarwellingen auch keine Haltestelle „Schulzentrum“, obwohl auf den Plänen für die Schulbusse vor Ort genau das zu lesen ist. Es gibt eine Haltestelle, die nach einer Schule benannt ist, direkt am Ortseingang, aber ich dachte mir, dass wohl keine Haltestelle „Schulzentrum“ im Fahrplan stehen würde, wenn es sie nicht gäbe.
Positiv war in diesem Moment zu vermerken, dass in dieser Buslinie ein Bildschirm hängt, auf dem die kommenden fünf Haltestellen angegeben sind.
Eine Haltestelle „Schulzentrum“ gibt es tatsächlich nicht, also stieg ich aus, als ich diesen Umstand klar ablesen konnte.

Ich rief bei Randstad an, um zu erfahren, wo ich denn nun hinmusste.
Ein Stück die Straße hoch, links, geradeaus bis zum Supermarkt, links ins Industriegebiet, dann einfach die Straße runter. Leicht zu finden eigentlich, und viel von den knapp zwei Kilometern wären mir nicht erspart geblieben, selbst wenn ich eine Haltestelle vorher ausgestiegen wäre. Hätte ich mich von der Schule aus auf den Weg gemacht, wäre der Fußmarsch allerdings noch ein paar Hundert Meter weiter gewesen.
Gut, ein paar Hundert Meter sind Kinkerlitzchen. Die Fehlinformation störte mich an dieser Stelle mehr als die zwanzig Minuten zu Fuß. Dabei hatte ich noch Glück im Unglück, denn es war ein Graupelschauer, der mich dabei kalt erwischte, und kein Regen. Das traf meine kalten Ohren zwar irgenwie hart, aber immerhin weichte meine Jacke nicht durch.

Schön war’s halt nicht, und dass mich die Umstände nervten, konnte ich, obwohl ich mir Mühe gab, nicht wirklich verbergen – was meine Vermittlerin vor Ort zu der Meinung verleitete, ich würde Ihr die Schuld für irgendwas an der Sache geben.
„Wollen Sie überhaupt hier arbeiten?“ fragte sie mich gleich eingangs.
Eine völlig bescheuerte Frage, aber ich kann mich bei genauerer Überlegung auch des Verdachts nicht erwehren, dass man in diesem Beruf oft auch mit Kunden der Jobbörse zu tun bekommt, die sich in Hartz-IV eingerichtet haben und tatsächlich keinen Bock mehr auf Arbeit haben.
„Ja glauben Sie denn, ich würde von Trier aus hier runter gondeln, wenn ich das nicht wollte?“
„Na ja, weil Sie so ein Gesicht machen…“, wobei sie sich an einer Imitation versuchte.
„Ich bin eben durch einen Schauer gelaufen, da macht man schonmal so ein Gesicht.“
„Aber dafür kann ich doch nichts!“
„Das hat auch niemand behauptet. Wenn ich unhöflich war, tut es mir natürlich leid.“
Leuten, die jede Kleinigkeit persönlich nehmen, sollte man so lange in den Hintern treten, bis sie sich diese Paranoia abgewöhnt haben. Ich finde es jedenfalls zum Kotzen.

Aber gut, was hat Randstad denn nun zu bieten?
Zum einen eine Stelle am Fließband bei einem Fordzulieferer. Ein Fahrzeugmodell der Firma wird in den kommenden Jahren am Standort Saarwellingen produziert. Es gibt Leute, die sagen, dass so ein Fließbandjob wie ein Sechser im Lotto sei. So sei das Grundgehalt zwar niedrig, aber durch Schicht-, Nachtarbeit- und Feiertagszulagen komme da einiges zusammen.
Die andere Stelle war Lagerarbeit bei Anterist & Schneider, altehrwürdige Spedition, aber natürlich weit weniger gut bezahlt. Ich gab wahrheitsgemäß an, dass ich am Fließband noch nicht gearbeitet habe und dass ich in Lagerarbeiten über mehr Erfahrung verfüge. Das wurde im Nachhinein scheinbar so ausgelegt, dass ich den Produktionsjob keinesfalls machen wolle, denn von dem war nie wieder die Rede, während ich einige Tage später vom Lager eine schlichte Absage erhielt.

Einer natürlichen Neigung folgend pflanzte ich mich zwecks Rückreise an einer Bushaltestelle auf, die in die Richtung führte, aus der ich gekommen war. Kaum stand ich dort, fuhr gegenüber ein Bus mit der Aufschrift „Saarlouis Hbf“ ab. Ich versuchte, mich zu erinnern, ob Saarlouis von Trier aus gesehen denn nun hinter oder vor Dillingen lag… aber ich kam nicht drauf. Ich fahre immer nur durch, aber um die Reihenfolge der Orte hatte ich mir nie Gedanken gemacht.
Eine Weile später kam der Bus, auf den ich wartete, und interessanterweise hielt auch der am Bahnhof von Saarlouis, und zwar nachdem er vorher auch am Dillinger Bahnhof Halt machte. Da ich mir nicht sicher war, ob der Regionalexpress, den ich nehmen wollte, auch in Dillingen hält, bat ich um eine Fahrkarte nach Saarlouis. Die koste aber mehr, als wenn ich in die entgegengesetzte Richtung führe, sagte die Fahrerin – 4,10 E.
Ich gestatte mir ein bitteres Grinsen, denn schließlich hatte ich heute für einen Bruchteil dieser Strecke bereits 5,40 E gezahlt, weil die Fahrplanauskunft der Bahn nicht die beste ist.
Ob ich von Trier nach Saarlouis oder nach Dillingen fahre, macht übrigens keinen Unterschied, denn auch ohne Tagesticket kostet die Fahrt mit Einzelfahrschein das gleiche, warum auch immer. Ist scheinbar nah genug beisammen.
Der Rest von Tag war sonnig, um am Bahnhof konnte ich mich auch wieder von der Jacke trennen.

Ich bekam bei Randstad immerhin einen Schirm geschenkt – vielen ehrlichen Dank. Aber was Positiveres war aus diesem Beratungsgespräch nicht rauszuholen. Wofür bin ich nach Saarwellingen gefahren? Es wurde rein gar nichts besprochen, was sich nicht auch per Mail oder am Telefon hätte klären lassen. Alle Unterlagen hatte ich bereits in Trier ausgefüllt, es gab nichts zu unterschreiben, nichts, was meine Anwesenheit nötig gemacht hätte. Stattdessen sind mir für nichts und wieder nichts Fahrtkosten entstanden, um deren Ersatz ich das Arbeitsamt bitten muss.

Ackern im Garten

Filed under: Arbeitswelt,Spiele,Uni — 42317 @ 16:01

Meine Freundin hat also zu Beginn des Monats ihre eigene Magisterprüfung erfolgreich hinter sich gebracht, womit wir nun offiziell ein Akademikerpaar wären. Nur fühlen wir uns nicht so, und wie es aussieht, fühlt sich auch keiner zu akademischer Arbeit hingezogen.
Vorerst bedeutet dies jedoch, dass man nun vom Beginn einer geregelten Freizeit sprechen kann, in dem Sinne, dass es wieder Sinn macht, Spieltermine zu planen, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.
Ich habe Anfang April nach dreimonatigem Zurückhalten das „Battlestar Galactica“ Brettspiel gekauft, und als Mitbringsel aus den USA haben wir einen Ableger des „FLUXX“ Kartenspiels geschenkt bekommen, das könnte man alles mal in Angriff nehmen.

Die Zeit seitdem ist mit nicht wenig fernsehen verbracht worden, da wir natürlich, jeder für sich, eine Menge Zeug haben, dass sich im Laufe der Zeit angesammelt hat, aber nie angesehen werden konnte. Ich selbst habe mittlerweile ein paar Sachen zum ersten oder auch zum dritten Mal gesehen, und muss feststellen, dass die „Powerpuff Girls“ Serie besser ist als „Dexter’s Lab“. Trotz diverser Schwächen in einigen der dargebotenen Geschichten sind die Genusshöhen von Bubbles, Blossom und Buttercup höher als die von Dexter.

Man soll aber nicht glauben, ich hätte nichts zu tun. Meine Chefin hat dieses Jahr, begünstigt durch das frühe sommerliche Wetter, mit der Neugestaltung ihres Gartens begonnen, eine Arbeit, die sich seit Jahren aus verschiedenen Gründen verzögert hat. Den Garten selbst haben wir im vergangenen Herbst bereits umgestaltet, und in den letzten vier Wochen ging es an die Anbauten des zum Garten gehörenden Häuschens.
Es handelte sich um einen Toilettenanbau und einen Lagerraum, die weg und durch etwas Neues ersetzt werden müssen. So gibt es ab demnächst einen neuen Lagerschuppen aus Stein anstatt aus Brettern und Dachpappe, und die neue Toilette wird mittels eines noch zu öffnenden Durchgangs mit dem Innenraum des Häuschens verbunden. Die Fläche, die übrig bleibt, soll als Brennholzlager dienen.
Den Aufbau der neuen Raumanordnung übernimmt der Bruder der Chefin, offiziell ein versierter Installateur mit Meistertitel, tatsächlich aber ein respektabel fähiger Allrounder im Handwerksbereich. Lediglich der Abriss und das Hin- und Herschleppen von Material übernahmen Leute wie ich.

Zwei Freunde von Halina wurden angeworben, um bei den Hilfsarbeiten zu helfen, und einen Großteil der ersten Mauer haben die zwei ohne mich abgerissen. Mangels technischem Gerät wurde und wird das mit dem Vorschlaghammer gemacht. Ich kam also für den zweiten Mauerteil an und hörte zu, wie sich die beiden über die Mühsamkeit der Aktion unterhielten – man muss dabei aber beachten, dass der Größere wegen eines Unfalls seinen rechten Arm nicht mehr voll einsetzen kann, außerdem ist er Diabetiker, und dass der Kleinere dürr wie ein Streichholz ist. Es kommt noch dazu, dass beide dauerarbeitslos sind und scheinbar in der Regel bis nach Mitternacht vorm Fernseher hängen und erst gegen Mittag aufstehen. Es ist also ganz klar, dass die von anstrengender Arbeit eine andere Vorstellung haben als ich. Ich sah mir den Rest der Mauer des ersten Schuppens kurz an (uralte Hohlblocksteine, lachlachlach) klopfte binnen 20 Minuten alles weg, und mir wurde gerade mal warm dabei. Abreißen macht Spaß, das wusste ich ja schon. Fünf Bauschuttschubkarren später war der Platz frei und die Ytongplatten für den Neubau konnten her.

Ich weiß natürlich nicht, wie eine ordentliche Ausbildung auf dem Bau aussieht, aber ich könnte mir vorstellen, dass man bereits in der ersten Woche beigebracht bekommt, wie man Steine stapelt – nämlich überlappend, damit sich die einzelnen Schichten gegenseitig stabilisieren.
Die beiden Helfer stapelten so, wie ihnen die Steine gerade in die Hand kamen. Ich erklärte es ihnen dreimal und zeigte es zweimal, aber der Große sagte, das solle ja nur ein paar Tage stehen, und es sei nicht davon auszugehen, dass sich ein Erdbeben ereigne. Der Haufen stehe stabil genug. Nach der Plackerei heute (die beiden hatten die Steine in den Hänger geladen) sei ihm das auch völlig egal.
Ja, mit solchen Sorgfaltsaufgaben ist es möglicherweise wie mit der Zockerei mit gefährlichen Wertpapieren: So lange alles gutgeht, sind alle glücklich, aber wenn es schiefläuft, ist das Geschrei groß (gerade weil es sich hierbei um die Art von „Stein“ handelt, die man als Straßenkreide verwenden kann, das heißt die Blöcke sind anfällig für Sturzschäden). Ich gab also der Chefin darüber Bescheid – nicht um zu petzen, sondern wegen der militärischen Grundregel „Melden macht frei“: Das bedeutet, ich mache mich frei von der Verantwortung für diese Nachlässigkeit, indem ich den Handlungsbedarf an eine höhere Stelle abgebe.
Kurz: Die beiden haben weder die Disziplin noch die Energie, eine mittelmäßig anstrengende Arbeit über einen ganzen Arbeitstag durchzuhalten. Wo soll die Energie auch herkommen, wenn man alle halbe Stunde eine rauchen muss? Und „die ernähren sich ausschließlich von Pizza und Fastfood“, wurde mir gesagt. Sie sind ja keineswegs unsympathisch, nur zum Arbeiten sind sie nicht zu gebrauchen. Dabei sollte man doch annehmen, dass man sich wenigstens bei solchen Freundschaftsdiensten Mühe gibt?

Ein ähnliches Muster zeigte sich beim Abriss des zweiten Schuppenteils ein paar Tage später, das heißt eine Mauer von zwei mal zwei Metern, bei der es sich um Hohlblocksteine gemischt mit Ziegelsteinen handelte.
„Hm, mit (elektrischem) Meißelhammer dauert das wohl einen halben Tag. Mit Vorschlaghammer einen ganzen,“ sagt der Große.
Soso.
Die meiste Zeit brauchte das Wegfahren des Schutts danach, die zweitmeiste Zeit das Leerräumen der Regale davor. Insgesamt dauerte die Aktion einen Nachmittag. Die Entfernung der Wand selbst brauchte 30 Minuten.

Das Freiräumen drumherum war allerdings mühselig, da sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte eine Menge Erde angesammelt hatte, und die musste abgetragen werden, um eine gerade Lagerfläche zu erhalten und um eine neue Mauer ziehen zu können, deren Vorgänger wohl vor langer Zeit einmal unter dem Einfluss der Erdmassen des höher liegenden Grundstücks dahinter und einiger Baumwurzeln eingestürzt war.
Hätte es sich nur um Erde gehandelt, wäre die Sache ja gut gewesen, aber zuerst zeigte sich, dass nicht geringe Mengen an grobem Schutt mit da lagen, dann entdeckten wir armdicke Wurzeln, und letztendlich legten wir ein kreisrundes Blech frei, in dem sich Erde, Bauschutt, und ein zusammengeknülltes Plastiknetz fanden. Was mochte das sein?

Leider handelte es sich nicht um das Versteck einer geplanten Altersversorgung des Vorbesitzers, sondern, wie einer der Nachbarn anmerkte, um die vermutlich erste Toilette, die das Häuschen irgendwann einmal erhalten hatte. Der viele Sandsteinschutt, der sich im Boden finde, sei außerdem damit zu erklären, dass der Hügel nach Mariahof hinauf, an dessen Fuß das Häuschen steht, am Ende und im Nachhinein des Kriegs als Abraumhalde verwendet worden sei. Wir wühlten also gerade in Kriegstrümmern.

Nach dem Freiräumen konnte die Estrichplatte des neuen Schuppens gegossen werden, und jedes Säckchen Estrich wiegt 40 Kilo. Eine knappe Tonne davon haben wir zur Verwendung für den Neubau vom Parkplatz herschleppen müssen.
Dass die Chefin oft günstiges Arbeitsmaterial einkauft, machte sich auch gleich im ersten Kübel bemerkbar, dessen Inhalt verrührt werden wollte: Der dafür vorgesehene Bohrer (mit aufgestecktem Quirl) signalisierte nach einer Minute mit stinkenden Rauchzeichen sein Ableben. Es musste also von Hand, beziehungsweise mit der Schaufel, gemischt werden. Der Kleine hatte wohl mal im Straßenbau gearbeitet, aber seine körperliche Leistungsfähigkeit reichte nicht aus, um den Estrich so anzurühren, dass das Endprodukt völlig durchfeuchtet war. Seufz. Also nahm ich mir die Schaufel und nahm mich des Problems an. Beim dritten Sack hatte ich die vor Jahren mal gelernte Technik wieder drin und es lief den Umständen gemäß ganz wunderbar, wobei der Kleine beim weniger fordernden Gießen und Glattstreichen gute Arbeit leistete.
Nebenbei lernte ich an dem Tag die Verwendungsfähigkeit von Malzbier als Energydrink zu schätzen, da der enthaltene Traubenzucker auftretende Energietiefs schnell überbrückte.

Ein anderer Nachbar der Gartenkolonie fiel mir übrigens weniger positiv auf, was nichts mit dem Umbau des Grundstücks zu tun hat, mich aber dennoch ärgerte, weil ich das Gefühl habe, dass man mich auf den Arm nehmen wollte.
Während ich den Schutt auf den Hänger lud, der am Vereinsheim der Kleingärtner bereitstand, rief mich der gerade mit Ausbesserungsarbeiten beschäftigte Eigner eines Häuschens (neben jenem Vereinsheim) an: Ob ich einen großen Winkel dabei hätte.
Ich überlegte kurz, was der meinen könnte, sagte dann aber, dass ich ihm leider nicht helfen könne. Anstatt dass er dann sowas sagt wie „Schade, dann halt nicht“ oder „Okay, danke“, sah er mich weiter eindringlich an, als erwarte er, dass ich schnell einen „großen Winkel“ für ihn stricke oder sowas. Ich ging also davon aus, dass er noch was sagen wollte, so sahen wir uns etwa zehn weitere Sekunden lang an, und als nichts kam, ging ich einfach wieder.
Als ich ein paar Minuten später mit der nächsten Schubkarre zurückkam, rief er mich wieder an: Ob ich einen großen Winkel gefunden hätte. Dass ich nicht darauf kam, was der von mir wollte, und dass er sich nicht klarer ausdrückte, frustrierte mich nicht wenig, und um nichts unfreundliches zu sagen (sollte ich ihm alternativ ein UTM-Gitter anbieten?), gab ich ihm per Körpersprache zu verstehen, dass ich keine Ahnung hatte, von was er redet und ließ ihn erneut stehen.

Nicht, dass ich meine Arbeit nicht mögen würde, aber so langsam ist es genug. Ich verlange doch schon nicht mehr, als ein Dach über dem Kopf und saubere Hände. Ist das zu viel verlangt? Wohl kaum. Aber so manchem potentiellen Arbeitgeber schmeckt vielleicht mein Generalistenstatus nicht, und da ich kein konkretes Tätigkeitsfeld außerhalb des universitären Elfenbeinturms gelernt habe, verstehen sie womöglich auch meine Motivation nicht, genau bei ihnen zu arbeiten.
Ist seinen Lebensunterhalt ohne fremde Hilfe bestreiten zu können, etwa kein Grund? Natürlich will kein Arbeitgeber hören, dass es mir völlig schnuppe ist, wo ich arbeite, so lange ich meine geringen Ansprüche erfüllt bekomme, also sollte ich diesen Gedanken unter Verschluss halten.

5. April 2011

Dienst an Europa

Filed under: Japan,Zeitgeschehen — 42317 @ 18:47

Gerade wo ich lese, dass die Kreditwürdigkeit Portugals erneut herabgestuft wurde, komme ich zu dem Schluss, dass man diese Krise als ein Problem von Banken einerseits und Steuerzahlern in ihrer Funktion als Melkvieh andererseits zu betrachten scheint (wobei es eine Schande ist, dass viele die gemeinsame Währung zum Teufel wünschen, aber eine Mehrheit den Banken weiterhin ihr Vertrauen ausspricht). Gerade die BILD Zeitung hatte sich ja im Falle Griechenlands dazu berufen gefühlt, durch Falschinformation und Halbwahrheiten das Land und das Volk pauschal zu verunglimpfen. Im Falle Portugals scheint das nicht so zu sein, aber ganz abgesehen von der Boulevardpresse vermisse ich die Beeinflussung der Öffentlichkeit, freiwillig zur Sanierung dieser Staaten etwas beizutragen – und zwar auf eine Art und Weise, die dem „Geldspender“ das Gefühl gibt, etwas für sein Geld bekommen zu haben, anstatt es Zähne knirschend einfach nur dem staatlichen und finanziellen Establishment zu überlassen, auf welche Art und Weise man dieser Zerreißprobe für Europa und sein Währungssystem begegnet.

Ganz kurz gesagt: Wäre dies nicht ein Anlass, massiv für Urlaubsreisen in diese Länder zu werben? Und nicht nur Portugal und Griechenland, auch für die Republik Irland und auch Island gilt ähnliches.
Ich kann mir im Sinne eines Preisleistungsverhältnisses jedenfalls keine sinnvollere Form der Unterstützung denken, und gleichzeitig entscheidet man selbst darüber, wieviel ausgibt, wo man es ausgibt, und welche Dienstleistungen man dafür in Anspruch nimmt.
Ist denn auf europäischer Ebene niemand auf die Idee gekommen?
Wäre vielleicht sogar eine kleine Subvention für Reisen in diese Staaten nicht sogar eine Ertrag versprechende Maßnahme?

Okay, vielleicht würde diese gezielte Subvention auf europäischer Ebene am Wettbewerbsrecht scheitern. Andererseits könnten doch Griechenland und Portugal im nationalen Rahmen solche Touristenlockangebote im europäischen Ausland unterstützen? Aber wenn ich Reiseangebote sehe, zum Beispiel bei Norma oder Aldi, fällt mir nichts dergleichen auf.

Aber zumindest könnte man doch die Bevölkerung freundlich dazu auffordern, sich bei ihren Reiseplänen grob in diese Richtung zu orientieren. Hätte ich Geld, ich würde es tun. Was wird getan, um das öffentliche Image dieser Länder positiv zu erhalten und sie als Reiseziel attraktiv erscheinen zu lassen? Ich weiß es nicht. Vielleicht wird etwas getan, aber nicht in den Medien, für die ich empfänglich bin?

Vielleicht macht sich manch einer Sorgen um die Anschläge linksgerichteter Gruppen? Immerhin scheint sich diese Art von Terrorismus internationalisiert zu haben, liest man doch mittlerweile auch, dass italienische Anarchisten einen Sprengsatz an den Direktor eines Athener Gefängnisses gesandt hätten.
Andererseits hat auch die ETA den Spanienurlaub nicht zum Erliegen gebracht, man ist trotz RAF in den Schwarzwald gefahren, die Roten Brigaden haben die Strände von Neapel ebenso wenig leergefegt wie die Mafia, und zu guter letzt hat auch die IRA die wenigsten Interessierten davon abgehalten, ein paar Tage in London zu verbringen.
Und selbst wenn man sich wegen dieser Situation in Griechenland nicht an den Peleponnes traut – für Portugal kann diese Ausrede nicht gelten. Die Lage dort ist politisch stabil.

Übrigens: Auch Japan kann Touristen derzeit gut gebrauchen. Japan ist nicht nur weit, sondern auch lang, und die Landesteile, die südwestlich von Tokyo liegen, haben allein genug kulinarische und kulturelle Höhen zu bieten, um mehrere Jahresurlaube zu füllen und sind gleichzeitig Hunderte von Kilometern von den Reaktoren in Fukushima entfernt.
Wenn man nach Breslau in Polen fährt, denkt man ja auch nicht gleich an Chernobyl.