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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

1. April 2013

Gaytal-Kamikaze (Teil 16)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:57

Dann kamen schwarz-weiß-rote Tage: Im Föhrener Depot des Deutschen Paketdienstes DPD war die Bandanlage ausgefallen. Die Pakete mussten von Hand weitergeschoben werden und es blieb massenweise Zeug liegen. Der DPD suchte händeringend nach Springern, die tags drauf den Überschuss abarbeiten helfen würden.
Es war Sommer – zumindest theoretisch war wenig los – und Peter schickte mich und Big M nach Föhren.
„Sei um halb Acht dort“, sagte er zu mir.
Meinem Sinn für Ordnung folgend, war ich bereits um sieben Uhr vor Ort und ließ mich vom Disponenten vom Dienst einweisen. Und dann stand ich da und wartete und wartete und wartete.

Das DPD-Paketband lief wieder, und es läuft langsam. Die Pakete, die die Fahrer trotzdem verpassten, wurden am Bandende gesammelt und ich half den Leuten dort, weil ich nichts anderes mit mir anzufangen wusste. Das Depot Föhren besteht aus zwei Flügeln, in denen zwei getrennte Bänder laufen. Es kommt also vor, dass Pakete für Band A im Flügel B auftauchen, und dieser Fall tritt nicht selten auf. Der DPD hat zu diesem Zweck eine eigene Minitour am laufen, deren Fahrer nur damit beschäftigt ist, Pakete von einem Teil des Gebäudes in den anderen zu fahren. Ich glaube, straßentauglich ist die schrottig aussehende Kiste eh nicht mehr.
Sind nun alle Pakete von den Paletten über das Band gelaufen, werden die Durchläufer wieder aufgelegt und laufen mit der hier üblichen, gemütlichen Geschwindigkeit zurück an den Fahrern vorbei, und dann noch einmal nach vorn. Dann sind hoffentlich nur noch die Pakete übrig, mit denen wirklich keiner was anfangen kann.
Dieses Procedere dauerte bis um neun Uhr. Zwei Stunden meiner wertvollen Zeit waren bereits den Bach runter und im Zugwind war mir doch etwas kalt. Beim DPD halten die Autos nämlich an Laderampen, das heißt sie stehen außerhalb des Gebäudes. Diese Rampen sind zum Beladen natürlich offen und es zieht wie im Affenstall.

Ein Blick in die Runde zeigte mir noch etwas: Es gibt hier keine Heizung. Das ist doch nicht zu glauben – der DPD stellt hier ein Depot auf, dieser Bau kostet 9 Millionen Euro, eine Million davon allein für die Bandanlage, die mittlerweile zum wiederholten Male ausgefallen ist, und bei all dem Investitionsluxus waren ein paar Peanuts für Heizstrahler nicht mehr drin??
Dazu muss man sagen, dass dieses Gebäude nicht aus Beton besteht, es handelt sich um eine bessere Wellblechhütte. Es gibt einen Betonsockel in Fußhöhe, natürlich, aber wenn ich mich dahin bücke, kann ich mit meinen Fingern unter dem Blech durch einen Spalt ins Freie fassen.
„Das ist menschenverachtend!“ sagte einer der Fahrer, den ich darauf ansprach. „Letzten Winter waren es hier drin an einigen Tagen 15 Grad unter Null; wir haben hier mit drei Jacken gearbeitet!“
(Nach dem darauf folgenden Winter berichtete mir allerdings ein Fahrer, dass im Föhrener Depot mittelerweile Heizstrahler aufgestellt worden seien.)

Der Chef dort ist ein hemdsärmeliger Typ, der auf den ersten Blick weder wie der Chef noch sonderlich unsympathisch aussieht, aber wie es scheint, wird der auch mal rabiat, wenn ihm was gegen den Strich läuft. Als ich ihn das erste Mal sah, verscheuchte er eine Verdi-Mitarbeiterin vom Tor des Geländes, die Flugzettel an einfahrende Fahrzeuge verteilte. Allgemein las ich aus dem Klang seiner Stimme, dass es sich nicht um eine Person handelt, die viel Duldsamkeit besitzt. Eindeutiges Urteil für mich: Da würde ich niemals freiwillig arbeiten.

Aber gut: Irgendwann fragte mich der Disponent, wo ich mich denn auskenne und er beschloss, mich nach Gerolstein zu schicken: Mit einem ganzen Auto voller großer Pakete für insgesamt zwei Kunden. Die Kunden selbst kannte ich zwar nicht, aber ich kannte die Straßen. Danach sollte ich zurückkommen und eine Reihe von kleineren Paketen aufnehmen – allerdings in der Gegend von Gillenfeld, wo ich mich nun gar nicht auskenne. Kein Problem, hieß es, die Disposition gebe die Stoppreihenfolge vor, das müsse (und könne) der Fahrer nicht selber machen.

Um meine Aufgabe bewältigen zu können, bekam ich eine kurze Einweisung in den Scanner und ich durfte ohne DPD-Kleidung nicht einfach losfahren. Es gab zum einen kostenlose Hemden mit irgendeiner Werbung drauf, die besagte, dass man beim DPD umweltfreundlich fahre (vermutlich ist der DPD am Emissionspapierhandel beteiligt), aber die sahen bescheuert aus, also wählte ich ein Originalhemd vom DPD. Gutes Material. Zu dem Zeitpunkt ging ich noch davon aus, dass die etwas mehr als sechs Euro, die für diese Variante fällig waren, (zu zahlen vom Arbeitgeber, also Peter) eine Art Pfand oder eine Leih- und Reinigungsgebühr seien, aber später wurde mir dann klar, dass ich das Hemd käuflich erworben hatte und dass es nun unerwartet zu meinem Privatbesitz zählte. (Streng genommen war es Peters Besitz, aber der fragte mich nie danach.) Eigentlich intelligent, denn wenn die Leute für die Sachen zahlen, passen sie vielleicht besser darauf auf? Ich komme jedenfalls nicht umhin, zu vermuten, dass wir bei Transoflex in der Tat mit dem billigsten ausgestattet werden, was der Textilmarkt herhält.

Ich düste also nach Gerolstein hoch, leider nicht auf der schönen Strecke an der Kyll entlang, weil die Straße nördlich von St. Thomas immer noch gesperrt war. Stattdessen über Neustraßburg und rüber nach Densborn. Die zwei Kunden in Gerolstein waren schnell abgefertigt und ich ging was zu essen kaufen.

Der DPD-Scanner ist ein klobiges Ding und man bedient ihn natürlich ganz anders als das Motorolagerät bei Transoflex. Wählt man einen Kunden, erscheinen die Zahlencodes der zu liefernden Pakete auf dem Display. Scannt man den Barcode auf einem Paket, verschwindet dessen Zahlenreihe. Ist das Display also leer, hat man alle.
Die Tourreihenfolge kann man weder beeinflussen noch ablesen, wenn ich mich recht erinnere, wohin es als übernächstes gehen würde, blieb also im Dunkeln. Dabei genieße ich eigentlich gern den Vorteil, auf diese Dinge Einfluss nehmen zu können und gegebenenfalls Informationen vorgreifen zu können.

Zurück in Föhren bekam ich ein halbes Auto mit kleinen Paketen für eine Anzahl von Privatkunden in einem mir völlig unbekannten Gelände. Hängen und Würgen war da angesagt. Das Verfahren mit Kunden, die nicht zuhause sind, erklärte mir zum Beispiel erst jemand am zweiten Tag: Dafür gibt es nicht nur einfache Benachrichtigungszettel (von denen man mir keine mitgegeben hatte), sondern diese DPD-Zettel haben einen aufgedruckten Barcode, den man scannen muss, um die Benachrichtigung für das System zu aktivieren. Aber beim ersten Mal stand ich da und wusste nicht, was ich machen sollte.

Gegen Ende von Tag 1 erlöste mich der Scanner vom Stress: Die Batterie war alle und ein Ladegerät hatte man mir nicht gegeben. Also zurück ins Depot zum Abmelden. Dort stellt man sich in die Schlange der anderen Fahrer, die an einem Fenster und einem Tor vorfahren, um nicht ausgelieferte oder abgeholte Pakete abzugeben und um Quittungen für ihre Nachnahmesummen zu erhalten. „Den Beleg heben Sie bitte drei Monate lang auf“, sagte die Dame am Schalter später zu mir. Ich wartete in dieser Schlange über eine halbe Stunde lang – man sollte also wohl am besten als erster oder auf den letzten Drücker ankommen, weil man nichts machen kann, als dumm rumsitzen, wenn man keinen kennt, mit dem man sich unterhalten könnte.

Am Tag 2 hatte ich dann ja mehr Plan von der Sache: Ich kam gegen halb Neun, was keineswegs zu spät war, bekam ein Zustellungsgebiet, einen Scanner und Pakete zugeordnet, die schon da lagen, wo sie sein sollten, ich nahm einen Stapel Benachrichtigungszettel an mich und erfragte noch zwei, drei Bedienungsdetails, die mir am Vortag noch nicht ganz klar gewesen waren. Der Tag war anspruchsvoller als der vorherige, aber dank der gewonnenen Informationen und Erfahrungen war die Sache weit nicht ganz so stressig. Was an Stress blieb, ergab sich daraus, dass ich wieder mal wo unterwegs war, wo ich mich nicht auskannte, südlich und östlich von Hermeskeil.

Ich sah auch interessante Orte… zum Beispiel sah ich mal Züsch, wo einer unserer Stammkunden sitzt, auf einem Reiterhof, dessen Einfahrt unter LKW-Fahrern berüchtigt ist. Diese Einfahrt sah ich nun mit eigenen Augen und verstand endlich, was mit „der Dachkante“ und „der Regenrinne“ gemeint war.
Dann fuhr ich in einen Ort, der „Abentheuer“ heißt, und ich fragte mich, warum ein Dorf in so schöner Lage touristisch nicht besser erschlossen wird. Die Klanggleichheit mit dem Wort „Abenteuer“ drängt einem doch eingängige Werbeslogans geradezu auf: „Abentheuer erleben!“, „Willkommen im Abentheuer-Land!“ und so weiter. Die Landschaft ist reizvoll und lädt zum Wandern und Entspannen ein.

Just in dieser Zeit schien Konrad das Glück hold zu sein: Er fand einen Job als Lagerist. Nicht in Luxemburg aber weit besser bezahlt mit geregelten Arbeitszeiten. Ich wünschte ihm alles Gute.
„Jetzt lernt meine Tochter endlich mal ihren Vater kennen!“ sagte er und ging. Ohne die Runde Kaffee zu schmeißen, die er uns schuldete, nachdem er einmal quasi stoßseufzend gesagt hatte, er werde uns allen einen Kaffee ausgeben, wenn er mal keine Bodenleisten von der Firma Häfele in seiner Beladung haben würde. Diese Bodenleisten kommen in knapp armdicken, mehrere Meter langen Paketen, die manchmal nur knapp drei Meter haben, manchmal aber auch nur knapp noch in den Sprinter passen. Sie fliegen einem den ganzen Tag im Weg rum. Immerhin sind die Dinger nicht empfindlich. Dass wir die liefern, ist wohl der Überredungskunst der Transoflex Außendienstler zuzuschreiben, denn so mancher Schreiner hat darüber schon den Kopf geschüttelt:
„Das ist doch bescheuert! Grad eben war DHL mit den Paletten da, und jetzt kommst Du und bringst die Leisten extra!“

Ich vermisste Konrads Humor. „Pass mal auf, der ist in drei Monaten wieder da…“ meinte Big M und grinste dazu, als habe ihm die Vorsehung Einblick ins Schicksalsbuch gewährt. Ich war mir mit Puck einig: „Warum sollte er so blöd sein??“

Aber kurz vor Weihnachten war Konrad tatsächlich wieder da. War er so blöd?
„Was machst Du denn wieder hier?“
*grunz*
Hm… der machte ein wirklich düsteres Gesicht.
„Wie geht’s Dir denn?“ fragte ich vorsichtiger.
„Besser.“
Scheinbar war ihm gleich am „ersten“ Tag nicht nach Reden. Ich ließ ihm Zeit.
Irgendwann kam er dann heraus damit. Der neue Job hatte an sich gute Konditionen, aber es handelte sich um ein Lager für Lacke und Lösungsmittel – und wie es scheint, lösten die allgegenwärtigen Dämpfe eine allergische Reaktion bei ihm aus.
„Wenn ich da schon reinkam, hatte ich das gefühl, mir hätt einer eine mit ’nem Vorschlaghammer verpasst.“
Schließlich hörte er, dass in den letzten Jahren bereits zwei Mitarbeiter an Krebs gestorben seien, da habe er sich große Sorgen gemacht, aber der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte, war tatsächlich ein solcher: Ein Spritzer Lösungsmittel traf ihn am linken Arm.
„Mir ist die Haut vom halben Oberkörper abgefallen!“ erzählte er und zeigte mir die Restwunde am Unterarm: So stelle ich mir eine Napalmverbrennung vor.

Zu diesem Zeitpunkt war Big M schon nicht mehr bei uns. Seine Migräne und seine Blutungen waren nicht zu stoppen und er hatte sich telefonisch krank gemeldet. Nach seinem Unfall hatte er mir die Krankenscheine durch einen Fensterspalt ins Auto geworfen, aber diesmal unterblieb das. Peter fragte mich, ob ich da was wüsste, aber Big M war nicht erreichbar, ich konnte ihm nichts sagen. Als ich Big M mal traf, sagte der, er habe das Attest per Post an Peters Adresse geschickt, aber der hat es scheinbar nie bekommen. Unsere Leute waren regelmäßig im Verzug, was die Einsendung ihrer ärztlichen Krankenbescheide betraf – was soll der Arbeitgeber da denken?
Peter ist in dieser Hinsicht tolerant, wie es scheint, aber das Schicksal holte Big M auf ganz andere Art und Weise ein: Jemand sah ihn im Blaumann auf einem Werkstattgelände in Euren, und dieser Jemand war ein Bekannter von Mike. Mike erfuhr also von der Schwarzarbeit, dem entsprechend erfuhr es auch Peter und Big M wurde fristlos gefeuert.
Mike ist ein Musterbeispiel an effektivem Networking. Der kennt alle und jeden und jeder trägt ihm Informationen zu. So rief er mich eines Abends an, als ich schon ins Bett gehen wollte und teilte mir mit, dass ich die Seitenscheibe vom Auto nicht hochgefahren hatte – einer seiner Informanten war vorbeigefahren, hatte das Auto erkannt und die Information an Mike weitergeleitet. Unglaublich.

Big M hatte nicht nur die Firma verlassen, er machte sich auch sonst rar. Im Sommer hatte er mindestens zweimal pro Woche bei mir am Tisch gesessen, um zu reden oder zu spielen. Nach seinem Abgang war es schwer, geradezu unmöglich, ihn zu fassen zu kriegen. Zum einen schuldete er mir noch 50 E und zum anderen hatte er noch ein Buch von mir, dazu noch eines, das ich für meine DSA-Gruppe selbst geschrieben hatte, das war viel wertvoller als 50 E. Er war nie zuhause, rief nie zurück, kam auch nicht vorbei. Ich schrieb ihn fast komplett ab.

Den Kleinen erwischte es Ende Sommer ähnlich. Der hatte sich Ende Frühjahr eine Steißfistel eingefangen. Unangenehme Sache, ich hatte selbst mal eine. In der Regel dauert der Heilungsprozess vier bis sechs Wochen, in meinem Fall waren es acht Wochen, in denen ich krank geschrieben war, weil es ein paar Komplikationen gab. Die Wunde muss von innen nach außen zuwachsen, weil sich sonst ein Hohlraum bildet, der ein neuer Infektionsherd werden kann und so weiter. Beim Kleinen dauerte es über drei Monate, bis er wieder zur Arbeit kam. In dem Zeitraum hatte er sich gegen einen Aufhebungsvertrag wehren müssen, den Peter ihm vorgeschlagen hatte – was eigentlich gegen die guten Sitten verstößt. Der Kleine solle selbst kündigen, und wenn er auskuriert sei, werde man ihn sofort wieder einstellen. Nun kommt der Kleine aus einer Familie, die nichts am Lappen hat – wovon soll er leben? Zuletzt lief es darauf hinaus, dass er bei halbem Gehalt mit Krankenschein zuhause blieb.
Als er dann wieder da war, lief die Sache nicht mehr wirklich rund. Er hatte weiterhin Schmerzen und nahm dagegen irgendwelche Schmerzmittel. Allerdings nicht solche, die Otto Normaldosenbiertrinker gegen Kopfschmerzen nehmen würde, sondern echte Bomben mit 500 mg Wirkstoff pro Tablette oder sogar mehr. Er sagte, die schwächeren hätten keine Wirkung. Da fragte ich mich doch, ob er sich im Laufe seiner Krankheitsgeschichte der letzten Jahre nicht irgendwo ein Suchtproblem eingefangen hatte. Nicht zu seinem Ruf trug auch eine Information bei, die irgendwoher gekommen war: Man hatte ihn am Steuer eines Wagens gesehen, wie er mit irgendwelchen alten Leuten herumfuhr. Er beteuerte, er gehe keiner Schwarzarbeit nach, sondern habe im Rahmen einer ehrenamtlichen Aufgabe für eine gemeinnützige Organisation lediglich einmalig ein paar Leute von A nach B gefahren.

Als der Steiß wieder sitzen konnte, wurde es ein Backenzahn, der klopfend auf sich aufmerksam machte. Der Kleine arbeitete weiter, fuhr in der Trierer Innenstadt und nahm seine Bomben. Das vernebelte ihm scheinbar in einem Maße die Sinne, dass er Dutzende Kunden wieder mitbrachte. Er sagte, die Medikamente machten ihn schläfrig und er habe lieber eine Pause eingelegt. Peter schickte ihn nach Hause und die Kündigung gleich hinterher. Und das mitten in der Vorweihnachtszeit. Als ob das Jahr nicht schon beschissen genug gewesen wäre…