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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

26. Juni 2011

King of Kylltal (Teil 6)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 21:01

Ich muss weiter an meiner Effizienz arbeiten, es kann nicht sein, dass ich dauerhaft als letzter aus der Halle fahre. Ich glaube, meine Abfahrt, die grundsätzlich erst um 0900 oder sogar später stattfindet, ist das Haupthindernis für ein frühes Heimkommen, denn ich halte keine langen Schwätzchen mit Kunden und fahre und gehe auch nicht langsam. Trotzdem geht wohl immer wieder Zeit verloren, die sich am Ende bemerkbar macht.
Ein Zeitverschwender sind Pakete, die in Vororte von Gerolstein gehören, zum Beispiel Büscheich, wo aber trotzdem „Gerolstein“ als Zielort draufsteht. Da kann es sein, dass man eine halbe Stunde oder mehr Zeit verschwendet, weil man wieder ein Stück zurückfahren muss. Was lernen wir? Ich muss einen Stopp, dessen Adresse ich nicht kenne, an den Beginn des Abschnitts mit der entsprechenden Postleitzahl setzen. Dann sehe ich, aha, unbekannter Empfänger, überprüfe die Adresse dann mit dem Navigationsgerät und ordne den Stopp im Taschencomputer entsprechend ein.

Übrigens, Büscheich. Man fahre nie von Gees nach Büscheich mittels eines TomTom Navigationsgeräts. Ich habe generell nichts dagegen, dass es mich durch den Wald lotst, wie aber ein Gerät, das die Neubaugebiete der letzten fünf Jahre nicht kennt, von Waldwegen weiß, die nicht mal geschottert sind, ist mir unerklärlich. In der Eile habe ich auf den Weg nicht geachtet, obwohl das viele Restholz von den Baufällarbeiten neben und auf dem Weg auffällig war. Dann vor mir eine Pfütze – was haben Sie einem bei der Armee beigebracht? Wenn’s schlammig wird, mit Vollgas durch! Soviel Schwung wie möglich mitnehmen. Also Vollgas – und mitten rein in ein Stück, dessen Fahrspur tiefer war, als die Achse des Autos. Festgefahren mitten im Wald. Das heißt, bis zur Adresse, am Ortsrand, waren es noch 500 m.
Ich rief beim Disponenten an: „Ich hab das Auto festgefahren.“
„Dann versuch wieder rauszukommen und ruf mich nochmal an, wenn’s geklappt hat oder wenn nichts mehr geht.“
Durchatmen. Ruhig nachdenken.
Was tut man in dem Fall?
Die Räder unterfüttern, die Fahrspur künstlich anheben.
Baumfällarbeiten – Zweige im Überfluss.
Ich packte das Holz unter die Räder, fuhr, oder eher schaukelte, den halben Meter, der ging, wieder und wieder vor und zurück, presste die Zweige in den Morast, füllte weiter auf.
Nach einer knappen halben Stunde war der Wagen tatsächlich wieder flott. Nur recht schmutzig, und könnte eine Unterbodenwäsche gebrauchen. Aber kommende Woche sollte er eh zum Ausbeulen in die Werkstatt, die kriegen das wohl hin. Damit müsste ich mir meinen ersten Rallystreifen verdient haben.

Anderere Zeitkiller sind Pakete, die offiziell da sind (sie werden beim Auflegen aufs Band gescannt), aber nicht von mir bemerkt und daher gesucht werden müssen. Sie rollen vorbei und landen normalerweise bei den Irrläufern. Normalerweise.
Diese Woche fehlte ein Paket für den Ort, den ich als letztes anfahren wollte. Wir suchten bei den Irrläufern, bei den Paletten hinten und bei den Paletten vorn. Nichts. Ich war sicher, dass es nicht im Auto war. Trotzdem, der Chef vom Depot befahl „Ausladen und suchen!“
„Ignorier dafür die letzten zehn Stops,“ sagte der Disponent leise zu mir.
Ich musste nur ein Viertel ausladen, dann fand der Chef selbst das Paket – unter dem Band bei einem der Trier-Fahrer. Dort haben wir nicht gesucht, weil man nur eigene Pakete bei sich unters Band legt. Ich würde jemanden erwürgen, wenn ich wüsste, wer es war. Für diese Erfahrungspunkte kaufe ich mir die Fertigkeit „Pakete auch unterm Band suchen, wo sie nichts zu suchen haben“.

Und dann die Expresse nach Gerolstein. Die sorgen dafür, dass ich Spangdahlem (Flughafen) nicht morgens anfahren kann, weil ich nach Spangdahlem (Ort) sofort nach Gerolstein muss, wenn ich es noch rechtzeitig schaffen will. Wenn ich am späten Nachmittag wiederkomme, haben die aber alle Feierabend und die Pakete für die Air Force sammeln sich an, das kann nicht sein, aber ich weiß noch nicht, wie ich Express und Flughafen unter einen Hut bringen soll – ich muss früher aus der Halle!

12. Juni 2011

King of Kylltal (Teil 5)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 16:15

Die Routine erweitert sich, der Spaß rückt weiter in den Vordergrund. Ein paar organisatorische Dinge muss ich allerdings noch besser in den Griff bekommen. „Apotheken Umschau“ in Kombination mit einer Expresslieferung in Gerolstein – immer noch ein Zeitkiller, den ich durch besseres Packen angehen muss. Dazu kommen noch abgelegenere Lieferorte wie Dudeldorf oder Bleckhausen, die sich nicht in „runde“ Touren einbinden lassen, sondern eine Ausbeulung in der Route verursachen. Daran wird sich nichts ändern, aber ich könnte es durch bessere Selbstorganisation ein wenig kompensieren.

Wichtiges Element dabei ist das Scannen der Pakete bei der Abnahme vom Band. Bei Unsicherheit muss man die im System angegebenen fehlenden Sendungen unter den bereits vorhandenen Paketen suchen, und zwar bevor man sie einlädt. Letzte Woche hatte ich einen Eimer mit Würzmittel für ein griechisches Restaurant übersehen, er stand also im eingeräumten Auto, war aber mangels Scan als fehlend angezeigt; rauskramen hätte zu viel Zeit gekostet und es musste eine Behelfslösung gefunden werden. Dazu kam es, weil mein Scanner nicht immer piept, wenn er scannt, der hat seine besten Tage hinter sich, das bedeutet, ich merke nicht unbedingt, wenn der Scanner den Barcode nicht als etwas lesbares erkennt. Wenn das Gerät „etwas“ erkennt, aber nicht als Barcode, erhalte ich eine Fehlermeldung auf dem Display, aber sowohl erfolglose als auch erfolgreiche Scans, wenn er also alles richtig oder gar nichts scannt, gehen nicht mit einem optischen Signal einher, die Unterscheidung kann man nur anhand des gedachten Geräuschs machen, das nicht immer so will, wie ich es brauche. Das Kabel der Ladestation ist jedenfalls hin, das ist einem Kabelbruch zum Opfer gefallen, das heißt, das erste, was ich am Morgen mache, ist ins Büro zu gehen und mir aus dem „VOLL“ Stapel einen der wenigen vollen Akkus zu nehmen. Zwei bis vier liegen da in der Regel rum, und wenn ich keinen kriege, muss ich nach Stromausfall alle Pakete mittels der so genannten Rollkarte ausliefern, das heißt Unterschrift des Kunden auf Papier und manuelle Dateneingabe des darüber sicherlich nicht gerade glücklichen Büropersonals.
Gutes Scannen am Morgen spart mindestens zehn Minuten Zeit, gutes Einräumen in sinnvoller Stoppreihenfolge kann sicherlich bis zu einer Stunde sparen, die man im Laufe des Tages nicht mit Umräumen und Suchen im Laderaum verbringt. Ortskenntnis spart ebenfalls bestimmt eine Stunde Zeit, denn man muss sich vorstellen, dass man bei über 100 Paketen zwischen 40 und 60 Stopps hat, und wenn man jedesmal eine Minute oder so mit dem Navi verbringen muss, kann man sich ja ausrechnen, wie viel Zeit dabei über den Tag flöten geht. Der Kauf der Straßenkarte hat mir jedenfalls schon einige Zeit gewonnen.

Andere Neuigkeiten beziehen sich zum einen auf einen kurzzeitigen Wagenwechsel, weil Montag und Dienstag zu wenig Fracht für mich da war, um mit dem Sprinter zu fahren. Ich bekam daher einen Vito, ebenfalls von Mercedes Benz. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich die Handbremse gefunden hatte, da es sich um eine Fußbremse handelt. Man tritt sie mit dem linken Fuß fest und löst sie mit Hilfe eines Zuggriffs mit der linken Hand… außerdem zeigte die Tachonadel die Geschwindigkeit in km/h an, während die LCD-Anzeige mir die mph, Meilen pro Stunde, präsentierte… warum auch immer. Die Höchstgeschwindigkeit ist höher als beim Sprinter, aber ich fahre eh nicht schneller als 120, mal abgesehen von Überholmanövern. Störend fand ich auch die ungewohnte Fußstellung am Gaspedal, was sich als verkrampfter Unterschenkel bemerkbar machte. Außerdem war zuwenig Luft in den Reifen (wobei ich nirgendwo den üblichen Aufkleber mit den notwendigen Druckangaben fand und mich nach meinen eigenen Erfahrungswerten für diese Art von Auto richtete) und rechts vorne ist das Profil an der Außenseite stark abgefahren… es quietschte in einigen Kurven, die ich mit dem schwereren Sprinter sonst problemlos fahren konnte. Die Motorhaube bekam ich überhaupt nicht auf. Ich fand nur einen Hebel, der in Frage zu kommen schien, unter der Lenksäule, den ich runterdrückte, aber an der Haube tat sich nichts. Vermutlich handelte es sich lediglich um den Feststellhebel für den Lenkradwinkel. Das Wasser für die Waschanlage reichte jedenfalls glücklicherweise.

Weiterhin befindet sich unter unseren Kunden ein Hersteller von Schutz- und Arbeitskleidung, und ich brauchte dringend neue Schuhe, da die Fersen der alten, die ich, ich glaube, zu Weihnachten 2008 bekommen habe, völlig durchgelatscht waren. Ich kaufte daher ein Paar halbhohe Arbeitsschuhe der Sicherheitsstufe 2 für 110 Euro (und mein Dank geht an Alex, der mir diesen notwendigen Kauf noch vor meiner ersten Gehaltszahlung durch eine Leihgabe möglich gemacht hat). Sie sehen gut aus, sind bequem, und haben den erforderlichen Zehenschutz in Form gleich zweier integrierter Stahlkappen. Kettensägensicherheit und Durchtrittschutz, wie sie die Stufe 3 bietet, brauche ich nicht, aber die Stahlkappen sind im Depot Vorschrift (ohne dass der Arbeitgeber auch nur einen Zuschuss beim Kauf dieser speziellen Schuhe gewährt), und da ich den ganzen Tag in den Schuhen verbringe, ist Bequemlichkeit ein Muss. Die alten Stiefel ließ ich gleich im Laden und der Angestellte versprach, sie für mich in den Container zu werfen. Die taugen nicht mal mehr für die Schuhspende. Ich übe mich derzeit auch bewusst darin, den Fuß anders aufzusetzen, damit die Abnutzung der Sohlen nicht so punktiert einseitig ist, an der Ferse hinten rechts. Aber es ist schwer, den persönlichen Gang zu ändern.

In dieser Woche stand ich auch am Haupttor des Flughafens Spangdahlem und bat die (deutschen) Angestellten des „Pass & ID Office“, die Empfänger zu kontaktieren, denn die müssen rauskommen, weil ich nicht rein darf. Oft steht auf den Paketen nur die Nummer eines Gebäudes und die Zimmernummer, aber kein Name, und die wenigsten Absender schreiben eine Telefonnummer drauf. Da stand ich also und hatte ein Päckchen, als dessen Empfänger „Louis Little Dog“ angegeben war. Ein Scherzkeks scheinbar, der Haustierbedarf verschickte. Daneben aber eine Mobilfunknummer, und man sagte mir, dass es vom Telefon dieses Büros aus nicht möglich sei, Mobilfunknummern überhaupt anzurufen. Ich rief den Kunden also selbst an, sprach aber erst mal auf die Mailbox.
Später rief mich der Kunde an und sagte, er sei Louis Little Dog, scheinbar, damit ich den Bezug zwischen Anruf und Päckchen herstellen konnte. Der Anrufer sagte, es sei wichtig, die Lieferung zu erhalten, weil es sich um das Geschenk zu einer Abschlussfeier am Samstag handele (für einen Hund?), und versprach, am kommenden Tag, Freitag, gegen elf Uhr am Eingang zu sein, da ich in der Regel um diese Zeit dort bin, und ich versprach, ihn kurz anzurufen, sobald ich in der Nähe war.
Tags drauf rief er mich zwischen 0930 und 1000 selbst an und fragte, ob das mit elf Uhr klappe, ich war zuversichtlich, trotz „Apotheken Umschau“ und 12-Uhr-Express nach Gerolstein – letztendlich kam ich um Elf an, drückte ihm zehn Minuten später sein Paket in die Hand und düste dann nach Gerolstein, wobei ich alle anderen Lieferungen zwischen Spangdahlem und dem Expressempfänger aus Zeitgründen ignorieren und nach hinten verschieben musste, weil ich für die Strecke Spangdahlem-Gerolstein etwa 45 Minuten benötige. Außerdem teilte mir der Empfang mit, dass heute ein besonderer Tag („Act of Duty Day“ oder sowas) sei, an dem man eh niemanden im Büro antreffen würde.
Wie dem auch sei, ich traf den Kunden und er zeigte mir ein Ausweisdokument, auf dem „Louis Little Dog“ stand. In dem Moment rechnete ich schon damit, dass gleich jemand hinter anderen geparkten Autos hervorspringen und mich bei der Versteckten Kamera willkommen heißen müsste und fragte ihn herrlich spontan, ob seine Eltern ihn vielleicht hassten. Hm, der Blick in seinen Augen sprach von Entgeisterung, aber eine Sekunde später sagte er, dass dies tatsächlich sein Name sei und zeigte mir die Rückseite seiner Sportjacke: Er war ein Abkömmling amerikanischer Ureinwohner aus North Dakota. Ich war völlig perplex, zum einen wegen des irrsinnigen Hergangs dieser ganzen Geschichte und zum anderen wegen meines eklatanten Mangels an diplomatischem Taktgefühl, das von meinem Unverständnis gegenüber der Empfängerangabe und der überraschenden Auflösung vollig weggespült worden war. Der Typ heißt tatsächlich so und „Little Dog“ ist sein Familienname.

5. Juni 2011

King of Kylltal (Teil 4)

Filed under: Arbeitswelt,Spiele — 42317 @ 16:30

Ja, leider gibt es derzeit nicht viel anderes, über das ich schreiben könnte… abgesehen von dem sentimentalen Bedauern, das ich spüre, wenn ich den traditionellen Spieleabend, den ich seit Jahren am Dienstag Abend zelebrierte, ins Nichts verschwinden sehe. Ortswechsel und Berufstätigkeit einzelner Spieler machen die Sache unmöglich, obwohl man sich derzeit noch dagegen wehrt. Ich glaube aber nicht, dass der Todeskampf des Spielabends am Dienstag noch lang dauern wird. Ich bin jedenfalls draußen und hoffe nur, mit noch ortsnahen Freunden an einem oder zwei Freitagen im Monat weitermachen zu können.

Am Samstag jedenfalls war ich in Plaidt. Dabei handelt es sich um eine Art Vorstadt von Koblenz, und die Firma, für ich arbeite, das heißt der Subunternehmer, hat dort ihren Hauptsitz.
Es handelt sich um einen reichlich unscheinbaren Hauptsitz, denn da ist eine zum Unternehmen gehörende Werkstatt und quasi in einem Nebenraum ein kleines Büro, über dessen Tür ein nicht mehr ganz neu aussehendes Firmenschild hängt. Und das bei einem Volumen von ca. 80 Fahrzeugen, die jeden Tag von den Depots in Koblenz und Trier ausschwärmen.
Ich erinnere mich zurück an alte Amiga-Tage, wo es ein Spiel mit der Bezeichnung „Transworld“ gab. Es handelte sich um eine Wirtschaftssimulation, in der man ein Transportunternehmen verwaltete, das allerdings nicht nur die Waren anderer Leute transportierte, sondern die Waren selber kaufte und verkaufte. Wenn man da 20 LKWs zusammenhatte, saß man nicht mehr in einem kleinen Büro in einer unbedeutenden Vorstadt, sondern verfügte in der Regel über ein pompös ausgebautes Firmengebäude mit riesigem Warenlager – soviel zur Realität.

Eigentlich war der Sprinter nur wegen seiner Bremsen hier, aber ich hatte vorsorglich eine Liste von Mängeln erstellt, die ich beseitigt haben wollte. Zum Beispiel funktionierte die Zentralverriegelung des Laderaums nicht, das heißt, die Fahrerkabine ließ sich abschließen, aber der Laderaum nicht. Der obere der beiden Zigarettenanzünder streikte ebenfalls, und ich brauche derzeit beide als Steckdosen, den einen für das Navi, den anderen für den Akku des Scanners. Die Wischerblätter mussten dringend ersetzt werden, weil die falschen nach Trier geliefert worden waren. Die saßen nicht und waren notdürftig befestigt, was zur Folge hatte, dass die Wasserdüse die Scheibe nicht richtig traf und nur zwei Drittel der Gesamtfläche effektiv gereinigt wurden. Der Motor des rechten Außenspiegels war scheinbar auch kaputt, denn man konnte ihn nur noch von Hand verstellen. Dies ließ sich scheinbar nicht beheben, aber es ist auch ein minderes Problem, da man einen Spiegel ja nicht häufig einstellen muss. Dann war noch der Ölstand zu niedrig und eine Halterung des Sicherungsnetzes im Laderaum hatte sich aus der Verankerung gelöst. Und zuletzt hatte irgendeiner den Knopf des elektrischen Fensterhebers links abgebrochen. Der ließ sich zwar auf die Steuerungseinheit wieder aufsetzen, aber er sitzt halt locker. Der Mechaniker sagte, diese Knöpfe gebe es nicht einzeln, man müsse die gesamte Steuerung neu kaufen, aber auch das ist ein minderes Problem. Ach ja, auch einen neuen Drehknopf für die Rückenlehne habe ich bekommen, das wird das Fahren noch einen Tick angenehmer machen.

Den Termin hatte ich um 0900, um 0838 war ich vor Ort. Der zuständige Kfz-Meister war bereits da und ließ mich rein, die drei Mechaniker kamen um kurz vor Neun. Ich fand eine internationale Truppe vor: Der Meister ist scheinbar gebürtiger Pole, Mechaniker 1 kommt aus einer arabischen Familie, Mechaniker 2 stammt aus Afrika, Mechaniker 3 ist Deutscher. Und der Chef meines Unternehmnens, der einen leicht antiquiert klingenden deutschen Namen trägt, ist ein ägyptischer Kopte, dem man den Orientalen eindeutig ansieht. Es wäre fast eine linguistische Studie wert, wie diese unterschiedlich gearteten Menschen miteinander kommunizieren, da – ich sage mal – die Zuwanderer zwar alle deutsch sprechen, aber eben auch Unsicherheiten und wohl fossilisierte Fehler bei der Sprachanwendung an den Tag legen. 90 % Sinn machendes Deutsch würde ich attestieren, und die Missverständnisse, die sich aus den restlichen 10 % ergeben, wären sicherlich eine Betrachtung wert. Für eine Hauptseminarsarbeit ist es bestimmt genug Stoff.

Während sich die Mechaniker um den Wagen kümmerten, hatte ich Gelegenheit, mit dem Chef zu reden, und es war erstaunlich angenehm. Er hat VWL studiert und dann Automobilkaufmann gelernt, wir redeten über Sprache, Kultur, Religion, Demokratiebegehren und Toleranz, über Arbeitsmoral (zum Beispiel, das Auto = den eigenen Arbeitsplatz sauber zu halten) und Medienkritik im Hinblick auf die apokalyptische Darstellung irgendwelcher Krankheiten, kurzum: Ich konnte mit meinem Allgemeinwissen von Tutmosis bis Mubarak und Saleh glänzen und mein Gegenüber verstand, was ich sagte. Bei den Kollegen im Depot bleibe ich sonst auf halbem Wege stecken, sofern sich mal eine Gelegenheit für ein Gespräch ergibt, in dem es nicht um die gemeinsame Arbeit oder alltägliche Dinge geht. Dies bekräftigt meine Meinung, dass es angenehm ist, für Orientalen zu arbeiten. Wenn ich für Deutsche arbeite, gibt es natürlich einen auf den Deckel, wenn was schiefläuft, und wenn es gut läuft, dann wird das stillschweigend als normal betrachtet. Arbeite ich zum Beispiel für Türken, lesen auch die mir die Leviten, wenn was daneben geht, aber die loben einen auch, wenn man was gut macht – zumindest die, mit denen ich in den vergangenen zehn Jahren gearbeitet habe. Aber ich glaube, ein Muster zu erkennen. Um von einem Deutschen gelobt zu werden, muss man vermutlich die Firma retten, aber ich will auch nicht unerwähnt lassen, dass auch die Chefin im Teppichladen immer wieder mal was Positives sagt, wenn ein großes Unterfangen wie der Messeaufbau flüssig vonstatten geht, wofür ich immer sehr dankbar war.

Einschub, Klammer auf: Wie läuft das eigentlich mit der Teppichgalerie weiter?
Ich habe mit Frau G. ausgemacht, dass ich an Wochenenden, sofern notwenig, Arbeiten übernehme, die für sie und Halina allein körperlich zu herausfordernd sind, also zum Beispiel größere Teppichvorlagen oder auch Aufräumaktionen, nachdem jemand die großen Exemplare hat sehen wollen. Die kleinen Dinge wie Staubsaugen, Autos waschen, Teppiche klopfen und derlei Dinge wird wohl Halina übernehmen dürfen (deren langes Gesicht ich mir durchaus vorstellen kann, weil sie solche Arbeiten bislang nur ganz selten hat machen müssen), da die Konjunkturlage in dem Geschäft derzeit nicht zulasse, den Rahmen von 400 E auszuschöpfen, und für einen Tag die Woche wolle sie keinen neuen Mitarbeiter anlernen. Ich mache in der Paulinstraße also auf reiner Notwendigkeitsbasis weiter und das ist mir ganz recht.
Klammer zu.

Ich fragte den Chef nach meinem Arbeitsvertrag, worauf er seine Unterlagen ansah und meinte, dass er lediglich nicht alles notwendige zusammen habe – meine Lohnsteuerkarte und mein Sozialversicherungsausweis fehlten noch. Ich halte das mal fest… die Lohnsteuerkarte müsste im Teppichladen sein, und wenn ich mich nicht irre, habe ich den Sozialversiucherungsausweis dem Arbeitsamt übergeben. Wir redeten auch über Gehalt, Urlaub, und meine Ambitionen, soweit sie über den Job eines Transportfahrers hinausgehen:
Das pauschale Gehalt eines Fahrers regelt sich scheinbar so, dass ca. 1250 E fest gezahlt werden, 200 E sind als „Prämie“ angegeben, und pro Arbeitstag gibt es 6 E für Spesen… das ist jetzt zumindest aus meinen Gedächtnis hervorgekramt, die Daten bekomme ich demnächst ja noch schriftlich.
Urlaub gibt es zwei Tage pro Monat, wobei mir wegen der Vertretungsschwierigkeiten empfohlen wird, nicht mehr als eine Woche am Stück zu nehmen, und außerdem gilt für die ersten sechs Monate Urlaubssperre. Er fügt allerdings hinzu, dass er volles Verständnis dafür habe, dass ein Universitätsabsolvent sich besser bezahlte Jobs sucht, und dass es kein Problem sei, mal einen Tag frei zu nehmen, um ein Vorstellungsgespräch zu besuchen. Er lege sowas nicht als Untreue aus und habe auch Leute wieder eingestellt, die nach ein oder zwei Jahren wieder zurückkehren wollten.

Um knapp halb Zwei war alles erledigt, bis auf eins: Der Wagen muss in etwa drei Wochen nochmal in die Werkstatt, um die Schäden, die mein Vorgänger an der Karosserie verursacht hat, zu beheben. Das bedeutet ausbeulen und neu lackieren, und in der Zwischenzeit, das heißt über drei oder vier Tage, muss ich eben wieder einen Leihwagen fahren.

2. Juni 2011

King of Kylltal (Teil 3)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 15:26

Ich habe gar nicht die Zeit, über alles im Detail zu schreiben, was sich einem da bietet… Mercedes-, BMW- und Golffahrer, die jedem ihrer Klischees gerecht werden, spazierfahrende Rentner, tote Kunden, unvermittelt abbiegende (und daher bremsende) Einheimische, schmale schadhafte Eifelwaldstraßen und noch schmalere und unbefestigte Eifelwaldwege, atemberaubende Expresslieferfahrten über Eifelserpentinen, die Hitze im an Fahrtwind mangelnden Stadtverkehr, Berge von „Apotheken Umschau“, völlig abseits liegende Eifeldörfchen mit drei Häusern, vier Kneipen und einem Mausefallenmuseum, Kunden, die wie eben diese Dörfer heißen, Straßenzüge, die neuer als der Navi sind, Häuser, die zu neu sind, um bereits eine Klingel zu haben, selbst verschuldete Arbeitszeiten von halb sechs morgens bis acht Uhr abends, aber auch freundliches Entgegenkommen von Kunden und solchen Leuten, die eigentlich keine sind.

Man sagt gern, dass Berufsverkehr den Nerven abträglich sei. Das finde ich gar nicht, denn wenn einem nicht gerade das Essen anbrennt, kann man die Staus gemütlich aussitzen, im Trockenen mit Lüftung und Musik. Was ich bedenklicher finde, sind die einzelnen Pendler am frühesten Morgen. Es gibt da welche, die es scheinbar nicht gebacken bekommen, rechtzeitig aufzustehen, die mit 70 durch die Innenstadt fahren und andere, die mit etwa 130 über die Ehranger Umgehungsstraße blasen.

Das Gegenteil sind die Rentner, die in der Eifellandschaft spazieren fahren, oder die, die sich die üblichen Geschwindigkeiten nicht mehr zutrauen. Über Traktoren beschwere ich mich nicht, die sind halt nicht für hohe Geschwindigkeiten konzipiert und die Arbeit muss ja gemacht werden, und mit einem großen LKW muss man ja auch umsichtig fahren, gerade in den Tiefen der Eifel. Mit denen habe ich keinen Stress, aber wenn Opa Herrmann und Oma Louise in ihrem bordeauxroten Benz Bj. 1990 mit 50 km/h durch den Wald schleichen und dabei auffällig gestikulierend was weiß ich was diskutieren, dann könnte mir der Hut hochgehen.

In einem Fall war es für die Lieferung allerdings zu spät. Die ASSIST GmbH aus Merzig an der Saar verschickt Pakete über Transoflex. Dabei handelt es sich um Artikel, die man für die Altenpflege benötigt, und so kam es, dass ich an meinem dritten oder vierten Arbeitstag an einer Tür klingelte, wo mir ein mitgenommen aussehender Mann über 50 mitteilte, dass der Empfänger des Pakets in der vergangenen Nacht leider verstorben sei. In der Rubrik „Annahme verweigert“ bleibt einem dann nur noch die Angabe „sonstige Gründe“, da ja „Ware verspätet“ oder „beschädigt“ zum Beispiel nicht zutreffen.

Ich weiß nicht, wie die Straßenkarten des Navigationsgeräts zu Stande kommen. Ich vermute, dass eine Maschine vielleicht graue Linien in Luftaufnahmen erkennt, oder dass Scans von Papierlandkarten ebenso automatisch interpretiert werden. Anders jedenfalls lässt sich nicht erklären, dass das Gerät plötzlich sagt: „In 400 Metern fahren Sie geradeaus.“ Nach 400 m bietet sich dem Fahrer folgendes Bild: Die Straße macht eine Biegung und geradeaus befindet sich ein Waldweg. Das Gerät sucht angeblich die jeweils schnellste Strecke von A nach B, aber auf einem Waldpfad, der eigentlich nur für Spaziergänger und Forstwirtschaft da ist, kann ich ja nicht 100 fahren, sondern bestenfalls 50. Das System kann verschieden Typen von Straßen vermutlich nicht selbst unterscheiden und menschliche Dateneingabe würde vermutlich einiges kosten (dafür gibt es ja „Business Solutions“, da ich annehme, dass man einer Schwerlastspedition nicht die gleiche Navisoftware wie einem Autofahrer verkaufen kann). Klar macht das Fahren über Waldwege irgendwo Spaß, aber der hört vermutlich auf, wenn mir ein Forstwirtschafter im Geländewagen entgegenkommt. Dann muss ich nämlich gegebenenfalls ein paar Kilometer rückwärts fahren, weil ich im Weg stehe und hier eigentlich nichts zu suchen habe.

Bei einer Fahrt mit Expresspaket würde ich diese Option jedenfalls nicht nehmen, sondern auf der Straße bleiben. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mal absichtlich zu schnell auf der Landstraße fahren würde. Bereiche mit 70 oder 50, das ist was anderes, aber auf gerader Strecke ohne Hinweisschild werden es schonmal mehr als 100. Wenn ein Expresspaket zu spät ankommt, muss die Firma den Preis zurückerstatten, und der fällt auf den Fahrer zurück, sofern er die Verspätung verschuldet hat (für Staus zum Beispiel kann er ja nichts).

Derzeit sind meine Arbeitstage noch relativ lang. Das liegt zum einen an einem Mangel an Routine beim morgendlichen Laden, zum anderen an meinem derzeitigen Mangel an Können in Angelegenheiten der Routenoptimierung.
Um effizient zu laden, muss man die groben räumlichen Verhältnisse der Tour im Kopf haben und die Pakete, die den letzten Ortschaften in der Reihe zugeordnet werden, können schon eingeladen werden. Das ist aber nur der Idealfall, denn eine Expresslieferung kann den Laden durcheinanderbringen, weil man dafür in der Regel Ortschaften in der regulären Abfolge aus Zeitgründen überspringen muss, und dem entsprechend ändert sich die Reihenfolge des Packens. Man spart auch Zeit, wenn man die Pakete gleich beim runternehmen vom Band einscannt, aber manchmal kommen mehrere in schneller Folge, sodass keine Zeit zum sofortigen Scannen bleibt, und gleichzeitig kann man am Ende der Serie nicht einfach die Augen vom Band nehmen, um den angesammelten Haufen zu scannen, weil man dann weitere Pakete im eigenen Postleitzahlenbereich verpassen könnte, was zu Unmut am Ende des Bands führen kann, wenn sich dort die verpassten Pakete stapeln, die ja auch jemand vom Band nehmen und stapeln muss – und ich verliere Zeit, wenn ich zum Ende der Halle gehen und im Stapel nach verpassten Sendungen suchen muss. Effizienz kommt hier aus guter Finger-Augen-Koordination. Und wenn alles klappt, dass alles schnell gescannt und bereit zum Einladen grob nach Orten und Straßen geordnet wurde, dann kann es immer noch sein, dass ein verspäteter LKW die logistische Kette unterbricht und sich die Tour so ändert, dass sich ein anderer Endpunkt ergibt.
Und dennoch kann es schnell gehen: Kalaschnikow (Name geändert), der den Bereich westlich von mir bedient, ist grundsätzlich als erster draußen, wenn der um halb Neun losfährt, ist er spät dran. Er macht das hier seit fünf Jahren und fährt bereits seit über 20. Der arbeitet mit allen Optimierungstricks und hat sogar noch Zeit, zwischendurch am Tor eine zu rauchen.

Mein anderes Problem ist die Optimierung der Route. Wie verbinde ich z.B. die Orte Weißenseifen, Müllenborn, Rockeskyll, Balesfeld, Wallenborn, Bleckhausen, Deudesfeld und Gerolstein zu einer sinnvollen und möglichst Zeit sparenden Tour, wenn wegen eines Expresspakets klar ist, dass ich Gerolstein als erstes anfahren muss?
Wäre dies nicht der Fall, könnte ich eine schöne Runde fahren, aber wenn Gerolstein der Ort A sein muss, entsteht ein Planungsproblem, weil all diese Dörfer rundum liegen und Zickzack und Überkreuzfahrten kosten nunmal Zeit. Ich habe gestern 20 Minuten in der Touristeninformation in Gerolstein verbracht, um mir eine Karte der Eifel zu kaufen und mir von der Angestellten die Ortschaften markieren zu lassen, von denen ich noch nie gehört hatte. Denn man kann mir ideale Fahrtrouten vorbeten, sooft man will, ich werde mir die Strecken besser merken können, wenn ich mir mittels einer Straßenkarte eine konkrete Vorstellung der räumlichen Verhältnisse machen kann.

Positiv überrascht war ich bislang vom Verhalten der Einheimischen (abgesehen von demjenigen, der mich durch unangekündigtes Abbiegen zu einer Vollbremsung veranlasste). Manche sagen, dass die Eifelbauern verschlossene Leute seien, aber dergleichen habe ich nicht bemerkt. Die Exemplare, die ich getroffen habe, waren alle freundlich, fragten auch mal nach dem Woher und Wohin, und nicht abgeneigt, die Post des Nachbarn anzunehmen. Ich bekam sogar Trinkgeld. Umgerechnet auf die Arbeitstage mehr als in den vergangenen Jahren als Teppichdarbieter.
Aber auch und vor allem in Speicher hat man mich überrascht. Wegen der genannten Faktoren und der „Apotheken Umschau“, die mir anscheinend zweimal im Monat 50 schwere Extrapakete beschert, war ich am Freitag spät dran und hatte ein paar Pakete für einen Laden für Bürobedarf. Um 2115 hat der natürlich geschlossen, aber ich dachte mir, dass der Besitzer vielleicht im Haus wohnt. Als ich den Namen nicht auf der Klingel vorfand, läutete ich trotzdem mal. Die Bewohnerin war überraschend entgegenkommend und zeigte sich bereit, die knapp zehn Pakete in ihrem Flur unterzubringen. Dann hatte sie die Idee, den Empfänger anzurufen (ihr Vermieter), suchte dafür die Nummer aus dem Telefonbuch, erreichte ihn nicht, suchte dann eine andere Nummer, von der sie wusste, dass es der Vater des Empfängers war, worauf dieser, ausgestattet mit einem Schlüssel zum Laden, zum Laden gefahren kam und mir beim Wegräumen half, wobei er ebenso überraschend keinerlei Tadel oder ähnliches äußerte, sondern meine Entschuldigung nur zur Kenntnis nahm und sagte, dass er ja wisse, dass ich auch irgendwann mal Feierabend haben wollte. Da war ich direkt beeindruckt. Vielleicht liegt es an meinen Vorbehalten gegenüber der Stadt, in der ich lebe, aber ich glaube, ein Trierer Kunde hätte auf die Situation eher ungehalten reagiert.