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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

5. Juni 2011

King of Kylltal (Teil 4)

Filed under: Arbeitswelt,Spiele — 42317 @ 16:30

Ja, leider gibt es derzeit nicht viel anderes, über das ich schreiben könnte… abgesehen von dem sentimentalen Bedauern, das ich spüre, wenn ich den traditionellen Spieleabend, den ich seit Jahren am Dienstag Abend zelebrierte, ins Nichts verschwinden sehe. Ortswechsel und Berufstätigkeit einzelner Spieler machen die Sache unmöglich, obwohl man sich derzeit noch dagegen wehrt. Ich glaube aber nicht, dass der Todeskampf des Spielabends am Dienstag noch lang dauern wird. Ich bin jedenfalls draußen und hoffe nur, mit noch ortsnahen Freunden an einem oder zwei Freitagen im Monat weitermachen zu können.

Am Samstag jedenfalls war ich in Plaidt. Dabei handelt es sich um eine Art Vorstadt von Koblenz, und die Firma, für ich arbeite, das heißt der Subunternehmer, hat dort ihren Hauptsitz.
Es handelt sich um einen reichlich unscheinbaren Hauptsitz, denn da ist eine zum Unternehmen gehörende Werkstatt und quasi in einem Nebenraum ein kleines Büro, über dessen Tür ein nicht mehr ganz neu aussehendes Firmenschild hängt. Und das bei einem Volumen von ca. 80 Fahrzeugen, die jeden Tag von den Depots in Koblenz und Trier ausschwärmen.
Ich erinnere mich zurück an alte Amiga-Tage, wo es ein Spiel mit der Bezeichnung „Transworld“ gab. Es handelte sich um eine Wirtschaftssimulation, in der man ein Transportunternehmen verwaltete, das allerdings nicht nur die Waren anderer Leute transportierte, sondern die Waren selber kaufte und verkaufte. Wenn man da 20 LKWs zusammenhatte, saß man nicht mehr in einem kleinen Büro in einer unbedeutenden Vorstadt, sondern verfügte in der Regel über ein pompös ausgebautes Firmengebäude mit riesigem Warenlager – soviel zur Realität.

Eigentlich war der Sprinter nur wegen seiner Bremsen hier, aber ich hatte vorsorglich eine Liste von Mängeln erstellt, die ich beseitigt haben wollte. Zum Beispiel funktionierte die Zentralverriegelung des Laderaums nicht, das heißt, die Fahrerkabine ließ sich abschließen, aber der Laderaum nicht. Der obere der beiden Zigarettenanzünder streikte ebenfalls, und ich brauche derzeit beide als Steckdosen, den einen für das Navi, den anderen für den Akku des Scanners. Die Wischerblätter mussten dringend ersetzt werden, weil die falschen nach Trier geliefert worden waren. Die saßen nicht und waren notdürftig befestigt, was zur Folge hatte, dass die Wasserdüse die Scheibe nicht richtig traf und nur zwei Drittel der Gesamtfläche effektiv gereinigt wurden. Der Motor des rechten Außenspiegels war scheinbar auch kaputt, denn man konnte ihn nur noch von Hand verstellen. Dies ließ sich scheinbar nicht beheben, aber es ist auch ein minderes Problem, da man einen Spiegel ja nicht häufig einstellen muss. Dann war noch der Ölstand zu niedrig und eine Halterung des Sicherungsnetzes im Laderaum hatte sich aus der Verankerung gelöst. Und zuletzt hatte irgendeiner den Knopf des elektrischen Fensterhebers links abgebrochen. Der ließ sich zwar auf die Steuerungseinheit wieder aufsetzen, aber er sitzt halt locker. Der Mechaniker sagte, diese Knöpfe gebe es nicht einzeln, man müsse die gesamte Steuerung neu kaufen, aber auch das ist ein minderes Problem. Ach ja, auch einen neuen Drehknopf für die Rückenlehne habe ich bekommen, das wird das Fahren noch einen Tick angenehmer machen.

Den Termin hatte ich um 0900, um 0838 war ich vor Ort. Der zuständige Kfz-Meister war bereits da und ließ mich rein, die drei Mechaniker kamen um kurz vor Neun. Ich fand eine internationale Truppe vor: Der Meister ist scheinbar gebürtiger Pole, Mechaniker 1 kommt aus einer arabischen Familie, Mechaniker 2 stammt aus Afrika, Mechaniker 3 ist Deutscher. Und der Chef meines Unternehmnens, der einen leicht antiquiert klingenden deutschen Namen trägt, ist ein ägyptischer Kopte, dem man den Orientalen eindeutig ansieht. Es wäre fast eine linguistische Studie wert, wie diese unterschiedlich gearteten Menschen miteinander kommunizieren, da – ich sage mal – die Zuwanderer zwar alle deutsch sprechen, aber eben auch Unsicherheiten und wohl fossilisierte Fehler bei der Sprachanwendung an den Tag legen. 90 % Sinn machendes Deutsch würde ich attestieren, und die Missverständnisse, die sich aus den restlichen 10 % ergeben, wären sicherlich eine Betrachtung wert. Für eine Hauptseminarsarbeit ist es bestimmt genug Stoff.

Während sich die Mechaniker um den Wagen kümmerten, hatte ich Gelegenheit, mit dem Chef zu reden, und es war erstaunlich angenehm. Er hat VWL studiert und dann Automobilkaufmann gelernt, wir redeten über Sprache, Kultur, Religion, Demokratiebegehren und Toleranz, über Arbeitsmoral (zum Beispiel, das Auto = den eigenen Arbeitsplatz sauber zu halten) und Medienkritik im Hinblick auf die apokalyptische Darstellung irgendwelcher Krankheiten, kurzum: Ich konnte mit meinem Allgemeinwissen von Tutmosis bis Mubarak und Saleh glänzen und mein Gegenüber verstand, was ich sagte. Bei den Kollegen im Depot bleibe ich sonst auf halbem Wege stecken, sofern sich mal eine Gelegenheit für ein Gespräch ergibt, in dem es nicht um die gemeinsame Arbeit oder alltägliche Dinge geht. Dies bekräftigt meine Meinung, dass es angenehm ist, für Orientalen zu arbeiten. Wenn ich für Deutsche arbeite, gibt es natürlich einen auf den Deckel, wenn was schiefläuft, und wenn es gut läuft, dann wird das stillschweigend als normal betrachtet. Arbeite ich zum Beispiel für Türken, lesen auch die mir die Leviten, wenn was daneben geht, aber die loben einen auch, wenn man was gut macht – zumindest die, mit denen ich in den vergangenen zehn Jahren gearbeitet habe. Aber ich glaube, ein Muster zu erkennen. Um von einem Deutschen gelobt zu werden, muss man vermutlich die Firma retten, aber ich will auch nicht unerwähnt lassen, dass auch die Chefin im Teppichladen immer wieder mal was Positives sagt, wenn ein großes Unterfangen wie der Messeaufbau flüssig vonstatten geht, wofür ich immer sehr dankbar war.

Einschub, Klammer auf: Wie läuft das eigentlich mit der Teppichgalerie weiter?
Ich habe mit Frau G. ausgemacht, dass ich an Wochenenden, sofern notwenig, Arbeiten übernehme, die für sie und Halina allein körperlich zu herausfordernd sind, also zum Beispiel größere Teppichvorlagen oder auch Aufräumaktionen, nachdem jemand die großen Exemplare hat sehen wollen. Die kleinen Dinge wie Staubsaugen, Autos waschen, Teppiche klopfen und derlei Dinge wird wohl Halina übernehmen dürfen (deren langes Gesicht ich mir durchaus vorstellen kann, weil sie solche Arbeiten bislang nur ganz selten hat machen müssen), da die Konjunkturlage in dem Geschäft derzeit nicht zulasse, den Rahmen von 400 E auszuschöpfen, und für einen Tag die Woche wolle sie keinen neuen Mitarbeiter anlernen. Ich mache in der Paulinstraße also auf reiner Notwendigkeitsbasis weiter und das ist mir ganz recht.
Klammer zu.

Ich fragte den Chef nach meinem Arbeitsvertrag, worauf er seine Unterlagen ansah und meinte, dass er lediglich nicht alles notwendige zusammen habe – meine Lohnsteuerkarte und mein Sozialversicherungsausweis fehlten noch. Ich halte das mal fest… die Lohnsteuerkarte müsste im Teppichladen sein, und wenn ich mich nicht irre, habe ich den Sozialversiucherungsausweis dem Arbeitsamt übergeben. Wir redeten auch über Gehalt, Urlaub, und meine Ambitionen, soweit sie über den Job eines Transportfahrers hinausgehen:
Das pauschale Gehalt eines Fahrers regelt sich scheinbar so, dass ca. 1250 E fest gezahlt werden, 200 E sind als „Prämie“ angegeben, und pro Arbeitstag gibt es 6 E für Spesen… das ist jetzt zumindest aus meinen Gedächtnis hervorgekramt, die Daten bekomme ich demnächst ja noch schriftlich.
Urlaub gibt es zwei Tage pro Monat, wobei mir wegen der Vertretungsschwierigkeiten empfohlen wird, nicht mehr als eine Woche am Stück zu nehmen, und außerdem gilt für die ersten sechs Monate Urlaubssperre. Er fügt allerdings hinzu, dass er volles Verständnis dafür habe, dass ein Universitätsabsolvent sich besser bezahlte Jobs sucht, und dass es kein Problem sei, mal einen Tag frei zu nehmen, um ein Vorstellungsgespräch zu besuchen. Er lege sowas nicht als Untreue aus und habe auch Leute wieder eingestellt, die nach ein oder zwei Jahren wieder zurückkehren wollten.

Um knapp halb Zwei war alles erledigt, bis auf eins: Der Wagen muss in etwa drei Wochen nochmal in die Werkstatt, um die Schäden, die mein Vorgänger an der Karosserie verursacht hat, zu beheben. Das bedeutet ausbeulen und neu lackieren, und in der Zwischenzeit, das heißt über drei oder vier Tage, muss ich eben wieder einen Leihwagen fahren.

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