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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

15. Juli 2024

Donnerstag, 15.07.2004 – Unter den Rasen gespült

Filed under: Bücher,Japan,Militaria,My Life,Spiele,Sport,Uni — 42317 @ 7:00

Yamazaki gelingt heute ein wirklich interessanter Unterricht, nachdem er uns einen kurzen Aufsatz über die gängigen Sportarten in Japan vorgestellt hat. Natürlich handelt es sich dabei um Fußball, Baseball und Sumo. Und weil uns gerade Sumo interessiert, legt er uns dar, wie z.B. die Rangfolge der Kämpfer organisiert ist und was es mit Phänomenen wie fliegenden Sitzkissen auf sich hat. Wir haben gestern Abend im Gastraum bei Daijô-san am Fernseher das aktuelle Sumo-Turnier gesehen, und dabei gerade einen Kampf des hierzulande hochberühmten (mongolischen) Yokozuna Asashôryû beobachten können. „Yokozuna“ ist nicht sein Name, sondern sein Titel, und es ist der höchste in der Hierarchie. Bei der beobachteten Gelegenheit verlor Asashôryû allerdings gegen einen Kämpfer, der hierarchisch unter ihm eingeordnet ist (was ja fast alle sind, wenn er zur Spitzengruppe gehört), und bei eben dieser Gelegenheit, wenn ein Yokozuna von einem Rangniederen besiegt wird, wirft das Publikum die Sitzkissen in den Ring, um der Überraschung Ausdruck zu verleihen. Den meist lachenden Gesichtern war dabei nicht zu entnehmen, dass es sich um die japanische Form des Ausbuhens handeln könnte. Es scheint sich eher um Volksbelustigung zu handeln.

Nach dem Unterricht setze ich mich ins Center und spiele eine Runde StarCraft. Ning setzt sich daneben und sieht eine Weile zu. Dann sagt er „Komm, wie spielen eine Runde gegeneinander!“ Ich habe nichts dagegen. Dazu müssen allerdings erst die entsprechenden Netzwerkprotokolle installiert werden. Fünf Minuten später legen wir dann los und weitere 15 Minuten später wischt Ning mit mir das Schlachtfeld auf, noch bevor meine Aufbauphase so richtig beendet ist. Ich habe noch nie im Leben Finger so schnell über eine Tastatur fliegen sehen – der Kerl ist ein Profi! Er kennt die Keyboard-Befehle auswendig und muss nicht mehr auf die Tasten sehen, wenn er einen Befehl zum Bauen oder Forschen oder Angreifen geben will. Er sagt, er spiele intensiv seit etwa zwei Jahren, auch auf Online-Turnieren. Na Mahlzeit… dann weiß ich ja, mit wem ich nicht mehr in den Ring steigen muss. Ich weiß schon, warum mir rundenbasierte Spiele lieber sind… da habe ich Zeit zu überlegen und muss nicht im Blitztempo alles möglichst gleichzeitig und in der richtigen Reihenfolge machen. Das ist mir zu stressig. Ning weist mich daraufhin an, was man am günstigsten in welcher Reihenfolge unternimmt. Ich kann es nachvollziehen, aber mir ist klar, dass der erste Schritt zur wahren Meisterschaft darin besteht, die Tastaturbefehle auswendig zu lernen. Ich habe mit meiner Zeit allerdings besseres vor, und ich habe auch nichts dagegen, ein reiner Spaß-Spieler ohne Turnierambitionen zu bleiben.

Ich gehe zur Post, um ein seit einiger Zeit fälliges Päckchen abzuschicken. Auf dem Rückweg treffe ich Prof. Philips in einem ungewohnt bunten und gemusterten Hemd, das er sich schon gar nicht mehr in die Hose steckt, und ich unterhalte mich eine Weile mit ihm. Mich interessiert dieser Tage die Frage, wie es möglich war, dass eine zahlenmäßig unterlegene Truppe von arabischen Wüstenreitern die Stadt Alexandria einnehmen konnte, die von 50000 Berufssoldaten und der imperialen Flotte verteidigt wurde.
Er erzählt viel – allerdings ohne viel zu sagen oder die Frage zu beantworten – und wir machen es uns in seinem Büro gemütlich (soweit das in seinem voll gestopften Büro geht). Die Rolle der christianisierten Nubier (aus dem Gebiet des heutigen Sudan) bei der Verzögerung des arabischen Vormarsches in Nordafrika ist zwar sehr interessant (die Araber nannten sie „Die den Pfeil in die Augen schießen“), aber das ist alles sehr viel strategischer als das, was ich wissen wollte. Aber er nennt mir den Namen eines arabischen Historikers aus dem 15. Jh., der wohl etwas darüber geschrieben hat. „Ibn Khaldun“ heißt der Mann und ich habe seinen Namen noch nie gehört. Aber das ist natürlich nicht weiter verwunderlich. Abgesehen von der Tatsache, dass ich historisch nicht allwissend bin, scheint es mir, dass man in Deutschland überhaupt kaum arabische Autoren liest oder zum Studium anbietet. Dabei hatten auch die ihre guten Zeiten und haben bedeutende Werke verfasst. Ibn Khaldun z.B. wird von Kennern auch als der erste Sozialforscher bezeichnet, da er offenbar sorgfältige Studien zu diesem Thema verfasst hat. Aber wenn ich die Bücher in der Abteilung für Geschichte betrachte, dann sehe ich dort in erster Linie Europäer und Amerikaner.

Ich muss also das Büro des Professors vorerst reichlich unbefriedigt wieder verlassen, aber ich werde mich mal nach den genannten Quellen umsehen, sobald ich wieder zuhause in Deutschland bin.[1] Die Bibliothek der Universität Hirosaki ist geradezu lachhaft. Dabei dachte ich, dass bereits Trier nur eine dürftige Bibliotheksgröße aufweise.


[1] Die Biografie der byzantinischen Kaiserin Theodora, der Frau Kaiser Justinians, geschrieben von Anthony Bridge (1978), gibt darauf eine interessante Antwort: Innerreligiöser Konflikt und Verfolgung entfremdeten die christlich-monophysitischen Bewohner der östlichen und südöstlichen Provinzen von der christlich-orthodoxen Elite in Byzanz und trieben sie den muslimischen Arabern in die Hände, denen es reichlich egal war, auf welche Art und Weise die christlich gesinnten Untertanen ihren Gott anbeteten, solange sie Ihre Steuern zahlten.

14. Juli 2024

Mittwoch, 14.07.2004 – … denn die Macht wandert schnell in der Bruderschaft

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Ich muss natürlich gerade an einem Mittwoch Geburtstag haben, am längsten Tag der Woche! SangSu lässt es sich nicht nehmen, auch überall herumzuerzählen, dass ich Geburtstag habe, also lässt Kondô-sensei wieder eine Runde Getränke springen. Besten Dank dafür.
SangSu redet dann weiter über den Vergleich zwischen der untergegangenen Fuji Bank (die übrigens im „Shadowrun“ Spieluniversum weiter zu existieren scheint) und der amerikanischen Citi Corporation. Ich verstehe nicht ganz, was wir heute anderes besprechen, als beim letzten Mal. Wieder wird die These dargelegt, dass die Fuji Bank, würde sie noch existieren, ihren Geschäftsumfang einschränken und auffächern müsste, um profitabler zu sein. Und ich sage deshalb „These“ und nicht „Tatsache“, weil ich immer noch nicht zu 100 % verstanden habe, welche Maßnahmen warum für eine bessere Bilanz sorgen könnten – das ist definitiv nicht mein Fachgebiet. Das, was ich verstanden habe, habe ich ja bereits dargelegt. Immerhin ist mir jetzt klar, dass ein Unternehmer eine „gesunde Mischung“ aus Eigenkapital und Krediten braucht, um effektiv arbeiten zu können.

Das sollte ich mir merken für den Fall, dass ich je wieder dazu komme, eine Partie „Oil Imperium“ zu spielen, wo ich immer nach zwei Spieljahren pleite gegangen bin, weil ich allergisch gegen Kredite bin und es daher mangels ausreichendem Eigenkapital versäumt habe, Ölquellen in anderen Teilen der Welt zu erschließen, wo der Preis pro Barrel noch nicht unter die Rentabilitätsgrenze gerutscht war.[1]

Ich frage Kondô, ob es ein ideales Verhältnis von Eigenkapital und Krediten gebe. Das gebe es bestimmt, sagt er und grinst, aber wer den Idealstatus finde, habe sich einen Nobelpreis für Wirtschaft verdient (falls es einen solchen geben sollte). Ich interpretiere, dass es eine Frage der Situation ist. Es hängt wohl vom jeweiligen Betrieb ab, wie viel Investitionskapital geliehen werden muss und wie viele Rücklagen benötigt werden. Wegen meiner Frage überziehen wir die Stunde um ein paar Minuten und ich komme etwas spät zu dem Treffen mit Hugosson, der mit uns heute eine NPO besuchen will. Wir fahren mit dem Fahrrad, weil es nicht so weit ist, dass wir dafür den Fahrdienst der Universität in Anspruch nehmen müssten.

Die Organisation heißt „Harappa“ und unterstützt Künstler, die abseits vom Mainstream tätig sind, in erster Linie Maler und Skulpturisten. Den Anfang nahm das Unternehmen mit einem Künstler namens „Hara“, der sich wohl in den USA bereits einen Namen gemacht hatte und eine Ausstellung in seiner Heimatstadt Hirosaki veranstalten wollte, unter dem Titel „I don’t mind if you forget me“. Allerdings sah sich die Stadtverwaltung offenbar organisatorisch nicht in der Lage, für die benötigten Dinge zu sorgen, allem voran fehlte es an einem Ausstellungsraum. Es bildete sich also eine Gruppe von Freiwilligen, darunter eine ältere Dame aus der Stadt, offenbar mit Geld gesegnet, die ein altes Warenhaus zur Verfügung stellte. Es handelt sich um ein rotes Backsteingebäude und es sieht meiner Meinung nach aus, als sei es eigens für den Zweck von Kunstausstellungen geschaffen worden. Offenbar ist die Kunstszene nicht selten in solchen Bauten aus dem Industriezeitalter zu finden. Das ist ja auch in Deutschland nicht anders.
Diese lockere Organisation von Freiwilligen wagte es, mit ein paar Tausend Besuchern zu rechnen, doch letztendlich waren es 60.000 Leute innerhalb weniger Wochen, die einen Gewinn von drei Millionen Yen in die Kassen von Harappa spülten. Das war der Startpunkt, die Organisation offiziell zu gründen und sich weiteren Ausstellungen zu verschreiben. Der derzeitige Chef ist ein Anwalt um die 50, also kein Armer, der in seiner Freizeit den Laden schmeißt. Allein die Sekretärin ist fest angestellt, alle anderen sind unbezahlte Freiwillige.
Das Regal an der Wand steht voll mit Designerstücken, die zum Teil zu kaufen sind. Das einzige Stück, das mich interessiert, ist allerdings unverkäuflich. Schon mal einen psychopathisch aussehenden Plüschhund gesehen? Es gab leider nur harmlos aussehende „Brüder“ von ihm zu kaufen, die sind aber aus Plastik, für 9000 Yen das Stück. Ich bin doch nicht bekloppt. Interessant ist sonst noch die (ebenfalls unverkäufliche) Uhr. Es handelt sich dabei weder um eine Digitaluhr, noch um eine Zeigeruhr. Die Zahlen werden auf einzelnen Plastikplättchen angezeigt, von denen nach jeder Minute ein neues ins Sichtfeld des Beobachters geschoben wird. Neben den Zahlen von 00 bis 59 (bzw. 1 bis 12) befinden sich darauf kleine Bilder, die zum Teil rätselhaft, zum Teil irgendwie lustig (weil unkonventionell) sind. Frech ist allenfalls das Feld für die volle Stunde – da zeigt das Zifferblatt das böse Wort „Fuck“ an.
Natürlich sollen wir auch hierüber einen Bericht schreiben. Hugosson informiert uns außerdem, dass wir für die Klausur unsere Unterlagen verwenden dürften. Im Normalfall heißt das entweder, dass die Klausur Fragen enthält, die nicht sehr tiefgehend sind, oder aber solche, die direkt unser Verständnis der Materie überprüfen sollen. Ich werde bis dahin das Wichtigste wohl noch einmal lesen.

Danach fahren wir getrennt unserer Wege. Die einen nach Hause, andere sonst wohin, und ich will in die Bibliothek. Mein Postfach ist, dem Datum entsprechend, ziemlich voll. Was meinen Blick auch auf die Menge an SPAM lenkt, die ich jeden Tag bekomme. Es sind mittlerweile etwa 20 solche Mails, die meisten davon Werbung, aber auch einige, die keinen sinnvollen Text enthalten. Manche schaffen es trotz Spamfilter in mein Postfach und ich bin bereits am überlegen, ob ich meine Adresse nicht mal wieder ändern sollte.

Ich fahre ins Ito Yôkadô und hole meine Bestellung ab, den „Streetfighter II Animated Movie“. Einen Geburtstagsrabatt will man mir leider nicht gewähren. Dann gehe ich in die Konsolenabteilung und frage dort nach einer japanischen Version von „Command & Conquer“. Die US (NTSC) Version „brüstet“ sich mit der Option, dass man als Passwort den Begriff „Godzilla“ eingeben kann, worauf die Sprache der Truppen auf Japanisch umschaltet. Das funktioniert in der Euroversion (PAL) leider nicht, also lege ich mir doch gleich die japanische Ausgabe zu. Allerdings ist das Spiel nicht auf Lager, was mich bei dem Alter des Spiels auch wenig wundert. Mir erscheint allerdings die Verkäuferin aber ein wenig alt für eine solche Abteilung. Ich muss ihr zuerst erklären, dass es einen Unterschied zwischen „Playstation“ und „Playstation 2“ gibt und dass es sich bei dem gesuchten Spiel um Software auf zwei CDs handelt, und nicht um eine Datenkassette, wie man sie für Nintendo Konsolen verwendet. Die Frau macht ja einen wirklich netten Eindruck, wie so ziemlich alle Kaufhausangestellten in Japan, aber ich kann aus ihrem Gesicht zum Beispiel auch nicht herauslesen, ob sie verstanden hat, was ich gerade gesagt habe, und sie redet in dem Kaufhaus mit all seinen Geräuschen mit einer relativ leisen Stimme. Sie wolle bis morgen herausfinden, ob man das Spiel noch bekommen könne.

Einen Augenblick später erblicke ich in der Nähe der Kasse, an der ich mich gerade befinde, den japanischen John Belushi. Man stelle sich also einen gut ernährten Japaner in einem Anzug vor, wie ihn die Blues Brothers tragen, mit Hut und Sonnenbrille, auch die Frisur mit den Koteletten stimmt – aber mit Strohsandalen an den Füßen. Das sieht so absurd aus, dass es lustig wirkt. Und er wird seinem Äußeren auch in seinem Verhalten gerecht. Der Mann (um die Mitte 20) scheint mir stark von „Dance Dance Revolution“ geschädigt, da er, während sein Kamerad (in normaler Kleidung) gerade etwas bezahlt, zu tanzen beginnt. Und ich rede jetzt nicht von Walzer oder Tango. Schön koordinierte Beinarbeit, aber ich persönlich hätte das vielleicht nicht gerade an der Kasse im Kaufhaus gemacht. Ich hätte ihn nach einem Foto fragen sollen.

Da ich keine Motivation verspüre, bis morgen zu warten, um zu erfahren, ob ich das gewünschte Spiel eventuell bekommen könnte, fahre ich in einen der Spieleläden und frage dort nach. Ja, heißt es da, man könne das Spiel als Neuversion bestellen, also tue ich das. Für den unverschämten Preis von 4200 Yen. Das ist wirklich kein schlechter Preis für ein Spiel, dessen europäische Version man wahrscheinlich bereits in Spielsammlungen zusammen mit drei anderen Spielen für 5 E kaufen kann.

Zum Schluss gehe ich mit Melanie zu Daijô-san essen. Das Ebi-Donburi ist ganz hervorragend, darf ich feststellen. Die CD der Yoshida Brüder schaue ich immer gezielter an, aber es widerstrebt mir auch weiterhin, mir eine CD zu kaufen, ohne vorher mal reingehört zu haben. Ich werde auf der Homepage des Vertriebs mal nach Sampletracks sehen, oder den CD Verleih bemühen.


[1]   In diesem Spiel gibt es keinen globalen Handel. Nach etwa zwei Jahren sinken in einer Region die Ölpreise, dann muss man die vorhandenen Quellen stilllegen und mit Hilfe des bereits gewonnenen Kapitals eine Bohrgenehmigung und das notwendige Material woanders kaufen, wo der Preis noch hoch ist. Wenn im zweiten Bohrgebiet der Preis dann verfällt, hat er sich im ersten wieder erholt.

12. Juli 2024

Montag, 12.07.2004 – Das ewig Gleiche

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Misi hat heute Geburtstag, er wird 26.

Nach dem Unterricht nutze ich eine sich bietende Gelegenheit, eine Runde „StarCraft“ zu spielen. Ich arbeite mich weiter durch den Editor, der allerdings noch immer ein paar nicht zu erschließende Details enthält, die leider nicht durch die Benutzeroberfläche selbsterklärend wären. Mit dem Editor von „Delta Force“ war es ja nicht anders… für den brauchte ich ebenfalls die Bastelanleitung, um ein eigenes Spiel zum Laufen zu bringen. Ich muss annehmen, dass ich für weitere Detailveränderungen am Gameplay ein Original mit Anleitung benötigen dürfte. Ein Blick nach E-Bay sagt mir auch, dass das nicht allzu viel kosten wird. Danach will ich noch ins Forum und natürlich auch noch meine Post schreiben, bevor ich keine Zeit mehr dazu habe.

Melanie will mit mir zu einem der zahlreichen Schreinfeste gehen, und genau genommen handelt es sich heute um das Schreinfest unseres eigenen Stadtbezirks. Warum also nicht? Ich fahre also hinter ihr her, weil ich keine Ahnung habe, wo genau es stattfinden wird. In dem Moment, wo sie am Fahrradabstellplatz vor der entsprechenden Straße urplötzlich anhält, bin ich natürlich gerade abgelenkt und schiebe eine Viertelsekunde später ihr hinteres Schutzblech sowie den Reflektor mit meiner Radgabel zu einem Haufen Altmetall zusammen. Immerhin kann ich es wieder soweit hinbiegen, dass die Blechreste nicht am Reifen scheuern, aber der Reflektor ist hin.

Das Schreinfest ist ebenso spannend wie alle anderen auch. Für die alten Männer ist es eine Gelegenheit, zusammen kräftig zu bechern, und für Kinder ist es eine Gelegenheit, sich mit Spielsachen einzudecken, die bestimmt zwei Wochen lang interessant bleiben, bevor man sie in eine Kiste stopft. Uh, Eis in Neonfarben…
Ich hätte nichts dagegen, auf einem Schreinfest mal etwas zu sehen, was auch wirklich etwas mit dem betroffenen Schrein zu tun hat, aber irgendwas läuft da immer schief. Stattdessen nur „Volksfestkultur“ einer Art, die mir auch zuhause ebenso wenig gefällt. Allerdings sind die „Attraktionen“ in Japan sogar noch weniger nach meinem Geschmack. Neben der Zahl von Ständen für jedes mögliche japanische Budenessen (leckerer als Curyywurst, aber halt auch teuer) und Plastikspielsachen gibt es da die Wannen, aus denen man gegen einen entsprechenden, aber nicht hohen Obolus mit einem papierbespannten Werkzeug, das die Form eines kleinen Tennisschlägers von 5 cm Durchmesser besitzt, Goldfische herausschöpfen kann. Die kann man dann in einer Plastiktüte mit nach Hause nehmen. Allerdings frage ich mich, was man damit dann macht? Für ein Sushi ist so ein Fisch viel zu wenig und die wenigsten Leute hier haben Platz für ein ordentliches Aquarium, also muss ich annehmen, dass der Fisch den Rest seines bemitleidenswerten und kurzen Lebens in einem ausrangierten Wasserglas fristen wird, ohne Luftpumpe und hin und wieder mit neuem, gechlortem Leitungswasser versorgt. Er wird wohl nicht weniger bald vergessen werden wie das Plastikspielzeug.
Ebenso arm dran sind die kleinen Schildkröten, die man aber nicht aus dem Wasser fischen muss. Sie werden in Kisten gelagert, als handele es sich dabei um Schrauben oder Salzkräcker, zu Dutzenden übereinander gestapelt. Erzieht eigentlich irgendjemand den kleinen Japanern den Respekt vor der lebenden Kreatur an? Ich habe Zweifel. Wenn dem so wäre, würden die herangewachsenen Eltern diese Unsitte ja nicht unterstützen und der Markt würde zusammenbrechen. Ich lache weiter ins Gesicht des Essayisten[1], der in seinen Aufsätzen doch tatsächlich geschrieben hat, dass Japaner die Umwelt so lieb hätten, angeblich veranschaulicht durch die Verquickung von Shintoismus und Buddhismus. Meines Erachtens handelt es sich dabei um eine Legende, genährt durch nationale Propaganda und die Tatsache, dass Shintoismus eine Naturreligion ist und der Buddhismus zumindest das Töten von Kreaturen verbietet, die in der Lage sind, Schmerzen zu fühlen. Ich frage mich, ob jener Essayist jemals in Japan gewesen ist.


[1]   … dessen Namen ich leider vergessen habe…

8. Juli 2024

Donnerstag, 08.07.2004 – Kleider machen Leute?

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Manche Kanji sind zu einfach. Vor allem, wenn sie nur zwei Striche haben. In meinem Aufsatz über Zulassungsbedingungen deutscher Universitäten habe ich viermal „Mensch“ mit „betreten, hineingehen“ verwechselt. Das Kanji ist zu einfach, als dass mir eine sinnvolle Eselsbrücke einfallen würde.

Nach dem Unterricht bespreche ich etwa die Hälfte meines Kampfberichtes mit Eve, die das Mammutwerk am Wochenende fertiggelesen hat, um Verständnisfehler zu besprechen. Der größte Teil der Sachen, die sie markiert hat, lässt sich erklären, weil es sich um stilistische Elemente handelt, um Fachbegriffe oder militärischen Slang. Den Rest des Berichtes verschieben wir auf später, obwohl uns beiden nicht ganz klar ist, wann das sein soll – und sie will den Stapel Papier schließlich irgendwann loswerden.

Danach wird der Tag weitgehend zur „StarCraft“ Session, weil mir langsam klar wird, wie der Editor funktioniert. Ich habe allerdings noch weit nicht alles verstanden… warum der Gegner z.B. bei der Hälfte der zwölf Testspiele nur untätig in seiner Basis blieb, ohne sich die Mühe zu machen, die Karte zu erkunden, ist mir nicht klar, während er mir bei drei Spielen einen so genannten „Hard Rush“ gegeben hat – einen schnellen Angriff mit den ersten gebauten Einheiten, der mich jeweils völlig überrumpelt hat, weil ich ein zu langsamer Spieler bin.

Dann sehe ich zu, dass ich mit meinem Newsletter ein bisschen weiterkomme, bis ich dann gegen Acht zum Haus der Familie Jin fahre, nachdem ich erfahren habe, dass mein bestellter Anzug heute gekommen sei und ich ihn abholen könne. Ich habe sogar „Dai“ Knöpfe dafür bekommen, wenn auch nicht von der HiroDai, sondern von der „Nihon Daigaku“, der „Japan Universität“ in Tokyo. Wie auch immer… es ist auch eine zweite Hose dabei, von der der Schneider gesagt hat, sie sei eine Serviceleistung.
Jetzt ist dieses Wort in Japan aber ambivalent. Das kann heißen, dass eine Ersatzhose grundsätzlich dazugehört (was ich annehme), oder aber dass der Laden dem Kunden ein Geschenk macht. Das passiert in Japan des Öfteren… wir haben ja in dem Yakiniku-Laden, den wir ein paar Mal besucht haben, auch schon eine Packung Schinken geschenkt bekommen, mit dem Hinweis, dass es „Service“ sei. Und die ganzen Apfelgeschenke im vergangenen Herbst habe ich auch noch nicht vergessen. Besagte Hose allerdings kostet umgerechnet etwa 75 E, und ein solches Geschenk möchte ich dann doch ausschließen. Andererseits… ich könnte mir vorstellen, dass der Absatzmarkt für Schuluniformen in Japan heiß umkämpft sein könnte.

Dr. Jin erzählt, dass er heute einen Deutschen, wohl einen Touristen, in der Praxis hatte – der hatte eine Entzündung an… an… seinem Elften Finger… und brauchte Salbe. Meine Güte, was erzählt mir der Mann denn da? Obwohl es im Nachhinein ganz lustig ist… vielleicht auch deshalb, weil der „Gesalbte“ geradezu erschrocken war, von dem japanischen Arzt auf Deutsch mit „Tschüss“ verabschiedet zu werden. Wir haben jetzt also einen weiteren Landsmann, der die Legende weiterverbreiten wird, japanische Ärzte seien grundsätzlich des Deutschen mächtig. Und ich möchte daran erinnern, dass jede Legende ein Krümelchen Wahrheit besitzt.

5. Juli 2024

Montag, 05.07.2004 – „Spawn more Overlords!“

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Es ist heute etwas kühler als in den vergangenen Tagen, aber die Luftfeuchtigkeit ist immer noch so hoch, dass man bei der kleinsten Bewegung ins Schwitzen kommt. Außer dem üblichen Schreibgeschäft hat dieser Tag nur zwei Dinge zu bieten:

Zunächst einmal hat „einer der lustigen Chinesen“ (oder auch „one of these fine Chinese gentlemen“, wie Misi zu sagen pflegt) eine englische Version des Echtzeit-Strategie-Klassikers „StarCraft“ auf einem der Rechner im Center installiert, und weil es schon ein paar Jahre her ist, spiele ich eine Partie. Ich nehme auch nicht an, dass es die letzte bleiben wird…

Am Abend sehen wir uns „Kozure Ogami“ an, und es handelt sich um eine funkelnagelneue Staffel. An dem Ablauf der Dinge hat sich natürlich nichts Atemberaubendes geändert, aber Ogami hat an einer Stelle laut gedacht! Das heißt, er hat, wie üblich, nichts gesagt, aber sein Gedankengang wurde an einer Stelle laut eingespielt. So was habe ich in dieser Serie bis jetzt noch nicht erlebt, das ist geradezu revolutionär (ich sagte ja bereits etwas über die Starrheit des japanischen Kunstgewerbes). Außerdem ist bei Daigorô, Ogamis etwa fünfjährigem Sohn, verstärkter Haarwuchs auf dem sonst teilrasierten Kopf festzustellen! Wenn’s kommt, dann gleich dicke, oder wie sehe ich das? 🙂

25. Juni 2024

Freitag, 25.06.2004 – … Party los!

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Ich brenne am Morgen den Großteil meiner derzeit verfügbaren Daten und habe somit wieder Platz auf der Festplatte. Bin gespannt, wann ich dazu komme, mir das alles anzusehen… „Bakuretsu Tenshi“, „eX Driver Danger Zone OVA“, „BLAME“ und „Combustible Campus Guardress“ sind jetzt neu in meiner Sammlung.

Wir besuchen mit Kuramata-sensei eine Sake-Brauerei im Umland von Hirosaki und werden durch die Anlage geführt, gegen die die Karlsberg Brauerei zuhause wie ein High-tech Chemiewerk aussieht. Die Anlage in Hirosaki hat mehr das Flair einer besseren Schwarzbrennerei in der heimischen Garage. Gut, das ist untertrieben. Der Eindruck mag daher kommen, dass in dem Laden nichts los ist – japanischer Sake wird nämlich nur im Winter hergestellt. Im Sommer beschränkt sich die Firmenaktivität auf… ja, auf was eigentlich? Ich sehe ein paar Damen, die Flaschen einer besonderen Sorte von Sake etikettieren und in Kisten stellen. Alle anderen Angestellten scheinen nur wegen uns da zu sein und eigentlich nichts zu machen. In der Anlage herrscht sommerliche Stille.
Man erklärt uns zuerst das Herstellungsverfahren. Der Reis kommt an und wird poliert, das heißt, er verliert einen gewissen Prozentsatz seiner Substanz ab der Außenhaut in Richtung Kern. Der Reis, der gegessen wird, hat eine 92er Politur, das heißt, dass 8 % der Substanz, das ist hauptsächlich die Schale, mit Hilfe von Sandpapier in einer speziellen Anlage abgefräst werden. Für normalen Sake werden 30 % wegpoliert, und für einen Spitzensake sind es bis zu 60 %. Da bleibt von dem Korn kaum was übrig, aber angeblich ist das Endprodukt ungeheuer gut. Vielleicht sollte ich doch mal teuren Sake kaufen. Ich komme so schnell nicht mehr her…
Der Angestellte führt weiter aus, dass der Reis in seinen Außenschichten mehr Nährstoffe enthalte, als in seinem Inneren, und diese Nährstoffe störten den Gärungsprozess. Er erklärt das nicht genauer, aber ich kann mir denken, wie er das meint. Für eine gute Gärung muss man die bakterielle Aktivität in der… Protomasse (Maische?) unter Kontrolle halten, und wenn die Bakterien zu viel zu futtern haben, gerät die Sache eventuell aus dem Ruder und setzen dem Geschmack Dinge zu, die da nicht reingehören. Aber das ist nur mein laienhafter Gedanke bei der Sache, weil ich von Brauchemie überhaupt keine Ahnung habe. Ich will aber auch nicht selber machen, sondern nur trinken. Ich möchte wissen, was man mit dem Staub macht, der nach dem Polieren übrigbleibt: Das Reismehl werde gesammelt und an andere Firmen weitergegeben, z.B. um Klebstoff daraus zu machen.
Man führt uns anschließend in eine Ecke einer Fertigungshalle, wo eine Destille steht. Aha, aus Frankreich importiert, wie man uns mitteilt. Aber japanischer Sake wird gegoren, ist also Wein, und nicht gebrannt, also was macht diese Destille hier? Man kann aus Reis auch Schnaps machen, sagt der Angestellte und weist auf einen weiteren Mitarbeiter in einer Arbeitsschürze, der neben einem Fass Aufstellung genommen hat. In dem Fass befindet sich ein eben solcher Reisschnaps, und ich habe leider nicht verstanden, ob es sich um Weinbrand handelt oder um ein… Direktprodukt. Der Mann in der Schürze taucht eine Schöpfkelle in den Bottich und bietet uns grinsend einen Schluck an. „45 %“ sagt er nur. Ei, dann lass die Kelle mal kreisen, guter Mann! Unseren Freunden aus Thailand ist die Mischung ein wenig zu stark, während Mélanie die Portion ohne viel Aufhebens schluckt. Der Schnaps ist stark, kein Zweifel, aber sehr angenehm zu trinken (nach meinem Empfinden). Ich erlaube mir einen zweiten Schluck und mache mir eine mentale Notiz, dass ich Yukiyo bei Gelegenheit nach dem Zeug fragen muss, wenn sie schon an der Quelle arbeitet.
Zuletzt bekommen wir drei Flaschen vorgesetzt, die Sake in drei verschiedenen „Härtegraden“ enthalten und wir sollen sie bitte probieren und ein Urteil abgeben. Der Alkoholgehalt ist überall gleich, nur die Rezeptur unterscheidet sich ein wenig. Der „mittlere“ ist der beste, denke ich, eine gute Mischung aus Alkohol und Geschmack. Und zum Abschied bekommen wir jeder eine 0,2 l Flasche geschenkt, „karaguchi“, also stark. Man solle diesen Reiswein am besten auf Eis trinken, sagt man uns, damit etwas Verdünnung dabei sei. Aber natürlich spreche nichts gegen den puren Genuss.
Und dann gehen wir nach draußen. Ins Warme. Es trifft mich ein sanfter Schlag „von Innen“ und ich muss Acht geben, auf dem Weg zum Bus nicht zu sehr zu wanken.

Dr. „Dragon“ gibt die CD an Ogasawara-sensei zurück und ich bitte gleich darum, sie mir als nächstes ausleihen zu dürfen. Allerdings bin ich davon nach dem Anhören nicht sehr begeistert, da „The Boom“ offenbar auf einen Mix von „klassischem“ J-Pop und Ska spezialisiert ist, und bis auf ein einziges Lied („Michizure“) ist die „Single Collection“ eine Ansammlung langweiliger und gleich klingender Vertreter der japanischen Popmusik. Sehr enttäuschend.

Nach dem Unterricht haben wir noch eine Stunde Zeit, unsere Post durchzugehen und ähnliche Dinge zu tun, so arbeite ich zum Beispiel weiter an meinen Rückreiseplänen. Da ich die Stipendiumszahlung vom 01.09. noch in Anspruch nehmen will (ich kann nicht auf 600 E verzichten), werde ich am 02.09. fliegen. Melanie hat da das Problem, dass ihre letzte Zahlung erst Ende September fällig ist, und bei ihr geht es um fast doppelt so viel Geld. Sie wird die Wohnung alleine bestreiten müssen. Vorsorglich bestelle ich ein Zimmer im Gästehaus, für den Fall, das Melanie sich dazu entschließt, mit mir zusammen heimzureisen. Das heißt, ich fülle den Antrag aus, aber ob ich auch bezahle und die Buchung damit vollständig mache, ist was Anderes. Wenn Melanie noch über September hierbleibt, werde ich natürlich nicht schon ab dem 31.08. ins Gästehaus ziehen.

Um kurz nach Fünf fahren wir nach Hause und verpacken unsere vorbereiteten Nahrungsmittel so gut wie möglich und fahren zum „Schorum“ („school forum“), dem Restaurant im zweiten Stock des Mensagebäudes[1], wo die Party von „KIWA American“ steigen soll. Ich glaube, wir sind die ersten Ausländer vor Ort und bis auf ein paar (übrigens ebenso schmackhafte wie violette) Onigiri ist unser mitgebrachtes Essen das einzige, das selbst gemacht ist. Die übrigen Tische sind voll beladen mit Chips und Keksen und allem möglichen anderen Junkfood. In Folge müssen wir in der Küche Essstäbchen besorgen, da man den Nudelsalat ja nicht mit den Fingern essen kann. Der größte Teil davon wird übrigens weggegessen.
Als nächstes packt mich das Grauen, als ich den „Party Zeitplan“ erblicke. Oh, es steht gar nichts so schreckliches darauf, mich erschüttert nur immer wieder die Tatsache, dass es solche Zeitpläne überhaupt gibt!
Ich sehe mich um und versuche mir einen Überblick über die Nicht-Japaner zu verschaffen. Einige der Thais sind da, das heißt Ii, Nun, Wiirit und Nan, die Koreaner sind zahlreich vertreten, SangSu, Jû, SongMin, MinJi und einige andere, deren Namen mir nicht geläufig sind, nur SungYi kann ich nicht entdecken, dann sind noch mindestens drei Chinesinnen da, deren Gesicht ich kenne, aber nicht BiRei und Mei, weil die, wie sich später zeigen wird, wie auch ich noch vorgestern der Meinung sind, die Party sei erst am Samstag. Baqr, der Ägypter, ist ebenfalls vor Ort, ebenso Irena, Chris und Eve. Misi, Marc oder Alex sind nicht erschienen, ebenso wie auch die männlichen Chinesen, von denen sich kein einziger hier blicken lässt.

Zuerst hält der Clubpräsident eine Begrüßungsansprache in holprigem, aber verständlichem Englisch, und seine Stellvertreterin übersetzt das Ganze ins Japanische. Und damit dabei auch bestimmt nichts schiefgeht, sind beide Texte im Voraus geschrieben und einstudiert worden, weswegen der Ablauf etwas ins Stocken gerät, als der Vorsitzende einen Nebensatz vergisst und die Übersetzerin somit kein Stichwort erhält. Dann erklärt er die Regeln des obligatorischen Spiels, das eigentlich kein Spiel ist, sondern eine Motivation zur Kommunikation, wieder mal ein Wenig im Hauruck-Stil. Jeder hat eingangs ein Namensschild erhalten, mit dem Namen und einer Nummer darauf. Man soll zuerst die Person ausfindig machen, die die gleiche Nummer hat, wobei durch eine zweigeteilte Anwesenheitsliste grob gewährleistet ist, dass nicht zwei Japaner oder zwei Ausländer zusammenkommen, obwohl das „nationale“ Ungleichgewicht der Anwesenden für eben solche Einzelfälle sorgt. Hat man die betreffende Person also gefunden, soll man sich mit dieser für zehn Minuten auseinandersetzen und sich schließlich gegenseitig vorstellen. Ich finde Shida Eiko, 18 Jahre alt, im ersten Studienjahr, geboren in der Präfektur Aichi, mit 10 Jahren umgezogen nach Niigata und vor wenigen Jahren in Hirosaki gelandet. Sie will Lehrerin an einer Mittelschule werden… weil ihr diese Zeit so gut gefallen habe, wie sie sagt.
Die Aufgabe ist, sich gegenseitig in englischer Sprache vorzustellen, was möglicherweise von Seiten der Japaner ganz sinnvoll ist, aber man hätte die Ausländer schon zum Japanisch sprechen bewegen sollen. So ist die ganze Sache ja ein Kinderspiel. Zumindest für mich, denn MinJi z.B. klagt laut, was sie denn tun solle, weil sie eigentlich kein Wort Englisch könne (ihr Englisch ist wirklich sehr rudimentär).
Jedes Paar hat zwei Minuten Zeit, sich gegenseitig vorzustellen, daneben steht auch einer mit der Stoppuhr (!) und nach irgendwelchen nie genannten Kriterien soll am Ende ein Siegerpaar gekürt werden. Natürlich ist all die Arbeit vergebliche Liebesmüh, weil vielleicht ein Drittel der Anwesenden, aber nicht mehr, den Ausführungen auf der kleinen Bühne zuhört, während die anderen das machen, wofür die Party eigentlich ausgerufen wurde: Sie unterhalten sich interkulturell.
Ich bin mit Eiko als drittes Paar an der Reihe, weil wir ja relativ früh da waren. Eiko fängt an und nachdem ich im Anschluss dann den ersten Satz gesprochen habe, in dem ich Eiko für ihre Vorstellung meiner Person danke, geht ein Raunen durch den Saal. Mein Gott, ist mein Englisch denn so umwerfend für die japanischen Zuhörer oder habe ich irgendein Geschehnis verpasst? Wie dem auch sei, wir kommen mit unseren zwei Minuten gut hin und nachdem wir die kleine Bühne wieder verlassen haben, findet Eiko gleich mit Melanie zusammen und tauscht sich mit ihr über japanische TV-Serien aus.

Nach dem so genannten Spiel folgt ein kurzer Vortrag (von 20 Minuten) von Prof. Uematsu zum Thema „Warum Fremdsprachenerwerb wichtig ist“, wobei er eingangs erwähnt, dass er bis vor wenigen Augenblicken noch keine Ahnung hatte, dass er vor einer internationalen Gruppe sprechen sollte, weil der Clubvorsitzende nur etwas von Clubmitgliedern erwähnt hatte, als er ihn um den Vortrag gebeten hatte, daher richte sich sein Vortrag natürlich an Japaner und sage den anderen Gästen mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht viel. So etwas meinte ich, als von „Chaoten“ sprach.
Uematsu-sensei sagt, er habe damals sogar auf Englisch geträumt, als er Schüler und Student war, was mich wenig wundert, wenn ich seinen Ausführungen, dass er ununterbrochen englische Vokabeln wiederholt habe, Glauben schenken darf. Er erzählt mir sonst wirklich nichts Neues, und ich will nicht weiter darauf eingehen, weil jeder vernunftbegabte Mensch eine Vorstellung davon haben sollte, warum man Fremdsprachen lernen sollte. Aber für die meisten Japaner dürften seine Argumente, vor allem in Bezug auf die Methodik, geradezu revolutionär sein, geht doch das hartnäckige Gerücht um, dass Japaner wegen der angeblichen Einzigartigkeit ihrer Sprache und Kultur angeblich nicht in der Lage seien, eine Fremdsprache vollständig zu beherrschen. Natürlich ist das Unsinn, aber darauf baut das Bildungssystem, das die Qualität des Fremdsprachenunterrichts an Schulen absichtlich vernachlässigt. Ich danke ihm im Anschluss für den Vortrag (dem ebenfalls kaum jemand zugehört hat), weil er Dinge zur Sprache bringt, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Er bittet mich im Gegenzug, bei Gelegenheit einen Fragebogen auszufüllen, ohne näher darauf einzugehen, um was es sich dabei handelt. Ich sollte ihn also einfach mal besuchen, sobald ich herausgefunden habe, wo man ihn findet. Ah.
Apropos Fragebogen: Da diese Party von der Firma gesponsert wird, der das Seikyo, das ist der Uni- und Bürobedarfsladen im Erdgeschoss, gehört, sollen wir einen Zettel ausfüllen, auf dem gefragt wird, wie sehr wir mit dem Laden zufrieden seien, wo wir Stärken und Schwächen sähen. Außerdem wird wohl im August je eine Fahrt nach Hiroshima und Nagasaki organisiert, um an den Veranstaltungen der Friedensbewegung teilzunehmen, über die Ôe Kenzaburô in seinem Buch „Hiroshima Notes“ bereits ein paar Kommentare, unter anderem wenig löbliche, hinterlassen hat. Auf dem Werbezettel steht kein Preis und ich frage, was die Sache koste, aber ich erhalte keine definitive Antwort. Etwa so viel, dass der Preis mitunter davon abhänge, wie viele Leute daran teilnähmen. Da ist zuerst mal von mehr als 20.000 Yen die Rede, und so gerne ich mal nach Hiroshima fahren würde – das ist zu viel. Ich kreuze also an, dass ich nicht interessiert bin.
Danach ist noch Zeit für freie Kommunikation eingeplant und die Gewinner der gegenseitigen Vorstellungen werden bekannt gegeben, bevor dann das verbliebene Essen verteilt und der Raum aufgeräumt wird. Die Thailänderinnen und SangSu nehmen das zum Anlass, alle möglichen Packungen mit Keksen und anderem Kram in der Kapuze von MinJis Hoody zu stopfen, „als Vorrat für später“. Ich sehe amüsiert zu, während sich MinJi zeternd, aber vergnügt und reichlich halbherzig dagegen zur Wehr setzt. Schließlich zeigt sie auf SangSu und sagt zu mir: „Dominik, der macht lauter böse Sachen mit mir!“ Warum den Spaß also nicht mitmachen? Ich baue mich also vor SangSu auf, schubse ihn mehrfach (locker) an der Schulter und sage streng „Hey, Du! Man hackt nicht auf Mädchen rum, verstanden?“ MinJi grinsend zu den Thais: „Ist er nicht toll?“ („Kakoii deshou!“) Trotzdem wird sie von den Thais weiter mit Lebensmitteln „versorgt“, und mit denen möchte ich denselben Scherz nicht machen.

Dann wird die Party aufgelöst und die Leute werden aus dem Gebäude gebeten, worauf man eben vor der Tür weiter darüber nachdenkt, was man mit dem angebrochenen Abend noch anfangen könne. Nach einer Viertelstunde der Entschlusslosigkeit (weil ein Anführer fehlt, der sagt „Wir machen das jetzt!“), macht sich dann die Hälfte der Gruppe auf den Weg ins Skatt Land.
Wir fallen mit 18 Leuten dort ein und haben Glück, dass so viel Platz auf einmal frei ist. Baqr genießt offenbar bereits einen gewissen Ruf in der Gegend, weil er von einem der bereits anwesenden Gäste (im Studentenalter) begeistert begrüßt wird. Ich nehme also nicht an, dass dieser Ägypter sonderlich streng mit der Religion ist. Und kaum sitzen wir, werden die drei Tische im Hauptraum fertig und wir machen uns dort breit. Den Platz brauchen wir auch, weil kurze Zeit später ein weiteres Dutzend „KIWA“ Partyteilnehmer eintrifft und sich zu uns gesellt. Dann kommt der Chef des Ladens persönlich und die Japaner verhandeln mit ihm das „Warikan“. Dabei handelt es sich um das in Japan übliche System der Kosten- und Materialteilung in Kneipen, wo man nicht nur trinkt, sondern auch was dabei isst. Es wird eine Grenze von 45.000 Yen ausgemacht, das heißt, bis zu dieser Grenze bezahlt jeder einen pauschalen Anteil von 1500 Yen und kann dafür essen und trinken, was immer er oder sie möchte. Wird dieses Limit erreicht, wird abgerechnet und jeder zahlt das, was er darüber hinaus vertilgt, für sich allein, um damit die Leute mit den kleinen Mägen nicht zu sehr zu benachteiligen.
Im Prinzip handelt es sich dabei um die Möglichkeit, zu günstigen Konditionen an ein „Nomitabehôdai“ heranzukommen, das, inklusive alkoholischer Getränke, hier ja 2500 Yen kostet. Auf diese Art und Weise habe ich 1500 Yen gezahlt und trotzdem einen vollen Bauch mit nach Hause getragen, aber das kommt ja erst später. Die Kostenteilung schließt auch die Teilung der Bestellungen mit ein. Das bedeutet, dass die Getränke zwar individuell geliefert werden, aber das Essen wird in die Mitte des Tischs gestellt und jeder nimmt sich was davon. Es werden ganz automatisch kleine Essschüsseln mit auf den Tisch gestellt, um damit den gewünschten Anteil abgreifen zu können. Ein weiterer Faktor bei der gerechteren Kostenteilung, und ich finde das für die Gemeinschaftsbildung sehr interessant.

Zuerst habe ich SangSu vor mir, Eve rechts neben mir und einen Japaner namens Satoshi links neben mir. Er hat zusammen mit der Chinesin ReiGen den Vorstellungswettbewerb gewonnen, und er ist ein echter Spinner. Oder sagen wir „er ist ungeheuer lebhaft“ und um Fehler in seiner englischen Kommunikation nicht sehr verlegen – eine gute Voraussetzung, weil man durch Fehler lernt und durch schamhaftes Schweigen in Unfähigkeit verbleibt.
Dann, mittlerweile ist mehr als eine Stunde vergangen, werden die Sitzplätze getauscht, um die zu einseitige Gruppenbildung, vor allem unter den Koreanern, aufzubrechen. Ich habe keine große Lust, mich zu bewegen, also rutsche ich ganz einfach ein paar Zentimeter nach rechts, wo bis vor wenigen Augenblicken noch Eve gesessen hat. Jetzt habe ich eine Koreanerin, die auf den Namen SûJin hört, rechts von mir und zwei weitere Koreanerinnen links von mir, deren Namen mir allerdings wieder entfallen sind, weil ich nicht mehr sehr zurechnungsfähig bin und außerdem die Lautstärke ein wenig gestiegen ist. Vor mir sitzen zwei oder drei Japaner aus dem Club, darunter eine junge Frau namens Asahi („Morgensonne“, wie die Brauerei und die Zeitung), die mich angesichts meines steigenden Alkoholpegels immer besorgter anschaut und, wie ich ihr Gesicht interpretiere, offenbar jeden Moment damit rechnet, dass ich gewalttätig werde. Dabei liegt mir auch bei Alkoholgenuss doch nichts ferner – ich bin aufgrund meiner eingeschränkten Aktionsfähigkeit sogar eher noch harmloser als in nüchternem Zustand. Aber meine Sitznachbarn müssen eben auf meine Art die zwei kleinen Flaschen Sake ausbaden (etwa 0,33 l pro Flasche), die ich getrunken habe, und die knappe dritte Flasche, die ich nach dem Sitzplatzwechsel noch trinken werde.
Ich will gar nicht wissen, was für einen Unsinn ich den Koreanerinnen um mich herum erzählt habe und hoffe, dass sie es auch ganz schnell wieder vergessen. Ich erinnere mich in diesem Punkt nicht an viel… zu der jungen Frau links habe ich gesagt, dass ihre Klamotten schrecklich konservativ aussähen (wie aus den Fünfzigern), und dass sie mit ihrer Frisur und der Art und Weise, wie sie ihre Bücher festhalte (vor dem Oberkörper), locker in einem dieser „Peggy Sue“ Filme mitspielen könne, worauf sie entgegnete, dass ihr dieser Stil halt gefalle, wogegen natürlich nichts spricht, aber ich wollte es halt mal gesagt haben. Und ich glaube mich zu erinnern, dass ich SûJin am Ohrläppchen gezogen habe, weil sie eines hat, das nicht am Ohr herabhängt, sondern unterhalb der Ohrmuschel direkt am Kopf festgewachsen ist. Ich glaube, mehr will ich gar nicht wissen, obwohl es über die qualitative Stufe von „Hey! Das blöde Telefon funktioniert ja gar nicht!“ hinausgehen dürfte. Der eine oder andere unter meinen Lesern dürfte wissen, wovon ich rede.
Schließlich ist Satoshi so frei, mir das letzte Viertel meiner Sake-Flasche wegzutrinken, und meint, dass es besser für mich sei. Mir ist sogar bewusst, dass er Recht hat und ich lasse ihn gewähren. Das ist auch der Zeitpunkt, an dem die ausgemachte Obergrenze von 1500 Yen pro Mann erreicht und das Geld eingesammelt wird. Ich kann noch Geld zählen… das ist ja schon mal was wert…
Die Afterparty löst sich weitgehend auf, und manche beschließen, einfach die Kneipe zu wechseln, aber mich zieht es nach Hause, nicht zuletzt, weil ich, wie üblich nach einer solchen Völlerei, einen heftigen und schmerzhaften Schluckauf habe, der mich den ganzen Heimweg über begleiten und erst Ruhe geben wird, wenn ich mich hinlege. Ich bin schlau genug, mein Fahrrad zu schieben… ich wäre kaum in der Lage, das Gleichgewicht zu halten.

Zuhause falle ich gleich in mein Bett und schalte den Wecker aus… ich gehe nicht davon aus, dass ich in der Lage sein würde, auf Weckerkommando aufzustehen… aber immerhin habe ich keine wichtigen Verabredungen am Morgen.


[1] Ich mache darauf aufmerksam, dass es in Japan kein Erdgeschoß gibt. Das „deutsche“ Erdgeschoß ist in Japan der „1. Stock“.

29. Mai 2024

Samstag, 29.05.2004 – Gib’s ihm!

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Melanie hat uns also auf eine Liste setzen lassen, damit wir an dem Ausflug in den Apfelpark teilnehmen können. Zu unser aller Unglück regnet es aber am Morgen. Melanie ruft daher gleich nach der Öffnung der Bibliothek ihre Post ab und findet, wie bereits vermutet, die Absage vor. Währenddessen befinde ich mich noch auf dem Weg zur Universität. Melanie kommt mir an der Polizeistation entgegen und sagt Bescheid. Das ändert natürlich an meiner Fahrtrichtung nichts, da es mich eh zur Bibliothek zieht. Der Regen am Morgen sorgt allerdings den ganzen Tag über für ein sehr schwüles Klima, das übermäßige Bewegung sehr unangenehm macht.

Ich sehe also meinen ganzen Tagesplan gefährdet. Es war ja geplant, dass BiRei nach dem Ausflug bei MinJi reinläutet, um ihr zu sagen, dass wir bereit zum Losfahren seien. Nach der derzeitigen Lage werde ich BiRei aber erst gar nicht zu Gesicht bekommen, und ich habe keine Ahnung, wo die beiden jeweils wohnen. Ich glaube nur, dass MinJi im Kaikan wohnt. Ich könnte also die Briefkästen durchgehen – aber ich habe wiederum keine Ahnung, wie sie ihren Namen, „Choi MinJi“, auf Japanisch schreibt. Sollte mich der Regen am Morgen jetzt einen (den?) Höhepunkt der Woche kosten?
Aber das Problem erübrigt sich um fünf nach halb Drei: MinJi ist hier und sitzt an einem Rechner drei Meter von mir entfernt. Gut, dann kann ich ja in Ruhe mein Zeug fertig schreiben und muss nur darauf achten, dass sie mir nicht „entwischt“. Um kurz nach halb Fünf gehe ich zu ihr hinüber und kläre sie über die Lage auf. Sie schreibt also BiRei eine Nachricht und die antwortet, dass sie um kurz nach Fünf am Haupttor sein könne.
Leider stellt MinJi zehn Minuten vorher fest, dass sie nicht, wie üblich, mit dem Fahrrad hergekommen, sondern mit einem Auto gebracht worden ist, also will (muss) sie erst ihr Fahrrad holen.
Mein erster Gedanke: „Sie kann mein Fahrrad nehmen, um schneller zu sein.“
„Und was mache ich dann mit zwei Fahrrädern?“ Ah, ja… wo sie Recht hat, hat sie Recht.
„Dann gehen wir zusammen mein Fahrrad holen, ja? BiRei kommt die gleiche Straße runter gefahren, wir können sie also nicht verpassen und keiner muss hier warten.“
Also schiebe ich mein Fahrrad neben ihr den Berg hoch und wir treffen BiRei tatsächlich auf dem Weg.
„Was ist mit Melanie?“ Die Frage musste auftauchen.
„Sie ist wieder nach Hause gefahren heute Morgen. Offenbar hat sie es vergessen.“ Allerdings muss ich zugeben, dass ich Melanie gegenüber den Sachverhalt „Sushi, Samstag, 17:00“ etwas deutlicher hätte hervorheben können.
BiRei wartet also an Ort und Stelle, MinJi geht ihr Rad holen und ich düse nach Nakano, um Melanie zum Essen zu holen, trotz des gestern für den Ausflug gemachten und daher noch ungenutzten Kartoffelsalats.
Melanie ist aber nicht da. Ich vermute, dass sie mehr als minder zum Vergnügen ins Ito Yôkadô gefahren ist. Ich fahre also wieder zum Haupttor der Universität und muss doch tatsächlich noch drei Minuten auf meine Begleitung warten. Ich schildere die Sachlage und die beiden sind sich einig, nicht ohne Melanie gehen zu wollen. Also schlage ich vor, dass wir alle zusammen nach Nakano fahren und dort auf Melanie warten.
Die ist allerdings in der Zwischenzeit wieder zuhause eingetroffen und wir können um Sechs die Fahrt zum Sushi Shôgun beginnen, nachdem ich MinJi mit einem Glas Wasser und ein paar Eiswürfeln wieder „einsatzfähig“ gemacht habe.

Wir müssen zehn Minuten warten, dann sind vier Stühle frei. Ich halte mich mit dem Essen zurück, weil ich auch noch ein bisschen Kartoffelsalat essen möchte, damit der nicht schlecht wird. MinJi zeigt uns ein paar alte Fotos von ihr und ihr Bild aus der Oberschule kommentiere ich mit „Da drauf siehst Du aus wie ein Yankee!“ Zur Erklärung: „Yankees“ sind im Japanischen „böse“ Schulmädchen, also solche, die auf verschiedene Arten und Weisen gegen Regulierungen verstoßen, sei es, dass sie ihre Kleidung modifizieren oder mit unorthodoxen Frisuren und Haarfarben aufwarten.

Eine knappe Stunde später gehen wir wieder, und weil der Tag noch jung und BiRei noch nie im Sakurano gewesen ist, besichtigen wir das Kaufhaus. Das Anschauen von Kleidern mit gesalzenen Preisen hält sich jedoch in Grenzen, und nachdem ich mir mit MinJi ein paar Minuten von „Majô no Takkyûbin“ („Kiki’s Delivery Service“) angeschaut habe, der Film läuft auf einem Bildschirm in der Kinderecke, fahren wir in den vierten Stock hoch, wo sich die obligatorische Spielabteilung befindet. Wir spielen zwei Runden Shufflepuck zu viert (das heißt, man versucht einen Puck auf einem Luftpolster in das gegnerische Tor zu schießen) und lassen ein paar Fotos von uns vor dem riesigen „Neputa“ Lampenschirm machen, von dem hier ebenfalls ein Exemplar zu finden ist.
Schließlich stellt MinJi klar, dass sie tatsächlich das Zeug zum Yankee hat und spielt „Ashita no Joe“. Es handelt sich ebenfalls um einen Box-Automaten, allerdings ist das Spielprinzip hier etwas anders als im Ito Yôkadô, wo man ganz einfach nur einen Kolben so hart wie möglich schlagen muss.
Auf dem Bildschirm hier ist ebenfalls ein Kampf zu sehen. Manchmal erscheint ein waagerechter Pfeil auf dem Monitor, der bedeutet, dass man sich in diese Richtung wegducken soll. Ansonsten ist da eine Art Gerüst angebracht, und an diesem Gerüst befinden sich vier klappbare Plastikknöpfe, an jeder Seite zwei und etwa so groß wie eine Faust, und oben ist ein weiterer angebracht. Der hat grob die Form eines Kopfes. Wenn nun einer der vier Knöpfe ausfährt, muss man ihn so schnell wie möglich wieder in seine Verankerung schlagen, und wenn man auf dem Bildschirm eine entsprechende Anweisung sieht (Pfeil nach oben), muss man dem „Kopf“ einen Kinnhaken verpassen. Das Ganze muss mitunter ziemlich flott gehen. Ob die Schlagkraft von Bedeutung ist, kann ich nicht beurteilen, aber MinJi hat sichtlichen Spaß an dem Prügelspiel, das recht anstrengend zu sein scheint.
Vor allem dann, wenn man selbst niedergeschlagen wird, muss man sich ins Zeug legen, weil man dann mit den Fäusten so schnell wie möglich auf eine Schlagfläche an der unteren Kante des Gerüsts trommeln muss, damit Joe sich auf dem Bildschirm wieder aufrafft. Sie verliert den zweiten Kampf aber allen Bemühungen zum Trotz und geht vor dem Automaten theatralisch klagend in die Knie. Leider habe ich ausgerechnet davon kein Foto gemacht. Ich war beim Anschalten nicht schnell genug. Sie nennt ihr Verhalten „kowai“ („zum Fürchten“), aber jeder andere würde es wohl als „kawaii“ („niedlich“) betiteln.
Wir fahren wieder Richtung Heimat und trennen uns an der Eneos Tankstelle am Totemachi Square. Offenbar bin ich doch noch zu meinem Höhepunkt der Woche gekommen.

15. Mai 2024

Samstag, 15.05.2004 – Erdbebenalarm! (Annahme Üb)

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Ich stehe um 07:15 auf, weil ich vermeiden möchte, wieder bis zum kommenden Freitagabend warten zu müssen, um die „SailorMoon“ Episode vom Samstag sehen zu können. Es kommt jeden Abend was anderes, und weil ich inzwischen früher schlafen gehe, habe ich nicht mehr so viel Zeit, das TV-Programm zu verfolgen. „Ogami“ läuft derzeit fünfmal die Woche… mittags wird die Episode aufgezeichnet und abends angesehen… das ist zu viel. Die Serie ist cool, aber sie kostet so zuviel Zeit. Wird gestrichen. Und ich will „SailorMoon“ in Zukunft aus Zeitgründen wieder „live“ sehen.

Sieht aus, aus würde sich die Episode heute in erster Linie mit Makoto/Jupiter beschäftigen. Makoto erklärt sich bereit, für den am Arm verletzten Motoki zu kochen und landet mit ihm im Kino. Nachdem es ihm in der vergangenen Episode nicht gelungen ist, sie in „Finding Kame“ („Findet die Schildkröte!“, um dem deutschen Titel der Anspielung nahe zu kommen) zu schleppen, schafft er es diesmal, sie zu „Kame Fighter“ zu überreden (meiner Meinung nach eine Anspielung auf „Street Fighter“ oder vielleicht „Kamen Rider“, eine der unzähligen schlechten, aber auch erfolgreichsten und langlebigsten japanischen Superheldenserien). Und dann erklärt sie dem todunglücklichen Motoki, dass aus ihnen nichts werden könne. Die Gründe haben sich seit der Zeit der Animeserie offenbar nicht geändert, kurz: Sie ist ein Tomboy (sie findet sich ganz und gar nicht weiblich) und hat Komplexe deswegen. Motoki zieht ab („So gründlich hat mir noch niemand eine Abfuhr erteilt.“), worauf Makoto von einer Handvoll Yôma angegriffen wird. Es entspinnt sich die übliche Vorführung in Gelenkbeweglichkeit und sie muss auch was einstecken. Aber der Ausgang bleibt natürlich wenig spannend. Und nachdem der Feind (mit Unterstützung der übrigen Senshi) dann in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist, sieht sie passend zur heutigen Gelegenheit auch ein, dass man alleine ja doch nur mehr Probleme hat, klarzukommen (und zeigt dabei mit dem metaphorischen Ellenbogen auf die eher zufällig anwesende SailorVenus, um den unfeinen Zeigefinger zu vermeiden). Mittlerweile hilft Zoisyte dem Gedächtnis von Nephlyte auf die Sprünge, indem er Mamoru gleich vor Ort erscheinen lässt – und wenige Augenblicke später nennt auch Nephlyte ihn „Master Endymion“.

„SailorMoon“ Merchandising wird übrigens immer toller! Es gibt inzwischen nicht nur die Klamotten zu kaufen (für Vierjährige), sondern auch noch die Haartracht – und die sieht aus wie der Skalp eines gelben Langohrdackels, falls es einen solchen gibt.

Ich bekomme zufällig auch wieder eine „Pokemon“ Werbung zu Gesicht, und die macht mir das folgende lebhaft deutlich: „Pokemon“ lebt! Und es erfreut sich offenbar immer noch ungebrochener Beliebtheit, während „Digimon“ so unsichtbar ist, als habe es nie existiert. Kaum Merchandising, keine Werbung, nichts. Mir scheint, dass die Serie in den USA und in Deutschland viel erfolgreicher ist, als in ihrem Ursprungsland. Offenbar haben die japanischen Animefans „Digimon“ hier nicht nur als Plagiat erkannt, sondern auch gleich als solches von der Programmliste gebürstet.

Pokemon Landkarte 2004

Überdies ist zu hören, dass Deutschland hier inzwischen als „Zweites Animeparadies“ bekannt geworden ist. Das deutsche Fernsehprogramm scheint einen Ruf bis nach Japan zu genießen, und die deutsche Fangemeinde ruft ständig nach mehr. Natürlich kommen Lobeshymnen dieser speziellen Art auf das deutsche Vaterland nur von eingefleischten (japanischen) Fans der animierten Filmkunst; die ganze übrige (japanische) Bevölkerung ist bass erstaunt, wenn man ihnen erzählt, dass man „SailorMoon“ und „DragonBall“ in Deutschland kenne, und diese Serien sogar übersetzt worden seien.

Ich fahre in die Stadt, um mich nach einem Memorystick umzusehen und darf vor dem Kaufhaus eine halbe Stunde warten, weil der Laden erst gegen zehn Uhr aufmacht. Und dafür werde ich auch noch herb enttäuscht. Das Daiei hat überhaupt keine Elektronikabteilung mehr, seit der Pächter „Laox“ zu Gunsten des 100 Yen Shops „Daisô“ zugemacht hat, und im Ito Yôkadô gibt es kein Computerzubehör. Dass es noch das „Denkodô“ gibt, das auf solche Dinge spezialisiert ist, habe ich in dem entscheidenden Moment natürlich völlig vergessen und Melanie erinnert mich daran, als ich wieder zuhause bin. Stattdessen fahre ich erst einmal ziellos durch die Innenstadt, in der Hoffnung, vielleicht einen kleinen Computerladen zu finden, wie sie in Deutschland relativ häufig sind, aber auch da ist nichts zu finden. Reine Zeitverschwendung, weiter zu suchen. Ich gehe also ins „Game and Game“ in der Nähe vom Bahnhof. Ich wollte schon seit letztem Herbst wissen, was man da drinnen so alles spielen kann.

Da wäre zunächst der übliche Taikô-Automat. Vor dem Automaten sind zwei japanische Trommeln angebracht (in japanerfreundlicher Höhe, d.h. ein bisschen niedrig für meinen Geschmack), die man mit den vorhandenen Holzklöppeln bearbeiten muss. Auf dem Bildschirm liest man ab, in welchem Takt man auf die Trommeln zu schlagen hat (indem man für jeden Schlag eine optische Aufforderung erhält). Das Angebot an Melodievorgaben ist großzügig.

Taikô

Weiter hinten befindet sich ein „Time Crisis 3“ Automat, der hier nur 100 Yen pro Spiel kostet, und nicht 200, wie im Ito Yôkadô. Wahrscheinlich ist er deshalb dort so schnell wieder verschwunden. Und hier hat man zwei Monitore, was bedeutet, dass der Handlungsablauf anders ist – die beiden Spieler trennen sich auch schon mal und nehmen den Gegner in die Zange. Weiter links befindet sich auch ein Shooter zur Serie „Lupin III.“, mit einer Walther P38 (was sonst?) Spielpistole aus Plastik.

Timw Crisis 3 Co-op

Daneben wiederum stehen zwei Boxautomaten, deren Schlagflächen schon ziemlich mitgenommen aussehen. Ui, die Dinger sind von 1994 und zeigen irgendein Superhelden-Setting, anders als im Ito Yôkadô, wo das Setting der Anime „Ashita no Joe“ ist. Und da oben ist eine Kamera angebracht… wofür? Das kann man bald auf dem Bildschirm sehen: Es erscheint eine grobe Kopfform auf dem Bildschirm und da soll man seinen Schädel ranhalten, bis die beiden Objekte deckungsgleich sind. Dann macht die Kamera ein Bild, verzerrt und verfärbt das Gesicht und setzt es auf die Hälse der Gegner! Wenn man also jemanden nicht ausstehen kann, bringt man ein entsprechend großes Foto mit, hält es vor die Kamera und drischt dann lustig drauf los.

Den Rest der Geräte im unteren Stockwerk kenne ich bereits – bis auf den „legendären“ Angel-Automaten von SEGA, den ich bisher nur aus einschlägigen Zeitschriften kannte, in denen Leute über Japan-Erlebnisse schreiben. Es gibt ihn also immer noch… und man angelt damit auch tatsächlich. Dort, was sonstwo der Joystick, bzw. das Joypad, angebracht ist, befindet sich hier der Griff einer Angel, und man sollte sich vorher die Erklärungen auf dem Bildschirm ansehen, um zu verstehen, wie Hochseeangeln à la SEGA überhaupt funktioniert. Aus dem Griffstück ragt eine Spule heraus und der dazu gehörende Faden verschwindet in einer Öffnung unterhalb des Monitors. Man muss allerdings nicht warten, bis nach drei Stunden endlich mal ein Fisch angebissen hat, der Fisch kommt sofort. Das Spiel besteht aus der richtigen Handhabung der Angelegenheit. Am unteren Bildschirmrand befindet sich ein Balken, der länger und rot, bzw. kürzer und blau wird, und stellt die Kraft dar, die gerade auf der Leine lastet – und die Leine zieht tatsächlich recht kräftig, man langweilt sich also nicht. Wenn die Leiste rot wird, muss man Schnur geben, sonst reißt die (virtuelle)Leine, wenn die Leiste blau wird, muss man anziehen, sonst verliert der Fisch den Haken.

unscharfer Angelsimulator

Im Obergeschoss findet man weitere Automaten. Da sind natürlich die obligatorischen Kampfspiele, die meisten davon 2D, aber mit sehr guter grafischer Qualität. Auch zwei Pferderennen sind vorhanden, aber diese hier ohne die Modellrennbahn; man verfolgt das Rennen nur auf großen Bildschirmen.

Virtuelle Rennbahn

Es gibt Einarmige Banditen und natürlich auch Pachinko, dazu die üblichen Münzspiele, wo man Münzen vor einen Schieber wirft und hofft, dass mehr herausgeschoben werden, als man hineinwirft. Aber hier befinden sich vor allem interessante Fahrsimulatoren. Der Anime „Initial D“ hat natürlich einen Simulator hervorgebracht… in der Ecke steht ein „F-Zero“ (Super NES) Nachfolger, der allerdings so weit vom Original entfernt ist, dass mich das Spiel mehr an „WipeOut“ erinnert. Aber die Maschine ist cool, mit dem schaukelndem Cockpit, den Pedalen und der futuristischen Lenkvorrichtung.
Daneben aber steht das, was mich am meisten interessiert. Das Spiel heißt „Tokyo Wars“ und bietet die Möglichkeit, mit vier Leuten gleichzeitig unterwegs zu sein – in modernen Kampfpanzern, in den Straßen von Tokyo. Grüne Panzer gegen weiße Panzer. Sieht interessant aus… vielleicht sollte ich mir mal zwei oder drei Leute suchen, um eine Runde zu fahren. Allerdings kann ich auch nicht erkennen, ob man nur miteinander oder auch gegeneinander spielen kann. Nur miteinander wäre ja schlicht langweilig und kaum mehr als eine Versuchsfahrt wert.

Tokyo Wars, 6 Jahre vor World of Tanks

Ich kehre zur Universität zurück, es ist inzwischen elf Uhr. Ich schreibe zwei Berichte und gehe dann um kurz vor Zwei zu dem verabredeten Treffpunkt der Teilnehmer des Erdbebenexperiments, für das Alex in den letzten Tagen kräftig die Werbetrommel gerührt hat. Und damit fängt der eigentliche Tagesbericht erst an!

Man hat einen speziellen LKW kommen lassen, in dem man, jeweils in Paaren, ein Gefühl für Erdbeben bis Stärke 7 bekommen soll. Der Zufall hat mir die Chinesin ReiGen als „Partnerin“ zugeteilt. Sie sieht meines Erachtens unglaublich gut aus, aber allein deshalb ein Bild von ihr zu machen und es in das Poster einzubinden, wäre falsch. Wenn ich mehr kommunikativen Kontakt mit ihr bekomme, werde ich sie auch in meine Porträtsammlung aufnehmen, alles andere wäre sexistisch. Aber zurück zu unserem Simulator: Der Boden der Ladefläche kann mittels einer Hydraulik ganz heftig bewegt werden. Allerdings soll man während der Vorführung auf dem Boden sitzen, was dem Ganzen ja wieder einen Teil des Reizes nimmt – schließlich sitze ich die meiste Zeit auf einem Stuhl. Interessant ist das Gerüttel schon, aber eigentlich ist das Ding hier nur ein Spielzeug. Es ist zu klein für effektive Übungen und taugt vielleicht als Attraktion für ahnungslose Ausländer und Grundschüler. Man hat es also für die Ausländer hergefahren, und das kostet die Fakultät auch umgerechnet 1200 E. An dem Experiment nehmen nur Ausländer teil, also Nicht-Japaner, weil es bei dem Gesamtexperiment darum geht, wie verständlich die japanischen Radiodurchsagen für Ausländer sind. Da fängt der Unsinn auch schon an: Man will ein leicht verständliches Japanisch finden, anstatt für Ausländer ganz einfach Durchsagen auf Englisch zu machen.

Nach der „Erdbebenerfahrung“ wird je eine Sechsergruppe in einen Warteraum geführt. Als ich den Simulator verlasse, will mir einer der Betreuer meinen Rucksack reichen, hebt sich daran aber fast einen Bruch. Ich hebe ihn lieber selbst auf und bedanke mich für seine Mühen. Im Warteraum bekommt man ein Getränk und Kekse und sieht eine kurze Vorführung mit Bildern aus Kobe. Danach wird man einzeln zum Experiment geführt, in einen präparierten Raum also, ich bin der vorletzte in meiner Gruppe. Ich erhalte eine „Begleiterin“, die mir einen Schrittzahlmesser an den Gürtel hängt. Man soll erst den Radiodurchsagen zuhören und tun, was man vom Sprecher gesagt bekommt. Im Raum befinden sich der Versuchsleiter und eine Protokollantin, die natürlich  eigentlich gar nicht da sind (Annahme Üb halt).

Die Situation (laut Faltblatt, das man vorher bekommt): Morgens um 07:00, gerade aufgestanden, wird man von einem Erdbeben überrascht. Gegenüber von dem Tisch, an dem ich stehe, fällt effektvoll und dramatisch ein Regal aus Pappe um und die leeren Dosen scheppern auf den Boden. Ich bin zuerst gar nicht in der Lage, das mit dem Experiment in Verbindung zu bringen, weil natürlich nichts wackelt und auch keiner ruft: „ERDBEBEN! JETZT!“. Stattdessen ertönt eine ruhige Stimme aus dem Radio, die mich auffordert, mich unter den Tisch zu legen, um mich vor Trümmern von der Zimmerdecke zu schützen. Ich wackele selbst ein bisschen herum wie bei einem Erdbeben und fühle mich augenblicklich wie auf einem alten „Star Trek“ Filmset. Dann soll ich Haus- oder Straßenschuhe anziehen. Und dann heißt es, das Erdbeben sei vorbei und ich solle unter dem Tisch hervorkommen.
Was ist das für eine Reihenfolge? Ich glaube, ich ziehe lieber dann meine Schuhe an, wenn das Erdbeben vorbei ist, und nicht, wenn alles noch wackelt, bzw. greife die Schuhe auf dem Weg zum Tisch. Dann soll ich meinen Helm anziehen und nachsehen, ob das Gas abgeschaltet ist. Aha… an der Garderobe hängt ein Helm… so ein Zufall! In meinem Apartment habe ich keinen Helm. Wer hat überhaupt einen Helm zuhause? (Ha! Ich habe einen zuhause – in Gersheim, auf dem Regal im Keller!) Und ich soll sehen, ob das Gas ausgeschaltet ist? Kein Problem, ich kümmere mich darum, muss mich aber fragen, ob bei einem echten Erdbeben nicht sowieso gleich das ganze Gestänge aus der Wand raus bricht und das Gas im Raum verteilt.

„Überprüfen Sie, ob die Fenster offen sind!“ fordert mich das Radio auf. Exakt so formuliert – auf Japanisch natürlich. Ich denke: „Was heißt das jetzt?“ Was hat man mir in der Grundschule beigebracht? Bei Erdbeben kommt es oft zu Bränden. Was tut man da? Möglichst keine Fenster und Türen aufmachen, damit das Feuer keine Luft erhält. Ich interpretiere die Aufforderung also falsch und vergewissere mich, dass die Fenster geschlossen sind, indem ich theatralisch dranklopfe. Später erzählt man mir dann, dass die Fenster geöffnet werden sollen, damit die Feuerwehr schnell Löschwasser reinspritzen kann. So einen Unsinn habe ich ja lange nicht gehört! Wenn’s in dem betreffenden Raum brennt, platzen die Scheiben mit hoher Wahrscheinlichkeit (ganz zu schweigen von den Auswirkungen der Erschütterungen selbst), und im Zweifelsfall wird die Feuerwehr die Fenster selbst zerstören können, und sei es mit Trümmern, von denen es dann bestimmt genug gibt.

Dann soll man den Rucksack (ein bereitgestellter, ebenfalls an der Garderobe gelagert, nicht mein eigener) und das kleine Radio (liegt auf dem Tisch) nehmen und sich gemäß (nie zuvor gesehenem) Fluchtplan zum Rettungsplatz begeben. Der Rucksack ist mir zu klein, also schnalle ich ihn nicht auf den Rücken, sondern behalte ihn in der Hand (ist natürlich ein Fehler, weil man über Trümmer stürzen könnte) und stopfe das Radio hinein. Klarer Gedanke: Zuerst mal aus dem Gebäude flüchten, bevor es über mir zusammenstürzt, und dann höre ich mir im (kleinen) Radio an, was ich beachten muss – wo gibt es Kleidung, Nahrung und Notunterkunft, oder vielleicht auch einen Arzt? Dazu heißt es später, dass man bereits auf dem Weg nach draußen das Radio angeschaltet haben sollte. Der Mann im (großen) Radio sagt „Stellen Sie die Apfelwelle ein!“ Das ist ein lokaler Regionalsender, der offenbar eine Immunität gegen Erdbebenschäden besitzt, weil man hier ganz natürlich davon ausgeht, dass er nicht ausgefallen ist. Aber auf welcher Frequenz? Das wird entweder nicht gesagt oder ich habe es beim Wandern durch den Raum nicht mitbekommen. Ich nehme mal letzteres an, denn so katastrophal kann der Katastrophenschutz hier dann doch nicht sein.

Der Fluchtplan besteht erst mal aus fünf oder sechs Zeilen japanischen Textes. Ja, bin ich denn blöd? Ich will schnell aus dem Haus raus, und nicht erst die Höhen und Tiefen japanischer Schriftzeichen und Grammatik analysieren! Ich versuche, das Wichtigste zu erfassen. Da ist ein Bild… aha, das ist schon mal gut. Es stellt ein Viereck dar, unten ist eine bunte Fläche, da steht „Sie sind hier!“ Oben rechts befindet sich ein weiteres Feld, da steht „Fluchtpunkt“ und darüber steht geschrieben, halb im Text versteckt, aber dennoch groß, „3. Stock“. Am linken Rand des Vierecks ist dann noch ein weiteres Feld, daran steht „Fahrstuhl“. Ich nehme also an, dass das Viereck das Gebäude ist. Aber… von meiner Position aus betrachtet, ist der Fahrstuhl rechts den Gang runter und nicht links. Ist das ein Test, in dem man sich die Karte verkehrt herum vorstellen muss? Oder hat irgendein Idiot den Plan falsch gezeichnet? Ich stehe dreißig Sekunden lang wie der Ochse am Berg in der Gegend rum und versuche, aus dem Plan schlau zu werden. Ein paar Pfeile auf dem Papier, um den Weg zu markieren, wären sehr hilfreich gewesen!

Ich entscheide mich dann dafür, den Plan als falschrum zu betrachten, gehe aus der Tür und wende mich nach links. Eine Studentin (die tatsächlich meinen eigenen Rucksack mit dem schweren Zeug drin geschultert hat) folgt mir, um meinen Fluchtweg mit einer Kamera festzuhalten. Ich folge also 30 m weit dem Gang nach links und komme ins Treppenhaus. Ich überlege nur eine halbe Sekunde. Ich erinnere mich daran, dass auf dem Plan die Rede vom dritten Stock war… aber das kann gar nicht sein! Welcher Trottel flieht bei Erdbeben oder Feuer denn die Treppe hoch? Ich folge dem natürlichsten Gedanken und gehe die Treppe runter. Ich passiere dabei einen Stuhl mit (japanischer) Aufschrift, beachte ihn aber nicht weiter – im Notfall würde ich es auch nicht tun, ich will schließlich raus hier. Ich folge im Sturmschritt den „Notausgang“ Schildern, wie man das halt so macht; die Assistentin (vielleicht 1,50 m) keucht hinterher – aber die Notausgänge sind alle zu. Die sind an Wochenenden grundsätzlich abgeschlossen. Was ist denn das für ein Blödsinn? Ich mache also ein Fenster auf und mache Anstalten, hinauszuklettern, aber dann verkündet die Kamerafrau „Übung Ende“. Und führt mich tatsächlich in den dritten Stock! Im dritten Stock liegt tatsächlich der designierte Fluchtpunkt! Haben die von Psychologie denn gar keine Ahnung? Haben die von überhaupt irgendwas Ahnung?
Auf dem genannten Stuhl steht übrigens geschrieben, dass der Keller nicht zum zur Verfügung stehenden Gelände gehört – aber ich kann, in Eile, keinen japanischen Text so schnell lesen, wie ich gehe!

Zur Ermittlung der zurückgelegten Entfernung soll ich zehn Schritte weit gehen. Ich frage extra nach: „Soll ich so gehen wie eben?“ „Aber natürlich!“ Also stürme ich los und komme etwa neun Meter weit, was deutlich weiter ist, als mit der Bodenmarkierung vorgesehen. Der Mann mit der Messlatte staunt. Er fragt meine Begleiterin, ob das so stimme. Sie nickt. Dann soll ich einen Fragebogen ausfüllen, in dem ich meine Beweggründe für dieses oder jenes Verhalten darlegen soll – kundenfreundlich in englischer Sprache. Ich äußere mich (für japanische Begriffe) recht ungehalten über die unsinnige Karte, was den Zeichner (ein Doktorand aus Indien) zu einem „Aha!“ Erlebnis führt, weswegen er sich mit der flachen Hand an die Stirn fasst. Das Viereck auf dem Plan ist nicht etwa das Gebäude – es ist ein Innenhof! Der Gang im Gebäude stellt die Außenseite des imaginären Wohnblocks dar, und man verlässt den „Sie sind hier!“ Punkt nicht aus dem Viereck heraus, sondern in das Viereck hinein! Darauf muss man erst mal kommen! Ich glaube, die Jungs werden die Karte in Zukunft anders machen.

„Warum sind Sie in den Keller gelaufen, wenn doch auf dem Plan steht, dass Sie in den dritten Stock laufen sollen?“ fragt mich einer der Übungsleiter.
„Weil man Gebäude verlässt, indem man die Treppe hinunter-, und nicht hinaufsteigt!“
„Ich verstehe…“ Der andere Deutsche habe genau das gleiche gesagt, erzählt er. „Der andere Deutsche“ kann nur Marc sein, und der hat die japanische Beschriftung des Plans garantiert besser verstanden als ich. Außerdem ist auch der Chinese (also ein geborener Kanjispezialist), der vor mir dran war, die Treppe runter gelaufen. Das sollte dem Team zu denken geben und die Fluchtpunkte in Zukunft realistischer anlegen.
Schließlich muss ich noch einen kurzen Sprachtest machen, der meiner Mittelstufe entspricht. Oder „entsprechen soll“. Da werden Ausdrucksformen und Begriffe abgefragt, die ich noch nie gehört habe (und auch da sagt mir Marc später das Gleiche, was mich doch beruhigt). Als Geschenk erhält jeder ein Taschenradio, sogar mit Digitalanzeige, Uhr und Wecker und einem speziellen Aufdruck, der den Namen des Experiments wiedergibt.
Ich werde von einem Helfer aus dem Gebäude geführt, auf einem Umweg, damit ich nicht mit anderen Probanten zusammenpralle. BiRei gehört ebenfalls zu den freiwilligen Helfern, und weil sie so verloren vor dem Gebäude herumsteht, bleibe ich noch eine Weile und leiste ihr Gesellschaft.

Es scheint, dass zeitgleich eine Veranstaltung für Studenten im letzten Studienjahr stattgefunden hat. Um etwa 17:30 ergießt sich eine Masse von mindestens 100 jungen Männern und Frauen im Geschäftsanzug (!) aus der Mensa und defiliert an uns vorbei. BiRei macht sich über die Jungs lustig.
„Da, schau Dir an, wie klein die alle sind! Die sind kaum größer als ich. Und wie die rumlaufen! Die sehen doch total weibisch aus mit ihren Umhängetaschen am Arm!“ Ich grinse still vor mich hin. Immerhin können die Jungs für ihre Größe nichts. Aber BiReis Idealbild von einem Mann ist nicht schwer zu erraten. Solche, wie die da, gebe es auch in China, sagt sie. Ich glaube, „männliche“ Männer sind in Japan (prozentual) ebenso häufig wie in China, klammert man aus, dass in China zehnmal mehr Menschen (und damit „männliche“ Männer) leben.

Es erscheinen auch immer wieder Mitglieder des Forschungsteams, die meine Darbietung sehr amüsant fanden. Auch die Protokollantin, offenbar Kettenraucherin, kommt zu uns nach draußen, nachdem das Experiment für heute beendet ist. Ich frage sie, warum man neben den Informationsblättern für Mülltrennung nicht auch welche mit Informationen zum Verhalten bei Erdbeben im Rathaus oder (als Student) an der Universität erhalte. Ein A5-Blatt könne wohl nicht so teuer sein? Und dann legt sie los mit einer fünfminütigen Erklärung, von der ich nicht genug verstehe, um auch nur ansatzweise zu wissen, was sie da gerade gesagt hat. Sie redet eine Spur zu schnell für meine Ohren, und nach dieser Informationsflut pocht mir der Schädel.
MinJi kommt vorbei, sie trägt eine große Tüte mit Essen. Sie gehört ebenfalls zu den Helfern und bringt einen Teil des Essens für die „Afterparty“, das gesellige Beisammensein nach der Arbeit, das um 18:30 beginnen soll. Ich könne auch daran teilnehmen, es sei genug für alle da, sagt die Protokollantin, die übrigens 21 Jahre alt ist und wie Anfang Dreißig aussieht. Ich lehne das Angebot dankend ab, Melanie wartet zuhause. MinJi schließt sich der Einladung an. Sie zupft mich am Ärmel, sieht mich an und sagt: „Komm, wir essen zusammen, wir essen zusammen!“ Da bricht mir doch der Schweiß aus! Mal unter Männern gesagt: Wenn MinJi Dich mit ihren hübschen Äuglein auffordernd anschaut und Dich mit der ihr eigenen Art um etwas bittet, dann sagst Du nicht einfach so Nein.
Ich tue es aber trotzdem und sehe zu, dass ich wegkomme, bevor ich umkippe. Ich flüchte sogar zuerst in die falsche Richtung, obwohl mein Fahrrad unter der Treppe der Bibliothek steht. Natürlich bereue ich das (ein ganz kleines bisschen), aber ich glaube, es war richtig so. Ich war ja schon überrascht (ist das das richtige Wort?) genug, als sie eingangs sagte, sie wolle meine Augen anfassen, weil ihr die Farbe so gut gefalle. Da kam ich mir schon vor wie im Schnellkochtopf.
Ich fahre also nach Hause und gehe mit Melanie zum Essen. SangSu hört uns beim Hinausgehen auf dem Gang reden und zeigt uns stolz die Sommerklamotten, die er sich heute gekauft hat. Sehen gut aus. Ich glaube, ich will auch so ein Hemd. Aber ich habe Hunger (und damit noch weniger Sinn für Ästhetik als sonst) und wir radeln los. Ich bestelle mir gebratene Leberstücke mit Sojasprossen und Reis, dazu Misosuppe. Ich wusste nicht, dass man Leber so gut machen kann… zuhause kann ich Leber essen, auch mit Genuss, aber danach braucht es erst mal eine Zeitlang keine mehr zu geben. Das hier scheint mir beinahe was Anderes zu sein. Die Leber kaut sich sehr angenehm und schmeckt dezenter nach Leber, als ich das gewohnt bin.
Wir beenden den Tag später mit den Anime, die wir in den letzten Tagen aufgenommen haben.

12. Mai 2024

Sonntag, 09.05.2004 – Selbstzensur?

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Spiele — 42317 @ 21:53

Ich gehe zuerst in der Bibliothek meinem üblichen Tun nach, abgesehen davon, dass ich mir für Combat Mission ein virtuelles Testgelände anlege, das helfen soll, Material- oder Taktikfragen zu beantworten.
Um 17:00 fahre ich mit Melanie ins Naisu Dô und sehe mir erstmals das obere Stockwerk mit den Spielen und Konsolen an, weil man mich letztens gebeten hat, mich nach einem SEGA Saturn umzusehen. Ich finde auch ein gebrauchtes Stück für 5000 Yen und schreibe es für die Rückfrage in mein Notizbuch.

Um etwa halb Sieben fahre ich dann wieder nach Hause und lese den Pokemon Manga weiter. Dort vollzieht sich beim Wechsel vom siebten zum achten Kapitel ein krasser Stilwandel: Kasumi/Misty wechselt ihre Haarfarbe von schwarz auf orange/rot (wie man es aus der TV-Serie kennt), und weil niemand eine Bemerkung dazu macht, muss ich annehmen, dass dies den Normalzustand darstellen soll, als wäre es nie anders gewesen. Des Weiteren bedecken ihre Hosen neuerdings (zumindest teilweise) ihre Oberschenkel (und werden damit ihrer Bezeichnung endlich gerecht) und ihre bislang großzügig angelegte Weiblichkeit in Form einer etwas übertriebenen Oberweite wurde auf ein vernünftiges Maß reduziert. Auch ansonsten wurden die Reize der weiblichen Charaktere zurückgenommen, sieht man von Musashi/Jesse ab, die immer noch sehr *ähem* aussieht. Aber die ist ja auch ein „böses Mädchen“, und die dürfen offenbar nach „Verderbtheit“ aussehen.
Inwiefern die Sprache entschärft wurde, kann ich noch nicht sagen.

Ich habe den starken Verdacht, dass der Kurswechsel möglicherweise auf Protest von Müttern zurückzuführen ist, die sich irgendwann – zu Recht! – gefragt haben, was ihre Kinder da zu lesen und vor allem zu sehen bekommen.[1] Im sechsten und siebten Kapitel (das obligatorische Onsen[2]-Kapitel) befinden sich ein paar Darstellungen, die dem Fass durchaus den Boden ausgeschlagen haben könnten.


[1] „Dengeki Pikachu“ ist ein Dôjinshi, der mit der offiziellen Produktreihe nichts zu tun hat, die hier aufgeführten Gedanken sind also hinfällig.

[2] Heiße Badequelle

6. Mai 2024

Donnerstag, 06.05.2004 – Schöner Tag, kurzer Tag

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Yamazaki behandelt das Beschreiben von Bildern unter der Prämisse, Fakten von Vermutungen strikt zu trennen. Wir sollen einen Aufsatz von 180 bis 220 Zeichen über ein Bild schreiben, auf dem ein kleines Mädchen zu sehen ist, das im Beisein zweier Erwachsener (m/w) irgendwelche Tauben vor einem Tempel füttert. Natürlich fordert das Bild kulturell bedingte Interpretationen heraus, die sich in den bislang mündlichen Beschreibungen niederschlagen. Fast alle Kursteilnehmer haben die Erwachsenen als „Eltern“ bezeichnet. Aber für diese Aussage gibt es keinerlei rationalen Beweis, also sollen wir uns schriftlich auf klar nachweisbare Fakten beschränken.

Ich gehe nach dem Unterricht meine Fotoliste durch. Ich brauche noch je ein Bild von Alex, Alexej, Yannick und Oyuna. Ich sollte das Poster endlich fertig stellen, damit ich die „Sommersemester-Version“ in Angriff nehmen kann. Ich drücke mich dazu eine Stunde lang im Center rum und stelle dabei auch fest, dass die Serie „Avenger“ inzwischen angekommen ist – hoffentlich ist sie den Aufwand und das Material wert.

Ich gehe aber bald in die Bibliothek zurück, um auf meine Daten zurückgreifen zu können, und außerdem steht ein Zug gegen Frank an. Er bestätigt mir in seiner Mail, dass mein Scharfschütze Zick wohl einen britischen Zugführer erschossen und damit bei dessen Gruppe arge Panik ausgelöst hat. Danach schreibe ich noch zwei Berichte, im Beisein von Mei, die auf dem Stuhl neben mir landet. Es ist vielleicht nur so ein Gefühl, aber… sollte ich sie mal fragen, ob sie zugenommen hat, seit sie in Japan ist? Sie kommt mir nicht mehr so mager vor wie noch zu Beginn des Winters. Aber wahrscheinlich haut sie mir den Stuhl um die Ohren, wenn ich das wage.

Kazu kommt auch noch dazu und mosert, dass ihr Aufsatz für Phillips einfach nicht fertig werden will. Sie hat momentan auch eine Reihe von ärztlichen Untersuchungen laufen, die feststellen sollen, ob ihr empfindlicher Magen den Auslandsaufenthalt in Trier auch wirklich mitmacht.

Ich sehe mir eine Episode von „Area 88“ an, dann kommt Jû vorbei. Er habe während der freien Tage nur auf der faulen Haut gelegen, sagt er. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass er das kann und gebe zurück, ich hätte auch nur gelesen und eine Handvoll Vokabeln gelernt. Was für eine Art Arbeit er später machen wolle, frage ich ihn, und er weiß es genauso wenig wie ich, mit dem Unterschied, dass ich eine vage Vorstellung von Staatsdienst und er von Privatwirtschaft hat. Der klammheimlich abgereiste David Teixera, der will Journalist werden, am liebsten in London, wie er sagte – der Mann hat einen Plan, was ich irgendwo beneidenswert finde.

Ich habe wahrscheinlich noch nicht erwähnt, woran man Japaner von Chinesen und Koreanern in der Bibliothek todsicher unterscheiden kann, ohne dass sie den Mund aufmachen müssen. Das geht so: Wenn ein Koreaner oder Chinese den Computer anschaltet, dann wartet er, bis der Auswahlbildschirm erscheint, auf dem man zwischen Linux und Windows wählen kann. Windows ist automatisch eingestellt, und man hat zehn Sekunden Zeit, auf Linux umzuschalten, wenn man das wünscht. Er drückt also nach einer knappen Sekunde einfach „Boot“ (in diesem Kontext: „Laden“) und kommt so zu seinem Windows Nutzerprofil.
„Der Japaner“ dagegen sitzt vor dem Monitor, hat keinen Dunst, was „Boot“ bedeutet und wartet, bis die Warteleiste voll ist und der Computer von alleine hochfährt. Und den Umgang mit den Windows Programmen hat denen auch keiner gezeigt. Da sitzt hier neben mir tatsächlich einer vor Excel, dem Tabellenprogramm, gibt seine Zahlen ein und packt dann den Taschenrechner aus, um die Ergebnisse auszurechnen, weil er überhaupt keine Ahnung davon hat, wie man das Programm dazu bringt, die entsprechenden Felder vom Computer ausrechnen zu lassen. Glaubt der, dass die Segnungen von Excel daraus bestehen, dass man ein wunderschönes Gittermuster als Vorlage erhält?

Nachdem Jû gegangen ist, nehme ich mir die Zeit und spiele eine Runde Combat Mission, dann gehe ich wieder ins Center, weil ich Fotos von der Jieitai-Vorführung verschicken will. Aber das Internetprogramm des erforderlichen Rechners (alle drei vorhandenen Programme, um genau zu sein) streikt und die Angelegenheit hat sich erledigt. Die Daten müssen auf einen besseren Rechner – ein eigener Memorystick, das wäre mal was! Aber man muss die Zähne zusammenbeißen, wenn man einen Anzug für ca. 375 E haben will. Ich bleibe bis Acht im Center und schreibe noch was ins Forum, bevor ich nach Hause gehe. Hm… mir scheint, ich verliere so langsam das Interesse an der Sporthalle. Vielleicht sollte ich auch einfach meine Zeit besser planen? Aber darin war ich noch nie gut.

Zuhause sehen wir uns die erste Episode der zweiten Staffel von „Kozure Ogami“ an und eine Episode der dritten „TRICK“ Staffel. Es handelt sich wohl jeweils um die Wiederholung vom letzten Winter, auf einem weniger lukrativen Sendeplatz am frühen Nachmittag, der mit weniger Werbung auskommt.

29. April 2024

Donnerstag, 29.04.2004 – Einmal die Runde gemacht

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Es wirkt, als ob das Wetter den verpassten Sonnenschein der vergangenen Tage komplett nachholen will. Ich packe meinen Pullover in den Rucksack und mache die Arme der Armeejacke kurz. Ich fahre gegen 11 Uhr zur Bibliothek, in der Hoffnung, dass sie geöffnet hat, aber ich finde sie verschlossen vor.
Dafür sind auf dem Campus gar seltsame Gestalten zu sehen. Hier befinden sich schätzungsweise 50 Cosplayer in verschiedenen Kostümen, von denen ich die meisten nicht erkennen kann, auch Verkleidungen weiblicher Charaktere sind zu sehen, ungeachtet der Tatsache, dass hier nur Männer um die 20 versammelt sind. Und sie sammeln sich in einem Kreis um eine Taikô-Trommel von 50 Zentimetern Durchmesser und ihren Trommler. Daneben stehen zwei Bannerträger, auf deren Fahnen der Name einer Oberschule geschrieben steht. Dann schlägt der Trommler einen gemächlichen Takt, einer der Fahnenträger stellt mit grölender Stimme irgendeine mir unverständliche Aussage in den Raum, die von der Truppe enthusiastisch bejaht wird. Dann tun sie etwas, was man als „Singen“ bezeichnen könnte und beenden das Lied mit einem dreifachen „Banzai!“ („Banzai“ heißt übrigens „10000 Jahre“ und die, soweit mir bekannt, beziehen sich das auf das Lebensalter, das man dem Tenno wünscht.) Dann formt sich der Kreis zu einer Kolonne um, mit dem Trommler, den Fahnen und einer Handkarre mit ca. zehn Litern Sake an der Spitze. Dann beginnen sie, immer wieder denselben Satz zu intonieren, laut und unmelodisch, und verlassen den Campus wie eine Prozession.[1]

Es gibt noch ein paar weitere Leute, die heute auf offene Türen gehofft hatten, und während die Kolonne mit den grölenden Kostümierten abzieht, winke ich mir eine junge Frau her (wen oder was auch sonst) und frage sie, was es damit auf sich habe. Sie wisse das auch nicht, sagt sie, aber einen Zusammenhang mit dem heutigen Feiertag, Midori no Hi, gebe es wohl nicht. Die Litanei des Zuges kann sie zwar wiederholen, aber der Informationsgehalt ist ihr völlig unklar. Für mich klingt das wie eine Mischung von Spanisch und Japanisch. Möglicherweise eine Art Insiderjargon.

Ich verlasse den Campus ebenfalls und fahre in die Stadt, an der Kolonne vorbei, zum Ito Yôkadô. Dort bestelle ich die „Final Fantasy VII Piano Collection“ für Sebastian und es heißt, ich solle am 15.05. noch einmal vorbeikommen, weil die kommende Golden Week alle Vorgänge dieser Art gewissermaßen auf Eis lege und es zu Verzögerungen komme. Ich finde auch den „Area 88“ Soundtrack, aber den lasse ich liegen, weil er von dem Intro nur die „TV Size“ Version enthält – und die ist mir ein bisschen zu kurz. Ich will die Vollversion, und dafür brauche ich entweder die Single-Version des Soundtracks oder aber die CD der „Angels“, die das Stück gespielt haben. Beim Suchen in der Kategorie „A folgende“ (was in Japan I, U, E und O einschließt, die Gründe erläutere ich gerne jedem, der fragt) finde ich leider die „Angels“ nicht. Dafür aber zwei frisch gelieferte Singles von „e.mu“. Das sollte ich bei nächster Gelegenheit mal Anna schreiben.

Da es sonst nichts Interessantes gibt, fahre ich gleich weiter, ins Book Off, und kaufe mir den „Pokemon“ Manga, der hier „Dengeki Pikachû“ heißt – „Donnerschock Pikachû“ würde man bei uns (in Pokemon-Kreisen) wohl sagen, auch wenn „Dengeki“ m.E. mehr auf „Elektroschock“ hinausläuft. Von dem Manga sind nur drei Bände (seit 1997) erschienen, und ich kann mir (noch) nicht erklären, warum das so ist.[2] Die TV-Serie hat über 500 Episoden hervorgebracht und erfreut sich immer noch so großer Beliebtheit beim jungen Publikum, dass derzeit ein weiterer Film in die japanischen Kinos kommt.

Dann statte ich dem Cub Center einen Besuch ab und stelle dabei fest, dass die Auswahl von Dosenkaffee in diesem großen Markt kleiner ist als im bedeutend kleineren BenyMart bei mir um die Ecke (obwohl sie zum gleichen Konsortium gehören). Ich brauche eine Kaffeedose der Marke „Gold Rush“ aus der Serie „Fire“. Im Fernsehen läuft Werbung für das Produkt, aber ich habe es noch nirgendwo gesehen.

Ich fahre Richtung Sakurano und sehe mir den „Dainamu Freizeitpark“ an, der mir wegen des auffälligen Schilds an der Straße eben aufgefallen ist. Eine nähere Untersuchung ergibt allerdings, dass es sich dabei lediglich um eine unspektakuläre und ordinäre Pachinko-Halle handelt.

Wenn ich schon in der Nähe bin, kann ich auch das „SEGA Center“ in Augenschein nehmen, nachdem man mich kürzlich gefragt hat, ob ich einen „SEGA Saturn“ besorgen könne. Aber es handelt sich bei dem entdeckten Laden nicht um eine SEGA-Verkaufsstelle, sondern um eine Spielhalle, mit den üblichen Fahr-, Schieß- und Kampfautomaten. Auch MahJong kann man am Automaten spielen, und ich frage mich, warum diese Idioten hier nicht einfach ein Brett mit den Spielsteinen kaufen und mit Freunden spielen, anstatt ständig den Automaten neu zu füttern. Und die Halle riecht wirklich abstoßend nach Zigarettenrauch. Die Toilette im Vergleich riecht nach einer (chemisch erzeugten) Zitronenpresserei, und das empfinde ich als wesentlich angenehmer.
Das untere Stockwerk ist frei für alle Altersgruppen, aber in den ersten Stock darf man nur als Erwachsener. Dort befinden sich die ganzen Glücksspiele. Ich will nicht im Einzelnen darauf eingehen, aber die beiden „Pferderennen“ sind interessant – von einem technischen Standpunkt aus betrachtet.

Der erste Automat ist voll elektronisch. Ein großer Bildschirm hängt an der Wand, etwa 200 x 100 cm groß, auf dem das Rennen zu sehen ist, in aktueller Konsolenqualität, untermalt von der Stimme eines passionierten Kommentators aus den Lautsprechern. Das Publikum dürfte komplett jünger als dreißig Jahre sein. Vor dem Bildschirm stehen zehn Monitorterminals mit Stühlen, von denen im Moment sieben besetzt sind. Auf dem kleinen Monitor nun kann man Informationen bezüglich des eigenen, virtuellen Rennstalls abrufen; man kann sein Pferd offenbar auf unterschiedliche Art und Weise füttern und pflegen, und wenn man das virtuelle Pferd (über den Touchscreen) streichelt, reagiert es darauf. Man kann hier offenbar einige individuelle Faktoren in das Rennen mit einbringen.

Der zweite Automat, am anderen Ende des eigentlich kleinen Raumes, ist nicht für „Züchter“, sondern für Zocker. Auch hier befindet sich ein Bildschirm mit den gleichen Ausmaßen wie gegenüber, aber die Anlage hat auch einen auffälligen mechanischen Teil. Da steht also ein Tisch, der ebenso groß wie der Bildschirm ist, und auf diesem Tisch befindet sich eine Modellanlage einer Pferderennbahn. Auf dieser Modellbahn stehen kleine Pferde mit noch kleineren Reitern an einer Startlinie. Acht Spieler können gleichzeitig spielen, und dazu sind wieder kleine Monitore in den Tisch eingebaut, mit denen die Spieler ihre Wetten abschließen können, ohne allerdings Einfluss auf die virtuellen Tiere auszuüben. Den Wetteinsatz entrichtet man in Form von Spielmünzen, die man in einen Einwurfschlitz neben dem Monitor einwirft. Wenn das Rennen schließlich startet, kann man sich aussuchen, ob man die zeitgemäß wirklich gute Computergrafik auf dem Monitor betrachtet oder aber den kleinen Modellpferden zusieht, die, von Magneten unter der Oberfläche gesteuert, über die grüne Bahn ziehen – und zwar auf exakt die gleiche Art und Weise, wie es die auf dem Monitor tun, der Vorgang und das Ergebnis sind völlig identisch, unabhängig von dem verwendeten Medium. Hier findet der Bildschirm allerdings keine Beachtung. Die Aufmerksamkeit der vier Spieler, einer davon immerhin um die 50, richtet sich voll und ganz auf die Modellbahn. Man kann hier natürlich kein Geld gewinnen, sondern nur die genannten Spielmünzen, von denen man je eine für 10 Yen kaufen kann. Ob man das Spielgeld am Ende vom Tag, sofern man etwas gewonnen hat, nicht doch an einem verschwiegenen Plätzchen gegen Bargeld umtauschen kann, ist eine andere Frage.

Dann fahre ich durch das Gassengewirr in Richtung Westen und lande, eher zufällig, vor der hiesigen Mazda-Vertretung. Aber ich halte mich nicht auf, sondern bemühe mich nur darum, einen Zusammenhang zu anderen Wegpunkten herzustellen, damit ich wieder herfinde. Ich fahre wieder in den kleinen Park, der sich so unweit meiner Wohnung befindet, wo ich eine halbe Stunde herumsitze und drei Jungs bei ihren wenig erfolgreichen Versuchen, einen Bumerang zu bedienen, zusehe. Aber der Wind wird recht frisch und die Gemütlichkeit des sonnigen Nachmittags geht verloren.

Ich fahre also nach Hause, lese im Latour und nehme mir den ersten Band des „Pokemon“ Manga vor. Der Zeichner beweist seinen Hang zu weichen Formen, die im Anime leider völlig verloren gegangen sind. Aber was heißt „verloren gegangen“? Soweit mir bekannt, war der Ursprung das Spiel von Nintendo, dann wurde ein Anime daraus und dann erst kam der Manga auf den Markt. Ich kann mich auch irren, aber das ist die Reihenfolge, die ich vage im Hinterkopf habe. Auf jeden Fall zeigen sich die Vorlieben des Zeichners an den recht üppigen weiblichen Formen – schlank, aber sonst gut ausgestattet –, die sich deutlich von den kantigen und direkt spartanischen Formen des Anime abheben. Kasumi/Misty zeigt sich während des Kampfes gegen Satoshi/Ash sehr freizügig in einer Art Badeanzug, der, im Einklang mit ihrer deutlich übertriebenen Oberweite, so gar nicht zu ihren angegebenen 12 Jahren passen will. Und ansonsten trägt sie sehr knappe Hotpants. Na denn…[3]


[1] Möglicherweise Absolventen derselben Schule, bereits im Studentenalter.

[2] Erklärung: Es handelt sich nicht um den Pokemon Manga, sondern nur um einen (und inoffiziellen) Pokemon Manga.

[3] Es handelt sich auch nur um einen inoffiziellen Manga, einen Dôjinshi, der ohne Lizenzbeziehung zum offiziellen Merchandising existiert.

22. April 2024

Donnerstag, 22.04.2004 – Ein Tag im Sturmschritt

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Es regnet heute mal wieder; nicht sehr stark, aber zur falschen Zeit. Wenn die Bäume schon blühen, dann soll auch die Sonne dazu scheinen! Außerdem bedeutet es, dass ich zu Fuß zur Universität gehen muss. Ich empfinde das Hosenwechseln auf der Toilette dann doch als zu unbequem.

Ich habe heute nur Unterricht bei Yamazaki und daher ab 10:10 den Rest des Tages frei. Die Gestaltung des Tagesablaufs bietet mir auch keine Überraschungen. Ich gehe in die Bibliothek, schreibe Berichte und anderes, und weil ich schnell vorankomme, spiele ich auch zwei Stunden Combat Mission:

1000 Punkte Scharfschützen gegen 1000 Punkte 08/15 Infanterie. Die Zahlenverhältnisse sind markant: Wir haben 45 (Veteranen-) Scharfschutzen gegen 248 (reguläre) Infanteristen, ohne Extras.
Die angreifende Infanterie wird am Ende 33 Mann Verluste einfahren und die Scharfschützen bis auf zwei Mann aufreiben, trotz wunderschön freier Sichtlinien für die Verteidiger. Ich frage mich, ob der Punktewert der Scharfschützen nicht ein wenig hoch angesetzt ist, wenn sie mit einem Aufgebot von 45 Leuten und damit 450 Schuss Munition (zu mehr als 95 % verschossen) nur 33 Gegner ausschalten können.

Um 19:20 gehe ich in die Sporthalle. Sie ist in letzter Zeit gut besucht, und auch der weibliche Anteil wird zur Gewohnheit. Um 20:20 gehe ich nach Hause. Dort liegen noch Vokabeln herum, die ich lernen sollte, und ich schaffe es, nach Abschluss aller Arbeiten bereits um halb Zwölf ins Bett zu kommen.

18. April 2024

Sonntag, 18.04.2004 – Es gibt keinen „Greifer-König“

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Heute ist es spürbar wärmer als gestern und die Sommerjacke reicht wieder. Um halb elf bin ich in der Bibliothek und beginne mein Tagesgeschäft, das ich für eine kurze Partie Combat Mission unterbreche, in der ich mit fünf Tigern ein ganzes Bataillon Neuseeländer aufmische. Entweder sind die Panzer in diesem Spiel völlig überbewertet (ich wiederhole mich diesbezüglich oft) oder aber die KI ist zu berechenbar. Der Anmarschweg erfolgt grundsätzlich durch die bestmögliche Deckung, und mit massiger Bewaldung ist die Route sehr schön vorherzusehen. Ist es nun richtig oder falsch, sich unter Sichtschutz fortzubewegen?

Um 17:00 fahre ich ins Ito Yôkadô, um für meine in Trier wohnende Bekannte Anna den Soundtrack von „Ghost in the Shell“ zu besorgen. Derzeit kommt ein neuer Film von Oshii Mamoru raus, und offenbar nimmt man das zum Anlass, die alten Sachen noch einmal aus der Mottenkiste zu kramen. Melanie hat mich außerdem gebeten, ihr aus dem 100-Yen-Shop einen Film für ihren Fotoapparat mitzubringen, aber nachdem ich den Laden zweimal durchsucht habe (aber nicht weiß, nach was ich eigentlich fragen sollte, weil mir das Vokabular nicht einfällt), gebe ich die Suche auf. Stattdessen kaufe ich mir eine Dose Milchkaffee, kalt, aber immerhin verfügbar, und trinke sie gemütlich auf einer Sitzbank zwischen Spielabteilung und dem Laden aus.

Gegenüber dieser Sitzbank befinden sich ein paar von den allgegenwärtigen Greiferautomaten. Das bedeutet: In einem Glaskasten befinden sich Stofftiere verschiedener Art und man soll, gegen ein Entgelt natürlich, per Schaltkonsole an der Seite des Geräts einen Greifarm in eine günstige Position lenken, ausfahren, und dann hoffen, dass das Stofftier gehalten und dann in den Auswurfschacht befördert wird. Der „Winnie Pooh“ Automat ist mir am nächsten; die Figuren sind etwa so lang wie mein Unterarm (ohne Hand) und ca. 25 cm dick. Es gibt Unmengen von Leuten, die tatsächlich glauben, dass die Greifarme in der Lage seien, irgendetwas aus dem Automaten herauszuheben… jedes Mal, wenn ich hier für fünf Minuten sitze, kommen mindestens zwei Leute vorbei, die es versuchen, und jedes Mal ist es das gleiche Null-Ergebnis. Ich habe auch einige Spieler beobachtet, die den Greifer in optimale Positionen gebracht haben – aber das ist völlig nutzlos! Die Plüschfiguren sind zu schwer für den Greifer. Die Zangen schließen sich zwar um das Stofftier, aber wenn der Arm dann mit der Hebebewegung wieder nach oben fährt, gleiten sie wirkungslos an der Oberfläche ab, ohne irgendeine Art von wahrnehmbar wirksamem Druck auszuüben, der in der Lage wäre, die Zangen um das Stofftier effektiv geschlossen zu halten.

Ich fahre nach Hause und lasse mir dabei viel Zeit. Ich fahre sogar in den kleinen Park und setze mich in das Häuschen auf dem kleinen Hügel, bis die Dunkelheit hereinbricht. Dann fahre ich um 19:30 am Bach entlang nach Hause, und das ist ein kleines Abenteuer für sich, im Dunkeln auf einem 50 cm schmalen Trampelpfad, rechts eine Hauswand und links kein Geländer vor dem zwei Meter tiefen Betonkanal, in dem der Bach fließt.

Zuhause versuche ich noch, eine Handvoll Kanji zu lernen, aber ich kann mich kaum konzentrieren. Der Test wird wahrscheinlich entsprechend ausfallen.
In der Stille ist ein Pfeifen zu hören.

16. April 2024

Freitag, 16.04.2004 – One more time

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Der erste Unterricht heute ist ein Kulturseminar über „die Bedeutung von Reis in der japanischen Gesellschaft“ unter der Leitung von Kuramata-sensei. Er bespricht zuerst die Themen und erläutert dann die „Sondertermine“, also wann der Unterricht ausfällt und wann wir irgendwelche Ausflüge machen. Problematisch an diesen Ausflügen wird sein, dass sie sich zeitlich mit dem nachfolgenden Japanischkurs überschneiden könnten. Ich habe allerdings kein Problem damit, für eine Exkursion Unterricht zu verpassen. Ich bin sicher, Ogasawara-sensei wird dafür Verständnis haben.
Wir sehen auch die Aufzeichnungen des Erstversuchs dieses Seminars vom Wintersemester 2002/2003. Es sind Fotos dabei und wir sehen darauf neben Dave auch Stefan und Hans beim Reiskochen in der Abteilung für Hauswirtschaft. JP erscheint auf dem Bild von einer Exkursion.
Der anschließende Unterricht bei Ogasawara-sensei läuft in den üblichen, entspannten Bahnen.

Danach habe ich frei und schreibe den Bericht zum 09.04.2004, aber das Versenden will nicht hinhauen. Mein Adressbuch wird als Quelle von Empfängern nicht erkannt und ich kenne die 80 Adressen nicht auswendig, um sie von Hand einzutragen – ganz zu schweigen von der Mühsal, die ich mir damit machen müsste. Dann kann diese Angelegenheit auch noch bis morgen warten.

Kazu setzt sich neben mich und brütet über einer Literaturliste von Professor Philips, die auch die wildesten Gerüchte um Listen von Frau Professor Scholz in den dunkelsten Schatten stellt. Die txt-Datei hat knapp ein Megabyte Datenumfang (txt!!), in ein Word-Dokument übertragen ist die Liste 505 Seiten lang (bei „Times New Roman 11“) und enthält nicht weniger als 10.000 Titel. Und das nur zum Thema „Afrikanische Musik“??? Philips muss komplett irre sein. Ich werfe einen Blick in die Liste und entdecke Titel in jeder mir bekannten Sprache. Ich bin sicher, dass Kazu mit japanischen und vielleicht auch englischen Titeln am meisten anfangen könnte und dass diese Beschränkung die Liste auch deutlich kürzer gemacht hätte. Sie hat bis Dienstag Zeit, aus dieser Liste eine Auswahl für ihre Arbeit zu treffen. Sie erzählt, dass sie im Oktober wirklich gerne nach Deutschland gehen möchte, aber es gebe noch Unstimmigkeiten mit der Krankenversicherung, da sie einen empfindlichen Magen und entsprechende Medikamentenrechnungen habe.

Um 17:55 gehe ich mit ihr gemeinsam zu der für heute angesetzten „Welcome Party“, und ich habe mich nicht für eine Vorstellung gemeldet. So groß ist der Kreis der neuen Studenten nicht, und außerdem hat Marc bei der Organisation durchgesetzt, dass nicht wir etwas bieten müssen, sondern dass in erster Linie wir von „Vertretern“ des Gastgeberlandes etwas geboten bekommen sollten.
Für die Organisation wurde wohl extra ein „Party Club“ an der Uni ins Leben gerufen, dessen Aufgabe und Sinn nicht darin besteht, die alkoholischen Wunschvorstellungen seiner Mitglieder umzusetzen, sondern größere Partys zu organisieren. Und das hat diesmal auch gleich viel besser geklappt als das letzte Mal.

Jeder Besucher erhält natürlich ein Namensschild, und auf diese Namensschilder sind Nummern aufgedruckt, so dass jeder eine Zufallsnummer zwischen 1 und 15 erhält. Ich habe die Nummer 13, und diese Zahl sollte alles andere als Pech verheißen. Die erste Aufgabe ist es, Leute mit der gleichen Nummer zu suchen. Ich werde von BiRei gefunden – das war schon mal ein guter Treffer – und wir machen eine Runde durch den Raum, bis wir unsere Genossen gefunden haben. Unter diesen befinden sich Mei, Saitô-san und Sawada-sensei. Daneben sind noch zwei mir nicht bekannte Japanerinnen in der Gruppe, sowie ein Professor der Physik um die sechzig. Aber ich stelle bald fest, dass die Gruppenbildung eine sehr untergeordnete Bedeutung hat. Natürlich soll man ins Gespräch kommen, aber soweit es mich betrifft, kommt es dazu gar nicht. Zuerst mal wird gegessen, und diesmal ist etwa doppelt so viel Nahrung vorhanden wie beim letzten Mal. Als ich gerade eigentlich satt bin (aber immer noch was essen könnte), fallen mir meine Stäbchen auf den Boden und Ersatz scheint es keinen zu geben, also bewahrt mich das Schicksal so davor, mich an den äußerst schmackhaften Hühnerschenkeln (Unter- und Oberschenkel getrennt) zu überfressen.

Ich erspähe irgendwann den Sohn von Sawada-sensei aus dem Augenwinkel. Ich sehe ihn nicht zum ersten Mal, und wie üblich ist er auch diesmal in seiner Schuluniform erschienen. Wie es scheint, also bereits Oberschüler[1], aber für sein Alter deutlich zu kurz geraten, schlank, dunkelblond, aber mit einem Gesicht, dass man keinem der beiden in ihm enthaltenen ethnischen Einflüsse zuordnen kann. Meine Fähigkeit zur Einschätzung von Menschen anhand ihres Äußeren ist sicherlich nicht die beste, aber der Junge hier macht nicht nur heute, sondern eigentlich ständig (da ich ihn ja nur auf Veranstaltungen sehe) einen äußerst verkrampften Eindruck. Wie soll ich das beschreiben? Er sieht aus, als ob er in jeder Sekunde mit einem Angriff rechne und gleichzeitig bemüht sei, einen selbstsicheren und unangreifbaren Eindruck zu machen. Was ihm nicht gelingt, nach meinem Ermessen. Er verzieht sich auch sehr bald in eine Ecke und bleibt dort sitzen, hin und wieder von seiner Mutter „besucht“. Gut, es kümmert sich auch sonst keiner um ihn… und ich wüsste ebenfalls nicht, was ich kommunikativ mit ihm anfangen sollte. Außerdem erhalte ich nicht viel Gelegenheit, weiter über ihn nachzudenken.

Nach dem Essen beginnt das Unterhaltungsprogramm, allerdings muss ich gestehen, dass ich sehr wenig davon mitbekomme. Da wird der „Arielle“ Soundtrack „Unter dem Meer“ karibisch echt auf Klangfässern gespielt, ein sehr ausgelassener Tanz aus Hokkaidô wird vorgeführt, Irena singt ein Lied (und man merkt, dass sie Übung hat), und auch ein Gruppenspiel wird gespielt. Jetzt kommt die Gruppenbildung zu ihrer Bedeutung!
Zuerst wird rotes und weißes Kartonpapier im Format A4 ausgeteilt. Auf einer Leinwand werden dann zwei Fotos gezeigt, worauf je ein Vertreter eines Staates hingeht und eine der beiden Darstellungen beim Namen nennt. Marc zum Beispiel hat den Begriff „Berliner“. Auf einem der Bilder ist eine Schildkröte dargestellt (wofür man das weiße Blatt hochhalten soll) und auf dem anderen drei frittierte Krapfen mit Marmeladenfüllung[2] (wofür man das rote Blatt heben soll). Und so geht das über etwa zehn Versuche. Die Gruppe, die am Ende alles richtig geraten (oder gewusst) hat, bekommt einen kleinen Preis. Gleich zu Beginn hat man mir die beiden Blätter in die Hand gedrückt und die Entscheidungen völlig mir überlassen, anstatt sich abzusprechen, wie eigentlich geplant. Aber natürlich ist das Konzept arg seltsam, denn im Grunde wird ja geraten. Ich habe zweimal falsch geraten, weil ich ein thailändisches Chiligericht begrifflich nicht von thailändischem Tanztheater unterscheiden kann, und auch die slowenischen Begriffe für Schneemann und Feiertagsschmuck kann ich nicht auseinander halten. Immerhin habe ich die chinesische Mikrowelle richtig geraten, und das einfach aufgrund der Tatsache, dass sich die erste Silbe des chinesischen Wortes recht ähnlich anhört, wie die erste Silbe des japanischen Begriffs.

Kaum, dass ich mit dem Essen fertig bin, geht der Andrang, der Sturm wissbegieriger Einheimischer auf die Ausländer, auch schon los. Oh, drei männliche Japaner? Das ist selten. Und ich verstehe auch am Ende des Abends, warum ich lieber mit Frauen verkehre. Die drei stellen nur die üblichen Fragen und ich versuche mit Händen und Füssen, sie zu beantworten – aber ich verstehe kaum, was die drei (bzw. der Wortführer) sagen. In Ordnung, die Musik ist relativ laut, aber die Jungs reden undeutlicher, als mir lieb sein kann. Wenn ich mit Frauen rede, habe ich im Allgemeinen nur Probleme mit den Vokabeln, aber bei den dreien hier kommen auch noch Verständnisschwierigkeiten wegen der Aussprache dazu.

Als die dann nach etwa 30 Minuten wieder abziehen, steht auch schon die erste Japanerin in der Warteschlange. Ihr Name ist Yumi und ich wiederhole mit ihr quasi das gleiche Gespräch, das ich gerade eben geführt habe, mit dem Unterschied, dass ich weniger Wörter nachfragen muss, weil sie eine verständliche Aussprache besitzt. Und kaum ist Yumi zum nächsten Ausländer abgewandert, kommen auch bereits die nächsten beiden zu mir, die sich bald auf drei aufstocken. Die drei studieren Medizin und sind bereits ausgebildete Krankenschwestern, jeweils 21 Jahre alt. Zu den dreien kommen gegen Schluss noch einmal drei (Krankenschwestern) dazu. Ich habe mir nicht alle Namen gemerkt, außer Fukushima (weil „Glücksinsel“ ein interessanter Name ist)[3] und Saori, die aus Tokyo stammt. Sie sagt, die Universitäten in Tokyo könne sie sich entweder nicht leisten oder aber sie habe die Eingangsprüfung nicht geschafft. Die Universität von Hirosaski habe einen soliden Ruf, was die Medizin betrifft, und sowohl die Finanzfrage als auch die Eingangsprüfung seien für sie schaffbar gewesen. Natürlich sei Hirosaki etwas langweilig im Vergleich zu Tokyo, aber sie wolle Bezirkskrankenschwester werden. Sie wohne direkt beim Book Max (in der der gleichen Straße wie Misi) – was natürlich kein Vergleich zu dem Apartment direkt an der Rainbow Bridge sei, wo sie während ihrer Schulzeit gewohnt habe.

Währenddessen singt Irena gerade und Saori fragt mich, wo sie herkäme.
„Aus Slowenien“ sage ich.
„Ist das nicht in der Nähe von Russland?“ fragt sie zurück.
„Ganz Europa liegt in der Nähe von Russland“, antworte ich amüsiert, „aber Slowenien liegt gegenüber von Italien auf der östlichen Seite des Adriatischen Meeres und nicht direkt neben Russland.“
Und dieses Gespräch läuft im Großen und Ganzen sehr flüssig ab (bis auf meine Vokabelsuche und Umschreibungen für unbekannte), was meine Meinung über männliche Studenten keinesfalls weiter hebt. Zum Schluss bitte ich Nim darum, ein Foto von mir mit den Krankenschwestern machen zu lassen, hinter denen ich wie ein Turm herausrage. Vielleicht hätte ich mir eine Mailadresse geben lassen sollen, damit sie auch was von dem Foto haben. Ich könnte in der medizinischen Fakultät ja mal nach Fukushima fragen.[4] So viele kann es davon doch in diesem begrenzten Suchgebiet nicht geben.

Der Dominik und die Sieben, äh, Sechs Krankenschwestern.

Und dann wird auch schon zusammengepackt. Ich ziehe schließlich mit Mei und BiRei ab, weil ich Kazu (die einer anderen Gruppe zugeteilt worden war) aus den Augen verloren habe. BiRei biegt in Richtung der Shimoda Heights I ab, Mei liefere ich an ihrer Haustür ab. Damit sehe ich das „Männer verboten!“ Wohnheim zum ersten Mal live und aus der Nähe. Mei bestaunt mit offenem Mund, dass es in Deutschland völlig normal ist, dass Männer und Frauen nebeneinander auf dem gleichen Gang wohnen, und zwar ohne, dass es deshalb zu einer Geburtenexplosion kommen würde. Ich verstehe ihre Überraschung nicht wirklich gut, da ja auch im Kaikan solche „Verhältnisse“ herrschen.

Ich gehe noch Getränke kaufen und dann nach Hause. Ich lese das Buch des Ehepaars Seagrave zu Ende und befreie den Latour, „Kampf dem Terror – Kampf dem Islam?“, schon mal aus seiner Plastikverschweißung. Ich wusste gleich, dass das Buch der Seagraves nicht lange halten würde.


[1]   Korrekt ist, dass auch die meisten Mittelschulen Uniformen haben.

[2]   Menschen aus Berlin nennen die Dinger „Pfannkuchen“.

[3]   Nach dem Tsunami mit anschließendem Reaktorunglück hat dieser Zufall eine gewisse Ironie.

[4]   Ist leider nicht geschehen.

15. April 2024

Donnerstag, 15.04.2004 – Sportliche Überraschung

Filed under: Japan,My Life,Sport,Uni — 42317 @ 7:00

Der Donnerstag beschert mir wieder den Yamazaki-Kurs über schriftliche Kompetenz, und ich merke gleich, dass ich ihn in diesem Durchgang ebenso genießen werde, wie beim letzten Mal. Aber was will ich mich beschweren? Ich hätte mehr lernen können, aber das hätte meinen Feriengenuss wesentlich geschmälert und mir als Kehrseite der Ehre eines höheren Kurses ein gutes Stück mehr Arbeit aufgehalst.

Wir sind um die 20 Leute in dem Kurs. Yuan ist auch noch da, ebenso die Doktoren – minus Chin, von dem ich noch kein Foto habe und der verschwunden zu sein scheint. Als Ausgleich für „den Chin“ ist ein „Chen“ aufgerückt: Dr. „Dragon“ Chen, und der hat den Drachen deshalb im Namen, weil er so heißt – das chinesische Kanji für „Drache“ ist sein Vorname.

Und dann ist der Unterricht für heute auch schon gelaufen. Ich gehe in die Bibliothek und finde noch keinen Spielzug von Frank vor. Überhaupt ist heute wenig los mit der Post, und auch im Forum herrscht Stille. Ich nehme mir die Zeit, ein Gefecht nach einer Vorlage von Andreas zu spielen. Danach schreibe ich zwei Berichte und erreiche damit heute den 08. April – der Rückstand ist so gering wie in den besten Zeiten Anfang Dezember 2003. Um 18:30 gehe ich wieder für eine Stunde in den Fitnessraum und finde darin… ein Dutzend Frauen vor! Was machen die in dieser Heimstatt für potentielle Neandertaler? Da die Sportteams offenbar ohne Trainer auskommen, ist den Teilnehmerinnen die Art des Aufwärmens wohl selbst überlassen, und etwas Krafttraining kann auch nicht schaden, wenn man Volleyball spielt.

11. April 2024

Sonntag, 11.04.2004 – Brisantes Material

Filed under: Bücher,Filme,Japan,My Life,Sport — 42317 @ 7:00

Heute ist der letzte Tag vor Beginn des Unterrichts und ich nehme für Volker die „Go“ Sendung auf. Das heißt, Melanie drückt gerade auf den Knopf, als ich aus der Dusche komme. Leider zwei Minuten zu spät. Ich hoffe, Volker kann das entbehren. Aber ansehen will ich mir die Sendung nicht. Ich spiele gerne Go, auch wenn ich ein miserabler (weil planloser) Spieler bin, aber anderen beim Spielen zuzusehen, finde ich schlicht zum Gähnen.

Ich beginne mit dem Buch „Herrscher im Reich der aufgehenden Sonne“ von Peggy und Sterling Seagrave und merke bald, dass ich nicht lange daran haben werde. Es liest sich sehr schnell. Eigentlich dachte ich, dass es sich dabei um eine Biografie ausschließlich des Shôwa Kaisers handele, aber es geht um das japanische Kaiserhaus seit Beginn der Meiji-Ära anno 1868 im Allgemeinen. Ich fühle mich nicht in der Lage, die wissenschaftliche Genauigkeit und die Grundlagen dieses Buches zu beurteilen, deswegen möchte ich wegen der Brisanz des Inhaltes auf einen Kommentar lieber noch verzichten. Einige Grundlagen des Geschichtsunterrichts in Bezug auf Japan werden darin mehr oder weniger über den Haufen geworfen und auf neue Beine gestellt, und ich will erst ein paar Fachleute befragen, um zu ermitteln, was ich davon zu halten habe.[1]

Zwischendurch wasche ich drei Maschinen Wäsche, was die Sammelkörbe entleert. Allerdings ist das Wäschewaschen heute nicht so ganz einfach. Ich habe mir während der Sporteinlage am Freitag die Sehnen am Ellenbogen wohl gewaltig verbogen. Die Muskeln, die daran hängen, sind stark verkrampft und ich kann die Unterarme kaum bewegen. Ich laufe rum wie C3PO. Man sollte eben trotz Aufwärmens keine 20 kg schweren Hanteln aus gestreckter Armposition heben. Zumindest nicht sechzig Mal in Folge…

Wir sehen uns abends „Tomb Raider 2“ an. Melanie hatte diese Eingebung. Netter Film, das Englisch von Till Schweiger ist zum Schreien deutsch. Aber weitere Tinte dafür aufzuwenden, wäre Verschwendung.


[1] Ich habe dazu mehrere Spezialisten für japanische Geschichte per E-Mail befragt und nur eine Antwort von einer deutschen Professorin erhalten. Diese erklärte mir lapidar, dass Mr. Seagrave ja „nur TIME LIFE Journalist“ sei, dessen Schrifttum man als Wissenschaftler nicht ernst nehmen könne – als ob die Heiligen Hallen der Wissenschaft die Quelle aller Wahrheit wären!

8. April 2024

Donnerstag, 08.04.2004 – Lesestoff

Filed under: Filme,Japan,My Life,Sport,Uni — 42317 @ 7:00

Heute findet von 09:00 bis 11:00 der Einstufungstest statt, der die teilnehmenden Studenten einer Unterrichtsstufe zuordnet. Wie bereits erwähnt, haben wir eine Menge neuer Gesichter in Hirosaki, und die sind vor allem chinesisch. Es scheinen diesmal keine Doktoren über Dreißig dabei zu sein, und Frauen um die Zwanzig sind in der Überzahl. FanFan sitzt vor mir und ist erfreulich kommunikativ. Ich nutze die Gelegenheit und mache ein Bild von ihr. Sie demonstriert mir eindrucksvoll (ungewollt) die Schwierigkeiten der chinesischen Aussprache: Ihr Familienname besteht aus einer einzigen Silbe, nämlich „Ma“ (was sich wie „Pferd“ schreibt), und es will mir nicht gelingen, dieser kleinen Silbe den richtigen Tonschwung zu verleihen. Das chinesische Tonsystem[1] verfügt über vier Arten von Tonverläufen, die bedeutungsunterscheidend sind. In ihrem Fall fällt die Tonhöhe nach dem „M“ zum „a“ hin ab, um am Ende des Lautes wieder zu steigen. Das klingt theoretisch ganz einfach, aber ein geübtes chinesisches Ohr ist nicht so leicht zufrieden zu stellen. Ich glaube, ich würde wirklich lieber Arabisch lernen.

Und dann knattern wir den Test durch, und einige „Veteranen“ bemerken, dass es der exakt gleiche Test wie beim letzten Mal vor einem halben Jahr ist. Aber was würde es mir bringen, mich an Testaufgaben zu erinnern? Am Ende würde ich in einer Lernstufe landen, die meinen Fähigkeiten nicht entspricht. Ich werde aber wohl in der gleichen Stufe landen, weil ich mich am Ende nicht sonderlich erfolgreich fühle.

Für 13:00 ist eine Informationsveranstaltung über „Leben in Hirosaki“ geplant, aber die kann ich beruhigt weglassen. Ich weiß inzwischen, wie man Müll trennt. Der nächste „offizielle“ Termin ist morgen früh um 09:00, und er beinhaltet das Ablesen der Testergebnisse und das provisorische Planen meines Stundenplans.
Ich schaue Irena dabei ein wenig über die Schulter, die sich schon jetzt um ihren Stundenplan bemüht, weil sie das Vorlesungsverzeichnis vor sich liegen hat, und ich finde Veranstaltungen, von denen ich nicht weiß, ob sie mich interessieren. „Traditionelle Sportarten Japans“? Nein danke. Man erinnere sich daran, was ich vor einiger Zeit über den in Japan tief verwurzelten Formalismus gesagt habe. Beim Kendô lernt man zuerst mal das Knien, beim Sumô das Wasser holen und Handtuchhalten. Dann gibt es „Kunstformen in Tsugaru“. Das klingt an sich interessant, aber da steht schon wieder Kôgin-Stickerei auf dem Plan, und das habe ich beim letzten Mal schon so unsäglich genossen. Musik ist nicht dabei… eine Shamisen-Vorstellung hätte mich überredet, mich einzutragen.
Ich kann auch keine Veranstaltungen finden, die von Philips oder Westerhoven angeboten werden (dessen Namen man tatsächlich mit „W“ und nicht mit „V“ schreibt – ich hatte letztlich ein Buch von ihm in der Hand). Carpenter ist auch nicht dabei… ich warte bis morgen und mache meinen Plan dann.

Ich gehe wieder in den Computerraum und plane meinen Spielzug gegen Frank, der heute endlich die entsprechende Datei geschickt hat. Dann schreibe ich zwei Berichte und finde eine Mitteilung von Prof. Fuhrt vor, in der er mich wissen lässt, dass die beiden Bücher, die ich bestellt hatte, angekommen seien. Ich könne sie heute abholen, wenn ich wolle, oder nächste Woche in die Sprechstunde kommen. Ich antworte, dass ich versuchen werde, am Nachmittag in seinem Büro vorbeizukommen. Ich verfasse noch ein paar Einträge für das Animetric Forum und gehe um kurz nach Vier zu meinem Betreuer. Er drückt mir die Bücher in die Hand und meint, die 2000 Yen, die ich eigentlich noch zu zahlen hätte, habe er aus dem Resthaushalt (gültig bis 31.03.) abgezweigt. Wow, vielen Dank. Ich brauche jeden Yen.
Ich lasse mich noch über die aktuelle Lage der Universität aufklären, seit sie ja am 01.04. zu einer „Anstalt des öffentlichen Rechts“ teilprivatisiert worden war. Wie erwartet, sei das Budget gekürzt worden und die Adleraugen des Bildungsministeriums lägen paradoxerweise sogar noch schärfer auf der Lehranstalt als vorher, sagt er. Er erzählt weiterhin, dass bis vor wenigen Jahren jeder Professor (unabhängig von seiner Forschung oder Lehre) ein jährliches Budget von 550.000 Yen für Bücher und 90.000 Yen für Forschungsreisen gehabt habe (ca. 4100, bzw. ca. 670 E), und dass dieses System nun geändert worden sei. Jetzt habe jeder ein Budget von insgesamt 430.000 Yen insgesamt (ca. 3200 E), aber man könne über die Verteilung von Literaturanschaffungs- und Reisekosten selbst entscheiden, was ein Lichtblick sei, weil man mit einer Reisekasse von nur 670 E im Jahr nicht weit komme.

Ich bedanke mich für das Gespräch und gehe in die Bibliothek, weil ich ein paar Zeilen über meine vorgenommene Befehlsphase im Spiel gegen Frank zu schreiben will, aber ich kann mich an Details schon nicht mehr erinnern. Ich verlege also wieder in den Computerraum, werfe das Spiel an und sehe mir den Zug noch einmal an. Ich will zum Beispiel die Namen der Truppen nicht umsonst umgeändert haben – bekannte Namen machen die Handlung plastischer, und deswegen nenne ich sie auch in meinem After Action Report. Ich verwende für meine Truppen normalerweise die Namen meiner Bundeswehrbekanntschaften, allerdings sprengt dieses Spiel den bisherigen Rahmen und ich muss auf „noch ältere“ Kontakte zurückgreifen. Karl und Mihel haben in meiner (deutschen) Aufstellung ja schon länger den Job als Panzerfahrer sicher, aber Ronald hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass er mal als OG Saladin in einem Halbkettenfahrzeug landen würde, und Sebb würde sich in einem Kübelwagen wohl ziemlich verloren vorkommen. Irgendwie ist es auch interessant, dass Frank einen deutschen Leutnant treffen wird, der nach ihm benannt ist… der auch noch einen höchst brisanten Job hat.

Ich schreibe danach einen weiteren Newsletter, sammele weitere Abschnitte des „Alpha Reports“ und gehe um 18:50 in den Fitnessraum. Ich habe sogar Wechselkleidung mitgebracht. Aber entgegen meiner Hoffnung kann man die Duschen der Turnhalle nicht benutzen. Das Material ist angerostet und der Boiler außer Funktion. Wasser läuft zwar, aber kalt duschen mochte ich noch nie.
Ich gehe alle Geräte zweimal durch, mit jeweils drei lockeren Wiederholungen, die wegen ihrer Anzahl anstrengend sein sollen, und nicht wegen dem Gewicht am anderen Ende des Zugseils. Immer die Hälfte des Machbaren. Ich teile den Raum mit zwei Japanern, die das wiederholen, was ich beim letzten Mal bereits beobachten konnte: Sie nehmen sich Gewichte vor, die sie gerade so und nur unter großen Mühen höchstens fünfmal stemmen können und fühlen sich danach wie die Könige. Ui, und einer zieht sogar sein Hemd aus. Ich lächle unauffällig in mich hinein. Seine Arme mögen (für einen Japaner) überdurchschnittlich sein, aber das, was dazwischenliegt, möchte ich mal als „Hühnerbrust“ bezeichnen. Unn die mache so gudd, die zwei! Ich muss mich arg konzentrieren, um angesichts ihrer Geräuschkulisse nicht in lautes Lachen auszubrechen. Wie Herkules mit Verstopfung auf dem Donnerbalken.

Um Acht verlasse ich die Halle wieder und fahre nach Hause. Melanie hat „Freddy Vs. Jason“ ausgeliehen und ich bin überrascht, dass mir der Film gefällt. Sehr klassische Horrorelemente, der Kampf der beiden Bösewichte ist interessant – und den Soundtrack will ich auch haben.


[1] Mandarin, um genau zu sein. Kantonesisch z.B. hat sechs Töne.

7. April 2024

Mittwoch, 07.04.2004 – Körperliche Ertüchtigung

Filed under: Filme,Japan,My Life,Sport,Uni — 42317 @ 7:00

Am Morgen trage ich mich im Center in die entsprechende Liste ein, um mich für den Placement Text anzumelden. Ich müsste das eigentlich nicht tun, aber ich bin neugierig, obwohl ich nicht damit rechne, eine Stufe zu steigen – ich habe die Ferien über mit Hochdruck an meinem Newsletter gearbeitet und die Freiheit genossen, mal wieder Romane zu lesen, die absolut nichts mit meinem Studium zu tun haben. Und ich habe das sehr genossen!
Als nächstes sehe ich auf einem der Rechner ein aufgeklebtes Hinweisschild, dass der Computer am 09. April gelöscht und neu installiert werde. Das ist doch was. Oh, aber es ist der Rechner, auf dem sich meine Fotos befinden, und der Neunte ist bereits übermorgen. Ich schreibe Misi sofort eine kurze Mail, in der ich ihn bitte, mir zur Rettung meiner Fotos seinen Memorystick zu leihen, und das so schnell wie überhaupt möglich.

Von Frank ist noch immer keine Post da, also gehe ich in den Computerraum und schreibe zwei Berichte, bis ich eine Antwort von Misi erhalte. Ich könne ihn den ganzen Tag über in der Bibliothek oder im Center antreffen. Ich schreibe den zweiten Bericht also fertig und mache mich auf den Weg ins Center, aber ich treffe ihn bereits an der Tür, und Melanie gleich dazu, die zufällig zur gleichen Zeit eingetroffen ist. Ich bekomme den Memorystick und verlege ins Center. Misi geht mit und erzählt mir auf dem Weg, dass es an der Universität hier einen kostenlos nutzbaren Fitnessraum gebe. Er wolle sich am Abend dort mit Irena und Alex treffen, der wieder aus Rumänien zurückgekehrt sei. Alex war es auch, der ihn auf die Möglichkeit hingewiesen hat. Ich bin interessiert. Dann solle ich ihn um 18:00 vor der Mensa treffen – aus der gegebenen Beschreibung kann ich die richtige Turnhalle nämlich nicht erkennen, weil die Turnhallen alle gleich aussehen. Anstatt mir das Gebäude zu beschreiben, hätte er vielleicht den Weg dorthin in seine Erläuterungen mit einbeziehen können.

Aber erst muss ich meine Daten von diesem ewig langsamen Rechner retten. Das Übertragen von Misis Daten auf den Computer dauert etwa sieben Minuten, das Löschen des Speichers nimmt etwa zwei Minuten in Anspruch, und dann sind für die Übertragung meiner Fotos auf den Speicher noch einmal sieben Minuten fällig. Es dauert… meine Daten müssen ja noch auf den anderen Rechner, der Speicher muss wieder gelöscht werden, um Platz für Misis temporär ausgelagerte Dateien zu machen, die ebenfalls wieder rauf müssen.

Ich bemerke eine Menge neuer Gesichter im Center, und die meisten davon sind asiatisch. Der Sprache nach zu urteilen, habe ich sieben oder acht neue Chinesen und vielleicht eine Koreanerin vor der Nase sitzen. Es sind auch zwei „westliche“ Menschen dabei – männlich und weiblich. Er sitzt an einem der Rechner und will eines der Chatprogramme zum Laufen kriegen, aber er hat ein Problem. Also kommt er damit zu mir, weil ich der einzige bin, der ihm nicht das Gefühl gibt, Japanisch sprechen zu müssen. Er fragt mich, ob ich des Englischen mächtig sei, und er spricht mit einem auffälligen amerikanischen Akzent. Er ist einen Kopf kleiner als ich… eher noch kleiner. Er will wissen, wie man die Tastatureingabe der Computer von Japanisch auf Englisch umschaltet, und ich zeige es ihm. Ich verzichte darauf, weitere Fragen zu stellen. Erstens will er ja chatten und zweitens bin ich selbst beschäftigt. Ich übertrage meine Bilder auf einen der Windows 98 Rechner. Das bedeutet, ich kann meine Bilder wirklich nur zwischenlagern, bis ich die Gelegenheit erhalte, sie auf einen XP-Rechner zu übertragen, weil die Windows 98 Rechner den nötigen Treiber für meine Kamera nicht haben und auch nicht akzeptieren. Also abwarten.

Danach gehe ich nach langer Zeit wieder in die Bibliothek. Die Stühle im Physikgebäude sind mir zu unbequem, und da Frank noch nicht geantwortet hat, besteht auch kein Anlass, einen „diskreten“ Computer zu verwenden. Ich schreibe zwei weitere Berichte und ein paar Einträge ins Forum.

Um 17:50 gehe ich zur Mensa. Ich will nicht mit nüchternem Magen Sport treiben und kaufe mir ein Reisbällchen. Und es wird das letzte sein, das ich hier kaufe. Die Dinger bröseln mir immer auseinander, sobald ich hineinbeiße.

Misi trifft um kurz nach Sechs ein, Irena zwei Minuten später. Wir gehen zu der fraglichen Sporthalle und treffen Alex. Da man im Inneren nur Turnschuhe tragen darf und ich keine besitze, leihe ich mir welche aus den Schuhfächern am Eingang.
Der Fitnessraum an sich sieht eigentlich schäbig aus. Die Geräte sind alt und zum Teil kaputt oder unbenutzbar. Eines kann ich hinbiegen, indem ich das Zugseil aus seiner Verklemmung befreie und wieder über die Laufrolle lege. Ich probiere alles mal aus und drehe dann eine Runde durch den Raum und dann noch eine, und dann ist es auch schon sieben Uhr. Irena hat sich um 18:30 bereits verabschiedet, der Raum ist ihr wohl zu männlich, und ich gebe ihr vollkommen Recht. Da ich allerdings selbst männlich bin, macht mir das weniger aus. Und wieder einmal erhalte ich die Gelegenheit, mit einem Japaner zu reden. Es handelt sich um einen der Fußballspieler, die gerade Training haben, in der Halle nebenan. Im Großen und Ganzen beantworte ich seine Fragen, ohne wirklich viel zu sagen.

Um kurz nach Sieben verlasse ich den Raum mit Misi und Alex, aber wir biegen in die Sporthalle ab, weil wir im Vorbeigehen ein Volleyball-Team erspähen – ein weibliches natürlich. Wir steigen also zur Empore der Halle hoch, wo gewöhnlich die TaeKwonDo Clubs trainieren und auch ein paar Tischtennisplatten herumstehen. Wir bearbeiten erst den Sandsack ein bisschen und leihen uns dann von den anwesenden, aber reichlich inaktiven Spielern zwei Schläger, um etwas Ping Pong zu spielen. Natürlich bin ich schlecht wie eh und je… ich würde lieber mal wieder Badminton spielen. Zwischendurch sehen wir den Volleyballerinnen beim Training zu. Einen Trainer gibt es nicht, man arbeitet nach dem Senioritätsprinzip – erfahrene Spielerinnen leiten die neuen an. Auffällig ist ebenfalls, dass jungen Damen alle ausnahmslos groß sind. Im Schnitt etwa 170 cm würde ich schätzen, plus/minus zehn Zentimeter, und das liegt deutlich über der von mir täglich beobachteten Durchschnittsgröße.[1]
Um 20:15 gehen wir dann endgültig. Misi und Alex wollen sich eine der Unterhaltungs-Sport-Sendungen ansehen, aber ich will nach Hause. Ich bin hungrig und das nicht zu knapp.

Ich sehe mir mit Melanie dann „Zatôichi“ an, mit Kitano „Beat“ Takeshi in der Hauptrolle. Er spielt einen anscheinend blinden Schwertkämpfer gegen Ende der Edo-Zeit (ein Revolver wird gezeigt, daher die Schätzung), der unter einem Yakuza-Clan aufräumt. Sehr blutig. Leider sind alle Bluteffekte am Computer gebastelt worden – und das würde noch nicht einmal auffallen, wenn die Schwertklingen in den durchbohrten Leibern der Gegner nicht eine solche Bewegungsfreiheit hätten. Hin und wieder gibt es auch Musikeinlagen, die überhaupt nicht in das Setting passen wollen – wie zum Beispiel die Stepptanznummer am Schluss, die den Charakter eines Musicals aufweist. Für sich allein ist das jedoch eine sehr interessante Nummer. Insgesamt handelt es sich um einen ansprechenden Film, der nicht nur Takeshi Fans gefallen dürfte. Wie es scheint, handelt es sich dabei um das Remake eines Schwarzweißfilms.


[1] Eine der Spielerinnen war eine Handbreit größer als ich. Leider gibt es kein Foto.

3. April 2024

Samstag, 03.04.2004 – Japaner Vs. Chat!

Filed under: Filme,Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Heute ist Samstag… aber „SailorMoon“ werden wir heute noch nicht ansehen.

Der Blick aus dem Fenster verrät mir, dass es wärmer ist als gestern. Der Schnee fließt in Form von Wasser literweise die Dächer herunter. Von einem möglichen Fahrspaß kann allerdings noch keine Rede sein.

Wir sehen uns die letzten drei Episoden von „Antique“ an, dann werfe ich einen tieferen Blick in das „Diablo Art Guide Book“. Das Wörtchen „Art“ im Titel hat das Werk allerdings nicht verdient. Die paar Verzierungen, die vorgenommen wurden, sind viel zu unauffällig, um das Gefühl eines „Art Books“ heraufbeschwören zu können. Des Weiteren scheint mir, dass die englischen Abschnitte des Buches aus unerfindlichen Gründen nicht vom Original entnommen wurden, sondern aus dem Englischen Spiel ins Japanische Spiel und für das Buch wieder ins Englische übersetzt worden sind. Da sind Fehler drin, die sich die Jungs beim Hersteller Blizzard garantiert nicht geleistet hätten. Außerdem sind Fehler dabei, die auffällig japanisch sind und gerade dann auffällig sind, wenn man etwas von japanischer Umschrift versteht. Ich will das nicht im Einzelnen aufzählen, aber Verwechslungen von „L“ und „R“ kommen immer wieder vor, und ein Begriff wie „Trainar“ (statt „Trainer“) lässt sich meiner Meinung nach auch nur durch einen japanischen Autor mit mangelnden Englischkenntnissen erklären. Die Beispielsätze im Abschnitt über „How to Chat“ (weil man ja auch online spielen und schriftlich mit anderen Spielern kommunizieren kann) sind zum Teil richtig peinlich – und das nicht einfach nur wegen mangelhafter Orthografie.
Wenn man neue Leute trifft (auch per Computer), dann ist es ja recht üblich, ein wenig Small Talk zu haben und sich kurz vorzustellen. Als erster Beispielssatz steht da:

„Hallo! Mein Name ist (…) und mein Hobby ist Zen-Meditation.“

Nächster Beispielsatz:

„Ich mag Kendo und Grünen Tee.“

(Die Hervorhebungen habe ich selbst hinzugefügt.) Ist das eine Art unterschwellige Propaganda? Soll man im Chat den „200-Prozent-Japaner“ raushängen lassen? Oder ist es tatsächlich das erste, was dem Verfasser eingefallen ist? Vielleicht will er seinen Kulturkreis aber auch auf die Schippe nehmen… ich will nichts ausschließen, aber diese Sätze sind einfach zu seltsam. Da lachen mich Klischees an. Aber am schönsten ist der Satz in Lektion Nummer Fünf, den man laut Autor an Leute schreiben soll, die unfair spielen. Da steht in etwa:

„Deine Art, DIABLO zu spielen, ist falsch. Seit sich die Rollenspiele von Papier und Bleistift mehr und mehr auf Medien wie den PC verlagern, basiert das Spielen weit mehr auf gegenseitiger Rücksichtnahme und Fairness. Dieser Grundgedanke spiegelt sich wider im japanischen Bushidô – dem Weg des Samurai, elegant und stark zu kämpfen. Es heißt, dass man am harmonischsten kämpfen könne, wenn man sich gegenseitig vertraut. Wenn Du also das ultimative Spiel genießen willst, solltest Du fair spielen – verstehst Du?“

Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie sich einige tausend Kilometer von dem Absender entfernt vor einem Bildschirm ein Mittelfinger in die Höhe streckt und der Raum von einem herzhaften Lachen erfüllt wird…

Andere Sätze wirken lustig, wenn man sie außerhalb des Kontextes betrachtet.

  • „Ich bin tot. Bitte hilf mir.“
  • „Wenn Du mich nicht wiederbelebst, bring’ ich Dich um!“

Oder was ist das hier?

  • „Ich bin ein Gentleman, aber ich spiele Tennis“
    oder:
  • „Mama, der da hat Hundekacke auf dem Kopf!“

Weder der englische, noch der ebenfalls vorhandene japanische Satz lässt irgendeine alternative Interpretation zu. Da steht genau das – ein Mann von guten Sitten zu sein, widerspricht einer Mitgliedschaft in einem Tennisclub.

Am Ende des Buches befindet sich, sehr interessant, eine Übersicht der „geistigen Wurzeln“ des Spiels (wobei „Der Herr der Ringe“ natürlich nicht ungenannt bleibt), inklusive verschiedener Rollenspiele seit Erfindung der Computergrafik. Meine Güte, Ultima II! Damals bestand „Grafik“ noch aus Text, Zahlen und simplen Linien zur Verdeutlichung der Umgebung! Auch moderne Spiele sind aufgeführt, von denen ich einige kenne, die aber mit dem vorliegenden Genre überhaupt nichts zu tun haben, wie z.B. der Flugsimulator „Ace Combat“. Auch „Civilization“ und „Master of Orion II“ werden genannt, die mit „Diablo“ wohl so viel zu tun haben wie Bier mit Rotwein.

Am Abend kann ich endlich den „Zorori“ von letzter Woche sehen, und danach kommt ein so genanntes Anime-Special mit „Atashin’chi“, „Crayon Shin-chan“ und „Bôbobo“. Abschließend sehen wir uns „Azumi“ an, was auch seit langem geplant war. Die Hauptrolle wird gespielt von Ueto Aya, die uns mit ihrer Erscheinung bereits in dem TV-Drama „Ace o nerae!“ beglückt hat. Vielleicht eher „mich“ als „uns“. J Wir sehen eine Gruppe junger Ninja (keiner über 20) beim Training, und alle sind die besten Freunde, wie es scheint.
Eines Tages, wohl am Ende der Ausbildung, tritt der Meister vor die Reihe und sagt:
„Ich gehe jetzt ins Haus und wenn ich in fünf Minuten wieder rauskomme, dann ist gefälligst nur noch die Hälfte von Euch am Leben!“ So was in der Art. Daraufhin beginnt ein kurzes, aber heftiges Schlachten mit viel spritzendem Blut und nach wenigen Minuten hat sich die Zahl der Freunde halbiert. Der Rest der Truppe zieht daraufhin los, darunter Azumi, das einzige Mädchen.

Es scheint, dass der Auftrag lautet, irgendein Ereignis zu rächen, das dem Meister auf der Seele liegt. Der Feind, das sind Anhänger des Hauses Toyotomi, die Widersacher des Hauses Tokugawa, das die Würde des Shôgun-Amtes nach der Schlacht von Sekigahara an sich gerissen hat. Und der Boss der bösen Buben wird von Takenaka Naoto („Lion Sensei“) gespielt, der mir in einer bösen Rolle irgendwie seltsam vorkommt.
Und es kommt, was kommen muss: Von den jungen Ninja fällt einer nach dem anderen einem gewaltsamen Tod anheim, bis am Ende nur noch Azumi übrig ist. Und dann beginnt das große Schlachten. Die Bösen haben ein ganzes Dorf voll mit schweren Jungs angeheuert, um die eigenen Truppen zu verstärken und haben in dem befestigten Dorf ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Es gelingt ihnen, den Sensei der Ninja zu fangen. Er wird in der Ortsmitte an einem Kreuz aufgehängt. Azumi überwältigt daraufhin zwei Wachen, dreht die dort aufgestellte Kanone zum Dorfeingang um und sprengt das Tor in die Luft. Selbstsicher und nahezu unverwundbar wie anno dazumal John J. Rambo marschiert sie durch das Lager und lässt wahre Leichenberge hinter sich. Der effektivste und völlig durchgeknallte Lohnkiller der Toyotomi ist in seinem Element, schwelgt im Blutrausch und tötet alle, die seinen Weg kreuzen, während die Fußtruppen auch skrupellos auf ihre eigenen Söldner schießen, um Azumi zu erwischen, worauf die Söldner „ihren Vertrag fristlos kündigen“ und sich ebenfalls eine Schlacht mit den Soldaten liefern. Ein ganz irres Gemetzel… und Ueto Aya (Jahrgang 1988, möchte ich erinnern) macht dabei eine deutlich bessere Figur als auf dem Tennisplatz. Sie liegt weitaus seltener auf dem Boden herum. Ich bin noch nicht ganz sicher, ob ich den Film gut finden soll – schlecht würde ich ihn nicht nennen (wenn man dem Geschilderten was abgewinnen kann).

22. März 2024

Montag, 22.03.2004 – Wie learnt’s ma a richtig’s Action English?

Filed under: Bücher,Japan,Manga/Anime,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Um kurz nach Eins bin ich im Rechenzentrum, aber ich stelle schnell fest, dass nichts geht. Die Verbindung zum Internet ist nicht existent. Das heißt, nach drei Minuten ist die GMX Startseite zwar aufgebaut, aber nach fünf weiteren Minuten mache ich das Explorerfenster zu, weil ich nicht ewig warten will, bis mein Login bestätigt ist. Ich beschäftige mich also offline mit dem Schreiben meiner Berichte. Versenden kann ich sie auch später noch. Ich schreibe über den Zeitraum vom 10. bis zum 14.02., aber mit dem letzten Werk werde ich nicht mehr fertig, weil das Gebäude ab heute (bis zum 05. April) bereits ab 17:00 schließt. Der Wachmann macht mich darauf aufmerksam. Ich habe den Aushang zwar gelesen und verstanden, aber wieder vergessen. Das ist ja ganz toll. Mir gehen also pro Tag drei bis vier Stunden Zeit zum Schreiben verloren. Die könnte ich mit Lesen füllen – mir scheint, ich werde noch mehr Bücher kaufen müssen, sollte mein derzeitiger Stapel nicht reichen.

Aber der Tag ist noch jung. Ich fahre ins Book Off, um die bestellten CDs von Kuraki Mai zu kaufen. Für mich selbst finde ich zumindest nichts von dem, was ich suche. Dafür finde ich andere Sachen. Da wäre zum Beispiel eine Lösungshilfe für „Diablo“ von 1997. Kostenpunkt: 105 Yen = 80 Cent. Ich blättere das Heft schnell durch und finde genügend Informationen, die zumindest nicht uninteressant sind. Da sind Tabellen mit den Werten der Gegner, Waffen, Tränke und Zauber, Charakterbeschreibungen, und alle Dialog- und Buchtexte aus dem Spiel, in Englisch und Japanisch. Das ist für mich das Beste daran, weil ich schon vor langer Zeit geplant hatte, diese (englischen) Sprachsequenzen mal auf Band aufzunehmen, weil es sich ganz einfach cool anhört. Ich bin aber leider nie dazu gekommen… und leider habe ich auch nur eine Playstation Version… von der PC Version kann man bestimmt die einzelnen Dateien auf eine CD brennen. Ich warte ab. Interessant in dem Heft ist auch ein Kapitel mit „Dialoganweisungen“ für japanische Spieler, die online mit anderen Spielern in aller Welt kommunizieren wollen oder müssen. Beim Durchblättern fällt mir zum Beispiel ein kurzes Verzeichnis der gängigen Abkürzungen für Chat-Kommunikation auf.

Des Weiteren kaufe ich das „Eve“ Artbook von „Shin Seiki Evangelion“ für 315 Yen, zum Verkauf. Ich habe bereits eine eigene Ausgabe. Warum ich das „Adam“ Artbook dann nicht auch gleich gekauft habe, ist mir im Nachhinein nicht klar.
Ich finde auch zwei Spielhilfen für „Bust a Groove“, aber ich finde keinen Sinn darin, mir eine Hilfe für ein Spiel zu kaufen, das ich mit links durchspiele und dessen versteckte Charaktere mit gänzlich bekannt sind.

Nach Anbruch der Dunkelheit mache ich mich auf den Heimweg und gehe in den Beny Mart, weil ich was zu trinken brauche. Aber Boco ist ausverkauft. Oder aus dem Angebot gestrichen worden – an der üblichen Stelle befindet sich ein Getränk (ebenfalls von Coca Cola Japan) mit dem Namen „Tadas“, das zwar die gleiche, trüb-weiße Farbe aufweist, aber nach Apfel schmeckt, und das nicht besonders gut. Wenn es kein Boco mehr gibt, dann steige ich kurzerhand auf Aquarius um, weil es mir ebenfalls schmeckt, aber nur genauso viel kostet wie Boco. Wenn ich bedenke… in Deutschland würde ich niemals nie auf die Idee kommen, Aquarius zu trinken – das ist viel zu teuer! Vor allem, weil ich mehr als zwei Liter am Tag brauche. Und wenn ich schon mal hier bin… ich brauche eine neue Packung Fleischstreifen für mein Frühstück, und Ketchup (als Gewürz) für die dazugehörige Soße.

Wieder zuhause, sehe ich „Mujin Wakusei Survive!“ und bewundere die Idee der Drehbuchschreiber, auf einer offensichtlich tropischen Insel Winter mit Schnee einkehren zu lassen. Offenbar herrschen auf anderen Planeten zwangsläufig ganz andere Gesetze der Botanik. Aber auch die Zoologie folgt dort ihren eigenen Bahnen… da existiert auch ein riesiges, elefantenähnliches Vieh, das beim Spazieren durch den Urwald grundsätzlich eine Schneise von umgeknickten Bäumen hinterlässt – warum stehen da überhaupt noch intakte Bäume? Außerdem gibt es davon bislang nur ein Exemplar – es gibt bestimmt ein tolles Fremdwort für „selbstbefruchtend“, aber das fällt mir nicht ein. Man setze ein Fragezeichen dahinter.[1]

Später läuft eine Englisch-Lernsendung mit Shaku Yumiko (die Hauptdarstellerin aus „Sky High“), und allein deshalb sind wir auf die Idee gekommen, die Show anzusehen. Heute werden Leute gefragt, wie man am effektivsten Englisch lernen könne. Man beachte die Auswahl:
Arnold Schwarzenegger empfiehlt, viel zu lesen und viele Filme in englischer Sprache anzusehen. Regelmäßiges Nachschlagen von Vokabeln erweitere zwangsläufig den Wortschatz.
Sylvester Stallone sagt, man solle am besten mit Singen beginnen. Keine Popsongs, sondern Kinderreime, die exakt diesen Zweck erfüllen: Der Sprechapparat gewöhnt sich so, aufbauend auf einer sehr einfachen Basis, an die Sprachlaute und man trainiert auf diese Art und Weise die Artikulation.
Jackie Chan sagt, man solle viel reden, also mit Leuten kommunizieren, so könne man sich stückweise verbessern, weil auch jemand da sei, der korrigierend eingreifen könne. Er sagt weiterhin, dass er in seinen Filmen zwar versuche, betont deutlich zu sprechen, dass er aber sonst am Set einfach „Jackie-Chan-Englisch“ rede – womit die Chinatown-Variante wohl einen Namen bekommen hätte.
Ich verstehe, dass man Arnold und Jackie (als Ausländer) gefragt hat – aber Stallone? Dann doch eher Prochnow. Aber immerhin kann man gut fahren, indem man die vorgestellten Methoden kombiniert.
Und weil es mir noch nicht spät genug ist, beginne ich mit dem vierten (und letzten verfügbaren) „Erdsee“ Roman.


[1] Wie man später herausfinden kann, handelt es sich bei dem Kälteeinbruch um eine Fehlfunktion der Terraformungsanlage, und es gibt auch noch eine kleine Herde dieser „Elefanten“. Das Einzeltier hatte sich nur verlaufen und den Rückweg nicht mehr gefunden.

21. März 2024

Sonntag, 21.03.2004 – Nitabô

Filed under: Japan,Manga/Anime,Musik,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Ich stehe um Zehn auf und lese „Erdsee“. Um 14:00 mache ich mich mit Melanie auf den Weg ins Daiei. In der dortigen Gemeinschaftshalle wird um 15:10 der Film „Nitabô“ gezeigt. Der Anime handelt von einem Shamisen-Meister im 19. Jahrhundert; ich wollte ihn unbedingt sehen und heute ist der letzte Tag.

Wir sind um 14:30 an Ort und Stelle und haben noch ein bisschen Zeit, die wir in der Spieleabteilung verbringen. Melanie spielt ein Spiel, bei dem man auf einer Art Heimtrainer sitzt und mit den Pedalen den Propeller des Fluggerätes antreibt, das man vor sich auf dem Bildschirm sehen kann. Aufgabe des Spielers ist es, riesige Luftballons durch Berührung zum Platzen zu bringen, und natürlich arbeitet man dabei gegen die Zeit. Zwei Mädchen, um die 13 vielleicht, sitzen daneben (sie warten darauf, dass ihre Purikura Fotos ausgedruckt werden) und amüsieren sich darüber. Ihren Kommentaren entnehme ich, dass sie dieses Spiel gerne gespielt haben.

Die Tretmühle

Ich habe Hunger, also gehen wir noch in den Supermarkt im Keller und ich kaufe ein Paket Sandwichbrot.

Es wird schließlich Zeit und wir gehen zur Gemeinschaftshalle. 1300 Yen soll eine Karte kosten. Vorbestellung wäre billiger gewesen. Hier befinden sich vornehmlich Leute über 40 und die Kinder, die mitgebracht wurden, aber wen wundert das? Für die Altersgruppe dazwischen ist Shamisenmusik wahrscheinlich viel zu uncool. Ha, die wissen nicht, was sie verpassen! Ich krame den Geldbeutel heraus. Alle anderen Leute scheinen bereits eine Karte zu haben, also greife ich einen der „Platzanweiser“ heraus und frage ihn, wie wir an eine Karte kämen. Er weist uns zu einem Tisch am Eingang. Er nimmt zwei Karten aus dem Abreißblock und sagt: „Für Sie beide zusammen nur 2000 Yen – ein kleiner Service.“ Oha, dann umso lieber. Da sagen wir nicht nein und bedanken uns dafür.
Daijô-san, der die Biografie geschrieben hat, auf der der Film beruht, ist ebenfalls da und erläutert die Handlung kurz. Ein Mitarbeiter der Produktionsfirma sagt ebenfalls ein paar Worte und dankt allen Beteiligten. Ich hätte etwas solches für die Premiere erwartet, aber nicht für die letzte Vorstellung. Mir gefällt die Idee, obwohl ich vielleicht 10 % von dem verstanden habe, was die beiden Herren tatsächlich gesagt haben.

Eine Vorführung dieser Art bleibt natürlich nicht ohne Begegnungen. Zuerst wäre da eine der Familien aus dem „Happy Hippo Club“, genauer die Familie mit den niedlichen Zwillingstöchtern, denen ich die Bezeichnung „otokorashii Dominik“ zu verdanken habe. Die beiden Mädchen kichern, als ich winke. Mikami weist mich bei der Gelegenheit darauf hin, wer noch hier erscheinen wird, aber das dauert noch ein paar Minuten. Zunächst erscheint eine Dame auf dem Stuhl neben mir, die mich auf Englisch anspricht. Sie will mit dem Reden auch gar nicht mehr aufhören, scheint mir, bis sie mir eröffnet, dass sie mich kenne, bzw. mich bereits getroffen habe. Aha? Ich grübele, aber mein Gedächtnis für Gesichter ist schlecht wie eh und je. Ja, sie sei die Lehrerin von der Seiai Oberschule gewesen, die ich damals (am „Judgment Day“) gebeten habe, ein Gruppenfoto der Juroren zu machen (aus dem leider nichts wurde, weil die verdammte Kamera voll war). Dann erst fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich entschuldige mich für mein schwaches Gedächtnis. Schließlich klopft mir die von Mikami angekündigte Yûmiko auf die Schulter. Sie ist mit ihrer Mutter Eiko hier. Ich bin angenehm überrascht, wenn ich das angesichts der Ankündigung noch so sagen kann.

Oh… und der Film ist gut. Vor allem gefällt mir der Soundtrack und Shamisenmusik allgemein gefällt mir immer besser. Tsugaru Shamisen, um genau zu sein – HiroDai verpflichtet. Ich bin sicher, dass auch Oliver was daran haben könnte, und sei es von einem rein spieltechnischen Standpunkt aus betrachtet.
Die grafische Qualität ist hervorragend, die Geschichte wird in sehr schönen Bildern erzählt, die nach meinem Empfinden einer Ghibli-Produktion durchaus das Wasser reichen kann. Die Handlung ist auch nicht das, was man „Main Stream“ nennen könnte – es geht um einen blinden Musiker, da ist nicht viel Action zu erwarten. Zuletzt sprechen die dargestellten Personen ein sehr klares, deutliches Japanisch und man versteht sie sehr gut. Zumindest habe ich von den Dialogen deutlich mehr verstanden, als von dem, was die zwei Kommentatoren vor Beginn des Films erläutert haben. Mit anderen Worten: Ich will den Film haben.

Gleich nach der Vorführung kommt Jin Eiko zu mir und fragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen ein kleines Konzert zu besuchen, an dem auch Yûtarô mitwirke. Ich überlege zuerst, ob ich das Angebot annehmen soll oder nicht, aber dann frage ich mich, ob ich denn bescheuert sei – was gibt es da zu überlegen? Ja, wir sind dabei. Wir haben wirklich nichts Besseres vor. Unsere Fahrräder sollen wir einfach am Haus der Familie abstellen, von da aus würden wir dann mit dem Auto mitgenommen. Genau das machen wir und erhalten jeder ein Crèpe aus eigener Produktion mit Vanilleeisfüllung als „Reiseproviant“. Besten Dank. Sogar ich muss zugeben, dass das Produkt gut ist. Mein Vater allerdings hätte mich wohl in den Kofferraum gesperrt, wenn ich je versucht hätte, in seinem Auto ein Eis zu essen.

Wir gehen in die Halle, wo Essen verboten ist, also wende ich das „englische Transportverfahren“ auf mein verbliebenes Brot an – ich stopfe es unter meine Jacke.[1] Zur großen Belustigung von Jin Eiko. Wir verpassen nur die ersten Minuten. Es handelt sich auch nicht wirklich um ein „homogenes“ Konzert, sondern um eine Veranstaltung, in der mehrere Gruppen auftreten. Alles Kinder bis 14 Jahre, und gespielt wird auf Keyboards des Sponsors – Yamaha. Gespielt wird unter anderem „Unter dem Meer“ aus dem Disneyfilm „Arielle“, die Star Wars Symphonie (Episode IV), Titel von SMAP, und und und. Das Alter der Interpreten steigt im Laufe der Vorstellung, das heißt, Yûtarô und seine Gruppe spielen als letzte. Und ganz am Ende dürfen alle gemeinsam zur Freude der Eltern noch was singen. Ich beglückwünsche Yûtarô zu seiner Leistung und frage ihn, wie er sich fühle. Er sagt, er habe noch ganz heftiges Herzklopfen.

Und weil der frühe Abend so schön ist, werden wir auch noch zum Essen eingeladen. Wir essen in einem traditionell eingerichteten Haus – ohne Stühle. Als Vorspeise bekommen wir Tempura und frittierte Garnelenschwänze, danach gibt es Sushi, eine Platte für jeden, von denen ich allerdings drei esse, weil Jin Eiko ja bekanntlich auf Grund ihrer Familienvorgeschichte keinen Fisch mehr sehen kann und Melanie bereits satt ist. Das Hauptgericht sind Soba Nudeln, kalt. Zum Nachtisch gibt es Eis – und zwar Soba Eis! Es schmeckt irgendwie auf sanfte Art und Weise nach Nuss.

Wir mit Familie Jin inklusive Großeltern

Um kurz nach Neun fahren wir zum Haus der Familie Jin zurück und von dort aus mit dem Fahrrad nach Hause, trotz des mehrfachen Angebots, mit dem Auto nach Hause gefahren zu werden. Aber es ist ja nun wirklich nicht kalt und wir sind schon des Öfteren nach Anbruch der Dunkelheit unterwegs gewesen. Ich werde morgen eine Mail schreiben, in der ich mich ausführlich bedanken kann.

Zuhause sehen wir noch „Tetsuwan Dash“, eine der Shows der Band TOKIO. Und die haben heute niemand geringeren als Jackie Chan zu Gast. Und das nicht zum ersten Mal, wie ich aus den Gesprächen entnehmen kann. Nebenbei sei erwähnt, dass Jackie Chan in Japan einen größeren Volksauflauf von Autogrammjägern verursacht als die einheimische Band TOKIO, deren Gesichter in Japan doch auch jeder kennt. TOKIO fährt hier natürlich keine gesittete Talkshow – hier wird ein Wettkampf veranstaltet. Aufgabe ist es, ein Souvenir aus Hakone zu besorgen – jeder ein anderes – und an einen vorher festgelegten Ort zu bringen. Mit maximal 3000 Schritten.[2] Dazu erhalten alle Teilnehmer einen Schrittzähler. Jedes öffentliche (!) Fortbewegungsmittel ist erlaubt, mit Ausnahme eines Taxis. Das heißt, die Jungs müssen erst einmal nach Hakone kommen und dort ihr Souvenir finden, indem sie Leute fragen. Um die Beschränkung der Schrittzahl weniger hart zu machen, erhält jeder einen Hartschalenkoffer mit Rädern.
Matsuoka hat das Souvenir als erster besorgt, aber er scheitert 2,5 m vor dem Ziel. Jackie kommt als dritter an, aber auch er hat 7,5 m vor der Ziellinie seinen letzten Schritt verbraucht. Jetzt würde ich natürlich gerne den Namen des Siegers nennen, aber ich habe ihn mir nicht gemerkt.

Danach sehe ich noch „Pretty Cure“ und „Zorori“ an, und ich stelle heute den endgültigen Anachronismus jener Welt fest – da gibt es nämlich Automobile und mit Motoren betriebene Luxusliner. Über den mechanischen Drachen der ersten Episode habe ich „hinweggesehen“ und dachte, die moderne Technik sei aus rein humoristischen Gründen eingefügt worden, aber jetzt, wo die damals entführte Prinzessin und ihr Prinz mit einem Chevrolet Cabrio in die Flitterwochen fahren, muss ich die Lage wohl anerkennen. Was nicht heißt, dass ich mir das nicht weiter ansehen werde… Zorori ist immer noch lustig.


[1] Die Bezeichnung geht auf meinen ersten Englandausflug im Schulrahmen anno 1991 zurück. Ohne Rucksack war ich gezwungen, mir gegebene Lunchpakete in meine Jacke zu stopfen. Da viele meiner MitschülerInnen diese Lunchpakete abscheulich fanden, hatte ich immer ein halbes Dutzend davon auf diese Art und Weise bei mir, um sie im Laufe des jeweiligen Tagesausflugs zu verzehren.

[2] Hakone liegt über 80 km südöstlich vom Stadtzentrum von Tokyo entfernt.

16. März 2024

Dienstag, 16.03.2004 – Alive

Filed under: Filme,Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Ich stehe um 09:00 auf und gehe gleich in den Computerraum. Ich einige mich mit Frank über die Parameter unseres Gefechtes und wir werden die Karte „Urban Combat“ als Nachtgefecht spielen. Sie beruht auf einem Entwurf von Karl, aber der war mir damals nicht „städtisch“ genug und ich habe das Stadtgebiet gegenüber dem „ländlichen“ Teil der Karte deutlich erweitert. Ich bereite die Karte vor und stelle 3000 deutsche gegen 4500 alliierte Punkte auf.[1]
Ich schicke Frank daraufhin den Rohentwurf der Karte (auf dem sich nur seine Truppen befinden), damit er sich mit Truppen und Gelände vertraut machen kann. Änderungsvorschläge sind ebenfalls willkommen, und Unklarheiten sollten wir schon irgendwie ausbügeln können.
Dann passiert den Tag über nichts Spannendes mehr.

Am Abend sehen wir uns einen weiteren Film von Kitamura Ryûhei an. Das ist der Regisseur hinter „Versus“ – für diejenigen, die mit dem Titel was anfangen können. Dieser Film heißt „Alive“, und die Besetzungsliste zeigt dem aufmerksamen Leser die Namen Sakaguchi Tak und Sakaki Hideo – die beiden Hauptdarsteller aus „Versus“. Dann möchte ich vermuten, dass der Film zumindest nicht in die Kategorie „schlecht“ fallen sollte.
Man sieht zu Beginn einen Mann (Sakaki), angeschnallt auf einem Konstrukt sitzen, das ich für einen leicht futuristisch anmutenden elektrischen Stuhl halten würde. Und der Strom wird einige Sekunden lang eingeschaltet, der Gefangene wird geschüttelt, der Strom wird abgeschaltet und dann erklärt eine Art Offizier dem Gefangenen, dass er tot sei. Was er offensichtlich nicht ist. Er ist quicklebendig und wird mit einem anderen Gefangenen in eine geräumige Zelle gesperrt. Sie erhalten alles, was sie wünschen, mit Ausnahme von Freiheit und Waffen, also Kleidung, Nahrung, sogar Spielzeug. Man erhält schnell den Eindruck, dass die beiden so untergebracht wurden, damit über kurz oder lang einer den anderen tötet. Man findet auch heraus, dass der Protagonist im Knast sitzt, weil er drei Männer getötet hat, die seine Freundin vergewaltigt haben. Trotz (oder wegen?) der geübten Rache erhängte sie sich, und daran hat er nun zu knabbern. Nachdem sein Zellengenosse also irgendwann hat dran glauben müssen, macht er ein Kommandoteam nieder und tritt am Ende gegen eine Art Mutanten an – gespielt von Sakaguchi Tak.

Alles in allem sehen wir hier wieder eine lebhafte Choreografie, wie schon in „Versus“, nur mit mehr auffälligen Computereffekten – zu meinem Bedauern. Der Film hat wirklich sehr coole Elemente und interessant anzusehende Kämpfe, aber er ist auch irgendwie langweilig… er zieht sich zeitweise wie Kaugummi. Eine Verkürzung der Handlung auf 60 Minuten hätte der Geschwindigkeit gut getan, aber ich schätze, dass Kitamura auch irgendwie zeigen wollte, dass die beiden Gefangenen eine ganze Weile miteinander verbringen und sich langweilen. Als Kurzgeschichte (es gibt einen Manga, soweit ich weiß) macht sich das Material bestimmt gut, aber als 90 Minuten Film… ich weiß nicht.


[1]   Der Angreifer erhält grundsätzlich 50% Vorteil

15. März 2024

Montag, 15.03.2004 – Ein weiterer Schauplatz…

Filed under: Japan,Musik,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Ich gehe recht früh ins Center, aber da findet sich nichts von Interesse, also gehe ich in den Computerraum. Ich bastele an ein paar Schlachtkarten herum, probiere ein paar Spielzüge, schreibe meine Post und ein paar Einträge ins Animetric Forum. Misi kommt um 17:00 ebenfalls herein und will mehr über die Combat Mission Option „Schnelles Gefecht“ wissen. Das ist schnell erklärt; das Komplizierteste daran ist ja eine für ihn verständliche Übersetzung der anwählbaren Optionen.
Derweil vereinbare ich mit Frank, ebenfalls eine Schlacht per E-Mail zu spielen, mit After Action Report. Ich will unbedingt auch mal so was schreiben. Vorerst muss ich aber nur die grundlegenden Parameter wissen, also ob er Stadt, Dorf oder Land spielen möchte.
Ich schaue noch schnell bei E-Bay vorbei. Ich habe die beiden überzähligen SailorMoon Figuren zum Verkauf eingestellt, aber bis zum Ende sind es nur noch 23 Stunden und Gebote gibt es keine.

Abends kann ich endlich die SailorMoon Episode vom Samstag sehen.
Minako ist im Krankenhaus und ihr Kopf wird durchleuchtet, worauf der Arzt etwas zur Krankenschwester sagt, was sich gar nicht gut anhört. Verstanden habe ich kaum kein Wort… aber „noch ein halbes Jahr“ hört sich sehr verdächtig an. Wer mehr über diesen Umstand wissen will, muss die Untertitel der Downloadversion oder die Zusammenfassung auf Genvid.com lesen. Minako gibt dennoch kleine Konzerte für die Kinder im Krankenhaus, und weil Rei gerade da ist, stellt sie diese als „Mars Reiko“ vor und sagt an, dass „Reiko“ bei nächster Gelegenheit singen werde. Rei findet das gar nicht toll – tut es aber trotzdem; wohl, um die erwartungsvollen Kinder nicht zu enttäuschen.

Rei muss also irgendwas einüben und geht dazu ins Crown Karaoke, aber sie kommt scheinbar mit der Anlage nicht klar (weil sie Karaoke ja nicht ausstehen kann, wie sie dann und wann betont) und bittet Usagi um Hilfe. Das wird erledigt und siehe da: Kitagawa Keiko kann singen! Auf jeden Fall kann sie das besser, als Sawai Miyû das in ihrer Rolle als völlig unbegabte Usagi macht. Und was sie singt, klingt auch besser als das nichts sagende „C’est la Vie“, das Komatsu Ayaka (= Minako) zum Besten gibt. Immerhin scheint es, dass die Sängerin Minako noch zumindest zwei andere Songs als „C’est la Vie“ hat – was schon mal ein Lied mehr wäre, als die „Three Lights“ zu Stande gebracht haben.

Wie bereits erwähnt, ist Zoisyte wieder da und spielt munter weiter Klavier. Aber neuerdings spielt er keine „Chaos Symphonien“ mehr, sondern als solche erkennbare, vernünftige Musik. Außerdem nennt er Mamoru weiterhin „Master (Endymion)“. Man kann sicher sein, dass er nicht mehr für Beryll arbeitet. Andererseits muss ich mich fragen, ob er das jemals getan hat. Der schien von Anfang an ein eigenes Süppchen zu kochen.
Zuletzt greift Nephlyte Mond und Venus im Krankenhaus an und ich bin erleichtert, dass die übertriebene Venus-Verwandlungssequenz diesmal abgekürzt wurde. Mond und Venus werden mit einem glibberigen Zeug auf dem Boden festgeklebt und es sieht schlecht aus, aber Mars ist plötzlich da und pustet Nephlyte mit einem Feuerball weg. Als ob die beiden Fußfreiheit bräuchten, um sich zu wehren… wir haben ja bereits gesehen, dass Venus nur mit dem Finger auf jemanden zu zeigen braucht, um ihn über die Klinge hüpfen zu lassen.

Nephlyte schafft es zurück zur Basis, aber er scheint nicht mehr so ganz bei sich zu sein. Und dann wird er zu seinem Unglück auch noch von EvilMerkur „verspottet“! Zumindest fasst er ihre Aussageabsicht, dass sie sicher was für ihn tun könne, so auf. Sie wendet sich zum Gehen. Dann hat er – woher auch immer – einen Stab in der Hand, an dessen Ende ein Kreissägeblatt reichlich unrealistische Geräusche macht, und greift sie hinterrücks an!
Was daraus wird, erfahre ich Ende der Woche. Es wird nicht viel werden, so viel ist sicher.

13. März 2024

Samstag, 13.03.2004 – GTD?

Filed under: Arbeitswelt,Bücher,Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Ich stehe um 08:00 auf, um Vokabeln für den heute geplanten Unterricht durchzugehen und zu übersetzen, damit ich die Beispielsätze auch erklären kann. Ich höre auch die Lehrkassette an. Ich finde kein großes Problem dabei und mache mich um 12:00 auf den Weg, um viel Zeit für Eventualitäten zu haben.

Um 12:30 bin ich im Ito Yôkadô. Ich habe noch dreißig Minuten Zeit und die verbringe ich in der CD Abteilung. Wenn ich schon mal da bin, kaufe ich die „Ace wo nerae!“ Single und den „Doraemon“ Soundtrack „Yumebiyori“ von Shimatani Hitomi. Ich finde auch zwei CDs, die mich interessieren könnten, und frage, ob man sie zur Probe anhören könne. Daraufhin fummelt der Angestellte an dem Computer an der Kasse herum und eröffnet mir knapp eine Minute später, dass von diesen Künstlern keine Samples gespeichert seien. Ich bin jetzt nicht ganz sicher, was für Rückschlüsse das auf das hier verwendete System zulässt, aber unpraktisch ist es auf jeden Fall. In Tokyo stand ein Terminal herum, in dem man aus Hunderten von CDs wählen konnte. Aber… wir sind hier ja auf dem Land. Vielleicht bringe ich das nächste Mal den Diskman mit und frage, ob es auf diese Weise möglich wäre, CDs zu hören, bevor man sich blind zum Kauf entschließt. Die Soundtracks bekannter Anime kann ich per E-Bay losschlagen, aber wenn es sich um Musik außerhalb des Mainstreams handelt, kann ich das vergessen.

Ich gehe um 12:55 zum Unterricht. Meine Teilnehmer sind zwei Damen Mitte 40 (Namuri und Sasaki) und zwei Herren. Yamagata ist etwa dreißig und Ozaki um die sechzig – und nicht arm, wie man aus dem Anzug schließen könnte. Es stellt sich außerdem heraus, dass Yamagata nicht auf der Anwesenheitsliste steht, weil er zum ersten Mal hier ist und dass Namuri ausgebildete Englischlehrerin ist. Aha… ich kehre meine Frage unter den Tisch, bleibe stumm und demonstriere angenehme Überraschung.
Und es läuft auch alles ganz wunderbar. Natürlich sind auch diese Japaner wenig einfallsreich, was ihre Beispielsätze betrifft (sie lesen ab, was im Buch steht und tauschen ein oder zwei Worte aus), und Rückfragen werden auch nicht gestellt, obwohl ich spüre, dass es notwendig wäre. Ich versuche also, eventuellen Fragen durch Anmerkungen im Vorfeld bereits zu begegnen. Yamagata-san fragt immerhin, warum ich zwei Uhren trage. Des Weiteren waren meine Bemühungen umsonst, mir die Erklärungen der grammatikalischen Umstände der indirekten Rede auf Japanisch zurecht zu legen. Man bittet mich kurzerhand, ausschließlich Englisch zu reden. Nun gut, das ist eigentlich auch am sinnvollsten.

Um 14:20 ist der Unterricht vorbei und ich hoffe, dem Thema auch gerecht geworden zu sein. Natürlich hat es wenig Sinn, die Kursteilnehmer nach ihrer Meinung zu fragen… die würden darin aufgehen, meinen Unterricht und mein Japanisch zu loben, selbst wenn ihnen etwas missfallen hätte. Japan ist halt Japan.
Yamagata-san fährt mit mir im Aufzug nach unten und wir unterhalten uns kurz über die Notwendigkeit von Englischkursen und ich komme nicht umhin, anzumerken, dass mir das weitgehend auf Auswendiglernen von Grammatik beruhende japanische Lehrsystem nicht gefalle, weil es den Schülern jeden Spaß an einer Fremdsprache nimmt. Er bedankt sich zuletzt für den Unterricht und meint, dass er weiterhin kommen werde.

Ich bleibe aber noch ein wenig im Kaufhaus und komme über kurz oder lang auch wieder an dem „Ashita no Joe“ Boxautomaten vorbei, den ich vor einiger Zeit einmal beschrieben habe. Im Moment steht ein Japaner davor, noch ein Stück davon entfernt, Zwanzig zu sein, knapp 170 cm groß, mit recht normalem Körperbau – also eher mager. Er wirft 100 Yen in den Automaten und landet seinen ersten Schlag – 170 kg. Ja, das kann ich auch, aber entgegen seinem Äußeren scheint er recht kräftig zu sein. Der zweite Schlag: 180 kg. Was denn? Er steigert sich um 10 kg und schlägt meinen eigenen Rekord um drei Kilogramm? Dass man sich beim zweiten Schlag steigert, ist allerdings nichts Ungewöhnliches. Dennoch bin ich geplättet. Der dritte Schlag: 205 kg. Der packt beim dritten Schlag noch mal einen halben Zentner drauf? Schafft dreißig Kilo mehr als ich? Wie geht denn das? Zum Glück hat er nicht gesehen, wie mir die Kinnlade auf den Boden gefallen ist. Ich glaube immer noch nicht so ganz, was ich da gesehen habe, als ich das Kaufhaus wieder verlasse.

Am Abend beginne ich, die „Erdsee“ Quatrologie von Ursula Le Guin zu lesen. Die Werbung verspricht „ein Epos vom Weltrang eines Herrn der Ringe“, deshalb habe ich zu lesen begonnen. Nicht, weil ich geneigt wäre, dieser Aussage Glauben zu schenken, eher aus gegenteiligen Gründen. Ich merke schon bald, dass „Erdsee“ in diese Liga so schnell nicht aufsteigen wird – dafür fehlt eine gehörige Portion Handlung und auch „die große Aufgabe“, wie ich es mal nennen will. „Erdsee“ schildert das Leben des Magiers Ged, wie er vom magisch begabten, halbwüchsigen Ziegenhüter zum Erzmagier wird. In dieser Welt gibt es zwar Drachen, ansonsten aber nur zwei Sorten von Menschen: Schwarze und Weiße. Die Schwarzen sind Gelehrte, Kaufleute und allgemein potentielle Magier, die Weißen sind tendenziell ein Kriegervolk, in dem Lesen und Schreiben als Schwarze Kunst betrachtet wird und das in hübscher Regelmäßigkeit fremde Küsten auf der Suche nach Schätzen und Sklaven heimsucht.
Das heißt allerdings nicht, dass es unter den Schwarzen nur fromme Lämmer gäbe, auch unter denen gibt es Piraten, und auch unter den Weißen gibt es magisch begabte Personen. Eine Gut-Böse Polarisation hätte ich nicht gutheißen können. Die beiden Rassen teilen sich zwar in mehrere kleine Völker untereinander auf, aber im Großen und Ganzen gibt es eben nur zwei Machtblöcke. Wenn man sich erst einmal an den etwas antiquierten Schreibstil gewöhnt hat, ist die Geschichte gar nicht uninteressant zu lesen. Nicht der ultimative Bringer, aber auch nicht schlecht.

10. März 2024

Mittwoch, 10.03.2004 – Warum Leute nerven, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben

Filed under: Filme,Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Ich finde in meinem Posteingang eine Mail von Frank vor, in der er mir einen Link schickt und meine Meinung dazu hören möchte. Ich finde eine Art Kommentarseite von zwei Deutschen vor, etwa Mitte Zwanzig, über ihre Reise nach Japan. Die beiden haben den Versuch gemacht, eine Handvoll Kanji schreiben zu lernen, sprechen aber kein Japanisch, und wissen von Japan nur das, was man im Fernsehen sieht. Auf der Seite befinden sich 71 Fotos, die allesamt dem entsprechend kompetenzlos kommentiert sind. Die beiden empfehlen auf ihrer Seite das Buch „Warum Japaner nerven“ und das sagt bereits zu genüge aus, was man von dieser Seite zu halten hat. Wenn ich mir dieses Machwerk so ansehe, muss ich beinahe annehmen, dass die beiden zu viel Geld haben und allein durch derlei „Literatur“ zu der Reise motiviert worden sind. Aber obwohl ich mehrfach den Bildschirm an die Wand werfen möchte, kommentiere ich fast jedes einzelne Bild und stelle ein paar Dinge richtig, die von den beiden als „Irrsinn der Japaner“ verlacht werden. Ich habe den Link aus Rücksicht auf die Gesundheit meiner Nerven und um mich vor Schadensersatzforderungen des Rechenzentrums zu schützen nicht gespeichert.

Um 19:00 kommt Misi und spielt auf dem Platz neben mir die Combat Mission Karte „Abend in Cheneux“. Ich bearbeite indessen meine übrigen Mails und fahre um 20:00 mit dem Fahrrad nach Hause. Die neuerdings milden Temperaturen haben die Straßen frei gemacht und man kann auch nach Anbruch der Dunkelheit nach Hause fahren, ohne Frostbisse im Gesicht zu spüren.

Abends sehe ich mir mit Melanie den Film zur Serie „Gokusen“ an. Nett, aber unnötig. Wieder lange Monologe der Lehrerin Yamaguchi; Schüler werden verprügelt, Yamaguchi haut sie raus; Schüler machen Stunk, Yamaguchi bekehrt sie. Alles wie gehabt. Nur noch eine Spur schmalziger.

Zuletzt lese ich den Combat Mission After Action Report „Comme ca“ über ein russisch-deutsches Begegnungsgefecht im Juli 1941. Die beiden Kommentare sind wirklich gut und sehr unterhaltsam geschrieben, der Kampf wurde auf beiden Seiten sehr verzweifelt geführt, und ich finde die Beschreibungen sehr spannend.

9. März 2024

Dienstag, 09.03.3004 – Unterrichtsvorbereitung

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Misi drückt mir die Unterlagen in die Hand, die ich brauche, um den von ihm übernommenen Unterricht durchführen zu können. Die zu behandelnde Lektion dreht sich um indirekte Rede, reported speech. Na, das ist kein allzu schwerer Hammer, damit kann ich fertig werden.

Ich schreibe drei Berichte und suche mir im Forum von „Battlefront“ einen After Action Report raus, der von anderen Lesern empfohlen wird. Ich kopiere und editiere den Text aber nur, um ihn ausdrucken zu können. Soweit ich das bis jetzt beurteilen kann, von den paar Fetzen in den ersten Zeilen der Abschnitte, scheinen die beiden Autoren was von Theatralik zu verstehen. Ich bin sicher, dass es Spaß machen wird, diesen Bericht zu lesen. Ich wechsele dann zu meinem eigenen Spiel und nehme ein paar Veränderungen auf meiner Gefechtskarte „Ruhestörung“ vor, um sie etwas fairer zu gestalten. Ich muss gestehen, dass die bisherige ideale Lösungsmöglichkeit für die alliierten Angreifer mehr auf Glück beruhte… ich muss sie also offensichtlicher machen.

Zu spät fällt mir ein, dass ich vergessen habe, zur Post zu gehen. Ich wollte die beiden „Saigadô“ Dôjinshi und die CDs von Aikawa Nanase schon längst versendet haben. Und nach dem „Skip Beat!“ Hörspiel muss ich mich weiter umsehen. Die CD scheint aus den Angebotsseiten von Amazon.co.jp verschwunden zu sein und ich muss eine Lösung für das Problem finden. Immerhin denke ich daran, die beiden überzähligen SailorMoon Figuren endlich bei E-Bay einzustellen.

3. März 2024

Mittwoch, 03.03.2004 – Revanche eines Ungarn

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Der Winter ist zurück, es schneit seit der Nacht, am frühen Morgen und in den Tag hinein, und es ist unerhört kalt. Ein letztes sibirisches Aufbäumen, muss ich annehmen. Und hoffen.

Ich stehe um 08:00 auf und gehe zusammen mit Melanie um 09:15 ins Center, um ihr aus ihrer MP3-Sammlung eine CD neu zu brennen, weil sie sagt, ihr Diskman spiele nur die Hälfte davon. Das Center erhält währenddessen gleich zwei neue Drucker, weil der alte zu viele Fehler produziert hat. Ich hätte es lieber gesehen, wenn man das Netzwerk mal gründlich überarbeitet hätte. Dann gehe ich zur Post und zur Aomori Bank, weil verschiedene Dinge bezahlt sein wollen und verschwinde dann im Physikgebäude, um mich der Tagesroutine hinzugeben. Nebenbei bereite ich das Rematch gegen Misi vor und beginne dann die Anfertigung weiterer Newsletter. Ich staune auch nicht schlecht, als ich feststelle, dass ich gestern nicht den 09. Januar, sondern den 10. Januar beschrieben habe – ich habe den neunten überblättert und meine eigene Überschrift völlig missachtet. Ich schreibe zwei Berichte, also zum 09. und zum 11. Januar.

Danach naht auch schon der Höhepunkt des Tages – Misis Revanche des Gefechts um Gersheim. Und ab hier gilt ebenfalls: Wer keine Spielbeschreibung lesen will, kann den Rest überspringen – bis auf einen kleinen Abschnitt vielleicht, der sich mit dem Abend nach dem Spiel befasst.
Wir spielen also wieder um Gersheim, diesmal mit 2000 Punkten pro Spieler. Er verteidigt den Ort, ich greife aus Richtung Niedergailbach an. Mein Konzept besteht aus einem mit Panzern unterstützten Infanterieangriff; zwei Artilleriebeobachter (155 mm) mit ausreichend Munition sollen am Waldrand auf der Anhöhe Stellung beziehen und die deutschen Verteidigungspunkte einebnen. Die Infanterie würde vorrücken und sofort nach Ende des Bombardements zum Angriff übergehen und die überlebenden Verteidiger im Schock erwischen, unterstützt von den beiden Churchill VII Panzern, deren Aufgabe es sein soll, die deutschen Panzer auszuschalten; zwei M7 Priest Selbstfahrlafetten sollten für punktgenaue Artillerieunterstützung der Infanterie sorgen.

Aber wie man weiß, überlebt kein Plan den ersten Feindkontakt. Um genau zu sein, überlebt mein Plan mein höchsteigenes Kartenkonzept (und die auf Grund der Softwarebeschränkungen immer noch sehr sinnfreie Landschaftsgestaltung) nicht. Die (von mir ja selbst entworfene) Aufstellungszone der Deutschen schließt die Anhöhe um Wachalls Haus vor dem Kalkwerk (auf der gegenüberliegenden Anhöhe) mit ein und Misi war so frei, zwei oder drei PaK 75 mm dort zu postieren. Natürlich kann man von dort aus meinen Anmarschweg, die Straße nach Niedergailbach, ganz hervorragend einsehen. In Realität handelt es sich dabei um ein paar wenige Kilometer, aber auf der Spielkarte sind es schätzungsweise gerade mal 900 Meter.

Nach der ersten Minute sind alle meine gepanzerten Fahrzeuge zerstört, noch bevor die Fahrer die Chance hatten, das Gaspedal zu berühren. Der vorderste Churchill ist immerhin 75 Meter weit gekommen, bevor ihn die PaK in die Flanke erwischte. Das hat einen aufgesessenen Beobachter getötet. Der andere überlebt, wird aber zwei Minuten später von einer 20 mm Kanone in der Nähe der heutigen Gesamtschule mit besten Grüßen von Thyssen und Krupp im Plastiksack nach Hause geschickt. Die Infanterie rückt vor und gerät unter heftiges Feuer. Was zur Hölle ist da los? Es sind zu wenige Einschläge pro Minute, um von einer abgesetzten Artilleriestellung zu kommen.
Es stellt sich heraus, dass parallel zur Niedergailbacher Straße am Ortsrand mindestens ein Puma, ein Luchs und ein Tiger Stellung bezogen haben und ein lustiges Zielschießen veranstalten.

Wieder ein Gestaltungsfehler meinerseits, was die Aufstellungszonen betrifft. Die Karte ist mit 1040 mal 1040 Metern zu klein, um dem Verteidiger ein derart großes Gebiet als Aufstellungszone zu überlassen. Und am Tretbecken steht nicht etwa eine, sondern gleich zwei 20 mm Kanonen. Das alles macht den Angriff zu einem Selbstmordkommando im Bataillonsrahmen. In Realität würde man einen Rückzug durchführen oder Luftunterstützung anfordern, aber die Option bietet sich mir nicht. Ich warte auf meine Verstärkung. Ich habe nämlich ausprobieren wollen, ob man die Verstärkungsmarkierungen überall hinstellen kann, anstatt nur in die eigene Aufstellungszone. Und das geht!
In Runde 10 landen zwei Kompanien US Fallschirmjäger auf der Fläche rechts der Blies, wo heute das Lager vom Pallmann steht. Ei, das hat ihn immerhin überrascht! Ich kann die Häuser an der Brücke einnehmen, mit etwa 15 % Verlusten und ich werde sie eine Zeitlang halten können. Sogar eine 8,8 und eine FlaK-Vierling habe ich dort, am Runden Brunnen, kalt erwischt. Aber dieser Kampf ist nicht mehr zu gewinnen, nicht ohne Panzerkräfte.

Dass ich den Schwerpunkt des Angriffs auf die linke Bliesseite gelegt habe, hat sich doppelt als fatal herausgestellt: Nicht nur, dass die deutschen Kanonen auf dem Hügel gegenüber ein prächtiges Sichtfeld haben, nein, ich war auch so dämlich, zu ignorieren, dass das Zentrum der deutschen Verteidigung die Brücke sein würde – anstatt mir also Bewegungsraum auf der Reinheimer Seite zu besorgen, wo auch zwei der drei einzunehmenden Geländepunkte liegen, habe ich beschlossen, meine zwei britischen Kompanien durch das Nadelöhr der Bliesbrücke zu quetschen, um an die Siegpunkte auf der anderen Flussseite zu gelangen! So dämlich kann doch eigentlich keiner sein. Es wird acht Uhr und wir brechen ab. Ich ersuche Waffenstillstand und bekomme ihn.

Ich muss die deutsche Aufstellungszone gewaltig einschränken. Und vor allem weiß ich eines: Wenn ich noch einmal eine Karte mit frei zu wählenden Truppen spiele, dann werde ich mir keinerlei Gedanken mehr über Realismus machen und nur Panzer auf den Plan stellen, mit einem Zug Infanterie, um die Siegpunkte zu halten und einem oder zwei Artilleriebeobachtern, um die gegnerische Infanterie genau daran zu hindern.

Misi geht also, während ich noch einen Augenblick bleibe und meine elektronischen Postfächer abklappere und auch bei Animetric kurz vorbeischaue, bevor ich nach Hause zurückkehre. Melanie hat Spaghetti mit Fleischsoße gemacht und etwas Kuchen gekauft (von dessen Verzehr ich in Zukunft absehen werde, weil er so künstlich schmeckt wie er aussieht). Sie hat heute auch die ersten Leihvideos mit Kopierschutz gesichtet, aber es lässt sich nicht erkennen, warum diese Videos einen Schutz haben und die anderen nicht.
Wir schauen uns noch die Aufnahme von „Gakkô e ikou“ von gestern an und beenden den Tag, also Geschirrspülen, Müll beseitigen und Tagebuch schreiben. Um 23:40 ist der Tag vorbei.

27. Februar 2024

Freitag, 27.02.2004 – First Blood

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Da ich derzeit davon ausgehe, dass „The ODESSA File“, das erst gestern gekaufte Buch von Forsyth, das Wochenende nicht überdauern wird, besorge ich mir heute gleich das nächste Buch vom gleichen Autor: „The Dogs of War“. Von der Thematik ebenfalls nicht uninteressant: Eine Söldnergeschichte wie ein „Shadowrun“, nur ohne Science-Fiction und Fantasy Elemente.

Den Videorekorder können wir problemlos umtauschen. Dass das Monogerät 1000 Yen billiger ist, macht sich in erster Linie dadurch bemerkbar, dass kein einziges Kabel dabei ist, mit Ausnahme des fest angebrachten Stromkabels. Ich gehe also in den Markt zurück und kaufe für 420 Yen ein zweipoliges Cinchkabel. Der Videorekorder funktioniert und liefert ein einwandfreies Bild. Und wir stellen mit Befriedigung fest, dass die Aufnahmequalität des alten Gerätes noch in gutem Zustand ist.

Ansonsten besteht der Tag zunächst aus meiner Post und weiteren Schneefällen.
Zunächst!

Am Nachmittag kommt Misi in die Bibliothek und meint, ihm wäre „nach einem Spiel“. Wir reden von „Combat Mission“, nennen wir die Dinge beim Namen. Hm, ja, ich hätte nichts dagegen. Aber nicht in der Bibliothek. Zu öffentlich. Die macht eh um 17:00 bereits zu, während der Computerraum im Physikgebäude bis um 21:00 geöffnet hat, wir gehen also dahin. Ab 17:00 muss man sich in eine Besucherliste eintragen, aber das ist nur eine Formalität.

Wir wollen zuerst ein Spiel per E-Mail probieren, kopieren die Dateien auf die Festplatten und legen los. Das heißt, wir reichen uns die Speicherdateien per Diskette hin und her.
Hm… da ist was seltsam auf der dargestellten Landkarte… ah ja… Karl hat mir natürlich seine eigene Version des Spiels geschickt, in der keine Updates enthalten sind. Schade… aber spielbar. Wir spielen die Karte, die ich vor längerer Zeit einmal von Gersheim angefertigt habe. Ach ja… wer nicht daran interessiert ist, den Rest des Berichts mit einer groben Kampfbeschreibung zu verbringen, kann schon zur nächsten Mail übergehen.

Auf der Karte stehen 1000 deutsche Punkte gegen 1500 amerikanische. Wir werfen eine Münze, wer angreift und Misi wird vom Schicksal dazu auserkoren. Wir spielen nicht mit den Vorgaben, sondern jeder stellt seine Truppe neu nach Gutdünken auf. Ich habe eine Kompanie Panzergrenadiere mit einem Artilleriebeobachter (105 mm), vier MG42 Trupps, einen Panther und zwei StuH42 auf den Plan gestellt.

Es macht sich schnell bemerkbar, dass ich gegen einen absoluten Anfänger spiele (und ich bin selbst eigentlich nicht der Ultrakommandeur), denn binnen fünf Runden (= simulierte fünf Gefechtsminuten) ist seine US Infanterie auf die Hälfte ihres ursprünglichen Wertes reduziert. Mein Panther ist bis an die Biegung der Bliesstraße in der Nähe des (heutigen) Kindergartens vorgefahren und überblickt die Straße bis zum Ortsausgang Richtung Reinheim – das ist unrealistisch, aber in dem Spiel nicht anders zu machen. Binnen kürzester Zeit stehen zwischen Polizeigebäude und Rathaus ein brennender Pershing und zwei ausgeknipste Shermans. Ein weiterer Sherman ist abseits von der Straße über die Felder auf den Lohweg zugefahren und befindet sich bei Spielunterbrechung gerade noch außerhalb der Eröffnungslinie der StuH42.

Diese Sturmhaubitze steht neben Lauers Haus, und jeder, der meinen Heimatort kennt, wird einwerfen: „Von dort aus kann man den Ortsausgang nach Reinheim doch gar nicht sehen!“ Nun ja, wie bereits angedeutet sind dem Karteneditor des Spiels leider gewisse Grenzen gesetzt, z.B. keine Gebäude auf schiefen Ebenen, so dass diese Situation durch weniger Bebauuung möglich wird.

Misis Greyhound, der sich am rechten Bliesufer entlang Richtung Pallmann vortastet, müsste sich auch schon längst fragen, wo die ganzen Krater um ihn herum herkommen – die stammen von der zweiten Sturmhaubitze, die am Bahnhof steht und das gegenüberliegende Ufer bestreicht. In dieser letzten heute gespielten Runde beginnt auch meine Artillerie, auf den Jungs da drüben rumzuhämmern, aber ich werde das Ergebnis erst beim nächsten Spieltermin erfahren – falls Misi nicht bereits jetzt die Fahnen streicht.
Er tut es nicht.
Ich habe schon spannendere Schlachten gespielt… aber auf jeden Fall hat es sehr gut getan, nach so langer Zeit wieder einmal überhaupt eine „Combat Mission“ Schlacht zu spielen. Nächste Woche werde ich Misi einen Crashkurs in Sachen (deutschsprachige) Spieloptionen geben, sofern dafür Zeit ist.

9. Februar 2024

Montag, 09.02.2004 – Schlafzimmereinrichtung

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Starker Schneefall am Morgen um halb Zehn. Die Aussage meines Ölverkäufers, dass der Februar der schneereichste Monat sei, scheint sich zu bestätigen. Es ist natürlich lustig, dass es genau dann anfängt zu schneien, wenn wir Besuch kriegen sollen.

Nachdem Melanie in den letzten Tagen wiederholt angemerkt hat, dass meine derzeitige Art des Frühstücks – untertrieben ausgedrückt – „ungewöhnlich“ sei, esse ich meinen Reis heute wieder mit Mayonnaise und Nori. Ach ja, den Geruch (!) von warmer Mayonnaise mag sie ja auch nicht… Was ist also „meine derzeitige Art des Frühstücks“? Ich mische eine Soße an, die zu einem Drittel aus Sojasoße und zu zwei Dritteln aus Rotwein besteht (gerade so viel, dass der Boden der kleinen Pfanne bedeckt ist), rühre einen Kaffeelöffel Tonkatsu-Soße, einen Esslöffel Ketchup und Mayonnaise und eine Prise Pfeffer hinein, vielleicht noch einen Spritzer Essig, und köchele dann Rindfleischstreifen (ca. 2 mm dick) darin, bis sie gerade gar sind. Wenn man sie zu lange kocht, werden sie zu zäh, um noch den Reis damit umfassen zu können. Das schmeckt (mir) ganz hervorragend, und ein Kilo von diesem Fleisch kostet umgerechnet auch nur 5 E. Daraus mache ich fünf oder sechs Portionen.

Heute steht die Klausur für den A3-Kurs an. Wie neulich ist auch hier das letzte Drittel besonders knackig, eben wegen der Abfrage von Texten, die im Lehrbuch stehen. Aber diesmal habe ich mich immerhin soweit vorbereitet, dass ich mir die möglichen Texte mehr als nur angesehen habe. Das sollte ein paar Punkte retten. Aber wie üblich komme ich mir nach der Arbeit so blöde vor, als hätte ich nie auch nur eine Stunde Japanischunterricht genossen.

Danach verbringe ich den Tag weitgehend mit meiner Post und im Animetric Forum, bevor ich nach Hause gehe.

Ich finde Post auf dem Schuhschrank, die Melanie freundlicherweise hochgebracht hat. Es ist die „Combat Mission“ CD, die Karl vor ein paar Tagen in Deutschland weggeschickt hat. Das war schnell. Besten Dank. Mein eifriger Freund hat darüber hinaus nicht nur „Combat Mission“ auf die CD gebrannt, sondern auch noch „Panzer General“ und „Snow Craft“. Und seinen „Humor“ Ordner. Hm, vielen Dank. Misi ist immer auf der Suche nach interessanten Spielen, aber mit den Dateien im „Humor“ Ordner wird er möglicherweise wenig anfangen können, da er nur rudimentäres Deutsch spricht. Aber voreiliges Handeln ist besser als Versäumnis. (Ich wünschte, ich könnte so konsequent nach diesem Vorsatz leben, wie er mir immer von den Lippen fließt.)

Um 22:00 bin ich mit SangSu verabredet, weil ich etwas von dem Bettzeug leihen möchte, das Angela ihm überlassen hat. Ich ziehe also meine Schuhe an, als er schon an die Tür klopft. Er hat eine Decke in der Hand. Oh ja, das ist gut. Aber wir brauchen auch einen Futon. Nein, so was habe er nicht. Aber er könne uns noch eine weitere solche dicke Decke geben und ein Kopfkissen dazu. Ich gehe mit ihm hinunter und hole das Zeug.

Und wenn ich schon da bin, kann ich auch gleich mit Hilfe seines Laptops ausprobieren, ob die von Karl gebrannte CD auch den Transport überlebt hat – schließlich könnten kleine Kratzer die Lauffähigkeit verhindern. Außerdem bin ich, zugegeben, begierig, dieses Spiel der Spiele mal wieder zu sehen. Und es läuft. SangSu will sich auch gleich „Snow Craft“ kopieren. Er sagt, das kenne man auch in Korea und er habe es immer gerne gespielt. Ja, sicher, soll er. Vielleicht wird er ein weiteres Mitglied der „Combat Mission“ Spielgemeinde. Aber… wenn ich ihn so ansehe, mache ich mir da wenig Hoffnung, auch wenn er sagt, dass er das Spiel ausprobieren möchte. Ich lasse es also auf seiner Festplatte. Die CD dazu braucht man ja nicht.

4. Januar 2024

Sonntag, 04.01.2004 – Neujahrsfeier

Filed under: Japan,Manga/Anime,Musik,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Wir stehen um 09:10 auf, weil wir von Familie Jin zum Mittagessen eingeladen worden sind. Zumindest hieß es, um 12:00 sollten wir da sein. Für einen Saarländer klingt das nach Mittagessen. Auf der Straße liegt Schnee, nachdem es gestern Abend zu schneien begonnen hat. Es ist nicht sehr viel, eine dünne, aber geschlossene Schneedecke, und auf jeden Fall genug, um zu Fuß gehen zu müssen. Eine Fahrt mit dem Fahrrad will ich nicht riskieren. Wir müssten also um 11:15 spätestens aufbrechen.

Bis dahin kann ich noch in den „Fushigi no Umi no Nadia“ OST reinhören, den ich gestern gekauft habe. Ich stelle fest, dass man drei Vierteln des Soundtracks anhört, dass die Serie eine GAINAX Produktion ist, das heißt, man hört, dass die Nadia-Musik die Vorstufe zum „Evangelion“ Soundtrack ist, und zwar ganz deutlich. Das ist schade, aber kein Grund für mich, enttäuscht zu sein. Der größte Teil vom Rest besteht aus wirklich brauchbaren Gesangsstücken, obwohl auch darunter welche sind, denen man entweder die „Evangelion“ Verwandtschaft anhört, oder aber, dass die Musik zu den besten „SailorMoon“ Zeiten, also Ende der Achtziger bis Anfang der Neunziger, geschrieben wurde. Gleiche Instrumente, demnach sehr ähnliche Klangelemente, und nur die Melodie unterscheidet sich wirklich von der „Vorlage“. Und natürlich ist die Sängerin eine andere. Aber in den allergrößten Teil der Titel muss ich nur wenige Sekunden hineinhorchen, um zu wissen, dass ich keine Überraschungen erleben werde. Die Unterschiede zum EVA OST sind dafür zu minimal. Ich frage mich ernsthaft, ob ich die CDs behalten soll… im Prinzip könnte ich zwei davon verkaufen.

Wir gehen zeitig los und sind pünktlich bei den Jins, die das Essen in den „alten“ Teil des Hauses verlegt haben, wo wir in einer Räumlichkeit von der Größe von 12 Matten Platz nehmen. Sushanan ist nicht da, und man teilt mir mit, dass ihr „Termin“ erst am 12.01. sei. Die Großeltern sind bedauerlicherweise ebenfalls nicht mit von der Partie, aber ich frage nicht weiter nach. Es wird einiges geboten. Da wäre zum Beispiel ein Topf Oden, dessen Inhalt noch besser schmeckt als der, den ich bei Prof. Fuhrt gegessen habe. Daneben gibt es auch Sushi zum selber rollen. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob der Begriff „Sushi“ hier angebracht ist, da bei dem Begriff jeder gleich an kleine Reisröllchen mit Algenumwicklung und eine irgendwie geartete Kernfüllung denkt. Es sind mehr als die üblichen Zutaten vorhanden, darunter Gurken, Krabben, Fischwurst, Schinken, Fischstreifen, usw., aber sie werden in die Nori wie in eine Tüte eingerollt und so mit der Hand gegessen. Und das Ganze hätte auch bequem doppelt so viele Leute satt gemacht.

Während des Essens erfahre ich, dass Jin Eiko (die Gastmutter) keine Fischprodukte mag. Auch solche Japaner soll es geben. Warum dieses? Sie kommt aus einem Dorf bei Hachinohe an der Ostküste von Aomori-ken und ist die Tochter eines… Fischers. Sie wurde in ihrer Kindheit so sehr mit Fisch gefüttert, dass sie keinen mehr sehen kann. Jin Yûtaka (der Vater) macht währenddessen Fotos von dem Ereignis, das ich nicht fotografieren kann, weil meine Kamera voll ist und ich mein Übertragungskabel bei Ronald in Tokyo habe liegen lassen. Dazu macht er auch kurze Videos mit der gleichen Kamera, die er mir via E-Mail zusenden will.
Er sagt, er sei Arzt mit Schwerpunkt Nuklearmedizin (Radiologe). Und weil er Nukleartechnik so interessant findet, hat er vor einigen Jahren einmal die Gelegenheit genutzt, ein Atomkraftwerk in der Normandie zu besichtigen, wohl zusammen mit einer Gruppe von entsprechenden anderen Wissenschaftlern. Er findet diese Kraftwerke generell interessant, während ich für ein solches Interesse wenig Verständnis habe. In Deutschland sind AKW nicht sehr beliebt.

Zum Nachtisch, und da musste ich doch ein wenig lachen, gab es eine Tasse Instantkaffee, den das Ehepaar von einem „Ausflug“ nach Korea über Weihnachten mitgebracht hat, in den Milch und Zucker schon eingearbeitet sind. Weiterhin gibt es eine Reihe von japanischen Süßigkeiten, die man zu Neujahr serviert, die so richtig chemisch aussehen, und meiner Meinung nach auch ebenso schmecken. Hm, ja… ich habe schon besseren Kaffee getrunken. Und die Süßigkeiten… ich belasse es bei der Probierportion. Aber ich muss mich im Ablegen meiner diesbezüglichen Ehrlichkeit noch etwas üben. Ich sage, es schmecke „interessant“. Es fällt mir schwer, Dinge zu loben, die nicht meinen Geschmack treffen.

Yûmiko hat offenbar Interesse an einer Vortragsform namens „Rakugo“ gefunden. Oder sie ist daran „interessiert worden“. Ich sagte ja bereits, dass sie einen Sprachfehler hat, und Marc erzählt mir später, dass Rakugo in Japan derzeit ein geschätztes Mittel sei, Sprachfehler auszubügeln und deutliches Sprechen zu lernen. Angeblich machen das viele Kinder und auch Leute vom Fernsehen, die mit Sprechen ihre Brötchen verdienen. Hm, dann würde ich dem lispelnden Nachrichtensprecher von NHK eine solche Kur empfehlen. Warum auch immer Yûmiko zum Rakugo gekommen ist, sie hat in bester japanischer Manier zwei kurze Episoden auswendig gelernt und trägt sie uns vor. Als (noch) Laie bin ich mir nicht sicher, warum diese Vortragsart deutliches Sprechen erleichtern soll, denn wie es scheint, besteht eine Kür daraus, möglichst schnell einen Text herunterzurattern, der voller Wort- und Lautspiele ist und sich daher wohl nur dem Muttersprachler voll eröffnet. Ich verstehe gerade mal 10 % der gesagten Begriffe, verstehe keinerlei Zusammenhänge und weiß auch nach der „übersetzten“ Darlegung des Inhalts immer noch nicht so recht, was ich da eigentlich gerade gehört habe und was daran eigentlich lustig ist. Aber es war eine sehr beeindruckende Darstellung von schnellem Sprechen wie von einem japanischen Eddie Murphy.
Yûtarô hält sich wie üblich mit der Interaktion zurück, erscheint mir heute aber wesentlich entspannter als sonst. Immerhin beteiligt er sich an den Gesprächen, und macht nebenher allerlei Unsinn mit seiner Schwester, die Gefallen daran findet, sich von ihm huckepack durch den Raum tragen zu lassen.

Während die Kinder, Melanie und Mutter Eiko bereits zum Spielen übergehen, esse ich noch ein bisschen weiter. Von daher kann ich das Kartenspiel nicht wirklich gut erklären. Auf den Rückseiten der Karten steht jeweils ein Gedicht. Einer der Spieler liest es vor und die übrigen Spieler müssen offenbar die Karte finden, auf der das erste Silbenzeichen des Gedichtes aufgedruckt wurde. Wer am Ende die meisten hat, gewinnt. Aber all das sehe ich nur aus dem Augenwinkel, während ich mit Vater Yûtaka eine Basisdiskussion über Atomstrom führe.
Ich stoße erst zu der Spielgruppe, als Yûmiko ein „Hamtarô“ Poster auspackt. Auf der einen Seite ist Hamtarô selbst, auf der anderen Seite ist Ribon-chan abgebildet (man muss die Namen der Hamster nicht wirklich kennen, aber in Japan kennt sie jedes Kind). Aufgabe dieses Spiels ist nun, den Hamstern mit verbundenen Augen Nase, Augen und Mund zu aufzulegen. Natürlich führt das zu den abwegigsten Ergebnissen, vor allem, wenn der Mund, der die Form einer „3“ hat, die auf dem Rücken liegt, auf dem Oberkörper landet und frei heraus als „Oppai“ („Brüste“) bezeichnet wird, oder aber, wenn er im Unterkörperbereich landet und dem entsprechend „Kintama“ („Goldene Bälle“) genannt wird – eine japanische Scherzbezeichnung für nicht schwer zu erratende männliche Körperteile. Das sorgt für Belustigung, aber noch mehr erstaunt mich der offene Umgang mit Begriffen, die, nach meinem Empfinden, in meinem kulturellen Umfeld in den Tabubereich fallen, sofern man sich nicht in einem wirklich intimen Personenkreis befindet. Das ist hier zwar prinzipiell gegeben, Familie ist Familie, aber immerhin befinden sich auch zwei „Außenstehende“ im Raum.

Auch solche Treffen scheinen in Japan kurz zu sein, und wir werden um 15:00 wieder nach Hause gefahren. In Deutschland bleibt Besuch ja grundsätzlich bis mitten in die Nacht, sofern nicht etwas Dringendes dagegenspricht. Die Eltern setzen sich also nach vorn, Melanie und ich sitzen hinten, und die Kinder… ja, die werden auf der Kofferraumfläche des Jeep-artigen Fahrzeugs „gestapelt“.[1] Es sieht lustig aus, aber für sehr sicher halte ich das nicht. Ich habe überhaupt das Gefühl, dass das Benutzen der Sicherheitsgurte in Japan sträflich vernachlässigt wird, auch im Winter, auf vereisten Straßen. Wer die Sicherheitsgurte erfunden hat, dachte sich auch was dabei. Mein Kumpan Kai verwendet auch keinen, weil er nicht im Auto verbrennen will, weil die Gurtschließe sich verkanten oder die Plastikteile diese zuschmelzen können, wie er sagt. Ich glaube, die meisten machen das aus schierer Bequemlichkeit. Zum Abschied bekommen wir eine Tüte Äpfel. Wie erwartet.

Da der Tag noch jung ist, können wir auch noch Wäsche waschen. Ich will mir auch noch mehr von meinen neuen CDs anhören, aber die Batterien wollen nicht mehr. Diese No-Name Batterien haben noch nie viel getaugt… In Deutschland habe ich mal zwei Akkus von Duracell gekauft, die was herzumachen scheinen. Ich gehe also ins Sunday Home Center und kaufe ein paar Markenakkus von Panasonic und hoffe, dass sie ihr Geld wert sind.


[1] „SUV“ war zumindest mir damals noch kein Begriff.

3. Januar 2024

Freitag, 02.01.2004 – On the Road again

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Sport — 42317 @ 9:15

Spätes Aufstehen verkürzt unsere möglichen Ausflugszeiten ganz erheblich. Wir wollen (sie will) einen weiteren Schrein besuchen, außerdem war im Fernsehen nach unserer Interpretation die Rede von einer Festveranstaltung im Schlosspark. Wir fahren also dorthin und durchsuchen den Park, finden aber nichts. Am Abend werden wir herausfinden, dass es sich bei der Ankündigung im Fernsehen um Werbung für eine Sendung gehandelt hat, die heute ausgestrahlt (d.h. vor wenigen Tagen aufgenommen) wurde, und nicht für eine aktuelle Veranstaltung.

Der Schrein, den wir ansteuern, ist klein, das heißt nicht nur das Gebäude an sich, sondern auch was das Gelände betrifft. Aber der Spielplatz daneben ist sehr geräumig. Melanie urteilt, dass die Mamori, die Talismane, die es hier zu kaufen gibt, sehr schön seien und lässt es sich natürlich nicht entgehen, einen davon zu kaufen. Eigentlich habe ich nicht vor, mir ein Exemplar zuzulegen, weil ich an derlei Dinge nicht glaube, aber wenn ich schon im Lande bin, kann ich ja dennoch ein wenig Geld darin investieren, um überhaupt einen solchen Talisman zu haben – Japanologie verpflichtet. Aber nicht heute.

Von dem Spielplatz aus hat man einen schönen Ausblick auf den Nordwesten der Stadt. Am Abhang des Hügels steht ein Hinweisschild, auf dem Ash Ketchum warnt, „nicht zu nah!“ an den steilen Abhang heranzutreten. Zu jeder anderen Jahreszeit (als Winter) ist es bestimmt schön hier oben, aber die blattlosen Büsche und Bäume sehen zusammen mit dem tristen Wetter wirklich traurig aus.

Wir fahren ins Ito Yôkadô, um für Ricci das von ihr gewünschte Stofftier zu kaufen. Leider ist es in der gewünschten Größe nicht mehr vorhanden, also muss ein kleineres Exemplar ausreichen. Das nächstgrößere ist ein wenig teuer. Wir fahren nach Hause. Melanie will auf dem Weg zurück noch bei Ricci anrufen, und weil das von meinem „passiven“ Telefon aus nicht geht, suchen und finden wir eine Telefonzelle, vor einem der zahlreichen kleinen Krankenhäuser der Stadt. Meine Blase drückt seit geraumer Zeit, und weil es inzwischen dringend wird, will ich die Gelegenheit nutzen, um in dem Krankenhaus eine Toilette aufzusuchen. Aber der Eingang ist verschlossen. Ich setze mich also auf mein Fahrrad, um nach Hause zu fahren, bevor ich gezwungen bin, in einem Schatten an der Hauswand zu verschwinden. Melanie hat was dagegen – ich solle auf sie warten und mich gefälligst nicht so anstellen. Da hat mein Hebel im Kopf mal wieder „klick“ gemacht und ich bin losgefahren. Und das schnell. Wie kommt sie eigentlich auf die Idee, mir zu sagen, wann ich nach Hause fahren kann und wann nicht? Ich glaub, mein Schwein pfeift! Ich bin alt genug, um das nach Dringlichkeit zu entscheiden. Das lasse ich mir doch nicht verbieten, nur, weil Melanie offenbar der Meinung ist, ich sei irgendwo an ihr festgewachsen oder umgekehrt… vor allem will ich gar nicht wissen, wie viel Strafe man hierzulande so fürs Urinieren in der Öffentlichkeit zahlt. Aber mit sinkendem Druck steigt dann aber auch meine Laune wieder und ich nehme ihr das nicht weiter übel.

Das Packpapier (um das Stofftier) des Kaufhauses werfen wir zuhause umgehend in den tiefsten Müllsack den wir haben, weil das Zeug nach angebranntem Plastik stinkt. Widerlich.

Am Abend kommt eine weitere interessante Sportsendung. Interessant deshalb, weil sie reichlich verrückt ist. Aber die Ideen gefallen mir. Da ist z.B. ein Japaner namens Noritake, offenbar ein Entertainer aus dem japanischen Privatfernsehen, und er tritt, unterstützt von einem ebenfalls japanischen Torwart, gegen Oliver Kahn im Elfmeterschießen und im „Shoot Out“ an. Im Olympiastadion in München.
Shoot Out“ bedeutet, dass man ab der 16-Meter-Linie in Richtung Tor zu dribbeln beginnt und fünf Sekunden Zeit hat, den Tormann zu umspielen und den Ball wegzutreten. Ins Tor natürlich.
Kahn gewinnt das Elfmeterschießen und Noritake das Shoot Out. Am Schluss folgt dann also noch einmal ein Elfmeterschießen, um den Sieger zu bestimmen. Kahn gewinnt, weil Noritake einen Ball an die Latte pfeffert. Kahn tat hier wohl auch sein Bestes, um seinem (japanischen) Image als beinharter „Fußballkämpfer“ gerecht zu werden. Sein Gesicht ist wie gemacht dafür, brutal auszusehen. Und offenbar erregte der Wettstreit auch in Deutschland genügend Aufmerksamkeit: Man sieht die Sportseite der BILD Zeitung, wo ein Bericht und ein großes Foto des Ereignisses dargestellt sind.

Der nächste Wettkampf ist so seltsam, dass man meinen könnte, dass nur Japaner auf eine solche Idee kommen können. Die sportliche Grundlage ist Golf. An einer vorgegebenen Linie werden nur Abschläge gemacht, während 250 Yards weiter, im Zielgebiet quasi, eine Gruppe von Baseballveteranen Aufstellung genommen hat, deren Aufgabe es nun ist, die eintreffenden Bälle zu fangen. Wer die meisten Bälle fängt, gewinnt.
Weiterhin gibt es ein Spiel gegen die Uhr. Es werden zwei Teams gebildet, zu je drei Mann; das Zeitlimit liegt bei zwei Minuten. Spieler 1 schlägt den Ball 250 Yards weit etwa dahin, wo Spieler 2 steht, und rennt los. Spieler 2 schlägt den Ball weitere 250 Yards weit zu Spieler 3, dessen Aufgabe es ist, den Ball über eine immer noch recht weite Strecke möglichst nah an das Loch heranzubringen, während Spieler 1 den Ball einlochen soll – nach einem Lauf von mehr als 500 Metern in dieser kurzen Zeit. Die Sieger erreichen das Ziel in 1:53 Minuten, während die Verlierer mehr als zwei Minuten brauchen, weil der Schlag von Spieler 2 völlig abseits gelandet war.

Donnerstag, 01.01.2004 – Affentanz?

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Sport — 42317 @ 9:05

Das Jahr des Affen hat also heute offiziell begonnen und Melanie fühlt sich so lebendig, dass sie für heute eine Tour vorbei an mehreren Schreinen der Stadt geplant hat. Die Straßen sind frei, also kann man bedenkenlos mit den Rad fahren. Zunächst ist der Himmel allerdings bewölkt. Zehn Minuten nach Abfahrt scheint dann aber die Sonne trübe durch die Wolkendecke, nur um fünf Minuten darauf wieder zu verschwinden, um einer eiskalten Portion Schneeregen Platz zu machen. Ich freue mich tierisch über diese Entwicklung. Hoffentlich bleibt das Wetter nicht so, sonst passiert es noch, dass ich die Schreintour äußerst unangenehm in Erinnerung behalten werde.

Wir kommen an der Hauptpost vorbei, und dort offenbart sich uns ein besonderes Phänomen japanischer Dienstleistungen, und ich brauche ein paar Minuten, bis ich begriffen habe, was ich da eigentlich sehe. Da stehen zwei Herren im Dienstanzug am Straßenrand, bewaffnet mit einer großen Plastikkiste und einem noch größeren Postsack. Alle paar Sekunden hält ein Wagen, das Beifahrerfenster wird geöffnet und die Person in dem Auto übergibt ein dickes Bündel von Briefen oder Postkarten, die sofort in dem Postsack verschwinden. Dann fährt das Auto weiter, um dem nächsten Platz zu machen. Alle paar Sekunden hält ein Fahrer am Straßenrand, um Post loszuwerden.
Natürlich wird hier keine gewöhnliche Post weitergereicht. Ein „Post Drive-In“ wäre zwar ein interessantes Konzept, aber ein bisschen extravagant, denke ich. Nein, hier geht es um Grußkarten zu Neujahr. Japaner versenden unglaubliche Mengen an Neujahrsgrüßen, und ich nehme an, dass es den Rahmen der Postämter sprengen würde, wenn jeder, der Karten verschicken will, versucht, in der Nähe des Schaltergebäudes einen Parkplatz zu finden. Und wie es hier zugeht, würde es zu ernsthaften Staus im Stadtgebiet kommen, wenn jeder Absender anhalten und aussteigen müsste, um den Briefkasten aufzusuchen. Also ist diese Sammelaktion eine wirklich gute Idee. Und das Interesse ist groß. In Deutschland reicht noch nicht einmal die Weihnachtspost aus, um eine solche Dienstleistungsmaßnahme zu rechtfertigen.

Während wir noch staunend an der Straßenecke stehen und entsprechende Fotos machen, hört auch der Schneeregen wieder auf. Das beruhigt meine Nerven doch sehr. Die Sonne setzt sich wieder durch. Wir fahren die Hauptstraße in Richtung Norden entlang, ein Stück zu weit, wie wir bald feststellen, aber das tut unserer Sache keinen Abbruch, weil auf Melanies Plan so ziemlich alle Schreine im Nordosten Hirosakis stehen, also biegen wir die nächste Straße ein und fangen beim Hachiman-Schrein an, nach dem auch gleich das Stadtviertel benannt wurde. Für hiesige (= ländliche) Verhältnisse ist am Schrein die Hölle los, wenn ich mir diesen paradoxen Vergleich erlauben darf. Hier sieht es nicht anders aus als vor dem Tempel und dem Schrein gestern Nacht. Da steht eine Schlange von mehr als 50 Metern Länge und etwas mehr als zwei Metern Breite, und alle diese Leute warten darauf, ihr erstes Gebet des neuen Jahres sprechen zu können.
Jetzt muss man natürlich nicht annehmen, dass Japaner unheimlich religiös seien. Ich wage zu behaupten, dass Religion, sei es Shintô oder Buddhismus, zwar tief in der Kultur verwurzelt ist, aber in dem Bewusstsein der Menschen nur sehr oberflächlich vorhanden ist. Ich behaupte, die sind alle eher deshalb hier, „weil man das an Neujahr halt so macht.“ Die Schlange ist, verglichen mit dem Weg, schmal genug, um bequem daran vorbeigehen zu können, wenn man, wie wir beide, einfach nur mal schauen will, was hier so abgeht.
Wie jeder andere japanische Schrein verkauft auch dieser hier eine größere Anzahl von Talismanen für verschiedene Angelegenheiten; in erster Linie, wie schon der Meji-Schrein, für Gesundheit, Liebe, Reisen und natürlich Prüfungen jeder Art. Und wo ich schon von verkaufen, bzw. Verkäuferinnen spreche: hübsche junge Damen in rotweißer Tracht! Seien es nun „echte“ Tempeldienerinnen („Miko“) oder Schülerinnen/Studentinnen, die hier nebenher jobben – ich glaube, ich komme im Sommer noch mal her. Ich kann doch nicht nach Japan kommen, ohne ein Bild von einer Miko zu machen…

Wir wollen auch noch andere Schreine abklappern, und auf dem Weg zu den Fahrrädern kaufen wir „Yaki-imo“ = geröstete Süßkartoffeln. Und solch seltsame Kartoffeln habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gegessen. Die schmecken gar nicht nach Kartoffeln, und eigentlich habe ich den Verdacht, dass man diese länglichen Kartoffeln eine Woche lang in Zuckerwasser oder Honig einlegt, bevor man sie röstet. Aber die Dinger schmecken wohl tatsächlich so… gar nicht schlecht.[1] Ansonsten gibt es auch hier glasierte Bananen; und große Fleischspieße – für 400 Yen? Ich bin doch nicht meschugge… an den Dingern ist vielleicht so viel Fleisch dran, wie an zwei „normalen“ Spießen, und zwei Spieße kosten mich an der Bratbude auf dem Nachhauseweg gerade mal 140 Yen. Nee, Ihr dürft die hier ruhig behalten.

An den anderen Schreinen ist bedeutend weniger los. Weniger Leute bedeuten niedrigere Preise. Und natürlich wird der Tag nicht jünger, die meisten Leute dürften also bereits fertig sein mit ihrem Neujahrsritual. Und man merkt, dass bald die Dunkelheit hereinbrechen wird. Ich bin auch ganz froh, irgendwann wieder zuhause zu sein. Es ist mir doch zu kühl, um stundenlang mit dem Rad in der Gegend rumzugondeln, vor allem wenn ich wegen Melanie so langsam fahren muss, dass mir davon nicht warm wird.

Wir sehen uns am Abend dann eine Art Sportsendung an. „Wer ist der stärkste Mann?“ heißt die. Eine Reihe von Freizeit- und Profisportlern – und wohl auch „Profikörperkultisten“, so möchte ich sie mal nennen – treten gegeneinander in verschiedenen Disziplinen an. Die Disziplinen sind recht ausgewogen, es geht mal um Kraft, mal Technik, Ausdauer oder Geschicklichkeit. Wie es scheint, handelt es sich bei allen Teilnehmern um bekannte Gesichter aus der japanischen Sportpresse, und zum Teil auch aus dem Werbefernsehen, wie zum Beispiel ein gewisser Kane (engl. Lesung wie „Cain“) Kosugi, der hier in der Show einen weitaus weniger sympathischen Eindruck macht als in der lustigen Currywerbung, in der er auftritt. Ansonsten sind da ein Turner, ein Rugbyspieler, zwei Footballspieler, ein Baseballspieler (alle diese Leute sind Japaner), und als besondere Gäste sind unter anderem der amerikanische Kraftsportler Bob Sapp und der japanische Yokozuna Akebono Tarô dabei, der mit seinem Bart um den Mund und dem Ring am Öhrläppchen so richtig normal aussieht. Abgesehen davon, dass er 203 cm groß ist und 200 kg wiegt. Man sieht ihm die Größe wegen seiner Breite nur nicht so an. Von Bob Sapp hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört, bevor ich nach Japan gekommen bin. Hier ist er im öffentlichen Bewusstsein allgegenwärtig, als Werbeträger auf Plakaten, im Fernsehen, in den Kaufhäusern und so weiter. Es handelt sich dabei um einen riesigen Afroamerikaner von zwei Metern Größe und 170 kg reiner Muskelmasse.

Zu den Disziplinen: Da wäre zum Beispiel eine Disziplin mit der Bezeichnung „Gallon Throw“. Wer an der Reihe ist, nimmt ein mit Haltegriffen versehenes kleines Fass von 10 kg Masse aus der Halterung und nimmt Ausgangsposition ein, mit dem Rücken zu einer aufgestellten Wand. Ziel des Spiels ist, das Fass mit beiden Händen über den Kopf hinweg über diese Wand hinter sich zu schleudern. Das Spiel beginnt bei fünf Metern und die Höhe steigert sich in jedem Durchgang um 25 cm. Der Rugbyspieler gewinnt schließlich mit einer Wurfhöhe von 5,75 Metern. Akebono nimmt ebenfalls daran teil. Bob Sapp scheint sich hier zurückzuhalten.[2]

Als kleines Intermezzo werfen auch ein paar andere Gäste. Es handelt sich bei diesen um eine Handvoll Sportler, die offenbar alle irgendwann eine Goldmedaille im Hammerwerfen gewonnen haben. Es treten an (ich habe die Namen nicht alle notiert) ein Amerikaner, ein Weißrusse, ein Slowene, ein Ungar, ein Japaner und ein Russe namens Ilya Konowarow (das zumindest entnehme ich der jap. Schreibung seines Namens auf dem Bildschirm), der aussieht wie eine „Power-Version“ von Volker Greimann – in erster Linie wegen der Frisur und der Brille, aber auch die Gesichtskonturen finde ich sehr ähnlich. Leider sehe ich mich nicht in der Lage, ein Bild aufzutreiben, das diese Aussage auch untermauern könnte. Aber gut – die Jungs hier fangen bei sechs Metern Höhe überhaupt erst an und steigern in Schritten von 50 cm.
Der Japaner gewinnt den Durchgang mit 7,50 m, aber er will den Vorjahresrekord des Amerikaners (7,75 cm) schlagen und lässt 7,80 m einstellen. Er schafft sie und steigert auf acht Meter. Auch die schafft er. Und er ist klug genug, an dieser Stelle aufzuhören.

Bob Sapp nimmt an einer Disziplin teil, die „Spin Off“ heißt. Das Spielfeld ist etwa 5 x 5 Meter groß und in zwei Dreiecke aufgeteilt, eine rote und eine blaue Hälfte. In der Mitte liegt eine Kugel von 1,50 Meter Durchmesser, aus einer Art Plastik, mit einem Gewicht von einem Zentner. Aufgabe ist nun, die Kugel aus der Spielfeldhälfte des Gegners herauszurollen, also von der Matte herunter. Das Los entscheidet, wer gegen wen antritt, und es stellt sich heraus, dass „sugoi“ („super“, „toll“) offenbar das einzige Wort ist, das der gute Bob auf Japanisch beherrscht. Er zieht die Nummer „9“ und eine Stimme hinter der Kamera sagt „kyû“, was er dann wiederholt.
Wie ich bereits sagte, ist Bob Sapp ein reiner Muskelberg von zwei Metern Höhe und einem Kampfgewicht von 170 kg. Ein ehemaliger Footballspieler, wie er angibt. Der ihm zugeteilte Gegner ist, äh, 165 cm groß und 68 kg schwer. Es ist nicht schwer zu raten, wer diesen Zweikampf gewinnt… Sapp gewinnt überdies die Disziplin als Ganzes, und nur der schmale, aber blitzschnelle Turner hätte ihn beinahe den Sieg gekostet.

Ansonsten gibt es u.a. Bockspringen, ab 150 cm bis auf drei Meter Höhe, was natürlich allein der leichte Turner schafft, während sich die Footballspieler als zu schwer erweisen, um sich in solche Höhen zu schwingen.
Das LKW-Ziehen gewinnt der Footballspieler Kawaguchi, der ein bisschen aussieht, als sei er der ältere Bruder des Autors Mishima Yukio. Der zweite Footballspieler unter den Teilnehmern, Satomi Kôhei, kommt übrigens aus dem gleichen Team wie Kawaguchi, ist aber ein oder zwei Jahre jünger. Kôhei ist also ein Kôhai. Das kann als „Japanologenwitz“ durchgehen.
Der jüngere Footballspieler ist dann derjenige, der den „Flag Catcher“ Wettbewerb gewinnt. Man legt sich flach bäuchlings auf den Boden, Blick weg vom Ziel, springt auf Signal auf, sprintet zehn Meter, stürzt sich in eine Grube voll mit Styroporflocken und „reißt“ eine der angebrachten Fahnen an sich. Es ist immer eine Flagge weniger als Sportler vorhanden sind, bis nur noch einer übrigbleibt. Wieder scheitert der Turner erst in einer Finalausscheidung.

Satomi gewinnt auch den „Gunshot Drop“. Der Bewerber rennt los, etwa zwei Meter weiter befindet sich am Rand der Sprintstrecke eine Apparatur, wo man im Vorbeirennen auf einen Schalter schlagen muss. Dieser Schalter löst einen Mechanismus an der Decke der Halle aus, der einen Ball senkrecht nach unten fallen lässt und Ziel der Sache ist es, den Ball zu berühren, bevor er auf die Matte aufschlägt. Start ist bei einer Strecke von zwölf Metern, und bei 13 m bleibt nur noch Satomi übrig – was mich ein wenig wundert, weil er ja ein recht massiger Footballspieler ist. Hier hätte ich erwartet, dass der windschnittige Turner gewinnt.

Interessant ist auch der Wettkampf, in dem zwei der Sportler, deren Gewicht möglichst übereinstimmen muss, mit einem flexiblen Seil verbunden sind und in entgegengesetzten Richtungen loslaufen, um am Ende ihrer Laufmatten den „Siegerschalter“ zu drücken. Die maximale Dehnbarkeit des Seils ist natürlich an einem Punkt erschöpft, wo man mit ausgestrecktem Arm noch etwa 50 cm bis zum Schalter hat. Man muss also schnell laufen und sich im richtigen Moment hinwerfen, um Halt auf der Matte zu erhalten, sonst wird man vom Gegner umgerissen und verliert. Landen beide gleichzeitig, kommt es darauf an, wer mehr Ausdauer dafür aufbringt, sich langsam vorwärts zu arbeiten und den entsprechenden Versuchen des Gegners entgegenzuwirken. Wenn man den Arm zu kühn ausstreckt, kann es ebenfalls sein, dass man vom Gegner umgerissen wird. Hier gewinnt Kawaguchi. Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Sendung, wie es heißt, an der er offenbar schon mehrfach teilgenommen hat.

Sehr interessant eigentlich. Es würde mir durchaus Spaß machen, die eine oder andere Disziplin selbst einmal auszuprobieren.


[1] Kartoffeln („Solanum tuberosum“) und so genannte Süßkartoffeln („Ipomoea batatas“) sind auch nur entfernt verwandte Gewächse, aus der Ordnung der Nachtschattenartigen.

[2]   In einer kurzen Einblendung zu Beginn einer Werbepause sieht man Bob Sapp das Fass werfen: Es fliegt auf auf und davon, weit über das Gestell hinaus. Vielleicht hat man Bob nicht teilnehmen lassen, um für mehr Spannung zu sorgen.

13. Dezember 2023

Samstag, 13.12.2003 – Der begehrteste Mann im Kindergarten

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Sport — 42317 @ 7:00

Auf dem Weg in die Bibliothek pumpe ich endlich mal wieder etwas Luft in die Reifen meines Fahrrades. Danach werden Mails geschrieben, ohne, dass etwas Dramatisches dabei vor sich geht. Um 16:00 brechen Melanie und ich auf, um der Einladung des „Hippo Family Clubs“ zu folgen, den ich für gewöhnlich „Happy Hippo Club“ nenne, weil es leichter von der Zunge geht. Verdammtes Werbefernsehen!

Wir fahren auf der Straße Richtung Daiei, kommen an die Eneos Tankstelle, und gegenüber wartet auch schon ein bekanntes Gesicht. Es ist der Mann, der mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass Vogelweide wahrscheinlich nicht im 1200. Jahrhundert geboren worden ist. Er ist erkältet, wie mir scheint. Sushanan und Yong treffen zur gleichen Zeit ein.

Wie ich mir bereits dachte, handelt es sich auch hierbei um eine durchorganisierte Party mit festem Zeitplan. Ab 16:30 beginnt die „Endphase“ des Aufbaus. Ein hellblauer Teppich und drei Tatamimatten wurden bereits auf dem Boden platziert, damit die Füße nicht zu kalt werden. Es kommen mehr und mehr Leute und schließlich trifft auch die Stereoanlage ein. Maeda-san nutzt sie, um ihre Stimme mit dem angeschlossenen Mikrofon verstärken zu können, obwohl der Raum bestenfalls 35 qm groß ist. Aber wir brauchen die Anlage natürlich noch für was anderes…

Letztendlich anwesend sind die Gastfamilien und die ihnen zugeteilten Studenten, niemand sonst. Eine überschaubare Gruppe. Um 17:00 habe ich bereits die ersten Abenteuer hinter mir, nachdem die (vornehmlich weiblichen) Kinder mich wiedererkannt haben und mit dem „Kinnikuman“ spielen wollen. Weil ich nicht auf dem Boden Platz nehmen will, so lange es sich vermeiden lässt, und auch nicht stehen will, setze ich mich auf die Fensterbank. Neben mir ein halbes Dutzend Mädchen – wie bereits früher erwähnt – im Alter von vier bis elf Jahren. Sie verstecken sich (uns), indem sie die Jalousie des Fensters herunterlassen, und ich werde unfreiwillig Teil dieses Spiels, das ihnen auch nach mehreren Minuten und mehrmaligem Hochziehen und Herunterlassen der Jalousie nicht langweilig werden will.
Dann zieht mich eine davon an der linken Wange, wie das Melanie normalerweise zu tun pflegt, und ruft:
Der hat ja Barthaare im Gesicht!“ und findet das ungeheuer lustig.
Natürlich, das ist männlich!“ („Mochiron, otokorashii da zo!“) sage ich dazu, und alle lachen sich halbtot – weshalb auch immer. Ich wollte natürlich einen Scherz machen, aber dass er eine solche Wirkung haben würde, habe ich nicht erwartet. Und es wird noch toller. Minato, die Kleinste aus der Gruppe kommt im Anschluss noch öfter zu mir und bittet mich, „otokorashii“ zu sagen (und nichts weiteres). Ich tue es ein paar Male und jedes Mal kugelt sie sich auf dem Boden und quietscht vergnügt. Ich wusste nicht, dass das Wort so lustig ist. Auch wenn man es mit verschiedenen Betonungen sagt… aber vielleicht sehe ich das zu rational. Ihr zur Freude mache ich den Spaß eine Weile mit, aber irgendwann wird es mir doch eine Spur zu kindisch, und ich bitte sie freundlich, damit aufzuhören. Sie tut es, ohne sich zu beschweren, aber…

Wir haben ja alle Namensschilder bekommen, selbstklebende Papierstreifen, die wir selbst beschriften. Und als nächstes malen die Mädchen gleich zwei Schilder, auf denen „otokorashii“ zu lesen ist und kleben sie mir auf die Brust. Sie bekommen später einen Platz im „Manuskript“ meines Tagebuchs. Dann gehen sie dazu über, meine Arme und Beine zu befühlen, weil sie die Muskeln so toll finden. Ich finde das ein bisschen peinlich, aber ich will auch kein Spaßverderber sein. Als seltene Attraktion kommt auch einer der Jungs zu mir, etwa sieben Jahre alt, greift nach meinem Oberarm und meint „Das ist doch bestimmt nur Fett!“ Leider muss ich ihn in diesem Punkt enttäuschen, nachdem er sich empirisch überzeugt hat. Er läuft rot an und verschwindet wieder zu seinen Freunden, die an einer Tafel in der Ecke Baseball-Spielzüge durchgehen oder „Vier gewinnt“ spielen. Die Mädchen gehen derweil dazu über, mich mit einer Tür zu verwechseln und klopfen auf meinem Oberkörper herum. „Katai!“ („Hart!“) sagen sie. Hoffentlich wechsele ich nicht ebenfalls zu auffällig die Gesichtsfarbe. Ich habe wie üblich keine Ahnung, wie ich mit diesem ungebremsten Sturm der Begeisterung umgehen soll. Also „Helm auf und Glück ab!“, wie ein Freund letztlich sagte.

Das allein waren die „Abenteuer“ bis um fünf Uhr. Dann beginnt der offizielle Teil. Ich muss endgültig auf den Boden umziehen, das Mikrofon wandert reihum und jeder stellt sich kurz vor, beginnend bei SangSu. Das Procedere „Ich bin… und ich komme aus…“ wird spätestens beim vierten Mal langweilig.
Ich nehme das Mikrofon. „Ja, wer bin ich eigentlich?“ frage ich.
Leises Lachen im „Zuschauerraum“.
Der männliche Dominik!“ („Otokorashii Dominiku!“) rufen die Mädchen, als hätte ich sie dazu aufgefordert.
Amüsiertes Lachen unter den Erwachsenen.
Sehr gut! Gibt es jemanden, der mich noch nicht kennt? Nein? Wie es scheint, bin ich berühmt…
Ich spüre deutlich die pfeilspitzen Blicke von Melanie. Ich gebe das Mikrofon also lieber weiter.

Auch Familie Jin ist mittlerweile eingetroffen und hat sich in meine Nähe gesetzt. Mutter Eiko stellt sich vor. Uh, Keigo = feinstes Japanisch. Vater Yûtaka macht das ganze weniger förmlich. „Oosu!“ ruft er zur Einleitung. Eine Art Schlachtruf von Sportmannschaften. Wieder habe ich das Gefühl, in der irrsten Familie von dem ganzen Haufen gelandet zu sein… ohne das jetzt irgendwie negativ zu meinen.
Das Ehepaar Jin trägt T-Shirts mit aufgedruckten Familienfotos. Sie trägt eines, das sie zusammen mit ihrer Tochter zeigt. Offenbar recht aktuell. Sein T-Shirt zeigt ein Foto, das 1950 aufgenommen wurde. Er sagt, eigentlich habe er das Hemd seiner Mutter geschenkt, aber sie wolle es aus Gründen des Aberglaubens oder der Pietät, je nachdem, wie man es betrachtet, nicht tragen. Er hält die rechte Seite des Fotos zu. „Die sind bereits alle gestorben“, sagt er. Die Mutter wolle die Geister der Toten nicht beleidigen. Da er selbst nicht an solche Geister glaube, habe er kein Problem damit, das T-Shirt zu tragen. Ich frage ihn, wo man solche T-Shirts machen lassen könne. Er habe es in Tokyo gekauft, sagt er. In Hirosaki gebe es einen solchen Laden wahrscheinlich nicht. Ist eigentlich auch egal. Derzeit habe ich kein Motiv, das ich unbedingt auf einem T-Shirt sehen wollte.

Dann stellen sich die Studenten in einer Reihe auf, mit Ausnahme von Melanie, die ja „nur“ ein Gast ist, ohne Gastfamilie. Wir erhalten Geschenke – die Kinder der jeweiligen Familie haben je ein Porträt von uns gemalt, auf ein Blatt Papier, A4 Format, auf Pappe aufgeklebt, mit einem Band zum Umhängen. Yûmiko hat mich gemalt. Idealisiert, ohne Brille und etwas zu blond, aber es ist das schönste Bild von allen. Aller Subjektivität zum Trotz. Yûtarô hängt mir meines um, Yûmiko gibt Sushanan ihres. Yûtarô legt mir gegenüber immer noch eine gewisse Unsicherheit an den Tag. Also muss ich ihn noch ein bisschen auftauen. Sobald ich herausgefunden habe, wie ich es anpacken kann. Natürlich werden Fotos gemacht, wir mit unseren Porträts.

Dann beginnen die obligatorischen Spiele. Zum Aufwärmen der „L-O-V-E“ Song. Ich kriege die Fingerbewegungen nicht koordiniert. Auch das Spiel, wo jemand eine Zahl sagt und sich dann entsprechend große Gruppen bilden müssen, wird noch einmal durchexerziert. Aber diesmal bin ich darauf gefasst und kann unverkrampfter an die Sache herangehen. Danach stellen sich zehn Freiwillige in die Mitte des Raumes, die übrigen bilden einen Kreis um sie herum. Dann wird eine Musik gespielt, der äußere Kreis bewegt sich im Takt der Musik auf die Mitte zu und jeder tritt irgendjemandem (sanft) ans Bein. Ich sehe davon ab, jemanden zu treten. Ich habe keine Ahnung, was das hier bedeutet, aber die Gesetzmäßigkeiten erschließen sich schnell. Der Tritt ans Bein ist gewissermaßen eine Herausforderung zum Jan-Ken-Pon. Okay, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Die Melodie hört auf zu spielen und die Getretenen gehen zum jeweiligen Herausforderer und spielen mit ihm/ihr Jan-Ken-Pon. Wer verliert, muss in die Mitte, bzw. in der Mitte bleiben. Man hat zehn Sekunden Zeit, mit Leuten Jan-Ken-Pon zu spielen, um aus dem Kreis herauszukommen, bevor die Musik wieder zu spielen und der Tanz von vorne beginnt. Da die Vierjährige offenbar einen Narren an mir gefressen hat, sehe ich mich die ganze Zeit über ihren „Attacken“ ausgesetzt, und sie hat ein diebisches Vergnügen daran, mich so kräftig zu treten, wie sie nur kann – aber da sie bestenfalls 20 Kilo wiegt, ist das nicht viel. Jin Eiko bedient die Stereoanlage, da sie mit ihrem gerade wieder halbwegs brauchbaren und noch immer bandagierten Fuß nicht mitspielen kann. Ich hoffe, sie langweilt sich nicht allzu sehr.

Nachdem ich dann alle Spiele ohne bleibende Schäden überstanden habe, gibt es was zu Essen. Und davon nicht zu wenig. Die Familien haben es zubereitet. Da steht eine Art Rahmkuchen, der eher wie ein großes Omelett aussieht, Obstsalat, Onigiri (Reisbällchen) verschiedener Art, gekochte Hühner(-unter-)schenkel, Spaghetti mit mehreren Sorten Soße, darunter Hackfleischsoße, eine scharfe Tomatensoße und sogar Pesto, eine Art Kuchen, dessen einzelne Stücke man andernorts als „Brownies“ bezeichnen würde, kleine Cupcakes, Reis mit Gemüse, Nudeln mit Fleisch und Soße, frittiertes Schweinefleisch, frittierte Teigstückchen, frittierter Teig mit Fleischstückchen, natürlich Sushi, und etwas, das man in Deutschland als „Schweinebraten mit dunkler Soße“ bezeichnen würde. Fast das gleiche wie zuhause, nur der Daikon-Rettich und das Gemüse in der Soße wirken daran japanisch. Und das Fleisch wurde bereits mundgerecht geschnitten, damit man es ohne Messer und Gabel mit Stäbchen essen kann. Nachdem ich von allem eine Portion gegessen habe, bin ich natürlich satt, aber ich nehme noch ein paar Happen von den Sachen, die besonders gut waren. Jetzt bin ich kurz vor „überfressen“.

Übrigens ist auch die Chinesin, die so schön getanzt hat, hier. Mit der offenen Frisur habe ich sie nicht sofort erkannt. Erst das Bild, das man ihr geschenkt hat, brachte mich in die richtige Richtung, weil sie darauf in dem entsprechenden Kostüm dargestellt ist. In japanischer Transkription heißt sie „FanFan“. Die chinesische Originallesung kann ich nicht aussprechen; sie überträgt sich u.a. etwa als „KanKan“ ins Japanische, aber das klingt ja furchtbar…. Das Original jedenfalls kann ich mir nicht merken und… na ja, dann lieber „FanFan“. Meine Bitte, sie möge doch bei anderer Gelegenheit noch einmal tanzen, weist sie höflich und lächelnd zurück.

Nach dem Essen führen die Kinder ein kleines Stück auf, das offenbar aus Russland stammt – und es scheint die russische Version von der „Rübe“ zu sein. „Die Rübe“ ist ein Gedicht oder ein Lied, das sich in einem meiner Lesebücher der Grundschule befand, dritte Klasse, glaube ich, und es geht darum, dass einer aufs Feld geht und eine riesige Rübe vorfindet, die er allein nicht aus der Erde ziehen kann; also ruft er Verstärkung, und einer nach dem anderen kommt, um beim Herausziehen der Rübe zu helfen, bis schließlich alle gemeinsam anpacken und die Aufgabe bewältigen.
Die gezeigte russische Version handelt von einem Bauern, der seine Frau, seine Kinder und seine Eltern zu Hilfe ruft, und schließlich ziehen alle Bewohner des Hofes gemeinsam an der Rübe, vom Bauern bis zum Hofhund, der Katze und der Maus. Die Kinder haben hierzu entsprechende, wenn auch einfache Kostüme gebastelt. Sehr niedlich. Jin Eiko hält während der Vorführung Pappschilder in die Luft, auf denen die Szenen noch einmal in Bilderform aufgemalt sind und liest von der Rückseite den Erzähltext ab. Die Rübe, um die es letztendlich geht, ist ein Zusammenschnitt aus einem großen roten Kopfkissen und grünen Stoffstücken in Blattform.

Dann ist das Programm zu Ende und das Einpacken und Verteilen des restlichen Essens beginnt. Die Tische werden gesäubert und zusammen mit den Stühlen wieder in die jeweilige Ausgangsposition geschoben. Nach und nach verlassen die Leute das Gebäude und ich passe noch einen der Erwachsenen ab, der ein olivgrünes Hemd trägt, das vor einigen Jahren noch Eigentum der deutschen Bundesluftwaffe gewesen war, noch mit Adler an der Schulter und mit Bundesflagge Schwarz/Rot/Gold. Ich frage ihn, wo er das gekauft habe und ob man dort auch japanisches Material kaufen könne. Er habe es in Hirosaki gekauft, sagt er, aber der Laden habe inzwischen geschlossen. Und es gebe nur Material aus dem Ausland, hauptsächlich aus den USA und aus Deutschland. Japanische Uniformen habe er keine gesehen. Das finde ich zwar nicht sehr hoffnungsspendend, aber wenn es noch mehr ausländisches Material gibt, kann ich in Japan vielleicht einen russischen Tarnanzug kaufen, ohne dafür gleich nach Polen oder weiter fahren zu müssen… von Trier aus fährt ja ein Bus direkt nach Minsk. Ich werde auf jeden Fall weiter versuchen, einen Tarnanzug der Jieitai, der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte, zu ergattern.

Um 19:30 sind wir wieder zuhause und sehen uns „30 Menschen, 31 Beine“ an. Dreißig Grundschüler bilden eine Reihe, ein Bein jeweils an das des Nachbarn gebunden. Sie laufen nacheinander eine Strecke von 50 Metern gegen die Zeit und natürlich gegen Teams aus anderen Gegenden Japans; insgesamt ein Dutzend Mannschaften, die die Vorausscheidungen gewonnen haben, um hier bei den japanischen Meisterschaften antreten zu können. Als Gast ist eine Mannschaft aus Kuba dabei. Die Kubaner scheitern im Halbfinale. Was reden die eigentlich für eine Sprache? Natürlich eine Art Spanisch, aber nach Spanisch hört sich das für mich nicht mehr an. Die ganze Angelegenheit ist sehr emotional. Bei den Verliererteams bricht sich die Anspannung in Form von Tränen feuchte Bahnen. Die begleitenden Lehrer gleich mit. Man hat den Eindruck, die Jungs und Mädchen seien der Meinung, man würde ihre Eltern auf Nimmerwiedersehen nach Sibirien deportieren, sollten sie nicht gewinnen. Aber man sagt mir auch nach, ich sei emotional halbtot. Ich sehe mir die Sendung nicht ganz bis zum Ende an. Nach dem Ausscheiden der Kubaner gehe ich schlafen. Und während ich schlafe… aber das erzählt mir Melanie erst später.

4. Dezember 2023

Donnerstag, 04.12.2003 – Ohne den Winter wären die Tage länger und die Unterhosen kürzer

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Auch heute Mittag warte ich vergeblich auf Yui. Ist sie krank? Wenn sie keine Zeit hat, ruft sie doch gewöhnlich an. Ich verabschiede mich also vorläufig davon, dass unsere Treffen Mittwochs und Donnerstags dauerhaft regelmäßig geplant waren. Ich muss aber endlich meine Krankenversicherung zahlen, und Melanie sagt, das ginge mit dem Automaten. Für die Bedienung einer Maschine möchte ich Yui aber lieber dabei haben. Um 1215 verlasse ich die Halle wieder. Bis 1240 sehe ich dann meine Post durch und stelle fest, dass der Drucker im Center nach Tagen endlich wieder Tinte hat. Das muss ich direkt ausnutzen, und ich freue mich, dass der Rechner, an dem ich sitze, den Druckauftrag auch weiterleitet. Leider stelle ich dabei fest, dass ich Kais Mail versehentlich gelöscht habe, in der er mit den hehren Worten eines wahren Meisters erklärt hat, warum eine Kette an den Schweißstellen nicht so leicht rostet. Eigentlich wollte ich sie fürs Archiv mit ausdrucken…

Kitahara-sensei erläutert uns heute die Geschichte der Frauen der Gegend, die heute Aomori-ken ist. Es ist ganz interessant, wie sich die Neuzeit (also ab 1868) für die Frauen gestaltet hat. Die Gattin des ersten amerikanischen Lehrers in Hirosaki zum Beispiel bedauerte die armen Mädchen, die im Alter von 13 oder 14 Jahren bereits verheiratet wurden, und Heiraten war zu dieser Zeit wenig anderes als eine Umverteilung von Arbeitskräften. Und weil die Mädchen dringend benötigte Arbeitskräfte waren, waren sie vom existierenden Bildungsangebot weitgehend ausgeschlossen. Die Mädchen (und auch die Jungs), die eine Schulbildung erhielten, kamen aus besser gestellten Familien, die nicht unbedingt auf aller Hände Arbeit angewiesen waren. Mrs. Ing hatte offenbar auch Schwierigkeiten, zu beschreiben, was „Kalligrafie“ im japanischen Sinne ist. Das kann doch nicht so schwer sein – „man nimmt einen großen Pinsel und einen großen Bogen Papier und malt schwungvoll japanische Schriftzeichen darauf.“ Das war ein Satz. Ja, das sei schon richtig, sagt Kitahara-sensei, aber Mrs. Ing ging mit ihren Schilderungen (die sie an eine Zeitung in ihrer Heimatstadt schickte) auch weit mehr ins Detail, beschrieb die benötigten Requisiten und alles andere darum herum.

Während des Unterrichts setzt starker Schneefall ein. Gestern Abend hat es auch schon geschneit, aber der Schnee war sehr nass. „Es schneite Regen“, könnte man sagen. Der heutige Schnee dagegen ist von einer ganz hervorragenden Qualität, soweit ich das nur vom Anfassen und Formen her beurteilen kann. Allerdings soll es am Samstag gleich wieder regnen, sagt der Wetterbericht. Erst der Sonntag soll wieder richtig kalt werden. Warten wir’s ab. Aber heute schneit es erst einmal, mal mehr und mal weniger heftig. Aber die meiste Zeit stark.

Nach dem Unterricht erfahre ich von Melanie, dass Yui im Center auf mich warte. Das ist doch was. Vielleicht erhalte ich dann doch noch eine sinnvolle Beschäftigung fuhr den Nachmittag. Yui begleitet mich zur Bank und erweist sich (natürlich unverschuldet) wieder einmal als überflüssig. Ja, ja, von wegen Automat… wer hat das Gerücht bloß in die Welt gesetzt? Die Dame am Schalter nimmt den richtigen Zettel aus dem meinem Überweisungsblock heraus, bittet um die Zahlung von 2500 Yen, überreicht mir eine Quittung und die Sache ist erledigt. Tut mir leid, Yui…

100 Meter von der Bank weg, wieder in Richtung Universität, sehen wir einen Mann, der keine Kälte zu kennen scheint. Der gemeinte Herr ist etwa 170 cm groß, schlank, um die 40 Jahre alt und arbeitet kniend an seiner Garageneinfahrt herum. Durch das Knien ist seine Trainingshose so verrutscht, dass die Hälfte seines Hinterns zu sehen ist. „Kowai…“ sagt Yui dazu. Er steht kurz auf, zieht die Hose zurecht und kniet sich wieder hin – mit dem Ergebnis, dass all seine Mühe umsonst war. Er sieht noch immer aus, als wolle er ein Ei auf die Straße legen. Es juckt mich direkt in den Fingern, eine Portion Schnee von der Mauer zu nehmen und sie ihm in die Öffnung zu werfen. Aber ich lasse es lieber.

Yui schlägt vor, zum Lernen in das Restaurant über der Mensa zu gehen. Ja, warum auch nicht. Auf der Speisekarte finde ich ein paar (wenige) Sorten Spaghetti, als erstes „Napolitan“, also „Napoli“, mit Tomatensoße. Das will ich dann doch mal probieren. Andere Leute probieren McDonald’s in verschiedenen Nationen und ich eben Spaghetti mit Tomatensoße. Schließlich bin ich vor langer Zeit der „Pastasciutta-König“ gewesen. Ich glaube, das ist inzwischen 20 Jahre her. Die „Probierportion“ (also „klein“) kostet 390 Yen…

Und gerade eben geht mir der zweite Kugelschreiber aus, den ich hier gefunden habe. Ich schreibe offenbar unerhört viel. Ich muss mich in den Hörsälen dringend nach einem neuen Kugelschreiber umsehen – gewöhnlicherweise werden ja genug davon vergessen. Für den Moment muss ich auf meinen „ureigenen“ umsteigen.

… wo war ich? Ja, also 390 Yen für eine kleine Portion Spaghetti mit Tomatensoße, aber für nur 100 Yen mehr kann man noch „Nomihôdai“ („All you can drink“) dazu bekommen. Natürlich nur Softdrinks, aber so viel, wie man will, bis zum Ladenschluss um 1700. Die Auswahl an Getränken besteht aus Apfelsaft, Orangensaft, Eiskaffee, Oolong Tee, schwarzem Tee und Kaffee. Selbstbedienung. Nachdem ich von jedem was probiert habe, bleibe ich bei einer Mischung aus Apfelsaft und Orangensaft (1:2).

Die Spaghetti sind sehr interessant. In der Soße befinden sich kleine Fleischstreifen, Paprikastückchen, sichtbare Zwiebelstücke (so groß wie die Fläche meines Daumens) und ein einsamer Champignon. Ich würde sagen „Das ist kein Jim Beam!“ (und meine damit „Das ist keine Napoli-Soße!“). Ich habe schon viele Spaghetti mit Tomatensoße gegessen, nicht nur aus der Tüte, sondern auch echte – aber diese Zutatenzusammenstellung habe ich noch nirgendwo gesehen, auch nicht in Italien. Nu ja, aber es schmeckt. Der Geschmack ist gut, wenn auch vielleicht ein bisschen stark – ich fürchte, denen ist die Dose mit dem Fondor (Geschmacksverstärker auf Basis von Mononatriumglutamat) in den Topf gefallen.

Auf dem Tisch steht ein Parmesanspender. Aber nicht irgendein neutraler oder einer aus Japan. Nein, der Parmesan hier ist von Kraft. Also eigentlich teuer. Und es ist echter Parmesan, und kein „Parmesello“, wie man ihn in Deutschland für den Hausgebrauch kauft, wenn der Geldbeutel eher schmal ist. Parmesello ist kein Parmesan – echter Parmesan hat seinen Preis, und der ist normalerweise nicht von schlechten Eltern. Parmesello ist nur ein günstiges Plagiat, das mit dem ähnlichen Namen Werbung macht. Oh, Tabasco gibt es auch. Besser Tabasco als gar nichts scharfes.

Nach dem Essen gehen wir neun der 16 für die Klausur am Dienstag notwendigen Lektionen durch, und die Unterscheidung von „te-iku“ und „te-kuru“ macht mir immer noch gewisse Probleme, vor allem, wenn der zu bildende Satz keine physische Bewegung beinhaltet. Aber wie es der Zufall will, kommt um 1630 Kashima-sensei in das Restaurant, um einen Kaffee zu trinken. Genau den brauche ich jetzt. Ein professioneller Japanischlehrer, der überdies auch noch Englisch kann. Yuis Englisch ist leider zu rudimentär, um grammatikalische Zusammenhänge zu erklären. Aber zusammen mit dem, was Yui bereits erklärt hat, kann ich mir so langsam ein Bild davon machen, was es mit den fraglichen Konstruktionen auf sich hat.
Und wenn Kashima-sensei schon einmal am Tisch sitzt, kann er mir grade noch „te-oku“ und „te-aru“ erklären, zur Sicherheit. So weit ich ihn verstehe, bezieht sich die Verbkonstruktion „te-aru“ auf Dinge, die in der Vergangenheit bereits vorsorglich getan wurden, während man „te-oku“ verwenden sollte, wenn die Vorbereitungen im Gange sind oder überhaupt erst noch in der Zukunft begonnen werden sollen.

Um 1700 schließt das Lokal, und nachdem Kashima-sensei sich verabschiedet hat, gehe ich mit Yui in die Mensa, um noch ein paar Aufgaben durchzugehen. In der Mensa treffen wir (Saitô) Mio, die kleinere der beiden Mios. Aber viel ist in der Mensa nicht mehr zu machen, weil es da zu laut ist. Ich kann mich ja kaum auf das konzentrieren, was ich fragen oder sagen will. Aber ich schieße ein hübsches Bild von den beiden.

Yui und Mio 2003

Um 1815 komme ich an einen Rechner, schreibe meinen Bericht und spiele ein bisschen Go. Ich habe die CD mit dem Spiel darauf Ende Oktober im 100 Yen Laden gekauft und ich bin eigentlich sehr glücklich damit. Ich habe versucht, „Go“ aus dem Netz runterzuladen, aber ich fand große Bretter nur als kostenpflichtige Version, musste also mit einem kleinen 9×9 Brett vorlieb nehmen. Jetzt habe ich also 75 Cent investiert und habe eine „große“ Version, die man auch zu zweit (am selben Rechner zumindest) spielen kann, und man muss das Spiel nicht installieren (was ich ja am Unirechner eh nicht kann). Ich spiele direkt von der CD. Und ich verliere – mal wieder – haushoch gegen meinen elektronischen Gegner. Leider mangelt es mir ein wenig an Fähigkeit zur Fehleranalyse, also muss ich mir schon vorher ein generelles Vorgehen zurechtlegen. Ich merke, dass ich verloren habe, wenn ich dazu übergehen muss, auf den Gegner zu reagieren. Aber das ist auch grade alles, was ich merke, und ich verliere auch weiterhin… aber wenn ich hin und wieder spiele, wird das bestimmt noch. SangSu sagt, dass er auch Go mal gelernt habe, aber er sei „abgrundtief schlecht“ („chô warui“). Ich sehe mich am besten mal nach einem echten Brett um. Muss ja nicht gleich Teakholz sein.

Ich gehe nach Hause, als ich genug habe und komme noch früh genug an, um noch „Mujin Wakusei no Survival“ (ein Anime, „Überleben auf einem unbewohnten Planeten“) zu sehen. Danach läuft die Serie um diesen Detektiv in Kyoto (kein Anime, und ich habe immer noch nicht nachgesehen, wie man den Namen der Serie liest und übersetzt)1, dann „Trick“ und schließlich „Manhattan Love Story“.

Ich bin auch immer noch auf der Suche nach Downloadmöglichkeiten, aber ich weiß nicht einmal genau, wo ich eigentlich nach japanischen Live-Action Serien suchen muss, also habe ich noch nichts gefunden. Im Prinzip brauche ich eine Seite wie www.Animesuki.com, eben nur für Live Action Serien…

1 Es könnte sich um „Kyôto Meikyû“ handeln, „Labyrinth Kyôto“.

22. November 2023

Samstag, 22.11.2003 – Let it snow, let it snow, let it snow…

Filed under: Japan,Musik,My Life,Spiele — 42317 @ 10:32

Heute Morgen ist es zum Teil recht windig und einzelne Schneeflocken fallen vom Himmel. Es sind kleine Schneeflocken – aber es sind Schneeflocken. Es ist dem entsprechend kühl.

Die heutige Episode SailorMoon verläuft ohne große Überraschungen. Makoto und Rei streiten sich, Rei wird von Mitarbeitern ihres Vaters (der ein reicher, mächtiger, und vor allem obskurer Politiker ist) gewissermaßen aus dem Schrein ihres Großvaters entführt. Makoto rettet sie (die Wachen fliegen nur so in der Gegend rum) und alles ist wieder gut. Interessant fand ich die Jupiter-Attacke „Flower Hurricane“. Davon habe ich noch nie gehört… oder habe ich die vergessen? Mir deucht, da will jemand kreativ anstatt reproduktiv sein.

Reis Vater oder Großvater bekommt man nicht zu Gesicht. Von dem Schrein hat man allgemein noch so richtig nichts außer ein paar nichts sagenden Außenaufnahmen gesehen. Ich will auch betonen, dass der „Hikawa Jinja“ kein Tempel (= buddhistisch), sondern eben ein Schrein (= shintoistisch) ist. Und bislang fehlt da noch ein wichtiger Jemand: Yûichirô, der Schreindiener aus Leidenschaft. Ich würde sein Fehlen wirklich sehr bedauern. Vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Annäherung von Makoto und Motoki muss ich allerdings fürchten, dass hier die „Beinahe-Beziehung“ Yûichirô/Rei der Animeserie aus Gründen der „Kreativität“ durch die neue Konstellation ersetzt wird.

Abgesehen davon finde ich es ein wenig dämlich, dass die Truppe sich die meiste Zeit in einem der (Karaoke) Räume des „Crown Game Center“ trifft, anstatt im Schrein. Okay, Luna hat den Mädels auf geheimnisvolle Art und Weise Dauerkarten für kostenlosen Zutritt verschafft, aber das wirkt an den Haaren herbeigezogen, und es ist nicht das gleiche, die Stimmung ist total anders, weil der Karaoke Raum widerlich künstlich aussieht, im Gegensatz zu der gediegenen Atmosphäre eines Schreins. Aber selbst wenn die fünf Freundinnen die Raummiete im Game Center zahlen müssten, würde das wohl nicht so sehr ins Gewicht fallen, wie man meinen könnte… am Tisch sitzen ja Usagi, Ami, Rei und Makoto, und schließlich wird noch Minako dazukommen – und von den fünf genannten Personen haben zumindest vier keinerlei finanzielle Sorgen. Bis auf Usagi sind die alle „wohlhabend“ bis „reich“: Minako als gefeierter Star, Rei mit dem Vater im Hintergrund, Ami mit der Ärztin als Mutter (und dem Vater, der es sich offenbar leisten kann, lieber irgendwo in der Welt herumzureisen und Bilder zu malen, als Zeit mit seiner Tochter zu verbringen), und Makoto mit ihrer (zumindest mutmaßlichen) Waisenrente, die ihr eine geräumige Wohnung in Tokyo für sich allein erlaubt!

Venus ist noch nicht dazugekommen. Wenn sie in der kommenden Episode nicht dazustößt, steht fest, dass hier unnötig Zeit und Produktionskapital verschwendet wird – man könnte sich doch auf das Wesentliche beschränken, als ständig nur „Das Monster der Woche“ zu präsentieren. Mehr Storyentfaltung statt Leerlauf! Ich komme zu der Überzeugung, dass die derzeitige Produktion sich auf die erste Staffel beschränken wird. Natürlich mag jetzt jemand einwenden, „auf dieser und jener Seite im Internet sind die Fakten doch zu finden, warum nur vermuten?“, aber ich muss sagen, dass ich mir nicht die Mühe mache, selbst groß zu suchen. Ich weiß inzwischen, was mich interessiert. Ich weiß, dass es eine „Episode 0“ gibt (ein „Making Of“), ich kenne die Namen der Hauptdarstellerinnen auswendig, nachdem ich sie zweimal angesehen habe (wenn mir doch nur alles so gut merken könnte, wie die Namen hübscher Frauen!) und ich habe mir die Geburtsdaten der Mädels mal angesehen – die Hauptdarstellerinnen sind zwischen 1986 und 1988 geboren, also durchaus passend für diese Rollen.

Ein Blick auf meine finanzielle Entwicklung: Am Ende des Monats scheint mir exakt so viel Geld übrig zu bleiben, wie der Anteil Melanies an den Gesamtkosten wert ist – wäre ich alleine hier, hätte ich also gerade genug zum Überleben und ab und zu einen Keks als Sonderration an Sonntagen… Ich empfehle allen meinen Nachfolgern, sich eine Wohnung mit jemandem zu teilen. Wenn man das nicht will und wenn auch nicht übermäßig viel Platz braucht, sollte man keine zwei Zimmer nehmen – eine Einzimmerwohnung reicht voll und ganz aus, und spart ein paar Tausend Yen Miete. Melanie und ich verwenden unser Tatamizimmer z.B. nur als Schlafzimmer und für sonst nichts. Rein materiell betrachtet kämen wir auch mit einem einzigen Raum aus. Der einzige konkrete Vorteil des zweiten Raumes ist der zweite Schrank, der sich darin befindet. Müssten wir die Futons zusammen mit den anderen Sachen in einem einzigen Schrank unterbringen, hätten wir ein Platzproblem. Andererseits wird die eine oder andere Ecke auch noch nicht wirklich effektiv ausgenutzt, wie z.B. das kleine Schrankfach über dem Hauptschrank. Wenn man die ganzen Kartons wegwirft, könnte man da noch einiges hineintun.

Aber was hilft das Klagen (eigentlich will ich mich gar nicht beschweren!), es ist so, wie es ist. Und der wahre Vorteil eines zweiten Raumes ist die Rückzugsmöglichkeit, die er bietet. Andauernd auf Tuchfühlung zusammen zu sein, führt zwangsweise zu Spannungen, die ich zur Erhaltung meiner Beziehung eigentlich vermeiden möchte.

Übrigens muss man nicht gleich verzweifeln, nur weil man zuhause niemanden findet, mit dem man zusammenwohnen möchte oder kann, weil man vielleicht der einzige von seiner Heimatuni ist, der hierher kommt. Es gibt hier genügend Möglichkeiten. Misi hat anfangs ebenfalls nach jemandem für eine 2er-WG gesucht (aber niemanden gefunden, ähem…), aber Mei z.B. hat eine weitere Chinesin gefunden, BiRei, die bereit war, mit ihr eine Wohnung zu teilen. Und mir scheint, die kommen gut miteinander aus.

Aus Tokyo höre ich, dass es dort kaum (oder keine?) „Internationale Feste“ gebe. Wie soll ich diese Meldung interpretieren? Was soll ich denn in Tokyo, wenn die ach so guten Universitäten dort es nicht für notwendig (oder erschwinglich) betrachten, den kulturellen Austausch etwas in Gang zu bringen? Ich finde das reichlich traurig. Dann wundert mich wenig, dass sich unter den vertretenen Ethnien „geschlossene Gesellschaften“ bilden. Wohl dem, der genügend Landsleute zur Auswahl hat! Wenn man mit einzelnen Exemplaren nicht zurecht kommt, kann man sich auch an andere wenden. Wenn man dagegen einen kurzen Strohhalm gezogen hat, vielleicht der einzige aus seinem Heimatland ist oder mit seinen Landsleuten nicht zurechtkommt, dann hat man verloren. Es ist nicht jedermanns Sache, von sich aus auf fremde Leute zuzugehen, um Kontakte zu knüpfen. Und wenn das nicht gelingt oder unterlassen wird, könnte das Austauschjahr eine widerlich einsame und lange Zeit werden.

Ich bin der Meinung, dass die Universitäten den Studierenden unter die Arme greifen sollten, damit diese irgendwo sozialen Anschluss finden. Und das nicht nur bei Japanern, sondern auch untereinander. Wann erhält man schon eine Gelegenheit, sich unter einen derart internationalen Haufen zu mischen? Ich habe das Gefühl, dass die vertretenen Nationen hier interessanter (weil für mich exotischer) sind, als das, was sich z.B. in Trier tummelt (obwohl dort die gleichen vertreten sind). Aber das ist nur meine persönliche, subjektive Meinung. Vielleicht bedarf es dafür einer „anleitenden“ Institution. Und das hiesige Ryûgakusei Center erfüllt diese Aufgabe sehr vorbildlich.

Wenn man eine zurückgezogene Natur ist, die nicht von alleine Kontakte sucht (aber dennoch braucht), muss man doch in Tokyo vereinsamen – oder sehe ich das falsch? Ich persönlich komme damit zurecht, nur oberflächliche Kontakte zu haben, weil ich mich auch mit mir selbst genug beschäftigen kann – aber ich bin ja auch „Der Extreme“. Wer also mehr Wert auf soziale Kontakte legt, als auf die – wie soll ich sagen? – infrastrukturellen Vorteile der Megalopole Tokyo, der komme ruhig nach Hirosaki. Ich habe es bisher in keiner Weise bereut.1
Aber der Winter kommt ja erst noch.

Um zehn Uhr am Morgen kommt SangSu die Treppe hoch und klingelt an meiner Tür – um mir zu sagen, dass es schneit. Ich bin erst ein wenig verwirrt, weil er wegen dieses banalen Umstandes extra vorbeikommt, aber ich empfinde es als eine freundschaftliche Geste. Bei der Gelegenheit kläre ich ihn darüber auf, dass ich kein „-san“, sondern ein „-kun“ bin. Wenn ich irgendwann einmal reich und wichtig sein sollte, darf er mich gerne „Dominik-san“ nennen, aber jetzt reicht mir „Dominik-kun“.2

Wegen der Stimmen auf dem „Flur“ steckt SongMin den verschlafenen Kopf zur Tür raus und redet ein paar Sätze mit SangSu, und das mit einer „Ich bin gerade erst wach geworden“ Stimme, die so niedlich und süß ist, dass ich auf der Stelle Karies kriegen könnte. Danach verschwindet sie wieder hinter der Wohnungstür. Bevor SangSu geht, biete ich ihm an, am Abend doch mit SongMin und Jû bei mir vorbeizukommen, um vielleicht einen Schluck zu trinken und ein bisschen zu „plaudern“, wie man so schön sagt. Er will warten, bis SongMin endgültig ansprechbar ist und Jû überhaupt wach wird (der lernt immer bis drei oder vier Uhr morgens) und verspricht, die beiden zu fragen.

Drei Stunden später treffe ich ihn in der Bibliothek wieder und SangSu teilt mir mit, dass Misi für diesen Abend bereits eine Party geplant habe. Ich habe auch nichts dagegen, da hinzugehen. Bis 1700 schreibe ich drei Berichte und treffe danach Melanie, weil wir zum Ito Yôkadô fahren wollen. Dort befindet sich der Busbahnhof und wir bringen in Erfahrung, wie viel der Trip nach Tokyo mit dem Nachtbus kosten würde. 19.000 Yen wären für Hin- und Rückfahrt zu zahlen, also etwas über 140 E. Das ist nicht wenig, vor allem gerade jetzt, wo ich noch kaum Geld angespart habe. Mein Plan war, bis zum Sommer etwas Geld zurückzulegen, um dann nach Tokyo zu fahren, um auch kommerziell etwas davon zu haben. Meine Geldreserven belaufen sich auf gerade 30.000 Yen, vielleicht ein bisschen mehr, aber 35.000 sind eine großzügige Schätzung. Melanies Planung läuft ja darauf hinaus, über Weihnachten nach Tokyo zu fahren, um mit Ronald und Ricci zusammen Weihnachten verbringen zu können. Natürlich gehen unsere Meinungen da weit auseinander. Für mich ist Weihnachten kein besonderer Tag, also hätte ich nichts dagegen, die kommenden Semesterferien im Frühjahr abzuwarten, um zu fahren. Ich will meine Freunde in Tokyo ebenfalls sehen, aber ich brauche nicht Weihnachten als Anlass. Zwei Monate später ist doch auch in Ordnung, Hauptsache, ich sehe die zwei überhaupt – oder nicht? Auf jeden Fall hätte ich dann auch die notwendigen Reserven, um in Tokyo auch ein paar sehenswerte Dinge besuchen zu können, anstatt mich auf ein Minimum beschränken zu müssen. Natürlich sieht Melanie das völlig anders. Weihnachten sei nun einmal Weihnachten, das sei etwas ganz besonderes und man solle diese Tage mit besonderen Menschen verbringen. Ein Besuch im Februar zum Beispiel sei nicht das Gleiche. Aha, wie soll ich das verstehen? Sind die Freunde weniger besondere Menschen, weil zufällig gerade nicht Weihnachten ist? Ich würde mich immer freuen – aber ich muss doch auch der (finanziellen) Realität Tribut zollen. Wenn ich jetzt nach Tokyo fahre, bin ich nachher pleite, und ich muss vielleicht noch einmal hinfahren, um die Besichtigungen zu machen, die mir so vorschweben. Also doppelte Ausgaben. Das schmeckt mir nicht. Vor allem eingedenk der Tatsache, dass ich möglichst viel Geld auch zurück nach Deutschland nehmen muss, weil ich sonst kein Geld mehr haben werde, um überhaupt meinen Semesterbeitrag zahlen zu können (der zufällig ebenso hoch ist, wie der Preis einer Fahrt nach Tokyo).

Ich könnte – oder muss – meine Internetverkäufe verstärken, damit Geld in die Kasse kommt, aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass diese jetzt geplante Reise nach Tokyo die einzige, und mangels Geld eine relativ magere bleiben wird.3

Ein Argument muss ich allerdings anerkennen: Ronalds Stipendium läuft am Ende des Wintersemesters aus, und es ist wahrscheinlich, dass er danach sofort zurück nach Deutschland fliegt. Also gäbe es keinen Zeitraum außer um Weihnachten, ihn noch einmal zu sehen, bevor ich wieder bis Oktober 2004 warten müsste… also sei es.

Man lebt nur einmal und wenn mir morgen ein Ziegelstein auf den Kopf fällt, habe ich von keinem gesparten Geld der Welt mehr etwas. Also folge ich einer feudalen „Tradition“ und mache mich bei einem „Edo sanpô“ („Gang nach Edo“ = Tokyo) arm. Schließlich bin ich der Schwarze Samurai.4

Nach der Preisinformation gehen wir ins Ito Yôkadô, weil Melanie weitere Bilder von uns machen möchte – „Purikura“, die man noch selbst an einem an der Kabine integrierten Computer bearbeiten kann, um lustige Fotos daraus zu machen.5 Wahrscheinlich habe ich darüber bereits geschrieben, also gehe ich nicht weiter auf dieses behämmerte Thema ein – Purikura sind für Kinder! Und von dieser Meinung werde ich in absehbarer Zeit nicht abweichen. Unter Teenagern erfreut sich dieses „Spiel“ jedenfalls der größten Beliebtheit, wie mir scheint.

Der Automat, den Melanie verwenden möchte, ist gerade besetzt, also setze ich mich in die CD Abteilung ab, um auch mal nach den CDs zu forschen, nach denen man mich bereits gefragt hat. Aber ich muss das anders anpacken. Ich finde auf eigene Faust nicht sonderlich viel, und ich will den Angestellten nicht nach allem auf einmal fragen… auch – oder vor allem? – um meinetwillen. Am besten schreibe ich einzelne Zettel mit den Interpreten und besorge mir etwas Vokabular, dass in einer CD Abteilung von Nutzen sein könnte. Am besten fange ich mal mit „bestellen“ an.

Ich finde auch Material, das mich selbst interessieren würde. Eine CD von Ogata Megumi… „Stop and Go“. Habe ich noch nie von gehört. So wie die CDs hier verpackt sind, muss ich annehmen, dass Deutschland den Japanern eine Serviceleistung voraus hat – offenbar kann man eine beliebige CD nicht einfach so anhören. Aber vielleicht hätte ich fragen sollen, anstatt es nur zu vermuten. Ich merke mir die CD einmal. Ah, Hayashibara Megumi findet sich auch, aber nur Singles, mit Ausnahme von „Fuwari“. Was soll ich mit Singles? Ich mache mir eine Notiz für „Fuwari“. Oha, da ist der „ANIMETAL MARATHON“… Nummer Fünf??? Dann habe ich ja einiges verpasst. Aber den nehme ich sofort mit, koste es, was es wolle. Und wenn ich schon dabei bin, nehme ich mir auch eine CD mit dem gaaanz alten „Cutey Honey“ Soundtrack mit. Dem kann ich jetzt nicht widerstehen. Oh, da steht der komplette „Sakura Taisen“ Soundtrack… teuer… aber vorgemerkt.

Dann ist der Automat endlich frei. Melanie darf die Bilder alleine bearbeiten. Mir fehlt das Verständnis dafür, was daran so toll sein soll. Mir fehlt das Interesse, also spiele ich eine Runde „Point Blank“, bzw. es ist wohl eines der Spiele aus der Reihe, und es heißt „Gun Barl“. Barl? Barrel? Japlish? Egal, die Pistole erweist sich als schlecht eingestellt und außerdem ist das Kabel zum Automaten nicht für jemanden gemacht, der größer als 170 cm ist.

Daneben steht ein Automat für ein weiteres Spiel. Und das ist seltsam. Man muss extra Spielmünzen dafür aus einem Automaten ziehen. 100 Yen geben 10 solcher Spielmünzen, „special coins“ (SC) genannt. Der Automat besteht aus einem Glaskasten und sieht ein wenig wie ein Aquarium aus. In dem Kasten bewegt sich ein Schieber vor und zurück, der bis zu einem gewissen Punkt die eingeworfenen Spielmünzen auf den Rand einer Ablage zuschiebt. Man lässt die SC über eine Schiene in den Automaten hineinrollen, und zwar hinter die bereits liegenden Münzen. Die neu eingerollte Münze kommt zum liegen und der Schieber drückt sie gegen die anderen Münzen, die ihrerseits nach vorne geschoben werden und die vordersten Münzen über den Rand hinausschieben. Sinn ist es nun, mehr Münzen aus dem Automaten herauszuholen, als man hineinwirft – wer hätte das gedacht? Machbar ist das eigentlich nur mit dem richtigen Timing. Wann man überhaupt zu spielen beginnt, heißt das. Die Münzen fallen nämlich nicht nur in den Ausgabeschacht, sondern auch in einen Jackpot. Befindet sich darin eine gewisse Menge an Münzen, wird ein sauberer Stapel mit dreißig Münzen auf die Ablage vor dem Schieber geschoben, oder aber ein wilder Haufen von vielleicht 50 Münzen auf die Ablage ausgeschüttet. Man sollte also nur dann spielen, wenn dieser Stapel, bzw. der Haufen, sich bereits sehr nahe am Rand der Ablage befindet. Das war bei mir der Fall – sonst wäre ich nicht auf die Idee gekommen, es zu versuchen. Nach dem Einsatz von fünf Münzen habe ich etwa 40 zusätzlich gewonnen, ich habe also 45 in der Hand. Ginge es hier um 10-Yen-Münzen, wäre die Sache in Ordnung und ich nach Hause gegangen, aber es sind ja Spielmünzen. Was soll ich mit dem Müll? Man kann diese Münzen nur in den Kinder-Pachinko-Automaten werfen, die ganzen anderen Spiele funktionieren alle nur mit 100-Yen-Münzen. Also bleibe ich noch eine Zeitlang und verspiele meine ganzen Münzen. Melanie findet es interessant, nachdem sie mit den Bildern fertig ist, und steuert noch einmal zehn Münzen bei, aber dabei kommt nichts Sinnvolles heraus, weil sich keine Münzenansammlung an einem kritischen Punkt befindet.

Anschließend gehen wir ins Daiei und kaufen Getränke und etwas zu Knabbern für unser Erscheinen bei Misi. Wir haben aber auch Hunger und gehen deshalb vorher noch ins Sukiya und essen eine Schüssel Gyûdon. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Schüssel mit Reis, der unter dünnen Fleischstreifen versteckt ist. Ich war mit Yui einmal hier, als ich meinen Futon gekauft habe.

Dort ruft mich SangSu an. Es ist 19:40, und, ja, eigentlich hätte ich mich schon vor zehn Minuten mit ihm treffen sollen, um zu Misi zu gehen. Ja, aber ich wolle erst was essen. Er könne also losfahren oder gehen. Vielleicht besser „gehen“, denn während des Nachmittags hat es zu schneien begonnen und es hat sich eine mehrere Zentimeter dicke Schneedecke gebildet. Fahrradfahren wird zu gefährlich, aber wir können unsere Fahrräder auch nicht beim Sukiya stehen lassen. Also fahren wir betont langsam und vorsichtig zu Misis Haus.

Wir treffen um 20:15 dort ein. Anwesend sind dort dann Alex (Rumänien), Mélanie (Frankreich), Ramona, Luba, Arpi (Slowakei), Paola (Chile), Irena (Slowenien), SangSu (Korea), Glenn (Philippinen), Misi (Ungarn), Melanie und ich. SangSu hat was zu trinken aus Korea mitgebracht, und auf der Flasche steht „Jinro“ und „25 %“ drauf. Es riecht nach dem Zeug, was man im Krankenhaus zum Desinfizieren verwendet, und der Geschmack überzeugt mich auch nicht davon, dass SangSu sich nicht im hiesigen Krankenhaus bedient hat. Er sagt, man trinke das am besten mit Orangensaft. Leider haben wir aber keinen. Und Jinro schmeckt pur absolut langweilig. Und davon, dass Alkohol drin ist, merke ich auch nichts, obwohl ich kein regelmäßiger Trinker bin. Alex schlägt das Produkt aus Korea – mit einem selbst gebrannten Pflaumenschnaps aus Rumänien, den er in seinem Handgepäck ins Land geschmuggelt hat. Die Hälfte vom Inhalt sei Alkohol, sagt er. Ah ja, dann lass mal probieren, schließlich ist alles besser als Jinro. Das rumänische Produkt ist glasklar und schmeckt in der Tat nach Pflaume. Man spürt, dass Alkohol darin ist, es ist ein sanftes Brennen, dass den Hals hinunter in den Magen gleitet, wo sich anschließend eine wohlige Wärme ausbreitet. Sehr angenehm zu trinken, wirklich. Dabei mag ich eigentlich gar keinen Schnaps… aber ich vertilge zwischen 50 und 100 ml davon. Zumindest behaupte ich, dass es angenehm zu trinken sei. Die Mehrzahl der übrigen Leute sagt, dass es ein scharfes Zeug sei, was Alex da produziert habe. Leider habe ich vergessen, wie das Getränk heißt… ich hätte es aufschreiben sollen, als ich den Namen noch im Ohr hatte.

Nebenbei erfahre ich, dass wir einen VIP unter uns haben. Ich hatte mir irgendeinen Scherz erlaubt, worauf Misi mich angrinst und sagt: „Sei vorsichtig, wie Du mit dem redest – der fummelt an Gehirnen rum!“

Arpi, „Mr. Minority“, ist ein Ungar mit einem slowakischen Pass, und eine Berühmtheit, die uns mit ihrer Anwesenheit ehrt. Natürlich ist er nur in Fachkreisen berühmt. Der Mann ist tatsächlich promovierter Mediziner – einer der führenden Gehirnchirurgen unserer Zeit, um genau zu sein. Er führt uns auch vor, wie gut seine Hände zittern können – wenn er sich Mühe dabei gibt. Er ist ebenfalls zur Fortbildung hier.

SangSu trinkt währenddessen, als gäbe es kein Morgen. Das heißt, er ist es, der den Großteil des Jinro und etwa die Hälfte des Pflaumenschnapses in sich hineinschüttet. Für einen schmal gebauten Koreaner reicht das aus. Er wird sehr lustig, nimmt Irena und Glen bei den Händen und beginnt ein wenig zu singen und zu schunkeln. Um etwa 22:45 muss er wohl auf die Toilette, aber er biegt falsch ab und landet an der Haustür. Misi will nicht, dass er an die Haustuer pinkelt, schon gar nicht an die Innenseite, also folgt er ihm sicherheitshalber. Knapp zehn Minuten später sind die beiden zurück. SangSu hat sich, aus welchem Grund auch immer, auf sein Fahrrad gesetzt und ist einige Meter weit gefahren, bevor er das Gleichgewicht verlor und auf den kalten Boden fiel. Er hat Abschürfungen am rechten Ellenbogen und sein linkes Hosenbein ist völlig durchnässt. Aber er spürt absolut nichts davon und trinkt in einem Zug den Rest von dem rumänischen Schnaps aus.

Um 23:35 (ich habe auf die Uhr gesehen) ist dann Schluss. Er will nach Hause. Es ist auch nichts mehr zu trinken da, also ziehen wir ihm seine Jacke an, packen ihn an den Armen und stützen ihn auf dem Weg nach Hause. Es ist also wirklich sein Vorteil, dass er mit uns im gleichen Haus wohnt. Die Fahrräder lassen wir bei Misi stehen, es hätte keinen Zweck, sie mitzunehmen. Erstens liegt Schnee und zweitens bringen wir einen sehr betrunkenen und nicht gehfähigen Koreaner ins Bett. Drei Fahrräder kann man nicht gleichzeitig befördern. Wir kommen morgen wieder und holen sie ab.

Im Endeffekt tragen wir ihn mehr, als wir ihn nur stützen. Außerdem labert er die ganze Zeit vor sich hin. Auf Japanisch. Ich hätte jetzt erwartet, dass er im Rauschzustand zu Koreanisch zurückkehren würde, aber er redet Japanisch. Wenn auch nur eine Handvoll Vokabeln. „Demo… daijôbu!“ („Aber… mir geht’s gut!“) wird uns wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. Und er habe ein schönes Gesicht, behauptet er von sich, „Watashi wa… kirei kao!“ Dann stellt er fest, dass auch wir schöne Gesichter haben und fünf Minuten darauf ist die ganze Welt bevölkert von Menschen mit schönen Gesichtern. Eine Dame, die ihren Hund spazieren führt, weicht uns vorsichtig aus. Ich kann sie auch ein wenig verstehen. Ich entschuldige mich im Vorbeigehen schnell für die Unhöflichkeit. Ja, SangSu, das Leben ist toll. Vor allem wenn man von dem Leiden der Welt befreit ist. Betrunken sein = Nirvana? Ach nein, das Trinken berauschender Getränke ist im Buddhismus ja untersagt. An der letzten Ampel nimmt er sich das Recht, Melanie auf die Wange zu küssen. Ich nehme mir das Recht, ihm einen moderaten Schlag mit der Handfläche an den Hinterkopf zu verpassen. Er wird sich eh nicht mehr daran erinnern.

Wir kommen schließlich zuhause an und eigentlich sind wir auch ganz froh, dass sein Apartment im Erdgeschoss liegt. Mit der untrüglichen Intuition eines Betrunkenen spürt er, dass er daheim ist. Direkt vor seiner Haustür, als Melanie gerade aufsperrt, schläft er ein. Er hat seinen Schlüssel in die Jackentasche gesteckt, und wir dachten einen Moment lang, er habe ihn verloren. Aber jetzt ist er weg vom Fenster. Ich überlege, ihn einfach über die Schulter zu werfen, um ihn in seine Wohnung zu befördern, da er ja nicht viel wiegt. Nicht viel mehr als einen Zentner, würde ich schätzen. Aber wenn ich ihn auf meine Schulter lege, könnte er eventuell seinen Mageninhalt auf meinem Rücken verlieren, und das möchte ich vermeiden. Also nehme ich ihn am Gürtel und schleife ihn in seine Küche, wahrend Melanie das Bett vorbereitet. Sie lässt es sich auch nicht nehmen, peinliche Bilder von ihm zu machen, wie er da praktisch bewusstlos (aber bekleidet) am Boden liegt. Und seine Wohnung muss sie auch festhalten. Eine Junggesellenbude – um es höflich auszudrücken. Hausputz dringend erforderlich. Melanie nimmt daraufhin seine Beine und ich seine Arme, und wir hieven ihn in sein Bett. Wir ziehen ihn aus, soweit notwendig, weil er nasse Füße hat und auch nicht in einer nassen Hose schlafen sollte, und decken ihn zu. Die Zimmertür lassen wir einen Spalt offen und das Licht in der Küche an, damit er problemlos den Weg zur Toilette findet, sollte es im Laufe der Nacht notwendig werden. Hoffentlich kotzt er nicht in sein Bett…

Nachdem wir dann gegangen sind, wartet 20 Meter weiter bereits die nächste Zufallsbegegnung. Jû und SongMin stehen auf dem Gang rum, dick in Jacken eingepackt. Wir klären sie schnell darüber auf, was vorgefallen ist und bitten sie, am folgenden Morgen nach ihm da unten zu sehen. Seine Wohnungstür sei offen, der Schlüssel liege auf der Ablage neben seinem Bett. Ja das sei in Ordnung, und sie bedanken sich, dass wir ihren Landsmann nach Hause gebracht haben. Und sie vergessen auch nicht, sich für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Schon in Ordnung. Aber warum die nächtlich Versammlung in dicken Winterjacken? Sie seien von dem plötzlichen Kälteeinbruch überrascht worden und hätten noch kein Öl gekauft. SongMin habe zwar einen elektrisch heizbaren Futon, aber dennoch sei es unerträglich kalt. Man kann m.E. darüber streiten, was „unerträglich“ denn nun sei, aber ich biete den beiden an, von meinem Öl etwas zu nehmen, damit sie übers Wochenende heizen könnten. Nein, das sei schon in Ordnung. Aha, und am Montag ist Feiertag, so weit ich weiß. Es würde ein kaltes und ungemütliches Wochenende werden. Er wolle es bei der Tankstelle versuchen. Nein, muss ich einwenden, die verkaufen kein Kerosin, sondern nur Diesel, und auf den Öfen sei groß aufgedruckt, dass man eben keinen Dieseltreibstoff verwenden dürfe. Die Diskussion wogt hin und her, bis ich schließlich nicht mehr diskutieren will. Ich mache eine fordernde Geste mit der Hand und sage ihm „Tanku wo dashite!“ („Los, schieb den Tank rüber!“). „Ee, kowai!“, sagt Jû und lacht, aber dann holen die zwei endlich ihre Kerosintanks aus den Öfen. Ich gebe jedem von ihnen etwa zwei bis drei Liter Öl, das reicht für knapp eine Woche. Was ich denn nun dafür haben wolle? Nichts eigentlich – aber das ist keine akzeptierte Antwort. Also gut, sagen wir 200 Yen. Dabei dachte ich an 100 Yen pro Nase, aber jeder kommt mit zwei 100er Münzen zu mir. Auch egal jetzt. Ich bin müde und will in mein Bett und nicht um 200 Yen diskutieren. Obwohl ich mir ein bisschen schlecht dabei vorkomme, weil man für 400 Yen etwa 10 Liter Öl bekommt.

Also haben wir heute gleich alle Koreaner in unserem Haus auf einmal „gerettet“. Ich setze mich an den Schreibtisch und halte meine Eindrücke vom heutigen Tag fest, bevor ich die Hälfte wieder vergesse. Das ist jetzt wichtiger, als mein Bedürfnis nach Schlaf. Morgen ist sowieso ein freier Tag. Um 01:50 bin ich fertig damit – und ich freue mich darauf, diesen Newsletter zu schreiben. Es ist spät. Morgen kann (und sollte) ich wohl ausschlafen. Oh ja, der Montag ist ja ebenfalls frei… dann kann ich ja wirklich beruhigt unter meine Decke kriechen.

1 Osaka scheint – vertreten durch die Osaka Gakuin – eine gute Alternative zu Hirosaki zu sein. Osaka bietet nämlich „Homestay“, i.e. Wohnen in der Gastfamilie.

2 Ebenfalls eine Misskonzeption meinerseits. „-kun“ wird in der Hierarchie von oben nach unten verwendet, nicht unter Gleichgestellten; und wenn doch, dann nur in der Dritten Person.

3 Die Realität zeigte mir jedoch einen gangbaren Mittelweg und alles kam besser, als befürchtet…

4 „Schwarz“ ist ja nun mein Familienname. „Dominik“ wiederum ist Latein und bedeutet „der seinem Herrn dient“; „dienen“ auf Japanisch ist „haberu“ und es schreibt sich mit dem Schriftzeichen „Samurai“.

5 „PuriKura“ ist die japanisierte Abkürzung für „Print Club“.

21. November 2023

Freitag, 21.11.2003 – Go, Go, Kinnikuman!

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 10:18

Guten Morgen Deutschland!

Heute ist der Punkt erreicht, an dem ich ein neues Notizbuch anfangen muss – mein altes, das ich aus Deutschland mitgebracht habe, ist voll. Im übrigen habe ich zwar gesagt, dass ich gerne kurze Kommentare hätte, um Zeit bei meiner Post sparen zu können – allerdings habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht damit gerechnet, dass nur halb so viele Leute, wie gedacht, mir schreiben würden. Ich bin von einer Antwort- oder Kommentierungsrate von 20 % ausgegangen… als ob das nicht schon ein niedriger Ansatz wäre…

Ich bitte also diejenigen unter meinen Freunden und Bekannten, die noch gar nichts von sich haben hören lassen, um eine kurze Mitteilung, wie ihre Eindrücke von meinen Berichten bisher sind – zu neudeutsch: Ich bitte um Feedback.

Vielen Dank!

Masako ist mit ihren Voruntersuchungen fertig. Masako ist eine junge Studentin kurz vorm Abschluss, die uns vor etwa zwei Wochen eine Bandaufnahme mit kurzen japanischen Mitteilungen vorgespielt hat, damit wir entscheiden, welche der Vokabeln wir (die Ausländer) am besten verstehen. Wir haben damals also das, was wir heraushören konnten, auf einem Formular, das sie ausgeteilt hat, vermerkt und abgegeben, und aus diesem am besten verstandenen Vokabular hat sie eine Reihe von Katastrophenmeldungen zusammengebastelt. Sie möchte den Katastrophenschutz verbessern helfen, indem sie möglichst einfaches Vokabular an die entscheidenden Stellen weiterleitet, damit auch Ausländer die Meldungen im Radio verstehen können, was denn nun in welchem Falle zu tun sei, falls es einen Großbrand, eine Flutwelle oder ein Erdbeben (oder alles zusammen) geben sollte.
Der Schwachpunkt ihrer Untersuchung ist leider, dass ihre Studien nichts darüber aussagen, ob der Hörer die Begriffe, die er aufschreiben kann, auch wirklich versteht. Man kann ja Wörter, also Lautfolgen, die man in der Bandaufnahme gehört hat, aufschreiben, ohne zu wissen, was man schreibt. Allerdings bin ich nicht recht sicher, wie ich ihr das klarmachen könnte, also lasse ich es. Außerdem freut sie sich viel zu sehr über die rege Beteiligung und das freut wiederum mich.

Sie hat Melanie und mich für 10:00 in ihr Büro gebeten, wo wir uns eine Reihe von Durchsagen anhören und nachher aufschreiben sollen, um was es gerade eben ging. Es sind aber auch eine Reihe von „Ja oder Nein“ Fragen dabei. Das Szenario: „Heute Morgen ereignete sich ein schweres Erdbeben der Stärke 6“.
An dieser Stelle folgt eine Auswahl aus den Ja-Nein-Fragen (und meine spontanen Gedanken dazu), die ein halbwegs vernünftig denkender Zehnjähriger beantworten könnte, ohne jemals eine der Durchsagen gehört zu haben, aus denen man die Antwort heraushören soll:

Kann man beliebig telefonieren?“
(„Nun ja, wenn die Sendemasten noch stehen würden, könnte es sich lohnen, darüber nachzudenken.“)

Kann man an den Ausgabestellen beliebig viel Wasser erhalten?“
(„Klar, ich lade mir mal eben schnell 200 Liter auf die Sackkarre und lasse meinem Nachbarn den Fluss.“)

Können die Kinder zur Schule gehen?“
(„Bestimmt, wenn sie helfen, die Trümmer zu beseitigen und die Tafel an den umgestürzten Baum nageln.“)

Kann man die Straße in Nishihiro benutzen?“
(„Aber sicher!Aber umfahren Sie bitte die Schlaglöcher von drei Metern Breite und zehn Metern Tiefe oder warten sie, bis sich diese mit Automobilen und anderen Verkehrsteilnehmern gefüllt haben.“)

Ich will nicht den Eindruck erwecken, dass Masako hier schlechte Arbeit geleistet hätte. Ganz im Gegenteil, ich finde ihre Bemühungen sehr lobenswert, und in der Tat war ich wegen ihrer Vorarbeit auch in der Lage, 95 % der abgespielten Durchsagen zu verstehen, und auch wenn ich das eine oder andere Wort nicht kannte, ließ es sich oft aus dem Kontext schließen.1

Danach führt mich Yui zu einer Michinoku Bankfiliale, die sich im Stadtteil Nishihiro befindet und damit etwas näher an unserem Haus liegt als die Hauptstelle in der Stadtmitte, wo ich dann endlich meine Miete zahlen kann. Drei Wochen zu spät. Kubota-san hat mich schon mit besorgter Miene gefragt, ob denn alles in Ordnung sei und wann ich denn zahlen könne. Nein, ich habe nicht mein ganzes Geld in der Pachinko-Halle gelassen.
Ich gebe meine Zahlungsunterlagen ab und werde gebeten, doch noch ein paar Minuten zu warten, bis meine Angaben überprüft seien. Yui verabschiedet sich derweil, weil sie gleich Unterricht hat. Und kaum ist sie weg, werde ich von der Angestellten mit neuen Vokabeln „versorgt“, von denen ich so richtig gar keine verstehe. Schließlich führt mich eine Kollegin zu dem Einzahlungsautomaten im Eingangsbereich des Hauses und erklärt mir, wie man ihn bedient. Aus dem Automaten erhalte ich eine Karte mit Magnetstreifen, die mir die Eingabeschritte, wer hier was an wen zahlen möchte, erspart. Im Prinzip muss ich danach nur noch den Verwendungszweck angeben, dass ich Miete zahlen möchte, schiebe die Karte in den dafür vorgesehenen Schlitz und gebe die Summe an, die ich zu zahlen habe. Es öffnet sich ein Fach am Automaten, in den man Geldscheine einlegen kann. Der Automat zählt das Geld und gibt den Rest zurück. Sehr praktisch. Außerdem ist diese Zahlungsmethode etwa 500 Yen billiger, als wenn man am Schalter bezahlt. Aber von den Erläuterungen verstehe ich nur die Hälfte, also werde ich beim nächsten Mal wohl wieder etwas Hilfe brauchen. Das wäre dann kommende Woche, weil ich meine Miete diesmal pünktlich zahlen möchte, also vor Monatsende.

Bis zu dem folgenden Unterricht habe ich noch etwas Zeit, aber sie reicht nicht aus, um einen Bericht verfassen zu können. Der Bericht wird bis Samstag warten müssen, und ich habe auch den Rest des heutigen Tages keine Zeit mehr, etwas zu schreiben. Wir werden heute Abend Gäste im Plaza Hotel sein, wo eine weitere Internationale Party stattfinden wird. In einem größeren Rahmen als bisher, wie man mir sagte.

Kurz bevor wir nach Hause fahren, um unseren Beitrag zum Fest zu holen, beginnt es zu regnen. Erst ganz leicht, dann stärker. Es reicht auf jeden Fall aus, um meine Hose zu durchnässen. Ich sehe in den Schrank. Keine Wechselhose mehr da – zwei Jeanshosen sind in der schmutzigen Wäsche, weil Fahrradöl daran klebt und eine weitere hängt noch zum Trocknen aus. Oha, das beschränkt meine Auswahl doch sehr… ähem… die Frage lautet also: deutsches oder amerikanisches Tarnmuster? Dann lieber deutsche Punkttarnung. Oh, wie passend, dann kann ich ja auch das grüne „Hard Rock Café Budapest“ T-Shirt anziehen, das mir meine Großeltern mal geschenkt haben. Das passt farblich doch ganz hervorragend. Ganz wohl fühle ich mich dabei nicht, immerhin soll diese Veranstaltung etwas „gediegener“ sein als die zuvor. Mit allen Gastfamilien und so. Ich stecke in einer Zwickmühle – die Darstellung Deutschlands in dieser Sprachsendung stört mich, weil Deutschland über das (militante) Dritte Reich zu negativ dargestellt wird… aber ich kann auch schlecht in Unterwäsche zu dieser Veranstaltung gehen, oder in den ölverschmierten Hosen. Ich habe nur noch militärisch aussehende Hosen. Daran kann ich jetzt nichts ändern. Auf die Reaktionen bin ich gespannt.

Wir ziehen es vor, mit der großen Schüssel Nudelsalat mit dem Taxi zu fahren. Erstens ist die Schüssel nicht bequem zu tragen und zweitens wären wir durchgeregnet, wenn wir im Hotel ankommen. Die Fahrt kostet uns 1000 Yen. Der Basispreis beträgt 580 Yen, dafür kann man wohl einen Kilometer weit fahren, danach steigt der Preis je nach Entfernung in Schritten von 80 Yen. Eigentlich haben wir vom Center ein Ticket bekommen für das Taxifahren. Wir sind allerdings davon ausgegangen, dass das dazu diene, nach dem Fest die entstandenen Kosten zurück zu erhalten. Valerie klärt uns schließlich irgendwann (nachdem alles gelaufen ist) darüber auf, dass man dieses Ticket bei den Fahrern hätte abgeben müssen, um so umsonst zu fahren. Ganz toll.

Das Plaza Hotel sieht ein wenig nach gehobener Klasse aus. Die Lobby macht einen nüchternen, aber teuren Eindruck. Um fünf Uhr sollten wir erscheinen, eine Stunde vor Beginn etwa. Die eintreffenden Studenten werden in kleinen Gruppen in die Küche gebracht, wo sie ihr Essen selbst anrichten dürfen. Die Plastikbehälter werden also in eine Ecke gestellt und das Geschirr des Hotels verwendet. Währenddessen erhält man kurze Einblicke in das Küchenleben des Hotels. Wie es scheint, stellen nicht nur die Studenten etwas zu Essen zur Verfügung – das Hotel selbst sorgt für kleine japanische Gerichte wie Sushi oder Sashimi. Nachdem wir unseren Nudelsalat auf drei große Teller verteilt haben, wird er auf einen Wagen gestellt und von den Angestellten in die Halle gebracht. Danach geben wir unsere nicht benötigten Kleidungsstücke an der Rezeption ab.

Natürlich wird meine Bekleidung nicht übersehen. Vor allem die anwesenden Studierenden sind belustigt oder überrascht. Frau Jin ist mit ihrer Tochter und ihrer Schwiegermutter eingetroffen. Der Sohn ist zum Lernen zuhause geblieben und der Gatte muss noch arbeiten. Sie bezeichnet meinen Aufzug als „kakkoii“, aber heute will ich das nicht so ernst nehmen. (Für alle, denen es nicht klar ist: kakkoii heißt etwa „Eine gute Figur machen“ und bezeichnet konnotativ etwa den Umstand, dass jemand anziehend auf das andere Geschlecht wirkt.) Da sie immer noch nicht ohne Hilfsmittel gehen kann, sitzt sie in einer Ecke des Saales und lässt sich ihre Portion Essen bringen. Sie möchte auch Melanies Nudelsalat probieren, also bringe ich ihr welchen.

Oma Jin, Mutter Jin, Yûmiko, Minato, Mikami und ihre vergessene Zwillingsschwester.

Auch sonst kommen meine Hosen ganz gut an. Vor allem bei Kindern, wie mir scheint. Nachdem Yûmiko (11) die übrigen Halbwüchsigen davon überzeugt hat, dass ich nicht zum Fürchten“ sei (Kowaku nai! Kowaku nai!) sei, bin ich schnell von einem halben Dutzend davon umgeben. Die sind alle halb so groß wie ich, im Alter von etwa vier bis zwölf Jahren und – man beachte – bis auf ein Exemplar alle weiblich. Und die haben eine unglaubliche Freude daran, zu versuchen, mich alleine oder gemeinsam von der Stelle zu schieben, indem sie sich gegen meinen Oberschenkel pressen und ihre ganzen 25 kg Gewicht in die Waagschale werfen. Yûmiko schafft es natürlich ebenfalls nicht und ich sage ihr, dass das kaum ginge, weil ich 95 kg wiege – und wie viel habe sie zu bieten? Hidoi! Himitsu desu! ruft sie (Wie unhöflich! Das ist ein Geheimnis!), aber sie lacht auch weiterhin. Ich lasse ihr das Geheimnis.

Nachdem ich dann irgendwann doch einmal einen Fußbreit Boden aufgegeben habe, macht sich die Jüngste (4)2 daran, meine Hosentaschen zu durchsuchen, in denen sich mein Brillenetui befindet, meine Notizbücher, mein Reisepass mit dem Versicherungsnachweis (den ich lieber in Sicherheit bringe), meinen Geldbeutel, meine Hausschlüssel, zwei Batterien für die Kamera und ein Radiergummi. Die europäische Schrift in meinem Notizbuch scheint eine große Anziehungskraft zu besitzen, und Yûmiko ist enttäuscht, dass ich ein neues habe beginnen müssen. Sie bittet mich darum, das alte bei meinem nächsten Besuch wieder mitzubringen. Sie kann zwar kein Wort lesen (lesen schon, aber nicht verstehen), aber wenn es ihr gefällt, wie mein Schriftbild aussieht, von mir aus.

Die Vierjährige erscheint mir etwas zu neugierig von meinem Standpunkt der Erziehung aus betrachtet, auch wenn sich in meinen Hosentaschen nichts Geheimes befindet. Aber was soll ich dagegen tun? Ich kann sie ja schlecht KO schlagen… und wirklich stören tut mich meine Popularität ja nicht.
Nachdem ich meine Sachen wieder weggepackt habe, beginnt ein neues „Spaßkapitel“. Eine der Zwölfjährigen macht sich einen Spaß daraus, das Etui in meiner Seitentasche anzufassen, wenn sie an mir vorbeigeht, dann grinst sie mich an und sagt „Kinniku!“ („Muskeln!“) Nein, das sind keine Muskeln; das ist Plastik und ich verpacke meine Brille darin! Aber ich nehme die Angelegenheit ja auch nicht ernst und sie macht munter weiter, die Ausbeulung des Etuis anzufassen oder mit ihrer kleinen Faust auf meinen Oberschenkel zu schlagen. Ich amüsiere mich sehr dabei. Bis zum Ende des Tages werde ich noch zum „Kinnikuman“ befördert. Frei übersetzt also „Muskelmann“, und es handelt sich dabei in einen bekannten Anime um einen solchen. Eine Komödie. Vielleicht sollte ich mir auch „Kinnikuman“ einmal ansehen.

Aber davor stehen immer noch erst einmal die ganzen Spiele zur Unterhaltung auf dem Plan. Geplant und durchgeführt wird das Unterhaltungsprogramm vom „Hippo Family Club“, Maeda-san (das ist die Gastmutter von Melanie, falls ich es noch nicht erwähnt habe) macht die Moderatorin.

Frau Maeda, Minato, SungYi, dahinter Dave

Zuerst ein Sing- und Koordinationsspiel. Es wird eine Melodie gespielt und man formt im Takt mit den Fingern die Buchstaben „L-O-V-E“. Ich halte mich höflich zurück und mache ein paar Bilder.

Frau Maeda, Luba, Ramona, Valérie

Danach gibt es ein „Massen-Jan-Ken-Pon“. Das ist, wir erinnern uns, „Schere-Stein-Papier“, aber in einem großen Rahmen. Jeder einzelne Anwesende sucht sich einen Gegner aus, der Verlierer stellt sich hinter den Gewinner und legt die Hände auf seine oder ihre Schultern. Der Gewinner sucht sich dann den nächsten Gegner, bis am Ende nur noch eine Person übrig ist, mit einem Wurm von etwa 100 Verlierern im Schlepptau.

Melanie mit Mei im Schlepptau

Der Gewinner ist ein etwa 70 Jahre alter Herr, der dafür auch einen kleinen Preis erhält. Da mir dieses Spiel schon in der Grundschule zu kindisch war, bleibe ich (mit Marc) abseits und mache Fotos mit Melanies Kamera, damit sie auch welche hat.

ReiGen im Finale mit dem späteren Sieger, hinten rechts Misi, der aus der Menge ragt.

In das folgende Spiel werde ich mit sanftem Druck zwangsintegriert. Zuerst bilden die Austauschstudenten einen Kreis in der Mitte des Raumes, die Japaner bilden einen großen Kreis drumherum. Dann geht Maeda-san zu irgendeiner Person im inneren Kreis und fragt etwas, was ich nicht verstehe. Die Antwort ist eine Zahl und plötzlich kommt Bewegung in die Menge. Ich habe keine Zeit, zu verstehen, was hier läuft, Nan packt mich am linken Arm und zerrt mich in ihre neugebildete Gruppe, gemischt aus Studenten und Japanern. Ich habe keine Ahnung, was hier gespielt wird, im wörtlichen Sinne. Die Gruppe kniet ab und es wird die Zahl der Personen gezählt. Schließlich, nach drei Durchgängen oder so, kommt Maeda-san auch zu mir. Ich habe keinen blassen Dunst, was sie von mir will. Sie flüstert mir ins Ohr, dass ich einfach die Zahl „10“ nennen soll – und zeigt mir fünf Finger. Mein sonst geordnetes Denken löst sich auf in einem Strudel von Fragezeichen. Was denn nun? Ich sage „fünf“, dann nimmt sie immer einen Finger weg und ich zähle runter bis auf „eins“, und dann wieder hoch auf fünf. Fünf bleibt das Endergebnis meiner Verwirrung und das wilde Treiben beginnt wieder mit dem Bilden neuer Gruppen. Bevor ich weiß, was ich getan habe, werde ich bereits in den nächsten Kreis geschoben. Was wird denn nun hier gespielt?

Was das alles bedeutet, erfahre ich erst ganz am Schluss. Der Gefragte muss einfach eine Zahl sagen, und daraufhin müssen sich Gruppen mit exakt dieser Personenzahl bilden. Die Gruppen kommen zusammen, fassen sich bei den Händen, klatschen erst ein paar Takte zur Musik in die eigenen, und dann in die Hände des Nachbarn und gehen schließlich in die Hocke, wo dann gezählt wird, ob die verlangte Personenzahl vorhanden ist. Was mit denen passiert, die keine Gruppe abbekommen, weiß ich nicht. Zuletzt stellt man sich einander vor. Nette Idee, aber leider recht sinnlos, weil ich mir nach einem solch kurzen Kontakt die Namen und die dazu gehörenden Gesichter vielleicht zwei Minuten lang merken kann. Eigentlich sollte man an dieser Stelle, im letzten Kreis, auch die vorbereiteten Namenskarten verteilen (Herkunftsland und Name stehen darauf), aber auch von diesen Karten hat mir vorher keiner gesagt, was ich mit ihnen tun soll. Und da ich keine Ahnung habe, dass diese Karten für speziell dieses Spiel gedacht waren, werden sie entweder im Müll landen oder mein Andenkenregal zieren…

Und was Frau Maeda mir „vorgeführt“ hat, war die japanische Art, mittels einer Hand bis Zehn zu zählen. Japaner fangen, anders als Deutsche, mit dem kleinen Finger an zu zählen und mit dem Daumen ist die Hand dann ganz offen, man ist bei Fünf angelangt. Dann wird die Hand beginnend mit dem Daumen wieder geschlossen, aber anders als ich das interpretiert habe, heißt das nicht, dass rückwärts gezählt wird, sondern man zählt bei Sechs weiter bis rauf zur Zehn, wo die Hand dann wieder ganz geschlossen ist. Zählt man weiter als bis zehn, wird die zweite Hand dazu verwendet, die Zehnerstellen anzuzeigen. Das ist zugegebenermaßen viel praktischer als die Art des Zählens, die ich in meinem heimischen Kindergarten gelernt habe, da hat jeder Finger seine eigene Nummer und wie man höher zählen kann, wird einem nicht beigebracht. Die japanische Methode erleichtert die Aufgabe, und zwar ohne, dass man sich schriftliche Notizen machen muss.

Melanie erzählt mir nachher, dass Männer hier übervorteilt gewesen seien, weil ja nicht wenige jüngere Damen mit kurzen Röcken erschienen waren… in der im Spiel vorgesehenen Hockstellung wusste man dann angeblich oft genug nicht, wo man hinschauen sollte, um nicht „irgendwohin“ zu starren.

Zuletzt spielen wir ein Spiel, das für mich untrennbar mit gelangweilten, aber kontaktfreudigen amerikanischen Rentnern verbunden ist: BINGO. Da vorne steht also ein adrett gekleideter Herr, der sich von einer jungen Dame (im Kimono) kleine Bälle mit Buchstaben und Zahlen reichen lässt, die sie aus einer Lostrommel zieht. Dafür haben wir zu Anfang also diese seltsamen Lochkarten erhalten. Wenn eine Zahl genannt wird, die sich auf der Pappkarte befindet, drückt man das Kästchen durch, und wenn man eine Fünferreihe voll hat, hebt man den Arm, das Spiel wird kurz unterbrochen, man geht nach vorn und erhält einen Preis. Ich fühle mich reichlich dämlich dabei, im Alter von 26 Jahren BINGO zu spielen – aber ich gewinne was: Zwei Pakete sind noch da. Ich nehme das schwerere. Ui, ein Topf. Und nicht irgendein Topf, sondern eine Kasserolle, also ein Glas-Keramik-Topf, der speziell für Backofengerichte gedacht ist, wie z.B. Gemüseaufläufe oder ähnliches. Leider habe ich gar keinen Backofen, und außerdem benötigen wir keine Töpfe mehr, weil Melanie das alles bereits letzten Monat gekauft hat…

Ramona gewinnt eine Trainingsjacke mit „WONDA“ Aufdruck (ein Kaffeehersteller), die ihr eigentlich viel zu groß ist und die mir viel besser gefällt, als mein langweiliger und unbrauchbarer Pott. Sie möchte meinen Topf prinzipiell auch gerne haben, aber sie hat ebenfalls keinen Ofen in Japan, und für die Postgebühren in die Heimat würde sie wohl einen neuen bekommen – abgesehen von der Gefahr, dass das Teil während des Transports kaputtgehen könnte. Ich glaube, ich nutze den nächsten Besuch, um Frau Jin damit zu beschenken – die kann mehr damit anfangen, als ich.

Bis zum Ende will aber der Berg an Essen noch vertilgt werden und ich tue mein Bestes, dabei zu helfen. Das japanische Essen, das das Hotel bereitgestellt hat, ist von hervorragender Qualität. Die besten Sushi, die ich seit langem gegessen habe. Ansonsten hat jede hier vertretene Nation etwas beigesteuert (und ich habe bestimmt die Hälfte davon vergessen):
Gulaschsuppe aus Ungarn (und diese Version aus Debrcen ist gar nicht scharf)
Scharfe Gemüsesuppe und Kräuterbrot aus Thailand (und die Suppe war richtig scharf!)
Minestrone aus Italien (die von Ramona stammt, die eine halbe Italienerin ist)
Kartoffel-Gemüse-Hühnereintopf in Kokos-Soße aus Neukaledonien
Omelett mit Tomate, Chili und Kräutern aus China
Sandwiches und Weißbrot mit Ei-Mayonnaise-Füllung aus Frankreich
Kartoffelsalat mit Fleisch aus Russland
„Strutlj“ aus Slowenien (ich muss Irena noch mal fragen, was da drin ist, weil ich nichts mehr bekommen habe)
Spaghetti mit Muscheln (unbekannter Hersteller)
Kaiserschmarrn aus Deutschland (der ist von Marc) und
Nudelsalat aus Deutschland.
Von letzterem hat Melanie eine Portion für zehn Mann gemacht, mindestens, obwohl nur für fünf verlangt war. Offenbar ließen sich die Mengen auf zehn leichter umrechnen als auf fünf? Dem entsprechend ist auch viel übrig geblieben. Aber das macht nichts, weil am Ende Plastikbehälter ausgeteilt werden, in denen man sich mitnehmen kann, was man haben und an sich reißen kann.

Um 2000 ist die Feierlichkeit dann beendet und jeder Teilnehmer erhält zum Abschied eine Tüte mit Äpfeln. Unter den Äpfeln ist außerdem eine kleine Keramikschüssel versteckt. Zusammen mit meinem dämlichen Topf ist das alles etwas unhandlich. Wir fahren mit dem Taxi nach Hause. Es regnet zu sehr, um zu Fuß zu gehen, und sogar ich muss einsehen, dass das unvernünftig wäre. Die große Plastikschüssel, in der der Nudelsalat ursprünglich hergebracht worden ist, überlassen wir Irena, die sich der Schüssel freundlich annimmt. Wir haben sie in der Küche der Einfachheit halber in ihre Plastiktüte gepackt, weil wir eine solche vergessen haben.

Wir sagen dem Taxifahrer, dass wir nach „Nakano 5 Chomei“ wollen und er fährt los. Vielleicht hätten wir „10 no 27“ noch dazu sagen sollen… weil er an unserer Strasse vorbeifahrt. Ich mache ihn vorsichtig darauf aufmerksam und er entschuldigt sich, fährt zurück und erlässt uns den Fahrpreis über 1000 Yen, immerhin 220 Yen.

Zuhause angekommen, räumen wir noch ein bisschen auf und ich beginne, den Tag schriftlich festzuhalten, damit mir diese Flut von Eindrücken nicht verlorengeht. Und wie ich den Tag so Revue passieren lasse, fällt mir auf, dass ich ein Detail vergessen habe. Springen wir also auf etwa 1550 zurück, als der Unterricht gerade beendet war.

Ich kam mit einem der Chinesen ins Gespräch und fragte ihn nach Beschäftigung und Alter der übrigen Chinesen in unserem Japanischkurs, weil die Herren alle schon recht alt aussehen, im Vergleich zu den sonstigen Studenten. Er sagt, dass die (männlichen) Chinesen hier im Kurs allesamt 29 bis 38 Jahre alt seien. Er selbst sei davon der Jüngste und hauptberuflich Programmierer (irgendeine Art von EDV-Spezialist). Die anderen drei studierten Medizin, sagt er. Alles Doktoren, zur Weiterbildung in Hirosaki. Die Uniklinik hier genieße einen guten Ruf. Natürlich gebe es noch bessere Universitäten, aber Hirosaki sei nun einmal „zufällig“ die Partneruniversität ihrer Heimatuni.
Ich warf einen verstohlenen Blick zu Shin hinüber. Der ist also über 30 Jahre alt und Arzt, aha. Ich hätte Skrupel, mich ihm anzuvertrauen… nicht, weil er unsympathisch wäre, aber er redet seltsam… und das nicht nur auf Japanisch. Man versteht kaum, was er sagt, weil er recht leise redet und weil er sich anhört, als würde beim Sprechen zu viel Luft durch seinen Kehlkopf rutschen, weil die Stimmlippen nicht richtig schließen. Möglicherweise hat er einen Kehlkopfdefekt.

Aber das sollte dann alles vom Tage gewesen sein. Es war ja genug… außerdem ist es jetzt 23:40 und ich will nur noch schlafen.

1 Marc schob später die Frage ein, ob es nicht einfacher wäre, für Ausländer eine weitere Ansage auf Englisch zu machen.

2 Ihr Name ist Minato.

16. November 2023

Sonntag, 16.11.2003 – Schlammspringer

Filed under: Japan,My Life,Sport — 42317 @ 10:08

Ein ruhiger Sonntag mit einem blendend schönen und sonnigen Morgen. Leider geht das Wetter bis zum Nachmittag langsam, aber (für heute) endgültig in Bewölkung und Regen über. Und entsprechend kühl wird es auch. Ich fahre zur Uni, um Post zu schreiben, bleibe aber am Sportplatz hängen, weil das Football Team der Uni gerade trainiert. Die Farben der Trikots kann man kaum noch erkennen, alle sind schmutzig braun wegen des Schlamms, der sich aufgrund des einsetzenden Regens und der Nässe der letzten Tage gebildet hat. Es ist recht kühl, ohne Jacke möchte ich nicht in der Gegend rumstehen. Aber die Jungs hier sind beschäftigt, denen dürfte nicht kalt sein. Und es juckt mich in den Fingern, weil ich das auch mal machen will, was die da treiben. Aber ich bin inzwischen zu sehr zum Weichei geworden, als dass ich mich im Winter im Schlamm suhlen wollte. Ich warte bis zum Sommersemester und frage dann vielleicht nach Aufnahme in den Club.

Keiner der Spielzüge dauert mehr als vielleicht sieben Sekunden, weil der Ballträger sofort zu Fall gebracht wird. Mir scheint, denen fehlt jemand, der das Ei nach vorne bringt – es sei denn, es handelte sich hier um Abwehrspezialisten. Der breite, größere Kerl, den ich beim Armdrücken gesehen habe, ist auch da, aber der steht nur am Rand herum. Die Mädchen, die zum Club gehören, sind ebenfalls mit Eifer bei der Sache, wenn auch nicht als Spieler. Jedes Mal, wenn ein Spielzug zu Ende ist, sammeln sie den Ball auf, bringen einen neuen und machen den anderen sauber für den nächsten Spielzug. Ich bin sicher, dass sie nachher auch das Waschen der Anzüge übernehmen. Aber die Trainer, die sich am wenigsten bewegen, sind die härtesten Leute am Platz: Die Spieler tragen die Sportschuhe mit den Spikes, die Mädchen tragen Gummistiefel, aber die beiden Trainer haben ihre Trainingshosen bis zum Knie hochgekrempelt und tragen Badelatschen an den nackten Füßen – mitten im typischsten Novemberwetter. Hat denen noch niemand erzählt, dass unterkühlte Gelenke anfällig für Rheuma sind? Hart im Nehmen scheinen sie auf jeden Fall zu sein. Ich mache ein Foto von der Gesamtszenerie und versuche mich auch an Bildern aus geringerer Entfernung, aber die werden alle unscharf, wegen der vielen Bewegung. Also bleibt nur das „Panoramabild“.

Digital Camera

Danach gehe ich in die Bibliothek, weil das Spiel irgendwann nichts Neues mehr bietet und ich ja noch ein paar Berichte schreiben will. Ich komme allerdings nur dazu, eine einzige Mail zu schreiben. Nebenbei stelle ich mein Artbook bei E-Bay ein und hoffe, dass ich zumindest 10 E dafür kriege, damit ich ein paar Kröten Gewinn mache.

Am Abend stelle ich fest, dass unser Reissack sich bedenklich schnell geleert hat. Der erste (ebenfalls 10 kg) hat knapp einen Monat gehalten. Dieser hier zeigt bereits nach etwa zwei Wochen an, dass wir uns seelisch und moralisch darauf vorbereiten können, den nächsten kaufen zu müssen. Ich muss annehmen, dass das daran liegt, dass wir in diesem Monat weniger Ramen und öfters zuhause gegessen haben – die Nudelsuppe macht wegen der Flüssigkeit darin eher satt als ein Reis-Fleischgericht. Wenn wir Yakiniku gegessen haben, habe ich nachher immer noch Reis gekocht, um satt zu werden. Nach einer Portion Ramen war das nicht notwendig. Das macht sich dann schon bemerkbar.

2. November 2023

Sonntag, 02.11.2003 – … Ist das Krüge-leeren auf dem Campus nicht eigentlich verboten?

Filed under: Japan,My Life,Sport — 42317 @ 12:18

Das Kulturfest ist heute so richtig uninteressant. Es ist natürlich schön, dass die Sonne scheint und angenehme Temperaturen herrschen, aber das Angebot an Aktivitäten finde ich nicht sehr aufregend. Noch immer macht Nahrung den größten Teil des Angebots aus, aber ich bin nicht hungrig. Es kommt mir selbst seltsam vor. Ich gehe ein wenig durch die Gänge und treffe Nan und… ah, seinen Namen habe ich schon wieder vergessen. Jedenfalls einen weiteren der Thailänder treffe ich mit ihr zusammen an.1 Wir gehen durch zwei Stockwerke und hören uns einen kleinen Vortrag von Medizinstudenten an. Ich glaube, es geht um falsche Diätvorstellungen, die durch die Werbung vermittelt werden. Aber das war auch schon alles, was ich aus dem Gesagten herausinterpretieren kann. Verstanden habe ich so richtig gar nichts. Akustisch ging es ja gerade so, weil ich einen halben Meter neben der jungen Frau stand, die den Laptop bediente und die Grafiken koordinierte. Bei ihrer Lautstärke dürfte aber bereits jemand, der nur einen Meter weiter als ich entfernt saß, bereits nichts mehr gehört haben. Und das auch erst, nachdem ich sie aufgefordert hatte, lauter zu sprechen.

Ein paar Schritte weiter bieten die Mediziner alle möglichen Getränke an, in einem abgedunkelten Raum, der einen gemütlichen Eindruck macht. Es gebe auch Sake, sagt mir die Studentin am Eingang. Sie trägt, wie übrigens alle Medizinstudenten in diesen Tagen, einen weißen Labor-Kittel mit blutroten Flecken. Leider ist mein Fotoapparat voll. Ich komme ja nicht an den Rechner ran, in dem ich meine Bilder ablege, weil das Center zu ist.

Es gibt hier also Sake. Aha. Ist das auf dem Campus nicht eigentlich verboten? Sie antwortet mit einem undefinierbaren, aber viel sagenden Kichern. Soso. Ich bin nicht abgeneigt, aber um 14:00 am frühen Nachmittag möchte ich noch keinen Alkohol trinken. Wie lange denn geöffnet sei? Bis um 17:00, sagt sie. Natürlich, dann ist ja Schluss mit Fest für heute. Dann also nicht.

Im dritten Stock befindet sich ein Raum, in dem Brettspiele gespielt werden, und der Anteil an deutschen Spielen ist auffällig, denn eigentlich ist mir der Raum nur deshalb aufgefallen, weil an der Tafel neben all den Kana- und Kanjikombinationen auch etwas steht, was ich ohne nachzudenken lesen kann: „6 nimmt“.

Dabei handelt es sich um ein Kartenspiel. Ich habe aber nie davon gehört. Ich gehe hinein und lese die Anschrift an der Tafel. Hier gibt es „Die Siedler von Catan“, „Bohnanza“, „Scotland Yard“, und andere mehr. Aber dass das Spiele sind, die aus Deutschland stammen, weiß hier keiner. Hier ist nichts, was mich aufhält.

Ich sattle mein Rad und fahre wieder nach Hause. Aber da will ich auch nicht lange bleiben, weil das Wetter so gut ist. Ich nehme meinen Lesestoff (zum Thema „Buddhismus“) mit und fahre einfach mal irgendwohin. Einfach einer Straße nach (grob nach Westen), die ich nicht kenne. Nach ein paar Kilometern finde ich einen Golfplatz. Na ja, eigentlich ist es kein Golfplatz, sondern einer dieser hoch eingezäunten Abschlagplätze. Und kaum habe ich ihn gesehen, verklemmt sich meine vordere Gangschaltung, und ich kann nur noch die untersten sieben Gänge verwenden. Ich fummele ein bisschen daran herum, finde aber das Problem nicht. Wenn ich schon mal da bin, kann ich den Leuten auch mal beim Abschlagen zusehen. Die Kunden stehen in einzelnen Kabinen, zwei übereinander, sieben nebeneinander, und schlagen einen Ball nach dem anderen einfach weg. Der Ball wird dann ca. 100 Meter weiter, da wo ich stehe, von den ca. 30 Meter hohen Netzen aufgefangen und bleibt am Rand liegen, um irgendwann eingesammelt zu werden. Allerdings hat das Netz auch kleine Löcher und Lücken, durch die Golfbälle beim herunterrollen hindurchschlüpfen können. Ich sammele ein paar davon auf. Es liegt auch etwas Metallschrott in der Gegend rum und ich suche mir eine kleine Metallstange, die ich an den Rahmen klemme und meinen Draht der Gangschaltung auf diese Art und Weise so spanne, dass sie immerhin auf das mittlere Zahnrad fixiert bleibt.

Mit dem Textlesen komme ich an dem Golfplatz auch nicht weit. Kaum sitze ich ein paar Minuten, wird mein Sichtfeld nebelig. Aber da kommt kein gewöhnlicher Nebel auf mich zu. Irgendwo verbrennt wohl ein Bauer sein Reisstroh. Die Sichtweite sinkt unter 100 Meter und es stinkt furchtbar. Ich fahre wieder davon. Allerdings bin ich auf dem Hinweg einen steilen Berg heruntergekommen, den ich nicht hochfahren oder –laufen will. Ich entscheide mich, den Hügel in nördlicher Richtung zu umgehen. Allerdings muss ich doch zwischendurch anhalten und fragen, wo ich eigentlich bin und wie ich nach Nakano komme. Bis ich dann die nächste Sitzgelegenheit gefunden habe, ist es schon beinahe dunkel, aber es ist ein Spielplatz mit Laterne. Leider paart sich die Dunkelheit schnell mit einer unangenehmen Kühle. Unangenehm vor allem deshalb, weil ich gewöhnlich schnell fahre und mein Rücken unter dem Rucksack deshalb schweißfeucht ist. Aber ein paar Seiten gehen noch und ich erhalte meine ersten Einsichten in die Lehre des Buddhismus.

Und solch seltsame Dinge habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Dass es keine Seele gebe, kann ich akzeptieren. Aber was wird wiedergeboren? Das Karma. Aha. Das wird von einem Leben ins nächste weitergereicht. Das Karma ist wie ein Sparbuch für gute und böse Taten.

Und es mangelt allen Dingen an Ego… an „Substanz“. Aber wenn es mir an Ego mangelt und ich keine Seele habe, was landet dann im Idealfall irgendwann im Nirvana? Was habe ich davon, wenn mein tolles Karma im Paradies ist, ich aber nichts davon mitbekomme? Das kommt mir vor, als hätte ich zum Zeitpunkt meines Todes eine Unmenge Geld auf meinem Konto und das Sparbuch landet, in Gold eingerahmt, in einem bedeutenden Museum. Ich interpretiere, dass das Nirvana ein Ort sein müsste, an dem man in Form eines gefühlsbefähigten Wesens geboren wird (damit man die Wonnen auch erkennen und auskosten kann), und auch wieder sterben kann, um woanders geboren zu werden, falls man sich im Nirvana daneben benommen hat??? Das muss ich noch hinterfragen.2

Heute läuft, wie seit mindestens zwei Wochen angekündigt, der Film „Gladiator“ (ja, mit Russel Crowe) im japanischen Fernsehen, in japanischer Sprache. Ich will über die Qualität der Synchro (die Vertonung der Stimmen) auch gar nichts sagen, sondern nur den interessantesten Punkt nennen:

Ganz zu Beginn, wenn der Tribun Maximus durch die Reihen seiner Männer schreitet, stehen sie auf und rufen tatsächlich, wie von mir zuvor eigentlich nur scherzhaft vermutet, ehrfürchtig: „Shôgun!“ Man hat also seine Funktion übersetzt, anstatt das Fremdwort („Toribuun“) zu übernehmen. Und dann wird Maximus die ganze Zeit über „Shôgun“ genannt. Und wegen der riesigen kulturellen Spalte zwischen Römern und Japanern wirkt es wirklich lustig. Man denkt ja eher an einen besonders feierlich herausgeputzten Samurai in alter japanischer Rüstung, wenn man „Shôgun“ hört, nicht wahr?3

1 Sein Name ist Wiirit.

2 „Das Nirvana“ ist kein Ort, wie „der Himmel“, sondern der Zustand der völligen Auflösung. Nirvana ist Abwesenheit von Leid durch Nichtexistenz. Für Menschen, die mit jüdisch-christlichen Jenseitsvorstellungen aufgewachsen sind, mag das schwer nachzuvollziehen sein.

3 Shôgun bedeutet aber ganz generell „Oberbefehlshaber“.

12. Oktober 2023

Sonntag, 12.10.2003 – Bewaffnete Aufklärung

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 8:53

Der erwartete Muskelkater ist ausgeblieben. Entgegen meiner Befürchtung habe ich keinerlei Schmerzen am Morgen und kann problemlos vom Boden aufstehen. Mir steckt nur ein gewisses Erschöpfungsgefühl in den Gliedern. Aber das soll mich nicht stören. Am Montag ist Feiertag, „Bunka no Hi“ („Tag der Kultur“) glaube ich. Also auch morgen kein Unibetrieb und ich kann mich vollständig ausruhen.

Heute machen wir (Melanie und ich) eine Erkundungstour durch die nähere Umgebung innerhalb der Stadt. Das heißt, eigentlich wollten wir nur einen Second-Hand-Laden finden, der mir von Sawada-sensei empfohlen worden war, aber es wird dann eine etwas größere Sache. Zum Beispiel suchen wir eine Münzwäscherei auf, um uns über Preise zu informieren. Die sind gesalzen. Wir fassen also ins Auge, zuhause zu waschen, aber zum Trocknen möglicherweise hierher zu kommen. Der Trip zu dem Selbstbedienungsladen wäre immerhin angenehmer, als ins viel weiter entfernte Kaikan zu gehen. Diese Wäscherei hier ist näher und außerdem muss ich nicht eine Stunde blöde in der Gegend herumsitzen, bis die Wäsche fertig ist. Der Zeitverlust wäre eindeutig geringer. Zumal wir viel mehr Wäsche auf einmal trocknen können, weil hier richtige Maschinen zum Waschen und zum Trocknen zu finden sind und nicht so ein Spielzeug, wie man es in den gewöhnlichen Mietwohnungen findet.

Ich will mir das Ito Yôkadô auch mal von innen ansehen und wir gehen da hin. Bei der Gelegenheit zeigt Melanie mir den Laden, wo es Schuluniformen zu kaufen gibt und man sie auch bestellen kann – ich werde eine Sonderkonstruktion brauchen bei meiner Größe. Im Kaufhaus gehen wir in die Spielwarenabteilung, weil Melanie natürlich immer darauf bedacht ist, Merchandising von „Hello Kity“ und ähnliches zu finden. Allerdings gibt es dort auch einige Spielautomaten. Ich probiere die Egoshooter aus, aber ich begreife die Bedienung nicht (weil ich den Bildschirmtext nicht schnell genug verstehen kann). Das Sturmgewehrmodell hat zwei Knöpfe, einen an der Schulterstütze (reagiert also offenbar, wenn man in Anschlag geht) und einen neben dem Abzug. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass der letztere zum Nachladen da ist, aber dem war nicht so. Außerdem findet man natürlich zusätzliches Zubehör auf der Karte (die aussieht wie Omaha Beach, aber mit Zombies und Skeletten in abgerissenen Uniformen), unter anderem ein Zielfernrohr, dass sich plötzlich einschaltet und abschaltet und ich habe nicht verstanden, wie ich es kontrolliere.

Direkt daneben steht ein Shooter mit Faustfeuerwaffe. Sieht aus wie die Kanone für die alte Playstation. Nachladen aber nicht per Knopfdruck, man muss aus dem Bildschirm rauszielen, dann geht der Typ in Deckung und lädt nach. Ich wähle den Polizisten mit der HK MP-5. Hm. Ich weiß also, wie er in Deckung geht und nachlädt, aber ich habe keinen Dunst, wie ich ihn dazu bewegen kann, aus der Deckung heraus zu gehen und etwas „Blei in den Mann zu bringen“ (wie mein Freund Michael das gerne ausdrückt). Ich vermute, dass das automatisch geht. Und das stört mich, weil die Uhr läuft. Aber gut, ich mache die ersten zehn Terroristen nieder, dann habe ich „verschossen“ (= Magazin leer). Ich ziele einige Sekunden aus dem Bildschirm raus und will weitermachen. Eine kurze Salve bricht. Und wieder leer. Was ist denn da los? Ich lade nach und sehe mir das genauer an: Diese Pappnase lädt mit der Hand jeden Schuss einzeln nach!? Bei der MP-5 wären das immerhin dreißig Schuss, und so viel Zeit habe ich nun wirklich nicht. Ist dem Designer entgangen, dass Maschinenpistolen Magazine haben, die man am ganzen Stück auswechselt und dass ein Antiterrorteam die Ersatzmunition nicht in Einzelstücken in der Hosentasche am Mann hat? Das ist ja frustrierend…

Die Neugier bewegt mich dazu, den kleinen Pachinko-Automaten zu testen. Ich kaufe zehn Bälle und lasse sie mal rollen. Ich gewinne nichts, aber das ist nicht das Problem. Ich frage mich eher ernsthaft, wie man Stunde um Stunde vor einem solchen Automaten sitzen kann, ohne Ermüdungserscheinungen? Pachinko ist mit Abstand das langweiligste Spiel, was ich je gesehen habe. Sogar die Drehscheibenautomaten in der deutschen Heimat sind spannender. Ich habe mir später allerdings sagen lassen, dass es weitaus bessere Automaten in den „echten“ Pachinko-Hallen gibt, wo die Bälle nicht mit einer Feder, sondern mit Luftdruck in die Maschine gepustet werden und man als Spieler durch die Regelung des Luftdrucks tatsächlich Einfluss auf die Kugel nehmen kann. Marc sagt, er habe in Sapporo eine Karte für ca. 30 E gekauft und das Vierfache mit nach Hause genommen.

Für die, die Pachinko nicht kennen, eine kleine Einführung: Pachinko spielt man, wie erwähnt, mit kleinen Plastikkugeln, die mittels eines Mechanismus in den aufrecht stehenden Automaten befördert werden, wo sie, abgelenkt von kleinen Metallstiften, einen mehr oder weniger zufälligen Weg nach unten nehmen. Mit viel Glück und etwas Geschick fallen die Kugeln in kleine Öffnungen und man kann dadurch weitere Kugeln gewinnen. Man kann diese Kugeln dann zum Spielen einsetzen, oder aber sie als Gewinn in einem Korb sammeln. Mit den gewonnenen Kugeln geht man dann zu einem Fenster, wo man einen Gewinn erhält. Dabei kann es sich um verschiedene Dinge handeln, angeblich Süßigkeiten, Sachpreise oder Geld. Manche sagen, Geldgewinne seien illegal und würden nur von zwielichtigen Organisationen ausgezahlt. Ich sollte mich informieren.

Nach dem Pachinko spielen wir „Shufflepuck“. Ich habe keine Ahnung, wie man das in Deutschland nennt, aber ich habe es schon mit meinem Kumpel Kai in einem kleinen Spielladen in Homburg/Saar gespielt, gegenüber der Sparkasse. Jeder Spieler hat eine Art Plastikschieber in der Hand. Sieht aus wie ein zu kurz geratener Stampfer für Kartoffeln. Das Spielfeld besteht aus einer glatten Oberfläche mit kleinen Löchern, durch die ein leichter Luftstrom zu spüren ist. Über diese Fläche gleitet eine Art Puck (wie beim Eishockey), der auf diesem Luftpolster „schwimmt“. Mittels der Schieber schlägt man den Puck und versucht, das Tor des Gegners zu treffen. Der Preis hier beträgt 200 Yen, dafür kann man etwa zehn Minuten spielen. Ich stelle schnell fest, dass das Gerät hier ebenso wenig wie das in Homburg für Leute wie mich gemacht ist. Der Puck fliegt dreimal durch die halbe Abteilung, die gut besucht ist. Aber getroffen habe ich zum Glück niemanden.

Am Abend esse ich ein Tonkatsu-Ramen (Nudelsuppe mit Schweineschnitzel) und dazu brauche ich keinen weiteren Kommentar zu schreiben. „Umai“ reicht da voll und ganz aus und Pickeldie ging glücklich nach Hause.

Aber um 21:00 läuft „Die Mumie“ im Fernsehen. Das lasse ich mir auf Japanisch doch nicht entgehen. Es ist eine echte Erfahrung (ich übertreibe), und die Synchro ist unbefriedigend. Die Werbung danach sagt, dass „Gladiator“ im November ebenfalls gesendet wird. Na, warum nicht? Wie hört sich „On my signal, unleash hell…“ wohl auf Japanisch an? Und nennen die den Tribun Maximus dann „Shôgun“?

18. August 2013

Nebensächlichkeiten 2012 (Teil 3)

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Spielversuche
In der Jahresmitte 2012 hatte ich es geschafft, eine neue Shadowrungruppe (SRII) ins Leben zu rufen, bestehend aus Puck, dem Kleinen und Big M. Als Handlungsort wurde das anarchistische Berlin des Jahres 2052 gewählt. Ich hatte ein paar interessante Regelquellen gesammelt und wollte das Beste daraus machen.

Zum einen das SRII Regelwerk, das Melanies Vater in sehr gutem Zustand vor Jahren zufällig auf dem Flohmarkt gekauft hatte; dass er es (mitsamt einer Kiste weiterer unterschiedlicher Bücher) nach Trier brachte, hatte eigentlich den Zweck, das alles per EBay zu verkaufen – Bücher erzielen dort keinen Verkaufspreis, der die Zeitinvestition lohnend erscheinen lässt, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Ich fischte das Buch aus der Kiste und konnte mein Glück kaum fassen, ich baute eine erste Gruppe auf, die aber nicht lange Bestand hatte. Immerhin war das Ergebnis, dass mir einer der damaligen Spieler das Magieregelwerk “Grimoire” schenkte und ich mir “Deutschland in den Schatten” und den “Shadowrun Companion” kaufte (beide in englischer Sprache) – die dann erst mal wieder im Regal zustaubten.

Vor etwa einem Jahr ergab sich also eine neue Gelegenheit. Ich hatte mir für die Charaktergestaltung das eine oder andere überlegt und verwurstete brauchbare Ideen aus alten Abenteuern mit neuen Ideen, die nicht für ein ganzes Abenteuer reichten. Teil dieser Ideen beruhten auf Nichtspielercharakteren (NSCs), die ich als Generierungsexperiment voll ausgestaltet hatte, sie sollten als roter Faden zwischen Abenteuern dienen, da viel Plastizität in der Spielwelt gewonnen wird, wenn die Spieler gewisse Figuren immer wieder treffen. Ich mochte dieses Konzept schon immer besser als eine Reihe von so genannten Connections, die man einfach kauft und die nur ein Posten auf der Haben-Seite, eine Notiz auf dem Datenblatt sind.

Am interessantesten heben sich hervor der Magier Erasmus, der Schlaf- und Unsichtbarkeitszauber zu seinen Lieblingssprüchen zählt, aber mit seinen schulterlangen braunen Haaren, dem schwarzen Sakko auf weißen T-Shirt, und den schwarzen Armeehosen über den Springerstiefeln auch ein bisschen lächerlich aussieht.
Zum anderen der chinesische Troll Shen Li, der nicht nur voll ausgebildeter Shaolin-Mönch ist, sondern auch noch Ki-Adept mit gesteigerten Reflexen. Ein wahres Nahkampfmonster. Er ist allerdings Pazifist und verwendet nur Nahkampfwaffen mit Betäubungsschaden.

Big M kam auf einen Ork namens Harry Gosowius, der der Einfachheit halber ebenfalls Mechaniker ist. Im ersten Anlauf richtete er den Fokus der Charaktergenerierung völlig auf Geld, da er nicht nur eine Werkstatt, sondern auch das luxuriöseste Auto auf dem Markt besitzen wollte. Im Laufe der darauf folgenden halben Stunde merkte er allerdings, dass dann für körperliche Attribute und allgemeine Fertigkeiten nicht mehr viel übrig blieb. Einen Ork, der dermaßen schwach auf der Brust war, wollte er nicht spielen. Also nochmal: Ein sehr durchschnittlicher Ork mit einer Werkstatt und einem Motorroller statt Luxusauto, dabei mit einem Wert auf “B/R Fahrzeuge”, den man nach der Gesellenprüfung etwa hat. Waffen seiner Wahl waren eine Uzi und ein großer Maulschlüssel. Aber er war zufrieden damit. Benannte die Mitarbeiter seiner kleinen Firma auch gleich nach Leuten, mit denen er im echten leben nicht so klarkam, von daher verzichte ich auf die Nennung von Namen.

Der Kleine baute einen Troll, den man einfach “Wölkchen” rief, wegen seiner chronischen Verdauungsstörungen… ebenfalls ein friedlicher Typ, der Ärger lieber aus dem Weg ging, ohne dabei Pazifist zu sein. Sein Geld verdiente er bezeichnenderweise als freiberuflicher Lieferfahrer. Dazu besaß er einen Kleinwagen, in den er nicht reinpasste, weswegen das Dach abgesägt wurde. Nachdem es ihm allerdings ein paar Mal den Sitz nassgeregnet hatte, konstruierte er mit Harrys Hilfe aus einem Zeltbausatz eine Art Verdeck, das immerhin Geschwindigkeiten von 50 km/h aushielt, bevor es die Stangen verbog oder die ganze Sache gleich aus der Verankerung riss.

Puck baute einen Elfen, einen bunten Vogel mit hohem Charisma, einen Studio- und Straßenmusiker namens Eris, der von einer Solokarriere träumte und für den es nichts wichtigeres als seine Gitarre und Musik gab – Schattenlaufen war für ihn eine Möglichkeit, schneller an das benötigte Kleingeld zu kommen. Er wurde aber meist “Heinz” gerufen, denn eine seiner gewählten Eigenschaften war “human looking”, eine Option aus dem Sammelsurium des “Shadowrun Companion” zur farbigeren Ausgestaltung von Spielercharakteren, die ich als “menschenähnlich” übersetzte. Er sieht also auf den ersten Blick nicht aus wie ein Elf und Eris legte sich den Straßennamen “Heinz” zu, um den Effekt weiter zu festigen.

Der Auftakt: Wölkchen erhielt von einer anonymen Person den Auftrag, eine Metallkiste von der Größe eines Aktenkoffers an einer bestimmten Adresse abzugeben; wie sich herausstellte, das Hauptquartier der Motorradgang “Burning Blisters”, die in dem Bereich für Ruhe und Ordnung sorgten. Wölkchen bekam sein Geld, die Tür schloss sich, er setzte sich wieder ins Auto, und als er den Zündschlüssel drehte, bemerkte er im Augenwinkel eine Bewegung. Er kümmerte sich nicht weiter darum und fuhr los.

Tags drauf war die Hölle los im Kiez. Das Hauptquartier der Burning Blisters war überfallen worden, es gab zwei Tote, und außer offensichtlichen Wertsachen war scheinbar nur eine Metallkiste verschwunden – DIE Metallkiste. Der Auftraggeber war nicht davon angetan und forderte Wölkchen unmissverständlich auf, sich an der Suche nach der Kiste zu beteiligen, da er nicht frei von Verdacht sei. Wölkchen schaltete seine beiden Bekannten ein und sie wandten sich gemeinsam an den Informationshändler ihres Vertrauens. Über ein paar weitere Ecken kamen sie so zu dem Wissen, dass man sich auf der Straße erzählte, eine rivalisierende Gang, die “Razors”, hätten den Überfall im Zuge einer bereits länger laufenden Fehde ausgeführt.

Wölkchen und Heinz versuchten sich an einem “Undercover-Unternehmen”, in dem sie sich zum Treffpunkt der Razors vorarbeiteten. Dabei rannten sie beinahe in ein anderes Kommandounternehmen, das mit der laufenden Handlung nichts zu tun hatte, aber ich finde es immer unterhaltsam, wenn meine Spieler glauben, dass alles, was ihre Spielfiguren erleben, in einem Zusammenhang mit der Gesamtgeschichte stehe. Ich meine, wenn man auf der Straße jemandem begegnet, der einen nach dem Weg fragt, dann kommt man ja auch nicht auf die Idee, dass dieses Ereignis Auswirkungen auf das spätere Leben hat, oder?
Wie dem auch sei: Die beiden fanden sich irgendwann im Treffpunkt der Razors ein, einer Art Rockkneipe, und versuchten vorsichtig, an Informationen zu kommen, allerdings erfolglos.

Harry wählte daraufhin den direkten Weg: Er fuhr am kommenden Abend allein an der Kneipe vor, ging hinein und fragte den ersten mit einem “Razors” Aufnäher, ob sie was mit dem Überfall zu tun hätten. Er hatte binnen zehn Sekunden ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, und gefragt, wer solche Sachen erzählte, fiel ihm nur Heinz ein. Der bemühte sich zu dem Zeitpunkt gerade um Aufnahme in eine Art Kuschelrock-Liveband mit der Bezeichnung “ShmooRiders” und probte mit denen im Keller des Bandleaders. Die Razors kamen an, verlangten Rede und Antwort und Heinz stritt erfolgreich ab, diesen Bekloppten, der sie hergeführt hatte, überhaupt zu kennen, versicherte ihnen glaubhaft, es handele sich um einen armen Irren, den er ab und zu am Bahnhof herumlaufen sehe, der jedem, den er zum zuhören brachte, alles mögliche erzähle, wenn er hoffen konnte, dafür Aufmerksamkeit oder vielleicht sogar Geld geschenkt zu bekommen. Die Gang zog ab, ohne größere Schäden anzurichten, nahm nur ein paar Wertgegenstände aus dem Haus mit und zerlegte den rechten Vorderreifen von Harrys Auto mit Hilfe einer Pumpgun. Heinz war mindestens stinksauer und riet Harry, sich keinesfalls am Bahnhof sehen zu lassen, und am besten erst mal ein paar Tage in seiner Werkstatt zu bleiben (wo ihm der Pausenraum eh als Wohnung diente).

Aber Harry langweilte sich, und es war auch nur genug Arbeit da, um die Kosten zu decken und seine beiden Mechaniker nicht nach Hause schicken zu müssen. Also kam er auf den Trichter: “Ich zieh meinen Helm an, damit mich keiner erkennt, fahr mit dem Roller rum und schlag Autoscheiben mit meinem Maulschlüssel ein – dann kommen die alle in meine Werkstatt, um den Schaden beheben zu lassen.” Ah ja.
Nun, er fuhr rum und zerschlug ein paar Scheiben, am hellichten Tag und natürlich in seiner eigenen Nachbarschaft, damit die Leute auch zu ihm gingen, und nicht in die Werkstatt drei Blocks weiter. Dabei wurde er zwar nicht erkannt, aber ein Passant ertappte ihn und ein weiterer hätte ihn beinahe vom Roller gezerrt, bevor er mit Vollgas davonbrausen konnte. So kam er auf den Gedanken, dass die Sache vielleicht doch keine so gute Idee war und richtete seine Energien wieder auf den Fall, der eigentlich zu lösen war, nämlich, wie man die verschwundene Kiste wiederbesorgen könnte.

Nach einem Tag des Brütens hatte er einen “Plan”, der ihm so gut gefiel, dass er ihn Heinz sofort mitteilen wollte. Es war nicht schwer, herauszufinden, dass der Musiker zu diesem Zeitpunkt gerade im Bahnhof spielte. Allen Warnungen zum Trotz ging er schnurgerade dorthin und fand Heinz im entrückten Zustand beim Spielen eines improvisierten und besonders gelungenen Riffs im Kreis von einem Dutzend interessierter Zuhörer. Alle verbalen Versuche, ihn auf sich aufmerksam zu machen, schlugen fehl, aber Harry platzte vor Mitteilungsbedürfnis, zog seine kleine Uzi aus der Seitentasche seiner Arbeitshose und feuerte eine Salve in die Deckenverkleidung.
Die Leute stoben sofort in Panik, manche schreiend, auseinander und rannten zum nächsten Ausgang. Noch bevor Harry etwas sagen konnte und Heinz damit fertig war, ihn zu beschimpfen, begannen die Sicherheitstore sich zu schließen. Harry bekam Muffensausen, sprintete zum Ausgang und ließ sich aus vollem Lauf unter dem Rolltor hindurchgleiten, bevor es sich zu weit schloss.

Der Bahnhof befand sich im Besitz eines der großen Konzerne, die die Skyline Berlins prägen und dank der üblichen Überwachungsmaßnahmen wurde der Schuldige schnell gefunden. Zwei Herren in Anzügen besuchten Harry in der Werkstatt und machten ihm ein ziviles Angebot, das eine Strafzahlung beinhaltete. Harry warf die beiden raus.
Eine Weile später fuhr die Konzernsicherheit mit drei Einsatzwagen vor, forderte ihn auf, mit erhobenen Händen rauszukommen, aber Harry rief ihnen zu, er werde bis zum Letzten kämpfen. Eine einsame Tränengasgranate durchschlug ein Fenster und eine Minute später wurde Harry eingepackt und weggefahren.

Harry wurde zwei Tage bei Wasser und Brot in einer Zelle geparkt, bis sich sein Mütchen gekühlt hatte, bevor er sich mit einem Mitarbeiter der Rechtsabteilung und einem von der Immobilienverwaltung auseinandersetzen musste. Der Konzern war m.E. gnädig: Sein Vier-Mann-Betrieb bekam einen Verwaltungschef gestellt, der die Überweisung der Strafe, der Instandsetzungskosten der Bahnhofshalle und die Kosten für den Einsatz der Konzernsicherheit sicherstellen soll.

Damit endeten die beiden Spielsitzungen, die wir hinbekamen. Die Chancen dafür, die drei Leute zu koordinieren, um vielleicht irgendwann zumindest das angedachte Abenteuer zu beenden, sind eher schwach. Meine Pläne gehen derzeit in die Richtung, Aushänge in einschlägigen Koblenzer Läden zu machen, ob sich hier vielleicht irgendeine Gruppe findet, die mich aufnehmen würde, wobei mir das Spiel eigentlich fast egal ist – na ja, “Vampire” und “Werewolf” und der ganze Gothicmist müssten nicht sein.
Welche Anforderungen habe ich eigentlich? Hm… ich glaube, ich würde nur unter günstigsten Bedingungen mit Jugendlichen (also jünger als 21 oder so) spielen wollen, aber, wer weiß, es soll ja auch vernünftige Jugendliche geben. Andererseit will ich auch weder Powergamer noch Rollenspieler, die so hardcore sind, dass man am Tisch nur “in character” sprechen darf und idealerweise mit den Slangausdrücken der Spielwelt um sich schmeißen muss, um den Spielrealismus zu erhöhen. Ist doch alles Bullshit, das Spielziel besteht darin, Spaß zu haben. Ich hoffe also zumindest mal, dass ich überhaupt mal zum Testen zu Leuten komme, und sei es nur, um drüber schreiben zu können.