Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

1. März 2024

Montag, 01.03.2004 – Code Alpha lebt

Filed under: Bücher,Dawning Universe,Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Ich stehe um acht auf, weil ich frühzeitig an den Rechnern im Center sein will. Und als ich dann schließlich davor sitze, habe ich völlig vergessen, was ich so dringendes machen wollte. Ich finde keine Datenpakete, die zu brennen wären. Also schreibe ich kleinere Einträge und versuche mich zu erinnern, aber es gelingt mir nicht. Ich gehe zuerst in die Bibliothek. Kurz nachdem ich sitze und mit meinen Berichten begonnen habe, setzt sich einer neben mich, dem man nicht nur das stark koreanisch gewürzte Mittagessen, sondern auch die morgendliche Sportübung anmerkt. Ich bin einiges gewohnt, aber in dieser Wolke kann ich nicht lange bleiben.

Um 11:30 verlege ich daher in das Physikgebäude und arbeite mit den besseren Rechnern. Dafür sind die Stühle dort das letzte, weil man die Rückenlehne nicht einrasten kann. Wenn ich dort fertig bin und vom Stuhl aufstehe, habe ich Rückenschmerzen. Außerdem wären mir Stühle mit Stoffbezug wie in der Bibliothek lieber. Auf diesem Plastikleder schwitzt einem der Hintern, während die Füße eiskalt werden. Und das liegt daran, dass der Raum nicht auf eine auch nur halbwegs angenehme Temperatur geheizt wird. Und nach zwei Stunden werden auch die Finger steif. Ich räume also meinen Rucksack aus und stelle die Füße hinein. Ja, das ist schon besser. Außerdem ziehe ich Handschuhe an. Nach etwa dreißig Minuten habe ich mich daran gewöhnt und schaffe das Tippen in üblicher Geschwindigkeit.

Ich schreibe Misi an und frage, wie es mit der Weiterführung unserer Schlacht um Gersheim stünde, aber er schreibt mir nur eine Antwort, die eigentlich keine ist. Ich bitte um genauere Angaben und sage, dass ich im Physikgebäude warte, aber er erscheint heute nicht.

Dann nutze ich die Zeit, um ein wenig an meiner „Code Alpha“ Geschichte zu arbeiten, was ich seit 1997 nicht mehr ernsthaft getan habe. Es wird also Zeit. Ich überarbeite die Dialoge komplett, von vorne bis hinten, um ihnen diesen schwülstig-feierlichen Ernst zu nehmen, der mir im Alter von 20 Jahren für eine ernsthafte Geschichte anscheinend angebracht erschienen war. Wenn ich das heute wieder lese, dreht sich mir der Magen um und es verlangt mich nach einer Auflockerung der Atmosphäre. Natürlich schaffe ich das nicht an einem Tag, bzw. in wenigen Stunden. Ich werde noch ein paar Sitzungen dazu brauchen. Und wenn das geschafft ist, kann ich mich um das kümmern, was sich um die Dialoge herum befindet, also Beschreibungen von Orten, Personen und Handlungen. Und wenn das schließlich geschafft ist, kann ich mal darüber nachdenken, weiter in Richtung Ende der Geschichte zu arbeiten. Es kann sich nur noch um Jahrzehnte handeln.

Um 20:00 gehe ich nach Hause. Im Laufe des Tages hat sich eine neue Schneedecke gebildet, nachdem vor zwei Tagen erst die Straßen wieder getrocknet waren.

Melanie hat alles Notwendige aufgenommen, damit ich nichts verpasse. Und nachdem ich gesehen habe, was ich sehen wollte, lese ich weiter in „The Dogs of War“. So weit, wie ich bisher gekommen bin, gefällt mir das Buch schon deutlich besser als „The ODESSA File“. Das könnte nicht zuletzt daran liegen, dass ich Söldnergeschichten mag, und in dieser Hinsicht trifft Forsyth ganz meinen Geschmack. Wer meine Shadowrun Abenteuer kennt, wird wahrscheinlich verstehen, warum. Man muss sich nur eine Portion mehr Hirn hinter diesen Abenteuern vorstellen.

28. Februar 2024

Samstag, 28.02.2004 – Lesestunde

Filed under: Bücher,Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Heute sind keine Computer verfügbar, also schlafe ich aus, bleibe ich zuhause und lese „The ODESSA File“.
Bis zum Abend habe ich das Buch hinter mich gebracht. Forsyth, der von der Werbung als Autor mit herausragender Recherche gepriesen wird, erweist sich genau in diesem Punkt, so weit es dieses Buch betrifft, leider als ein wenig schwach. Das Buch behandelt, wie der Titel sagt, „ODESSA“, aber gemeint ist keine Stadt, sondern die „Organisation Der Ehemaligen SSAngehörigen“. Auf die Handlung will ich nicht weiter eingehen. Ich gestehe ihm zu, dass er wohl gründlich an der Erforschung dieser obskuren Organisation gearbeitet hat, aber es hakt an Details, die Deutschland allgemein betreffen. Wie viele Nichtdeutsche hat er Probleme mit den Umlauten. So schreibt er „Munster“ (statt Münster) – aber: „Schützstaffel“. Aber das sind ja nur orthografische Schwierigkeiten. Geradezu vernichtend fand ich allerdings seine Unkenntnis der Nachkriegsgeschichte. Die Handlung erstreckt sich über den Zeitraum von 1963 bis 1964 und er sagt über den Protagonisten, dass dieser seinen Wehrdienst vor zehn Jahren geleistet habe. Ich muss keine Sekunde darüber nachdenken, um zu wissen, dass das Unsinn ist. Die Bundeswehr wurde erst per Gesetz 1955 gegründet und erst 1956 rückten die ersten freiwilligen Aufbaukommandos ein. Bis die ersten echten Wehrpflichtigen einrückten, verging noch einmal etwas Zeit.

Melanie bastelt den ganzen Tag über kleine Hemden aus Papier. Sie sollen am Ende als Verzierung für ein Türschild dienen, das sie Ricci schenken will.

Nachdem ich mit dem Buch fertig bin, muss ich meine Tagebucheinträge der letzten Tage nachholen und rekonstruiere sie anhand von Notizen. Ins Bett komme ich dadurch erst um 04:30. Dürfte ein kurzer Sonntag werden.

3. Dezember 2023

Mittwoch, 03.12.2003 – Ein Mensch lernt wenig von seinem Siege, aber viel von seiner Niederlage

Filed under: Bücher,Japan,My Life,Uni — 42317 @ 14:33

Ein sonniger Morgen, laut Wetterbericht sieben Grad Celsius. Zum Frühstück vertilgen wir den Reis, den Melanie gestern leider umsonst gekocht hat (sie hat die Einladung zum Essen bei den Nachbarn zwanzig Minuten zu spät erhalten). Um den Reis warm essen zu können, brate ich ihn an, mit etwas Öl, und das Ergebnis ist, dass mir den ganzen Tag über mehr oder weniger schlecht ist. Das Essen liegt mir wie ein Stein im Magen, und um 1700 habe ich immer noch keinen Hunger. Dabei habe ich doch noch eine Menge Sushi im Kühlschrank…

Aber alles der Reihe nach. Die Tatsache, dass wir am Morgen unsere Zwischenklausur des A2-Kurses zurückbekommen, trägt wohl auch nicht unwesentlich zu meinem Befinden während des restlichen Tages bei. 47 % sind keine Heldentat. Ich würde das „klar durchgefallen“ nennen. Urrghs… warum dieses Ergebnis? So schlecht war ich ja noch nie, so weit es Japanisch betrifft. Es ist natürlich nicht ganz einfach, als Betroffener objektiv darzustellen, wo genau der Wurm drin war, also stelle ich Melanies Interpretation an den Anfang: „Mangel an Vorbereitung!

Ich will den Vorwurf nicht als völlig unbegründet von der Hand weisen. Ich hätte wohl wirklich mehr dafür tun können – aber wegen des Schwierigkeitsgrades sah ich mich zu besonderen Anstrengungen nicht veranlasst. Das, was hier behandelt wurde, habe ich alles schon einmal gemacht und (damals) mit einem guten Ergebnis hinter mich gebracht, also ist es nicht so, dass ich die Materie überhaupt nicht beherrschen würde. Ich sehe mein Problem darin, wie die Aufgaben gestaltet sind. In Trier bestehen Klausuren aus einer Übersetzungsübung, die den Prüfling dazu veranlasst, die gelernte Grammatik anzuwenden. In Hirosaki bestehen die Aufgaben aus Lückentexten, über denen viel sagend geschrieben steht: „Setzen Sie die richtige Form ein!

Wenn ich diese Aufgabe nun im Buch sehe, dann ist mir ja wegen des aufgeschlagenen Kapitels voll und ganz klar, auf welche Satzstrukturen die Angelegenheit hinausläuft. Hier ist das nicht der Fall. Ich muss den japanischen Text lesen, trotz der Lücken verstehen, um was es geht, und daraus schließen, was ich in die Lücken schreiben muss – und das alles ohne Wörterbuch (das in Trier bei Übersetzungen aus dem Japanischen ins Deutsche erlaubt ist). Die Mehrheit der Fehler ist wohl dadurch entstanden, dass ich Übersetzungsschwierigkeiten bei den Kanji hatte (= mangelnde Vorbereitung meinerseits) und den Kontext nicht richtig auf den Lehrplan habe umdeuten können (= konzeptionelle Mängel des Lehrmaterials). Die Kanji, die wir für die drei Tests jede Woche lernen müssen, stehen nämlich in keinem direkten Zusammenhang zu den zu behandelnden Lektionen – das ist ein ganz anderes Buch. Die Aufgaben der Klausur stammten jedoch alle aus dem Lehrbuch – was für mich bedeutet, dass ich nicht nur die grammatikalischen Formen können muss (mit dem, was ich an Strukturen vorbereitet hatte, wäre ich bequem auf 80 % gekommen), sondern ich muss auch die Aufgabenstellungen im Buch mehr oder weniger auswendig können, damit ich bei Verständnisschwierigkeiten dennoch weiß, welcher Grammatikteil da gerade abgefragt wird.

Das alles trägt weder zu meiner körperlichen und geistigen Gesundheit noch zu meiner Laune bei. Die Übersetzungsaufgaben von Katsuki-sensei schmecken mir viel besser – schließlich wird man bei der Konversation in der Mensa nicht plötzlich mit Lückentexten konfrontiert… Dass die Klausurtexte Kommunikationsbeispiele waren, macht die Sache nicht besser. Andererseits sitzen in Form der ca. 15 Teilnehmer mindestens fünf Nationen im Raum (Deutschland, Frankreich, Thailand, China und Peru), was eine Übersetzungsübung ziemlich kompliziert für die Lehrerin machen würde. Also muss ich Lernaufwand in die Lehrbuchtexte investieren – was früher völlig überflüssig war. Man könnte aber ruhig ein Kanjilexikon zulassen, um so Vokabelfragen klären zu können und eine vollständige Konzentration auf die Grammatik zu ermöglichen, um die ja eigentlich geht.

Vesterhoven bespricht heute Mishima Yukio und gibt uns „Yûkoku“ („Patriotismus“) zum Lesen mit. Ich bin gespannt. Die „Geständnisse einer Maske“ haben mir sehr gut gefallen, und „Yûkoku“ ist das wahrscheinlich bekannteste Werk Mishimas – nicht zuletzt wegen der Darstellung eines rituellen Selbstmordes… aber das ist bislang alles, was ich darüber weiß, weil ich es noch nicht gelesen habe. Ich bin gespannt…

… und die Kinnlade fiel mir auf den Schreibtisch. Und ich kann nicht sagen, dass dieser metaphorische Vorgang positive Ursachen hätte. Ich habe nicht gedacht, dass Mishima solch einen Mist schreiben kann. Seine Fans mögen mir das bitte verzeihen, aber ich finde „Yûkoku“ in keiner Weise berauschend. Das einzige, was dieser Text wirklich gut vermittelt, ist der Schmerz eines Mannes, der sich mit einem Katana den Bauch aufschlitzt – und zwar ohne jemanden, der ihm den Kopf abschlägt, wenn es zu viel wird. Ansonsten ist der Text eine Mischung aus chauvinistischen Phrasen, Körperkult und Sex. Nennen wir die Dinge doch beim Namen. Die Handlung findet statt vor dem Hintergrund der Geschehnisse ab dem 26. Februar 1936. In Tokyo rebellierten rund 1400 Soldaten der kaiserlichen Armee (geführt von idealistischen Offizieren der unteren und mittleren Dienstgrade) gegen die Regierung. Ihre Motivation war die Absetzung der Herrschaft von „Parteien, korrupten alten Männern und Bürokraten“, um den Tenno persönlich die direkte Herrschaft zu ermöglichen. Sie hofften, auf diese Art und Weise u.a. die ärmlichen Verhältnisse der Landbevölkerung mildern zu können (die dazu führten, dass eine Menge Töchter in die Prostitution verkauft wurden) – und nicht wenige Offiziere kamen vom Land zur Armee, weil sie dort eine gesicherte Existenz sahen. Der Shôwa Tenno (Hirohito) ordnete am 29.02. jedoch an, die Rebellion niederzuschlagen, worauf die meisten Aufständischen freiwillig die Waffen niederlegten.

Leutnant Takeyama ist die männliche Hauptperson der Kurzgeschichte. Er steht nicht auf der Seite der Aufständischen, aber er weiß, dass man ihm befehlen wird, gegen die Meuterer vorzugehen, unter denen sich seine besten Freunde befinden. Der Leutnant ist verheiratet, und die Darstellung dieser Ehe ist von einem derart archaischen Ideal geprägt, dass einem davon schlecht werden könnte. Seine Frau ist seine absolute Untergebene. Er macht ihr klar, dass es zum Leben eines Offiziers der kaiserlichen Armee gehört, jederzeit sein Leben für Kaiser und Vaterland zu geben und sie macht deutlich, dass sie ihm freiwillig in den Tod folgen werde, sollte dieser Fall eintreten. Es folgen Darstellungen, wie leidenschaftlich (und ausdauernd) das Sexualleben der beiden verläuft (vor allem, wenn er von Übungen wieder zurückkommt), was für einen göttlichen Körperbau die beiden haben (jeweils das extreme Idealbild eines männlichen und eines weiblichen Körpers, man denke dabei an die Vorstellungen der Nazis) und wie hingebungsvoll der Leutnant seinem Kaiser dient. Und als dann klar wird, dass er am folgenden Tag auf seine Freunde und Landsleute würde schießen müssen, nimmt er sein Schwert und verteilt eindrucksvoll seine Darmwindungen auf dem Tatamiboden im gemeinsamen Schlafzimmer (es ist nicht schwer zu raten, was die zwei vorher einige Stunden lang gemacht haben), gefolgt von seiner Frau, die sich mit einem großen Messer den Hals aufschlitzt.
Das möchte ich nicht noch einmal lesen, wenn es sich vermeiden lässt. Aber die Darstellungen der Schmerzen sind so richtig „echt Mishima“. Sehr lebhaft geschildert und gut durchdacht. Immerhin.

Um 1200 gedachte ich eigentlich Yui in der Halle zu treffen, aber sie ist nicht da. Sie ruft auch nicht an. Daraus muss ich eigentlich schlussfolgern, dass unsere Treffen nicht als so regelmäßig ausgemacht worden sind, wie ich mir das gedacht habe. Ein bisschen Kontinuität würde ich doch begrüßen. Ach, was soll’s, ich hab auch schon solche Fehler gemacht. Dafür treffe ich Mei und BiRei, die hier ihr Mittagessen verzehren wollen. Dann unterhalte ich mich eben mit denen ein bisschen, so lange sie essen.

Um 1420 sehe ich Mei dann wieder zum Englischlernen. Derzeit ein überraschend konstanter Faktor in meiner wöchentlichen Freizeitplanung. Mei hat ihr Textbuch vergessen, also nehmen wir das Grammatikbuch als Grundlage. Verbformen. Das ermüdet die junge Dame wesentlich schneller als einfache Kommunikation. Aber die Zeit vergeht dennoch recht schnell und sie hat um 1600 eine Verabredung mit ihrem Tutor. Dann komme ich vielleicht ja doch noch bis 1900 nach Hause, und kann vorher noch Post schreiben.

Aber so weit sollte es nicht kommen. Weit gefehlt! Ich schreibe also den bisherigen Tag in mein Tagebuch und um 1615 kommt BiRei mit XiangHua in die Halle – auf der Suche nach Mei. Sie sei bei einem Treffen mit ihrem Tutor, sage ich, worauf die beiden beschließen, mit mir vorlieb zu nehmen. Wir sitzen also da und unterhalten uns. Währenddessen schreibt BiRei Vokabeln auf, die ich nicht kenne (oder nicht sofort verstanden habe), drückt mir den Zettel in die Hand, sieht mich streng an und sagt: „Lern das und vergiss es nicht!“ Ah… wie Sie wünschen. War von ihr natürlich nicht so ernst gemeint, wie sie es in Szene gesetzt hat. Im Gegenzug möchte sie, dass ich ihr ebenfalls etwas Englisch beibringe. Aber nicht zusammen mit Mei, da sie Mei nicht stören möchte. Dann könnte sie sie doch zumindest fragen, ob das in Ordnung sei? Nein, sie wolle Mei nicht damit belästigen. Und ich solle Mei gegenüber das Thema auch nicht anschneiden. Ich will das jetzt nicht verstehen müssen. In einem klassischen Fernsehdrama würde dieses Verhalten darauf schließen lassen, dass Mei romantische Gefühle für mich hegt und BiRei das weiß, und deshalb die Zweisamkeit nicht stören möchte. 🙂
Aber gut… hier und da ein wenig englische Konversation, wenn wir uns begegnen. Ich solle dann auch von Fall zu Fall unbekannte Vokabeln aufschreiben und an sie weitergeben. Hm… sie hat nach ihrem Schulabschluss erst angefangen, verstärkt Englisch zu lernen, auf der Schule hat sie in erster Linie Japanisch gelernt (acht Jahre), und nur ein bisschen Englisch nebenher gemacht. Eigentlich sollte ich ihr gleich ein Wörterbuch schenken. Mehr als „Basiskommunikation“ ist bei ihr noch nicht zu machen, was bedeutet, dass ich zuerst Vokabeln und dann Strukturen aufbauen muss… das könnte ja in Arbeit ausarten…
Als wir uns dann wieder verabschieden, ist es 1840. Mit „1900 zuhause“ wird das nichts mehr, und ich habe heute noch nicht einmal einen Computer gesehen. Ich werde meine Post abrufen und beantworten, aber einen Bericht schreibe ich heute nicht mehr. Mehrstündige Konversation auf Japanisch kostet mich noch viel zu viel Konzentration und Energie.

Und als ob der Tag nicht schon Kraft raubend genug gewesen wäre, läuft am Abend auch wieder die „WG Kunterbunt“. Heute ausnahmsweise nicht mit Bildern aus den dreißiger Jahren. Es geht ein wenig weihnachtlich zu, und ich denke noch so bei mir: „Hey, dann könnte die Sendung heute ja mal erträglich sein“, aber dann kommt bereits der Dämpfer: „Ernst, wie wir nun mal sind…“ oh nein, oh nein, was kommt jetzt?
Ernst, wie wir nun mal sind, berichten wir heute über allein erziehende Mütter und Väter in der Weihnachtszeit.
Okay, ich gebe zu, das ist besser als „Weihnachten unterm Hakenkreuz“, aber immer noch viel zu deprimierend für eine Kindersendung! Ich sagte ja bereits, dass die Themen, die ja nicht unwichtig sind, inhaltlich eher was für Jugendliche wären – hätte die Sendung nicht allgemein eine so kindgerechte Aufmachung. Warum zeigen die keine Weihnachtsmärkte? Von mir aus auch mit alternativem Holzspielzeug „made in Germany“. Oder verschneite Bäume, spielende Kinder mit Schlitten und dergleichen mehr? Nein, wir zeigen lieber die Kehrseiten der Medaille und lassen die Japaner denken, dass Deutsche sich nur über schwermütige Themen Gedanken machen. In Deutschland ist Weihnachten also nicht das Fest der Freude, sondern das Fest, wo man an weniger gut situierte Menschen denkt und Trübsal bläst. Etwas mehr Ausgewogenheit wäre hier angebracht – und unter „Ausgewogenheit“ verstehe ich etwas anderes als die Laberbacke Sascha mit seinen Fußballbegriffen… wenn Deutsche sich von ihrer Trübsal mal lösen wollen, spielen sie also Fußball oder sehen sich Spiele an. Wie könnte es auch anders sein?

Prinz Pipo“ gibt am Ende der Sendung jeweils den Satz des Tages vor. Vielleicht habe ich das bereits erwähnt – es handelt sich dabei um den Kernsatz des vorgeführten Puppentheaterstücks, und dieser Satz wird mehrfach erwähnt, damit ihn sich auch jeder merkt. Und der lautet heute:
Eigentlich dachte ich, dass die Natur auf der Erde intakt ist.
Muss man Germanist sein, um diesen Satz als „auffällig“ zu betrachten? Ich bin keiner, und ich behaupte dennoch, dass der Satz nicht ganz richtig ist (ich will nicht direkt „falsch“ sagen). Müsste das hier nicht heißen:
Eigentlich dachte ich, dass die Natur auf der Erde intakt sei.???
Vielleicht gibt es Konnotationsunterschiede, die mir unbekannt sind? Annahmen werden wie indirekte Rede doch im Irrealis ausgedrückt, oder? Für mich ist meine Version jedenfalls richtiger. Übel Freunde, ganz schlecht.

Und dann fängt es an zu schneien.

5. Februar 2012

Gelesen: Der Graf von Monte Christo

Filed under: Bücher,Manga/Anime — 42317 @ 17:45

Die Notizen sammeln sich… schneller, als ich ausformulieren kann (davon, dass ich bei jeder sich prinzipiell bietenden Gelegenheit nicht auch die notwendige Motivation dazu aufbringe, ganz zu schweigen). Ich muss ja zugeben, dass gewisse Möglichkeiten der Kurzweil mich manchmal eine ganze Weile aufhalten… Civilization zum Beispiel, nach dem Kauf eines neuen Flachbildschirms wieder verstärkt CounterStrike, oder in letzter Zeit auch Railroad Tycoon. Abgesehen davon habe ich mir die Zeit genommen, “Der Graf von Monte Christo” von Dumas zu lesen. Nachdem ich vor ein paar wenigen Jahren die SciFi-Animeversion gesehen hatte, dachte ich mir, ich könnte die Vorlage mal lesen, und in Abwesenheit ausreichender Französischkenntnisse musste das halt die deutsche Ausgabe sein. An dieser Stelle also ausnahmsweise kein “Roadmovie”, sondern ein bisschen Literaturrezension.

Vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse im Frankreich des Jahres 1814 wird ein junger Mann mit dem Namen Edmont Dantes am Vorabend seiner Hochzeit als Folge von Neid, Missgunst und Egoismus auf einer Gefängnisinsel unweit von Marseille eingekerkert, ohne zu verstehen, was man ihm vorwirft und ohne je einen Richter gesehen zu haben.
Er verbringt 14 Jahre in Einzelhaft, gelangt aber durch heimliche Kommunikation mit einem Mitgefangenen an das Wissen über das riesige Vermögen einer mittlerweile ausgestorbenen Familie, das ein Opfer Cesare Borgias in Vorahnung seines baldigen Todes auf der italienischen Insel Montecristo versteckt hatte.
Nach dem Tod des Zellennachbarn gelingt ihm die Flucht, er eignet sich den Reichtum an und verbringt neun Jahre mit der Vorbereitung seiner Rache an den Leuten, die ihn ins Gefängnis gebracht haben, indem er alle auffindbaren Informationen über soziale Netzwerke, Geschäftsbeziehungen und auch alte Sünden, die sprichwörtlichen Leichen im Keller, einzieht, er lernt mehrere Sprachen bis zur Vollendung und baut selbst ein Netzwerk aus Geschäftspartnern, Freunden und Helfershelfern auf, das den gesamten Mittelmeerraum zu umspannen scheint. Er kommt als Graf von Monte Christo zurück (legt sich aber noch andere Tarnidentitäten zu) und vernichtet seine Widersacher, die mittlerweile zu Macht und Wohlstand gelangt sind.

Wenn man sich einmal an den antiquierten Sprachstil gewöhnt hat, liest sich die Geschichte sehr gut und auch schnell, obwohl ich sagen muss, dass die verwendeten Bauelemente manchmal ein bisschen simpel gehalten scheinen.

Schön ist zum Beispiel, wie aus dem Gefangenen Edmont der Graf wird:
Er wird eingekerkert und wird von einem nicht unfreundlichen Wärter bewacht, der ihn mit Namen anspricht. Nach einer Weile wechselt der Gouverneur der Insel und der Wärter geht mit. Der nachfolgende Wärter macht sich nicht die Mühe, sich die Namen der Gefangenen zu merken und ruft sie nach ihrer Zellennummer. Dantes, nun “Nummer 34”, verliert also seine Identität, was man ja scheinbar braucht, um sich eine neue anzueignen.
Durch seinen Zellennachbarn gelangt Nummer 34 also im Laufe der Jahre zu einer höheren Bildung, die es ihm später ermöglicht, sich realistisch als Aristokrat oder zumindest als Mitglied der gehobenen gesellschaftlichen Schicht auszugeben, denn Kleider machen zwar Leute, aber wenn einer, der sich “Graf” nennt, weiterhin den Sprachstil eines Marseiller Seemanns verwendet, dann fällt das auf. Nun ja, zumindest realistisch betrachtet, denn es fällt in dieser Geschichte nicht wirklich auf, weil die einfachen Leute, die den jungen Seemann Dantes umgeben, nicht anders reden als die Aristokraten, die zu Wort kommen. So gern Dumas historische Figuren in seine Geschichten einband, so wenig wollte er sich wohl gleichzeitig mit dem Studium realistischer Soziolekte belasten. Das kann man ihm nicht nachtragen, denn er wollte ja wohl unterhalten und keinen Beitrag zur linguistischen Forschung seiner Zeit leisten.
Angesichts seines nahenden Todes weiht ihn der Mitgefangene schließlich in das Geheimnis des Schatzes ein, von dessen Existenz er überzeugt ist, was ihm jedoch niemand glaubt. Das Geldversteck befindet sich auf der Insel Montecristo und so fällt die Wahl des identitätslosen Gefangenen für seine neue Identität auf diese Bezeichnung.

Auffällig ist ebenfalls, wie das Vorleben der zu bestrafenden Personen die sie treffende Strafe beeinflusst: Hat sich die Person des Todes eines Menschen schuldig gemacht, so muss er oder sie sterben. Diejenigen, die sich nur moralischer oder nicht-tödlicher Verbrechen schuldig gemacht haben, dürfen leben. Leider schien es Dumas zum Ende seiner Erzählung hin eilig gehabt zu haben, weil das endgültige Schicksal zweier Charaktere, Benedetto, der jemanden getötet hat, und Danglars, der sich nur bereichert hat, unausgesprochen bleibt, wobei ersterer sich in seiner letzten Szene im Gerichtssaal befindet, wo er den Mord (oder einen davon) zugibt, und letzterer befindet sich in der Hand italienischer Banditen. Das Ende läuft irgendwie zackzackzack und lässt meines Erachtens die Ausarbeitung vermissen.
Übrigens verhindert nur die Rückbesinnung auf Edmont Dantes, dass der Graf selbst jemanden tötet, womit er ja selbst in das hier präsentierte Muster der Wechselwirkung von Verbrechen und Strafe gefallen wäre. Zwar tötet auch ein anderer, positiver Charakter eine Person, dies aber in einem fairen Duell frei von niederen Beweggründen, und Rache, der Antrieb des Grafen, ist ein niederer Beweggrund, der somit sein Ableben im Augenblick des Triumphs aus literarischer Sicht hätte notwendig machen können. (Der Duellist findet sich aber anderweitig vom Schicksal gestraft.)

Die Japaner haben sich in ihrem Anime übrigens in keiner Weise für diese Wechselwirkung interessiert: Da kommt es zu einem (oder dem) Duell und einer muss dran glauben – womit ein bedeutendes Standbein der in der Romanvorlage dargelegten Moralvorstellung von Verbrechen und Strafe missachtet wurde. Entweder sie haben es nicht erkannt oder sich gedacht, scheiß drauf, wenn einer stirbt, fesselt das den Zuschauer mehr, als wenn es knapp verhindert wird. Sie begründen die allgemeine Handlungsweise des Grafen aber auch anders, weil er im Anime nicht einfach nur sprichwörtlich von Rachsucht, sondern de facto von einer Art Dämon besessen ist. Diese Einflussnahme durch eine dritte Entität entschuldigt dann scheinbar die Abweichung.

Ganz lupenrein bleibt der Graf aber dennoch nicht, es gibt zwei Punkte, von denen ich annehme, dass der Autor sich nichts dabei gedacht hat.
Zum einen gibt es einen Stelle, an der Albert von seiner Mutter gewarnt wird, sich vor dem Grafen in Acht zu nehmen, aber er, der vom Grafen kurz zuvor aus den Händen italienischer Banditen gerettet wurde, antwortet nur, dass der Graf weder spiele noch Alkohol trinke, wo solle also die Gefahr sein? Nun ja, abgesehen von literarischen Erwägungen wird von dem Grafen eindeutig gesagt, dass er Haschisch in Geleeform zu sich nimmt, und dass er sich aus kantonesischem Opium und irakischem Haschisch Pillen fertigt, mit deren Hilfe er eine Wirkung erzielt, für die man heutzutage wohl RedBull verwendet. Dieser Drogenkonsum wird in keiner Weise negativ dargestellt. Interessant dabei ist, dass ebenfalls an mehreren Stellen ausgesagt wird, dass der Graf kaum Nahrung zu sich nehme; er lädt zu opulenten Mählern ein, rührt aber selbst kaum etwas an – dabei dachte ich, dass der Wirkstoff im Haschisch den Appetit anrege? Vielleicht ist diese Erkenntnis jünger als das Buch und Dumas hat es nicht gewusst.

Aber wie dem auch sei, der zweite Punkt, der mir bei den vernachlässigten und ungesühnten Machenschaften Monte Christos auffällt, ist die Art und Weise, wie er den Bankier Danglars angreift: Der Graf manipuliert die Börse und die Unternehmen, von denen Danglars abhängg ist; an mehreren Stellen findet sich die Aussage, dass es in dem Umfeld zu Bankrotten gekommen sei, in deren Verlauf Danglars Millionen an Investitionen verliert. Sollte da nicht jedem auffallen und aufgefallen sein, dass hierbei Unschuldige, billigend in Kauf genommen, ins zumindest wirtschaftliche Unglück gestürzt werden, um jemand ganz anderen zu treffen? Dantes’ Gönner Morrel stand kurz davor, sich angesichts seiner Zahlungsunfähigkeit eine Kugel durch den Kopf zu schieben, man müsste wohl davon ausgehen, dass es in den vom Grafen ruinierten Unternehmen zu solchen Fällen gekommen ist – Familienschicksale also, deren Verlauf selbst als Vorlage für Rachegeschichten dienen könnte. Stattdessen bieten diese Ereignisse nur den Hintergrund, anhand dessen sich der unkritische Leser schadenfreudig am Niedergang des habgierigen Danglars erfreut.

Was mich wohl am meisten stört, ist die unangefochtene Über- und Allmacht des Grafen. Sein Reichtum gibt ihm Möglichkeiten der Einflussnahme, wie man sie in Computerspielen nur im Cheatmodus erreicht, seine Pläne sind perfekt, das eine Ereignis, das er weder vorhergesehen noch gewollt hat, hat keinerlei Auswirkungen auf den Gesamtverlauf und bleibt in der Kategorie “Kollateralschaden”, und an keiner Stelle ist der von ihm erdachte Ablauf der Ereignisse in irgendeiner Weise von einem Scheitern bedroht. In dieser Hinsicht fehlt dem Ganzen ein bisschen die Spannung, ob unser Held es nun schaffen wird oder nicht (obwohl jeder, der sich nur ein bisschen mit dem Geschichtenerzählen auskennt, weiß, dass der Held es immer schafft und sich nur die Frage des konkreten “Wie” stellt), aber ich wage zu behaupten, dass jede Geschichte durch einen handlungsfähigen Gegenspieler an Reiz gewinnt. Im Buch von Dumas sind alle handelnden Personen nur passive Figuren auf dem Schachbrett des Grafen von Monte Christo.

22. Oktober 2011

Noch mehr geklaut!

Filed under: Bücher,Filme — 42317 @ 15:24

Der Artikel “Alles gelaut. ALLES.” hat ein Update erhalten.

12. Juni 2010

Alles geklaut. ALLES.

Filed under: Bücher,Filme — 42317 @ 20:52

Erinnert sich noch jemand an “AVATAR”? Diesen bombastischen Effektestreifen, der mit 3D protzte, den niemand so wirklich brauchte, und der wegen seiner Ähnlichkeit mit einem ebenfalls nicht unbekannten älteren Film ein bisschen belächelt wurde?

Natürlich erinnert sich da jeder dran, daran, dass der Film in die Geschichtsbücher einging als größter Kassenschlager aller bisheriger Zeiten, an die Parallelen zu realen kriegerischen Verwicklungen der USA, und an die auffälligen Gemeinsamkeiten mit “Dances with Wolves”.
Zur Erinnerung: Da kommt ein Soldat im Rahmen seines Auftrags in Kontakt mit Ureinwohnern, lernt deren Lebensweise schätzen, wird durch persönlichen Einsatz Teil ihrer Gemeinschaft, und erkennt die Fehlerhaftigkeit seiner eigenen Kultur: Er wechselt die Seiten und kämpft für seine neuen Seelenverwandten. Vergessen wir für einen Augenblick, was de facto aus den Ureinwohnern Nordamerikas wurde, und verdrängen wir ebenso, dass die SciFi Nachkommen der Yankee Kavallerie Pandora aus dem Orbit heraus sterilisieren könnten – der halbe Film war eine Science Fiction Version des Klassikers von 1990 mit Kevin Costner in der Hauptrolle, und fast jeder hat das auch sofort gemerkt.

Da ich gern Science Fiction Kurzgeschichten lese, habe ich letztlich die zweite Hälfte gefunden: Die Geschichte heißt “Call me Joe” und wurde 1957 von Poul Anderson geschrieben.

Es geht um ein Besiedlungsprojekt auf dem Jupiter, ein Langzeitunternehmen, das darauf abzielt, durch die hohen Druckverhältnisse des Gasriesen neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu erlangen. Da Menschen auch unter besten technischen Bedingungen nicht auf der Jupiteroberfläche existieren können, erzeugt man künstlich ein Lebewesen, dass dies kann, ein Organismus, der den Umweltbedingungen angepasst ist, unter denen Wasser metallische Eigenschaften besitzt und flüssiges Methan als Durstlöscher fungiert. Von den höllischen Stürmen auf der Oberfläche ganz zu schweigen. Das erste dieser Wesen, er wird Joe genannt, soll als Versuchsobjekt dienen und andere sollen folgen, falls dem Versuch Erfolg beschert ist.

So, nun haben wir auf einem der Jupitermonde eine Kontrollstation, von der aus die Sache gesteuert wird, und dort finden wir einen Mann, sein Name ist Ed, der bei einem Unfall ganz schrecklich lädiert wurde: Unterhalb seines Brustkorbs besteht er nur aus Maschinenteilen, die ihm das Weiterleben und die Fortbewegung ermöglichen. Man könnte auch einfacher sagen: Der Mann sitzt im Rollstuhl. Und was tut der Mann im Rollstuhl? Nun, zu gegebenen Zeiten setzt er sich einen mit Sensoren verbundenen Helm auf den Kopf und steuert Joe mit Hilfe eines Psistrahls, also per Gedankenkontrolle. Joe kann zwar ohne diese Steuerung existieren, hat dann aber keinen Zugriff auf das technische Wissen des Puppenspielers, und das wird gebraucht, um den Prozess der natürlichen Auswahl zu beeinflussen. Joe baut sich eine Unterkunft, bastelt erste Werkzeuge und legt Vorräte an.

Das vordergründige Problem im Rahmen der Handlung besteht darin, dass zur Verstärkung des Psistrahls Apparaturen benötigt werden, und deren Sicherungen brennen andauernd durch. Die für das Projekt verantwortliche Organisation schickt also jemanden, der sich die Sache ansehen soll, weil diese Dinger nicht billig sind.
Der Techniker findet keinen Defekt und vermutet ein Problem mit dem Bediener: Er stellt die These auf, dass Ed, der allgemein als grantig und zynisch wahrgenommen wird, sich in Wahrheit vor Joe und seiner Welt fürchtet. Joe ist schließlich wahrhaftig ein wildes Wesen, das noch wilder sein muss, als seine Umwelt, um zu überleben. Ed könnte also von der fremden Welt überwältigt sein und darum fürchten, dass bald nicht der verkrüppelte Ed den wilden Joe, sondern der wilde Joe den verkrüppelten Ed steuert, indem er dessen Bewusstsein verdrängt.

Ist natürlich alles Kabbes. Denn es ist ganz klar so, dass Ed nichts geiler findet, als einen gesunden, starken Körper zu steuern, der den Gefahren seiner Umwelt mehr als gewachsen ist, und letztendlich hat Joe allein, von Natur aus, weil er quasi als Erwachsener direkt aus dem Ei kam, eine eher unterentwickelte Willenskraft, die Ed niemals verdrängen könnte. Das Durchbrennen der Sicherungen ist wohl auf den unerwartet hohen Grad an Synchronisierung zwischen Puppenspieler und Avatar zurückzuführen.

Und als dann endlich Kapseln mit weiteren “Jupiteranern” abgeworfen werden, die von Joe ausgebildet werden sollen, geht Ed aufs Ganze: Er verdrängt Joes Geist völlig, geht ganz in ihm auf, und lässt seinen mangelhaften menschlichen Körper einfach sterben. Ja ja, so läuft das da.

Halten wir fest: An “AVATAR” ist rein gar nichts originell. Was dem Film zur Ehre bleibt, sind die technischen Effekte, die er zu bieten hat. Dreidimensionalität ist schon irre, die Animationen sind klasse. Aber mehr als zuvor beschleicht mich ein Gefühl mangelnder Befriedigung, wenn ich so über die Inhalte nachdenke, und die sollten, zumindest meiner Meinung nach, immer wichtiger sein als Spezialeffekte.
Und wie nennt man Filme, die außer Spezialeffekten nichts zu bieten haben?
Ich glaube, man nennt sie “B-Movies”.

Ich bin natürlich nicht der erste, dem das auffällt – laut englischer Wikipedia zum Thema “Call me Joe” hat bereits im Oktober 2009 jemand was dazu veröffentlicht.

UPDATE

Um nicht als Depp dazustehen, der in seiner leidenschaftlichen Kritik dann doch etwas wichtiges vergessen hat, muss ich einen weiteren Punkt, auf den sich die Welt von Camerons AVATAR stützt, noch hinzufügen.
Vor wenigen Tagen lauschte ich der Aufnahme einer literaturwissenschaftlichen Vorlesung zum Thema Science Fiction Literatur, in der auch ein Buch genannt wurde, das den Titel trägt: “The Word for World is Forest” (“Das Wort für Welt ist Wald”), von Ursula K. Le Guin. Le Guin ist wohl am ehesten bekannt für ihre Erdsee-Serie (eine Tatsache, die ich auch nach Lektüre des Werks nicht recht verstehe), aber ich wusste bislang nicht, dass sie auch SciFi geschrieben hat – und damit so bekannt geworden ist, dass der Soldat “Joker” in Full Metal Jacket eine Kopie des Waldbuchs neben seinem Feldbett liegen hat (obwohl die Filmhandlung im Jahre 1968 angesiedelt ist und das Buch erst 1979 veröffentlicht wurde).

In “The Word for World is Forest” geht es um ein menschliches Kolonisationsprojekt auf einem Waldplaneten. In alter Wildwestmanier bauen sie Forts, beuten Rohstoffe aus und versklaven die Ureinwohner, zierliche kleine Wesen mit großen Augen und grünem Fell. Die Brutalität einzelner Menschen in verantwortlichen Positionen führt schließlich zu einem Aufstand der Unterdrückten, die bislang keine gewaltsamen Konflikte kannten, das haben sie erst von den Menschen gelernt.

Aber gut, Geschichten vom Aufstand Unterdrückter gibt es eine Menge und auf dieser Schiene lässt sich kein Zusammenhang mit AVATAR herstellen. Was der Wikipedia Artikel zum Buch allerdings verschweigt, ist die Tatsache, dass der Wald auf dem Planeten Athshe/New Tahiti ein kollektiver Organismus ist, d.h. jeder Baum, jeder Strauch, jeder Grashalm ist wie eine Zelle eines größeren Gebildes, und dieser Aspekt wird in Camerons Film als herausragendes Naturwunder von Pandora genannt.
Und wenn Jake Sully Ed ist, dann ist Grace Augustine Raj Lyubov, denn beide Personen sind Humanisten aus dem akademischen Feld und sie teilen sich das gleiche Schicksal. So ein Zufall aber auch.

9. Januar 2009

Der letzte Befehl (Bd. 11)

Filed under: Bücher,Japan,Manga/Anime — 42317 @ 19:41

Man hat mir den aktuellen Band von “Battle Angel Alita (eigentlich Gunmu) – Last Order” von Kishiro Yukito ausgeliehen – dem zu folgen ich wegen der Zeitspanne zwischen den Veröffentlichungen kaum noch in der Lage bin – und ich fand zwei lustige Sachen darin.

In Bezug auf die teuflischsten militärisch nutzbaren Substanzen wird unter anderem auch “Trioxin 245” genannt, mit dem Hinweis: “Ein Gas, das aus Leichen Zombies macht, wurde 1969 von der US Armee eingesetzt. (c) Dan o’Bannon” (Kishiro Y., Last Order Bd. 11, S. 158).
Schöne Anspielung auf klassische Zombiefilme. Da ich aber kein Spezialist bin, kann ich die Frage nicht beantworten, ob der Film, den Dan o’Bannon 1985 gedreht hat, “Return of the Living Dead”, auch im Jahre 1969 spielt, oder ob in dem Romero Klassiker von 1968, “Night of the Living Dead”, auch tatsächlich die Rede von Trioxin ist – denn soweit ich weiß, ging es bei Romero um einen abgestürzten Satelliten, der irgendwas “zombifizierendes” mitgebracht hatte.

Zuletzt ist aber die angefügte Beschreibung eines Infanteriegewehrs sehr amüsant. Das Modell heißt “ZANBER KZ90”, wobei “Zanber” der auf dem Mars ansässige Hersteller ist.

Ich zitiere ein paar Ausschnitte der Beschreibung (auf den Seiten 196 und 197):

Sicherheitsgriff
“Sicherheit wird garantiert durch doppelte Benutzererkennung, zum einen durch den Check des Benutzer-ID-Chips, zum anderen durch einen Netzhautscan, der durch die Zieloptik durchgeführt wird. Sollte ein anderer als der Besitzer den Abzug betätigen, wird ihm durch eine eingebaute Daumenguilloutine der Daumen abgetrennt.”

Sicherheitskolben (das heißt eigentlich nicht Kolben, sondern Schulterstütze, Anm. d. A.)
“Ist mit dem Benutzererkennungssystem gekoppelt. Wenn die Sicherheitskammer mit einer Gewehrpatrone geladen ist, wird dem Dieb dieser Waffe die Schulter durchschossen, sobald er den Abzug betätigt. Alternativ kann er auch todsicher in die Luft gejagt werden, wenn man die Kammer stattdessen mit elektrisch zündbarem Sprengstoff lädt.
Sofortbesteller erhalten eine Gewehrpatrone gratis!

Das heißt, wenn ich so ein Ding klaue und auch benutze, dann wird mir nicht nur der Daumen abgeschnitten und meine Schulter durchschossen, sondern ich werde u.U. sogar in die Luft gesprengt! Humor durch Übertreibung – es hätte sicherlich gereicht, den Abzugsmechanismus zu blockieren, um ein unbefugtes Abfeuern zu verhindern, aber das wäre ja nicht grotesk lustig.

Laufkühlsystem
“Mit einer Kombination aus Abwärmerohr und Seebeck-Generator wird die Hitze des Laufs effizient in Strom umgewandelt, mit dem der Akku geladen wird.”

Dazu muss man wissen, dass “Seebeck” der Name des Übersetzers ist.

Variable Tarnlackierung
“Muster und Farbe des Anstrichs verändern sich je nach Wetter, Umgebung oder ihrer Stimmung vielfältig.”

Moodrings mit Knalleffekt für Söldner?

Ein Teufel von einem Feldwebel auf dem Submonitor (entspricht wahrscheinlich dem kurzen jap. Begriff “Onigunsô”, Anm. d. A.)
“In den Submonitor, der alle möglichen Daten anzeigt, lässt sich die virtuelle Figur des Teufels von einem Feldwebel einblenden. Er gibt nicht nur strategische Tipps, sondern beschimpft den Feind auch an Ihrer Stelle (“Leck mich an Arsch!”), falls Ihnen die rhetorischen Mittel dazu fehlen. Außerdem tritt Ihnen dieser zuverlässige harte Kerl ebenso in den Hintern, wie er sie anfeuert. Die Figur kann individuell angepasst werden.”

Wo hat Seebeck wohl diesen Begriff her? Ein “Teufel von einem Feldwebel”?
Das passendste Wort, das mir dazu einfällt, ist “Schleifer”… zur Betonung hätte man ihn auch einen “fluchenden”, oder “gnadenlosen Schleifer” nennen können. Ich sehe keinen Grund, sich bei existenter Idiomatik so eng an den Originalwortlaut (Oni = Teufel, Dämon/Gunsô = Feldwebel) zu halten. Ein “Teufel von einem Feldwebel” halte ich nicht für einen lebendigen Ausdruck, sowas sagt doch keiner (mehr). Sogar der verwandte “Teufelskerl” wird alt, das Wort stirbt aus und wird bestenfalls in der Schriftsprache weiterleben.

In den Sonderoptionen für Mitglieder (des Sturmgewehr-Fanclubs?) befinden sich unter anderem
Lebende Zielscheiben
“Gefüllt mit Eingeweiden vermitteln diese Zielscheiben nicht nur ein realistisches Treffergefühl, sondern sind auch noch umweltverträglich, weil sie zu 100 % aus biologisch abbaubarem Material gefertigt sind.”

Ganz richtig erkannt hat der Autor außerdem die Möglichkeit eines Mehrfachmikrofonsystems, das es ermöglicht, durch Peilung des Fluggeräuschs eines Projektils die Richtung zu bestimmen, aus der ein Schuss abgefeuert wurde. Ein solches System gibt es bereits heute, nur ist mir über seine Verbreitung in den Streitkräften nichts bekannt.

Leider sehe ich bei dieser zweiten Gunmu-Serie einen argen Hang zur Verzettelung. Der Leser wird von einem Turnier zum nächsten geschickt, während deren die Handlung nicht wirklich fortschreitet. Stattdessen werden mehr oder minder interessante Arien auf verschiedene Pro- und Antagonisten gesungen, und man verliert nicht zuletzt wegen der niedrigen Veröffentlichungsfrequenz das Hauptanliegen, die Haupthandlung völlig aus den Augen. Ich zum Beispiel kann mich nicht erinnern, um was es hier bei Last Order eigentlich geht.

Normalerweise ist das eine Eigenart von Endlosserien im Shônen Bereich, wo ein paar Auftaktkapitel und grob unterscheidbare Charaktere entworfen werden, und wenn die Plotideen ausgehen, dann fahren wir halt ein Turnier auf, protzen mit den irrsten Kampftechniken, und ziehen die Sache in die Länge, bis uns wieder eine Story für “normale” Kapitel einfällt (also solche, in denen es nicht ausschließlich ums Kämpfen geht).
In der ursprünglichen Serie gab es ebenfalls Turnierkämpfe und “Sportereignisse” wie “Motorball” (?), aber das waren kurze und spannende Episoden, deren Highlights ein paar Seiten füllten – nicht aber eine komplette Ausgabe für ein oder bestenfalls zwei Duelle.

Aber Last Order begeht nicht nur die “Turniersünde”, wie ich es mal nennen will. Kishiro hatte, zumindest über eine Handvoll Bände hinweg, die Marotte, seine Fans dazu aufzufordern, eigene Ideen für Charaktere und Designs einzusenden, von denen er sich welche aussuchte und tatsächlich übernahm. Aber dabei geht es mitnichten nur um Gastauftritte, sondern auch um wichtige Gegenspieler – ein klares Zeichen für die Konzeptlosigkeit des Werks.

Persönlich abgestoßen fühlte ich mich im vorliegenden Band von einem monströsen Gegner mit der Bezeichnung “Anomalie” (“die Libido-Bestie”), dessen Kampfmittel ein nicht minder monströser Penis ist. Das war mir dann doch eine Spur zu vulgär.

Zu guter Letzt muss ich auch festhalten, dass mir das Cover, dass die Heldin Gally (im Westen “Alita” genannt) zeigt, eine Spur zu lasziv für meinen Geschmack ist:

Abgesehen davon, dass ich ihre “neuen” Lippen noch nie mochte – warum muss das so sexy sein? Gally war immer ein starker Charakter, ein Cyborg mit einem menschlichen Herzen (im positiven Sinne natürlich), und eigentlich auch ein ziemlich cooles Mädchen – warum muss man sie durch solche Darstellungen auf die sexuelle Ebene schieben? Läuft der Verkauf vielleicht nicht so gut, wie erhofft? Das könnte ich bei dem schleppenden Handlungsfortgang jedenfalls gut verstehen.

31. März 2008

Schritt für Schritt kommt man ans Ziel

Filed under: Bücher,Japan,Militaria — 42317 @ 21:36

Das Bezirksgericht von Osaka hat in einer Klage eines japanischen Kriegsveteranen gegen den Literaturnobelpreisträger Ôe Kenzaburô entschieden, dass die Kaiserliche Armee für die Massenselbstmorde von Zivilisten auf Okinawa während der US Invasion verantwortlich ist. Auch das Anliegen, die weitere Verbreitung von Ôes diesbezüglichen “Okinawa Notes” zu verhindern, wurde zurückgewiesen. Das Gericht verwies dabei auf Daten, die belegen, dass es nur in solchen Dörfern zu Massenselbstmorden gekommen war, in denen japanisches Militär stationiert war.

Die Klage war 2005 zustande gekommen und im April 2006 hatte das japanische Bildungsministerium angekündigt, die Hinweise auf militärische Verantwortlichkeiten aus den Schulbüchern zu entfernen. Nach Protesten im vergangenen September und nach dem Rücktritt des Nationalisten Abe vom Amt des Premierministers wurden die entsprechenden Textstellen im Dezember wieder aufgenommen.

(Der Artikel stammt von der International Herald Tribune, über military.com.)

Die japanische Regierung muss damit einen Gesichtsverlust hinnehmen, nachdem man gegenüber Korea und China immer wieder betont hatte, dass die Lehrbücher japanischer Schulen frei von politischer Vorteilsnahme seien – was hiermit offiziell und für alle sichtbar widerlegt ist.

Man könnte beinahe auf die Idee kommen, dass der Schulbuchstreit das Äquivalent zum japanischen Autobahnbau ist, in dem Sinne, dass man der Schulbuchindustrie durch ständige Neudrucke von Lehrmaterial Gewinne zuschustert.

13. März 2008

Gelesen: Die Päpstin

Filed under: Bücher — 42317 @ 23:36

Das Buch lag auf dem Wohnzimmertisch. Einsam und verstoßen sah es aus, meine Freundin hatte beschlossen, zur Erhöhung unseres Etats einige ihrer Drucksachen zu verkaufen, und “Die Päpstin” von Donna Woolfolk Cross war dabei. Das wollte ich eigentlich schon immer mal lesen, also eignete ich es mir klammheimlich an, stellte meinen bereits ansatzweise behandelten Kafka wieder nach hinten, und verstaute das Werk in meinem Rucksack, von wo ich es immer auf dem Weg zur Arbeit und zurück und auch sonst auf Reisen in öffentlichen Verkehrmitteln, hervorholte.

Was muss ich von einem Buch halten, das mir im Titel bereits verrät, wie es ausgeht?
Bei genauerem Überlegen sagt mir der Titel nicht, wie das Buch ausgeht, sondern nur, welches Schicksal die Geschichte für die Protagonistin bereithält.

Die Protagonistin, mit dem Namen Johanna, wird also an einem schaurig kalten und stürmischen Wintertag zu Beginn des 9. Jh. n. Chr. geboren, und im Großen und Ganzen wired in der Geschichte keine Gelegenheit ausgelassen, den verbreiteten Aberglauben der Menschen zu jener Zeit darzustellen:

Die Hebamme will Kräuter gegen die Geburtsschmerzen einsetzen, der Vater, seines Zeichens der Dorfpriester, wirft die sie mit Hinweis auf die Bibel (“Unter Schmerzen sollst Du gebären Deine Kinder!”) ins Feuer.
Als sie Jahre danach durch Gicht erwerbsunfähig wird und der Gemeinschaft zur Last fällt, wird sie der Hexerei beschuldigt und der Wasserprüfung unterzogen, wobei sie ertrinkt.
Die staatliche Rechtsprechung baut auf Gottesurteile, als gäbe es nichts verlässlicheres.
Die Pest ist natürlich eine Strafe Gottes.
Männer haben immer Recht, und Gelehrsamkeit von Frauen ist ein Anzeichen für Teufelswerk.

Nein, auf den Inhalt will ich im Detail gar nicht weiter eingehen.
Es sei so viel gesagt, dass die Heldin durch schicksalhafte Ereignisse in einer Männerrolle landet, und mit viel Herz und Verstand schließlich Mitte der 850er zum Papst gewählt wird. Das war damals scheinbar viel einfacher als heute. Damals wählte offenbar das Volk von Rom, und keine Versammlung von Kardinälen.

In der Mitte des Romans war ich drauf und dran, das Buch einfach zur Seite zu legen und es zu vergessen, weil mich die Achterbahnfahrt der Gefühle so abgestoßen hat. Johanna wird von ihrem sozialen Umfeld entweder geliebt oder gehasst. Dazwischen gibt es nichts. Und in diesem emotionalen Spannungsfeld steckt viel Potential für Drama. Wenn die Heldin etwas erreicht hat, zum Beispiel das Lesen oder die griechische Sprache gelernt oder eine Liebe gefunden, dann weiß man sofort, dass direkt nach der Darstellung des kleinen Höhepunkts der jähe Absturz in die nächste Katastrophe kommen wird.
Sie lernt lesen – der Vater schlägt sie halb tot.
Sie lernt Griechisch mit einem Buch – der Vater hält es für Hexensprüche. Und schlägt sie halb tot.
Sie darf auf eine Schule gehen – die Jungen und ihr Lehrer behandeln sie wie eine Aussätzige.
Sie küsst ihren Liebsten – ein neidischer Beobachter verrät es seiner ungeliebten Frau.

Auf Dauer etwas anstrengend. Aber nachdem ich die Hälfte schon gelesen hatte, wollte ich auch wissen, wie sich das Ende gestaltet.

Drei Päpste treten auf: Gregor IV. (aber nur kurz), Sergius II. und Leo IV. Unabhängig von ihrer jeweiligen persönlichen Charakterisierung werden die Päpste dargestellt als Gefangene ihres eigenen Systems. Sie sind umgeben von Vertretern und Handlangern zerstrittener Parteien und sind ständigen Intrigen (und Mordgefahr) ausgesetzt. Man könnte anhand der Handlung auch auf die Idee kommen, der größte Feind des Papstes sei die römische Ärzteschaft gewesen, in deren Fürsorge er sich befand. Wenn die Ärzte nichts besseres zu bieten haben, als ständigen Aderlass und Gebete am Bett des Kranken (dem man so den notwendigen Schlaf raubt), dann kann ich das auch gut verstehen.

Wenn man eine Portion Schmalz in Geschichten mag und einen Löffel voll Melodramatik als Nachschlag verträgt, und sich für kreative Ausschmückung historischer Begebenheiten erwärmen kann, dann kann man das Buch ganz bedenkenlos lesen, es wird keine Zeitverschwendung sein. Wenn man gegen Schmalz und Schmierendrama ein bisschen allergisch ist, wie ich (wenn schon Schmalz, dann bitte ich wenigstens um hübsche Garnierung), dann könnte es ein Fehler sein, das Werk in die Hand zu nehmen.

Letztendlich fand ich es nicht schlecht wegen der historischen Atmosphäre, die einem entgegen strömt. Da bekommt man richtig finsteres, dreckiges Mittelalter zu sehen, ohne die für solche Geschichten geradezu archetypische (spanische) Inquisition – die es im 9. Jh. noch nicht gab. Aber es war interessant, sehr lebhaft dargestellt zum Teil.

Lustig fand ich die Erwähnung von Gabeln als Essbesteck im Kloster zu Fulda, denn Gabeln haben sich in Europa erst nach der Renaissance durchgesetzt. Zu Zeiten vergehender fränkischer Reichsherrlichkeit schlürfte man Suppe aus der Schüssel, bestenfalls mit einem Holzlöffel, und Nahrungbrocken wurden mit Messern aufgespießt, zerteilt und dann mit den Händen gegessen.
Ich kann natürlich nicht sicher sein, dass besagte Stelle vielleicht nicht einfach ein Übersetzungsfehler ist – man bedenke die Dehnbarkeit des Begriffs “cutlery” und das Gehalt des durchschnittlichen Übersetzers. 🙂
Unbedacht fand ich auch die Stelle, wo Dörfler nach der Verbrennung einer angeblichen Hexe rufen; dabei sind Verbrennungen von Hexen erst viel später eingeführt worden und waren – als heidnischer germanischer Brauch – in der dargestellten Zeit sogar verboten, per Dekret Karls des Großen.

14. Januar 2008

Die Stixi-Achse

Filed under: Bücher,Japan,Militaria — 42317 @ 15:13

“Deutschland und Japan im Zweiten Weltkrieg” lautet der Titel eines Buches, das man mir zu Weihnachten geschenkt hat, und angesichts der Vertiefung meines Kenntnisstandes zum Thema “Dreierpakt”, bzw. “Achse Berlin-Rom-Tokio”, fühle ich mich extrem dankbar dafür.

Seit Weihnachten habe ich das Buch stückweise während meiner Zug- und Busfahrten gelesen und verwunderliche Dinge entdeckt.

Dass die Achsenmächte keine gemeinsame Kriegsführung hatten, wie das bei den Alliierten der Fall war, war mir ja bekannt, dass die militarische Zusammenarbeit minimal war, wusste ich ebenfalls, oder ich glaubte es zu wissen, denn dass eine militärische Zusammenarbeit überhaupt nicht gegeben war, das wusste ich nicht.

Die politischen Ziele Deutschlands und Japans waren von vorneherein viel zu verschieden, als dass ein Vertrag wie der so genannte “Dreimächtepakt” das Papier wert gewesen wäre, auf dem er gedruckt war. Die Deutschen wollten Lebensraum im Osten, das heißt Kolonialisierung durch Vernichtung der slawischen Bevölkerung, während die Japaner, brutal wie sie dabei waren, ihre “Großoastasiatische Wohlstandssphäre” errichten wollten. Ein kaum weniger rassistisches Konzept, mit dem man Asien von den Weißen befreien wollte. Die betroffenen Völker würden dann zwar asiatische statt europäische Herren haben, aber immerhin war keine ethnische Gruppe per se zur Vernichtung vorgesehen.

In Deutschland regierte Hitler alleine und für den war von Anfang an klar, dass der Hauptfeind die Sowjetunion war. In Japan herrschte eine autoritäre Oligarchie, das heißt, es waren mehrere Meinungen zur Diskussion vertreten, wenn man diese auch auf die Rivalität von Heer und Marine polarisieren kann. Das Kaiserreich war wohl der Antikomintern beigetreten, aber nach zwei relativ kleinen Gefechten mit der Roten Armee, bei denen das japanische Heer etwa eine Division einbüßte, setzte sich die Marine mit ihrem Plan von der Südexpansion durch, obwohl im Fernen Osten anno 1941 ein Truppenverhältnis gegeben war, das es den Japanern erlaubt hätte, die Sowjets einfach von der Landkarte zu fegen.

Das japanische Heer war bis 1943 immer noch daran interessiert, den sowjetischen Fernen Osten anzugreifen, aber nicht nur die eigene Marine verhinderte solche Pläne, sondern auch der alleinige Entscheidungsträger strategischer Fragen bei den Deutschen: Hitler war ausgesprochen gegen ein japanisches Eingreifen gegen die UdSSR. Die Wehrmacht werde das alleine schaffen, davon war nicht nur Hitler, sondern auch der Wehrmachtsführungsstab überzeugt.

Die deutsche Seekriegsleitung auf der anderen Seite befürwortete ein gemeinsam koordiniertes Vorgehen auf den Weltmeeren, aber da hatten die japanischen Admirale was dagegen. Die Kombinierte Flotte würde das alleine schaffen. Sie wurden erst nach der Midway-Schlacht vom Juni 1942 und dem Totalverlust von vier Flugzeugträgern kleinlauter – aber nicht kooperationsbereiter. Entgegen dem Anliegen der deutschen Marine zeigte man in Tokio kein Interesse an einem Tonnagekrieg, sondern zog es weiter vor, U-Boote ausschließlich gegen Kampfschiffe einzusetzen, anstatt gegen Versorgungs- und Transportschiffe. Dass die stärkste Trägerflotte machtlos ist, wenn man ihre Tankschiffe versenkt, ist der Admiralität offenbar nie in den Sinn gekommen.
Warum? Auch diese Frage bleibt bislang unbeantwortet. Ich persönlich glaube nicht, dass es mit dem Bushidô, der Kriegerehre, zusammenhing, dafür habe ich Japaner als zu pragmatisch kennen gelernt.

Gleichzeitig versuchten die Japaner immer wieder, im Krieg zwischen dem Dritten Reich und der Sowjetunion zu vermitteln, was der Deutsche natürlich aus ideologischen Gründen ablehnte. Erst, als der Hammer längst gefallen war, 1944, ging man ernsthafter an ein gemeinsames Wirken heran. Aber zu diesem Zeitpunkt allerdings waren die bislang strittigen Punkte zwischen Stalin, Roosevelt und Churchill beigelegt, und Stalin hatte sich nicht nur der Forderung nach bedingungsloser Kapitulation angeschlossen, sondern sich auch bereit erklärt, drei Monate nach Ende der Kampfhandlungen in Europa gegen Japan in der Mandschurei loszuschlagen. Dabei gibt es Anzeichen, dass bei entsprechendem deutschen Willen noch 1943 ein Sonderfrieden mit den Sowjets realisierbar gewesen wäre.

Alle beteiligten Seiten sahen im Dreimächtepakt nur ein propagandistisches Mittel. Vielleicht haben sich die Italiener mehr davon erhofft, aber deren politischer Einfluss war zusammen mit ihrem militärischen in Afrika dahingeschmolzen. Die Hauptverbündeten, will man sie überhaupt so nennen, hatten jedoch viel zu verschiedene Ziele vor Augen, als dass eine Zusammenarbeit fruchtbar hätte sein können. Im Extremfall, wenn die politischen Manöver der Deutschen einerseits und der Japaner andererseits aufgegangen wären, hätte sich eine Konstellation gebildet, in der Deutschland zusammen mit Briten und Amerikanern gegen Sowjets und Japaner gekämpft hätten.

Dieses interessante Szenario hat sogar einen realen Aufhänger. Und dieser Aufhänger ist das, was ich in dem Buch vermisse. Denn wie kann man die Entwicklungen der Beziehungen Japans und Deutschlands im Zweiten Weltkrieg aufzeigen, ohne im Einleitungskapitel darauf hinzuweisen, dass es eine offizielle Militärmission des Dritten Reiches gab, die sich zur Beratung und Ausbildung der Truppen Chiang Kai-sheks in China aufhielt? Dazu noch zeitweise unter Führung des ehemaligen Chefs der Heeresleitung Hans von Seeckt, also niemand unwichtigem eigentlich. Erst 1938 wurde das Unternehmen eingestellt. Man wandte sich den Japanern zu, ließ die Chinesen fallen und schnitt sich damit von einer bedeutenden Rohstoffquelle ab.
Irgendwo wird in einem Nebensatz erwähnt, dass der deutsche Generalstab traditionell gute Beziehungen nach China gehabt habe, aber das war’s dann auch. Dieses Thema wird generell unter den Teppich gekehrt oder ignoriert, es gibt nur wenige Publikationen dazu.

Der Artikel bei Feldgrau stützt sich auf ein halbes Dutzend, von daher stammt mein Wissenstand, nachdem ich in den TIME LIFE Videos “Das Jahrhundert der Kriege” ganz baff Chinesen unter dem Kommando Chiang Kai-sheks in Wehrmachtsgrau sehen konnte, ohne dass der Kommentator darauf irgendwie einging. Und dann dauerte es bis Winter 2003, bis ich zufällig über die oben genannte Webseite “Feldgrau” stolperte, denn trotz meiner mehr oder minder regelmäßigen Begutachtung entsprechender Literatur in den Auslagen von Buchläden habe ich nie etwas darüber in gedruckter Form gesehen.

Ein interessantes Szenario für Alternativhistoriker?

Japan mit der UdSSR gegen die USA und Großbritannien.
Die USA in Asien mit Deutschland gegen Japan.
Deutschland hält Westeuropa gegen die Briten und bindet die Sowjets auf der Linie Murmansk-Sewastopol.

Hm… “Axis & Allies” braucht ganz dringend einen flexiblen Editor für geostrategische Szenarien. 🙂