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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

12. Januar 2014

Die Fracht am Rhein (Teil 1)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 17:31

Das Jahr 2013 war gekommen, das Depot Trier war gegangen, das Depot Koblenz war zur neuen Ausgangsbasis geworden. Und dort – man muss es gleich einleitend sagen – kam nichts so, wie es gesollt, gewünscht, oder versprochen worden war. Die Idee, zur gewohnten Zeit zuhause aufzubrechen, kam mir erst gar nicht. Für einen Mitarbeiter mit meinen Arbeitsstandards steht sternenklar fest, dass es nur Nachteile bringt, andere die eigene Arbeit machen zu lassen, und damit beziehe ich mich nur auf das im vergangenen Dezember angesprochene Abräumen der Pakete vom Band. Verpasste Pakete bedeuten Zeitverlust und ich gedachte eigentlich, ebenso effizient weiterzuarbeiten – und da der Januar erfahrungsgemäß ruhig war, sollte genügend Zeit sein, sich in die Gepflogenheiten des neuen Betriebs einzuarbeiten und dabei auch die neuen Aufgaben anzulernen.
Ich stand also nicht mehr um halb Vier auf, sondern bereits um Viertel nach Zwei, brach um 0315 auf und war so zwischen 0430 und 0445 am Arbeitsplatz. Das Wetter war nach dem Wintereinbruch Ende des Jahres 2012 wieder recht mild und machte – zumindest vorerst – keine Probleme.

Schon nach wenigen Arbeitstagen war eine große Sache klar: Die Frachtzahlen unterschieden sich nicht wirklich von denen kurz vor Weihnachten.
Was war hier los? Ich habe damals nicht darauf geachtet, ob vielleicht gerade mit dem Jahreswechsel auch ein paar neue Transportaufträge des Konzerns griffen und deshalb nicht möglicherweise ein paar neue Absender in den Auftragsbüchern zu finden gewesen sein könnten – schließlich hat auch Transoflex eine Abteilung für Kundenakquise, und die schlafen ja nicht.
Es war jedenfalls eine schnell feststehende Tatsache, dass die Fahrzeiten sich nicht grundsätzlich von denen unterschieden, die in der Vorweihnachtszeit üblich waren, und da war die Extrabelastung durch das Pendeln zum Arbeitsplatz noch gar nicht einberechnet. Schon allein dadurch zerbröselte Peters Plan, den „ruhigen Januar“ zur Einarbeitung in die neuen Aufgaben zu nutzen. Es wurde weiter bis zur Erschöpfung geklotzt. Stranski sagte dazu nichts und auch Dhalsim zuckte auf Anfrage nur mit den Schultern.

Aber auch andere Details trugen zur Verlängerung des Arbeitstags bei. In Trier kannte ich alle Kniffe und konnte bis um spätestens 0830 abgefertigt werden und aus dem Depot fahren. An normalen Tagen war ich sogar bereits um 0800 unterwegs. Gute Zeiten! In Koblenz kam vorerst schnell eine Stunde hinzu, und das, obwohl der Bandstart hier grundsätzlich bei 0500 lag, anstatt bei der gewohnten Marke von halb Sechs. Das hatte seinen Grund in der mangelnden Vorbereitung der Verantwortlichen auf die neuerliche Flut von Paletten und Paketen, die da ins Lager schwappte.
In Trier hatte man uns folgendes erzählt: „In Koblenz läuft das Band noch schneller, und wenn das Band mehr als dreimal am Morgen steht, machen sie Dir die Hölle heiß!“
Die Wahrheit ist eher, dass das Paketband in Koblenz bereits Altersschwäche zeigt. Je weiter „flussabwärts“ man es betrachtet, desto langsamer läuft es, ohne Unterschied, ob Innen- oder Außenseite. Ja, in Koblenz laufen eigentlich zwei Bänder parallel: Die Innenseite für den Raum Koblenz, die Außenseite für den Bereich Trier und Vordereifel. Die Labels sind entsprechend gekennzeichnet, damit die Aufleger wissen, welches Paket wohin aufgelegt werden muss.

Ich stand mit Stranski etwa in der Mitte und die Pakete rollten an der Stelle bereits so langsam vorbei, dass ich manchmal wähnte, ich müsse bekloppt werden, denn von Trier her war ich eine zügigere Frequenz gewohnt.
Ganz vorn dagegen war die Geschwindigkeit „trierisch“ flott – mit dem Unterschied, dass die Bandaufleger hier aus zeitlichen Gründen nicht so freundlich waren und darauf achteten, einen gewissen Abstand zwischen den Packstücken zu belassen. An den ersten Toren glitten die Pakete dicht an dicht, oft in zwei Reihen hintereinander und machmal auch übereinander an den Fahrern vorbei, die streckenweise keine Chance mehr sahen, ihre Pakete schnell genug zu greifen und frustriert aufgaben. Was sie nicht kriegten, lief halt durch.

Hinzu kam, dass zum Beispiel Bert und Felix die Versprechungen des Fuhrunternehmers wörtlich nahmen: Sie kamen erst gegen halb Sieben, und da den vorhandenen Leuten keiner gesagt hatte, welche Pakete wohin kamen, liefen auch die durch, nach ganz hinten, wo der letzte Fahrer in der Reihe diese Durchläufer in die Ecke warf. Niemand sorgte auch nur für ein Minimum an Ordnung. Genau da wurde eine Menge Arbeitszeit verbrannt, denn der Chefoberboss hatte bei seiner offenbar keineswegs durchdachten Zusage, in Koblenz seien Leute, die für die Spätkommer abräumten, wohl die bereits vorhandenen Koblenzer Kollegen gemeint – und die hatten doch mit ihrem eigenen Stall genug zu tun.

Wenn das Band dann zwischen halb Acht und Acht endlich stand, lag hinten in der Ecke ein chaotischer Haufen Zeug, der immerhin vom Koblenzer Material getrennt war. Ansonsten alles durcheinander. Diesen Paketberg zu durchwühlen, kostete jeden von uns mindestens eine halbe Stunde. Da ich auch erst einmal herausfinden musste, wo man überall vermisste Pakete finden können würde – nicht nur am Bandende, sondern auch bei anderen Fahrern, unter dem Band, zwischen Paletten- und Sperrgutzone, vor dem LKW-Tor 8, vor der Leitplanke am Verschlusslager… – erhöhte sich die Zeit, zu der ich endlich auf die Straße kam, auf nach Neun Uhr, und es dauerte bis Ende Januar, bis ich mal auf 0845 vorrückte. Und dabei bedenke man: Bis zum ersten Kunden in Kordel vergingen im Schnitt weitere 75 Minuten auf der Autobahn.

Der körperliche Druck baute sich also allmählich wieder auf, aber der psychische Druck kam schlagartig sofort und Elmo bekam bereits am 3. Januar zu spüren, was von den im Dezember gemachten Versprechungen zu halten war:
Er erschien in Koblenz so gegen Acht zur Arbeit, also zu einem Zeitpunkt, wo man schon bald losfahren sollte, will man ausreichend Kunden erreichen, bevor diese ihre Warenannahme schließen. Da er in einem Nachbarort von Ehrang wohnte, fuhr er um 0615 zuhause weg und stand in Trier um 0630 pünktlich auf der Matte. Nach Koblenz aber musste er erst mal knapp zwei Stunden fahren.
Das Versprechen, seine Paletten seien bei seinem Erscheinen bereits gewickelt und bereit zum Einladen, war nichts als ein bloßes Daherreden ohne dahinterliegende Substanz gewesen: Es wurde nichts in dieser Richtung unternommen – rein gar nichts. Wer hätte die Arbeit auch machen sollen? Minijobber kosten schließlich Geld, die zusätzliche Arbeitszeit von pauschal entlohnten Mitarbeitern dagegen kostet gar nichts.
Elmo musste also die auch in Trier üblichen, zwei oder mehr Stunden mit Suchen, Sortieren, Scannen und Wickeln verbringen, bevor er an Abfertigung und Tourbeginn denken konnte, und das führte in direkter Folge dazu, dass er Ware wieder mitbrachte, deren Zustellung er vor Annahmeschluss nicht mehr schaffte.

Um diesen Missstand abzustellen, wurde umgehend ein weiteres Versprechen gebrochen: Peter machte ihm unzweideutig klar, dass er ab sofort wieder zur auch in Trier üblichen Zeit von halb Sieben im Depot zu sein habe. Elmo war natürlich oberstinkesauer, nur Puck schien das mit der Gelassenheit eines Menschen hinzunehmen, der vom Leben eh nichts mehr erwartet.
Bert ließ sich von sowas nicht beeindrucken, er kam weiterhin spät, nur Felix ließ sich mit einem Fünfziger mehr pro Monat dazu überreden, bis um Fünf da zu sein.

Ein gehaltenes Versprechen war der Wegfall von so genannten Nachladetouren. Aber es wäre auch Blödsinn gewesen, die LKWs von Trier nach Koblenz zurückkommen zu lasen, um sie erneut zu beladen und nach Trier zu schicken, da eine Fahrt über 90 Minuten in Anspruch nahm – stattdessen fuhr Elmo neuerdings mit einem Anhänger. Ein 7,5t Laster mit Anhänger bei weniger als 150 real existierenden PS auf einer Autobahn mit einigen Anstiegen? Man konnte die dunklen Gewitterwolken über seiner Stirn förmlich sehen.

Auch der Februar brachte keine Entspannung, es wurde weiter geklotzt. Hinzu kam aber, dass es plötzlich saukalt wurde und zu schneien anfing.
In Koblenz stehen die Autos außerhalb der Halle und man füllt sie durch ein kleines Rolltor. Der Nachteil wird einem schnell klar, wenn es einem durch die offenen Rolltore im Rücken eiskalt in den Nacken zieht und die Hallentemperatur trotz Heizrohrs an der Decke kaum über den Gefrierpunkt hinauskommt. Die Autos selbst waren dann natürlich ebenfalls eiskalt, wenn man sich hineinsetzte. Aber das war ja nur die Kälte.
Schnee ist einer der bedeutendsten Feinde des Kraftfahrers, und morgens um halb Vier ist noch kein Räumdienst unterwegs. Die Autobahn war weiß in Weiß, wenn auch bereits plattgewalzt von in der Nacht fahrenden LKWs, und das Fahren selbst wurde zur Arbeit. 60 km/h waren stellenweise schon gefährlich schnell und ich habe mehrfach in der zweiten Hälfte der Strecke den Räumdienst fahrlässigerweise überholt. Das Fahren unter solchen Straßenbedingungen kostete mich eine Menge Konzentration, so dass ich schon mit einem gewissen Erschöpfungsgefühl auf der Arbeit ankam und dann dick eingepackt in Jacke, Mütze und Schal meine Arbeit verrichtete, die eigentlich Schweiß treibend ist.

Der Weg zu den Kunden war dann auf der Autobahn frei, aber in den Dörfern hatte sich noch nichts getan. In Butzweiler befindet sich in Fahrtrichtung Newel ein Anstieg von mindestens 15 % Steigungsgrad und an einem dieser verschneiten Tage kam ich von Newel herunter. Ich besah mir die Senke und beschloss, es zu versuchen. Vermutlich wäre der Versuch, zurückzustoßen und eine alternative Route einzuschlagen, eh bereits zum Scheitern verurteilt gewesen.
Ich schob den ersten Gang ein, blieb auf der Kupplung und gab zentimeterweise mit der Bremse nach. Ich wagte kaum zu atmen. Ein Tick zuviel Bewegungsenergie und das drei Tonnen schwere Fahrzeug wäre nicht mehr zu halten gewesen. Ich schaffte die Hundert Meter bis zur Einfahrt Remigiusstraße dann binnen weniger Minuten mit klopfendem Herzen und pochenden Schläfen und war bei der Kundin dann beinahe zu nervös, um den Scanner zu bedienen.

Ob es an dem selben Tag war oder an einem anderen, weiß ich nicht mehr, aber ich fuhr dann auch über die verschneite Straße von Sinspelt nach Neuerburg und hatte mit 50 km/h in einer Rechtskurve wohl übertrieben: Das Heck brach nach links aus und verfehlte nur um Haaresbreite einen entgegenkommenden PKW. Als ich im Krankenhaus ankam, um meine Lieferung zuzustellen, musste ich mich erst mal einen Augenblick sammeln, bevor ich überhaupt den Scannerstift festhalten konnte, so sehr zitterten meine Hände. Herr T. vom Empfang zeigte sich verständnisvoll und wartete geduldig.

Allgemein zeigte die Arbeitsbelastung sowie das frühe Aufstehen Spuren bei mir: Ich zeigte mich zunehmends schlecht gelaunt und auch meine Freundin war zu Recht unzufrieden damit, dass ein gemeinsames Leben die Woche über unmöglich geworden war. Ich ging zu Peter und sprach ihn auf den schleppend, wenn überhaupt, vorangehenden Übergang zum im Dezember besprochenen Arbeitssystem an und dass ich nicht dauerhaft zwölf bis 15 Stunden pro Tag arbeiten könne, und da hatte ich die Anfahrt noch nicht mit einbezogen. Er sagte, es gebe wegen der Umstellung auf Koblenz noch ein paar Probleme, vor allem personeller Art, er werde mich aber so bald wie möglich auf ADR-Lehrgang schicken und einen Ersatzfahrer für die Eifel finden.

Kurz darauf wurde mir ein Praktikant vorgestellt, einer von Berts Freunden, ebenfalls aus Nigeria, ein eher rundlich und durchweg sympathisch anmutender Typ Anfang Dreißig, den ich im Blog „Doc“ nenne. Er erzählte mir, er habe früher immer Profifußballer werden wollen, habe hart trainiert und sei auch in entsprechende Nachwuchskader aufgenommen worden – und dann habe eine Knieverletzung alles zunichte gemacht. Da er nach dem Prinzip verfahren sei, „Fußball oder gar nichts!“, habe er da gestanden ohne höheren Schulabschluss, ohne Ausbildung, ohne zukunftsfähigen Job. Dieses Muster, sein Leben komplett gegen die Wand zu fahren und die Reste das Klo runterzuspülen, kam mir sehr bekannt vor. Wir hatten aber insgesamt angenehme Gespräche und wir erwiesen uns im Denken als ziemlich ähnlich.

Und genau an diesem Tag blieben wir kurz vor Daleiden auf einem asphaltierten Feldweg im Schnee stecken. Das wäre zu vermeiden gewesen, wenn ich statt der offiziellen Umleitung (!) den Streckenabschnitt gewählt hätte, den auch sonst jeder fuhr, aber ich dachte mir, wenn da schon eine offizielle Umleitung ausgeschildert ist, dann wird man da wohl durchkommen… aber damit war es nichts.
Wir standen am Hang, mit der Senke im Rücken, aber der Winkel reichte nicht aus, um den Wagen einfach wieder zurückrollen zu lassen. Wir nahmen die einzig verfügbaren Hilfsmittel zur Hand: Einer dieser schwarz-gelben Streckenpfosten, wie man sie im Winter zur Randmarkierung einsetzt, ein Winkeleisen, das für die Radmuttern gedacht war, und die Handsäge, die ich immer dabei hatte. Wir schaufelten Schnee weg, hackten im Eis herum, unterfütterten die Frässpur der Hinterreifen mit Gehölz, um vielleicht mit Vor und Zurück aus der Kuhle am Fahrbahnrand herausschaukeln zu können, aber nichts half. Mit meinem Latein am Ende machte ich mich nach 45 Minuten auf den Weg ins Dorf, um einen Bauern mit Schlepper aufzutreiben.
Ich fand auch schnell einen, der das Problem schnell löste. Wir zeigten uns dankbar.
„Seid froh, dass es Euch nicht da unten in der Senke erwischt hat,“ sagte er und wies in den Geländeeinschnitt zwischen Daleiden und Dahnen, „da hab ich letzte Woche einen Dönerlieferanten rausgezogen, der meinte, es sei eine gute Idee, mit einem Kühlwagen bei solchen Straßenverhältnissen einen Feldweg zu nehmen.“
Mit über einer Stunde Zeitverlust ging es dann weiter und bis wir beim letzten Kunden fertig waren, war es verdammt spät. Ich setzte ihn in Trier ab, entschuldigte mich für meinen Leichtsinn bei Daleiden, und machte mich auf den Weg nach Hause. Unerwarteterweise tauchte er aber tags drauf wieder auf und erklärte sich bereit, die Eifel zu übernehmen.

Ich wurde daraufhin der so genannte Springer, also der, der überall da fährt, wo einer krank oder im Urlaub ist, oder wo schlicht eine vorübergehende Entlastung für den Fahrer der Hauptroute notwendig wird. Nach einigen Tagen wurde mir klar, warum der Kurde damals gesagt hatte, er wolle lieber seine Bitburger Stammtour zurück…

5. Januar 2014

Hirosaki bye-bye

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 12:59

Wie der aufmerksame Stammleser feststellen wird, sind die Hirosaki-Tagebucheinträge wieder aus dem Blog gelöscht worden. Die zeitlichen und Kräfte zehrenden Erfordernisse meines Broterwerbs haben das von mir angedachte „Tag-für-Tag“ Konzept ja bereits kurz nach Beginn des Projekts zerstört, und wenn ich dem Konzept nicht folgen kann, dann soll es halt nicht sein. Es macht aus meinem derzeitigen Blickwinkel jedenfalls keinen Sinn, einen Großteil meiner Wochenenden für weitere mehrstündige auf reine Nostalgie getrimmte Schreibmarathons zu opfern, gerade, wo die Notizen eines ganzen Arbeitsjahres darauf warten, in Fließtexte umgewandelt zu werden.
Ich warte also noch ein paar Jahre. Da ich auf runde Jubiläen stehe, werden also noch etwa fünf Jahre vergehen. Vielleicht aber auch noch einmal zehn. Das bleibt abzuwarten.