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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

13. Mai 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 10)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 20:03

Noch mehr Leute sind uns abhanden gekommen:
Dan war der erste. Bei dem hatte sich herausgestellt, dass bei einem Kunden drei Pakete fehlten. Es handelte sich um eine bekannte Parfümeriekette und der Inhalt der drei Pakete hatte einen vierstelligen Wert. Die Gesamtlieferung war über 150 Pakete groß, also sollte jemand hingehen, um das vorhandene Material zu zählen, es könnte ja beim Durchzählen der Pakete ein Fehler passiert sein. Da schickt man natürlich einen mit diplomatischem Geschick, mit entsprechender Rhetorik und vertrauensschaffender Ausstrahlung. Mich. Nun gut, ich war die natürliche Wahl in diesem Fall, nicht zuletzt, weil ich das Lager bereits stellvertretend beliefert hatte und weil der Leiter des Lagers aus Neunkirchen stammt; meine bisherige Erfahrung der vergangenen Jahre besagt, dass man von Saarländer zu Saarländer “im Ausland” in der Regel einen guten Draht zueinander hat, und ich verstehe diesen Draht auch auf Betriebstemperatur zu bringen – ein gemeinsamer Dialekt wirkt verbindend und ich würde die Gespräche als sehr harmonisch bezeichnen.
Die Gesamtanzahl der Pakete stimmte zwar, aber vier davon gehörten zusammen und bildeten eine Einheit. Es fehlten drei und dabei bliebs. Dan meldete sich erst krank und kündigte dann fristlos.

Danach ging Charley. Der kam eines Morgens zu mir und sagte: “Du, ich glaub, ich hab voll Scheiße gebaut… ich hab ein Paket abgestellt und jetzt isses weg…”
Seine Geschichte dazu: Er war morgens zehn Minuten vor der Öffnung zu einer Apotheke gekommen und weil er nicht warten wollte, stellte er das Paket einfach vor die Tür. Leider fand der Apotheker das Paket nicht dort vor, wo Charley es angeblich hingestellt hatte. Bei dem Inhalt handelte es sich um Medikamente im Wert von knapp 2000 Euro. Auch Charley kündigte daraufhin fristlos.

Nun erscheint es natürlich verdächtig und wie eine Art Schuldeingeständnis, wenn die Leute die Flucht antreten und fristlos kündigen, aber es gibt auch andere Auffassungen: “Wenn jemand was teures verliert oder kaputt macht, kündigt er fristlos, weil er dann sofort in Hartz-IV rutscht und sein Konto nicht gepfändet werden kann.”
Das klingt plausibel, für mich als Laien, aber ich verstehe zu wenig von den juristischen Hintergründen, um eine Meinung dazu zu haben.

Am erschreckendsten war irgendwie der Abgang des fröhlichen Winzers. Der hatte kein Paket geklaut, verloren oder zerstört, sondern was ganz anderes. Wir wissen ja alle, dass mit dem was nicht stimmt, wenn er still ist, und so erzählte er vor Wochen, dass er sich ganz heftig mit seiner Freundin gestritten habe und dass sie sich trennen wollten. Sich von der Frau trennen, die er die ganze Zeit als “perfekt” bezeichnet hatte? Na ja, dachte ich noch, so ist das halt mit Jugendlichen, die übertreiben im hormonellen Überschwang gern ein bisschen.
Von anderer Seite wurde mir erzählt, dass die beiden sich schon öfter heftig gestritten hatten, aber letztendlich doch sehr aneinander hingen und immer wieder zusammengekommen waren… der fröhliche Winzer lachte sich dennoch in Kürze eine andere Frau an, aber aus seinen Erzählungen musste ich schlussfolgern, dass es sich um eine rein körperliche Beziehung handelte. Scheinbar eine Tierärztin oder eine Tierarzthelferin, die zu unseren Kunden gehörte. Er sagte ihr nach, vermehrt 20-Kilo-Säcke Hundefutter zu bestellen, nur um ihn zu ärgern und zu sehen. Wie dem auch sei – eines Tages meldete er an, demnächst einen Arzttermin zu haben, ging nach der Tour dorthin und wurde just in die nächste psychotherapeutische Anstalt eingewiesen. Wir rechnen nicht damit, dass er nochmal auftaucht.

Dass er ganz ausfallen würde, kam völlig überraschend, und Peter musste tags darauf einen Fahrer aus Koblenz nach Trier bestellen, damit Wittlich beliefert werden konnte. Der brachte den Wagen mit der Nummer 440 mit – das war der Wagen des Winzers, den dieser vor ein paar Monaten wegen eines Motorschadens zur Werkstatt nach Plaidt gebracht, dann aber einen anderen Wagen erhalten hatte, die 440 war zunächst in Koblenz eingesetzt.
Die 440 fuhr nun also mit wechselnden Fahrern wieder in Trier und es ergab sich, dass in diesen Tagen meine 560 zur Werkstatt musste und ich erhielt bis zur Übergabe des Wagens 540 die 440. Glücklicherweise fand ich darin eine CD, die ich dem Winzer vor langer Zeit mal geliehen hatte, unversehrt sogar. Die CDs vom Winzer waren leider in keiner Hülle untergebracht und sahen extrem unbrauchbar aus, völlig verkratzt. Ich warf sie beim Säubern des Fahrzeugs weg. Ich fand allerdings auch einen kleinen Plastiklöwen, den der fröhliche Winzer immer dabei gehabt hatte – den werde ich ihm bei Gelegenheit schicken. Ich erzählte Felix von dem Plan, aber der meinte, der Winzer werde sich für den Löwen kaum interessieren. Ich mag sentimental veranlagt sein, aber ich glaube, dass solche kleinen Dinge oft große Wirkungen haben können, gerade bei emotional instabilen Menschen.

Und – Konrad wird Ende Juni gehen. Er hat einen Job mit besseren Arbeitszeiten und besserer Bezahlung gefunden, in irgendeinem Speditionslager.

Was bedeutet dies für die “Schichtung” der Belegschaft? Das bedeutet, dass nur noch der Engel dienstälter sein wird, als ich, und ich bin am 17. Mai ein Jahr dabei. Anders ausgedrückt: Am 1. Juli werden der Engel und ich die einzigen am Band sein, die am 17. Mai 2011 bereits dort gearbeitet haben. Alle anderen sind fort, die meisten aus nicht eben positiven Gründen. Ich muss aber erwähnen, dass ich drei Leute nicht in diese Rechnung mit einbeziehe: Elmo, Mike und Peter sind natürlich auch noch da, aber Elmo ist LKW-Fahrer, Mike ist der Disponent und Peter ist der Chef, in meiner Wahrnehmung ist das eine andere Klasse von Leuten als “die, die am Band stehen”.

Wir brauchten also dringend neue Leute, und das scheint schwierig zu sein.
Peter brachte an einem schönen Morgen einen zu mir und sagte, ich solle ihm zeigen, wie der Laden so läuft mit Scanner und Beladen und so weiter. Zwanzig Minuten später meldete er sich ab und ward nie wieder gesehen. Peter kam zu mir und fragte, wie ich den denn so schnell vergralt hätte? “Das ist ein Student, der sucht einen Nebenjob. Der hat eben erst erfahren, dass es sich hierbei um einen Vollzeitjob handelt. Der hat keine Zeit, 50 bis 60 Stunden die Woche zu arbeiten.”

Auch Bert brachte einen Freund mit, der Interesse hatte, der schien ganz intelligent und umgänglich – hatte aber erst seit wenigen Wochen einen Führerschein. Als er den Wagen rückwärts auf seinen Platz einparken sollte, brach er in Schweiß aus und wäre wohl blass geworden, würde seine Hautfarbe dies zulassen. Drei und eine halbe Kurve sind dazu zu bewältigen: Ins Tor, um den Disporaum herum, zwischen den gelben Pfosten durch und dann in die Lücke. Er schaffte da zwar nach ein bisschen Gekurbele, sagte aber, er traue sich sowas noch nicht zu.

Weiterer Versuch: Ein Russe im mittleren Alter, sah nach einer gewissen Lebenserfahrung aus. Um kurz vor Sieben meldete er sich ab, weil er zur Toilette müsse. Wir haben ihn nie wieder gesehen.

Dann ein Pole. Er lebte erst seit kurzem in Deutschland und sprach besser Englisch als Deutsch, weswegen auch der bei mir landete. Seine Schwester sei Englischlehrerin, erzählte er. Der schien auch ganz vernünftig und Mike hatte angekündigt, dass er nicht die ganze Tour mitfahren würde, da er noch andere Termine habe. Im dritten Ort, in Speicher, stieg er dann aus, um seinen Bruder zu treffen. Er werde sich dann melden. Hat er aber nicht.

Ein Russe meldete sich bei uns und wurde mir zugeteilt. Er habe in der Moskauer Großregion mit einem Zehntonner Schweinehälften von einem Schlachthof an Metzgereien ausgeliefert. Der schien auch vernünftig und erschien sogar am Folgetag noch einmal, obwohl er mit meinem Fahrstil nicht zurecht kam. Die Eifeler Kurven machten ihn nervös. “Wenn ich selbst fahre, ist das in Ordnung, aber fahr bitte nicht so schnell!”
Ich dachte erst, der macht Witze, aber er meinte das ernst, also nahm ich ich die Geschwindigkeit etwas zurück und ließ ihn in die zweite Hälfte fahren. Und er hatte das Glück, montags dabei zu sein – da ist in der Regel nicht so viel los und wir mussten nicht nach “3DI” (Dasburg-Dahnen-Daleiden-Irrhausen), was uns 45 Minuten sparte.
“Soll er nochmal mit Dir fahren?” fragte mich Mike dann am Dienstag.
“Klar, kann er, aber vielleicht sollte er auch mal eine Stadttour sehen?”
Er fuhr dann mit der Bitburger Tour. Am dritten Tag kam er dann nicht mehr.

Ein Araber machte das ganz dramatisch: Mike fuhr die Wittlichtour, der Araber fuhr mit. Natürlich wollte der auch irgendwann mal wissen, was man denn hier so verdiene, und Mike drückte sich stundenlang um eine Antwort herum. Am frühen Nachmittag ließ er dann die Katze aus dem Sack: Er könne mit 1200 bis 1300 Euro netto rechnen.
“Was!? Ich will sofort hier raus! Ich brauche mindestens 1800 Euro im Monat!”

Ein junger Trierer sprach auch mal vor, er hatte ebenfalls bereits als Fahrer gearbeitet. Zufällig trägt er den selben Vornamen wie ich… ich glaube, er war der einzige Bewerber, der von Peter abgelehnt wurde. Der war ja ganz nett, aber müsste ich seinen IQ schätzen, wäre ich noch vorsichtig, ihn gerade mal bei 75 anzusetzen. “Ich glaube nicht, dass der weiß, wie man 75 schreibt…” sagte der Kleine dazu. Mein Namensvetter jedenfalls blieb nicht und angeblich hat er eine Anstellung beim IT-Haus in Föhren gefunden.

Einen Türken hatten wir zwischendurch auch da, der nicht nochmal auftauchte.

Dann: Eine Frau. Eine zierliche Frau um die 30. Na gut, warum nicht? Mike kannte sie von früher, sie hatte für ein anderes Transportunternehmen gearbeitet und hatte sogar Ortskenntnisse im Wittlicher Raum. Man erzählte mir von ihr, dass sie ihren ersten Einsatztag in einer ganz passablen Zeit hinter sich gebracht habe. Endlich!
Aber es hat nicht sollen sein. Nach vier Tagen schrieb sie Mike eine SMS, in der sie ihm mitteilte, dass sie den Job doch nicht machen könne und dass sie den Wagen auf dem Parkplatz in der Nähe des Depots abgestellt habe. Es dauerte ein paar Tage, bis durchsickerte, was vorgefallen war:
Der Plan war, dass auch ihr Freund ab Anfang Juni bei uns arbeiten sollte, aber kaum, dass sie angefangen hatte, zerstritten sich die beiden und beide machten einen Rückzieher. Die wollten sich natürlich nach der Trennung nicht jeden Tag bei der Arbeit über den Weg laufen, und scheinbar hatte keiner dem anderen gesagt, dass er/sie nun doch nicht dort arbeiten werde. Die beiden kegelten sich also durch Kommunikationsmangel gegenseitig raus.

Es begab sich aber dennoch, dass zwei neue Fahrer gefunden wurden: Den ersten nenne ich mal den “Maulwurf”; nicht, weil er wie einer aussieht oder sich ähnlich verhält (wie verhält sich ein Maulwurf?), sondern in Anspielung an die Trickserie “Secret Squirrel”, das muss zur Erklärung reichen. Zu dem anderen Fahrer, der Kleine hat ihn gewissermaßen angeworben, komme ich später.

Ich weiß nicht, ob den Maulwurf jemand vermittelt hat oder wie er zu uns kam, er war halt auf einmal da, bekam von Bert die Bitburgtour gezeigt und blieb, mittlerweile seit etwa drei Monaten.
Seit er da ist, gibt Bert ständig französische Kommentare ab, durch die halbe Halle:
“Mon ami! Mon ami!” (Damit ist der Maulwurf gemeint.)
“Was willst Du?”
“Ca va bien?”
“Oui, ca va bien. Et toi?”
“Komm her, mon ami, hilf mir einladen!”
“Du gehst mir auf die Eier!”

Jeder weiß, dass dies alles nur Spaß ist. Es ist auch lustig und lockert die Stimmung (obwohl die Stimmung das nicht unbedingt nötig hat).

Aber was soll man im Gesamtbild über den Maulwurf sagen? Ich finde ihn nicht unsympathisch, er scheint vernunftbegabt in einem libertären Sinne. Um zu erfahren, was das für einer ist, wollte ich ihn einladen, zusammen mit Konrad, weil der Maulwurf Couscous mit Lamm zu kochen bereit war, worauf Konrad gelinde gesagt scharf war; wir einigten uns also, dass er das Essen bei mir machen würde, dass jeder einen Anteil zahlt, und so weiter. Leider kams dazu nicht, weil Konrad, der ihn hätte abholen sollen, nicht auftauchte und auch telefonisch nicht erreichbar war… dazu später mehr.

Eigentlich fing es gut an, denn er machte nicht mehr Fehler, als jeder andere Anfänger; aber leider neigt der Maulwurf auch zu Starrsinn und Lernverweigerung, wenn er etwas nicht versteht, dann heißt das nach meiner Auffassung in der Regel, dass er nicht verstehen will, er macht Fehler, die man nach drei Monaten eigentlich nicht mehr macht. Ein Lernprozess ist kaum feststellbar.

Zum Beispiel, dass es notwendig ist, jeden Tag ein Fahrtenbuch zu führen, in dem man festhält, wann man gefahren ist und wann man Pause gemacht hat, und wieviele Kilometer man gefahren ist. “Das dauert ja fünf Minuten! Das dauert mir zu lange!” Das Argument, dass die Behörden bei unvollständigen Fahrtenbüchern für jeden nachweislich fehlenden Tag ein dickes Bußgeld einfordern, schien nicht zu wirken. Peter führte ihm das Ausfüllen sogar vor: Datum, Kennzeichen, Stundennachweis, gefahrene Kilometer durch die Berechnung der Differenz der Kilometerstände zu Fahrtbeginn und zum Fahrtende – in weniger als einer Minute. Seitdem scheint er widerwillig ein Fahrtenbuch zu führen.

Nicht zuletzt deswegen führte Peter Konventionalstrafen ein, um die Leute zu motivieren, ihre ausgefüllten Unterlagen jede Woche bei ihm abzugeben. Puck, Konrad und meine Wenigkeit sind die einzigen Fahrer, die neben ihren Fahrtnachweisen z.B. auch ihre Tanknachweise regelmäßig abgeben. :-)

Das Dumme mit dem Maulwurf ist aber auch, dass er die Prioritäten beim Arbeiten nicht einhält, und ich habe ihn mehrfach darauf hingewiesen:
- Komm spätestens um 0515, damit Du vor Bandstart genug Zeit zum Unterlagen- und Nachnahmeabgeben und zum Anmelden des Scanners hast
- Das Wichtigste ist das Abräumen der Pakete vom Band, damit andere nicht Deine Pakete runternehmen müssen und Du die Dinger nachher nicht suchen musst
- Das Zweitwichtigste ist das Scannen der Pakete, damit Du weißt, wie viele Du schon da liegen hast und wie viele Du noch woanders suchen musst
- das Drittwichtigste ist das saubere Aufstapeln der Pakete in sinnvoller Reihenfolge, das spart Zeit beim Einladen
- Das Viertwichtigste ist das Einladen, was im Auto drin ist, ist drin, man sollte also auch die Ladefläche beim aufstapeln nutzen
- Das Fünftwichtigste ist das Setzen der Stopps in umgekehrter Fahrreihenfolge, das macht man in kurzen Pausen und spart Zeit bei der Abfertigung.

Was macht der? Kommt ungefähr um halb Sechs, kommt erst ans Band, wenn es bereits läuft, weil er Geld und Unterlagen abgeben muss, dann kann er erst mal nichts scannen, weil das Gerät noch nicht bereit ist, und natürlich braucht er erst mal einen Kaffee, wenn er reingefahren ist. Dann beschäftigt er sich mit Stopps und konzentriert sich auf seinen Scanner, während ein Paket nach dem anderen an ihm vorbei läuft. Oder er verschwindet einfach mal irgendwohin. Ursprünglich habe ich dann seine Pakete runtergenommen, aber das hatte einen negativen Lehreffekt. Von 150 seiner Pakete hatte ich knapp 70 in der Hand. Aber ich will ja keinen hängen lassen – bis er mich wirklich nervte:
Er fuhr seine Tour und schaffte den Kyllburger Tierarzt nicht mehr, Mike gab mir die Pakete mit und ich sollte noch die vom Vortag übernehmen. Unser Büro hatte die auf Status “Ausgeliefert” gesetzt und ich sollte sie per Nachquittung zustellen. Der Maulwurf griff drei Pakete aus seinem Auto und ich fragte ihn, ob das alle seien. Ja, das sind alle, sagte er. Ich kannte seinen Hang zur Ungeduld und oberflächlicher Arbeit:
“Bist Du sicher, dass das alle sind?”
“Ja, ganz sicher.”

Am Nachmittag kam ich dann zum Kunden und stellte fest, dass ein Paket fehlte. Der Tierarzt kannte mich und unterschrieb dennoch die Unterlagen, nachdem ich ihm versichert hatte, die fehlende Ware am Folgetag zu bringen. An eben jenem Folgetag kam dann der Maulwurf zu mir und sagte, er habe leider noch einen Polsterumschlag für den Tierarzt gefunden.
Dass ich mich darüber ärgerte und ihm das übelnahm, verstand er gar nicht: “Das kann doch mal passieren!”
“Aber ich bin derjenige, der wie ein Idiot beim Kunden steht und dem erklären muss, dass seine bestellte Ware unvollständig ist, weil Du Deine Arbeit nicht richtig machst!”
Mit meiner Abräumerei für ihn ist es seitdem weitgehend vorbei, der muss an seiner Einstellung arbeiten.
Weil ich nett bin, versuchte ich es dann mal “vorgreifend”. Da ich relativ wenige Pakete habe, stellte ich mich VOR ihn ans Band und sagte seine Pakete an. Es nutzte nichts. Nachdem Puck, der Pakete vom IT-Haus fährt, drei oder vier in Folge für ihn abgeräumt hatte, fragte er ihn: “Sag mal, wenn Dominik Bitburg! ruft, glaubst Du, er macht Witze???”

Ein Laden in Rittersdorf sollte einmal ungewöhnlich viel Ware erhalten und Elmo sollte sie mit dem LKW hinfahren. Üblicherweise wird dann trotzdem bei Bitburg abgeräumt, weil Rittersdorf zur Bitburger Tour gehört und am Bandende, wo die überladene Trierer Tour steht, schlicht kein Platz ist.
Als dann Rittersdorfer Pakete an mir vorbeirollten, fragte ich ihn, warum er sie nicht runternehme?
“Ich fahre heute kein Rittersdorf.”
“Du musst es aber trotzdem abräumen.”
“Wieso? Ich fahre dort nicht hin.”
“Da unten ist kein Platz, um die Drucker zu stapeln!”
“Wieso kümmert Dich das? Das ist doch seine Arbeit, es muss doch jeder erst mal seine Arbeit machen! Warum soll ich das machen?”

Warum erzähle ich das? Um zu verdeutlichen, dass es ihm scheinbar völlig an Selbstreflexion mangelt. Denn das mit dem “jeder muss seine eigene Arbeit machen” hat er selbst noch nicht ganz kapiert, und seit eine Menge seine Pakete das Band runterläuft, können ihn die da unten auch nicht mehr leiden – den letzten beißen die Hunde, und die Trierer Fahrer müssen verpasste Pakete in die Ecke mit den Irrläufern räumen.
Bei den Frauen im Büro hat er ebenfalls verschissen, denn wenn er etwas braucht, dann klingt das, als ob er Forderungen stellt, und nicht, als ob er um etwas bittet. Seine Blockadehaltung gegenüber Formalitäten (“Das verstehe ich nicht!” “Das mache ich nicht!” “Ich fahre da nicht hin!”) verstärkt diesen Eindruck durch klar erkennbare Ungeduld in seinem Tonfall. Sie halten ihn daher für frauenfeindlich. Ich glaube nicht, dass er das so meint, wie er es sagt, aber ich kann sie schon verstehen.
Den krassesten Vorfall schreibe ich seiner verunglückten Art von Humor zu.
Auf der Suche nach Paketen teilte ihm Laubschi mit, da seien welche bei den Irrläufern, er müsse sie nur aus der Ecke räumen. Und da hielt er ihr – ausgerechnet ihr, die man auch scherzhaft “Transohex” nennt – seinen Scanner hin und sagte sowas wie: “Da, Frau, mach.”
Ich zumindest behaupte, dass es sich um einen unglücklich ausgesuchten und vorgetragenen Scherz handelte, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie jemand sowas ernst meinen könnte. Laubschi nahm das sehr ernst und war entsprechend angepisst. Ich glaube, Felix ist der einzige im Depot, den sie noch mehr hasst. Angepisst von dem Spruch war auch der Engel, der gerade dabei stand, denn der Engel geht mit Laubschi hin und wieder einen trinken. Dass es da nicht zu Handgreiflichkeiten kam, ist auch alles, was noch fehlte.

Der Maulwurf hat auch so eine Tendenz, Adressen nicht zu finden. Zum Beispiel eine “Kirchstraße”. Wo mag die wohl sein? Welches auffällige Gebäude könnte sich dort wohl befinden? Oder eine Neuerburger Straße in Bitburg? Ein Blick auf die Karte verrät einem, wo Neuerburg liegt und daraus kann man zumindest die Vermutung ableiten, in welcher Richtung die Straße aus Bitburg heraus laufen könnte. Aber auch Navis helfen ihm nicht. So rief er bei Mike an: “Soll ich echt nach Steinborn fahren? Das sind noch vierzig Kilometer!” Er hatte Steinborn bei Daun angewählt, völlig anderer Postleitzahlenbereich, und war gleich in Panik verfallen, anstatt zu schauen, ob es möglicherweise noch ein weiteres Örtchen geben könnte, das so heißt. Zu “seinem” Steinborn waren es zum gegebenen Zeitpunkt nämlich gerade mal drei Kilometer. Er zeigt also auch Anzeichen von fortgeschrittener Unselbständigkeit, und die verstärkt sich natürlich mit seinem Unwillen, unklare Sachverhalte kühl überlegend zu prüfen – kostet ja alles Zeit, nicht wahr. Ein Muttersöhnchen, möchte man vermuten.

Vermutlich fragt mich keiner… aber würde Peter mich fragen, könnte ich ihm nicht ruhigen Gewissens empfehlen, den Maulwurf über die Probezeit hinaus zu beschäftigen.

26. April 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 9)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:03

Der Kurde machte sich. Er hatte seinen Gefahrgutschein geschafft, während andere im selben Lehrgang durchgefallen waren, und es schien ihm gut zu tun, er kam nur noch ganz selten zu spät zur Arbeit und schien disziplinarisch über den Berg. Er sagte nur manchmal mit einem Grinsen, dass er sich seine alte Tour in Bitburg zurückwünsche.
So vergingen ein paar Wochen und irgendwann im Dezember kündigte er dann an, ab Februar oder März werde er sich wieder beim Arbeitsamt einreihen. Da bei ihm nie sicher der Ernst von dem Spaß unterschieden werden konnte, schrieben wir das erst einmal seiner Nostalgie zu, die ihn scheinbar neuerdings mit Bitburg verband; sprich: Der neue Job als “Springer” für Notfälle und Gefahrgutfahrer erfüllte ihn vielleicht nicht und er hatte es vorgezogen, zu gehen (oder zumindest in dieser Richtung Witze zu machen).
Allerdings machte noch jemand anders eine ähnliche Bemerkung, was mich dann doch neugierig machte. Immerhin musste die Firma 600 E blechen, um die Lehrgangskosten zu zahlen, da lässt man doch den Belehrten nicht ein paar Wochen später einfach so wieder gehen? Ich fragte Peter und der sagte, er wisse von nichts. Nun gut…

Zeitsprung: Anfang März 2012. Betriebsversammlung im Pausenraum. Betriebsversammlungen sind nie ein Grund zur Freude. Der Kurde hatte mit dem Feuer gespielt und sich dabei in die Luft gejagt, bildlich gesprochen. Konkret ausgedrückt, sah das so aus und ich erläutere ein paar Abläufe, damit man sich das Gesamtbild vor Augen führen kann:

Ein Paket wird vom Kunden abgeholt und von dem für das Gebiet zuständigen Lager per Scan aufgenommen. Pakete verschiedener Kunden gelangen von dort aus in ein Zentrallager, in welchen Paletten aus Paketen zusammengestellt werden, die einem bestimmten Depot zugeordnet werden können, zum Beispiel Trier. Die ganze Palette erhält einen Barcode, der beim Be- und Entladen des LKWs gescannt wird, um das Vorhandensein der Palette zu bestätigen. Im ausliefernden Depot wird die Palette abgepackt und der Wareneingang scannt noch einmal jeden einzelnen Barcode der einzelnen Pakete, damit der Server weiß, dass die Ware vor Ort ist (der so genannte RWE-Scan). Die Fahrer nehmen die Ware ihrer entsprechenden Postleitzahlen dann vom Band und bestätigen den Empfang ihrerseits wiederum mit einem so genannten Beladescan.

Die vor unser aller Augen operierende kriminelle Gruppe, bestehend aus dem Kurden und drei Leuten vom Band (nennen wir die mal Luigi und die beiden coolen Jugendlichen), machte sich unter anderem zu nutze, dass die verwendeten Scanner durch den häufigen Gebrauch schon ein paar Gebrechen zeigten. Luigi übernahm den RWE-Scan und täuschte bei “gewünschter” Ware eine Fehlfunktion vor – das Band wurde angehalten, die Ware vom Band geräumt, und der Betrieb lief gleich weiter. Regelgetreu musste die angesprochene Ware, und es handelte sich wohl in der Regel um teure Notebooks für große Elektronikmärkte, natürlich wieder auf dem Band landen; stattdessen wurden die Computer auf eine Palette gestapelt, die Palette an die Wand für Sperr- und Gefahrgut gefahren und dort von dem Kurden in seinen Sprinter geladen. Zuhause lagerte der das ganze Zeug dann ein.
Das geschah so auffällig, dass sich keiner was dabei dachte, denn Waren aus Mischpaletten für die Elektronikketten werden oft übers Band geschickt und dann da unten wieder zu Komplettpaletten aufgestapelt, um sie in den LKW zu laden, der sie zum Zwischenhändler bringt (die Ketten kennt man ja aus der Werbung).

Vielleicht hätte das funktionieren können. Vielleicht. Aber erstens fielen die Mengen irgendwann auf, und zweitens handelte es sich zweifelsfrei um Ware, von der jeder in dem Geschäft weiß, dass sie Begehrlichkeiten unter den schwarzen Schafen weckt.
Was die Untersuchung ins Rollen brachte, weiß ich nicht, und ich habe auch nicht vor, die Angelegenheit weiter zu recherchieren. Die Sichtung der Überwachungsvideos brachte jedenfalls eindeutige Resultate. Die an der Decke hängenden Kameras sind in der Lage, in ihrerm Sichtbereich Barcodes von den Paketen abzulesen. Man kann die Software anweisen, einen gewünschten Barcode auf seinem Weg durch die Halle zu verfolgen. Und wenn jemand Ware ohne RWE-Scan mitnimmt, handelt es sich streng genommen bereits um Diebstahl (von daher sollte man niemals Ware auch nur anfassen, die noch als Palette am Kopf des Rollbands steht).
Die Sache flog also auf, die Bandaufleger brauchten von gestern auf heute drei neue Mitarbeiter. Die Diebe hatten in der Tat noch nichts von dem, was sie gestohlen hatten, verkauft und gaben alles zurück. Vielleicht wollten sie erst Gras über die Sache wachsen lassen? Warten, bis alle die Suche nach der Ware aufgegeben hatten?

Ich war vom Kurden doch sehr enttäuscht. Dass er ein Gauner war, war von Anfang an klar gewesen, aber eine solche Dummheit hätte ich ihm nicht zugetraut. Er wurde nicht angezeigt, angeblich, weil er als “Lagerist” der entwendeten Ware alles bereitwillig zurückgab. Er bekam Hausverbot im Depot und fuhr für Peter weiter – im Auftrag des DPD. Das frustrierte mich gewissermaßen, denn ich hatte noch keinen gekannt, der so viele Chancen erhalten und alle vergeben hatte, und ich fand, dass es an der Zeit war, dass er endlich für seine Dummheiten zahlte. Wenn Soldaten potentielle Mörder sind, dann sind Transportfahrer potentielle Diebe, und da ich meinem derzeitigen Beruf mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit nachgehe, fühle ich mich doch irgendwo in meinem Ruf geschädigt, auf den ich Wert lege.

Allein, man sagte mir, dass es bei dem Stand der Dinge unwahrscheinlich sei, dass er dafür ins Gefängnis gehe – wenn da nicht ein kleiner zusätzlicher Faktor wäre: Er war zwar nicht angezeigt worden, tauchte aber natürlich in den Aussagen seiner Komplizen auf, die sehr wohl eine Anzeige erhalten hatten. Die Staatsanwaltschaft, hieß es, habe daraufhin eigenmächtig ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. Und: Wenige Wochen zuvor war der Kurde wegen einer Schlägerei auf einem der zahlreichen Weinfeste im Herbst zu einem halben Jahr auf Bewährung verurteilt worden. Das dürfte sich nun bemerkbar machen. Aber ein halbes Jahr ist ja schnell vorbei. Zuletzt war von ihm zu hören, er wolle Deutschland den Rücken kehren und in Mossul, wo er ja einmal hergekommen war, sein Glück versuchen.

Peter berief daher also eine Betriebsversammlung ein, um alle zu informieren und wollte reinen Tisch:
“Wenn von Euch noch einer da mit drin steckt, dann soll er es jetzt sagen, oder im Laufe des Tages unter vier Augen. Jetzt kann ich noch was für Euch tun, später geht das nicht mehr.”
Es gab tatsächlich noch einer unter vier Augen ihm gegenüber zu, sich an der Ware vergriffen zu haben, und aus irgendeinem Grund fanden sich im Laufe der darauf folgenden Woche drei verschiedene Leute, die mir den Namen unabhängig voneinander zutrugen. Auch dieser Täter gab zurück, was er an sich genommen hatte und bekam seine Chance – die er, soweit ich ihn einschätzen kann, auch sinnvoll nutzen wird. Ob er allerdings mit dem Kurden und seinen Leuten vom Wareneingang zusammengearbeitet hat oder unabhängig davon sein eigenes Süppchen zu Auslöffeln kochte, ist bislang ein Geheimnis geblieben, und von mir aus kann das auch so bleiben. Ich gehe aber davon aus, dass er unabhängig gehandelt hat, da ihn sonst Luigi und die coolen Jugendlichen wohl mit in den Abgrund gerissen hätten.

Irgendwie verbreiten sich Geschichten immer, und ich frage mich, wer sie immer rumerzählt? Ich meine, einer muss damit anfangen, und wenn ich mich so umsehe, dann drängt sich mir der Gedanke auf, dass dafür ein sehr kleiner Personenkreis in Frage kommt. In einem Falle, also einer noch ganz anderen Geschichte über die Arbeitsweise des Kurden, kam die Geschichte allerdings nicht von Kollegen der Transportfirma, sondern von einer Person, die für das Depot selbst arbeitet. Ich will mich dafür nicht verbürgen und eine Gegendarstellung des Kurden zu bekommen, könnte schwierig sein, von daher erzähle ich nur nach, was man mir erzählt hat:

Es gibt irgendwo in unserem Zustellungsgebiet eine Straße innerorts am Hang, und an einer Stelle, wo sich zufällig auch ein Kebapladen befindet, fand eine Person eines Morgens ein auffälliges Paket, und aus irgendeiner unergründlichen Motivation heraus gab er es bei der erstbesten und dazu schwangeren Nachbarin ab: Den großen Aufkleber mit dem schwarzen, dreiteiligen “Ventilator” auf gelben Untergrund wusste er wohl nicht zu deuten. TATÜTATA! Dieser Fund, so gesundheitlich folgenlos er im Endeffekt auch gewesen sein mag, begründete unmittelbar einen Einsatz verschiedener Rettungskräfte, inklusive Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz, und was uns sonst noch wichtig und vor allem teuer ist.
Wie man mir erzählte, ist es unstrittig, aus wessen Auto dieses Paket stammte, denn der Barcode sagt alles. Der Kurde hatte dafür natürlich keine Erklärung. Uns bleibt daher nur das Reich der Spekulation, und da will ich mich zurückhalten. Sicher ist einzig, dass der Kurde nur selten an einem Kebapladen vorbeifahren konnte, ohne anzuhalten und auch was zu essen.

Eine Folge seines Abgangs für uns war natürlich, dass wir einen neuen Fahrer brauchten, und wir fanden einen, den Mike aus einem seiner zahlreichen anderen Beschäftigungsverhältnisse vor Transoflex kannte. Ich nenne ihn mal “den Kleinen”, weil er nicht gerade groß gewachsen ist; aber soweit ich das beurteilen kann handelt es sich um einen guten Mitarbeiter, der weiß, um was es geht, wie es läuft, und welche Regeln in dem Spiel gelten. Das schöne dabei ist auch, dass er gewissermaßen in meiner Nachbarschaft wohnt. Sollte es also technische Probleme geben, dann ist morgens um 0430 jemand in der Nähe, der mich zumindest mit in die Halle nehmen kann. Ich könnte wohl auch mit Puck fahren, aber der ist mir zu spät dran.

Wenn wir schon bei negativen Themen sind, dann reden wir doch auch mal über Menschenwürde.
Im vergangenen Sommer habe ich ja beschrieben, dass ich die verfügbaren (halb-) öffentlichen Toiletten geschickt nutzen muss, wenn ich mich nicht an den Straßenrand stellen will; ich meine, man muss die zivilisatorischen Errungenschaften ja nicht verschmähen, oder? Im Sommer jedenfalls hat das Problem eine andere Qualität als im Winter, wie ich in den letzten Monaten lernen musste. Im Sommer schwitzt man nicht unbedeutende Mengen dessen, was man trinkt, über die Haut aus. Ich habe zwei bis drei Liter getrunken, Wasser und Orangensaft, ohne deshalb mehr als ein- oder zweimal eine Toilette aufsuchen zu müssen. Im Winter dagegen fällt der Faktor Transpiration aus, und wenn es einem innerhalb einer Ortschaft plötzlich überkommt (und ich stelle fest, dass dies manchmal schnell geht, wenn man die Signale vorher in guter Hoffnung sozusagen beiseite geschoben hat), dann hat man nicht die Option, sich an die Straße zu stellen und macht sich am besten einen Knoten. Nee, das geht ja nicht so einfach.

Also Schließmuskeltraining. Aber alles hat Grenzen: Das Fassungsvermögen meiner Blase, die Stärke des Schließmuskels, und das Maß an Schmerzen, die zu ertragen ich bereit bin. Ich habe auch schon schreiend am Steuer gesessen, während ich mit Bleifuß aus einem Ort raus und in den nächsten Feldweg hineingerauscht bin. Was auch nicht verhinderte, dass zwei- oder dreimal was in die Hose ging. Rettender Vorteil im Winter: Die Jacke deckt das zu. Vorteil des Materials: Es trocknet schnell.
Eine Lösung musste her: Die Pinkelflasche. Die Saftflaschen, die ich kaufe, haben einen breiten Hals, und dieses Verfahren erlaubt es mir, auch innerorts mal schnell in der Ladefläche zu verschwinden, um den störenden halben Liter loszuwerden.
Toll ist was anderes, aber was soll ich machen?

Um noch etwas allgemeines einzustreuen: Unsere Autos scheinen in der letzten Zeit verstärkt Batterieprobleme zu haben. In der Folge musste Knut mehrfach ausrücken, weil sich in seinem Auto ein Überbrückungskabel befindet. So langsam glaube ich, wir haben zu wenige davon. Ein Ersatzfahrzeug, das mir zugeteilt worden war, sprang morgens nicht an, sogar der KIlometerzähler zeigte eine Null an und das einzige Lebenszeichen bestand aus einem kurzen, leisen Surren beim Einschalten der Zündung. Ein Ersatzfahrzeug, das man Puck an die Hand gegeben hatte, machte noch nicht einmal das. Das Lenkradschloss entriegelte nicht und der Zündschlüssel ließ sich nicht drehen.

“Zum Glück” fand dies an einem Sonntag statt, an dem er mit besagtem Ersatzfahrzeug nach Plaidt fahren sollte, um seinen LKW nach erfolgter Reparatur wieder in Empfang zu nehmen.
Um halb 11 rief Puck mich an, ob ich nicht eine Idee hätte: die Schließanlage des Sprinters muckse sich nicht. Ich ging runter, zog den Metallschlüssel aus dem Gehäuse des elektronischen Schlüssels uns konnte damit immerhin die Tür öffnen. Wie gesagt: Nicht einmal die Zündung ließ sich einschalten, weil der Schlüssel sich nicht im Schloss drehen ließ. Wir gingen zu mir hoch. Der Diponent wurde verständigt, der rief den Kleinen an. Um 11 Uhr kam der Besuch, den ich eigentlich erwartet hatte. Um kurz nach 11 kam der Kleine. Auch der ließ seine Kontakte spielen und bekam um etwa halb 12 ein Starterkabel organisiert. In der Zwischenzeit kam schon der Vorschlag, “Ach komm, pack die Karten aus!”, denn immerhin hatte ich dann schon mehr Leute zusammen als für den gedachten Spielenachmittag am Tag zuvor. Gemeint war damit BANG!, aber ich konnte die Karten nicht finden. Puck konnte dann endlich lostuckern (und Elmo, der auch nach Plaidt muss, mit einer Stunde Verspätung in Zemmer abholen).

Warum hatte ich eigentlich ein Ersatzauto? Weil an dem mir zugeteilten Fahrzeug, mit der Nummer 560, zwar die Batterie keine Probleme machte, dafür aber der Motor. Enge Kurven bergauf waren ihm zu anstrengend. Da konnte es sein, dass man beim Beschleunigen auf einmal das Gefühl bekam, der halbe Motor schalte sich ab. 90 km/h Spitze auf gerader Strecke. Auffällig gerade dann, wenn man einen niederländischen LKW überholen will und dabei feststellt, dass der um oder vielleicht auch über 100 fährt. Steigungen werden da zur Herausforderung: Zwischen Neuerburg und Waxweiler hat der Hügel bestenfalls 10 % Steigung: Der Sprinter nahm diese mit Ach und Krach 40 km/h. Anfangs konnte man dem beikommen, indem man kurz anhielt und den Motor abschaltete, aber nach einer Weile war’s auch damit vorbei.

Ich erhielt zunächst einen anderen Sprinter, den man noch irgendwo in der Mottenkiste gefunden hatte. Da war sogar noch ein Kassettenrekorder drin, in dem ein Band gefangen war, das vorderasiatische Musik dudelte. Das Radio ging gar nicht. Aber der Wagen hielt nur ein paar Tage: Als ich gerade von Olewig Richtung Uni hochfuhr, fing der Motor an zu knattern; ein paar Augenblicke später strömten Abgase in die Fahrerkabine. Ich riss die Fenster auf und fuhr noch 200 m bis zum nächsten Parkplatz. Ich besah mir den Motor (als Laie würde ich sagen, dass einer der Zylinderköpfe undicht war), stellte die Überforderung meiner Kompetenzen fest, unterrichtete die Firma und ging nach Hause.
Zwischendurch wurde der Wagen von Peter in Augenschein genommen, woraufhin er mir mitteilte, dass am Abend einer kommen würde, der das Auto abschleppen sollte. Der kam kurz nach Sonnenuntergang und ich half ihm, das Fahrzeug auf dem Anhänger zu vertäuen, kritisch beäugt von zwei Damen um die Vierzig, deren Fahrzeug wir am Verlassen des Parkplatzes hinderten. Alles in allem kamen wir nur auf drei von vier benötigten Spanngurten. Streng genommen hätten wir noch einen besorgen müssen, aber der Abschlepper wollte auch irgendwann einmal nach Hause, die beiden Damen wirkten von Sekunde zu Sekunde ungeduldiger, also fuhr er so davon. Es hat wohl auch geklappt.
Und das Auto, das ich dann bekam – das war das Auto, wo die Batterie streikte.
Danach bekam ich wieder den Wagen, mit dem ich ganz zu Beginn gefahren war, mit der Nummer 540.

Rückblickend muss ich feststellen, dass ich alle Probleme – selbstverschuldet (wie Festfahren im Schlamm und Karosseriekratzer) oder nicht (besagte technische Probleme) mit der 560 gehabt hatte.
Aber zumindest der Teil mit den selbstverschuldeten Problemen sollte leider auch an der 540 nicht vorübergehen. Aber davon beim nächsten Mal.

8. April 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 8)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:55

Es ist schwierig, so viele Notizen in Fließtext umzusetzen, wenn man wenig Zeit hat, auch am Wochenende. Die vergangenen Wochenenden wurden zum Großteil dafür verwendet, meine DSA-Chronik auf den neuesten Stand zu bringen, und mittlerweile bin ich so weit, dass ich den ersten Entwurf an den Spielleiter schicken kann, damit er prüft, ob wir irgendwo Unstimmigkeiten drin haben, denn es könnte ja sein, dass ich Orts- und Personennamen falsch aufgeschrieben habe, oder dass meine Darstellung in Einzelheiten von dem abweicht, was tatsächlich gelaufen ist – ich kann nicht immer gleichzeitig Notizen machen, weil die Spielteilnahme manchmal halt meine ganze Aufmerksamkeit erfordert.
Wie dem auch sei: Die Abenteuer der alten Spielgruppe sind in ihrer Rohfassung fertig, was noch fehlt, ist eine Fehlerkorrektur und vielleicht noch etwas plastische Ausgestaltung durch bessere Umschreibungen der besuchten Örtlichkeiten.

Bei dem Thema – Spiele – kann ich auch grob bleiben, denn es ist mir in den vergangenen drei Monaten immerhin zweimal gelungen, einen Spielenachmittag der Arbeitskollegen zu organisieren, wenn auch nie ganz ohne Probleme, weil kurzfristig immer einer absagen musste. Lilly musste ihre Mutter irgendwohin fahren, der fröhliche Winzer musste für seinen Bruder einspringen, der sich den Fuß gebrochen hat, Felix hatte sich eine Erkältung zugezogen. Einmal saßen wir, das heißt, Puck, meine Freundin und ich mit Antonius allein da. Hat auch Spaß gemacht; Antonius hat sich das BANG! Komplettset gekauft und wollte es natürlich auch mal benutzen, und bei der Gelegenheit entdeckte er den neu hinzugekommenen Charakter “Santa Claus” (oder “Claus the Saint”), der zwei Karten mehr zieht, als Spieler am Tisch sitzen und an jeden eine seiner Wahl verteilt. Er zog auch just diese Charakterkarte – und wurde prompt erschossen.
“Ihr habt Santa Claus umgebracht!”
Leider hat es sich im vergangenen Monat nicht ergeben, ein weiteres Mal zu spielen. Vielleicht wird es ja um den Maifeiertag rum was.
In einem Punkt bin ich jedenfalls ziemlich sicher: Ich kann mit den anderen Fahrern durchaus BANG! spielen, das kriegen sie hin (wenn auch mangels regelmäßiger Übung noch etwas holprig), aber ich fürchte, dass ich z.B. Battlestar Galactica nur mit den “DG-Lords” (den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Depots) spielen kann, weil… die Regelverständniskapazität des durchschnittlichen Fahrers für ein derart vielschichtiges Spiel nicht ausreicht. Pandemie würde ich ihnen noch zutrauen.

Als ich eines schönen Tages spät nach Hause unterwegs war, es war schon nach Sechs und dunkel, als ich um den Verteilerkreis fuhr, huschte beim Abbiegen in die Dasbachstraße ein dunkler Schatten vor meiner Schnauze vorbei und ich ging heftig in die Eisen. Irgendein Komiker war auf dem eiligen Weg zur Bushaltestelle Nells Park einfach über die Straße gerannt – dunkle Haare, schwarze Hosen, dunkelblauer Pullover, im Zusammenspiel mit den aus Richtung Ruwer entgegenkommenden Autos (das heißt ihren blendend hellen Frontscheinwerfern) fast unsichtbar.
Kurzum, es entspann sich ein kurzes wütendes Wortgefecht, wer denn Schuld daran sei, dass ich ihn beinahe angefahren hätte. Ich war und bin eigentlich nicht der Meinung, dass 20 km/h zu schnell sind, um diese Kurve zu bewältigen, und es ist ja nicht so, dass ich einfach fahren würde, ohne einen Blick in die Umgebung zu werfen. Wie gesagt: Der Typ war fast unsichtbar unter den gegebenen Umständen. Er sagte, ich müsse langsam fahren und gefälligst richtig hinsehen, ich sagte, er dürfe in dunklen Klamotten nicht einfach auf die Straße rennen, denn wenn da ein großes Fahrzeug mit aktiviertem Blinker auf die Einbiegung zufährt, dann müsse er doch damit rechnen, dass ich auch abbiege, und dann bleibt man als Fußgänger doch lieber mal stehen, anstatt stur auf seinem Vorfahrtsrecht zu beharren und seine Knochen zu riskieren, gerade bei diesen Sichtverhältnissen und in dieser Kleidung!
Der war schon ziemlich sauer und drohte, die Polizei zu rufen. Mir war nicht ganz klar, aus welchem Grund, denn es war ja gar nichts passiert. Aber ich war müde und wollte nach Hause, also beruhigten wir uns beide ein bisschen und ich erklärte mich bereit, ihn zur übernächsten Haltestelle zu fahren, und wir würden die Sache beide vergessen. Im Nachhinein muss ich allerdings sagen, dass es durchaus seinen Reiz gehabt hätte, ihn die Polizei rufen zu lassen, denn er hätte sich vermutlich den größeren Einlauf geholt: Erstens in “Nachttarnkleidung” einfach auf die Straße rennen und zweitens ohne triftigen Grund die Polizei belästigen. Wäre bestimmt interessant geworden.
Immerhin: Ich fahre seitdem solche Abzweigungen mit erhöhter Aufmerksamkeit, gerade im Dunkeln.

An der Spitze eines grob nach Osten zeigenden Dreiecks mit Basis auf der Linie Mettendorf-Neuerburg liegt das kleine Nest Rußdorf. Im vergangenen Jahr hatte ich ein- oder zweimal Kfz-Zubehör an eine Firma dort geliefert und sollte nun im Dezember, drei Monate nach meinem letzten Besuch, vier Reifen hinbringen.
Die angegebene Adresse war verlassen, in dem Sinne, dass die Rollläden der Arbeitshalle heruntergelassen waren und scheinbar niemand da war. Leider war auch im Hause des Chefs niemand anwesend, aber ich erinnerte mich an eine alternative Adresse 200 m weiter, wo ich in einem solchen Fall Sachen abliefern könne: Auch keiner da.
Also wieder zurück zur eigentlichen Adresse, versuchte Alternativzustelung (also beim Nachbarn).
Die erste Nachbarin war eine kleine dickliche Frau, mit Brillengläsern, die den Eindruck machten, als könne man damit reines Sonnenlicht zu Laserstrahlen bündeln. Die Mimik der Dame machte auch den Eindruck, als sehe sie extrem schlecht. Ich fragte sie also, ob sie die Reifen annehmen würde. Sie sah mich zweifelnd und unentschlossen an.
“Ich weiß nicht, vielleicht haben die das gar nicht bestellt…”
“Es sind Reifen, die bekommen doch öfter solche Sachen. Und wenn er es nicht bestellt hat, dann soll er anrufen, dann hole ich das wieder ab.”
“Na gut, dann nehme ich das.”
Ich trug die Reifen die Treppe zum Balkon hoch (wo die Haustür sich befindet), ließ mir ihren Nachnamen nennen und trug ihn in das Display ein.
“Ach, für wen genau ist das denn?”
Ich las ihr den Namen auf dem Adressaufkleber vor.
“Für den A.? Nein, dann nehme ich das doch nicht, der ist nämlich im Oktober gestorben.”
“Vielleicht hat sein Sohn noch auf den alten Firmennamen bestellt?”
“Nein, nein, der hat die Firma verkauft.”
Also trug ich die Reifen wieder runter, mittelmäßig genervt duch das Hin und Her, und wollte sie ins Auto laden, als ein anderer Nachbar die Tür öffnete und mich zu ihm winkte.
“Geben Sie die nur her, ich unterschreibe dafür. Der S. macht mir da keine Schwierigkeiten, falls er die Reifen doch nicht braucht. Der hat das Unternehmen zwar verkauft, arbeitet aber für den neuen Besitzer in Bitburg.”
Ich bedankte mich und setzte mich ins Auto. Blick auf die Uhr: 15 Minuten für diese eine Zustellung – allein vor Ort. Da hatte ich die Zeit, die ich brauchte, um den Umweg zwischen Mettendorf und Neuerburg zu fahren, noch nicht mit eingerechnet, das dürften weitere 15 Minuten gewesen sein.

Im Monat drauf war ich noch einmal da, wegen einer Abholung. Die Witwe des Verstorbenen war da, wusste aber von nichts und konnte mir nach einem kurzen Telefonat mit ihrem Sohn nur mitteilen, dass das Gerät vermutlich in Bitburg abzuholen sei. Ich setzte den Abholstatus also auf “Abholung ohne Ware – keine Ware” und hatte allein an der überflüssigen Fahrzeit in dieses kleine Nest schon wieder eine Viertelstunde verloren.

Übrigens: Wenn jemand Motorsägen oder Entaster oder was für Wald- und Gartenarbeiten braucht – kauft nicht bei Solo. Ich hab jeden Monat einen Garantiefall von Solo als Abholung in Beladung. Garantiefälle von Stihl hatte ich in den vergangenen 11 Monaten exakt zwei. Und das waren keine ganzen Geräte, sondern nur kleinere Einzelteile.
Klar, Stihl ist teuer, aber das zahlt sich aus.

Am Heiligabend hatte ich mich freiwillig gemeldet, die Samstagsfahrt zu übernehmen. Ich wollte sehen, was man da so erlebt, ob viele Privatkunden noch schnell was bestellt hätten, oder ob die Leute anders drauf sein würden. Aber: Nichts von alledem. Ich hatte keine 20 Pakete im Auto, fuhr gerade mal Bitburg-Wittlich-Trier und war nach drei Stunden wieder zuhause, ohne etwas erlebt zu haben, worüber zu schreiben sich gelohnt hätte.
Insgesamt muss ich aber festhalten, dass die Weihnachtszeit etwa sechs Wochen dauert, in denen die Paketzahlen in meinem Zustellungsbereich um bis zu 50 Prozent über dem Normalen liegen, dazu kommt ein dickerer Anteil von Privatkunden in den entlegeneren Ortschaften, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Arbeitszeit. Am Mittwoch vor Weihnachten hörte das mit einem Schlag auf und die Paketzahlen sanken unter die normale Marke, und sie sanken zwischen den Feiertagen erneut rekordverdächtig tief.

Wenn ich schon von Feiertagen rede: Ostern dauert nur eine Woche und Privatkunden halten sich dabei zurück, aber die Frisöre, Apotheken und Tierärzte stocken auf (und natürlich die Warenhäuser und Fachmärkte für Unterhaltungselektronik und Kosmetik, von denen sich aber keine in meinem Gebiet befinden). Die Woche vor Ostern wäre auch vermutlich nicht so extrem geworden, wenn uns nicht Dienstag und Mittwoch zwei LKW-Linien im Stich gelassen hätten. Die kamen so spät, dass es sich nicht mehr lohnte, sie übers Band laufen zu lassen, denn wir müssen ja auch irgendwann mal mit der Zustellung anfangen. Dienstag fehlten mir 20 Pakete, aber damit kann man noch leben. Mittwoch fehlten mir 40 Pakete. Das macht sich deutlich bemerkbar, und hinzu kam, dass am Donnerstag eine Art Torschlusspanik herrschte: 197 Pakete auf meiner Tour, fast das Zweifache des üblichen Satzes, und bei den anderen sah es kaum besser aus. Aber ich fahre nur einen kleinen der großen Sprinter – da passen bestenfalls 160 Pakete der üblichen Größenverteilung hinein.
Gleichzeitig machte die Maschine Zicken, die 560 fuhr sich, als ob der halbe Motor fehlte. Am Morgen, auf der Autobahn nach Ehrang, wollte ich mich daran machen, einen niederländischen Lastzug zu überholen; mittendrin brach auf einmal der Schub weg, Drehzahl und Geschwindigkeit sanken, der Holländer fuhr mit etwa 100 an mir vorbei und davon (haben die etwa keinen Limiter???)
Peter entschloss sich daher, die 440 aus Koblenz kommen zu lassen, das Auto, das der fröhliche Winzer gefahren hatte, bevor es wegen Motorproblemen ausgetauscht werden musste. Nun war ein neuer Motor drin, es würde also seinen Zweck erfüllen. Allerdings musste der Fahrer erst mal herkommen und ich musste meinen ganzen Krempel aus der 560 raus und in die 440 hineinräumen – in ein Modell, das viel weniger Stauraum bietet. Vor allem kostete es Zeit und ich kam erst um Viertel nach Zehn weg (normal ist derzeit 0830). Der einzige Trost bestand darin, dass die vielen Pakete mit zwei oder drei Ausnahmen alle in Ortschaften auf der Haupttour gehörten und ich schaffte es vor sechs Uhr nach Hause.

Nicht nur, dass uns die LKWs im Stich ließen: Der fröhliche Winzer ist krankgemeldet, für den kommen ebenfalls Fahrer aus Koblenz runter. Dass mir dies am Montag alle Pakete für Schweich bescherte, fand ich wegen meiner mangelnden Ortskenntnis und der Art der Pakete nicht so lustig. Unter den Paketen waren zwei Aufsteller für Apotheken, einer in Schweich, die aufrecht transportiert werden müssen, man muss sie eigentlich auf einer Palette geschnallt liefern, aber das hätte nicht ins Auto gepasst. Daneben standen zwei mobile Klimaanlagen von jeweils einem Zentner. Und der Apotheker verweigerte die Annahme, weil er das nicht bestellt habe – na dann: Nach Schweich fuhr ich sofort zurück ins Depot, um den zurückgewiesenen Aufsteller abzugeben, denn mir war sonnenklar, dass das lange schmale und vor allem nicht festgeschnallte Ding den Abend nur als Plastikschrott erleben würde. Antonius und Lilly haben auch nicht schlecht gestaunt, als sie mich um kurz vor Elf in die Halle fahren sahen. Feierabend gegen sieben Uhr abends. Ein richtiger Scheißtag. Glücklicherweise war ich den Rest der Woche von Sondertouren befreit.

In der Eifel liegt im Winter Schnee, das ist nichts neues, ich habe damit gerechnet und mich vorbereitet: eine Sonnenbrille in meiner Sehstärke musste her, aus dünn geschliffenem Glas. Da ich mit dem Hugo Boss Markenmodell, das ich für gewöhnlich auf der Nase trage, sehr gute Erfahrungen gemacht habe, wollte ich das gleiche Modell mit getönten Gläsern – gab’s aber nicht. Boss sei da eigen und nehme Modelle schnell wieder vom Markt, sagte mir die Optikerin. Na gut, dann was anderes. Letztendlich entschied ich mich für eine Ray Ban, für die ich wiederum über 300 Euro hinlegte. Aber wenn die ebenso stabil wie die Boss-Brille ist, dann lohnt sich das auch; mit dem Ding musste ich in den vergangenen zehn Jahren zweimal zum Nachstellen zum Optiker.
Ich musste auch ein drittes Mal hin, das lag aber daran, dass mir bei einer Zustellung ein Paket ins Gesicht knallte, worauf der Nasenbügel an der Schweißstelle abbrach. Ich musste den Tag über also mit der Sonnenbrille fahren, um wenigstens scharf zu sehen, ging in Neuerburg zum Optiker, der mir das Nasenfahrrad für 18 E wieder verschweißte (Peter ersetzte mir die 18 Euro übrigens). Sieht wie neu aus.

Nur ein Problem muss ich bei der Sonnenbrille feststellen: Beim Schliff muss was schiefgegangen sein, denn das Bild wird schärfer, wenn ich den Kopf um knapp 45° nach rechts neige. Sobald ich Zeit dafür habe, werde ich das reklamieren, und das wird vielleicht noch etwas warten müssen, weil ich beim Ausräumen meines motorlahmen Autos natürlich die Sonnenbrille auf der Ablage über der Sonnenblende vergessen habe! Mal gucken, wie lang es dauert, bis ich das Ding aus Plaidt zurückbekomme.

Ein Gutes hatte der Autotausch allerdings noch: Die CD, die ich dem fröhlichen Winzer vor einem knappen halben Jahr geliehen hatte (just in der Woche, wo sein Motor draufging), war noch im Handschuhfach.

5. Februar 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 7)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 20:01

Ich sollte auch mal von hinten aufrollen, sozusagen, und gebe wider, was mir von der Weihnachtsfeier berichtet wurde. Just an diesem Tag feierte Melanies Mutter ihren Geburtstag und da konnte ich schlecht wegbleiben. Abgesehen davon wäre es meine erste Feier mit den Chaoten von der Firma und ich konnte mir nicht sicher sein, wie diese Leute sich unter Alkoholeinfluss verhalten würden, der bei dieser Gelegenheit ganz bestimmt reichlich fließen würde. Peter bot mir einen Deal an: Ich würde den Dienstwagen verwenden dürfen, um nach Saarbrücken zu fahren, wenn ich im Anschluss noch zur Feier käme (die ganz unfeierlich in einer Ehranger Dönerbude stattfand). Den Sprit musste ich natürlich zahlen:
Mittels meines Fahrtenbuchs errechnete ich, dass der Sprinter auf 100 km 15 Liter Diesel säuft. Saarbrücken und zurück waren genau 200 km; auch bei Luxemburger Spritpreisen wäre Bahnfahren zu zweit billiger gewesen, wenn auch nicht viel.

Nach einem angenehmen Abend in Saarbrücken machte ich mich also mit Melanie gemeinsam Richtung Trier auf, und im Hunsrück begann es zu schneien. In Hermeskeil lagen bereits 20 cm Neuschnee, die Straßen waren natürlich noch nicht geräumt und ich musste die Reisegeschwindigkeit deutlich zurücknehmen. Das kam mir zugute, als ein vor uns fahrender Wagen plötztlich eine unkontrollierte Wende von 540° machte. Die über 100 m Abstand verkürzten sich auf etwa 15, hätte ich stärker bremsen müssen, wäre dies eindeutig zu Lasten der Fahrzeugkontrolle gegangen. Es ging aber gut und wir kamen nach zwei Stunden zuhause an. Es schneite auch in Trier, also rief ich Peter an und teilte ihm mit, dass ich nicht mehr komme, weil ich mich nicht darauf verlassen könne, nach dem Besuch in Ehrang wieder den Kürenzer Berg hochfahren zu können.

Was sich dort zutrug, erzählte mir Puck, der tatsächlich mit dem Bus hingefahren war. Eingeladen waren nicht nur die Fahrer des Subunternehmens, sondern auch Leute der DG, also das Büro- und Lagerpersonal, der Chef fehlte. Auch Peters Bruder und einer der Fahrer aus Koblenz war anwesend, interessanterweise auch der alte Chef aus Plaidt, der “große Peter”, wie Kalaschnikow gern sagte. Bevor man daran gehen kann, wer von den Fahrern zur Feier kam, sollte man vielleicht besser die Auswirkungen von Nichtanwesenheit beschreiben.
Antonius und Octavia hatten den Tag über nichts gegessen und hatten Hunger, aber Peter hatte beschlossen, dass nichts bestellt werde, bevor nicht alle da seien: Die Stunden vergingen, während derer Octavia sich an den Salzstangen, die als kostenloser Snack auf den Tischen standen, gütlich hielt. Sie hat wohl eine ganze Menge davon gegessen, denn irgendwann muss mal jemand gefragt haben, wer denn eigentlich noch fehle? Nein, ich war’s nicht, weil ich ja angekündigt hatte, dass ich später käme und man nicht auf mich zu warten brauche.
“Der Konrad fehlt noch!”
“Was? Der kommt doch gar nicht!”
Das führte übrigens dazu, dass der fröhliche Winzer am Folgetag kein Wort mit Konrad wechselte, weil er eigentlich mit ihm ausgemacht hatte, sie würden in Hawaiihemden und mit Sonnenhut zur Feier kommen. Nun ja, scheinbar hielt auch der fröhliche Winzer sich nicht an diese Abmachung… es muss auch schwer gewesen sein, mit seinem Nachbarn nicht zu reden, denn schließlich redet er ja sonst ununterbrochen.
Es wurde also bestellt, was die logistischen Möglichkeiten einer Dönerbude natürlich hoffnungslos überlastete. Das Essen brauchte also wieder eine ganze Weile, es war teilweise nicht mehr warm und man bekam wohl auch nicht immer das, was man eigentlich bestellt hatte. Octavia bestellte eine Pizza, gab aber, gefüllt mit Salzstangen, schnell auf und überließ Puck ihr Essen.

Nach dem Essen gab es Partyprogramm und sogar Geschenke. Mein Geschenk erhielt ich am Dienstag nach der Feier… Christbaumschmuck aus Plastik in Rot und Gold. Hat er den Krempel im Ein-Euro-Laden an der Ecke gekauft? Ich habe keine Ahnung von so Zeug, aber es war mit Abstand der hässlichste Christbaumschmuck, den ich je gesehen habe. Auch Konrad erhielt ein Geschenk: Eine Packung mit Pralinen, die er nicht mochte. Wir tauschten also, weil er meinte, der Baumschmuck könne seiner Freundin gefallen.
Dann also noch das Partyprogramm. Peter und sein Bruder veranstalteten ein Quiz, um zu sehen, wie viel die Leute eigentlich über ihren Arbeitsplatz wissen, zum Beispiel, wie viele Touren denn ab Trier gefahren würden. Dann versuchten sich die beiden Brüder darin zu übertreffen, wer den besten Fahrer habe.
“Mein Fahrer kann dies und jenes!”
“Ha! Mein Fahrer kann das und das!”
Was soweit ausartete, dass der von Mike aufgestellte Grundsatz, es solle nicht über die Arbeit geredet werden, untergraben wurde. Er versuchte zu intervenieren, was aber nicht viel brachte, und erst Felix beendete das Arbeitsgespräch:
“Ich hab keine Lust mehr! Ich komm extra zu der Weihnachtsfeier und dann wird doch nur über die Arbeit geredet!”
Ha, Felix! Der Fahrer aus Koblenz war wohl ein großer Fan von Michael Jackson und machte folgenden Vorschlag:
“Ich mach jetzt einen Tanzmove von Michael Jackson vor und dann will ich sehen, wer das nachmachen kann!”
Es handelte sich wohl um eine Art doppelte Drehung, während der man in die Knie geht und wieder aufsteht. Er machte es vollendet vor und dann ging es darum, einen Freiwilligen zu finden, der es ebenfalls versuchen würde – man könnte vielleicht auch sagen, einen, der sich freiwillig melden würde, um sich zum Affen zu machen. Natürlich meldete sich erst einmal niemand, und ohne, dass noch jemand wüsste, wer angefangen hatte, rief die versammelte Mannschaft:
“FELIX! FELIX! FELIX! FELIX!”
Und dann stand der Felix auf, lächelte verlegen und sagte: “Na ja, ich kann das zwar nicht, aber ich versuch’s mal…”
Natürlich bekam er es nicht hin, aber er hatte sich getraut. Allein dafür gebührt ihm mein Respekt, denn ich könnte gar nicht betrunken genug sein, um mich zu sowas überreden zu lassen, und ich habe kein Problem damit, vor Publikum zu singen oder auch Theater zu spielen.

Dürfen Trinkspiele fehlen? Natürlich nicht. Der Kurde erklärte, er könne eine Flasche Bier schneller leertrinken, als irgendjemand sonst. Der fröhliche Winzer nahm die Herausforderung an, es wurde gewettet, Peter ließ da einiges springen, weswegen Mike den Kopf schüttelte und am Montag danach zu mir sagte, da würden Dutzende Euro zum Spaß verpulvert, aber ein Firmenhandy sei scheinbar nicht drin. Nun ja, der fröhliche Winzer trat also im Schnelltrinken gegen den Kurden an. Er setzte die Flasche an den Hals und stürzte alles hinunter. Der Kurde ließ sich Zeit und trank gemütlich, wenn auch ohne abzusetzen. Der fröhliche Winzer forderte daher seinen Anteil an den Wetteinsätzen, aber der Kurde ist ja nicht völlig blöde: “Ach ja? Guck doch mal in Deine Flasche!”
Durch das schnelle Trinken war auch entsprechend schnell Luft in die Flasche gelangt: Es hatte sich Schaum gebildet, der sich erst nachher wieder in Flüssigkeit zurückverwandelte – in der Flasche des fröhlichen Winzers befand sich also noch ein Rest, die Flasche des Kurden war leer, womit er gewonnen hatte.

Es wurde insgesamt nicht wenig getrunken und die Flaschen wurden zur Kühlung schon mal auf das Fensterbrett gestellt. Wie es scheint, versammelte sich vor dem Fenster eine Gruppe Ehranger Jugendlicher, die mit viel Geduld aber wenig erfolgreicher Heimlichtuerei die angetrunkenen Flaschen immer wieder ein kleines Stück weit verschoben, bis sie aus dem Sichtbereich der innen Sitzenden verschwunden waren und abgegriffen werden konnten. Es kam aber scheinbar zu keinen Zwischenfällen deshalb.
Außer getrunken wurde scheinbar auch nicht wenig geraucht, was mir natürlich wenig gefallen hätte. Aber immerhin kam es trotz Alkoholkonsums zu keinen Ausfälligkeiten, eine Party mit den Fahrern könnte also meinem Sicherheitsbedürfnis nicht entgegenstehen.

Springen wir ganz woanders hin: Irgendwas muss ich wohl richtig machen, wenn Kunden mich auf einen Kaffee einladen. In Irrhausen wohnt ein Privatkunde, etwa 40 Jahre alt, denke ich, dem ich Pflegeartikel bringe. Als er das Angebot zum ersten Mal machte, war ich leider recht spät dran – ich muss nicht unbedingt später als 17 Uhr nach Hause kommen, wenn es sich vermeiden lässt. Ich dankte ihm für das Angebot und bot an, der Einladung nachzukommen, sollte ich einmal bis spätestens 1430 Uhr bei ihm sein, was durchaus vorkommen kann. Als ich diese Zeit dann mal schaffte, hatte er bereits Besuch, und beim letzten Versuch hatte ich eine heftige Erkältung mit dickem Kopf und Gliederschmerzen und lehnte erneut ab.

So ein Tag so schön wie jener Freitag? Nie wieder. Ich bin mitten in der Nacht wach geworden, weil meine Blase sich meldete und beim Gang durch die Wohnung wurde mir klar, dass dieser Tag nicht lustig werden würde. Ich war drauf und dran, mich krankzumelden, aber wer sollte die Tour fahren? Ich erwähnte ja bereits, dass meine Tour sich mangels “Nachbarn” nicht gut verteilen lässt. Und gerade an diesem Freitag sollte die Apothekenumschau übers Band laufen… ich frühstückte also spärlich und der erste Effekt der Erkältung schien aus einer gehobenen Wahrnehmung des Zeitverlaufs zu bestehen. In der Regel setze ich mich um 0400 hin, esse ein paar Scheiben Brot und trinke etwa einen Liter Tee, dann ist es Zeit, die Zähne zu schrubben und mich ins Auto zu setzen, um gegen 0500 im Depot zu sein.

Nicht so an dem Freitag. Ich aß und trank, aber die Zeit wollte nicht vergehen. Ich hatte das Gefühl, eine halbe Ewigkeit da zu sitzen und zu warten, dass die Zeit zum Gehen käme. Früher da zu sein, hat Vorteile, aber viel zu früh da zu sein, bringt auch wieder nichts, weil man bestenfalls in der Halle rumhängen kann und es ist noch keiner da, mit dem man reden könnte.
Irgendwann kam ich aber doch in Ehrang an und die Hiobsbotschaften gingen weiter: Außer dem Büropersonal, Lambert (der mich am Abend zuvor extra angerufen hatte) und mir wusste scheinbar niemand, dass die Apothekenumschau heute laufen sollte. Die Bandaufleger kamen zur üblichen Zeit um 0530 anstatt um 0500, da kochte so manchem Fahrer gleich doppelt die Galle über, denn sie hatten schlicht verpasst, sich den Stichtag einzuprägen und die Leute vom Band verschärften die Situation zusätzlich. Beim spät rauskommen versteht so mancher keinen Spaß, aber immerhin stehen Paletten mit den Zeitschriften bereits lang zuvor in der Halle rum und auf den Paketen ist groß aufgedruckt, wann sie spätestens ausgeliefert werden müssen. Von diesem Datum geht man einen Werktag nach hinten und man weiß, wann sie übers Band laufen, in diesem Fall also Montag und Freitag. Der fröhliche Winzer war also erst einmal gereizt und es dauerte zwei Stunden, bis er seine übliche Laune wiedergefunden hatte – und das war wichtig, weil ein bisschen lachen gerade an dem Tag ganz gut tat.

Nächste böse Sache: Ich war nicht der einzige, den es erwischt hatte: Puck starrte wie ein Zombie vor sich hin, Konrad fühlte sich “platt wie’n Groschen”, Engel sagte, er sei grad froh, dass er stehen könne, Mike bewegte sich ebenso in Schlangenlinien vorwärts, wie ich das tat, Antonius vom Lager hatte sich beim Heben eine Verspannung im Rücken zugezogen und bewegte sich steif wie ein Roboter. Aber alle waren gekommen, immerhin. War das gut? Vielleicht. In dem Zustand, in dem ich mich befand, muss ich Autofahren als grob fahrlässig bezeichnen. Fahren mit irgendwas unter einem Promille muss sich ähnlich anfühlen.
Alkohol hätte aber möglichwerweise die Gliederschmerzen betäubt… bei jedem Aussteigen zog es im Kniegelenk, wenn ich im Stehen hustete, hatte ich das Gefühl, ich hätte mir die Hüfte verrenkt. Aber: Konzentration! Auch der übelste Tag geht einmal vorbei, und er ging vorbei. Ich legte mich früh ins Bett und fühlte mich am Tag darauf schon bedeutend besser, nur ein etwas flaues Gefühl im Magen blieb zurück.

Nun hätte ich gern noch mehr geschlafen, aber nach dem 85. Geburtstag meiner Oma musste ich endlich mal wieder in die Heimat reisen, um meine Aufwartung zu machen, wie man heutzutage ja nicht mehr sagt. Ich war ja schein seit November nicht mehr zu Besuch gewesen und hatte erstmals mit der “traditionellen” Rundreise zu Weihnachten gebrochen. Es ging aber besser, als ich dachte, und am Sonntag war ich fast wiederhergestellt und am Montag wieder fit – pünktlich zur bislang kältesten Woche des aktuellen Winters.

Hei, was ein Spaß! Die Hauptstraßen waren weitgehend frei, weitgehend, aber die Nebenstraßen in den windigen Dörfern im Bereich Zemmer-Orenhofen-Speicher und natürlich weiter nördlich in der Eifel waren dick vereist. Einem Kunden musste ich seine beiden 30-Liter Lackfässer über 100 m zu Fuß an die Tür bringen, weil ich die Steigung mit dem Lieferwagen nicht hochkam. Ich ging stattdessen über die Wiese neben dem Bürgersteig, weil dort kein Eis, sondern eben nur Schnee lag. Ansonsten machten die Straßenverhältnisse keine Probleme, obwohl sie für spannende Momente sorgten. An einer Stelle rutschte ich auf der Landstraße aus der Kurve in den Graben und dachte mir schon in dem Moment, dass ich da nie und nimmer wieder rauskäme. Stattdessen schubste mich wohl eine Art Jojoeffekt wieder zurück. Ich hielt an der nächsten Einbuchtung an und besah mir die betroffene Seite: Keine Schäden. Nur wieder einmal Erde und Gras am Unterboden.

Immerhin blieb die kalte Woche trocken, was eine neue Eisbildung verhinderte, und bei sonnigem Wetter ist das Leben angenehmer, außerdem lief im Depot die Heizung, sodass wir immerhin auf über 10° C kamen. Ob das an mir liegt? Wohl nicht… aber ein paar Tage zuvor war es schon einmal sehr kalt gewesen und man konnte im Depot den eigenen Atem sehen. Als ich dann mit kalten Fingern und unterkühltem Gesicht zur Ablaufkontrolle ging, um meine Papiere zu holen, fragte ich den Chef dort, wie kalt es eigentlich werden müsse, damit die Statuten der DG Trier es erlaubten, dass die Heizung eingeschaltet werde. Das müsse er sich noch überlegen, sagte er. In Anlehnung an den englischen König Edward I. in Braveheart machten wir schon Witze: “Die Halle zu heizen kostet Geld – kranke Fahrer von Subunternehmen kosten gar nichts.”

Die Fahrzeuge sind jedoch außen ziemlich schmutzig; der Schlamm am Straßenrand ist zwar gefroren, aber Streusalz setzt sich trotzdem an der Karosserie fest. Aus dem Plan, das schädliche Salz abzuwaschen, wurde jedoch nichts, weil die Waschanlage wegen der niedrigen Temperaturen außer Betrieb ist!
Peter hat mich im Januar zum Kontrolleur des Reinigungszustands der Fahrzeuge berufen: Im Winter eine undankbare Aufgabe, denn zum einen fliegt einem das Streusalz nur so um die Ohren, und zum anderen werden die Fahrzeuge bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt bei Schmuddelwetter von Montag auf Dienstag wieder schmutzig. Ich kontrolliere daher aktuell nur das Innere der Fahrzeuge, ob also mal ausgekehrt und abgestaubt wurde und ob irgendwelcher Müll drin liegt. Darüber hinaus kontrolliere ich auch die Führerscheine, weil es wohl schon vorgekommen ist, dass Fahrer am Wochenende ihren Führerschein verloren und nichts davon sagten: Sollten sie ohne gültige Fahrerlaubnis erwischt werden, droht nach den mir vorliegenden Informationen ein Bußgeld von 1000 Euro, und zwar für den Fahrer UND für die Person, die für die Kontrolle zuständig ist. Der Unwille ist groß, denn schließlich wird niemand gern kontrolliert, und letztendlich schwingt bei sowas auch immer eine Unterstellung, ein Generalverdacht, mit.

Gelesen: Der Graf von Monte Christo

Filed under: Bücher,Manga/Anime — 42317 @ 17:45

Die Notizen sammeln sich… schneller, als ich ausformulieren kann (davon, dass ich bei jeder sich prinzipiell bietenden Gelegenheit nicht auch die notwendige Motivation dazu aufbringe, ganz zu schweigen). Ich muss ja zugeben, dass gewisse Möglichkeiten der Kurzweil mich manchmal eine ganze Weile aufhalten… Civilization zum Beispiel, nach dem Kauf eines neuen Flachbildschirms wieder verstärkt CounterStrike, oder in letzter Zeit auch Railroad Tycoon. Abgesehen davon habe ich mir die Zeit genommen, “Der Graf von Monte Christo” von Dumas zu lesen. Nachdem ich vor ein paar wenigen Jahren die SciFi-Animeversion gesehen hatte, dachte ich mir, ich könnte die Vorlage mal lesen, und in Abwesenheit ausreichender Französischkenntnisse musste das halt die deutsche Ausgabe sein. An dieser Stelle also ausnahmsweise kein “Roadmovie”, sondern ein bisschen Literaturrezension.

Vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse im Frankreich des Jahres 1814 wird ein junger Mann mit dem Namen Edmont Dantes am Vorabend seiner Hochzeit als Folge von Neid, Missgunst und Egoismus auf einer Gefängnisinsel unweit von Marseille eingekerkert, ohne zu verstehen, was man ihm vorwirft und ohne je einen Richter gesehen zu haben.
Er verbringt 14 Jahre in Einzelhaft, gelangt aber durch heimliche Kommunikation mit einem Mitgefangenen an das Wissen über das riesige Vermögen einer mittlerweile ausgestorbenen Familie, das ein Opfer Cesare Borgias in Vorahnung seines baldigen Todes auf der italienischen Insel Montecristo versteckt hatte.
Nach dem Tod des Zellennachbarn gelingt ihm die Flucht, er eignet sich den Reichtum an und verbringt neun Jahre mit der Vorbereitung seiner Rache an den Leuten, die ihn ins Gefängnis gebracht haben, indem er alle auffindbaren Informationen über soziale Netzwerke, Geschäftsbeziehungen und auch alte Sünden, die sprichwörtlichen Leichen im Keller, einzieht, er lernt mehrere Sprachen bis zur Vollendung und baut selbst ein Netzwerk aus Geschäftspartnern, Freunden und Helfershelfern auf, das den gesamten Mittelmeerraum zu umspannen scheint. Er kommt als Graf von Monte Christo zurück (legt sich aber noch andere Tarnidentitäten zu) und vernichtet seine Widersacher, die mittlerweile zu Macht und Wohlstand gelangt sind.

Wenn man sich einmal an den antiquierten Sprachstil gewöhnt hat, liest sich die Geschichte sehr gut und auch schnell, obwohl ich sagen muss, dass die verwendeten Bauelemente manchmal ein bisschen simpel gehalten scheinen.

Schön ist zum Beispiel, wie aus dem Gefangenen Edmont der Graf wird:
Er wird eingekerkert und wird von einem nicht unfreundlichen Wärter bewacht, der ihn mit Namen anspricht. Nach einer Weile wechselt der Gouverneur der Insel und der Wärter geht mit. Der nachfolgende Wärter macht sich nicht die Mühe, sich die Namen der Gefangenen zu merken und ruft sie nach ihrer Zellennummer. Dantes, nun “Nummer 34″, verliert also seine Identität, was man ja scheinbar braucht, um sich eine neue anzueignen.
Durch seinen Zellennachbarn gelangt Nummer 34 also im Laufe der Jahre zu einer höheren Bildung, die es ihm später ermöglicht, sich realistisch als Aristokrat oder zumindest als Mitglied der gehobenen gesellschaftlichen Schicht auszugeben, denn Kleider machen zwar Leute, aber wenn einer, der sich “Graf” nennt, weiterhin den Sprachstil eines Marseiller Seemanns verwendet, dann fällt das auf. Nun ja, zumindest realistisch betrachtet, denn es fällt in dieser Geschichte nicht wirklich auf, weil die einfachen Leute, die den jungen Seemann Dantes umgeben, nicht anders reden als die Aristokraten, die zu Wort kommen. So gern Dumas historische Figuren in seine Geschichten einband, so wenig wollte er sich wohl gleichzeitig mit dem Studium realistischer Soziolekte belasten. Das kann man ihm nicht nachtragen, denn er wollte ja wohl unterhalten und keinen Beitrag zur linguistischen Forschung seiner Zeit leisten.
Angesichts seines nahenden Todes weiht ihn der Mitgefangene schließlich in das Geheimnis des Schatzes ein, von dessen Existenz er überzeugt ist, was ihm jedoch niemand glaubt. Das Geldversteck befindet sich auf der Insel Montecristo und so fällt die Wahl des identitätslosen Gefangenen für seine neue Identität auf diese Bezeichnung.

Auffällig ist ebenfalls, wie das Vorleben der zu bestrafenden Personen die sie treffende Strafe beeinflusst: Hat sich die Person des Todes eines Menschen schuldig gemacht, so muss er oder sie sterben. Diejenigen, die sich nur moralischer oder nicht-tödlicher Verbrechen schuldig gemacht haben, dürfen leben. Leider schien es Dumas zum Ende seiner Erzählung hin eilig gehabt zu haben, weil das endgültige Schicksal zweier Charaktere, Benedetto, der jemanden getötet hat, und Danglars, der sich nur bereichert hat, unausgesprochen bleibt, wobei ersterer sich in seiner letzten Szene im Gerichtssaal befindet, wo er den Mord (oder einen davon) zugibt, und letzterer befindet sich in der Hand italienischer Banditen. Das Ende läuft irgendwie zackzackzack und lässt meines Erachtens die Ausarbeitung vermissen.
Übrigens verhindert nur die Rückbesinnung auf Edmont Dantes, dass der Graf selbst jemanden tötet, womit er ja selbst in das hier präsentierte Muster der Wechselwirkung von Verbrechen und Strafe gefallen wäre. Zwar tötet auch ein anderer, positiver Charakter eine Person, dies aber in einem fairen Duell frei von niederen Beweggründen, und Rache, der Antrieb des Grafen, ist ein niederer Beweggrund, der somit sein Ableben im Augenblick des Triumphs aus literarischer Sicht hätte notwendig machen können. (Der Duellist findet sich aber anderweitig vom Schicksal gestraft.)

Die Japaner haben sich in ihrem Anime übrigens in keiner Weise für diese Wechselwirkung interessiert: Da kommt es zu einem (oder dem) Duell und einer muss dran glauben – womit ein bedeutendes Standbein der in der Romanvorlage dargelegten Moralvorstellung von Verbrechen und Strafe missachtet wurde. Entweder sie haben es nicht erkannt oder sich gedacht, scheiß drauf, wenn einer stirbt, fesselt das den Zuschauer mehr, als wenn es knapp verhindert wird. Sie begründen die allgemeine Handlungsweise des Grafen aber auch anders, weil er im Anime nicht einfach nur sprichwörtlich von Rachsucht, sondern de facto von einer Art Dämon besessen ist. Diese Einflussnahme durch eine dritte Entität entschuldigt dann scheinbar die Abweichung.

Ganz lupenrein bleibt der Graf aber dennoch nicht, es gibt zwei Punkte, von denen ich annehme, dass der Autor sich nichts dabei gedacht hat.
Zum einen gibt es einen Stelle, an der Albert von seiner Mutter gewarnt wird, sich vor dem Grafen in Acht zu nehmen, aber er, der vom Grafen kurz zuvor aus den Händen italienischer Banditen gerettet wurde, antwortet nur, dass der Graf weder spiele noch Alkohol trinke, wo solle also die Gefahr sein? Nun ja, abgesehen von literarischen Erwägungen wird von dem Grafen eindeutig gesagt, dass er Haschisch in Geleeform zu sich nimmt, und dass er sich aus kantonesischem Opium und irakischem Haschisch Pillen fertigt, mit deren Hilfe er eine Wirkung erzielt, für die man heutzutage wohl RedBull verwendet. Dieser Drogenkonsum wird in keiner Weise negativ dargestellt. Interessant dabei ist, dass ebenfalls an mehreren Stellen ausgesagt wird, dass der Graf kaum Nahrung zu sich nehme; er lädt zu opulenten Mählern ein, rührt aber selbst kaum etwas an – dabei dachte ich, dass der Wirkstoff im Haschisch den Appetit anrege? Vielleicht ist diese Erkenntnis jünger als das Buch und Dumas hat es nicht gewusst.

Aber wie dem auch sei, der zweite Punkt, der mir bei den vernachlässigten und ungesühnten Machenschaften Monte Christos auffällt, ist die Art und Weise, wie er den Bankier Danglars angreift: Der Graf manipuliert die Börse und die Unternehmen, von denen Danglars abhängg ist; an mehreren Stellen findet sich die Aussage, dass es in dem Umfeld zu Bankrotten gekommen sei, in deren Verlauf Danglars Millionen an Investitionen verliert. Sollte da nicht jedem auffallen und aufgefallen sein, dass hierbei Unschuldige, billigend in Kauf genommen, ins zumindest wirtschaftliche Unglück gestürzt werden, um jemand ganz anderen zu treffen? Dantes’ Gönner Morrel stand kurz davor, sich angesichts seiner Zahlungsunfähigkeit eine Kugel durch den Kopf zu schieben, man müsste wohl davon ausgehen, dass es in den vom Grafen ruinierten Unternehmen zu solchen Fällen gekommen ist – Familienschicksale also, deren Verlauf selbst als Vorlage für Rachegeschichten dienen könnte. Stattdessen bieten diese Ereignisse nur den Hintergrund, anhand dessen sich der unkritische Leser schadenfreudig am Niedergang des habgierigen Danglars erfreut.

Was mich wohl am meisten stört, ist die unangefochtene Über- und Allmacht des Grafen. Sein Reichtum gibt ihm Möglichkeiten der Einflussnahme, wie man sie in Computerspielen nur im Cheatmodus erreicht, seine Pläne sind perfekt, das eine Ereignis, das er weder vorhergesehen noch gewollt hat, hat keinerlei Auswirkungen auf den Gesamtverlauf und bleibt in der Kategorie “Kollateralschaden”, und an keiner Stelle ist der von ihm erdachte Ablauf der Ereignisse in irgendeiner Weise von einem Scheitern bedroht. In dieser Hinsicht fehlt dem Ganzen ein bisschen die Spannung, ob unser Held es nun schaffen wird oder nicht (obwohl jeder, der sich nur ein bisschen mit dem Geschichtenerzählen auskennt, weiß, dass der Held es immer schafft und sich nur die Frage des konkreten “Wie” stellt), aber ich wage zu behaupten, dass jede Geschichte durch einen handlungsfähigen Gegenspieler an Reiz gewinnt. Im Buch von Dumas sind alle handelnden Personen nur passive Figuren auf dem Schachbrett des Grafen von Monte Christo.

7. Januar 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 6)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 22:08

Ich habe in den vergangenen Wochen wenig Disziplin walten lassen, was das Schreiben neuer Einträge betrifft, aber ich muss auch dazusagen, dass mich das Weihnachtsgeschäft schon auf Trab hielt. Im Vergleich zu den Sommermonaten war die Auslastung um 50 Prozent gestiegen und so manche Fahrt endete erst nach Anbruch der Dunkelheit, glücklicherweise nicht allzu viele. Auch die Expresse wurden zeitgerecht zugestellt.
Eine Sache erfüllte sich allerdings nicht: Das Frachtaufkommen steigerte sich nicht kontinuierlich zum Wochenende des 24. Dezember hin. Am 21. Dezember war noch einmal ordentlich was drin, aber am 22. fiel die Paketzahl jäh ab, sank am 23. noch weiter, und enttäuschte mich am Heiligabend vollends, wo ich doch damit gerechnet hatte, noch eine Menge Last-Minute-Geschenke fahren zu dürfen.

Stattdessen: Fünf Kunden mit elf Paketen, keiner weiter als Bitburg und Wittlich. Da Melanie frei hatte, begleitete sie mich während der Fahrt, ich fuhr um kurz nach halb Sieben aus dem Depot und um zehn nach Neun waren wir fertig. Ich fühlte mich geradezu enttäuscht. Um Zeit zu schinden, fuhr ich über weite Strecken nur 80 km/h. Dennoch stand ich um 0700 an der Tür der Bärenapotheke in Kordel, die erst um 0830 öffnet.
Rücksprache mit Mike: “Guck mal, ob ein Nachbar schon wach ist.”
Viel besser: Die Bäckerei hatte natürlich schon auf. “Ja, lassen Sie das nur hier, die von der Apotheke kommen nachher eh bei uns rein.”
Kaum zwanzig Minuten später die nächste Apotheke, in Orenhofen. Aber der Apotheker wohnt im gleichen Haus und ist außerdem Frühaufsteher: “Manchmal kann ich um Vier schon nicht mehr schlafen, dann steh ich halt auf und seh den Frühdiensten bei der Arbeit zu.”
Apropos: In einer Auslage der Apotheke liegen schokoladig braune, glänzende, sonnenförmige Stücke herum, die man nach dem Lesen der Wareninformation als Seife erkennen kann.
“Ihre Seife sieht ja aus wie Schokolade! Besteht da nicht die Gefahr, dass mal einer spontan hineinbeißt?”
“Ja klar, das ist unsere neueste Masche. Dann können wir nämlich gleich im Anschluss auch unsere Magenmedizin verkaufen.”

Um 0755 in der Bitburger Fußgängerzone, wo der Kaffeeladen eigentlich erst um 0830 öffnet, aber Mike hatte mir versprochen, dass die dortige Angestellte immer schon um Acht da sei. Um kurz nach Acht kommt tatsächlich eine Dame, die den Laden aufsperrt und ich werde die Pakete los. Dann weiter nach Wittlich, ein Laden der gleichen Kette, und schließlich zurück nach Haus, 0910 auf dem heimischen Parkplatz. Dabei hatte ich mich doch ein bisschen auf Weihnachtsdrama gefreut.

Einen neuen Fahrer haben wir unter uns, nennen wir ihn Charley, weil er Vietnamese ist (Anfang Dreißig und seit 20 Jahren in Deutschland) und ich einen schlechten Scherz machen will. Etwa 1,50 m groß, drahtig, netter Kerl, aber auch etwas neben der Spur. Seine Fähigkeit, zu verschlafen, stellt die des Kurden in den Schatten (von dem ich ehrenhalber erwähnen muss, dass er sich wirklich gemacht hat in dieser Hinsicht, seit er Gefahrgut und Frühdienste fährt). Abgesehen davon, dass er spät reinkommt und dem entsprechend spät mit der Tour beginnt, muss er sich vom fröhlichen Winzer noch Witze darüber anhören, dass er sich ja in den einen oder anderen Karton zum Schlafen legen könne.
Oder Konrad fragte ihn letztlich: “He Charley, hast Du schon mal Reis mit Mayo gegessen?”
Das ist so einer der Momente, in denen ich mich fragen muss, ob Konrad das auf eine kindlich-naive Art ernst meint, oder ob es sich dabei um seine Form von Humor handelt, denn er stellt öfter mal Fragen, von denen ich mich fragen muss, ob er das denn nun ernst meint oder ob er subtil Witze macht. Vielleicht fasse ich gerade die “Reis mit Mayo” Sache aber nur deshalb so auf, weil eine Weile die Reiswitze häufig waren. Ich kann mich leider an keinen der Sprüche erinnern, denn wirklich witzig waren sie nicht und auch in ihrer Bissigkeit waren sie wenig überzeugend.

Eine Art Witz bleibt jedenfalls bestehen: “Wenn Du ein Paket nicht findest und es ist nicht bei den Irrläufern am Ende vom Band, siehst Du am besten als nächstes bei Charley unterm Band nach.” (Das ist hartnäckiger als “Wenn Deine Sackkarre auf einmal verschwunden ist, dann suchst Du sie am besten als erstes bei Felix.”)
Ich weiß nicht warum, aber er hat die Gewohnheit, sporadisch Pakete, die für Fahrer weiter oben am Band bestimmt sind (er ist der dritte von unten), runterzunehmen und bei sich unterm Band zu lagern. Ich bin ziemlich sicher, dass er dabei den Gedanken hat, das Paket in einer ruhigen Minute der richtigen Person zu übergeben, aber seine Aufmerksamkeitsspanne ist auch nicht besonders hoch, und ich allein habe bereits zweimal Pakete, die ich beim Vorüberrollen verpasst habe, bei ihm gefunden.
Außer mit fremden Paketen hat er leider auch ein Problem mit Sauberkeit im Wagen. Kurz nach seinem Arbeitsbeginn übernahm ich den Wagen mit der Nummer 560 von ihm, und es handelt sich um den Sprinter, den ich ganz zu Beginn gefahren war. Ganz so schmutzig wie damals war das Gefährt zwar nicht, aber ich habe mich nicht wenig aufregen müssen: Der Idiot hatte wohl Limonade verspritzt oder sonst etwas in der Art verbrochen, weil es in der Ablage über dem Lenkrad klebte und an allen Plastikteilen in der Nähe des Fahrersitzes waren Ablaufspuren zu sehen, von der zuckrig festgetrockneten Lache auf dem Boden ganz zu schweigen. Auch dieser Sprinter brauchte dringend eine Innenreinigung, bevor ich es überhaupt wagen konnte, die Papiere an ihrem gewohnten Platz unterzubringen, ohne sie dabei in Reste von Sirup zu tauchen.
Leider hat Charley dieser Tage auch ein paar Probleme innerhalb der Firma, weil ihm möglicherweise Ware im Wert von 2000 E abhanden gekommen ist. Er überlegt deshalb, ob er überhaupt noch weiter hier arbeiten soll… ich hoffe mal, dass er noch eine Weile bleibt, weil er mir einen vietnamesischen Tarnanzug besorgen soll – die sehen nämlich cool aus: Schwarze Grundfarbe, darauf ein gelb-braunes Blätter- und Tigerstreifenmuster. Hab ich vor Jahren mal in einer Beilage der ZEIT gesehen. Leider konnte mir dort niemand mehr weiterhelfen, weil die Beteiligten scheinbar nicht mehr da arbeiten und die aktuelle Belegschaft keine Ahnung hat, was sie mit dem alten Material anfangen könnte.

Wo ich schon den Konrad erwähnte: Der ist ja Vater geworden, als ich gerade drei Tage im Betrieb war, und letztlich klappte er in einer kurzen Pause den Geldbeutel auf, zeigte mir ein Bild von dem Kind und sagte: “Guck mal, das ist mein Mäuselchen.” Dabei betont er die erste Silbe immer besonders.
Ich besah mir das Bild kurz (für mich sehen alle Babys gleich aus) und sagte zu ihm: “Hübsch. Aber Dir ist ja wohl klar, dass Du demnächst sterben musst?”
Er sah mich entgeistert an. “Wieso das denn?”
“Na, Du weißt doch, wie das in den Filmen läuft: Wenn da einer seine Familienbilder rumzeigt, ist das der nächste, der erschossen wird.”
Ich glaube, er hält mich für nicht weniger bekloppt, als ich ihn. Man müsste ihn mal beim Tanzen mit dem fröhlichen Winzer filmen… oder wenn der Winzer gut drauf ist, springt er bei Konrad in die Ladefläche, wenn der gerade rückwärts auf seinen Stellplatz rollt, und hüpft darin herum, dass das ganze Auto schaukelt. Konrad dreht dann die Anlage laut auf und der Sprinter schaukelt im Takt mit. Auch in diesen Momenten mag man daran zweifeln, es mit erwachsenen Leuten zu tun zu haben, aber ich fühle mich gut unterhalten.

Gehen wir mit dem Scheinwerferlicht unserer Aufmerksamkeit noch einen Platz weiter zu Felix. Der Typ schafft es, sich über seine Tour zu beschweren, unabhängig davon, wie wenig Ladung er fahren muss. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er der Meinung ist, dass Kunden, die in ihm ungenehmen Orten wohnen und trotzdem Expresse bestellen, dies nur deshalb tun, um ihm eins auszuwischen. Letztlich hatte er einen Zwölfer in Trarbach, da ging der ab wie’n Schnitzel – oder “wie Wasserfarbe”, wie Mike sagte.
“Zwölf Uhr in Trarbach! Das könnt Ihr vergessen! Verdammte Scheiße! Ihr könnt mich mal!”
Wen er mit “ihr” meinte, weiß ich nicht, er drückte sich halt im Plural aus.

Da in der Nachweihnachtswoche wenig los war, wurden Touren teilweise zusammengelegt und es kam zu Zwangsaurlaub. Davon war auch Felix betroffen und der fröhliche Winzer fuhr die notwendigen Teile der Moseltour. Der berichtete, dass sich Kunden durchaus über Felix lustig machten, weil er sich ständig negativ äußere (“Der ist schon ein Heuler, oder?”), und dass andere sich über ihn beschwerten. Ein herausragender Fall ergab sich, als Felix im Gegenzug Teile der Tour unseres Winzers fuhr. An einem der ersten Stopps sollte er eine Abholung tätigen und es handelte sich um Aufsteller zur Warenpräsentation, die nach dem Ende des Weihnachtsgeschäfts wieder zurückgegeben wurden. Diese Aufsteller haben eine Grundfläche von etwa 40 x 40 Zentimetern und eine Höhe von vielleicht 1,70 Metern. Ich mache auch nicht gern Abholungen auf den ersten paar Stopps, weil einem das Zeug die ganze Fahrt über im Weg rum steht; aber Auftrag ist schließlich Auftrag.
Felix dagegen kam in den Laden, besah sich die beiden Aufsteller und sagte zu der Angestellten so etwas wie: “Die sind mir ein bisschen zu groß, wäre es möglich, dass mein Kollege die morgen mitnimmt? Mir stehen sie sonst den ganzen Tag im Weg rum.”
Die Angestellte kam damit klar und Felix setzte einen Termin für den Folgetag. Ihr Chef allerdings hatte von der Dringlichkeit der Abholung eine ganz andere Vorstellung und beschwerte sich bei Transoflex. Das blieb nicht geheim: Am Folgetag sah sich Felix also einer nicht enden wollenden Welle von “das ist mir zu groß” Witzen ausgesetzt, aber als er auch noch nicht einsehen wollte, dass er einen Fehler gemacht hatte, bekam er einen verbalen Einlauf von Mike (den ich fünf Sätze im Voraus kommen hörte, worauf ich den Disporaum vorsorglich verließ). Es ist ja auch nicht Mikes Art, laut zu werden, er wird nur “deutlich”, um es mal so zu nennen. In dem Disporaum schnarchte nämlich der Falli, die Kapuze ins Gesicht gezogen, in einer Ecke im Stuhl leise vor sich hin und bekam von alledem nichts mit. Felix war daraufhin eingeschnappt und sagte zu mir, er werde den ganzen Tag nichts mit dem Winzer reden (als ob die Situation dessen Schuld sei!).

Der Winzer ist ja selbst nicht ohne… meist geht es dabei um Schweich oder Niersbach, letzteres befindet sich an der Grenze dreier Zustellungsgebiete: Es liegt natürlich am Rand des Gebiets des Winzers, und gegenüber treffen sich Berts Gebiet und meines bei Binsfeld. Schweich nehme ich hin und wieder mit, weil der fröhliche Winzer so früh morgens dort ist, dass die Frisöre noch nicht geöffnet haben, also nehme ich die Pakete schon mal mit und stelle sie im Vorbeifahren auf dem Rückweg zu.
Niersbach dagegen wird schon mal Bert zugeschoben und letztlich entstand der Deal: “Du nimmst für mich Niersbach mit und ich für Dich Landscheid.”
Gesagt, getan, es war ein Freitag. Und am Montag landete das Paket nach Landscheid doch wieder bei Lambert, weil der Winzer spontane Änderungen an seiner Tour vorgenommen hatte und nicht in Landscheid gewesen war. Ganz klar, dass Bert in der Folgezeit wenig Motivation verspürte, dem Winzer noch einmal einen solchen Gefallen zu tun.
Er tat es dennoch, wieder an einem Freitag. “Wenn Du diesmal das Paket nicht zustellst, kriegst Du’s von mir!” sagte er dabei und der Winzer versprach, das Paket zuzustellen. Es kam allerdings, wie’s kommen musste, zumindest nach Murphy’s Gesetz: Der Winzer fuhr zwar tatsächlich zu der Adresse, aber der Zahnarzt hatte an jenem Tag geschlossen. Die Nachbarn wollten die Ware nicht annehmen, weil Ärztebedarf mitunter empfindlich ist und sie nicht für Schäden oder verdorbene Ware verantwortlich sein wollten. Er rief mich auch gleich an: “Haha! Der Bert wird am Montag ausflippen! Der wird mir kein Wort glauben, wenn ich ihm erzähle, dass ich das Zeug nicht losgeworden bin und er jetzt doch selber nach Landscheid fahren muss!”

Reden wir doch mal wieder ein bisschen von Kunden, ich will ja pro Eintrag die Grenze von 2000 Worten nicht zu deutlich überschreiten:
Eine Pizzeria, betrieben von einem echten Italiener, ein verschmitzt aussehender Typ mit Halbglatze und deutlichem Hang zum Reden mit Armen und Beinen. Der nun hatte einen Garantiefall mit seiner Espressomaschine, die neue war schon da und ich sollte die alte mitnehmen, um sie nach Italien zurückzuschicken. Und das war nicht so ein Senseozwerg, nein, dabei handelte es sich um einen Klotz für Profis von etwa einem Zentner Gewicht, den wir zu zweit ins Auto hievten. Der Gastwirt schwatzte dabei munter und drückte mir zum Abschied die Hand, und ob er das aus freundlicher Gewohnheit oder aus anderen Motiven machte, kann ich nicht recht beurteilen, denn sein Händedruck ist gruselig: Der Mann hatte nämlich scheinbar bei irgendeiner Gelegenheit, ich habe nicht nachgefragt, die vordere Hälfte aller Finger seiner rechten Hand verloren (mit Ausnahme des Daumens). Irgendwie wurde mir dabei heiß und kalt gleichzeitig.

27. November 2011

Gaytal-Kamikaze (Teil 5)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 18:58

Seit wenigen Wochen steht im Pausenraum der Fahrer ein Getränkeautomat der Firma Dallmayr. Den Kaffee kann ich nicht beurteilen, weil ich besser keinen trinke, wenn ich noch fahren muss, aber der Kakao ist verdammt gut. Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe weiterer Kaffee- und Milchvariationen, zuzüglich der Fleischbrühe, die in scheinbar keinem dieser Automaten fehlen darf. Aber um den Automaten soll es nur indirekt gehen.
Wie haben einen Bandaufleger, der normalerweise “Cooler” gerufen wird, weil er so ähnlich heißt. Er ignoriert in der Regel gewisse Sicherheitsvorschriften, weil ihm die Sicherheitsschuhe zu unbequem sind, rasselte deswegen bereits mit seinem Vorarbeiter zusammen (ohne dass eine Besserung eintrat), und wenn ich mich recht erinnere, ist er aus ethnischer Sicht Kasache. Er ist allerdings völlig integriert und zeigt keine sprachlichen Besonderheiten, die ihn aus der Trierer Masse abheben würden, dass er sich also als einen solchen bezeichnet, ist meines Erachtens ebenso hirnrissig wie paradox, weil diese Art von Leuten unter normalen Umständen ihren Status als Minderheit stolz betonen, aber bei entsprechendem rhetorischen Bedarf die Ausländerfeindlichkeit anprangern, die ihnen entgegen gebracht wird, und sobald sie sich benachteiligt fühlen, sich wiederum als Teil des Ganzen darstellen. Aber das nur am Rande.
“Du bist’n Kasache?” fragte ihn der Kurde also, “Was ist denn das Schlimmste, was man zu einem Kasachen sagen kann?”
“Äh, >Du Ukrainer<."
Das ist natürlich nicht die Art von Information, die man dem Kurden zur Hand gibt. Wenige Minuten später also:
“Ey, Du Scheiß-Ukrainer, arbeite gefälligst ordentlicher!” oder “Schwing Deinen hässlichen ukrainischen Arsch ans Band!” und lauter solche Sachen. Immerhin nimmt “der Ukrainer” das mit Humor und der Kurde amüsierte sich prächtig.
Da würde mich natürlich interessieren, wie der nun so Angesprochene “Ukrainer” definiert – sind das die Leute, die in der Ukraine leben? Meint er nur die “echten Ukrainer” ausschließlich der ethnischen Russen, die immerhin etwa 17 % der Bevölkerung der Ukraine ausmachen, und der anderen Ethnien, die ebenfalls dort leben?
Das psychologische Profil des “Ukrainers”, der garantiert noch unters Jugendstrafrecht fällt, wurde aber durch einen anderen Dialog interessant beleuchtet, und jetzt komme ich darauf zurück, was das alles mit dem Dallmayrautomaten zu tun hat.
Hin und wieder ergibt sich eine Pause am Band, wenn zum Beispiel alle vorhandenen Paletten durchgelaufen sind und der nächste LKW noch nicht da ist, da geht der eine oder andere schon mal gern zum Automaten oder lässt sich was bringen. Bei einer solchen Gelegenheit entspann sich also folgender Dialog zwischen dem “Ukrainer” und einem anderen Aufleger, der bereits am anderen Ende der Halle unterwegs war, um sich was zu ziehen:
“Ey, Homo! Bring mir ne Vanillemilch mit!”
“Was!?”
“Bring mir ne Vanillemilch mit, Du Homo!”
“Alles klar.”
Von der eklatanten Homophobie, die sich geradezu pathologisch durch diese Gesellschaftsschicht zieht, will ich gar nicht reden – mir ging es in dem Moment um den witzigen Spannungsbogen zwischen der männlich-prahlerischen Straßensprache einerseits (“Ey, Homo!”) und dem Wunsch nach Vanillemilch andererseits: Ich war versucht, den “Homo” zu fragen, ob er ihm vielleicht noch ein paar Kekse mitbringen könne.

Andere Sache: Es war und ist mein Prinzip, nicht für Tabakkonzerne zu arbeiten, weswegen ich dem Arbeitsamt auch dargelegt hatte, dass ich keinesfalls für JTI arbeiten würde. Es lässt sich allerdings in meinem derzeitigen Betätigungsfeld nicht vermeiden, dass hin und wieder Rauchwaren und Zubehör zur Ladung gehören.
Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich einen entsprechenden Kunden, der eingangs die Verklebung der Kartons mit der Begründung, dass es bereits vorgekommen sei, dass Teile des Inhalts gestohlen worden waren, kontrollierte. Ich erklärte, dass ich keinerlei Interesse hätte, mich an sowas zu vergreifen, und dass ich nicht traurig wäre, wenn der komplette Tabak dieser Welt sich in Luft auflöse. Uh, da war der Kunde verstimmt. Ach, ob ich denn willens sei, die Zusatzbelastung von 5000 E Steuern pro Kopf und Jahr zu tragen? Sein Tonfall verriet mir, dass die Sache nur emotional ausarten würde, wenn ich darauf antwortete, also behielt ich den Gedanken für mich und verabschiedete mich mit einer reichlich unverbindlichen Antwort.
Denn der Punkt ist dieser: Woher hat der Mann diese Zahl her? 5000 E pro Jahr und Steuerzahler? Oder pro Einwohner? Allein aus der Tabaksteuer und mit dem Rauchen verbundenen Abgaben?

In Deutschland leben ca. 65 Millionen Menschen, die älter sind als 20 Jahre. Diejenigen, die jünger sind, rechne ich mal nicht mit, obwohl auch ein Zehnjähriger indirekte Steuern zahlt, wenn er sich ein Päckchen Kaugummi kauft. 65 Millionen mal 5000 E macht demnach 325 Milliarden Euro – die durch Steuern und Abgaben im Zuge des allgemeinen Tabakkonsums angeblich in die Staatskasse gelangt. Allein in Deutschland. Jedes Jahr. Hallo!? Der gesamte Bundeshaushalt (ohne Neuverschuldung) beträgt nur 280 Mrd Euro!!
Laut Statistik raucht in Deutschland etwa ein Viertel der Erwachsenen, sagen wir also etwas mehr als 16 Millionen Menschen. Und die sollen jedes Jahr etwa 400 Milliarden Euro für Zigaretten etc. ausgeben (über 80 % des Verkaufspreises sind Steuern)? 25000 Euro pro Person und Jahr? Jedes Jahr einen Mittelklassewagen durch die Lungen gezogen?

Das ist doch völlig lächerlich! Wenn ich mich nicht irre, betragen die Einnahmen aus der Tabaksteuer in der BRD “nur” 15 Milliarden… was bedeuten würde, dass ein kompletter Wegfall der Tabaksteuer jeden der etwa 65 Millionen erwachsenen Bundesbürger mit etwas mehr als 230 E und Jahr belasten würde (“Uuuui!”) – und von diesen Kröten müsste man noch die Einsparungen im Gesundheitswesen sowie die Steuermehreinnahmen durch die Senkung von Frühinvalidität, Arbeitsunfähigkeit und Übersterblichkeit abziehen. Ich denke, von den 230 E bliebe nicht mehr viel übrig.

Ich glaube, dass eine Summe von 5000 E sich bestenfalls dann rechtfertigen ließe, ginge man davon aus, dass alle Menschen, die irgendwie mit der Tabakindustrie in Deutschland Geld verdienen (von den Vorständen der Konzerne über den Holzfäller der Papierindustrie bis zum Saatgutverkäufer, der beim Bauern nicht mehr so viel los wird, weil die Bäcker weniger Frühstücksbrötchen an die Angestellten der Konzerne verkaufen können, ganz zu schweigen von den Krebsärzten, den Reha-Spezialisten, dem Pflegepersonal, den Herstellern für Spezialnahrung und natürlich die von der Rezession betroffenen Bestattungsunternehmer!), auf einen Schlag auf der Straße stünden und bis an ihr Lebensende erwerbslos wären. Die Summe klingt jedenfalls nach einer Statistik “gezeichnet: Dr. Marlboro“.

Ach, wo ich schon von unliebsamen Kunden und Doktoren rede: Ich habe da ebenfalls vor noch nicht langer Zeit einen promovierten Apotheker kennen gelernt, der glücklicherweise nur ganz selten in seiner Apotheke weilt. Viele Apotheken haben mittwochs am Nachmittag geschlossen, und seine gehört dazu. Durch Unstetigkeiten in der Lieferkette kommt es nun vor, dass wir Waren zur Auslieferung auch mittwochs erhalten und seine Apotheke liegt am Beginn der letzten Etappe meiner täglichen Tour, das heißt, ich komme da nicht vor 13 Uhr hin.
Da ich die Apotheke verschlossen vorfand, klingelte ich an seiner Haustür gleich nebenan, aber niemand öffnete; Nachbarn waren zwar zuhause, sagten aber, der Herr Apotheker wünsche wegen der Empfindlichkeit mancher Waren keine Alternativzustellung. Gut, das kann ich natürlich verstehen.
Dann war ich also am Folgetag da und traf ihn zufällig persönlich an. Ich fragte ihn mit der üblichen Höflichkeit, ob er denn vielleicht eine Adresse vertrauenswürdiger Bekannter hätte, an der er seine Ware abgeliefert haben könnte. Da sagte der glatt Nein, er sei mittwochs grundsätzlich nicht da, er wünsche keine alternative Zustellung, und es sei ja wohl mein geschäftliches Risiko als Dienstleister und Lieferant, dass Empfänger nicht da seien, dann müsste ich halt am Folgetag noch einmal hinfahren.
Da stand mir vor Erstaunen erst mal der Mund offen, verlegte mich dann aber zur Abwicklung des Dialogs schnell auf eine wenn auch kurzsilbige Art von Höflichkeit, von der ein ungarischer Bekannter einmal sagte, Deutsche bedienten sich dieser nur, wenn sie kurz davor stünden, jemandem auf’s Maul zu hauen. Ich war auch wirklich platt. Überall sonst freuen sich Kunden, wenn man ihnen anbietet, auch Umwege zu fahren, um ihnen ihre Ware so früh wie möglich zuzustellen, und von dem Herrn Doktor hier bekommt man dafür einen verbalen Einlauf. Denn ist es nicht eigentlich SEIN Risiko? Hin und wieder enthalten Pakete Kühlakkus, weil die enthaltenen Medikamente außerhalb des Kühlschranks schnell verderben, obwohl ich festhalten muss, dass derlei Waren eher an Krankenhäuser und Arztpraxen als an Apotheken zu gehen scheinen. Wenn das, was in dem Paket ist, unbrauchbar wird, bin ich dafür nicht haftbar – ich bin nur dafür verantwortlich, dass die Ware in äußerlich einwandfreiem Zustand ankommt, also in einem schönen, ungeknickten und unverbeulten Karton.

Noch ein wilder Kunde: Karton, 50 x 50 x 20, von einer bekannten saarländischen Keramikfirma. Gewicht: ein Zentner. Daraus ergab sich eine Verkettung von Fehlern meinerseits.
Mike hatte mich morgens darauf aufmerksam gemacht, denn es handelte sich um einen 12-Uhr-Express in ein Dorf nahe der belgischen Grenze (der am weitesten von Trier entfernte Punkt meiner Tour), den ich wohl nicht schaffen könne, ich solle mir also keine Sorgen machen und die Ware einfach so früh wie irgend möglich zustellen.
Nun ja, aber dann ging es los: Zum einen scannte ich das Paket, das bei den Paletten am Ende der Halle lagerte, bevor ich es am Auto hatte. Zum zweiten nahm ich eine etwas leichtere Sendung, die daneben wartete, zuerst mit, ließ mir von Bert beim Einladen helfen, half ihm bei einem schweren Fernseher, lud dann meine eigene Fracht… und vergaß das Zentnerpaket.
Als ich dann in der Nähe des Zielortes war, bemerkte ich beim Stopp vorher, dass ich die Ware vergessen hatte und markierte die Ware mit dem Hinweis “Ablieferbeleg” als ausgeliefert. Ich würde sie dann halt am kommenden Tag zustellen und die damit verbundene Vertragsstrafe schlucken.

Was ich letztendlich daraus lernte, war, dass ich in solchen Fällen gar keinen Status setze. An jenem Tag verhielt es sich so, dass ich nicht direkt nach Hause fahren, sondern im Depot eine Lieferung für Konrads Tour aufnehmen würde, weil diese für ein Dorf in der Nähe meiner Wohnanschrift bestimmt war und er sie nicht mehr in den Wagen bekommen hatte.
Letzter eigener Kunde um 1520, gute Zeit. Um etwa 1600, kurz bevor ich in Trier war, rief mich Gertrud (Name geändert) vom Büro aus an und sagte mir, der Kunde habe sich wegen des Ausbleibens seines Expresspakets beschwert, was denn damit sei. Nicht gut. Ich erklärte ihr, dass ich die Ware im Depot vergessen hatte und sie morgen zustellen wollte. Während sie kurz überlegte, zeigte mein Telefon an, dass der Akku nicht mehr lange reichen würde, dann sagte sie, sie werde dem Kunden sagen, dass ich das Paket an einer falschen Adresse abgeliefert hätte, wo ich es aber abholen und morgen zustellen könne, das sei eine Geschichte, aus der man am einfachsten wieder rauskomme. Na gut, sie hat mehr Erfahrung in dem Geschäft, aber es gefiel mir nicht sonderlich, da ich den Hang dazu habe, die Wahrheit zu sagen.
Ich fuhr erst mal zum Depot, lud Konrads Zeug ein UND das Zentnerpaket, und verstaute die Ware nicht angetroffener Kunden unter meinem Bandplatz, damit sie von den schweren Sachen, die jetzt im Auto waren, nicht zerquetscht wurden. Ich fuhr los, durch die Stadt, über Olewig aufs Land.

Da rief Gertrud erneut an – der Kunde sei sehr ungehalten gewesen und drohe mit einer Strafanzeige, wegen Unterschriftenfälschung oder wegen Diebstahls oder wegen was weiß ich noch alles. Mein Akku meldete sich deutlich. Ich sah auf die Uhr: 1645. Ich bat Gertrud, dem Kunden mitzuteilen, dass ich ihm seine Ware noch am heutigen Abend zustelle, falls er dies wünsche, ansonsten werde er sie ohne Umschweife am kommenden Mittag erhalten.
“An die belgische Grenze? Wie lange dauert das?”
“So eine anderthalbe Stunde. Ein Weg.”
“Ach Du großer Gott… bist Du sicher?”
“Mein Fehler – ich übernehme die Verantwortung dafür. Ich lasse doch so einen Vorwurf nicht auf mir sitzen!”
Der Kunde wollte seine Ware tatsächlich noch haben… also los. Das Telefon schaltete ich ab, für den Fall, dass ich selbst noch Kommunikationsbedarf hatte, denn die Eifelhöhen lagen in dickem Nebel und ich hatte es eilig.

Konrad hatte mir genau gemommen zwei Stopps aufgeladen, ein paar Computer und eine Kloschüssel. Den zweiten Kunden, mit der Kloschüssel, hatte ich um 1730 abgefertigt. Dass ich daher eine Europalette im Auto hatte, war ein purer Glücksfall, denn der Express und die Palette passten so schön zusammen, dass sich nur wenige Millimeter Bewegungsfreiheit ergaben. Dann konnten die Kurven ruhig kommen, ohne dass ich Schäden an der Beladung fürchten musste.
Und sie kamen. Mit Vollgas durch die vernebelte Eifel, nicht ganz mit Vollgas durch die Abschnitte, wo ich trotz voller Beleuchtung die Reflektoren der Straßenpfosten über 50 m weiter nicht sehen konnte. So mancher Beifahrer wäre dennoch sicherlich in Schweiß ausgebrochen und meine erworbene Ortskenntnis kam mir eindeutig zu Gute, vor allem, da der Navigator wegen des Nebels zeitweise die Fühlung zu seinen Satelliten verlor. Glücklicherweise kam mir auch nichts vor den Kühler, keine späten Wanderer, keine Füchse, Katzen oder Rehe, und auch keine Verkehrsschilder.

Punkt Sieben war ich am Ziel und händigte die Ware aus – unbeschädigt, wie der Empfänger zufrieden feststellte. Es handelte sich nicht um eine Keramikspüle, sondern um eine Sonderanfertigung aus massivem Stein im Wert von einigen tausend Euro. Der Empfänger war (zum Glück?) auch nicht der aufgebrachte Besteller, sondern dessen Sohn (in meinem Alter). Er sagte, er habe überraschend einen Anruf von seinem Vater erhalten, dass da noch eine Lieferung komme, angeblich falsch zugestellt, was denn nun damit gewesen sei? Um Gertrud nicht in Verlegenheit zu bringen, sagte ich nur, dass ich einen Konzentrationsfehler gemacht habe und entschuldigte mich in aller Form. Ich könne seinem Vater versichern, dass keinerlei Gesetze gebrochen worden waren und dass sich die Ware nie in der Gefahr befunden hatte, zu verschwinden. Der Sohn war damit zufrieden und wünschte mir eine gute Fahrt.
Rückweg auf der gleichen Strecke, ebenso schnell, obwohl ich trotz Bonbons und Orangensaft zeitweise Probleme hatte, meine Umgebung scharf zu sehen. Das hatte ich zuletzt auf der Rückfahrt von dem Messeabbau in Frankfurt, im Februar 2009. Zurück zuhause um 2015, Tageskilometerleistung: 529. Ich schaltete mein Telefon wieder an, weil ich es als Wecker benötige, und steckte es ins Ladegerät. Puck hatte mir eine SMS geschrieben, um mir mitzuteilen, dass er sich auf Mikes Anfrage bereit erklärt hatte, das Expresspaket an meiner Statt auszuliefern, da er viel weniger Kilometer gefahren sei, als ich. Ja, wo werd ich denn? Ich lasse doch andere Leute nicht die Suppe auslöffeln, die ich mir eingebröselt habe!

30. Oktober 2011

Gaytal Kamikaze (Teil 4)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 17:46

Weitere personelle Veränderung: Der Bergmoll (Name geändert) geht ebenfalls nach Koblenz, womit nur noch Konrad am Band älter sein wird, als ich (die LKW-Fahrer rechne ich nicht zu den Leuten am Band, da sie eine andere Klasse von Kollegen darstellen, aber das ist eine rein subjektive Kategorisierung). Den Bergmoll werde ich schon vermissen. Klar, er ist ein Prolet, der sich gern mal aufregt und allgemein ein bisschen ungehobelt daherkommt, aber er ist allgemein ein guter Kamerad.
Dazu muss ich einschieben, dass ich einer japanischen Freundin letztlich beim Umzug geholfen habe und sie drückte mir ein Paar Arbeitshandschuhe mit gummierten Handflächen in die Hand. Das machte die Arbeit irgendwie effizienter und ich dachte mir noch, dass ich sowas eigentlich selbst gebrauchen könnte.
Just am Montag danach machte der Bergmoll die Runde und fragte, wer denn Interesse an eben solchen Handschuhen habe, er könne das Paar für einen Fünfer besorgen. Super Timing, ich gab ihm einen Fünfer und bekam gummierte Handschuhe, und die sind echt praktisch. Allerdings sind sie auch nicht sehr robust, da sich nach zwei Wochen die Gummierung an den Zeige- und Mittelfingern bereits abgerieben hatte und darüber hinaus bereits an einer Fingerspitze ein kleines Loch entstanden war.

Anfang der zweiten Oktoberwoche nun gab mir Mike eine Liste, auf der ich festhalten sollte, wer was für Arbeitskleidung braucht, um sich winterfest zu machen, da machte ich dann die Runde und der Bergmoll teilte mir bei der Gelegenheit mit, dass er nach Koblenz wechsele und er daher nicht mit auf die Liste komme. Der fröhliche Winzer war da nicht weit und fragte ihn grinsend: “Na, wirste uns vermissen?”
Ich hätte nun mit einem entsprechenden Spruch gerechnet, aber mit einem Gesichtsausdruck und einer Stimme, die völlige Aufrichtigkeit vermittelten, sagte er: “Das werd ich ganz bestimmt.” Ich war geradezu verblüfft.
Wie sei das denn eigentlich in Koblenz, fragte ich ihn.
Na ja, gab er zurück, die Arbeitsbedingungen seien schon irgendwie besser, man habe in der größeren Halle viel mehr Platz, aber hier in Trier sei die Stimmung einfach viel besser und der Umgang miteinander, sowohl unter Fahrern als auch und vor allem mit dem Büropersonal, sei wesentlich entspannter und freundlicher.

Der Bergmoll geht also und der Kurde wird “z.b.V.” für Gefahrgut und Frühdienste (also Acht-Uhr- und Zehn-Uhr-Expresse) und als “Springer” eingesetzt (als Ersatz, falls unerwartet einer ausfällt), und das bedeutet, dass neue Fahrer hermussten.
Das ist zum einen Knut (Name geändert) und zum anderen Bert (Name geändert). Knut, ich gehe davon aus, dass er Mitte 20 ist, scheint in Ordnung und irgendwie farblos, eine unauffällige Persönlichkeit, aber das kann ich nicht wirklich auf die Entfernung beurteilen, da er zu viele Leute weit bandabwärts und damit außer Kommunikationsreichweite steht. Bert dagegen übernimmt Bitburg, steht also direkt neben mir. Er stammt aus Nigeria, wanderte mit seinen Eltern nach England aus, von wo aus sein Bruder in die USA und er nach Deutschland ging. Bert ist 31 und hat eine kleine Tochter in der Grundschule.
Das heißt, dass er im Unterschied zu den allermeisten anderen Kollegen Englisch spricht und Mike machte bereits Witze, dass wir uns ja nun auf Englisch unterhalten könnten und keiner werde uns verstehen.
Bert hat früher beim DPD gearbeitet und noch nie vorbeirollende Pakete nach Postleitzahlen abgesucht, beim DPD macht man das scheinbar irgendwie anders. Er sieht jedenfalls nach den Ortsnamen und das kostet mehr Aufwand und Zeit, weswegen ich ihm rate, lieber die Zahlen im Auge zu behalten, was trotz unterschiedlicher Schriftgrößen auf verschiedenen Paketen einfacher ist. Dabei hat er doch nicht viele Zahlen, die er sich merken muss: 636 (Rittersdorf), 634 (Bitburg), 306 (Kordel), 655 (Kyllburg), 526 (Landscheid) und 529 (Spangdahlem).
Nach einer knappen Woche schien es mir allerdings, als kenne er meine Postleitzahlen (313, 298, 662, 666, 668, 669, 673, 675, 689, 649) bereits besser als seine eigenen, denn andauernd gibt er mir eines meiner Pakete in die Hand. Das muss ich ihm noch abgewöhnen, denn während seine Absichten natürlich gut und ehrbar sind, lenkt er mich damit mehr ab, als er mir nutzt. Wenn ich meine Augen mal nicht am Band habe, weil ich ein Paket nachscanne oder etwas Ordnung in meine Paketsammlung bringe, ist der Hinweis auf eines meiner Pakete wesentlich sinnvoller. Wenn ich sowieso am Band stehe, stört es mehr, als es nützt.

Um zu erfahren, mit wem ich es zu tun habe, unterhielt ich mich ein wenig mit ihm.
“Wo hast Du eigentlich diesen deutschen Namen her?”
“Das ist ein englischer Name, die gibt es in Nigeria.”
“Du stammst aus Nigeria? Aus dem Norden oder aus dem Süden?”
(Die Frage zielte indirekt darauf ab, ob er ein Moslem oder ein Christ ist, der Norden Nigerias ist moslemisch, der Süden christlich geprägt.)
“Aus dem Osten.”
“Aus dem Osten? Aus Biafra?”
Worauf er laut lachte. “Ja, aus Biafra. Woher kennst Du Biafra?”
“Vom Biafra-Krieg her. Ich hab darüber gelesen.”
Und wenn wir schon dabei waren, musste ich ihm noch die Meinung über Ken Saro-Wiwa sagen (den m.E. unsympathischsten Träger eines alternativen Nobelpreises, den man sich denken kann).
Von dem her, was ich bislang von Bert erfahren habe, würde ich sagen, dass er eine vernünftige Weltsicht und Arbeitseinstellung hat. Nur frage ich mich, was die beim DPD gewohnt sind, denn Bert erschrickt jedes Mal, wenn er 180 Pakete fahren muss, was auf der Bitburgtour nicht ungewöhnlich ist. Letztlich hatte er seine Feuertaufe mit “Wort und Bild”, was ihm über 250 Pakete bescherte. “Heute ist Katastrophe, heute ist Katastrophe…” betete er beim Laden seufzend vor sich hin – aber er schlug sich gut und brachte bei einem Feierabend um halb Acht (also nur wenig später als ich) nur vier Pakete wieder mit zurück.

Die Anzahl der Altenheime, die ich mit Material verschiedenster Art versorge, hat sich im Zuge der Gebietsumstellung auf drei erhöht: eines in Speicher, eines in Neuerburg und eines in Waxweiler, und die bieten zumindest oberflächlich einen interessanten Vergleich.
Das Altenheim in Speicher wirkt völlig langweilig auf mich. Es handelt sich um einen viereckigen Bau mit Innenhof, sodass die einzelnen Stockwerke eine Art Rundgang bilden. Aber der Gesamteindruck bleibt doch sehr eintönig, unterstützt durch die Farbgebung, die auf Schwarz und Weiß aufbaut.
Das Altenheim in Waxweiler dagegen wirkt auf mich wie ein Krankenhaus. Seine Struktur, mit einem Schwesternzimmer in jedem Stockwerk, vermittelt mir genau diesen Eindruck, nur dass die Zimmer wohnlicher aussehen, als ein in der Regel eher kahles Krankenhauszimmer. Aber es riecht darin auch wie in einem Krankenhaus, nach diesen Desinfektionsmitteln einerseits und hin und wieder nach altem Schweiß und Urin. In jedem so genannten Wohnbereich gibt es eine zentrale Räumlichkeit direkt am Treppenhaus und den Fahrstühlen, wo man gemeinsam sitzen und sich unterhalten kann, aber viele Leute wirken apathisch auf mich. Letztlich wurde dort eine Art Spiel gespielt, wobei eine Moderatorin die Leute aufforderte, gemeinsam alle Orte der Eifel zu nennen. Das kam mir vor wie ein zwanghaftes Animationsprogramm auf einer Kaffeefahrt. Und zu guter Letzt wird der Lieferanteneingang in der Regel abgeschlossen (d.h. die Türautomatik ist abgeschaltet), damit die Leute nicht unangemeldet das Haus verlassen.
Kommen wir nach Neuerburg, wo alles wieder anders ist. Der Lieferanteneingang und das Lager befinden sich an der Hausseite und ich gehe regelmäßig durch das Haus hinunter zum Büro, um mich anzumelden. Dort herrschen Erdfarben vor, es hängen Bilder in Holzrahmen an der Wand, ohne Glas und Chrom, die Unterhaltungen im Gemeinschaftsraum sind lebhafter, es riecht auch mal nach Essen ohne diese Reinigungsmittelbeimischung anderer Großküchen, und zwei Hunde gehören ebenfalls zu den Bewohnern (die dermaßen verwöhnt sind, dass sie keinerlei Interesse an gewöhnlichen Hundekuchen haben). Insgesamt könnte man meinen, man befinde sich in einer größeren WG, mit dem Unterschied, dass alle Wohnparteien Rentner sind.

Wenn ich schon mal in Neuerburg bin… ich komme dann kurz auf Stoffwechsel zu sprechen. Da ich mich nur im äußersten Notfall an den Straßenrand stelle, um meine Blase zu leeren, bin ich in erhöhtem Maße von dem Angebot zugänglicher Toiletten auf der Route abhängig. Eine befindet sich in Spangdahlem, vier in Neuerburg, und eine in Waxweiler. Man sieht, dass die Verteilung etwas ungleichmäßig ist, und gerade zwischen Spangdahlem und Neuerburg befindet sich ein Zeitraum von drei bis vier Stunden, den es zu überbrücken gilt.
Da kam ich also nach Neuerburg, lieferte im Krankenhaus etwas ab. Ich ging auf die Toilette, legte einen Riesenhaufen in die Keramik, und in dem Moment klopfte der Pförtner an die Tür und sagte, ich müsse mich beeilen, weil ein weiterer Lieferant die Rampe brauche. Ich sah also zu, dass ich fertig wurde, betätigte die Spülung – und ein besseres Rinnsal floß links und rechts an meiner Hinterlassenschaft vorbei, die sich strikt weigerte, nachzugeben. Ich schob das Gebilde mit Hilfe der Bürste in den Abfluss, spülte noch einmal, worauf alles verschwand, reinigte die Bürste, wusch meine Hände, stürmte ohne diese auch abzutrocknen nach draußen… und als ich vorbeikam, rief mir der Pförtner zu, dass sich die Sache erledigt habe. Na vielen Dank! Und dafür war ich einen Moment lang ins Schwitzen geraten!?
Was raus muss, muss raus, ganz klar, aber mich gerade in dem Moment zur Eile zu rufen, ist schlechtes Timing, zumal ich mengenmäßig immer gut dabei bin… ich habe schon im Depot bereits zweimal den Abfluss dicht gemacht, worüber sich die Putzfrau bestimmt nicht gefreut hat.

“Groß” ist auch ein Adjektiv, das auf so manchen Fernseher zutrifft und in diesem Monat stand ein Exemplar auf meiner Lieferliste, das so breit war, dass es nicht quer ins Auto passte. Ich stand also gerade ein paar Sekunden da und rätselte, wie ich das Ding transportieren sollte, denn (der Länge nach) hinlegen soll man die Dinger ja nicht, und der Länge nach hinstellen ist schwierig, weil irgendwann keine Pakete mehr da sind, um ein Umfallen in den Kurven zu verhindern. In dem Moment kam der Chef vom Depot vorbei und fragte mich “Brauchste Hilfe?”
Klar brauchte ich beim Einladen von dem Ding Hilfe, aber für einen Moment verwirrte mich die Intimität seines Angebots, denn man wird nicht einfach so vom R. geduzt (zumal ich Welten davon entfernt bin, ihm Herablasssung zu unterstellen). Er half mir also, das schwere Teil einzuladen und stellte ihn längs der Fahrtrichtung auf (eine Lösung für die Gefahr des Umfallens fand ich auch noch).
Eigentlich suchte er den Spangdahlemfahrer, und das war eben zufällig auch ich. Der Kurde vermisste ein Paket, dass er von mir bekommen haben müsste, aber ich hatte das nicht mehr. Aber ich erinnerte mich an den Empfänger und daran, wie das Paket aussah, und daraus konnte ich sicher ableiten, dass ich ihm das Paket ein oder zwei Tage zuvor auch gegeben hatte. Am Ende stellte sich heraus, dass der Kurde das Päckchen abgegeben hatte, ohne einen Kontrollscan zu machen (also beim Herausnehmen aus dem Wagen, bevor man es dem Kunden gibt), wodurch bei der Ausliefererfassung Daten gefehlt hatten, die ihm die Suche erspart hätten.

Noch kurz zu dem Riesenfernseher: Der ging nach Speicher und ich zeigte dem in diesem Moment mit einem Kunden telefonierenden Zwischenhändler den Lieferschein (ich habe schon Geräte ausgeladen und dann erfahren, dass es sich um eine irrtümliche Lieferung handelte), worauf der spontan laut lachte (und damit seinen Kunden verwirrte) und mir grinsend mit einer lässigen Handbewegung andeutete, das Ding reinzubringen, denn schließlich stand auf dem Lieferschein ja drauf, was das Ding wog. Ich setzte ein entsetztes Gesicht auf und schüttelte den Kopf. Ich trage keine 75 kg in diesem Format mal eben so durch die Gegend.
(Ist natürlich alles Schauspiel zur gegenseitigen Belustigung. Knapp 4000 E kostet so ein Ding übrigens.)

Und einen Audit hatten wir auch mal wieder, und diesmal sollte eine Fahrzeugkontrolle durchgeführt werden. Bereits im Vorfeld war darüber spekuliert worden, dass diese Teilprüfung wahrscheinlich mein Fahrzeug betreffen werde, weil ich derjenige mit der kleinsten Ladung und damit derjenige bin, bei dem die Sache am wenigsten zeitintensiv ist. Nach allgemeiner Auffassung würde also ein Fahrzeug beim Verlassen des Depots aufgehalten, auf einen leeren Stellplatz beordert und dort wieder ausgeladen, um die Ladung, also jedes Paket, einer Sicherheitsscannung zu unterziehen. Das soll scheinbar verhindern, dass Pakete an Bord sind, die da nicht hingehören, die man also der Ladung eines anderen Fahrers gestohlen haben könnte.
Und so lief es dann auch, wenn auch anders als gedacht – aber eins nach dem anderen.

Diese Audits werden interessanterweise vorher angekündigt, und der Sinn dessen entzieht sich mir, aber so ist es halt. Eine Reihe von Herren im Geschäftsanzug ging durch das Depot und sie überprüften sowohl einzelne Fahrer als auch die allgemeinen Geschäftsabläufe des Depots. Anders als vor wenigen Monaten wurden scheinbar keine Fragen zur Art und Weise des Transports bestimmter Güter gestellt, stattdessen ging es mehr um wirtschaftliche und sicherheitstechnische Dinge. Einer der Herren kam just zu mir, überzeugte sich, dass ich Arbeitskleidung inklusive der Sicherheitsschuhe trug, ließ sich Unterlagen wie Abstellgenehmigungen einerseits und Sicherheitsausrüstung wie Warnweste, Erste-Hilfe-Set, Unterlegkeil, etc. andererseits zeigen. Was ich nicht vorweisen konnte, war ein Quittungsblock: Es gibt hin und wieder Kunden, die eine Nachnahme zahlen müssen und dafür eine konkret greifbare Quittung verlangen, wenn auch selten, das kam bei mir einmal in den letzten Monaten vor. Ansonsten war in dieser Hinsicht aber alles in Ordnung.

Dem fröhlichen Winzer war der Teil mit dem Quittungsblock im Vorbeigehen aufgefallen, er ging also zu Konrads Wagen, von dem er wusste, dass da sowas drinlag, und legte ihn zu sich ins Auto. Als ihn der Prüfer also fragte, ob er einen Quittungsblock habe, sagte er: “NATÜRLICH habe ich einen Quittungsblock!” Den er danach gleich an Konrad weiterreichte… nun ja, das Depot hat uns in Folge dessen solche Blöcke zur Verfügung gestellt und nun hat tatsächlich jeder einen.
Als Anekdote kann man allerdings hinzufügen, dass diese Entwicklung prompt von einem meiner Kunden überholt wurde: Der wollte nämlich nicht nur eine Quittung, sondern auch einen Firmenstempel – und damit kann ich nicht dienen, von daher musste es meine Unterschrift mit dem Zusatz “für Transoflex” tun.

So, nun kam also der Moment der Fahrzeugkontrolle. Sie betraf in der Tat mein Fahrzeug, aber letztendlich war das eine völlig überflüssige Aktion. Die Auditoren machten nämlich Pause, sodass Laubschi vor meiner Abfahrt, aber nach meinem Einladen, zu mir kam und an meinem Stellplatz die Überprüfung durchführte – ich hätte mir also zweifaches Einladen sparen können, wenn ich gewusst hätte, dass die Prüfer sich nicht selbst an der Fahrzeugkontrolle beteiligen würden und diese nicht mal eines Blickes würdigten.
Nun ja, die Prüfung verlief insgesamt zur Zufriedenheit des Mutterkonzerns und das Depot wurde zu keiner Strafe verdonnert. In Folge dessen gab der Chef tags drauf eine Runde belegte Brötchen für alle aus und es herrschte eitel Heiterkeit und Freude.

22. Oktober 2011

Gaytal Kamikaze (Teil 3)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 21:52

Genau wie am Anfang meiner Gerolsteiner Tage normalisiert sich mein Dienstplan nur langsam, und auch in den vergangenen drei Wochen war meine Heimkunft oft später, als es mir lieb gewesen wäre. Aber: Es wird besser. Ohne große Abweichungen von der neuen Haupttour – Zemmer, Orenhofen, Speicher, Binsfeld, Spangdahlem, Wolsfeld, Meckel, Irrel, Bollendorf, Biesdorf, Körperich, Geichlingen, Mettendorf, Neuerburg, Dasburg, Dahnen, Daleiden, Irrhausen, Waxweiler – gelingt es mir mittlerweile, den letzten Kunden um Vier abzufertigen und um Fünf zuhause zu sein. Letztlich war ich sogar um Viertel nach Drei zurück im Depot und schlug mit Laubschi (Name geändert) etwas Zeit tot, bis der Linienfahrer eintraf, der den täglichen Berg Palletten mitnehmen wollte. Ich habe meinen Arbeitstag auch dadurch verkürzt, dass ich mein Auto näher ans Band fahre und Teile der Pakete sofort im Auto stapele, mir also einen Teil des Einladens gleich spare.

Wir haben mittlerweile Sackkarren erhalten – es geschehen noch Zeichen und Wunder! Hm, ja, es war wohl ein Sonderangebot im Wunderladen, denn nach nur einem Tag mit ein paar Zentnern “Wort und Bild” (das sind schon mal 750 kg für die verschiedenen Apotheken) fingen die Dinger bereits an zu eiern, weil die Achse der Belastung nicht gewachsen ist. Eigentlich warten wir jetzt darauf, bei wem als erstes ein Rad abbricht.
Hinzu kommt der Faktor mangelnder Gewohnheit. Die Sackkarren sind in machen Situationen echt praktisch, aber diese Situationen sind zumindest bei mir eher selten, und normalerweise ist die Sackkarre eher ein Ballast, für den man sich was einfallen lassen muss, wenn er nicht unkontrolliert im Laderaum rumfliegen soll. Meine Lösung: Im Laderaum, zwischen dem Radkasten und dem Holzboden, befindet sich ein kleiner Spalt, und in den klemme ich die Bodenplatte der Karre. Hält wie festgenagelt und schränkt dabei noch den Raum ein, über den sich die Pakete am Ende verteilen können, wenn nicht mehr genug da sind, um sich gegenseitig in Position zu halten.

So, aber was meine ich mit mangelnder Gewohnheit? Nun, ich habe die Sackkarre bereits zweimal in Apotheken stehen lassen, einmal in Irrel und einmal in Waxweiler, wo ich sie zum Glück immer wieder vorfand. Das erste Mal, in Irrel, lief sogar noch ganz witzig ab.
Ich hatte sie also stehen lassen und merkte in Bollendorf, dass sie nicht mehr da war. Ich überlegte, wo, hielt Irrel für sehr wahrscheinlich und bat in der Mettendorfer Apotheke darum, mir die Nummer in Irrel herauszusuchen. Die Damen reagierten freundlich amüsiert, ich telefonierte mit Irrel und die Sache war geklärt. So, nun fuhr ich, immer noch in Mettendorf, von der Apotheke zum Tierarzt und stellte fest, dass ich meinen Scanner vermisste. Wütend über diese eigene Idiotie (mich lenken solche Dinge einfach zu sehr ab) fuhr ich zurück zur Apotheke und fragte, ob ich meine Handgurke hier gelassen habe.
Die Damen lachten.
“Sind sie verliebt, dass Sie so neben der Spur sind?”
“Natürlich bin ich verliebt, ich liebe meine Freundin wie am zweiten Tag.”
“Wieso denn am zweiten Tag?”
“Am ersten Tag dachte ich noch, was ist das denn für ne komische Nudel?”
In der allgemeinen Erheiterung wurde aber schnell klar, dass mein Scanner nicht in der Apotheke war. Ich machte das Auto links und fand den Scanner hinter dem Sitz.

Ja, die Scanner. An einem Morgen funktionierte die Datenübertragung einiger Scanner zum Trierer Server nicht richtig, wir hatten also bereits Dutzende Pakete gescannt, aber diese Information war nicht bis zum Server durchgedrungen, die manuelle Rollkarte hing drohend in der Luft, aber glücklicherweise konnte das Problem behoben werden. Peter erinnerte sich schaudernd an einen Tag, an dem der Zentralcomputer der gesamten Firma ausgefallen war und sämtliche Transoflexwagen in ganz Deutschland mit Rollkarte fahren mussten.

Ein Problem, das hoffentlich auch bald behoben wird, ist mein Ladegerät, denn das Stromkabel, oder eher die Anschlussbuchse, hat einen Wackelkontakt. Die Arbeit am Morgen kostet etwa 30 % der Batterieladung, der Tagesbetrieb etwa weitere 20, das bedeutet, dass man ohne Ladegerät nicht weit kommt, da volle Batterien im Depot Mangelware sind. Mein Stromanschluss kommt mir irgendwie vor wie ein C64: Wenn man einmal mit artistischem Geschick und Feingefühl das Kabel in eine Position gebracht hat, in der das Ladegerät Kontakt hat, darf man nicht mehr falsch atmen, sonst muss der Vorgang wiederholt werden, und man muss wie ein Schießhund aufpassen, ob das Kontrolllämpchen nicht irgendwann erlischt. Das mit dem dauernd richtigen Winkel ist gar nicht so einfach, da ich den Scanner bei jedem Kunden rausnehmen und wieder reinstecken muss, und dabei eben eine Bewegung des Steckers vermeiden muss. Laubschi ist jedenfalls wegen dauernder Beschwerden über die Scanner und leere Batterien letztlich mal durchgegangen und hat gefragt, was für Probleme es denn nun eigentlich gebe, von daher hoffe ich, vielleicht ein Ladegerät zu bekommen, bei dessen Stecker ich nicht auf jeden Mikrometer Feineinstellung achten muss.

Aus Peters Plan mit den Brötchen ist bislang nur einmal was geworden, und das lag nicht unwesentlich an mir und Ereignissen auf meiner Tour. Ein herausragendes Beispiel war der Kunde in Landscheid, für den an einem schönen Morgen 14 Pakete von jeweils der Größe einer großen Satellitenschüssel übers Band gingen, jedes davon etwa zehn Kilo schwer. Sie kamen alle auf einmal in einer Reihe, die mussten also quasi vom Band fliegen, weil ich zum servicefreundlichen Herunternehmen schlicht keine Zeit hatte. Als nächstes hatten diese Pakete keinen Datensatz im Server, und das bedeutet “M-Dat”, manuelle Dateneingabe per Scanner. 14x Name, Straße, Hausnummer, Ort, Referenznummer, da geht schon mal mindestens eine Viertelstunde für drauf, nicht zu reden davon, dass der wilde Haufen von Paketen auch geordnet werden musste. Am Ende des Ladens hätte auch nicht mehr viel in den Wagen gepasst, ich glaube, es war gerade noch Platz für die Sackkarre.
Ich dachte mir gleich, dass an diesen Paketen etwas faul war, denn bei vielen war unter dem aktuellen Adressaufkleber der Originalzettel zu sehen, der aussagte, dass der heutige Empfänger eigentlich der Versender und der eigentliche Empfänger in einem Militärlager mit arabisch klingendem Namen hauste. Der Kunde bestätigte prompt diesen Verdacht:
“Tut mir leid, ich kann die Pakete nicht annehmen. Die sind für einen Kunden in Kuwait.”
Es stellte sich also heraus, dass diese Pakete von FedEx nach Kuwait geliefert werden sollten, aber um eine Einfuhrgenehmigung zu erhalten, mussten die gesamten Zollpapiere ins Arabische übersetzt werden. Das dauerte schließlich so lange, dass FedEx die maximale Lagerfrist überschritten sah und die Pakete per Transoflex an den Kunden zurücksandte – am selben Tag, an dem der Versender (in Landscheid) den telefonischen Bescheid – von FedEx! – erhielt, dass jetzt alle Papiere vorhanden seien und die Sendung auf den Weg gebracht werden könne.
Okay, der Kunde konnte nichts dafür, aber glücklich war ich nicht angesichts des Umstands, dass mir nun vierzehn nicht kleine Pakete den ganzen Tag über im Auto rumfliegen und mich durch Umräumerei, um an die Sachen dahinter zu kommen, eine Menge Zeit kosten würden.

Ähnlich verhielt es sich mit einem Dutzend 24″ Flachbildschirmen für eine Abteilung der Spangdahlem AFB. Ich kam an, die Kundin war nicht erreichbar. Super Sache, wieder mal den ganzen Tag rumräumen. Am kommenden Morgen meldete mir dann das Verschlusslager, dass die Monitore auf “Annahme verweigert” zu setzen und gleich dem Lager zu übergeben seien. Wär’s nicht schön, wenn die Leute, die solche großen Bestellungen aufgeben, sich vorher Gedanken darüber machen würden, ob sie das Zeug auch brauchen oder annehmen dürfen?
Ganz anders ist es ja mit der Instandsetzung in Spangdahlem: Von denen wissen wir, dass sie nichts (NICHTS!) mehr annehmen, was an sie adressiert ist, weil, so heißt es, ein Verfahren gegen FedEx wegen Verstoßes gegen Einfuhrbestimmungen der EU immer noch in der Luft hängt (wie es aussieht, hat man bei FedEx verschwitzt, den Paketen irgendwelche Zollpapiere mit Wertangaben beizufügen, was die Buchführung der Empfänger verzerrte und internen Untersuchungen aussetzte und der europäische Zoll witterte Betrug). Von daher wird alles für die Instandsetzung gleich aussortiert, der Stopp an die Spitze der Tour gesetzt, noch vor der Abfahrt Annahmeverweigerung eingestellt, und sofort ans Lager übergeben.

Man kann sich angesichts dieser Zahlen ja vorstellen, was aus meiner Lieferquote wird, wenn ich von 100 Paketen mehr als ein Dutzend nicht loswerde, und wie sich das auf die anteilige Quote der übrigen Fahrer, von denen es ja nicht sehr viele gibt, auswirkt. Und wenn der Schnitt über 1,6 % steigt, dann gibt’s auch keine Brötchen.

Mit dem Kurden unterhielt ich mich letztlich darüber, warum er bei seinen Sprachkenntnissen, neben Deutsch eben auch Arabisch und Kurdisch, nicht versucht habe, einen Job zu finden, wo man diese Kenntnisse verkaufen könne, ich dachte zum Beispiel an den BND oder das BKA.
“Nee,” sagte er, “mit meinem Vorstrafenregister geht das nicht.”
Dabei erwähnte er den Richter X und den Kommissar Y, mit denen er zu tun gehabt habe.
“Kennst Du den Richter X nicht?”
“Woher soll ich den kennen?”
“Den kennt man doch, oder?”
“Nein, ich habe mit Richtern nichts zu tun. Das ist eine Frage der Perspektive. Siehst Du, Du kennst den und den Richter und den Kommissar. Ich kenne die Frau, die die Richter ausbildet. Und einen Kommissar von der Bundeswehr her.”
“Du warst bei der Bundeswehr? Ich hätt jetzt gedacht, Du warst ein Zivi.”
“Warum das denn?”
“Weil Du so’n ruhiger und friedlicher Typ bist.”
Da war’s an mir, mal zu lachen.

Ich erwähnte ja bereits, dass ich mich an der Bildung einer Spielgruppe aus Kollegen versuchte und weiter versuche, nur war dem ersten Anlauf kein Erfolg beschert. Das fing bereits damit an, dass ich mich in einem zu andersartigen sozialen Kreis bewege: Ich klapperte passende Kandidaten ab und bat um ihre E-Mail-Adresse, damit ich alle gleichzeitig erreichen kann und morgens nicht von einem zum anderen laufen muss. Die Adressen bekam ich sofort, die gibt es also, aber ich musste schließlich feststellen, dass diese Leute keine Mails lesen. Die kommunizieren per SMS, was ich so gut wie gar nicht mache.
Ich schrieb eine erste Mail, in der ich nur sagte, dass ich eine Mailingliste eingerichtet habe. Darauf erwartete ich natürlich keine Antwort. Ein paar Tage darauf schrieb ich eine zweite Mail, in der ich einen Termin vorschlug und bat, Kommentare dazu an alle zu senden, damit alle auf dem selben Informationsstand blieben. Allerdings reagierte niemand auf diese Mail. Das irritierte mich.

Also doch einzeln abklappern. Es stellte sich nach zwei Tagen dann heraus, dass keiner zum vorgeschlagenen Termin Zeit hatte, nur der Kurde und Konrad zeigten Interesse und machten ihre Witze.
“Wie heißt das Spiel denn?”
“Das heißt BANG. Es handelt sich um eine Westernparodie.”
“BANG? Sollen wir Gummis mitbringen?”
“Nein, Ihr müsst keine Gummis mitbringen.”
“Nee, dann komm ich nicht. Das ist mir zu heiß, ich hab schon ein Kind.”
“Ach was, Konrad, wir kommen. Ich bring den Whiskey und Du die Bong mit. Das wird bestimmt lustig.”
“Au ja. Du wohnst doch hoffentlich im Erdgeschoss oder im ersten Stock?”
“Nein, ich wohne im vierten Stock. Warum?”
“Wenn ich was ordentliches geraucht habe, will ich immer aus dem Fenster springen.”
Ich zweifelte einen Moment lang daran, ob das Unterfangen eine gute Idee war.
“Darf ich mein Netzhemd anziehen oder gibt es eine Kleiderordnung?”
“Du darfst anziehen, was Dir Spaß macht, aber wenn meine Freundin nicht mit Euch klarkommt, dann wird aus der Sache nichts.”
“Du hast eine Freundin? Sieht die gut aus? Die könnte ja ein bisschen auf dem Tisch tanzen.”
“Mir gefällt sie.”
“Hoffentlich willst Du sie noch haben, wenn die Party vorbei ist, hahaha.”
“Niemand hat was von einer PARTY gesagt.”
“Nicht? Ich dachte, wir machen Gangbang mit Puck?”
“…”
“Ah, ich verstehe, oder BRETTspiele… so kann man DAS ja auch nennen.”
“Was gibt’s denn zu essen?”
“Ich wollte Linseneintopf machen.”
“Da ist hoffentlich kein Schweinefleisch drin?”
“Kurde, Dein zweiter Vorname ist Haram! Und jetzt willst Du mir erzählen, dass Du Dich ausgerechnet an das Gebot vom Schweinefleischverzicht hältst???”
“Nee, ich finde Schweinefleisch widerlich. Kannst Du nicht Rindfleisch nehmen?”
“Okay, ich kann wohl auch Suppenfleisch statt Speckstreifen nehmen.”

So ging das die ganze Woche vor dem Termin. Zum Wochenende besorgte ich die notwendigen Zutaten, kaufte Getränke, bereitete am Samstag vier Stunden lang den Eintopf vor, weil Eintopf Zeit zum Ziehen haben muss, um seine Geschmackskomponenten zu entfalten, setzte mich am Sonntag Morgen vor meinen Rechner und wartete. Zur verabredeten Zeit geschah nichts, aber ausgerechnet bei diesen beiden Chaoten war nicht damit zu rechnen, dass sie pünktlich kamen.
Nun, im Endeffekt kamen sie gar nicht. Allein Puck kam, um 1800, weil er meine Ankündigung falsch verstanden hatte: Meine Idee war “so von Zwei bis Sechs”, und nicht “ab Sechs”, weil wir ja alle montags früh raus müssen. Ihm machte ich allerdings keinen Vorwurf. Puck wohnt im selben Haus und wäre nach einem Anruf binnen zwei Minuten da.
Ich telefonierte auf seinen Vorschlag hin ein bisschen rum und wir spielten zusammen mit Melanie, Alex und Thomas eine spontane Runde.

Ich war enttäuscht und gelinde gesagt stinkig und fragte die beiden am Montag nach Ihren Ausreden. Der Kurde sagte, er habe die Sache schlicht völlig vergessen. Er sei davon ausgegangen, dass ich mich vorher noch einmal melden würde (was ich nach zwei Mails auch an seine Adresse nicht einsehe und auch nicht meiner Gewohnheit entspricht, jedem hinterher zu laufen). Konrad kam mit einer Erklärung, die mich geradezu erstaunte:
“Ich hab nach meinen Mails gesehen und hab keine von Dir gefunden, da dachte ich, ich sei nicht eingeladen.”
“Wir reden doch die ganze Woche schon von nichts anderem! Da dachte ich, ich müsste Dir nicht mehr schreiben, weil die Sache klar zu sein schien!?”
Nach der Funkstille in der Folge meines Terminvorschlags hatte ich auch darauf verzichtet, mir seine Mailadresse noch zu besorgen, weil er ja eh in Kommunikationsweite am Band steht und niemand Mails zu lesen schien. Und jetzt kommt ausgerechnet der einzige, dem ich keine Mail geschrieben habe und beschwert sich darüber… ich komme zu keinem endgültigen Urteil, wenn ich darüber nachdenke, ob ich in einer Irrenanstalt oder in einem Kindergarten gelandet bin. Ich tendiere allerdings zu letzterem.

Noch mehr geklaut!

Filed under: Bücher,Filme — 42317 @ 15:24

Der Artikel “Alles gelaut. ALLES.” hat ein Update erhalten.

26. September 2011

Gaytal Kamikaze (Teil 2)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 20:32

Klären wir doch jetzt mal die Frage, wie es sein kann, dass der Kurde neuerdings wieder Bitburg fährt, wofür ja eigentlich Kelvin verantwortlich war. Zumindest glaube ich, dass diese Information aus vergangenen Einträgen irgendwie ersichtlich wurde.
Eines schönen Tages bemerkte Mike bei der Kontrolle der Auslieferfortschritte am Nachmittag, dass Kelvin eben keine Fortschritte mehr machte. Er rief ihn an und Kelvin meldete völlig überraschend, dass er krank sei. Morgens war er noch fit gewesen, aber sowas kann ja mitunter plötzlich kommen, und man muss bedenken, dass Kalaschnikow ja mit einer fast chronischen Lungenentzündung rumläuft, die er aus Arbeitswut weder auskuriert, noch durch ständiges Rauchen irgendwie sonst einer Besserung zuführt.

Jedenfalls platzte am folgenden Morgen eine kleine Bombe:
Kelvin hatte am Tag zuvor bemerkt, dass er ein Paket vermisste und deshalb Anzeige gegen Unbekannt erstattet, das heißt, das Depot mit allen Mitarbeitern unter Generalverdacht gestellt. Bis dato weiß noch keiner, was daraus geworden ist. Laut Zentralcoomputer hat Kelvin das Paket um etwa zehn Minuten vor Sieben vom Band genommen, also gescannt, und die Videoüberwachung würde wohl zeigen, ob er es ins Auto geladen oder ob es jemand illegal an sich genommen hat. Dabei ist dieser Extremfall eigentlich auszuschließen, denn es handelt sich um ein Tchibopaket, das heißt, da ist kein Kaffee drin, sondern die Art von Tand, der in den Supermärkten im so genannten “Tchibo-Shop” aushängt. Welcher Idiot würde sowas klauen? Es ist eher anzunehmen, dass Kelvin das Paket an den falschen Kunden ausgeliefert hat und nicht mehr weiß, wo. Oder er hat vergessen, seine kaputte Heckklappe zu sichern (die hält nur mit einem innen angebrachten Expander zu) und das Ding ist rausgefallen. Mike wollte oder konnte auf spätere Nachfrage hin keine weiteren Angaben machen.

Kelvin tauchte daraufhin nicht mehr in Trier auf, was ich verstehen kann, da seine Beliebtheit radikal ins Bodenlose gesunken war. Ich verstehe seinen Schritt ja auch nicht. Wenn ein Paket wegkommt, dann redet man doch zuerst mal mit den Disponenten und mit den Chef, aber wendet sich doch nicht sofort an die Polizei. Ich denke, er wird seine Gründe haben, und ich vermute, dass seine Motivation in seiner Zeit als Hermes-Fahrer begründet liegen könnte.
Da hatte er wohl dreieinhalbe Jahre gearbeitet, Montag bis Samstag, bis abends nach 22 Uhr, ohne Urlaubsgenehmigung, mit heute noch ausstehenden Lohnforderungen von etwa 5000 E. Würde mich nicht wundern, wenn er sich da einen Schaden im Kopf geholt hätte. Während andere Fahrer immer für weniger Ladung dankbar waren, nahm er alles mit, was er kriegen konnte, vor allem Paletten. Und wenn man ihn darauf ansprach, dass er ja auch früher bei Frau und Kind sein könnte, fragte er, was er denn so früh zuhause solle. Seine Frau (ebenfalls Fahrerin) sei daran gewöhnt, dass er erst abends zurückkehre und frage ihn sonst, wo er denn jetzt schon herkomme. Zur künstlichen Verlängerung des Arbeitstages ging er mehrfach am Tag Kaffee trinken oder stellte sich am Nachmittag auch schon mal eine Stunde auf einen Parkplatz. Und dann stand er jeden Morgen um Drei auf, war spätestens um halb Fünf im Depot und hielt dort paradoxerweise noch ein Nickerchen, bis die “normalen” Leute um Fünf eintrafen.

Es hieß dann also, Kelvin sei firmenintern nach Koblenz gewechselt (und der Kurde erhielt fürs erste den Kofferwagen, den Kelvin bislang gefahren hatte). Aber zwei Wochen später verbreitete sich das Gerücht, er habe dort seine neue Tour nicht gebacken bekommen und sei gänzlich gekündigt worden. Als der Kurde neulich bei ihm war, um die Kelvin überlassene Tankkarte abzuholen, sagte der nur, wenn man so einen verständnislosen Chef habe (er meine den Chef vom Depot, nicht den Herrn Jakob), bleibe einem gar nichts anderes übrig, als Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten, und führte das leider nicht weiter aus. Allerdings ließ er sich vom Kurden den Personalausweis zeigen und eine peinlich detailgenaue Quittung ausfüllen, in der er die Übergabe der Tankkarte bestätigte. Der war wegen dieser paranoiden Haarspalterei jedenfalls “oberstinkesauer”, wie es Barney Geröllheimer einmal angesichts einer laut probenden skandinavischen Band ausgedrückt hatte.

Und das war nicht alles, was man an seltsamen Dingen aus Koblenz hört: Plötzlich tauchte am 19. September Kalaschnikows Fahrzeug in unserer Halle auf, nur von Kalaschnikow keine Spur. Stattdessen fuhr nun dfer Kurde damit. Kalaschnikow habe sich krank gemeldet und es sehe so aus, als wolle er ganz aussteigen.

Sind denn in Koblenz alle bekloppt? Ist in Koblenz vielleicht einfach der Stress höher? Immerhin handelt es sich um ein mehrfach größeres Depot mit einem viel längeren Paketband, an dem allein ein Dutzend Aufleger arbeiten und ca. 60 Fahrzeuge unserer Firma stationiert sind. Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir eine möglicherweise nebensächliche Anekdote ein, die unser Lagerist Mirko (Name geändert) über das Familienfest unserer Distributionsgruppe (das heißt alle Angestellten aus Koblenz und Trier) erzählt hat, als ich ihn am Montag danach fragte, wie es denn gelaufen sei (ich hatte an dem Tag bereits eine familiäre Einladung, der ich folgen musste):
“Am Trierer Tisch war total Gröhl und Party, und die Koblenzer, die saßen nur ganz still und ruhig da.” (Und das viel kleinere Trierer Team habe bereits in der ersten Nachmittagshälfte den größten Teil der bereitgestellten Cocktails gesoffen, noch bevor das Fest richtig angefangen hatte.)

Ich fühle mich versucht, aus dieser Anekdote Rückschlüsse auf das jeweilige Betriebsklima zu ziehen, und das Sammelsurium an Faktoren, die das emotionale Klima in einer Firma beeinflussen, kennt jeder zumindest implizit, der Vollzeit irgendwo arbeitet. Wie man meinen Einträgen entnehmen kann, halte ich die Stimmung in Trier für sehr gut. Natürlich haben auch mal Leute einen schlechten Tag, und wenn eine Serie zu dicht aufgelegter, großer, oder schwerer Pakete für den selben Fahrer auf einmal anrollt, dann vergeht dem auch schon mal der Spaß, aber allgemein kann ich mich nicht beschweren – und ich bin jemand, an dem eine schlechte Atmosphäre nicht einfach abprallt. Ich mache diese Arbeit gern, und das liegt nicht nur an der Arbeit an sich, sondern auch an den Leuten, die ich dort treffe.

Aus dem Grund habe ich übrigens beschlossen, den Versuch zu unternehmen, aus den Kollegen dort eine neue Spielgruppe aufzuziehen, mit denen man sich einmal im Monat zusammensetzen und “BANG!” oder “Battle Star Galactica” oder sonst was spielen kann. Prinzipielles Interesse haben bereits welche bekundet, was ja nie viel heißt. Von daher suche ich mir einen größeren Kreis von Interessierte und hoffe, dass sich ein Kern von Stammspielern ergibt. Aber das wird sich noch zeigen müssen.

Mike sagt übrigens, ich müsse öfter mal „Nein“ sagen – da ich wenige Pakete im Auto habe, erkläre ich mich oft bereit, Pakete für die Fahrer zu übernehmen, die ihre Autos voll haben. Ich müsse aber den Zeitfaktor besser im Auge haben: Ich fahre weniger Pakete, aber fast dreimal so viele Kilometer. Die vollen Autos sind um zwei Uhr Nachmittags leer und die Fahrer liegen auf der Couch, ich habe meinen letzten Kunden, wenn’s gut läuft, um Vier und muss dann noch etwa eine Stunde fahren, bis ich zuhause bin. Ich sollte Hilfe also nur noch dann zusagen, wenn der Betroffene nicht alles ins Auto bekommt.

Wenn ich schon von “den Leuten” spreche, dann komme ich zum Schluss noch zu neueren personellen Entwicklungen.
Zunächst einmal wurde der Kurde von Peter auf Gefahrgutlehrgang nach Köln geschickt, zwei Wochenenden. Ausgerechnet der, der für so viele Schäde, Strafen und Bußgelder verantwortlich ist? Meine Freundin meinte schon spöttelnd, dass es sich dabei vielleicht um eine ausgeklügelte Intrige handele, den Kurden loszuwerden: Der Dozent in Köln sei dafür bekannt, sehr streng zu sein und Kursteilnehmer, die unpünktlich zum Unterricht erschienen, aus dem Lehrgang zu werfen, und die Disziplin unseres kurdischen Kollegen ist ja nun mal keine. Ich halte Peter allerdings nicht für diese Art von Mensch, von daher glaube ich eher, dass er ihn durch Übergabe von Verantwortung zu erziehen versucht. Ebenfalls ein interessanter militärischer Grundsatz: Wenn ein Rekrut rebellisch oder sonst irgendwie quer kommt, mach ihn zum Stubenältesten oder gib ihm sonst eine Verantwortung. Das hat schon bei manchen Leuten Wunder bewirkt.
Und, man höre und staune, der Kurde war unter den zwei Dritteln der Teilnehmer, die den Kurs tatsächlich bestanden haben. Jetzt warten wir darauf, dass er einen ausgibt.

Des weiteren ziehts sich die Beantragung der Mittel für einen C/E Führerschein beim Arbeitsamt in die Länge. Mein ursprünglicher Vermittler ist nicht mehr für mich zuständig, weil ich nicht arbeitslos mit Hartz-IV Bezug bin. Er verwies mich an eine Fau Cornell, die für Arbeitssuchende ohne Leistungsbezug zuständig ist, aber auch die musste mich nach einem fünf Minuten dauernden Informationsgespräch unverrichteter Dinge wieder gehen lassen, weil ich mich zwar arbeitssuchend gemeldet habe, aber immer noch in Arbeit sei. Sie verwies mich an ein Programm mit der Bezeichnung “Wegebau”, wo sich allerdings nicht der von Arbeitslosigkeit bedrohte Arbeitnehmer, sondern dessen Noch-Arbeitgeber melden müsse, um eine arbeitsplatzerhaltende Maßnahme für den Arbeitnehmer zu beantragen. Ich gab die entsprechenden Daten an Peter weiter und harre nun der Dinge, die da kommen.

Peter braucht nun aber einen LKW-Fahrer ab dem 1. Oktober und hatte sich noch nicht wirklich um einen Ersatz für den leider gegangenen Sascha gekümmert. Ich hielt also Rücksprache mit jemandem, der einen C-Führerschein hat, sprach die Sache mit Peter ab, und erreichte somit, dass Puck ab Anfang Oktober das Einführungspraktikum bei Transoflex macht.
Ich hatte gar nicht darauf zu hoffen gewagt, dass Puck zusagen würde, und die sehr wenigen Leute, denen ich vor diesem Eintrag davon erzählt habe, wollten es kaum glauben. Ich freue mich selbst, dass er sich dazu entschlossen hat und hoffe, dass er den Job und damit mehr Perspektive und Struktur (und Einkommen) in seinem Leben erhält.

24. September 2011

Gaytal Kamikaze (Teil 1)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 19:22

Gaytal Kamikaze – so soll also die Fortsetzung von “King of Kylltal” heißen. Warum dieses?
Der etwa 25 km lange Gaybach, der eben durch das Gaytal fließt und in dessen Umgebung es sowohl eine Gaymühle als auch einen Gaytalpark gibt, ist eigentlich ziemlich unbedeutend für meine Tour, da ich ihn einmal am Tag gerade mal überquere, anstatt daran entlang zu fahren, wie das bei der Kyll der Fall war. Ich muss aber zugeben, dass mich der Name des Gewässers amüsiert. Es sieht halt im wahrsten Sinne des Wortes “schwul” aus, hat damit aber nichts zu tun: Der Name des Bachs leitet sich aus einem alten Wort für “gegen” ab, und man könnte die dialektale Ausdrücksweise “gejen” oder auch das englische “against” vergleichen, um den Zusammenhang andeutungsweise zu erkennen.
Was den Kamikaze betrifft: Das ist die Aufschrift eines kleinen Spaßwarnschilds, das ich letzten Monat in Gerolstein gekauft und an das Fenster meiner Hecktür geheftet habe. Kurven driften mit einem Sprinter ist mindestens ungewöhnlich zu nennen, und wenn es charakterbildend ist, Dinge zu tun, die einem Angst machen, dann habe ich eine Menge Charakter.

Eine weitere Idee für einen neuen Titel meiner Serie im Bereich “Arbeitswelt” war “Schneller und Schneller”, in Anlehnung an “Höher und Höher” (engl. “Higher for Hire”), die Transportfirma, in der Balu der Bär für Rebecca Cunningham in der Serie “Käpt’n Balu und seine tollkühne Crew” (engl. “Tailspin”) arbeitet. Der fröhliche Winzer (der Wittlich-Fahrer) ist nämlich dazu übergegangen, mich “Balu” zu nennen, und ein paar Leute am Band machen mit. Nicht wegen meiner Körperfülle, die ich auch früher nicht hatte, sondern wegen meiner Behaarung, die nun mal aus dem Kragen meines T-Shirts herausschaut. Ich habe nichts dagegen, dass er das tut, und ich bin ja auch nicht der einzige, der von ihm mit dieser harmlosen Art von Humor bedacht wird. Die Bezeichnung “Felix” für den Moseltalfahrer stammt ebenfalls von ihm, was lustig ist, weil “Felix” ja “der Glückliche” heißt, und der so Genannte ist gerade der Typ, der gern betont, dass er keinen Bock hat und den halben Tag am Maulen ist:
“Mike, ich hab ein Riesenproblem.”
“Ja? Was ist denn?”
“Mein Radio ist kaputt.”
“?!?”
Der fröhliche Winzer kam allerdings rein spontan darauf und machte nicht den Eindruck, als sei er sich der Bedeutung des Namens bewusst. Er ist einer von den Leuten, die spontan Sprüche klopfen können, ohne groß drüber nachdenken zu müssen.
“Kurde, Du Flitzpiepe! Räum Deinen Scheiß vom Band!”
“Ey, ich hetz die Jungs vom Band auf Dich!”
“Dann müssen aber Maschinen kommen, keine Ersatzteile!”
Dabei ist unser Winzer mit 21 der zweitjüngste Fahrer und dünn wie ein Bleistift, über dessen “Stixibeine” ich ebenfalls gern Witze mache.
In meiner vielleicht verzerrten Vorstellung von Spaß kann ich festhalten, dass der plappernde Winzer die Arbeit am Band morgens viel angenehmer gestaltet. Wenn der die Klappe hält, ist er krank.

Ich bin am Morgen dazu übergegangen, eine Gewohnheit aus post-japanischen Studententagen wieder aufzugreifen: Ich unterschreibe die Frachtpapiere nicht mehr nur, sondern drücke auch meinen Stempel mit dem Aufdruck “Kurozamurai” drauf. Lily (Name geändert) im Büro findet den Stempel so toll, dass sie mich fragte, ob ich ihr auch einen besorgen könne – da werde ich mal rumfragen müssen, und zuerst muss die Designfrage geklärt werden.
Denn zum einen kann man ja einen Namen schlicht in Katakana übertragen, was ich persönlich für langweilig halte. Dann könnte man die Silbenlaute des Namens in Kanji umsetzen und ihm so eine irgendwie geartete Bedeutung geben. Oder aber man könnte das deutsche Wort nehmen, das eine Pflanze beschreibt, und das sinojapanische Zeichen für diese Pflanze verwenden. Ich muss mich mit ihr diesbezüglich noch kurzschließen.

Die Neuordnung der Zustellungsgebiete brachte nicht nur Kalaschnikow, sondern auch Kurt (Name geändert) nach Koblenz – habe ich den einmal erwähnt? Kurt ist ein selbständiger Subunternehmer der Jakob Transporte, 72 Jahre alt, mit festem Händedruck und so fit, dass ich ihn niemals für Anfang 70 gehalten hätte. Er war zuständig für die so genannten Frühdienste, also quasi Superexpresse, die um acht bzw. zehn Uhr zugestellt sein müssen. Sein Weggang hatte zur Folge, dass Peter selbst diese Frühdienste im Bereich um Trier fahren muss.
Peter hatte sich im August als Subunternehmer selbständig gemacht und von Herrn Jakob die Aufsicht über die Trierer Fahrer erhalten. In der Zeit, das heißt in dem Monat vor der Reorganisation, disponierte Mike allein in Trier und Peter arbeitete von zuhause am Computer aus. Allerdings senkte seine Nichtanwesenheit die Moral. Manche Leute witzelten bitter, Peter “spiele Chef” und werde das Unternehmen binnen Jahresfrist an die Wand fahren. Seit Peter aber morgens wegen der Frühdienste im Depot sein muss und somit jeden Tag gesehen wird, hat sich die Moral wieder gehoben und die Witze sind verstummt – man sollte nicht glauben, was es ausmacht, wenn der Chef selbst “mit dazu gehört”. (Das heißt, man könnte es wissen, aber dazu bedarf es einer tiefer gehenden Kenntnis der psychologischen Aspekte guter Menschenführung aus dem umfassenden Gebiet militärischer Geschichte.)

Seine Übernahme brachte uns nicht nur die Samstagsdienste, Peter hat sich außerdem zum Ziel gemacht, das effizienteste (Transoflex-) Lieferteam Deutschlands zu werden, und auf die Mittel zum Zweck brachte ihn sein Bruder. Den hatte ich vor Wochen mal kurz in Plaidt gesehen und es blieb damals mangels Gelegenheit bei einer freundlichen Begrüßungsformel. Als dann vor zwei Wochen Not am Mann war, war der Bruder mit in Trier und übernahm eine Tour. Bei der Gelegenheit spendierte er Wurst- und Käsebrötchen für alle und sagte, wenn er schonmal da sei, dann könne er das ruhig machen. Außerdem kam er gleich auf mich zu und begrüßte mich mit meinem Namen, und das hat mich beeindruckt. Ich kann mir nicht die Namen von Leuten merken, die ich vor ein paar Wochen nur mal kurz gesehen habe.
Peter hatte daraufhin jedenfalls folgende Idee: Jede Woche, in der die Auslieferquote im grünen Bereich bleibt, würde er montags belegte Brötchen ausgeben. Ich fand die Idee klasse, meldete aber Bedenken wegen der Erfolgsmessung an. Denn schließlich gibt es bei der Auslieferungsquote mehr Faktoren, die außerhalb der Macht des Lieferfahrers liegen, als solche, die er kontrollieren kann.
Grundlegend muss man dabei wissen, dass die Firma eine Vertragsstrafe zahlen muss, wenn alle Fahrer im Wochenschnitt mehr als 1,6 Prozent der geladenen Pakete wieder mitbringen. Da ich vielleicht mal 120 Pakete am Tag fahre, kann man sich ja ausrechnen, wie viele ich am Ende der Tour straffrei noch im Auto haben darf. Man sollte unter diesem Gesichtspunkt also Verständnis dafür haben, wenn hin und wieder einer klingelt und fragt, ob man ein Paket für den Nachbarn annehmen könne, und ich weiß jetzt, warum manche Fahrer die halbe Straße abklappern – das liegt nicht daran, dass die Leute zu bequem sind, um am Tag danach nochmal zu kommen.

Nein, die Einflussmöglichkeiten des Fahrers auf die Lieferstatistik sind aus meiner Sicht der Dinge recht gering: Wenn der Kunde nicht da ist, weil er arbeitet oder vielleicht auch in Urlaub gefahren ist, ist das ja nicht die Schuld des Fahrers. Ebenso wenig kann der Fahrer dafür, wenn auch die Nachbarn nicht da sind, um ein Paket anzunehmen, oder wenn der Empfänger so unbeliebt ist, dass niemand für sein Paket unterschreiben will. Ganz vorbei ist es bei Sendungen mit großen, schweren, oder zahlreichen Paketen, oder bei solchen, die Nachnahme kosten. Der Fahrer kann nur darauf achten, dass er innerhalb der Geschäftszeiten zum Kunden kommt und dass er bei den Nachbarn klingelt.

Peter zeigte mir allerdings auf, dass nicht wenige Lieferanten nicht einmal den Versuch machten, beim Nachbarn zu klingeln, und dass die Lieferstatistik seit seiner Ankündigung spürbar besser geworden sei: Der Stand sei innerhalb der beiden Wochen auf ein Rekordtief von 1,49 Prozent gesunken – und das bislang beste Depot Deutschlands komme auf 1,35 Prozent.
Meinen Vorschlag, die monatlich anfallenden Vertragsstrafen für vergessene Lieferscheine, zu spät gelieferte Expresse und andere Regelverstöße als Maß zu nehmen, fasste er aber auch positiv auf und sagte, er werde sich überlegen, ob er bei Einhaltung einer gewissen Disziplin in dem Bereich nicht vielleicht einen Betriebsausflug sponsern werde.
Zum Vergleich: Im Monat August habe ich Vertragsstrafen in Höhe von zweimal fünf, also 10 E verursacht – fünf für einen verspäteten 12 Uhr Express und fünf für eine nicht eingereichte Nachquittung (der Touchscreen des Scanners hatte die Unterschrift nicht voll erfasst und nur einen kleinen Strich gesendet, und der Kunde war am Tag danach in Urlaub gefahren, womit ich letztendlich die Frist von einer Woche überschritt.) Der Kurde dagegen, unser Spezialist für Fahrzeugschäden und Ersatzforderungen, war, ich weiß nicht, wie, auf 190 E gekommen und war auch der einzige Fahrer im dreistelligen Bereich.

Bei den neuen Einsatzgebietsgrenzen gibt es generelle, man könnte sagen “strategische” Unstimmigkeiten, weil die verantwortliche Person weder Ahnung von der Gegend noch einen Blick auf die Landkarte bemüht haben kann. Oberkail zum Beispiel liegt zwischen Spangdahlem und Kyllburg (wenn man nicht die Autobahn nimmt), gehört wegen seiner Postleitzahl aber nicht zu unserem Zustellungegebiet. Arzfeld wiederum befindet sich zwischen Waxweiler und Daleiden, ich fahre fast jeden Tag durch, gehört aber auch nicht zum Zustellungsgebiet. Und Neidenbach ragt nördlich von Kyllburg wie eine Nadel aus unserem Gebiet heraus, wurde uns, wegen der Postleitzahl, aber zugeteilt. Mir scheint, in Anlehnung an ein Zitat vom alten Bismarck, dass Management und Effizienz zu wichtige Angelegenheiten sind, um sie allein den BWLern zu überlassen.

Was meine individuelle Tour anbelangt, ist es bislang noch so, dass ich den südlichsten Teil meines alten Gebiets von Zemmer bis Spangdahlem oder Kyllburg abfahre, dann durchquere ich Jagars Gebiet um Bitburg, um in die Westeifel zu gelangen. Eindeutig ineffizient. Da wunderte es mich wenig, dass Mike vor ein paar Tagen ankündigte, dass es eine weitere Verschiebung geben werde: Der Kurde übernimmt den Rest meines alten Gebiets, dafür erhalte ich alles westlich von Bitburg. Das löst hoffentlich das “Problem Bettingen”, ein kleines Nest, das mitten drin liegt und in keine Rundtour so richtig gut einzubinden ist, nach Bettingen zu fahren bedeutet immer einen Umweg, der mich 20 bis 30 Minuten Zeit kostet.

In Bettingen, beim Abbiegen in die Bartzengasse, habe ich auch meinen ersten Kratzer ins Auto gefahren. Vom Berg oben kommend, habe ich das Gefälle und die Enge der Kurve unterschätzt. Nicht einmal der phänomenale Wendekreis des Sprinters ist eng genug, um selbst bei langsamer Fahrt diese Kurve ohne Kurbeln zu nehmen. Nein, ich war nicht zu schnell, aber hätte ich den Sprinter nicht sanft gegen die Mauer gesetzt, hätte ich nicht mehr die paar Zentimeter zurücksetzen können, die fehlten, um die Kurve zu schaffen. Bei dem Gefälle wäre das Auto nach dem Lösen der Bremse erst mal einen halben Meter nach vorn gerollt und unsanft gegen die Mauer gestoßen, denn die Handbremse hält so gut wie gar nichts. Das Ergebnis war halt ein relativ kleiner Kratzer und eine Eindellung des Blechs unterhalb des linken Scheinwerfers. Höher hätte die Mauer nicht sein dürfen, sonst hätte es wohl zumindest das Außenglas des Scheinwerfers gekostet. Ich habe mir daher angewöhnt, in einer Garageneinfahrt weiter oben zu wenden, sofern ich von dort komme, bis zur Kurve rückwärts zu fahren und gerade nach vorn in die genannte Gasse einzubiegen.

Einen zweiten Kratzer habe ich mir übrigens in Neuerburg geholt. Wieder mal eine enge Gasse, wo das Wenden nur quer, unter Zuhilfenahme zweier versetzter Garageneinfahrten, möglich war. Da der Platz hinten sehr knapp war, konzentrierte ich mich zu sehr auf den Rückspiegel, verpasste beim Rückwärtsfahren einen entscheidenden Blick nach vorn und nahm mit dem Kotflügel eine Hausecke mit. Der Schaden ist auch hier nicht groß, aber Geld kosten wird es trotzdem. Werkstatttermin wegen Schäden, Reifen, Bremsen und möglicherweise Auspuffrohr ist am 01. Oktober nach meiner Samstagsfahrt – und das wird den Mechanikern nicht schmecken, die eigentlich um 13 Uhr Feierabend machen wollen – da komme ich erst an.

17. September 2011

King of Kylltal (Teil 12 und Ende)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 11:55

Letzer Montag im August: Kalaschnikow hatte noch immer Krankenschein wegen einer Lungenentzündung, high on antibiotics. Das bedeutete, dass entgegen der Regel, dass Montage ruhig verlaufen, die Paketladung dreier Einsatzgebiete auf zwei verteilt werden musste und aus irgendeinem Grund war die Versandmenge spürbar höher als gewöhnlich.
Die LKWs waren überlastet, was mir eine Palette für Gerolstein bescherte, die allein 540 kg wog, und in Landscheid hatte jemand ein Dutzend Pakete bestellt, die jeweils über 10 Kilo wogen und ein Einzelvolumen von etwa 50 x 50 x 20 cm hatten. Und die passten am Ende nicht mehr rein, zwei mussten draußen bleiben, und darüber hinaus standen da noch die Sendungen für Zemmer und Orenhofen. Also Landscheid raus und Zemmer und Orenhofen rein, Landscheid musste dann doch der LKW fahren. Allerdings war eines der Landscheider hinter die Palette gefallen und unmöglich wieder rauszukriegen, ohne die Palette wieder zu entladen, das würde ich dann am Folgetag per ABL (das heißt per Unterschrift auf altmodischem Papier) zustellen. Der Sprinter war mit mehr als 1500 kg Zuladung überladen, das Trittbrett hinten hing noch knapp über meinem Knöchel.

Dann rief mich der Depotchef noch zu sich. Was ich über eine Zustellung für einen Elektroladen in Niederkail wisse, der Kunde habe sich darüber beschwert, dass ich nun schon die zweite Alternativzustellung getätigt hätte, obwohl er doch zuhause gewesen sei. Zum Glück war der Fall mir gegenüber bereits durch Nachbarn des Kunden geklärt worden.
Der Empfänger heißt Quade, und für mich liest sich das spontan englisch, also [kweid]. Der Laden findet sich in der Brückenstraße 5, die Brückenstraße geht nahtlos in die Karl-Kaufmann-Straße über und die Brückenstraße 5 befindet sich verwirrenderweise am Anfang der Straße – jeder hätte das Haus also erstmal für die Nummer 1 gehalten und nach dem dritten Haus links Ausschau gehalten.
Fährt man die Straße entlang, ist das dritte Haus tatsächlich die Nummer 5 – aber die Karl-Kaufmann-Straße 5. Dort befindet sich kein Name an allen drei Klingeln, und auf den Paketlabels steht in keiner Silbe etwas von einem Elektrofachgeschäft geschrieben, sondern nur der Name des Empfängers, was perfekt nach einem Privatkunden aussieht. Als ich bei einer jungen Nachbarin klingelte, um die Pakete loszuwerden, sagte die “Ach, für den Keith? Das nehm ich an.” Meine Vorstellung vom amerikanischen Empfänger wurde also zweifelsfrei bestätigt – scheinbar.

Seltsam wurde es ein paar Tage später, als die selbe Adresse zwei Fernseher erhielt, aber ich hatte ja keinen Grund, an der bisherigen Sachlage zu zweifeln.
Die Fernseher gab ich bei einer anderen Nachbarin ab, die nach meiner Weiterfahrt die Adresse noch einmal überprüfte. Sie bemerkte den Fehler und wies mich tags drauf darauf hin, als ich rein zufällig ein Paket für ihre Schwester hatte und gegenüber hielt. Der eigentliche Empfänger der Fernseher beschwerte sich beim Depot und heißt nicht [kweid] sondern ['kwade]. Die Sache war also bereits geklärt und ich konnte dem Chef versichern, dass sich das Missverständnis nicht wiederholen werde.

Die Reorganisation der Einsatzgebiete brachte nicht nur die erwarteten Probleme mit sich. Umgestellt wurde nicht mitten in der Woche am 1. September, sondern erst am ersten Montag im September. Bis dahin durfte ich noch einmal nach Kirchweiler fahren, wo die Kundin noch immer verschnupft war, weil Peter seine Notiz der Zahlenkombination ihrer Garage unauffindbar verlegt hatte. Diese Art von Schlamperei begeistert natürlich niemanden, aber man kann auch übertreiben.
Als der Fall neu war, bat ich sie um die Zahl, aber sie war zu dem Zeitpunkt sehr verärgert und “auf dem Sprung”, sagte, dass sie keine Lust habe, mir diese Information jetzt zu geben, stieg in ihr Auto und fuhr davon. Danach war Kelvin einmal dort, und wie man hört, hat er ihr bei der Gelegenheit wegen ihrer nachtragenden Art so deutlich die Meinung gegeigt, dass er zum Chef zitiert wurde und sich einen Verweis einfing. Immerhin erzählte er aber in der Folgezeit, dass die Frau ihn mit ausgesuchter Freundlichkeit behandele.

Anders bei mir. Bei der nächsten Gelegenheit hatte ich 14 Pakete und sie war nicht zuhause. Dennoch erklärte sich eine Nachbarin bereit, die Sendung anzunehmen und ich warf der Kundin eine Mitteilung in den Briefkasten, in der ich sie höflich bat, mir die Geheimzahl per SMS schicken oder mich anzurufen. Und dann war ich eben in meiner letzten Woche Kylltal/Gerolstein noch einmal dort, mittwochs, und sie hatte sich nicht gemeldet – das stank sogar mir gewaltig, denn ich konnte am allerwenigsten dafür, dass sie zuhause bleiben musste, um Lieferungen entgegenzunehmen.
Sie war zuhause, zum Glück, guckte mich beim Öffnen der Tür an wie ein schmollendes Reh und fragte unter Übergehung der üblichen Begrüßungsformel: “Ich dachte, ich bekäme meine Lieferungen ab diesen Monat von Koblenz aus?” Ich gebe zu, dass ich ihr in diesem Moment am liebsten den Hals umgedreht hätte, versuchte mich aber an einem gewinnenden Lächeln und teilte ihr mit, dass die Änderungen aus organisatorischen Gründen erst ab kommenden Montag eintreten würden.
Und dann kam es, dass freitags noch einmal eine Lieferung für sie kam. Ich sagte Mike, was ich davon hielt, mich noch einmal mit dieser Person abgeben zu müssen, und am Ende fuhr Kelvin die Ladung.

Ärgernis am Rande: Die Empfangstheke am Haupttor der Air Base Spangdahlem bekommt ein neues Telefon. Was ja gut ist, weil diese alte Gurke, die man da bislang verwenden musste, um Kunden anzurufen, sicherlich aus den frühen 80ern stammte – allerdings wurde das alte Telefon entfernt, ohne dass sofort ein neues installiert wurde. Und das bedeutet, dass ich jedes Mal, wenn ich Spangdahlem anfahre, mein eigenes Geld vertelefonieren muss, um meine Pakete loszuwerden, und das kann ja wohl nicht sein. Vielleicht sollte ich auch sagen “müsste”, denn in den allermeisten Fällen der letzten Zeit übernimmt Mike die Basis und ich fahre nur die Adressen im Dorf an, Garber, Penrose, Indelicato, und wie sie alle heißen.

Ich selbst wurde dann am Montag ohne Umschweife ins kalte Wasser gestoßen und bekam eine reduzierte Tourreihenfolge mit knapp über 40 Stopps und Hilfe beim Einladen – dafür bin ich Mike dankbar, aber es änderte nichts daran, dass ich mangels Orts- und Situationskenntnis von Montag bis Donnerstag erst nach 20 Uhr nach Hause kam. Da reichte die Zeit noch für ein schnelles kaltes Essen wie Cornflakes oder zwei belegte Brote, und geduscht habe ich in dem Zeitraum auch nur zweimal, ein feuchter Lappen musste genügen.
Aber ich hatte auch kleine Erfolgserlebnisse: Zwar kam ich am Donnerstag ebenfalls spät nach Hause, aber anders als an den Tagen zuvor waren alle Pakete ausgeliefert, und am Freitag schaffte ich die Heimkehr bereits gegen Sieben Uhr – obwohl ich im Schnitt mehr Pakete fahre, als auf der Gerolsteintour. Und in dieser Jahreszeit zeigt sich ein Vorteil des Überlandfahrers: Mittagessen und Nachmittagssnacks wachsen einem vom Wegrand her fast in den Mund. Die Bäume tragen zentnerweise Äpfel und Birnen. Man muss nur mal kurz anhalten und die Hand ausstrecken und schon ist das Mittagessen gesichert.

Und damit endet die Kylltalserie. Ich habe über eine Fortsetzung, bzw. einen Titel für dieselbe, nachgedacht, bin aber noch zu keinem Ergebnis gekommen. Und weiter schreiben “muss” ich ja, weil gerade ein neues Einsatzgebiet neue Eindrücke vermittelt, die man kommunizieren kann – und darin liegt ja der Zweck dieses Blogs.

10. September 2011

King of Kylltal (Teil 11)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 11:12

Die elf Stunden Schlaf, die ich von Freitag auf Samstag am letzten Augustwochenende gebraucht habe, kamen nicht von irgendwoher, in der Woche war was los.

Am Montag lief das Band an und Kalaschnikow war noch nicht da – was Grund zur Besorgnis gab, denn Kalaschnikow ist nach Kelvin der zweite, der schon vor Fünf ins Depot rollt, und wenn der unpünktlich ist, hat es einen driftigen Grund.
Gegen sechs Uhr kam er dann ans Band gelatscht, noch mit der Warnweste bekleidet, sein Auto war bei Staffelstein mit Keilriemenschaden stehen geblieben, keine Ahnung, wie er nach Trier gekommen ist. Da meine Gerolsteintour montags eh nicht viel fordert, wurde sie zwischen Bitburg und Prüm aufgeteilt, Kelvin fuhr Bitburg und Kalaschnikow mit meinem Auto Prüm, und ich nahm erst mal nur Pakete vom Band. Ich sollte mit Konrad (Name geändert) mitfahren, aber der war nach der Beladung auf einmal verschwunden, also begleite ich die LKW-Tour von Mike: IT-Haus, Softexpress und irgendein Kaff in der Eifel, wo jemand sich per Kleinanzeige im Internet eine Holzspaltmaschine gekauft hatte.

Das Ding wog 340 kg und stand frei auf einer Palette, also ungesichert und unverpackt, was einige Kreativität beim Sichern dieses Ladestücks erforderte, also Abstellung in der hinteren rechten Ecke, Palettenstapel links, Haltestange vorne, und wir rückversicherten uns beim Depotchef, dass bei Schäden der Versender haftet (denn auch wir müssen uns beim Empfang einer Ware vergewissern, dass ein Paket ordentlich verpackt und zumindest äußerlich unversehrt ist).
Der Kunde war auch erstaunt über die “nackte” Maschine, weil ihm der Verkäufer zugesichert hatte, die Maschine werde verpackt. Immerhin hatte er noch 900 E dafür gezahlt, bei einem Neupreis von über 2000 E, da könnte man ja eigentlich etwas Polsterung erwarten.

Zusätzlich nahmen wir einen Keilriemen für Kalaschnikows Sprinter mit, der ja immer noch an der Autobahnauffahrt stand. Ich warf nur einen Blick auf den Keilriemen und sah auch als Laie sofort, dass das Ding nicht neu war. Kalaschnikow würde begeistert sein.

Ein Stück hinter dem Hof des Holzspalters blieben wir am Straßenrand stehen und warteten auf den “Eifeltornado”. Der warf einen ebenso kurzen Blick auf den Keilriemen: “Der ist ja gebraucht!?”
Mike zuckte mit den Schultern. “Musst Dich bei Peter beschweren.”
“Wie lang soll der denn halten?”
“Bis nach Bitburg zum Ersatzteilhändler?”
Wir tauschten an der Stelle nicht nur den Keilriemen aus, sondern auch mich. Ich sollte bis zur Auffahrt Staffelstein mitfahren und beim Wechseln des Riemens helfen. Zuerst mussten wir noch bei Kalaschnikow zuhause vorbeifahren, damit er sein Werkzeug holen kann, und irgendwie kam ich mir vor, als habe man einen Chefarzt zu einem Haustermin gebeten, als ich das Sammelsurium an Hilfsmitteln betrachtete, das da ins Auto wanderte. Nebenbei lernte ich seine Frau und seine beiden Kinder kennen, einen Jungen von vielleicht fünf (“Justin”) und ein Mädchen um die sieben Jahre, die noch nicht wussten, was los war.
“Wir müssen noch nen Keilriemen an meiner Kiste wechseln.”
“Dann hast Du ja Glück, dass Du gute Kollegen hast,” sagte das Mädchen strahlend und ich musste so ein bisschen darüber lächeln, denn das Wort “Kollegen” war mir in dem Alter nicht unbedingt geläufig. Mein Vater erzählte zwar hin und wieder Anekdoten aus Sägewerk und später aus dem Ersatzteillager, aber wenn er von Kollegen sprach, verwendete er individuelle Namen und nicht diese Sammelbezeichnung. Ich denke mal, daraus ableiten zu können, dass Kalaschnikow im Allgemeinen positiv über uns als Kollektiv spricht, und das freut mich schon irgendwie.

Dann fuhren wir nach Staffelstein und im Auto lief eine einzige CD rund, eine eigene Zusammenstellung von deutschsprachigen Liedern, bei denen es um das Transportwesen geht, man könnte auch einfach “Truckerlieder” sagen. Im Gedächtnis geblieben sind mir nur die “120 Schweine nach Beirut” von Mike Krüger, und der Rest verursachte mir immerhin kein Ohrenbluten. Kalaschnikow ist gelernter Kfz-Mechaniker, was zu seiner Zeit wohl noch “Kfz-Instandsetzer” hieß, zu einer Zeit, wo die Ausbildung noch so ziemlich alles mit einbezog, anstatt sich in viele kleinere Spezialisierungen aufzuspalten, und war danach jahrelang im internationalen Fernverkehr gefahren, zwischen Lissabon und Kiew, hauptsächlich Frankreich und Spanien. Den Zöllnern in Spanien brachte er immer Bier von Aldi mit, die darauf total abfuhren und sich schon von weitem freuten, wenn sie seinen Sattelzug heranrollen sahen, was seinen Schmuggel mit Schnaps, Zigaretten und Kaffee erleichterte. Da ich ja “Reiseliteratur” mag, höre ich mir solche Anekdoten natürlich gern an.

Um kurz nach Vier waren wir dann vor Ort und begannen mit der noptwendigen Operation. Zuerst: Neues Warndreieck aufstellen, das alte war plattgefahren worden und seine zersplitterten Einzelteile lagen über knapp hundert Meter verstreut auf dem Seitenstreifen. Der alte Keilriemen sah aus wie ein Bündel schwarzer, gekochter Spaghetti.
Direkt vor dem Keilriemen befindet sich der Ventilator, der wiederum mit einer Plastikschale abgedeckt ist. Man kann diese Plastikschale lockern, aber nicht so ohne weiteres herausnehmen. Immerhin kann man nach dem Lockern der Verkleidung die Hand an die Führungsrollen des Keilriemens heranbringen. Zuerst muss der Spanner fixiert werden, damit der neue Riemen auf die Rollen gelegt werden kann, und nach einigem Hin und Her gelang es, eine große Nuss zu verklemmen. Dann ging er zu meinem Sprinter und sah sich die Gurtführung an, die auf den ersten Blick etwas verwirrend wirkt. Ganz einfach war es wegen der Enge dennoch nicht, und das Vorhaben gelangt auch erst im zweiten Versuch, und da war es bereits Fünf und unsere Hände hatten die Farbe von rosig zu schwarz gewechselt.

“Und? Wie war`s?” fragte Kelvin am anderen Morgen.
“Wir beide hatten schon Spaß,” antwortete Kalaschnikow.
“Ja, Sonne, blauer Himmel… hat nur der Strand gefehlt.”

Ich sprach mit Peter über die Möglichkeit, das Jobcenter einen LKW-Führerschein bezahlen zu lassen, denn DJ wird gegangen und insgesamt braucht unser Laden zwei LKW-Fahrer – denn Mike soll eigentlich als Disponent arbeiten und nicht als Fahrer. Peter wäre es also ganz Recht, wenn ich 7,5 t fahren könnte, weil er weiß, dass ich ein gewissenhafter Fahrer bin, was wohl besser ist, als einen ganz neuen Fahrer einzustellen, dem man ohne seine Eignung wirklich zu kennen gleich das wertvolle Vehikel in die Hand drückt.
Ich meine, LKW-Fahrer haben weit weniger Stress: Die müssen sich nicht am Band die Augen nach Paketen ausglotzen, sondern bekommen ihre Paletten zugeteilt, von denen sie ein Dutzend für eine kleine Handvoll Kunden gemütlich mit Hubwagen in den Laderaum und woanders wieder raus schieben, und zu guter Letzt steht z.B. Elmo, der bei Speicher, also 25 km weit weg, wohnt, zu einer Zeit auf, wo ich bereits das Haus verlassen muss, und dafür kriegt er auch noch ein paar Hundert Kröten mehr – ich will das auch!

Moment mal – DJ “wird gegangen”?
Ja, in der Tat… ich bedauere das natürlich, aber aus rein geschäftlicher Sicht kann ich es nachvollziehen, denn Sascha hat sich in den vergangenen Wochen immer wieder üble Konzentrationsfehler geleistet, wie Abholer zu vergessen, in die völlig falsche Richtung zu fahren, oder das 2500 E teure Rolltor der Halle zu schrotten, weil er es nicht weit genug aufgemacht hat. Jetzt gibt es natürlich Leute, die Witze über ihn machen, was für eine Null er doch sei, aber ich teile diese Meinung nicht. DJ ist an den Wochenenden damit beschäftigt, sein Haus zu renovieren und er kommt an Montagen oft völlig unausgeschlafen ins Depot – ich glaube, der ist schlicht überarbeitet, weil er sich nicht genügend ausruht.

Dienstag und Mittwoch liefen dann gemütlich ohne besondere Vorkommnisse, aber Kalaschnikow kündigte am Mittwoch an, dass er Freitag krank geschrieben sein werde.
“Du nimmst am Freitag mein Auto,” sagte er zu mir.
“Warum das denn?”
“Ich will nicht, dass einer von den Chaoten das fährt… sonst krieg ich am Ende nur noch Ersatzteile wieder.”
Ich will nicht leugnen, dass ich wegen dieser Aussage ein bisschen stolz war – ich erarbeite und pflege ja meinen Ruf, und der ist eigentlich ganz gut, soweit es um meine Verlässlichkeit geht.
Nachdem ich vor wenigen Wochen einen Montag frei hatte, kam ich am Dienstag drauf ins Depot und konnte halt erst dann die Nachnahmekasse bei Milli (Name geändert) im Büro abgeben.
“Ich hab mich gestern gefragt, wo Du bleibst,” sagte sie zu mir, “ich hab mich schon gefragt, ob Du verschlafen hast, dachte mir dann aber, nee, der Dominik verschläft doch nicht.”

Dienstag und Mittwoch also ruhig, aber gegen Ende der Woche legte die Sache zu. Ich bin nicht mehr ganz sicher, was an dem Donnerstag faul war. “Wort und Bild” war’s jedenfalls nicht, stattdessen deckten sich die Zahnärzte in Speicher mit allem möglichen Zeug ein, von Papierhandtüchern bis zum Desinfektionsmitteln, ich hatte ein Dutzend FedEx Pakete und Umschläge für den Luftstützpunkt Spangdahlem, und der “Landesbetrieb für Mobilität Rheinland-Pfalz” in Gerolstein erhielt 29 Pakete mit neuen Aktenordnern. Das Auto war ausnahmsweise voll bis zur Türkante.
Dem enstprechend viel Zeit verschlang Speicher, eine halbe Stunde mehr als üblich. In Spangdahlem musste ich allein 15 Minuten mit Telefonieren verbringen, bis ich alle Empfänger benachrichtigt hatte, und danach wartete ich eine halbe Stunde, um dann nur zwei Pakete losgeworden zu sein, weil da zwar welche am Telefon sagten, sie schickten jemanden ans Tor, aber dann kam keiner (was vorkommt, wenn kein Laufbursche oder auch kein freies Fahrzeug gefunden wird), und mir das mitzuteilen, ist ja leider nur schwer möglich, nachdem ich mal aufgelegt habe.
Um 14:05 Uhr am HIT-Markt in Gerolstein, wo “Warenannahme bis 14 Uhr” an der Tür steht, aber der zuständige Herr L. ist da toleranter als seine Kollegen vom Hagebau gegenüber.

Knapp zwei Stunden später, um zehn vor Vier, kam ich am “Landesbetrieb” an, und fürchtete schon, verschlossene Türen vorzufinden – bei staatlichen Betrieben weiß man ja nie. Ich hatte aber Glück und wurde an den Hintereingang verwiesen.
“Die Frau X. macht Ihnen auf.”
Leider stand da auch bereits ein Sprinter einer Baufirma, die Schönheitsreparaturen im Gebäude ausführte; egal, es ging auch so, und die Frau X. besorgte eine Rollkarre. Ich stürzte mich in den Laderaum, scannte Pakete und stellte die ersten vier auf den Wagen. Während die Angestellte die ins Gebäude fuhr, scannte ich weitere Pakete und stellte sie hinter das Auto, stieg wieder ein uns scannte weiter, in der Annahme, dass Frau X. selbständig die nicht schweren Pakete auf den Rollwagen stellen und ins Lager fahren würde – aber weit gefehlt. Die stand nur stumpfsinnig in der Gegend rum und sah gelangweilt nach Bäumen und Wolken! Ich durfte also regelmäßig meine Arbeit im Wagen unterbrechen, um auszusteigen und auf das Wägelchen zu laden. Als das Scannen dann abgeschlossen war, stapelte sich ein knappes Dutzend Pappkartons noch hinter der Hecktür, von denen ich dann erstmal zwei nahm und sie in der gewohnten Tradition der Arbeitskette Frau X vor die Füße stellte, damit sie sie zwei Schritte weiter auf den Stapel mit den anderen Kisten stellen konnte. Aber als ich mich zum Gehen wandte, um weitere Kisten zu holen, bemerkte sie “Sie könnten sie auch gleich auf den Stapel stellen.” Da schwoll mir der Kamm auf ungeahnte Größe, aber der Gedanke, sie zu erwürgen, kam mir, anders als bei Frau Bohlen vor wenigen Jahren, noch nicht. Da weiß man gleich wieder, was für Leute man mit seinen Steuergeldern bezahlt!

Das schönste kam aber erst zum Schluss. Kurz nach Niederstadtfeld leuchtete die Kraftstoffanzeige auf, das heißt, ich konnte noch mit 50 km Reichweite rechnen und ein Blick auf den Navi zeigte mir die Tankstelle Eifel West in 17 km Entfernung an. Inklusive der Umwege, die ich noch zu fahren hatte, sollte das hinhauen. Vorher ging es nämlich nach Manderscheid, zum Blockhüttenweg. Dabei handelt es sich um eine Reihe von Häusern direkt neben der Hauptstraße, aber versteckt in einem Waldstück direkt unterhalb der Burg. Der Weg ist schmal, links und rechts verblieb mir insgesamt vielleicht noch ein halber Meter, kennt man ja. Aber das machte nicht viel, denn die Straße war zumindest teilweise asphaltiert, weswegen mich auch nicht erschreckte, dass der Weg nach der ersten Hälfte recht steil nach unten abknickte, und der Kunde, der vorletzte des Tages, wohnte natürlich im letzten Haus.

Ich gab die Lieferung ab und wollte wieder fahren – allerdings hatten die Steigung und die feuchte Straße was dagegen. Die Hinterräder fanden keinen Halt und drehten durch, und als ich verbranntes Gummi riechen konnte, gab ich das Unterfangen auf. Ich musste wieder um Hilfe bitten.
Eine internationale Familie präsentierte sich mir. Der Herr des Hauses war Deutscher und stellte sich als Klaus vor; er machte von seinem Äußeren her den Eindruck eines neureichen 68ers, zumindest war das mein erster Eindruck. Seine Frau musste ich für eine Nordwestafrikanerin halten, wegen Hautfarbe, Gesichtszügen und ihrem zum französischen Akzent neigenden Englisch. Von den vier Kindern, von denen mir erzählt wurde, sah ich drei, einen Jungen von vier Jahren, der gemischt, aber klar getrennt, also ohne mitten in einem Satz zu wechseln, Deutsch und Englisch sprach, ein Mädchen von etwa fünf oder sechs Jahren mit dem gleichen linguistischen Phänomen, und eine hübsche junge Frau von 16 oder wenig mehr Jahren, die mir ein Glas kaltes Wasser reichte, an der das rückenfreie T-Shirt und ihr ästhetischer Gang auffällig waren (und damit meine ich nicht sowas wie das fast schon vulgäre Hüftschaukeln vieler Italienerinnen im gleichen Alter, die ich in Rom und Neapel gesehen habe).

Interessant war das ganz klar europäische Aussehen der Kinder, denn der Nachwuchs gemischt-ethnischer Paare, den ich bisher gesehen habe, zeugte bislang immer von der Schwäche europider Gene, die sich z.B. in Sachen Hautfarbe normalerweise den afrikanischen, und bei der Augenform oft den asiatischen Genen unterordnen – für mich ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Geschichte vom weißen Herrenmenschen nur ein Märchen ist, das Wunschdenken einiger Verzweifelter, die in ihrem Dasein als globale Minderheit eine mehr oder minder göttliche Mission zu erkennen glauben und deren Rassismus eigentlich eine Form von Angst ist, von der sie umgebenden Mehrheit geschluckt zu werden. Hier also die Ausnahme, die die Regel bestätigt?

Aber zurück nach Manderscheid. Klaus sagte mir, dass er mit seiner Familie nur zweimal im Jahr für ein paar Wochen hier sei und er daher nicht die Beziehungen habe, um schnell jemanden zu finden, aber er werde mal mit dem Pächter der Burg reden. Nach insgesamt einer halben Stunde kamen zwei weitere junge Frauen die Straße herunter, hinter ihnen zwei Herren um die Fünfzig in einem Unimog mit Stahlseil. Und hoch gings den Berg… von oben rollte ich dann die verbliebenen 200 m rückwärts zur Hauptstraße, bedankte mich, und fuhr Richtung Autobahn.

Aber irgendwie zog das Auto nicht richtig. Konnte das am niedrigen Tankstand liegen? Der sechste Gang hatte überhaupt keine Kraft mehr, mit dem konnte ich auf gerader Strecke gerade noch die Geschwindigkeit halten. Drückte man aufs Gaspedal, hatte man Gefühl, mit angezogener Handbremse zu fahren. Aber auch nach der Füllung des Tanks stellte sich keine Verbesserung ein – stattdessen leuchtete nun die Motorwarnanzeige. Ich rief Peter an und teilte ihm die Lage mit.
“Dann bring das Auto morgen zum Depot, lass es vor der Tür stehen. Ich besorg dann aus Koblenz ein Ersatzauto.”
Zum letzten Kunden in Eisenschmitt bin ich dann erst gar nicht mehr gefahren.

Bis ich dann zuhause war, war es 2015 – ich konnte also noch schnell was essen, duschen und dann ins Bett fallen, und ich dachte mir noch: “Ach, morgen ist Freitag, der wird den heutigen Donnerstag wohl kaum toppen.” Aber der Freitag toppte den Donnerstag.

Freitag Morgen. Kalaschnikow abwesend wegen Krankenschein. Kelvin abwesend, weil er den Ersatzwagen aus Koblenz holen musste. Und der neue Fahrer, den der Kurde vor ein paar Tagen eingeführt hatte, ist auch spontan zuhause geblieben:
“Ich dachte ich spinne… sagt der zu mir, ich geh mal aufs Klo, und schreibt mir ne halbe Stunde später ne SMS, dass er nich mehr kommt.”
Drei Mann weniger am Band, und alle am gleichen Ende – meinem Ende. Mike sprang ein, zusammen holten wir Pakete für die Touren Prüm, Bitburg, Gerolstein, Frühdienst, IT-Haus und Soft-Express vom Band. Wir mussten öfter das Band anhalten, weil wir nicht hinterherkamen. Wir können ja nicht unendlich Pakete am Band stapeln, die müssen auch mal gescannt und grob geordnet werden. So chaotisch war meine Anordnung noch nie. Weiter unten am Band beschwerten sich die anderen lautstark: “Was macht Ihr da oben? Pennt Ihr oder was?” Ist ja ganz klar: Wenn das Band steht, werden auch die nicht fertig, und auch die haben ihre Expresse, die sie schaffen müssen. Wir taten, was wir konnten, aber zwei Mann für fünf Touren sind zu wenig. Wir riefen Elmo ans Band, aber der war keine große Hilfe, weil er keine Erfahrung damit hat, vorbeirollende Pakete blitzschnell nach ihrer Postleitzahl zu untersuchen, und er kennt die Postleitzahlen auch nicht auswendig. “Mann, da wird einem ja schwindlig von!” sagt er nach 15 Minuten. Ich lache ihn aus: Das Band ist Gewöhnungssache, mir kommt es weitaus weniger schnell vor als noch vor zwei Monaten. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es sinnvoller gewesen wäre, ihn das Zeug für die LKW-Touren scannen und stapeln zu lassen, aber scheinbar kam in dem Moment keiner drauf.

Kelvin kam schließlich dazu und die Sache entspannte sich, kehrte sich gewissermaßen ins Gegenteil: Die Trierer Fahrer hielten nun ihrerseits wegen Überlastung mehrfach das Band an, wir am “Oberlauf” hätten uns beinahe gelangweilt, wenn Kelvin nicht einen Berg von Paketen zu scannen gehabt hätte – über 220 Stück, die weitgehend ungeordnet an seinem und an Jürgens Stellplatz herumlagen. Igor (Name geändert), der Vorarbeiter der Bandaufleger, kam mehrfach mit strafendem Blick zu uns herüber und beobachtete die Trierer Fahrer kritisch.
“Was ist denn los da unten?”
“Ihr legt zu eng auf!”
“Ja ja,” sagte Mike, “ne große Klappe haben sie…”
“… und wenn’s mal stressig wird, fangen sie an zu heulen,” fügte ich grinsend hinzu, denn die meisten Leute am Band würden glänzende Forschungsobjekte für Geschlechterstudien im Bereich Männlichkeitsrituale abgeben, wie lautes Rülpsen, liberaler Umgang mit Kraftausdrücken, zotige Witze und vulgäre Sprache auch gegenüber weiblichen Angestellten, wie
“Kann ich ne Tasse Kaffee haben?”
“Warte, ich hol Dir eine runter.” (vom Regal natürlich)
“Wie? Du holst mir einen runter?”
Auch, wenn sie’s nicht ernst meinen, ist es dennoch sexuelle Belästigung, oder?

Aber wie dem auch sei, wegen des personellen Engpasses dauerte es bis Viertel vor Zehn, bis ich endlich aus dem Depot kam, und ich übernahm meinen “alten” Wagen, mal wieder, von Konrad.
In Speicher “Allgemeine Verkehrskontrolle”, bei einem Paar, das so unterschiedlich daherkam, wie die beiden Tierärztinnen in der Maarstraße: Eine nette und sympathisch wirkende Blondine einerseits, und ihr Kollege, dessen Mundwinkel der Schwerkraft folgten. Die wollten aber zum Glück nur Führerschein und Fahrzeugpapiere sehen und interessierten sich nicht für Gefahrgut oder die Ladung allgemein, kosteten mich also nur zwei oder drei Minuten. Die kaputte Bremsleuchte bemerkten sie nicht. Nichtsdestotrotz rief ich gleich wieder bei Peter an.
“Peter, ich komme mir vor, als ob ich im gleichen Auto wie gestern sitze.”
“Warum das denn?”
“Es ist eine Bremsleuchte kaputt und die Motoranzeige ist auch an.”
“Scheiße…”
Christian hatte nichts davon gesagt, dass diese Warnleuchten an waren, und ich würde mir derlei eigentlich wünschen, wenn man mir ein Auto übergibt – und nicht nur ich.

Mike übernahm an dem Tag zwar Spangdahlem, dafür musste ich hoch bis nach Ormont fahren, wo ich meinen Kunden nach seinem Feierabend nur zufällig antraf, weil er sich spontan dazu entschlossen hatte, an seinem Arbeitsplatz noch zu tanken. Und dann nach Eisenschmitt, wo ich ja am Donnerstag nicht mehr gewesen war.

Ankunft zuhause schließlich um 1915, und da musste ich noch rüber nach Tarforst, weil dort ein Abholer eingetragen war, Empfänger: “VitalAire”, eine Firma, die alles verkauft, was mit Atemgas zu tun hat, also zum Beispiel Sauerstoffflaschen, Atemgeräte, entsprechendes Zubehör und so weiter. Nur hatte sich diese Woche ergeben, dass Abholaufträge doppelt erteilt wurden, dass ich also bei Kunden zum zweiten oder dritten Mal innerhalb weniger Tage klingelte, die dann von nichts wussten. Der Kunde in Tarforst war nicht zuhause, ich warf ihm also einen Zettel ein, mit dem ich ihn bat, sich mit dem Depot in Verbindung zu setzen, falls er keine Abholware hatte.

Aus Kalaschnikows Plan, mir sein Auto zu überlassen, war übrigens nichts geworden, am Ende saß dann doch wieder der Kurde drin – der in der Zeit, die er bei Transoflex arbeitet, bereits ein paar Hundert Euro wegen verursachter Schäden hat löhnen müssen. Ihm ein Auto zu überlassen, und gerade das von Kalaschnikow, ist also ein bisschen wie Russisches Roulette.

Freitag Abend hatten wir dann noch einen Spielabend, während dem auch “Zombie Fluxx” gespielt wurde, aber davon ein ander mal.

14. August 2011

King of Kylltal (Teil 10)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:48

Zurück auf der Straße mit dem Sprinter, den ich zuerst gefahren habe. Kaum, dass ich eine Weile darin sitze, werden meine Lippen trocken und bilden kleine Risse am Übergang zur Gesichtshaut, nicht unbedingt angenehm, gerade, wenn man säurehaltige Getränke wie Orangensaft trinkt.

Ich frage mich, ob mir die geringere Geschwindigkeitstoleranz von nassen Straßen, bzw. nassen Kurven, jemals aufgefallen ist, bevor ich Expresstransporte mit einem solchen Wagen gefahren bin? Das Driften um Kreisel und Kurven ist ja gewissermaßen aufregend, wenn man die Biegung kennt und die Gegenfahrbahn sehen kann, aber manchmal komme ich dem Grundsatz, jeden Tag etwas zu tun, was einem Angst macht, zu nahe.
Zwischen Rodt und Zemmer befindet sich die Einmündung auf die Querstraße zwischen Zemmer und Schleidweiler, und wenn ich von Rodt her komme, muss ich die Vorfahrt beachten. Jetzt kam vor ein paar Tagen ein Sprinter von Schleidweiler her gefahren, der einen kleineren PKW auf einem Anhänger transportierte, während ich auf die Einmündung zufuhr. Ich hielt es wegen der geringen Entfernung für angebrachter, anzuhalten und ich dachte mir noch: “Verdammt, jetzt kann ich mit 80 hinter dem herschleichen!” Ich trat auf die Bremse – und nichts passierte. Mit “Trockengeschwindigkeit” auf nassem Asphalt. Ich rutschte fast ungebremst auf die Vorfahrtsstraße. Ein schneller Blick nach links: Ein Zeitfenster von fünf Sekunden oder so. Steuer rumreißen, Gas durchtreten. Ich schleudere etwa 100° weit um die Kurve und schiebe meine drei Tonnen in Vollbeschleunigung Richtung Zemmer. Blick in den Rückspiegel: Der Abstand zum Hintermann ist nicht bedrohlich geworden. Alles war gut. Zum Glück kam mir der Gedanke, dass bei plötzlich auftauchendem Gegenverkehr von Zemmer her alles aus gewesen sein könnte, erst danach, weil mich die Entscheidungsfindung, wie ich sowohl auf die vorhandene Situation als auch auf die mögliche Situation reagieren sollte, möglicherweise auf unheilvolle Art blockiert hätte. Ich musste unweigerlich an Counterstrike denken, so absurd der Vergleich auch erscheint: Wenn zwei Gegner gleichzeitig auftauchen, einer links und einer rechts im Sichtbereich, geht die erste Salve oft in die leere Mitte. Das möchte ich in der realen Welt nicht unbedingt erleben wollen.

In Gerolstein war vergangene Woche ein ungewöhnliches Packstück abzuholen, und um was es sich jeweils handelt, erfahre ich ja erst vor Ort, weil auf den Abholaufträgen nur steht, wieviel das Packstück wiegt und wie es möglicherweise verpackt ist. Da stand also nun “9 kg” – und es handelte sich um eine Stehleuchte, wie ein Kronleuchter mit Holzbein. Der Besitzer sagte, die Glasteile befänden sich alle in der dicken Plastikverpackung um das Kopfteil, es könne also kein bedeutender Schaden entstehen. Dann ließ er es sich nicht nehmen, die Lampe, etwa zwei Meter hoch, höchstselbst zum Auto zu tragen, und zum Abschluss überreichte er mir zwei Fünf-Euro-Scheine. Ich bedankte mich und sagte, damit sei der Tag gerettet, denn an jenem Tag war auch wieder die Apotheken Umschau geliefert worden und es war schon Viertel vor Sechs.
Ich hatte mir schon überlegt, ob ich angesichts meiner späten Heimkehr nicht auswärts was essen sollte, hatte aber den Plan wegen der Kosten wieder verworfen. Nun war die Lage natürlich eine ganz andere. Ich besah meine verbliebenen Stopps und ordnete sie so an, dass ich an der Videothek der Familie Sarp in Gerolstein zuletzt halten würde. Jene Familie betreibt nämlich in erster Linie ein Pizza/Pasta/Döner Restaurant und ich gönnte mir für die zehn Euro eine große Pizza, und ich bedauerte daran nur, dass ich verpasst hatte, um die Zulage der für mich üblichen Käsemenge zu bitten.

Nach dieser halben Stunde führ ich Richtung Heimat, mit einem Zwischenstopp in Schweich, wo ein Abenddienst abzuliefern war, das war so kurz vor halb Acht. Die Tatsache, warum ich das erwähne, liegt im Nachbarhaus des Kunden begründet. Ich sah die Einfahrt, sah die Treppe, und wurde von einem starken Gefühl von Nostalgie überkommen – ich hatte im Frühsommer 2006 ein Klavier an diese Adresse geliefert. Zum Glück hat sich niemand daran gestoßen, dass ich eine Weile da stand und die Treppe betrachtete, das wäre so manchem sicher unheimlich vorgekommen.

Da ich auch mit Elektro- und Elektronikhändlern zusammentreffe, erfahre ich auch so dies und das über aktuelle Computer- und Unterhaltungsausrüstung. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Monitore heute nicht nur strahlungsarm, sondern oft auch bereits strahlungsfrei daherkommen. Abgesehen davon bekommt man gute Geräte mit 22 Zoll Bildschirm bereits für 150 E. Vor nicht allzu langer Zeit hätte man dafür noch 400 oder mehr hinlegen müssen; der Preiskampf im Elektronikbereich ist sicherlich brutal.
Fernseher kosten natürlich mehr als 150 E, so hieß es, dass ein LED-Fernseher für 800 E zu haben sei. Das ist für mich derzeit völlig unerschwinglich, aber ich war erstaunt, zu hören, dass Geräte dieser Preisklasse bei einem Bildschirmdurchmesser von über einem Meter mit einem Stromverbrauch von weniger als 100 Watt auskommen. Der 102 cm breite Samsung, den ich sah, hatte eine Angabe von 85 Watt. Da war ich ziemlich geplättet, weil ich eigentlich dachte, dass unter 400 Watt nichts gehe.
Aber, sagte ein anderer Kunde, LCD-Fernseher hätten Probleme mit so genanntem “Clouding”, was bedeutet, dass es am Rand des Bildschirms zu einer Aufhellung des Bildes kommen kann, was bei Szenen mit dunklem Hintergrund störend auffällig sein könne, und deswegen habe er sich für LCD statt LED entschieden. LCD-Fernseher einer Größe von über einem Meter Bildfläche verbrauchten etwa 125 Watt – was verglichen mit dem Röhrenfernseher, den ich zuhause habe, immer noch nicht viel ist.

Ich mache schon gern Gedanken über derlei Dinge, aber warum eigentlich? Es ist nicht absehbar, dass ich binnen der kommenden Monate auch nur in die Nähe entsprechender Beträge kommen kann, und als erstes brauche ich eine neue Matratze. Ich visiere 200 E an und hoffe, dass sie fünf Jahre oder so lange hält, bis ich was gutes kaufen kann. Und die Prioritätenliste ist auch dergestalt, dass zuerst der Computermonitor ersetzt wird, und eine Sonnenbrille in meiner Sehstärke wäre auch nicht übel. Letzteres mag sogar dringender sein, denn auch wenn der aktuelle Sommer eigentlich keiner ist, so kommt der nächste Winter doch bestimmt und man sagt, dass es in der Eifel viel schneie. Ich stelle mir das unlustig für meine Augen vor, mehrere Tage hintereinander stundenlang durch schneeweiße Landschaften zu fahren.

Eine ganz abstruse Unterhaltung hatte ich mit einem älteren Herrn in Müllenborn. Für den hatte ich ein kleines Päckchen im Auto von einer Firma, deren Name auf medizinischen Bedarf schließen lässt. Ich klingelte, seine Frau öffnete, ich gab ihr das Päckchen, sie unterschrieb auf dem Scanner, ich wünschte einen schönen Tag und wandte mich zum gehen. Dann kam besagter Herr aus der Garage, der eigentliche Empfänger. Er bat mich, einen Moment zu warten und kam mit einer Brille auf der Nase wieder aus dem Haus. Er besah sich das Päckchen, auf dem der Name des Absenders, also die Firma, die Adresse und sogar eine Telefonnummer aufgedruckt war.
“Das hab ich nicht bestellt, nehmen Sie das bitte wieder mit.”
Ich versuchte ihm klar zu machen, dass ich das nicht dürfe, weil der Empfang bereits durch eine Unterschrift bestätigt worden sei.
Nein, er könne damit nichts anfangen, ich solle es mitnehmen.
Ob er nicht vielleicht erst hineinsehen wolle? Oder vielleicht die angegebene Telefonnummer anrufen wolle (weil es bei älteren Kunden leider vorkommt, dass sie getätigte Bestellungen vergessen)?
“Nein, bitte nehmen Sie das mit, ich will das nicht.”
Na gut, aber er müsse mir das schriftlich geben. Also schrieb er auf einen Notizzettel: “Ware nicht bestellt. Annahme verweigert.” und setzte seinen Namen darunter. Ich fügte später noch die Referenznummer des Pakets hinzu, um die Zuordnung eindeutig zu machen.

Vielleicht kommt mir finanziell eine an sich unangenehme Neuregelung zu Gute. Disponent Peter hat sich als Subunternehmer des Subunternehmers selbständig gemacht und gleich sind ein paar Änderungen eingetreten, eine davon ist die Verteilung der Samstagsdienste auf alle Fahrer, die nun für ihn arbeiten – was an unserem Band alle außer dem Kurden, Kelvin und Kalaschnikow sind. Kalaschnikow wechselt in zwei Wochen nach Koblenz, von daher würde es keinen Sinn machen, ihn in diese Planungen noch einzubinden. Warum allerdings der Kurde und Kelvin nicht auf den Samstagsplänen stehen, weiß ich noch nicht. Zur Erweiterung meines finanziellen Spielraums werde ich den Fahrern anbieten, ihren Wochenenddienst zu übernehmen, sofern sie bereit sind, 30 E zu zahlen – bei einer Arbeitszeit von sechs bis 13 Uhr ist das keinesfalls zu viel verlangt. Das Geld soll in den Pott für die neue Matratze fließen.

Ein weiterer Punkt, der sich verändert, ist die Neuverteilung der Touren. Wie gesagt, wird Kalaschnikow, der “Eifel-Tornado”, nach Koblenz wechseln, und das ist nur eine Nebenerscheinung der Reorganisation: Ab kommenden Monat wird das Gebiet von Koblenz ausstrahlend bis runter nach Kyllburg nicht mehr von Trier aus gefahren. Das bedeutet, dass diese Serie, “King of Kylltal” in wenigen Tagen enden wird. Ich muss mir deswegen aber keinen neuen Job suchen – Mike sagte, ich werde dann eine neue Tour fahren, vermutlich einen Bogen von Zemmer über Speicher und Spangdahlem in das Gebiet nördlich von Bitburg, aber das sei noch nicht sicher.

Also kein Kylltal mehr für mich, und irgendwie bedauere ich diese Veränderung (weswegen ich schon scherzhaft vom “Schwarzen Peter” sprach), denn ich stelle fest, dass einige Kunden nach den Wochen, die ich sie beliefere, so langsam “warm” werden, da kann man sich kurz unterhalten und ein paar Scherze austauschen, es gibt also ein paar Adressen, wo ich ganz gern hinfahre.
Da war ich letztlich bei einem, der eine Palette Zeugs bekam. Hinter diesen Paketen kam dann zum Schluss ein Grill der Marke “Weber” zum Vorschein, der woanders hin sollte.
“Oh!”, sagte der Kunde, “Du hast ja richtig was Edles da! Den hätt ich auch gern.”
Es handelte sich um einen großen Gartengrill mit Deckel, den man mit Holz, Holzkohle und Gas betreiben kann, und ich hatte von der Grillfirma Weber noch nie gehört.
“Ach was, GRILLEN,” erwiderte ich in einem verächtlichen Ton, “wo ich herkomme, nimmt man ein Dreibein mit einem frei schwingenden Grillrost! Den kann sich jeder selber basteln.”
“Wo kommste denn her?”
“Aus’m Saarland.”
“Was!? Du bist’n Saarländer? Mit Dir hab ich zum letzten Mal geredet!”
“Soso, und wo kommst Du her?”
Er nannte mir einen Ortsnamen, den ich nach fünf Sekunden wieder vergessen hatte.
“Wo ist DAS denn?”
“Du kennst doch bestimmt Berlin – der Ort, wo ich herkomme, hat mindestens genauso viel Bedeutung!”
Das war die Stelle, wo sein Geschäftspartner auf den Plan trat und ihn auslachte.
“Du bist’n Dummlaller! Das ist ein Kaff bei Daun, wo’s mehr Kühe wie Menschen gibt!”
“Stimmt gar nicht! Wir haben 35 Einwohner mehr wie Kühe!”

Und dann war da noch ein Frisörsalon, wo ich ein Paket von Wella abgab:
“Wie ist Ihr Name bitte?”
“Thiel.”
“Ah, wie der Bahnwärter.”
“Wer bitte?”
“Ach, das ist nur so’n Buch.”

Das sind halt die Dinge, die ich außer dem Fahren an sich an so einem Job schätze – man trifft verschiedenartige Menschen, mit denen man kommunizieren kann. Ab nächsten Monat werden zwei Drittel davon durch andere ersetzt, aber immerhin habe ich noch Adressen, die ich weiterhin anfahre, wo ich mal eben schnell einen Fernseher oder einen Bildschirm kaufen kann. :-)

13. August 2011

Otaku no Video

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime — 42317 @ 21:33

Es handelt sich hierbei um einen zweiteiligen Anime, der stellenweise durch Interviews unterbrochen wird, in dem es um so genannte Otakus geht. Ich will den Begriff nicht groß definieren, denn es ist schwierig, mit einer wechselvollen Geschichte, und könnte ein ganzes Buch füllen. Stattdessen will ich mich darauf beschränken, einen Otaku als Fan von populärkulturellen Phänomenen verschiedenster Art zu umschreiben, mit der Konnotation, dass sein Hobby auch sein Lebensinhalt ist. Die Beschreibung trifft sicherlich auch auf so manchen kleinbürgerlichen, deutschen Kegelbruder zu, und ich bin nicht der Meinung, dass man den Begriff Otaku eng fassen sollte oder kann, weil die im Fanbereich gängige Definition den Otaku auf japanische Populärkultur festlegt.

Die gezeichneten Teile (mit Charakterdesigns von Sonoda Kenichi) handeln von zwei solchen Otakus. Sie gründen ein Unternehmen, haben einen Riesenerfolg mit dem Verkauf von Modelkits, verlieren durch eine Intrige alles, fangen im Animebereich neu an, kaufen binnen weniger Jahre ihre alte Firma zurück, bauen einen riesigen Vergnügungspark für Otakus, und verlieren wieder alles durch den Anstieg des Meeresspiegels im Zuge der globalen Erwärmung.
Grafik und Animation sind ihrer Zeit angemessen, die Sprechrollen sind gut besetzt, nur leider weist die Geschichte ein paar Lücken auf und das Ende ist sehr interpretationsbedürftig. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Die Interviews dagegen zeigen nämlich echte Leute, die früher Otakus waren oder heute noch welche sind; daneben werden Statistiken eingeblendet, zum Beispiel eine, die aufzeigt, dass Cosplayer, also Menschen, die sich die Kostüme ihrer Lieblingscharaktere schneidern und damit zu Fantreffen gehen, relativ selten, dafür aber “Wiederholungstäter” seien, oder aber, dass so genannte “Science Fiction (SF) Clubs” an Universitäten in den frühen Achtzigern im Schnitt mehr Mitglieder hatten, als andere Clubs.

Ich habe diesen Film schon einmal gesehen, es wird so 1999 gewesen sein, und ich fand ihn damals sehr interessant – interessant genug, um ihn Jahre später auf meine Amazon-Wunschliste zu setzen, und Ricci war so nett, ihn mir zum Geburtstag zu schenken, wofür ich ihr sehr dankbar bin.
Ich denke, dass es wahr ist, dass man in der Regel mit den Jahren kritischer wird. Je älter man ist, desto mehr hat man bereits gesehen, die Vergleichsmöglichkeiten sind vielfältiger, und man wird wählerischer bei dem, worin man seine Freizeit investiert. Ich muss also sagen, dass ich Otaku no Video heute wesentlich kritischer betrachte, als vor über zehn Jahren, und es kommt ja hinzu, dass ich genau das studiert habe, nämlich japanische Populärkultur.

Zum einen ist mir völlig unklar, was der Anime, abgesehen davon, dass es um Fansubkultur geht, mit den Interviews zu tun hat. Der Anime zeigt zwar zwei Menschen, die ihre ganze Energie in ihr Hobby stecken, die aber damit Erfolg haben und nicht nur einen tiefen sozialen Fall überwinden, sondern nachher noch größer dastehen als zuvor. Sie geben nie auf und haben den Willen und die Energie, ihr Leben erfolgreich zu gestalten.
Ganz anders die in den Interviews dargestellten Personen, deren Namen verfälscht, deren Gesichter nicht gezeigt und deren Stimmen zum Großteil verzerrt werden, damit sie in der Öffentlichkeit nicht erkannt werden. Zwei sind als untere Konzernchargen zu erkennen, einer wird als “Verkäufer” bezeichnet, der andere sagt, er programmiere Buchhaltungssoftware, einer ist scheinbar ein Missionar aus den USA, aber die übrigen sind alle im Sumpf der Unterschicht gelandet und stecken geblieben. Diese Leute wirken alle schmuddelig und manisch, und der einzige, der eigentlich ganz normal und nicht unsympathisch wirkt, ist ein Krimineller, der Cels und Skizzen von Produktionsfirmen stiehlt, um sie an Fans zu verkaufen.

Alle interviewten Personen sind negativ dargestellt, von objektiver Berichterstattung keine Spur. Die erste Person, der Verkäufer, beschreibt seine Aktivitäten im SF Club seiner Universität, wie zum Beispiel jeder sein Spezialgebiet hatte, wie man sich ergänzte, zusammen auf Fantreffen ging und feierte und derlei Dinge – wie der Interviewer dann trotz solcher Schilderungen auf die Idee kam, die Frage zu stellen, ob er damals “richtige Freunde” (“Shinyû”) gehabt habe, bleibt völlig schleierhaft, als wolle er ihn mit Gewalt in eine Schublade stopfen. Schließlich sind doch alle Otaku vereinsamte und verwahrloste Sozialkrüppel, oder?
Dass es ganz normale Fans gibt, die vielleicht nicht gern zugeben, dass sie Anime mögen, aber ganz normale Leben mit Familie und Beruf leben, wird völlig ausgeklammert. Stattdessen wird der Eindruck erweckt, bei Fans von Populärkultur handele es sich um irgendwelche Freaks. Dass man nicht noch Miyazaki Tsutomu erwähnt hat, den so genannten Otaku-Mörder, der die gesamte Subkultur in den Dreck zog und den Begriff “Otaku” lange Jahre extrem negativ belastete, ist auch alles, was mich überrascht, denn Otaku no Video entstand Anfang der Neunziger, also nicht allzu viele Jahre nach Miyazakis Untaten.

Ich muss die Echtheit der Interviews allerdings in Zweifel ziehen. Der interviewte Programmierer sagte, er habe in seinem “Audio Club” nur am Rande mit Anime und Cosplay zu tun gehabt, worauf der Interviewer ihn mit einem Fanzine (“Dôjinshi”) und einem eingerahmten Foto konfrontiert, was den Programmierer peinlich berührt und in Erklärungsnot bringt. Was das Bild und das überreichte Comicheft mit dem Angesprochenen zu tun haben, wird weder gezeigt noch gesagt, das heißt, der Zusammenhang bleibt völlig und verdächtig suggestiv der Interpretation des Zuschauers überlassen. Was aber meinen Glauben die Echtheit dieses Interviews im Speziellen quasi ausradiert hat (und mich an den übrigen allgemein zumindest stark zweifeln lässt), war am Ende, dass der Programmierer einen Gundam-Artikel, den Helm von Char Aznable, neben seinem Schreibtisch hervornahm, aufsetzte, und aus der Serie zitierte: “Niemand interessiert sich für die Fehler Deiner Jugend.”

GAINAX, Schöpfer von Evangelion und Fushigi no Umi no Nadia, ein Unternehmen, das von solchen Fans lebt, zeichnet sich mitverantwortlich für dieses Werk – was haben die sich dabei gedacht? Haben sie sich was dabei gedacht? Oder wurde das Material ohne deren Zutun zusammengeschnitten? Handelt es sich hierbei um eine subtil humoristische japanische Art, ein Parodievideo zu vertreiben, und die Lizenznehmer im Westen haben das nur nicht verstanden? Ich weiß es nicht.

Es wäre vermutlich ebenso wenig im Sinne von GAINAX (oder jedes Multimediaproduzenten) gewesen, hätte man die Dinge mit aufgenommen, die ich in dem Video vermisse. Mir fiele eine Reihe von ökonomischen Begleitumständen ein, die man kaum treffender bezeichnen kann, wenn man sagt, dass man in Japan als Fan elektronisch (oder elektrisch) dargebotener Produkte maßlos über den Tisch gezogen wird.
Während man mit einer Vielzahl von Manga zu erschwinglichen Preisen geradezu erschlagen wird, muss der Fan von Anime im Einzelnen und Filmen allgemein geradezu kriminell tief in die Tasche greifen.
Während man hierzulande Animeserien in relativ kostengünstigen Sammelboxen kaufen kann, mit vier, sechs, oder sogar mehr Episoden pro DVD, was zusätzlich Platz im Regal spart, beträgt die in Japan übliche Zahl von Episoden pro Scheibe gerade einmal zwei, und da dann aufklappbare Boxen ein Ding der Unmöglichkeit werden, nimmt eine TV-Serie von nur 52 Episoden einen knappen halben Meter Regalplatz ein.

Aber das ist natürlich nur ein minderes Problem, denn die Hauptbelastung liegt im Preis. Dass das früher bereits so war, erkannte ich 2003 daran, dass es dort keine Leervideokassetten zu kaufen gab, die mehr als 120 Minuten Spielzeit hatten. In Deutschland waren 240 Minuten die Norm, und 120er waren vermutlich ebenso selten wie 300er. Man sieht also, dass auch eine Sammlung von TV-Aufnahmen mit höheren Kosten verbunden war, als bei uns.
Und hier bei uns fällt auch der Preis eines Films auf DVD binnen eines Jahres nach seiner Veröffentlichung in der Regel auf einen Zehner, doch scheint dieses Phänomen in Japan nicht zu existieren. Selbst für ältere Filme, in meinem Fall waren das Sengoku Jieitai (1979) und Sailorfuku to Kikanjû (1981), bezahlt man noch 4000 Yen, anno 2004 etwa 30 E. Die irre Spitze bildete allerdings ein Pornofilm auf Videokassette, den Frisuren nach zu urteilen aus den tiefsten 90ern, den ich in einem Gebrauchtwarenladen für sage und schreibe 16000 Yen, also etwa 120 E, herumstehen sah. Man überlege sich, was das für eine Serie bedeutet, die auf 26 DVDs verteilt wird. Und es ist ja auch nicht so, dass es in Japan gar keine Sammelboxen gäbe: Ich erinnere mal an Attack No. 1, bei uns bekannt als Mila Superstar, für das man in Japan 2003 (bei der Veröffentlichung anlässlich der Volleyballweltmeisterschaft) 750 E hätte hinlegen müssen. Die komplette Serie gibt es in Deutschland auf 12 DVDs für weniger als ein Zehntel dieses Preises. Das bedeutet, dass ein wahrer japanischer Fan entweder viel Geld haben oder alternativ in ärmlichen Verhältnissen leben muss, wenn er seinem Hobby nachgehen will – was wiederum bedeutet, dass die japanische Preispolitik maßgeblich für das schlechte Image der Fans verantwortlich ist.

Und von alldem keine Rede in einem Film, der zumindest vorgeblich das Otaku-Phänomen beleuchten will. Ich komme allerdings zu dem Schluss, dass hier weniger informiert, als eher Vorurteile genährt werden sollen.

7. August 2011

Da Base!

Filed under: Militaria,My Life — 42317 @ 17:27

Am vergangenen Wochenende hat mich mein Schulfreund Andreas besucht, mit dem ich bei diesen seltenen Gelegenheiten normalerweise was essen und ein bisschen spazieren gehe, um aus meinem Gedächtnis irgendwelche möglichst neuen Informationen anderer Schulkameraden zu kramen, weil er sich darum rein gar nicht kümmert und vielleicht auch nur deswegen fragt, weil ihm nichts besseres einfällt.
Wie dem auch sei – wie es der Zufall wollte, hatte die Spangdahlem Air Force Base dieses Wochenende Tag der offenen Tür, “Open House”, also haben wir uns in sein Auto gesetzt und sind dorthin gefahren.

Mit der Sicherheit nahm man es dort natürlich sehr ernst, und der Besucherstrom war beachtlich. Vor dem Einlass eine 100 m lange Warteschlange. Zum Glück kam nach wenigen Minuten ein Soldat, der ansagte, dass Besucher ohne Taschen und Rucksäcke an der Schlange vorbeigehen und gleich zu den Abtastern gehen düften. Die untersuchten jeden Besucher mit einem stangenförmigen Detektor auf metallene Gegenstände, dann durfte man weitergehen und sich in die Warteschlange für den Bus einreihen, denn man durfte sich nicht auf der gesamten Basis frei bewegen, sondern nur auf einem abgesperrten Teil des Flugfelds, wohin man eben mit dem Bus gefahren wurde.

Aber erst mal musste man in den Bus kommen. Mehrere davon fuhren im Dauerbetrieb und dennoch entstanden nicht unerhebliche Wartezeiten – wegen der Sicherheit. Denn nach jeder Fahrt wurde der Bus untersucht, und als ein vergessenes Gepäckstück, eigentlich nur eine weiße Plastiktüte, auftauchte, ging sofort nichts mehr. Niemand durfte die Busse besteigen oder verlassen, das Einlasstor wurde abgeriegelt, und so standen wir erst mal eine halbe Stunde, bis wieder grünes Licht gegeben wurde und der Betrieb weiterlief.

Die Busfahrt zum Flugfeld dauerte ein paar Minuten, weil es sich um ein großräumiges Areal handelt. Aus dem Fenster heraus konnte man erst den Wohnbereich, danach fast leere Löschwasserteiche am Rand des Flugfelds, und dann die Fressbuden auf dem Flugfeld selbst sehen. Da man zur Haltestelle an der Rückseite der Buden vorbeifuhr, konnte man gut sehen, was da angeboten wurde, und große Grillsteaks erweckten meine Aufmerksamkeit.
Aus dem Bus ausgestiegen, sahen wir uns kurz um und stellten sofort zwei Dinge fest. Erstens hielt sich die Ausstellung sehr in Grenzen und zweitens war die Schlange der Leute, die auf den Bus zur Ausfahrt warteten, um ein mehrfaches länger, als am Eingang. Wie wir später merkten, hing das damit zusammen, dass es zwei Eingänge gab, einen am Haupttor und einen auf der gegenüberliegenden Seite Richtung Binsfeld.

Die Fahrzeuge wollte ich erst einmal ignorieren, denn schließlich waren wir ja zu Gast bei der Luftwaffe, und ich machte ein paar Bilder von den geparkten Flugzeugen.

Joint Strike Fighter

Die Oberfläche des Joint Strike Fighters ist übrigens ganz glatt und scheint aus Plastik zu bestehen, im Gegensatz zu den zumindest noch üblichen Metallkonstrukten mit ihren Nieten und Klappen und derlei Unförmigkeiten mehr.
Darüber hinaus besahen wir uns eine 20 mm Gatling und die Sammlung der üblichen US Infanteriewaffen wie zum Beispiel die Beretta, die 12mm Barrett, den M4 Carbine und die leichten Maschinengewehre. Der M4 ist übrigens trotz seiner augenscheinlich geringen Größe erstaunlich schwer und das optische Visier mit dem kleinen roten Punkt verfügt über keinerlei Vergrößerung oder Zielhilfen – ich bleibe bei H&K, da weiß man, was man hat.

Dann gingen wir die Reihe der Imbissbuden ab, und die hatten von Marketing keine Ahnung. Bei gerade einmal zweien von knapp 20 konnte man auf den ersten Blick erkennen, was da angeboten wurde. Zu allen übrigen musste man erst hingehen und einen Blick auf die klein gedruckte Preisliste werfen.
Für Kinder gab es eine Hüpfburg, und für alle, die mal wollten, gab es “Jousting”: Da stehen sich zwei Leute auf wackligem, aufgeblasenem Gummiuntergrund gegenüber, jeder einen Stock in den Händen, dessen beide Enden dick wattiert sind, und das Ziel der Übung ist es, den Gegner von seinem Sockel zu stoßen. Das würde mir zwar Spaß machen, aber ich wollte das jetzt nicht in aller Öffentlichkeit.
Dann gab es noch ABC-Ausrüstung, und wenn man das wollte, konnte man den 35 kg schweren Panzeranzug eines Kampfmittelräumers anziehen.
Das von einer lokalen Brauerei gesponserte Zelt mit der Livemusik drin fanden wir dann nicht so anziehend…

Im Großen und Ganzen muss man sagen: Hier war nicht viel los. Das heißt, gemessen an der Zahl der Zuschauer war eigentlich einiges los, aber geboten wurde für meine von Bundeswehrbesuchstagen mit Panzerfahrten verwöhnten Verhältnisse nicht viel.

Einzig die Flugshow war im wahrsten Sinne des Wortes ein Kracher und ich muss erneut bedauern, dass meine Kamera eine so lächerliche Auflösung hat. Das Formationsfliegen ist scheinbar seit der Katastrophe in Ramstein vor Jahren abgeschafft, aber eine F16 zeigte Flugmanöver bei Mach 2, bei einer Flughöhe von 50 bis 100 Metern – da flatterte das Trommelfell.

Ja… und dann war’s das eigentlich auch schon. Klar hätten wir uns was zu essen gönnen können, aber der eigentliche Plan war, zu dem Burgerladen in Herforst zu gehen, wo ich letztlich mit Melanie gewesen war, also reihten wir uns in die Schlange der Wartenden ein. Und wir standen über eine Stunde lang, immer wieder ein paar wenige Meter gewinnend, um dann festzustellen, dass wir in der falschen Schlange standen. Die Hinweisschilder darauf, zu welchem Parkplatz die Busse fuhren, ich erwähnte ja, dass es zwei gab, fanden sich erst auf den letzten paar Metern, anstatt an den Enden der jeweiligen Warteschlange. Die Einweiser waren aber flexibel genug, uns einfach direkt zum richtigen Fahrzeug gehen zu lassen, was noch dadurch erleichtert wurde, dass vor “unserem” eine Gruppe von 20 Leuten stand, die nicht getrennt werden wollte und daher die nächste Gelegenheit abwartete.

Wir genossen also zuletzt unsere Burger, fuhren dann zurück nach Trier und verabschiedeten uns wieder von einander. Ich glaube, von einem simplen Spaziergang hätten wir mehr gehabt, als von der Warterei mit kurzem Besichtigungsintermezzo in Spangdahlem. Drei Stunden waren wir da und zwei Stunden haben wir mit Warten verbracht. Eins ist daher sicher: Zu denen gehe ich am Tag der offenen Tür nie wieder.

30. Juli 2011

King of Kylltal (Teil 9)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 17:32

Dann also der Freitag, an dem ich nicht so bei der Sache war, wie es notwendig gewesen wäre.

Bei zwei Kunden musste ich noch einmal aus dem Auto springen, weil ich die Unterschrift vergessen hatte, und weil ich mit den Gedanken zur falschen Zeit mehr bei der Tourplanung war, als beim akuten Tourablauf, vergaß ich einen Kunden in Birresborn und musste nach Ablieferung der Expresse in Gerolstein noch einmal fünf Kilometer zurückfahren, weil mich der Rückweg über die Ostroute und damit noch weiter weg führen würde.

Der Konzentrationsmangel und die damit einhergehende Einschränkung meiner Entscheidungsfähigkeit zeigten sich als erstes bei Herforst, wo ich den Waldweg nach Arenrath und Landscheid nehmen wollte, um festzustellen, ob das schneller sei, als die Landstraße (ist es nicht); der Waldweg wurde nämlich mittendrin von einer Baumfällmaschine blockiert, die allerdings genügend Platz fand, um mich gerade so noch durchzulassen.
Seinen Höhepunkt fand mein mangelndes Urteilsvermögen nach diesem Omen dann am nordöstlichen Wendepunkt der Tour, als ich nach Süden abbiegen wollte, drei Stopps vor Schluss, in Essingen. Den Kunden dort hatte ich um etwa 1445 erledigt, es war nicht unrealistisch, zwischen Vier und halb Fünf daheim zu sein. Da ich von diesem Punkt aus noch nie direkt nach Neroth gefahren war, befragte ich das Navigationsgerät nach der kürzesten Strecke. TomTom zeigte mir eine Nebenstrecke, eigentlich einen Weg für landwirtschaftliche Fahrzeuge. Die Witterung war feucht, aber der Weg war geschottert, und als ich erkannte, das diese Schotterung irgendwann aufgehört hatte und in festgefahrene Erde übergegangen war, da war es zu spät. Obwohl… eigentlich war es erst dann zu spät, als ich mich in einem Beurteilungsfehler dazu entschloss, eine leicht geneigte, schmale, und vor allem feuchte Stelle zu überfahren, anstatt die Sache sofort aufzugeben und rückwärts in Richtung Straße zurückzustoßen.

Als erstes musste ich einen kleinen Baum, der quer über dem Weg hing, entfernen. Dann überquerte ich eine weitere Stelle, die schlammig war. Das war der Zeitpunkt, wo mir dämmerte, dass ich hier besser nicht entlang gefahren wäre. Hundert Meter weiter eine dritte Stelle mit weichem Boden. Hier entschloss ich mich zunächst, wieder zurückzufahren, was mangels Platz ja nur rückwärts ging, wohlgemerkt mit jeweils einem knappen halben Meter Platz links und rechts vom Wagen. Ich kam zurück zur zweiten Stelle mit weichem Boden und merkte schnell, dass der Wagen zu wenig Halt fand und Richtung Abhang rutschte. Ob das Stangenholz an der Stelle mich vor einem Überschlag bewahrt hätte, erscheint mir fraglich. Bevor die Sache hoffnungslos wurde, entschied ich mich, die Methode “mit dem Kopf durch die Wand” zu probieren. Ich fuhr wieder geradeaus und passierte die dritte weiche Stelle, wonach der Bodenzustand sich stabilisierte und alles gut gegangen zu sein schien – aber nur hundert Meter weiter kam der Weg aus dem Wald heraus und führte über eine Wiese. Man konnte die Fahrspur zwar erkennen, gerade so, aber sie war alles andere als ausgewalzt, ich würde nie und nimmer diese Wiese überqueren können, ohne mich festzufahren. Also wieder zurück.

Weiche Stelle #3 machte keine Schwierigkeiten, aber #2 konnte nicht ohne Aufwand überwunden werden. Ich sammelte erst mal wieder Holz, um dem Boden mehr Stabilität zu verleihen, aber es half nur begrenzt. Zuletzt überfuhr ich die Stelle quer, mit Lenkrichtung quasi in den Hügel hinein, was zu einer de facto geraden Fahrrichtung führte, weil die Schräglage des Wegs ein Abrutschen zum Abhang hin verursachte, was nur durch Querstellen ausgeglichen werden konnte.
Aber dieses Verfahren funktionierte an Stelle #1 nicht mehr. Erstens war die Schräge extremer, zweitens war der Boden dort aufgeweichter, und drittens war der Weg hier noch schmaler, was die notwendige Querstellung des Fahrzeugs verhinderte. Nach zwei oder drei Metern steckte das linke Hinterrad im Schlamm am Wegrand. Weiteres Manövrieren, das mir bei Büscheich damals die Unterfütterung der Spur ermöglicht hatte, war wegen der oben genannten Faktoren unmöglich, da ich fürchten musste, den Hang hinunter zu kippen, von dem ich noch eine Lineallänge entfernt war.

Ich entschied, Mike nicht mit dem Problem zu belästigen, so lange ich noch eine Option hatte, die ich probieren konnte, und bewegte mich im Laufschritt den Kilometer zurück nach Essingen, was mich überraschend wenig aus der Puste brachte – zehn Kilogramm weniger auf den Rippen machen sich scheinbar bemerkbar, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Beruf einen spürbaren Beitrag zur Ausdauer liefert.
Der erste Bauer musste leider mein Anliegen, den Sprinter aus dem Dreck zu ziehen, zurückweisen, weil er gleich einer Kindergruppe, die sich vor dem Stall versammelt hatte, Reitstunden gebe. Der zweite, den ich fragte, musste mich ebenfalls enttäuschen, weil seine Fahrzeugbatterie gerade nicht eingebaut sei und am Ladegerät hing, empfahl mir aber seinen Nachbarn gegenüber.
Bei dem handelte es sich um einen wohlgenährten Mann in etwa meinem Alter, der sich sofort bereit erklärte, mir zu helfen. Von den dreien verfügte er auch über den größten Schlepper, so breit, dass ich Zweifel hatte, ob das Ding überhaupt in den Waldweg passte.

Es passte allerdings, und am Sprinter angekommen, mussten wir uns erst überlegen, wie wir den mir zur Verfügung stehenden Gurt am Transporter befestigen sollten. Eine Anhängerkupplung hat das Fahrzeug nicht, an die Achse kamen wir nicht ran, also machte ich den Vorschlag, den Haken an der Halterung des Trittbretts hinten einzuhängen. Mein Bauer war da etwas misstrauisch, auch im Hinblick auf den Spanngurt von knapp zehn Zentimetern Breite, der das Gewicht allein aushalten musste, aber viel Auswahl bot sich uns nicht. Er zog also, ich legte den Rückwärtsgang ein und fünfzig Meter weiter konnte ich wieder allein fahren (was sehr für die Qualität dieser Spanngurte spricht), zuerst ein paar Hundert Meter zurück bis zu einer Wendegelegenheit bei der Bahnschranke, wo der Landwirt auf mich wartete, für den Fall, des es doch noch Schwierigkeiten geben sollte. Es gab zum Glück keine.

Zurück auf der Landstraße bedankte ich mich für die Hilfe, schüttelte seine Hand und fragte, was ich als Gegenleistung anbieten könne, aber er meinte, das sei schon in Ordnung. Ihn beschäftige derzeit viel mehr seine Heuernte, weil das Wetter laut Vorhersage auch in den folgenden Tagen kaum trockener werde, und weil das gemähte Gras eine Weile in der Sonne trocknen müsse und bei Regen verfaule, wage er derzeit das Risiko nicht, die vierzig in der kommenden Woche anstehenden Hektar zu mähen. Ich wünschte ihm also alles Gute und machte mich auf den Weg nach Hause mit den letzten Stopps in Neroth, Wallenborn und Meisburg. Ich trage mich allerdings dennoch mit dem Gedanken, ihm einen Kasten Bier zu bringen, denn ich weiß ja, wo er wohnt.

Zuhause war ich dann so gegen Fünf, und wenn ich den Umweg nach Birresborn und die Aktion bei Essingen wegrechne, hätte ich sogar um Vier daheim sein können.

King of Kylltal (Teil 8)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 16:43

Gemischte Woche, wie gemischtes Eis ohne das Geschmackserlebnis, aber ebenso kühl die meiste Zeit und mit einigen Unregelmäßigkeiten.

Nachdem ich vor wenigen Tagen noch geschrieben hatte, dass ich von einigen Leuten im Depot nur eine kurze Charakterbeschreibung anbieten kann, erhielt ich kurze Zeit nach der Veröffentlichung des siebten Texts in dieser Serie eine SMS von Mike, dass meine Tour wegen mangelnder Auslastung am Montag aufgeteilt werde und ich zur Erweiterung meines Tourenwissens mit Felix fahren solle, dessen Tour die Mosel hoch bis Traben-Trarbach führt. Ich hatte Felix vorab als “leicht hypochondrisch mit Hang zum Selbstmitleid” charakterisiert, und diese Einschätzung wurde zumindest nicht widerlegt.
Nun ja, wie kam ich auf “hypochondrisch”? Er trug vergangene Woche einen Schal und hustete. Er hustete auch noch am Montag, aber ohne Schal, dafür wollte er bevorzugt mit geschlossenem Fenster fahren – was ich wegen des schönen Wetters ignorierte. Er bot mir auch an, einen gewünschten Radiosender zu hören, was der Deutschlandfunk wäre. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass er mit einem Radioprogramm, das zum allergrößten Teil aus gesprochener Sprache (im Gegensatz zu gesungener Sprache) und Informationen besteht, nicht so klar kam, also beschränkte ich mich auf Nachrichten hier und da und ließ ihm sonst sein RPR1 Programm als leise Hintergrundmusik.

Reden wir also mal von seiner Arbeit, wie sie sich in meinen Augen darstellt. Vielleicht liegt es daran, dass er zum einen als ehemaliger Taxifahrer nur mit wenigen großen Gepäckstücken zu tun hatte und zum anderen als “Ungedienter” nie lernen musste, wie man in kürzester Zeit einen Rucksack effizient mit einem halben Zentner Ausrüstung füllt, nach meiner Einschätzung jedenfalls ist sein Stil, das Auto zu beladen, zu ineffektiv. Soll heißen: Er macht kleine Stapel von Paketen, deren Bestimmungsorte räumlich nah beieinander liegen, während ich “Mauern” ab der Rückwand Richtung Hecktür baue, und zwar so, dass die Pakete möglichst passgenau an der linken und rechten Fahrzeugwand anliegen. Dadurch gewinnt die Konstruktion an wichtiger “Links-Rechts-Stabilität”, wie ich es in Unwissenheit eines besseren Ausdrucks nenne. Beim Bremsen werden die Pakete von der Rückwand gehalten, und wenn man nicht wie ein Blöder Gas gibt (z.B. beim Anfahren am Berg), dann fällt auch nichts nach hinten von der “Mauer” runter. Aber Kurven fährt man viele, ich erwähnte ja die Eifelserpentinen – bei meiner Beladung “würfeln” sich Pakete frühestens, wenn der Ladestand im Zuge der Auslieferung unter 20 % gesunken ist (weil ja nach und nach Pakete und damit Stabilisatoren verloren gehen), aber selbst das passiert mir selten, weil ich mir meist die Zeit nehme, die Pakete neu zusammenzustecken.

Felix macht das eben nicht so. Seine Stapel kommen schon früh aus dem Gleichgewicht, weil die oberen Schichten nach den Seiten nicht stabilisiert sind, hinzu kommt sein “kantiger” Fahrstil – und am fraglichen Tag noch der Umstand, dass jemand mitgefahren ist.
Aus unserem Gespräch muss ich nämlich schlussfolgern, dass er zwar kein schlechter Kerl ist, ganz und gar nicht, aber ich glaube, er kommt mit Menschen, bzw. der räumlichen Nähe zu denselben, nicht so klar. Meine Anwesenheit hat ihn nervös gemacht, das war nicht nur zu spüren, sondern auch zu sehen: In vier (von mehr) Fällen, in denen er ein Paket nicht gleich fand, stieg ich nach ihm in den Laderaum und fand es nach wenigen Sekunden. Er versicherte mir, dass er üblicherweise nicht so lange suchen müsse, und ich machte daher den Vorschlag, nach meinem Prinzip zu packen, damit die Pakete keinen solchen Bewegungsfreiraum haben, ich habe aber Zweifel, dass er in der Lage ist, von einem Tag zum anderen seine Gewohnheiten zu ändern, solange ihm die Auswirkungen nicht als wirklich störend auffallen.

Dabei ist doch schon auffällig, finde ich zumindest, dass Felix von der Arbeit mehr frustriert ist, als sie ihm Spaß macht, denn er ist stur darauf bedacht, alles schnellschnellschnell zu machen. Damit erinnert er mich zwangsläufig an meine eigene Situation während der Grundausbildung – und was ich damals ganz eindeutig gelernt habe, ist, dass man Dinge nicht schneller machen soll, als man tatsächlich kann, und dass sich die Steigerung der Arbeitsgeschwindigkeit durch Übung von allein ergibt. Das ist Felix aber scheinbar nicht klar, und ich hoffe, dass er meine Ausführungen zum Thema beherzigt, denn S.G. ist hektisch. In seinem Bestreben, schnell zu arbeiten, macht er viele Fehler, weil sein Denken und Handeln nicht mit den Vorgaben mithalten kann, die der Wille diktiert. Eine gewisse Detailfixiertheit spielt ebenfalls eine Rolle. So erzählt er mir von einer Firma, die etwas außerhalb von Mülheim liege und fährt in dem Moment prompt daran vorbei.

Fehler frustrieren nicht nur ihn, sondern jeden, und auch ich ärgere mich über Fehler, die ich mache, aber ich kann mich in den allermeisten Fällen zur Ruhe zwingen. Felix gelingt das nicht so, seine Nerven liegen quasi blank, und so fährt er auch: Überhastetes Lenkverhalten, strammes Anfahren, Überziehen der Gänge in zu hohe Drehzahlen, gefährliche Überschreitung der Geschwindigkeitsbegrenzung. Landstraße: 130 bis 140. Zone “30″ in Nähe Rehaklinik Bernkastel: 80. Ich versuchte also ihm näher zu bringen, dass er ruhig bleiben muss, und dass er, wenn er schon zu schnell fahren wolle, wenigstens in einem Bereich bleiben solle, der ihn “nur” ein Bußgeld, aber nicht gleich den Führerschein koste. Er fährt und arbeitet schlicht zu hektisch, und wenn er so weitermacht, wird er von der Arbeit, das heißt von dem Stress, den er sich selbst im Kopf macht, krank werden.

Inwiefern es mit Stress und Hektik zusammen hängt, dass mir sein Kundenumgang nicht gefällt, kann ich nicht sagen, aber ganz unwahrscheinlich ist es nicht, und vielleicht war es auch nur zufällig, das alle von mir beanstandeten Dialoge mit Damen über Fünfzig geführt wurden.
Zum einen muss man trotz Navi und Karten hin und wieder nach dem Weg fragen. Wenn Felix nun nach ein paar Sätzen merkt, dass die gefragte Person nicht in der Lage ist, binnen kürzester Zeit die gewünschte Information zu liefern (die Gefragten leiteten Ihre Erinnerung zum gewünschten Detail auf Umwegen über gewisse “Landmarken” her), dann würgt er das Gespräch mitten im Satz ab: “Ja, ist in Ordnung, danke, wir finden das schon”, was von der Wortwahl zwar nicht falsch ist, aber von seinem Tonfall her unmissverständlich Unzufriedenheit mit dem Sprecher ausdrückt, und das kann keinem Gesprächspartner entgangen sein.

Es kam im Zusammenhang mit der Wegfindung auch zu einem Telefongespräch, das mich irgendwie erstaunte, denn er rief irgendeine Bekannte an, die wohl in der Nähe wohnte, uns aber nicht weiterhelfen konnte. Als das klar wurde, nahm ich mein Telefon und redete mit Mike, der mir binnen zehn Sekunden eine Lösung anbot, die auch funktionierte. Warum Felix hier nicht die naheliegendste Option – den Disponenten – gewählt hat, ist mir völlig schleierhaft. Befürchtete er, durch eine solche Rückfrage als inkompetent dazustehen?

Zum anderen war ich entsetzt, als wir bei einer Gelegenheit bei einer Dame um die Siebzig oder älter klingelten, die zum ersten Mal einen Scanner, auf dem man mit einem stumpfen Plastikgriffel unterschreibt, zu Gesicht bekam. Da ich das Gerät in der Hand hielt, sagte ich “Unterschreiben Sie bitte in der Mitte von dem hellen Feld, einfach mittenrein”, weil viele Kunden am unteren Rand des Sichtfensters unterschreiben wollen und damit die Hälfte der Signatur “abschneiden”. Die Dame lächelte etwas verlegen und schrieb ihren Namen genau dorthin, wo wir ihn brauchten. Ich kommentiere das in der Regel nicht weiter, bedanke mich lediglich und wünsche einen schönen Tag, aber Felix sagte in dem Moment “Ja, richtig – genau so!”: in einer Art, wie man mit kleinen Kindern redet, die es beim Basteln im Kindergarten zum ersten Mal geschafft haben, eine vorgegebene Figur aus einem Blatt Papier auszuschneiden. Dass er bei einem anderen Kunden wegen eines allgemeinen widrigen Umstands das Wort “Scheiße” in den Mund nahm, konnte man noch halbwegs mit Humor nehmen (ich bat ihn dennoch, derlei zu unterlassen), aber hier war ich der Meinung, dass er zu weit gegangen war und wies ihn beim Weiterfahren darauf hin.
“Alte Leute verstehen die Technik doch gar nicht, die freuen sich doch, wenn man sie lobt.”
“Du kannst mit denen trotzdem nicht reden wie mit kleinen Kindern!”

Letztendlich waren wir relativ früh zuhause, das heißt zuerst waren wir um 1615 im Depot, weil dort mein Wagen stand. Trotz der Sperrung der Autobahnauffahrt Ehrang und dem Gezuckel im Schritttempo in die Stadt hinein dürfte ich früher zuhause gewesen sein als er, weil er in Wittlich wohnt, und über die Autobahn nach Wittlich zu fahren, ist dieser Tage kein Spaß. Wegen einer Baustelle und einspuriger Verkehrsführung staut sich der Verkehr zur Feierabendzeit vor der entsprechenden Abfahrt immer kilometerlang.

Mike und Peter haben mich am Folgetag gefragt, wie es denn gelaufen sei (weil Felix sich schnell den Ruf eines schwierigen Arbeitskollegen erworben hat, “der ist irgendwie seltsam, oder?”), und ich kam nicht drumherum, sein Fahrverhalten anzusprechen – denn so, wie er derzeit fährt, ist es nach meiner Einschätzung nur eine Frage der Zeit, bis er einen Unfall hat, selbst verursacht oder nicht, beides ist schlimm, oder seinen Führerschein wegen eklatanter Überschreitung der Geschwindigkeitsbegrenzung verliert – oder beides.

Allgemein muss man sagen, dass die Tour durchs Moseltal eine landschaftlich sehr schöne und organisatorisch einfach strukturierte ist. Sie beinhaltet nur die Orte direkt an der Mosel, mit wenig Abweichung vom Moseltal, anders als meine Tour, die an der breitesten Stelle im Norden durchaus 20 km Durchmesser hat, wo Fehler in der Tourplanung sich gravierend auf die Feierabendzeit auswirken können. Hätte Felix nicht so hektisch gearbeitet, hätten wir mindestens 90 Minuten früher zuhause sein können, denn vom Schwierigkeitsgrad der Planungsanforderungen ist diese Tour “pillepalle”, wie wir bei der Armee sagten – und beim Paketdienst sagt man “Lutschtour”.

Eine besondere Anforderung seiner Tour ist allerdings das effiziente Ausnutzen der vorhandenen Brücken und ein Mangel an Touralternativen bei zeitkritischen Lieferungen. Meine Tour ist wie ein Kreis mit einer zentralen Tangente, ich kann je nach Zielort des Expresses die Tour relativ flexibel umstellen. Seine Tour dagegen ist sehr linear und ein Expresspaket für das hintere Ende der Tour geht immer mit einem Zeitverlust einher.
Zur Verdeutlichung muss ich hervorheben, dass meine Eifeltour drei Hauptrouten hat, die alle ab Kyllburg abzweigen. Bis dorthin ist die Sache fast linear, und Abweichungen treten nur auf, falls Landscheid im Osten und Preist oder Gindorf im Westen auf dem Plan stehen.
Ab Kyllburg kann die Sache kompliziert werden.
Die westliche Route führt ab Kyllburg über Malbergweich nach Neidenbach, Balesfeld, Burbach, Wallersheim und Weinsheim. Die mittlere Route führt von Kyllburg aus die Kyll hoch über Densborn nach Mürlenbach und Birresborn und schließlich Gerolstein. Die östliche Tour läuft an Steinborn, Wallenborn, Oberstadtfeld, Neunkirchen, Neroth nach Pelm und von dort aus Richtung Westen nach Gerolstein. Schwirzheim ist von all diesen drei Routen die Verlängerung, über die man wiederum recht linear nach Olzheim, Reuth, Ormont und Hallschlag gelangt.
Hat man Stopps nur auf zweien der drei Routen, kann man einen bequemen Halbkreis fahren, aber wenn Stopps auf allen drei Routen liegen, die durch die Eifelhügel getrennt sind, wird die Sache kompliziert und kilometerlastig. Knapp 300 km pro Tag sind etwa Durchschnitt, aber je nach Lage der Zielorte kann diese Zahl in Extremfällen um vierzig Kilometer unter- oder überschritten werden, was inklusive der Zeit, die man für Stopps braucht, eine Stunde ausmachen kann.

Wie man sieht, hat mein Einsatzgebiet eine Form wie ein verzerrtes Abbild der beiden Amerikas. Die gelbe Linie (ohne rote Punkte) im Südwesten ist die luxemburgische Grenze. Ihr Gegenstück im Nordwesten ist die Grenze Belgiens. Der südlichste Punkt ist Trier/Ehrang, wo ich aber nur losfahre, zunächst nach Zemmer/Rodt, wo der erste Stopp in der Regel liegt. Der nördlichste Punkt ist Scheid, von wo aus es noch zwei oder drei Kilometer bis nach Nordrhein-Westfalen sind.

Für den Dienstag hatte Mike zumindest (und scheinbar nur) mir und Kelvin gegenüber die Weisung gegeben, wegen der Auslieferung von “Wort und Bild” (das ist der Verlag, der die Apotheken Umschau veröffentlicht) eine halbe Stunde früher da zu sein – also stand ich um 0330 auf und stand um 0430 in der Halle. Oder eher vor der Halle, als zweiter in der Reihe hinter Kelvin, denn das Hallentor war geschlossen. Ich ging also um die Halle herum und betrat sie über die LKW-Rampe, um das Tor zu öffnen. Drinnen: gähnende Leere, noch nicht einmal die Luxemburg-Fahrer waren da, nur die Leute, die am Band arbeiten, standen mit Falli an der Rampe und rauchten. Was denn mit “Wort und Bild” sei, wollte ich wissen, aber keiner wusste was davon, und der Rest der Mannschaft traf auch erst zur gewohnten Zeit ein und wusste ebenso wenig von Wort und Bild. Der geile Mike hatte sich im Tag vertan – die Apotheken Umschau kam erst am Mittwoch.

Das hieß also zwei Tage in Folge um halb Vier aufstehen und am Mittwoch hoben die zusätzlichen Pakete meine Paketzahl auf über 170. Der Tag wurde lang, aber immerhin wurde ich alles innheralb der üblichen Geschäftszeiten los und es war auch kein Express dabei, der mir Stress gemacht hätte. Aber Papierpakete sind schwer, die übelsten Auslieferungen sind Wort und Bild und Kopierpapier, und interessanterweise kriegen deswegen eben Kopierläden und andere Betriebe mit Bedarf fürs Büro die für den Fahrer unangenehmeren Lieferungen als zum Beispiel Werkstätten und Metallverarbeiter, oder auch die Vertragshändler der Waldarbeitsgeräte wie Viking, Sabo oder Stihl, deren Pakete in den seltensten Fällen etwas schweres enthalten. In dem Bereich fallen nur Rasenmäher wirklich auf.
Aber bei zahlreichen Papierlieferungen am selben Tag, wie zum Beispiel Wort und Bild, merke ich, dass mir der Tag noch für den Rest der Woche in den Knochen steckt und meine Einsatzfähigkeit spürbar einschränkt. Ich habe keine Schmerzen, aber eine gewisse Mattigkeit hält sich dann bis ins Wochenende.

Hinzu kam ein Softwarefehler, den ich auszubaden hatte. Am Morgen hatte ich ein Paket für eine Apotheke per Scanner in Empfang genommen, worauf das Gerät meldete, dass ich die Daten manuell eingeben solle, was am laufenden Band wegen der Ablenkung und des Zeitaufwands nie gut ist. Doch diesen Vorgang vergaß ich zunächst, weil das jede Woche zwei- oder dreimal vorkommt.
Als ich der fraglichen Apotheke allerdings ihre Pakete brachte, die ausgerechnet am selben Tag wie Wort und Bild noch 18 weitere Sendungen erhielt, stellte ich fest, dass von 31 angezeigten Paketen nur 30 vorhanden waren. Ich verbrachte eine ganze Weile mit der Suche nach dem Paket, dessen Absender im Scanner mit “Office Dep” angegeben war. Den Mitarbeitern vor Ort sagte das nichts und sie wussten auch nichts von einer solchen Bestellung. Um die Sache zu verkürzen, fragte ich Mike um Rat, der mir empfahl, das eine Paket aus dem Stopp zu lösen und auf “Annahme verweigert” zu setzen, damit ich die 30 vorhandenen quittiert bekam.

Immerhin, der Donnerstag war beinahe entspannend, die Expresse nach Gerolstein konnten problemlos zugestellt werden. Ich musste aus Zeitgründen allerdings die direkte Route über das Kylltal nehmen und hatte ansonsten nur Kunden auf der Westroute, was mir einen Abstecher nach Wallenborn im Osten bescherte, der mich eine dreiviertel Stunde kostete.
Beim Gespräch mit unserem Büropersonal am Morgen klärte sich die Sache mit dem fehlenden Paket vom Mittwoch: Ein echter Superheld – das Phantompäckchen.
Es sei nicht auszuschließen, dass der Scanner das selbe Paket zweimal erfasse, zum Beispiel, wenn der Barcode senkrecht zur Schachtelöffnung verlaufe. Dann kann es passieren, dass sich eine Falte bildet, die einen oder auch mehrere der Striche des Strichcodes verberge und somit einen unterschiedlichen Code vortäusche. Ich hatte das Paket wohl zufällig ein zweites Mal gescannt, das Gerät hatte den Strichcode anders gelesen und wegen der unbekannten Daten eine manuelle Eingabe verlangt, wodurch ein Packstück entstand, das nicht existiert.

Aber der Freitag zeigte, dass ich das Wochenende nötig hatte, denn ich hatte doch Probleme bei der Konzentration…

23. Juli 2011

King of Kylltal (Teil 7)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 20:06

Es passiert so viel, dass ich mir nicht alles merken kann und an den vergangenen drei oder vier Wochenenden hatte ich immer was vor, sodass sich nicht die Gelegenheit ergab, was ins Blog zu schreiben. Eigentlich müsste ich mir gleich während der Fahrt Notizen machen, um ausgereifte Einträge in dieses Blog schreiben zu können, denn anders muss ich mich auf kurze Eindrücke und subjektive Erinnerung verlassen, was nie gut sein kann.

Es gibt da z.B. Leute, die bei ihren Nachbarn unbeliebt sind.
Erste Gelegenheit: “Ich nehme für jeden in dieser Straße gern Pakete an, aber nicht für den!”
Zum Glück fand sich ein anderer Nachbar, der das Paket annahm.

Zweite Gelegenheit: “Nein, für diese Frau nehme ich keine Pakete an, und Sie werden in der ganzen Straße auch sonst niemanden finden – das ist nämlich eine ziemliche Hexe.”
“Na ja, wenn man alt wird und Familie und Freunde gestorben sind, dann wird man doch schon mal etwas eigen.”
“Nee, ich glaub, die war schon immer so…”
Ich warf eine Nachricht in den Briefkasten, kam tags darauf zurück und fand die Empfängerin vor – sie sei nicht zuhause gewesen, weil sie zum Mittagessen oft in die Kantine des nahen Krankenhauses gehe. Sie erschien mir eigentlich ganz nett und gab mir sogar ein Trinkgeld.

Dritte Gelegenheit: “Wenn Sie was für meine Cousine da hätten, gern, aber nicht für die Amerikaner nebenan.”
“Warum das denn?”
“Mit denen haben wir keinen Kontakt.”
Die Empfängerin passte mich dann aber noch vom Balkon aus ab, im Morgenmantel und mit Gurkenmaske im Gesicht.

Generell scheinen die US Soldaten einen schweren Stand in der deutschen Nachbarschaft zu haben, zumindest die, die nur kurzzeitig da sind und wenig Kenntnisse in der Landessprache besitzen. Sagt doch bei anderer Gelegenheit einer zu mir, als ich ihm ein Paket für eine Nachbarin in die Hand drückte:
“Wenn Sie was für die Frau D. haben und die ist nicht da, können Sie auch zu mir kommen. Zu denen da drüben brauchen Sie nicht zu gehen, das sind Amerikaner.” Der Klang seiner Stimme verriet einige negative emotionale Ladung, also verzichtete ich auf die Frage, was dieser Umstand mit irgendwas zu tun haben könnte.
Woanders habe ich einen Kunden, der regelmäßig Sauerstoffflaschen erhält. Als er mal nicht da war, ging ich zur Nachbarstür und fand dort einen eben solchen Amerikaner vor, der sich aber trotz mangelhafter Deutschkenntnisse sofort bereit erklärte, die beiden Zylinder anzunehmen und dafür zu unterschreiben, und immerhin handelt es sich dabei um ein (wenn auch minderes) Gefahrgut.

Lustige Begebenheit am Altersheim Gerolstein: Direkt neben dem Wareneingang, wo ich die Pappkisten stapele, bevor ich die Unterschrift an der Rezeption hole, befindet sich ein Raucherraum, beide mit großer Glastür zum Innenhof. Und da saß im Raucherraum eine füllige Alte und qualmte. Ich parkte, stellte den Motor ab, und als ich ausstieg, herrschte sie mich an, ob ich denn ausgerechnet hier parken müsse.
“Ja klar muss ich, hier ist doch der Wareneingang.”
“So eine Unverschämtheit!”
“Wo soll ich denn sonst parken?”
Worauf sie die Tür zum Hof unwirsch zumachte und ich mir ein Lachen nicht verkneifen konnte. Ihre Windeln und Spezialnahrung will sie wohl haben, aber die Anlieferung soll scheinbar unsichtbar erfolgen – und im Vergleich zu dem, was sie sich freiwillig in die Lungen zieht (ich erinnere: 4500 Giftstoffe), sind die gefilterten Abgase des Sprinters eigentlich eher harmlos.

Dieser Job hindert mich an einer Sache, die auffällig ist, wie kaum eine andere. Das ist zwar am meisten meine Aktivität auf YouTube, für das ich seit Wochen keinen Nerv mehr hatte, was ich bedauere, aber ich meine was anderes, nämlich Essen.
Ich leide bestimmt keinen Hunger, aber folgende Phänomene lassen sich feststellen: Morgens um kurz nach Vier mehr als eine Scheibe Brot zu essen, ist nicht gut für meinen Magen, der erst nach Acht bereit für “Input” ist. Während der Fahrt ist nicht gut essen, von daher trinke ich im Laufe des Arbeitstags eine Flasche Orangensaft – der immerhin knapp 140 Gramm Zucker enthält (und damit etwa viermal so viel wie ein Liter des berüchtigten Zitronentees, den ich seit 25 Jahren konsumiere). Knurrt der Magen zu sehr, kaufe ich mir in Gerolstein ein Fladenbrot. Das lege ich aufs Armaturenbrett und reiße kleine Stücke davon ab, während ich fahre. Zwischen zwei und vier Uhr am Nachmittag überkommt mich ab und zu ein Leistungstief, wo mir die Augen zuzufallen drohen, das ich durch Kaugummikauen (das bringt eine verstärkte Blutzirkulation im Kopf) auffange. Und wenn ich nach Hause komme, kann ich auch nicht mehr essen, als zum Sattwerden notwendig, weil jeder Bissen darüber hinaus meinen Magen am nächsten Morgen noch belastet. Im Endergebnis habe ich während der vergangenen beiden Monate zehn Kilo abgenommen und habe damit erstmals seit Herbst 1997 wieder die Marke von 90 kg unterschritten. Ich wog vor einer Woche mit Kleidung und ohne Schuhe 89 Kilo.

Mittlerweile kenne ich meine Touren fast auswendig, brauche also nur noch selten ein Navigationsgerät. Ich kenne auch meine Kurven auf der Strecke und wie schnell man sie fahren kann.
Zunächst muss ich feststellen, dass der in “Initial D” vorgeführte Trick, die Reifen einer Seite in die Rinne an der Kurveninnenseite zu klemmen, tatsächlich funktioniert, denn durch den Höhenunterschied zur Fahrbahn werden die Räder am wegrutschen gehindert und die Neigung des Fahrzeugs entgegen der Fliehkraft gibt zusätzliche Stabilität. Das hat mich bereits vor mindestens einer Kollision bewahrt, weil mich ohne Rinne die Trägheit der Masse auf die Gegenfahrbahn gebracht hätte. Das funktioniert allerdings nur mit einer befestigten Rinne, also nicht mit Schotter oder so, und ich weiß sehr wohl, wo ich mir das erlauben kann und wo nicht.
Auf Strecken, wo man mangels Bäumen die Straße jenseits der Kurven sehen und auf Gegenverkehr prüfen kann, lässt sich so ein Sprinter auf nasser Fahrbahn durchaus auch schon mal durch die Kurve driften.
Es gibt auch einen bestimmten Ortseingang, wo das gefahrlos zu bewerkstelligen ist – die Hauptstraße führt am Ort vorbei, da gilt Tempo 60 und mit 60 fahre ich in die Kurve (deren direkte Umgebung hindernisfrei ist). Allein die entgeisterten Blicke der Zuschauer sind das wert.

Übrigens Tempo: Da fuhr ich zu einem Frisör, bog rechtwinklig in seinen geschotterten Hof ab, fünfzig Meter bis zur Tür. Links neben dem Haus, in völliger Sicherheit, spielten drei oder vier Kinder. Wenn ich auf der kurzen Strecke 20 km/h gefahren bin, dürfte das hoch geschätzt sein. Um nicht umständlich wenden zu müssen, fuhr ich einen Bogen über eine (ungepflegte) Grasfläche, wo ich eine Bodenvertiefung übersah, weswegen das Fahrzeug kräftig schaukelte, was von Kunden beobachtet wurde.
Da spielen doch Kinder! Sie können doch nicht mit so schnell die Einfahrt runterfahren!”
“Ich bin gar nicht schnell gefahren, da war nur dieses Loch da…”
“Das ist ja unverantwortlich! So wie ein Wilder hier…”
“Ich bin höchstens Zwanzig gefahren…”
Weitere Kommentare zu meinem rabaukenhaften Fahrstil folgten, die nicht den Anschein erweckten, dass das, was ich sagte, auch irgendwie in den Gehirnen der Beobachter angekommen sein könnte. Ich hätte natürlich gern erklärt, dass das menschliche Gehirn kein gutes Werkzeug zur Erfassung von Geschwindigkeiten ist, und dass sich die menschliche Wahrnehmung leicht von Unregelmäßigkeiten beeinflussen lässt, wie zum Beispiel dem Schaukeln des Fahrzeugs, was beim Beobachter einen rein subjektiven Eindruck überhöhter Geschwindigkeit weckt, der objektiv nicht haltbar ist. Aber ich schien aus dem kommunikativen Akt eh ausgeschlossen zu sein und letztendlich muss ich davon ausgehen, dass die Damen eh nichts von dem verstanden hätten, was mir spontan durch den Kopf ging.

Die Fehler anderer Fahrer kommen auch irgendwie zu Tage, wenn es um den Umgang mit Kunden geht. Manche lassen mich wissen, dass ich die Postsendung einfach vor der Tür stehen lassen solle, worauf ich klarstellen muss, dass ich das aus rechtlichen Gründen nicht kann. “Die anderen Fahrer haben das auch so gemacht.” Was die anderen Fahrer gemacht haben, interessiert mich nicht, denn für den Empfang muss jemand eine Unterschrift leisten, und ich werd einen Teufel tun und Unterschriften fälschen, wenn auch mit Einverständnis des Kunden. Ich erkläre also, dass für ein solches Vorgehen eine so genannte Anliefervereinbarung mit dem Unternehmen geschlossen werden muss, worauf der Kunde oft genug feststellt, dass er keinen Platz zum Abstellen hat, und der muss gegeben sein. Wenn ich Pakete auf “Anliefervereinbarung” da lasse, obwohl keine solche existiert, kostet das eine Vertragsstrafe von 200 Euro.

Ebenfalls 200 E kosten gewisse Werbesendungen für Ärzte. Ich habe keine Ahnung, was da drin ist, aber der Versender will alles genau gemacht haben: Der Empfänger muss persönlich den Lieferschein unterschreiben und seinen Stempel draufdrücken. Bei einem Paket habe ich das vergessen (weil es anders als die anderen aussah) und gab das Paket der Apothekerin im selben Haus, weil der Arzt im Urlaub war. Das Büro in Trier war nicht begeistert und hielt den Lieferschein, der an den Versender zurück sollte, zurück, damit ich das Paket (50 g) zurückholen und nach dem Urlaub korrekt mit neuem Lieferschein ausliefern konnte, um nicht diese Strafe zahlen zu müssen. Jeder der Empfänger stimmte mir zu, dass diese Vorgabe von Seiten des Versenders eine Idiotie sonder gleichen sei, da der Wert des Inhalts in keiner Weise die Vertragsstrafe rechtfertige.

Die Woche, in der ich Geburtstag hatte, war schon hart. Jene Woche fing eigentlich bereits am Freitag Abend nach der Tour an, weil ich nach der Rückgabe des Renault “Master” an den Vermieter einen etwas kleineren Sprinter erhielt – völlig versifft und zugedreckt und entsprechend stinkend, und ich durfte den ganzen Tag drin fahren. Überall Müll, Getränkespritzer und Tabakflocken.
Ich fuhr los und stellte bald fest, dass der Wassertank der Scheibenwischanlage leer war, und bei schönem Wetter brauche ich schon ein paar Liter von Trier bis Gerolstein, um die Überreste der zerschellten Insekten von der Scheibe zu wischen. Schmetterlinge haben darunter die widerlichsten Innereien: Das ist ein schmieriges weißes Zeug, das wasserabweisend wie Fett daherkommt. Der Scheibenwischer verteilt es lediglich, und runter geht es nur mit einem Schwamm und Seifenwasser. Ich wollte also an der Shelltankstelle in Herforst Wasser aufnehmen, fand aber die üblichen Gießkannen nicht. Als ich den Tankwart fragte, sagte der doch zu mir, ich könne in der Waschanlage Wasser holen und wies auf den Münzautomaten dort! Davon bekam ich binnen einer Sekunde einen solchen Hals, dass ich bis Gerolstein alle Flugleichen ignorierte und mir das Wasser dort an der ED-Tankstelle holte. Na, bei den Idioten tanke ich bestenfalls dann, wenn ich keine andere Wahl habe, und das kann passieren – nach Herforst gibt es nämlich in meinem gesamten Einsatzgebiet keine Shelltankstelle mehr, und nur für die habe ich eine Tankkarte. Ich habe in der Umgebung von Prüm, wo meine Tankanzeige ansprang, per Navi nach der nächsten Shelltankstelle gesucht: Da wurden natürlich Trier und Herforst angezeigt, aber westlich war die nächste in Bitburg (wo ich auf den letzten Liter noch hinfuhr) und östlich gibt es eine bei Wittlich, und im Norden meines Gebiets erstreckt sich bereits Nordrhein-Westfalen, wo hinzufahren ein echter Umweg wäre.
Natürlich kann es sein, dass lediglich die Daten meines Navis veraltet sind, aber ich hätte beim Herumfahren auch nie eine der benötigten Tankstellen gesehen. Vielleicht frage ich bei Gelegenheit mal die Kollegen von UPS oder DPD.

Am Freitag Abend schrubbte ich also vier Stunden lang die Fahrerkabine und habe dabei noch nicht einmal die Glasflächen angefasst, die waren erst am Sonntag dran. Glasreiniger reichte nicht aus, um die durchs Rauchen “getönte” Scheibe wieder klar zu bekommen, da musste was schärferes her. Sonntags waren also noch einmal zwei weitere Stunden für die Fenster innen und außen und die Karosserie allgemein fällig.
Dabei hatte ich mir die Außenseite ersparen wollen. Ich erinnerte mich, dass jemand sagte, dass man bei Hess in Trier West den Sprinter günstig durch die Waschanlage fahren könne, und da es in Gerolstein ebenfalls eine Vertretung dieser kleinen Kette gibt, fuhr ich dorthin. Nun, man konnte da das Auto waschen lassen, für einen Fünfer, aber der Sprinter passt nicht in die Anlage hinein und eigentlich sei dieser Service nur für Kunden. Also selber machen.
Alternativ versuchte ich mich an einer SB-Station mit Hochdruckreiniger. Pustekuchen. Ein Hochdruckreiniger spült nur groben Schmutz herunter, von dem nur ein bisschen zwischen Plastikteilen saß. Der feine Staub, der sich bei feuchter Witterung auf dem Lack absetzt, lässt sich mit einem Hochdruckreiniger gar nicht entfernen. Die Dinger sind nur auf rauhen Oberflächen zu gebrauchen. Ein weicher Schwamm bringt den Staub dagegen ohne Mühe und ohne Münzeinwurf ab, man muss also schon dämlich sein, wenn man diesen SB-Stationen für den Hochdruckreiniger über die erste Erfahrung hinaus Geld in den Rachen wirft.
Abgesehen von all dem hatten die Hinterreifen keinen Millimeter Profil mehr, wurden aber nach zwei Tagen ersetzt. Das Schloss der Hecktür brauchte auch etwas Zuwendung, was allerdings Peter besorgte, weil dies eindeutig über meine Fähigkeiten ging. Bis dahin fuhr ich einen Tag mit einer Hecktür, die nicht richtig zuging und bei Erschütterungen aufschwang. Daran änderte auch der Expander nichts, den ich anband, der sorgte nur dafür, dass die Tür auch wieder zuschwang. Lustig war das nicht.

Dann begann die Woche wirklich. Immerhin ekelte ich mich nicht mehr vor dem Auto, aber an drei von fünf Tagen kam ich erst nach Sieben nach Hause und brauchte wirklich das ganze Wochenende danach, um mich von der Belastung zu erholen, was durch meine Heimfahrt in den Gau erschwert wurde.
Der Donnerstag lief auch nicht optimal, hätte aber schlimmer sein können, und Melanie hatte sich bereit erklärt, an meinem Geburtstag mit auf Tour zu gehen, auch, um zu sehen, was ich eigentlich mache. Der Donnerstag war verregnet und ich habe eine Reihe von Konzentrationsfehlern gemacht, die mich nur erneut lehrten, mich vom Stress nicht hetzen zu lassen, denn eigentlich hatte ich bei der Bundeswehr bereits begriffen, dass man Dinge nicht schneller machen soll, als man kann, weil man sonst genau deswegen vermeidbare Fehler macht. Denn merke: Der Ausbilder hetzt Dich, damit Du Deine Sachen richtig machst und den Stress ausblenden lernst. Die Steigerung der Arbeitsgeschwindigkeit ist nur ein Nebeneffekt.

Am Freitag gab’s dann Geld: 1254 E netto. Nicht die Welt und objektiv bestimmt lang nicht das Wahre bei meinem Bildungshintergrund, aber für mich in meiner Situation eine ganze Menge. Mein Konto war seit Jahren nicht mehr vierstellig.
Jetzt muss ich nur noch das Arbeitsamt dazu bewegen, mir die Hartz-IV Rate zu zahlen, die ich im Juni nicht erhalten habe, wegen der Unklarheiten meines Beschäftigungsverhältnisses (ich habe zwar Geld aber immer noch keinen Vertrag!?). Da ich im Juni keinerlei Geld verdient oder erhalten habe, steht mir für den Monat noch etwas zu, das war mir in einem Vortrag des von mir beschriebenen Herrn Colling erst vor kurzem erzählt worden, aber natürlich brach zunächst ein Sammelsurium von Antrags- und Nachweisformularen auf mich herein – aber dass mich das abschreckt, können die Jungs und Mädels von der Dasbachstraße vergessen. Ich kann von einem Monatsgehalt nicht zwei Mieten UND meine übrigen Lebenshaltungskosten zweier Monate bestreiten!

Die Woche drauf war das genaue Gegenteil: Alles ging glatt und flüssig, ich war dreimal zwischen Drei und Vier mit der Tour fertig und entsprechend früh zuhause.
Ich war sogar mal recht früh in Reuth, früh genug, um die m.E. gut aussehende Sprechstundenhilfe noch anzutreffen. Das einzig störende am Haus den Tierarzts, das zu einem Bauernhof gehört, sind die vielen Fliegen. Wenn ich mit dem Ausladen fertig bin, habe ich anschließend mindestens ein halbes Dutzend davon im Laderaum und trage so zur Festigung der Erbanlagen der Reuther Hausfliegen bei, weil einige davon mit nach Trier kommen und die dortige Population mit ihren Genen auffrischen.

Mittwochs rettete mich ein Niederländer vor einer Geldstrafe: Ich fahre oft die Autobahn von Prüm Richtung Wittlicher Kreuz runter, wo ich auf die Autobahn nach Trier wechsele. Dort wird das Tempo auf 120-100-80-60 heruntergeregelt, aber bislang fuhr ich die Engstelle, wie jeder andere auch, mit 80, und die sanfte Kurve bereitet einem dabei keinerlei Schwierigkeiten. Aber just an jenem Tag war ein Niederländer im Wohnmobil unterwegs, und ich habe Niederländer als sehr vorsichtige Fahrer kennengelernt, die wohl auf Grund der Beschaffenheit ihrer Heimat keine Serpentinen kennen und an den Straßenrand fahren, um mich vorbeizulassen. Das genannte Wohnmobil nun fuhr in die Engstelle und hatte hinter sich bereits eine Reihe von Autos angesammelt, ich war der fünfte und sicher nicht weniger unmutig über die Verzögerung wie die anderen. Zuerst sah ich den Polizeiwagen auf der gesperrten Spur stehen, dann den Blitzapparat. Ein erschreckter Blick auf den Tacho – 55 – sicher!

Wo ich von der Polizei rede, erwähne ich auch den Mitarbeiter von Gerolsteiner, an dessen Privatadresse ich drei schwere Pakete zu liefern hatte. Es waren etwa 30 Grad im Schatten und er bot mir als erstes was zu trinken an, sogar eisgekühlt.
“Auf die Pakete warte ich schon sehnsüchtig,” sagte er.
“Was ist denn drin, wenn ich fragen darf?”
“Haha, ein Schnaps/Likör aus dem Elsass. Hat nur 35 Umdrehungen, brennt also nicht so, und man hat beim Trinken das Gefühl, in eine reife Birne zu beißen. Super Zeug. Sammelbestellung mit den Nachbarn.”
“Ist natürlich toll, wenn das Zeug nach dem schmeckt, aus dem es gemacht wird. Ich dachte, auch die Eifel sei für solche Sachen bekannt?”
“Ja schon, aber den hier gibt’s nur da unten; hab ich zufällig auf einem Wochenendtrip entdeckt.”
Er zeigt mir eine Flasche, deren Inhalt von goldgelber Farbe ist. Macht einen guten Eindruck, auch von der Konsistenz her. Als ich ihm dann schildere, dass ich selten zum Trinken komme, weil ich kaum einen kenne, der hochprozentiges trinkt, sagt er grinsend:
“So, jetzt biste fällig!” und schickt seinen Sohn in den Vorratsraum, damit der eine angebrochene Flasche vom letzten Jahr holt. Als ich etwas einwenden will, winkt er ab: “Keine Panik, nur ein halbes Gläschen. Du musst ja noch fahren.”
Und das Getränk ist gar nicht übel. Es schmeckt in der Tat nach reifer Birne, ist also für meinen Geschmack eine Spur zu süß, mit entsprechend medizinischem Nachgeschmack – aber gegen eine Flasche für einen Schluck dann und wann hätte ich rein gar nichts einzuwenden. Vielleicht hätte ich mir die Marke merken sollen… irgendwas mit “Katz~” oder “Katzen~”, glaube ich.

Abschlusshighlight der Woche war die Fahrt mit Melanie und das Abendessen bei Nick’s Diner in Herforst. Ich habe keine Ahnung, wer Nick sein soll, denn ich war auf Empfehlung eines amerikanischen Kunden dort, der mir versprach, dass die Hamburger dort richtig gut seien, seit “der Türke” den Laden übernommen habe, allerdings sei die Pizza dafür völlig ungenießbar. In einem Anfall von Größenwahn bestellten wir jeder einen “Big Food” Burger, ein Ungetüm von knapp 30 cm Höhe mit 360 Gramm Fleisch, das nur durch einen Spieß in der Mitte aufrecht erhalten werden kann. Die Bedienung empfahl Messer und Gabel.
Für einen Burger war das vom Geschmack gar nicht schlecht, hätte ich etwas vergleichbares bei Burger King gegessen, wäre mir kotzübel geworden, aber zum Abschluss aß ich noch ein Eis – mein Geldbeutel und mein aktuelles Körpergewicht erlauben das nach meiner Ansicht. Der Burger mit Pommes kostet 7,90 E, das erscheint mir ein angemessener Preis, gemessen an meinem Sättigungsgrad.
Dennoch esse ich das nicht noch einmal, die Fleischmenge ist einfach zu viel für mich. Ich gehe bestimmt noch einmal hin, belasse es dann aber bei einem Cheeseburger, die ebenfalls nicht klein sind und auch nur fünf-Euro-irgendwas kosten.

Auch mein “Bandnachbar” Kelvin (Name geändert) nutzt seine Lieferfahrten übrigens für “Familienausflüge”, wie er es nennt. Dann packt er am Nachmittag Frau und Kind in den Wagen und fährt mit denen durch die Gegend. Dort, wo die Fahrer Dan und Engel (Namen geändert) ihre Bassboxen montiert haben, hat Kelvin, sechs Jahre jünger als ich, einen Kindersitz eingebaut. Wie ich ihn einschätze, ohne vorher die Meinung des Chefs eingeholt zu haben.

Fahrer DJ (Name geändert) ist ein knappes Jahr jünger als ich, verheiratet, macht Musik, spielt mehrere Instrumente und komponiert im Bereich Electronica. Wir unterhielten uns ein bisschen und als er erfuhr, dass ich früher Songtexte geschrieben habe (vor 13 Jahren), bat er mich, ihm einen Text zu schreiben zum Thema “Feel it”. Vielleicht fällt mir was ein… ein Problem könnte allerdings sein, dass das Stück bereits existiert und ich meine Inspiration, so ich eine finde, in ein vorgegebenes Rhythmusmuster pressen muss, was früher nicht notwendig war, weil ich einfach ein spontan sich anbietendes Versmaß verwendete und Felix, Tobi und Pascal dann die Melodie um den Text herum montierten, und nicht umgekehrt. Meine Bandbreite von SailorMoon zu Sepultura und dann zum Techno-Remix “Otaku Hardcore Revolution” war jedenfalls zu viel für sein Vorstellungsvermögen eines umfassenden menschlichen Musikgeschmacks, aber mit dem ist gut auszukommen. Nur ist er derzeit auch Montags nicht ganz so fit, weil er an Wochenenden die Renovierung seines Hauses vorantreibt. Er scheint auch entsprechend Fehler zu machen und das Gerücht macht die Runde, dass seine Tage gezählt seien.

Elmo (Name geändert), Anfang Vierzig, fährt LKW und erzählt gern von den alten Tagen beim Fernverkehr wie ein pensionierter Seemann (“Damals, am Nordpolarkreis, das war mal kacke! Keine Klimaanlage! Mitternachtssonne! Da wurdest Du in der Schlafkabine gekocht! Da oben steht ja kein Baum, nichts, was Schatten spendet!”). Er lädt durch seine Art geradezu ein, dass man Witze über ihn macht, und er nimmt sie mit Humor. Wenn das Bäckerauto um kurz vor Acht vor der Tür klingelt, ruft die ganze Halle seinen Namen (“ELMO! DEIN FRÜHSTÜCK IST DA!”)… da träumt so mancher Rockstaranwärter nur von. Letztlich rollte er auf einer Ameise durch die Halle, breitete die Arme aus wie Kate Winslet auf der “Titanic” und rief: “Guck mal, ein fliegender Kobold!”

Ähnlich oft wird nur Fallis Name (auch geändert) gerufen, der dann aber schon mal wie das HB-Männchen in die Luft geht und durch die Halle brüllt – was die Halle mit lautem Lachen zur Kenntnis nimmt (und er nimmt es auch nicht wirklich übel). Falli ist in erster Linie im Büro beschäftigt und fährt, wenn die Halle leer ist, mit der Kehrmaschine durch, übernimmt bei Engpässen aber auch schon mal Fahrten nach Luxemburg und Belgien.

Da auch ein Fahrer mit dem Namen Murat im Depot arbeitet, habe ich dem einen oder anderen den türkischen Film “Dünyayı Kurtaran Adam” (“Der Mann, der die Welt rettet”) empfohlen, auch bekannt als “Turkish Star Wars”, und von mir wegen der Namen der Protagonisten als “Murat und Ali im Weltraum” bezeichnet (weswegen ich seinen Namen jetzt nicht geändert habe). Ich muss bei Gelegenheit mal die Reaktionen einholen, denn vor ein paar Jahren konnte man den Film an einem Stück auf Google Video sehen.

Nennen wir noch den Kurden aus dem Irak, auch einige Jahre jünger als ich. Kam als Zwölfjähriger nach Deutschland, spricht Kurdisch, Arabisch und Deutsch (und Trierer Dialekt), eigentlich mehrheitlich Sprachen, von denen so mancher Sicherheitsdienst wie der BND gern profitieren möchte. Obwohl nicht unsympathisch ist er allerdings dermaßen unverlässlich, dass er einem Klischeestudenten gerecht werden könnte und hat sich sein polizeiliches Führungszeugnis völlig zerschossen. Vergangene Woche kam er tatsächlich in der Halle an, bevor das Band anlief – zum ersten Mal, seit ich da arbeite. Der Kurde kam noch nie vor Sechs oder halb Sieben.
Dabei hat er mit Bitburg eine gemütliche Stadttour und ist oft genug vor drei Uhr Nachmittags wieder zuhause, obwohl er zwischendurch Pausen zum Essen oder auch ein Nickerchen macht. Sieben Cheeseburger zum Frühstück, eine Stunde später ein Döner, noch eine Stunde später Teilchen vom Bäcker, wie Mike berichtete. Dabei sieht er eigentlich recht drahtig aus. Er habe ständig wieder Hunger, könne aber nicht viel auf einmal essen, wobei die Definition von “viel” subjektiv ist, denn nach sieben Cheeseburgern müsste ich vermutlich kotzen.
“Dann rauch doch mal weniger Gras, hm?”
“Ich rauch kein Gras mehr, seit vier Jahren. Damals hab ich das Doppelte gefressen.”
Es kommt aber hinzu, dass er gern auf Partys und in Clubs geht, und man munkelt, dass er nicht selten von dort ohne Umweg übers Bett zur Arbeit komme. Aber vielleicht hält er sich ja mit der Pünktlichkeit der letzten beiden Tage, denn immerhin geht er damit seinen Nachbarn am Band auf den Keks, die für ihn seine Pakete runternehmen müssen. Was ihn aber nie daran gehindert hat, eine große Klappe zu haben, wenn auch im Scherz. Neben maskulinen Beleidigungen für andere Fahrer, die mal ein Paket verpassen (die aber in gleicher Münze zurückzahlen, weil er ja die selben Fehler macht und noch mehr davon), singt er neben deutschen Schlagern, Popsongs und Werbejingles auch schon mal die verpönte dritte Strophe des Deutschlandlieds und beklagt sich über die heutige Jugend und was aus Deutschland geworden sei (“Damals, als ich hier angefangen habe…” “Ja, was war denn damals vor vier Monaten?”)

Über weitere Leute kann ich nicht viel sagen, weil ich wenig Kontakt zu denen habe, die weiter weg am Band stehen. Felix und Hermes (Namen geändert) zum Beispiel sind neu. Der erstere ist ehemaliger Taxifahrer und kommt mir ein bisschen hypochondrisch vor mit Hang zum Selbstmitleid, Hermes kommt ein bisschen unsicher daher, scheint sonst gut drauf zu sein, und wenn der nicht homosexuell ist, dann weiß ich nicht, wer sonst.
Dabei ist uns das Klagen doch allen irgendwie gegeben. Sagte nicht Balzac, dass wir alle immer mehr klagten, als wir tatsächlich litten? Da muss ich auf Kalaschnikow zurückkommen, den selbsternannten “Eifel-Tornado” und zweifellos der beste Fahrer im Depot (der sein Auto sogar zu seinem WKW Avatar gemacht hat): Jeden Tag beschwert er sich, was für Extratouren er machen müsse und wie umständlich und lang er dann fahren müsse… und wenn ich ihn tags drauf frage, wie es gelaufen sei?
“Ach, alles locker! (grins)”

Kalaschnikow kommt am kommenden Montag nach drei Wochen Urlaub wieder zurück, und den hat er wegen seines Umzugs auch gebraucht. Seine Tour wurde von Kelvin gefahren und da “sein” Auto ja Firmenbesitz ist, blieb es im Depot und wurde ausgerechnet vom Kurden verwendet. Auch Kalaschnikow ist kein Hygienefetischist und hat eindeutig niedrigere Standards als ich (die laut meiner Freundin weit unterdurchschnittlich sind), aber der Kurde gehört zu denen, die sich nichts dabei denken, leere Flaschen und was sich durch seinen Nahrungskonsum ansammelt, im Auto liegen zu lassen. Außerdem ist in dieser Zeit wohl die Handbremse kaputtgegangen und während er parkte, fuhr jemand den rechten Außenspiegel ab.
Kalaschnikow liebt sein Auto. Er kennt jeden Quadratzentimeter der Karosserie persönlich, führt jegliche Reparaturen selbst aus und lässt sich von der Firma lediglich den Materialwert ersetzen. Von den Missgeschicken des Kurden unterrichtet, ließ er ausrichten: “Am Montag um halb Fünf bin ich wieder da und um Sieben stirbt er!” :-)

Na ja, mal abwarten. Für die bellenden Vierbeiner auf der Tour, und das sind ein paar, bin ich dieser Tage auch mal in den “Fressnapf” in Gerolstein gegangen, um ein paar Hundekuchen zu besorgen, nicht zu groß, nicht zu klein, da Hunde ja in verschiedenen Größen daherkommen. Es gibt eine Sorte, deren einzelne Stückchen etwa einen Kubikzentimeter haben. Als ich das Preisschild sah, wollte ich erst mal wieder weglaufen: “24,99 E”.
Aber es handelt sich nicht um den Preis pro Kilo, sondern um den 10-Kilo-Preis. Eine große Handvoll von 100 Gramm kostet also nur 25 Cent, und das nahm ich dann. Dann wird sich wohl auch der misstrauische Kleine in der Brunnenapotheke bald an mich gewöhnen.
Ganz und gar nicht beeindruckt war der kleine Dackel einer Kundin, die Maniküre und Duftkerzen anbietet. Mike hatte mich bereits vorgewarnt, dass der Dackel völlig ignorant sei, aber dass er einen Hundekuchen, direkt vor die Schnauze gehalten, gelangweilt ignorieren würde, hätte ich so nicht erwartet.