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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

1. September 2010

Eiserne Herzen (3/3)

Filed under: Militaria,Spiele — 42317 @ 19:15

Zuletzt ein Spiel, das ich für eine mutige Entscheidung hielt: Polen.
Nun ja, vielleicht ist Polen eine mutige Entscheidung, wenn man weiß, was kommt, aber nichts dagegen tut.
Das Spiel beginnt am 01. Januar 1936, und als erstes muss die Armee auf den aktuellen Stand gebracht werden. Dann besetzten die Deutschen das Rheinland. Großbritannien und Frankreich schweigen betreten und ballen die Faust in der Hosentasche – aber Polen reagiert! Indirekt. Ohne besonderen Grund fege ich mit 45 Divisionen durch die Tschechoslowakei und Österreich, um den Deutschen die Ausgangsbasis für den Angriff auf Polen zu nehmen. Europa reagiert nervös. Ungarn, Jugoslawen und Rumänen verlegen eilig Truppen an ihre Grenzen. Nur die Deutschen nehmen die Sache locker. Nur, was mache ich da eigentlich?
Ich nehme über Winter noch ein paar Modernisierungen vor und Ende Frühjahr 1937 erkläre ich dem Deutschen Reich den Krieg. Warum auch nicht? Die Deutschen haben zu diesem Zeitpunkt 48 Divisionen, die Polen 45. Ein geringfügiger und unbedeutender Unterschied, beachtet man die Leistungsfähigkeit der KI. Am 18. Juli 1937 kapitulieren die letzten deutschen Divisionen im Kessel von Essen und das Deutsche Reich wird von Polen annektiert. Aus irgendeinem Grund kann ich keinen Marionettenstaat einrichten. Vielleicht ist das für den stolzen Führer der Achsenmächte nicht vorgesehen?
Man soll übrigens kaum glauben, wie schnell der Aufstand von General Franco in Spanien zusammenbricht, wenn die Deutschen ihm nicht helfen.

Da nichts besseres auf der Agenda steht und ein Krieg die Bedürfnisse der Bevölkerung an Verbrauchsgütern senkt, wende ich mich als nächstes Italien zu. Eine gute Übung, da Italien über Kolonien verfügt. Und zu Übungszwecken baue ich eine Einsatztruppe von neun Luftlandedivisionen inklusive der notwendigen Transportmaschinen auf.
Den italienischen Stiefel aufzuräumen, ist keine große Sache. Die Ostseeflotte verlegt ins schöne Mittelmeer, Sardinien fällt. Sizilien wird ausgebombt. Noch sitzen die Italiener stark in Afrika, zumindest ihre Flotte, was einen konventionellen Angriff über den Teich hinweg verhindert, weil sie alle meine Transporter versenken würden – so eine Landung dauert mehrere Stunden, was der Flotte des Verteidigers Zeit gibt, sich an Ort und Stelle einzufinden und einzugreifen, und mangels genügend starker Kampfeinheiten kann ich die Landungsflotte nicht vor ihrer Vernichtung bewahren. Es schlug die Stunde der Fallschirmjäger.

Die sollten versuchsweise auf dem zumindest nicht durch Landeinheiten verteidigten Dodekanes landen, das ist eine Inselgruppe vor der Küste der Türkei. Jetzt bemerkte ich das Konzept, nach dem in diesem Spiel Luftlandungen behandelt werden: Die Weltkarte besteht nicht nur aus einzelnen Provinzen, sondern auch aus Gebieten, die grob den Nationalstaaten entsprechen, und Regionen, die man vielleicht mit Bundesländern vergleichen kann, so wie u.a. die Provinzen Stuttgart und Freiburg die Region „Baden Württemberg“ bilden. Als Ziel für Fallschirmjäger kann man keine einzelnen Provinzen, sondern nur Regionen auswählen. Der Dodekanes gehört zur Region „Östliches Mittelmeer“, und wenn ich die Region als Ziel markiere, dann landen die Fallschirmjäger automatisch auf Kreta. Und nirgendwo sonst. Ob ich an Kreta interessiert bin, oder ob ich Kreta selbst besitze, spielt überhaupt keine Rolle. Jede Region hat eine Art Hauptprovinz, und nur dort kann man luftlanden.
Dann lasse ich den Dodekanes halt bleiben und lande gleich in Libyen.
Italienische Truppen gibt es dort kaum, und Benghazi ist schnell genommen. Da das Ausladen in einem besetzten Hafen im Nullkommanichts geht, lande ich ein paar Heeresdivisionen aus und nehme die Luftlandearmee zurück nach Italien zur Auffrischung, bevor ich sie inmitten der libyschen Wüste absetze, während die Armee an der Küste entlang nach Westen auf Tripolis vorgeht.
Dabei entdecke ich, dass Luftversorgung nach dem gleichen Muster abläuft wie Luftlandung: Versorgungsgüter werden nicht dort abgesetzt, wo die Armee sie braucht, sondern in der jeweiligen Hauptprovinz der Region. Was für ein Quatsch ist denn das? Denn das heißt doch, dass es unmöglich ist, eine eingekesselte Armee aus der Luft zu versorgen, egal wie klein die Armee, und egal wie groß die Luftflotte ist, wenn die eingeschlossene Truppe nicht zufällig in der „richtigen“ Provinz sitzt!

Nach der Eroberung Libyens war die italienische Flotte verschwunden, hatte sich in Luft aufgelöst. Ich konnte ungestört auf dem Dodekanes landen, und anschließend Äthiopien und Somalia befreien. Ich beglückte die Afrikaner noch mit je einem modern ausgestatteten Hafen und entließ sie dann in die Unabhängigkeit.

Dann war niemand mehr da, der Stunk machen konnte. Mit Ausnahme der Japaner, aber an die kam ich nicht ran. Nur irgendwann 1939 erhielt ich noch eine Meldung, dass der deutsche Außenminister Ribbentrop von Polen eine Verkehrstrasse zwischen Pommern und Ostpreußen forderte. Dabei gab es weder ein deutsches Außenministerium, noch einen deutschen Staat. Dämliche Skripte!
Ich spielte noch mit dem Gedanken, mich mit den Russen anzulegen, aber wozu? Da die Spannung des Spiels gezwungenermaßen mit den Deutschen steigt und fällt, gab ich das Spiel dann Mitte 1939 auf.

Die Konzepte im Hintergrund

Prinzipiell handelt es sich weder um ein runden- noch um ein echtzeitbasiertes Strategiespiel. Oben rechts im Hauptbildschirm läuft eine Uhr, eine Stunde nach der anderen vergeht, je nach gewähltem Szenario vom 1. Januar 1936 bis zum 31. Dezember 1947. Die Geschwindigkeit, mit der die Stunden vergehen, lässt sich im Menü einstellen, und die Zeit kann jederzeit zu planerischen Zwecken angehalten werden.

Der Ansatz ist eigentlich klasse. In Strategiesimulationen, die den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben, hat man als Spieler üblicherweise die Auswahl zwischen den hauptsächlich beteiligten Großmächten, aber Hearts of Iron 2 geht an das Maximum des Möglichen: Man kann jeden Staat spielen, der 1936 auf dem Globus zu finden war. Okay, es gibt Ausnahmen. Liechtenstein, Andorra, oder Monaco wird man vergeblich suchen. Aber man findet zum Beispiel Uruguay. Oder Nepal. Oder Albanien. Oder Luxemburg. Schon mal von Tannu Tuva gehört? Oder von Guangxi?

Das Spielen der Kleinen kann spaßig sein, auch, wenn sie von den größeren Nachbarn mit hoher Wahrscheinlichkeit überrollt werden. Luxemburg fällt der Wehrmacht zum Opfer, Albanien wird von den Italienern geschluckt, Nepal ist überhaupt ein britischer Marionettenstaat, Tannu Tuva geht früher oder später in der UdSSR auf, und Guangxi im geeinten China. Die Chancen dafür sind hoch, aber nicht bei 100 %. Das macht den Reiz aus.

Man muss als Nationenverwalter keinen Anteil am Zweiten Weltkrieg haben oder suchen. Als Südamerikaner, weit ab vom Schuss, kann man ziemlich ungestört sein eigenes Süppchen kochen. Auch als kleine, neutrale Nation in Europa oder Asien kann man versuchen, das beste aus der Situation zu machen. Der Iran z.B. könnte unter Aufbietung seines gesamten mit Ölexporten geschmierten Potentials, das nie und nimmer für Panzer oder Luftwaffe reicht, seine Infanteriekräfte ausbauen und Afghanistan schlucken. Oder die Türkei. Oder beide. Die Polen könnten sich ranhalten und mit der Eroberung der potentiellen deutschen Bündnispartner beginnen, bevor diese der Achse beitreten und damit ihr industrielles Potential dem falschen Pool zukommen lassen. Oder die Deutschen, solange sie noch schwach sind, gleich überrennen. Die Möglichkeiten sind jedenfalls gegeben.

Das im Spiel enthaltene Tutorial ist eine super Sache, um sich mit den Steuerungselementen und den Optionsmenüs bekannt zu machen, wenn man völlig neu in das Spiel einsteigt. Man muss einen Plan in der Tasche haben, wenn man das Spiel gewinnen will, denn hinter dem Mann an der Front muss eine funktionierende Kriegswirtschaft stehen, und die wiederum braucht brauchbaren Input aus Rohstoffen (Öl, Erz, seltene Materialien, Energie, Geld, und Nachschubgüter) einerseits, und verschiedenen Forschungsgebieten andererseits. Und man muss (oder sollte vielleicht) Schwerpunkte setzen, was man dem Mann an der Front in die Hand gibt. Man kann nicht alles haben, dafür reichen die Kapazitäten nicht aus. Wenn aus der geostrategischen Situation heraus klar ist, dass man hauptsächlich in Landkonflikte verwickelt wird, wird man dem Heer und der Luftwaffe den Vorzug geben und die Marineforschung auf das Notwendigste beschränken. Wenn der große Feind oder man selbst sich wirtschaftlich auf ein globales Koloniensystem stützt, dann wird man der Marine viel mehr Aufmerksamkeit widmen müssen, und statt normaler Infanterie eher zu Marineinfanterie und vielleicht Luftlandetruppen neigen.

Die Versorgung mit Rohstoffen funktioniert bequem, wenn man eine Landmacht ist. Probleme gibt es, wenn man sie aus überseeischen Gebieten beziehen muss und obendrein auch noch ein Feind mit Marine draußen lauert. Feindliche U-Boote durchkämmen dann die Meere zwischen Kolonie und Mutterland, und immer wieder werden Konvois und/oder Eskorten versenkt.
Dem kann man auf zwei Arten entgegenarbeiten: Erstens sollte man genügend solcher Schiffe gebaut haben, damit die Rohstoffversorgung nicht zum Erliegen kommt. Konvois und Eskorten sind ein zusätzlicher Produktionspunkt neben Transportflotten (die nur Truppen transportieren) und Zerstörern, die für offensive Zwecke in Schlachtflotten eingebunden werden. Zweitens kann man die Effizienz der Eskorten durch Marineforschung („Zerstörer“) erhöhen.
Wenn man das möchte, kann man die Planung der Konvois automatisieren und der Computer wird Konvoischiffe und Zerstörer zuteilen, aber ob man mit dem zugeordneten Verhältnis von Transportern und Kampfschiffen einverstanden ist, bleibt dem jeweiligen Spieler überlassen. Ein Zerstörer auf zehn Transporter mutet wenig an, wogegen andere Konvois auch mal mehr Zerstörer als Transporter bekommen, ohne, dass ein nachvollziehbarer Grund für die Prioritätensetzung vorläge.

Forschung ist eine große Sache in diesem Spiel. Das Forschungsmenü teilt sich in eine nicht geringe Anzahl von Teilbereichen, unter denen man seine Prioritäten auswählen kann.
„Industrie“ fasst ganz verschiedene Dinge zusammen, zum Großteil natürlich verbesserte Herstellungstechniken (z.B. Fließbandproduktion, die die Herstellungszeit von Einheiten verkürzt), aber auch Radar-, Nuklear-, Raketen-, Computer-, Verschlüsselungs-, und Agrartechnik.
Unter „Infanterie“ erforscht man verschiedene Infanterieformen, von den gewöhnlichen Landsern abgesehen gibt es technische Entwicklungen für Kavallerie, motorisierte und mechanisierte Infanterie, Fallschirmjäger, Gebirgsjäger, und Marineinfanterie, sowie logistische Neuerungen.
Der Bereich „Panzer und Artillerie“ dient der Erforschung neuer Divisionen von leichten und mittleren Panzern, schweren Panzerbrigaden, und verschiedenen Formen von Artillerie, Rohr- oder Raketen, selbst fahrend oder gezogen, Flak oder Pak.
Unter „Marine“ kann man neue Schiffstypen entwickeln und weiterentwickeln, die übliche Reihe von U-Booten und Zerstörern bis zu Schlachtschiffen und Flugzeugträgern, in den technischen Variationen von Vorkriegsstandard bis zu atomgetrieben (sofern man Atomtechnologie unter „Industrie“ erforscht).
Der Abschnitt „Flugzeuge“ ist ebenso selbsterklärend, es gibt Abfang-, Begleit-, und Mehrzweckjäger, taktische und strategische, sowie Marinebomber, Stukas und Lufttransporter.

Des weiteren gibt es drei Gebiete für Doktrinen, für Land-, Wasser-, und Luftgefechte. Theoretisch gibt es mehrere Richtungen, in die man jeweils forschen kann, wie Massenangriffstaktiken, Feuerkraftfokus, oder Mobilität beim Heer, verbesserten Flugtaktiken bei der Luftwaffe, oder verschiedenen Seekampfschwerpunkten bei der Marine, was den Einheiten Boni auf potentielle Eigenschaften gibt, die zu positiven Ereignissen während der Schlachten führen können. In der Praxis ist es bei den technisch fortgeschrittenen Staaten allerdings so, dass diese bereits die grobe Richtung vorgegeben haben. Man kann also als Deutscher z.B. nicht (mehr) statt Mobilitäts- (Blitzkrieg-) den Feuerkraftfokus wählen. Eine einmal gewählte Richtung eliminiert alle Alternativen.

Zuletzt ist da das Kapitel „Geheimwaffen“. Dort entwickelt man aus der Raketentechnik die kriegerischen Anwendungen wie Raketen allgemein (sowohl Interkontinental- als auch Luft-Luft-, Luft-Boden-, und Boden-Luft-Raketen) und Düsenflugzeuge, setzt die bislang friedliche Atomforschung in Nuklearwaffen und atomgetriebene Schiffe um, bringt aber auch frühe elektronische Rechner – Computer – hervor, um die Forschung weiter zu fördern.

Auch Diplomatie ist ein Lieblingsthema des Spiels.
Innenpolitisch kann man in jedem Jahr eine Reform durchführen, also ob man mehr zur Diktatur oder mehr zur Demokratie neigt, ob die Politik eher dem linken oder dem rechten Spektrum zuzuordnen ist, ob man Pazifist oder Kriegstreiber ist, eher isolationistisch auftritt oder aktive Intervention bevorzugt, ob man freie Märkte oder lieber Planwirtschaft will, und so weiter. Jede dieser Entscheidungen hat Vor- und Nachteile – so muss eine Diktatur weniger IK für Konsumgüter ausgeben, um die Bevölkerung zufrieden zu stellen, als eine vom Konsum verwöhnte Demokratie, und während Berufsheere eine höhere Organisationsstruktur aufweisen, können Einheiten aus Wehrpflichtigen mit weniger Aufwand an IK aufgestellt werden.

Je nach Konstellation dieser Schieber hat man als Spieler Einfluss auf die Zusammensetzung des eigenen Kabinetts, das aus dem Staatsoberhaupt, dem Regierungschef, Ministern für Äußeres, Rüstung, Sicherheit, und Geheimdienst, sowie dem Chef des Generalstabs und den Kommandeuren der Teilstreitkräfte besteht. Jeder Minister bringt Vor- und Nachteile mit sich. Genau genommen gibt es ein paar Minister, die Vor- und Nachteile haben, während andere nur Vor-, und wieder andere nur Nachteile aufweisen. Je nach politischer Situation ist die Auswahl aber begrenzt, und manchmal bleibt nur die Wahl zwischen dem Teufel, der „-20 % auf Geldproduktion“ hat, und dem Beelzebub, der die Senkung der Unruhe behindert.

Durch Klicken auf die entsprechenden Flaggen in der linken Leiste erhält man eine Übersicht über den diplomatische Status verschiedener Nationen, welche Bündnisse sie unterhalten, mit wem sie Krieg führen, ob sie Gebietsansprüche an jemanden stellen, usw. Darunter sieht man das Kabinett des Staates und grobe Informationen über die Persönlichkeit der einzelnen Minister. Oben rechts erscheinen die diplomatischen Optionen, von denen die meisten eine finanzielle Investition notwendig machen.

Einen Krieg zu erklären kostet zumindest kein Geld, muss aber mit einem Anstieg der nationalen Unruhe, einem Absinken der betroffenen Staatenbeziehung auf den Minimalwert von -200, und den sonst logischen Folgen bezahlt werden.
Ganz teuer ist es, einen Putsch anzuzetteln, um eine freundlich gesinnte Regierung einzusetzen, und ob der gelingt, hängt irgendwie von der Unruhe des Zielstaats ab und von den Fähigkeiten der Minister für Sicherheit und Nachrichtendienste. Interessanterweise kann man keinen Staatsstreich bei einer Nation versuchen, mit der man sich im Krieg befindet.
Billiger kommt es vielleicht, eine Nation nur zu beeinflussen. Dazu fördert man freundlich gesinnte Politiker finanziell, was bei geringem Erfolg zu einem Anstieg des Zahlenwerts für diplomatische Beziehungen führt, und bei größerem Erfolg zu einer Annäherung der innenpolitischen Einstellungen des Zielstaats an die eigenen Werte.
Handelsabkommen können angeboten und aufgelöst werden. Das kostet kein Geld, aber der Bruch eines Abkommens belastet natürlich die diplomatischen Beziehungen.
„Verhandlungen eröffnen“ ist genau das, nur geht es hier nicht um Handel, sondern eher um Tausch, zum Beispiel von Provinzen. Dieser Punkt ist im Handbuch unter „Offene Verhandlungen“ zu finden… keine sinnige Übersetzung von „open negotiations“.
Des weiteren gibt es die Möglichkeit, jemandes Unabhängigkeit zu garantieren, einen Nichtangriffspakt vorzuschlagen oder aufzuheben, jemanden ins eigene Bündnis einzuladen, oder aus einem Bündnis auszutreten, Truppen an Verbündete zu senden, einen Durchmarschbefehl für die eigenen Truppen zu fordern, oder gleich den Oberbefehl über die verbündeten Truppen zu übernehmen – vorausgesetzt, die betroffenen Politiker stimmen dem zu.

Man sollte ganz zu Beginn einstellen, welche Nachrichten man deutlich angezeigt bekommt, und ob diese den Zeitablauf unterbrechen sollen oder nicht. Es ist empfehlenswert, sich auf das wichtigste zu beschränken, sonst verbringt man sehr viel Zeit damit, Nachrichtenfenster wieder zu schließen. Jede Nachricht kann jederzeit über das „Logbuch“ abgerufen werden, der Unterschied besteht darin, dass man sich die Mühe machen muss, dem Ablauf der internationalen Ereignisse bewusst zu folgen. Aber das meiste davon ist unwichtig.

Nicht ganz unwichtig sind die verschiedenen Darstellungen, die man sich auf die Karte projizieren lassen kann. Neben der Standardansicht gibt es zum Beispiel eine Wetterkarte. Schlechtes Wetter unterstützt grundsätzlich den Verteidiger, also möchte man vielleicht den Wetterbericht ansehen, bevor man eine Offensive in Auftrag gibt. Weiterhin gibt es eine Ansicht, die über Partisanentätigkeit in den einzelnen (eroberten) Provinzen Auskunft gibt. Diesen Widerstandsgruppen muss man mit Garnisonsdivisionen und Polizeibataillonen begegnen. Interessant ist auch die Darstellung der Wirtschaft, wo man sehen kann, welche Rohstoffe es in den jeweiligen Provinzen gibt. Man sollte sich bei seinen Angriffen aber weniger von Rohstoffen, als eher von einer haltbaren Frontlinie leiten lassen.
Zuletzt erwähnenswert ist die Geländekarte. Berg- und Hügelregionen sind nicht nur leichter zu verteidigen, sondern auch schwerer zu durchqueren, man sollte also aufpassen, wo man hinläuft.

Spielerleichterung

Gibt es ein Spiel ohne Cheats? Es gibt zwar auch hier die üblichen Wörter und Phrasen, die man während des Spiels irgendwie eingibt, worauf man unrealistische Vorteile erhält, es gibt aber originellere Methoden.

Die Spiele werden unter anderem in Dateien mit der Endung .eug gespeichert. Diese Dateien kann man mit dem Texteditor öffnen und einfach alle Werte ändern, die man verbessern möchte. Zum Beispiel kann man den Namen eines im Spiel vorkommenden Wissenschaftlers suchen und dessen Spezialgebiete ändern. Oder man sucht sich einen General und gibt ihm irgendwelche Fähigkeiten. Man muss sich nur an die in der Datei verwendete Syntax halten. Was man nicht tut, ist den Fertigkeitswert einer Person erhöhen; stattdessen setzt man die Werte auf “1″ fest – weil dieser Wert nur eine Aussage darüber macht, wieviel die Dienste dieses Forschungsteams kosten. Der Fertigkeitswert macht keine Aussage über die Forschungsgeschwindigkeit. Das Vorhandensein eines Spezialgebiets gibt einen Bonus, das ist alles.

Taugt es was?

Ja, prinzipiell schon. Da man sich den Staat, den man spielen möchte, beliebig aussuchen kann, ist es möglich, intuitiv einen Schwierigkeitsgrad festzulegen, den es so im Spiel nicht gibt.

Das Planen, Bauen und Befehlen macht schon Spaß, und natürlich ist es viel interessanter, einen Krieg zu führen, als darauf zu achten, dass der Rohstoffimport mit dem Wirtschaftswachstum Schritt hält. Das politische Taktieren hat etwas für sich, aber noch ist mir nicht ganz klar geworden, was mir die Außenpolitik eigentlich bringt, sieht man einmal von der Rohstoffeinfuhr ab. Es ist zum Beispiel völlig schleierhaft geblieben, was es bringt, einen anderen Staat politisch zu beeinflussen.

Grafisch kommt das Spiel eher spartanisch daher, aber es ist erstens auch nicht mehr ganz neu, und zweitens muss ein Strategiespiel auch nicht grafisch auf dem neuesten Stand sein. Wozu auch? Es braucht ja nur erkennbare Symbole auf einer Weltkarte.
Die Icons der einzelnen Divisionstypen ändern sich je nach Modernisierungsgrad, das reicht meines Erachtens völlig aus.

Die Klangeffekte sind ein schöner Punkt. “Krieg ist die Hölle, aber der Sound ist verdammt geil!” hieß es bei uns früher, und Hearts of Iron II bietet ebenfalls Kampfgeräusche, wenn es zu feindlichen Begegnungen kommt, gerade bei Luftangriffen und Seegefechten. Mir zumindest haben Sie gefallen.

In der deutschen Version des Spiels sind manche Namen bedeutender Nazipersönlichkeiten verfälscht: Göhring ist Gorink, Himmler ist Heimmler, und Hitler ist Hiller. Aber Ribbentrop, Bormann, und Kaltenbrunner dürfen so heißen, wie sie nunmal hießen. Interessant war auch zu sehen, dass “Heimmler” den Kommandeursposten einer Armee inne hat. Schwachsinn pur.

Es ist natürlich auch wieder einmal schade, dass der vom Computer gesteuerte Gegner von minderer Qualität ist. Es ist allein schon auffällig, dass der Gegner nur die billigsten Kampfeinheiten, Infanterie, baut. Vielleicht auch noch kleine Marineeinheiten. Ich möchte jedenfalls vermuten, dass alles andere, was die Deutschen zum Beispiel in die Schlacht werfen, lediglich modernisierte Versionen der Einheiten sind, die sie bereits zu Spielbeginn hatten, dass aber zum Beispiel keine Panzer oder Flugzeuge nachgebaut werden, dafür habe ich bislang viel zu wenige von denen vorgefunden. Das ist einerseits unrealistisch, andererseits senkt der Mangel an motorisierten Einheiten den Ölverbrauch und damit den Bedarf an Eifuhren ganz erheblich. Im Rahmen der beschränkten Logik des Spiels macht das also Sinn, aber begeistert bin ich von diesem Detail dennoch nicht.

Es gibt auch eine Multiplayer-Option, ich habe sie allerdings nicht ausprobiert. Das könnte wiederum interessant sein, aber vermutlich ist es auch extrem zeitintensiv.

23. August 2010

Eiserne Herzen (2/3)

Filed under: Militaria,Spiele — 42317 @ 12:42

Der Plan meines zweiten Spielversuchs mit der Sowjetunion war wie folgt:
- Offensives Vorgehen gegen Japan, dabei grobe Wiederholung des Verfahrens aus dem vergangenen Spiel.
- Defensives Vorgehen im Westen unter maximaler Ausnutzung der vermuteten Vorbereitungszeit.
- Offensive im Westen nach Bereitstellung der im Osten nach dem Sieg über Japan frei gewordenen Divisionen.

Es gibt viele Festungswerke auf dem Spielplan, aber nur eines (auf zwei Provinzen verteilt), dessen Wert das Maximum von 10 beträgt: Die Maginot-Linie… an der lächerlich kurzen deutschen Westgrenze. Ich nehme ein Titanenwerk in Angriff: Unter Entblößung der westlichsten Provinzen entsteht eine Festungslinie von Polotsk über Smolensk bis nach Cherson am Schwarzen Meer, das heißt im Norden entlang der Düna, dann dem Dnjepr folgend bis zu seiner Mündung, insgesamt knapp 1500 km. Auf dieser Linie graben sich etwa 170 sowjetische Divisionen ein. Das bedeutet, abgesehen von der Provinz Smolensk genießt die Rote Armee einen dreifachen Verteidigungsbonus, weil sie hinter einem Fluss liegen (+10), weil sie eingegraben sind (+10), und weil sie in den dicksten Bunkern der Welt sitzen (noch mal +10). Die Deutschen dürfen kommen, aber erst sind die Japaner dran. Und für den Zeitpunkt, zu dem die erledigt sind, tritt der nächste Bauplan in Kraft: Der Ausbau des Verkehrsnetzes in allen Provinzen, die in einer Reihe zwischen der Westgrenze der Mongolei und dem Dnjepr liegen, damit die im Osten freigewordenen Divisionen auch schnell an die Westfront kommen. Der Spaß beginnt.

Im September 1939 greifen die Deutschen Polen an und werden spielend mit denen fertig. Wenig später folgt Skandinavien und Frankreich, und ich spiele mit dem Gedanken, den Deutschen in den Rücken zu fallen, während ihre Divisionen in Frankreich gebunden sind. Aber eigentlich habe ich ja ein ganz anderes Experiment vor.

Ich beteilige mich nicht an der polnischen Teilung und bleibe den Finnen gegenüber friedlich. Stalin wollte von denen ja einige Landstreifen im Vorfeld von Leningrad zur Verbesserung der „nationalen Sicherheit“ – die Finnen lehnten ab, Stalin stürzte sich in den katastrophalen Winterkrieg von 1939, und die Finnen regierten mit dem einzigartigen Ereignis, dass sich eine Demokratie mit einer Diktatur verbündete. Aber ich wollte Ruhe im Norden, wählte unter den angebotenen Optionen also „Nichts tun“ anstatt „Pressebehauptungen“.
Das ist so ein Wort, an dem sich die Amateurhaftigkeit der Übersetzung offenbart. Denn was hatte die Presse damit zu tun? Nichts natürlich. Übersetzen wir „Pressebehauptungen“ zurück ins Englische, wo der Text einmal herkam, dann lesen wir „press claims“ – bimmelt da ein Glöckchen? Oder doch gleich der ganze Kölner Dom?

Zu guter Letzt habe ich im Laufe der Jahre die deutsche Regierung immer wieder beeinflusst – eine ganz normale politische Option. Man zahlt einen Obolus und die Beziehungen zum Zielstaat verbessern sich mehr oder weniger gut. Handelt es sich um einen relativ wirtschaftsschwachen Staat, kann man diesen auch mit großem oder sehr großem Erfolg beeinflussen. Dies hat zur Folge, dass sich dessen Regierungssystem in einem Punkt auf die eigene Linie zu bewegt. Macht man das mehrfach, kann man den Zielstaat politisch völlig angleichen. Da Deutschland aber über ein gewisses wirtschaftliches Niveau verfügt, gelang mir das nicht. Aber immerhin konnte ich die Beziehungen bis auf das Maximum von +200 heben. Nutzt aber nichts. 1941 kommen sie dennoch.
Abgesehen von meiner besonnenen Außenpolitik habe ich auch auf die Säuberungen von 1937 verzichtet, was mir einen ausreichend großen Kreis von Generälen bescherte.

Sehen wir, was im Osten läuft, während noch Bunker und Straßen gebaut werden.
Zuerst garantiere ich die Unabhängigkeit Nationalchinas – das gibt mir einen Kriegsgrund, sobald die Japaner mit dem Säbel rasseln. Verbünden wollen sich die Jungs ja nicht, die ideologischen Unterschiede sind dann wohl doch zu groß. Erklärt man einfach so jemandem den Krieg, steigt die nationale Unruhe zu sehr, was die Wirtschaftsleistung negativ beeinflusst. Es ist immer besser, einen plausiblen Grund in den Zeitungen veröffentlichen zu können, also: So wie ein Hund an Laternenpfähle pinkelt, garantiert ein Staat die Unabhängigkeit eines anderen – dann kann guten Gewissens man auf die Pauke hauen, sobald einer im abgesteckten Revier rumstrolcht.
Spätestens 1938 marschieren die Japaner auf Peking, und die Mandschurei hinterdrein. Also erkläre ich beiden den Krieg und überrolle den Marionettenstaat binnen weniger Wochen, und noch ein wenig später ist Korea sowjetisch rot. Wie üblich ist kurz hinter der chinesischen Grenze Schluss mit dem Vormarsch, weil die Versorgung dort aufhört.

Der Flottenbau läuft auch wieder auf Hochtouren, um viele, viele möglichst moderne U-Boote zu produzieren, damit diese die japanische Flotte aus dem Pazifik fegen. Anders als im letzten Versuch fasse ich diesmal alle Ressourcen in einer möglichst großen Flotte zusammen. Die Pazifikschlacht zieht sich über Monate dahin, und am Ende ist die Kaiserliche Flotte vernichtet, während ich nicht mehr als zehn Boote verloren habe. Dann lande ich wieder in Fukuoka und Kanazawa, erobere Japan und danach eine Reihe von Inseln, Okinawa, Taiwan, Hainan. Irgendwann Ende 1942 greifen die ziemlich flottenlosen Japaner Pearl Harbor an, und ein knappes Jahr später ergeben sie sich den Amerikanern und werden deren Marionettenstaat. Diesmal darf ich meine Eroberungen in Japan allerdings behalten – möglicherweise ein Programmfehler. Im Herbst 43 machen sich also der Großteil der 60 ostasiatischen Divisionen auf den Weg nach Westen, um an der Westfront die Offensive einzuläuten. Wenn man einer Armee, die in Mukden stationiert ist, den Befehl gibt, nach Sewastopol zu verlegen, dann wird die übrigens einen ganz anderen Weg wählen, als den kürzesten, oder den am besten ausgebauten. Niemand weiß warum. Ich lotse die Jungs also von einem Autobahnabschnitt zum nächsten, aber für ein irgendwann vielleicht zu machendes, weiteres UdSSR-Spiel weiß ich, dass man anfangs einer Truppe einen Marschbefehl nach Sewastopol gibt und sich beim Straßenbau auf die Provinzen konzentriert, die dabei als Marschweg angezeigt werden.  Das spart auf jeden Fall Zeit, die man in Befehle investieren müsste.

Im Westen waren jedenfalls im Herbst 1941 die Deutschen in der UdSSR einmarschiert, trotz eines blendend guten politischen Verhältnisses. Was einem ein gutes Verhältnis zu seinen Nachbarn bringt, muss mir überhaupt erst mal einer erklären. Es bringt weder Handelsvorteile noch macht es die Beteiligten geneigter, sich an einem militärischen Bündnis zu beteiligen.
Wie dem auch sei, die Verbände der Wehrmacht mögen sich gewundert haben, warum sie auf keinen Widerstand stießen und man sie einfach so ins Land ließ. Es gab dort nichts mehr zu holen. Die Industrieanlagen waren bereits nach Osten verlegt worden.
Dann trafen 180 deutsche Divisionen auf Düna und Dnjepr. Und nichts geschah. Die besahen sich, was sich ihnen da für ein Anblick bot – ein Festungswerk neben dem anderen am gegenüberliegenden Ufer – und blieben, wo sie waren. In den kommenden zwei Jahren wurde kein einziges Gefecht geführt, die Befestigungen waren scheinbar zu Respekt einflößend. Sitzkrieg an der Ostfront, wer hätte das gedacht.

Ende 1943, die rumänische Marine war bereits aus dem Schwarzen Meer vertrieben worden, trafen dann fünf der sechs sowjetischen Fernostarmeen im Südabschnitt ein, vier Armeen zu je neun Divisionen, eine Armee zu zwölf Divisionen. Eine Armee verblieb in Asien, und hielt ein wachsames Auge auf den Chinesen. Auch an der rumänischen Küste gab es interessanterweise unverteidigte Strände, also landete eine Armee dort, wartete auf die nächste, baute den Brückenkopf aus, und so weiter, bis alle Fernostdivisionen angelandet waren. Die Karpaten bereiteten ein paar Schwierigkeiten, aber im Frühsommer 44 war Rumänien geschlagen und die Achsentruppen waren daraufhin nur noch damit beschäftigt, nach Westen zu rennen. Die rote Armee stieß nach Prag vor, dann wurde die Front von Süden nach Norden aufgerollt, dutzende deutsche Divisionen wurden dabei in gigantischen Kesseln von der Größe Jugoslawiens vernichtet, etwa die Hälfte von denen, die die Ostfront einmal gebildet hatten. Die Rote Armee schwemmte auf dem Weg nach Westen alles weg. Einzig die Ostsee konnte ich nicht sichern – die deutsche Kriegsmarine war aus einem anderen Holz geschnitzt als ihr japanisches Pendant. Die modernen deutschen Zerstörer erwiesen sich meinen U-Booten als gewachsen, also blieben die im Kronstädter Hafen und überließen die Sache dem Heer. Und als die Rote Armee dann auf der Linie Freiburg-Stuttgart-Frankfurt-Hamburg stand, kapitulierten die Deutschen – worauf interessanterweise die Amerikaner das übernahmen, was übrig war und armeeweise Soldaten importierten. Lustig dabei war übrigens, auf welche Art und Weise die Luxemburger (Luxemburg besteht spieltechnisch ursprünglich nur aus der Provinz Luxemburg) von dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches profitierten: Sie erhielten die Provinzen Arlons und Reims zugesprochen!
Da das Risiko bestand, dass die USA mich präventiv angreifen würden, musste ich eine Wache zurücklassen, als die anderen nach Süden abdrehten, um den Italienern den Garaus zu machen. Aber auch in Italien war ich nicht schnell genug: In der Toskana angekommen, geschieht ein kleines Wunder – die Amerikaner landen in Italien! Das hatten sie sich in den letzten Jahren scheinbar nicht getraut. Ich kam, als ich sah, dass er siegte, oder was? Die Italiener ergeben sich jedenfalls den Amerikanern, die besetzen schnell die südlichen zwei Drittel. Immerhin habe ich die Häfen Genua und Venedig. Und ich kann mich meinem nächsten Ziel zuwenden… haben sich nicht auch in Spanien die Faschisten eingenistet?

Nach ein paar wenigen Monaten Mittelmeerkrieg erfolgt die Landung in Spanien, und wenn wir schon mal dabei sind, nehmen wir Portugal gleich mit. Man kann Staaten annektieren, wenn man alle Heimatprovinzen erobert hat, und Kolonien zählen nicht dazu. Ergibt sich der Staat, fallen auch die Kolonien an den Sieger. Die Sowjetunion hat nun also ein festes Standbein in Afrika.

Das Spiel geht jeweils erst am 30. Dezember 1947 zu Ende, bis dahin waren es noch mehr als zwei Jahre – was tun? Die Rote Armee beginnt ihre kleine Welttour durch alle Staaten, die keine militärischen Verbündeten haben: Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, Türkei, Persien, Afghanistan, Pakistan – Indien. Die Inder sind in der Tat von den Briten in die Unabhängigkeit entlassen worden, aber ein Bündnis haben sie nicht.
Während Indien in den letzten Zuckungen liegt, tun mir die Nationalchinesen einen Gefallen: Sie greifen meine verbliebene Armee an der mandschurischen Grenze an. Diese eine Armee ist sämtlichen chinesischen Truppen mehr als gewachsen, also soll sie den Angriff zunächst aufhalten. Ich wollte dann von Bangladesh aus in das chinesisch besetzte Tibet einfallen, aber das ging nicht, weil die Gebirgspässe unpassierbar sind. Es gibt keine Landverbindung dorthin durch den Himalaya. Also: Alle Truppen einschiffen und in Dalian anlanden, und dann wurde mit den Chinesen der Boden aufgewischt. Leider erwischte mich das Spielende, bevor ich auch noch in Chunking einmarschieren konnte.

Während dieser Zeit schritt die Modernisierung meiner Truppen natürlich fort: Ich kann auf Interkontinentalraketen und Turbojetbomber umsteigen. Warum allerdings Fliegergeschwader sogar problemlos von Propeller auf Jet umgerüstet werden können, während jegliche Marineeinheiten nach einer Modernisierung völlig neu gebaut werden müssen, bleibt fraglich.
Aber strategische Jetbomber sind ungeheuer effektiv: Sechs Geschwader davon machen jeden Flug- und jeden Seehafen nieder, und erreichen von der Insel Hainan aus auch jeden chinesischen Winkel.
Es ist vorteilhaft, feindliche Flughäfen zu zerstören, weil dann keine Abfangjäger stören.
Wenig Sinn macht es, Industrieanlagen anzugreifen: Natürlich senkt man dadurch die feindliche Rohstoffproduktion, macht gegebenenfalls Handelsabkommen zunichte, senkt dessen IK (Industriekapazität), und erschwert dadurch die Versorgung der Truppen, aber das Problem ist die unglaubliche Wiederaufbauleistung des Spiels. Auch eine auf Null reduzierte Kapazität wird nach zwei oder drei Wochen wieder voll funktionsfähig sein.

19. August 2010

Das Spiel hat nur 90 Minuten

Filed under: My Life,Sport — 42317 @ 12:29

Eigentlich wollte ich noch was über Fußball schreiben, also über den Rest der Fußballweltmeisterschaft nach dem Ende der Vorrunde, aber das kann ich so langsam vergessen. Genau eben deshalb, weil ich die ganze Sache allmählich vergesse. Den größten Teil der Spiele habe ich mir angesehen und ich hatte auch ein paar ganz gute Gedanken dazu, denke ich, aber zwischen dem FIFA Endspiel und meinem Uni-Endspiel liegt ein ganzer Monat, der meine Gedanken doch in ganz andere Bahnen gelenkt hat, und mittlerweile ist das meiste verloren gegangen. Es lohnt sich nicht so wirklich, für die verbliebenen Fragmente einen Artikel ins Auge zu fassen. Schade eigentlich, ich hätte Notizen machen sollen.

15. August 2010

Eiserne Herzen (1/3)

Filed under: Militaria,Spiele — 42317 @ 18:41

„WORLD WAR II GRAND STRATEGY“ steht groß auf dem Cover über dem eigentlichen Titel:

„HEARTS OF IRON II“.

Ein sehr viel versprechender Titel, mit vielen viel versprechenden Optionen. Aber so grand ist die Strategy am Ende doch nicht.

Aus erzählerischen Gründen will ich ein paar Eindrücke vom Spielablauf der Beschreibung der Inhalte und Mechaniken voranstellen.

Im ersten Durchgang habe ich Persien gespielt, um mir in Ruhe die Spielprinzipien anzusehen, also ohne alsbald in einen Krieg verwickelt zu werden, obwohl natürlich die Briten und die Sowjets den Iran quasi besetzt hatten, um den südlichen Nachschubweg in die UdSSR offen zu halten.

Ich habe es geschafft, meine Armee aufzustocken und modern zu halten. Hui, fünf Infanteriedivisionen mit Panzerwagenbrigaden! An Panzer und Luftwaffe war natürlich nicht zu denken – allein um eine neue Infanteriedivision bauen zu können, muss der Perser die ursprüngliche Industriekapazität schon ausbauen, wenn man die Bedürfnisse der Bevölkerung (das heißt die nationale Unruhe) nicht vernachlässigen, oder nicht ungebührlich lange warten will, bis die mit unzureichenden Ressourcen aufgestellte Division endlich mal fertig wird.

Diplomatisch konnte ich kleine Erfolge feiern: Mittels Beeinflussung waren die Türken und Afghanen mit mir auf einer politischen Linie und der Handel florierte. Jeder will Öl. Aber warum sie kein militärisches Bündnis mit mir eingehen wollten, erklärt sich mir nicht durch einen Blick in die Anleitung. Daraus geht zwar hervor, dass man eigene Bündnissysteme (außerhalb von Achse und Allianz) aufstellen könne, aber wie viel mehr als das gleiche politische System wird dafür verlangt? Vielleicht war ich militärisch dann doch zu schwach, um als Bündnisführer durchzugehen. Die Afghanen zum Beispiel hatten dreimal so viele Divisionen wie ich, aber es handelte sich dabei um billige Milizen.

Die Zeit verging, Deutschland schluckte Österreich, das Sudetenland, die Tschechoslowakei, schließlich Polen, Benelux, Frankreich, und Skandinavien, lieferte sich über dem Kontinent Luftschlachten mit den Briten, und im November 1941 kam der große Moment: Die Deutschen marschierten in die UdSSR ein. Dabei waren sie mit den Finnen, den Italienern, den Ungarn, den Vichyfranzosen, den Slowaken, und den Rumänen verbündet. Südlich der Donau fiel interessanterweise nie ein Schuss (vielleicht mal abgesehen von Albanien, wo die Italiener einmarschierten). Südosteuropa blieb frei, sowohl von deutscher Besatzung als auch von britischer Agitation.

Theoretisch lief die Sache gut für die Alliierten: Das freie Frankreich und Großbritannien eroberten alle italienischen Gebiete in Afrika, mit Ausnahme der wüstesten Wüstenregionen – scheinbar bewegt sich keine Truppe je in ein Gebiet, dessen infrastrukturelle Entwicklung mit 0 % angegeben ist. Dann hätten sie ja eigentlich nach Sizilien hüpfen können. Taten sie aber nicht. Keiner weiß, warum. Stattdessen erklärte Venezuela dem Deutschen Reich den Krieg – und landete mit einer Division in Norwegen. Die Deutschen bereinigten die Situation schnell wieder, aber immerhin hatte eine Art Landung stattgefunden!

Mit dem Löwenanteil der deutschen Truppen im Osten hätten die Alliierten sich aussuchen können, wo sie die Festung Europa angreifen, aber sie ließen es einfach bleiben, und begnügten sich damit, hier und da taktische Bomber einzusetzen und dann und wann deutsche Schiffe zu versenken.

Die Wehrmacht indes hielt sich einige Wochen am Dnjepr auf (Flussüberquerungen geben dicke Abzüge auf die Offensivkraft), brachen dann aber durch und saßen im Frühjahr 1942 in Moskau. Von da an ging’s für die Russen nur noch rückwärts, und immerhin dauerte es bis 1944, bis die Deutschen in Wladiwostok angekommen waren. Irgendwann streiften sie an der persischen Nordgrenze vorbei und interessierten sich kein bisschen für dieses erdölreiche Land ohne Bündnispartner, das sie mit einer einzigen Armee hätten ausradieren können, ohne militärische Konsequenzen zu fürchten.

Immerhin interessant zu beobachten (in der Statistik) war, dass die Deutschen in ihren 200 Divisionen gerade mal sechs Panzerdivisionen hatten (und etwas mehr als ein Dutzend motorisierte Infanteriedivisionen) – scheinbar ist die KI darauf ausgelegt, möglichst Rohstoff sparend zu operieren.

Während all dieser Zeit tat ich als Schah nichts anderes, als ständig darauf zu warten, dass eine Forschung oder ein Bauauftrag fertig sein würde. Nicht sehr spannend, so als Kriegsunbeteiligter. Aber ich wollte ja auch erst mal sehen, wie der Hase läuft und wie die Bedienelemente funktionieren.

Nächstes Spiel, gleich in die Vollen. Ich spiele die Sowjetunion. Ich sorge erst mal dafür, dass alle Truppen auf höchstem Stand sind und bemühe mich, ein Drittel der Gesamtstärke als Panzerdivisionen zur Verfügung zu haben, und zwei Drittel der Panzerdivisionen erhalten eine Brigade schwerer Panzer vom Typ KV-2. Teuer, aber effektiv: Lange, bevor die Deutschen sich irgendwie regen, missfällt mir der japanische Angriff auf China. Die mit Japan verbündete Mandschurei tut mir den Gefallen, meinen Verbündeten Mongolei anzugreifen. Die Chinesen kriegen schwer was auf den Deckel. Ich biete Chiang Kai-shek ein Bündnis an. Er lehnt ab. Ich biete Mao ein Bündnis an: Er lehnt ab. Sind die größenwahnsinnig? Die Folgen des Nicht-bündnisses bekomme ich später selbst zu spüren.

Zuerst wird die Mandschurei überrollt, und die Verbindung zwischen dem japanisch besetzten Korea und den japanischen Truppen in Nordchina gekappt. Die Kapitulation der Mandschurei führt zunächst dazu, dass mein Verbündeter Mongolei zwei Provinzen derselben zugesprochen bekommt, ob mir das passt oder nicht. Schließlich erobert die Rote Armee Korea. Die Kwantung Armee ist in Nordchina zwischen den chinesischen Truppen und der Roten Armee eingeklemmt, ich hole zum Todesstoß aus… und komme nicht weiter. Warum? Weil die Chinesen nicht meine Verbündeten sind. Das heißt, sie helfen nicht bei der Versorgung meiner Truppen. Stoße ich über die Grenzprovinzen hinaus vor, geht meinen Truppen der Nachschub aus, die Panzer können nicht mehr rollen, die Soldaten haben nichts zu essen. Stillstand. Die Operationen beschränken sich auf die Abwehr japanischer Gegenoffensiven. Oder „japanischer Nadelstiche“, das trifft es eher.

Ich habe neben der Armee auch die Luftwaffe kräftig gefördert: Ich habe drei Luftflotten mit taktischen Bombern und eine Luftflotte mit strategischen Bombern (Stand von 1939 halt), und die dazu gehörenden Begleitjäger, und nutze diese, um die japanische Flotte mürbe zu machen. Leider ist das nicht effektiv genug. Dann entdecke ich, dass die Provinzen Kanazawa und Fukuoka keine Verteidigungsgarnison aufweisen. Aha!

Dann muss ein Flottenbauprogramm her. Ich brauche neun Transportflotten, um eine ganze Armee auf einmal transportieren zu können. Aber erst muss ich die feindliche Marine ausschalten und baue dazu eine große U-Boot Flotte. U-Boote erscheinen geradezu unheilig effektiv. Sie versenken im Laufe des folgenden Jahres ein Großkampfschiff nach dem anderen, Schlachtschiffe, Kreuzer, und Träger, bis nur noch ein paar Kreuzer und zwei Dutzend Zerstörer übrig sind. Dabei dauerte eine Schlacht drei Monate, was meinem siegreichen Admiral eine unglaubliche Anzahl an Erfahrungspunkten bescherte, und damit einen unglaublichen Effizienzbonus für seine Truppen.

Anfang 1941 landen zwei sowjetische Armeen in Japan, wenige Wochen später sind die Hauptinseln, sowie Okinawa, Iwojima, Hainan, und Taiwan, erobert. Aber Japan offiziell annektieren geht nicht: Die Hauptstadt wird im Falle der Eroberung woanders hin verlegt, und die japanische Hauptstadt befindet sich neuerdings auf einer kleinen Pazifikinsel außerhalb meiner Reichweite. Und in dieser demütigenden Situation greifen die Japaner Pearl Harbor an. Mit was eigentlich? Keine Ahnung. Sie lösen jedenfalls die Option „Angriff“ aus (sie hätten es auch lassen können), vielleicht reicht das schon, vielleicht muss nicht wirklich ein Angriff geführt werden? Wer weiß. Die Amerikaner machen jedenfalls kurzen Prozess: Wenige Wochen später ergeben sich die Japaner den Amerikanern, die setzen einen Marionettenstaat ein – und meine Eroberungen sind nichtig. Ohne, dass ich ein Wörtchen mitreden konnte, ist Japan unter amerikanischer Führung wieder frei und meine Truppen stehen auf einem Stück Land, von dem aus sie nicht versorgt werden können. Also rein in den Transporter und zurück nach Korea.

Die verlangen übrigens auch bald ihre Unabhängigkeit, aber man weiß ja, wohin das führt: Kurz danach löst sich die Volksrepublik Korea im Norden und die Teilung ist perfekt. Warum auch immer! Schließlich wurde die Teilungslinie damals durch den russischen Vormarsch im Sommer 1945 bestimmt, und meiner endete doch erst am Südende der Halbinsel! Dumme Skripte.

Mittlerweile band der Westen meine Aufmerksamkeit. In Vorbereitung auf den deutschen Angriff hatte ich meine Verteidigungslinie hinter den Dnjepr zurückgezogen, auf die paar Westprovinzen konnte ich verzichten, gerade im Hinblick auf die Verlegung der Industrie hinter den Ural. Die Finnen hatte ich beruhigt, indem ich die stalinschen Wünsche ignorierte und keinen Winterkrieg anzettelte. Von Norden würde nichts kommen, auch wenn die Deutschen in Norwegen saßen. Östlich der baltischen Staaten saßen meine Truppen am Nordufer der Düna eingegraben. Dort ergab sich eine Schwachstelle bei Smolensk, weil da kein Fluss war. Im Süden war eine ähnliche Situation durch die Lücke zwischen Dnjepr und Dnjestr entstanden, dem Grenzfluss zum feindlichen Rumänien. Im Vertrauen auf meine Panzer wollte ich diese Lücken halten.

Aber es wollte nicht. Deutsche und Rumänen holten sich blutige Nasen, hatten aber eine lokale Übermacht, und erzwangen unter schwersten Verlusten die Räumung der Linie und meinen Rückzug hinter den südlichen Dnjepr. Auch im Norden ständig neue Angriffe, die meine Truppen zu taktischen Rückzügen zwangen. Die jeweilige Nachbararmee musste eingreifen, warf die Deutschen zurück, und wurde wegen der Aufgabe ihres Verschanzungsbonus zum nächsten Ziel. Die unglaublichen Verluste überstiegen bald die industrielle Kapazität und als der Zusammenbruch vor der Tür stand, brach ich das Spiel ab und begann ein neues, sowjetisches, Spiel – allerdings mit einer Strategie in der Tasche.

Das Jahrzehnt ist zu Ende

Filed under: My Life,Sport,Uni — 42317 @ 0:37

Dieser Song kam mir heute spontan in den Sinn, und ich glaube, er trifft meine momentane Stimmung recht gut:

Alles gelaufen, alles vorbei, ich brauch nur noch mein Zeugnis und dann ist Ende mit Uni. Freitag nach der Prüfung hab ich den ganzen Tag nur StarCraft gespielt. Ein ganz neues Gefühl, ohne schlechtes Gewissen Zeit verplempern zu können.

Mein Schulkamerad 001 hat mir zwar empfohlen, nach der Prüfung was zu machen, an das ich mich mein Leben lang erinnern würde… aber das Wegbrechen des Prüfungsdrucks machte mir da einen Strich durch die Rechnung. Ich wollte nur meine Ruhe haben. Das unvergessliche Erlebnis am letzten Prüfungstag stellte sich zum Abend ein: Der Türmechanismus ging kaputt. Die Klinke griff den Riegel nicht mehr. Ich versuchte, die Tür auszuhebeln, aber das ging leider nicht. Ich versuchte, den Riegel mit einem Schraubenzieher zu erreichen, aber auch das schlug fehl. Die Tür öffnet nach innen, in dem Fall zu mir, also konnte ich sie nicht eintreten. In der Situation griff ich zum Werkzeugkasten, nahm den Hammer raus und schlug das Schloss aus der Tür – Pappmachée mit Laminatüberzug. Ich hoffe mal, dass das nicht allzu viel kostet, aber Geldspenden nehme ich gern entgegen. :-)

Samstag bin ich sechs Stunden durch die Gegend geradelt. Über Gusterath nach Riveris und von Waldrach zurück nach Kürenz. Ausschlafen wollte ich eigentlich. Stattdessen war ich um sechs bereits hellwach und bin um sieben aufgestanden. In den letzten Jahren habe ich mich nach dem Aufwachen grundsätzlich wie durchgekaut und ausgespuckt gefühlt. Scheinbar hat der Schlaf jetzt als Realitätsflucht ausgedient. Ich fänd’s jedenfalls toll, wenn ich öfters so früh aufwachen und vor Energie schier platzen könnte.

Das Aufladen der Batterien meiner Kamera habe ich jedenfalls vergessen, und deshlab gibt’s von der Tour leider keine Bilder. Dabei habe ich ausgerechnet bei Bonerath etwas gesehen, was mir noch nie zuvor untergekommen ist: Ein Wegkreuz zur Erinnerung an den Krieg von 1870-71. Aber ganz allgemein ist die Gegend da schön. Und die Leute scheinen mir wesentlich freundlicher als in der Stadt.

Ganz in der Nähe von Bonerath liegt die Riveris Talsperre, und da wollte ich als Zwischenziel hin. Nun gibt es in Bonerath zwar die Bushaltestelle, die viel sagend “Talsperrenblick” heißt, aber von dem See ist von dort rein gar nichts zu sehen.

Und als ich da unentschlossen in der Gegend rumstand, ob ich links oder rechts fahren sollte, kam ein älterer Anwohner auf mich zu und fragte mich ganz unvermittelt, wo ich denn hinwolle und ob er mir weiterhelfen könne.

Letztendlich bin ich dann links runter gefahren, über einen reichlich holprigen Wanderweg, bis nach Waldrach immer bergab. Und dort stand ich wieder vor der Wahl “links oder rechts”. Nach rechts ging’s nach Ruwer, nach links zur Anhöhe oberhalb von Tarforst. Der Weg nach Ruwer war mit sechs Kilometern angegeben, und es würden wohl nochmal so viele Kilometer bis nach Hause sein. Der linke Weg war kürzer, dafür aber mit einer kilometerlangen Bergstrecke gesegnet.

Wie es meine Art ist, wählte ich den Weg des Schmerzes. Manchmal muss man mit sich kämpfen und auch mal ans Limit gehen. Was ich auch haargenau schaffte. Als ich in Korlingen ankam, war mir kotzübel. Über den letzten Bergkilometer musste ich an jedem Straßenpfosten kurz verschnaufen, weil ich kaum noch einen Schritt machen konnte, der mich nicht viel Überwindung kostete. An Fahren war nicht zu denken. Dafür reicht der Saft nicht aus. Muskelschmerzen hatte ich keine, nur die Energie ging zur Neige. Das mit dem klar Sehen wollte auch nicht mehr so klappen. Mein Sehfeld verdunkelte sich immer wieder etwas, und mein Kopf fühlte sich so dröge an, dass ich mich des Bedürfnisses erwehren musste, mich einfach so in die Wiese fallen zu lassen.

Zuhause zuerst das Fahrrad wankend in den Keller gestellt. So hinüber habe ich mich auch lange nicht mehr gefühlt. Aber es war ein körperliches “Hinüber”, und das ist viel besser als das seelisch-moralisch-psychische Hinüber der letzten Jahre. Ich bin ausnahmsweise mit dem Lift nach oben gefahren, danach eine Birne essen, Brot schmieren, ein Nickerchen, einkaufen, Grillen. Es war die beste Birne, die ich seit langem gekostet habe.

Montag ist Arbeitsamt angesagt. Die werden mir wohl mal meine Krankenkassenbeiträge abnehmen und zumindest einen Teil meiner Miete zahlen. Ich kann, bis ich eine Anstellung finde, mit Hartz-IV nur besser dran sein, als es in den vergangenen Jahren der Fall war, wo ich im Monat ein “freies Geld” von ein paar Dutzend Euro hatte, die von Nebenkosten- und Versicherungsrechnungen aufgefressen wurden. Mein gesamtes Barvermögen beträgt derzeit nicht einmal 700 Euro. Aber ich fühle mich ungleich freier jetzt.

21. Juli 2010

Wir stolpern weiter den Weg entlang

Filed under: My Life,Uni — 42317 @ 17:31

Mein mündliches Examen in der Japanologie habe ich heute bestanden. Zum Thema Nobunaga fand ich mein Gehirn wie freigepustet. Es wäre sinnvoll gewesen, eine Zusammenfassung der Zusammenfassung zu lernen, so hatte ich Schwierigkeiten, mich auf die grundlegendsten Daten zu besinnen. Der Teil zur japanischen Bildung ging zu Beginn etwas holprig, war zum Ende hin aber ganz solide, und erst der Abschnitt Populärkultur/Anime riss den Karren noch aus dem Dreck. Eindeutig kein Glanzstück, aber bestanden.

Inoffiziell wurde mir auch mitgeteilt, dass meine Magisterarbeit zur Erreichung des Studienziels ausreichend sei. Die Arbeit weist erhebliche Mängel bei der Einhaltung wissenschaftlicher Arbeitsstandards auf – was mir nie jemand bewusst gemacht hat. Kann es denn sein, dass alle meine Hausarbeiten der vergangenen Jahre nur oberflächlich durchgeblättert worden sind? Aber gut, ebenfalls kein Glanzstück, aber scheinbar bestanden. Der schmückende Rest kann bleiben, wo er will.

Noch drei Wochen Durchhalten, und dann hoffe ich, vom akademischen Arbeiten für den Rest meines Lebens verschont zu bleiben.

16. Juli 2010

Das Wort zum Dreiunddreißigsten

Filed under: Filme,Japan,My Life,Uni — 42317 @ 14:42

Auch dieses Jahr mein Dank an alle, die an mich gedacht haben.
Am frühesten dran war mein Kamerad aus Stuttgart, der mich um acht Uhr morgens nur deshalb nicht geweckt hat, weil just in diesem Moment der Tee vom Abend zuvor wieder raus wollte. Meine Großeltern waren dennoch ebenfalls früh dran und riefen mich um etwa halb Neun an.

Ich habe auch eine sehr interessante Mail von dem Freund erhalten, dessen Namen ich ja auf seinen Wunsch hin nicht im Blog nennen darf. Er hat ganz eindeutig Recht: In der Examensvorbereitungszeit erlebt man die kleinen Dinge des Alltags zum Teil sehr intensiv, und man sollte das nutzen, um besondere Erinnerungen zu schaffen. Ich muss mir noch überlegen, was ich direkt nach der letzten Prüfung am 13. August tun werde.

Ich weiß sehr wohl, welche Spiele ich seit Jahren mal wieder spielen wollte, welche Fernsehserien ich unbedingt noch einmal sehen muss, und welche Flasche Wein ich zum Anlass (oder im Falle) der Übergabe meines Abschlusszeugnisses öffnen werde, aber das ist ja nichts, was man eben mal schnell direkt nach der Prüfung macht.
Hey, vielleicht setze ich mich sofort hin und schreibe eine kurze Zusammenfassung meiner Eindrücke der letzten 10 Jahre? Es ist natürlich möglich, dass ich erst mal ins Bett falle und zwei Tage lang schlafe, aber das muss ja nicht sein, wenn es sich vermeiden lässt.

Der Anruf vom Kameraden Ritter dann tags drauf. Dem geht’s scheinbar gut, Familie gesund, auf dem Sprung zum Verwandtenbesuch am anderen Ende der Welt, und demnächst auch mal wieder berufsbedingt in Wittlich. Dann können wir das TV-Programm ja alsbald absprechen.

Angerufen hat auch mein Vater. Der erzählte, er mache gerade eine künstlerische Pause beim Malen – und habe sich stattdessen zur Abwechslung dem Schreiben zugewandt. Damit schließt sich gewissermaßen eine Lücke, denn auch sein Vater hat in seiner Freizeit kleine Gedichte geschrieben (ich frage mich, ob davon etwas erhalten geblieben ist?), und ich tue es schließlich ebenfalls. Natürlich sucht er einen Lektor, und ich werde das in vier Wochen gern übernehmen. Ich bin auch sehr gespannt, was das wird. Auf Anhieb klingt es nach proletarischer Literatur ohne Einfluss von Marxismus. :-)

Der Vollständigkeit halber will ich auch die SMS von Karl erwähnen. Da stand nichts Welt bewegendes drin, so wie Karl kein Mann für Welt bewegende Worte ist, aber immerhin eine SMS. Besten Dank.

Der Esszimmertisch bog sich geradezu unter den Geschenken. Melanies Mutter schenkte mir zwei DVD Boxen, “Millenium Actress” und eine Sammlung von Kurosawa Filmen. Dann bekomme ich auch endlich “Yôjimbô” zu sehen, nachdem ich bislang nur die Remakes gesehen habe: “Für eine Handvoll Dollar”, “Last Man standing”, und “Sukiyaki Western Django”. “Rashômon” und “Kagemusha” sind in der Fünferbox leider nicht drin, aber da ich ohne die nicht in Frieden sterben kann, müssen die auch noch irgendwann in meinem Besitz landen.

Ricci schenkte mir die DVD Box “Band of Brothers”. Ich hab mich sehr gefreut, auch wenn ich mir ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen konnte.

Von Melanie kamen “Der 13te Krieger”“Erleuchtung garantiert” und “Soweit die Füße tragen”, in der Filmfassung von 2001. Über “Erleuchtung garantiert” muss ich bei Gelegenheit einen eigenen Blogeintrag schreiben.
Ja, “Der 13te Krieger” ist bestimmt kein Meisterwerk an Charakterdarstellung und erzählerischem Tiefgang. Ich muss zugeben, dass ich den Film in erster Linie deshalb interessant finde, weil hier auf originelle Art und Weise der Spracherwerb jenes Dreizehnten aufgezeigt wird – er ist der arabische Ausländer unter einem Dutzend Skandinaviern. Die reden Norwegisch (nehme ich zumindest an), aber im Laufe der Reise mischen sich immer mehr Begriffe in ihre Dialoge, die der Hauptcharakter, und damit der Zuschauer, versteht. Coole Idee vom Regisseur, oder von wem auch immer der Einfall kam. Aus Sicht der Spracherwerbsforschung sicher nicht ganz lupenrein (immerhin schlussfolgert er im Laufe weniger Monate linguistische Inhalte aus der vagen Körpersprache der Beteiligten), aber wenn man ihm einen hohen Grad an Intelligenz und Intuition zuordnet, ist die Darstellung vertretbar, denke ich.

Von meinem Häuslebauer bekam ich einen Akkuschrauber – einen Ixo von Bosch. Passt in jede Hosentasche und der Akku hält so einiges her. Zwei Aufsätze, um rechtwinklig und nah an Innenkanten schrauben zu können, sind auch dabei. Ich habe den Großteil der Wärmedämmplatten mit einem solchen Ding angeschraubt und fand das Gerät super. Ich hätte allerdings weder gehofft noch gewünscht, einen geschenkt zu bekommen. Aber der Mann war so zufrieden mit meiner Arbeitsleistung (ich fasse das später noch zusammen), dass er mir so ein Ding schenkte (und diverse andere Dinge, u.a. einen Pullover zum Arbeiten im Winter und zwei Gläser Marmelade von seiner Frau). Gut, dass ich vier Tage später Geburtstag haben würde, war ihm in dem Moment vielleicht nicht klar, aber das Timing war für mich jedenfalls unbeschreiblich.

Dann war da noch das schwere Paket aus Stuttgart. Ich will allerdings an dieser Stelle nichts über den Inhalt verraten, da ich mir über den rechtlichen Status nicht ganz im Klaren bin. Loose Lips sink Anime Clubs, also bin ich mal still und füge den Gegenstand nach einer Stunde auspacken und zusammensetzen meiner Reliquiensammlung im heimatlichen Keller hinzu.

Mit der Spielgruppe hatte ich für den Abend ein zwangloses Grillen angeleiert, und wie sich das für mein nur minimal vorhandes Konto an Glückspunkten nunmal gehört, musste es am Nachmittag natürlich kräftig regnen, und auch der Abend blieb von Regen nicht ganz verschont. Wir zogen uns also unter das Vordach am Hintereingang zurück. Wir haben auch nur ganz wenige Leute daran gehindert, auf dem bequemsten, direkten Weg ins Haus zu gelangen (die mussten halt im Bogen um unsere Sitzgruppe herum gehen), und es hat auch nur einer wegen des Geruchs sein Fenster zugemacht. Bei der Gelegenheit bekam ich von Volkers Vater noch eine Flasche toskanischen Wein geschenkt. Dann schaun wir mal, wie sie in zehn oder vielleicht auch erst in 20 Jahren schmeckt.
Eigentlich muss ich dem Regen auch dankbar sein, denn dann wars auch nicht so schrecklich heiß den Tag über, und ich komme wegen der Hitze mit meinen Examensvorbereitungen schon quälend genug voran. So wars ein angenehmer Tag, und ich werd ihn gern in Erinnerung behalten.

11. Juli 2010

Echt dunkel

Filed under: Filme — 42317 @ 21:28

Da mich in der Nachmittagshitze die Konzentration eh weitgehend verlässt, haben wir uns auf Melanies Vorschlag “The Dark Crystal” von 1982 angesehen. Es handelt sich dabei, wie sich mit dem Link feststellen lässt, um einen düster angehauchten Puppenfilm unter maßgeblicher Beteiligung von Frank Oz und Jim Henson.

Die in Deutschland erhältliche DVD hat eine Altersbeschränkung von 12 Jahren, und der Film ist meines Erachtens weder für ein jüngeres noch für ein älteres Publikum geeignet: Jüngere Kinder könnten durch die Designs der Bösen verschreckt werden und es herrscht auch eine bedrohliche Stimmung, wo es auch zu ernsthaften Gewalttätigkeiten kommt. Ältere Heranwachsende wiederum werden sich nicht mehr so schrecklich für Puppenfilme interessieren, außerdem sehe ich die Gefahr, dass sie den Film wegen seiner Storylöcher über kurz oder lang als Zeitverschwendung entlarven.

Ich will gar nicht darauf eingehen, um was es im Einzelnen geht: Die klassisch aufgezogene Heldengeschichte handelt von einem, der auszog, die Welt zu retten. Er durchwandert exotische Landschaften, macht sich Freunde, und entkommt den Häschern der Bösen.

Dabei ließe sich die Geschichte zusammendampfen auf etwa 20 Minuten. Die gutmütigen Weisen, die den Helden losgeschickt haben, ziehen nämlich ein paar Tage später selber los, mit dem gleichen Ziel, zum Palast der Bösen. Während unser Held allerdings durch Gebirgsbäche watet, steile Hänge erklimmt, und gefährliche Sümpfe betritt, wandern seine Lehrmeister gemütlich durch das offene Grasland und erreichen den Palast nicht viel später als der Held der Prophezeiung. Und nicht nur das: Der Held muss sich der bösen Soldaten erwehren, die Weisen dagegen intonieren am bewachten Tor einen kehligen Gesang und die Wächter gehen gefügig beiseite.
Ihrer Wächter beraubt, verlieren die Bösen angesichts der Weisen völlig die Beherrschung und laufen nur noch schreiend hin und her, bis unser Held die Prophezeiung erfüllen und das Land von den Bösen befreien kann.

Fazit: Wären die trotteligen Weisen zusammen mit dem auserwählten Helden losgezogen, anstatt ihn auf ein Soloabenteuer auszuschicken, wäre jede Begegnung mit den Soldaten ein Kinderspiel gewesen. Am Ende wären alle einfach so in die Festung spaziert, hätten den Kristall schnell mal in Ordnung gebracht, und alles wäre in Butter gewesen. Aber dann wäre der Film inklusive Vor- und Abspann auch nur 20 Minuten lang gewesen.

10. Juli 2010

Sitzschwitzwitz

Filed under: My Life — 42317 @ 23:24

Mein Dauersitzen am Schreibtisch hat ein Opfer gefordert.
Mein Sitzkissen ist wegen der tagelang auf ihm lastenden Hitze und Schweißfeuchte an der Unterseite angeschimmelt und musste entfernt werden.
Ich werde das mit den Kissen also lassen und zu einem Handtuch übergehen.

Vom Schwitzen im Sitzen

16. Juni 2010

Die ersten Spiele sind gelaufen!

Filed under: Japan,Spiele,Sport — 42317 @ 18:59

Die FIFA Fussballweltmeisterschaft (so die offizielle Schreibweise) geht natürlich auch an mir nicht spurlos vorüber. Als Japanologe sieht man sich auch die Spiele der japanischen Mannschaft an, sofern man Zeit dazu hat, und ich bin so frei, dies zu tun.
Da spielte Japan also vor wenigen Tagen gegen Kamerun, und ich kann nicht anders, als meine Eindrücke in die Worte eines 20 Jahre alten Computerspiels zu kleiden:

Müdes Ballgeschiebe in Bloemfontain

Das langweilige Spiel Japan gegen Kamerun endete 1:0. Das Spiel fand mit Japan einen glücklichen Sieger. Einige Spieler schienen nicht mit der rechten Einstellung auf dem Platz gewesen zu sein. Angesichts der schwachen Leistungen beider Mannschaften ist das Ergebnis für den Sieger als eher schmeichelhaft zu bezeichnen.

Ich habe den Schlagzeilen- und Kommentargenerator von “Bundesliga Manager Professional” immer geliebt. :-) Aber ich habe in der Tat noch nie ein so schlechtes Spiel gesehen.

Ich sehe gewisse Unterschiede in der öffentlichen Wahrnehmung der jeweiligen Nationalmannschaft in Japan bzw. in Deutschland. Die deutsche Mannschaft wird im eigenen Land, scheint mir, im Voraus gern unterschätzt. Das Management der DFB Auswahl ist daran nicht unerheblich beteiligt, aber es ist ja auch nur gerecht, dass man auf die Qualität des nächsten Gegners hinweist – wenn’s nichts wird kann man sagen “Ich hab doch gesagt, dass Ihr den Sekt besser erst mal im Supermarkt lasst!” Der gern motzende und meckernde und viel zu oft miesepetrige Volksmund mischt rege mit und blökt, spätestens im Achtelfinale sei es eh aus, also was solle der Hype. Ja, und dann landen wir am Ende doch auf dem Treppchen für die ersten drei.

Ganz anders in Japan. Da wird das Image der Mannschaft von den Mainstreammedien gebügelt und gepflegt und in alle Himmel gelobt. “Wir kommen ins Halbfinale!” wird der japanische Nationaltrainer, Okada Takeshi, zitiert.
Wie kommt er denn darauf? Japan spielte in der Qualifikation gegen Qatar im ersten Spiel 1:1 und im zweiten Spiel 1:0, dabei ist Qatar nicht unbedingt eine sportliche Landmarke. Abgesehen davon spielte man gegen Australien, verlor erst 2:1 und gewann dann 0:1. Das würde ich mal “sich gerade so in die Endrunde gemogelt” nennen. Aber Australien, ja, Australien!, hieß es, sei ja auch ein starker Gegner, da könne man mit dem Ergebnis zufrieden sein. Jenes Australien, das erst auf Einflussnahme eines wohlhabenden Bürgers (fußballtechnisch) dem Kontinent Asien zugeschlagen worden war, um gegen Mannschaften spielen zu können, die die Mannschaft mehr fordern, als vielleicht, na ja, Amerikanisch-Samoa? Wie wir wissen, wurde das laut japanischer Presse so starke Australien vor ebenfalls nicht allzu langer Zeit wie im Training vorgeführt und 4:0 versenkt.

Die Aussage, bis ins Halbfinale zu kommen, kann man nach dem vergangenen Spiel nur als lächerlich bezeichnen. Klar, Japan war auch schon Asienmeister, aber was da gegen Kamerun gezeigt wurde, war besseres Bolzplatzniveau. Passgenauigkeit und Spielaufbau tendierten gegen Null. Der japanische Torwart nicht weniger springfreudig als alle anderen, aber völlig ziel- und sinnlos. Das Tor kam aus einer eher zufällig entstandenen Situation, sofern ich mir die Einschätzung anhand meines Eindrucks des generellen Spielflusses erlauben darf. Was sagt uns das über das Niveau des asiatischen Fußballs?

Auf die Japaner jedenfalls warten noch Niederländer und Dänen, das heißt leichter wird der Weg zu dem gesteckten Ziel nicht. Wenn da keine Steigerung mehr kommt, scheidet Japan in der Vorrunde aus. Man könnte sich ja mal von einem Ausländer mit Ahnung trainieren lassen. So wie Ottmar Hitzfeld – der eben dem spanischen Europameister gezeigt hat, wie der schweizer Hase läuft.

Damit haben alle Favoriten einmal gespielt. Und bisher haben nur Deutsche und Brasilianer eine gute Figur gemacht. Die Argentinier haben zwar ohne Gegentor gewonnen, aber auch nur 1:0 gegen, ui, Nigeria. Alle anderen haben unentschieden gespielt und mussten darum kämpfen, dass es nicht schlimmer kommt. Der Weltmeister kam gegen Paraguay nach einem 0:1 Rückstand gerade noch auf ein Remis. Der Europameister geht gegen die Schweiz baden. Die Franzosen spielen ein klägliches 0:0 gegen Uruguay und wollen sich damit herausreden, dass sie zu früher Stunde von Vuvuzela-Lärm geweckt worden seien. Ja ja, hab ich mir gedacht, Ausreden sind wie Arschlöcher, jeder hat eins und alle stinken. Und die Engländer… ach, was rede ich überhaupt von den Engländern? Man kann ja durchaus England-Fan sein, aber die englische Mannschaft für einen Titelanwärter zu halten, ist völlig übertrieben.
Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf weitere Tendenzen in der Vorrunde. Wenn die alle so weiter spielen, läuft es wieder auf ein Endspiel Deutschland – Brasilien hinaus. Aber: Man soll die Italiener nie abschreiben. :-)

12. Juni 2010

Alles geklaut. ALLES.

Filed under: Bücher,Filme — 42317 @ 20:52

Erinnert sich noch jemand an “AVATAR”? Diesen bombastischen Effektestreifen, der mit 3D protzte, den niemand so wirklich brauchte, und der wegen seiner Ähnlichkeit mit einem ebenfalls nicht unbekannten älteren Film ein bisschen belächelt wurde?

Natürlich erinnert sich da jeder dran, daran, dass der Film in die Geschichtsbücher einging als größter Kassenschlager aller bisheriger Zeiten, an die Parallelen zu realen kriegerischen Verwicklungen der USA, und an die auffälligen Gemeinsamkeiten mit “Dances with Wolves”.
Zur Erinnerung: Da kommt ein Soldat im Rahmen seines Auftrags in Kontakt mit Ureinwohnern, lernt deren Lebensweise schätzen, wird durch persönlichen Einsatz Teil ihrer Gemeinschaft, und erkennt die Fehlerhaftigkeit seiner eigenen Kultur: Er wechselt die Seiten und kämpft für seine neuen Seelenverwandten. Vergessen wir für einen Augenblick, was de facto aus den Ureinwohnern Nordamerikas wurde, und verdrängen wir ebenso, dass die SciFi Nachkommen der Yankee Kavallerie Pandora aus dem Orbit heraus sterilisieren könnten – der halbe Film war eine Science Fiction Version des Klassikers von 1990 mit Kevin Costner in der Hauptrolle, und fast jeder hat das auch sofort gemerkt.

Da ich gern Science Fiction Kurzgeschichten lese, habe ich letztlich die zweite Hälfte gefunden: Die Geschichte heißt “Call me Joe” und wurde 1957 von Poul Anderson geschrieben.

Es geht um ein Besiedlungsprojekt auf dem Jupiter, ein Langzeitunternehmen, das darauf abzielt, durch die hohen Druckverhältnisse des Gasriesen neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu erlangen. Da Menschen auch unter besten technischen Bedingungen nicht auf der Jupiteroberfläche existieren können, erzeugt man künstlich ein Lebewesen, dass dies kann, ein Organismus, der den Umweltbedingungen angepasst ist, unter denen Wasser metallische Eigenschaften besitzt und flüssiges Methan als Durstlöscher fungiert. Von den höllischen Stürmen auf der Oberfläche ganz zu schweigen. Das erste dieser Wesen, er wird Joe genannt, soll als Versuchsobjekt dienen und andere sollen folgen, falls dem Versuch Erfolg beschert ist.

So, nun haben wir auf einem der Jupitermonde eine Kontrollstation, von der aus die Sache gesteuert wird, und dort finden wir einen Mann, sein Name ist Ed, der bei einem Unfall ganz schrecklich lädiert wurde: Unterhalb seines Brustkorbs besteht er nur aus Maschinenteilen, die ihm das Weiterleben und die Fortbewegung ermöglichen. Man könnte auch einfacher sagen: Der Mann sitzt im Rollstuhl. Und was tut der Mann im Rollstuhl? Nun, zu gegebenen Zeiten setzt er sich einen mit Sensoren verbundenen Helm auf den Kopf und steuert Joe mit Hilfe eines Psistrahls, also per Gedankenkontrolle. Joe kann zwar ohne diese Steuerung existieren, hat dann aber keinen Zugriff auf das technische Wissen des Puppenspielers, und das wird gebraucht, um den Prozess der natürlichen Auswahl zu beeinflussen. Joe baut sich eine Unterkunft, bastelt erste Werkzeuge, und legt Vorräte an.

Das vordergründige Problem im Rahmen der Handlung besteht darin, dass zur Verstärkung des Psistrahls Apparaturen benötigt werden, und deren Sicherungen brennen andauernd durch. Die für das Projekt verantwortliche Organisation schickt also jemanden, der sich die Sache ansehen soll, weil diese Dinger nicht billig sind.
Der Techniker findet keinen Defekt und vermutet ein Problem mit dem Bediener: Er stellt die These auf, dass Ed, der allgemein als grantig und zynisch wahrgenommen wird, sich in Wahrheit vor Joe und seiner Welt fürchtet. Joe ist schließlich wahrhaftig ein wildes Wesen, das noch wilder sein muss, als seine Umwelt, um zu überleben. Ed könnte also von der fremden Welt überwältigt sein und darum fürchten, dass bald nicht der verkrüppelte Ed den wilden Joe, sondern der wilde Joe den verkrüppelten Ed steuert, indem er dessen Bewusstsein verdrängt.

Ist natürlich alles Kabbes. Denn es ist ganz klar so, dass Ed nichts geiler findet, als einen gesunden, starken Körper zu steuern, der den Gefahren seiner Umwelt mehr als gewachsen ist, und letztendlich hat Joe allein, von Natur aus, weil er quasi als Erwachsener direkt aus dem Ei kam, eine eher unterentwickelte Willenskraft, die Ed niemals verdrängen könnte. Das Durchbrennen der Sicherungen ist wohl auf den unerwartet hohen Grad an Synchronisierung zwischen Puppenspieler und Avatar zurückzuführen.

Und als dann endlich Kapseln mit weiteren “Jupiteranern” abgeworfen werden, die von Joe ausgebildet werden sollen, geht Ed aufs Ganze: Er verdrängt Joes Geist völlig, geht ganz in ihm auf, und lässt seinen mangelhaften menschlichen Körper einfach sterben. Ja ja, so läuft das da.

Halten wir fest: An “AVATAR” ist rein gar nichts originell. Was dem Film zur Ehre bleibt, sind die technischen Effekte, die er zu bieten hat. Dreidimensionalität ist schon irre, die Animationen sind klasse. Aber mehr als zuvor beschleicht mich ein Gefühl mangelnder Befriedigung, wenn ich so über die Inhalte nachdenke, und die sollten, zumindest meiner Meinung nach, immer wichtiger sein als Spezialeffekte.
Und wie nennt man Filme, die außer Spezialeffekten nichts zu bieten haben?
Ich glaube, man nennt sie “B-Movies”.

Ich bin natürlich nicht der erste, dem das auffällt – laut englischer Wikipedia zum Thema “Call me Joe” hat bereits im Oktober 2009 jemand was dazu veröffentlicht.

11. Juni 2010

Der Marathon geht weiter

Filed under: My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 15:34

Ich bin noch da. Das wissen die meisten meiner Abonnenten natürlich auch so, aber vielleicht schreibe ich mal was für zwischendurch?

Am 31. Mai habe ich mein mündliches Examen in der Anglistik bestanden, was ich zwei Wochen davor noch für unmöglich gehalten hatte. Denn zum einen bin ich drei Wochen mit der Arbeit hinterher, die sich immer wieder verzögerte, weil ich den Bettelkram einfach nicht mehr sehen konnte, aber auch die Tatsache, dass ich mindestens zwei Tage der Woche zum Bestreiten meines Lebensunterhalts brauche, spielt da eine gewisse Rolle. Aber zum ersten Mal seit Jahren habe ich das Gefühl, dass das Gesamtunternehmen “Hochschulabschluss” irgendwie zu machen ist.

Gedacht war eigentlich, Anfang Mai bereits mit den Vorbereitungen für das Examen in der Japanologie zu beginnen, aber so wie es gelaufen ist, musste ich meinen Prüfungstermin in der Anglistik vom 21. auf den 31. Mai verschieben, weil ich sonst nicht fertig geworden wäre. Das ist dann auch nur unter sträflicher Missachtung des sprachhistorischen Teils gelungen, und am Ende fehlten immer noch zwei Stunden um den kompletten Rest wiederholen zu können.

Ich habe ein Stressbewältigungsseminar in Anspruch genommen, bei dem es allerdings “nur” um Vorbereitung von Vorträgen geht. Aber das war immerhin etwas. Leider waren die angesprochenen Verfahren mir bereits bekannt, oder aber ich war nicht der rechte Typ dafür, wie zum Beispiel Assoziationslisten: Man denke sich ein Thema, hole einmal tief Luft, und schreibe dann innerhalb von drei Minuten so viele damit zusammenhängende Begriffe wie möglich auf ein Liste, die alphabetisch von A bis Z angeordnet ist. Da meine assoziative Spontaneität gegen Null strebt (mir fällt nie was ein, wenn mich jemand fragt, ob ich noch Fragen habe), kriege ich vielleicht vier oder fünf Begriffe hin, sofern wir nicht über ein Thema reden, über das ich WIRKLICH Bescheid weiß.

Ich konnte aus dem Seminar nur wenig, aber immerhin etwas, zum Thema Vermeidung von Blackout mitnehmen. Ich entschied mich daher für eine Einzelsitzung mit der Leiterin – ein verpatztes Examen würde mich mehr kosten als die veranschlagten 15 E. Ein paar Tage zuvor gibt man ein paar Assoziationslisten ab, und beantwortet auf einem Fragebogen Fragen zur eigenen Meinung zur Prüfung, und wie man den Prüfer einschätzt. Auf dieser Basis wird die Sitzung dann vorbereitet.

Ich bin nicht sicher, ob das alles meine Bedürfnisse befriedigte. Ein wichtiger Punkt waren psychologische Kniffe, wie man einem Unzulänglichkeitsgefühl entgegenarbeitet. Dabei habe ich keine Minderwertigkeitskomplexe, auch nicht angesichts meiner Gewissheit, dass ich nicht zum Akademiker geboren bin. Ich bin mir dank guter Freunde über meine Qualitäten durchaus im Klaren, was mich ein bisschen drückt, ist nur der Eindruck, dass es sich nicht um Qualitäten handelt, die man in konkrete Jobchancen umrechnen kann.
Eine weitere Sache ist die Aufbesserung der subjektiven Wahrnehmung:
“Woran denkst Du vermutlich, wenn Du am Morgen der Prüfung aufstehst?”
“Vermutlich an ein Begräbnis.”
“Was ist für Dich das optische Gegenteil von einem Begräbnis?”
“Äh… vielleicht… ein Sonnenblumenfeld?”
“Gut! Wenn Dich das Bild vom Begräbnis überfällt, dann denk an ein Sonnenblumenfeld.”
Oder:
“Lachen hebt das Lebensgefühl. Druck Dir ein paar Witze aus, und wenn Deine Stimmung zu düster wird, dann lies Dir ein paar durch und lach mal.”

Das mit den Witzen habe ich nicht getan… aber der Gedanke an Sonnenblumenfelder, als ich vor der Bürotür der Dozentin saß, ließ mich doch lachen.

Am wichtigsten war aber meines Erachtens, die Prüfungssituation einmal durchzugehen, ein Rollenspiel. Also kurz vor die Tür gehen, hereingerufen werden, förmliche Sprache, Begrüßungsfloskeln, und die Aufforderung “Erklären Sie doch bitte mal, was XYZ ist.” In meinem Fall “ein Korpus”. Ich redete auf Anhieb sechs Minuten lang, mit ein paar Sekunden Pause ab und zu, um den weiteren Redefluss zu koordinieren. Ich glaube, es hat mir sehr geholfen, die Situation ansatzweise schon mal erlebt zu haben, und auch noch erfolgreich hinter mich gebracht zu haben. Der Zuschuss an Selbstbewusstsein gab den Ausschlag, um das Lampenfieber klein zu halten.

Am Sonntag vor der Prüfung bin ich ganz von zuhause ausgerissen, um mir meine gesammelten Audiodateien beim Spazierengehen anzuhören. Ich arbeite diesmal mit einem neuen Verfahren des Lernens: Ich leihe Bücher aus oder kopiere sie, anstatt aber Textstellen nur anzustreichen, spreche ich sie in ein Mikrofon und nehme sie als MP3 Dateien auf, die ich zwecks Wiederholung dann beim Spazierengehen anhöre. Allein die Aufnahmen für die Anglistikprüfung belaufen sich (ohne die Hörtexte der Canterbury Tales) auf über neun Stunden. Ich  hatte allerdings am Ende nur zwischen sieben und acht Stunden Zeit, bevor ich ins Bett gehen sollte, denn ausgeschlafen sein ist besser, als auch noch die letzten beiden Stunden irgendwie in den Kopf zu pressen.

Diesen Zeitraum verbrachte ich auf dem Petrisberg, nicht wenig davon auf dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau, wo ich den vermutlich coolsten Spielplatz, der mir je unter die Augen gekommen ist, vorfand.

Ich erinnere mich mal eben an die Zeiten vor über 25 Jahren:
Wir haben alle gern im Sandkasten gespielt, aber leider blieben die Kanäle, die wir gruben, immer trocken. Eine Gießkanne mit Wasser, um Flüsse zu simulieren, wurde nur ganz selten gewährt oder war gar nicht greifbar, und wenn doch, dann versickerte das Wasser recht schnell. Meist wurden Flüsse mit Hilfe des trockenen Oberflächensands simuliert.
Auf dem Petrisbergspielplatz gibt’s dagegen Wasser genug, und das ganze System ist sogar darauf ausgelegt, als Gruppe mit Arbeitsteilung zu agieren.

Ich weiß nicht, wo das Wasser hier oben genau herkommt, aber es macht einen sauberen Eindruck. Wie man sehen kann, holt man es auf drei Arten ins Spielsystem:

Das Rad läuft durch ein kleines, mit Wasser gefülltes Becken. In dem Rad sind becherförmige Schöpfer angebracht. Sie nehmen Wasser aus dem Becken auf und  schütten es auf eine Rampe aus, womit sich die obere Kippe füllt, die sich bei entsprechendem Füllstand in die untere ergießt (die nach dem gleichen Prinzip funktioniert), und über die gelangt das Wasser dann in die Kanäle der Bodenkonstruktion. Die Fließrichtung des Wassers kann man dabei grob mit den Gummisperren beeinflussen, die man auf dem Bild erkennen kann.

So mancher Besucher geht allerdings mit etwas Ungeduld an das System heran. Dreht man das Schöpfrad zu schnell, trifft das Wasser aus den Bechern nicht die Rampe Richtung Kippe, sondern geht darüber hinaus und landet gleich wieder unten im Reservoir. Dieses ist auch nur in der Lage, so-und-so-viel Wasser pro Zeiteinheit abzugeben, das heißt, wenn man zu schnell am Rad dreht, trifft man wegen der Fliehkräfte nicht nur die Rampe nicht, sondern kriegt die Schöpfbecher erst gar nicht voll, weil der Pegel im Reservoir nicht schnell genug wieder steigen kann.

Dann gibt es da ganz gewöhnliche Handpumpen:

Immerhin treiben sie ein kleines Wasserrad an. Ich glaube, das ist für den Spaßfaktor nicht ohne Bedeutung, aber ich habe auch gern an solchen Pumpen gespielt, die kein Rad hatten. Der Brunnen an einer der Wanderhütten in der Nähe meines Heimatorts war ein Fixpunkt meiner Waldwanderungen, wenn ich im heißesten Sommer zu etwa zehn Kilometer entfernten Spielnachmittagen aufbrach. Ich muss bei Gelegenheit mal prüfen, ob die Pumpe noch da ist…

Im Hintergrund des Bildes kann man übrigens etwas sehen, was ein bisschen wie ein Marterpfahl aussieht, aber es handelt sich ebenfalls um eine Art Brunnen. In den Holzpfahl sind metallene Wasserröhrchen eingebaut, und der Pfahl steht in einem Becken von vielleicht 80 auf 80 cm. An der Außenseite befinden sich Plastikknubbel, zwei an jeder der beiden zugänglichen Seiten, und wenn man diese pumpend mit dem Fuß betätigt, beginnt Wasser aus den Rohren zu sprudeln, das dann ebenfalls in den Holzkanälen landet.

Zuletzt ist da noch etwas, das optisch mehr herhält, als seine Bedienung Spaß macht:

Ich glaube, das nennt sich “Archimedische Schraube”. Man dreht mal wieder am Rad und schöpft damit im Becken Wasser ab. Das Wasser kommt in Wasserglasmengen oben an und läuft über eine Rinne in ein Drehrad, das so ein bisschen wie eine Turbine aussieht. Man kann es wegen des Aufnahmewinkels leider nicht sehen. Es ist jedenfalls nicht möglich, schnell genug Wasser zu schöpfen, um diese “Turbine” in Gang zu setzen, weil die in Intervallen ankommende Wassermasse dazu nicht ausreicht. Dem entsprechend gering fiel im Zeitraum meiner Beobachtung das Interesse an den Schrauben aus.

Von jedem dieser Konstrukte gibt es zwei, und sie leiten ihr Wasser erst einmal in das bereits erwähnte Kanalsystem.

Die Kanäle leiten das Wasser in hölzerne Rinnen, die ich in den Alpen bereits gesehen zu haben glaube.

Ganz klar, dass die Spielkinder bereits Sand in die Rinnen geworfen haben, um zu sehen, wie er wieder weggespült wird. Stattdessen hält er sich hartnäckig. An dieser Stelle habe ich den Sand mal in die Hand genommen und fand ein sehr feinkörniges Produkt vor, dass sich wirklich toll anfühlte, kein Vergleich zu dem gröberen Bausand, den ich in meiner Kindheit in Kindergartensandkasten und am Spielplatz hatte.

Über die Rinnen landet das Wasser dann im Sandbecken, und ich habe leider verpasst, eine Gesamtaufnahme davon zu machen. An jenem Tag war nicht so wirklich viel los, es regnete zeitweise und es war auch sonst eher bewölkt. Mit entsprechendem Arbeitseinsatz kann man den Sandkasten jedenfalls zu einem Tümpel machen, zur Freude der Kinder, und möglicherweise zum Grauen der Eltern, denen das Waschen der Kleidung obliegt, aber Beobachtungen an einem sonnigen, warmen Tag haben gezeigt, dass der Spaß der Kinder ein bedeutender Motivationsfaktor für die Wäscher und ihre Toleranz ist.
Und, ganz wichtig: An diesem Spielplatz lassen sich Sonnenschirme aufspannen. Wenn ich da an meinen Spielplatz denke… ich muss mich direkt wundern, dass da nicht öfter “Fremdenlegionäre im Wüstenfort” gespielt wurde. Dort gab’s nur pralle Sonne und heißen Sand. Schatten war in Büschen, in der rostigen Lok, und unter der Rutsche gegeben. Aber auf dem Petrisberg gibt’s nicht nur Spielwasser, sondern auch Trinkwasser: Neben den Pumpen, Schrauben, und Schöpfern steht ein Brunnen aus Edelstahl, aus dessen Rohr feinstes Trinkwasser strömt, und nicht so eine kalkige, Durst machende Brühe wie bei uns zuhause im Gau, und auch besser als das Leitungswasser im Apartmentblock gegenüber der Uni.

Der Sandkasten am Petrisberg bietet fest integriertes Spielzeug. Unter diesem hier kann ich mir nicht so recht was praktisches vorstellen, obwohl die Funktionsweise eigentlich klar ist:

Aber von weit größerem Interesse sind diese Dinger hier:

Irre, oder? Die haben Bagger im Sandkasten. Nicht diese einkaufstütengroße Mickey-Mouse-Kacke aus Plastik mit der Schaufelkapazität eines Eierbechers, sondern aus Metall, wo man mit echtem Körpereinsatz dran rummachen kann. Okay, sie können ihren Standort nicht ändern, aber auch ein Sechsjähriger kann die Ausrichtung verändern und 360° um sich herum Sand schaufeln (und Wassergräben anlegen), wie’s ihm Spaß macht. Alles, was fehlt, ist die Kurbel, mit der man das Teil vom Sitz aus schwenken kann. So muss man halt absteigen und drücken.

Von meinen sieben Stunden habe ich ca. zwei Stunden am Wasserrad zugebracht, das ist sehr beruhigend. Und noch einmal eine halbe Stunde in dem Bau nebenan, aus dem die Röhrenrutsche rausragt, weil es ganz heftig zu regnen begann. Sonst war ich in der Gegend unterwegs, meist auf befestigten Wegen, und entdeckte bei dieser Gelegenheit den Trierer Standort des Deutschen Wetterdienstes.

Irgendwann habe ich auch die Gärten der Trierer Partnerstädte bewundert (Italiener haben scheinbar mehr Ahnung von Gärten als Briten), darunter den kleinen japanischen Steingarten, der von der Stadt Nagaoka gesponsert wurde. Das heißt allerdings nicht, dass sie ihn auch angelegt hätten, also “jemand aus Nagaoka”. Wenn ich mich recht erinnere, zeichnet sich eine Kommilitonin aus meinen Japanisch-Grundkurs dafür verantwortlich. Ist auch hübsch geworden. Ich muss zugeben, dass es mir seltsam anmutet, wenn der in den Kies geharkte Fluss von einer Steininsel unterbrochen wird, und auf der anderen Seite fortgeführt wird, anstatt den Stein zu umfließen, aber ich verstehe zu wenig von Steingärten, um das beurteilen zu können.

Um etwa 2115 Uhr fing es wieder an zu regnen, und diesmal wollte es nicht wieder aufhören. Da saß ich dann an der Bushaltestelle Am Wasserturm und löffelte den Rest aus meinem Joghurtpott, den ich mitgenommen hatte. Ich hätte mir dreißig Minuten dumm rumsitzen sparen können, wenn mir aufgefallen wäre, dass die auf dem Fahrplan angegebene Abfahrtszeit mit “AST” gekennzeichnet ist. Um kurz vor Zehn spannte ich meinen Schirm auf und ging halt wieder nach Hause.

Am nächsten Morgen um 1045 machte ich mich auf den Weg, “dressed for the occasion.” Und diese Prüfung hatte einen ganz anderen Charakter als die von Mr. Stubbs. Der sitzt mit bierernstem Gesicht dem Prüfling gegenüber, seine Körpersprache allein macht mich schon nervös, und alle Antworten, die nicht so lauten, wie er es hören will, sind falsch.

“Was sind Kanji?” fragte er mich damals, im November 2005.
Das erwischt mich völlig unvorbereitet. Er hatte in meinen Unterlagen gelesen, dass ich Japanologe bin, und dachte, er täte mir einen Gefallen, von daher nehme ich ihm das nicht übel. Aber in dem Moment brachte mich das völlig aus dem ohnehin kaum vorhandenen Konzept. Japanische Kanji wurden im Rahmen der mir vorliegenden Einführung in die Linguistik von Yule nur in dem Kapitel über die schriftliche Umsetzung von Sprache angerissen. Ich erklärte also etwas von Ideogrammen und Logogrammen, und dass man die aus dem Chinesischen stammenden Zeichen nicht einfach in eine gegebene Kategorie einordnen könne, weil es sich bei einigen um stilisierte grafische Darstellungen handelte, während andere völlig abstrahiert seien, und wiederum ein paar wenige nur wegen ihrer phonetischen Eigenschaften übernommen worden seien.

Er wollte aber hören “Kanji sind Morpheme”. Ja, jetzt, wo Sie’s sagen, fällt’s mir auf. Ich habe mich selbst in der Japanologie nie mit den theoretischen linguistischen Grundlagen der Schriftzeichen auseinandersetzen müssen. Die Beschäftigung mit dem Wortlevel konzentrierte sich auf gebundene Morpheme, also wie man einen Passiv oder einen Kausativ oder was weiß ich noch alles konstruiert. Die Kanji selbst waren halt einfach da. Nicht einmal Frau Katsuki sagte jemals explizit “Kanji sind Morpheme”. Zumindest kann ich mich nicht erinnern. Hier zeigte sich in erster Linie meine Assoziationsschwäche, verschiedene Informationsschnipsel aus verschiedenen Gebieten miteinander zu kombinieren: Wäre ich in dieser Hinsicht begabter, wäre nichts klarer gewesen, als dass Kanji Morpheme sind.

Wie dem auch sei, bei Frau Sand läuft das ganz anders. Während im Herbst 2005 kritisch dreinblickende bärtige Männer am Tisch saßen, wirkte meine Prüferin (und die Beisitzerin ebenso) eher entspannt (was nicht ohne positive Wirkung bleiben konnte), lächelte sogar dann und wann, und sogar einem drögen Beobachter wie mir musste auffallen, dass sie betont langsam sprach, um das bessere Verständnis der Fragen zu gewährleisten (und womöglich auch, um damit Zeit zu schinden). Zu meiner eigenen Überraschung schaffte ich es, meine Sprechgeschwindigkeit unter Kontrolle zu halten. In der “Generalprobe” war mir das noch nicht gelungen. Nach etwa fünf Minuten hatte sich mein Herzschlag normalisiert und ich konnte mich auf die Fragen konzentrieren.

Der Abschnitt Korpuslinguistik lief recht gut. Jargon/Slang nicht ganz so gut, aber auch nicht schlecht. Gefragt, welche Begriffe (aus der Unterweltsprache der Dreißiger und Vierziger Jahre) man denn in der heutigen Sprache finde, vergaß ich natürlich die unverfänglichen Dinge wie “to get roped into something”, oder “a Shill”, oder “Shylock” wäre wohl ein schönes Beispiel mit literarischem Hintergrund gewesen, oder “pot”. Stattdessen wurde mein Gehirn geflutet von einer Fülle sexueller Begriffe in Bezug auf Prostitution (“gobbledeegook”), Homosexualität (“gay” oder “butch”), oder sonstig von der Norm abweichendem Sexualverhalten (“queer”), und irgendwie hatte ich Hemmungen, dies angesichts zweier weiblicher Gegenüber auch zu verwenden. Mir fiel aber “to take the Mickey” ein, weil der Begriff in dem Artikel über Spott als Humorform in der IT Industrie zu finden ist, abgeleitet aus dem “Mickey Finn” der Vierziger, als der Begriff in Drogenkreisen eine Betäubungsdosis bezeichnete (Zigarrenasche in Limonade???), die man jemanden verabreichte, der einem auf den Keks ging und den man auf diese Weise aus der intimen Sphäre der “Opiumhöhle” entfernte.
Ganz und gar kein Glanzpunkt war der sprachhistorische Teil, in dem ich nur kurz Anfang und Ende der mittelenglischen Periode kurz definierte, und mich radebrechend daran versuchte, die Unterschiede des Mittelenglischen zum modernen Englisch darzulegen. An der Stelle rettete mich gewissermaßen der Gong.
Mit 2,3 fiel diese Teilnote schon ein Stück besser aus als mein Abitur.

Im Anschluss an die Prüfung “musste” ich als erstes die Medientechnik besuchen, von der ich weiß, dass da ein Schrankregal voll alkoholischer Getränke rumsteht (die ich als ACT Vertreter zum Großteil selbst dorthin gebracht habe). Zwei Gläser Schnaps wollte ich mir gönnen, doch am Ende sind es fünf geworden, und mein Nachhauseweg verlief nicht ganz so gradlinig.

Aber in diesem Sinne geht es in diesen Wochen weiter. Ich vertone also gerade eine Biografie von Odas Nobunaga, von Jeroen Pieter Lamers, eine Dissertation von 1998. Bei den japanischen Artikeln wäre es wohl besser, wenn ich eine Übersetzung einspreche… das macht das Einprägen einfacher, und letztendlich wird die Prüfung in deutscher Sprache stattfinden.

Der Countdown läuft also, und X = 0 ist am 14. August. Na ja, eigentlich dann, sobald ich die Prüfung in Phonetik hinter mich gebracht habe, was so zwischen dem 10. und dem 14. August angepeilt ist. Der 14. August ist deshalb von Bedeutung, weil ich meine schriftliche Arbeit am 14. Mai abgegeben habe, und drei Monate danach alles unter Dach und Fach sein muss.

Zwischendurch habe ich sogar ein paar Bewerbungen geschrieben… den Großteil an die US Armee in Kaiserslautern, die innerbetriebliche Weiterbilder, Arbeitsleistungsinspektoren, und was weiß ich noch alles braucht, und dafür nicht schlecht zahlt (im Falle meiner Bewerbungen über 1900 E Einstiegsgehalt, brutto, steigt schrittweise im Laufe der Monate und Jahre). Das Bewerbungsverfahren ist denkbar einfach: Man füllt ein Formular aus und schickt es mit der Post nach Lautern. Man braucht kein geschwollenes Anschreiben, kein Bewerbungsbild, keine Zeugnisse, nur eine grobe Darlegung des Lebenslaufs und Erfahrungshintergrunds. Alles, was über das Formular hinausgeht nur auf Anfrage.

Eine Bewerbung habe ich auch an das Bundessprachenamt gesendet, die zwei Stellen für Fremdsprachenassistenten Englisch zu vergeben haben, mit Aussicht auf Verbeamtung als “Regierungsrat” im höheren Dienst. Die wiederum erlauben die Bewerbung per Mail. Dann packt man halt mal alles in eine PDF und versucht sich bei der Gelegenheit an einem Anschreiben. Dort soll man Angehörigen des BMVg (und der Bundeswehr) nicht nur Englisch eintrichtern, sondern soll dabei das “interaktive Klassenzimmer” anwenden, das zufällig auch Teilthema meiner mündlichen Prüfung in der Anglistik war. Das schmiert man dem Personalchef natürlich gleich aufs Brot, dass man in der Richtung bereits Grundlagen hat.
Die zahlen etwa 200 E weniger Anfangsgehalt als die Amerikaner, aber beamtete Sicherheit klingt für mich persönlich verlockender als Gewinnmaximierung.

Ich hab schon gar nicht mehr gewusst, wie Hoffnung riecht. Neuerdings habe ich ernsthaft das Gefühl, dass zur Abwechslung mal alles tatsächlich klappen wird und vielleicht doch nicht kompromisslos auf Blut, Schweiß, und Tränen hinausläuft.

11. April 2010

Brutalität im alternativhistorischen Paralleluniversum

Filed under: Filme,Militaria — 42317 @ 19:02

Es wurde mir mehrfach empfohlen, also nutzte ich eine Gelegenheit und sah mir “Inglorious Basterds” an, in dem Brad Pitt den Zuschauermagneten macht, während Til Schweiger eine nette Ergänzung darstellt, und Christoph Waltz (zu Recht) den einzigen der vielen nominierten Oscars für die beste Nebenrolle abstaubte.

Will man sich kurz fassen, lässt man am besten gleich alles weg, was man unter dem hässlichen Wort “Geschichtsfälschung” abhandeln kann. Tarantino sagte schließlich selbst an einer Stelle über diesen Film, es sei kein Film über Geschichte, sondern über Rache. Nun, meines Erachtens handelt es sich auch nicht um einen Film über Rache – viel mehr geht es um Leute, die gern andere Leute terrorisieren und töten, und dafür – sofern es um die Gruppe der Basterds geht – “Rache” als Vorwand verwenden. Die deutschen Charaktere in ihren SS-Uniformen haben im Gegenzug herrenmenschlich-überhebliche Gründe für ihr Tun. Aber eine Gegenüberstellung der beiden Parteien, allesamt Unmenschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ist dennoch in einem bestimmten Punkt interessant.

Die deutschen Figuren der unteren Hälfte der Hierarchie sind durchgängig anmaßend, überheblich, arrogant, schlicht böse, aber auch intelligent und sprachgewandt. Der SS-Mann Zollner spricht zumindest fließend Französisch, der Standartenführer Landa spricht Französisch, Englisch, und Italienisch, und das ohne einen für mich wahrnehmbaren Akzent. Auch andere deutsche Figuren beweisen sprachliche Kompetenz etwa bei der Erkennung kaum auffälliger Akzente, so wie bei dem betrunkenen “Feldwebel” Wilhelm (der eigentlich “Oberscharführer” genannt werden müsste), der ebenfalls, wenn auch mit Akzent, in der Lage ist, sich auf Englisch zu verständigen.

Die gebürtigen Amerikaner dagegen sind gerade mal in der Lage, sich in ihrer Heimatsprache zu verständigen, sie weisen dabei starke dialektale Einfärbungen auf und brauchen als Dolmetscher eingebürgerte deutsche Muttersprachler.
Eine eigene Gruppe wiederum ist die dargestellte deutsche Führungsschicht – auch die reden ausschließlich ihre Muttersprache, und wirken dadurch zusätzlich ignorant, ganz klar zu sehen am Beispiel von Joseph Goebbels.

Aber dabei muss man eines ganz deutlich hervorheben: Wenn man individuelle Leistungen ganz ausklammert, dann ist es die kompromisslose Mehrsprachigkeit, die diesen Film auszeichnet und positiv von den meisten Filmen abhebt. Die Amerikaner reden amerikanisches Englisch, die Briten reden britisches Englisch, die Deutschen reden Deutsch, und die Franzosen reden Französisch. Tarantino hat sich nicht gescheut, den ansonsten in dieser Hinsicht unwilligen Zuschauer mit Untertiteln zu konfrontieren, denn wer die drei Sprachen nicht alle beherrscht, wird sie zeitweilig brauchen.
All das geht in der deutschen Synchrofassung natürlich zum Teufel – alle nicht-deutschen Charaktere haben eine Synchronstimme erhalten. Ich muss mich fragen, wie das Filmkonzept eine totale Neuvertonung überleben kann?

Wenn man den Kinotrailer gesehen hat, könnte man auf die Idee kommen, es handele sich um einen Actionfilm. Haha, mitnichten. Natürlich gibt es Kämpfe, fliegendes Blei, spritzendes Blut, und vielerlei Brutalitäten zu sehen, aber der Film stützt sich in erster Linie auf Dialoge und Charakterdarstellung. Das ist an sich ein Qualitätsmerkmal, wenn sich die ganze Angelegenheit nicht gleichzeitig so extrem in die Länge ziehen würde: Die Kinofassung ist 154 Minuten lang, und meines Erachtens hätten es 120 Minuten dicke getan. Bei aller Liebe zum Detail: Hier wurde übertrieben und stellenweise stellt sich Langeweile ein.

Um zuletzt noch das Thema Geschichtsfälschung anzudeuten:
Es war völlig überflüssig, das von den Deutschen besetzte Frankreich als Kulisse zu wählen. Der Plot ist so platt, dass er überall funktioniert hätte, wo eine Gruppe von Leuten eine andere im großen Stil unterdrückt. Die Basterds hätten ebenso gut eine Truppe schwarzer Guerillas im Amerikanischen Sezessionskrieg sein können. Oder von mir aus auch eine Gruppe Islamisten im Gefolge der Affäre um das Gefängnis von Abu Graib.
Tarantino verwendet die Vielzahl und die “dunkle Ästhetik”, wie ich es nennen möchte, der mit dem Nationalsozialismus verbundenen Uniformen (man gewinnt den Eindruck, Frankreich sei ausschließlich von der SS besetzt) lediglich als eine Art von emotionalem Grundton für sein bluttriefendes Spektakel, das durch Christoph Waltz gerade noch so vor der Hirnlosigkeit gerettet wird (abgesehen davon, dass zackige Nazis durch die Faszination des Bösen mehr Leute ins Kino locken, als jede andere greifbare Gruppierung von Antagonisten). Mir persönlich erscheint Inglorious Basterds so notwendig wie ein Film über einen Scharfschützen im Glockenturm.

9. April 2010

FreeOrion – eine Runde Zeitverschwendung

Filed under: Spiele — 42317 @ 23:25

Vor langer langer Zeit kaufte ich “Master of Orion 2″. Leider stammt das Spiel aus einem Zeitalter, in dem es mit der Entwicklung einer internetgestützten Multiplayeroption noch arg haperte: Da brauchte man einen Klienten für das “Total Entertainment Network” von Microprose, und das existiert heute nur noch in Sagen und Legenden, in denen es heißt, es gebe in den USA hier und da noch ein paar Knotenpunkte. “Master of Orion 2″ lässt sich daher nur über Nullmodem zu zweit spielen, das bedeutet Rechnertransport mit allen damit verbundenen Unbequemlichkeiten und Gefahren.

Jetzt ist es wiederum ein paar wenige Jahre her, dass mir ein Freund den Hinweis gab, dass eine kostenfreie Klonversion des Spiels existiere, das den Vorteil böte, per Internet spielen zu können, und nun hatte ich endlich Gelegenheit: Was auf den ersten Blick sehr vielversprechend aussah, entpuppte sich schon sehr bald als unausgegorene Testversion, ein gerade so spielbares Skelett, dessen Weiterentwicklung scheinbar seit Jahren dahin dümpelt, wenn man die Seite der Anbieter betrachtet.
Der Download wird angeboten von Chip.de, wo sagenhafte 89 % der Downloader das Werk als gut bezeichneten – sind die alle bescheuert?

Rein optisch macht die Sache was her, mehr als das Original. Die grafische Darstellung ist sicherlich sehr gut. Mir geht es allerdings um brauchbare Spielinhalte, und nur am Rande um Grafik.
Zum Beispiel kann man nicht die Sternensysteme, sondern nur einzelne Planeten umbenennen, und mir ist völlig schleierhaft geblieben, warum ich in dem neu besiedelten System rein gar nicht bauen konnte, obwohl der Vorrat an dafür benötigten Rohstoffen vorhanden war.
Es gibt keine statistischen Informationen. Man muss Veränderungen der Resourcenangaben einfach so hinnehmen, ohne eine Erklärung dafür zu erhalten, warum zum Beispiel die Handelsbilanz auf einmal in den Keller geht. Eine Art Auflistung der Ausgaben und Einnahmen der Resourcen fehlt ebenso wie eine anschauliche Übersicht über das Imperium allgemein.
Der Zusammenhang zwischen Nahrung und Bevölkerungswachstum (oder -rückgang) wird einem nie so recht klar – wenn nicht genug zu essen da ist, verschwinden von einem Zug zum nächsten Bürger, obwohl unter der Statusanzeige für Nahrung unter Umständen mehrere Tausend Einheiten angezeigt werden. Es wäre wohl sinnvoll, die Bevölkerung erst dann verhungern zu lassen, wenn die Vorräte aufgebraucht sind!?
Wie bitte? Ich habe vielleicht vergessen, Frachter zum Transport der Nahrung bereitzustellen? Nein, die hab ich nicht vergessen, es gibt keine Frachter im Forschungs- oder Produktionsmenü.
Das Forschungsmenü ist, bei aller überwältigenden Ideenfülle und gegenseitiger Abhängigkeit verschiedener Forschungszweige, ein Buch mit sieben Siegeln: Zwar gibt es zu jedem Punkt eine tolle Erklärung, um was es sich handelt, allerdings bieten nur die wenigsten dieser Beschreibungen einen Anhaltspunkt dafür, was denn die Entwicklung dieser Technik bringt.

Überspringen wir ein paar Unstimmigkeiten (wie zum Beispiel, dass Schwarze Löcher wie Sternsysteme funktionieren und Planeten haben) und kommen gleich zum Spielziel: Derzeit besteht es aus der Vernichtung aller Gegner. Davon gibt es drei auf der Galaxiekarte, die auch immer die gleiche ist, und die Völker, die keine sich von einander unterscheidenden Merkmale aufweisen, befinden sich auch immer an der gleichen Stelle – die Spiele sind also recht vorhersehbar.
Am allertollsten: Die vom Computer “gesteuerten” Teilnehmer tun rein gar nichts. Die sitzen in ihren Systemen und warten auf den Feind. Sie entwickeln nichts, sie bauen nichts, sie schicken keine Späher und Kolonieschiffe aus. Wenn man dann mit eigenen Schiffen in ihr Heimatsystem eindringt, wird im Hintergrund das Ergebnis ausgewürfelt und dann das Ergebnis präsentiert – der statistisch Stärkere gewinnt und verliert vielleicht ein Schiff dabei. Eine diplomatische Option gibt es nicht – alle Teilnehmer befinden sich automatisch mit allen anderen im Krieg!
Hat man alle drei Gegner besiegt, wird einem das im Rundenbericht mitgeteilt, in etwa “You achieved victory by being sole survivor”. Was nicht heißt, dass das Spiel dann endet, nein, es geht weiter, endlos. Abschalten muss man selber, wenn nichts mehr zu tun ist.
Ich empfehle, gleich im Anschluss zum deinstallieren überzugehen.

31. März 2010

Musikalisches Intermezzo

Filed under: Musik — 42317 @ 11:48

Es ist ja nicht so schrecklich viel los dieser Tage… ich hab auch nicht so die Muße, mich mit meinem Blog zu beschäftigen, da ich ja ne Menge anderer Sachen im Kopf habe, die mich geradezu blockieren.

Aber hier habe ich ein Musikvideo, das zwei künstlerische Ausdrucksformen vereinigt, die zumindest ich noch nie in ein und dem selben Kontext gesehen hätte.

26. Februar 2010

Welchen Teil von “Antiquitätenmesse” haben Sie nicht verstanden?

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 12:44

Anfang des noch aktuellen Monats fand wieder eine Antiquitätenmesse in Luxemburg statt, zu der ich mit der Teppichgalerie angereist bin. Den ganzen Vorbereitungsteil können wir an dieser Stelle überspringen, weil ich schon des öfteren von solchen Messen berichtet habe, also muss ich nicht wieder auf das Ausbessern und Einpacken eingehen. Zumindest ist nichts kaputt oder verloren gegangen, also lassen wir das doch.

Interessant wurde es allerdings nach der Ankunft.
Der Tag an sich war geradezu angenehm sonnig, mit etwas Arbeitswärme im Leib konnte man sogar im T-shirt zum Parkplatz gehen, um Ware und Aufbaumaterial aus dem Wagen zu nehmen.
Nachdem dann die Lichtleisten hingen und der “Baldachin” über den Ständen mal wieder unter diesen Maßnahmen gelitten hatte (wobei ich erwähnen muss, dass der Frontbalken nur ausgebessert und frisch gestrichen war, da er streckenweise aus Presspappe bestand, was mich an der Belastbarkeit der angeschraubten Leiste zweifeln ließ), sollte es daran gehen, die mitgebrachte Ware im Stand unterzubringen, und als das wichtigste dann an der Wand hing, entdeckte die Chefin während einer Pause einen Missstand, der ihr sehr missfiel.

Gegenüber von unserem Stand bot eine weitere Firma Teppiche an, aber sogar ein Laie wie ich erkannte auf den ersten Blick, dass es sich dabei nicht um Antiquitäten, sondern um Neuware handelte, möglicherweise sogar sogar um Katalogware. Ich weiß nicht, wie es genau von statten ging, aber es wurde wenig später ein weiterer Anbieter entdeckt, bei dem es genauso aussah.
Nun, ist das hier eine Antiquitätenmesse oder nicht? Im Händlervertrag ist festgehalten, dass der Großteil der ausgestellten Waren älter als 60 Jahre sein muss. Was wir hier hatten, war also eine bedeutende Aufweichung der Regeln – ist die Messe als Unternehmen LuxExpo bereits so arm, dass das notwendig ist?
Die Chefin marschierte also gleich zur Geschäftsführung und beschwerte sich. Es könne nicht sein, dass auf einer Messe, die für exklusive Waren konzipiert ist, moderne Artikel angeboten werden dürften, und drohte damit, die Messe zu boykottieren und am Stand nicht nur ein entsprechendes Hinweisschild anzubringen, sondern auch einen angemessenen offenen Brief im Trierischen Volksfreund zu veröffentlichen.
Die Geschäftsführung der LuxExpo entschuldigte sich damit, dass man zwar Ausstellungsstücke prüfe, dass Experten für Gemälde, Möbel, Skulpturen, Silberwaren, usw. vorhanden seien – aber keiner für Teppiche. Aber sie könne doch diese Expertise selbst vornehmen? Ausgeschlossen, als Ausstellerin sei sie definitiv befangen – sie könne allerdings unabhängige Experten empfehlen.

Letztendlich wurde ein Sachverständiger für Teppiche aus Antwerpen eingeflogen. Das Ergebnis: Einer der beanstandeten Aussteller musste die Messe verlassen, der andere durfte bleiben, weil die modernen Stücke, die er zeigte, selbst kreierte Musterdesigns waren, und das ist laut Vertrag erlaubt. Ganz klar, dass unsere Galerie das Gespräch der Messe war.
“Na dann, wenn uns in naher Zukunft ein Pflasterstein durchs Schaufenster reinfliegt, wissen wir ja, was läuft,” sagte ich noch scherzhaft zur Chefin.
Dabei sollte ich das vielleicht nicht zu laut sagen, den Teufel nicht an die Wand malen, wie man so sagt, denn die LuxExpo hat scheinbar mit gewissen Imageproblemen zu kämpfen.
Während einer Haushaltswarenausstellung im vergangenen Jahr, eine große Sache über zwei Hallen verteilt, war ein Stand mit Elektronik, also Fernsehern und Stereoanlagen, komplett ausgeräumt worden. Eine kleine LKW Ladung Zeug im Wert von über 100.000 E, während der Sicherheitsdienst gerade in der anderen Halle weilte. Zufällig? Viele Leute, die ich darüber habe reden hören, sind der Meinung, dass die Abwesenheit der Wachleute alles andere als ein Zufall gewesen sei. Natürlich hat niemand Beweise.
Und zu einer anderen Ausstellung am gleichen Ort habe wohl ein Experte einen Stand mit gefälschten Barockgemälden enttarnt, der daraufhin ausgeschlossen wurde – was damit endete, dass besagter Experte, als er eine Weile später die Halle verließ, auf dem Parkplatz mit vorgehaltener Pistole bedroht wurde. Wo sind wir hier eigentlich?

Die Luxemburger Messe hat sich in den vergangenen 30 Jahren aus dem Schattendasein eines besseren Flohmarktes erhoben, und wir hoffen eigentlich nicht, dass sie wieder auf dem Weg dorthin ist.
Die Teppichgalerie zieht jedenfalls zunächst die Konsequenz, keine Ware mehr am Stand zu lagern, sondern nur noch ein paar repräsentative Stücke an die Wand zu hängen, die man am Abend schnell mal ins Auto legen und mitnehmen kann, sodass der Stand leer ist. Das macht natürlich die ganze Arbeit viel schneller, weil wir nicht mehr soviel aufbauen, und beim Abbau nicht mehr über 100 Lagernummern kontrollieren müssen, ganz zu schweigen von der Zeit, die es dauert, so viel Ware auszusuchen, zu erfassen, einzuladen, auszuladen, anzuordnen, wieder einzuladen, zuhause wieder auszuladen, Vollständigkeit zu prüfen, und wieder in die ursprünglichen Stapel einzuordnen.
Angedachte Konsequenz ist, sich wieder nach ferneren Messen umzusehen. In Metz zum Beispiel. Das ist natürlich ein gutes Stück Weg, aber wenn man dafür eine Messe mit besserem Ruf und damit mit mehr potentieller Kundschaft bekommt, ist das eine Überlegung Wert. Und ich sage “wieder”, weil das früher die Norm war. Der verstorbene Herr G. hatte wohl die Gewohnheit, jedes Jahr auf ein Dutzend oder mehr Messen zu fahren, und auch eigene, kleine, zu veranstalten.
Natürlich waren das ganz andere Zeiten. Das waren die Zeiten, als der Mittelstand nach dem Krieg wieder genügend finanziellen Wohlstand für derartigen Luxus angehäuft hatte. Damit ist es heute vorbei, also sind die Chancen, dass in naher Zukunft ein solcher Messebetrieb einsetzt, eher gering. Ich glaube, das Hauptgeschäft besteht heute daraus, die in den Siebzigern und Achtzigern verkauften Teppiche zu restaurieren und in Einzelfällen zu ersetzen – die Chefin sagt, übermäßig staubsaugende Haushaltshilfen und gelangweilte Hunde seien ihre besten Freunde.

Ganz neue Dinge waren die, die sich nicht ereigneten: Nach Sonnenuntergang wurde es zwar eisig kalt, aber bis auf ein paar Schneeflöckchen von der Größe von Zuckerkörnern blieb es trocken; kein Regen, kein Eis, kein Schnee, das war auf der Heimfahrt richtig entspannend, und schon beinahe langweilig zu nennen.

Zuletzt mein besonderer Dank an unsere Nähmeisterin, die mir wohlwollend ein dickes Pausenbrot in die Hand drückte – Butter, Käse, Paprika. Und ausgerechnet dieses Jahr hatte ich ausnahmsweise und zum ersten Mal im Lauf der Jahre meiner Tätigkeit im Teppichladen ein eigenes Pausenbrot dabei.

22. Februar 2010

Ich kam, sah, und ging lieber wieder (3/3)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 20:42

Es kam dazu, dass ich montags und donnerstags nachmittags bereits einen deutlichen Unwillen in Bezug auf den kommenden Tag spürte, was meine Laune an vier von sieben Wochentagen merklich senkte. Nach dem Aufstehen hätte ich am liebsten als erstes aus dem Fenster gekotzt, einfach so, um meine Laune kund zu tun, und nicht, um den Zustand meines Magens zu dokumentieren. Die Fahrt im eiskalten Bus wurde beinahe zum Genuss, weil ich mich durch das Lesen meines Buchs vom Fahrtziel ablenken konnte, aber sobald ich den Bus verließ und mich dem Hauptmarkt näherte, trat mir jedes Mal ein Gedanke ins Bewusstsein:
„Hoffentlich ist der Scheißtag bald vorbei!“
Und das ist ein Punkt, an dem ich jedem ans Herz lege, sich einen neuen Job zu suchen, wenn dies ein inniger und ernst gemeinter Wunsch geworden ist – wenn man seinen Job scheiße findet, soll man sich einen neuen suchen. Das ist nicht verboten und der geistigen Gesundheit durchaus förderlich. Nur motzen und meckern ist Quatsch. Wenn man nur einen Job hat und die nötigen finanziellen Rücklagen für eine Überbrückungszeit fehlen, muss man natürlich die Zähne zusammenbeißen, bis sich eine bessere Gelegenheit ergibt – was ich dank Teppichgalerie glücklicherweise nicht muss.
Nach drei Wochen jedenfalls hatte ich die Schnauze gestrichen voll, es stand mir bis Oberkante Unterkiefer. Dabei sagt man mir etwas nach, was man leicht antiquiert „Langmut“ nennt.

Oh, die Frau Bohlen hatte auch gute Tage, die sich darin äußerten, dass sie mich ignorierte. Das war mir eigentlich Recht. Sie hatte sogar mal einen sehr guten Tag, und an dem sagte sie etwas zu mir, ich weiß nicht mehr was, es klang jedenfalls wie eine übliche Korrektur meiner Arbeitsweise, nur ohne den scharfen Tonfall.
Als ich mich verwirrt gab, sagte sie „Ich hab bloß ’n Scherz gemacht.“
Ich verstand nicht, was daran hatte lustig sein sollen und sagte: „Ah… okay…“.
Das hat vermutlich nicht sehr zu einer positiven Auffassung meiner Person ihrerseits beigetragen, aber man kann sich kaum vorstellen, wie egal mir das war und heute noch ist. Mein größtes Glück stellte sich immer dann ein, wenn sie in der Waschküche Dienst hatte und sich um Schürzen und Tischdecken kümmerte, anstatt mich zu terrorisieren.

Nachdem das Weihnachtsgeschäft nach der ersten Januarwoche endgültig vorbei war, verschob sich auch der Feierabend zurück auf halb Vier, wie eigentlich vorgesehen. Stellenweise war so wenig los, dass ich mir wie bei der Bundeswehr vorkam: In Abwesenheit von zu spülendem Geschirr und schmutziger Reinigungsreviere wurde ich angewiesen, mir einen Lappen zu nehmen und in der Spülküche rumzuwischen – damit ich beschäftigt aussah, sollte der Chef persönlich den Kopf zur Tür reinstecken. Das kam auch immer wieder mal vor. Dabei kam er mir wie ein vernünftiger Mensch vor, also nicht wie jemand, der empfindlich reagiert, wenn seine Angestellten in einer ruhigen halben Stunde auch mal eine ruhige Kugel schieben. Erstaunt war ich davon, dass er im Fall von Reparaturen selbst mit Hand anlegte: Er reparierte gemeinsam mit dem Hausmeister einen Backofen und die Elektrik der Außentür der Küche, die sich auf Knopfdruck öffnete (bzw. öffnen sollte), wenn man mit einem Geschirrwagen darauf zu rollte.

An einem Tag sollte ich im Bier- und Weinkeller fegen und gekachelte Teile wischen – ein wahres Labyrinth unter dem Haus. Hierzu wurde ich auf die Alarmglocke aufmerksam gemacht, die im vorderen Bereich angebracht war: Der Alarm werde ausgelöst, sobald der Kohlendioxidanteil in der Atemluft einen gewissen Schwellenwert überschritt. In dem Falle sollte ich schleunigst die Treppe hochgehen.
Wie könnte es anders sein – als ich mitten bei der Arbeit war (und mit Seitenblicken die gelagerten Jahrgänge bewunderte), schrillte die Glocke, mir standen alle Haare zu Berge. Der Alarm verstummte jedoch nach zwei Sekunden wieder. Was zum Teufel war das gewesen? Ich kümmerte mich also nicht weiter darum und fegte weiter. Gleich darauf stieg mir allerdings ein ganz typischer Biergeruch in die Nase, und als ich um die nächste Ecke linste, floss mir ein Bierbach entgegen und verschwand in einem Abfluss. Ich konnte feststellen, dass ein ganzes Fass ausgelaufen war, eines von denen, die mit dem Zapfhahn im Erdgeschoss verbunden waren. Zumindest war eines leer. Vermutlich hatte das plötzliche Austreten der Kohlensäure den Alarm ausgelöst, die sich dann aber schnell genug im Raum verteilte, um im Bereich des Sensors den Schwellenwert wieder zu unterschreiten. Keine Minute nach dem kurzen Alarm war die Verwalterin mit dem Hausmeister im Anmarsch, um zu sehen, was los sei – wegen des Alarms, denn noch niemand hatte den Druckabfall in der Zuleitung registriert. Ich schilderte die Lage und wurde losgeschickt, mir einen Eimer zu besorgen und die entsprechenden Räumlichkeiten, etwa sechs Quadratmeter, auszuspülen, damit das Bier nicht alles verklebe. In der Zwischenzeit wurde ein neues Fass angeklemmt und der Hausmeister konnte sich keinen Reim darauf machen, was eigentlich vorgefallen war, von daher weiß ich auch nicht, ob sich vielleicht der Schlauch gelöst hatte, oder was sonst an einem Fass schief laufen kann.

An einem anderen Tag wurde ich ins Schneetreiben vor dem Haupteingang beordert, weil ein Hund dort einen Haufen hinterlassen hatte – das Stück von der Größe eines Lyoners war zum Glück steif gefroren und ließ sich widerstandslos mit der Schaufel entfernen… und sogar das war angenehmer, als mit Frau Bohlen im selben Raum zu sein und ihre Visage sehen zu müssen!

Es wurde nicht besser. Ich wurde immer noch angefahren und wie der letzte Depp behandelt. Besonders deutlich wurde das an einem Tag, als eine der Serviceangestellten, eine Restaurantfachfrau (in Ausbildung), wie man Kellnerinnen offiziell in der Sprache der Beamten nennt, erfahren hatte, dass aus irgendeinem Grund kein Berufschulbetrieb stattfinden würde. Sie war daraufhin in den Betrieb gekommen, um dies der Verwalterin mitzuteilen, die sie dann zu uns in die Spülküche schickte, damit sie auch dort mal gearbeitet hatte. Sie hatte in der Tat überhaupt keine Ahnung von dem, was und wie es da lief, und es fiel mir zu, ihr die Abläufe am Ende des Förderbands zu erläutern, also das Abwischen der Schüsseln, das Umverteilen der Teller, das Wenden der Tassen, und das Doppelspülen des Bestecks. Ihre Anwesenheit hob meine Laune deutlich und ich erklärte die notwendigen Abläufe mit einer sonnigen Motivation, die mich selbst überraschte. Das ging scheinbar nicht nur mir so, denn obwohl die junge Frau offen ersichtlich den Eindruck machte, als sei sie von dem Organisationsanforderungen der Spülküche überfordert, legte Frau Bohlen eine ausgesuchte und lockere Freundlichkeit an den Tag, die ich ihr nie zugetraut hätte. Verdammt, die lachte sogar! Mit anderen Worten: Ihre Kaltschnäuzigkeit lag nicht einfach an ihrem Lebensfrust, der in den Symptomen meines Erfahrungsmangels ein Ventil fand, sondern an mir, an meiner Person, an der subjektiven Wirkung, die ich auf sie hatte, ohne dass ich irgendetwas dazu beitragen musste oder überhaupt konnte. Da wurde weiter genörgelt, geschnaubt, gestöhnt, gemeckert, gejammert, und die Augen verdreht.

Also besann ich mich auf die Vorteile des Minijobberdaseins: Ich kann gehen, wann immer es mir Spaß macht – beziehungsweise, sobald es mir keinen Spaß mehr macht. Zum Ende der vierten Woche telefonierte ich mit der Verwalterin und erklärte ihr, dass ich gern aufhören mochte, und bot ihr an, noch eine Woche zu arbeiten, damit sie Zeit habe, die Stelle neu auszuschreiben.
Meine Laune während dieser fünften Woche war schon fast euphorisch, und ich behielt meine „Informationspolitik“ bei – nur „Mutti“ erfuhr, an meinem letzten Tag, dass ich nie wieder kommen würde. Sie wurde von der Aussage überrascht, was mich wiederum überraschte, weil ich dachte, dass diese Information von der Verwaltung doch zumindest an die zuständige Vorarbeiterin weitergereicht werde. Scheinbar war das nicht der Fall.
Ich hielt auch die Klappe, als David mich an meinem vorletzten Arbeitstag in die tieferen Geheimnisse der Spülmaschinen einweihte – wie man die zu reinigenden Teile ausbaute und wieder einsetzte, damit ich das in Zukunft selbständig machen könne.

Ich ging also und ich habe mich noch nie von einer Tätigkeit derart befreit gefühlt. Der ganze Hauptmarkt sah mit einem Mal viel freundlicher aus.
Leider hatte sich keinerlei Gelegenheit zum Abgreifen von Essen ergeben – wie auch? Das Robert-Schumann-Haus richtet Buffets und vorgefertigte Menüs aus, während der Domstein nur das auf den Tisch stellt, was explizit bestellt wurde, was die Restmengen natürlich minimiert.

Drei der Angestellten der Spülküche habe ich nachher noch einmal gesehen: Leo lief mir nur wenige Tage später in der Theodor-Heuss-Allee über den Weg, als ich den Hund von Frau G. ausführte, erkannte mich aber scheinbar mit Mütze auf dem Kopf und ohne Schürze nicht. David erspähte ich im SATURN in Begleitung einer Frau, ich vermute seiner Frau, aber ich hatte nicht das Bedürfnis, Kontakt aufzunehmen, um belanglosen Smalltalk zu halten oder auf neugierige Anfrage hin meine Gründe für den verheimlichten Ausstieg erläutern zu müssen. Und die Frau Bohlen blieb mir nicht erspart, als ich am Morgen des 20. September 2009 vor dem Zelt der City Initiative Trier e.V. herumstand, um meinen Wachauftrag zu übernehmen.
Und wegen all dem Geschilderten wusste ich an dem Tag auch, wie ich ohne fragen zu müssen auf die Toilette im Untergeschoss des Domsteins gelangen konnte.

19. Februar 2010

Ich kam, ich sah, und ging lieber wieder (2/3)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 21:23

Das gute Gefühl hielt sich, in Arbeitszeit ausgedrückt, gerade mal einige Stunden, und der Bus, der auch beim darauf folgenden und jedem späteren Termin eiskalt war und dessen Heizung sich erst etwa am Bahnhof bemerkbar machte, hatte das wenigste damit zu tun.
Als erstes stellte ich fest, dass sich die Besetzung der Spülküche scheinbar je nach Wochentag änderte.
Als ich freitags zum ersten regulären Arbeitstermin eintraf, war Dennis nicht da, ich habe ihn auch nie mehr gesehen, stattdessen ein anderer mit Namen David (halb-englisch „Dee-vid“ ausgesprochen, eine Trierer Macke ersten Ranges), höchstens Mitte Zwanzig, dunkle Haare, Dreitagebart, schlank, sah ein bisschen aus, als sei er der kleine Bruder meines Kameraden Ritter. „Mutti“ und Leo waren auch da, und dann noch eine brünette Frau um die Fünfzig, leicht übergewichtig, rotbraune Haare, deren Gesicht ich intuitiv irgendwo zwischen „Metzger“ und „Bulldogge“ einordnete. Das war die Frau Bohlen, und sie sollte ihrem Namen nach meinem subjektiven Empfinden noch alle Ehre machen.

Die Frau Bohlen wurde von mir auch so genannt, während ich alle anderen, mit deren stillem Einverständnis, duzte. Das hatte nichts mit Respekt ihr gegenüber zu tun, sondern mit einem von mir einmal vor Jahren geäußerten Prinzip, nach dem ich einerseits nur solche Leute sieze, denen das auf Grund ihres Stands und meiner persönlichen Hochachtung zusteht, und andererseits solche Leute, die ich nicht ausstehen kann. Das klingt möglicherweise paradox, aber der Raum dazwischen ist groß und weit und bislang fahre ich gut damit.

Ich machte an jenem Tag erst einmal mit „Mutti“ die Hauptküche sauber, wobei sie die Fußböden schrubbte und mir den Auftrag gab, den Speiseaufzug und die Oberflächen der Schränke und die Ablagefächer zu reinigen. Kein Problem, Viss schafft alles. Dann ging es an den ersten Spülgang, den ich mit der Frau Bohlen absolvierte – und die ordnete das Geschirr auf Tisch und Ablage ganz anders an, als Dennis es mir beim letzten Mal gezeigt hatte, und dem entsprechend unzufrieden zeigte sie sich auch mit meiner Arbeitsleistung.
(ungeduldig) „Was machst Du denn? Das gehört doch ganz anders da hin!“
„Moment, ich dachte, das würde so und so…“
(genervt) „Nein, das gehört so und so…“
Nun gut, vielleicht hatte ich das auch falsch in Erinnerung, könnte ja sein.
Im Durchgang am Mittag war die Frau Bohlen dann irgendwo anders beschäftigt und ich spülte mit David. Ich stellte das Geschirr so ab, wie Frau Bohlen es vorgemacht hatte, und sofort saß mir David im Nacken.
(erstaunt) „Was machst Du denn da für’n Scheiß?“
„Die Frau Bohlen hat gerade vorhin gesagt, dass…“
„Ach, die hat doch keine Ahnung! Wir machen das so und so, genau so, wie Dennis mir das beigebracht hat!“

Immerhin war deutlich, dass er seinen Ärger gegen Frau Bohlen richtete, und nicht gegen mich, aber ich sah mich schon zwischen den Stühlen sitzen. Meine Befürchtung minderte sich dadurch, dass ich David scheinbar sympathisch war. Jedenfalls unterhielten wir uns ganz zwanglos, was mir etwas von meiner Anspannung nahm. Er erzählte mir von seinem wichtigsten Hobby, und zwar Computertuning. Scheinbar legte er das zwanghafte Verhalten an den Tag, das jeweils neueste und aktuellste Teil in seinen Rechner einbauen zu müssen, um High-End Spiele spielen zu können, und er hatte auf dieser Basis eine Freundschaft zu einem der Köche, der wohl auch so ein Freak war und darüber hinaus mit mir den Vornamen gemein hat. Ich verstand so ziemlich gar nichts von dem, was er mir erzählte, aber er reagierte erfreut, als ich ihm erzählte, dass ich Computerspiele möge; allerdings konnte er damit nichts anfangen, weil mein Interesse entweder rundenbasierenden Strategiespielen gilt (im Gegensatz zu Echtzeitspielen), oder aber älteren Spielen, für deren Betrieb man auf einem heutzutage normalen Rechner zum Teil schon Hilfssoftware braucht. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir uns gut verstanden, wenn ich auch weit davon entfernt war, unser Verhältnis auch nur in die Nähe von „freundschaftlich“ zu rücken. Er war mir durchaus sympathisch, weil er mich von Stress und Frust ablenkte, aber für mehr waren wir meines Erachtens zu unterschiedlich.

An dieser Stelle, wo ich gerade von Nähe und Distanz spreche, möchte ich einschieben, dass außer der Verwalterin und der Hausdame niemand in dem Laden meinen Namen kannte. Die Hausdame hatte mich eingangs nicht vorgestellt, ich habe das nachher auch selbst nicht getan, und ich wurde auch nicht gefragt. Ich fand es irgendwie amüsant, dass da noch einer meines Namens war, ohne, dass jemand was davon wusste, und dass alle männlichen Mitarbeiter der Spülküche damit den selben Anfangsbuchstaben teilten. Allein Dennis wusste, dass ich studierter Japanologe bin, weil er mich gefragt hatte, was für einen Jobhintergrund ich hätte. David wiederum fragte nicht weiter nach, der gab sich damit zufrieden, dass ich Student war.

Davids zweites Hobby jedenfalls waren gemeinsame Discobesuche mit seiner Frau (und ich habe keine Ahnung, ob man die Läden heute überhaupt noch „Discos“ nennt), das war dann doch völlig jenseits meiner Interessensphäre. Er erzählte auch frei heraus, dass er schon auf Bewährung verknackt worden war, nachdem er jemandem die Nase gebrochen hatte, der seine Frau zu auffällig angeschaut hatte, und ich hatte von seinem Ton her nicht den Eindruck, dass er das als einen Glanzpunkt in seinem Leben betrachtete. Ja, er kritisierte sogar die ihm gegebene Impulsivität. Da war ich direkt erstaunt, geradezu beeindruckt. Er trug sich allerdings mit der Theorie, dass die deutsche Justiz Arbeitssuchende stärker in die Mangel nahm, als Leute mit Job.

Im Übrigen muss man überdies festhalten, dass er von seiner Frau nur in positiven Begriffen sprach, also nicht etwa von seiner „Alten“ oder so was, während er der Frau Bohlen gegenüber einen eher rauen Ton anschlug, der für mich nur sehr fadenscheinig humoristisch getarnt klang. Ich kann mich natürlich irren, aber ich glaube, er hat damit nicht wenig zu ihrem Frust beigetragen (gegen ihn anzureden war bei seiner Schlagfertigkeit schwer), der letztendlich an mir hängen blieb.

Für die Mittagspause hatte ich diesmal nichts mitgebracht und wollte in die Stadt gehen, was ich nebenläufig David gegenüber erwähnte, worauf der mich belehrte, dass das aus hygienischen und rechtlichen Gründen nicht erlaubt sei, ich dürfe das Gebäude nur mit gutem Grund und mit besonderer Erlaubnis der Hausdame verlassen, und „sich ein Mittagessen besorgen“ gehörte wohl nicht dazu. Na super. Immerhin hatte ich ein Buch dabei, mit dem ich mich dann in den Umkleideraum setzte, ans Fenster mit Blick auf den Dom. Wasser gab’s am Wasserhahn reichlich, immerhin, und niemand störte mich, mit Ausnahme von einem jungen Kellner, dessen Schicht um 1300 begann.

In der Woche darauf sollte ich mit David die Küche putzen und machte mich selbständig daran, Lift und Schränke mit Viss zu bearbeiten, bis er mich nach nicht mal zwei Minuten verwundert fragte, was ich da mache. Das gleiche, wie letzte Woche, gab ich an, worauf er sagte, ich solle die Schränke vergessen, mich auf den Aufzug beschränken, den Boden schrubben, und im Anschluss die Siebe der Abflüsse sauber machen. Hm, lecker. Dann wurde das verbliebene Wasser mit einem Abzieher beseitigt, denn schließlich sollte vermieden werden, dass sich jemand die Gräten brach. Mit nur wenig Anlauf hätte ich auf meinen Schuhen durch die gesamte Küche rutschen können.

Andere Reinigungsaufgaben fielen ebenfalls an, wie zum Beispiel die Feuchtreinigung des Magazins, der Umkleideräume, und des Aufenthaltsraums. Das Magazin, also das Lager für die Bedürfnisse des Kochbetriebs, wurde während der Pause der Köche gereinigt, und zwar flott, damit der Boden trocken sein konnte, bevor die aus der Pause zurückkamen. Auch bei den Umkleideräumen wurde kein Unterschied gemacht, der Damenumkleideraum wurde mir ebenfalls überlassen, inklusive der Toiletten für Mitarbeiter. Der Pausenraum war wegen der angehäuften Überreste der Raucherexzesse ganz besonders widerlich. Toiletten schrubben – in Ordnung. Entsorgen der Bioabfälle, die wir bei der Vorreinigung von Tellern und Schüsseln kratzen – auch in Ordnung. Aber beim Reinigen von Aschenbechern könnte ich kotzen.

Zum vierten Arbeitstermin hatte die Frau Bohlen es bereits geschafft, meine Arbeitsmotivation in den tiefsten Keller zu treten. Ich dachte mir an dieser Stelle, dass es sich vielleicht nur um eine vorübergehende Phase handeln könnte, vielleicht hatte die Frau Bohlen gerade irgendwelche vorübergehenden Probleme, die sich auf ihre Laune auswirkten? Ich beschloss, mich noch zwei Wochen lang zusammenzureißen und zu sehen, wie sich die Sache entwickeln würde.
Na klar, ich machte Fehler. Zum Beispiel wurde mir einmal gesagt, ich solle bei der Kühlkammer aufwischen. Damit war der Bereich VOR der Kühlkammer gemeint, wo auch der Lastenaufzug war. Ich hatte aber etwas missverstanden und war der Meinung, dass die Kühlkammer selbst gereinigt werden müsse, also schwang ich dort den Mob. Ich wischte einen 50 cm langen Streifen zwischen zwei Regalen und mir fiel sofort ein matt glänzender Grauschleier am Boden auf. Ich dachte noch, dass hier irgendein fettiges Zeug rumliege (vielleicht Bratfett?) und prüfte mit dem Finger – verdammt, das war Eis! Die Hand traf die Stirn und mir entfleuchte ein böses Wort. In der Mittagspause danach stahl ich mich heimlich mit der Spachtel zurück in den Kühlraum…
Andere Fehler implizierten zum Beispiel, dass ich einen Topf mit angebranntem Bodensatz vorzeitig ins Spülwasser stellte, und dieses somit verschmutzte, anstatt eine kleinere Menge Spülwasser in den Topf zu füllen und ihn damit zu schrubben. „Mutti“ machte darüber kein großes Aufsehen, erklärte mir ruhig, warum das keine gute Idee gewesen war, und damit hatte es sich.

Auf Grund der Tatsache, dass ich die wenigste Erfahrung mit den Handlungsabläufen hatte, brauchte ich länger als die anderen, um die mir zugewiesenen Aufgaben zu erledigen. Und unter anderem da machte sich bemerkbar, dass die Frau Bohlen extrem schnell genervt und frustriert war und mit Stress nicht gut zurecht kam. Wann immer sich der Feierabend über die Marke halb Vier hinauszuschieben drohte („Im Küfer sitzen noch mindestens 30 Leute“), begann sie zu fluchen und verzweifelt zu klagen („Awei hab isch keen Bock mehr, awei hab isch keen Bock mehr…“), als habe man ihre vorzeitige Entlassung aus einem Arbeitslager abgelehnt und sie wegen des Antrags zu 100 Stockhieben verurteilt. Ich wurde von ihr allein – und von niemand anderem – für kleinste Fehler aufs heftigste angefahren. Nicht grob beleidigt, aber sie sprach mit mir in einem sehr ungehaltenen Ton wie mit einem unmündigen Idioten, oder wie mit einem, der durch geplante Sabotageakte den heiligen, zeitigen Feierabend hinauszögerte.

An einem Morgen, als die Frau Bohlen gerade woanders beschäftigt war, war mir der Unterteller einer Capuccinotasse heruntergefallen und in zwei Teile zersprungen. Ich fragte „Mutti“, was in einem solchen Fall zu tun sei, und sie sagte, ich solle den Verlust in eine ausliegende Liste eintragen (Tag, Uhrzeit, Grund, Unterschrift) und die Reste einfach wegwerfen. In Abwesenheit eines anderen Mülleimers warf ich die beiden Hälften in den Sack, in den wir das Zeug warfen, das nicht als „Speisereste“ (für die Schweinezucht) galt, also Servietten, Bierdeckel, und all das, was Gäste auf dem Teller zurückließen und in den Restmüll kam. Damit, dachte ich, sei die Angelegenheit erledigt. Falsch gedacht: Irgendwann während der Vorbereitung des Nachmittagsdurchgangs fiel der Frau Bohlen auf, dass Keramikteile in dem Sack lagen.
Wie bereits erwähnt, in einem sehr ungehaltenen, scharfen Ton:
„Wer hat denn den kaputten Unterteller da rein geworfen?“
Ich sagte, dass ich das gewesen sei.
„Das gehört da nicht rein!“
„Das wusste ich nicht, niemand hat mir das gesagt.“
„Der Hausmeister tritt die Säcke noch zusammen! Der könnte sich doch in den Fuß schneiden! Willst Du das!?“
„Natürlich nicht, aber hier ist ja kein anderer Müllsack…“
„Dann nimmst Du Dir jetzt gefälligst Handschuhe und fischst das Zeug aus dem Sack raus!“
Knapp vor 180 stakste ich also zum Regal rüber, wo meine Gummihandschuhe liegen sollten. Da lagen sie aber nicht. Ich hatte sie nach der letzten Verwendung vor einer Woche (den Termin dazwischen brauchte ich sie nicht) zu den anderen gepackt, aber die Handschuhe mit meinen Initialen waren nicht mehr da. Und auch keine neuen. Also nahm ich mir das erste paar Gummihandschuhe, die ich in die Finger bekam und wollte sie überstreifen.
„Das sind meine!“ protestierte Frau Bohlen.
„Ist das so wichtig?“ gab ich zurück und mühte mich weiter mit den Handschuhen ab.
„Das sind MEINE HANDSCHUHE!“ sagte sie noch einmal mit mehr Nachdruck und sah mich aggressiv an, als habe sie mich bei dem Versuch erwischt, in die Putzhandschuhe zu pinkeln.
„Ich habe keine ansteckenden Hautkrankheiten!“
„Benutz gefälligst Deine eigenen!“
Ich stand kurz davor, sie niederzuschlagen und langsam zu erwürgen. Ich rupfte die halb angezogenen Handschuhe wieder von den Fingern, stopfte sie in den verdammten Karton zurück, nahm den blauen Sack aus dem Ständer und wühlte mit bloßen Händen in der warmen und feucht-glitschigen Masse herum, bis ich die Tellerhälften gefunden hatte. Ich legte sie beiseite und brachte sie zu einer Mülltonne, als ich die Zeit dazu fand.

Ich bin ein viel zu defensiver Mensch, glaube ich. Ich war drauf und dran, der Frau Bohlen gegenüber mein Bedauern dafür auszudrücken, dass sie es in ihrem beschissenen, unbedeutenden Leben nur bis zur Geschirrspülerin gebracht hatte, und dass sie den Frust darüber bitte nicht an mir auslassen solle. Aber ich ließ es bleiben, was ich im Nachhinein doch irgendwie bedauere…

16. Februar 2010

Ich kam, ich sah, und ging lieber wieder (1/3)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 23:19

Reden wir also mal über den beschissensten Job, den ich je hatte: Spülküche im Restaurant „Domstein“, am Trierer Hauptmarkt, benannt nach einem Stein, der am Eingang vom Dom rumliegt, wo ich vom 17. Dezember 2008 bis zum 22. Januar 2009 beschäftigt war.

Am 12. Dezember 2008 bewarb ich mich für einen Job im Domstein, nachdem ich eine entsprechende Anzeige über die Minijobzentrale erhalten hatte. Der Domstein hatte zwei Jobs zu vergeben – einen als Kellner und einen als Spüler, und ich entschied mich für letzteren, weil ich mit dem Kellnern dank meiner grobmotorischen Eigenschaften schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Die bieten einen (für Minijobber) guten Stundenlohn in Höhe von 9 E, und ich dachte, ich könne auf diese Art und Weise der Stadt vielleicht das Wohngeld ersparen, ohne das ich nicht auskomme. Am 17. Dezember sollte mein Probetermin sein, damit ich feststellen konnte, ob der Job überhaupt etwas für mich ist, Arbeitsbeginn 0700 in der Früh.

Es wiederholte sich zunächst das gleiche, was ich vor jedem neuen Job erlebe: Ich konnte die halbe Nacht nicht schlafen, war vor lauter Aufregung um 0530 hellwach, und stand auf, ohne den Wecker bemühen zu müssen. Die kurz zuvor gekauften Energiesparlampen machten sich an jenem Morgen angenehm bemerkbar: Im Wohnzimmer ist ein ganz billiges Modell angebracht, das ein paar Minuten braucht, um auf volle Leuchtkraft zu kommen. Man bemerkt das Einschalten eigentlich nur, wenn es stockdunkel ist, also wie im Winter um halb sechs morgens. Aber das kam mir ganz gelegen, weil es für die Augen angenehmer ist, als ZACK! HELL!

Auf die Wasserdichte meiner Schuhe war und ist Verlass, und ich zog auch nur die Klamotten an, die gerade eine Spur besser als meine zerschlissenen und geflickten Armeehosen waren. Ich packte eine Flasche Wasser und einen Apfel als Mittagessen ein, hoffte aber insgeheim, dass sich dieselben Gelegenheiten ergeben würden wie damals, Ende 2004, im Robert-Schumann-Haus. Wenn da abgeräumt wurde, dann konnte man aus den Servierschüsseln noch warme Kalbsmedaillons aus der Soße fischen, die gerade in meinen Mund passten, irgendwas vom Buffet abgreifen, und nach dem Kaffee am Nachmittag blieb immer das eine oder andere Stück Kuchen liegen – was alles niemandem auffiel, weil die jeweiligen Leistungen ja schon bezahlt worden waren, also z.B. „Mittagstisch für 10 Personen“ oder „Kaffee und Kuchen für 20 Personen“, unabhängig davon, wie viel letztendlich konsumiert wurde (allein der Wein wurde nach angebrochenen Flaschen berechnet).

Um viertel nach Sechs saß ich im Bus Richtung Innenstadt und musste feststellen: Im Bus ist es im Winter um diese Uhrzeit saukalt. Aber beim ersten Mal glaubte ich noch an einen Defekt an der Heizung.

Ich war am Telefon angewiesen worden, vor dem Eingang zu warten, bis die Hausdame (wohl die zivile, weibliche Bezeichnung für den „Spieß“) mir öffnen würde. Ich hatte dieses Haus meines Wissens nach nur einmal betreten, als mein japanischer Freund Kenji auf der Suche nach einem guten Wein war, den er als „Omiyage“, Mitbringsel, mit nach Hause nehmen konnte. Der Domstein hat einen hervorragenden Ruf, was Wein betrifft (meines Erachtens berechtigt), allerdings war Kenji durch den Preis etwas abgeschreckt und wir kauften letztendlich woanders.

Wie dem auch sei, ich erkannte das Innere des Gastraums wieder, wurde aber durch Türen „Nur für Mitarbeiter“ und „Privat“ die Treppe hoch an der Kochküche vorbei in ein Pseudobüro geleitet, das aus einem Schreibtisch vor der Waschküche bestand. Ich füllte schnell einen Personalbogen aus, bekam eine blaue Spülschürze aus Baumwolle, und erhielt einen Notizzettel, was ich beim nächsten mal alles mitzubringen hätte, sofern ich bliebe, also Dinge wie einen Immatrikulationsnachweis, meine Lohnsteuerkarte, und meinen Rentenversicherungsausweis.
Dann ging es in den Lastenaufzug, ein Stockwerk tiefer, über dem Innenhof vorbei, links in die Spülküche hinein, wo bereits drei Personen anwesend waren:

- Die Vorarbeiterin, blond, schlank, um die vierzig Jahre alt, deren Namen ich mittlerweile vergessen habe (man nannte sie in der Regel „Mutti“),

- Dennis, lang und dünn, wohl Ende Zwanzig, mittellange, dunkelblonde Haare, runde Brille, und

- „Leo“, eine nicht ganz intelligent anmutende, aber sehr nette junge Frau Anfang Zwanzig mit recht kurzen Haaren, kräftig gebaut, ohne dick zu wirken, ebenfalls bebrillt.

„Mutti“ wies mir nach kurzer Begrüßung gleich ein paar neue Gummihandschuhe zu, auf die ich meine Initialen schrieb, und führte mich in die „römische Küche“ (dort werden antik-römische Originalrezepte zubereitet) und erklärte mir knapp, dass und wie der Speiseaufzug gewienert und anschließend der Boden gewischt werden müsse. Die Ablagen solle ich sein lassen, weil die Köche dafür selbst zuständig seien. Eine nicht gerade anspruchsvolle Arbeit, die auch in der festgelegten halben Stunde zu machen war.

Innerhalb dieser Zeit hatten die anderen drei das Geschirr vom Abendessen des Vortags zum eigentlichen Spülen vorbereitet und die Hauptküche geschrubbt, und nachdem ich fertig war, ging es daran, den ersten Berg abzuarbeiten: Große Töpfe und Schneidbretter und all das, was die Köche verwenden, kommt in die Spülmaschine zur linken.

Das ganze Kleinzeug wie Teller und Tassen, Besteck, und das Allerlei, das in einem Restaurant für Gäste und von Gästen so gebraucht wird, mit gelben Plastikgitterkörben, 50 x 50 cm, in die Rollbandspülmaschine zur rechten (von der Eingangstür aus gesehen).

Nicht vergessen: Lüftung einschalten, sonst füllt sich der Raum mit Wasserdampf.

Am Ende des Förderbands, wo das fertige Kleingeschirr rauskommt, befindet sich zum einen ein Karren, in den die großen Teller reinsortiert werden, zwei Karren für Salat- und Dessertteller, und ein rollbarer Stahltisch, was mir einen Quadratmeter zum Stehen ließ. Auf dem Stahltisch stehen sechs offene weiße Plastikboxen von 30 x 30 x 50 cm, in die die Kleinteile reinsortiert werden müssen, je nachdem, wo sie nachher hingeliefert werden müssen. Denn der Domstein besteht aus insgesamt drei Gasträumen: Da wäre zum einen der eigentliche „Domstein“, dann noch der „Küfer“, und der „Römerkeller“.
Zuerst muss man also mal lernen, welches Geschirr zusammengehört und welches nicht, weil jede „Abteilung“ spezielle Gedecke hat, die sich nur in Teilen überschneiden. Das gilt für die Reihenfolge der Geschirreingabe und das Aufstapeln davor, wie auch für die Abnahme des gereinigten Materials; dass man Metallwaren anders nachbehandelt, als Keramik (Besteck wird von Hand noch einmal im Spülbecken gespült, in Boxen getrennt und mit einem Tuch bedeckt, Metallschüsseln für Soßen und Pommes werden kurz mit einem Tuch abgewischt, während die Teller von alleine trocknen und die Tassen einfach nur umgedreht und anschließend eingeboxt werden, worauf die Körbe über eine Rutsche zum Einräumer zurückbefördert werden), und wie man mit noch schmutzigen Teilen zu verfahren hat, und das alles unter dem Zeitdruck des gnadenlosen Takts der Spülmaschine. Wenn man zu langsam arbeitet, staut sich das Geschirr und betätigt einen Notausschalter, die Maschine hält an und man erntet missgünstige Blicke von der Vorarbeiterin. Und während all dieser Zeit weicht das warme Wasser Haut und Fingernägel auf. Der Nagel meines linken Zeigefingers, der überstehende Teil, riss irgendwann ein und ab, ohne dass ich etwas davon bemerkt hätte, und bei anderer Gelegenheit fügte ich mir mit einer Kante eine blutende Wunde am rechten Mittelfinger zu, als hätte ich eine Wachsschicht statt Haut am Leib.

Das war dabei noch der einfachere Teil, weil man nach wenigen Wiederholungen (für mich ein Zeitraum von drei oder vier Arbeitstagen) ein Gefühl dafür bekommt, welche Teile wohin kommen. Übler war das alles bei dem Zeug, das in die Hauptküche geräumt werden muss. Dazu gibt es große Rollwagen, von denen in der Küche drei herumstehen, damit die Köche schmutziges Geschirr hineintun können. Wir holten das regelmäßig zum Reinigen ab, und ich habe mir auch nur zweimal die Finger an einem noch heißen Kochtopf verbrannt. In dieser Küche interessierte es scheinbar auch niemanden, ob etwas anbrannte, was den Spachtel am Spülbecken erklärte.

Aus dem Rollwagen kam das Zeug dann gleich in die linke Spülmaschine. Nachdem der Reinigungsprozess abgeschlossen war, nahmen wir alles raus, rieben es kurz ab und stellten es nach einem irgendwie in jahrelanger Erfahrung ermittelten, idealen Muster auf den bereits erwähnten Stahltisch, ein Regal, ebenfalls aus Edelstahl, links neben der Maschine, und die großen Pötte auf den Fußboden unter dem Regal, um es dann in den Rollwagen zu stellen, grob nach Kategorien geordnet, damit man es schneller zuordnen kann.
Zwar merkt man sich auch da schnell, wo die Pommesschüsseln, die Eispokale, die Salat- und die Dessertteller hinkommen, und dass die großen Teller (die man wohl „Turboteller“ nennt) in den Heizschrank unter der Anrichte kommen, allerdings gibt es da, neben der Küche, auch einen Lagerraum, in dem das Material gelagert wird, das die Gäste nie zu Gesicht bekommen, und sich da drinnen auszukennen, ist geradezu eine Kunst für sich, weil natürlich jede auch nur leicht abweichend aussehende Pfanne, Schüssel, oder Kelle einen eigenen Platz hat, und manche Dinge, die denen im Lager ähnlich sehen, kommen gar nicht ins Lager, sondern werden ebenfalls direkt in der Küche gelagert, zum Beispiel Salatanrichtekörbe… oder wie auch immer man den Krempel nennt. Man glaubt kaum, welche Artenvielfalt da herrscht.

Mein erstes Missgeschick passierte zum Beispiel beim Stapeln der Metalleimer (es gibt auch welche aus Plastik), da beschwerte sich doch gleich ein Koch bei „Mutti“: Das, was für  mich wie ein Stapel gewöhnlicher 10-Liter Eimer aus Edelstahl aussah, waren in Wirklichkeit zwei verschiedene Eimersorten – die einen Eimer haben einen Wulst am oberen Rand und die anderen nicht. Das ist der einzige Unterschied, und ich habe keine Ahnung, warum das wichtig ist. Ich hatte aber meistens das Glück, bei Unsicherheit einen der Köche oder Azubis fragen zu können. Abgesehen davon, dass die es nicht mochten, wenn beim Wegräumen mal ein Topf zu laut klapperte, waren die eigentlich sehr nett (und nicht überheblich, wie die „Blauen“ in der Spülküche das von den „Weißen“ ab und zu behaupteten), und ich muss sagen, dass bei den weiblichen Azubis auch zwei sehr leckere Exemplare dabei waren.

Die Küche war auch sonst immer sehr interessant. Erstens roch es da drinnen natürlich ganz toll, und zweitens konnte man immer mal wieder einen Blick auf die Zubereitungsweise erlangen. Ich finde Zwiebeln schneiden in weniger als zehn Sekunden immer wieder beeindruckend. Und das große 80 x 40 cm Becken dort war, wie von mir auf den ersten Blick angenommen, mitnichten für die schnelle Reinigung von Arbeitsgerät zwischendurch vorgesehen – das war ein heizbarer Soßenbottich. Da wurde erst kiloweise alles mögliche reingeschnippelt und dann mit 50 Litern Wasser aufgegossen und gekocht.
Pommes und dergleichen werden übrigens tatsächlich herablassend „Füllbeilage“ genannt und genauso behandelt: Die Dinger haben keinen Wert, es lag ständig zwischen einem Pfund und einem Kilo davon auf dem Fußboden rum (bis die Heinis aus der Spülküche es am nächsten Morgen entfernten, wenn es dem Chefkoch in seltenen Fällen nicht schon vorher zu bunt wurde und er einen Azubi den Besen schwingen ließ).

Gleich auffällig ist eine lebensgefährliche Sache: Meine Schuhe sind zwar wasserdicht und sie bewahren den Träger zumindest angeblich auch vor dem Ausrutschen in Öllachen auf einem Fabrikhallenboden, aber nasse Fliesen sind wie blankes Eis! Meine Fortbewegung war also sehr angestrengt darauf bedacht, keine zu schnellen Richtungswechsel vorzunehmen, und auch diese Anspannung machte sich nach Feierabend in meinen Muskeln bemerkbar. Alle anderen trugen zu diesem Zweck spezielle Latschen, aber ich mag diese halboffenen Dinger nicht und nasse Füße noch weniger. Ich nahm also lieber die Gefahr in Kauf.

Um 0915 gibt es eine erste Pause von 15 Minuten. Die anderen drei nutzten sie dazu, um im Aufenthaltsraum eine zu rauchen, ich nutzte die Gelegenheit, vor der Spülküche mal durchzuatmen und die kühle Morgenluft zu genießen. Bei dieser Arbeit wird einem warm. Sie ist wegen der geforderten Geschwindigkeit körperlich anstrengend genug, und die von den Spülmaschinen ausgehende Hitze tut ihr übriges, um trotz hoher Luftfeuchtigkeit eine überraschend angenehme Temperatur entstehen zu lassen. Sie erfordert Konzentration, und mit wachsender Erfahrung würde ich auch schneller und sicherer werden, es wird einem weder kalt noch langweilig und die Zeit schien wie im Fluge zu vergehen. Klingt an sich wie eine gute Sache.

Um 1230 ist 30 Minuten Mittagspause für die, die keine Köche sind, die sind erst eine halbe Stunde später dran. Bis um 1100 hätte ich ein verbilligtes Essen in der Küche bestellen können, aber da ich was dabei hatte, wollte ich darauf verzichten, und zuletzt ist auch ein Essen zum Selbstkostenpreis immer noch teurer als ein oder zwei Äpfel und ein Liter Wasser.
Dem Herdentrieb folgend ging ich in den Aufenthaltsraum und bereute es sofort: Ungestört davon, dass da Leute saßen und ihr Mittagessen verspeisten, rauchten die anderen munter drauflos. Das waren drei, die aßen, und sechs oder sieben, die rauchten. Niemand kam auf die Idee, ein Fenster zu öffnen oder gar das Rauchen zu unterlassen, bis die Mahlzeiten verspeist waren. Dabei lief der Fernseher, und es hätte kein belangloseres Proletenprogramm sein können, als eine dieser hirnlosen Talkshows auf einem der Privatsender. Man wusste sofort, in welcher Gesellschaft man sich befindet.
Zwischendurch kam die Verwalterin vorbei und fragte mich, was ich von der Arbeit hielte, und ich sagte, dass ich damit klarkäme und gern hier arbeiten würde.

Am Nachmittag um etwa zwei oder halb drei Uhr ist immer eine spezielle Aufgabe zu erledigen, die ebenfalls der Spülküche obliegt: Die Kontrolle der Toiletten. Um diese Uhrzeit ist die Hauptlast erledigt, zumindest das Mittagessen mit seinem Geschirraufkommen ist weitgehend abgearbeitet. Kontrolle heißt, dass wir nachsahen, ob genügend Seife und Toilettenpapier an den dafür vorgesehen Stellen zu finden war. Ich habe nichts dagegen, als Mann für Toiletten mitverantwortlich zu sein, aber was mir schleierhaft geblieben ist, war die Tatsache, dass zumindest während meiner Tätigkeit ausschließlich Männer, ich und ein weiterer der Angestellten, diese Aufgabe erledigten, und zwar sowohl in der Herren-, als auch in der Damentoilette. Bis auf ein leicht unangenehmes Gefühl kam ich auch damit klar, aber ich meldete Bedenken an, ob nicht die weiblichen Gäste davon peinlich berührt sein könnten, wenn sie aus dem Abteil kommen und direkt davor zwei Männer erblicken. Der Einwand wurde als belanglos beiseite geschoben.

Eigentlich, und das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ist der Arbeitstag um 1530 vorbei, das heißt, die Spülküche geht nach Hause und die zweite Kochschicht tritt an. Mitte Dezember brummt allerdings das Weihnachtsgeschäft, und ich dachte mir rein gar nichts dabei, erst um 1630 Feierabend zu haben. Es sollte noch bis Anfang Januar dauern, bis mir das bekannt wurde. Das erklärt wohl die Sprachlosigkeit des Kochs, der sich über mein Topfklappern beim Einräumen beschwerte, und dazu sagte, es ginge den Köchen auf den Keks und wenn das nicht leiser ginge, dann müsse es halt um halb Vier gemacht werden, was ich mit einem verständnislosen „Na und?“ kommentierte.

Zu Feierabend trug ich meine Arbeitsstunden in eine Liste ein und auch die Hausdame fragte mich, was ich von der Arbeit hielte. Ich sagte ihr, dass sie zwar nervlich anspruchsvoll sei, dass ich mit Stress aber klarkäme. Ich erwähnte allerdings die Situation im Pausenraum, und dass ich darin meine Pause nicht verbringen, geschweige denn etwas essen könne, wenn da so viel geraucht werde. Sie bot mir daraufhin an, in der Mittagspause zu ihr an den Schreibtisch zu kommen, da dort wegen der frischen Wäsche in der Waschküche nicht geraucht werden dürfe. Ich bedankte mich für das Angebot, wusste aber, dass ich nie darauf zurückkommen würde, weil es an der Stelle, zwischen Lastenaufzug und Wäscherei, schlicht zu ungemütlich war. Ich fasste den Plan, während der Pause einfach in die Stadt zu gehen und dort eine Kleinigkeit zu essen.
Schließlich bekam ich feste Arbeitszeiten, dienstags und freitags. Ein Tag die Woche hätte mir genügt, aber die Verwaltung hielt zwei für notwendig. Nun gut, das würde mehr Zeit kosten, aber auch mehr Geld bringen.
Außerdem sollte ich morgens den Hintereingang benutzen, der vom Domvorplatz in den Innenhof führte, dort sei ein Holztor gleich links, das für uns offen sei, und innen direkt links hinter dem Tor befinde sich der Lastenaufzug. Ich ging also mit einem guten Gefühl nach Hause. Tellerwäscher bin ich schon, dann kann die erste Million ja kommen, dachte ich auf dem Nachhauseweg.

31. Januar 2010

Shvingdaiding

Filed under: Arbeitswelt,Militaria,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 15:37

Am Donnerstag Abend hatte ich eine zweistündige Verabredung mit einem Freund, die dem Vergleich unserer Einsatznotizen im Nachhinein eines “Combat Mission” Gefechts diente. Die lustigsten Besprechungen dieser Art sind immer die, in denen die Kontrahenten sich ganz anders verhalten hatten, als der jeweilige gegenüber angenommen hatte. In unserem Fall war’s eher so, dass der Spieler der deutschen Seite gar keine Vorahnungen äußerte und flexibel auf die Entwicklungen meiner, sowjetischen, Seite reagieren wollte, und ich mit meinen Vermutungen über sein Vorgehen genau ins Schwarze getroffen hatte – abgesehen davon, dass eines der beiden Gefechte an einer Stelle auf der Karte stattfand, wo keiner von uns damit gerechnet hatte. Letztendlich war es also doch sehr lustig, vor allem, da wir den Hörsaal mit Beamer für die Screenshots verwenden konnten, und dauerte von kurz nach 10 bis kurz vor 12.

Um kurz nach 12 ging ich dann also die paar Meter nach Hause, aus der Uni raus, über die Straße, und als ich die Straße erreicht hatte, hörte ich von hinten, aus Richtung des E-Gebäudes, das ich als fröhliches Johlen bezeichnen müsste. Und im nächsten Moment sehe ich drei Typen Anfang 20 den Weg zur Hauptstraße runterlaufen, splitternackt und nur mit Schuhen bekleidet. Also nicht gerade passende Kleidung bei Temperaturen unterm Gefrierpunkt und leichtem Schneefall.

Möglicherweise lag es an meiner Anwesenheit, dass sich zwei von ihnen etwas zurückhielten und bei der ersten der beiden Fußgängerbrücken stehen blieben, aber der dritte ignorierte mich völlig, lief auf die Straße und begann, Hüften schwingend zu tanzen und dabei vorbeifahrenden Autos zuzuwinken…

Ich weiß nicht, was daraus geworden ist, ich wollte jedenfalls nicht stehen bleiben und noch ein wenig zusehen, weil ich eigentlich um Mitternacht im Bett sein möchte, um freitags im Laden nicht völlig neben der Spur zu sein.

Dabei wurde der Freitag schon so doll genug. Wenn eine neue Fuhre Teppiche reinkommt, werden die in der Regel zu Dokumentationszwecken fotografiert, aber auch ein paar der Ladenhüter sollten endlich einmal ins Fotoarchiv aufgenommen werden, also wurde der Stapel mit den Taschen zerpflückt, nach qualitativen Kriterien getrennt, und die besten Teile der bessere Hälfte an die Rückwand genagelt und fotografiert. Kommunikative Missverständnisse sorgten dabei für ein paar Komplikationen, die mich erst um viertel nach Sechs aus dem Laden ließen.

Zusammen mit dem nötigen Einkauf kam ich also erst in einen späteren Bus als gewöhnlich, was in der Folge angesichts des verschneiten Wetters dazu führte, dass die Linie 83 am Kolonnenweg, das ist die Abzweigung zur Wehrtechnischen Dienststelle, von der Hauptstraße abfuhr und der Fahrer verkündete, dass wegen der Straßenlage der Verkehr nach Neukürenz, zur Uni und nach Tarforst vorerst eingestellt sei. Man müsse auf ein Streufahrzeug warten.

Wundervoll. Letztendlich verließ ich den Bus, schnallte meinen Rucksack enger, und stapfte/rutschte die Straße zu Fuß hoch,von wo aus mir auch ungewöhnlich viele Fußgänger, die meisten jünger als ich, entgegen kamen. Die Sperrung der Strecke für Busse wirkte auch in die andere Richtung. Zwei Busse standen an der Haltestelle Bonifatiusstraße, zwei an der Haltestelle Kohlenstraße, und einer an der Haltestelle Universität vor meiner Haustür, wo ich um etwa 1930 eintraf.

Die Stadtwerke lassen in den Medien verlauten, dass das Streusalz knapp sei und verweisen auf den “ungewöhnlich harten Winter”. Welchen ungewöhnlich harten Winter meinen die? Das, was da grade an Wetter in Trier zu beobachten ist, würde ich aus meiner Erfahrungsperspektive einen ganz normalen Winter nennen – zu unterscheiden von den eher milden Wintern mit wenig Schneefall der vergangenen Jahre. Sich darauf zu verlassen, dass das so bleiben wird, und das die globale Erwärmung schon dafür sorgen werde, dass man weniger Salz brauche, kann ja wohl nicht die Begründung für diese Unbequemlichkeiten sein.

Ich weiß sowieso nicht, was das mit dem großflächigen Einsatz von Streusalz soll. Wollen wir das im Grundwasser haben? Ich denke, das wollen wir nicht. Würde es nicht reichen, das Salz an besonderen Stellen einzusetzen, also an Steigungen, oder auf kurvigen Strecken, von mir aus auch auf Autobahnen? Wozu Streusalz auf ebenen Land- oder Bundesstraßen? Dann fährt man halt mal langsamer und plant mehr Reisezeit ein, wenn man denn unbedingt fahren muss. Auf den festgefahrenen Schnee schmeißt man dann eine Ladung Splitt und hält die Fahrer weiterhin dazu an, entsprechend langsamer zu fahren. Das funktioniert in Österreich, warum also nicht bei uns? Vielleicht ist das Streusalz nach der Erfindung des Kühlschranks die letzte Festung der Salzlobby.