Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

12. März 2017

Vor der Ostseeküste

Filed under: Uncategorized — 42317 @ 14:36

Am 5. August 2013 starb mein Großvater. Ich nahm das mit Fassung, denn immerhin hatte ihm der Tod zu diesem Zeitpunkt ein längeres Verweilen im Demenzpflegeheim erspart. Meine Großmutter verblieb dann allein dort – und vertrat in der Folgezeit die Meinung, dass ihr Mann wegen seines Blinddarms vorübergehend im Krankenhaus sei. Ich hatte die beiden dann und wann besucht und ich kann dem geneigten Leser sagen: Wenn man sich als geistig halbwegs gesunder Mensch dort aufhält – und mein Großvater war von Demenz nur im frühesten Stadium berührt – dann ist eine solche Station gleichzusetzen mit einem Vorhof zur Hölle. Unverständlich brabbelnde Menschen, die scheinbar grundlos ihren Oberkörper rhythmisch vor- und zurückbewegen und dabei ihren Brei wieder von sich geben, Menschen, die nicht wissen, wo sie sind, andere, die nicht mehr wissen wer sie sind, eine Dame über siebzig, die nur in Unterwäsche gekleidet in den Aufenthaltsraum kommt, um die Pflegerin zu fragen, was sie denn anziehen solle, dazu der konstante Geruch von Desinfektionsmittel und Inkontinenz, und zuletzt eine weitere Dame im fortgeschrittenen Alter, die dem Besucher Komplimente wegen seines stattlichen Äußeren macht und ihn fragt, ob er nicht mal auf ihr Zimmer kommen wolle, bis das surreale Gespräch von einer anderen Pflegerin unterbunden wird. Immerhin diese letzte Facette war noch irgendwie unterhaltsam.

Mein Großvater hatte das letzte Jahr seines Lebens in dieser Vorhölle verbracht, und es gibt noch einige Zeitgenossen, die sagen, dass er das irgendwie verdient hätte. Er war wohl nicht der erträglichste Mitmensch gewesen, hatte sich aber den allergrößten Teil seines Lebens zumindest mir gegenüber korrekt und liebenswürdig verhalten. Die Menschen, mit denen man aufwächst, genießen immer einen gewissen Vertrauensvorsprung und ich habe meinen Großvater so geliebt, wie das wohl für einen Enkel normal ist. Ich war erst in den letzten wenigen Jahren tiefer in seine Vergangenheit eingetaucht, über die er beharrliches Stillschweigen hielt, während gleichzeitig ein sich immer deutlicher bemerkbar machender Starrsinn einen spürbaren Schatten auf unser Verhältnis warf. Vielleicht werde ich irgendwann auch darüber schreiben, aber zuerst muss noch etwas Zeit vergehen.

Am 5. August 2013 war er an inneren Blutungen gestorben. Wegen eines Schlaganfalls und mehrerer Herzinfarkte und anderer Altersleiden war eine Handvoll Pillen bereits seit etwa zehn Jahren fester Bestandteil seines Frühstücks gewesen; dieser Medikamentenmix hatte zu Magengeschwüren geführt, die in der Vergangenheit bereits zweimal zu Blutungen und einmal beinahe zu seinem Tod geführt hatten. Diesmal war es wohl zu spät bemerkt worden. Er war wegen andauernder Übelkeit ins Krankenhaus eingeliefert worden, aber zur angedachten Magenspiegelung kam es nicht mehr. Damit starb er etwa so, wie es ihm seine Feinde möglicherweise gewünscht hatten: Allein und ohne vertrauten Begleiter auf einer Bahre im sterilen Flur eines Krankenhauses. Dabei hatte er die meisten seiner Feinde überlebt.

Für den Fall seines Todes hatte ich von ihm selbst mündliche Anweisungen über das Verfahren seines Abgangs erhalten. Er wünschte einen Leichenschmaus mit allen Bekannten und Verwandten – mit Ausnahme freilich seiner Tochter, der er mangelnde Pietät unterstellte, und alle meine Einwände, dass die faktischen Ereignisse, auf die er sich dabei bezog, nicht mit seiner Vorstellung übereinstimmten, wischte er beiseite. Er war niemand, der von einer vorgefassten Meinung wieder abrückte. War dies doch gleichzusetzen mit dem Eingeständnis eines Fehlers, und dafür mangelte es ihm an innerer Größe. Das kann man ganz sachlich so festhalten.
Der interessanteste Teil seiner Wünsche war aber der, dass er keineswegs beerdigt werden wollte – er wünschte, dass seine Asche im Meer versenkt werde und dass ich dies selbst tun solle.

Ich telefonierte mit verschiedenen Stellen: Mit der Pflegedienstleitung wegen der Unkosten, für die ein Vorsorgefond eingerichtet worden war, dessen Verwendung jedoch vom Pflegedienst freigegeben werden musste, und mit dem Bestatter, der mich an einen Kollegen am Timmendorfer Strand weiterleitete. Seebestattungen in der Nordsee sind aus irgendeinem Grund teurer als solche in der Ostsee, und der Großvater hatte das Meer nicht näher definiert. Also Ostsee. Im Laufe mehrerer Tage kamen wir überein, dass die Bestattung am 2. September stattfinden solle. Ich begann, die Zugfahrt zu planen.

Gleichzeitig telefonierte ich in der Verwandtschaft herum (die streng genommen die Verwandtschaft meiner Großmutter war, da mein Großvater aus einem Waisenhaus gekommen war und nie irgendwelche Verwandte erwähnt hatte, obwohl Gerüchte von einer Halbschwester berichteten) und solchen Stellen, bei denen ich freundlich gesinnte Bekannte zumindest vermutete, also zum Beispiel mit den Gersheimer Nachbarn, die mit Einkaufsfahrten und ähnlichem ausgeholfen hatten, dem ehemaligen Dirigenten des Musikvereins „Harmonie“ in Gersheim, wo er über dreißig Jahre lang Mitglied gewesen war, sowie mit jedem, dessen Telefonnummer ich habhaft werden konnte.
Das Ergebnis war ernüchternd. Ein älteres Ehepaar teilte mir mit, dass sie auf Grund ihres fortgeschrittenen Alters nicht mehr Autofahren könnten, luden mich aber ein, jederzeit bei ihnen vorbeizukommen, da sie mich zuletzt gesehen hatten, als ich noch keine Zehn war. Der Dirigent verwies auf die für den selben Tag angesetzte Taufe seiner Enkelin, die seine (mir ebenfalls bekannte) Tochter just vor wenigen Tagen geboren hatte, versprach jedoch, im Laufe des Tages mit anderen altgedienten Vereinsmitgliedern zu telefonieren. Aber niemand zeigte Interesse.
Am Ende sagten ein Nachbarsehepaar, die Schwester der Großmutter, sowie meine Freundin zu. Leichenschmaus zu fünft unter Ausschluss der eigenen Tochter? Ich telefonierte noch einmal rum, bedankte mich für das Interesse und sagte dem Bestatter die Raumreservierung ab. Es kam mir unwürdig vor, wenn das alles gewesen sein sollte, selbst wenn man bedenkt, dass viele Menschen aus seinem sozialen Umfeld bereits tot waren.

Die Großtante kaufte in ihrer Kirchengemeinde die Lesung einer Fürbitte, um so dem Seelenheil des Verstorbenen unter die Arme zu greifen, dabei hatte mein Großvater religiöses Verhalten immer verachtet. Religion war für ihn eine Methode ihrer Würdenträger, ihm Vorschriften darüber zu machen, wie er sein Leben zu gestalten habe. Es gab wenig, auf das er allergischer reagiert hätte, als auf Einschränkungen seines doch eher eigennützigen Willens.
Generell gewann ich den Eindruck, dass die Großtante nie verstanden hatte, mit wem sie es zu tun hatte, beschwerte sie sich doch bei der Offenbarung der Bestattungswünsche ihres Schwagers (sie erfuhr durch den Pflegedienst davon), dass sie sich das gar nicht vorstellen könne; sie gab aber auf, als die Pflegedienstleitung einwandte, dass es zwar keine schriftliche Willensbekundung diesbezüglich gebe, dass aber wohl auszuschließen sei, dass ich mir das alles einfach so ausdachte. Mein Großvater machte aus seiner Vergangenheit ein großes Geheimnis, und scheinbar wünschte er sich, in ein ebensolches Dunkel spurlos zu verschwinden.

Was blieb, war die Vorbereitung der Fahrt an den Timmendorfer Strand. Da ich kein Auto hatte, musste es die Bahn sein, und da hatte ich gewissermaßen Glück, weil ich ohne umzusteigen an einem Stück zumindest nach Hamburg rollen konnte, umsteigen nach Lübeck, und von dort aus brauchte ich nur in eine Regionalbahn umzusteigen, die mich zu dem beliebten Urlaubsort brachte, und von dort ein Bus zum Strand. Die Urne selbst würde mit DHL dorthin gebracht werden und gewissermaßen auf mich warten. Eine Überführung in den Händen der Hinterbliebenen ist per Gesetz verboten.
Die Beisetzung war für halb Zwei festgesetzt, ich musste also in aller Frühe in den Zug steigen, wobei ich entweder drei Stunden zu früh oder etwas zu spät kommen würde. Letzteres musste ausgeschlossen werden, da Beisetzungen in dem dafür vorgesehenen Seegebiet scheinbar am Fließband ablaufen, eine Verspätung würde also eine Verzögerung für alle anderen Kunden bedeuten, die nach meinem Empfinden in ihrer Mehrheit mehr am Tod ihrer jeweiligen Angehörigen zu knabbern hatten als ich. Es kam in erster Linie darauf an, dass alle Verkehrsmittel pünktlich liefen und ich alle Anschlüsse erreichte. Für den Fall der Fälle hatte ich die Telefonnummer des Bestatters im Telefon eingespeichert.

Der Morgen des 2. September 2013 war nass, windig und kalt. Ich beschloss, in Alltagsklamotten zu reisen und mich im Augenblick der Wahrheit entsprechend umzuziehen, dazu besaß ich eine wasserdichte Hülle für meinen Anzug. Den Umständen entsprechend lief die Reise hervorragend: Alles lief glatt und ich erreichte drei Stunden zu früh die Strandpromenade, wo ich das Bestattungsunternehmen aufsuchte, um meine Anwesenheit zu melden. Da mich meine Arbeit die Woche über sehr beanspruchte und ich deshalb in der Regel bis Mittag schlief, war ich hundemüde und sah mich nicht dafür ausgerüstet oder körperlich in der Lage, bei dem miesen Wetter drei Stunden lang spazieren zu gehen. Ich fragte, ob man mir vielleicht einen Stuhl überlassen könne, damit ich nicht in den unangenehmen Regen hinaus müsse, aber die Anfrage wurde negativ beschieden, im Büro sei leider kein Stuhl frei und einen Warteraum gebe es nicht. Man wies mir den Weg zu einem nahen Café.

Es war nicht weit, ein paar Meter über die Straße – es würde allerdings erst gegen Mittag öffnen. Missmutig machte ich mich auf einen mehrstündigen Aufenthalt unter dem windigen und wolkenverhangenen Himmel gefasst und ging einfach die Straße hinunter. Nach wenigen hundert Metern dann erkannte ich an einer Ecke das allseits bekannte Symbol eines Arbeitsamts. Das ist doch ein irgendwie öffentliches Gebäude, also ging ich hinein, wunderte mich aber, dass es darin überhaupt nicht wie in einem Arbeitsamt aussah, zumindest nicht so, wie ich es kannte. Ich sprach die Damen am Empfang an und erfuhr, dass es sich nicht um ein Arbeitsamt, sondern um eine Seminaranstalt der Agentur für Arbeit handelte. Die auffällig gut gekleideten Kunden waren also keine Arbeitsuchenden, sondern Mitarbeiter auf Fortbildung. Am Timmendorfer Strand – nicht schlecht, Herr Specht. Ich schilderte den Damen meine Lage und sie erklärten sich bereit, mich auf der Couch im Eingangsbereich sitzen zu lassen.
Ich versuchte, die Wartezeit mit dem Gameboy zu verkürzen, aber meine Konzentration ließ ein erfolgreiches Spiel nicht zu. Ich stellte mein Handy auf 14:15 Uhr und schlief bald danach ein.

Um 13:45 Uhr klingelte mein Handy.
„Wo bleiben Sie denn? Sie sind schon eine Viertelstunde zu spät!“
Der örtliche Bestatter hatte meine Telefonnummer über den Kollegen in St. Ingbert herausgefunden. Ich sah noch halb benebelt auf die Uhr: verdammt. „14:30 Uhr“ mit „halb Zwei“ verwechselt, grandios. Ich bedankte mich bei den Empfangsdamen und flitzte los. Dann eben ohne Umziehen. Ich kam ziemlich außer Puste am Kai an, wo die Kapitänin mich erwartete und wir tuckerten auch sofort los.

Da war die Urne im vorderen Teil der einzigen Kabine aufgebahrt, während es gegenüber im hinteren Teil einen kleinen Tisch und drumherum Sitzgelegenheiten für sechs bis acht Passagiere gab (wir reden von insgesamt etwa 2×3 Metern). Aber ich war ja der einzige.
Man kann nicht sagen, dass sich Bestatter keine Mühe dabei geben würden, eine gute Dienstleistung für die wenigen Tausend Euro Gesamtkosten zu erbringen. Die Dame war ein wenig erstaunt, als ich ihr erzählte, dass mein Großvater nie etwas mit dem Meer zu tun gehabt habe und er eigentlich eher ein Berge-Typ gewesen sei, spielte aber dennoch in Abwesenheit eines klassischen Volksmusikstücks, die er ja alle geliebt und auswendig gekannt hatte, ein altes Seemannslied und verlas ein recht schönes Gedicht, ebenfalls mit maritimem Bezug, das Tod und Abschied mit der Metapher einer Reise über ein Meer beschrieb.
Als wir über dem festgelegten Seebestattungsfeld angekommen waren, wurde die Urne von der Kapitänin feierlich zu Wasser gelassen, mit dem Hinweis, dass sich die Urne im Wasser auflöse und keinerlei Abfall zurückbleibe. Den Aludeckel der Urne nahm ich dagegen als Erinnerungsstück an mich. Dann ließ sie mich allein an Deck zurück, während sie die Rückfahrt vorbereitete, und ich nahm mir die paar Minuten, um Abschied zu nehmen und unser Zusammenleben Revue passieren zu lassen. Es war ein melancholischer Moment, aber ich spürte keine Trauer. Ich hatte mich seit zehn Jahren seelisch und moralisch auf diesen Moment, der kommen musste, vorbereitet.

Interessanterweise wurde während dieser kurzen Seereise das Wetter besser und ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen fanden den Weg hinunter zur Wasseroberfläche. Es wirkte fast ein bisschen versöhnlich.

Zurück an Land, ein Blick auf die Uhr: Ich hatte noch Zeit, bis der Zug nach Hamburg kam. Angesichts des besseren Wetters ging ich zu Fuß zum Bahnhof und kam letzten Endes genauso reibungslos zurück nach Hause, wie ich in den Norden gekommen war. Mein Lob also an die Deutsche Bahn. Hätte ich nur einen Anschluss an dem Tag verpasst, hätte ich Probleme gehabt, vom Bahnhof nach Hause zu kommen.

2. Februar 2017

Wo Heldenväter niederschaun

Filed under: My Life — 42317 @ 9:27

So, ich bin also umgezogen. Das war Ende Mai 2013.
Das als Notiz ist eigentlich schon der Kern der Aussage, und viel Schale oder Fruchtfleisch hat sie nicht. Wie ich zu der Wohnung gekommen war, habe ich bereits im Teil 9 der Fracht am Rhein dargelegt, ich kann also gleich „in medias res“ gehen, wie man im geisteswissenschaftlichen Jargon so sagt.

Man soll nicht glauben, wie viel Krempel man in einer kleinen Wohnung mit nur zwei Zimmern haben kann. Ich bat mir von Peter den Sprinter für den Umzug aus und rechnete mit zwei Fahrten. Es wurden aber drei. Das führte schon zu unangenehmen Spritkosten um die 100 Euro. Ich wäre billiger gefahren, wenn ich mir den LKW und Puck als Fahrer geliehen hätte, da hätte nämlich alles auf einmal hineingepasst.
Für das Ausladen in Koblenz kann ich Teil 4 der Fracht am Rhein wörtlich zitieren:
„Als kurze Zeit danach mein Umzug nach Koblenz anstand, machte [Big] nicht viele Worte, sondern half mir bereitwillig, indem er nicht nur beim Kistenschleppen half, sondern er lieh mir auch Werkzeug und begleitete mich beim Einkaufen. Ich hatte nämlich keine Ahnung, was ich zum Beispiel zur Installation einer Küchenspüle alles brauchte.
Leider fand der Einkaufsbummel durch verschiedene Koblenzer Baumärkte nach einer durchzechten Freitagnacht statt und mein Helfer war noch nicht ganz da – was zur Folge hatte, dass er mir die falschen Zubehörteile empfahl. Die Abflussrohre waren für einen Spülmaschinenanschluss gedacht und die Flexleitungen waren für Unterdruckwasserspeicher (den Boiler unter der Spüle) ungeeignet, ich musste das darauffolgende Wochenende also opfern, um die Teile umzutauschen.“

Beim Auszug warf ich einiges weg und das ein oder andere verschwand auch von allein spurlos. Aber es handelte sich nur um ein paar CD-ROMs ohne wirklich bedeutenden Inhalt. Mal abgesehen von meinem Wohnungsschlüssel. Ich vermute, dass ich ihn beim letzten Waschgang im Keller habe liegen lassen. Nun, der nette Hausmeister machte da kein Aufhebens, er habe genügend Schlösser in Reserve und es dauere ja nur einen Augenblick, es auszutauschen. Der Mann arbeitet scheinbar wirklich nur zum Spaß da.
Sagte er mir doch mal, dass er in seiner Wohnung wirklich tolle Türen verbaut habe, die, mit Zargen und allem drum und dran, 4000 E das Stück kosteten. Was sind das für Türen? Aus Gold? Oder Panzerstahl? Nein, gut verarbeitetes, edles Holz. Dabei hätte ich nicht gedacht, dass das Einkommen eines Hausmeisters für solchen Luxus reicht – tut es auch nicht, denn der nette Hausmeister verdient den allergrößten Teil seines Haushaltsgelds wohl damit, dass er grenznah mehrere Apartments an Luxemburger Geschäftsleute vermietet, die ordentlich was hinlegen und dabei immer noch bedeutend günstiger dran sind, als mit vergleichbarem Wohnraum in Luxemburg selbst.
Also, wenn ich mir mal mehrere Türen für 4000 E das Stück für ein Eigenheim leisten kann, dann gehe ich garantiert nicht mehr arbeiten. Aber schließlich hat jeder Mensch eine andere Vorstellung davon, was Spaß ist. Ich habe schon mehrere Leute getroffen, denen es Spaß macht, zu arbeiten, und ich muss dabei festhalten, dass alle diese Leute, drei an der Zahl mittlerweile, anderweitige Haupteinkünfte haben; denen macht das Arbeiten Spaß genau deswegen, WEIL SIE ES EIGENTLICH NICHT MÜSSTEN!

Ich hatte nicht wirklich eine Wahl bei der Einrichtung meiner Wohnung, legte aber Wert darauf, dass die Leuchtkörper, die am häufigsten gebraucht wurden, LEDs sein würden. Die Strahler waren nicht billig. Dafür musste der Rest erstmal günstig sein, weswegen Big uns den B1 Discount Baumarkt in Neuwied empfahl. Ja, billig ist der. Langfristig aber nicht günstig. Dort wird nur das Billigste vom Billigen verkauft, von ein paar Einzelposten einmal abgesehen, und – ganz ehrlich: Wenn man da kaufen muss, weil man sich Bauhaus nicht leisten kann, ist man arm dran. Das Zeug von B1 tut seinen Dienst, sozusagen, aber unsere Küche sieht aus wie vom Sperrmüll.
Im Laufe der vergangenen Jahre haben wir die Wohnungseinrichtung weitgehend durch bessere Qualitäten ersetzt, aber Küche und Schlafzimmer stehen noch aus. Ich danke dabei besonders folgenden Personen:
– Frau G. aus Trier für den Gartenfeldteppich, der heute mein Wohnzimmer ziert.
– Horst N. aus Saarbrücken für den Wohnzimmertisch, die Stühle dazu, den Kühlschrank, und noch viele kleinere Dinge mehr, die ich gar nicht alle nennen kann.
– Theo N. aus Saarbrücken für ein Mountainbike, das uns im prä-automobilen Zeitalter gute Dienste leistete.
– Oliver F. aus Saarbrücken für den praktischen Kleiderschrank mit Schiebetüren, weil unser Schlafzimmer zu eng für Klapptüren ist.
– Ricarda B. aus Bonn für einen Schreibtisch, der immerhin besser war, als keiner.
– Reinhold S. aus Saarbrücken für den wenn auch hässlichen Fernsehunterschrank, den ich inzwischen zum Glück wieder los bin.
– Roman S. aus Saarbrücken für eine Eckcouch aus Kunstleder, die uns besonders dazu anspornte, etwas besseres zu besorgen.

Was wir schnell merkten, war, dass die Interntverbindung ihren Namen nicht wirklich verdiente. Laut Vertrag hatten wir Anspruch auf eine 4-MBit-Leitung, aber an guten Tagen kamen vielleicht 1,5 MBit davon an, und so blieb das die kommenden drei Jahre… ich machte mir Gedanken darüber, wie wir zu einer schnelleren Leitung kommen könnten, aber das war mir alles zu teuer.

Nach wenigen Wochen kündigte sich das nächste Problem der Wohnung an: Schimmel.
Es schimmelte an den Außenwänden, und das nicht nur in den feuchten Bereichen Küche und Bad, sondern auch im Wohnzimmer und im Hausflur, an der Hausseite, wo der Regen herkam. Ich war deswegen ziemlich sauer und war wohl der Vermieterin gegenüber (für meine Verhältnisse) tendenziell ungehalten, worauf sie sich gegen den (so direkt nicht geäußerten) Vorwurf wehrte, sie habe uns wider besseres Wissen eine Schimmelhöhle vermietet. Hatte der Vormieter nie etwas in der Richtung gesagt? Bei diesem Gedanken erhielt die nebenläufige Aussage, der Vormieter habe nur wenige Monate in der Wohnung verbracht, einen ganz anderen Stellenwert.
Aber gut, unsere Verwalterin reagierte kulant. Sie besorgte Reinigungsmittel, schrubbte selbst, veranlasste Renovierungsmaßnahmen, und erließ uns einen Teil der Miete, bis das Problem im Griff war. In Küche und Bad wurden Entlüfter installiert, die sich bei hoher Luftfeuchte einschalteten, das Bad wurde ordentlich überarbeitet. Der Schimmel wurde damit letztendlich nicht besiegt, aber er wurde ins Mauerwerk zurückverwiesen, und wenn er an der einen oder anderen Stelle zum Vorschein kommt, kann man ihn mit Desinfektionsmittel für ein paar weitere Wochen verbannen.

Dann hatten wir plötzlich zwei Waschmaschinen, weil es Details gab, die wir nicht kannten. Eines Tages schalteten wir die Waschmaschine ein, aber es lief kein Wasser. Der Wasserhahn war aufgedreht, alles schien in Ordnung, das einzige, was ich mir denken konnte, war ein Defekt der Pumpe. Also schnell eine Ersatzmaschiene besorgt, bei irgendeinem Privatverkäufer nahe einer örtlichen Bundesstraße. Das Haus machte einen eher heruntergekommenen Eindruck, hoffentlich war die Maschine brauchbar.
Zurück zuhause schlossen wir die „neue“ Maschine an den Wasserschlauch an, luden Wäsche hinein und starteten das Waschprogramm. Nichts geschah. Moment mal, die einzige offen erkennbare Gemeinsamkeit zwischen den beiden Geräten war der Wasserschlauch. Ich besah mir das Ding. Gleich unterhalb des Wasserhahns befindet sich eine Art Hohlkammer, in die eine Art Linse eingebracht ist. Hinter der Linse schimmerte es bei Licht betrachtet rot. Ich wechselte auch den Schlauch. Der Waschgang startete wie gewohnt. Nach dem Waschgang schloss ich die Bosch-Maschine an den neuen Schlauch an – alles funktionierte wie gesollt. Kurze Recherche bei erfahrenen Verwandten: Ja, in den Schläuchen ist eine Art Ventil eingebaut, das verhindern soll, dass im Falle des Falles die Wohnung überflutet wird. Unser Ventil hatte also wohl just nach wenigen Tagen Betrieb in Koblenz den Geist aufgegeben und hatte die Leitung ohne Not blockiert.
In der Folge verkauften wir die überflüssige Waschmaschine an eine Organisation, die sich um bedürftige Familien kümmert, da kamen zwei Männer vorbei und luden das Ding auf einen offenen Kleintransporter.

An der Stelle kann ich gleich zum nächsten wichtigen Punkt kommen: Nachbarn.
Deren Namen natürlich geändert sind.

Die erste Mitbewohnerin stellte sich mir gleich am Tag des Einzugs als Anna vor und dabei blieb es dann. Sie arbeitet im Bäckerladen um die Ecke und ich würde sie als herzensguten Menschen betrachten.

Das Ehepaar Rohr: Eher schwierige alte Leute. Man kommt mit ihnen klar, wenn man in der Lage ist, das eine oder andere Merkmal auszublenden. Herr Rohr ist in Erfurt geboren und kam als Jugendlicher über die damals noch grüne Grenze in den Westen. Wurde LKW-Fahrer und fühlt vielleicht deswegen eine gewisse Solidarität mit einem Fahrer wie mir. Ein ihm eigener Wesenszug ist allerdings „Vorurteile gegenüber Ostdeutschen“. Er sagt, die hätten alle einen Hang zum gegenseitigen Bespitzeln und zur Missgunst, daher wolle er mit den Familienangehörigen, die drüben noch lebten, so wenig wie möglich zu tun haben. Es heißt sogar, er habe sich mit einer ebenfalls aus Ostdeutschland stammenden Mieterin dermaßen in der Wolle gehabt, dass diese irgendwann entnervt ausgezogen sei.

Dabei müsste sich der Mann einmal darüber klar werden, dass er mit dem Stasi-Blockwart der Straße sein Ehebett teilt. Seine Frau stammt aus dem Rheinland, und auch mit der kann man sich nett unterhalten, wir tauschen auch schon mal Weihnachtsplätzchen und Kuchen aus (niemand ist schließlich ganz schlecht), aber nach den Erfahrungen der ersten Monate muss ich mich um ein freundliches Äußeres schon ein wenig bemühen. Denn wenn ich unbewusst irgendetwas tue, was nicht in das fest geprägte Ordnungsschema der Frau Rohr passt, bekomme ich aus heiterem Himmel einen Anruf meiner Hausverwalterin, die mich fragt, was denn los sei. Natürlich wurde der Name der Frau Rohr nie explizit genannt, aber die Andeutungen ließen wenig Interpretationsspielraum zu und die Verwalterin schien auch selbst von derlei Aktionen eher unbegeistert.

Einfaches Beispiel: Ich parke den Transporter links neben dem Haus, wo sich der Mieterparkplatz für mein Apartment befindet. So ein Sprinter hat eine gewisse Länge; um also den Bordstein nicht völlig zu blockieren, fahre ich so weit wie möglich hinauf, bis das Blumenbeet mir Einhalt gebietet.
Bei der Auffahrt handelt es sich gleichermaßen um die Garageneinfahrt der Nachbarn links nebenan und mein Parkplatz ist durch eingelassene Pflastersteine leicht erkennbar vom Grund und Boden des Nachbarn getrennt. Wenn ich nun ganz nach oben fahre, dann steht mein Vorderreifen gerade so auf dem Nachbarsgrundstück. Das war mir sehr wohl aufgefallen. Als ich den Nachbarn zufällig einmal traf, fragte ich ihn, ob das ein Problem sei und er sagte, das sei in Ordnung. Jener Umstand fiel der Frau Rohr aber ebenfalls auf, vielleicht, als sie zum Blumengießen unterwegs war. Anstatt aber bei mir zu klingeln und mich auf den Missstand aufmerksam zu machen, rief sie beim Ehepaar Z. an, denen das Haus gehört, die informierten ihre Tochter, die das Haus verwaltet, und die rief mich an und bat mich darum, ich möge doch auf die Grundstücksgrenzen achten, um Missverständnisse zu vermeiden. Nun gut, der Bürgersteig verdient eh seinen Namen nicht, also parkte ich das Auto weiter rückwärts Richtung Straße.

Dadurch entstand allerdings ein anderes Problem. Gegenüber vom Haus befinden sich Parkplätze auf der Fahrbahn, die nicht an Anwohner gebunden sind. Dadurch ist zwischen meinem Transporter und eben jenen Stellplätzen nur eine Fahrbahnbreite frei. Das ist für den Durchgangsverkehr in Ordnung, wenn man aber, wie der übernächste Nachbar nach links, einen großen Audi fährt und die Auffahrt ebenfalls benutzen möchte, dann können einem beim beengten Abbiegen von der Straße herunter schon mal graue Haare wachsen. Als ob der Oberstabsfeldwebel nicht bereits genug graue Haare hätte. Der kam jedenfalls nur noch mit vorsichtigen Gekurbel an seinen Carport. Ich telefonierte mit der Verwalterin und machte ihr klar, warum ich in Zukunft weiter so parken würde, wie es zweckmäßig war, sollte sich also noch einmal „jemand“ beschweren, könne man jene Person ja in Kenntnis setzen, dass ich mir bei meinem Verhalten etwas denke.

Noch mehr genervt war ich, als mir, erneut telefonisch über die Verwalterin, irgendwann unterstellt wurde, ich hätte – große Güte! – zur mir zugeordneten Zeit die Straße nicht gefegt. So ein Verbrechen! Die mir zugeteilten Monate sind März und September, was in Ordnung ist: Im März schneit es eher selten noch und im September schlägt das Herbstlaub noch nicht zu. Am Anfang, gebe ich zu, habe ich das schon mal vergessen, aber ich besserte mich. Da ich am gemeinten Tage definitiv gekehrt hatte, war ich sauer, denn ich hatte halt nicht in dem Zeitraum gekehrt, in dem die Kehrwoch-Mafia am Fenster liegt und guckt, wie die Autos parken und die Wolken vorbeifliegen. Jenes Ereignis war aber das letzte seiner Art und wir leben bislang in Frieden und Eintracht. Sozusagen.

Weitere Nachbarn: Willi von links, der meinen Reifen auf seinem Grundstück erduldet, der auch schon mal klingelt, wenn ich oder meine Freundin das Licht am Auto haben brennen lassen, wir bekamen auch schon Muffins geschenkt, und er bittet auch alljährlich darum, dass wir die Einfahrt zur Fronleichnamsprozession freiräumen, weil dann dort ein kleiner Altar aufgebaut und ein kurzer Sermon gehalten wird. Jaja, da kommt der Pfarrer mit Baldachin in Begleitung des Musikvereins, der jedes Jahr das gleiche melancholische Stück spielt, mit einem Trupp singender, uralter Nonnen (hier am Ortsrand befindet sich ein Mutterhaus ausgerechnet der Dominikanerinnen) und einem Häuflein Messdienern, zuzüglich einiger Anwohner in Zivil; sie gehen in geheiligtem Schritt die Straße hinunter und halten an meinem Stellplatz an, um ein paar geweihte Worte zu sprechen, denen ich durch das Fenster meiner Toilette lauschen kann. Irgendwie ist das witzig.

Frau Hirsch von rechts: Ich erkenne sie in erster Linie an ihrem Hund. Welche Sorte das ist, habe ich vergessen, eher klein, so goldbraun-weiß-schwarz gefleckt mit großen Hängeohren. Und der Hund heißt Josef. Ich habe wohl noch nie einen Hund mit einem solch ernsthaften Namen getroffen.

Die Hühner von gegenüber. Nein, keine Mädchenbande, sondern echte Hühner, so mit Hahn und allem, was dazu gehört. Der Hahn kräht auch, aber er hat mich noch nie beim Schlafen gestört, obwohl er 50 Meter weiter sitzt und wir bei offenem Fenster schlafen. Mädchen gibt es auch hier, ja, aber ich wäre nicht so unhöflich, sie als „Hühner“ zu bezeichnen. Ich saß im Sommer einmal am offenen Wohnzimmerfenster und las, während das Mädchen, das gegenüberwohnt wohnt, zusammen mit einer Freundin die Straße bunt anmalte. Die sind so um die zwölf, denke ich. Und dann saßen sie da auf der Bordsteinkante und unterhielten sich darüber, welcher Junge in ihrer Klasse zu welchem Mädchen passen würde – dabei diskutierten sie allerdings nicht etwa passende oder sich ergänzende Charaktereigenschaften, sondern solche Äußerlichkeiten wie „die sind beide hellblond“ oder „deren Namen haben die gleiche Anfangssilbe“. Kawaii!

Herr Pfeifer: Der singt und pfeift ab und zu oder schimpft mit seinem Enkel, wenn der zu Besuch ist und versucht, sich Dinge herauszunehmen, die er zuhause nicht darf. Während die Schallisolierung nach oben ganz hervorragend ist – von den Rohrs höre ich keinen Schritt und auch nicht den Fernseher, den sie wegen wachsender Hörprobleme sehr laut drehen – ist sie zum Nachbarapartment richtig mies. Singen und Pfeifen hört man deutlich ebenso wie den Wasserhahn. Ich muss im Gegenzug ständig verdrängen, dass wir ihn damit ziemlich eindeutig an unserem Intimleben teilhaben lassen…

Der Zahntechniker: So einen haben wir auch hier. Der war irgendwann so nett, einen Schwenkgrill in den Garten zu stellen und uns zu erlauben, ihn ebenfalls zu benutzen. Er grille eh lieber im Frühjahr und im Herbst, wenn es nicht mehr so heiß sei, denn er stehe den ganzen Tag am Schmelzofen, um dritte Zähne aus Kunststoffen und Metallen herzustellen und da wolle er nicht noch nach Feierabend an einem heißen Feuer herumstehen.

Das wären im Großen und Ganzen die wichtigsten Eindrücke meines Umzugs selbst, für den ich mich sehr in Unkosten gestürzt habe: Als ich aus Trier weg bin, stand mein Konto bei über 3000 E, als ich den letzten notwendigen Einkauf kurz vor dem nächsten Zahltag hinter mir hatte, besaß ich noch 70 E. Das war schockierend.
Nicht ganz unwesentlich lag das aber auch daran, dass ich den Umzug schnell hinter mich bringen musste, um den Zuschlag zur Wohnung nicht zu verlieren, und die Folge war, dass ich für die Trierer Wohnung keinen Nachmieter fand und zwei Monate lang zwei Mieten zahlte, da ich die Kündigungsfrist unterschritten hatte. Das war schon eine starke Belastung.

Als nächstes kommen wir dann langsam zu den Dingen, die ich meinte, als ich mir irgendwann dachte: „Ich gehe mit nach Koblenz – und sei es nur, um über die Scheiße schreiben zu können“, und über eine letzte Reise im Spätsommer.

29. Januar 2017

Die Fracht am Rhein (Teil 12)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 14:43

Bei meiner Schilderung des Sommers habe ich meinen Umzug nach Koblenz übersprungen. Ich werde das im kommenden Beitrag nachholen. Da ich aber nun am Ende von Teil 11 bereits auf zwei der drei Praktikanten im September 2013 hingewiesen habe, sei hier die etwas umfangreichere Geschichte des dritten Praktikanten erzählt, einem traurigen Vertreter der Sorte, die wirklich wollen, die ein geordnetes Leben zum Ziel haben – denen aber die Befähigung fehlt. Mit einem Sprichwort (dessen Ursprung ich nicht herausfinden konnte):
„Jeder ist seines Glückes Schmied – sofern ihm das Schicksal nicht Hammer und Amboss versagt hat.“
Nennen wir ihn Lennie.

Lennie war ein netter Typ. Man konnte ihn gar nicht anders bezeichnen. Ich glaube nicht, dass er schon 20 war; etwa so groß wie ich, aber circa 20 kg schwerer, etwas formlos, ohne bedeutende Mukelkraft. Ich erklärte ihm die grundlegenden Vorgänge, also woran man die eigenen Pakete auf dem Band erkennt, wie man sie ordnet und effizient aufstapelt, wie der Scanner funktioniert, welche Papiere man so braucht, und mit welchen Kniffen man Pakete schneller findet, die man am Ende doch noch suchen muss. Er sah sich alles interessiert an, hörte zu und nickte am Ende von Informationseinheiten.
Ich drückte ihm einen kleinen Notizblock und einen Kugelschreiber in die Hand.
„Ich kann nicht an alles denken. Mach Dir Notizen zu dem, was ich sage und zu Dingen, die Dir auffallen, damit Du später, wenn Du allein fährst, Orientierungshilfen hast.“ Wie alle anderen Praktikanten vor ihm machte er natürlich keine Notizen, von daher dachte ich mir nicht allzu viel dabei.

Wir fuhren los in Richtung Eifel. Ich erinnere mich nicht mehr an den konkreten geografischen Rahmen der Tour, die je nach Fähigkeiten der benachbarten Fahrer ständig in den Randgebieten geändert wurde. Ich glaube, es war angedacht, die Ausfahrt Bitburg zu nehmen, um als erstes Oberweis anzufahren, aber in diesem ersten Drittel der Tour sollte mir meine Unfähigkeit zum Multitasking zu einem Verhängnis werden.
Die Einweisung eines potentiellen neuen Fahrers macht es notwendig, dass ich viel rede. Das allein ist schon ungewohnt für mich und macht es für mich schwierig, auf andere wichtige Dinge zu achten. Kurz vor der Anschlussstelle Bitburg bemerkte ich, dass die Tankanzeige leuchtete. Seit wann war die an? Ich wusste es nicht. Alle an JP Transporte angeschlossenen Fuhrunternehmer tankten bei Shell, die Eifel ist weitgehend frei von Shell. Von der Ausfahrt bis zur nächsten Shelltankstelle waren es 30 km, mit den Sprintern konnte man riskieren, mit der Reserve noch 65 km weit zu fahren, bevor man Gefahr lief, stehen zu bleiben. Seit wann war die verdammte Anzeige an? Ich konnte es beim besten Willen nicht sagen und hoffte auf das Beste.

Wir fuhren nach Oberweis, Bettingen, Holsthum, dann über Prümzurlay Richtung Prümerburg, zu dem Kunden, dessen Zauntor ich angefahren hatte (beschrieben in Gaytal Kamikaze 12), aber hinter dem Ortsausgang von Prümzurlay, gerade ein Stück in den Wald hinein, stotterte der Motor und ging aus. Das hieß, zumindest bergan war nichts mehr zu machen. Ich wendete das Fahrzeug, rollte, brachte den Motor wieder zum Laufen. Bis zur nächsten Shell in Echternach würde ich ebenerdig fahren können – aber das waren noch mehr als 10 km. Und beim Wiedererreichen des Orts war es vorbei. Der Motor machte keinen Mucks mehr. Handbremse, Warnblinker. Ich ließ Lennie im Auto und wendete mich auf gut Glück nach links die Hauptstraße hinunter. Vielleicht ließ sich jemand finden, der mir helfen konnte.

Nach 500 m fiel mein Blick in einen Innenhof, wo zwei Männer arbeiteten und ein Traktor herumstand. Ich schilderte den beiden meine Lage und kaufte ihnen fünf Liter Diesel zum handelsüblichen Preis ab. Ich bekam auch einen Einfülltrichter. Allein, das war nicht die Lösung meines Problems. Wird die Treibstoffleitung leer gesaugt, ist es scheinbar schwierig, wieder Sprit zum Motor zu pumpen. Ich ließ die Maschine juckeln, bis das Geräusch mir sagte, dass die Batterie langsam schlapp machte. Ich ging also zu Fuß zu meinen beiden Helfern zurück und bat darum, mir auch zu helfen, den Sprinter wieder in Bewegung zu versetzen.
Wir spannten den Schlepper vor den Transporter, und ließen uns ein paar Hundert Meter weit ziehen, wobei ich die Technik verwendete, den Motor bei eingeschalteter Zündung über das Kupplungspedal kommen zu lassen. Das funktionierte, also bedankte ich mich bei allen Beteiligten für ihre Geduld. Wir bedienten den Kunden bei Prümerburg, arbeiteten Irrel ab und machten uns schleunigst auf den Weg nach Echternach, um vollzutanken.

Mit allem drum und dran hat die Aktion mehr als eine wertvolle halbe Stunde gekostet. Ich habe wirklich den Hang dazu, mit Praktikanten in haarige Situationen zu kommen. Man erinnere sich daran, wie ich mit Doc bei Daleiden im Schnee stecken geblieben war (siehe Fracht am Rhein 1). Mangel an Fähigkeit zum Multitasking ist mein Problem, für das ich immer noch keine gute Lösung weiß. Da es sich hierbei um einen ganz alten Hut handelt, kommen wir lieber zu dem Problem, das Lennie hat, das meine Angelegenheiten wie Scheinprobleme in einem Groschenroman erscheinen lässt.

Lennie hatte eine Ausbildung zum Ziergärtner abgeschlossen. Immerhin. Ein Ziergärtner hat aber mehr noch als ein Landschafts- und Gartenbauer das Problem, dass er im Winter arbeitslos ist. Wenn die Natur das Blühen einstellt, werden diese Leute auf die Straße gesetzt und müssen hoffen, dass man sie im kommenden Jahr wieder beschäftigt. Außerdem sagt man, dass Ziergärtner so ein Beruf ist, den man nimmt, wenn man für nicht viel geeignet ist. Intellektuell sei die Arbeit nicht fordernd und wenn es einem an Kraft mangelt, dann könne man so Sachen wie Gartenbauer und Müllmann eigentlich auch vergessen. Heißt es, ich habe beides nie selbst ausprobiert. Danach offenbarte sich der Kern der Schwierigkeiten in seinem Leben: Er litt an einer ausgeprägten Legasthenie und war auf eine Schule für Minderbegabte gewesen, und er war wohl minderbegabt auf eine derartige Weise, dass er mit über 18 Jahren noch immer in Betreuung lebte.
Das Gleiche galt für seine Freundin, die er auf der Schule kennen gelernt hatte. Die beiden wollten einen gemeinsamen Haushalt gründen, aber der Betreuer durfte nur dann zustimmen, wenn wenigstens einer der beiden einen Arbeitsvertrag vorweisen konnte. Lennie brauchte den Job, um sich einen Traum zu erfüllen, den Traum vom selbständigen Leben.

Wir kamen natürlich beide spät nach Hause, nach etwa sieben Stunden Schlaf stand ich wieder auf, nahm mein kleines Frühstück ein und ging wieder zur Arbeit. Lennie erschien erneut – er besaß also Motivation genug für eine solche Arbeit.
Da Legastheniker nicht gut im Schreiben und im Ordnen von Informationen sind, hatte ich am Abend zuvor noch Listen für ihn vorbereitet: Alle Postleitzahlen des Tourgebiets, insgesamt etwa ein Dutzend Zahlen, deren letzte drei Stellen sich jeweils unterschieden. Des weiteren die Namen der Orte, in denen Stammkunden lebten, und zum Schluss eine aktuelle Version einer optimalen Tourreihenfolge: „Du musst zuerst die Postleitzahlen auswendig lernen, damit Du weißt, welche Pakete Du vom Band nehmen musst. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, diesen Job überhaupt machen zu können.“

Er steckte die Listen ein, belud nach meiner Anweisung das Auto und wir machten uns erneut auf den Weg. Nach wenigen Minuten auf der Autobahn schlief er ein, und zwar richtig. Lange Arbeitstage und kurze Nächte schienen ihn schon nach einem einmaligen Versuch sehr zu beanspruchen, denn er schlief ab diesem Zeitpunkt über drei Stunden lang tief und fest und wachte nicht einmal auf, wenn ich zum Anhalten beim Kunden bremste und die Türen öffnete und schloss. Irgendwann zwischen 11 und 12 Uhr war er wieder ansprechbar. Die Zeiten, die wir mit Fahren von einem Dorf zum nächsten verbrachten, nutzte er nicht, um meine Listen zu studieren. Meine Hoffnung schwand und zerstob endgültig, als ich ihn am Nachmittag in die Zustellung der Pakete mit einbezog.

Ich habe sicherlich bereits früher schon erwähnt, dass man jedes Paket mehrfach in die Hand nehmen muss: Beim Abräumen, beim Aufstapeln und beim Einordnen, und zuletzt hat man immer wieder Pakete von den selben Versendern. Wenn ich losfuhr, wusste ich zumindest ungefähr, welcher Kunde wieviele Pakete bekam, wie die etwa aussahen, und an welcher Stelle sie im Auto gelagert waren. Das alles konnte man von einem Anfänger nicht erwarten, so viel war mir klar, also rechnete ich mit einer gewissen Verzögerungszeit. Wenn Praktikanten etwas nicht fanden, nahm ich das Paket selber heraus und wies gegebenenfalls auf Auffälligkeiten des Verpackungsdesigns des jeweiligen Versenders hin. Bei Lennie waren die Schwierigkeiten besonders groß und mir wurde deren Tragweite erst im Laufe dieses zweiten Tages bewusst.
Ich sagte zum Beispiel zu ihm: „Wir sind hier bei Dr. Soundso, er bekommt drei kleine Pakete, die Pakete sind grau und auf dem Label steht TIERARZTPRAXIS DR. SOUNDSO.“
Und dann sah ich wiederholt und mit wachsendem Unbehagen, wie lange er einzelne Pakete ansah, bevor er sie weglegte, um das nächste nach der richtigen Aufschrift zu untersuchen, bis ich irgendwann den Grund dafür voll erfasste: Lennie brauchte eine Weile, bis die vielen verwirrenden Buchstaben und Zahlen auf den Labels in seinem Kopf einen zusammenhängenden Sinn ergaben. Er besaß in diesem Gebiet scheinbar das Niveau eines Erstklässers. Der Grund, warum ich nicht früher darauf gekommen war, lag schlicht darin, dass ich Lesen und Schreiben als gegeben betrachte. Ich hatte die Zielgruppe jenes berühmten Werbespots getroffen.

Der Tag wurde wie üblich lang und am kommenden Morgen war ich um halb Fünf wieder in der Halle. Peter fragte mich nach einer vorläufigen Beurteilung Lennies, und so sehr ich den Jungen mochte, gab es doch nichts zu beschönigen: „Er hat gestern auf der Tour über drei Stunden geschlafen, er bewegt sich eher behäbig und hat Probleme damit, die Aufschrift der Labels zu entziffern. Der will den Job wirklich haben, aber ich fürchte, der kann das nicht.“
„Nicht gut… guck’s Dir heut noch mal an, ja?“

Aber so weit kam es nicht mehr, denn ich hatte nur noch eine Sache, an der ich meine abschließende Beurteilung festmachen konnte.

Als Lennie erschien, erzählte er mir, dass er morgen früh endlich den Termin mit seinem Betreuer habe, um ihm den Arbeitsvertrag vorzulegen, damit er mit seiner Freundin zusammenziehen könne. Ich muss ehrlich sagen, dass mich so viel Zuversicht erstaunte, fast so wie Leute, die im April 45 noch das Wort „Endsieg“ gebrauchten. Ich fragte ich ihn, ob er die Postleitzahlen auswendig kenne – er verneinte.
„Kennst Du wenigstens ein paar davon auswendig?“
Auch diese Frage musste er verneinen. Ich muss annehmen, dass er nach seiner Heimkehr gestern mehr oder minder sofort ohnmächtig ins Bett gefallen war. Damit war der Würfel gefallen und ich gab mir Mühe, möglichst sanft zu klingen. Aber was sein musste, musste sein.
„Lennie, was willst Du dann noch hier? Wenn Du keine Postleitzahlen kennst, kannst Du keine Pakete abräumen, und das heißt, dass Du hier nur im Weg stehst. Auf der Tour kannst Du nicht helfen, weil Du die Pakete nicht schnell genug findest. Setz Dich draußen in den Pausenraum, nimm Dir einen Kaffee und mach Pause.
Es gibt für Dich zwei Wege hier raus: Einen harten und einen weniger harten. Der weniger harte Weg raus besteht darin, dass Du Peter ansprichst und ihm sagst, dass der Job zu anspruchsvoll für Dich ist. Dann können wir in aller Freundschaft auseinander gehen und jeder wahrt sein Gesicht. Der harte Weg raus besteht darin, dass Du Peter nach dem Arbeitsvertrag fragst, und der wird Dir sagen, dass er Dir mangels Eignung keinen anbieten kann. Ich sage Peter nicht: Schick den nach Hause, schmeiß den raus. Aber hier bin ich Dein Ausbilder und Dein Prüfer. Peter wird mich fragen, was ich von Deiner Arbeit halte, und dann muss ich ihm sagen, dass Du als erstes drei Stunden tief geschlafen hast und des Weiteren nicht schnell genug arbeiten kannst, um eine volle Tour zu fahren. Es gibt nur diese beiden Wege raus; einen Weg rein gibt es leider nicht. Tut mir Leid.“

Er tat mir wirklich Leid. Immerhin hatte ich ihn in dem Moment wieder zurück in die Abhängigkeit gestoßen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass wir hier jedem eine Chance geben, aber letztendlich sind wir ein Fuhrunternehmen und keine Wohlfahrtseinrichtung.
Lennie folgte meiner Aufforderung, nach draußen zu gehen. Welchen Weg er gewählt hat, kann ich nicht sagen, ich habe ihn natürlich nie wieder gesehen.

30. Januar 2016

Die Fracht am Rhein (Teil 11)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 18:19

So kam also der Tag, an dem ich alleine ausrücken sollte, mit Gefahr und Strahlung im Auto. Es handelte sich um einen Samstagsdienst, und zu dem angedachten Zweck musste ich mit Magnus das Auto tauschen. Von dem wurde ich auch gleich begrüßt und seine Körperhaltung allein reichte aus, um mir mitzuteilen, dass er stinksauer war, was bedeutete, dass Peter ihm erst heute Morgen Bescheid gesagt hatte, dass er stattdessen normale Samstagszustellungen fahren würde. In einem eher schrottigen Kleintransporter. Es ist zwar meine Gewohnheit, die Fahrzeuge innen auszukehren und abzustauben, aber ich kam natürlich nicht an die Standards meines alten Kollegen heran und an dem generellen Zustand der Fahrzeuge kann ich ja nichts ändern. Leider habe ich nicht festgehalten, welches Auto ich zu jener Zeit gefahren bin, aber bei JP-Transporte muss man immer mit dem Übelsten rechnen. Ich konnte Magnus nur versprechen, ihm sein angestammtes Fahrzeug im Originalzustand wieder zurückzubringen. Magnus war auch taktvoll genug, seine schlechte Laune nicht über mir auszugießen, denn während ich diese Tätigkeit zwar gewünscht hatte, war ich doch nicht der Entscheider.

Und das bringt mich zu einem weiteren entscheidenden Punkt in der Kritik am Firmenmanagement: Magnus hatte überhaupt nicht vor, seinen Job aufzugeben, denn wie ich bereits ausgeführt habe, konnte er sich das wohl nicht recht leisten. Als Peter und Rama mich darauf angesprochen hatten, Gefahrgutfahrer zu werden, da hatte ich in dem Moment intuitiv angenommen, Karl wolle altersbedingt aussteigen. Dem war nicht so. Rauswerfen konnten sie ihn auch nicht, da er als selbständiger Subsubunternehmer im Auftrag von JP-Transporte fuhr und nicht für P+R. Halten wir also fest: Es handelte sich bei allem, was die Brüder angedacht und mit mir besprochen hatten, um ein umfangreiches (und teures) Beruhigungsmittel für mich und in Eigenbezug um nichts anderes als nicht durchdachtes Wunschdenken.

Die einzig gute Nachricht: Wir haben einen weiteren Gefahrgut- und Frühdienstfahrer, den ich hier Marius nenne. Der geht auf die Mitte 60 zu und wünscht sich nichts sehnlicher, als diesen Mist endlich hinter sich zu lassen. Sein Renteneintrittsalter würde er in 18 Monaten erreichen (also im März 2015).
Marius war früher Lieferfahrer für „Harry“ – die Brotfabrik. Das sei toll gewesen, aber der Fuhrunternehmer habe nach einigen Jahren pleite gemacht und da habe er den nächsten Job genommen, den er kriegen konnte. Das klang an sich gut, aber würde ich diesen Horrortrip noch anderthalbe Jahre durchhalten?

Das Frachtaufkommen sorgte jedenfalls auch weiterhin dafür, dass meine Leistungsfähigkeit immer weiter abgetragen wurde. Ab fünf Uhr mehr als eine Tonne Ware vom Band nehmen und aufstapeln, dann die knappe Tonne, die vor der Ladeluke abgelegt wurde, nochmal aufnehmen und ins Auto laden, und dann über eine Tonne aus dem Auto zum Kunden tragen, mal hier und mal da fahren, arbeiten ab halb Fünf am Morgen und nach Hause kommen zwischen Fünf und Sieben abends. Essen, waschen, schlafen – und wieder arbeiten. Das ist eine Knochenmühle, die ich keinem empfehlen kann, der auch nur den Hauch einer Chance auf eine „normale“ Arbeitsstelle hat.
Tom und Hyper, Elmo, Bert, und Doc – die waren alle in der ersten Jahreshälfte 2013 gegangen. Tom war Ende Winter ausgeschieden, Hyper im Mai. Da wies er mich noch in die Trierer Nordtour ein und das war’s. Bert hatte einen Job gefunden, wo er von zuhause mit dem Fahrrad hinfahren konnte, und Docs Frau hatte eine Tochter geboren und er zog zu ihr und in die Nähe der frischgebackenen Großmutter nach St. Wendel – wo er für’s erste ebenfalls für Transoflex arbeitete. Ich telefoniere hin und wieder mit ihm und er versicherte mir, dass er da unten tatsächlich Arbeitstage von acht bis neun Stunden habe, also kein Vergleich mit den 12 bis 14, die wir am Standort Koblenz „genossen“.

Allein Elmo war gegangen worden, wie man so sagt. Ich hatte ja bereits beschrieben, was aus den vielen hoffnungsgebenden Versprechen geworden war, die man gegeben hatte. Elmo musste ewig früh aufstehen, das heißt etwa um drei Uhr morgens, um rechtzeitig im Depot zu sein, da er mit dem LKW locker zwei Stunden brauchte, um nach Metternich zu kommen, und anstatt Nachladetouren, die wegen der hohen Entfernung zu den Kunden nicht in Frage kamen, hatte er eben einen Anhänger aufgebrummt bekommen. Die Milchmädchenrechnung bei P+R und JP lautete: Der zusätzliche Stauraum für Paletten erlaubt die Zustellung von mehr Paletten, ohne dafür zusätzliche Fahrzeuge einzusetzen. Natürlich war das ein Trugschluss, denn abgesehen davon, dass der zusätzlich belastete LKW auf der Autobahn nicht mit seinen vollen 80 km/h voran kam, was die Fahrzeit spürbar verlängerte, hatte Elmo ja nicht nur Kunden in leicht zu befahrenden Industriegebieten mit ihrem Angebot an Stellplätzen, sondern auch in der Trierer Innenstadt. Im Klartext bedeutete dies, dass er sogar weniger Kunden schaffte, als in der Zeit ohne Anhänger zu Beginn des Jahres.

Warum? Weil man nicht bei allen Kunden mit einem Anhänger vorfahren kann! Zum Beispiel, weil der Hof zu klein ist, um zu manövrieren, und man kann aus der Heckklappe des LKWs natürlich nichts ausladen, solange der Anhänger im Weg ist. Der Anhänger musste also irgendwo an der ersten sich anbietenden Gelegenheit – idealerweise in der Innenstadt, oft aber auch weiter weg – abgekuppelt, dann der Kunde bedient, und dann der Anhänger wieder angekuppelt werden. Man soll nicht glauben, wie zeitaufwändig das ist. Elmos Arbeitstag zog sich also bedenklich in die Länge und die halbe Ladung kam wieder zurück, weil Elmo erst nach Ende der Warenannahmezeiten ankam.

An einem Tag im Mai kam es zu einem heftigen Ausbruch, sozusagen. Elmo hatte seine Ladeliste in Augenschein genommen und das Auffinden seiner Fracht war zu seinem Missfallen verlaufen – ich erinnere daran, dass auch Einzelpakete, die erst zu einer großen Palette zusammengeschnürt werden mussten, zu seiner Fracht gehörten. Einzelpakete können schnell mal vorübergehend sonstwohin verschwinden, die mannigfaltigen Möglichkeiten habe ich in den letzten Jahren beschrieben. Da riss ihm wohl die Hutschnur und er geigte den Brüdern dermaßen ungeschminkt die Meinung, dass die ihm von jetzt auf sofort kündigten. Rama, der Ungezügelte, sank sogar so weit, uns anzuweisen, Elmo auf keinen Fall mitzunehmen, der solle selber zusehen, wie er nach Hause käme. War mir natürlich scheißegal – ich sammelte Elmo ein paar Hundert Meter die Straße runter auf, wo er mit seiner Tüte Habseligkeiten ich weiß nicht wohin unterwegs war und fuhr ihn zu einer Freundin in Ehrang, weil sein Wohnort nicht in meinem Tourgebiet lag.

Sub75 folgte den Ausscheidern im Juli, allerdings ebenfalls nicht freiwillig. Ich hatte in Teil 2 dieser Serie geschildert, dass seine Mutter schwer erkrankt war, und dass er abends bis gegen 23 Uhr wachblieb, um von dem vom Krankenbesuch zurückkehrenden Vater Neuigkeiten zu erfahren. Da Sub75 natürlich ebenfalls gegen drei Uhr morgens wieder aufstehen musste, war er wenig ausgeschlafen und machte Fehler. Da er relativ wenig Fracht fuhr, weil er auch unter günstigen Bedingungen nicht viel schaffte, kam er oft vor mir aus dem Depot raus, aber ich sah seinen Wagen mehrfach im Vorbeifahren auf einem Rastplatz an der A48 stehen, wobei er, den Kopf an die Scheibe gelehnt, fest zu schlafen schien.

An einem Tag Mitte Juli, bereits nach meinem Geburtstag, denke ich, überholte ich ihn bereits vor jenem Parkplatz, allein deswegen blieb mir das Ereignis wohl im Gedächtnis. Im Laufe des Tages erfuhr ich dann, dass Sub75 einen Unfall gehabt habe, ein Stück hinter der Ausfahrt Kaisersesch. Und das bedeutete, dass der Unfall sich ereignete, nachdem ich erst weniger als zwei Minuten zuvor an ihm vorbeigefahren war.
Er war schwer verletzt, wenn auch nicht lebensgefährlich, und hatte angegeben, er sei zum Überholen ausgeschert, habe dann ein sich auf der Überholspur schnell näherndes Fahrzeug entdeckt und sei wieder auf die rechte Fahrspur geschwenkt, wobei er mit dem LKW kollidiert sei, den er hatte überholen wollen.
Wir anderen waren nicht dabei gewesen, aber angesichts der Fahrzeugschäden waren wir sicher, dass er am Steuer eingeschlafen und dem LKW, der an der Steigung nach Laubach hoch deutlich langsamer geworden sein musste, mit 120 km/h (oder schneller) in einem leicht nach rechts versetzten Winkel ins Heck gefahren war. Wie man auf dem Bild erkennen kann, ist gerade der Fahrerbereich eingedrückt. Es muss einige Mühe gekostet haben, ihn da rauszuschneiden.

20130823 Breit Unfallauto 003

Es dauerte bis 2015, bis ich noch einmal von ihm hörte, nachdem ein anderer Fahrer ihm zufällig in Trier begegnet war. Sub75 war zu dem Zeitpunkt erst vor wenigen Wochen aus der Reha entlassen worden.

Es schien im Allgemeinen ein Sommer zu sein, der Unfälle anzog. Für den Juni habe ich drei Zeit raubende Staus wegen Zusammenstößen notiert, und einer davon, immerhin auf dem Rückweg von einem relativ kurzen Arbeitstag, blieb mir im Gedächtnis, zum einen, weil ich mit einem der Kollegen (ich erinnere mich nicht, wer es war) gleichzeitig da stand, und zum anderen wegen des Bildes der Zerstörung, das sich einem bot. Ob es zu Personenschäden gekommen war, ließ sich zu dem Zeitpunkt, als ich vorbeifahren konnte, nicht mehr feststellen. Ich hatte keinen Krankenwagen und keinen Hubschrauber gesehen und eindeutige Spuren auf der Fahrbahn waren auch keine zu erkennen. Aber die Reste der Unfallmasse lagen noch unter der Aufsicht von Polizeibeamten weit verstreut auf der Autobahn herum. Es sah ein wenig danach aus, als sei ein Bulldozer durch ein Wohnhaus gefahren und mit ein bisschen Fantasie konnte man sich vorstellen, dass die Trümmer einmal ein Wohnwagen und das andere Zeug einmal Einrichtungsgegenstände und Bekleidung gewesen waren.

Der Sommer verging weitgehend und ich hatte Anfang September eine Woche Urlaub. Das Handy wurde abgeschaltet, um Anrufen von Seiten meiner Chefs vorzubeugen, die sich bei Engpässen nicht scheuten, Mitarbeiter aus dem Urlaub zurückzubitten. Ja, sie baten tatsächlich – auf Forderungen hätte ich sehr gereizt reagiert.

Ich wurde nach dem Urlaub wieder in die Eifel geschickt. Im September hatte ich bei drei Gelegenheiten Praktikanten im Auto, oder vielleicht waren es auch vier? Drei habe ich konkret notiert, am 6. September, am 9. September und am 15. September. Aber ich erinnere mich an einen älteren Herrn kurz vor 60, der vor über 20 Jahren aus Syrien ausgewandert war. Er war wohl eine Art Bekannter von Babylon Ben (erwähnt im Teil 4 dieser Serie aus dem Juni 2014), aber ich gewann schnell die Gewissheit, dass sie sich nicht sonderlich mochten.

Ich fange mal vorn an: Der Praktikant vom 6. September 2013 war ein stämmiger Kerl über 50, der wohl den größten Teil seines Lebens in Lastkraftwagen verbracht hatte. Sein letzter Arbeitgeber war scheinbar die Griesson Keksfabrik in Polch, deren Backarbeiten man bei günstigem Wind auch im ToF-Depot in Metternich noch riechen konnte. Nennen wir ihn doch „Gries“. Ist ein guter deutscher Name.
Gries hatte zwei Finger bei einem Unfall verloren, als die Fahrertür seines LKWs unerwartet zuschlug. Er beschrieb den Vorgang nicht konkret und ich fragte auch nicht. Körperteile zu verlieren ist traumatisch, selbst, wenn es nur zwei halbe Finger sind, und ich wollte nicht in dunklen Tiefen herumstochern.
Gries war ein netter Kerl, mit dem man sich gut unterhalten konnte, er quälte einen nicht mit Frauen, Autos, oder Fußball, und konnte aus einer reflektierten Distanz von seinem Arbeitsleben erzählen, wobei mir nicht klar wurde, ob er jetzt tatsächlich einen Job suchte oder nur den Nachweis einer Bewerbung zur Vorlage beim Arbeitsamt brauchte. Ich erfuhr also zum Beispiel von der Gewohnheit der Keksfabrik, Lieferfahrern Kekse zu schenken und offensichtlich eingedrückte Packungen kiloweise den eigenen Mitarbeitern mit nach Hause zu geben. Ich fühlte mich an die Lektüre meiner späten Kindheit erinnert, „Die Pizza-Bande“: Der allein erziehende Vater von Walther „mit TH“ arbeitet in einer örtlichen Schokoladenfabrik, sodass TH immer Süßigkeiten zu verschenken hat, und wenn es sich nur um Bruchware handelt. Um einen Job, wo man Essen geschenkt bekam, muss man doch jeden beneiden.
Zuletzt erzählte er, dass er in den Besitz eines Olivenhains auf einer spanischen Insel gekommen sei, mit dem er seinen Lebensabend mit zu finanzieren gedenke. Er müsse nur die Zeit bis zum Abschluss der notarischen Notwendigkeiten überbrücken, so bis zum kommenden Jahr. Zum Abschied bot ich ihm halb scherzhaft an, ich würde sofort für ihn arbeiten, wenn er einen tüchtigen Mitarbeiter brauche.
Gries kam natürlich nie wieder. Auf die letzten gesetzlichen Arbeitsjahre noch einen Job zu nehmen, der nur an den längsten Tagen im Juni komplett bei Tageslicht zu bewältigen ist, würde ich mir auch nur ungern aufbürden.

Am 9. September kam die nächste solche Gelegenheit: Eine junge Albanerin, aus Tirana, wie sie sagte, die ein zwar akzentreiches, aber gutes Deutsch sprach. Sie suchte wirklich eine Arbeitsstelle und hatte in dieser Woche mehrere solcher Probetage mit verschiedenen potentiellen Arbeitgebern vereinbart. Nun, sie war für den Job ganz und gar nicht geeignet. Sie hatte eindeutig die geistigen Voraussetzungen und kam mir allgemein keineswegs dumm oder oberflächlich vor. Sie war eine kulturell informative und gut gelaunte Konversationspartnerin. Aber wie sollte eine zierliche Frau Anfang Zwanzig mit der körperlichen Belastung fertig werden? Der Test war einfach zu bewerkstelligen, da just an diesem Tag ein Paket eines Metallwarenherstellers für uns über das Band lief. Es handelt sich dabei um Kartons etwa im Format 40 x 30 x 20, in denen sich nach meinem Wissen Profile, Verbindungsstücke oder Schrauben befinden und eines davon wiegt mehr als einen halben Zentner. Ich nahm es vom Band und gab es ihr in die Hände, worauf sie sofort mit einem unartikulierten Laut vornüber kippte. Ich riss das Packstück schnell wieder an mich, damit sich sich am Band auffangen konnte. Am Ende des Tages war sie sich sicher, dass sie vermutlich die Stelle in dem Blumenladen nehmen würde, wo sie am Tag zuvor gewesen war.

24. Januar 2016

Exotik, Heil und Horror

Filed under: Japan,Zeitgeschehen — 42317 @ 14:20

Was lese ich da denn schon wieder?

Japan hat eigene Zugverbindung für elf Schüler

Hokkaidô ist ja in gewisser Hinsicht das MeckPomm Japans, daran kann man nicht wirklich zweifeln. Da gibt es kleine Dörfer, die in wenigen Jahren aufgegeben werden müssen, weil die Bevölkerung rückläufig ist, denn die jungen Leute wandern aus wirtschaftlichen Gründen in Städte ab. Was mich an dem Text stört, ist der Hinweis: „Die Fürsorge der Bahngesellschaft nähert sich dem Deutsche-Bahn-Niveau.“ Wegen der Ankündigung, dass im kommenden März, zum Ende des Schuljahres, Schluss sei und die Linie eingestellt werde. Die Polemik störte mich irgendwie und solcherlei Berichte über Nebensächlichkeiten in meinem Lieblingsland wecken natürlich meine Neugier, da die dortige Realität sich selten so verhält, wie sie in den Medien auf der anderen Seite der Weltkugel dargestellt wird.

Schauen wir also über den im Bericht genannten Tellerrand. Bei der Japanischen Eisenbahngesellschaft kann man nachlesen, dass die im Text aufgezeigte Bahnlinie mit der Bezeichnung Sekihokusen den größten Teil der Insel Hokkaidô durchquert, insgesamt 234 km lang, in mehrere Unterabschnitte organisiert ist, und 40 Bahnhöfe und Haltestellen aufweist. Der angeblich vor der Schließung stehende Streckenabschnitt von Shirataki bis nach Engaru liegt so ziemlich genau in der Mitte.

Erstens muss man sich doch fragen, warum man für nur elf Personen nicht einfach einen Kleinbus im Format 3,5 t fahren lässt? Das wäre doch billiger.
Zweitens würde es doch keinen Sinn machen, ein paar Kilometer in der Mitte der Sekihokusen stillzulegen und auf dem Rest einen so getrennten Betrieb aufrecht zu erhalten.
Ich will sagen, dass die auf ze.tt angebotenen Informationen allein zum Verständnis nicht ausreichen.

Zuerst: Von welchem Bahnhof reden wir nun eigentlich, wenn es um die Oberschülerin Kana geht? Im Text wird Shirataki genannt. Der Marker auf der Landkarte liegt aber auf Kyûshirataki, etwa fünf Kilometer weiter in Richtung Engaru. Und auf dem Foto, das diese seltsam vorindustrielle Hölzhütte zeigt (so sehen Landbahnhöfe in Japan oftmals aus), erkennt man den Haltestellennamen Kamishirataki (wenn man es denn lesen kann), was von Shirataki Hbf schätzungsweise drei Kilometer in die entgegengesetzte Richtung liegt, und das auch nicht der Bahnhof sein kann, an dem die verschneite Schülerin steht, weil man auf den ersten Blick erkennen kann, dass es sich um ein ganz anderes Gebäude handelt. Dieses Fotos ist somit als sinnfreie Illustration entlarvt.
Denn wenn wir uns ein Bild von der Haltestelle Kyûshirataki ansehen, stellen wir als erstes fest, dass es sich nicht um einen Bahnhof im eigentlichen Sinne, sondern lediglich um einen Bahnsteig mit Unterstellhäuschen mitten in der Pampa handelt, also eine Gegebenheit, die man in Deutschland oft als „Milchkanne“ bezeichnet, weil so manche deutsche Regionalbahn ja angeblich an einer jeden solchen anhält.

Kyushirataki Haltestelle

Aber wir stellen zweitens auch fest: Es ist die richtige Milchkanne. Man sieht das vom Beobachter abgewandte kleine Schild, die Laterne neben dem Unterstand und das Fenster an der Giebelseite.

Wenn ich meine japanischen Quellen richtig verstehe, dann wurde beschlossen, wegen des geringen Passagieraufkommens in diesem Bereich das Angebot zu privatisieren und drei Haltestellen einzusparen (bzw. diese in reine Signalstationen umzuwandeln, wo entgegenkommenden Züge per Doppelgleis nur noch einander ausweichen), zu denen auch Kyûshirataki gehört. Shirataki Hbf und Engaru Hbf werden in Abstimmung mit dem überregionalen Expresszug, der die Endbahnhöfe der Linie verbindet, auch in absehbarer Zukunft fünfmal täglich angefahren, und das heißt, dass nur die seltenen Fahrgäste aus den kleinen Siedlungen fünf bis maximal sechs Kilometer nach Shirataki zurücklegen müssen, um von dort aus die Bahn nach Engaru (oder in die andere Richtung) nehmen zu können. Das ist für die Betroffenen zwar unbequem, klingt aber schon ganz anders als die in dem Bericht genannten, als alternativlos auffassbaren, 38 Kilometer bis Engaru.

Es wird also keineswegs die Bahnlinie eingestellt – nur diejenigen Haltestellen mit einem unwesentlichen Passagieraufkommen werden nicht mehr angefahren. Die Angabe von elf Schülern bezieht sich also scheinbar nur auf diese kleine Siedlung, die als Kyîshirataki auf der Landkarte verzeichnet ist, da sowohl in Engaru als auch in Shirataki genügend Menschen leben und mit dem Zug fahren, dass sich der Betrieb auch weiterhin lohnt. Das ist etwas ganz anderes und deutlich weniger krass. Denn Japan Railways fährt auch weiterhin in Dörfer (in Shirataki selbst wohnten vor zehn Jahren noch über 1150 Menschen), die die Deutsche Bahn aus Gründen mangelnder Rentabilität längst aufgegeben hätte. Das hat auch für einen politisch nach links neigenden Bürger wie mich nichts mit mangelndem Willen zur Dienstleistung zu tun, obwohl ich die Meinung teile, dass die Deutsche Bahn sich auf den Pendlernahverkehr konzentrieren sollte, wo sie kaum schlagbar wäre, anstatt prestigeträchtig auf Fernstrecken mit der Luftfahrt zu konkurrieren.

25. Dezember 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 10)

Filed under: Uncategorized — 42317 @ 15:29

Ich hatte meinen Umzug also mit dem Vermieter abgemacht und unterrichtete meine Arbeitgeber, denn das hieß, dass ich den Sprinter zum Transport meiner Sachen und gegebenenfalls einen freien Tag brauchte (der jedem Arbeitnehmer für den Fall eines Umzugs aus beruflichen Gründen auch zusteht). Da fingen die erst mal an zu grübeln und zu hadern, bevor sie sich im Laufe des Morgens damit abfanden. Scheinbar war ihnen die Sache mit dem Umzug wohl dann doch zu schnell gegangen.

Übrigens, was einem Arbeitnehmer noch so interessantes zusteht: Es gibt u.a. in Rheinland-Pfalz das so genannte „Landesgesetz über die Freistellung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern für Zwecke der Weiterbildung“. Laut diesem Gesetz stehen jedem Arbeitnehmer in jedem Kalenderjahr fünf Tage Dienstfreistellung zum Zwecke der persönlichen Weiterbildung zu. Ich kann nur empfehlen, sich einmal hineinzulesen, und weise darauf hin, dass das Land dem Arbeitgeber eine Entschädigung für die entgangene Arbeitsleistung zahlt.

Doch zurück zu meinem Arbeitsleben. Der nächste Punkt wäre also „mit Magnus 22.06.“. Peter setzte mich zu Magnus mit ins Auto, einem Vito, damit ich mir das Aufgabenfeld des Gefahrgut- und Frühdienstfahrers ansehen könnte, denn auch das sollte ja Teil meiner neuen Aufgaben sein. Und Frühdienst heißt: Aufbruch gegen sieben Uhr, also über eine Stunde vor den anderen Fahrern.
Das Gefahrgut auf dieser Tour besteht in erster Linie aus radioaktiven Stoffen für Röntgen- und Strahlentherapieabteilungen, und die laufen natürlich nicht übers Band, sondern müssen gesondert aus dem Verschlusslager abgeholt werden. Warum kann eine gewöhnliche Liefertour einen Kanister Schwefelsäure transportieren aber keinen faustgroßen Bleibehälter mit Cäsium? Weil laut ADR-Bestimmungen ein Kanister Schwefelsäure weniger als 1000 Gefahrgutpunkte aufweist und ein nur oberflächlich angewiesener Lieferfahrer somit im Rahmen des geltenden Rechts als Transporteur in Frage kommt, während eine Cäsiumpille locker einige Hunderttausend Punkte auf die Waage bringt.

Die Abholung des Transportguts im Lager ist eine Formalie für sich, wo man nicht nur den Empfang quittiert, man muss auch den Gefahrgutschein vorzeigen und das Dosimeter sichtbar tragen. Das Dosimeter sieht aus wie ein kleiner Plastikorden und reagiert auf radioaktive Strahlung. Verfärbt sich der Testbereich des Dosimeters, weiß der Betrachter, dass die maximal erlaubte Strahlenmenge bald erreicht sein wird und der Fahrer darf nicht in den Einsatz. Die Warnanzeige ist allerdings eine reine Formsache, da das Material, das in Strahlentherapien eingesetzt wird, eine nur geringe Strahlungsreichweite hat, keine 50 cm. Schnallt man die Behälter also ans hintere Ende des Autos, hat man eigentlich nichts zu befürchten. Den Rocker musste ich allerdings erst davon „unterrichten“, dass diese Plastikkarte mit biometrischem Passbild, die ich bei mir trug, eben der neue Gefahrgutschein ist. Ich war Absolvent des ersten Lehrdurchgangs nach den neuen Vorschriften, der die Karten ausgestellt bekam. Vorher waren Papiere im ursprünglichen Sinne des Wortes üblich. Nachdem alles sicher verzurrt war, brachten wir die Warntafeln an und es konnte losgehen.

Dabei muss ich zu allererst beschreiben, dass Magnus‘ Wagen wie neu aussah, um nicht das kolloquiale „wie geleckt“ zu verwenden. Das fing schon mit den Warntafeln an: Die steckten nicht einfach irgendwo, wo sie leicht zu greifen waren, nein, Magnus hatte eine Art großen Ordner dafür besorgt und die einzelnen Schilder, drei an der Zahl, noch durch Zeitungspapier getrennt, damit keinesfalls eins am anderen rieb und es dadurch zu Schäden kommen konnte.
In dem Auto selbst lag kein Krümel, da wurde regelmäßig der Staubsauger eingesetzt, auf dem Boden lagen noch mehr Zeitungsseiten, damit sich kein Straßenschmutz in der Oberfläche festsetzte. So musste man nur schmutziges Papier entfernen und vielleicht noch Krümelchen rauskehren, anstatt, wie ich als Nichtpapieranwender, den Boden mit einer feuchten Bürste zu reinigen, denn: das Wasser sickert ja in Ritzen ein und verbleibt unter der Verkleidung. Eine abscheuliche Vorstellung im Geist des älteren Herrn.
Auch außen konnte man nur staunen, wo sich kein Stäubchen auf der Karosserie befand. Im Falle feuchter Witterung reinigte Magnus den Vito sofort nach Arbeitsende, noch bevor sich der Straßenstaub festbacken konnte.
Ich brachte seine sorgsam gewählte Anordnung im Inneren erst einmal durcheinander, weil ich den Beifahrersitz benötigte, aber scheinbar kam er damit zurecht.

Wir setzten uns auf die A48 und Magnus fuhr mit 160 Sachen in Richtung Wittlich. Es würde ein wunderschöner, angenehm frühsommerlicher Tag mit warmen Temperaturen und blauem Himmel werden. Eigentlich ein perfekter Tag, um eben NICHT zu arbeiten, sondern nur irgendwo sinnierend auf der Wiese zu liegen oder einfach nur das Wetter zu genießen. Leider war uns solche Muße nicht gegönnt.
Erste Lektion in Sachen Ortskenntnis: Wenn man aus Richtung Koblenz kommend zum Krankenhaus „St. Elisabeth“ Wittlich möchte, dann fährt man nicht die Ausfahrt Wittlich raus und dann durch die Stadt, nein, man nimmt die Ausfahrt Hasborn und gelangt über ein paar Serpentinen quasi direkt dorthin. Gut zu wissen.
Weitere Stopps hatten wir in Bitburg, Trier und Saarburg, auf die man nicht weiter eingehen muss, vielleicht von einer kurzen Szene im Brüder-Krankenhaus in Trier abgesehen, wo Magnus zwei Damen, die ebenfalls vor dem Aufzug warteten, mit dem Hinweis auf unsere radioaktive Fracht dazu überredete, vielleicht doch erst den nächsten zu nehmen und nicht direkt mit uns zu fahren.

Man muss ja auch ein bisschen reden und Geschichten von Leuten sind ja das, was mich im Kern interessiert. Magnus war bereits Mitte 70 und hatte schon so einiges gesehen und erlebt. Er war kein abhängig Angestellter, schließlich hatte er das gesetzliche Rentenalter bereits überschritten, sondern arbeitete als selbständiger Subsubunternehmer im Auftrag der JP-Transporte. Natürlich zeigte er bereits körperliche Einschränkungen, auffällig sind zum Beispiel die relativ kurzen, wenn auch schnellen Schritte, mit denen er sich fortbewegt, was für mich nach Hüftproblemen aussieht, aber man muss festhalten, dass ihm ein wacher und immer noch scharfer Verstand gegeben ist. Im Allgemeinen kann man sagen, dass es sich um jemanden handelte, der alle ihm gestellten Aufgaben mit 200 % Genauigkeit erfüllte. Er heftete zum Beispiel alle Tourübergabeblätter fein säuberlich in Aktenordner und es kursierten Witzchen, dass Magnus sicherlich alle Transporte der vergangenen 10 Jahre nachweisen könne. Die Tourübergabeblätter wurden nach Feierabend eigentlich überflüssig und wurden weggeworfen. Magnus sah das scheinbar anders.

Im Einzelnen… fand ich eher das auffälliger, was er nicht sagte, als das, was er erzählte. Oder vielleicht sollte ich sagen: Die Interpretationen, die seine Geschichte zuließ, schienen mir das über ihn auszusagen, was er lieber aussparte.
Scheinbar war er vor, ja, Jahrzehnten einmal Versicherungsagent gewesen, für Gebäude, Hausrat, Kfz, und so weiter. Er schien auch große Stücke auf seine Fähigkeiten zu halten, erzählte er doch schmunzelnd, dass Kunden, die wegen einer Kündigung des Vertrags zu ihm kamen oder anriefen, nach einem intensiven Gespräch nicht nur seine Kunden blieben, sondern sogar noch Verträge über zusätzlichen Versicherungsschutz unterzeichneten. Es handele sich dabei um ein streng provisionsbasiertes Geschäft, führte er aus, und an kleinen Basisverträgen verdiene man nicht eben viel, aber die großen Papiere brächten auf einen Schlag kleine bis mittlere fünfstellige Beträge in die Haushaltskasse. Mit denen müsse man dann wirtschaften, bis einem der nächste Wurf gelang.

Scheinbar waren ihm in den besten Zeiten einige große Würfe gelungen, denn er hatte sich ein großes Grundstück mit einem schönen Haus ausgesucht, mit Wiese und Wäldchen und einem kleinen Gästehaus sogar. Die Wiese zu mähen habe über zwei Stunden gedauert und von dem Ertrag des Gartens hätte man sich wohl zu zweit das ganze Jahr über ernähren können. Klingt ja toll. Aber… die Zeiten blieben nicht rosig. Die Monatsraten wurden irgendwann zu viel und er richtete sich mit seiner Frau etwas kleiner ein. Auch das erwies sich allerdings als zu kostspielig… also noch eine Nummer kleiner. Und als selbst das zu teuer wurde, ja, da kamen die beiden zu dem Mietapartment, wo sie heute leben. Konservativ, aber geschmackvoll eingerichtet, wie er mir anhand von Fotos darlegen konnte. Biedermeier, würde ich sagen.

Was hatte er also nicht gesagt? Nun ja, wie ich aus seinen Gesamtdarstellungen schlussfolgern möchte, hat Magnus einen Hang zum Prestigeobjekt und zur Selbstdarstellung. Er hatte sich in seinem Streben nach Statussymbolen in seinen wirtschaftlichen Möglichkeiten nach meiner Interpretation völlig überschätzt, was eigentlich ein krasser Unterschied zu seinem Arbeitsverhalten ist, wo er streng auf das sicher Mögliche achtet. In letzter Konsequenz muss ich schlussfolgern, dass er möglicherweise noch Restschulden hat, dass er sich also derart übernommen hat, dass er arbeiten muss, bis er dazu nicht mehr in der Lage ist. Auch dazu kursieren entsprechende Witzchen: „Der fährt, bis er im Auto stirbt.“
Und eigentlich ist das nicht witzig, aber er ist nun mal so ein krasser Fall, in dem Wollen, Können und Müssen zusammenkommt.

Sicherheit schien doch eigentlich generell seine Domäne? Als ich ihn (an einem ganz anderen Tag) auf meine Erkältung hinwies, wich er demonstrativ drei Schritte zurück. Bei einer kurzen Erläuterung der gemeinsamen Haushaltsführung erzählte er, dass er die Duschkabine nach dem Waschen nicht nur grob reinigte, sondern auch trocken rieb, um Schimmel erst gar keine Grundlage zu liefern. Im Krankenhaus wies er mich darauf hin, am besten keine Türklinken anzufassen, da sich im Krankenhaus (im Sinne der Sache) eine hohe Zahl von Menschen mit tendenziell ansteckenden Krankheiten aufhalte. Beim Verlassen von Krankenhäusern und Altenheimen verwende er grundsätzlich die heutzutage aufgestellten Desinfektionsapparate. So weit bin ich dann doch noch nicht, aber ich trage bei der Arbeit Handschuhe, und mit denen reibe ich mir ja auch nicht die Augen und im Mund rumfummeln tu ich damit ja auch nicht. Er hatte wohl eine übersteigerte Angst vor Ansteckungen und Schmutz, denn auch, wenn ich kerngesund war, schüttelte er niemals meine Hand und wir fassten uns stattdessen an den Unterarmen, wie man es in Sandalenfilmen manchmal sieht.

Die Darstellung der gemeinsamen Haushaltsführung war natürlich schon interessant, gehört Magnus doch zu einer Generation, die noch eher zu patriarchalischem Verhalten neigt. Stattdessen beschrieb er eine Beziehung zweier Individualisten, deren Ansichten schon einmal kollidierten, aber wenn man über 50 Jahre verheiratet sei, dann bringe einen so schnell nichts mehr auseinander. Hausarbeiten werden bei ihm gleichmäßig verteilt, aber ich erinnere mich nicht daran, ob er etwas von festen Pflichten gesagt hat, ob also jeder Aufgaben hat, die nur er oder sie ausführt. Gekocht wird scheinbar von der Person, die den besten Menüvorschlag macht, den Abwasch macht der jeweils andere, und während man sich bei den Vorbereitungen helfe, wie zum Beispiel Karotten schälen, Pilze schneiden, Zwiebeln hacken, und so weiter, wolle er beim Kochen selbst allein sein und werfe seine Frau dann aus der Küche.

In Saarburg kam es zu einer kurzen Verzögerung auf dem Weg zum Krankenhaus, als ein Auto vor uns keine klare Fahrtrichtung einschlug. Die Person darin war sich wohl nicht ganz klar, wo sie sich einzuordnen hatte.
„Manchmal wünsche ich mir ’ne Kanone am Auto,“ sagte er, „damit man solche Hindernisse aus dem Weg sprengen kann.“ Dann konnte er zum Überholen ansetzen. „Ach,“ bemerkte er mit einem Seitenblick, „da sitzt ja auch ’ne Frau drin, da kann das ja nichts werden.“
Da war ich erstaunt, negativ überrascht. Hatte ich mich mit all dem bisher Gesagten in dem alten Mann so sehr getäuscht?
Aber er fuhr fort: „Versteh mich nicht falsch, ich bin der Meinung, dass Frauen das Gleiche können wie Männer. Das Problem ist, dass man es ihnen nicht beibringt.“
Das deckt sich dann schon eher mit dem, was ich bei den Soziologen gelesen und gelernt hatte: Jungs und Mädchen werden durch Erziehung, also selektive Fertigkeitszuordnung, in ihre gesellschaftlich hergebrachten Rollen gepresst und damit entsteht das häufig bemängelte Diskriminierungspotential. Ich war beruhigt.

Wir nutzten eine Sitzgelegenheit vor dem Krankenhaus, um eine Pause zu machen, wo wir auch Patienten trafen, die die warme Sonne genießen wollten. Mit einem davon führten wir ein kurzes, freundliches Gespräch und ich fragte ihn, wie es zu dem dicken Verband an seiner rechten Hand gekommen sei. Ein Unfall mit der Säge, erzählte er.
„Heimwerker oder Handwerker?“
„Heimwerker…“
gab er etwas zerknirscht zu.

Bei dieser Fahrt erfuhr ich nebenher, dass die JP-Werkstatt einen neuen Meister angestellt hatte. Was aus dem Russen geworden ist, habe ich weder erfahren noch je erfragt. Ich nenne den Neuen mal „Scotty“ (einfach, weil ich viel später erfuhr, dass seine Schwester in Schottland verheiratet ist). Wie habe ich von dem neuen Mann „nebenher“ erfahren?
Als wir unser letztes Paket mit radioaktiver Fracht abgegeben hatten, entfernten wir anweisungsgemäß die Warntafeln vom Auto, und bei dieser Gelegenheit sagte Magnus, dass er Scotty jedesmal beim Abnehmen der Platten zum Teufel wünsche und zeigte mir auch gleich, wieso: Die Tafeln werden in Halterungen gesteckt, die natürlich nicht serienmäßig ab Werk am Auto zu finden sind, diese Halterungen werden in der Plaidter Werkstatt angenietet. Jetzt hatte Scotty diese Halterungen allerdings unachtsamerweise so angebracht, dass die Kanten der Warntafeln an einer Kante der Karosserie scheuerten und auf diese Art und Weise die Lackierung in Mitleidenschaft zogen. Während ich Scotty mit dem mittlerweile gegebenen zeitlichen Abstand für einen interessanten Menschen und auch kompetenten Handwerker halte (der auch immer gern und auf verständliche Art und Weise Dinge erklärt, warum etwas so und so gemacht werden muss und nicht anders und wie die Dinge am Auto funktionieren und ineinander greifen), muss ich dennoch sagen, dass diese Arbeit keineswegs eine Meisterleistung darstellte. War ihm auch unangenehm.

Es handelte sich um einen ganz und gar angenehmen Tag, und das nicht nur, weil ich quasi nichts gearbeitet hatte. Diese Art von Job würde mir gefallen. Peter kündigte mir an, dass ich demnächst einmal alleine Gefahrgut fahren sollte. Vielleicht sollte sich zumindest diese Hälfte meiner Hoffnungen erfüllen.

25. November 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 9)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 20:00

Wenn ich nicht bald umzöge, müssten wir uns also was anderes überlegen…
Man mag Rama für seine Rhetorik kritisieren, aber ich muss auch einwerfen, dass die beiden trotz der Probleme bei der Umsetzung ihres Vorhabens, ein dreibeiniges Dispoteam einzuführen, mein Gehalt, wie im Dezember des Vorjahres besprochen, bereits im Februar angehoben hatten, und zwar um 200 Euro auf 1450 Euro Nettogehalt. Sie hatten damit einen wichtigen Teil der Abmachung eingehalten, also verstärkte ich meine Bemühungen um einen Umzug nach Koblenz.
Wegen der Arbeitszeiten – ich verließ das Haus um Viertel nach Drei morgens und kam zwischen sechs und sieben Uhr am Abend wieder zurück – gab ich meiner Freundin ein paar Vorgaben, nach denen sie bitte nach freien Wohnungen suchen sollte.

Ich wollte nicht mehr als 600 E Warmmiete zahlen,
im Umkreis von 30 Fahrminuten um das Depot herum,
Erdgeschoß oder bestenfalls erster Stock (wegen des erforderlichen Aufwands beim Einräumen),
wegen des Hitzestaus auf keinen Fall eine Dachgeschoßwohnung,
mindestens 3ZKB,
mindestens 60 Quadratmeter.

Die Wohnung in Trier hatte 45 Quadratmeter und war in diesem Feld zumindest nicht schlecht, aber auf Grund negativer Ereignisse in meinem Privatleben musste ich meine angesammelten Besitztümer, die ich nicht kurzfristig und auch nicht für das Studium in Trier gebraucht hatte, aus meinem Elternhaus nehmen. Der Gedanke, dass die Bücher, die ich im Laufe der vergangenen 20 Jahre gesammelt hatte, im Keller modrig werden würden, verstörte mich. Eine größere Wohnung musste her.

Es fanden sich ein paar auf den ersten Blick interessante Angebote, aber die meisten schieden auf den zweiten Blick aus: Zu abgelegen, Kleinstädte im Kreis Mayen-Koblenz waren zu weit draußen. Dass ich von dort aus meinen Arbeitsplatz gut erreichen konnte, war schön und gut, aber meine Freundin würde ihren Minijob in Konz aufgeben und eine irgendwie geartete Stelle im Bereich den neuen Wohnorts finden müssen. Das erschien uns zu schwierig, denn sie hatte keinen Führerschein und auch kein eigenes Auto: Mayen ist in dieser Hinsicht „irgendwo in der Pampa“. Es musste etwas in Stadtbusentfernung zum Koblenzer Stadtzentrum sein, denn die Voraussetzung für Führerschein und Auto war zunächst einmal ein Vollzeitjob.

Aber wir hatten Glück: Eine Anzeige passte zu den von mir gesteckten Kriterien. Die Wohnung befand sich in einem Koblenzer Vorort, nur sechs Kilometer östlich vom Stadtzentrum entfernt. Ich verabredete einen Termin mit der zuständigen Dame und erhielt von Peter die Erlaubnis, nach der Tour hinzufahren.
Die Zimmeraufteilung gefiel mir sofort ebenso gut wie das historische Erbe, aber ich will nicht weiter darauf eingehen, weil man meine Adresse sonst mit zwei bis drei Mausklicks herausfinden kann. Bis in die 1980er Jahre hinein befand sich eine Kneipe darin, dann eine Filiale der Sparkasse. Das Wohnzimmer hat einen entsprechend ungewöhnlichen Grundriss, es mutet in leerem Zustand wie eine Miniturnhalle an und macht knapp die Hälfte der Wohnfläche aus. Die Küche hat eine angenehme Größe, bei der Toilette handelt es sich um einen Tiefspüler, und zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer befindet sich ein kleiner Zwischenraum, gerade so groß, dass es für meine Bücher und meinen Computertisch reicht. Die Wände im Wohnzimmer sind ocker-orange gestrichen, im Schlafzimmer rot, und meine Nase an der Strukturtapete einer Wand sagt eindeutig: Nichtraucherhaushalt. Auch wichtig: Die Rollos sorgen bei Bedarf selbst am Tag für eine angenehme Dunkelheit.
Ein paar ästhetische Punkte blieben zwar erst einmal, zum Beispiel waren Ausbesserungen an der Ostwand des Schlafzimmers durchgeführt, aber nur mit Rigips abgedeckt worden. Da musste noch Tapete ran.
Der Rollo in der Küche war äußerst stümperhaft angebracht worden: Beim Bohren der Löcher war der „Handwerker“ auf den Hohlraum des ehemaligen Rollladenkastens gestoßen und hatte es dabei bewenden lassen, in Folge hing die Befestigung rechts de facto an einer einzigen Schraube. Wenn man nicht mit bewusster Vorsicht die Jalousie herunterließ, kam einem die ganze Rolle entgegen.
Außerdem sah man noch Reste einer, sagen wir: „eigenwilligen“ LAN-Verkabelung der Vormieter, die über der Bodenleiste an die Wand getackert worden war. Über die Qualität der Internetverbindung konnte die Vermieterin keine Aussage machen, das wisse sie nicht. Das konnte ich zwar nicht recht glauben, aber so nahe an der Stadt hoffte ich einfach das Beste.
Ich besprach mich im Anschluss kurz mit meiner Freundin und sagte wenige Tage später zu. Der Vertrag kam zu Stande, nachdem ein Interessent, der sich früher als ich auf die Anzeige gemeldet hatte, abgesprungen war. Die Vermieterin zeigte sich bass erstaunt, dass meine Freundin die Wohnung angenommen hatte, ohne sie je gesehen zu haben.

Arbeitstechnisch nahmen derweit ungute Dinge ihren Anfang. Peter regte sich eines Morgens über Stranski auf, der sei ein Lügner und er wolle ihn entlassen. Was war geschehen? Stranski hatte sich (vorgestern) krank gemeldet. Er habe sich beim eiligen Aussteigen den Fuß zwischen Bordstein und Fahrzeug verklemmt, sei gestürzt und habe einen Teilbruch am Fußgelenk erlitten – just in der Woche, für die sein Urlaubsantrag wegen einer Überschneidung mit einem Kollegen abgelehnt worden war. Peter glaubte nicht an einen Zufall (wie das allen Unternehmern in womöglich nicht nur dieser Branche eigen ist), und weiter angefeuert wurde sein Ärger, als er (gestern) unangemeldet bei Stranski vor der Haustür erschienen war, um den Krankenschein persönlich abzuholen. Er erzählte, Stranski sei selbst und ohne ersichtliche Probleme zur Tür gekommen und habe auch keine Gehhilfe verwendet, und habe ausgesagt, der Fuß sei bis dato nur geschient und werde morgen vergipst.
Ich sprach mich dafür aus, Stranski eine Chance zu geben, denn schließlich seien wir medizinische Laien und könnten die Situation nicht beurteilen, und die Überschneidung mit seinem Wunschurlaub könnte in der Tat Zufall sein. Peter hielt sich zurück und Stranski war einige Tage später wieder da.

Die nächste Krise ließ aber nicht lange auf sich warten. Peter sagte, dass er nach einer Überprüfung der Tankrechnungen zu dem Ergebnis gekommen sei, dass Stranskis Bus signifikant mehr Sprit verbrauche als üblich und in Stranskis Facebook-Einträgen Hinweise darauf sehe, dass Stranski „schwarz“ Diesel verkaufe. In Unkenntnis der genauen Zahlen und ohne Wissen um den Wortlaut der Facebook-Einträge wies ich darauf hin, dass der Sprinter – immerhin ein ganz neuer – ein technisches Problem haben könnte, das sei nicht auszuschließen. Ich gab auch zu bedenken, dass Stranski unser bester Fahrer war. Ich hatte dabei das „Three-Strike“ System im Hinterkopf, nach dem jeder auch eine zweite Chance verdiente, aber ich drückte mich anders aus, ich weiß nur nicht mehr, was genau ich sagte. Peter jedenfalls ließ sich auch dieses Mal überzeugen und Stranski blieb im Dienst.

Der „Third Strike“ kam im Herbst – ich greife hier vor, um die Geschichte zusammenhängend zu Ende bringen zu können. Ich hebe an dieser Stelle hervor, dass ich die folgenden Vor- und Zusammenhänge nur von der Anklägerseite kenne, da Stranski wegen ebenjener Geschehnisse von einem Tag auf den anderen nicht mehr kam. Magnus hat ihn eine Weile später zufällig in Landscheid getroffen, wo er neuerdings wohne und nur erzählt, dass Stranski eine ganz eigene Version der Geschichte hatte, allerdings ohne auf Details einzugehen.
Stranski war also, laut Arbeitgeberauskunft, nachmittags wegen einer Routineangelegenheit (vielleicht Ölwechsel) mit seinem Fahrzeug in der Werkstatt gewesen und der Mechaniker Yuri bemerkte zum Feierabend, dass sein Werkzeugkasten fehlte. Auf Stranskis Facebookseite erschien kurz danach ein Eintrag, in dem er ein Foto seiner zur Werkstatt umfunktionierten Garage zeigte, mit dem Hinweis, dass „sein Reich“ nun „endlich komplett“ sei. Yuri glaubte seinen Werkzeugkasten als Detail im Hintergrund erkennen zu können und Rama fuhr zu Stranski, um ihn zu bitten, ihm, in Anspielung auf den Kommentar, sein Reich doch mal zu zeigen. Stranski tat dies bereitwillig, Rama besah sich den Werkzeugkasten und fand darin, so seine Aussage mir gegenüber, Yuris Namen, den dieser zur Kenntnisnahme seines Privateigentums (zur Abgrenzung zum Firmeneigentum) darin hinterlassen hatte. Diesmal fand ich keine Argumente, weil ich davon ausgehen musste, dass Rama und Yuri sich diese Geschichte nicht aus der Nase zogen, und die Theorie, dass man sich verschworen habe, um Stranski was anzulasten, um ihn fristlos rausschmeißen zu können, wollte nicht in mein Vorstellungsvermögen passen.

Die Firmenleitung sah Stranski also des Diebstahls überführt und schickte ihm die sofortige Kündigung. Sein Wegfall brach meiner Arbeitsmoral quasi das Genick, die unter den unbarmherzigen Arbeitszeiten schon sehr gelitten hatte. Denn zum einen war sein Nachfolger weder in der Lage noch willens, die gleiche Arbeitslast zu stemmen, was mir mehr als eine zusätzliche Stunde Arbeit am Tag in Bitburger Dörfern bescherte, aber, und das war ja herausragend, vor allem hatte sich meine Hoffnung auf Mitwirkung in einem Dispoteam völlig zerschlagen. Ohne Hoffnung auf Besserung arbeitet es sich nur halb so gut. Spätestens ab diesem Zeitpunkt verschwand meine Freude am Fahren und ich stand in der Tat morgens auf mit dem einzigen Wunsch, der Tag möge ohne bedeutende Hindernisse schnell vorbeigehen.
Das ist eigentlich der Zeitpunkt, zu dem ich jedem empfehle, sich einen anderen Job zu suchen.

Ein nerviges Hindernis stellte der Verlust eines Teils meines völlig verrosteten Endrohrs während der Zustellung in Trier dar. Ja, man hatte mich bedarfsgemäß mal wieder woandershin geschickt. Wie dem auch sei: An einem stark verregneten 20. Juni, es goss wie aus Kübeln, fiel mir in der Zurmaiener Straße plötzlich ein verdächtiges und schleifendes Geräusch vom Unterboden her auf. Ich hielt sofort an, etwa auf Höhe der Jugendherberge, und guckte unters Auto. Klarer Fall, das Endrohr war direkt hinter dem Turbo durchgerostet, worauf es sich mangels Spannung aus den Gummihalterungen gelöst hatte und mit dem hinteren Stück auf die Straße gefallen war. Eine Art Metallgewebe an der Bruchstelle verhinderte, dass das Teil komplett abfiel. Was tun? Ich telefonierte mit Peter, der mir riet, die nächste Werkstatt aufzusuchen, um das Rohr vollständig zu lösen, damit ich es nicht weiter hinter mir her schleifte. Wegen der räumlichen Nähe wählte ich ATU im Wasserweg. Dann telefonierte ich mit der Werkstatt, von wo aus sich jemand mit einem Ersatzfahrzeug auf den Weg machen würde.
Der ATU-Mechaniker traute seinen Augen nicht recht, mit was ich da herumfuhr und durchtrennte das Stahlgewebe mit einer Drahtschere, wobei mir auffiel, dass ich das hinterste Teil des Endrohrs, das Teil hinter dem Schalldämpfer, auf dem Weg hierher irgendwo auf der Straße verloren haben musste, dort hatte der Rost sich der Vibrationen nicht mehr erwehren können. Diese Dienstleistung wurde mir nicht in Rechnung gestellt, was ich schon mal nett fand.

Nach knapp zwei Stunden, die ich dösend auf dem Parkplatz des Firmengeländes verbrachte, tauchte mein bestellter Mechaniker auf (ich habe ihn zu Beginn der Beschreibungen meiner Fahrertätigkeit einfach als „Mechaniker 2“ bezeichnet und dies nie durch einen Decknamen ersetzt), um das Ersatzfahrzeug zu übergeben, und das hieß, dass wir die Autos quasi Hintern an Hintern parkten, um beim Umräumen der verbliebenen Pakete so wenige Wasserschäden wie möglich zu verursachen, was natürlich weitere Zeit in Anspruch nahm. Es würde mal wieder ein langer Tag werden. Seine Theorie widersprach der meinen und erschien mir als Laien völlig abstrus: Das Endrohr habe sich aus seinen Verankerungen gelöst, worauf die Vibration das Ablösen des Endrohrs hinter dem Turbo verursacht habe. Das machte nach meinem Ermessen keinen Sinn, aber er gehörte zu den Leuten, die ihre einmal gewonnenen Überzeugungen nur sehr schwer wieder aufgaben.

An dieser Stelle weist mich meine Zettelnotiz auf meine Begegnung mit dem Präsidenten der Fachhochschule Trier hin, das heißt, das war wohl auch im Juni 2013. Ich war aus den üblichen Gründen – maßlose zeitliche Überlastung – sehr spät dran und kam wegen konkreter Expresstermine und eindeutigen Warenannahmezeiten (Real z.B. macht gnadenlos um 13 Uhr dicht) erst am späteren Nachmittag zur FH. Die Temperaturen waren angenehm, aber der Himmel war grau bewölkt. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich etwa ein Dutzend Pakete, darunter Ware von Elektronikversendern. Die Poststelle war bereits verwaist, das Kellerfenster mit der Warenrutsche fest verschlossen. Um die Ware irgendwie loswerden zu können, ging ich vom Keller die Treppe wieder hoch in den Verwaltungstrakt, fand aber auch dort nur leere Büros vor – bis auf das letzte. Nur der Chef persönlich war noch da. Mein Hierarchiebewusstsein sagte mir, dass das heute nichts mehr werden würde, aber auf meine Anfrage hin erklärte sich der Präsident bereit, eine Unterschrift zu leisten und half auch noch höchstpersönlich beim Abladen. Da war ich doch erstaunt und vermerkte auf meinem Notizzettel den Begriff „FH-Präsi“ (nur leider ohne Datum).

Zu meinem „Ausflug“ mit Magnus in die Röntgen- und Strahlentherapieabteilungen komme ich beim nächsten Mal. Hoffentlich bald.

15. Februar 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 8)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 14:09

Kommen wir nun zum Abschluss meiner Beschreibungen des ADR-Lehrgangs im Frühjahr 2013.

Auch als im Büro arbeitender Gefahrgutbeauftragter erlebt Herr Bach scheinbar genug. Da rief ihn eines Tages die Polizei an, weil ein Transoflex Fahrzeug nicht ausreichend gekennzeichnet gewesen sei: Den Beamten hatte missfallen, dass sich die orangefarbene Gefahrgutwarntafel an der Hecktür nach ihrem Empfinden nicht ausreichend vom ebenfalls orangefarbenen Transoflex Schriftzug oder den orangefarbenen „Rallystreifen“ abhob. Wozu, meinte Herr Bach zu dem Anrufer, sei wohl die deutliche schwarze Umrandung der Warntafel da? Und ob er denn auch konsequent alle Fahrzeuge der Stadtwerke rauswinke, wenn sie zwecks einer Instandsetzung eine kennzeichnungspflichtige Menge brennbarer Lackfarbe geladen hätten? Schließlich seien doch auch die deutschlandweit mit den Warntafeln farbgleich. Der Vorwurf wurde natürlich fallen gelasen.

Anderswo hatte sich ein Polizist Verkehrssicherheit und Umweltschutz zur vorrangigsten Aufgabe gemacht und ging so weit, täglich einige Hundert Meter vor dem Tor eines ToF-Depots ein Schild aufzustellen, das die Lieferfahrer pauschal dazu aufforderte, zwecks Kontrolle auf dem nächsten Parkplatz zu halten.
Haltenetz nicht heruntergezogen? Bußgeld.
Pakete nicht formschlüssig geladen? Bußgeld.
Gefahrgut nicht in der entsprechenden Box? Bußgeld.
Fahrt- und Kontrollnachweise vernachlässigt? Bußgeld.
Feuerlöscherplombe durch Unachtsamkeit entfernt? Bußgeld.
Frachtpapiere nicht vollständig oder nicht unterschrieben? Bußgeld.
Schließlich, als die Fahrer wussten, was kam und entsprechend penibel vorsorgten, ging er dazu über, die Transportsicherheit von Gefahrgutsendungen im Besonderen zu überprüfen, indem er feststellte, ob man noch ein Blatt Papier dazwischen einschieben konnte. Wenn Ja: Nicht formschlüssig – Bußgeld. Davon hatte der Konzern alsbald genug und man reichte eine Beschwerde ein, worauf die Schikane aufhörte.

Auch nicht schlecht war die Geschichte von dem Lieferfahrer, der auf winterlicher Fahrbahn auf einem Eisfleck weggerutscht und gegen einen Baum geprallt war. Der Schaden an der Fahrzeugfront war beachtlich und es war zu keinem Austritt gefährlicher Stoffe gekommen, aber der Fahrer hatte wohl einen Schock erlitten, denn während ein aufmerksamer Autofahrer den Unfall schon bald meldete und das Fahrzeug von der Feuerwehr gesichert werden konnte, wurde der Fahrer erst zwei Stunden später ziellos in der Gegend umherirrend aufgefunden.

Am allerirrsten fand ich die Geschichte, dass ein scheinbar radikaler Umweltaktivist einen Sprinter mit Radioaktiv-Kennzeichnung von der Straße abgedrängt hatte, weil er der Meinung war, es handele sich um einen Transport von Brennstäben in ein nahes Atomkraftwerk oder vom Atomkraftwerk in ein Zwischenlager. Dabei transportieren wir ausschließlich radioaktives Material zu medizinischen Zwecken – aber wer weiß das schon? Die Zeiten, wo Atomkraft als saubere Energie verklärt und anerkannt war, sind ja mittlerweile vorbei und dank entsprechender Berichterstattung in allen Medien geht Otto Normaldosenbiertrinker davon aus, dass „Radioaktiv = Teufelszeug“.

Ich weiß ja selbst nicht alles… so war mir zum Beispiel zwar klar, dass so genannte Alphastrahler nur wenig Reichweite besitzen, aber ich wusste nicht, dass sie auch so schwach sind, dass man die Strahlung mit einem Blatt Papier aufhalten kann. Gefährlich sind diese Stoffe nur bei dauerhaftem Aufenthalt im Gefahrenbereich mit entblössten Hautstellen – oder bei Aufnahme in den Körper, zum Beispiel als Staubpartikel in der Lunge oder im Verdauungssystem. Dann wirkt das Partikelchen konstant auf lebende Zellen in der direkten Umgebung und löst mit höchster Wahrscheinlichkeit Mutationen, also Krebs aus.
Man muss sich also darüber im Klaren sein, dass Strahlung nicht haften bleibt. Strahlung dringt gegebenenfalls durch das Gewebe und schädigt lebende Zellen. Das ist alles. Wird die Quelle entfernt, besteht mangels Strahlen auch keine Gefahr mehr. Nur aus psychologischen Gründen sei es angebracht, erläuterte Herr Bach, eine Zusammenladung von zum Beispiel Babybrei mit Plutoniumbehältern gegenüber den aller Wahrscheinlichkeit nach unwissenden Anwesenden im Eingangsbereich eines Krankenhauses zu verschleiern, zum Beispiel mit Hilfe einer kleinen Decke. Die könnten glauben, der Brei sei jetzt verstrahlt und schädlich für die neugeborenen Empfänger, während die einzige tatsächlich feststellbare Veränderung im Nahrungsmittel darin bestehe, dass die Joghurtkulturen „ausgedreht“ hätten.

Die Kursteilnehmer, etwa zwei Dutzend, waren allesamt Männer, und die meisten waren keine Leuchten, soll heißen: Menschen von völlig durchschnittlicher Bildung, von zwei oder drei Ausnahmen abgesehen, die den Schnitt unterboten. Ich habe mit dem einen oder anderen auch mal zwei oder drei Sätze geredet, aber zu mehr kam es nicht. Ich hatte den Eindruck, dass ich der einzige Teilnehmer war, der von seiner Firma quasi als Einzelgänger geschickt worden war. Die anderen kannten sich vom Arbeitsplatz her und es gab auch zwei, die früher mal im selben Unternehmen gearbeitet hatten. Die Hälfte der Leute bestand aus den Kindern oder Enkeln von Zuwanderern, darunter ein türkischer Deutscher Anfang Zwanzig, der mir wegen seines Kommunikationsverhaltens am Telefon auffiel, als er in der Mittagspause mit jemandem telefonierte, und das lief etwa so ab:
„(türkischtürkischtürkischtürkisch)? Ey, alles klar, (türkischtürkischtürkischtürkisch). (türkischtürkischtürkischtürkisch), weißt Du? Ey, ich schwör, (türkischtürkischtürkischtürkisch)!“
Als Linguist muss es einen in den Fingern jucken, entsprechende Studien zu machen.

Es war ein „deutscher Deutscher“ dabei, der entweder zu der Sorte gehörte, die gern vorgab, schlauer zu sein, als tatsächlich der Fall war, oder zu den Leuten, die es nicht ertragen konnten, ein Nichtwissen zuzugeben. Oder beides zusammen. Seine Kommunikationsstrategie zum Überspielen von Nichtwissen war dabei immer die gleiche:
„Stickstoff siedet bei -196° C und gefriert bei -210° C.“
„Ah ja, genau, absoluter Nullpunkt und so.“
Er wartete regelmäßig Aussagen und Antworten ab und gab dann durch solche Einwürfe vor, sich in genau dem Moment an eben jene genannten Details erinnern zu können. Es hätte ihn bestimmt keiner schäl angesehen, wenn er in solchen Situationen die Klappe gehalten hätte (ich weiß ja selbst nicht auswendig, bei welcher Temperatur Flüssigstickstoff transportiert wird, wozu auch?), aber er litt wohl an einem ausgeprägten Geltungsbedürfnis und ging mir auf den Keks.
(Abgesehen davon hat der so genannte Absolute Nullpunkt rein gar nichts mit dem Gefrierpunkt von Sticktoff zu tun.)

Ich muss aber gestehen, dass ich selbst ein bisschen überdreht war. Ich hatte schon völlig vergessen, wieviel Spaß es machen konnte, sich mal hinzusetzen und sich neues Wissen anzueignen. Ich fühlte mich pudelwohl und man merkte es wohl an meinen „Suggestionen“. Wir behandelten in einer Situation die Weisung, dass ein Fahrzeug mit Gefahrgut, gerade, wenn es sich um radioaktive Stoffe handelte, bei jedem Stopp zu verschließen sei, um eine unbefugte Entnahme durch Dritte zu verhindern, schließlich sei Terrorismus eine reale Gefahr. Herr Bach beschrieb dann eine Adresse in Köln:
„Da steht ein großer Gebäudekomplex, wissen Sie, um was es sich handelt?“
„Die Leichenverbrennungsanlage?“
„Nein, das Wasserwerk! (Was glauben Sie, was los ist, wenn einer eine Plutoniumkapsel aus Ihrem Wagen entwenden und sie in einem der Tanks versenken kann? Usw.)“
An anderer Stelle kamen wir auf Kaliumcyanid (auch als Zyankali bekannt) zu sprechen:
„Wofür verwendet man das?“
„Zum Selbstmord?“
„Ja, auch… in erster Linie braucht man es für Galvanisierungsverfahren in der Industrie.“
Mein rechter Nebenmann konnte ein Lachen nicht unterdrücken:
„Sag mal, was bist Du denn für einer??“
Ich war also auch nicht ohne in diesem Zusammenhang, hatte aber ganz andere unterbewusste Gründe dafür.

Unser Praxisunterricht bestand aus dem Betätigen eines Feuerlöschers. Da kam einer von der Feuerwehr, baute eine Anlage auf, die aus einer Gasflasche und einem angeschlossenen, aufrecht stehenden Rohr bestand, aus dessen Auslassöffnung das Gas strömte. Das Gas wurde entflammt und einer nach dem anderen sprühte es mit dem Feuerlöscher aus, worauf es jeweils erneut entzündet wurde, bis alle durch waren. Ich weiß nicht, ob diese Unterrichtseinheit einen großen Lerneffekt erzielte, aber immerhin hatte ich bis zu jenem Zeitpunkt noch nie einen Feuerlöscher bedient.

Als wir beim Radioaktivkurs angelangt waren, hatte sich die Anzahl der Teilnehmer deutlich verringert, schließlich braucht nicht jedes Fuhrunternehmen einen Spezialisten für dieses Feld. Wir waren dann noch sieben oder acht Leute und ich bemerkte anhand der unterrichtsrelevanten Äußerungen der anderen einen spürbaren Anstieg des Intelligenzquotienten im Kursdurchschnitt – die Kellerkinder waren nach dem Basiskurs zufrieden nach Hause gegangen. Leider erinnere ich mich nicht mehr an das Zahlenverhältnis von ethnischen Deutschen zu Migranten (oder deren Nachkommen).

Ein bisschen Sorge bereitete mir die Ankündigung, dass die Abschlussprüfungen (eine für den Basiskurs und eine für den Radioaktiv-Aufbaukurs) direkt im Anschluss an die letzte Unterrichtseinheit stattfinden würde. Das hieß ja, dass keine Zeit war, noch einmal das Wichtigste durchzugehen und das Aufgenommene einsinken zu lassen. Die Sorge erwies sich allerdings als unbegründet. Ein Großteil der Fragen ließ sich mit gesundem Menschenverstand beantworten, der Rest beinhaltete u.a. Fragen zur Bedeutung von Warnhinweisen.
Ich bestand beide Prüfungen problemlos und hatte lediglich eine Frage falsch beantwortet. Ich ging danach zum Prüfer und wollte wissen, um welche Frage es sich handele und was denn die richtige Antwort sei, aber er wies darauf hin, dass er diese Frage auf Grund der geltenden Regularien nicht beantworten dürfe.

Witzig war, dass mir just zu jener Zeit das Lied „Radioactive“ von Imagine Dragons auffiel, ich hörte es auf einer der Fahrten nach Köln zum ersten Mal, also wurde es mein persönliches Lehrgangslied und wollte mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ich verbinde es mit einer guten Phase inmitten einer arbeitszeitlich extrem anspruchsvollen Zeit.

Moralisch gestärkt kam ich also aus dem Lehrgang zurück und wartete darauf, entsprechend eingesetzt zu werden, doch es gingen weitere Wochen ins Land, ohne, dass sich irgendetwas in dem Bereich tat. Das heißt leider tat sich etwas anderes, was meine längerfristigen Hoffnungen dämpfte.

Dhalsim, neben Stranski und mir eine Stütze des von Peter erdachten Dispoteams, sprach mich eines Morgens am Band locker an und deutete an, sich im Rahmen von JP Transporte selbständig machen zu wollen (also als Sub-Subunternehmer, wie Peter und der Tourenfürst). Ich hätte doch was auf dem Kasten und er könne einen kühlen Denker als Partner brauchen.
Ich war zunächst irritiert. Woher kam dieser Plan? Hatte Peter seine Vorstellung von der Firmenreorganisation überhaupt mit jemand anderem als mir besprochen? Wusste davon irgendjemand was? Oder wusste Dhalsim nur mehr als ich? Diese Fragen verstörten mich, aber ich behielt sie für mich.
Ich lehnte aus anderen Gründen ab. Klar hätte ich nichts dagegen, mich als Fuhrunternehmer selbständig zu machen – aber nicht als Subunternehmer von JP Transporte, sondern bestenfalls bei Transoflex direkt. Ich hatte die Schnauze voll von schrottigen Autos und einer unfähigen, unwilligen oder – am ehesten noch – „angeleinten“ Werkstatt, der man, so meine Mutmaßung, aus Kostengründen von ober her verbot, Reparaturen auszuführen, die nicht TÜV-relevant waren. Wie anders sollte ich mir erklären, dass Kratzer und Beulen von den Verursachern zwar bezahlt werden mussten, die berechneten Instandsetzungen aber nie ausgeführt wurden?
Dhalsims Angebot jedenfalls war der erste Streich, und der zweite… folgte nicht sogleich, aber er folgte.

Zunächst spielte sich eine entscheidende „Begegnung“ mit meinen beiden Arbeitgebern ab, die sich an dieser Stelle gut macht, um die Skurrilität der Ereignisse der kommenden Monate für den geneigten Leser spürbarer zu machen, soll heißen: Man versteht mit diesen Informationen im Hinterkopf besser, wie ich mich bei all dem fühlte.

Im April waren die beiden noch voll überzeugt, das angedachte Dispoteam durchsetzen zu können, während ich wegen der sich mir darbietenden realen Verhältnisse bereits Zweifel hegte. Als Disponent musste man im Idealfall eine halbe Stunde vor den Fahrern im Depot sein, das heißt, zur Erinnerung, so gegen Vier Uhr morgens. In meinem Fall war das schwierig, da ich ja in Trier wohnte. Bei den aktuellen Arbeitszeiten bedeutete dies, dass ich um 0215 aufstand, um in Ruhe ein Frühstück zu mir nehmen zu können, und um Viertel nach Drei losfuhr, um um halb Fünf im Depot sein zu können.
Dispoarbeit hätte nun all das um eine halbe Stunde verschoben, Aufstehen um 0145, Abfahrt um 0245, das alles in der Hoffnung, durch die neuen Aufgaben vom Fahren etwas entlastet zu werden und zumindest mal wieder um 17 Uhr zuhause sein zu können – man erkennt an dieser Stelle also deutlich, wie bescheiden man als Paketfahrer in seinen Ansprüchen wird. Gerade dann, wenn man bedenkt, was für Arbeitskämpfe Mitte der 1980er stattgefunden haben, um (in der Metallindustrie) die 35-Stunden-Woche durchzusetzen. In der Paketlogistik wirken solche Forderungen wie Utopia, Schlaraffenland, Nimmerland und Wolkenkuckucksheim in einem: Eine 60-Stunden-Woche hätte mir schon zur Zufriedenheit gereicht.
Man fühlt sich an den Band „Asterix und Cleopatra“ erinnert, wo die Pyramidenbauarbeiter streiken – und zwar nicht etwa, weil sie höhere Bezahlung oder mehr Freizeit verlangen, sondern weil sie weniger Peitschenhiebe wünschen. Genau so kam ich mir manchmal vor. Nur ohne den Streik.

Mitte April also kamen Rama und Peter zu mir, um das Thema anzusprechen.
„Wann willst Du eigentlich umziehen?“
Meine letzten ernsthaften Versuche, eine Wohnung im Koblenzer Gebiet zu finden, lagen zwei Monate zurück.
„Ich will zuerst sehen, ob sich Euer Plan realisiert, sonst ziehe ich am Ende vergeblich um!“
„Hm, nein“, meinte Rama, „Du musst erst umziehen, sonst können wir Dich nicht so einsetzen, wie geplant.“ Denn es ging ja nicht nur um Büroarbeit, meine Aufgabe sollte auch darin bestehen, spontan bei Problemen einzuspringen, was natürlich schwierig ist, wenn man über eine Stunde weit entfernt wohnt. Und dann fügte er einen Satz hinzu, der so typisch ist für die Persönlichkeitsmerkmale, die ihn von seinem Bruder unterscheiden:
„Wenn das nicht so klappt, dann… müssen wir uns was anderes überlegen.“
Diese reichlich unverhohlene Drohung machte mich wütend, aber da diese zombiehafte Existenz mir immer noch besser erschien, als beim Arbeitsamt betteln zu gehen, forcierte ich das Vorhaben „Umzug“.

8. Februar 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 7)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 12:23

Ich muss noch eine Saarburger Geschichte hinzufügen. Da war ich in Irsch bei einem Arzt angekommen, kramte sein Paket hervor und schloss gerade die Hintertür des Sprinters, als ein älterer Herr in verdächtiger Kleidung auf die gleiche Eingangstür zuspaziert kam: Grüner Filzhut mit Gamsbart, grüner Lodenmantel, Bundhosen, grüne Wollstrümpfe, wanderfestes Schuhwerk, rustikaler Wanderstock. Ja, es fehlte nur noch die Flinte an der Schulter. Nach einem kurzen Blick auf mein amtliches Kennzeichen – es beginnt mit „WW“ – grinste er mich vergnügt an und sagte (wörtlich):
„Ah, Sie kommen aus ‚em Westerwald – da wer’n die Frau’n geknallt!“
Ich war erstmal zwei oder drei Sekunden sprachlos wegen dieser unerwarteten Obszönität und entgegenete dann „Nee, da pfeift mir der Wind zu kalt…“, holte mir meine Unterschrift von der Sprechstundenhilfe, und sah zu, dass ich wegkam.

Auch Stranski wollte mal Urlaub, und so kam es, dass uns, den verbliebenen „Trierern“, ein alter Bekannter über den Weg lief: Der Kurde. Richtig, das ist der Typ, der damals versucht hatte, in Komplizenschaft mit drei anderen Mitarbeitern, massenweise Elektronikware zu stehlen. Überführt hatte er alles zurückgegeben und kam mit irgendeinem nie durchgesickerten Deal ungeschoren (wenn auch fristlos entlassen mit Hausverbot im Trierer Depot) davon. Er fuhr dann zwei Tage Bitburg, weil er Peter diese Bitte scheinbar nicht abschlagen konnte. Dabei sei er hundemüde, erzählte er, da er eigentlich Spätschicht in einer Schlosserei arbeite und nach vier Stunden Schlaf nach Koblenz komme, um bis zum Nachmittag Pakete in Bitburg zu verteilen. Wohl auf Grund dieser Belastung kam es dann dazu, dass der Kurde nach zwei Tagen erlöst und durch mich ersetzt wurde.

Durch mich? Moment mal! Warum zum Teufel ich? Vor laaanger Zeit („vor dausendundeinem Jahr“, um es mal mit der Rhetorik eines Oberst Gerhardus auszudrücken) war ich mal mit Kelvin die Tour gefahren, im Spätsommer 2011, ich hatte sie also schon mal GESEHEN, mehr aber auch nicht. Es lief also wieder so, wie es immer gelaufen war: Ich erhielt morgens ohne Vorwarnung den Auftrag, eine mir unbekannte Tour zu fahren und bekam eine, na ja, halbwegs brauchbare Stoppsetzung, an der ich mich orientieren sollte. Natürlich wurden die ersten drei Tage zur reinen Katastrophe, weil nichts klappte und ich musste mir bei (damals noch) Toom einen Tadel vom berüchtigten Herrn Nörgel anhören, weil er seine Tchibo-Pakete nicht am Mittwoch, sondern erst am Donnerstag erhielt – niemand hatte mir gesagt, dass die bereits um 1300 zumachen.

Herr Nörgel stellte in jener Woche auch weiterhin klar, warum er einen Ruf als altes Ekel hatte: Ein offenbar neuer LKW-Fahrer fuhr an die Rampe und weil er scheinbar davon ausging, er müsse sich erst beim Lagermeister anmelden (ist ja vielerorts so), stellte er sich auf dieselbe, rief mangels Klingel in die offene Tür hinein und wartete auf den Lagermitarbeiter. Lagermitarbeiter Nörgel (irgendwo Mitte Fünfzig, Brille, einen Kopf kleiner als ich, hager, Schnauzbart) kam aus jener seiner Tür, fasste den Fahrer scharf ins Auge und forderte ihn unmissverständlich auf, hinabzusteigen:
„Runter von der Rampe! Sie haben hier nichts zu suchen!“
„Ich steh doch nur hier!“
„Das ist egal, sie haben hier oben nichts zu suchen, also runter da!“
„Das ist aber unhöflich…“ fügte der Fahrer noch leise hinzu und trollte sich dann.
Ich merkte mir also gut, die Laderampe überhaupt nur dann anzufassen, wenn es unbedingt notwendig war.

Es wurde im Laufe der kommenden Zeit, in der es mich wieder (und gleich für mehrere Monate) nach Bitburg verschlagen sollte, aber auch klar, dass Herr Nörgel seine Ungunst verteilte, je nachdem, wie sympathisch ihm der entsprechende Lieferant war. Ich habe die Gewohnheit, gerade grantige Kunden mit ausgesuchter Höflichkeit zu behandeln und bekam den Herrn Nörgel nach wochenlanger Bearbeitung dahin, dass er tatsächlich meinen Abschiedsgruß erwiderte (ich wünsche jedem Kunden einen schönen Tag – soviel Zeit muss sein). Auf die Idee, wie der UPS-Mann nach dem Ausladen tatsächlich (ungestraft!) auf die Rampe zu hüpfen, um die Unterschrift zu bekommen, kam ich allerdings nie. Und ich möchte zu guter Letzt noch hinzufügen: Der Umgangston des Herrn Nörgel mag hin und wieder ruppig erscheinen, aber prinzipiell macht er seinen Job richtig, denn er macht nicht lang rum und unterschreibt sofort, und er achtet darauf, dass Lieferanten in der Reihenfolge entladen, wie sie an seiner Rampe ankommen – keine Chance für Vordrängler.

Im März 2013 machte Peter sein Versprechen wahr und buchte mir einen Platz bei der ADR-Fortbildung. Das Akronym „ADR“ steht für „Accord Européen relatif au transport international des marchandises dangereuses par route“, offiziell übersetzt als „Europäisches Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße“. Ich sollte den Basiskurs und im Anschluss das Seminar über den Transport von nuklearem Gefahrgut besuchen, mit abschließender Prüfung, Kostenpunkt: 600 E.
Laut Kursplan waren mindestens 18 Einheiten Theorie zu je 45 Minuten vorgesehen, zuzüglich einer Unterrichtseinheit Praxis. Der Unterricht fand in der Transoflex DG Köln statt, jeweils samstags, von 0800 bis in den Nachmittag, inlusive einer Stunde Mittagspause, wenn ich mich nicht irre. Aber es ist schon lange her, und, wie ich bereits erwähnte, sind meine Notizen zur ersten Jahreshälfte 2013 verloren gegangen. Es erscheint mir jedenfalls nachvollziehbar, dass wir dreieinhalbe Tage Grundkurs und zwei Tage Aufbaukurs machten, genau weiß ich es leider nicht mehr.

Der halbe Tag jedenfalls bestand gleich aus einem Freitag, ich würde also nach der Tour sofort nach Köln fahren müssen. Zu jener Zeit war ich in Trier unterwegs, hatte gewissermaßen Glück – ich hielt schnell am Weidengraben an, aß etwas und machte das Auto übernachtungsfähig, weil Peter vergessen oder nicht vorgesehen hatte, mich in einem Hotel oder so unterzubringen. Die Planungen hierzu stotterten jedenfalls bereits im Vorfeld und ich teilte ihm schließlich mit, dass ich mich selber um die Angelegenheit kümmern würde. Ich nahm die Gästematratze, Bettzeug und den Reiskocher (zusammen mit Reis, Furikake und Mayonaise) und fuhr nach Köln.
Am Kölner Depot erklärte ich dem Wachmann meine Situation: Ich würde heute abend nicht mehr nach Trier fahren, nur um morgen in aller Frühe wieder herzukommen – ob es denn möglich wäre, auf dem gesicherten Firmengelände unterzukommen. Der Wachmann teilte mir in (nach meiner Erfahrung) ganz und gar un-wachmann-mäßig freundlicher Weise mit, dass dies auf Grund eindeutiger Vorschriften leider nicht möglich sei, aber ich könne problemlos die Waschmöglichkeiten für die Linienfahrer nutzen, für die eine Dusche vorhanden sei.

Peter hatte angekündigt, die Sitzung am Freitag Abend dauere nicht lange, ein bis zwei Stunden oder so, da würden nur der Kursplan besprochen und Formalia erledigt. Aber damit war’s nichts. Nach der Besprechung und den Formalitäten stiegen wir gleich ab etwa 19 Uhr bis 22 Uhr in den Unterrichtsstoff ein, quasi volle Pulle. Ich hatte mit einer Freundin aus Trierer Studentenzeiten ausgemacht, uns am Abend kurz zu treffen, aber das konnte ich vergessen. Wir erhielten ein Lehrbuch, neueste Ausgabe, weil wir der erste Kurs waren, der nach der neuesten Fassung der Gesetzesvorlage ausgebildet wurde. In Folge dessen bekamen wir nach erfolgreicher Prüfung auch keine „ADR-Scheine“ mehr, sondern eine Karte im Kreditkartenformat, inklusive eines biometrischen Lichtbildes (wobei ich feststellte, dass gar keine nicht-biometrischen Bilder für solche Zwecke mehr angeboten wurden). Das Gesicht wird für diese Bilder exakt frontal fotografiert und beide Ohren müssen zumindest theoretisch sichtbar sein. Auf keinen Fall dürfe das Kopfhaar ins Gesicht hängen, so wie bei einem Koblenzer Fahrer vor zwei Jahren. Seiner Beschreibung entnahm ich, dass es sich möglicherweise um den Michael-Jackson-Verschnitt handelte, dessen Auftritt bei der Weihnachtsfeier 2011 ich ja verpasst hatte.

Der Kurs sah übrigens für Frühstücks- und Mittagspausen etwas Verpflegung vor, belegte Brötchen und Getränke, da es in der Umgebung des Depots scheinbar keine Verpflegungsmöglichkeiten gibt. Wir wurden genau darüber belehrt, wieviele Brötchen und Flaschen uns zustanden, aber letztlich war es überflüssig, weil nicht jeder von den Brötchen aß, von daher waren für die anderen Teilnehmer mehr als genug da und niemand hatte Grund, sich zu beschweren, er sei zu kurz gekommen.
Ein bisschen Lachen musste ich nur wegen eines gleichzeitig im Gebäude stattfindenden Managerseminars, denn deren Catering machte einen viel appetitlicheren Eindruck als unseres. Wir bekamen gute, einfache Brötchen mit Käse, Wurst oder Hackepeter (also gewürztes Hackfleisch, für dessen Verfeinerung noch Zwiebeln gereicht wurden):

01 ADR Brötchen

Bei den Managern machten die Brötchen und Schnittchen zumindest optisch einiges mehr her:

02 ADR Managerbrötchen

Nach dem Unterricht ging ich Duschen, brauchte aber mangels Appetit den Reiskocher noch nicht, ich hatte in Trier gegessen. Auf der Ladefläche richtete ich das Gästebett her und ordnete ein paar verbliebene Pakete zu einer Ablage für meine Habseligkeiten. Dabei stellte ich fest, dass meine Telefonbatterie beinahe leer war – nicht weiter schlimm, wenn das Handy nicht auch mein Wecker wäre. Mit dem verbliebenen Ladestand würde das Gerät den nächsten Morgen nicht mehr erleben. Allerdings war es scheinbar so, dass der Wecker auch funktionierte, wenn ich das Telefon abschaltete, damit die Batteriespannung nicht weiter abnahm, aber ich war mir nicht sicher. Ich hatte jedoch keine Wahl, als es zu testen.

Der Wecker funktionierte in der Tat, erwies sich aber als überflüssig. Um sieben Uhr begann der Arbeitstag eines Wertstoffrecyclingunternehmens quasi neben meinem Bett und tonnenweise Altmetall wurden geräuschvoll auf dem Gelände abgeladen. Ich war auf einen Schlag hellwach, fuhr hoch – und die Alarmanlage des Sprinters ging los, weil ich die Schließanlage eingeschaltet hatte, um mich sicherer zu fühlen. Ich sprang also zum Lichtschalter hoch, es war saukalt im Laderaum, krallte mir hastig den Schlüssel und schaltete die Hupe ab. Ich habe in den kommenden Wochen darauf verzichtet, mich im Auto einzuschließen, aber ich blieb dabei, freitags nach der Tour nach Köln zu fahren, da es mir angenehmer schien, als samstags in aller Frühe fahren zu müssen. Es herrschten draußen aber halt Minustemperaturen, und ich spürte das nachts durch die Decke, da sonst um mich herum nur das Blech des Autos war.

03 ADR Unterbringung

Der Kursleiter, Herr Bach (Name natürlich geändert), zeigte sich weniger pedantisch, als man ihn mir beschrieben hatte. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an meine Schilderung der Begebenheit, als der Kurde auf genau diesen Lehrgang geschickt worden war und meine Freundin mehr oder minder scherzhaft mutmaßt hatte, das sei vielleicht Peters Wahl der Mittel, um ihn loszuwerden, da der Kurde fast grundsätzlich zu spät kam und bestimmt aus dem Kurs fliegen würde. Der Kursleiter war in der Tat streng, aber auch flexibel. Einer der Teilnehmer kam zweimal zu spät und erntete Missfallen, wohl am meisten wegen seiner fadenscheinigen Erklärungen, aber er schien nicht in Gefahr, gesperrt zu werden. Er zog es scheinbar selbst vor, zur dritten Sitzung nicht mehr zu kommen.

Herr Bach war ein Füllhorn interessanter Anekdoten. Er hatte wohl selbst als LKW-Fahrer angefangen und hatte sich mittels Fortbildungen in seine aktuelle Position hochgearbeitet, als Hauptverantwortlicher für Gefahrgüter bei Transoflex. Würde irgendeiner von uns beim Gefahrguttransport einmal Mist bauen, würde er es binnen fünf Minuten erfahren.
So erzählte er zum Beispiel, dass er mit einem Lastzug mit flüssigem Aluminium an einer eisglatten Steigung (er nannte auch die konkrete Stelle einer bestimmten Autobahn) ein Rückwärtsrutschen nur hatte verhindern können, indem er bei Vollgas die Räder drehen ließ, und glücklicherweise war die Fahrbahn so ausgewalzt, dass ihn die Spurrillen zur Seite hin festhielten.
Außerdem war er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und hatte bei einem Rettungseinsatz wegen einer Massenkarambolage auf einer Autobahn erleben müssen, wie die Gegenfahrbahn von haltenden Schaulustigen blockiert wurde und einer der Neugierigen ihn während der Erstversorgung eines Verletzten von hinten wegzuschieben versuchte, um ein Foto machen zu können.

Mein Vater hat selbst einmal mit dem LKW in einem solchen Stau irgendwo zwischen Saar und Odenwald gestanden und war irgendwann nach vorn gegangen, um zu sehen, warum der Verkehr stillstand, obwohl der Verkehrsfunk wissen ließ, dass sich der Unfall in der Gegenrichtung ereignet hatte. Auch in diesem Fall standen da Schaulustige, die mitten auf der Autobahn angehalten hatten. Er krallte sich einen davon und fragte ihn, was er glaube, hier zu tun? „Och… mal gucken…“ sagte er Angesprochene ziemlich unverbindlich, worauf meinem Vater der Kamm schwoll, also sagte er zu ihm, er werde jetzt die 200 m zu seinem LKW gehen und den Axtstiel hinterm Sitz hervorkramen, und wenn er dann hier zurückkomme und die Fahrspur nicht frei sei, werde er sein Auto kurz und klein schlagen. Der Verkehr kam binnen einer Minute wieder ins Rollen.
Einen solchen Extremfall habe ich selbst noch nicht erlebt, aber es passiert bei Blaulicht auf der Fahrbahn gegenüber immer wieder einmal, dass es zu einer Verlangsamung des Verkehrsflusses kommt, weil die Neugierigen zwar nicht stehen bleiben, aber das Tempo zurücknehmen, um wenigstens einen Blick auf das Geschehen werfen zu können.

25. Januar 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 6)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 14:49

Konrad ging nicht mit lautem Donnerknall wie Elmo, aber auch nicht so sanft fließend wie Bert. Eines Morgens erfuhr ich, dass er im Krankenhaus gelandet sei. Ich hakte nach: Nein, er habe keinen Unfall gehabt, aber die Polizei habe ihn aus dem Verkehr gezogen. Mehr konnte oder wollte mir Peter nicht sagen, bat mich aber, die Krankmeldung bei Konrad selbst abzuholen, im Trierer Mutterhaus.
Nach der Tour fuhr ich dorthin, fragte am Empfang und wurde in die psychiatrische Abteilung geschickt. Ich fand ihn schlafend in einem Dreierzimmer und er war ganz baff, dass ihn jemand besuchen kam. Ich war zwar wegen des Attests geschickt worden, nahm mir aber die Zeit, ihn in den kommenden Tagen noch einmal zwanglos zu besuchen und erklärte mich bereit, ihn am Tag seiner Entlassung zum Bahnhof zu bringen.

Wir hatten also etwas Zeit für Dialog und er kam mit den Ereignissen rüber, die ihn in dieses Haus gebracht hatten: Er hatte scheinbar abends eine Auseinandersetzung mit seiner Frau gehabt und war am folgenden Morgen zur Arbeit gefahren. Währenddessen rief seine Frau bei der Polizei an und gab an, er habe sie bedroht. Ein Streifenwagen hatte ihn daraufhin auf der Tour abgefangen und ihn mit den Vorwürfen konfrontiert; er dürfe seine Familie (und damit sein Kind) nicht sehen, bis die Anschuldigungen geklärt seien. Konrad liebt sein Kind natürlich mehr als alles andere und in dieser Situation rutschte ihm wohl die Aussage raus, wenn er sein Kind nicht mehr sehen dürfe, „dann kann ich mich auch gleich umbringen!“ Die beiden Beamten nahmen das wörtlich, nahmen den Fahrzeugschlüssel an sich und brachten Konrad auf direktem Weg ins Mutterhaus.
Ich würde keine Sekunde lang glauben, dass Konrad jemand ist, der jemand anderem drohen würde und dies auch noch ernst meint. Aus den verschiedenen Informationsschnipseln der vergangenen Monate und dem ausführlichen Gespräch an jenem Tag würde ich eher schlussfolgern, dass seine Frau eine Person ist, die ihren Kontrollanspruch mittels des gemeinsamen Kindes als Geisel durchsetzen will: „Du tust, was ich sage, oder ich sorge dafür, dass Du Dein Kind nie wieder siehst!“

Ich habe schon einmal einen solchen Fall kennen gelernt, das ist allerdings eine Weile her. Ein netter Kerl zeugte „versehentlich“ ein Kind mit einer Frau, die er noch nicht allzu lange kannte und sah sich zum Heiraten genötigt; sie stellte sich im Nachhinein als Hexe mit Kontrollwahn heraus, von der er sich gern wieder geschieden hätte, tat es aber nicht, weil er fürchtete, von seinem Kind getrennt zu werden.
Dabei sei allen Vätern in dieser Situation gesagt, dass ihre Rechte in diesem Bereich ausgeprägter sind, als der Laie glauben mag. Erst Ende 2012 wurden die Rechte geschiedener Väter von einem Bundesgericht weiter gestärkt.
Nun ja, Konrad jedenfalls verließ das Krankenhaus nach zwei Wochen wieder, aber nachdem ich ihn am Bahnhof abgesetzt hatte, sah ich ihn nie wieder. Es bleibt nur zu hoffen, dass sein Leben heute besser ist, als in jenen Tagen.

Dies bedeutete dann, dass von den Trierer Fahrern nur noch Felix, Puck und ich übrig waren. Konrad wurde vorerst durch Joe ersetzt, einen stämmigen und sicherlich keinesfalls hübschen Syrer, geschätzt Mitte 40, der hervorragende Arbeit leistete, den Job aber hasste. Ich schätzte ihn als Kollegen und fand es positiv, jemanden wie ihn im Team zu haben. Er wechselte im Laufe des Jahres zu den Stadtwerken Trier, wo man ihn als Busfahrer einstellte, aber er kam über die Probezeit nicht hinaus. Über die Gründe hüllte er sich in Schweigen.

Einer passt hier dann schön in die Lücke: Joes Cousin. Der wohnt in Trier und ist mit einer Frau verheiratet, die am Tage meiner mündlichen Abschlussprüfung in der Anglistik die Nebensitzerin gewesen sein könnte – Frau Dr. Gerbig hatte sie mir natürlich kurz vorgestellt, aber leider war ich an dem Tag zu nervös, um mir ihren Namen zu merken. Ich habe sie allerdings angenehm in Erinnerung, da ihre Ausstrahlung entspannend auf die Situation wirkte. Mit dem Cousin jedenfalls fuhr ich durch die Eifel, wörtlich von früh bis spät, und er war nicht davon angetan, was er erlebte, zumindest bezüglich der Arbeitszeit. Natürlich sagte er ab – was ich ihm nicht verdenken kann und ich riet ihm auch von dem Job ab. Auch er hatte studiert und suchte übergangsweise etwas, aber meine Erfahrung sagte mir damals wie heute, dass man aus diesem Job nur schwer wieder herauskommt – man hat für die Jobsuche schlicht kaum Zeit. Das geflügelte Wort „Einmal Fahrer, immer Fahrer!“ hatte sich bereits zu häufig als wahr herausgestellt.
Ein paar Wochen später stand er erneut auf der Matte. Seine Arbeitssuche war bislang erfolglos, er hatte ein Kind zuhaus und seine Frau verdiente als Doktorandin nicht viel. Vielleicht war Paketfahrer doch besser als nichts? Aber auch an seinem zweiten Probetag fiel sein Urteil negativ aus: Alles, nur das nicht.

Wenn ich Joe in der Folgezeit sah, fragte ich ihn immer, wie es dem Cousin denn gehe, und wie es scheint, war er zumindest zeitweise bei Japan Tobacco in Trier untergekommen, wo man im Vergleich zu anderen Lagerjobs eine Menge verdiente und wo Rauchen am Arbeitsplatz nicht nur erlaubt, sondern erwünscht ist. Der Cousin rauchte also eine Menge über den Tag und bekam die dafür notwendigen Zigaretten auch noch vom Konzern geschenkt. Ich habe JTI ebenfalls beliefert und ich hätte schon wegen des Geruchs, der von dem Werk ausging, kotzen können, und der Geruch begleitete mich den ganzen Tag, wenn ich Tabakproben im Zentnersack auszuliefern hatte. Ich habe nicht umsonst vor ein paar Jahren zu meinem Jobvermittler gesagt, dass er mir mit JTI nicht zu kommen brauche. Aber der Cousin war selbst Raucher und fand an dem Tabakgeruch nichts schlimmes. Nun war ein Lagerjob für einen Akademiker natürlich auch nicht das Wahre, aber, wie gesagt: Bei JTI verdient man wohl nicht schlecht.

Der Cousin klagte auch, dass er zwar schon so lange in Deutschland lebe, aber trotzdem noch keine deutschen Freunde habe. Da ich ihn als intelligenten Gesprächspartner sympathisch fand, bot ich ihm an, in Kontakt zu bleiben, wofür er sich zwar bedankte, aber ich habe nichts mehr von ihm gehört, abgesehen von einem zufälligen Treffen an einer Tankstelle. Sein Mangel an deutschen Freunden geht also nicht allein von den Deutschen aus. Aber ich habe seine Telefonnummer, vielleicht sollte ich sie nutzen… und sei es nur, um herauszufinden, ob ich seine Frau tatsächlich an jenem Tag bereits getroffen habe.

Während Joe in Trier Busse lenkte, fuhr auch ich eine Weile Saarburg, und ich dachte noch, die Tour sei ja eigentlich okay, ich war gegen 17 Uhr zuhause – bis man mir nach zwei Tagen auch Konz zuteilte, das ja eigentlich zur Tour gehörte und das Peter nur deshalb ausgelassen hatte, um mir Zeit zu geben, mich an den Rest der Tour zu gewöhnen. Konz fraß etwa 60 bis 90 Minuten Zeit. Es war also auch weiterhin nicht daran zu denken, zu einer angenehmen (oder auch nur einer annehmbaren) Zeit zuhause zu sein.
12-Uhr-Expresse in Freudenburg – das ist nicht weit nördlich der Saarschleife: ein Albtraum. Eigentlich nicht mehr zu schaffen. Das hat dem Möbelhaus dort nicht gefallen, da bestellte Spülen eigentlich am Nachmittag beim Kunden verbaut werden sollten. Ich beschrieb also die Lage, die der Wechsel nach Koblenz mit sich gebracht hatte und bat um Verständnis.

Kein Verständnis hatte eine Werkstatt im gleichen Ort, da lieferte ich für 12 Uhr bestellte Felgen erst gegen drei Uhr, der Kundentermin war natürlich geplatzt, der Eigentümer stinksauer. Ich entschuldigte mich für die Verspätung und sagte, wahrheitsgemäß, dass auch das Krankenhaus in Saarburg eine Medikamentenlieferung bis 12 Uhr bestellt habe, dass ich aber aus Zeitgründen nicht an so vielen Kunden vorbeifahren könne, um alle Expresse zu schaffen, da ich anschließend wieder zurückfahren müsse, um die geplante Tourroute wieder aufzunehmen, was viel Zeit koste und ich könne ja nicht bis abends um sieben oder acht Uhr ausliefern, wollte ich nicht wegen Übermüdung zur Verkehrsgefahr werden. Ich wollte ja nur, dass er verstand, dass es mir wichtiger erschien, Medikamente pünktlich ans Ziel zu bringen, als Felgen. Von der pünktlichen Lieferung eines Medikaments kann der Erfolg einer ganzen Therapie abhängen. Er glaubte mir allerdings kein Wort und meinte, dass wichtige Medikamente wohl kaum vom Paketdienst geliefert würden. „Ach?“, fragte ich zurück, „Wer bringt die denn sonst? Die Bundeswehr etwa? Aber wenn Sie das sagen, dann wird es wohl stimmen.“
Das Gespräch endete an dieser Stelle, und ich glaube, das war auch besser so. Was will der mir über meinen Job erzählen? Ich erzähle ihm ja auch keine Geschichten von der Drosselklappe, denn wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal die Fresse halten!

Andere auffällige Punkte der Tour bestanden darin, dass ich eine junge Frau Özdemir damit überraschte, dass ich ihren Namen schreiben konnte (weil ich hin und wieder Zeitung lese) und dass ich einen Turnbeutel an der Bushaltestelle fand, den ich prompt in der entsprechenden Schule abgeben und moderne Technik in Anwendung sehen konnte: Da hängen in den Gängen Monitore, auf denen man ablesen kann, welcher Unterricht wann in welchen Raum stattfindet.
Ganz übel fand ich Pakete mit Büromaterial für ein bestimmtes Bergwerk an der Saar – denn dafür musste man quasi bis zur saarländischen Grenze fahren und dann den selben Weg wieder zurück, bis zur Brücke bei Taben-Rodt, um Richtung Freudenburg weiterfahren zu können. Ein irrer Zeitmörder. Der Ferienpark Warsberg, westlich oberhalb von Saarburg, war harmlos dagegen.

Außerdem hatte ich zur Erleichterung meiner Arbeit ein Rollbrett im Baumarkt gekauft, das mir gute Dienste leistete – bis ich es (vermutlich) in Saarburg bei einem Kunden stehen ließ, möglicherweise im Krankenhaus. Es wurde jedenfalls nicht mehr gefunden. Ich kaufte ein neues, aber ein kleineres, weil die großen ohne Angebotspreis dann doch etwas teuer waren, aber das war wegen der geringeren Fläche nicht ganz so praktisch. Außerdem wurde es mir nach wenigen Monaten im Depot gestohlen – ich hatte es einem Kollegen geliehen, damit der seine Pakete ins VL schieben konnte, er vergaß es dort und bis ich davon erfuhr, war es auch schon spurlos verschwunden. Der Rocker hatte nichts bemerkt, denn schließlich kommen und gehen immer wieder Leute mit solchen Dingern.

Es war dann an einem Morgen im Frühjahr (immer noch 2013), als wir um kurz nach Acht merkten, dass nichts mehr ging. Einer nach dem anderen sendete per Scanner seine Anfrage auf Überprüfung der Vollständigkeit der gescannten Packstücke, aber es kam nichts zurück. Der einzige, der davon verschont blieb, war Stransky – der war wie üblich bereits um kurz vor Acht rausgefahren und ging seinem Tagewerk wie üblich nach.
Es stand bald fest, dass das Transoflex Servernetzwerk ausgefallen war, und zwar in der gesamten Republik. Die IT-Abteilung in Weinheim arbeitete nach eigenem Bekunden mit Hochdruck an der Lösung des Problems, aber um 10:30 Uhr saßen immer noch alle Fahrer im Depot herum und mussten untätig warten.
Peter befand sich zu dem Zeitpunkt im Urlaub an der türkischen Riviera, und weil ja nichts zu tun war, rief Rama ihn in einem Anflug von Galgenhumor an:
„Du, wir haben’s hier halb Elf und wir sind noch nicht rausgefahren.“
„Haha, das ist mir grad völlig egal. Ich hab Urlaub.“

Im Laufe der darauf folgenden halben Stunde bahnte sich eine Notlösung an. Nach Anweisung und Anleitung von R. wurden die Scanner im Notbetrieb hochgefahren und sämtliche Scannungen würden in deren Speicher abgelegt, und eben nicht sofort an das Netzwerk weitergeleitet. Während des Arbeitstages musste besonders darauf geachtet werden, dass Abholungen und nicht ausgelieferte Pakete als solche kenntlich gemacht wurden, denn bei einem solch späten Arbeitsstart musste es notwendigerweise dazu kommen, dass man den einen oder anderen Kunden nicht mehr vor dem Ende der Warenannahmezeiten oder des Feierabends erreichte. Und es wurde ein langer Tag.

Am anderen Morgen wurden dann alle Fahrzeuge im Uhrzeigersinn um das Gebäude geleitet, damit der Rocker am Südtor Termine und Abholer in Empfang nehmen konnte. Ob der Aufwand technisch notwendig war, weiß ich nicht, aber es kostete auch wieder Zeit. Immerhin arbeitete das System zu dem Zeitpunkt wieder normal.

Alles andere als normal ist natürlich jedes Jahr die Fastnachtszeit. Sie sorgt immer wieder für Umleitungen und Wartezeiten, weil man immer irgendwo in einen Umzug hineingerät. Auch in jenem Jahr kam ich in Neuerburg bis zum Krankenhaus und machte dann gezwungenermaßen einen kilometerweiten Bogen um die Stadt herum, um am anderen Ende wenigstens das Altenheim und den Stihlhändler beliefern zu können. Die Apotheken und der Frisör mittendrin hatten da halt verloren.
Aber das war ja schon wie gehabt, 2012 war es nicht anders gewesen. Vielmehr hatte ich mich im Vorfeld mit den Kollegen Stransky und Tom abgesprochen, uns zum Rosenmontag zu verkleiden: Stransky hatte noch eine UPS-Uniform im Schrank, Tom besaß noch GLS-Klamotten und ich hatte eine TNT-Jacke.
Am Tag der Wahrheit war ich dann allerdings der Einzige, der sich traute, den Plan durchzuziehen: Ich kam im Depot an und meine beiden Komplizen trugen das übliche Zeug von ToF. Na gut. Es dauerte dann aber auch nicht lange, bis der R. auftauchte, und mich aufforderte, bitte die ToF-Jacke anzuziehen und erklärte mir, dass die Regularien verlangten, dass die Mitarbeiter im Depot die korrekte Arbeitskleidung trügen – was wir außerhalb des Depots anhätten, sei dagegen egal. Das verstand ich nicht; schließlich würde diese „Verkleidung“ ja dazu führen, dass ich beim Kunden quasi Werbung für ein Konkurrenzunternehmen machte. Der R. verstand es auch nicht und erlaubte den Fastnachtsscherz – nachdem er sich vergewissert hatte, dass ich während des Beladens noch die „richtige“ Bekleidung trug.

Eine interessante Begebenheit im Zusammenhang mit den „tollen“ Tagen kann ich noch berichten: Ich fuhr auf der Landstraße auf einen Hügel zu, als sich dort der Umriss eines Stuhls abzeichnete. Ich dachte einen Moment lang, ich hätte was an den Augen, da die wahrgenommene Größe des Stuhls in keinem Verhältnis zur geschätzten Entfernung zur Hügelkuppe stand. Als sich dann wenige Sekunden später vor dem Stuhl die Silhouette eines Traktors zeigte, wurde mir die Ursache für die Sinnestäuschung bewusst: Es handelte sich um einen Umzugswagen, in Form eines riesigen Stuhls, der hier von einem Umzug zum nächsten geschleppt wurde.

16. Januar 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 5)

Filed under: Arbeitswelt,Musik,My Life — 42317 @ 20:47

Nun pendelte ich also täglich nach Koblenz, im dicksten Februarwinter. Auf der Fahrt hörte ich Radio und fand ganz unerwartet mehrere aktuelle Songs, die mir gefielen, so sehr, dass ich sie auch kaufte. „Everything at once“ war dabei (ein Lied, das möglicherweise niemals so weit gekommen wäre, hätte es diese Kinowerbung damals nicht gegeben…), auch „Guardian“, „Geboren um zu leben“, „Euphoria“ lief ab und zu, „Move in the right direction“… Irgendwann auch dieses Lied von SELIG… wo man sich bei Stress am Paketband dabei erwischte, wie man auf einmal laut „Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte nicht alles auf einmal!“ sang. Radio hören war ungewohnt befriedigend in jenen Tagen, wenn man davon absah, dass der Moderator einem schnell auf den Keks gehen konnte. Nach wenigen Wochen, als all die schönen Lieder wieder out waren, war es dann aber auch schon wieder vorbei.

Dienstlich hatte ich mit Peter um diese Zeit das Gespräch, dass ich den Druck nicht ewig aushalten würde, denn immerhin arbeitete ich bereits seit Mitte November über 12 Stunden pro Tag (gerechnet ab 0430 am Morgen, bis ich denn um 17 Uhr, um 18 Uhr oder sogar noch später endlich nach Hause kam) – was immerhin dazu führte, dass er mir anbot, an zwei Wochenenden, genauer jeweils Sonntag auf Montag, ein Zimmer für mich zu reservieren, damit ich in Koblenz auf Wohnungssuche gehen konnte, da die für mich angedachte Verwendung voraussetzte, dass ich nah am Arbeitsplatz wohnte, und die neuen Aufgaben übernehmen zu können, war die Voraussetzung für weniger Arbeitsstunden.
Der Plan war gut gemeint, machte aber natürlich wenig Sinn, da man heutzutage Wohnungen per Internet sucht, dann einen Termin mit dem Vermieter aushandelt und nach Absprache hinfährt. Diese komplexe Kette von Handlungen an einem Sonntag hinzubekommen, war fast unmöglich (ich hatte die Woche über nicht wirklich Zeit, mich abends noch um sowas zu kümmern), aber ich tat (bzw. versuchte) es trotzdem.

Ich nahm den Laptop meiner Freundin und setzte mich ins Ibis Budget Hotel in Mülheim-Kärlich, das anpries, kostenloses W-LAN zur Verfügung zu stellen.
Die Zimmer mit Dusche waren sauber, das Bett bequem – was will man mehr? Na, ich wollte W-LAN. Aber der Empfang war in den Zimmern (zumindest in den beiden, die ich bewohnte) so schlecht, dass da kein Blumenpott und schon gar keine Wohnungssuche mit zu gewinnen war. W-LAN hatte man genau dann, wenn man sich im Eingangsbereich direkt an den Router setzte, und da der Lobbybereich nach den Frühstückszeiten wieder geschlossen wurde, blieb einem nur der Fußboden. Alternativ gab es einen frei zugänglichen Rechner am Eingang, wo man nach Lust und Laune surfen konnte – im Stehen. Tolle Wurst.

Ich suchte auf einschlägigen Seiten und fand auch Angebote, die mich reizten (höchstens 600 E Warmmiete, 3ZKB, kein Dachgeschoss, höchstens 30 Fahrminuten vom Depot weg, vielleicht auch nicht gerade ein Dorf mitten in der Pampa, wo meine Freundin ohne Auto und Führerschein keine Jobchancen hätte und der Wocheneinkauf schwierig wäre), aber auf telefonische Anfrage hin erhielt ich entweder Absagen oder es offenbarte sich das andere Problem, nämlich, dass ein Besichtigungstermin so kurzfristig nicht zu machen sei. Es lief also so, wie erwartet.
Gefrustet besuchte ich einen in Koblenz lebenden Schulkameraden und verbrachte den ersten Sonntag Nachmittag mit Schwatzen und Fernsehen (die Neufassung von „True Grit“ mit Jeff Bridges und Matt Damon von 2010 – guter Film übrigens).
Die beiden anberaumten Wochenenden vergingen so eher nutzlos, da ich nur das tun konnte, was ich auch von Trier aus hätte tun können: Im Netz nach Wohnungen suchen. Es sollte danach noch ein paar Wochen dauern, bis ich auf konventionellem Wege eine Wohnung fand und den Umzug nach Koblenz in Angriff nehmen konnte. Dazu später mehr.

2013 war (nun auch in Retrospektive) so etwas wie ein ewiges Vorweihnachten. Ich bekam mehr Stopps, als ich je für möglich gehalten hatte. Der erste Rekord waren 63 Kunden auf der Eifeltour, das sind bei meinen Fähigkeiten genug, um bis abends um Sechs mit Ausliefern beschäftigt zu sein. Ich verlor die Nerven, könnte man sagen: Mit einem FedEx-Umschlag kam ich zu einer Kundin, die auf dem Veterinäramt arbeitete und nie zuhause war. Ich brauchte Wochen, bis sie endlich eine Anliefervereinbarung (ALV) einreichte, die es mir erlaubte, ihre Pakete ohne Unterschrift in die Garage zu stellen. Die Nachbarn nahmen nichts mehr für sie an und beschrieben sie als eine Art Zicke, die sich nicht dazu herabließ, auch mal Danke zu sagen…
Ihre ALV galt jedenfalls nur für Transoflex-Pakete, nicht für FedEx-Packstücke, auch, wenn sie vom selben Fahrer gebracht werden (FedEx verlangt einen eigenen Vertrag). Ich wollte das Paket aber loswerden, denn erstens hatte ich so schon genug Stress und zweitens wurde die Straße ausgebessert, das heißt, ich musste 200 m durch die Baustelle gehen, um überhaupt zu ihrer Adresse zu gelangen.
Was tun? Ich schrieb in das Namensfeld des Scanners „Meier“ und improvisierte eine Unterschrift. Wen interesiert schon, wer der Herr Meier ist, wenn das Paket da ankommt, wo es hinsoll? Ich legte es an den gleichen Platz, wo auch sonst immer die anderen Pakete hinkamen, schloss die Garage fest zu und fuhr weiter.

Unerwarteterweise wurde ich am folgenden Tag vom Rasterfahnder und dem R. in die Mangel genommen: Wo das Paket und wer der Herr Meier sei, der sei dort unbekannt. Nein, ich hatte das Paket nicht gestohlen – was sollte ich mit einem Stück Damenbekleidung („Rumba Skirt“ sagte die Inhaltsbeschreibung)? Ich legte die Karten auf den Tisch, der Rasterfahnder informierte die Kundin, die fünf Minuten brauchte, um ein Päckchen mit auffällig buntem „FedEx“ Aufdruck in ihrer kleinen Garage zu finden, und ich hatte bei der Gelegenheit bei R. einen nicht geringen Teil meines guten Rufs verloren. Zum Kotzen war das. Nicht nur, dass ich mich hatte gehen lassen, die Frau war scheinbar genau so dämlich, wie die Nachbarn das behaupteten.

Ich war natürlich nicht der einzige, der nicht wusste, wo ihm der Kopf stand. Die Suche nach Paketen trieb so manchen bis kurz vor die Verzweiflung und bei Doc hatte ich ab und zu den Eindruck, er sei den Tränen nah. Ich half ihm, wo ich konnte (wie ich das bei jedem tat, der es nötig hatte) und sparte ihm durch entsprechende Tipps auch einiges an Zeit. Dann verschwand das verzweifelt zerknitterte Gesicht und machte einem strahlenden Lächeln Platz. Die Verwandlung war angesichts der Polarisierung von einem Extrem ins andere immer wieder amüsant. Er versprach mir, bei Gelegenheit vorbeizukommen und nigerianisches Essen zu kochen, seine Mutter habe nicht versäumt, ihm entsprechende Fähigkeiten mit auf den Weg nach Europa zu geben.

Dann kam er einmal zu mir und beschwerte sich über einen Kollegen, der ihn unhöflich behandelt hatte. „He’s a fucking racist!“ sagte er. Ich dachte einen Moment über den Angeklagten nach, meinte aber dazu: „Nein… der redet mit allen so, wenn er einen schlechten Tag hat. Alle Rassisten sind Idioten, aber nicht jeder Idiot ist auch ein Rassist.“ Leuten mit Vorurteilen gegenüber Minderheiten rutschen in der Regel immer wieder herablassende Wörter heraus (z.B. „Hakennase“ für „Jude“/“Israeli“), die für sie normale Sprache sind (und viele kleiden die fraglichen Vokabeln unterbewusst in einen spöttischen Sprechklang, um dem Ganzen den Anschein eines Scherzes zu geben), das heißt, es fällt ihnen nicht auf, dass sie sich jeden Tag outen; das war bei dem Gemeinten aber nicht der Fall, von daher blieb und bleibe ich bei meinem Urteil.

Es gab natürlich auch unterhaltsame Momente… so sprach er mich einmal an (mit dem situationsgemäß verzweifelt in Falten gelegten Gesicht) und klagte, dass er viele Pakete und einen 12-Uhr-Express in einem der abgelegenen Eifeldörfer habe – wie solle er das schaffen? Bert war in der Nähe und hatte das mit angehört. Er schlurfte zu uns herüber, legte mir brüderlich die Hand auf die Schulter und sagte mit einem Grinsen zu mir:
„Don’t listen to him… you know, for him, everything is, like, faaar and cooomplicated…“
Sogar Doc lachte darüber und rief: „Shut the fuck up!“

Ein andermal ging es um sein Haar, um die Ansammlung desselben auf seinem Kopf. Leider weiß ich nicht mehr, wie wir darauf gekommen waren, aber ich kam nicht umhin, meinen Verdacht laut zu äußern:
„Are you dyeing your hair!?“
Ein Ausdruck des Ertapptseins erschien auf seinem Gesicht, und er erwiderte mit einer Stimme, als flehe er den Richter um Gnade an: „I’m not a young man anymore…“
Ein schlicht köstlicher Moment.

Als kleine Anekdote sei hinzugefügt, dass er Anfang Januar 2013 ein paar Tage krankgeschrieben war, ich wurde an seiner statt in die Eifel geschickt. In Neuerburg erwartete mich die bereits früher beschriebene Frau des Tierarztes, drückte mir 20 E in die Hand und sagte: „Hier, Ihr Weihnachtsgeld, ich hab schon auf sie gewartet.“ Wahn-sinn! Es gibt Tage, da weiß man, dass man etwas richtig macht.

Aber als der Winter dann vorbei war, verließ uns Doc wieder. Er hatte wohl Ende Sommer ein Kind gezeugt, dessen Geburt für Ende Mai angekündigt war, und plante voraus. Um das Kind in guten Händen zu wissen, hatte er den Umzug von Trier nach St. Wendel beschlossen, in die Nachbarschaft seiner Schwiegermutter, die einspringen würde, wenn seine Frau arbeitete, und um die Sache abzurunden, hatte er einen Wechsel ins Transoflex Depot in St. Ingbert erwirkt. Ich telefonierte ein paar Wochen später mit ihm und fragte, wie es ihm so ginge und er zeigte sich guter Stimmung. Er brauche zehn Minuten bis zum ersten Kunden und sei um 16 Uhr zuhause. Ich sprach ihn auf sein Versprechen mit dem Essen an und er versicherte mir, dass er das keinesfalls vergessen habe. Aber der Mai stand vor der Tür und ich fragte ihn, ob es möglich sei, in den kommenden vier Wochen einen Termin zu finden – denn wenn das Kind erst mal geboren sei, werde er keine Zeit mehr für egal was haben. Nein, im Mai habe er leider keine Zeit, aber das werde sicherlich noch im Laufe des Jahres 2013 hinhauen.
Natürlich kam es letztendlich so, wie ich es prophezeit hatte. Wir standen auch nach Mai 2013 noch in lockerem Kontakt, aber sein Familienleben nahm ihn voll und ganz in Anspruch. Es sei ihm gegönnt.

Bei Elmo kam es zu einem Kurzschluss. Es dürfte im April oder Mai gewesen sein. Er arbeitete auch viel zu viel und zu lang, und er machte (zumindest nicht ganz zu Unrecht) die mangelnde Kompetenz von Peter und Rama dafür verantwortlich. An einem warmen Frühlingstag kam es um etwa Viertel nach Acht zur Konfrontation der drei. Es wurde laut und emotional und Rama sprach eine fristlose Kündigung aus, und danach tat er etwas, was ich ihm bei aller sonstiger Sympathie nachtrage: Er forderte die Richtung Trier abfahrenden Fahrer auf, Elmo keinesfalls mitzunehmen, der solle selber gucken, wie er heimkäme.
Ich ignorierte diese Aufforderung geflissentlich, sammelte Elmo am Ende der Straße auf und fuhr ihn zu einer Bekannten nach Ehrang, da ich zu dem Zeitpunkt Trier Nord fuhr.
Ein paar Wochen später traf ich ihn erneut, in Ruwer: Er hatte einen Job bei GLS gefunden (Mike ließ grüßen), wenn auch als Sprinterfahrer. Aber er sah zehn Jahre jünger aus als an dem Tag, an dem man ihm in Koblenz gekündigt hatte. Bei GLS sei auch nicht alles traumhaft, erzählte er, aber er könne nun wieder zu einer verträglichen Zeit aufstehen und habe eine vertretbare Arbeitslast zu tragen.

Auch Bert ging zum Ende der ersten Jahreshälfte. Er fand einen Lagerjob so nah an seinem Wohnort, dass er mit dem Fahrrad hinfahren konnte. Zufällig handelt es sich um einen Kunden der Saarburger Tour, von daher sah ihn Puck ab und zu, wenn er dort eine Zustellung machte.

30. Juni 2014

Die Fracht am Rhein (Teil 4)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 9:47

Weiterer Exkurs über nennenswerte Persönlichkeiten an meinem Arbeitsplatz:

Big – der hat einen hundsgewöhnlichen deutschen Familiennamen, und den hat er, weil er als Dreizehnjähriger aus Thailand heraus nach Deutschland adoptiert wurde, von einem Ehepaar, bei dem die Frau thailändischer Herkunft ist, und abgelegt hat er die thailändische Staatsangehörigkeit auch nicht. Er wird allgemein Big genannt, weil sein Vorname für deutsche Ohren doch sehr exotisch ist und weil er als Kind einer der größten in seiner Grundschule war, aber der Effekt hat nicht angehalten… er dürfte so um die einssechzig sein.

Ich traf ihn Ende Frühjahr 2013, als man ihn zu mir ins Auto setzte, damit er die Tour Trier West übernehmen konnte, die ich zu dem Zeitpunkt für ein paar Wochen gefahren hatte. Er hatte bereits zuvor für das Unternehmen gearbeitet, war aber derzeit arbeitslos und JP Transporte erschien ihm wohl besser als gar nichts.
Big ist fünf oder sechs Jahre jünger als ich, also über 30, was ihn zu der Behauptung veranlasst, er sei schon alt. Er hat Witz, Herz und Verstand; einfach zu behaupten, er würde mangelnde Körpergröße durch ein freches Mundwerk ausgleichen, ist zu kurz gegriffen.

Trier West ist eine gute Tour, ich schaffte sie bis etwa um Vier und war ganz zufrieden damit, weil ich zu dem Zeitpunkt noch in Trier wohnte. Aber es sollte nur ein Zwischenspiel sein, da es Peter und Rama darauf ankam, meine Ortskenntnis auszuweiten. Schön und gut – Big tauchte auf, fuhr einen Tag mit und sagte, dass er mit dem Arbeitsaufwand fertig werde. Gleich am Folgetag wies man ihn an, die Tour allein zu fahren und ich wurde auf eine andere Tour gesetzt. Big war fix – nach ein paar Tagen schaffte er die Tour bis um zwei Uhr und war zwischen Drei und halb Vier zuhause in Bendorf.

Als kurze Zeit danach mein Umzug nach Koblenz anstand, machte er nicht viele Worte, sondern half mir bereitwillig, indem er nicht nur beim Kistenschleppen half, sondern er lieh mir auch Werkzeug und begleitete mich beim Einkaufen. Ich hatte nämlich keine Ahnung, was ich zum Beispiel zur Installation einer Küchenspüle alles brauchte.
Leider fand der Einkaufsbummel durch verschiedene Koblenzer Baumärkte nach einer durchzechten Freitag Nacht statt und mein Helfer war noch nicht ganz da – was zur Folge hatte, dass er mir die falschen Zubehörteile empfahl. Die Abflussrohre waren für einen Spülmaschinenanschluss und die Flexleitungen waren für Unterdruckwasserspeicher (den Boiler unter der Spüle) ungeeignet, ich musste das darauffolgende Wochenende also opfern, um die Teile umzutauschen.

Im Folgemonat musste er selbst umziehen und ich meldete mich natürlich freiwillig. Etwa am Jahresanfang war sein Vater gestorben und er wollte seine Mutter besser unterstützen können, außerdem wollte er Geld sparen, indem er wieder im Hotel Mama wohnte. Das Geld brauchte er für sein Projekt „Fernstudium“.
Sein eigener Umzug offenbarte allerdings auch seine chaotische Natur. Denn aus dem kurzen Gespräch, das wir im Vorfeld führten, hatte ich schlussfolgert, dass wir Kartons von der aktuellen in die neue Wohnung fahren und vielleicht noch saubermachen würden. Weit gefehlt. In seinem Apartment war so gut wie nichts vorbereitet, zwei oder drei Kartons waren mit irgendwelchem Zeug vollgestopft, hier Sachen aus dem Bad, da Sachen aus der Küche, dort dies und das aus dem Wohnzimmer, und die Kisten waren echt „gestopft“, also einfach so gefüllt, ohne darauf zu achten, dass die Dinger auch stapelbar sein sollten. Mangels kurzfristiger Alternativen trat ich ihm die Hälfte meiner im Keller gelagerten Umzugskartons ab. Er versprach zwar, sie bald zurückzugeben, aber von dem Gedanken verabschiedete ich mich ziemlich schnell. Der Rest seiner Wohnungseinrichtung befand sich noch an Ort und Stelle und die Küche war ein unhygienisches Pandämonium junggeselliger Ignoranz.

Wir ackerten den ganzen Nachmittag bis in den Abend, und der einzige weitere Helfer war ein etwa zwölfjähriger Junge aus der Nachbarschaft. Wir packten den Sprinter voll und fuhren die paar Kilometer zum Haus seiner Mutter, wo wir die Kisten je nach Bedarf in sein Zimmer und größtenteils in den Keller stellten.
Ich war beim Anblick des Wohnhauses doch erschreckt, denn ich hatte irgendwie eine Bleibe erwartet, wie man sie sich zum Beispiel als Facharbeiter oder angestellter Handwerker leisten kann, ich weiß nicht mehr, wie ich darauf kam. Stattdessen fand ich einen ziemlich heruntergekommenen Altbau vor. Das Haus ist nach meiner Schätzung mindestens 150 Jahre alt und braucht dringend eine Renovierung. Wärmedämmung ist nicht existent, der Dachstuhl macht einen bedenklichen Eindruck und in dem Zimmer, in das Big einzog, bedeckte Schimmel die Außenwand. Allein schon das enge Zimmer, das wohl als Kombination von Küche, Ess- und Wohnzimmer dient, machte eine deutliche Aussage: Hier wohnen arme Leute.
Wir saßen an dem Abend noch kurz zusammen und unterhielten uns über dies und das, auch darüber, wie schlecht geplant sein Umzug war, und er sagte zu mir:
„Ich versteh das nicht: Ich kenn soviele Leute, und von denen ist keiner hier. Dich kenn ich erst seit ein paar Wochen und Du hilfst mir beim Umzug.“
„Du hast mir ja auch sofort geholfen,“ antwortete ich, „und ich bin so einer, der das einfach so macht… ich kann ja auch nicht erwarten, dass man mir mal hilft, wenn ich es nicht vormache.“
Wir schlussfolgern: Party- und Facebookkontakte sind nicht das Wahre, wenn es um die mühsameren Aspekte des Lebens geht.

Am Tag darauf half sogar meine Liebste noch beim Räumen und Wischen, aber letztendlich musste Big beim Vermieter um eine Verlängerung des Übergabetermins bitten.

Das Glück der schnellen Trierer Tour hielt nicht lange. Im Laufe des Jahres kam es zu einer strategischen Umstellung der Touren und Peter gab ein paar seiner Touren an JP Transporte zurück. Ich weiß bis heute nicht, was ihn geritten hat, aber ein Teil der Umstellung bestand darin, dass er Big an die abgetretene Morbacher Tour abgab und dafür einen alterfahrenen Fahrer vom Tourenfürsten erhielt – einen Typen über Fünfzig mit großer Klappe und wenig Substanz, der immerhin ab und zu mal ganz witzig sein konnte. Ich nenne ihn Babylon Ben. Warum schweife ich so ab? Nun, Babylon Ben hatte bekanntermaßen Probleme mit dem Rücken und bereits Schrauben in der Wirbelsäule, und bekannt als „fauler Hund“ war er auch. Wie also Peter einen jungen, motivierten Fahrer gegen einen alten, weitgehend verbrauchten eintauschen konnte, entzieht sich mir völlig.
Big war wohl auf Morbach gesetzt worden, weil er einen guten Ruf als schneller Fahrer hat und die Morbacher Tour ist (oder war zu jener Zeit) riesig. Bigs Arbeitszeit verlängerte sich auf einen Schlag um drei Stunden (pro Tag, versteht sich), und daran änderte sich auch nichts, aller seiner Erfahrung und Fixheit zum Trotz. Nicht nur, dass die Arbeitszeiten ungesetzlich und unmenschlich waren – die Einsicht, dass die Dauer der täglichen Tour entgegen der Meinung des Managements nicht am Fahrer, sondern an den Beschaffenheiten der Tour und den wachsenden Frachtzahlen lag, dass also dringend geboten war, dauerhaft eine Entlastungstour einzusetzen, setzte sich erst nach Monaten und damit viel zu spät durch.

Big wollte sein Fernstudium durchziehen und stellte fest, dass er keine Zeit mehr dafür hatte. Um Vier nach Hause zu kommen ging ja noch, aber um Sieben? Wie sollte er da noch irgendwas lernen? Er versuchte es dennoch und ging später schlafen, er schlief oft nur vier Stunden pro Nacht und kam immer häufiger zu spät, von einer Erosion seiner sonst unverwüstlich guten Laune ganz zu schweigen.
Er fasste den festen Vorsatz, zu kündigen, wollte aber erst eine andere Stelle haben. Eine Leiharbeitsfirma machte ihm da Hoffnungen, er zählte schon die verbliebenen Tage herunter, und er versprach sogar mir, mich aus dem Laden herauszuholen. Allerdings erfüllte sich diese Hoffnung nicht, die Leiharbeitsfirma meldete sich nicht bis zum vereinbarten Zeitpunkt, also hatte man wohl einen geeigneteren Bewerber gefunden. Das Trauerspiel zog sich in Folge also noch über Wochen hin und Big führte heimlich Verhandlungen mit der Firma der Koblenzer Fahrer – das klappte dann irgendwann Ende Winter und Big wechselte auf die andere Seite des Paketbands, wo seine Tour bedeutend näher an seinem Wohnort lag und beherrschbarer war als Morbach.
„Herzlichen Glückwunsch,“ sagte ich zu Peter, „Big ist ein guter Fahrer und Ihr habt ihn verheizt.“
„Was hätt‘ ich denn machen sollen???“ fragte er zurück.
Die Antwort war symptomatisch dafür, wie es in der Firma lief.

Milli ist ja bereits bekannt aus den Geschichten vom Anfang, aus Trier. Sie war mit nach Koblenz gegangen, aber ich weiß nicht, ob sie ernsthaft langfristig bleiben wollte oder ob sie nur vermeiden wollte, die Zeit bis zu einem geeigneteren Job arbeitslos verbringen zu müssen.
Die alten Trierer Fahrer wandten sich zuerst an sie, wenn sie Fragen oder andere Anliegen hatten, nicht allein, weil wir sie kannten, sondern auch, weil die Umgangsformen in der Koblenzer Ablaufkontrolle (AK) andere waren als in Trier. Es könnte durchaus sein, dass es nicht zuletzt diese Umgangsformen waren, die Milli binnen weniger Wochen davon überzeugten, dass sie hier nicht bleiben wollte (sofern sie, was ja ebenfalls sein könnte, nicht sowieso nur einen begrenzten Zeitraum zu bleiben gedachte). Nach drei Monaten verabschiedete sie sich und ward nie mehr gesehen.

Wie ist das denn nun mit den Koblenzer Umgangsformen? Mancher Leser wird sich daran erinnern, dass die AK in Trier sehr jung war: Von Lilly, Milli, Laubschi, Octavia und Antonius war niemand älter als 23. Der gegenseitige Umgang war kameradschaftlich bis freundschaftlich, man nannte sich ganz selbstverständlich beim Vornamen, und ich zumindest hatte immer das Gefühl, mich unter Gleichen zu bewegen. In Koblenz war das so radikal anders, dass die Umstellung von einem Tag auf den anderen wie ein Schock wirkte.
Abgesehen von Milli bestand die Koblenzer AK aus drei weiteren Damen: Frau Nachtwächter, Frau Bock und Frau Kanter. Letztere war wohl etwa Mitte 20, die anderen beiden dürften zu dem Zeitpunkt knapp unter, bzw. Mitte 50 gewesen sein, und es waren die beiden älteren Damen, die einen spüren ließen, dass nicht der Geist, sondern allein das System zählte (um es mal mit Remarque zu halten): Die Beantwortung einfachster Ja/Nein Fragen (z.B. „Ist das Paket, das ich noch suchen muss, Neuware oder Altware?“) wurde einem in herrischem Tonfall verweigert, wenn die beiden gerade mit egal was beschäftigt waren.

Ich machte es mir schon bald zur Gewohnheit, die älteren zu ignorieren und wandte mich wann immer es möglich war, an Frau Kanter, die weniger launisch und einer höflichen Anfrage gegenüber bedeutend offener war. Die geradezu unbeherrscht zu nennende Tonart von Frau Bock war fast sprichwörtlich (sofern sie nicht ausnahmsweise einen guten Tag hatte) und machte auch vor telefonischen Kundenanfragen nicht Halt. Ich war selbst dabei, als sie einen Anrufer unwirsch aufforderte: „Jetzt schalten Sie mal die Sprechanlage ab und nehmen bitte den Hörer in die Hand! Ich verstehe Sie nicht, hier ist Betrieb!“
Ja, die Umstände sprachen für sie, denn zur Zeit der Fahrerabfertigung ist es da vorn nicht gerade leise und eine Sprechanlage fordert dem Nutzer wegen der Entfernung zum Mikrofon durchaus mehr Lautstärke ab – aber man kann sich doch wohl auch höflich ausdrücken!? Felix stand neben mir und hörte der Konversation fassungslos mit offenem Mund zu, und ich selbst konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, eingedenk der Tatsache, dass wir Fahrer sowohl in unseren schriftlichen Anweisungen als auch mittels eines kleinen Bildschirms vor der AK ständig darauf hingewiesen werden, dass wir dem Kunden „höflich, zuvorkommend und kompetent“ gegenüberzutreten haben. Für die Büroarbeiter gilt das scheinbar nicht.

In Koblenz hatte ich nie auch nur den Anflug des Gefühls, ich bewege mich unter Gleichen. Die AK waren die da oben, und die Fahrer, das waren wir da unten. Daran wurde nie ein Zweifel gelassen. Ich kam daher nie auf die Idee, dort irgendjemanden mit Vornamen anzusprechen oder im Gegenzug etwas solches für meine Person zuzulassen. Ich sprach mit Frau Kanter darüber, weil sie mich mal beim Vornamen und mal beim Nachnamen ansprach, und bot an, sie könne mich ruhig beim Vornamen nennen, aber sie wechselte weiter unschlüssig hin und her, also schienen mir weitere Klärungsversuche Zeitverschwendung zu sein.
Genausowenig wäre ich je auf die Idee gekommen, anders als in Trier, mal Snacks mitzubringen. In Trier hatte ich zweimal o-Nigiri mitgebracht (Reisbällchen mit Thunfisch-Mayo-Füllung), einmal zu meinem Geburtstag und einmal zu meinem einjährigen Jubiläum. Hätte mich in Koblenz jemand darauf angesprochen, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt.
Jetzt könnte man einwerfen, dass man ja unter den Fahrern, wo mehr Kameradschaft herrschte, solche Sitten hätte fortführen können, aber man kann meinen bisherigen Beschreibungen ja entnehmen, dass die Arbeitsbelastung das gar nicht mehr zuließ, es gab ja nur noch Arbeiten und Schlafen. Damit hängt zusammen, dass ich nicht zu allen Kollegen Zugang fand. In Trier kamen die meisten eine halbe Stunde vor Bandstart zur Arbeit. Man hatte also Zeit für einen kurzen Plausch, konnte sich gegenseitig abklopfen und ein bisschen kennen (und schätzen) lernen. In Koblenz war Bandstart ja bereits um 0500, also 30 min früher als in Trier, und da kam niemand (außer mir und zwei oder drei anderen, die in der Umgebung wohnten) freiwillig noch eine halbe Stunde früher. Die meisten Fahrer trafen um etwa Fünf ein, dann begann das Laden – wann hätte man sich da kennen lernen sollen? Die einzige freie Zeit, die blieb, waren die paar Minuten, die man wartend vor dem VL verbrachte, bis man seine abgeholten Pakete reinbringen konnte, das war’s. Bis ich in Koblenz Leute so gut kannte, dass ich wusste, ob ich mich mit ihnen verstand, verging ein knappes Jahr. Ich hätte beim Verteilen von Snacks also sehr selektiv sein müssen, und das wollte ich nicht. Entweder für alle oder für keinen. Die allmähliche Zerschlagung meiner Motivation, durch die Vielzahl der bis dato genannten Umstände, sorgte dafür, dass ich mich für letzteres entschied.

27. Juni 2014

Die Fracht am Rhein (Teil 3)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 22:00

Fahren wir doch fort mit meiner Beschreibung des Personals in Koblenz.

Der Rasterfahnder: Schlaksiger Büromensch, etwas größer als ich, schmal, tätowiert, Raucher, kantiger Humor mit Hang zum Slapstick, singt gern und falsch, und wohnt auch erst seit Ende 2012 in Koblenz. Ich nenne ihn Rasterfahnder, weil er einer der Leute ist, die autorisiert sind, unauffindbare Pakete fehlzumelden, sie also aus meinem Dispoauftrag verschwinden zu lassen, damit ich endlich auf die Straße komme. Natürlich hat auch der mal schlechte Tage, wo ihm alle den Buckel runter rutschen können (zum Beispiel wenn andauernd einer kommt, weil er seinen Scannerakku – selbst verschuldet hin oder her – nicht aufgeladen bekommen hat und von ihm eine Wechselbatterie braucht), ich vergesse aber nicht, wie er kurz nach meiner Ankunft sagte: „Wenn Du mal Hilfe brauchst, komm einfach zu mir, okay?“

Er hat mir schon einige Male Zeit gespart und ich gebe mir Mühe, ihn keine zu kosten. Die Möglichkeiten, Pakete zu finden, sind ja da – sie kosten halt nur mehr Mühe, als technisch notwendig. Wir haben Dutzende Überwachungskameras in der Halle, die in der Lage sind, die Position jedes gedruckten Barcodes zu erfassen, aber jemand von der Verwaltung muss sich halt an den Bildschirm setzen und eine entsprechende Suche eingeben. In den Genuss kam ich bislang zweimal – eine Mitarbeiterin suchte den Barcode und auf dem Bildschirm erschien ein aktuelles Bild der gesuchten „Palette“, anhand der ebenfalls dargestellten Umgebung wusste ich schnell, wo sie sich befand. De facto aber muss tatsächlich einer mit raus und mit den eigenen Augen suchen. Ich verstehe nicht, warum.

Ebenso verstehe ich nicht, warum man um 0800 nicht einfach sagt: „Schluss mit Suchen, nicht gefundene Colli werden fehlgemeldet!“ Bei GLS macht man das scheinbar so. Die Fracht wäre bis um 0830 unterwegs. Bis zum heutigen Tag sind ALLE so fehlgemeldeten Pakete am Folgetag wie durch ein Wunder aufgetaucht. Man gewinnt den Eindruck, dass das Suchen verpasster Pakete (wohl im Hinblick auf den Schutz vor Warendiebstahl) bei Transoflex wichtiger ist, als die pünktliche Zustellung von Expresspaketen, deren Limit bei der Zustellungszeit doch in den meisten Fällen einen Sinn hat.

Der Alte Kroate: Älterer Typ, oft brummig, wenn ihm der Stress zu viel wird, kam bereits vor dem Bürgerkrieg, der Jugoslawien Anfang der Neunziger in Einzelteile zerriss, mit seiner Familie nach Deutschland; wird von JP-Transporte zwischen TNT und Transoflex hin und eher geschoben. TNT sei klasse, erzählt er. Man fahre erst einmal nur Expresse, dem entsprechend sei man um 12 oder kurz danach fertig, und danach müsse man noch bis 1630 auf Mitteilung warten, ob irgendwo etwas abzuholen sei. Aber er kenne seine Kunden im Industriegebiet und er frage gegebenenfalls beim Lager kurz nach, ob etwas da sei und in den meisten Fällen bliebe die Antwort bis Dienstschluss auch gültig. Dass sich kurzfristig eine Abholung ergebe, komme natürlich vor.
„Dann sitz ich da und geh Kaffee trinken. Gestern hab ich gegessen zweimal Döner… und noch Kuche. Wenn ich TNT fahre, nehme ich zu, wenn ich Transoflex fahren muss, nehme ich sechs Kilo in einer Woche ab.“

Seine Schilderungen von TNT klangen natürlich interessant, gerade, wenn man wie ich das Gefühl hat, unter den 60 bis 70 (und manchmal mehr) Arbeitsstunden pro Woche über Kurz oder Lang zusammenzubrechen. Ich recherchierte zuhause also das „TNT Depot Koblenz“ und schrieb mir die Telefonnummer ab. Wenn TNT so organisiert ist, wie Transoflex, hätte das Depot keinen eigenen Fahrdienst, aber man könnte doch sicherlich die Nummer der Fuhrunternehmer erfragen?
Es dauerte dann ein paar Tage, bis ich eine Gelegenheit fand – ich bin im Kopf immer schon ein bis zwei Stops weiter, da vergisst man solche Dinge schnell. Ich rief die notierte Nummer an und fragte nach den Nummern der Fuhrunternehmer. Daraufhin erklärte mir die jung klingende Dame am anderen Ende der Leitung, dass ich zwar mit einem Versandwarenlager verbunden sei, aber nicht mit TNT. Ah, peinlich. Sie erklärte sich aber überraschenderweise bereit, mir die korrekte Nummer zu besorgen und gab sie mir durch. Ich bedankte mich und wandte mich umgehend an die neu erhaltene Rufnummer.

Diesmal hatte ich die richtige Gegenstelle erreicht. Auch dort saß eine jung klingende Stimme im Büro, die mir sagte, sie habe die notwendigen Informationen nicht vorliegen und von den Disponenten der Fuhrunternehmer sei auch keiner mehr im Haus, aber – Fortuna lächelte mir zu – sie könne ja schnell jemanden fragen. Zwei Minuten später war sie zurück und gab mir vier Nummern: JP-Transporte und der Tourenfürst waren ebenfalls dabei, aber das musste mich ja nicht stören. Die anderen beiden waren von Bedeutung.
Allerdings hatte ich das Gefühl, bereits genug Zeit verloren zu haben und setzte die Tour fort. Die Telefonnummern lagen dann über die kommenden Wochen in meiner Apfelkiste auf dem Beifahrersitz herum. Die würden ja nicht schlecht werden. Allein die Anwesenheit eines Fallschirms steigert bereits die Moral.

Der Tourenfürst: Sechstagebart, charismatische Stimme, strenger Blick, aber mit Hang zu einer rauen Kameradschaftlichkeit, nach seiner Heirat im Prozess eines schleichenden Gewichtszuwachses; der einzige Mensch, den ich kenne, der direkt aus dem Bett zur Arbeit erscheinen und mit völlig desorganisiertem Haar dennoch irgendwie cool wirken kann. Er hat was von einem Steppenreiter; obwohl er natürlich keiner ist, er stammt irgendwo aus dem orientalisch-christlich-orthodoxen Raum und ist Subunternehmer im Umfeld der JP-Transporte und zuständig für die Touren im linksrheinischen Gebiet bei Transoflex und hat Zuständigkeiten bei TNT-Touren. Meine Idee für seinen Decknamen entstammt der Namensgleichheit mit jemandem, den nicht nur die Boulevardpresse mal den „Terrorfürsten“ nannte.
Der Tourenfürst ist der direkte Vorgesetzte des Alten Kroaten und somit dessen Beschwerden über den Stress bei Transoflex ausgesetzt. So klagte der Kroate eines, dass ihm dies und das wehtue und es deshalb nicht so gut gehe, und das nicht nur einmal, sondern den halben Morgen lang. Bis er dem Tourenfürst so auf den Keks ging, dass der ihm über den Mund fuhr und rief: „Wenn Dir was wehtut, dann geh gefälligst zum Arzt! Das ist nicht mein Problem, ich will morgen nichts mehr hören von ah, mein Fuß, mein Arsch, mein Schwanz…!“
Wie gesagt: Etwas rau, aber er kümmert sich auch um seine Leute und ich habe den nicht unbegründeten Eindruck, dass sein Laden besser organisiert ist, als der von Peter und Rama.

Der Rocker: Der Herr des Verschlusslagers (VL), übergewichtig, tätowiert, langhaarig, Schlagzeuger im Bereich Deathmetal, achtet penibel auf die Einhaltung der Regeln und Vorschriften, reagiert tendentiell unwirsch auf gegenläufige Tendenzen von Seiten der Fahrer.
Trier war der VL-Himmel – ich kam um 0445 an, ging mit meiner Abholware zu Antonius, der bestätigte den Empfang und gut war’s. In Koblenz dagegen gibt es zu viele Touren, um den Überblick zu wahren; um kurz vor Fünf stünden mehrere Stapel Pakete vorm Lager und die Fahrer würden sich bei Bandstart zu ihrem Platz verkrümeln. Ich sehe ein: Das ginge nicht. Deshalb geben die Koblenzer Leute ihre Abholer und Termine zwischen 0530 und 0630 ab und die „Moselaner“ zwischen 0630 und 0730.
Wenn man eine Stadttour mit vielen Paketen hat, kann es aber sein, dass diese so schön verteilt übers Band kommen, dass der Fahrer nicht so einfach wegkommt. In dem Fall muss er sich konsequent mit seinen Nachbarn absprechen, wer wann zum VL geht, es kann nicht sein, dass zwei oder gar drei Fahrer, die nebeneinander abräumen, gleichzeitig weg sind. Das bringt wieder die Schwierigkeit der gegenseitigen Tourkenntnis: Die Fahrer müssen wissen, was der linke und der rechte Nachbar jeweils für Pakete braucht. Wegen der hohen Fluktuation der Mitarbeiter einerseits und wegen einer weit verbreiteten Ignoranz einiger Leute andererseits funktioniert das aber oft nicht optimal, und das heißt: Es laufen Pakete durch, sie landen am Bandende und müssen dort umständlich gesucht werden.

Ich zum Beispiel habe mit diesem Szenario ein Problem, gerade dann, wenn ich neben einem stehe, dessen Kenntnissen oder dessen Motivationsgrad ich nicht trauen kann, und zögere meinen Gang zum VL bis zum Äußersten hinaus, in der Hoffnung, dass der Ansturm vom Band vielleicht nachlässt. Da kommt es dann in jedem Quartal mal vor, dass ich die Annahme bis 0730 verpasse. Nachdem ich einmal heftig angeschnauzt worden war, fand ich mich mit der Aufforderung ab, gefälligst erst um 0800 wieder zu kommen und blieb in der sensiblen halben Stunde dem Lager fern. Der Rocker ist natürlich auch davon nicht erbaut, aber er gibt sich weniger ungehalten.

Außerdem glaube ich ein wichtiges Verhaltensmerkmal festgestellt zu haben: Ich glaube, er hat einen gewissen Spaß daran, wenn Leute, die zu spät dran sind (oder grobe Fehler gemacht haben, wegen denen das VL die betroffenen Pakete nicht annehmen darf) diskutieren und schimpfen, weil er gemäß Vorschrift eindeutig im Recht ist. Viele nennen ihn deswegen „Regelnazi“. Ich zucke in der Regel mit den Schultern und sage: „Okay, dann machen wir das so.“ Der fehlende Gegendruck zügelt auch bei dem Rocker die Energien und die Situation bleibt ruhig. Ich komme gut mit ihm aus – und siehe da: Wenn man sich Mühe gibt, sich nur an die grundlegenden Regeln zu halten, erlangt man sein Vertrauen so weit, dass er auch mal Ausnahmen macht. Undenkbar in den Augen des Durchschnittsfahrers.
Es kam mal einer zu mir und erzählte mir mit ungläubigem Gesichtsausdruck: „Eben kam einer zum Rocker ins Lager und er hat ihn tatsächlich begrüßt – und sogar dabei gelächelt!“ Das hat mich amüsiert.

Es kommt also vor, dass man bei der Abfertigung erfährt, dass man diese oder jene Pakete doch noch im Lager abgeben muss auf Grund der Angabe KTL. Das steht für „Keine TeilLieferung“. Manche Versender wollen das nicht, zum Beispiel Gardena. Die Pakete befinden sich zum Zeitpunkt aber im Normalfall bereits im Auto und sind nur mühsam wieder hervorzuholen – was der Rocker vom so benannten Durchschnittsfahrer aber verlangen muss, wegen des bereits angesprochenen Diebstahlschutzes. Ich brachte ihm mal solche Pakete, was mich eine Menge Zeit gekostet hatte, und da sagte er zu mir: „Dir vertraue ich soweit, dass Du die Dinger nicht verschwinden lässt… merk Dir dann einfach, welche Du wieder mitbringen musst.“ Oha.

Einen Verbindungsdraht habe ich allerdings zu ihm: Heavy Metal. Seine Kleidung und seine Tätowierungen geben darüber eindeutig Auskunft, und so können wir zu dem Thema hin und wieder ein paar Worte wechseln, so zwischen einem Paket und dem nächsten. Ich gebe zu, dass ich ihn bewusst über diese Gemeinsamkeit in Kenntnis gesetzt habe, indem ich mich darüber beschwerte, dass Napalm Death (im Frühsommer 2013) zwar im Exhaus in Trier gespielt hat, aber an einem Dienstag Abend – unmöglich für mich, mitten in der Woche ein Konzert zu besuchen. Außerdem hatte ich erst am betreffenden Dienstag das Werbeplakat gesehen. So erfuhr ich, dass er sich von seiner Band trennte und dass er eine Weile später eine neue gefunden hatte.
„Wir spielen demnächst vielleicht auch im Exhaus.“
„Aha! Neue Band gefunden?“
„Ja… kennste Dich im Death Metal ein bisschen aus?“
„Mehr oder minder… ich hab nur nicht viel Zeit, mich damit zu beschäftigen.“
„Kennste Asphyx?“
Ich kramte eine Sekunde in meinem Gedächtnis:
„Ja… hab ich mal was von gehört… vor über 20 Jahren.“
„Wurde 1987 gegründet.“
„So lang schon? Das kannste ja auf RTL Radio laufen lassen.“
Da hat er tatsächlich mal gelacht. 🙂
Unser VL-Mann ist Schlagzeuger bei Asphyx… was es nicht alles gibt. Ich musste unweigerlich an den Song „The Book of Heavy Metal“ von Dream Evil denken: Der Sänger erzählt, dass er seine Seele dem Teufel vermacht hat, weil ihn nur ein Wunsch beseelt – seinen Namen ins Buch des Heavy Metal geschrieben zu sehen. Der Rocker hat dies eindeutig erreicht, und vermutlich, ohne seine Seele dem Teufel zu verkaufen. Böse Stimmen behaupten, der Rocker sei der Teufel. *lol*

Musti hat sich diesen Namen selbst zugelegt. Er gefalle ihm, sagte er. Bei Musti handelte es sich um einen Reifenfachmann, und zwar nicht einfach um einen, der sich mit deren Montage auskannte, sondern um einen Fachmann für Galvanisierung, für Gummigemische, also für die Herstellung von Reifen. Ich habe nur einmal mit ihm ein längeres Gespräch geführt, bevor er uns wieder verließ, aber der Dialog blieb mir in seinem Kerngehalt im Gedächtnis haften.
Bevor er zu Transoflex kam, lag ihm ein Jobangebot von Michelin vor, als Vorarbeiter in der Reifenproduktion zu arbeiten, mit Chance auf weiteren Aufstieg und einem Einstiegsgehalt von mehr als 2500 Euro im Monat – allerdings in Südfrankreich. Er erzählte, dass er sich das notwendige Französisch zutraue und das Unternehmen auch qualifizierende Sprachkurse zugesagt hatte, aber seine Freundin habe das Vorhaben ausgebremst. Die wollte nicht nach Frankreich ziehen, weil sie die Sprache nicht beherrschte, brachte das Argument vor, dass sie in dem Fall, dass er sie verließe, nicht wisse, wie sie nach Hause komme, und machte die Angelegenheit zu einer Entscheidung zwischen der Arbeit und Ihr.
Musti schlug den Job aus, blieb bei ihr – und wurde Fahrer bei Transoflex für das halbe Gehalt.

Ich erlebte in jenem Moment einen Anflug von Sympathie für den (ehemaligen) Daleidener Apotheker, der mir geraten hatte, meine Freundin zu verlassen, weil sie mir nach seiner Ansicht ein Klotz am Bein sei. Aber nur einen Anflug, denn ich hatte dem Apotheker keine Informationen geliefert, aus denen sich ableiten ließe, dass meine Lebensgefährtin meinen Aufstieg irgendwie bremse (ich hab mein bisheriges Leben selbst an die Wand gefahren und muss keinem dafür die Schuld zuweisen), aber in Mustis Fall stellte sich die Sache meines Erachtens sehr konkret dar: Die Frau besaß keine kulturelle Flexibilität, keinen Wagemut, ja, schlimmer: Sie ließ sich in ihrem Leben scheinbar von ihren Ängsten leiten. Eine solche Einstellung tötet jede Hoffnung, erstickt jeden Aufbruchs- und Ausbruchsgedanken im Keim und vermutlich wird sie die Hierarchieebene einer Kassiererin im örtlichen Supermarkt nie überschreiten. Objektiv betrachtet ist eine solche Person ein Klotz am Bein – aber subjektiv betrachtet: Was soll er machen, wenn er sie liebt? Liebe lässt wenig Platz für Vernunft. Gefühltes Glück ist im Leben wichtiger als materieller Erfolg und ich hoffe, dass Mustis neuer Job mehr Platz für Glück lässt, als sein alter.

15. Februar 2014

Die Fracht am Rhein (Teil 2)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 22:38

Nun sitz ich hier und weiß nicht weiter. Zumindest nicht so, wie gedacht. Der Notizzettel, auf dem ich meine Stichwörter für das erste Halbjahr 2013 festgehalten habe, ist verschwunden, und ich habe so langsam keine Idee mehr, wo der sein könnte. Ich bin mir sicher, ihn aus dem Auto entfernt zu haben, um ihn griffbereit auf dem Schreibtisch zu lagern. Wäre natürlich tragisch, wenn er durch einen dummen Zufall im Papierkorb unter dem Tisch gelandet wäre. Vielleicht wurde er unachtsam irgendwo in irgendeinem Buch als Lesezeichen zweckentfremdet? Jetzt zumindest scheint die Sache darauf hinaus zu laufen, dass ich mich auf mein Gedächtnis verlassen muss und entgegen meinem Plan keine konkreten Daten nennen kann.

Lost in Luxemburg
Ich glaube, es war irgendwann im Februar, als eine Sendung mit zwei Fahrrädern im Depot auftauchte, die für eine Firma in Echternach bestimmt war – und das ist in Luxemburg. Ich fuhr Südwesteifel, also fiel mir das zu, obwohl ich auf der anderen Seite der Sauer nichts zu suchen hatte. Ich erhielt Zustelldokumente auf Papier und Peter instruierte mich über den Standort des Empfängers: Über die Brücke nach Echternach, an der Ampelkreuzung geradeaus, an der Tankstelle vorbei, dann hinter dem Ort am Restaurant „Aux Vieux Moulin“ (irgendwie so heißt das jedenfalls) rechts abbiegen, dort werde man den Betrieb ein Stück weiter finden.
Ja, nun, die Beschreibung machte an sich Sinn, die genannten Wegmarken tauchten in der vorgesehenen Reihenfolge auf, führte aber nicht zu dem gewünschten Ziel. Ich fuhr nach Scheidgen und dann noch nach Consdorf, fand aber keinerlei Unternehmen mit dem angegebenen Namen. Ein Passant, den ich fragte, sagte mir schließlich, dass er den Namen der Firma kenne, dass diese sich jedoch irgendwo in Echternach selbst befinde, er wisse aber nicht genau, wo.
Genervt fuhr ich den Weg zurück, kurvte sogar am Restaurant herum, in der Hoffnung, dass sich in jener Straße vielleicht das gesuchte Ziel versteckt hatte, vergeblich, und fragte in Echternach, ob es denn ein Industriegebiet hier gebe. Ja, hieß es, es befinde sich am Kreisel am Ortseingang.
Ich dachte kurz nach. Wenn ich nicht durch Echternacherbrück, sondern aus Richtung Irrel vor dem Dorf am Supermarkt vorbei über die Hauptstraße rüberfahre – dort befindet sich eine weitere Brücke nach Echternach – gelange ich tatsächlich an einen Kreisel.
Ich fuhr hin und fand tatsächlich ein Industriegebiet – UND die gesuchte Firma.

Nur war es da mit Abgeben und Weiterfahren nicht getan. Die Fahrräder mussten an einen bestimmten Ort in der Industrieanlage, in der scheinbar Metall verarbeitet wird, es war industriell laut und in der Luft lag dieser typische Geruch von heißem Eisen, durch Stahlgänge, einen großen Lastenaufzug hoch und zuletzt in einen Lagerraum. Furchtbares Brimborium. Hat mich auch nur eine Stunde meiner Zeit gekostet.

Das personelle Umfeld
Neue Mitarbeiter und Bekanntschaften? Ja, die gab’s auch. Zum einen die, die da bereits arbeiteten, zum anderen solche, die zufällig im Januar neu angefangen hatten. In der Retrospektive muss ich festhalten, dass es weitgehend überflüssig ist, auf die im Einzelnen einzugehen, da die allermeisten nach einigen Wochen und Monaten wegliefen. Generell scheint mir die Mitarbeiterfluktuation in Koblenz höher – die Arbeitsbedingungen sind auch härter; man muss im Hinterkopf haben, dass man von dort eine Stunde und länger zum ersten Kunden fährt und danach noch mal mindestens die gleiche Zeit nach Hause (sofern man bei Koblenz wohnt). Freizeitvernichtung pur.

Kaiserchen kam Anfang Januar und blieb. So wurde er von seinem Spieß genannt; ein Feldwebel a.D. und ein Küchenbulle noch dazu, aber ein recht schmaler, Anfang 50. Völlig unmilitärischer Typ. Genügsamer und verlässlicher Mann, mit dem ich gern zusammenarbeite.
Ich versuche immer wieder, ihn dazu zu überreden, bei mir vorbeizukommen und was zu kochen, aber er sagt, er gehe am Wochenende grundsätzlich angeln.

Marlon, dunkelhaarriger Südosteuropäer von knapp 1,70 m. War zuständig für die Dauner Tour. Als neu eingeteilter Springer sollte ich einen Tag mit ihm fahren, da er demnächst Urlaub haben sollte, und meine Aufgabe würde es sein, ihn um Daun zu vertreten. Über die Tour gibt es eigentlich nichts zu sagen; aber sie liegt deutlich näher an Koblenz als zum Beispiel Trier oder gar die Südwesteifel und ihr Umfang ist überschaubar. Wir sind sogar durch ein paar Dörfer gefahren, die ich von meiner alten Gerolsteiner Tour her kannte. Das war irgendwie angenehm, aber ansonsten gab es keine Besonderheiten, die mir besonders im Gedächtnis haften geblieben wären.
Marlon hörte eine Art Rap-Musik in einer Sprache, die ich nicht zuordnen konnte. Als er dann irgendwann zum Telefon griff und in der gleichen Sprache kommunizierte, fragte ich ihn, woher er denn eigentlich stamme, und er antwortete, er sei Albaner aus dem Kosovo.
Bei dem Stichwort „Albaner“ fallen mir immer zwei Dinge ein: Zum einen der kleine albanische Austauschschüler in der „Simpsons“ TV-Serie, der nach Springfield gekommen war, um das Atomkraftwerk auszuspionieren, und zum anderen der baden-württembergische No-Budget-Film „Deiner Mudda sei G’sicht“, den man in der Calwer Videothek auf Wochen vorbestellen musste, wenn man ihn ausleihen wollte:
„Ey Albaner! Wer bist Du eigentlich??“
„Was redest Du, Mann? Isch häng schon seit sechs Woche mit Eusch rum!“

Marlon redet natürlich keineswegs so, er ist bereits seit frühester Jugend in Deutschland und redet akzentfrei.
Ich war dennoch erstaunt, dass er sagte, er sei Albaner und gab zurück, ich hätte eher geraten, dass er Bosnier sei. Die wenigen Albaner, die ich in meinem Leben getroffen hatte, sahen irgendwie anders aus.
„Ja,“ meinte er und grinste, „wir oben im Kosovo sind nicht so schwarz wie die da unten.“
Auch Marlon war ein angenehmer Zeitgenosse, der zumindest den Eindruck vermittelte, dass er sich bei der Arbeit Mühe gab, aber er verließ uns im Sommer 2013.

Im Februar kam Sub75 dazu. Netter Kerl, der mich immer „Domme“ nannte, half einem bei allem, ohne ein Wort darüber zu verlieren, aber er war nicht sehr helle. Seine erste Aufgabe bestand darin, Pakete vom Bandende per Palette nach vorn zu rollen und wieder aufs Band zu packen, um den Fahrern die Zeit zu sparen, die für das Suchen von Paketen in dem bisher chaotischen Haufen draufging. Nebenher sollte er auch Touren fahren. Er fuhr ein paar Großkunden und wurde auch sonst als Notfallfahrer eingesetzt, um einzelne Touren je nach Tagesbedarf zu entlasten.
Er zeigte allerdings keinen Lerneffekt. Er bekam 20 Kunden, zum Beispiel in Schweich und Kenn, und fuhr damit bis abends nach Sieben in der Gegend herum, ohne dass diese Bilanz sich im Laufe seiner paar Monate beim Unternehmen bedeutend besserte. Er selbst schwieg dazu, keiner wusste eine Erklärung.

Peter war neugierig und gab ihn erst Felix mit. Der bekam eine Ahnung von dem, was lief: An mehreren Stellen der Moseltour (in deren Mitte Sub75 wohnte) zeigte er auf Häuser und sagte, er kenne den oder die, und ob Felix nicht Lust hätte, auf einen Kaffee mitzukommen. Nein, Felix will nach Hause, spätestens nach Bandstart, und so wurde es nichts mit den Kaffeepausen.

Schließlich fuhr er mit mir in die Gegend Simmern/Flughafen Hahn, wo ich vertretungsweise unterwegs war (die Südwesteifel wurde ja neuerdings von Doc bedient). Um Viertel nach Drei setzte ich ihn zuhause ab und er sagte, so früh sei er noch nie zuhause gewesen. Was war geschehen?
Ich habe den Verdacht, dass er effizienter arbeitet, wenn jemand dabei ist, von dem er der Meinung ist, er müsse sich bei dem zusammenreißen. Ich musste ihm nie sagen, was er zu tun hatte, er machte alles allein, machte den Laufschritt mit und trug unaufgefordert bereitwillig alle Pakete selbst. Auch dann, wenn ich selber welche tragen wollte. Es ging echt flott, und er machte mir auch keine Kaffeeangebote. Es muss wohl an mir gelegen haben.
Nur beim Pakete aussuchen passte er nicht genügend auf: So stellte er ein Tchibo-Paket im falschen Supermarkt zu, weil er nicht auf das Adressfeld geachtet, sondern den ersten Tchibo gegriffen hatte, der ihm ins Auge gefallen war. Ich bemerkte das Versehen allerdings gleich, wenn auch erst nach der Unterschrift, tauschte die Sendungen an der Warenannahme aus und überbrachte den ursprünglich vertauschten Karton eben einfach so zum richtigen Empfänger.

Er brachte mich an anderer Stelle aber auch zur Verzweiflung. Das Konzept, dass Pakete, die gleich aussehen und gleichzeitig übers Band rollen, nicht zwangsläufig für den selben Empfänger gedacht sind, kam nicht ganz bei ihm an. An einem Morgen teilte mir die Ablaufkontrolle mit, dass ich noch ein Paket suchen müsse. Das sei um soundsoviel Uhr übers Band gelaufen. Ich suchte und suchte und suchte. Ich besah mir schließlich den Absender: Es handelte sich um einen Elektronikgroßhandel, ich wusste, wie die Pakete aussehen. Als letzte Option ging ich zu Subs bereits gepackter Palette (er fuhr bei Bedarf auch LKW) für einen Elektronikzwischenhändler, schnitt sie wieder auf und nahm sie auseinander. Das gesuchte Paket war dabei – und ausgerechnet das hatte er vor dem Einpacken nicht gescannt!? In dem Fall hätte ich eine Meldung erhalten, dass die Tournummer XY mein Paket habe. Hätte mir eine Stunde Zeit gespart. Ich wäre beinah laut geworden.

Dieses Ereignis machte mich aber in der Tat wütend und der Tag lief entsprechend. Bei einem Tierarzt mit angeschlossenem Tierbedarfsgroßhandel in Trier fuhr ich zuerst zu schnell auf den Hof. Der Tierarzt kam aus seiner Praxis und hielt mir verärgert einen Vortrag darüber, dass mein Verhalten gefährlich sei und ob ich denn jemanden überfahren wolle. Meine ansonsten kühle Diplomatie versagte an dieser Stelle völlig, und dass ich ihm nicht sagte, er solle mir nicht auf den Sack gehen, war auch alles, was noch fehlte. Nach diesem unglücklichen Dialog verschwand er wieder, ich holte einen Rollwagen für seine acht Zentner Hundefutter, nur um dabei festzustellen, dass ich damit um einen ungünstig geparkten PKW nicht herumkam. Mir platzte der Kragen und ich fluchte laut. Sofort war der Doktor wieder draußen und sagte, er werde mir Hausverbot erteilen, wenn ich mich nicht benähme. Wenn ich mich recht erinnere, sagte ich etwas in der Art, das mir das egal sei und dass ich den Krempel dann eben wieder mitnähme. Damit hatte ich wohl einen falschen Knopf gedrückt und er verlangte meine Personaldaten, also Name, Arbeitgeber und dergleichen. Ich nannte sie ihm in einem Tonfall, in dem man sonst „Fick Dich doch ins Knie…“ sagen würde und er wies seinen ebenfalls hinzugekommenen Lagermitarbeiter an, diese Daten aufzuschreiben.
Dazu kam es nicht, aber ich stand kurz vorm Explodieren. Ich glaube, mein Atem ging stoßweise und meine Hände zitterten. In dem Moment tat mein Gegenüber das einzig Vernünftige: Er deeskalierte. Er redete ruhig.
„Jetzt kommen Sie doch mal wieder runter… setzen Sie sich einen Augenblick hin und atmen Sie mal durch.“ Dann ging er einfach in seine Praxis und sein Mitarbeiter stand zunächst noch unschlüssig auf dem Hof rum.

Ich setzte mich auf den Rollwagen, der Mitarbeiter ging zögerlich wieder ins Lager, und ich saß fünf Minuten in der milden Sonne, bis mein Puls wieder einen normalen Wert erreicht hatte. Dann konnte ich weiterarbeiten. Ich lud das Futter auf den Wagen, rollte ihn ins Lager. Der Angestellte sah noch etwas geschockt aus, sagte aber nichts. Mangels Grund kam etwas solches nie wieder vor und ich erfreue mich eines guten Arbeitsverhältnisses zu dem Kunden.

Verschlug es mich in Gegenden, in denen Sub75 die Tage zuvor zugestellt hatte, bekam ich Beschwerden über ihn zu hören. Ein Stihl-Händler in Trier berichtete mir, dass Sub75 mit der Kippe im Mundwinkel und zwei Paketen lässig am langen Arm zu ihm in die Werkstatt gelatscht sei, als er gerade mit dem Stihl-Außendienstmitarbeiter redete, und der habe sich noch mehr über die mangelnde Etikette aufgeregt, als er selbst.
Bei einem Baumarkt wurde mir mitgeteilt, dass man ab sofort die Pakete genau auf Schäden und Vollständigkeit prüfe (die hatten immer unterschrieben, ohne auf die Mengenangabe auf dem Display zu achten), weil letztlich ein Hochdruckreiniger gefehlt habe. Ich habe allerdings nicht erfahren, ob das Paket tatsächlich verschwunden oder nur im Auto vergessen worden war.
An einem anderen Tag waren verantwortliche Leute in heller Aufruhr, weil er einen sündhaft teuren Drucker nicht fand. Am Tag zuvor hatte er einen erneuten Liefertermin angegeben, weil der Kunde bei seiner Ankunft wegen der fortgeschrittenen Zeit keine Waren mehr annahm. Am Folgetag war der Drucker allerdings verschwunden. Sub75 wurde in die Mangel genommen, sagte, er habe das Fehlen des Druckers auch erst beim Öffnen des Wagens im Depot bemerkt. Dass er im Laufe der eindringlichen Befragung nicht in Tränen ausbrach, war auch alles, was noch gefehlt hatte. Er schniefte aber auffällig, als es vorbei war und er mich bat, ihm bei der Stoppsetzung zu helfen. Er hatte den Kastenwagen wohl am Abend zuvor ausgekehrt und dabei vergessen, den Drucker wieder in den Laderaum zu stellen!

Seine Arbeitsleistung ging noch mehr in den Keller, als seine Mutter so krank wurde, dass sie ein paar Wochen auf der Intensivstation einer saarländischen Klinik verbringen musste. Subs Vater fuhr jeden Tag nach der Arbeit ins Saarland und kam gegen 23 Uhr wieder zurück. Sub75 blieb so lange wach, um Neuigkeiten von der Mutter zu erfahren. Dadurch schlief er natürlich erst recht nicht genug, er kam häufig zu spät. Irgendwann stellte ihm Peter ein Ultimatum: Wenn er morgen noch einmal zu spät komme, würde er ihn entlassen. Was tat Sub75, um diesem Schicksal zu entgehen? Er fuhr nach seiner Tour nach Koblenz hoch und schlief im Auto vorm Tor des Depots.

12. Januar 2014

Die Fracht am Rhein (Teil 1)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 17:31

Das Jahr 2013 war gekommen, das Depot Trier war gegangen, das Depot Koblenz war zur neuen Ausgangsbasis geworden. Und dort – man muss es gleich einleitend sagen – kam nichts so, wie es gesollt, gewünscht, oder versprochen worden war. Die Idee, zur gewohnten Zeit zuhause aufzubrechen, kam mir erst gar nicht. Für einen Mitarbeiter mit meinen Arbeitsstandards steht sternenklar fest, dass es nur Nachteile bringt, andere die eigene Arbeit machen zu lassen, und damit beziehe ich mich nur auf das im vergangenen Dezember angesprochene Abräumen der Pakete vom Band. Verpasste Pakete bedeuten Zeitverlust und ich gedachte eigentlich, ebenso effizient weiterzuarbeiten – und da der Januar erfahrungsgemäß ruhig war, sollte genügend Zeit sein, sich in die Gepflogenheiten des neuen Betriebs einzuarbeiten und dabei auch die neuen Aufgaben anzulernen.
Ich stand also nicht mehr um halb Vier auf, sondern bereits um Viertel nach Zwei, brach um 0315 auf und war so zwischen 0430 und 0445 am Arbeitsplatz. Das Wetter war nach dem Wintereinbruch Ende des Jahres 2012 wieder recht mild und machte – zumindest vorerst – keine Probleme.

Schon nach wenigen Arbeitstagen war eine große Sache klar: Die Frachtzahlen unterschieden sich nicht wirklich von denen kurz vor Weihnachten.
Was war hier los? Ich habe damals nicht darauf geachtet, ob vielleicht gerade mit dem Jahreswechsel auch ein paar neue Transportaufträge des Konzerns griffen und deshalb nicht möglicherweise ein paar neue Absender in den Auftragsbüchern zu finden gewesen sein könnten – schließlich hat auch Transoflex eine Abteilung für Kundenakquise, und die schlafen ja nicht.
Es war jedenfalls eine schnell feststehende Tatsache, dass die Fahrzeiten sich nicht grundsätzlich von denen unterschieden, die in der Vorweihnachtszeit üblich waren, und da war die Extrabelastung durch das Pendeln zum Arbeitsplatz noch gar nicht einberechnet. Schon allein dadurch zerbröselte Peters Plan, den „ruhigen Januar“ zur Einarbeitung in die neuen Aufgaben zu nutzen. Es wurde weiter bis zur Erschöpfung geklotzt. Stranski sagte dazu nichts und auch Dhalsim zuckte auf Anfrage nur mit den Schultern.

Aber auch andere Details trugen zur Verlängerung des Arbeitstags bei. In Trier kannte ich alle Kniffe und konnte bis um spätestens 0830 abgefertigt werden und aus dem Depot fahren. An normalen Tagen war ich sogar bereits um 0800 unterwegs. Gute Zeiten! In Koblenz kam vorerst schnell eine Stunde hinzu, und das, obwohl der Bandstart hier grundsätzlich bei 0500 lag, anstatt bei der gewohnten Marke von halb Sechs. Das hatte seinen Grund in der mangelnden Vorbereitung der Verantwortlichen auf die neuerliche Flut von Paletten und Paketen, die da ins Lager schwappte.
In Trier hatte man uns folgendes erzählt: „In Koblenz läuft das Band noch schneller, und wenn das Band mehr als dreimal am Morgen steht, machen sie Dir die Hölle heiß!“
Die Wahrheit ist eher, dass das Paketband in Koblenz bereits Altersschwäche zeigt. Je weiter „flussabwärts“ man es betrachtet, desto langsamer läuft es, ohne Unterschied, ob Innen- oder Außenseite. Ja, in Koblenz laufen eigentlich zwei Bänder parallel: Die Innenseite für den Raum Koblenz, die Außenseite für den Bereich Trier und Vordereifel. Die Labels sind entsprechend gekennzeichnet, damit die Aufleger wissen, welches Paket wohin aufgelegt werden muss.

Ich stand mit Stranski etwa in der Mitte und die Pakete rollten an der Stelle bereits so langsam vorbei, dass ich manchmal wähnte, ich müsse bekloppt werden, denn von Trier her war ich eine zügigere Frequenz gewohnt.
Ganz vorn dagegen war die Geschwindigkeit „trierisch“ flott – mit dem Unterschied, dass die Bandaufleger hier aus zeitlichen Gründen nicht so freundlich waren und darauf achteten, einen gewissen Abstand zwischen den Packstücken zu belassen. An den ersten Toren glitten die Pakete dicht an dicht, oft in zwei Reihen hintereinander und machmal auch übereinander an den Fahrern vorbei, die streckenweise keine Chance mehr sahen, ihre Pakete schnell genug zu greifen und frustriert aufgaben. Was sie nicht kriegten, lief halt durch.

Hinzu kam, dass zum Beispiel Bert und Felix die Versprechungen des Fuhrunternehmers wörtlich nahmen: Sie kamen erst gegen halb Sieben, und da den vorhandenen Leuten keiner gesagt hatte, welche Pakete wohin kamen, liefen auch die durch, nach ganz hinten, wo der letzte Fahrer in der Reihe diese Durchläufer in die Ecke warf. Niemand sorgte auch nur für ein Minimum an Ordnung. Genau da wurde eine Menge Arbeitszeit verbrannt, denn der Chefoberboss hatte bei seiner offenbar keineswegs durchdachten Zusage, in Koblenz seien Leute, die für die Spätkommer abräumten, wohl die bereits vorhandenen Koblenzer Kollegen gemeint – und die hatten doch mit ihrem eigenen Stall genug zu tun.

Wenn das Band dann zwischen halb Acht und Acht endlich stand, lag hinten in der Ecke ein chaotischer Haufen Zeug, der immerhin vom Koblenzer Material getrennt war. Ansonsten alles durcheinander. Diesen Paketberg zu durchwühlen, kostete jeden von uns mindestens eine halbe Stunde. Da ich auch erst einmal herausfinden musste, wo man überall vermisste Pakete finden können würde – nicht nur am Bandende, sondern auch bei anderen Fahrern, unter dem Band, zwischen Paletten- und Sperrgutzone, vor dem LKW-Tor 8, vor der Leitplanke am Verschlusslager… – erhöhte sich die Zeit, zu der ich endlich auf die Straße kam, auf nach Neun Uhr, und es dauerte bis Ende Januar, bis ich mal auf 0845 vorrückte. Und dabei bedenke man: Bis zum ersten Kunden in Kordel vergingen im Schnitt weitere 75 Minuten auf der Autobahn.

Der körperliche Druck baute sich also allmählich wieder auf, aber der psychische Druck kam schlagartig sofort und Elmo bekam bereits am 3. Januar zu spüren, was von den im Dezember gemachten Versprechungen zu halten war:
Er erschien in Koblenz so gegen Acht zur Arbeit, also zu einem Zeitpunkt, wo man schon bald losfahren sollte, will man ausreichend Kunden erreichen, bevor diese ihre Warenannahme schließen. Da er in einem Nachbarort von Ehrang wohnte, fuhr er um 0615 zuhause weg und stand in Trier um 0630 pünktlich auf der Matte. Nach Koblenz aber musste er erst mal knapp zwei Stunden fahren.
Das Versprechen, seine Paletten seien bei seinem Erscheinen bereits gewickelt und bereit zum Einladen, war nichts als ein bloßes Daherreden ohne dahinterliegende Substanz gewesen: Es wurde nichts in dieser Richtung unternommen – rein gar nichts. Wer hätte die Arbeit auch machen sollen? Minijobber kosten schließlich Geld, die zusätzliche Arbeitszeit von pauschal entlohnten Mitarbeitern dagegen kostet gar nichts.
Elmo musste also die auch in Trier üblichen, zwei oder mehr Stunden mit Suchen, Sortieren, Scannen und Wickeln verbringen, bevor er an Abfertigung und Tourbeginn denken konnte, und das führte in direkter Folge dazu, dass er Ware wieder mitbrachte, deren Zustellung er vor Annahmeschluss nicht mehr schaffte.

Um diesen Missstand abzustellen, wurde umgehend ein weiteres Versprechen gebrochen: Peter machte ihm unzweideutig klar, dass er ab sofort wieder zur auch in Trier üblichen Zeit von halb Sieben im Depot zu sein habe. Elmo war natürlich oberstinkesauer, nur Puck schien das mit der Gelassenheit eines Menschen hinzunehmen, der vom Leben eh nichts mehr erwartet.
Bert ließ sich von sowas nicht beeindrucken, er kam weiterhin spät, nur Felix ließ sich mit einem Fünfziger mehr pro Monat dazu überreden, bis um Fünf da zu sein.

Ein gehaltenes Versprechen war der Wegfall von so genannten Nachladetouren. Aber es wäre auch Blödsinn gewesen, die LKWs von Trier nach Koblenz zurückkommen zu lasen, um sie erneut zu beladen und nach Trier zu schicken, da eine Fahrt über 90 Minuten in Anspruch nahm – stattdessen fuhr Elmo neuerdings mit einem Anhänger. Ein 7,5t Laster mit Anhänger bei weniger als 150 real existierenden PS auf einer Autobahn mit einigen Anstiegen? Man konnte die dunklen Gewitterwolken über seiner Stirn förmlich sehen.

Auch der Februar brachte keine Entspannung, es wurde weiter geklotzt. Hinzu kam aber, dass es plötzlich saukalt wurde und zu schneien anfing.
In Koblenz stehen die Autos außerhalb der Halle und man füllt sie durch ein kleines Rolltor. Der Nachteil wird einem schnell klar, wenn es einem durch die offenen Rolltore im Rücken eiskalt in den Nacken zieht und die Hallentemperatur trotz Heizrohrs an der Decke kaum über den Gefrierpunkt hinauskommt. Die Autos selbst waren dann natürlich ebenfalls eiskalt, wenn man sich hineinsetzte. Aber das war ja nur die Kälte.
Schnee ist einer der bedeutendsten Feinde des Kraftfahrers, und morgens um halb Vier ist noch kein Räumdienst unterwegs. Die Autobahn war weiß in Weiß, wenn auch bereits plattgewalzt von in der Nacht fahrenden LKWs, und das Fahren selbst wurde zur Arbeit. 60 km/h waren stellenweise schon gefährlich schnell und ich habe mehrfach in der zweiten Hälfte der Strecke den Räumdienst fahrlässigerweise überholt. Das Fahren unter solchen Straßenbedingungen kostete mich eine Menge Konzentration, so dass ich schon mit einem gewissen Erschöpfungsgefühl auf der Arbeit ankam und dann dick eingepackt in Jacke, Mütze und Schal meine Arbeit verrichtete, die eigentlich Schweiß treibend ist.

Der Weg zu den Kunden war dann auf der Autobahn frei, aber in den Dörfern hatte sich noch nichts getan. In Butzweiler befindet sich in Fahrtrichtung Newel ein Anstieg von mindestens 15 % Steigungsgrad und an einem dieser verschneiten Tage kam ich von Newel herunter. Ich besah mir die Senke und beschloss, es zu versuchen. Vermutlich wäre der Versuch, zurückzustoßen und eine alternative Route einzuschlagen, eh bereits zum Scheitern verurteilt gewesen.
Ich schob den ersten Gang ein, blieb auf der Kupplung und gab zentimeterweise mit der Bremse nach. Ich wagte kaum zu atmen. Ein Tick zuviel Bewegungsenergie und das drei Tonnen schwere Fahrzeug wäre nicht mehr zu halten gewesen. Ich schaffte die Hundert Meter bis zur Einfahrt Remigiusstraße dann binnen weniger Minuten mit klopfendem Herzen und pochenden Schläfen und war bei der Kundin dann beinahe zu nervös, um den Scanner zu bedienen.

Ob es an dem selben Tag war oder an einem anderen, weiß ich nicht mehr, aber ich fuhr dann auch über die verschneite Straße von Sinspelt nach Neuerburg und hatte mit 50 km/h in einer Rechtskurve wohl übertrieben: Das Heck brach nach links aus und verfehlte nur um Haaresbreite einen entgegenkommenden PKW. Als ich im Krankenhaus ankam, um meine Lieferung zuzustellen, musste ich mich erst mal einen Augenblick sammeln, bevor ich überhaupt den Scannerstift festhalten konnte, so sehr zitterten meine Hände. Herr T. vom Empfang zeigte sich verständnisvoll und wartete geduldig.

Allgemein zeigte die Arbeitsbelastung sowie das frühe Aufstehen Spuren bei mir: Ich zeigte mich zunehmends schlecht gelaunt und auch meine Freundin war zu Recht unzufrieden damit, dass ein gemeinsames Leben die Woche über unmöglich geworden war. Ich ging zu Peter und sprach ihn auf den schleppend, wenn überhaupt, vorangehenden Übergang zum im Dezember besprochenen Arbeitssystem an und dass ich nicht dauerhaft zwölf bis 15 Stunden pro Tag arbeiten könne, und da hatte ich die Anfahrt noch nicht mit einbezogen. Er sagte, es gebe wegen der Umstellung auf Koblenz noch ein paar Probleme, vor allem personeller Art, er werde mich aber so bald wie möglich auf ADR-Lehrgang schicken und einen Ersatzfahrer für die Eifel finden.

Kurz darauf wurde mir ein Praktikant vorgestellt, einer von Berts Freunden, ebenfalls aus Nigeria, ein eher rundlich und durchweg sympathisch anmutender Typ Anfang Dreißig, den ich im Blog „Doc“ nenne. Er erzählte mir, er habe früher immer Profifußballer werden wollen, habe hart trainiert und sei auch in entsprechende Nachwuchskader aufgenommen worden – und dann habe eine Knieverletzung alles zunichte gemacht. Da er nach dem Prinzip verfahren sei, „Fußball oder gar nichts!“, habe er da gestanden ohne höheren Schulabschluss, ohne Ausbildung, ohne zukunftsfähigen Job. Dieses Muster, sein Leben komplett gegen die Wand zu fahren und die Reste das Klo runterzuspülen, kam mir sehr bekannt vor. Wir hatten aber insgesamt angenehme Gespräche und wir erwiesen uns im Denken als ziemlich ähnlich.

Und genau an diesem Tag blieben wir kurz vor Daleiden auf einem asphaltierten Feldweg im Schnee stecken. Das wäre zu vermeiden gewesen, wenn ich statt der offiziellen Umleitung (!) den Streckenabschnitt gewählt hätte, den auch sonst jeder fuhr, aber ich dachte mir, wenn da schon eine offizielle Umleitung ausgeschildert ist, dann wird man da wohl durchkommen… aber damit war es nichts.
Wir standen am Hang, mit der Senke im Rücken, aber der Winkel reichte nicht aus, um den Wagen einfach wieder zurückrollen zu lassen. Wir nahmen die einzig verfügbaren Hilfsmittel zur Hand: Einer dieser schwarz-gelben Streckenpfosten, wie man sie im Winter zur Randmarkierung einsetzt, ein Winkeleisen, das für die Radmuttern gedacht war, und die Handsäge, die ich immer dabei hatte. Wir schaufelten Schnee weg, hackten im Eis herum, unterfütterten die Frässpur der Hinterreifen mit Gehölz, um vielleicht mit Vor und Zurück aus der Kuhle am Fahrbahnrand herausschaukeln zu können, aber nichts half. Mit meinem Latein am Ende machte ich mich nach 45 Minuten auf den Weg ins Dorf, um einen Bauern mit Schlepper aufzutreiben.
Ich fand auch schnell einen, der das Problem schnell löste. Wir zeigten uns dankbar.
„Seid froh, dass es Euch nicht da unten in der Senke erwischt hat,“ sagte er und wies in den Geländeeinschnitt zwischen Daleiden und Dahnen, „da hab ich letzte Woche einen Dönerlieferanten rausgezogen, der meinte, es sei eine gute Idee, mit einem Kühlwagen bei solchen Straßenverhältnissen einen Feldweg zu nehmen.“
Mit über einer Stunde Zeitverlust ging es dann weiter und bis wir beim letzten Kunden fertig waren, war es verdammt spät. Ich setzte ihn in Trier ab, entschuldigte mich für meinen Leichtsinn bei Daleiden, und machte mich auf den Weg nach Hause. Unerwarteterweise tauchte er aber tags drauf wieder auf und erklärte sich bereit, die Eifel zu übernehmen.

Ich wurde daraufhin der so genannte Springer, also der, der überall da fährt, wo einer krank oder im Urlaub ist, oder wo schlicht eine vorübergehende Entlastung für den Fahrer der Hauptroute notwendig wird. Nach einigen Tagen wurde mir klar, warum der Kurde damals gesagt hatte, er wolle lieber seine Bitburger Stammtour zurück…

5. Januar 2014

Hirosaki bye-bye

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 12:59

Wie der aufmerksame Stammleser feststellen wird, sind die Hirosaki-Tagebucheinträge wieder aus dem Blog gelöscht worden. Die zeitlichen und Kräfte zehrenden Erfordernisse meines Broterwerbs haben das von mir angedachte „Tag-für-Tag“ Konzept ja bereits kurz nach Beginn des Projekts zerstört, und wenn ich dem Konzept nicht folgen kann, dann soll es halt nicht sein. Es macht aus meinem derzeitigen Blickwinkel jedenfalls keinen Sinn, einen Großteil meiner Wochenenden für weitere mehrstündige auf reine Nostalgie getrimmte Schreibmarathons zu opfern, gerade, wo die Notizen eines ganzen Arbeitsjahres darauf warten, in Fließtexte umgewandelt zu werden.
Ich warte also noch ein paar Jahre. Da ich auf runde Jubiläen stehe, werden also noch etwa fünf Jahre vergehen. Vielleicht aber auch noch einmal zehn. Das bleibt abzuwarten.

6. September 2013

Gaytal-Kamikaze (Teil 18)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 12:14

Die Notizen sind mir noch nicht ausgegangen… ich verbleibe noch ein paar Absätze lang im Jahr 2012: Drei Stichworte habe ich noch, dann beginnt auch hier das Jahr 2013, und trotz werbewirksamer Fehlinterpretation des mayanischen Kalenders ist die Welt zwischendurch nicht untergegangen, wie wir ja heute wissen.

An einem sonnigen Tag im Spätherbst fuhr ich etwa um 0800 aus dem Depot in Richtung Newel, also durch Ehrang und Biewer, von dort aus über die schmale Straße unter der Autobahnbrücke hindurch, aber an der Gabelung nicht links auf direktem Weg nach Trierweiler, sondern erst rechts den Berg nach Besslich und Butzweiler hoch, weil damals die Einmündung auf die Landstraße bei Aach wegen Bauarbeiten gesperrt war.
Während des Anstiegs drehte der Motor allmählich immer schneller, aber die Leistung viel ab, bis ich schließlich Vollgas geben konnte und trotzdem bestenfalls noch Schritttempo fuhr.

Ich nutzte die erste Einbuchtung für Waldfahrzeuge, um einen laienhaften Blick in den Motorraum zu werfen. Da war nichts zu sehen, es qualmte nichts oder so, aber es roch nach verbranntem Gummi. Getriebeschaden, davon ging ich aus. Ich rief im Depot an.
„Okay, komm zurück, wir haben noch ein Auto hier.“
Ich bekam eine von den alten Sprintergurken ohne Stauraum (dafür mit viel Müll und Dreck), die nur für Engpässe in Bereitschaft standen, und bis ich nach Rückfahrt und Umladen wieder auf die Straße konnte, war über eine Stunde vergangen, es war mittlerweile nach halb Zehn. Und das mitten im Vorweihnachtsbetrieb.

Da zu jenem Zeitpunkt auch die Trierer und der Bitburger bis zur Hintertür vollgepackt waren, war es an mir, in deren Peripherie zuzustellen – unser Management sieht in erster Linie auf die Anzahl der Kunden am Tag, das sind in der Eifel selten mehr als 50, während die Stadtfahrer in der Regel das Doppelte stemmen müssen, aber kaum jemand bedenkt die Kilometer, die ebenfalls Zeit kosten. Oder man hat bei den Dispoplanungen Fahrer im Kopf, die mit über 50 Kunden durch die Eifel düsen und trotzdem um Drei zuhause sind.
Ich bin allerdings kein schneller Fahrer und hatte einiges zu tun an dem Tag: Trierweiler kostet über eine halbe Stunde extra, die Dörfchen westlich von Bitburg eine weitere Stunde, und inklusive des Umstands, dass vor Weihnachten die Frachtzahlen um 50 % steigen, kommen so bequem mehr als zwei Stunden raus. Mit allem, was an jenem Tag schon passiert war, würde ich vielleicht um halb Acht zuhause sein.

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit kam ich in Biersdorf am See an, um dem Altersheim noch irgendwas zu bringen, aber 500 m in den Ort hinein kamen aus dem Motorraum Geräusche, als habe jemand den Ventilator vorne mit einem Häcksler verwechselt; im nächsten Moment begann die Fahrerkabine, sich mit Rauch zu füllen. Ich zog das Auto noch auf den Parkplatz der Sparkasse. Ein Anwohner hatte das Geräusch gehört und kam zu mir rüber, Taschenlampe griffbereit. Motorhaube auf, ich ließ den Motor an, und wir sahen gemeinsam hinein. Zylinderkopf? Ölleitung? Ich war nicht sicher. Irgendwo spritzte Öl, es verdampfte auf dem heißen Motorblock und es kam zu der beschriebenen Rauchentwicklung.

Ich rief Peter an, der versprach, jemanden zu schicken, der mich abholen würde.
Was sollte ich bis dahin machen? Die Sonne hatte den Tag ganz angenehm gemacht, aber jetzt, wo es dunkel war, spürte man, dass der Winter bereits sprungbereit hinterm Horizont im Nordosten lag. Der Anwohner brachte mir einen alten Plastikstuhl und empfahl mir, mich in den Vorraum der Sparkasse zu setzen. Und dann saß ich dort, mit dem Rücken zur Heizung. Ich ging im Kreis, las alle ausliegenden Werbeprospekte und entdeckte, dass das Grundstück samt Werkhalle eines unserer (gelegentlichen) Kunden in
Mettendorf zum Verkauf stand. An einem guten Teil anderer Gebäude kam ich auch hin und wieder vorbei und wusste, wo sie sich befanden (und dass man sie von ihrer schokoladigsten Seite fotografiert hatte). Langeweile in Reinform.

Um etwa Sieben rief Felix mich an, er würde kommen, aber es werde noch etwas dauern, von Wittlich nach Biersdorf vorzustoßen. Kurz vor Acht kam er dann an. Dem Anwohner entging das nicht und als wir mit dem Umladen der verbliebenen Fracht begannen, kam er rüber und brachte uns zwei alkoholfreie Veltins mit Zitrusgeschmack. Dass da Kohlensäure drin war, war mir in dieser Situation völlig egal. Wir tranken gemeinsam einen auf den beschissenen Tag und ich konnte nur hoffen, dass das Ersatzersatzfahrzeug ein besseres sein würde.

Weitere Tage vergingen, aber dann kam der Winter. Im vergangenen Jahr hatte es meist nachts geschneit und bis zum Arbeitsbeginn waren zumindest die Hauptstraßen wieder frei. Nicht dieses Jahr. Da fing es am frühen Morgen zu schneien an oder während der Tour, und so auch an diesem Tag im Dezember. Es schneite plötzlich in dichten Flocken bei mäßigem bis starkem Wind, die Schneedecke auf der Straße schloss sich und wurde dicker. Ich fuhr Newel und Trierweiler und machte mich auf den Weg nach Udelfangen, wo ein Kollege aus Studientagen arbeitete, der von seinem Studium rechtzeitig den Absprung geschafft und den Einstieg in einen Job im Umfeld der visuellen Medien geschafft hatte. Ich glaube, der Betrieb führt Qualitätskontrollen durch, aber genau weiß ich es nicht; die bekommen jedenfalls immer wieder DVDs und was weiß ich noch was, ab und zu auch als Supersonderzweitageexpress aus den USA.

Da wollte ich gerade hin, als ich in einer kleinen Senke etwa einen Kilometer vor dem Ort mit 40 km/h scheinbar zu schnell in die eigentlich sanfte Linkskurve ging. Vielleicht hatte sich dort unter dem Schnee Wasser angesammelt, das dann gefroren war, ich weiß es nicht – das Lenkrad ging nach links, aber der Wagen fuhr geradeaus weiter, in den Graben hinein. Nach wenigen Sekunden stand fest, dass ich nicht aus eigenem Vermögen da wieder rauskommen würde.
Anruf im Depot.
„Versuch mal, einen Bauern mit Trecker aufzutreiben.“
Könnte das in Udelfangen schwer sein? Da sieht es sehr bäuerlich aus. Aber weit gefehlt. Da gab es noch zwei Traktoren. Beim Hof in der Ortsmitte war keiner zuhause und ein Schnee schippender Nachbar teilte mir mit, dass der Anwohner nur eine Art Teilzeitbauer sei, der die Woche tagsüber meist auf der Arbeit sei. Aber ich könne es weiter oben versuchen, da lebe ein Vollzeitbauer. Da er den Namen der Straße nicht wusste, beschrieb er den Weg und das Haus.
Leider war die Wegbeschreibung nicht die Beste oder zumindest nicht volltauglich in meinem Kopf angekommen und ich ging ein paar Umwege, bis ich das beschriebene Haus endlich gefunden hatte. Eine Dame Mitte Vierzig öffnete mir die Tür und konnte mir nicht weiterhelfen; ihr Mann sei gerade wegen einer Erkältung beim Arzt und werde nicht vor Mittag zurück sein. Nein, andere Leute mit Schlepper gebe es ihres Wissens hier nicht.

Ich machte mich auf den Rückweg zum Auto und telefonierte mit Peter. Er werde sich was anderes einfallen lassen. Bis dahin legte ich mich ins reichlich zugeschneite Auto. Zynischerweise hörte es genau da auf zu schneien und zu stürmen, als ich mich nicht mehr im Freien aufhalten musste. Nach kurzem Dösen rief Peter an: Ein Abschleppdienst sei auf dem Weg. Ich döste weiter, bis ich hörte, dass ein Wagen vor mir hielt. Eine Art Geländefahrzeug, darin ein Mann Mitte Fünfzig in Werkstattkleidung, Jacke drüber.
Wir befestigten das Seil, er zog, ich half mit durchdrehenden Hinterreifen, so gut es mir möglich war. Aber es ging vorwärts und nach einem bedenklichen Kratzen am Unterboden stand der Sprinter wieder auf der Straße. Ich bedankte mich und fuhr weiter, in einen späten Feierabend hinein.

Bei dem Fahrer handelte es sich übrigens um den Vater unseres Lagerverantwortlichen Antonius, und das Kratzen am Unterboden hatte von einem Betonblock her gerührt, in dem wohl vor langer Zeit mal ein Straßenschild eingelassen war. Schäden waren jedenfalls keine festzustellen.

Die Tage waren lang und zehrten an meinen Kräften, aber ich biss die Zähne zusammen – an Weihnachten würde alles vorbei sein und der Januar als eine Art Halburlaub stünde vor der Tür. Am 19. Dezember, dem Freitag vor Heiligabend wollte ich daher alles geben, alles musste raus, und die Stoppzahlen, die ich bekommen hatte, reichten auch bis lang in den Abend. Jedes Kaff wollte mindestens ein Paket haben. Hier ein Umweg, da ein Umweg, und ich schien nicht vorwärts zu kommen.

Am Nachmittag in Mettendorf. Dort lebt ein Außendienstmitarbeiter einer Firma, die Kaffeepads verkauft. Da er natürlich tagsüber unterwegs ist, werden die Pakete bei seiner Mutter abgeliefert, einer netten älteren Dame weit jenseits des Rentenalters, die mir angesichts der fortgeschrittenen Zeit und fünf großer Pakete eine Tüte Plätzchen anbot. Sie sagte, sie habe Kinder, Enkel und Urenkel in ausreichender Zahl und daher ein Überangebot an selbstgemachtem Weihnachtsgebäck. Und das schmeckte ganz hervorragend. Hoffentlich nimmt sie ihre Rezepte nicht mit ins Grab, das wäre ein echter Verlust.

Um Fünf war ich in Neuerburg, wo ich in den besten Zeiten zwischen Zwölf und 13 Uhr auslieferte; um 1430 aus Neuerburg rauszufahren, war für mich spät. Nun war es also Fünf. Niemand hatte mehr mit mir gerechnet. Der Tierarzt zeigte sich mit einem Gesichtsausdruck zwischen Schock und Erstaunen und während ich seine Sachen in die Garage stellte, brachte mir die ganze Familie Plätzchen und Kaffee in einem Thermobecher. Ich war geplättet und wusste gar nicht, was ich dazu sagen sollte, außer mich angemessen zu bedanken.
„Den Becher können Sie behalten, ich hab genug davon.“
„Passen Sie auf, der Becher ist undicht“, fügte seine Frau hinzu.
„Nein, der ist nicht undicht… der äußere Teil hat ein nadelgroßes Loch, da zieht sich vielleicht Spülwasser rein, das später auslaufen kann, aber der Kaffee bleibt drin.“
Ich fühlte mich dabei an Dialoge mit Melanie erinnert. 🙂
Ich war mindestens gerührt. Und dafür, dass jene Frau das ist, was man wohl einen „Besen“ nennen könnte, mit der ich erst nach Monaten warm geworden bin, macht sie hervorragende Plätzchen. Hut ab.
Vielleicht war aber auch das Leben nicht sehr freundlich zu ihr gewesen. Das Ehepaar hat einen Sohn von schätzungsweise Mitte Zwanzig und eine Tochter von vielleicht Anfang Zwanzig, und die durchaus hübsche und freundliche junge Frau ist wohl das, was man früher mal „geistig zurückgeblieben“ nannte… ich weiß nicht, wie man das heutzutage nennt, „retardiert“ klingt jedenfalls zu gestelzt; kurzum: sie hat das Gemüt einer Siebenjährigen. Das kostet Eltern natürlich Kraft und Nerven, von daher habe ich heute, mit diesem Wissen, mehr Verständnis dafür als früher, dass die „Tierarztfrau“ manchmal kurzangebunden bis zur Grenze der Unhöflichkeit ist und ich freue mich jedesmal ein bisschen, wenn sie mal lächelt.

Zustellung in Idenheim um Viertel vor Zehn (ja, abends), dann nach Idesheim. Peter rief mich an.
„Ich hab grade eben den Tagesbericht aufgerufen und gesehen, dass Du vor drei Minuten noch eine Zustellung gemacht hast!? Mach Feierabend!“
„Die letzten beiden mach ich jetzt auch noch…“
Kurz vor Zehn dann in der Schreinerei in Idesheim. Die Werkstatt war natürlich geschlossen, aber der Schreinermeister saß noch in seinem Büro. Und machte große Augen.
„Das brauchen wir ganz dringend am Montag Morgen… der Kunde will sein Wohnzimmer unbedingt bis Heiligabend fertig haben… vielen Dank!“
Letzter Kunde um etwa Zehn, die Pharmamitarbeiterin im gleichen Ort. Im Wohnzimmer brannte noch Licht. Auch hier große Augen. Ihr Dutzend Pakete wanderte in die Garage und sie schenkte mir ein paar Packungen, auf denen zwar jeweils ein Blutzuckermessgerät abgebildet ist, in denen sich aber Toblerone Minis befanden. Dann erst begann das Wochenende.

Die letzten beiden Tage vor Heiligabend waren wie erwartet relativ ruhig, wenn auch nicht so ein Durchhänger wie im Jahr zuvor. Montags schenkte mir die Frau des Waxweiler Tierarztes eine… Dose Bier??? Ich behielt für mich, dass ich kein Bier mochte, aber immerhin sammele ich solche Dosen, die nach was aussehen, und polnisches „VIP“ Bier – warum nicht? Unsere polnischen Kollegen am Band sagten mir, es handele sich um eine beliebte Marke. Tags darauf schenkte mir der Tierarzt selbst noch eine Flasche Dornfelder Rotwein. Es kristallisieren sich irgendwann Kunden heraus, zu denen man lieber fährt als zu anderen.

Der Rest der Arbeitstage im Dezember verging nach und nach. Vor der letzten Trierer Fahrt verabschiedete ich mich von den Bandauflegern und wünschte Ihnen alles Gute. Wir warteten gespannt auf den Neustart in Koblenz, „wir“ heißt Felix, Bert, Stranski und meine Wenigkeit. Die anderen machten den Umzug nicht mit, und der Engel warnte mich eindringlich:
„Ich hab den Scheiß dort von Anfang an mitgemacht, als die DG Koblenz aufgemacht hat… Koblenz ist das letzte, mach Dich drauf gefasst; ich bin garantiert nicht so bescheuert, mir das nochmal zu geben.“

18. August 2013

Nebensächlichkeiten 2012 (Teil 3)

Filed under: Rollenspiele — 42317 @ 11:57

Spielversuche
In der Jahresmitte 2012 hatte ich es geschafft, eine neue Shadowrungruppe (SRII) ins Leben zu rufen, bestehend aus Puck, dem Kleinen und Big M. Als Handlungsort wurde das anarchistische Berlin des Jahres 2052 gewählt. Ich hatte ein paar interessante Regelquellen gesammelt und wollte das Beste daraus machen.

Zum einen das SRII Regelwerk, das Melanies Vater in sehr gutem Zustand vor Jahren zufällig auf dem Flohmarkt gekauft hatte; dass er es (mitsamt einer Kiste weiterer unterschiedlicher Bücher) nach Trier brachte, hatte eigentlich den Zweck, das alles per EBay zu verkaufen – Bücher erzielen dort keinen Verkaufspreis, der die Zeitinvestition lohnend erscheinen lässt, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Ich fischte das Buch aus der Kiste und konnte mein Glück kaum fassen, ich baute eine erste Gruppe auf, die aber nicht lange Bestand hatte. Immerhin war das Ergebnis, dass mir einer der damaligen Spieler das Magieregelwerk „Grimoire“ schenkte und ich mir „Deutschland in den Schatten“ und den „Shadowrun Companion“ kaufte (beide in englischer Sprache) – die dann erst mal wieder im Regal zustaubten.

Vor etwa einem Jahr ergab sich also eine neue Gelegenheit. Ich hatte mir für die Charaktergestaltung das eine oder andere überlegt und verwurstete brauchbare Ideen aus alten Abenteuern mit neuen Ideen, die nicht für ein ganzes Abenteuer reichten. Teil dieser Ideen beruhten auf Nichtspielercharakteren (NSCs), die ich als Generierungsexperiment voll ausgestaltet hatte, sie sollten als roter Faden zwischen Abenteuern dienen, da viel Plastizität in der Spielwelt gewonnen wird, wenn die Spieler gewisse Figuren immer wieder treffen. Ich mochte dieses Konzept schon immer besser als eine Reihe von so genannten Connections, die man einfach kauft und die nur ein Posten auf der Haben-Seite, eine Notiz auf dem Datenblatt sind.

Am interessantesten heben sich hervor der Magier Erasmus, der Schlaf- und Unsichtbarkeitszauber zu seinen Lieblingssprüchen zählt, aber mit seinen schulterlangen braunen Haaren, dem schwarzen Sakko auf weißen T-Shirt, und den schwarzen Armeehosen über den Springerstiefeln auch ein bisschen lächerlich aussieht.
Zum anderen der chinesische Troll Shen Li, der nicht nur voll ausgebildeter Shaolin-Mönch ist, sondern auch noch Ki-Adept mit gesteigerten Reflexen. Ein wahres Nahkampfmonster. Er ist allerdings Pazifist und verwendet nur Nahkampfwaffen mit Betäubungsschaden.

Big M kam auf einen Ork namens Harry Gosowius, der der Einfachheit halber ebenfalls Mechaniker ist. Im ersten Anlauf richtete er den Fokus der Charaktergenerierung völlig auf Geld, da er nicht nur eine Werkstatt, sondern auch das luxuriöseste Auto auf dem Markt besitzen wollte. Im Laufe der darauf folgenden halben Stunde merkte er allerdings, dass dann für körperliche Attribute und allgemeine Fertigkeiten nicht mehr viel übrig blieb. Einen Ork, der dermaßen schwach auf der Brust war, wollte er nicht spielen. Also nochmal: Ein sehr durchschnittlicher Ork mit einer Werkstatt und einem Motorroller statt Luxusauto, dabei mit einem Wert auf „B/R Fahrzeuge“, den man nach der Gesellenprüfung etwa hat. Waffen seiner Wahl waren eine Uzi und ein großer Maulschlüssel. Aber er war zufrieden damit. Benannte die Mitarbeiter seiner kleinen Firma auch gleich nach Leuten, mit denen er im echten leben nicht so klarkam, von daher verzichte ich auf die Nennung von Namen.

Der Kleine baute einen Troll, den man einfach „Wölkchen“ rief, wegen seiner chronischen Verdauungsstörungen… ebenfalls ein friedlicher Typ, der Ärger lieber aus dem Weg ging, ohne dabei Pazifist zu sein. Sein Geld verdiente er bezeichnenderweise als freiberuflicher Lieferfahrer. Dazu besaß er einen Kleinwagen, in den er nicht reinpasste, weswegen das Dach abgesägt wurde. Nachdem es ihm allerdings ein paar Mal den Sitz nassgeregnet hatte, konstruierte er mit Harrys Hilfe aus einem Zeltbausatz eine Art Verdeck, das immerhin Geschwindigkeiten von 50 km/h aushielt, bevor es die Stangen verbog oder die ganze Sache gleich aus der Verankerung riss.

Puck baute einen Elfen, einen bunten Vogel mit hohem Charisma, einen Studio- und Straßenmusiker namens Eris, der von einer Solokarriere träumte und für den es nichts wichtigeres als seine Gitarre und Musik gab – Schattenlaufen war für ihn eine Möglichkeit, schneller an das benötigte Kleingeld zu kommen. Er wurde aber meist „Heinz“ gerufen, denn eine seiner gewählten Eigenschaften war „human looking“, eine Option aus dem Sammelsurium des „Shadowrun Companion“ zur farbigeren Ausgestaltung von Spielercharakteren, die ich als „menschenähnlich“ übersetzte. Er sieht also auf den ersten Blick nicht aus wie ein Elf und Eris legte sich den Straßennamen „Heinz“ zu, um den Effekt weiter zu festigen.

Der Auftakt: Wölkchen erhielt von einer anonymen Person den Auftrag, eine Metallkiste von der Größe eines Aktenkoffers an einer bestimmten Adresse abzugeben; wie sich herausstellte, das Hauptquartier der Motorradgang „Burning Blisters“, die in dem Bereich für Ruhe und Ordnung sorgten. Wölkchen bekam sein Geld, die Tür schloss sich, er setzte sich wieder ins Auto, und als er den Zündschlüssel drehte, bemerkte er im Augenwinkel eine Bewegung. Er kümmerte sich nicht weiter darum und fuhr los.

Tags drauf war die Hölle los im Kiez. Das Hauptquartier der Burning Blisters war überfallen worden, es gab zwei Tote, und außer offensichtlichen Wertsachen war scheinbar nur eine Metallkiste verschwunden – DIE Metallkiste. Der Auftraggeber war nicht davon angetan und forderte Wölkchen unmissverständlich auf, sich an der Suche nach der Kiste zu beteiligen, da er nicht frei von Verdacht sei. Wölkchen schaltete seine beiden Bekannten ein und sie wandten sich gemeinsam an den Informationshändler ihres Vertrauens. Über ein paar weitere Ecken kamen sie so zu dem Wissen, dass man sich auf der Straße erzählte, eine rivalisierende Gang, die „Razors“, hätten den Überfall im Zuge einer bereits länger laufenden Fehde ausgeführt.

Wölkchen und Heinz versuchten sich an einem „Undercover-Unternehmen“, in dem sie sich zum Treffpunkt der Razors vorarbeiteten. Dabei rannten sie beinahe in ein anderes Kommandounternehmen, das mit der laufenden Handlung nichts zu tun hatte, aber ich finde es immer unterhaltsam, wenn meine Spieler glauben, dass alles, was ihre Spielfiguren erleben, in einem Zusammenhang mit der Gesamtgeschichte stehe. Ich meine, wenn man auf der Straße jemandem begegnet, der einen nach dem Weg fragt, dann kommt man ja auch nicht auf die Idee, dass dieses Ereignis Auswirkungen auf das spätere Leben hat, oder?
Wie dem auch sei: Die beiden fanden sich irgendwann im Treffpunkt der Razors ein, einer Art Rockkneipe, und versuchten vorsichtig, an Informationen zu kommen, allerdings erfolglos.

Harry wählte daraufhin den direkten Weg: Er fuhr am kommenden Abend allein an der Kneipe vor, ging hinein und fragte den ersten mit einem „Razors“ Aufnäher, ob sie was mit dem Überfall zu tun hätten. Er hatte binnen zehn Sekunden ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, und gefragt, wer solche Sachen erzählte, fiel ihm nur Heinz ein. Der bemühte sich zu dem Zeitpunkt gerade um Aufnahme in eine Art Kuschelrock-Liveband mit der Bezeichnung „ShmooRiders“ und probte mit denen im Keller des Bandleaders. Die Razors kamen an, verlangten Rede und Antwort und Heinz stritt erfolgreich ab, diesen Bekloppten, der sie hergeführt hatte, überhaupt zu kennen, versicherte ihnen glaubhaft, es handele sich um einen armen Irren, den er ab und zu am Bahnhof herumlaufen sehe, der jedem, den er zum zuhören brachte, alles mögliche erzähle, wenn er hoffen konnte, dafür Aufmerksamkeit oder vielleicht sogar Geld geschenkt zu bekommen. Die Gang zog ab, ohne größere Schäden anzurichten, nahm nur ein paar Wertgegenstände aus dem Haus mit und zerlegte den rechten Vorderreifen von Harrys Auto mit Hilfe einer Pumpgun. Heinz war mindestens stinksauer und riet Harry, sich keinesfalls am Bahnhof sehen zu lassen, und am besten erst mal ein paar Tage in seiner Werkstatt zu bleiben (wo ihm der Pausenraum eh als Wohnung diente).

Aber Harry langweilte sich, und es war auch nur genug Arbeit da, um die Kosten zu decken und seine beiden Mechaniker nicht nach Hause schicken zu müssen. Also kam er auf den Trichter: „Ich zieh meinen Helm an, damit mich keiner erkennt, fahr mit dem Roller rum und schlag Autoscheiben mit meinem Maulschlüssel ein – dann kommen die alle in meine Werkstatt, um den Schaden beheben zu lassen.“ Ah ja.
Nun, er fuhr rum und zerschlug ein paar Scheiben, am hellichten Tag und natürlich in seiner eigenen Nachbarschaft, damit die Leute auch zu ihm gingen, und nicht in die Werkstatt drei Blocks weiter. Dabei wurde er zwar nicht erkannt, aber ein Passant ertappte ihn und ein weiterer hätte ihn beinahe vom Roller gezerrt, bevor er mit Vollgas davonbrausen konnte. So kam er auf den Gedanken, dass die Sache vielleicht doch keine so gute Idee war und richtete seine Energien wieder auf den Fall, der eigentlich zu lösen war, nämlich, wie man die verschwundene Kiste wiederbesorgen könnte.

Nach einem Tag des Brütens hatte er einen „Plan“, der ihm so gut gefiel, dass er ihn Heinz sofort mitteilen wollte. Es war nicht schwer, herauszufinden, dass der Musiker zu diesem Zeitpunkt gerade im Bahnhof spielte. Allen Warnungen zum Trotz ging er schnurgerade dorthin und fand Heinz im entrückten Zustand beim Spielen eines improvisierten und besonders gelungenen Riffs im Kreis von einem Dutzend interessierter Zuhörer. Alle verbalen Versuche, ihn auf sich aufmerksam zu machen, schlugen fehl, aber Harry platzte vor Mitteilungsbedürfnis, zog seine kleine Uzi aus der Seitentasche seiner Arbeitshose und feuerte eine Salve in die Deckenverkleidung.
Die Leute stoben sofort in Panik, manche schreiend, auseinander und rannten zum nächsten Ausgang. Noch bevor Harry etwas sagen konnte und Heinz damit fertig war, ihn zu beschimpfen, begannen die Sicherheitstore sich zu schließen. Harry bekam Muffensausen, sprintete zum Ausgang und ließ sich aus vollem Lauf unter dem Rolltor hindurchgleiten, bevor es sich zu weit schloss.

Der Bahnhof befand sich im Besitz eines der großen Konzerne, die die Skyline Berlins prägen und dank der üblichen Überwachungsmaßnahmen wurde der Schuldige schnell gefunden. Zwei Herren in Anzügen besuchten Harry in der Werkstatt und machten ihm ein ziviles Angebot, das eine Strafzahlung beinhaltete. Harry warf die beiden raus.
Eine Weile später fuhr die Konzernsicherheit mit drei Einsatzwagen vor, forderte ihn auf, mit erhobenen Händen rauszukommen, aber Harry rief ihnen zu, er werde bis zum Letzten kämpfen. Eine einsame Tränengasgranate durchschlug ein Fenster und eine Minute später wurde Harry eingepackt und weggefahren.

Harry wurde zwei Tage bei Wasser und Brot in einer Zelle geparkt, bis sich sein Mütchen gekühlt hatte, bevor er sich mit einem Mitarbeiter der Rechtsabteilung und einem von der Immobilienverwaltung auseinandersetzen musste. Der Konzern war m.E. gnädig: Sein Vier-Mann-Betrieb bekam einen Verwaltungschef gestellt, der die Überweisung der Strafe, der Instandsetzungskosten der Bahnhofshalle und die Kosten für den Einsatz der Konzernsicherheit sicherstellen soll.

Damit endeten die beiden Spielsitzungen, die wir hinbekamen. Die Chancen dafür, die drei Leute zu koordinieren, um vielleicht irgendwann zumindest das angedachte Abenteuer zu beenden, sind eher schwach. Meine Pläne gehen derzeit in die Richtung, Aushänge in einschlägigen Koblenzer Läden zu machen, ob sich hier vielleicht irgendeine Gruppe findet, die mich aufnehmen würde, wobei mir das Spiel eigentlich fast egal ist – na ja, „Vampire“ und „Werewolf“ und der ganze Gothicmist müssten nicht sein.
Welche Anforderungen habe ich eigentlich? Hm… ich glaube, ich würde nur unter günstigsten Bedingungen mit Jugendlichen (also jünger als 21 oder so) spielen wollen, aber, wer weiß, es soll ja auch vernünftige Jugendliche geben. Andererseit will ich auch weder Powergamer noch Rollenspieler, die so hardcore sind, dass man am Tisch nur „in character“ sprechen darf und idealerweise mit den Slangausdrücken der Spielwelt um sich schmeißen muss, um den Spielrealismus zu erhöhen. Ist doch alles Bullshit, das Spielziel besteht darin, Spaß zu haben. Ich hoffe also zumindest mal, dass ich überhaupt mal zum Testen zu Leuten komme, und sei es nur, um drüber schreiben zu können.

28. Juli 2013

Nebensächlichkeiten 2012 (Teil 2)

Filed under: Japan,Militaria,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 15:15

LINGOARMAGEDDON
Das ist natürlich nicht der Titel des interessanten Beitrags des Deutschlandfunks im Umfeld der Veröffentlichung des Worts oder Unworts des Jahres durch die Gesellschaft für Deutsche Sprache, der allerlei Anrufern die Gelegenheit gab, sich über den, so wörtlich, „Verfall der deutschen Sprache“ auszulassen.
Alle diese Diskussionen verlaufen gleich. Man beschwert sich über Anglizismen und andere, wenn auch seltenere ausländische Einflüsse, über Jungendslang und über die allgemeine Aufweichung von Grammatik und Satzzeichensetzung. Die Kritik ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, ganz klar. Wie viele Leute mit akademischer Bildung haben Kommata im Griff? Den Konjunktiv der indirekten Rede? Wie viele von denen kommen mit Genitiv und Dativ klar?
Eine Universität in Ostdeutschland hat sich gutes Deutsch auf die Fahnen geschrieben und verordnet ihren Jurastudenten Deutschkurse – man kann über viele Gebiete diskutieren, aber ich denke, dass die Sprache juristischer Darlegungen präzise sein muss, gerade mit Blick auf die indirekte Rede, von daher halte ich das für eine sehr gute Idee.
Wenn Uniabsolventen da Mängel haben, bedeutende sogar, und da nehmen sich weder Geisteswissenschaftler noch der Deutschlandfunk selbst aus, welche Standards kann man in der allgemeinen Bevölkerung erwarten? Nach dem, was ich so an schriftlichen Beiträgen im Internet lese… gar keine. Sprache ist, was funktioniert? Zumindest ist das auch die Ansicht einiger Linguisten, die ich selbst als radikal bezeichnen möchte.

Ich habe mir im Laufe der Sendung mehrfach den Kopf aufs Lenkrad schlagen wollen, weil die Argumentation so manchen Anrufers den einfachen Schluss zulässt, dass sie oder er von Sprache an sich überhaubt keine Ahnung hat, von der Entstehung und der phonetischen und lexikalischen Evolution derselben. Scheinbar hört das Denken vieler Zeitgenossen in einer romantisierten Vergangenheit auf, was sie zu der Meinung bringt, die deutsche Sprache (oder welche auch immer) sei wie Boticellis Venus aus ihrer Muschel quasi aus dem Nichts sofort in einen unmittelbaren Zustand der Perfektion hinein entstanden. An sowas kann man doch nur glauben, wenn man der Bibel die Geschichte vom Turmbau zu Babel 1:1 abkauft. Dass bei gewählter Ausdrucksweise kein Weg um lateinische und griechische Einflüsse herum führt, die ja wohl auch irgendwann das „reine Deutsch“ verfälscht haben, kommt solchen Leuten scheinbar nicht in den Sinn, und spätestens der Dreißigjährige Krieg mit seiner Massenzuwanderung von Söldnervolk hat nicht nur der arischen, sondern auch der linguistischen Eigenstellung des Deutschen einen deutlichen Dämpfer versetzt. Mich würde wirklich interessieren, in welchem Zeitraum jene Anrufer eine Goldene Zeit der deutschen Sprache ansetzen, und ihre Großväter würde ich gern mal fragen, was sie vor über 50 Jahren von den sprachlichen Eigenheiten ihrer damals jugendlichen Enkel hielten, die die heutigen Großväter sind.
Sprache befindet sich ständig im Wandel, und das haben spätestens die Brüder Grimm in ihrer hauptberuflichen Tätigkeit als Germanisten belegt, deren nach ihnen benannte Sammlung von Hausmärchen jenen Romantikern vielleicht und unter anderem als Vorlage für unverfälschtes Deutsch dient. Fremdsprachen haben sich in Grenznähe und entlang wichtiger Handelsrouten immer untereinander vermischt und in einem Zeitalter globalisierter Kommunikationsmittel und Massenmedien wird sich diese Vermischung dauerhaft auf einer viel breiteren Basis abspielen; sprachwissenschaftliche Schätzungen sind dahingehend, dass jede Woche eine eigenständige Sprache auf diesem Planeten ausstirbt: Die Geschichte vom Turmbau zu Babel liest sich in der Tat rückwärts realistischer.

PARTEINAHME
Kommen wir zu einem anderen sprachlichen Punkt, der mir in den Nachrichten immer wieder auffällt, und zwar Parteinahme gegen Personen mit schlechtem Image, wo doch eigentlich Objektivität angebracht wäre. Zumindest dachte ich einmal, dass Objektivität ein Qualitätsmerkmal guter Informierung sei.
Es geht mir konkret um das Wort „Machthaber“. Spätestens seit dem Arabischen Frühling, seit der Krise in Tunesien und in Libyen, die zum Sturz der dortigen Regierungen führte, findet dieser eindeutig negativ konnotierte Begriff einen geradezu inflationären Gebrauch, zumindest wäre mir die Verwendung des Worts „Machthaber“ in dieser Konzentration noch nie aufgefallen.

Personen, die einst „Präsidenten“, „Premierminister“, oder weiß der Teufel was waren, werden plötzlich zu „Machthabern“, und es stellt sich wie immer die Frage, ob jemand die Volksmeinung auf diese Weise lenkt, oder ob das öffentliche Image der betroffenen Personen die Medien dazu verleitet, ihre Objektivität aufzugeben. Nun gut, in dem Fall ist die Frage einfach: Woher, wenn nicht aus den Medien, erfährt das Volk denn von zumindest angeblichen Greueltaten der Herrschenden? Und die Eindeutigkeit der Lenkung der Volksmeinung als Absicht bei der Verwendung des Begriffs könnte klarer nicht sein – oder ist schon mal jemand auf die Idee gekommen, Frau Merkel als „die deutsche Machthaberin“ zu bezeichnen, die sie doch eindeutig ist?
Wie es scheint, gibt es derzeit nur zwei „Machthaber“ auf der Welt: Kim Jong-Un und Bashar al-Assad. In absehbarer Zeit wird Herr Putin wohl nicht vom „Präsidenten“ zum „Machthaber“ mutieren – das wird sich keiner trauen, Magnizkij und Nawalny hin oder her.

KLEINE WELT
Es begab sich zum Geburtstag einer Freundin in Saarbrücken, dass eine gemeinsame Bekannte, die wir vom Studium her kannten, sich dort ebenfalls einfinden würde, mit dem informativen Zusatz, sie werde mit ihrem Freund kommen. So weit, so nichtssagend.
Ich war dann mit meiner Liebsten früher dort, irgendwann klingelte es an der Tür und die beiden angekündigten Gäste kamen die Treppe hoch. Der besagte Freund schob sich in mein Sichtfeld und stellte sich den Leuten weiter vorne vor, und noch bevor er seinen Vornamen genannt hatte, war mein Unterkiefer bereits auf dem Weg Richtung Boden.
Der Typ aus Stuttgart hatte mit mir zusammen Grundausbildung in Cham gemacht, war dort der einzige gewesen, der bereits ein schmuckes Namensschild (vom Vater geerbt) hatte, während wir übrigen einen vorläufigen, handbeschriebenen Filzstreifen bekamen. Die Ausbildung „Retten und Bergen“ hab ich auch zum Teil mit ihm gemacht, und es ist gar nicht leicht, einen Kerl von knapp über 100 kg durch ein enges Stellungssystem und anschließend daraus heraus zu zerren. Immerhin habe ich ihn nicht aus der Oberluke des Zweieinhalbtonners hieven müssen (für sowas suchen sich die Ausbilder immer einen der schwersten Leute aus).
Auf den zweiten Blick hat er mich dann erkannt (während er nach meiner Wahrnehmung noch genauso aussieht, wie damals) und seine Freundin war auch nicht wenig geplättet. Sie hatte ein Praktikum bei BOSCH absolviert und war nach dem Studium für den Konzern nach Japan gegangen, wo sie denn meinen alten Kameraden kennen lernte, der für den selben Betrieb arbeitete. „Da hab ich erst nach Japan gehen müssen, um einen Deutschen zu treffen, mit dem man was anfangen kann.“ Dass jener Kamerad in Japan gelandet war, war scheinbar mehr dem Zufall geschuldet. Aber wieder einmal erwies sich die Welt als klein.

VERSCHWENDETES GELD
2012 war ich offiziell der Besitzer meines Elternhauses, und laut Überlassungsvertrag mit Nießnutzklausel war der Vorbesitzer, mein Großvater, dazu verpflichtet, die laufenden Kosten zu tragen – schließlich hatte ich es nicht dicke und ich wohnte auch nicht drinnen. Bedingt durch die fahrlässige Verarmung des Vorbesitzers kamen allerdings laufende Kosten auf mich zu, zumindest die Grundsteuern musste ich entrichten. Eine bittere Pille, spätestens zu dem Zeitpunkt, als klar wurde, dass ich das Haus eh würde verkaufen müssen und keine Investition mir mehr irgendeinen Gewinn bringen würde.

Noch etwas Geld verschwendete ich im Zuge einer Zahlungsaufforderung der Bundeskasse in Halle, die mich an meine BaföG-Rückzahlungspflichten erinnerte. Leider hatte ich vergessen, der Bundeskasse auch mitzuteilen, dass ich zwischendurch umgezogen war. Für die Ermittlung meiner neuen Adresse (zu dem Zeitpunkt noch in Trier) wurde mir eine Bearbeitungsgebühr in Höhe von 25 E berechnet, aber um die Rückzahlung an sich in Gang zu setzen, war mein Einkommen zu niedrig. Die Sache wurde also ein Jahr lang ausgesetzt, und diesmal vergaß ich weder die Anzeige meiner Adressänderung noch den sanften Anstieg meines Einkommens.

NEBEN-BERUFLICHES
Ich gehe hier auf ein paar Ereignisse ein, die indirekt mit meiner Arbeit zusammenhängen.

Ich war an einem Tag mal wieder bei einem meiner Tierärzte, und bei der Übergabe der Fracht riss einer der Kartons unten aus und der Inhalt lag auf der Ladefläche.
„Kein Problem,“ sagte der Tierarzt, „das geht nicht kaputt.“
„Was ist das denn für schweres Zeug?“
Er zeigte mir ein zylinderförmiges schwarzes Etwas von der Länge eines Zeigefingers.
„Das sind Magnete.“
„Wozu braucht man die als Tierarzt?“
Er nahm daraufhin ein längliches Arbeitsgerät von mehr als einem halben Meter Länge aus dem Regal; es machte einen stabilen Eindruck, aus hell oliv-farbenem Plastik, ich hätte es für eine Art Sonde gehalten.
„Hier vorne“, er berührte mit dem Zeigefinger eine Fassung an der Spitze, „klemmt man den Magneten rein, dann schiebt man es der Kuh in den Hals und fischt damit metallische Gegenstände wie Nägel aus dem Magen.“
„Wie kommen die Nägel in den Kuhmagen?“
„Och, die sind oft im Tierfutter mit drin…“
Mir fiel spontan die Häufigkeit von Zigarettenkippen im Vogelwinterfutter ein und mein Vertrauen in die deutsche Viehzucht sank ein weiteres Stück.

Interessant fand ich auch, dass ein Kuheuter nicht einfach nur ein Hautsack mit Milch drin ist, die sind tatsächlich in vier Kammern unterteilt. Ich wusste das nicht und war wieder für eine Erweiterung meines Allgemeinwissens dankbar.
Auch interessant: Ich hatte vor langer Zeit mal gehört, dass verschiedene Arten von Säugetieren mitunter unterschiedliche Körpertemperaturen haben und fragte Dr. P in Waxweiler.
„Ja, das stimmt,“ sagte der, „ein Schwein kann 41° Fieber haben und überleben!“
Einzelheiten konnte er mir leider keine nennen, denn ich hatte in der Schule mal was gelernt über die Gefährlichkeit von Fiebern, die daher kommt, dass das Körpereiweiß irgendwann zu warm wird und ausfällt, was den Stoffwechsel unmöglich macht, exitus. Warum hält Schweineeiweiß mehr aus als Menscheneiweiß? Ich habe gedacht, Eiweiß sei Eiweiß, was die chemischen Eigenschaften betrifft?

An einem anderen angenehmen Tag hatte ich eine weitere Begegnung mit dem Apotheker in Daleiden, den ich in bester Laune erleben durfte. Ich hatte Zeit und ließ mich auf einen Plausch ein, den ich bald bereute. Er sprach an, dass der Job als Lieferfahrer doch hart sei, und ich sei doch sicherlich noch nicht zu alt, was aus mir zu machen – ich könne doch das Abitur nachholen?
Touché.
„Nein,“ sagte ich, „brauch ich nicht, ich hab einen Hochschulabschluss in Geisteswissenschaften.“
Erstaunen, Rückfragen, Floskeln.
„Dann haben Sie Ihre Lebensplanung bestimmt nach Bauchgefühl gestaltet, das ist immer ein Fehler.“
Touché.
„Ich musste aber auch was aussuchen, wofür ich genug Interesse und Motivation aufbringen würde, um die Sache auch zu Ende zu bringen.“
Es folgte eine kurze Darstellung seines eigenen Lebenslaufs – er hatte wohl in Chemie promoviert und dann festgestellt, dass die sich anbietenden Arbeitsstellen nicht zu seinem Gefallen waren, und hatte ein Studium der Pharmazie inklusive erneuter Promotion angeschlossen.
„Wenn man bereits Chemie studiert hat, dann ist Pharmazie keine Herausforderung mehr“ sagte er. Mitten im Studium habe seine Frau dann eine Tochter zur Welt gebracht und das sei schon eine harte Zeit gewesen, in der sie an allen Ecken und Enden hätten sparen müssen. Mit der Apotheke hier habe er eine gute wirtschaftliche Grundlage, von der man bequem leben könne. Dann ging er zum Werdegang seiner Tochter über, die in den USA promoviert habe und dort einen Haufen Geld bei einem Pharmakonzern verdiene; er ließ sich auch nicht nehmen, Fotos am Monitor zu zeigen.
Dann wurde die Angelegenheit skurril.
„Gehen Sie doch in die USA. Das ist vermutlich das einzige Land auf der Welt, wo sie als reiner Geisteswissenschaftler tatsächlich Ihr Glück machen können. Suchen Sie sich ne hübsche Amerikanerin, werden Sie Staatsbürger und machen Sie was aus sich.“
Ich hätte ihm an der Stelle sagen können, dass die USA eines der letzten Länder der Welt seien, in denen ich leben möchte und hätte das mit der tief verwurzelten Religiösität und dem grotesk öffentlichen Patriotismus der Leute dort begründen müssen; das war mir allerdings zu umständlich, also sagte ich nur (mit dem höflichsten Lächeln): „Ich habe bereits eine Freundin hier, ich glaube, die hätte was dagegen, wenn ich mir eine hübsche Amerikanerin suchen würde…“
„Ach, von solchen Sentimentalitäten dürfen Sie sich nicht aufhalten lassen. Vergessen Sie die, die ist Ihnen nur ein Klotz am Bein. Hören Sie auf mich.“
Ich war einen Moment lang wie vom Donner gerührt. Dann lag mir die Frage auf der Zunge, ob er das damals, als armer Student, ebenfalls getan hätte, also seine Frau und sein Kind verlassen, hätte sich ihm die Möglichkeit einer möglicherweise lukrativen Emigration geboten? Ich sparte mir die Frage und dankte ihm höflich für das Gespräch, das ich nicht vergessen würde.
„Sehen Sie? Da haben Sie sogar noch etwas Lebenshilfe von mir erhalten,“ meinte er, drückte meine Hand und strahlte übers ganze Gesicht. Der meinte das ernst, ansonsten müsste ich ihn für einen hervorragenden Schauspieler mit bitterbösem Humor halten. Ich verließ die Kreuz-Apotheke völlig perplex und konnte immer noch kaum glauben, was ich da eben gehört hatte.

Zum Abschluss dieses Themas springe ich ins Frühjahr 2013: Die Arztpraxis in Daleiden verkündete ihren Umzug in eine Ortschaft mit besserer Infrastruktur, in Folge dessen war der Kreuz-Apotheke die Grundlage entzogen und der Dr.rer.nat gab die Einstellung des Betriebs bekannt. Ich bedauere dies für die dort beschäftigten Damen, die allesamt sehr nett sind, aber den Apotheker vermisse ich garantiert nicht.

HAARSTRÄUBEND
Mein Kollege Felix hat eine Art besten Freund, der scheinbar bei UPS arbeitet und mit dem er einen Teil seiner Freizeit verbringt, zum Beispiel sind die beiden in Damenbegleitung schon in Freizeitparks gefahren. Man sollte für solche Freunde dankbar sein, und ich bin dem Schicksal dankbar, dass ich mehrere solche Freunde habe.
Mir stand aber wirklich der Mund vor Erstaunen offen, als Felix mir erzählte, er sei mit eben jenem Freund, diesmal ohne Damenbegleitung, auf einer so genannten Furry-Con gewesen.
Das wäre nun das letzte gewesen, was ich dem eigentlich dauergefrustet und leicht verklemmt anmutenden Felix zugetraut hätte.
„DU warst auf einer Furry-Con??? Was hat Dich denn auf den Trichter gebracht???“
„Na ja, ich wollte da eigentlich nicht hin, aber mein bester Freund hatte zwei Karten und der andere war abgesprungen, also fragte er mich, ob ich stattdesen mit will. Wenn’s denn schon umsonst ist…“
„Du weißt schon, dass Furry-Cons in erster Linie wegen ihrer intimen Gelegenheiten bekannt sind, oder?“
„Ja… aber nur, wenn man das auch will…“
Leider rückte er nicht mit Details raus und eigentlich würden mich Fotos brennend interessieren, aber so weit bekam ich ihn dann nicht. Scheinbar doch zu intim.

19. Juli 2013

Nebensächlichkeiten 2012 (Teil 1)

Filed under: My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 12:14

Bevor ich endgültig zum Anbruch des Jahres 2013 komme, erst mal ein paar kleinere Dinge zum Einschieben, die auch nicht alle mit meiner Arbeit zusammenhängen. Also bitte nicht gleich die Haare raufen, wenn es heute etwas durcheinander zugeht.

UMZUGSHELFER
Ich habe zum Beispiel zwei Freunden aus China in meinem Bekanntenkreis beim Umzug geholfen und ich habe den vagen Eindruck, dass zumindest der erste dieser Umzüge noch 2011 stattfand. Es ist jedenfalls sehr lange her und ich habe nur eine Notiz in Form eines simplen Stichworts, ich weiß also so gut wie nichts mehr über den ersten Umzug, der nach Aachen ging. Schöner sonniger Tag, nicht zu heiß, wolkenlos.

Bei dem fraglichen Chinesen handelte es sich um den Ehemann einer mit mir befreundeten Japanerin. Er fuhr mit mir nach Aachen (und würde auch mit mir wieder zurückfahren, da er noch in Trier zu tun haben würde), sie würde eh noch eine Weile in Trier bleiben und bei einer Freundin wohnen, weil sie arbeitstechnisch scheinbar noch gebunden war. Ich hatte natürlich meinem VOrgesetzten Bescheid gesagt und verständigte mich mit ihm auf eine Kilometerpauschale in Höhe von 15 Cent, was der Summe entsprach, die er selbst an JP Transporte abgeben musste, wenn er ein bestimmtes monatliches Kontingent an Kilometern überschritt, von daher war das wohl duchaus fair.
Bei der Route wollte ich ein Experiment machen: Kürzeste Strecke versus Schnellste Strecke. Der Hinweg führte weitgehend über die Autobahn, es gab keinerlei Probleme mit dem Verkehr, keine Baustellen, keine Unfälle, freie Bahn für freie Bürger. In der Stadt machten wir kurz Halt bei Freunden des Ehepaars, um noch ein Schränkchen oder sowas aufzunehmen, dann ging es zur anvisierten Wohnung.

Bei der handelte es sich um eine von Chinesen, zwei Frauen und zwei Männern, alle im Alter gewöhnlicher Studenten, bewohnte WG. Für ein Ehepaar eindeutig eine Durchgangsstation. Aber gut. Die Bewohner waren sehr nett und bereiteten etwas ganz einfaches zu essen zu, eine Portion Reis mit Gemüse, Pilzen und ein wenig Fleisch. Ich hätte nichts anderes erwartet bei Studenten, die wenig Geld zum Leben haben (Reis gilt selbst in China als das Grundnahrungsmittel der Unterprivilegierten, derer, die nichts besseres bekommen), aber es schmeckte und war sättigend.

Es hätte aber in der Tat noch besser sein können, wie wir im Laufe des multilingualen Gesprächs feststellten. Die stammten nämlich alle aus einer Provinz, ich habe vergessen, welche, in der Nudelgerichte verbreiteter sind als Reis und ich erwähnte scherzhaft, dass ich für eine gute Nudelsuppe zu töten bereit sei. „Schade, eine Nudelsuppe wäre auch kein Problem gewesen,“ meinte die Köchin bedauernd. Und damit nicht genug: In ihrer Heimat ist scharfes Essen an der Tagesordnung, aber es hatte ja niemand wissen können, dass ich gern scharf aß. Schade, eine Doppelgelegenheit verpasst.

Für den Rückweg forderte ich den Navi auf, mir die kürzeste Strecke zu zeigen. Das hätte ich bei feuchtem Wetter nicht getan, weil ich ja weiß, dass der Hersteller auch unbefestigte Feldwege in der Rubrik „Straßen“ eingeordnet hat.
Also Bundes- und Landstraßen. Das war aber nicht schlimm, denn nach etwas unbekanntem Gelände im Aachener Umland landete ich bald auf der B51, die in unmittelbarer Nähe von Hallschlag und Reuth nach Trier verläuft – mein ehemaliges Zustellgebiet. Diese Art von Heimvorteil machte die Abweichungen, die ich von der Bundesstraße nehmen würde, zu einem durchaus kalkulierbaren Risiko. Wir fuhren also auch Feld- und Waldwege, die meinen Fahrgast dann und wann aus seinem Schlummer rissen, wenn eine Ansammlung von Schlaglöchern ein sanftes Umfahren unmöglich machte. Ich kannte diese Wege ja alle, ich war mir nur nicht sicher, welche der Navi aussuchen und welche er ausklammern würde.

Auch die Rückfahrt verlief also entspannt und ohne Probleme, und sie dauerte nur unwesentlich länger als die Hinfahrt, die natürlich mit einer deutlich höheren Durchschnittgeschwindigkeit absolviert worden war.
Letztendlich möchte ich erwähnen, dass ich großzügig bezahlt wurde, jenseits der von mir pauschal anberaumten Summe von 10 E pro Stunde, die ich für mich erbeten hatte.

Es muss dann wohl tatsächlich etwa ein Jahr später gewesen sein, denn es war mal wieder Sommer, dass eine weitere chinesische Bekannte aus beruflich Gründen umziehen musste – ans andere Ende der Republik, nach Barleben, und das liegt einen Katzensprung nördlich von Magdeburg, also nur unwesentlich westlich von Berlin. Sie hatte dort einen Zeitvertrag als Lehrerin an einer freien Schule erhalten und sie und ihr Mann brauchten wohl das zweite Einkommen. Er war zu dem Zeitpunkt Doktorand an der Uni Trier und hatte daher nicht die Zeit, einer Vollbeschäftigung nachzugehen. Auch dieses Paar entschloss sich also zu einer Fernbeziehung.

Um Dunstkreis dieses Umzugs stellte ich fest, dass die eben besagte Chinesin und die zuvor angesprochene Japanerin befreundet sind… nun ja, angesichts dessen, was ich über die soziale Vernetzung von Chinesen im Ausland eigentlich wusste, hätte es mich wundern müssen, wenn sie sich nicht zumindest gekannt hätten.
Es halfen einige Leute beim Einräumen des Wagens, darunter auch Studenten des Ostasieninstituts, aber alle mit Schwerpunkt China. Lustig war, dass einer davon mit einer mir bekannten, aus Japan stammenden Apothekenhelferin befreundet war. Wer also Apothekenkunden mit exotischen Sprachkenntnissen erstaunen will, muss bei Medikamentenbedarf entweder zum Viehmarkt oder in die Gartenfeldstraße gehen.
Wie dem auch sei: Der Wagen wurde im angesetzten Zeitrahmen gepackt, einen Tag vor der Fahrt selbst, und darinnen bewegte sich nichts, rein gar nichts. Die Packung war eindeutig meiner würdig, um es mal so auszudrücken.

Morgens um Fünf ging es los. Autobahn Richtung Koblenz, dann vorbei an Kassel, von wo aus eine hervorragend ausgebaute Autobahn in Richtung Berlin führt, mit durchgehend drei bis vier Fahrspuren pro Richtung, ohne uns dabei irgendwo um Abfahrten kümmern zu müssen, mal abgesehen von Magdeburg selbst. Das Wetter spielte voll und ganz mit, zumindest die meiste Zeit und die ganze Fahrt über. Wolkenloser Sonnenschein lag über der Republik, aber es war auch entsprechend warm. Irgendwo auf dem Weg fiel mir ein KAUFLAND-Depot auf, was sicherlich eines der größten Gebäude war, die ich jemals mit eigenen Augen gesehen habe.

In Barleben angekommen, sollten wir von zwei hier wohnhaften Studenten aus China unterstützt werden, die aber noch nicht bereit waren. Wir waren wohl auch ein wenig zu früh, den anberaumten Puffer für Eventualitäten hatten wir nicht gebraucht.
Ich bekam also ein bisschen das Städtchen und die zukünftige Arbeitsstätte gezeigt, und abgesehen von einzelnen vernachlässigten Gebäuden befand sich die Ortschaft in einem aufgemöbelten Zustand, der Soli kam hier scheinbar an.
Als wir dann bei einem Dönermann aßen, meldeten sich die beiden Helfer, sie würden sich gleich zu uns gesellen. Es handelte sich um zwei sympathische junge Männer Anfang Zwanzig, die in Magdeburg studierten. Der Zeitraum, in dem wir da saßen, war dann letztendlich die einzige Phase des Tages, in der sich Wolken vor die Sonne schoben und ein paar Regentropfen vom Himmel fielen, aber das klärte sich wieder, sobald wir uns an die Arbeit machten.

Die Wohnung, die es einzuräumen galt, befand sich im dritten Stock (Dachgeschoss) eines Reihenhauses, das scheinbar dem Betreiber eines Seniorenheims gehörte. Das Seniorenheim befand sich im gleichen Komplex, der Hausmeister desselben war zuständig für Wasser und Strom und wir bekamen ein paar Reinigungsutensilien von der Belegschaft zur Verfügung gestellt.
Ich verordnete der zu bewältigenden Arbeit das gleiche System, das sich vor langer Zeit einmal in Euren bewährt hatte: Wir stellten gemeinsam ein paar Sachen, quasi als „Pool“, in das Treppenhaus, dann ging es etappenweise weiter. Einer trug die Sachen vom Auto ins Treppenhaus, wo jeder andere ein Stockwerk zugewiesen bekam, das er oder sie zu bewältigen hatte. Als das Auto leer war, verlagerte sich die Kette nach oben; meine chinesische Bekannte konnte sich nun um die Organisation des Stauguts im Wohnraum kümmern, während wir übrigen die Lasten jeweils ein Stockwerke nach oben hievten.

Währenddessen kam es nur zu einem einzigen Unfall, der leider Bruch produzierte. Einer der Jungs hob eine Kiste an den dafür vorgesehen Griffen, der Boden gab unter der Masse des Inhalts nach und eine Weinflasche zerbrach auf der Treppe. Zunächst mussten wir also Eimer und Besen im Seniorenheim besorgen, weil solche Getränke sich bei der gegebenen Temperatur schnell in effektiven Kleister verwandeln. Eine zusätzliche Sache, über die wir lachten, gab es aber dennoch: Einer der beiden Helfer hatte am Abend zuvor zu kräftig gebechert und von den aufsteigenden Alkoholdämpfen wurde ihm sofort kotzübel. Er behielt sein Essen zwar bei sich, musste aber ein paar Minuten aussetzen, bis die Atmosphäre im Treppenhaus für ihn wieder atembar war.

Am Nachmittag, es war wohl noch vor Vier, war die Sache erledigt und ich machte mich bereit, dieses Mal den Rückweg allein anzutreten.
Das Highlight der Rückreise sollte ich aber nicht unterschlagen… ich stand irgendwo im Stau – bei Köln wohl, denn ich erinnere mich, dass der Stau vom Feierabendverkehr eines Ford-Werks herrührte. In eben jenem Stau jedenfalls kam ich hinter einem Bus der Bundeswehr zu stehen, und auf der Rückbank fand sich eine Handvoll Offiziersanwärterinnen, alle blond und gut aussehend. Die versuchten, mit mir zu kommunizieren, aber sie hatten nur Kugelschreiber und A5 Zettel, deren Aufschrift ich durch die leicht getönte Scheibe des Busses nicht habe erkennen können. Ich hatte einen Filzstift da, aber irgendwas hielt mich zurück, der vergnügt lächelnden Rückbankbesetzung meine Telefonnummer zu geben. 🙂

Ich wurde auch für diesen Freundschaftsdienst großzügig bezahlt, aber in einem Punkt konnte ich meiner netten Arbeitgeberin nicht nachkommen: Ich konnte Ihr keine Rechnung geben, wie sie das Finanzamt gern gehabt hätte (denn beruflich bedingte Umzüge kann man voll von der Steuer absetzen). Ich hatte ihr ja nur einen Freundschaftsdienst erwiesen, und auch die Überlassung des Transporters für den Umzug war aus diesem Winkel zu betrachten. Alles, was ich letztendlich tun konnte, war, ihr eine formlose Bestätigung der von ihr geltend gemachten Kosten auszuhändigen, in der Hoffnung, dass die Steuerbehörde etwas solches akzeptieren würde.

DAS BROT
Kommen wir von chinesischen Freunden und Bekannten zu Brot. Wollte ich einen Zusammenhang erzwingen, würde mir als erstes „Chinesenhaar“ einfallen. In den alten Zeiten handelte es sich – zumindest angeblich – um eine legitime Zutat zu industriell hergestelltem Brot, ja, auch in Deutschland, die man des Aromas wegen in Pulverform zusetzte. Verdirbt einem den Geschmack? Na ja, vielleicht war es besser, dass die Allgemeinheit davon nichts wusste. Glücklicherweise (?) fand sich irgendwann ein künstlicher Aromastoff, der den Export von Friseurprodukten aus dem Reich der Mitte überflüssig machte.

Also gut, ich wollte von Brot sprechen. Genauer von meinem Brotbackautomaten. Vor einigen Jahren hatte ich einen von Volker ausgeliehen. Mir gefielen die Resultate, also besorgten wir selber einen günstigen gebrauchten. Der lief oft nachts, was uns für ein Frühstück warmes und frisches Brot lieferte. Feine Sache, also war ständig eine kleine Ansammlung von Brotbackmischungen aus dem Supermarkt vorrätig.
Nach einigen Monaten, ich glaube, meine Freundin war damals wegen einer Fortbildung in Saarbrücken, stellte ich abends wieder das Gerät ein und legte mich ins Bett, in der Hoffnung, dass mich das Lautsignal der Maschine, das das Ende des Backvorgangs anzeigte, nicht wecken würde.
Stattdessen erwachte ich irgendwann, weil ich eine Art Knall gehört zu haben glaubte. Ich stand auf, ging ins Esszimmer, schaltete das Licht ein und sah mich um, da ich davon ausging, dass irgendwas heruntergefallen war. Ich fand aber nichts, also ging ich wieder schlafen.

Vielleicht lag es an dieser Unterbrechung meiner Nachtruhe, dass ich nicht tief genug schlief, um die Backmaschine zu überhören. Also gut, ich stand erneut auf, um die Nervensäge abzuschalten und das Brot aus der Form zu nehmen; ließ man das Brot darinnen, passierte es in der Regel, dass die langsame Abkühlung Feuchtigkeit anzog und die Kruste aufweichte, das musste ja nicht sein.
Als ich die Form stürzte, kam mir allerdings kein Brot, sondern weicher Teig entgegen. Was war passiert? Ich kam auf keine plausiblere Lösung, als dass ich versehentlich irgendeinen Bedienfehler angerichtet hatte. Ich klemmte die Form samt Teig erneut zum Backen in das Gerät, achtete sorgsam auf die Einstellungen, und legte mich Schlafen. Es war so gegen vier Uhr morgens.

Nach der regulären Backzeit weckte mich der Automat erneut piepend durch die geschlossene Tür, erneut sah ich nach meinem Brot und fand ebenso erneut nur rohen Teig. Hm. Ich besah die Backmaschine: Warum war mir vor etwa zwei Stunden noch nicht aufgefallen, dass die Röhre kalt war? Dabei sollte der Backvorgang doch eben erst beendet worden sein. Das ließ mir als Laien nur einen Schluss zu: Was ich zuerst gehört hatte, war nicht etwa das Geräusch eines herabgefallenen Gegenstands, sondern ein Kurzschluss im Gerät, der interessanterweise alles außer den Heizstäben intakt gelassen hatte; die Digitalanzeige funktionierte, die Leuchtanzeigen funktionierten, die Knethaken versahen treu ihren Dienst.

Ein paar Wochen später kam ein neuer Backautomat ins Haus, aber es handelte sich ein Modell mit nur einem Knethaken am Boden einer tiefen (anstatt breiten) Backform, das mich nicht zufriedenstellte, und damit endete die einige Monate andauernde Phase des Brotbackens. Ich sollte im Nachhinein auch ganz dankbar sein, dass jener Kurzschluss der Maschine damals mit einem deutlichen Knall den Garaus gemacht hatte, anstatt heimlich, still und leise. Schließlich hätte mir damals im Schlaf auch die Bude abfackeln können…