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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

29. Mai 2011

King of Kylltal (Teil 2)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 20:40

Der Mittwoch, das heißt der 18. Mai, verlief also im Großen und Ganzen wie der Dienstag, mit Ausnahme des Besuchs der Damen und Herren in adretter Bürokleidung. Man bemerkte auch gleich eine gesteigerte Disziplin: Pakete wurden mit ausgewählter Vorsicht behandelt und die meisten Wagen waren etwas herausgeputzt worden – nur „mein“ Sprinter sah aus wie ’ne Sau – was daran liegt, dass Mike als Einwohner von Ehrang als einziger Fahrer den Sprinter nicht mit nach Hause nimmt, sondern in der Halle stehen lässt und seinen Roller nimmt. Dumm auch, dass ausgerechnet heute ein LKW Verspätung hatte und das Band daher mehr als eine halbe Stunde still stand und die Fahrer nicht weg konnten.

Bei den Inspektoren handelte es sich um zwei Herren und eine Dame vom Mutterunternehmen, die von Herrn R. und einer örtlichen Sachbearbeiterin begleitet wurden. Die Prüferin von Transoflex sei pingelig, hieß es, und sie habe auch schon einem Fahrer wegen einer Verfehlung Hausverbot erteilt.
Ich hätte mal nicht bemerkt, dass die Gruppe in die Fahrzeuge hineingeschaut hätte, wohl zu unserem Glück. Was allerdings zu bemerken war, war die explosionsartige Auflösung der Gruppe der Fahrer am (gerade ruhenden) Band, als die Prüfer näher kamen, und plötzlich war ich der einzige, der inquisitorische Fragen gestellt bekam, zum Beispiel, wie man Plasmafernseher transportiert. Nun, als erfahrener Umzugshelfer weiß ich, dass man sie nicht liegend transportiert, weil etwas auf die Sichtfläche fallen könnte. Im Sprinter kann man sie auf das Trittbrett der Seitentür stellen, da werden sie vorn von den anderen Paketen und hinten von der Tür stabilisiert, und groß vor und zurück können sie auch nicht rutschen. Eine kurze Reihe weiterer Fragen, bis Mike wieder erschien, blockte ich ganz einfach damit, dass dies erst mein zweiter Tag sei und dass ich bislang Klaviere und Teppiche transportiert habe, die einfacher zu handhaben sind als ein Haufen kleiner Pakete.
Kaum zurück wurde Mike zum Thema Umgang mit Gefahrgut befragt:
„Flüssiges Gefahrgut transportiert man am besten in einer Wanne,“ sagte er zum Beispiel.
„Und wo ist Ihre Wanne?“
„Ich hab grad keine dabei, aber ich hab heute auch kein Gefahrgut.“
Worauf der Prüfer sich umdrehte und mit tödlicher Sicherheit ein Paket mit Gefahrgutaufkleber aus unserem Haufen pflückte, das zudem unter Nichtbeachtung des „oben“ Pfeils aufgestellt war. Würde ich meine Gedanken unter dem Internetjargonbegriff „facepalm“ zusammenfassen, wäre das noch ein Euphemismus.

Die Tour selbst verlief an sich ereignislos, aber die Rückfahrt durfte ich übernehmen, damit sich Mike ein Bild von meinem Fahrvermögen machen konnte. Trotz der kurzen Schlafzeit war ich die ganze Zeit erstaunlich wach und aufmerksam. Ich nehme an, dass ich wegen der Aufregung und Nervosität verstärkt auf Adrenalin lief, was meine von dem langen Spielabend am Tag zuvor herrührende Müdigkeit unterdrückte, aber noch einmal sollte ich das nicht wagen.
Auf der Autobahn südlich von Spangdahlem klatschte dann wieder etwas auf die Frontscheibe. Meiner Gewohnheit entsprechend schaltete ich sofort den Sprinkler ein, um das Zeug wegzuwischen, bevor es im Fahrtwind antrocknete. Der Scheibenwischer bewegte sich etwa 45° weit, dann flog der rechte einfach weg und Halterung kratzte auf der Scheibe. Soviel dazu. Mike telefonierte mit Peter, damit der neue Wischerblätter besorgte, aber der war heute nach Belgien gefahren und würde wohl erst spät zurückkommen.

Und obwohl ich kein Angestellter bin, erhielt ich an jenem Abend den Sprinter mit nach Hause, mit der Aufforderung, am kommenden Tag um 0515 wieder da zu sein.
Ich nahm mir am Abend einen Eimer Wasser, einen Schwamm, Viss und Fensterreiniger, und machte mich daran, die Fahrerkabine zu säubern. Es blieb auch nicht bei einem Eimer Wasser, stattdessen wurden es drei tiefbraune. Dafür konnte man dann die eigentlichen Farben der Fahrerkabine wieder erkennen, die zuvor unter einem grauen Schleier oder braunen Schlieren, die von Straßenstaub und angetrockneten Getränkeresten stammten, verborgen waren.
Zum Abschluss wurde meine Hose mitsamt des elektronischen Zündschlüssels in der Waschmaschine gewaschen, was aber scheinbar keine Funktionseinschränkung zur Folge hatte.

Da ich danach keine Motivation mehr verspürte, was anderes zu machen, als mein Gehirn auf Durchzug zu schalten, ließ ich den Computer aus und sah noch kurz irgendwas auf ARTE, bevor ich um Viertel vor Zehn ins Bett ging. Die volle Stunde erlebte ich nicht mehr.

Von einer gewissen Neugier getrieben, wie denn mein Vermittler auf das Praktikum reagierte, las ich dann am Morgen um Viertel vor Fünf noch schnell meine Mails und fand darin ein ziemliches Kuckucksei.
InPersona machte mich darauf aufmerksam, dass ich gesetzlich verpflichtet sei, an der Maßnahme teilzunehmen, und ich möge bitte am Donnerstag, also heute, wie verabredet um 0800 erscheinen, um alles weitere zu besprechen.
Ich fuhr also erst mal ins Depot, unterrichtete die Disponenten von der Situation und half bis 0700 beim Sortieren. Mein Vermittler hatte mittlerweile angerufen und die Zusendung eines Praktikumsvertrags versprochen, der von der Firma auszufüllen sei.
Dann durfte ich bis zum Mäusheckerweg zu Fuß gehen, weil keine Bushaltestelle auf dem Weg Fahrzeiten für die Linie 7 anzeigte, nur für die 87, die um die fragliche Uhrzeit nicht mehr fuhr.

Bei der Arbeitsvermittlung angekommen, erläuterte ich der Angestellten die Lage, und mein Tonfall muss wohl etwas gereizt gewesen sein. Ich zwang mich jedenfalls zur Ruhe und die Situation entspannte sich deutlich. Nach einer kurzen Unterredung, in der ich ausführte, dass ich allen notwendigen Stellen meine derzeitige Beschäftigung angezeigt hatte, deutete sie an, dass ich gern auch wieder zum Depot zurückkehren könne, aber ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass die Fahrten vermutlich bereits begonnen hatten.
Ich sollte daher also bei den anderen acht oder neun Teilnehmern Platz nehmen und wir könnten ja meinen Lebenslauf durchgehen.
Ich traf einen meiner Nachbarn da, stellte fest, dass ich mit Laptoptastaturen nicht klarkomme, und dass nicht alle diese Maßnahmen voller Proleten sind – die knappe Hälfte der Teilnehmer hatte eine Uni zumindest mal von innen gesehen. Mit einer Abbrecherin unterhielt ich mich kurz über Namensethymologie, bevor ich mich zum Thema Lebenslauf belehrten ließ. Die Reihenfolge der einzelnen Punkte solle zeitlich rückläufig sein, was ich interessant finde. Man hat mir sowas bereits vor elf Jahren als Option beigebracht, aber mein aktueller Lebenslauf beruht auf einer vom Institut für Bildung und Arbeit in Blieskastel abgesegneten Vorlage. Scheinbar hat jeder dieser Bewerbertrainer andere Vorgaben.

Mittendrin ein Anruf von meinem Vermittler: Da stehe einer bei ihm, der wissen wolle, wo der Fahrzeugschlüssel ist. Ich fasste in meine Hosentasche, der Verdacht bestätigte sich. Ich sagte also dem Vermittler, wo ich war, und der Bewerbertrainerin, weshalb ich die Geräuschkulisse im Seminarraum gestört hatte. „Dann können Sie ja doch noch mitfahren“ meinte sie, und genau das tat ich auch.
Wozu war ich nun eigentlich hier gewesen? Es gibt ja sicherlich Leute, die was von Praktika und Probeterminen erzählen, um sich vor der Maßnahme zu drücken – aber ist meine Geschichte glaubhafter, nur weil ich sie persönlich anwesend erzählt habe?
Mike nahm die Geschichte mit Humor, obwohl wir auf diese Weise erst um etwa neun Uhr wegkamen.
Er hatte wohl an der Empfangstheke im Jobcenter gefragt, ob eine Telefonnummer von mir gespeichert sei, aber dort konnte ihm niemand weiterhelfen, weil die entsprechenden Daten dort nicht vorliegen. Über eine Zwischenstelle kam er dann zu meinem Vermittler, der mich dann anrief und meine Erlösung von dem Bewerbertraining ins Rollen brachte. Insgesamt würde ich den Zwischenfall also eher als positiv bewerten.

Peter hatte leider keine Wischerblätter besorgen können, wir mussten also bis Gerolstein mit der immer matter werdenden Scheibe auskommen. Dort befindet sich eine Selbstbedienungswaschstation, die neben einem gewöhnlichen Hochdruckreiniger auch noch ein effektives Lösungsmittel für Insektenreste bereitstellt. Die Scheibe wurde jedenfalls überraschend sauber.

Ich sollte dann die zweite Hälfte fahren, das heißt den Überlandverkehr ab Reuth, den Stadtverkehr in Gerolstein könne ich dann morgen machen. Den rechten Scheibenwischer klappten wir nach vorn, damit ich zumindest die Überreste in meiner Hälfte wegwischen konnte, ohne rechts die Scheibe zu verkratzen. Leider fing es zwischendurch ganz heftig zu regnen an, was ich mit einem Wischerblatt bewältigen musste. Es ging, aber die Blindheit im rechten Sichtfeld war nicht angenehm.
Heute ließ mich der Pförtner zu meinem Erstaunen mit in die „Festung Gerolstein“ fahren, ohne dass diese Entscheidung erklärt wurde, vielleicht nahm es dieser Pförtner weniger genau?

Am Freitag Morgen… hatte eine Frau auf der Umgehungsstraße bei Biewer irgendein grau bepelztes Tier von der Größe eines mittleren Hundes überfahren. Das Tier lag jedenfalls auf der Straße, knapp 100 Meter weiter befand sich das Warndreieck und kurz dahinter der Kleinwagen der Frau, die telefonierend auf der Straße rumstand. Das Auto, das einen Schaden vorne links unter dem Scheinwerfer aufwies, stand dabei mitten auf der rechten Fahrspur, scheinbar war sie vor Schreck nicht auf die Idee gekommen, soweit nach rechts zu ziehen, wie möglich… das nur als Randnotiz.

Wir mussten das Auto wechseln, der Sprinter musste wohl zur Inspektion. Ich habe keine Ahnung, wann das festgestellt worden sein soll, sofern der Termin nicht bereits vorher bestand. Wir bekamen einen Renault von AVIS, der sich auffällig vom Sprinter unterschied:
Der Renault läuft ruhiger und hat eine bessere Innenausstattung, zum Beispiel erkennt der Bordcomputer automatisch das Telefon des Fahrers und erlaubt die Kommunikation über Freisprechanlage mit Mikrofon und Lautsprecher. Das Klemmbrett, das man aus der Mittelkonsole ausfahren kann, ist nicht zu verachten. Es gibt auch eine Klimaanlage und der Motor läuft so ruhig, dass man ihn nicht für einen Diesel halten würde.
Aber leider gibt es auch Nachteile. So hat der Renault einen spürbar größeren Wendekreis und dieses Exemplar läuft extrem niedertourig. Während der erste und der zweite Gang noch normal laufen, erreicht das Getriebe im dritten Gang erst bei 70 km/h knapp 3000 Touren, das heißt, bei Siebzig schaltet man erst in den vierten Gang, der die Grenze von 3000 U/min bei ca. 100 km/h erreicht, und der sechste Gang lohnt sich so ab 120.
Viel Erfahrung habe ich mit Sechsganggetrieben noch nicht, aber bei jedem anderen Fahrzeug, das ich gefahren bin, waren die Schaltgrenzen etwa bei 30 (dritter Gang), 50 (vierter Gang), und 70 (fünfter Gang).
Ein wenig störend ist der Anschnallmelder, der ab 20 km/h piept, wenn man nicht angeschnallt ist. In jedem anderen Szenario würde ich das als eine positive Warneinrichtung bezeichnen, aber bei Lieferungen im Stadtverkehr ist man dann sehr häufig mit An- und Abschnallen beschäftigt, was durchaus nervtötend sein kann, wenn mehrere Kunden nur wenige Hundert Meter auseinander liegen.

Vor der Abfahrt erhielt ich eine Tankkarte und den Auftrag, das Fahrzeug am Abend vollzutanken und zum Verleih zurückzubringen. Zum Bezahlen an der Tankstelle muss ich den Kilometerstand und eine Geheimzahl angeben, allerdings verstand ich die Eselsbrücke falsch…

Ich steuerte durch den Gerolsteiner Stadtverkehr und stand auch irgendwann wieder vor der „Gerolsteiner Festung“. Aber heute sagte die Pförtnerin: „Nur eine Person!“
„Es handelt sich aber um eine Ausbildungsfahrt.“
„Die haben Sie doch bereits gestern gemacht!“
Da war ich irgendwie platt, dass die sich das gemerkt hatten. Mike blieb dann draußen, ich brachte die Ware zum Wareneingang. Vielleicht haben die Angst, dass man ihnen die Kohlensäure aus dem Sprudel klaut?

Wir waren früher weggekommen, schon um zehn vor Acht, aber leider kam es zu Verzögerungen, die den Vorteil wieder zunichte machten. Der Kollege, der den Renault zuvor gefahren hatte, hatte seinen Geldbeutel mit seinen Papieren liegen lassen. Wir trafen uns in der Nähe von Speicher, aber es kostete halt mindestens zehn Minuten.
Mittendrin gab es wolkenbruchartige Regenschauer, da fährt man ja auch langsamer.
Und am Ende der Fahrt stand wieder Spangdahlem, wo wir uns bei drei Abteilungen im Voraus ankündigten. Der erste holte seinen Umschlag ab, und als er gerade wieder gegangen war, wurde wohl eine Art stiller Alarm auf dem Flughafen ausgelöst: Das Tor wurde von Soldaten verschlossen, niemand durfte das Gelände verlassen und die Pendler stauten sich über das gesamte Areal. Niemand wurde durchsucht und dann erst rausgelassen – es ging gar nichts. Wir warteten eine halbe Stunde, bevor wir abfuhren.
Die Firma hofft, für den Fahrer dieser Tour Zugangspässe zum Flughafen zu erhalten. Dann könnte man einfach die zugewiesenen Büros und Hallen ansteuern und müsste nicht ewig Zeit damit verplempern, vor dem Tor auf die Abholer zu warten.

Wieder waren wir um kurz vor Vier zurück in Ehrang. Mike drückte mir ein paar Mitarbeiterklamotten in die Hand und verabschiedete sich, ich fuhr zum Einkaufen und anschließend in die Stadt zur zugewiesenen Tankstelle. Dort rächte sich mein Missverständnis mit der Eselsbrücke zur Geheimzahl, ich musste erst in der Gegend herumtelefonieren, erreichte zunächst keinen, machte mich dann daran, einen Schuldschein auszustellen, als Peter mich anrief und die Sache rettete. Dann musste ich nur noch bei AVIS auf meine Mitfahrgelegenheit warten und kam so relativ spät nach Hause. Aber ich musste am Samstag ja auch erst um halb Neun aufstehen.

Meiner Mütze Schlaf stand leider eine Party im Stockwerk darunter entgegen. Die Musik hinderte mich zunächst nicht am Einschlafen, aber um kurz vor Drei erwachte ich wieder. Die Anlage war aufgedreht, sie gab türkische Popmusik zum Besten, es wurde gesungen, getanzt, gelacht, geklatscht, und was Orientalen auf Partys sonst noch zu machen pflegen. Um zehn nach drei hatte ich die Schnauze voll, zog mir eine Hose an, setzte eine ernste Miene auf (fällt mir ja angeblich nicht schwer), und behandelte die Tür der Ruhestörer unsanft.
Ein junger Mann öffnete die Tür und sah mich besorgt an.
„Könnt Ihr endlich still sein? Ich raste sonst gleich aus!“
„Ja, können wir.“
„Danke.“
Ich legte mich ins Bett und fand die Nachtruhe wieder hergestellt.

Das Fahren macht mir Spaß, ich empfinde es nicht als Arbeit, von daher kann ich mir vorstellen, noch eine Weile hier zu bleiben. Eher zum Entsetzen meiner Freundin, die noch eiliger aus Trier weg möchte, als ich.

23. Mai 2011

King of Kylltal (Teil 1)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 21:25

Was für eine Woche! Die vergangenen Tage haben meinen Tagesrhythmus radikal umgekrempelt und aufgezeigt, welche Auswirkungen Motivation hat.

Montag bin ich nach Wittlich gefahren, um mich bei UPS als Transportfahrer zu bewerben und traf dort einen Herrn B., der mir die Rahmenbedingungen darlegte. Ein UPS Fahrer darf nicht auffällig tätowiert oder gepiercet (wie schreibt man das??) sein, darf nicht nur keinen Vollbart haben, sondern muss auch täglich frisch rasiert zum Dienst erscheinen. Muss immer aussehen, wie aus dem Ei gepellt.
Ähnliches gilt für die Autos: Da darf keine Schramme und kein Schmutz dran sein – tägliche Fahrt durch die firmeneigene Waschanlage nach Fahrtende ist Pflicht.

Als UPS Fahrer genießt man einen kleinen Vorteil: Man muss Pakete nicht selbst sortieren und muss das Auto nicht selbst einräumen, in dem jeder Ort der Tour ein Regalteil hat. Das Einräumen übernimmt ein Minijobber, der Fahrer muss nur noch kontrollieren, ob auch wirklich alles dort steht, wo es hingehört.
Das scheint mir aber auch der einzige Vorteil zu sein, und selbst der erscheint mir heute, am Ende der Woche, fraglich. Ich persönlich sehe bei UPS in der Tat einige Nachteile für mich. Zuerst einmal steht meine Haut nicht auf tägliches Rasieren, das weiß ich von der Zeit bei der Bundeswehr her, die Rasur artete da bislang in eine Tortur aus.
Dank des einräumenden Minijobbers beginnt der Fahrer bei UPS seinen Dienst erst um 0715, aber zum Ausgleich muss er bis 1600 in seinem Zustellungsraum bleiben, falls ein Kunde noch ein Paket aufgeben will.
Erst danach darf er ins Depot zurück, und muss dort noch in die Waschstraße – und je nachdem, wie weit hinten er in der Warteschlange der ca. 30 Autos steht, ist mit einer Stunde Wartezeit zu rechnen.
Der größte Nachteil für mich allerdings ist der Standort Wittlich – eine Überprüfung der Bus- und Zugfahrpläne ergab, dass eine Ankunft zuhause um acht Uhr abends nicht selten sein würde. Nach einem Besuch bei einer anderen Transportfirma mit Standort Trier verabschiedete ich mich ganz schnell wieder von der Aussicht auf die braune Uniform und sagte am Dienstag Abend die für Mittwoch vereinbarte Testfahrt wieder ab.

Just an diesem Tag, als ich wieder im Zug nach Hause saß, rief mich der Personaldienstleister „inPersona“ aus der Trierer Bruchhausenstraße an, um mir mitzuteilen, dass ich ab Donnerstag an einem Bewerbertraining teilnehmen solle. Zu den Auswirkungen komme ich später.

Dienstag war ich in Ehrang bei Transoflex, genauer bei einem Subunternehmer (nennen wir den mal JP Transporte, damit ich keinen Ärger bekomme), um mir ein Bild von einem typischen Arbeitstag zu machen. Wie an solchen Tagen üblich erwachte ich kurz bevor der Wecker klingelte von alleine. Ich wusste nicht, dass das auch um halb Fünf funktioniert.
Als ich den Disponenten vergangenen Freitag wegen der Adresse anrief, sagte der mir „bei Bayer und Sohn“, woraus ich schlussfolgerte, dass das Unternehmen auf dem gleichen Firmengelände angesiedelt sei, was nicht der Realität entspricht. Dass „JP Transporte“ ein Subunternehmer von Transoflex ist, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, er erwähnte das auch nicht, und als ich um 0600 bei Bayer & Sohn stand, wusste ich es immer noch nicht. Erst, als ich ihn da noch einmal anrief, erfuhr ich, dass ich noch ein Stück die Straße runtergehen musste, und als ich an der Laderamperampe von Transoflex nachfragte, einfach weil’s die nächste Spedition in der Richtung war, hieß es „Ja, JP, das ist hier.“

Dort ist Dienstbeginn um 0530, weil die Fahrer ihre Pakete selbst vom Band nehmen und ins Auto räumen müssen.
Dieses Paketband ist gewöhnungsbedürftig, und sich daran zu gewöhnen, dauert ein paar Tage. Ich würde schätzen, dass die Pakete mit etwas mehr als einem Meter pro Sekunde vorbeikommen, und da es sich um ein manuelles System handelt, kommen sie in unregelmäßigen Abständen: Selbst wenn man nach etwas Eingewöhnung die der eigenen Fahrt zugeteilten Postleitzahlen und Ortsnamen auswendig kennt, liegen sie je nach Laune der Aufleger manchmal so eng aufeinander, dass man nicht schnell genug alle Etiketten lesen kann. Darüber hinaus sind nicht alle Etiketten („Labels“) gleich, das heißt, auf den meisten sind die Postleitzahlen fett gedruckt, auf anderen nicht, und man muss deshalb genauer hinsehen. Und abgesehen davon kommen die Pakete aufs Band, wie die Verpacker sie in die Hände bekommen, da muss man die Etiketten mit den Adressen auch schon mal kopfüber lesen können. Die Pfeile, die die Oberseite der Pakete anzeigen, werdenbei weitem nicht immer beachtet, aber Gefahrgutbehälter landen in einer kleinen Plastikwanne (so zum Beispiel Kanister mit Desinfektionsalkohol).

Von den hunderten vorbeirollender Pakete wird einem Neuling mitunter wörtlich schwindlig. Verpasst man ein eigenes Paket, landet es im schlimmsten Fall am Ende des Bands, wo ein Mitarbeiter steht, der diese „Irrläufer“ auf einen Rollwagen stellt. Sagt der Taschencomputer des Fahrers, dass er nicht alle Pakete erfasst hat, ist das der erste Ort, wo er nachsieht. Allerdings helfen die Kollegen auch aus. Wer höher am Band steht und weiß, dass ein nachfolgender Kollege gerade nicht die Augen am Band hat (weil er Pakete scannt oder stapelt), ruft dessen Ortsnamen auf, soweit er sie weiß („Bitburg!“), um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Im gleichen Maße nehmen Kollegen, die weiter unten stehen, verpasste Pakete auf und schieben sie zurück.

Trotz der notwendigen Arbeitsgeschwindigkeit (Etiketten erkennen, Pakete vom Band nehmen, scannen, grob geordnet hinter dem Wagen aufstellen) ist die Atmosphäre erstaunlich entspannt, die Laune ist allgemein gut. Im Unterschied zu UPS gibt es hier sowohl Piercings als auch Drei- oder Siebentagebärte, aber ich kann bislang niemanden mit offen ersichtlichen Tätowierungen entdecken. Der mir zugeteilte Wagen… hm, der würde bei UPS eindeutig nicht durchgehen. Der vorherige Fahrer hat beim Verlassen der Halle einen der Pfeiler gestreift und damit die rechte Seite eingedrückt. Ich interpretiere aus der Schilderung, dass dies der Grund ist, warum er nicht mehr der Fahrer ist. Die Frontscheibe ist ein Pandämonium von angetrockneten Körperflüssigkeiten und Gedärmen zerschmetterter Insekten. Aber auch das Innenleben ist gräulich: Der Mann war Raucher, und das einzig Positive ist, dass der Innenraum des Sprinters nicht dem entsprechend riecht. Aber sauber gemacht wurde hier schon länger nicht mehr.

Bevor nicht alle Pakete erfasst sind, gibt es keine Fahrfreigabe von der Ablaufkontrolle. Mein Einweiser ist einer der Disponenten, er stellt sich als Mike vor und wir bleiben gleich bei den Vornamen. Er hat zehn Jahre bei UPS gearbeitet und sagt, Herr B. sei ein guter Freund von ihm. Der andere Disponent heißt Peter, und seinen Nachnamen erfahre ich nur nebenbei später in der Woche. Hier wird scheinbar nur einer mit „Sie“ angeredet, und das ist Herr R., der direkt für Transoflex arbeitet und dafür bezahlt wird, dem Subunternehmer auf die Finger zu schauen.

Der mir zugeteilte Sektor ist die Eifel, die bedeutendste Stadt auf dem Plan ist Gerolstein. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Eifeltour im Winter ein Vergnügen ist. Andere Orte sind Speicher, Spangdahlem, Kyllburg, und eine ganze Reihe, von denen ich noch nie gehört habe. Ich wusste auch nicht, dass es sowohl Neunkirchen als auch Burbach auch in der Eifel gibt. Die am weitesten von Trier entfernten Orte sind Reuth und Ormont an der Grenze zu NRW, die Tagesleistung beträgt um die 270 km.

Dieser erste Tag dient in erster Linie dazu, mit dem Scanner umgehen zu lernen, der gleichzeitig ein Minicomputer ist, mit Hilfe dessen jeder Fahrer seine Tour organisiert. Wenn eine Palette mit Paketen ankommt, bestätigen die Bandaufleger zunächst deren Ankunft, indem sie jedes Etikett beim Auflegen scannen. Der Fahrer scannt die Pakete, die er vom Band nimmt, und noch einmal, wenn er sie ausliefert. Auf diese Weise entsteht die Kontrollmöglichkeit im Internet für den Kunden, die Spur seines Pakets nachzuvollziehen. Jeder dieser Vorgänge mit dem Scanner/Taschencomputer wird per Internetverbindung sofort an den Server gemeldet.

Nachdem alles im Wagen ist, wird der Tourplan organisiert, das heißt, anhand der erfassten Zielorte wird eine effiziente Route geplant, und Sendungen mit gleicher Zieladresse werden als einzelner Stopp zusammengefasst, damit der Kunde nur eine Unterschrift zu leisten braucht. Apotheken und Tierärzte erhalten schonmal mehr als ein Dutzend Pakete auf einmal, da ist das praktisch.
Die meisten Kunden sind Geschäftskunden, also viele Ärzte, Apotheken und Firmen wie Gerolsteiner oder Stihl, und auch eine Videothek. Das erhöht die Zahl der Zusammenfassungen, das heißt die Zahl der Stopps ist im Verhältnis zu der Zahl der Pakete relativ gering, und es stellt sich auch irgendwann unweigerlich eine gewisse Routine beim Aufsuchen und Benennen der Kunden ein.

Warum nun ist es nur ein fragwürdiger Vorteil, wenn man den Wagen eingeräumt bekommt? Es ist sicher kein Nachteil, wenn man nicht so früh da sein muss, also länger schlafen kann, und die Arbeit des Einpackers nur noch kontrolliert werden muss, aber der Vorteil des Einräumens besteht darin, dass ich als Selbstpacker dann intuitiv weiß, wo das nächste Paket liegt. UPS hat dafür die Fächer im Laderaum, die aber auch die Ladekapazität einschränken dürften.

Um Viertel nach Acht rollen wir los, halten aber zuerst am Getränkemarkt, wo ich mich vor Jahren mal erfolglos für einen Minijob als Fahrer beworben hatte, und kaufe mir eine Flasche Saft, bevor wir als erste Station Zemmer/Rodt anlaufen.
Spangdahlem, das heißt der US Flughafen dort, bekommt scheinbar täglich Post, und die dortigen Stellen haben eine niedrige Abholdisziplin – das heißt, selbst wenn der Fahrer zehn Minuten vor seiner Ankunft den Empfänger anruft, kann es schon mal über eine halbe Stunde dauern, bis ein Abholer am Tor erscheint. Da oft Terminfracht gefahren wird, landet Spangdahlem meist auf dem letzten Platz des Plans, um die pünktliche Auslieferung nicht zu gefährden.
Gerolstein ist nicht groß, aber wegen der Vielzahl an Kunden eine organisatorische Herausforderung, damit man nicht im Zickzack durch die Stadt fährt. Einen Platz muss ich jedenfalls eindeutig als „Festung Gerolstein“ bezeichnen: Die Sprudelfabrik. Die lassen nur eine Person pro Fahrzeug auf das Werksgelände, der andere muss draußen warten, Trainingesfahrt hin oder her. Interessant ist auch zu hören, dass früher jeder Lieferfahrer zwei Flaschen Mineralwasser geschenkt bekam; heute erhalten nur noch LKW-Fahrer Getränke, die dafür aber drei Flaschen. Kleintransporter bekommen nichts mehr, ohne, dass jemand den Unterschied hätte erklären können.
Das Kylltal wird mir als Erholungsgebiet in Erinnerung bleiben. Mürlenbach zum Beispiel. Man muss es schon beinahe malerisch nennen. Hier und da stehen Männer im Fluss und angeln.
Den ganzen Tag über bin ich derjenige, der die Pakete reinbringt und den Scanner bedient. Das braucht mehr Übung, als man meint, denn bei Tageslicht ist es nicht einfach, das „Zielkreuz“ des Scanners zu sehen, damit man den Barcode besser trifft, von daher brauche ich immer wieder eine Weile, bis das Ding auch piept.

Um kurz nach Vier sindwir zurück im Depot in Ehrang. Wegen der Vielzahl der neuen Informationen schwirrt mir der Kopf, aber die Sache macht Spaß. Man darf den ganzen Tag Sprinter fahren und dabei Musik hören und wird auch noch dafür bezahlt. Nicht viel, es gibt pauschal etwa 1250 E netto. Es gibt scheinbar Zulagen, wenn man mehr als eine Tour beherrscht und wenn man Scheine für Gefahrgut und radioaktive Stoffe macht (für die Röntgenanlagen der Krankenhäuser und Zahnärzte). LKW-Fahrer haben angeblich 400 E brutto mehr, und den Vorteil, dass sie nur relativ wenige Paletten fahren, anstatt über hundert einzelne Pakete. Ein C1E Führerschein würde mich in der Tat reizen.

Für Mittwoch sind weitere Scannerübungen angesetzt, Donnerstag soll ich selber fahren, wenn auch noch begleitet, um meine Ortskenntnis zu erhöhen. Aber nicht nur das, denn auch eine Gruppe von Transoflex-Managern hat sich angekündigt, um die Effizienz des Depots unter die Lupe zu nehmen.

Nun dachte ich eigentlich, nach dem Probearbeitstag würde ich erst einmal wieder zuhause sitzen und auf einen Bescheid warten, ob man mich komplett einarbeiten würde, aber keineswegs: Mike sagt, ich solle mit meinem Jobvermittler Kontakt aufnehmen und ihm mitteilen, dass ich ab sofort ein Praktikum bei Transoflex mache und dass ich morgen schon um halb Sechs da sein solle.
Interessant dabei ist, dass die Fahrer die Autos mit nach Hause nehmen, sofern sie einen Stellplatz dafür haben, dass bedeutet, sie haben keine Pendelkosten mit PKW oder Bus und können den Transporter für den abendlichen Einkauf im Supermarkt nutzen. Ausnahmen existieren, falls einer zur Inspektion muss oder andere bedeutende Gründe vorliegen. Als Gegenleistung wird von den Mitarbeitern erwartet, dass sie ihren „Arbeitsplatz“ sauber halten und den Wagen vielleicht einmal im Monat (oder bei akutem Bedarf) durch die Waschstraße fahren. Bei Mercedes Hess in Trier West kann man seinen Sprinter für drei Euro waschen lassen, heißt es.

Am Abend setze ich mich also an den Rechner und schreibe drei Mails: Eine an meinen Vermittler, eine an Herrn B., in der ich den ausgemachten Termin absage, und eine an inPersona, in der ich ihnen mitteile, dass ich an dem Bewerbertraining „leider“ nicht teilnehmen könne.

Danach fand noch ein Spielabend mit dem „Battlestar Galactica“ Brettspiel statt, der, weil spannend und unterhaltsam, unguterweise bis kurz vor Mitternacht dauerte, was mir noch etwa vier Stunden Schlaf ließ.

6. Mai 2011

Reset

Filed under: My Life — 42317 @ 18:38

Key-Systems hat meine Bewerbung abgelehnt.
Meine Qualifikation und Motivation war scheinbar in Ordnung, aber man hatte eine Woche zuvor bereits eine studentische Hilfskraft eingestellt.
So jemand macht den Job natürlich genauso gut – und vermutlich auf Lohnniveau Minijob.

Wenn ich mir das Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen lasse, zeigt sich mir die Perfidie des ganzen Vorgangs: Die Personalchefin erwähnte bei meiner Verabschiedung in einem Nebensatz, dass man mich eingeladen habe, „um Volker einen Gefallen zu tun“ – dem Volker, mit dem ich seit Jahren befreundet bin und der bei Key Systems die Rechtsabteilung darstellt. Ein rhetorischer Unfall, nehme ich an. Mir hätte das bereits in dem Moment wie Schuppen von den Augen fallen müssen – es ging niemals darum, ob ich möglicherweise für den Job im Fulfillment Team geeignet bin, es war niemals auch nur in Erwägung gezogen worden, mich einzustellen; es ging einzig und allein darum, die sozialen Beziehungen im eigenen Haus unbelastet zu lassen und pro forma Volkers unsinnigem Anliegen nachzukommen, mich doch mal als potentiellen Einsteiger zu prüfen… denn der musste ja ebenfalls wissen, dass der angedachte Job bereits vergeben war.

Also zurück auf Null. Auch Tempo-Team hat sich wegen Salmtal nicht mehr gemeldet, und es passt zu meiner aktuellen Grundstimmung, dass der Niederlassungsleiter M. mit seiner 60-Stunden-Woche vermutlich so beschäftigt sein wird, dass er mich mittlerweile vergessen hat.
Das wäre zumindest nichts ungewöhnliches in meinen Augen.

Die erste Bewerbung des Monats Mai geht daher an das Büro der OSZE in Wien. Da brauchen Sie einen Ausbildungsassistenten, der mit Computern umgehen kann.