Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

26. September 2011

Gaytal Kamikaze (Teil 2)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 20:32

Klären wir doch jetzt mal die Frage, wie es sein kann, dass der Kurde neuerdings wieder Bitburg fährt, wofür ja eigentlich Kelvin verantwortlich war. Zumindest glaube ich, dass diese Information aus vergangenen Einträgen irgendwie ersichtlich wurde.
Eines schönen Tages bemerkte Mike bei der Kontrolle der Auslieferfortschritte am Nachmittag, dass Kelvin eben keine Fortschritte mehr machte. Er rief ihn an und Kelvin meldete völlig überraschend, dass er krank sei. Morgens war er noch fit gewesen, aber sowas kann ja mitunter plötzlich kommen, und man muss bedenken, dass Kalaschnikow ja mit einer fast chronischen Lungenentzündung rumläuft, die er aus Arbeitswut weder auskuriert, noch durch ständiges Rauchen irgendwie sonst einer Besserung zuführt.

Jedenfalls platzte am folgenden Morgen eine kleine Bombe:
Kelvin hatte am Tag zuvor bemerkt, dass er ein Paket vermisste und deshalb Anzeige gegen Unbekannt erstattet, das heißt, das Depot mit allen Mitarbeitern unter Generalverdacht gestellt. Bis dato weiß noch keiner, was daraus geworden ist. Laut Zentralcoomputer hat Kelvin das Paket um etwa zehn Minuten vor Sieben vom Band genommen, also gescannt, und die Videoüberwachung würde wohl zeigen, ob er es ins Auto geladen oder ob es jemand illegal an sich genommen hat. Dabei ist dieser Extremfall eigentlich auszuschließen, denn es handelt sich um ein Tchibopaket, das heißt, da ist kein Kaffee drin, sondern die Art von Tand, der in den Supermärkten im so genannten „Tchibo-Shop“ aushängt. Welcher Idiot würde sowas klauen? Es ist eher anzunehmen, dass Kelvin das Paket an den falschen Kunden ausgeliefert hat und nicht mehr weiß, wo. Oder er hat vergessen, seine kaputte Heckklappe zu sichern (die hält nur mit einem innen angebrachten Expander zu) und das Ding ist rausgefallen. Mike wollte oder konnte auf spätere Nachfrage hin keine weiteren Angaben machen.

Kelvin tauchte daraufhin nicht mehr in Trier auf, was ich verstehen kann, da seine Beliebtheit radikal ins Bodenlose gesunken war. Ich verstehe seinen Schritt ja auch nicht. Wenn ein Paket wegkommt, dann redet man doch zuerst mal mit den Disponenten und mit den Chef, aber wendet sich doch nicht sofort an die Polizei. Ich denke, er wird seine Gründe haben, und ich vermute, dass seine Motivation in seiner Zeit als Hermes-Fahrer begründet liegen könnte.
Da hatte er wohl dreieinhalbe Jahre gearbeitet, Montag bis Samstag, bis abends nach 22 Uhr, ohne Urlaubsgenehmigung, mit heute noch ausstehenden Lohnforderungen von etwa 5000 E. Würde mich nicht wundern, wenn er sich da einen Schaden im Kopf geholt hätte. Während andere Fahrer immer für weniger Ladung dankbar waren, nahm er alles mit, was er kriegen konnte, vor allem Paletten. Und wenn man ihn darauf ansprach, dass er ja auch früher bei Frau und Kind sein könnte, fragte er, was er denn so früh zuhause solle. Seine Frau (ebenfalls Fahrerin) sei daran gewöhnt, dass er erst abends zurückkehre und frage ihn sonst, wo er denn jetzt schon herkomme. Zur künstlichen Verlängerung des Arbeitstages ging er mehrfach am Tag Kaffee trinken oder stellte sich am Nachmittag auch schon mal eine Stunde auf einen Parkplatz. Und dann stand er jeden Morgen um Drei auf, war spätestens um halb Fünf im Depot und hielt dort paradoxerweise noch ein Nickerchen, bis die „normalen“ Leute um Fünf eintrafen.

Es hieß dann also, Kelvin sei firmenintern nach Koblenz gewechselt (und der Kurde erhielt fürs erste den Kofferwagen, den Kelvin bislang gefahren hatte). Aber zwei Wochen später verbreitete sich das Gerücht, er habe dort seine neue Tour nicht gebacken bekommen und sei gänzlich gekündigt worden. Als der Kurde neulich bei ihm war, um die Kelvin überlassene Tankkarte abzuholen, sagte der nur, wenn man so einen verständnislosen Chef habe (er meine den Chef vom Depot, nicht den Herrn JP), bleibe einem gar nichts anderes übrig, als Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten, und führte das leider nicht weiter aus. Allerdings ließ er sich vom Kurden den Personalausweis zeigen und eine peinlich detailgenaue Quittung ausfüllen, in der er die Übergabe der Tankkarte bestätigte. Der war wegen dieser paranoiden Haarspalterei jedenfalls „oberstinkesauer“, wie es Barney Geröllheimer einmal angesichts einer laut probenden skandinavischen Band ausgedrückt hatte.

Und das war nicht alles, was man an seltsamen Dingen aus Koblenz hört: Plötzlich tauchte am 19. September Kalaschnikows Fahrzeug in unserer Halle auf, nur von Kalaschnikow keine Spur. Stattdessen fuhr nun der Kurde damit. Kalaschnikow habe sich krank gemeldet und es sehe so aus, als wolle er ganz aussteigen.

Sind denn in Koblenz alle bekloppt? Ist in Koblenz vielleicht einfach der Stress höher? Immerhin handelt es sich um ein mehrfach größeres Depot mit einem viel längeren Paketband, an dem allein ein Dutzend Aufleger arbeiten und ca. 60 Fahrzeuge unserer Firma stationiert sind. Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir eine möglicherweise nebensächliche Anekdote ein, die unser Lagerist Antonius (Name geändert) über das Familienfest unserer Distributionsgruppe (das heißt alle Angestellten aus Koblenz und Trier) erzählt hat, als ich ihn am Montag danach fragte, wie es denn gelaufen sei (ich hatte an dem Tag bereits eine familiäre Einladung, der ich folgen musste):
„Am Trierer Tisch war total Gröhl und Party, und die Koblenzer, die saßen nur ganz still und ruhig da.“ (Und das viel kleinere Trierer Team habe bereits in der ersten Nachmittagshälfte den größten Teil der bereitgestellten Cocktails gesoffen, noch bevor das Fest richtig angefangen hatte.)

Ich fühle mich versucht, aus dieser Anekdote Rückschlüsse auf das jeweilige Betriebsklima zu ziehen, und das Sammelsurium an Faktoren, die das emotionale Klima in einer Firma beeinflussen, kennt jeder zumindest implizit, der Vollzeit irgendwo arbeitet. Wie man meinen Einträgen entnehmen kann, halte ich die Stimmung in Trier für sehr gut. Natürlich haben auch mal Leute einen schlechten Tag, und wenn eine Serie zu dicht aufgelegter, großer, oder schwerer Pakete für den selben Fahrer auf einmal anrollt, dann vergeht dem auch schon mal der Spaß, aber allgemein kann ich mich nicht beschweren – und ich bin jemand, an dem eine schlechte Atmosphäre nicht einfach abprallt. Ich mache diese Arbeit gern, und das liegt nicht nur an der Arbeit an sich, sondern auch an den Leuten, die ich dort treffe.

Aus dem Grund habe ich übrigens beschlossen, den Versuch zu unternehmen, aus den Kollegen dort eine neue Spielgruppe aufzuziehen, mit denen man sich einmal im Monat zusammensetzen und „BANG!“ oder „Battle Star Galactica“ oder sonst was spielen kann. Prinzipielles Interesse haben bereits welche bekundet, was ja nie viel heißt. Von daher suche ich mir einen größeren Kreis von Interessierte und hoffe, dass sich ein Kern von Stammspielern ergibt. Aber das wird sich noch zeigen müssen.

Mike sagt übrigens, ich müsse öfter mal „Nein“ sagen – da ich wenige Pakete im Auto habe, erkläre ich mich oft bereit, Pakete für die Fahrer zu übernehmen, die ihre Autos voll haben. Ich müsse aber den Zeitfaktor besser im Auge haben: Ich fahre weniger Pakete, aber fast dreimal so viele Kilometer. Die vollen Autos sind um zwei Uhr Nachmittags leer und die Fahrer liegen auf der Couch, ich habe meinen letzten Kunden, wenn’s gut läuft, um Vier und muss dann noch etwa eine Stunde fahren, bis ich zuhause bin. Ich sollte Hilfe also nur noch dann zusagen, wenn der Betroffene nicht alles ins Auto bekommt.

Wenn ich schon von „den Leuten“ spreche, dann komme ich zum Schluss noch zu neueren personellen Entwicklungen.
Zunächst einmal wurde der Kurde von Peter auf Gefahrgutlehrgang nach Köln geschickt, zwei Wochenenden. Ausgerechnet der, der für so viele Schäden, Strafen und Bußgelder verantwortlich ist? Meine Freundin meinte schon spöttelnd, dass es sich dabei vielleicht um eine ausgeklügelte Intrige handele, den Kurden loszuwerden: Der Dozent in Köln sei dafür bekannt, sehr streng zu sein und Kursteilnehmer, die unpünktlich zum Unterricht erschienen, aus dem Lehrgang zu werfen, und die Disziplin unseres kurdischen Kollegen ist ja nun mal keine. Ich halte Peter allerdings nicht für diese Art von Mensch, von daher glaube ich eher, dass er ihn durch Übergabe von Verantwortung zu erziehen versucht. Ebenfalls ein interessanter militärischer Grundsatz: Wenn ein Rekrut rebellisch oder sonst irgendwie quer kommt, mach ihn zum Stubenältesten oder gib ihm sonst eine Verantwortung. Das hat schon bei manchen Leuten Wunder bewirkt.
Und, man höre und staune, der Kurde war unter den zwei Dritteln der Teilnehmer, die den Kurs tatsächlich bestanden haben. Jetzt warten wir darauf, dass er einen ausgibt.

Des weiteren zieht sich die Beantragung der Mittel für einen C/E Führerschein beim Arbeitsamt in die Länge. Mein ursprünglicher Vermittler ist nicht mehr für mich zuständig, weil ich nicht arbeitslos mit Hartz-IV Bezug bin. Er verwies mich an eine Frau Cornell, die für Arbeitssuchende ohne Leistungsbezug zuständig ist, aber auch die musste mich nach einem fünf Minuten dauernden Informationsgespräch unverrichteter Dinge wieder gehen lassen, weil ich mich zwar arbeitssuchend gemeldet habe, aber immer noch in Arbeit sei. Sie verwies mich an ein Programm mit der Bezeichnung „Wegebau“, wo sich allerdings nicht der von Arbeitslosigkeit bedrohte Arbeitnehmer, sondern dessen Noch-Arbeitgeber melden müsse, um eine arbeitsplatzerhaltende Maßnahme für den Arbeitnehmer zu beantragen. Ich gab die entsprechenden Daten an Peter weiter und harre nun der Dinge, die da kommen.

Peter braucht nun aber einen LKW-Fahrer ab dem 1. Oktober und hatte sich noch nicht wirklich um einen Ersatz für den leider gegangenen DJ gekümmert. Ich hielt also Rücksprache mit jemandem, der einen C-Führerschein hat, sprach die Sache mit Peter ab, und erreichte somit, dass Puck ab Anfang Oktober das Einführungspraktikum bei Transoflex macht.
Ich hatte gar nicht darauf zu hoffen gewagt, dass Puck zusagen würde, und die sehr wenigen Leute, denen ich vor diesem Eintrag davon erzählt habe, wollten es kaum glauben. Ich freue mich selbst, dass er sich dazu entschlossen hat und hoffe, dass er den Job und damit mehr Perspektive und Struktur (und Einkommen) in seinem Leben erhält.

24. September 2011

Gaytal Kamikaze (Teil 1)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 19:22

Gaytal Kamikaze – so soll also die Fortsetzung von „King of Kylltal“ heißen. Warum dieses?
Der etwa 25 km lange Gaybach, der eben durch das Gaytal fließt und in dessen Umgebung es sowohl eine Gaymühle als auch einen Gaytalpark gibt, ist eigentlich ziemlich unbedeutend für meine Tour, da ich ihn einmal am Tag gerade mal überquere, anstatt daran entlang zu fahren, wie das bei der Kyll der Fall war. Ich muss aber zugeben, dass mich der Name des Gewässers amüsiert. Es sieht halt im wahrsten Sinne des Wortes „schwul“ aus, hat damit aber nichts zu tun: Der Name des Bachs leitet sich aus einem alten Wort für „gegen“ ab, und man könnte die dialektale Ausdrücksweise „gejen“ oder auch das englische „against“ vergleichen, um den Zusammenhang andeutungsweise zu erkennen.
Was den Kamikaze betrifft: Das ist die Aufschrift eines kleinen Spaßwarnschilds, das ich letzten Monat in Gerolstein gekauft und an das Fenster meiner Hecktür geheftet habe. Kurven driften mit einem Sprinter ist mindestens ungewöhnlich zu nennen, und wenn es charakterbildend ist, Dinge zu tun, die einem Angst machen, dann habe ich eine Menge Charakter.

Eine weitere Idee für einen neuen Titel meiner Serie im Bereich „Arbeitswelt“ war „Schneller und Schneller“, in Anlehnung an „Höher und Höher“ (engl. „Higher for Hire“), die Transportfirma, in der Balu der Bär für Rebecca Cunningham in der Serie „Käpt’n Balu und seine tollkühne Crew“ (engl. „Tailspin“) arbeitet. Der fröhliche Winzer (der Wittlich-Fahrer) ist nämlich dazu übergegangen, mich „Balu“ zu nennen, und ein paar Leute am Band machen mit. Nicht wegen meiner Körperfülle, die ich auch früher nicht hatte, sondern wegen meiner Behaarung, die nun mal aus dem Kragen meines T-Shirts herausschaut. Ich habe nichts dagegen, dass er das tut, und ich bin ja auch nicht der einzige, der von ihm mit dieser harmlosen Art von Humor bedacht wird. Die Bezeichnung „Felix“ für den Moseltalfahrer stammt ebenfalls von ihm, was lustig ist, weil „Felix“ ja „der Glückliche“ heißt, und der so Genannte ist gerade der Typ, der gern betont, dass er keinen Bock hat und den halben Tag am Maulen ist:
„Mike, ich hab ein Riesenproblem.“
„Ja? Was ist denn?“
„Mein Radio ist kaputt.“
„?!?“
Der fröhliche Winzer kam allerdings rein spontan darauf und machte nicht den Eindruck, als sei er sich der Bedeutung des Namens bewusst. Er ist einer von den Leuten, die spontan Sprüche klopfen können, ohne groß drüber nachdenken zu müssen.
„Kurde, Du Flitzpiepe! Räum Deinen Scheiß vom Band!“
„Ey, ich hetz die Jungs vom Band auf Dich!“
„Dann müssen aber Maschinen kommen, keine Ersatzteile!“
Dabei ist unser Winzer mit 21 der zweitjüngste Fahrer und dünn wie ein Bleistift, über dessen „Stixibeine“ ich ebenfalls gern Witze mache.
In meiner vielleicht verzerrten Vorstellung von Spaß kann ich festhalten, dass der plappernde Winzer die Arbeit am Band morgens viel angenehmer gestaltet. Wenn der die Klappe hält, ist er krank.

Ich bin am Morgen dazu übergegangen, eine Gewohnheit aus post-japanischen Studententagen wieder aufzugreifen: Ich unterschreibe die Frachtpapiere nicht mehr nur, sondern drücke auch meinen Stempel mit dem Aufdruck „Kurozamurai“ drauf. Lily (Name geändert) im Büro findet den Stempel so toll, dass sie mich fragte, ob ich ihr auch einen besorgen könne – da werde ich mal rumfragen müssen, und zuerst muss die Designfrage geklärt werden.
Denn zum einen kann man ja einen Namen schlicht in Katakana übertragen, was ich persönlich für langweilig halte. Dann könnte man die Silbenlaute des Namens in Kanji umsetzen und ihm so eine irgendwie geartete Bedeutung geben. Oder aber man könnte das deutsche Wort nehmen, das eine Pflanze beschreibt, und das sinojapanische Zeichen für diese Pflanze verwenden. Ich muss mich mit ihr diesbezüglich noch kurzschließen.

Die Neuordnung der Zustellungsgebiete brachte nicht nur Kalaschnikow, sondern auch Kurt (Name geändert) nach Koblenz – habe ich den einmal erwähnt? Kurt ist ein selbständiger Subunternehmer der Jakob Transporte, 72 Jahre alt, mit festem Händedruck und so fit, dass ich ihn niemals für Anfang 70 gehalten hätte. Er war zuständig für die so genannten Frühdienste, also quasi Superexpresse, die um acht bzw. zehn Uhr zugestellt sein müssen. Sein Weggang hatte zur Folge, dass Peter selbst diese Frühdienste im Bereich um Trier fahren muss.
Peter hatte sich im August als Subunternehmer selbständig gemacht und von Herrn Jakob die Aufsicht über die Trierer Fahrer erhalten. In der Zeit, das heißt in dem Monat vor der Reorganisation, disponierte Mike allein in Trier und Peter arbeitete von zuhause am Computer aus. Allerdings senkte seine Nichtanwesenheit die Moral. Manche Leute witzelten bitter, Peter „spiele Chef“ und werde das Unternehmen binnen Jahresfrist an die Wand fahren. Seit Peter aber morgens wegen der Frühdienste im Depot sein muss und somit jeden Tag gesehen wird, hat sich die Moral wieder gehoben und die Witze sind verstummt – man sollte nicht glauben, was es ausmacht, wenn der Chef selbst „mit dazu gehört“. (Das heißt, man könnte es wissen, aber dazu bedarf es einer tiefer gehenden Kenntnis der psychologischen Aspekte guter Menschenführung aus dem umfassenden Gebiet militärischer Geschichte.)

Seine Übernahme brachte uns nicht nur die Samstagsdienste, Peter hat sich außerdem zum Ziel gemacht, das effizienteste (Transoflex-) Lieferteam Deutschlands zu werden, und auf die Mittel zum Zweck brachte ihn sein Bruder. Den hatte ich vor Wochen mal kurz in Plaidt gesehen und es blieb damals mangels Gelegenheit bei einer freundlichen Begrüßungsformel. Als dann vor zwei Wochen Not am Mann war, war der Bruder mit in Trier und übernahm eine Tour. Bei der Gelegenheit spendierte er Wurst- und Käsebrötchen für alle und sagte, wenn er schonmal da sei, dann könne er das ruhig machen. Außerdem kam er gleich auf mich zu und begrüßte mich mit meinem Namen, und das hat mich beeindruckt. Ich kann mir nicht die Namen von Leuten merken, die ich vor ein paar Wochen nur mal kurz gesehen habe.
Peter hatte daraufhin jedenfalls folgende Idee: Jede Woche, in der die Auslieferquote im grünen Bereich bleibt, würde er montags belegte Brötchen ausgeben. Ich fand die Idee klasse, meldete aber Bedenken wegen der Erfolgsmessung an. Denn schließlich gibt es bei der Auslieferungsquote mehr Faktoren, die außerhalb der Macht des Lieferfahrers liegen, als solche, die er kontrollieren kann.
Grundlegend muss man dabei wissen, dass die Firma eine Vertragsstrafe zahlen muss, wenn alle Fahrer im Wochenschnitt mehr als 1,6 Prozent der geladenen Pakete wieder mitbringen. Da ich vielleicht mal 120 Pakete am Tag fahre, kann man sich ja ausrechnen, wie viele ich am Ende der Tour straffrei noch im Auto haben darf. Man sollte unter diesem Gesichtspunkt also Verständnis dafür haben, wenn hin und wieder einer klingelt und fragt, ob man ein Paket für den Nachbarn annehmen könne, und ich weiß jetzt, warum manche Fahrer die halbe Straße abklappern – das liegt nicht daran, dass die Leute zu bequem sind, um am Tag danach nochmal zu kommen.

Nein, die Einflussmöglichkeiten des Fahrers auf die Lieferstatistik sind aus meiner Sicht der Dinge recht gering: Wenn der Kunde nicht da ist, weil er arbeitet oder vielleicht auch in Urlaub gefahren ist, ist das ja nicht die Schuld des Fahrers. Ebenso wenig kann der Fahrer dafür, wenn auch die Nachbarn nicht da sind, um ein Paket anzunehmen, oder wenn der Empfänger so unbeliebt ist, dass niemand für sein Paket unterschreiben will. Ganz vorbei ist es bei Sendungen mit großen, schweren, oder zahlreichen Paketen, oder bei solchen, die Nachnahme kosten. Der Fahrer kann nur darauf achten, dass er innerhalb der Geschäftszeiten zum Kunden kommt und dass er bei den Nachbarn klingelt.

Peter zeigte mir allerdings auf, dass nicht wenige Lieferanten nicht einmal den Versuch machten, beim Nachbarn zu klingeln, und dass die Lieferstatistik seit seiner Ankündigung spürbar besser geworden sei: Der Stand sei innerhalb der beiden Wochen auf ein Rekordtief von 1,49 Prozent gesunken – und das bislang beste Depot Deutschlands komme auf 1,35 Prozent.
Meinen Vorschlag, die monatlich anfallenden Vertragsstrafen für vergessene Lieferscheine, zu spät gelieferte Expresse und andere Regelverstöße als Maß zu nehmen, fasste er aber auch positiv auf und sagte, er werde sich überlegen, ob er bei Einhaltung einer gewissen Disziplin in dem Bereich nicht vielleicht einen Betriebsausflug sponsern werde.
Zum Vergleich: Im Monat August habe ich Vertragsstrafen in Höhe von zweimal fünf, also 10 E verursacht – fünf für einen verspäteten 12 Uhr Express und fünf für eine nicht eingereichte Nachquittung (der Touchscreen des Scanners hatte die Unterschrift nicht voll erfasst und nur einen kleinen Strich gesendet, und der Kunde war am Tag danach in Urlaub gefahren, womit ich letztendlich die Frist von einer Woche überschritt.) Der Kurde dagegen, unser Spezialist für Fahrzeugschäden und Ersatzforderungen, war, ich weiß nicht, wie, auf 190 E gekommen und war auch der einzige Fahrer im dreistelligen Bereich.

Bei den neuen Einsatzgebietsgrenzen gibt es generelle, man könnte sagen „strategische“ Unstimmigkeiten, weil die verantwortliche Person weder Ahnung von der Gegend noch einen Blick auf die Landkarte bemüht haben kann. Oberkail zum Beispiel liegt zwischen Spangdahlem und Kyllburg (wenn man nicht die Autobahn nimmt), gehört wegen seiner Postleitzahl aber nicht zu unserem Zustellungegebiet. Arzfeld wiederum befindet sich zwischen Waxweiler und Daleiden, ich fahre fast jeden Tag durch, gehört aber auch nicht zum Zustellungsgebiet. Und Neidenbach ragt nördlich von Kyllburg wie eine Nadel aus unserem Gebiet heraus, wurde uns, wegen der Postleitzahl, aber zugeteilt. Mir scheint, in Anlehnung an ein Zitat vom alten Bismarck, dass Management und Effizienz zu wichtige Angelegenheiten sind, um sie allein den BWLern zu überlassen.

Was meine individuelle Tour anbelangt, ist es bislang noch so, dass ich den südlichsten Teil meines alten Gebiets von Zemmer bis Spangdahlem oder Kyllburg abfahre, dann durchquere ich Jagars Gebiet um Bitburg, um in die Westeifel zu gelangen. Eindeutig ineffizient. Da wunderte es mich wenig, dass Mike vor ein paar Tagen ankündigte, dass es eine weitere Verschiebung geben werde: Der Kurde übernimmt den Rest meines alten Gebiets, dafür erhalte ich alles westlich von Bitburg. Das löst hoffentlich das „Problem Bettingen“, ein kleines Nest, das mitten drin liegt und in keine Rundtour so richtig gut einzubinden ist, nach Bettingen zu fahren bedeutet immer einen Umweg, der mich 20 bis 30 Minuten Zeit kostet.

In Bettingen, beim Abbiegen in die Bartzengasse, habe ich auch meinen ersten Kratzer ins Auto gefahren. Vom Berg oben kommend, habe ich das Gefälle und die Enge der Kurve unterschätzt. Nicht einmal der phänomenale Wendekreis des Sprinters ist eng genug, um selbst bei langsamer Fahrt diese Kurve ohne Kurbeln zu nehmen. Nein, ich war nicht zu schnell, aber hätte ich den Sprinter nicht sanft gegen die Mauer gesetzt, hätte ich nicht mehr die paar Zentimeter zurücksetzen können, die fehlten, um die Kurve zu schaffen. Bei dem Gefälle wäre das Auto nach dem Lösen der Bremse erst mal einen halben Meter nach vorn gerollt und unsanft gegen die Mauer gestoßen, denn die Handbremse hält so gut wie gar nichts. Das Ergebnis war halt ein relativ kleiner Kratzer und eine Eindellung des Blechs unterhalb des linken Scheinwerfers. Höher hätte die Mauer nicht sein dürfen, sonst hätte es wohl zumindest das Außenglas des Scheinwerfers gekostet. Ich habe mir daher angewöhnt, in einer Garageneinfahrt weiter oben zu wenden, sofern ich von dort komme, bis zur Kurve rückwärts zu fahren und gerade nach vorn in die genannte Gasse einzubiegen.

Einen zweiten Kratzer habe ich mir übrigens in Neuerburg geholt. Wieder mal eine enge Gasse, wo das Wenden nur quer, unter Zuhilfenahme zweier versetzter Garageneinfahrten, möglich war. Da der Platz hinten sehr knapp war, konzentrierte ich mich zu sehr auf den Rückspiegel, verpasste beim Rückwärtsfahren einen entscheidenden Blick nach vorn und nahm mit dem Kotflügel eine Hausecke mit. Der Schaden ist auch hier nicht groß, aber Geld kosten wird es trotzdem. Werkstatttermin wegen Schäden, Reifen, Bremsen und möglicherweise Auspuffrohr ist am 01. Oktober nach meiner Samstagsfahrt – und das wird den Mechanikern nicht schmecken, die eigentlich um 13 Uhr Feierabend machen wollen – da komme ich erst an.

17. September 2011

King of Kylltal (Teil 12 und Ende)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 11:55

Letzter Montag im August: Kalaschnikow hatte noch immer Krankenschein wegen einer Lungenentzündung, high on antibiotics. Das bedeutete, dass entgegen der Regel, dass Montage ruhig verlaufen, die Paketladung dreier Einsatzgebiete auf zwei verteilt werden musste und aus irgendeinem Grund war die Versandmenge spürbar höher als gewöhnlich.
Die LKWs waren überlastet, was mir eine Palette für Gerolstein bescherte, die allein 540 kg wog, und in Landscheid hatte jemand ein Dutzend Pakete bestellt, die jeweils über 10 Kilo wogen und ein Einzelvolumen von etwa 50 x 50 x 20 cm hatten. Und die passten am Ende nicht mehr rein, zwei mussten draußen bleiben, und darüber hinaus standen da noch die Sendungen für Zemmer und Orenhofen. Also Landscheid raus und Zemmer und Orenhofen rein, Landscheid musste dann doch der LKW fahren. Allerdings war eines der Landscheider hinter die Palette gefallen und unmöglich wieder rauszukriegen, ohne die Palette wieder zu entladen, das würde ich dann am Folgetag per ABL (das heißt per Unterschrift auf altmodischem Papier) zustellen. Der Sprinter war mit mehr als 1500 kg Zuladung überladen, das Trittbrett hinten hing noch knapp über meinem Knöchel.

Dann rief mich der Depotchef noch zu sich. Was ich über eine Zustellung für einen Elektroladen in Niederkail wisse, der Kunde habe sich darüber beschwert, dass ich nun schon die zweite Alternativzustellung getätigt hätte, obwohl er doch zuhause gewesen sei. Zum Glück war der Fall mir gegenüber bereits durch Nachbarn des Kunden geklärt worden.
Der Empfänger heißt Quade, und für mich liest sich das spontan englisch, also [kweid]. Der Laden findet sich in der Brückenstraße 5, die Brückenstraße geht nahtlos in die Karl-Kaufmann-Straße über und die Brückenstraße 5 befindet sich verwirrenderweise am Anfang der Straße – jeder hätte das Haus also erstmal für die Nummer 1 gehalten und nach dem dritten Haus links Ausschau gehalten.
Fährt man die Straße entlang, ist das dritte Haus tatsächlich die Nummer 5 – aber die Karl-Kaufmann-Straße 5. Dort befindet sich kein Name an allen drei Klingeln, und auf den Paketlabels steht in keiner Silbe etwas von einem Elektrofachgeschäft geschrieben, sondern nur der Name des Empfängers, was perfekt nach einem Privatkunden aussieht. Als ich bei einer jungen Nachbarin klingelte, um die Pakete loszuwerden, sagte die „Ach, für den Keith? Das nehm ich an.“ Meine Vorstellung vom amerikanischen Empfänger wurde also zweifelsfrei bestätigt – scheinbar.

Seltsam wurde es ein paar Tage später, als die selbe Adresse zwei Fernseher erhielt, aber ich hatte ja keinen Grund, an der bisherigen Sachlage zu zweifeln.
Die Fernseher gab ich bei einer anderen Nachbarin ab, die nach meiner Weiterfahrt die Adresse noch einmal überprüfte. Sie bemerkte den Fehler und wies mich tags drauf darauf hin, als ich rein zufällig ein Paket für ihre Schwester hatte und gegenüber hielt. Der eigentliche Empfänger der Fernseher beschwerte sich beim Depot und heißt nicht [kweid] sondern [‚kwade]. Die Sache war also bereits geklärt und ich konnte dem Chef versichern, dass sich das Missverständnis nicht wiederholen werde.

Die Reorganisation der Einsatzgebiete brachte nicht nur die erwarteten Probleme mit sich. Umgestellt wurde nicht mitten in der Woche am 1. September, sondern erst am ersten Montag im September. Bis dahin durfte ich noch einmal nach Kirchweiler fahren, wo die Kundin noch immer verschnupft war, weil Peter seine Notiz der Zahlenkombination ihrer Garage unauffindbar verlegt hatte. Diese Art von Schlamperei begeistert natürlich niemanden, aber man kann auch übertreiben.
Als der Fall neu war, bat ich sie um die Zahl, aber sie war zu dem Zeitpunkt sehr verärgert und „auf dem Sprung“, sagte, dass sie keine Lust habe, mir diese Information jetzt zu geben, stieg in ihr Auto und fuhr davon. Danach war Kelvin einmal dort, und wie man hört, hat er ihr bei der Gelegenheit wegen ihrer nachtragenden Art so deutlich die Meinung gegeigt, dass er zum Chef zitiert wurde und sich einen Verweis einfing. Immerhin erzählte er aber in der Folgezeit, dass die Frau ihn mit ausgesuchter Freundlichkeit behandele.

Anders bei mir. Bei der nächsten Gelegenheit hatte ich 14 Pakete und sie war nicht zuhause. Dennoch erklärte sich eine Nachbarin bereit, die Sendung anzunehmen und ich warf der Kundin eine Mitteilung in den Briefkasten, in der ich sie höflich bat, mir die Geheimzahl per SMS schicken oder mich anzurufen. Und dann war ich eben in meiner letzten Woche Kylltal/Gerolstein noch einmal dort, mittwochs, und sie hatte sich nicht gemeldet – das stank sogar mir gewaltig, denn ich konnte am allerwenigsten dafür, dass sie zuhause bleiben musste, um Lieferungen entgegenzunehmen.
Sie war zuhause, zum Glück, guckte mich beim Öffnen der Tür an wie ein schmollendes Reh und fragte unter Übergehung der üblichen Begrüßungsformel: „Ich dachte, ich bekäme meine Lieferungen ab diesen Monat von Koblenz aus?“ Ich gebe zu, dass ich ihr in diesem Moment am liebsten den Hals umgedreht hätte, versuchte mich aber an einem gewinnenden Lächeln und teilte ihr mit, dass die Änderungen aus organisatorischen Gründen erst ab kommenden Montag eintreten würden.
Und dann kam es, dass freitags noch einmal eine Lieferung für sie kam. Ich sagte Mike, was ich davon hielt, mich noch einmal mit dieser Person abgeben zu müssen, und am Ende fuhr Kelvin die Ladung.

Ärgernis am Rande: Die Empfangstheke am Haupttor der Air Base Spangdahlem bekommt ein neues Telefon. Was ja gut ist, weil diese alte Gurke, die man da bislang verwenden musste, um Kunden anzurufen, sicherlich aus den frühen 80ern stammte – allerdings wurde das alte Telefon entfernt, ohne dass sofort ein neues installiert wurde. Und das bedeutet, dass ich jedes Mal, wenn ich Spangdahlem anfahre, mein eigenes Geld vertelefonieren muss, um meine Pakete loszuwerden, und das kann ja wohl nicht sein. Vielleicht sollte ich auch sagen „müsste“, denn in den allermeisten Fällen der letzten Zeit übernimmt Mike die Basis und ich fahre nur die Adressen im Dorf an, Garber, Penrose, Indelicato, und wie sie alle heißen.

Ich selbst wurde dann am Montag ohne Umschweife ins kalte Wasser gestoßen und bekam eine reduzierte Tourreihenfolge mit knapp über 40 Stopps und Hilfe beim Einladen – dafür bin ich Mike dankbar, aber es änderte nichts daran, dass ich mangels Orts- und Situationskenntnis von Montag bis Donnerstag erst nach 20 Uhr nach Hause kam. Da reichte die Zeit noch für ein schnelles kaltes Essen wie Cornflakes oder zwei belegte Brote, und geduscht habe ich in dem Zeitraum auch nur zweimal, ein feuchter Lappen musste genügen.
Aber ich hatte auch kleine Erfolgserlebnisse: Zwar kam ich am Donnerstag ebenfalls spät nach Hause, aber anders als an den Tagen zuvor waren alle Pakete ausgeliefert, und am Freitag schaffte ich die Heimkehr bereits gegen Sieben Uhr – obwohl ich im Schnitt mehr Pakete fahre, als auf der Gerolsteintour. Und in dieser Jahreszeit zeigt sich ein Vorteil des Überlandfahrers: Mittagessen und Nachmittagssnacks wachsen einem vom Wegrand her fast in den Mund. Die Bäume tragen zentnerweise Äpfel und Birnen. Man muss nur mal kurz anhalten und die Hand ausstrecken und schon ist das Mittagessen gesichert.

Und damit endet die Kylltalserie. Ich habe über eine Fortsetzung, bzw. einen Titel für dieselbe, nachgedacht, bin aber noch zu keinem Ergebnis gekommen. Und weiter schreiben „muss“ ich ja, weil gerade ein neues Einsatzgebiet neue Eindrücke vermittelt, die man kommunizieren kann – und darin liegt ja der Zweck dieses Blogs.

10. September 2011

King of Kylltal (Teil 11)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 11:12

Die elf Stunden Schlaf, die ich von Freitag auf Samstag am letzten Augustwochenende gebraucht habe, kamen nicht von irgendwoher, in der Woche war was los.

Am Montag lief das Band an und Kalaschnikow war noch nicht da – was Grund zur Besorgnis gab, denn Kalaschnikow ist nach Kelvin der zweite, der schon vor Fünf ins Depot rollt, und wenn der unpünktlich ist, hat es einen driftigen Grund.
Gegen sechs Uhr kam er dann ans Band gelatscht, noch mit der Warnweste bekleidet, sein Auto war bei Staffelstein mit Keilriemenschaden stehen geblieben, keine Ahnung, wie er nach Trier gekommen ist. Da meine Gerolsteintour montags eh nicht viel fordert, wurde sie zwischen Bitburg und Prüm aufgeteilt, Kelvin fuhr Bitburg und Kalaschnikow mit meinem Auto Prüm, und ich nahm erst mal nur Pakete vom Band. Ich sollte mit Konrad (Name geändert) mitfahren, aber der war nach der Beladung auf einmal verschwunden, also begleite ich die LKW-Tour von Mike: IT-Haus, Softexpress und irgendein Kaff in der Eifel, wo jemand sich per Kleinanzeige im Internet eine Holzspaltmaschine gekauft hatte.

Das Ding wog 340 kg und stand frei auf einer Palette, also ungesichert und unverpackt, was einige Kreativität beim Sichern dieses Ladestücks erforderte, also Abstellung in der hinteren rechten Ecke, Palettenstapel links, Haltestange vorne, und wir rückversicherten uns beim Depotchef, dass bei Schäden der Versender haftet (denn auch wir müssen uns beim Empfang einer Ware vergewissern, dass ein Paket ordentlich verpackt und zumindest äußerlich unversehrt ist).
Der Kunde war auch erstaunt über die „nackte“ Maschine, weil ihm der Verkäufer zugesichert hatte, die Maschine werde verpackt. Immerhin hatte er noch 900 E dafür gezahlt, bei einem Neupreis von über 2000 E, da könnte man ja eigentlich etwas Polsterung erwarten.

Zusätzlich nahmen wir einen Keilriemen für Kalaschnikows Sprinter mit, der ja immer noch an der Autobahnauffahrt stand. Ich warf nur einen Blick auf den Keilriemen und sah auch als Laie sofort, dass das Ding nicht neu war. Kalaschnikow würde begeistert sein.

Ein Stück hinter dem Hof des Holzspalters blieben wir am Straßenrand stehen und warteten auf den „Eifeltornado“. Der warf einen ebenso kurzen Blick auf den Keilriemen: „Der ist ja gebraucht!?“
Mike zuckte mit den Schultern. „Musst Dich bei Peter beschweren.“
„Wie lang soll der denn halten?“
„Bis nach Bitburg zum Ersatzteilhändler?“
Wir tauschten an der Stelle nicht nur den Keilriemen aus, sondern auch mich. Ich sollte bis zur Auffahrt Staffelstein mitfahren und beim Wechseln des Riemens helfen. Zuerst mussten wir noch bei Kalaschnikow zuhause vorbeifahren, damit er sein Werkzeug holen kann, und irgendwie kam ich mir vor, als habe man einen Chefarzt zu einem Haustermin gebeten, als ich das Sammelsurium an Hilfsmitteln betrachtete, das da ins Auto wanderte. Nebenbei lernte ich seine Frau und seine beiden Kinder kennen, einen Jungen von vielleicht fünf („Justin“) und ein Mädchen um die sieben Jahre, die noch nicht wussten, was los war.
„Wir müssen noch nen Keilriemen an meiner Kiste wechseln.“
„Dann hast Du ja Glück, dass Du gute Kollegen hast,“ sagte das Mädchen strahlend und ich musste so ein bisschen darüber lächeln, denn das Wort „Kollegen“ war mir in dem Alter nicht unbedingt geläufig. Mein Vater erzählte zwar hin und wieder Anekdoten aus Sägewerk und später aus dem Ersatzteillager, aber wenn er von Kollegen sprach, verwendete er individuelle Namen und nicht diese Sammelbezeichnung. Ich denke mal, daraus ableiten zu können, dass Kalaschnikow im Allgemeinen positiv über uns als Kollektiv spricht, und das freut mich schon irgendwie.

Dann fuhren wir nach Staffelstein und im Auto lief eine einzige CD rund, eine eigene Zusammenstellung von deutschsprachigen Liedern, bei denen es um das Transportwesen geht, man könnte auch einfach „Truckerlieder“ sagen. Im Gedächtnis geblieben sind mir nur die „120 Schweine nach Beirut“ von Mike Krüger, und der Rest verursachte mir immerhin kein Ohrenbluten. Kalaschnikow ist gelernter Kfz-Mechaniker, was zu seiner Zeit wohl noch „Kfz-Instandsetzer“ hieß, zu einer Zeit, wo die Ausbildung noch so ziemlich alles mit einbezog, anstatt sich in viele kleinere Spezialisierungen aufzuspalten, und war danach jahrelang im internationalen Fernverkehr gefahren, zwischen Lissabon und Kiew, hauptsächlich Frankreich und Spanien. Den Zöllnern in Spanien brachte er immer Bier von Aldi mit, die darauf total abfuhren und sich schon von weitem freuten, wenn sie seinen Sattelzug heranrollen sahen, was seinen Schmuggel mit Schnaps, Zigaretten und Kaffee erleichterte. Da ich ja „Reiseliteratur“ mag, höre ich mir solche Anekdoten natürlich gern an.

Um kurz nach Vier waren wir dann vor Ort und begannen mit der noptwendigen Operation. Zuerst: Neues Warndreieck aufstellen, das alte war plattgefahren worden und seine zersplitterten Einzelteile lagen über knapp hundert Meter verstreut auf dem Seitenstreifen. Der alte Keilriemen sah aus wie ein Bündel schwarzer, gekochter Spaghetti.
Direkt vor dem Keilriemen befindet sich der Ventilator, der wiederum mit einer Plastikschale abgedeckt ist. Man kann diese Plastikschale lockern, aber nicht so ohne weiteres herausnehmen. Immerhin kann man nach dem Lockern der Verkleidung die Hand an die Führungsrollen des Keilriemens heranbringen. Zuerst muss der Spanner fixiert werden, damit der neue Riemen auf die Rollen gelegt werden kann, und nach einigem Hin und Her gelang es, eine große Nuss zu verklemmen. Dann ging er zu meinem Sprinter und sah sich die Gurtführung an, die auf den ersten Blick etwas verwirrend wirkt. Ganz einfach war es wegen der Enge dennoch nicht, und das Vorhaben gelangt auch erst im zweiten Versuch, und da war es bereits Fünf und unsere Hände hatten die Farbe von rosig zu schwarz gewechselt.

„Und? Wie war`s?“ fragte Kelvin am anderen Morgen.
„Wir beide hatten schon Spaß,“ antwortete Kalaschnikow.
„Ja, Sonne, blauer Himmel… hat nur der Strand gefehlt.“

Ich sprach mit Peter über die Möglichkeit, das Jobcenter einen LKW-Führerschein bezahlen zu lassen, denn DJ wird gegangen und insgesamt braucht unser Laden zwei LKW-Fahrer – denn Mike soll eigentlich als Disponent arbeiten und nicht als Fahrer. Peter wäre es also ganz Recht, wenn ich 7,5 t fahren könnte, weil er weiß, dass ich ein gewissenhafter Fahrer bin, was wohl besser ist, als einen ganz neuen Fahrer einzustellen, dem man ohne seine Eignung wirklich zu kennen gleich das wertvolle Vehikel in die Hand drückt.
Ich meine, LKW-Fahrer haben weit weniger Stress: Die müssen sich nicht am Band die Augen nach Paketen ausglotzen, sondern bekommen ihre Paletten zugeteilt, von denen sie ein Dutzend für eine kleine Handvoll Kunden gemütlich mit Hubwagen in den Laderaum und woanders wieder raus schieben, und zu guter Letzt steht z.B. Elmo, der bei Speicher, also 25 km weit weg, wohnt, zu einer Zeit auf, wo ich bereits das Haus verlassen muss, und dafür kriegt er auch noch ein paar Hundert Kröten mehr – ich will das auch!

Moment mal – DJ „wird gegangen“?
Ja, in der Tat… ich bedauere das natürlich, aber aus rein geschäftlicher Sicht kann ich es nachvollziehen, denn Sascha hat sich in den vergangenen Wochen immer wieder üble Konzentrationsfehler geleistet, wie Abholer zu vergessen, in die völlig falsche Richtung zu fahren, oder das 2500 E teure Rolltor der Halle zu schrotten, weil er es nicht weit genug aufgemacht hat. Jetzt gibt es natürlich Leute, die Witze über ihn machen, was für eine Null er doch sei, aber ich teile diese Meinung nicht. DJ ist an den Wochenenden damit beschäftigt, sein Haus zu renovieren und er kommt an Montagen oft völlig unausgeschlafen ins Depot – ich glaube, der ist schlicht überarbeitet, weil er sich nicht genügend ausruht.

Dienstag und Mittwoch liefen dann gemütlich ohne besondere Vorkommnisse, aber Kalaschnikow kündigte am Mittwoch an, dass er Freitag krank geschrieben sein werde.
„Du nimmst am Freitag mein Auto,“ sagte er zu mir.
„Warum das denn?“
„Ich will nicht, dass einer von den Chaoten das fährt… sonst krieg ich am Ende nur noch Ersatzteile wieder.“
Ich will nicht leugnen, dass ich wegen dieser Aussage ein bisschen stolz war – ich erarbeite und pflege ja meinen Ruf, und der ist eigentlich ganz gut, soweit es um meine Verlässlichkeit geht.
Nachdem ich vor wenigen Wochen einen Montag frei hatte, kam ich am Dienstag drauf ins Depot und konnte halt erst dann die Nachnahmekasse bei Milli (Name geändert) im Büro abgeben.
„Ich hab mich gestern gefragt, wo Du bleibst,“ sagte sie zu mir, „ich hab mich schon gefragt, ob Du verschlafen hast, dachte mir dann aber, nee, der Dominik verschläft doch nicht.“

Dienstag und Mittwoch also ruhig, aber gegen Ende der Woche legte die Sache zu. Ich bin nicht mehr ganz sicher, was an dem Donnerstag faul war. „Wort und Bild“ war’s jedenfalls nicht, stattdessen deckten sich die Zahnärzte in Speicher mit allem möglichen Zeug ein, von Papierhandtüchern bis zum Desinfektionsmitteln, ich hatte ein Dutzend FedEx Pakete und Umschläge für den Luftstützpunkt Spangdahlem, und der „Landesbetrieb für Mobilität Rheinland-Pfalz“ in Gerolstein erhielt 29 Pakete mit neuen Aktenordnern. Das Auto war ausnahmsweise voll bis zur Türkante.
Dem enstprechend viel Zeit verschlang Speicher, eine halbe Stunde mehr als üblich. In Spangdahlem musste ich allein 15 Minuten mit Telefonieren verbringen, bis ich alle Empfänger benachrichtigt hatte, und danach wartete ich eine halbe Stunde, um dann nur zwei Pakete losgeworden zu sein, weil da zwar welche am Telefon sagten, sie schickten jemanden ans Tor, aber dann kam keiner (was vorkommt, wenn kein Laufbursche oder auch kein freies Fahrzeug gefunden wird), und mir das mitzuteilen, ist ja leider nur schwer möglich, nachdem ich mal aufgelegt habe.
Um 14:05 Uhr am HIT-Markt in Gerolstein, wo „Warenannahme bis 14 Uhr“ an der Tür steht, aber der zuständige Herr L. ist da toleranter als seine Kollegen vom Hagebau gegenüber.

Knapp zwei Stunden später, um zehn vor Vier, kam ich am „Landesbetrieb“ an, und fürchtete schon, verschlossene Türen vorzufinden – bei staatlichen Betrieben weiß man ja nie. Ich hatte aber Glück und wurde an den Hintereingang verwiesen.
„Die Frau X. macht Ihnen auf.“
Leider stand da auch bereits ein Sprinter einer Baufirma, die Schönheitsreparaturen im Gebäude ausführte; egal, es ging auch so, und die Frau X. besorgte eine Rollkarre. Ich stürzte mich in den Laderaum, scannte Pakete und stellte die ersten vier auf den Wagen. Während die Angestellte die ins Gebäude fuhr, scannte ich weitere Pakete und stellte sie hinter das Auto, stieg wieder ein uns scannte weiter, in der Annahme, dass Frau X. selbständig die nicht schweren Pakete auf den Rollwagen stellen und ins Lager fahren würde – aber weit gefehlt. Die stand nur stumpfsinnig in der Gegend rum und sah gelangweilt nach Bäumen und Wolken! Ich durfte also regelmäßig meine Arbeit im Wagen unterbrechen, um auszusteigen und auf das Wägelchen zu laden. Als das Scannen dann abgeschlossen war, stapelte sich ein knappes Dutzend Pappkartons noch hinter der Hecktür, von denen ich dann erstmal zwei nahm und sie in der gewohnten Tradition der Arbeitskette Frau X vor die Füße stellte, damit sie sie zwei Schritte weiter auf den Stapel mit den anderen Kisten stellen konnte. Aber als ich mich zum Gehen wandte, um weitere Kisten zu holen, bemerkte sie „Sie könnten sie auch gleich auf den Stapel stellen.“ Da schwoll mir der Kamm auf ungeahnte Größe, aber der Gedanke, sie zu erwürgen, kam mir, anders als bei Frau Bohlen vor wenigen Jahren, noch nicht. Da weiß man gleich wieder, was für Leute man mit seinen Steuergeldern bezahlt!

Das schönste kam aber erst zum Schluss. Kurz nach Niederstadtfeld leuchtete die Kraftstoffanzeige auf, das heißt, ich konnte noch mit 50 km Reichweite rechnen und ein Blick auf den Navi zeigte mir die Tankstelle Eifel West in 17 km Entfernung an. Inklusive der Umwege, die ich noch zu fahren hatte, sollte das hinhauen. Vorher ging es nämlich nach Manderscheid, zum Blockhüttenweg. Dabei handelt es sich um eine Reihe von Häusern direkt neben der Hauptstraße, aber versteckt in einem Waldstück direkt unterhalb der Burg. Der Weg ist schmal, links und rechts verblieb mir insgesamt vielleicht noch ein halber Meter, kennt man ja. Aber das machte nicht viel, denn die Straße war zumindest teilweise asphaltiert, weswegen mich auch nicht erschreckte, dass der Weg nach der ersten Hälfte recht steil nach unten abknickte, und der Kunde, der vorletzte des Tages, wohnte natürlich im letzten Haus.

Ich gab die Lieferung ab und wollte wieder fahren – allerdings hatten die Steigung und die feuchte Straße was dagegen. Die Hinterräder fanden keinen Halt und drehten durch, und als ich verbranntes Gummi riechen konnte, gab ich das Unterfangen auf. Ich musste wieder um Hilfe bitten.
Eine internationale Familie präsentierte sich mir. Der Herr des Hauses war Deutscher und stellte sich als Klaus vor; er machte von seinem Äußeren her den Eindruck eines neureichen 68ers, zumindest war das mein erster Eindruck. Seine Frau musste ich für eine Nordwestafrikanerin halten, wegen Hautfarbe, Gesichtszügen und ihrem zum französischen Akzent neigenden Englisch. Von den vier Kindern, von denen mir erzählt wurde, sah ich drei, einen Jungen von vier Jahren, der gemischt, aber klar getrennt, also ohne mitten in einem Satz zu wechseln, Deutsch und Englisch sprach, ein Mädchen von etwa fünf oder sechs Jahren mit dem gleichen linguistischen Phänomen, und eine hübsche junge Frau von 16 oder wenig mehr Jahren, die mir ein Glas kaltes Wasser reichte, an der das rückenfreie T-Shirt und ihr ästhetischer Gang auffällig waren (und damit meine ich nicht sowas wie das fast schon vulgäre Hüftschaukeln vieler Italienerinnen im gleichen Alter, die ich in Rom und Neapel gesehen habe).

Interessant war das ganz klar europäische Aussehen der Kinder, denn der Nachwuchs gemischt-ethnischer Paare, den ich bisher gesehen habe, zeugte bislang immer von der Schwäche europider Gene, die sich z.B. in Sachen Hautfarbe normalerweise den afrikanischen, und bei der Augenform oft den asiatischen Genen unterordnen – für mich ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Geschichte vom weißen Herrenmenschen nur ein Märchen ist, das Wunschdenken einiger Verzweifelter, die in ihrem Dasein als globale Minderheit eine mehr oder minder göttliche Mission zu erkennen glauben und deren Rassismus eigentlich eine Form von Angst ist, von der sie umgebenden Mehrheit geschluckt zu werden. Hier also die Ausnahme, die die Regel bestätigt?

Aber zurück nach Manderscheid. Klaus sagte mir, dass er mit seiner Familie nur zweimal im Jahr für ein paar Wochen hier sei und er daher nicht die Beziehungen habe, um schnell jemanden zu finden, aber er werde mal mit dem Pächter der Burg reden. Nach insgesamt einer halben Stunde kamen zwei weitere junge Frauen die Straße herunter, hinter ihnen zwei Herren um die Fünfzig in einem Unimog mit Stahlseil. Und hoch gings den Berg… von oben rollte ich dann die verbliebenen 200 m rückwärts zur Hauptstraße, bedankte mich, und fuhr Richtung Autobahn.

Aber irgendwie zog das Auto nicht richtig. Konnte das am niedrigen Tankstand liegen? Der sechste Gang hatte überhaupt keine Kraft mehr, mit dem konnte ich auf gerader Strecke gerade noch die Geschwindigkeit halten. Drückte man aufs Gaspedal, hatte man Gefühl, mit angezogener Handbremse zu fahren. Aber auch nach der Füllung des Tanks stellte sich keine Verbesserung ein – stattdessen leuchtete nun die Motorwarnanzeige. Ich rief Peter an und teilte ihm die Lage mit.
„Dann bring das Auto morgen zum Depot, lass es vor der Tür stehen. Ich besorg dann aus Koblenz ein Ersatzauto.“
Zum letzten Kunden in Eisenschmitt bin ich dann erst gar nicht mehr gefahren.

Bis ich dann zuhause war, war es 2015 – ich konnte also noch schnell was essen, duschen und dann ins Bett fallen, und ich dachte mir noch: „Ach, morgen ist Freitag, der wird den heutigen Donnerstag wohl kaum toppen.“ Aber der Freitag toppte den Donnerstag.

Freitag Morgen. Kalaschnikow abwesend wegen Krankenschein. Kelvin abwesend, weil er den Ersatzwagen aus Koblenz holen musste. Und der neue Fahrer, den der Kurde vor ein paar Tagen eingeführt hatte, ist auch spontan zuhause geblieben:
„Ich dachte ich spinne… sagt der zu mir, ich geh mal aufs Klo, und schreibt mir ne halbe Stunde später ne SMS, dass er nich mehr kommt.“
Drei Mann weniger am Band, und alle am gleichen Ende – meinem Ende. Mike sprang ein, zusammen holten wir Pakete für die Touren Prüm, Bitburg, Gerolstein, Frühdienst, IT-Haus und Soft-Express vom Band. Wir mussten öfter das Band anhalten, weil wir nicht hinterherkamen. Wir können ja nicht unendlich Pakete am Band stapeln, die müssen auch mal gescannt und grob geordnet werden. So chaotisch war meine Anordnung noch nie. Weiter unten am Band beschwerten sich die anderen lautstark: „Was macht Ihr da oben? Pennt Ihr oder was?“ Ist ja ganz klar: Wenn das Band steht, werden auch die nicht fertig, und auch die haben ihre Expresse, die sie schaffen müssen. Wir taten, was wir konnten, aber zwei Mann für fünf Touren sind zu wenig. Wir riefen Elmo ans Band, aber der war keine große Hilfe, weil er keine Erfahrung damit hat, vorbeirollende Pakete blitzschnell nach ihrer Postleitzahl zu untersuchen, und er kennt die Postleitzahlen auch nicht auswendig. „Mann, da wird einem ja schwindlig von!“ sagt er nach 15 Minuten. Ich lache ihn aus: Das Band ist Gewöhnungssache, mir kommt es weitaus weniger schnell vor als noch vor zwei Monaten. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es sinnvoller gewesen wäre, ihn das Zeug für die LKW-Touren scannen und stapeln zu lassen, aber scheinbar kam in dem Moment keiner drauf.

Kelvin kam schließlich dazu und die Sache entspannte sich, kehrte sich gewissermaßen ins Gegenteil: Die Trierer Fahrer hielten nun ihrerseits wegen Überlastung mehrfach das Band an, wir am „Oberlauf“ hätten uns beinahe gelangweilt, wenn Kelvin nicht einen Berg von Paketen zu scannen gehabt hätte – über 220 Stück, die weitgehend ungeordnet an seinem und an Jürgens Stellplatz herumlagen. Igor (Name geändert), der Vorarbeiter der Bandaufleger, kam mehrfach mit strafendem Blick zu uns herüber und beobachtete die Trierer Fahrer kritisch.
„Was ist denn los da unten?“
„Ihr legt zu eng auf!“
„Ja ja,“ sagte Mike, „ne große Klappe haben sie…“
„… und wenn’s mal stressig wird, fangen sie an zu heulen,“ fügte ich grinsend hinzu, denn die meisten Leute am Band würden glänzende Forschungsobjekte für Geschlechterstudien im Bereich Männlichkeitsrituale abgeben, wie lautes Rülpsen, liberaler Umgang mit Kraftausdrücken, zotige Witze und vulgäre Sprache auch gegenüber weiblichen Angestellten, wie
„Kann ich ne Tasse Kaffee haben?“
„Warte, ich hol Dir eine runter.“ (vom Regal natürlich)
„Wie? Du holst mir einen runter?“
Auch, wenn sie’s nicht ernst meinen, ist es dennoch sexuelle Belästigung, oder?

Aber wie dem auch sei, wegen des personellen Engpasses dauerte es bis Viertel vor Zehn, bis ich endlich aus dem Depot kam, und ich übernahm meinen „alten“ Wagen, mal wieder, von Konrad.
In Speicher „Allgemeine Verkehrskontrolle“, bei einem Paar, das so unterschiedlich daherkam, wie die beiden Tierärztinnen in der Maarstraße: Eine nette und sympathisch wirkende Blondine einerseits, und ihr Kollege, dessen Mundwinkel der Schwerkraft folgten. Die wollten aber zum Glück nur Führerschein und Fahrzeugpapiere sehen und interessierten sich nicht für Gefahrgut oder die Ladung allgemein, kosteten mich also nur zwei oder drei Minuten. Die kaputte Bremsleuchte bemerkten sie nicht. Nichtsdestotrotz rief ich gleich wieder bei Peter an.
„Peter, ich komme mir vor, als ob ich im gleichen Auto wie gestern sitze.“
„Warum das denn?“
„Es ist eine Bremsleuchte kaputt und die Motoranzeige ist auch an.“
„Scheiße…“
Christian hatte nichts davon gesagt, dass diese Warnleuchten an waren, und ich würde mir derlei eigentlich wünschen, wenn man mir ein Auto übergibt – und nicht nur ich.

Mike übernahm an dem Tag zwar Spangdahlem, dafür musste ich hoch bis nach Ormont fahren, wo ich meinen Kunden nach seinem Feierabend nur zufällig antraf, weil er sich spontan dazu entschlossen hatte, an seinem Arbeitsplatz noch zu tanken. Und dann nach Eisenschmitt, wo ich ja am Donnerstag nicht mehr gewesen war.

Ankunft zuhause schließlich um 1915, und da musste ich noch rüber nach Tarforst, weil dort ein Abholer eingetragen war, Empfänger: „VitalAire“, eine Firma, die alles verkauft, was mit Atemgas zu tun hat, also zum Beispiel Sauerstoffflaschen, Atemgeräte, entsprechendes Zubehör und so weiter. Nur hatte sich diese Woche ergeben, dass Abholaufträge doppelt erteilt wurden, dass ich also bei Kunden zum zweiten oder dritten Mal innerhalb weniger Tage klingelte, die dann von nichts wussten. Der Kunde in Tarforst war nicht zuhause, ich warf ihm also einen Zettel ein, mit dem ich ihn bat, sich mit dem Depot in Verbindung zu setzen, falls er keine Abholware hatte.

Aus Kalaschnikows Plan, mir sein Auto zu überlassen, war übrigens nichts geworden, am Ende saß dann doch wieder der Kurde drin – der in der Zeit, die er bei Transoflex arbeitet, bereits ein paar Hundert Euro wegen verursachter Schäden hat löhnen müssen. Ihm ein Auto zu überlassen, und gerade das von Kalaschnikow, ist also ein bisschen wie Russisches Roulette.

Freitag Abend hatten wir dann noch einen Spielabend, während dem auch „Zombie Fluxx“ gespielt wurde, aber davon ein ander mal.