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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

24. September 2011

Gaytal Kamikaze (Teil 1)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 19:22

Gaytal Kamikaze – so soll also die Fortsetzung von „King of Kylltal“ heißen. Warum dieses?
Der etwa 25 km lange Gaybach, der eben durch das Gaytal fließt und in dessen Umgebung es sowohl eine Gaymühle als auch einen Gaytalpark gibt, ist eigentlich ziemlich unbedeutend für meine Tour, da ich ihn einmal am Tag gerade mal überquere, anstatt daran entlang zu fahren, wie das bei der Kyll der Fall war. Ich muss aber zugeben, dass mich der Name des Gewässers amüsiert. Es sieht halt im wahrsten Sinne des Wortes „schwul“ aus, hat damit aber nichts zu tun: Der Name des Bachs leitet sich aus einem alten Wort für „gegen“ ab, und man könnte die dialektale Ausdrücksweise „gejen“ oder auch das englische „against“ vergleichen, um den Zusammenhang andeutungsweise zu erkennen.
Was den Kamikaze betrifft: Das ist die Aufschrift eines kleinen Spaßwarnschilds, das ich letzten Monat in Gerolstein gekauft und an das Fenster meiner Hecktür geheftet habe. Kurven driften mit einem Sprinter ist mindestens ungewöhnlich zu nennen, und wenn es charakterbildend ist, Dinge zu tun, die einem Angst machen, dann habe ich eine Menge Charakter.

Eine weitere Idee für einen neuen Titel meiner Serie im Bereich „Arbeitswelt“ war „Schneller und Schneller“, in Anlehnung an „Höher und Höher“ (engl. „Higher for Hire“), die Transportfirma, in der Balu der Bär für Rebecca Cunningham in der Serie „Käpt’n Balu und seine tollkühne Crew“ (engl. „Tailspin“) arbeitet. Der fröhliche Winzer (der Wittlich-Fahrer) ist nämlich dazu übergegangen, mich „Balu“ zu nennen, und ein paar Leute am Band machen mit. Nicht wegen meiner Körperfülle, die ich auch früher nicht hatte, sondern wegen meiner Behaarung, die nun mal aus dem Kragen meines T-Shirts herausschaut. Ich habe nichts dagegen, dass er das tut, und ich bin ja auch nicht der einzige, der von ihm mit dieser harmlosen Art von Humor bedacht wird. Die Bezeichnung „Felix“ für den Moseltalfahrer stammt ebenfalls von ihm, was lustig ist, weil „Felix“ ja „der Glückliche“ heißt, und der so Genannte ist gerade der Typ, der gern betont, dass er keinen Bock hat und den halben Tag am Maulen ist:
„Mike, ich hab ein Riesenproblem.“
„Ja? Was ist denn?“
„Mein Radio ist kaputt.“
„?!?“
Der fröhliche Winzer kam allerdings rein spontan darauf und machte nicht den Eindruck, als sei er sich der Bedeutung des Namens bewusst. Er ist einer von den Leuten, die spontan Sprüche klopfen können, ohne groß drüber nachdenken zu müssen.
„Kurde, Du Flitzpiepe! Räum Deinen Scheiß vom Band!“
„Ey, ich hetz die Jungs vom Band auf Dich!“
„Dann müssen aber Maschinen kommen, keine Ersatzteile!“
Dabei ist unser Winzer mit 21 der zweitjüngste Fahrer und dünn wie ein Bleistift, über dessen „Stixibeine“ ich ebenfalls gern Witze mache.
In meiner vielleicht verzerrten Vorstellung von Spaß kann ich festhalten, dass der plappernde Winzer die Arbeit am Band morgens viel angenehmer gestaltet. Wenn der die Klappe hält, ist er krank.

Ich bin am Morgen dazu übergegangen, eine Gewohnheit aus post-japanischen Studententagen wieder aufzugreifen: Ich unterschreibe die Frachtpapiere nicht mehr nur, sondern drücke auch meinen Stempel mit dem Aufdruck „Kurozamurai“ drauf. Lily (Name geändert) im Büro findet den Stempel so toll, dass sie mich fragte, ob ich ihr auch einen besorgen könne – da werde ich mal rumfragen müssen, und zuerst muss die Designfrage geklärt werden.
Denn zum einen kann man ja einen Namen schlicht in Katakana übertragen, was ich persönlich für langweilig halte. Dann könnte man die Silbenlaute des Namens in Kanji umsetzen und ihm so eine irgendwie geartete Bedeutung geben. Oder aber man könnte das deutsche Wort nehmen, das eine Pflanze beschreibt, und das sinojapanische Zeichen für diese Pflanze verwenden. Ich muss mich mit ihr diesbezüglich noch kurzschließen.

Die Neuordnung der Zustellungsgebiete brachte nicht nur Kalaschnikow, sondern auch Kurt (Name geändert) nach Koblenz – habe ich den einmal erwähnt? Kurt ist ein selbständiger Subunternehmer der Jakob Transporte, 72 Jahre alt, mit festem Händedruck und so fit, dass ich ihn niemals für Anfang 70 gehalten hätte. Er war zuständig für die so genannten Frühdienste, also quasi Superexpresse, die um acht bzw. zehn Uhr zugestellt sein müssen. Sein Weggang hatte zur Folge, dass Peter selbst diese Frühdienste im Bereich um Trier fahren muss.
Peter hatte sich im August als Subunternehmer selbständig gemacht und von Herrn Jakob die Aufsicht über die Trierer Fahrer erhalten. In der Zeit, das heißt in dem Monat vor der Reorganisation, disponierte Mike allein in Trier und Peter arbeitete von zuhause am Computer aus. Allerdings senkte seine Nichtanwesenheit die Moral. Manche Leute witzelten bitter, Peter „spiele Chef“ und werde das Unternehmen binnen Jahresfrist an die Wand fahren. Seit Peter aber morgens wegen der Frühdienste im Depot sein muss und somit jeden Tag gesehen wird, hat sich die Moral wieder gehoben und die Witze sind verstummt – man sollte nicht glauben, was es ausmacht, wenn der Chef selbst „mit dazu gehört“. (Das heißt, man könnte es wissen, aber dazu bedarf es einer tiefer gehenden Kenntnis der psychologischen Aspekte guter Menschenführung aus dem umfassenden Gebiet militärischer Geschichte.)

Seine Übernahme brachte uns nicht nur die Samstagsdienste, Peter hat sich außerdem zum Ziel gemacht, das effizienteste (Transoflex-) Lieferteam Deutschlands zu werden, und auf die Mittel zum Zweck brachte ihn sein Bruder. Den hatte ich vor Wochen mal kurz in Plaidt gesehen und es blieb damals mangels Gelegenheit bei einer freundlichen Begrüßungsformel. Als dann vor zwei Wochen Not am Mann war, war der Bruder mit in Trier und übernahm eine Tour. Bei der Gelegenheit spendierte er Wurst- und Käsebrötchen für alle und sagte, wenn er schonmal da sei, dann könne er das ruhig machen. Außerdem kam er gleich auf mich zu und begrüßte mich mit meinem Namen, und das hat mich beeindruckt. Ich kann mir nicht die Namen von Leuten merken, die ich vor ein paar Wochen nur mal kurz gesehen habe.
Peter hatte daraufhin jedenfalls folgende Idee: Jede Woche, in der die Auslieferquote im grünen Bereich bleibt, würde er montags belegte Brötchen ausgeben. Ich fand die Idee klasse, meldete aber Bedenken wegen der Erfolgsmessung an. Denn schließlich gibt es bei der Auslieferungsquote mehr Faktoren, die außerhalb der Macht des Lieferfahrers liegen, als solche, die er kontrollieren kann.
Grundlegend muss man dabei wissen, dass die Firma eine Vertragsstrafe zahlen muss, wenn alle Fahrer im Wochenschnitt mehr als 1,6 Prozent der geladenen Pakete wieder mitbringen. Da ich vielleicht mal 120 Pakete am Tag fahre, kann man sich ja ausrechnen, wie viele ich am Ende der Tour straffrei noch im Auto haben darf. Man sollte unter diesem Gesichtspunkt also Verständnis dafür haben, wenn hin und wieder einer klingelt und fragt, ob man ein Paket für den Nachbarn annehmen könne, und ich weiß jetzt, warum manche Fahrer die halbe Straße abklappern – das liegt nicht daran, dass die Leute zu bequem sind, um am Tag danach nochmal zu kommen.

Nein, die Einflussmöglichkeiten des Fahrers auf die Lieferstatistik sind aus meiner Sicht der Dinge recht gering: Wenn der Kunde nicht da ist, weil er arbeitet oder vielleicht auch in Urlaub gefahren ist, ist das ja nicht die Schuld des Fahrers. Ebenso wenig kann der Fahrer dafür, wenn auch die Nachbarn nicht da sind, um ein Paket anzunehmen, oder wenn der Empfänger so unbeliebt ist, dass niemand für sein Paket unterschreiben will. Ganz vorbei ist es bei Sendungen mit großen, schweren, oder zahlreichen Paketen, oder bei solchen, die Nachnahme kosten. Der Fahrer kann nur darauf achten, dass er innerhalb der Geschäftszeiten zum Kunden kommt und dass er bei den Nachbarn klingelt.

Peter zeigte mir allerdings auf, dass nicht wenige Lieferanten nicht einmal den Versuch machten, beim Nachbarn zu klingeln, und dass die Lieferstatistik seit seiner Ankündigung spürbar besser geworden sei: Der Stand sei innerhalb der beiden Wochen auf ein Rekordtief von 1,49 Prozent gesunken – und das bislang beste Depot Deutschlands komme auf 1,35 Prozent.
Meinen Vorschlag, die monatlich anfallenden Vertragsstrafen für vergessene Lieferscheine, zu spät gelieferte Expresse und andere Regelverstöße als Maß zu nehmen, fasste er aber auch positiv auf und sagte, er werde sich überlegen, ob er bei Einhaltung einer gewissen Disziplin in dem Bereich nicht vielleicht einen Betriebsausflug sponsern werde.
Zum Vergleich: Im Monat August habe ich Vertragsstrafen in Höhe von zweimal fünf, also 10 E verursacht – fünf für einen verspäteten 12 Uhr Express und fünf für eine nicht eingereichte Nachquittung (der Touchscreen des Scanners hatte die Unterschrift nicht voll erfasst und nur einen kleinen Strich gesendet, und der Kunde war am Tag danach in Urlaub gefahren, womit ich letztendlich die Frist von einer Woche überschritt.) Der Kurde dagegen, unser Spezialist für Fahrzeugschäden und Ersatzforderungen, war, ich weiß nicht, wie, auf 190 E gekommen und war auch der einzige Fahrer im dreistelligen Bereich.

Bei den neuen Einsatzgebietsgrenzen gibt es generelle, man könnte sagen „strategische“ Unstimmigkeiten, weil die verantwortliche Person weder Ahnung von der Gegend noch einen Blick auf die Landkarte bemüht haben kann. Oberkail zum Beispiel liegt zwischen Spangdahlem und Kyllburg (wenn man nicht die Autobahn nimmt), gehört wegen seiner Postleitzahl aber nicht zu unserem Zustellungegebiet. Arzfeld wiederum befindet sich zwischen Waxweiler und Daleiden, ich fahre fast jeden Tag durch, gehört aber auch nicht zum Zustellungsgebiet. Und Neidenbach ragt nördlich von Kyllburg wie eine Nadel aus unserem Gebiet heraus, wurde uns, wegen der Postleitzahl, aber zugeteilt. Mir scheint, in Anlehnung an ein Zitat vom alten Bismarck, dass Management und Effizienz zu wichtige Angelegenheiten sind, um sie allein den BWLern zu überlassen.

Was meine individuelle Tour anbelangt, ist es bislang noch so, dass ich den südlichsten Teil meines alten Gebiets von Zemmer bis Spangdahlem oder Kyllburg abfahre, dann durchquere ich Jagars Gebiet um Bitburg, um in die Westeifel zu gelangen. Eindeutig ineffizient. Da wunderte es mich wenig, dass Mike vor ein paar Tagen ankündigte, dass es eine weitere Verschiebung geben werde: Der Kurde übernimmt den Rest meines alten Gebiets, dafür erhalte ich alles westlich von Bitburg. Das löst hoffentlich das „Problem Bettingen“, ein kleines Nest, das mitten drin liegt und in keine Rundtour so richtig gut einzubinden ist, nach Bettingen zu fahren bedeutet immer einen Umweg, der mich 20 bis 30 Minuten Zeit kostet.

In Bettingen, beim Abbiegen in die Bartzengasse, habe ich auch meinen ersten Kratzer ins Auto gefahren. Vom Berg oben kommend, habe ich das Gefälle und die Enge der Kurve unterschätzt. Nicht einmal der phänomenale Wendekreis des Sprinters ist eng genug, um selbst bei langsamer Fahrt diese Kurve ohne Kurbeln zu nehmen. Nein, ich war nicht zu schnell, aber hätte ich den Sprinter nicht sanft gegen die Mauer gesetzt, hätte ich nicht mehr die paar Zentimeter zurücksetzen können, die fehlten, um die Kurve zu schaffen. Bei dem Gefälle wäre das Auto nach dem Lösen der Bremse erst mal einen halben Meter nach vorn gerollt und unsanft gegen die Mauer gestoßen, denn die Handbremse hält so gut wie gar nichts. Das Ergebnis war halt ein relativ kleiner Kratzer und eine Eindellung des Blechs unterhalb des linken Scheinwerfers. Höher hätte die Mauer nicht sein dürfen, sonst hätte es wohl zumindest das Außenglas des Scheinwerfers gekostet. Ich habe mir daher angewöhnt, in einer Garageneinfahrt weiter oben zu wenden, sofern ich von dort komme, bis zur Kurve rückwärts zu fahren und gerade nach vorn in die genannte Gasse einzubiegen.

Einen zweiten Kratzer habe ich mir übrigens in Neuerburg geholt. Wieder mal eine enge Gasse, wo das Wenden nur quer, unter Zuhilfenahme zweier versetzter Garageneinfahrten, möglich war. Da der Platz hinten sehr knapp war, konzentrierte ich mich zu sehr auf den Rückspiegel, verpasste beim Rückwärtsfahren einen entscheidenden Blick nach vorn und nahm mit dem Kotflügel eine Hausecke mit. Der Schaden ist auch hier nicht groß, aber Geld kosten wird es trotzdem. Werkstatttermin wegen Schäden, Reifen, Bremsen und möglicherweise Auspuffrohr ist am 01. Oktober nach meiner Samstagsfahrt – und das wird den Mechanikern nicht schmecken, die eigentlich um 13 Uhr Feierabend machen wollen – da komme ich erst an.