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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

17. Juni 2024

Donnerstag, 17.06.2004 – Die Welt ist klein

Filed under: Japan,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

Yamazaki-sensei wollte für heute eine Kurzbiografie irgendeiner historischen Persönlichkeit geschrieben haben, und weil ich sie gerade wegen eines Artikels im Spiegel (im Internet) zur Hand hatte, habe ich die von Reinhard Heydrich genommen, komprimiert auf eine Seite im DIN A4 Format: Geboren 1904, hervorragender Violinist und Pianist, wegen unehrenhaftem Verhalten als Funkoffizier aus der Marine entlassen, Eintritt in die SS, Aufbau des Reichssicherheitshauptamts und des Sicherheitsdiensts ab 1931, „Verwalter“ von Böhmen und Mähren ab 1941, 1942 durch ein britisches Kommando eliminiert. „Reichsprotektor“ (von Böhmen und Mähren) habe ich als Vokabel nicht finden können, weil das alte Lexikon aus den Vierzigern, das Hiroyuki mir vor seiner Abreise geschenkt hat, in Gersheim liegt. Da steht das Wort bestimmt drin…

Dann verbringe ich einige Zeit in der Bibliothek.

Um 17:00 gehen wir bei Daijô-san essen, also Melanie, Marc und meine Wenigkeit. Wie üblich ein tolles Essen, nur ist meine Portion etwas klein geraten, weil Aal etwas Besonderes ist und ich auch nicht unbedingt mehr als 1000 Yen für ein Essen ausgeben will, also nur ein „Mini Menü“ mit Aal, Reis, eingelegtem Gemüse und Miso. Daijô-sensei erweist sich ein weiteres Mal als liebenswürdiger Gastgeber und setzt sich mit einer Schachtel zu uns an den Tisch. In der Schachtel befinden sich alte Fotos – aus Frankfurt am Main, 1985. Daijô-sensei war damals nach Deutschland gereist, um das 14. Internationale Jazzfestival zu besuchen. Ich habe von einer solchen Veranstaltung noch nie gehört, und meine Landsleute hier am Tisch ebenfalls nicht, aber er versichert uns, dass das Musikertreffen noch immer stattfinde und eines der bedeutendsten auf der Welt sei.
Es ist deutlich zu erkennen, dass er seinem Dialekt sehr verhaftet ist… er redet an sich Hochsprache, hat aber immer wieder Ausrutscher in seinen Ausführungen, die uns das Verständnis schwieriger machen. Wir müssen erst umdenken, welche umgangssprachlichen Laute wir durch welche hochsprachlichen Laute ersetzen müssen. Zusammen mit der Tatsache, dass ich Hochsprache auch nur dann verstehe, wenn man sie mir nicht allzu schnell vorsetzt, komme ich ins Schwitzen, um ihm folgen zu können. Der Meister (Shamisen, nicht vergessen!) gibt sich aber Mühe, und ich bin ihm dankbar dafür, anders als der Chef vom Skatt Land, der grundsätzlich Dialekt redet und ich froh sein kann, wenn ich seinen Redefluss als „Japanisch“ identifizieren kann.

Im Anschluss fahre ich noch ins Ito Yôkadô, um mich nach meinen „Project A-Ko“ CDs zu erkundigen. Ergebnis: Keine Chance, nicht mehr lieferbar. Immerhin seien die Scheiben zwischen 1986 und 1989 erschienen, da könne man nichts bis nicht mehr viel erwarten. Schade… dann muss ich diese „Frühwerke“ von Tomizawa Michie und Shinohara Emi leider abschreiben.

Ich kehre in die Bibliothek zurück. Kurze Zeit später schreibe ich mich, weil man mich nett darum gebeten hat, in ein weiteres Forum ein: „Love is a Paradox“. Die Motivation des Initiators ist leicht zu erkennen… das Liebesleben dieses verliebten 15-jährigen aus Malaysia (den ich aus dem Animetric Forum kenne) verläuft nicht so, wie er das gerne hätte. Aber er ist ein sympathischer Kerl, also warum nicht. Er verwendet ein Bild seiner Angebeteten als Avatar… wirklich niedlich. Seine einzige Schwäche ist die unkontrollierte Einbindung von „lol“ in seinen online Schriftverkehr. Ich habe das, irritiert, bereits bemängelt, aber er sagt selbst, dass er das nicht hundertprozentig unter Kontrolle habe. Was soll’s auch, so lange ich verstehe, was er schreibt? Ah ja, und ich bin Mitglied #9. Das bedeutet, dass es derzeit mehr Moderatoren als Mitglieder gibt. Dann werden die Diskussionen ja erst einmal übersichtlich bleiben.

Nach Anbruch der Dunkelheit leiste ich mir den Luxus, meine Mutter in Deutschland anzurufen. Auf der Karte, die ich für meine Gespräche nach Trier und Homburg gekauft habe, ist noch Guthaben für etwa 10 Minuten vorhanden, also warum nicht… für wichtige Geburtstage kann man das schon machen. Jetzt könnte mein Vater mich übernächsten Monat natürlich fragen, warum ich ihm nicht den gleichen Luxus angedeihen lasse… das begründe ich natürlich in erster Linie finanziell, aber andererseits werde ich eine Woche nach seinem Geburtstag eh wieder zuhause sein.

15. Juni 2024

Dienstag, 15.06.2004 – Automat im Urlaub?

Filed under: Creative Corner,Japan,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

An der Tür des Centers befindet sich heute eine Mitteilung, dass der Unterricht von Kondô-sensei diese Woche ausfallen werde, also auch morgen. Dann habe ich heute also komplett frei… und wie es der Zufall will, läuft mir FanFan über den Weg und entschuldigt sich für ihre Vergesslichkeit. Da Kondô ja morgen ebenfalls nicht da ist, einigen wir uns darauf, uns morgen nach der Mittagspause in der Halle zu treffen.

Dann verläuft der Tag in eigentlich ruhigen Bahnen, bis zu meinem Besuch auf der Post. Ich will meinen Kontostand in Erfahrung bringen. Der Schalter ist seit 16:00 geschlossen, also will mir der Angestellte zeigen, wie man den Automaten am Eingang verwendet. Eigentlich steckt man nur sein Sparbuch in den vorgesehenen Schlitz und sieht sich dann die aktualisierten Daten auf dem Bildschirm an – theoretisch. Stattdessen wird mein Heft immer wieder ergebnislos von der Maschine ausgestoßen. Der Angestellte versteht selbst nicht, warum das so ist und fragt die Filialleiterin. Die erklärt daraufhin, dass nicht nur der Schalter um 16:00 schließe, sondern auch der Automat seinen Servicebetrieb einstelle. Ich müsse also bis morgen warten. Der Automat stellt den Servicebetrieb ein!? Hat man so was schon gehört? Wozu ist die Kiste dann gut, wenn sie nur zu gebrauchen ist, wenn ich dasselbe Geschäft auch am Schalter machen kann?

Ich fahre ins Ito Yôkadô, um nach weiteren CDs zu sehen, und weil DVDs in der gleichen Abteilung stehen, entdecke ich eine DVD, die schon länger auf meinem Wunschzettel steht – seit ich die Inhaltsangabe in einem Filmlexikon gelesen habe: „Sailorfuku to Kikanjû“„Matrosenuniform und Maschinenpistole“. Es geht, kurz gefasst, um eine 16 Jahre alte Schülerin, die einen von Problemen geplagten Yakuza Clan von ihrem Vater erbt und am Ende das Hauptquartier der Gegner ausräuchert – in ihrer Schuluniform, mit einer Maschinenpistole bewaffnet…
So abgefahren, wie das klingt, kann der Streifen natürlich nur von Kadokawa sein, einer Firma, deren Chef um den Beginn der Achtziger lauter so irre Sachen herausgebracht hat, wie auch „Sengoku Jieitai“, wo eine bunt gemischte Truppe der modernen japanischen Selbstverteidigungskräfte durch wundersame Einflüsse im Zeitalter der Clankriege des 16. Jhs. landet. Der Herr Chef stürzte auch wenig später über eine Kokainaffäre…

Aber eigentlich bin ich ja wegen CDs gekommen. Ich orte die fünf „SailorMoon“ Maxis. Die Ausschnitte in der TV Werbung haben klar gezeigt, dass die Schauspielerinnen selbst singen, und weil mir die Stimmen gefallen, würde ich den kleinen Stapel eventuell kaufen, aber ich will zuerst Samples hören, wie auch immer ich das anstellen könnte.
Dann blättere ich mein Notizbuch durch und suche mir den ältesten Posten heraus: „Project A-Ko“. Michael hat bereits vor Jahren den ersten Soundtrack gekauft. Der gehört aber zum allerersten Film und ist leider Englisch, was die Sache ein bisschen langweilig macht, aber meine Hauptabneigung gegen den Kauf der CD ist die Tatsache, dass die Sprecherinnen der Charaktere nicht selbst singen.[1] Ich bin im Laufe der vergangenen zwei Jahre an Hörproben gekommen und habe auf Grund derselben beschlossen, den japanischen Soundtrack der dem Film nachgefolgten Serie kaufen zu wollen. Leider hat der OST auch ein paar Jahre auf dem Buckel, und die Lieferbarkeit müsse erst geprüft werden, sagt die Verkäuferin.
Ich kehre in die Bibliothek zurück und mache mich auf die Suche nach Hörproben. Und ich finde auch welche. Die „SailorMoon“ CDs wurden von Columbia veröffentlicht und auf der Homepage der Firma finde ich auch einminütige Ausschnitte aus allen Songs. Ja, das ist gut (genug)… ich kaufe die CDs bei nächster Gelegenheit.


[1] Wie mir ein Making-of einige Jahre später verriet, ist die Originalmusik in der Tat die englische Variante, während die japanischen Stücke erst danach erschienen, um auch die japanischen Sprecherinnen voll vermarkten zu können.

8. Juni 2024

Dienstag, 08.06.2004 – Ein Ein-Mann-Unternehmen

Filed under: Japan,Musik,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Kondô-sensei hat heute einen gut ernährt aussehenden Mann namens Shibutani zu Gast, der einen länglichen Koffer bei sich trägt. Was für eine Art Boss ist der wohl? Schnell stellt sich heraus, dass er gar kein Unternehmen führt – er ist professioneller Shamisen-Spieler und verdient sich damit seinen Lebensunterhalt; anders als Daijô-sensei, der ja noch ein (überaus gutes) Restaurant führt.

Shibutani-sensei („sensei“ deshalb, weil er Schüler hat und weil Künstler im Allgemeinen so genannt werden) legt uns, wie auch Daijô-sensei vor einigen Monaten, die Geschichte der Shamisen dar, wenn auch weniger detailliert, mit einem kleinen Detailunterschied: Daijô-sensei hatte erzählt, dass die Tsugaru-Shamisen die Shamisen sei, die man solo spiele, während die übrigen nur im Verbund mit anderen Instrumenten bei japanischem Theater oder Konzerten eingesetzt würden. Heute wird uns gesagt, Shamisen werde „mehr und mehr auch solo gespielt“. Was für mich dann heißt, dass die Tsugaru-Shamisen sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Es gibt auch nur zwei Sorten: die „Tsugaru-Shamisen“, benannt nach der kleinen Ebene, die sich ab Hirosaki nach Norden bis ans Meer nach Norden erstreckt, und… der Rest. Interessant ist auch, dass die Tsugaru-Shamisen heute gar nicht mehr hier in der Gegend hergestellt werden, sondern von einer Firma in Tokyo.
Shibutani-sensei erzählt weiterhin, dass es heutzutage etwa 40000 Spieler allein in Aomori-ken gebe. Über sein Einkommen sagt er nichts, außer, dass ihm ein Schüler pro Unterrichtsstunde 3000 Yen einbringe, und er habe mehr als 20 davon. Ich frage auch nicht nach seinem Gesamtverdienst. Er weist nur auf den Materialwert seines Instruments hin, dass aus einer Vielzahl von Rohstoffen hergestellt wurde, da wäre zum Beispiel ein spezielles indisches Hartholz für den Stiel (der nicht auf Wasser schwimmen würde), andere Hölzer für den Klangkörper usw. Das einfachste daran dürfte noch die Bespannung aus Katzen- und Hundeleder sein, und die drei Saiten, von denen, wie ich an anderer Stelle bereits sagte, zwei aus Nylon, die dickste der drei Saiten aber aus Seide, bestehen. Seine Shamisen hat einen Wert von umgerechnet etwa 7500 Euro.
Er sagt, er wolle im September ein Lokal in der Nähe des Bahnhofs eröffnen, wo man zum Preis eines gewöhnlichen Getränks dann Shamisen-Musik live hören könne. Leider werde ich dann vermutlich nicht mehr da sein. Außerdem nehme er auch an Wettbewerben teil. Den gesamtjapanischen Wettbewerb hat er bereits fünfmal gewonnen, die letzten drei Male in Folge.
Natürlich spielt er uns auch was vor, und ich finde es sehr beeindruckend. Auch hier zeigen sich gewisse Unterschiede zum verehrten Herrn Daijô: Daijô-sensei spielte locker drauflos, mit einer Leichtigkeit, als mache er nur Fingerübungen. Shibutani-sensei dagegen fängt an zu spielen und macht kurz darauf ein Gesicht, als sei er in Trance verfallen, Augen geschlossen, der Welt entrückt. Aber er spielt verdammt gut. Ich kann nachvollziehen, warum er so erfolgreich ist.
Ich sollte mir eine CD mit entsprechender Musik kaufen, bevor ich nach Europa zurückkehre, sofern ich einen Interpreten finde, der schnelle Stücke spielt, weil ich mit langsamen Schlafliedern nichts anfangen kann. Aber nach dem, was ich bisher gehört habe, muss ich mir wenig Sorgen machen. Shibutani-sensei legt uns die Gebrüder Yoshida ans Herz.

Danach gehe ich ins Center und kümmere mich um meine Post. Das Center ist ziemlich stark bevölkert, also weiche ich in die Bibliothek aus, bis ich dann gegen Neun nach Hause komme. Wir sehen uns eine Episode der neuen Deutsch-Lernsendung an, die bedeutend besser ist, als die letzte. Vor allem sind die Teilnehmer sympathischer. Die „Lerner“ sind ab sofort zwei Männer (wohl Mitte Zwanzig) und die Chaoten-WG wurde gekickt, das heißt, wir sind den alternativen „Siegfried von Waldorf“ los. Was wir aber nicht los sind, ist Prinz Pipo, diese grausam animierte Trickfilmfigur, deren „Abenteuer“ wohl von vorn wiederholt werden. Dabei ist die verwendete Sprache (veraltetes Hochdeutsch möchte ich beinahe sagen) so künstlich! Der ältere japanische Lehrer ist ebenfalls noch dabei, aber der stört mich ja nicht. Der Besuch in Deutschland, natürlich in Berlin, besteht heute aus einem Interview mit einem bekannten deutschen Koch, der meines Wissens auch im Fernsehen auftritt… ich habe nur seinen Namen vergessen. Laafer ist es aber nicht. Seine „Dialektausrutscher“ verraten ihn ziemlich schnell als Hessen.

4. Juni 2024

Freitag, 04.06.2004 – Sandalen auf heißem Sand

Filed under: Filme,Japan,Musik,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

In der Mittagspause bringe ich meine eben abgeholte Immatrikulationsbescheinigung zu Prof. Fuhrt, der mir verspricht, sie heute Abend nach Trier zu faxen.

Der Unterricht von Kuramata-sensei fällt heute aus, weil der Verantwortliche der Hauswirtschaftsabteilung keine Zeit hat. Es heißt, das angesetzte Reiskochen werde auf unbestimmte Zeit verschoben. Ich nutze die Zeit, um ins Ito Yôkadô zu fahren. Ich möchte noch die eine oder andere CD kaufen, bevor ich das Land verlasse, und Melanie ebenfalls. Ich kaufe also „Sotsugyô“ von „ZONE“ und, weil es mir ins Auge fällt, auch „Anime Trance 2“. Wenn ich „Animetal sammele, warum nicht auch „Anime Trance? Ich frage an der Theke nach den „Animetal Marathon“ CDs #2, #3 und dem „Lady Marathon“, muss aber erfahren, dass es von dieser Serie nur noch die CD #3 zu kaufen gibt, alle anderen sind bereits außer Produktion. Bei der dritten CD handelt es sich um ein „Ultraman“ Special, aha… das sagt mir jetzt natürlich reichlich wenig, aus musikalischer Sicht gesehen. Ich weiß nur, dass „Ultraman“ eine Serie ist, die man nicht unbedingt gesehen haben muss. Der Held verwandelt sich mit Sonnenenergie in einen Riesen und kämpft gegen Monster in der Größe von Gozilla oder so…
Bei solchen Gelegenheiten werde ich gern gefragt, warum ich die Superheldenserien so schlecht finde, mir aber aktuell „SailorMoon“ anschaue. Diese Serie sei doch ebenso schrottig, was Regie und Spezialeffekte betrifft? Einfache Antwort: Das hat ganz klar hormonell bedingte Gründe. Was nutzt es auch, das abzustreiten? Aber ich bin auch ein Fan des Originals. Und ich habe auch Gründe, die in der Handlung liegen. Ich finde zum Beispiel sehr interessant, auf welche andere Weise die Geschichte erzählt wird, und wie anders die Beziehungen verschiedener Charaktere untereinander gestaltet wurden.
Wie dem auch sei, ich würde die „Animetal“ Reihe schon gerne komplett haben, also werde ich Hiroyuki bei Gelegenheit bitten, ein Auge auf die Läden in Tokyo zu haben.

Der Unterricht von Ogasawara-sensei findet natürlich statt und nach Schluss möchte ich noch die eine oder andere Sache in Erfahrung bringen. Warum z.B. hat sie „Satôkibi Batake“ als Lied ausgesucht? Sie sagt, weil ihr das Lied gefalle und sie die CD gerade in der Hand gehabt habe. Also keine tiefgründigen Hintergedanken. Ich drücke mein Bedauern darüber aus, dass dieses Lied so schrecklich melancholisch klinge und frage, ob sie „Shima Uta“ kenne. Ja, entfernt, sagt sie. Ich solle die CD einfach mal mitbringen.
Des Weiteren interessiert mich, warum ein koreanischer Film, dessen Name sich mit den chinesischen Schriftzeichen für „Bushi“ schreibt, in Japan „Musa“ gelesen wird (was sich eigentlich ein bisschen anders schreibt). Sie erklärt, dass die beiden Begriffe theoretisch synonym seien, dass aber das Wort „Bushi“ in Japan zuerst den Gedanken an „Samurai“ wecke; „Musa“ dagegen sei „ein starker Kämpfer“, aber nicht unbedingt ein Samurai. Da der Titel direkt aus dem Chinesischen stamme, mache der koreanische Titelgeber diese Unterscheidung nicht. In meinen Worten ausgedrückt: Die dargestellten Personen sind Ausländer und können daher nicht mit einem Begriff beschrieben werden, der etwas einzigartig Japanisches ausdrückt!
Zuletzt möchte ich mir zwei Kanji-Kombinationen erklären lassen, die sich beide „Zenzai“ lesen – also so, wie der übliche Deutsche den japanischen Lehrer, den „Sensei“, betitelt, bzw. ausspricht. Zum einen handelt es sich dabei um „zuvor begangene Verbrechen“. Bei einem Gewohnheitsverbrecher also um die Straftaten, die er vor der aktuell untersuchten begangen hat. Zum anderen handelt es sich bei „Zenzai“ um eine Spezialität aus der Gegend von Osaka. Was daran so speziell sein soll, verstehe ich nicht, weil es sich dabei um eine Schüssel mit süßer Bohnenpaste handelt, wie man sie für gewöhnlich in Brot oder in Reisteig einwickelt. Offenbar isst man da unten dieses Zeug auch pur. Außerhalb von Kansai, der Ebene um Osaka, gibt es ebenfalls „Zenzai“, aber mit der Variation, dass Stücke von Reisteig (Mochi) in die Paste geschnitten werden.

Ich treffe dann Melanie am Center und wir fahren ins Kino. Wir sehen uns „Troja“ an. Die männlichen Hauptrollen finde ich allesamt gut besetzt, aber die Frauen erscheinen mir arg farblos, vielleicht abgesehen von der einkassierten Cassandra. Dass Orlando Bloom den Paris gespielt hat, war ebenfalls eine gute Wahl (auch wenn es sicherlich noch bessere gegeben hätte), aber ich musste am Ende doch lachen und mich fragen, ob er die Rolle nicht deshalb bekommen hat, weil er dann wieder mit Pfeil und Bogen hantieren kann – es fehlt eigentlich nur noch, dass er in zehn Jahren in der 2813ten „Robin Hood“ Verfilmung die Hauptrolle spielt. Paris überlebt also, trifft noch schnell Aeneas und verschwindet dann scheinbar spurlos in der Weltgeschichte. In der Originalerzählung ist er bei der Eroberung von Troja so sang- und klanglos umgekommen, dass Homer gerade mal eine oder zwei Zeilen dafür aufwendete. Paris war offenbar gutaussehend, aber nicht das Ebenbild eines Mannes – wie anders könnte ich Homer interpretieren, der sinngemäß sagt, dass die Helena ganz froh war, wieder zu ihrem Gatten zurückkehren zu können. Und dafür, dass die Helena einen erotischen Ruf genießt, wie er sonst nur der Kleopatra oder Mata Hari zukommt, hätte ruhig eine geeignetere Darstellerin als Diane Kruger herhalten können.

An sich ist der Film nicht schlecht. Ich finde nur, dass man sich zu viele Freiheiten genommen hat, um die beiden Seiten quasi als „Gut gegen Böse“ zu stilisieren. Der Hektor ist z.B. viel zu ritterlich geworden, damit er Achilles besser kontrastieren kann. Dabei war Hektor genauso ein Metzger – hat er in der Vorlage nicht ebenfalls den erschlagenen Patroklos hinter seinem Streitwagen her in der Gegend herumgeschleift?
Darüber hinaus hätte es mir nicht schlecht gefallen, das wahre Ende des Agamemnon zu sehen, anstatt diese „Happy End“ Version, die man in dem Film zu sehen bekommt. Der Mann hat Cassandra mit nach Hause genommen und wurde dafür von seiner eifersüchtigen Frau und deren Erfüllungsgehilfen umgebracht. Aber zur Verteidigung von Clytemnestra sei gesagt, dass da nicht nur Eifersucht eine Rolle spielt – Agamemnon war auch so frei, vor seiner Abreise nach Kleinasien ihre Tochter Iphigenie den Göttern zu opfern, um so einen günstigen Wind für die Überfahrt zu erbitten. Und das tragische Element dabei ist, dass die Iphigenie von den Göttern gerettet wurde, indem sie sie im Moment ihres „Todes“ an einen fernen Ort entrückten. Natürlich kann ich mich irren – ich habe den dicken Wälzer vor mehr als zehn Jahren zuletzt gelesen.
Wirklich lustig fand ich die Zeitkomprimierung. In „Gladiator“ war ja der „Blitzritt“ des Helden Maximus nach Spanien schon ein Grund zum Schmunzeln, aber in „Troja“ wird das noch viel extremer: Da landen die Griechen am Strand, dann wird zwei, drei Tage lang gekämpft, dann folgt die Kampfpause während Hektors Trauerfeiern und dann wird Troja erobert – dem unbedarften Zuschauer erscheint das wie eine Sache von vielleicht zwei Wochen. Soweit ich mich erinnere, hat die Belagerung Trojas in der Ilias etwa zehn Jahre gedauert, und in diesem Zeitraum wurden erst einmal alle mit Troja verbündeten Städte nacheinander von den Griechen zerstört.
Aber wenn wir schon dabei sind, kann man doch die Fortsetzung gleich in Auftrag geben – hat nicht Odysseus gerade seinen unvorsichtigen Fuß in sein Schiff gesetzt? Die „Odyssee“ wäre doch jetzt der nächste, logische Schritt, oder nicht? Ich bin sicher, dass Sean Bean eine gute Figur in der Rolle macht. Stattdessen finde ich einen Bericht in der „Japan Times“, die einige andere Titel (unter dem Motto „Die Rückkehr der Sandale“) ankündigt. Jetzt kann ich mich natürlich mangels Notizen nicht mehr erinnern, um was es im Einzelnen geht. Da war u.a. von einer Neuverfilmung von „Spartakus“ und „Alexander“ die Rede. Na, warum nicht.

Wir wollen nach dem Film was essen und mir ist nach Pizza. Und wenn man in Hirosaki Pizza essen will, sollte man dafür ins SkattLand nach Nishihiro fahren. Vor dem Eingang erspähe ich die erste Kakerlake, die ich in meinem Leben live sehe. Aber sie ist „nur“ so groß wie mein Daumen. Zertreten soll man sie ja nicht, weil ihre Eier so am Schuh kleben bleiben und sich bis in die eigene Wohnung verteilen können.
Im SkattLand hängt ein Angebot für 400 Yen aus, das da heißt „Eiersalat mit Ume-Mayo-Dressing“. Was bitte soll denn das sein? Eiersalat mit Mayonnaise ist klar, aber was haben Pflaumen daran zu suchen? Ich wage nicht, das Gericht zu bestellen, außerdem wollte ich eh eine Pizza (oder auch zwei) essen. Vielleicht probiere ich diese abenteuerlich klingende Mischung später einmal.

5. April 2024

Montag, 05.04.2004 – Jim allein in London

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime,Militaria,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

Ich stehe um 08:30 auf, mache mich fertig und fahre zur Uni. Meine Winterjacke kann ich heute beruhigt zuhause lassen. Außerdem ist mir nicht danach, ins Center zu gehen, deswegen setze ich mich ohne Umwege in den Computerraum und schreibe meine Berichte – fünf an der Zahl werden es heute.

Dann kümmere ich mich um meine Post: Ah, Hans-Jott-K hat seine Adresse innerhalb Karlsruhes geändert. Frank schreibt mir, dass er bereit sei, und ich ihm meinen ersten Zug schicken könne. Aha… eigentlich habe ich das bereits vor Tagen gemacht. Ist da technisch etwas schief gegangen oder hat er das System nicht verstanden? Ich packe also meinen Spielzug erneut in einen Mailanhang und erläutere noch einmal das Procedere, um beiden Möglichkeiten gerecht zu werden. Ich hoffe, dass meine Erklärung schlüssig ist.

Schließlich gehe ich ins Animetric Forum, erhöhe die Zahl meiner Einträge und habe dann bis um Fünf noch eine Stunde Zeit. Ich sehe mir die Episoden Nummer 5 und 6 der Serie „Area 88“ an. Der Soundtrack ist übrigens von Vincent de Moor – aber das sollte bestenfalls Fans des Genres was sagen, wenn überhaupt. Ich mag die Serie immer noch. Die grafische Qualität ist hervorragend und die Luftkämpfe finde ich sehr gut animiert. Wer auch immer die Serie ins Leben gerufen hat, muss ein großer Fan von militärischen Jets sein, daran besteht für mich kein Zweifel. Natürlich hat der Realismus etwas gelitten, und ich meine dabei nicht die Machbarkeit irgendwelcher Stunts in der Luft bei Mach 2. „Area 88“ ist der Name der Basis einer fliegenden Söldnerstaffel im Dienste eines sich im Bürgerkrieg befindlichen, ungenannten Staates im Nahen Osten, deren Piloten alle mit privaten Maschinen auf eigene Kosten fliegen und Geld für zerstörte Ziele erhalten. Die Piloten müssen entweder einen Zeitvertrag erfüllen oder sich mit dem Geld, das sie verdient haben, aus dem Vertrag freikaufen. Allerdings stelle ich mir die Versorgungslage einer Basis, auf der jeder Pilot eine andere Maschine fliegt, etwas schwierig vor – jeder Pilot braucht dann individuelle Ersatzteile. Diese Staffel jedenfalls schießt Dutzende von gegnerischen Maschinen ab, und das wundert mich wenig, weil eine Luftwaffe keine große Zukunft hat, wenn sie mit alten MiG-15 gegen moderne Typen wie Harrier, F-14, F-15, F-16, Phantom II oder Mirage antritt.

Um 17:05 setze ich mich auf mein Fahrrad und düse mit Höchstgeschwindigkeit im 18. Gang die Hauptstraße hinunter, um zum Ito Yôkadô zu kommen. Ich gehe geradewegs in die CD Abteilung und greife zielsicher heraus, was ich suche: Den Soundtrack von „Kaiketsu Zorori“. Gerade gestern Abend habe ich erfahren, dass es die CD ab heute zu kaufen gibt. Unter den sonstigen Neuzugängen finde ich auch Soundtracks zu „SailorMoon“, einer davon mit dem abschreckend wirkenden Aufdruck „DJ Moon“. Es ist aber tatsächlich die Sammlung der Original Hintergrundmusik der Serie und keine wilden Technoversionen. Kostet 3000 Yen… das ist mir zu teuer. Die Hintergrundtitel interessieren mich auch eigentlich wenig. Ich bin mehr an Gesang interessiert. Und den gibt’s auch – für insgesamt 5000 Yen. Jede einzelne der fünf Senshi hat, in bester japanisch-kapitalistischer Tradition, ihr eigenes „Character Album“ bekommen, auf dem jeweils zwei Lieder zu finden sind (nur Aino Minako hat drei). Die sind für mich aber auch nur dann interessant, wenn die Darstellerinnen selbst singen, und das kann ich auf den ersten Blick nicht feststellen.
Ich nehme also die „Zorori“ CD mit, und der Verkäufer zeigt mir auch extra noch einmal den Preis, damit ich ihn auch nicht vergesse, bis ich ihn drei Sekunden später auf der Kasse wiedersehe. Aber natürlich habe ich nichts dagegen, dass man mir den Preis zeigt, um festzustellen, ob ich nicht vielleicht doch noch meine Meinung ändern möchte und die Scheibe nicht kaufe. Aber ich bin bereit, die 1300 Yen zu investieren. Als Zusatz zur Erstauflage gibt es eine Zorori-Pappmaske, die man ausschneiden und sich um den Kopf schnallen kann. Des Weiteren gibt es einen gefalteten Bogen Papier mit einzelnen Bildern aus dem Intro und dem Extro zum Ausschneiden, um ein Daumenkino daraus zu basteln. Davon habe ich zwar nichts, aber ich werde es in mein Archiv packen.
Natürlich enthält die CD auch wieder Karaoketitel, für die ich keine Verwendung habe, aber immerhin habe ich sowohl das Intro- als auch das Endlied auf einer CD bekommen. Das ist selten, aber die Musik wurde auch nicht von irgendeiner greifbaren Band gespielt. Das Intro wird von dem Sprecher Zororis selbst gesungen (Yamadera Kôichi!) und auch das Endlied scheint marketingtechnisch eher uninteressant. Ein hübsches, aber wenig publikumstaugliches Liedchen, das niemals in einer Hitparade landen würde. Aber es gefällt mir – und darauf kommt es an.

Ich gehe anschließend in den 100-Yen-Shop im Daiei und kaufe eine Packung salziger Cracker, vergleichbar mit „TUC“. Aber die Dosen mit dem halben Liter Milchkaffee gibt es nicht mehr. Ich muss annehmen, dass diese Läden zum Teil auf sehr kurzfristige Angebote reagieren, und demnach könnte ich von Glück sprechen, wenn ich jemals wieder eine solche Dose überhaupt zu Gesicht bekomme. Na ja, vielleicht sind die Dinger auch einfach nur heute ausverkauft, weil noch mehr Leute auf den Geschmack gekommen sind.

Abends sehen wir uns „28 Days After“ an – „28 Tage danach“. Es ist die Geschichte eines Mannes, der nach einiger Zeit im Koma im Krankenhaus wieder zu sich kommt und London menschenleer vorfindet. Es stellt sich heraus, dass alle entweder von einer Epidemie dahingerafft oder evakuiert worden sind – wohin auch immer, weil scheinbar alle Ortschaften verlassen sind. Nur die Infizierten sind noch da, und die stürzen sich wie wahnsinnig auf alle Gesunden. Es sind keine „klassischen“ Zombies = Untote, sondern Leute, die sich eine Art Tollwut eingefangen haben – das heißt, sie leben im klinischen Sinne, und das wiederum heißt, dass sie Nahrung und Wasser brauchen (das zu sich zu nehmen sie geistig scheinbar nicht in der Lage sind), und einer der Pläne besteht darin, sie einfach auszuhungern.
Der Schluss des Films ist schon beinahe ein Scherz. Nach dem Abspann geht der Film nämlich gewissermaßen weiter und man sieht einen alternativen Schluss. Hätte Melanie nicht die Werbung nach dem Film sehen wollen, wäre uns der „Anhang“ nie aufgefallen. Ich frage mich, wie viele Prozent der Zuschauer den alternativen Schluss gesehen haben, wenn er in jeder nationalen Version so versteckt wird.

Ein paar Fragen lässt das Schauspiel offen: Warum ist das Krankenhaus leer – ohne zumindest ein paar Leute, die ebenfalls nicht transportfähig sind? Unser Komaheld war ja wohl nicht der einzige, den man nicht mitnehmen und nur mit Hilfe von Maschinen am Leben erhalten konnte. Dann würde mich natürlich auch interessieren, warum die Infizierten sich nicht gegenseitig angreifen? Warum veranlassen Hunger und Durst sie nicht dazu, den Inhalt der Supermärkte oder sich gegenseitig zu essen? Andererseits: Nach spätestens einer Woche ohne Wasser ist ein Mensch wohl reichlich handlungsunfähig, und wenn die Seuche nach 28 Tagen noch nicht ausgestorben ist, müssen wohl einige Exemplare auf die Idee gekommen sein, mal einen Schluck aus der Themse zu nehmen – oder aber es sind immer rechtzeitig neue Leute infiziert worden. Und warum kann Jim, der Mann aus dem Krankenhaus, nach längerer Bettlägerigkeit, auch wenn es sich nur um einige Tage handelte, einfach so, aus dem Koma raus und hoch, aufstehen, ohne einen Kreislaufzusammenbruch zu erleiden und sogar sofort richtig gut rennen?[1]

Trotz solcher Unklarheiten ist der Film ganz gut. Enthält ein paar interessante Elemente. Zum Beispiel, dass die Zombies (man kann die Infizierten wohl durchaus so nennen) rennen können. Klassisch wäre ein Pulk von entsetzlich anzusehenden Gestalten, die sich langsam, aber stetig auf der Suche nach lebendem Fleisch und Gehirn nach vorne bewegen. Interessant finde ich auch, dass die Inkubationszeit nur ein paar Sekunden beträgt. Der ebenso klassische Verwundete, der seine Infektion verbirgt oder nichts davon weiß und irgendwann „unerwartet“ zuschlägt, fällt also flach.
Ansonsten werden aber sehr klassische Verfahren angewendet, wenn es um die Erzeugung von Spannung geht, also Musikeinspielungen oder bestimmte Kameraeinstellungen. Wenn man aber ein bisschen was von Raimi oder Romero gesehen hat, weiß man, was kommt und wann man damit zu rechnen hat. Das senkt zwar ein wenig die Spannung, aber Wiedererkennungseffekt und ein wenig Erinnerung „an alte Horrorzeiten“ tragen sehr zum Wohlbefinden des Zuschauers bei.
Mein letzter Punkt: Der Film spielt in England und ich stelle fest, dass ich Probleme habe, Britisches Englisch zu verstehen. Ich bin Amerikanisches Englisch gewöhnt und die Umstellung meiner Ohren geht nicht so flüssig, wie ich das gerne hätte. Vor allem die dargestellten Soldaten reden einen ungewohnten Dialekt.


[1] Als ich selbst nach einer Operation und ein paar Tagen Bettruhe aufgestanden bin, wurde mir nach zwei Schritten schwarz vor Augen und der Pfleger musste mich auffangen.

2. April 2024

Freitag, 02.04.2004 – Der Tod des Wochenendes

Filed under: Japan,Musik,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Um 09:00 sehe ich aus dem Fenster, und was leuchtet mir da entgegen? Schnee! Es schneit! Jetzt war bereits die ganze Woche über bester Frühling, ich habe die Winterjacke längst in den Schrank gestopft und das Sommermodell herausgekramt, und jetzt das! Also gehe ich zur Uni – ja, zu Fuß.

Ich setze mich an die entsprechenden Rechner und sehe, dass „Beru Bara“ mittlerweile mit 22 Episoden vertreten ist. Um den Speicherplatz auf dem Rechner nicht weiter zu belegen, will ich die Daten brennen – aber die Nero.exe Datei funktioniert nicht (wie so ziemlich alles auf diesem völlig zerschossenen Müllhaufen). Aber das sollte kein Problem sein. Ich versuche, das Programm von meiner Daten CD aus zu installieren… aber auch das funktioniert nicht, aus nicht näher genannten Gründen. Mein linkes Auge zuckt unkontrolliert. Aber es gibt ja noch Alternativen. Auf dem Computer befindet sich ein funktionierender Real-Media-Player, inklusive Software zum Brennen von CDs. Ja, bis auf die Episoden 11 und 12 geht auch alles glatt – bei denen liegt wohl ein Fehler vor… na klasse. Dann muss ich die einzeln besorgen. Wann auch immer. Aber jetzt reicht’s! Ich nehme mir den Block auf dem Schreibtisch von Sawada-sensei vor, beschreibe den unhaltbaren Zustand der Computer und schlage vor, alle Rechner komplett neu zu installieren und dabei auch nicht ein einziges Bit von dem alten Müll übrig zu lassen.

Dann gehe ich ins Physikgebäude und schreibe Berichte. Franks Spielzug für CM ist noch immer nicht da… die nehmen ihn zuhause arbeitsmäßig offenbar schwer an die Kandare. Natürlich bin ich ungeduldig… vielleicht sollte ich den „Maulwurf“ gegen Misi anleiern, wie ursprünglich geplant, um die Lücke zu schließen.

Nach drei Berichten sehe ich mir die ersten vier Episoden von „Area 88“ an. Der Soundtrack gefällt mir… „Mission (Fuga)“ heißt der Titelsong. Schöne Technoversion eines klassischen Stückes, dessen Name mir entfallen ist. Eine Fuge von Bach. Hm… andererseits weiß ich auch nicht, ob das Stück außer „Fuge“ überhaupt noch eine genauere Bezeichnung hat. Vielleicht ist es ja die Fuge von Bach? Wie dem auch sei… ich wollte auch den recht offensichtlich holländischen Namen des Komponisten (dieser Remix Version) abschreiben, aber leider fällt mir dabei auf, dass ich meinen Kugelschreiber im Center habe liegen lassen.
Um 17:00 verlasse ich das Gebäude und gehe mit Melanie ins Center, um meinen Kugelschreiber zu bergen. Er war zwar umsonst, aber es ist ein guter Kugelschreiber. Er liegt noch auf dem Block, auf den ich geschrieben habe. Sawada-sensei hat bereits etwas darunter geschrieben: Am Abend werde sich jemand darum kümmern.

Tatsächlich sehe ich unseren Zuständigen an den Rechnern herummachen. Ich sehe mal zu, was er so macht, und… was macht der Mann da!? Er hat die Rechner defragmentiert, die Netzverbindung immerhin wiederhergestellt und einen Virenscanner drüberlaufen lassen. Soll das alles sein? Das System ist doch jetzt noch genauso ausgelutscht und langsam wie vorher! Ein Reinstallation macht halt mehr Arbeit… die dieser Mann entweder scheut oder zu einem genehmeren Zeitpunkt nachholen will. Ich gehe derzeit optimistisch von letzterem aus. Da muss ich mir doch an den Kopf fassen… ich gehe lieber nach Hause, bevor mich hier das Grauen packt.

21. März 2024

Sonntag, 21.03.2004 – Nitabô

Filed under: Japan,Manga/Anime,Musik,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Ich stehe um Zehn auf und lese „Erdsee“. Um 14:00 mache ich mich mit Melanie auf den Weg ins Daiei. In der dortigen Gemeinschaftshalle wird um 15:10 der Film „Nitabô“ gezeigt. Der Anime handelt von einem Shamisen-Meister im 19. Jahrhundert; ich wollte ihn unbedingt sehen und heute ist der letzte Tag.

Wir sind um 14:30 an Ort und Stelle und haben noch ein bisschen Zeit, die wir in der Spieleabteilung verbringen. Melanie spielt ein Spiel, bei dem man auf einer Art Heimtrainer sitzt und mit den Pedalen den Propeller des Fluggerätes antreibt, das man vor sich auf dem Bildschirm sehen kann. Aufgabe des Spielers ist es, riesige Luftballons durch Berührung zum Platzen zu bringen, und natürlich arbeitet man dabei gegen die Zeit. Zwei Mädchen, um die 13 vielleicht, sitzen daneben (sie warten darauf, dass ihre Purikura Fotos ausgedruckt werden) und amüsieren sich darüber. Ihren Kommentaren entnehme ich, dass sie dieses Spiel gerne gespielt haben.

Die Tretmühle

Ich habe Hunger, also gehen wir noch in den Supermarkt im Keller und ich kaufe ein Paket Sandwichbrot.

Es wird schließlich Zeit und wir gehen zur Gemeinschaftshalle. 1300 Yen soll eine Karte kosten. Vorbestellung wäre billiger gewesen. Hier befinden sich vornehmlich Leute über 40 und die Kinder, die mitgebracht wurden, aber wen wundert das? Für die Altersgruppe dazwischen ist Shamisenmusik wahrscheinlich viel zu uncool. Ha, die wissen nicht, was sie verpassen! Ich krame den Geldbeutel heraus. Alle anderen Leute scheinen bereits eine Karte zu haben, also greife ich einen der „Platzanweiser“ heraus und frage ihn, wie wir an eine Karte kämen. Er weist uns zu einem Tisch am Eingang. Er nimmt zwei Karten aus dem Abreißblock und sagt: „Für Sie beide zusammen nur 2000 Yen – ein kleiner Service.“ Oha, dann umso lieber. Da sagen wir nicht nein und bedanken uns dafür.
Daijô-san, der die Biografie geschrieben hat, auf der der Film beruht, ist ebenfalls da und erläutert die Handlung kurz. Ein Mitarbeiter der Produktionsfirma sagt ebenfalls ein paar Worte und dankt allen Beteiligten. Ich hätte etwas solches für die Premiere erwartet, aber nicht für die letzte Vorstellung. Mir gefällt die Idee, obwohl ich vielleicht 10 % von dem verstanden habe, was die beiden Herren tatsächlich gesagt haben.

Eine Vorführung dieser Art bleibt natürlich nicht ohne Begegnungen. Zuerst wäre da eine der Familien aus dem „Happy Hippo Club“, genauer die Familie mit den niedlichen Zwillingstöchtern, denen ich die Bezeichnung „otokorashii Dominik“ zu verdanken habe. Die beiden Mädchen kichern, als ich winke. Mikami weist mich bei der Gelegenheit darauf hin, wer noch hier erscheinen wird, aber das dauert noch ein paar Minuten. Zunächst erscheint eine Dame auf dem Stuhl neben mir, die mich auf Englisch anspricht. Sie will mit dem Reden auch gar nicht mehr aufhören, scheint mir, bis sie mir eröffnet, dass sie mich kenne, bzw. mich bereits getroffen habe. Aha? Ich grübele, aber mein Gedächtnis für Gesichter ist schlecht wie eh und je. Ja, sie sei die Lehrerin von der Seiai Oberschule gewesen, die ich damals (am „Judgment Day“) gebeten habe, ein Gruppenfoto der Juroren zu machen (aus dem leider nichts wurde, weil die verdammte Kamera voll war). Dann erst fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich entschuldige mich für mein schwaches Gedächtnis. Schließlich klopft mir die von Mikami angekündigte Yûmiko auf die Schulter. Sie ist mit ihrer Mutter Eiko hier. Ich bin angenehm überrascht, wenn ich das angesichts der Ankündigung noch so sagen kann.

Oh… und der Film ist gut. Vor allem gefällt mir der Soundtrack und Shamisenmusik allgemein gefällt mir immer besser. Tsugaru Shamisen, um genau zu sein – HiroDai verpflichtet. Ich bin sicher, dass auch Oliver was daran haben könnte, und sei es von einem rein spieltechnischen Standpunkt aus betrachtet.
Die grafische Qualität ist hervorragend, die Geschichte wird in sehr schönen Bildern erzählt, die nach meinem Empfinden einer Ghibli-Produktion durchaus das Wasser reichen kann. Die Handlung ist auch nicht das, was man „Main Stream“ nennen könnte – es geht um einen blinden Musiker, da ist nicht viel Action zu erwarten. Zuletzt sprechen die dargestellten Personen ein sehr klares, deutliches Japanisch und man versteht sie sehr gut. Zumindest habe ich von den Dialogen deutlich mehr verstanden, als von dem, was die zwei Kommentatoren vor Beginn des Films erläutert haben. Mit anderen Worten: Ich will den Film haben.

Gleich nach der Vorführung kommt Jin Eiko zu mir und fragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen ein kleines Konzert zu besuchen, an dem auch Yûtarô mitwirke. Ich überlege zuerst, ob ich das Angebot annehmen soll oder nicht, aber dann frage ich mich, ob ich denn bescheuert sei – was gibt es da zu überlegen? Ja, wir sind dabei. Wir haben wirklich nichts Besseres vor. Unsere Fahrräder sollen wir einfach am Haus der Familie abstellen, von da aus würden wir dann mit dem Auto mitgenommen. Genau das machen wir und erhalten jeder ein Crèpe aus eigener Produktion mit Vanilleeisfüllung als „Reiseproviant“. Besten Dank. Sogar ich muss zugeben, dass das Produkt gut ist. Mein Vater allerdings hätte mich wohl in den Kofferraum gesperrt, wenn ich je versucht hätte, in seinem Auto ein Eis zu essen.

Wir gehen in die Halle, wo Essen verboten ist, also wende ich das „englische Transportverfahren“ auf mein verbliebenes Brot an – ich stopfe es unter meine Jacke.[1] Zur großen Belustigung von Jin Eiko. Wir verpassen nur die ersten Minuten. Es handelt sich auch nicht wirklich um ein „homogenes“ Konzert, sondern um eine Veranstaltung, in der mehrere Gruppen auftreten. Alles Kinder bis 14 Jahre, und gespielt wird auf Keyboards des Sponsors – Yamaha. Gespielt wird unter anderem „Unter dem Meer“ aus dem Disneyfilm „Arielle“, die Star Wars Symphonie (Episode IV), Titel von SMAP, und und und. Das Alter der Interpreten steigt im Laufe der Vorstellung, das heißt, Yûtarô und seine Gruppe spielen als letzte. Und ganz am Ende dürfen alle gemeinsam zur Freude der Eltern noch was singen. Ich beglückwünsche Yûtarô zu seiner Leistung und frage ihn, wie er sich fühle. Er sagt, er habe noch ganz heftiges Herzklopfen.

Und weil der frühe Abend so schön ist, werden wir auch noch zum Essen eingeladen. Wir essen in einem traditionell eingerichteten Haus – ohne Stühle. Als Vorspeise bekommen wir Tempura und frittierte Garnelenschwänze, danach gibt es Sushi, eine Platte für jeden, von denen ich allerdings drei esse, weil Jin Eiko ja bekanntlich auf Grund ihrer Familienvorgeschichte keinen Fisch mehr sehen kann und Melanie bereits satt ist. Das Hauptgericht sind Soba Nudeln, kalt. Zum Nachtisch gibt es Eis – und zwar Soba Eis! Es schmeckt irgendwie auf sanfte Art und Weise nach Nuss.

Wir mit Familie Jin inklusive Großeltern

Um kurz nach Neun fahren wir zum Haus der Familie Jin zurück und von dort aus mit dem Fahrrad nach Hause, trotz des mehrfachen Angebots, mit dem Auto nach Hause gefahren zu werden. Aber es ist ja nun wirklich nicht kalt und wir sind schon des Öfteren nach Anbruch der Dunkelheit unterwegs gewesen. Ich werde morgen eine Mail schreiben, in der ich mich ausführlich bedanken kann.

Zuhause sehen wir noch „Tetsuwan Dash“, eine der Shows der Band TOKIO. Und die haben heute niemand geringeren als Jackie Chan zu Gast. Und das nicht zum ersten Mal, wie ich aus den Gesprächen entnehmen kann. Nebenbei sei erwähnt, dass Jackie Chan in Japan einen größeren Volksauflauf von Autogrammjägern verursacht als die einheimische Band TOKIO, deren Gesichter in Japan doch auch jeder kennt. TOKIO fährt hier natürlich keine gesittete Talkshow – hier wird ein Wettkampf veranstaltet. Aufgabe ist es, ein Souvenir aus Hakone zu besorgen – jeder ein anderes – und an einen vorher festgelegten Ort zu bringen. Mit maximal 3000 Schritten.[2] Dazu erhalten alle Teilnehmer einen Schrittzähler. Jedes öffentliche (!) Fortbewegungsmittel ist erlaubt, mit Ausnahme eines Taxis. Das heißt, die Jungs müssen erst einmal nach Hakone kommen und dort ihr Souvenir finden, indem sie Leute fragen. Um die Beschränkung der Schrittzahl weniger hart zu machen, erhält jeder einen Hartschalenkoffer mit Rädern.
Matsuoka hat das Souvenir als erster besorgt, aber er scheitert 2,5 m vor dem Ziel. Jackie kommt als dritter an, aber auch er hat 7,5 m vor der Ziellinie seinen letzten Schritt verbraucht. Jetzt würde ich natürlich gerne den Namen des Siegers nennen, aber ich habe ihn mir nicht gemerkt.

Danach sehe ich noch „Pretty Cure“ und „Zorori“ an, und ich stelle heute den endgültigen Anachronismus jener Welt fest – da gibt es nämlich Automobile und mit Motoren betriebene Luxusliner. Über den mechanischen Drachen der ersten Episode habe ich „hinweggesehen“ und dachte, die moderne Technik sei aus rein humoristischen Gründen eingefügt worden, aber jetzt, wo die damals entführte Prinzessin und ihr Prinz mit einem Chevrolet Cabrio in die Flitterwochen fahren, muss ich die Lage wohl anerkennen. Was nicht heißt, dass ich mir das nicht weiter ansehen werde… Zorori ist immer noch lustig.


[1] Die Bezeichnung geht auf meinen ersten Englandausflug im Schulrahmen anno 1991 zurück. Ohne Rucksack war ich gezwungen, mir gegebene Lunchpakete in meine Jacke zu stopfen. Da viele meiner MitschülerInnen diese Lunchpakete abscheulich fanden, hatte ich immer ein halbes Dutzend davon auf diese Art und Weise bei mir, um sie im Laufe des jeweiligen Tagesausflugs zu verzehren.

[2] Hakone liegt über 80 km südöstlich vom Stadtzentrum von Tokyo entfernt.

20. März 2024

Samstag, 20.03.2004 – On the Road again

Filed under: Filme,Japan,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

Wir nehmen während der Nacht die Fress-Show „Gansô! Debuya!“ mit Papaya und Ishida auf, und am Morgen „SailorMoon“. Irgendwas stimmt mit dem Wecker nicht… der geht sechs Stunden nach. Der kann doch nicht schon wieder eine neue Batterie brauchen? Wir haben sie erst im Dezember ausgetauscht!

Wir stehen um 12:00 auf und sehen uns erst „SailorMoon“ und dann „Debuya“ an.

Nephlytes Attacke auf EvilMerkur schlägt natürlich fehl – wer hätte das gedacht? Dafür wird er von Kunzyte dann auch „gezüchtigt“. Ich lächle jetzt gerade laut. Mamoru wird von Zoisyte angesprochen, der ihm ein paar Rückblicke auf seine wahre Identität liefert, aber natürlich will Mamoru das nicht einsehen, läuft erst mal davon und wird von Kunzyte in einem TV-Studio angegriffen. SailorMoon und Zoisyte retten ihn, aber Zoisyte bekommt schwer was ab und muss sich aus der Gefahrenzone teleportieren. Usagi erfährt dann auch endlich, dass Chiba Mamoru und Tuxedo Kamen die gleiche Person sind und ihre Reaktion kann ich nicht wirklich aus ihrem Gesicht lesen.

Papaya und Ishida wiederum waren auf Tour in Niigata und haben dort gekochte Schweinefleischstreifen, frittiertes Schnitzel (mein Gott, wie gewöhnlich!) und Maitake gespachtelt. Und weil Papaya ja eigentlich Choreograph ist, führt er zusammen mit der Belegschaft der Pilzfarm noch ein Tänzchen vor.

Danach will ich selbst mal was essen, und Wäsche waschen wäre auch eine gute Idee. Schließlich hole ich meine (handschriftlichen) Tagebucheinträge seit dem 17. März nach… ich muss mehr Disziplin aufbringen, die Einträge am gleichen Tag zu schreiben, sonst vergesse ich noch ein paar wichtige Dinge. Das Chaos in meinen handschriftlichen Notizen spricht Bände.
Ich lese bis um 17:00 und fahre dann ins Daiei und ins Ito Yôkadô, um ein paar der bestellten CDs zu kaufen. Als ich auf den Eingang des Daiei zugehe, sehe ich hinter der Glastür drei Jugendliche, die sich darüber ärgern, dass die automatische Tür nicht aufgeht. Sie wenden sich unzufrieden von der Tür ab. Ich gehe auf die Tür zu – sie geht anstandslos auf, ich gehe hinein. Ich ernte Blicke von Missgunst bis Unverständnis. Beinahe hätte ich die Beherrschung verloren und die drei ausgelacht. Ich fahre in den vierten Stock… aber das ist einer zu weit, also wieder einen runter. Im Ito Yôkadô befinden sich die CDs im fünften Stock und ich bin wesentlich öfter dort als hier im Daiei, daher der Fehler. Ich kaufe „Nr. 53“ von „Penicillin“ und sehe mich nach CDs von Orikasa Fumiko um, aber da ist Fehlanzeige. Ich verlasse das Daiei wieder auf dem gleichen Weg, wie ich hineingelangt bin. Die Tür öffnet sich.

Ich gehe rüber ins Ito Yôkadô und kaufe dort „Frontiers“ von „Psycho le Cemu“ und eine CD von „Maximum the Hormon“. Den Namen von letzterer CD kann ich nicht lesen, auch nicht mit dem Kanjitank – ich finde eines der Kanji nicht.[1] Von dieser Band habe ich eigentlich nur das Lied „Rolling 1000 tons“ gesucht, das Endlied des „Airmaster“ Anime, aber nach dem Kauf stelle ich fest, dass der Song auf der CD, entgegen einem Hoffnung erweckenden Aufdruck, doch nicht enthalten ist. Zumindest nicht in der Form, wie ich mir das gewünscht hätte: Eine genauere Untersuchung der Sachlage zeigt mir, dass von dem Song das Musikvideo auf die CD gebrannt worden ist. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil! Na, immerhin etwas. Die übrigen Lieder sind für meinen Geschmack auch gut zu gebrauchen, auch wenn Melanie die Musik als „Krach“ bezeichnen wird und das Cover so ziemlich das vulgärste ist, das mir je unter die Augen gekommen ist. Nein, kein „Cannibal Corpse“ Cover schlägt dieses Bild, das auf eine ganz andere Art krank ist. Die CD von „Japaharinet“, die ich ebenfalls kaufen wollte, ist nicht mehr da, ebenso die CD mit den Pianostücken zu „Final Fantasy VII“. Wenn sich Sebastian nicht dazu entscheiden kann, die CD zu kaufen, so lange ich in Japan bin, hat er wahrscheinlich verloren. Auch hier findet sich leider nichts von Orikasa Fumiko… am Ende werde ich die einzige Platte, die es von ihr offenbar gibt, bestellen müssen.

Ich mache mich auf den Heimweg. Und wenn ich schon mal dabei bin, suche ich mir auch gleich ein Fahrrad. Da drüben in dem „Fahrradhaufen“ befinden sich potentielle Kandidaten. Eng verkeilte Fahrräder, teilweise übereinandergestapelt, alle mit trockenen Ketten und leeren Reifen. Das erste Mountainbike erweist sich als zu klein – definitiv ein Kinderrad, für das man nicht größer als 1,60 m sein sollte. Das zweite ist ein wenig größer… wenn ich den Sattel maximal ausfahre, werde ich damit fahren können, denke ich. Sobald wieder Luft in den Reifen ist, heißt das. Es hat eine Lampe! Mit Batteriebetrieb, aha… aber immerhin. Die Gangschaltung hat 18 Gänge und Drehschalter… nett. Die Reifen haben gutes Profil und die Vorderachse hat sogar eine pneumatische Federung. Die Bremsen sind in Ordnung, es hat Reflektoren hinten und welche in den Speichen. Das ist doch nicht schlecht.

Ich schiebe das Rad nach Süden und finde vor einem der Fahrradläden tatsächlich noch den Eimer mit den Luftpumpen drin. Wie kann das sein? Hat ein günstiges Schicksal den Besitzer ausgerechnet heute den Eimer draußen vergessen lassen oder ist mir nie aufgefallen, dass die Pumpen vor diesem Laden rund um die Uhr zur Verfügung stehen? Ich nehme mir eine Pumpe aus dem Eimer, aber sie ist kaputt. Hm… ich nehme die zweite. Sie funktioniert und drei Minuten später haben meine Reifen die Härte, die ich erwarte. Ich fahre also den Rest des Wegs und versuche, mich mit der Gangschaltung vertraut zu machen. Ich brauche Öl für die beweglichen Teile, aber das kriege ich erst am Montag. Ansonsten muss ich mich nur an das neue Fahrgefühl (mit Federung) gewöhnen, weil ich von den Unebenheiten der Bordsteinkanten kaum noch etwas mitbekomme und ich deshalb permanent das Gefühl habe, keine Luft im Reifen zu haben. Obwohl ich erkenne, wie paradox diese Aussage erscheint. Aber die Reifen halten die Luft und ich bin wieder mobil.

Melanie hat für heute Abend einen Film ausgeliehen – „Makai Tensei“. Nach nur zehn Sekunden ist mir glasklar, dass es sich hierbei um die Realfilmvariante eines Anime handelt, der im Westen unter dem Titel „Ninja Resurrection“ bekannt ist. Um was geht es da Atemberaubendes?
Truppen des Shogunats (der jap. Militärregierung) stürmen anno 1638 eine Burg, in der sich Christen verschanzt haben – diese Religion war unter Todesstrafe verboten. Der Daimyô der Burg, noch ein junger Mann, sieht wohl das Scheitern und die Schwäche seines Gottes, als man ihn tötet – worauf er als Der Antichrist wiedergeboren wird! Er ruft die Geister toter Helden der japanischen Geschichte, unter anderem auch keinen geringeren als den Schwertmeister Miyamoto Musashi, um die Tokugawa auszulöschen. Und wer stellt sich ihm entgegen? Der wahrscheinlich zweitbekannteste Held Japans: Der Ninja Yagyû Jûbei. Den Rest kann man sich ausmalen, nur mit noch mehr Blut. Der Film schafft es beinahe, noch langweiliger zu sein als der Anime… eine der unnötigsten Produktionen, die ich in den letzten zwölf Jahren gesehen habe.


[1] Spätere Untersuchungen mit Lexika aus Papier ergaben die Titellesung „Kusoban“ = „Scheißplatte“. Daher die Covergestaltung…

15. März 2024

Montag, 15.03.2004 – Ein weiterer Schauplatz…

Filed under: Japan,Musik,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Ich gehe recht früh ins Center, aber da findet sich nichts von Interesse, also gehe ich in den Computerraum. Ich bastele an ein paar Schlachtkarten herum, probiere ein paar Spielzüge, schreibe meine Post und ein paar Einträge ins Animetric Forum. Misi kommt um 17:00 ebenfalls herein und will mehr über die Combat Mission Option „Schnelles Gefecht“ wissen. Das ist schnell erklärt; das Komplizierteste daran ist ja eine für ihn verständliche Übersetzung der anwählbaren Optionen.
Derweil vereinbare ich mit Frank, ebenfalls eine Schlacht per E-Mail zu spielen, mit After Action Report. Ich will unbedingt auch mal so was schreiben. Vorerst muss ich aber nur die grundlegenden Parameter wissen, also ob er Stadt, Dorf oder Land spielen möchte.
Ich schaue noch schnell bei E-Bay vorbei. Ich habe die beiden überzähligen SailorMoon Figuren zum Verkauf eingestellt, aber bis zum Ende sind es nur noch 23 Stunden und Gebote gibt es keine.

Abends kann ich endlich die SailorMoon Episode vom Samstag sehen.
Minako ist im Krankenhaus und ihr Kopf wird durchleuchtet, worauf der Arzt etwas zur Krankenschwester sagt, was sich gar nicht gut anhört. Verstanden habe ich kaum kein Wort… aber „noch ein halbes Jahr“ hört sich sehr verdächtig an. Wer mehr über diesen Umstand wissen will, muss die Untertitel der Downloadversion oder die Zusammenfassung auf Genvid.com lesen. Minako gibt dennoch kleine Konzerte für die Kinder im Krankenhaus, und weil Rei gerade da ist, stellt sie diese als „Mars Reiko“ vor und sagt an, dass „Reiko“ bei nächster Gelegenheit singen werde. Rei findet das gar nicht toll – tut es aber trotzdem; wohl, um die erwartungsvollen Kinder nicht zu enttäuschen.

Rei muss also irgendwas einüben und geht dazu ins Crown Karaoke, aber sie kommt scheinbar mit der Anlage nicht klar (weil sie Karaoke ja nicht ausstehen kann, wie sie dann und wann betont) und bittet Usagi um Hilfe. Das wird erledigt und siehe da: Kitagawa Keiko kann singen! Auf jeden Fall kann sie das besser, als Sawai Miyû das in ihrer Rolle als völlig unbegabte Usagi macht. Und was sie singt, klingt auch besser als das nichts sagende „C’est la Vie“, das Komatsu Ayaka (= Minako) zum Besten gibt. Immerhin scheint es, dass die Sängerin Minako noch zumindest zwei andere Songs als „C’est la Vie“ hat – was schon mal ein Lied mehr wäre, als die „Three Lights“ zu Stande gebracht haben.

Wie bereits erwähnt, ist Zoisyte wieder da und spielt munter weiter Klavier. Aber neuerdings spielt er keine „Chaos Symphonien“ mehr, sondern als solche erkennbare, vernünftige Musik. Außerdem nennt er Mamoru weiterhin „Master (Endymion)“. Man kann sicher sein, dass er nicht mehr für Beryll arbeitet. Andererseits muss ich mich fragen, ob er das jemals getan hat. Der schien von Anfang an ein eigenes Süppchen zu kochen.
Zuletzt greift Nephlyte Mond und Venus im Krankenhaus an und ich bin erleichtert, dass die übertriebene Venus-Verwandlungssequenz diesmal abgekürzt wurde. Mond und Venus werden mit einem glibberigen Zeug auf dem Boden festgeklebt und es sieht schlecht aus, aber Mars ist plötzlich da und pustet Nephlyte mit einem Feuerball weg. Als ob die beiden Fußfreiheit bräuchten, um sich zu wehren… wir haben ja bereits gesehen, dass Venus nur mit dem Finger auf jemanden zu zeigen braucht, um ihn über die Klinge hüpfen zu lassen.

Nephlyte schafft es zurück zur Basis, aber er scheint nicht mehr so ganz bei sich zu sein. Und dann wird er zu seinem Unglück auch noch von EvilMerkur „verspottet“! Zumindest fasst er ihre Aussageabsicht, dass sie sicher was für ihn tun könne, so auf. Sie wendet sich zum Gehen. Dann hat er – woher auch immer – einen Stab in der Hand, an dessen Ende ein Kreissägeblatt reichlich unrealistische Geräusche macht, und greift sie hinterrücks an!
Was daraus wird, erfahre ich Ende der Woche. Es wird nicht viel werden, so viel ist sicher.

12. März 2024

Freitag, 12.03.2004 – Signorina, isch ’abe gar keine Telefon mehr

Filed under: Arbeitswelt,Japan,Manga/Anime,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

Morgens fahre ich ins Book Off, um mich nach bestellten CDs umzusehen. Der Wind ist zeitweise recht kräftig und an vielen Abstellplätzen sieht man reihenweise umgewehte Fahrräder. Ich stelle mein Fahrrad entsprechend sicher auf, aber die Tüte, die die Trockenheit meines Sattels garantieren soll, fliegt während meines Aufenthaltes auf und davon. Ich sollte in Zukunft einen Knoten machen, um zu vermeiden, dass ich die Gegend so mit Müll verunstalte. Immerhin regnet es heute nicht, von daher komme ich ohne Tüte aus, bis ich im Supermarkt die nächste erhalte.

Ich kaufe den „Trigun“ OST „The first Donuts“, „Kenka Banchô“ von Miyamura Yûko und ein „Final Fantasy VII“ Lösungsheft für mich. Zum Verkaufen nehme ich mir ein „Weisskreuz“ Artbook und etwas, das ich zuerst für eine Anthologie von (no hentai) EVA Dôjinshi halte – es wird sich jedoch (nach dem Kauf) herausstellen, dass dieses katalogförmige Buch das Original ist – bis zum Kapitel Nummer 29, heißt das. Der „Shin Seiki Evangelion“ Manga ist nicht abgeschlossen, glaube ich. Warum also bringt jemand eine Anthologie heraus??? Ich bezweifle außerdem, dass ich das Buch je wieder loswerde… aber immerhin habe ich jetzt Gelegenheit, den Manga als Vergleich zum Anime zu lesen. Die Unterschiede fallen ja bereits im ersten Kapitel auf…
Für alle anderen bestellten Artikel mache ich erst einmal Notizen darüber, was überhaupt verfügbar ist und werde nachfragen, ob das so genehm sei. Oha, ich sehe da auch einen „Final Fantasy Tactics“ OST herumstehen… aber er kostet 3880 Yen. Nee, lieber nicht. Wenn ich mir je eine Gakuran leisten können will, muss ich eisern sparen.

Ich kehre zur Universität zurück und bleibe bis um Acht. Um etwa 17:00 kommt Misi, setzt sich auf einen Stuhl neben mir, und wird just in diesem Moment vom „York Cultural Center“ angerufen. Man bittet um meine Telefonnummer. Misi drückt mir das Telefon in die Hand und ich versuche, der Dame klar zu machen, dass mein Telefon seit neuestem gar nicht mehr funktioniert und sie mit der Nummer daher überhaupt nichts anfangen könne. Nein, ich kenne die Telefonnummer leider nicht auswendig. Wozu auch? Meine Argumentation stößt auf taube Ohren, oder aber meine Telefon-losigkeit ist derart außerhalb jeder japanischen Vorstellungskraft, dass man meine Aussage darüber schlicht nicht ernst nimmt. Aber gut, ich will nicht so sein. Morgen findet der Unterricht statt, dann bringe ich die Telefonnummer gerne mit. „Hm… in Ordnung. Aber kommen Sie auf jeden Fall und rufen Sie an, wenn irgendwas dazwischenkommen sollte!“ Aber eine Nummer, die ich anrufen kann, für den unwahrscheinlichen Fall, dass mir etwas dazwischenkommt, erhalte ich nicht. Macht nichts, ich könnte Misi danach fragen, aber ich sehe die Notwendigkeit nicht und lasse es sein.
Zuhause sehe ich mir die Lektion für morgen an und lese die vorherige und die nachfolgende gleich mit, nur für den Fall, dass es nötig sein sollte. Es könnte ja sein, dass ausnahmsweise einmal jemand Fragen zur letzten Lektion stellt, und es kann auch nicht schaden, wenn ich ansage, um was es in der nachfolgenden geht.
Das „York Cultural Center“ liegt übrigens im siebten Stock des Gebäudes, in dem sich auch das Kaufhaus Ito Yôkadô befindet. Man hat von da oben einen netten Ausblick auf die Stadt.

Abends höre ich mir die „Trigun“ CD an… die einzig brauchbaren Lieder sind „H.T.“ und „Kaze wa Mirai ni fuku“, die übrigen sind unbedeutende Hintergrundmusik. Die werde ich nicht behalten. Go, go, Power E-Bay… Die CD von Miyamura Yûko werde ich allerdings behalten. Denn wie ich bereits sagte: Die Frau kann nicht wirklich gut singen, aber ich mag ihre Stimme. Eigentlich paradox.

29. Januar 2024

Donnerstag, 29.01.2004 – Musik

Filed under: Japan,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

Das bedeutendste Element des Tages ist der Unterricht zur Kultur von Tsugaru. Aber der Inhalt ist heute eher gesamt-japanisch. Kitahara-sensei überrascht uns außerdem mit ihren Fähigkeiten am Klavier. Sie spielt seit ihrem vierten Lebensjahr und ist studierte Musiklehrerin. Sie erläutert, dass die gesamte moderne japanische Musik nur auf dem Kulturimport seit der Mitte des 19. Jh. beruhe. Die einzigen ur-japanischen, also wirklich traditionellen Klänge, die man heute noch zu hören bekommt, sind die Neujahrseinspielungen im Kaufhaus (die sich wegen der um zwei Töne kürzeren, klassischen japanischen Tonleiter für mich eher nach einer Beerdigung anhören als nach Neujahr), und vielleicht noch Sondervorführungen von Koto-Musik. Das meiste von dem, was selbst Japaner für Tradition halten, wurde erst in den vergangenen 150 Jahren eingeführt. Was damit zusammenhängen mag, dass Japaner ein reichlich kurzes historisches Bewusstsein haben. Was vor dreißig Jahren geschehen ist, ist schon lange her, hat sich quasi bereits vor Urzeiten abgespielt. Interessiert keinen mehr. Kitahara-sensei erklärt des Weiteren die japanische Musikpädagogik und die Schwierigkeiten, die Japaner hatten, die unbekannten Töne des Westens zu intonieren, da das traditionelle japanische Notensystem nur fünf Klänge kennt. Sie erwähnt, dass sie eine große Sammlung von Nationalhymnen zuhause habe, und das interessiert mich natürlich sehr. Aber die Angelegenheit hat Zeit und es sollte kein Problem sein, die Dame zu kontaktieren.

Im Anschluss will ich im Center einige Daten brennen, aber ich muss feststellen, dass nur die XP-Rechner auch Brenner-Hardware eingebaut haben. Also müssen die Daten verschoben werden. Misi bietet mir an, seinen Memorystick zu verwenden, aber ausgerechnet auf dem einzigen Rechner, der frei ist, sind die Treiber seines Speichers nicht installiert und die CD hat er natürlich nicht da. Ich muss also noch warten.

Am Abend beglückt uns SangSu mit der Hälfte des Öls, das Angela hinterlassen hat. Er hat auch gerade Besuch von einem Freund aus Korea, der, wie’s der Zufall will, deutsche Pädagogik studiert. Zumindest hat er damit angefangen. Nach einem Jahr Deutschunterricht beherrscht er grundlegende Sätze, aber ich bohre auch nicht weiter nach. SangSu pumpt derweil das Öl ein wenig zu enthusiastisch und unser Tank läuft über. Jetzt macht der Untersatz, den Melanie gekauft hat, zwar Sinn, aber vielleicht hätte man das Öl besser mit einer Zeitung oder den Papiertüchern in der Küche aufsaugen sollen, anstatt mit einem unserer Geschirrtücher…

17. Januar 2024

Samstag, 17.01.2004 – Spaziergang

Filed under: Japan,Musik,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Strahlend blauer Himmel und frühlingshafte Temperaturen – was bedeutet das? Ich erlebe gerade die siebte Schneeschmelze seit Dezember letzten Jahres. Das Tropfwasser von den Dächern kann man schon in Litern pro Minute messen, der Schnee auf dem Bürgersteig ist so aufgeweicht, dass man nur noch an schattigen Stellen in Gefahr läuft, auszurutschen, und auf der Fahrbahn ist bestenfalls noch Schneematsch zu finden. Winter in Hirosaki kommt mir vor wie mancher April in Deutschland. Aber darüber habe ich mich ja bereits ausgelassen. Und mein Ölhändler hat mir bereits mitgeteilt, dass der schneereichste Monat immer noch der Februar sei. Danach gehe es beständig bergauf. Im Februar, soso… also genau dann, wenn Ricci und Ronald hier antanzen wollen. Ich glaube, aus Melanies „Kultour-Planungen“ wird nicht viel, wenn das eintritt, was man mir erzählt. Andererseits ist von all dem anderen Zeug, das man mir erzählt hat, auch nicht viel eingetreten.

Ich würde liebend gerne etwas brauchbares über die heutige SailorMoon Episode sagen, aber leider gibt es nicht viel darüber zu sagen. Es handelt sich um eine Leerlaufepisode ohne viel Handlung, und die bedeutendste Handlung dürfte sein, dass Minako bis auf weiteres die Stadt verlässt und meint: „Die schaffen das schon“. Wirklich, da war nicht mehr, was ich für erwähnenswert halten würde. Auf Genvid.com kann man Zusammenfassungen in englischer Sprache lesen, wenn man das möchte.

In der Bibliothek werden heute die Computer gewartet und sind dem Publikumsverkehr nicht zugänglich, also keine Berichte heute. Stattdessen immer noch „Oberschülerausstellung“ in der Mensa. Die Kôkôsei bevölkern noch immer zu Hunderten den Campus, die Mensa wurde mit einem „Welcome“ Schild verziert. Ich mache zwei Fotos von der Masse. Und eigentlich könnte ich bei der Gelegenheit auch was essen. Angeblich sind die Ramen hier nicht schlecht. Und wo ich schon mal da bin, könnte ich auch mal damit anfangen, die Vokabeln für die Abschlussklausur zu lernen.
Der Organisationsgrad in der Mensa ist mal wieder ein klassischer Fall japanischer Ordnung. Auf den Tischen stehen Pappschilder mit den Namen der Schulen. Als ob es zu Schlägereien kommen würde, wenn Leute von verschiedenen Schulen am selben Tisch sitzen. Dabei setzen sich Leute, die sich kennen, ganz automatisch zusammen, auch ohne Hinweisschild, und eine Masse von identischen Uniformen wirkt doch geradezu magnetisch auf andere, die die gleiche tragen. Zumindest denke ich das.
Ich esse meine (recht gute) Nudelsuppe und überprüfe Einträge in meinem Notizbuch auf ihre Aktualität. Und zuletzt bediene ich mich noch großzügig aus einer Obstkiste, die offenbar zur freien Verfügung auf einem der Tische rumsteht.

Ich bewege mich wieder in Richtung Heimat, aber am „Circle K“ fasse ich den Plan, in Richtung Westen weiterzugehen (also „nach links abzubiegen“), um den nächsten Daily Yamazaki Konbini aufzusuchen. Das Wetter ist gut und ich bin in Laune für einen Spaziergang. In Tokyo gab es im Daily Yamazaki kleine Modelle von deutschen Panzern aus dem Zweiten Weltkrieg zu kaufen, also warum nicht auch hier?

Der gesuchte 24h-Markt liegt dann aber doch weiter weg, als ich dachte, und das gesuchte Spielzeug finde ich auch nicht. Na hurra. Jetzt kann ich auch noch die letzten 500 m bis zum Book Off gehen. Dort kaufe ich dann zwei weitere Storyboard Bücher von „Shin Seiki Evangelion“, Band 4 und 5, die jeweils einige Episoden aus der TV Serie abdecken. Band 5 beinhaltet die letzten vier oder fünf Episoden. Die Bücher kosten jeweils etwa 7,50 E. Das erste davon, mit Bleistiftskizzen der Filme, habe ich für 40 E verkauft. Warum sollte ich also die hier nicht für 20 E oder mehr loswerden? Außerdem lachen mich ein paar CDs an. Ich kaufe „Punch the Monkey“, eine Sammlung von Remixes des „Lupin III.“ Soundtracks[1], den Utena OST „Virtual Star Hasseigaku“ („Hasseigaku“ bedeutet „Embryologie“ und ich habe keine Ahnung, was ich aus dem Titel machen soll), die Alben „Irâvatî“ und „Enfleurage“ von Hayashibara Megumi, und Beethovens Achte – dirigiert von Karajan, gespielt von den Berliner Philharmonikern, aufgenommen in Deutschland, und der Japanexport aus der „Berliner Grammophon“ Reihe „Karajan Gold“. Billiger als für 7 E kriege ich die in diesem Zustand auch in Deutschland nicht.

In diesem Zusammenhang fällt mir eine weitere Klassiksammlung auf: Bachs gesammelte Werke, Teil 1 bis 6. Es handelt sich dabei um sechs Kartons jeweils von der Größe eines großen Wörterbuchs, u.a. deutsch beschriftet (wie könnte es anders sein), um die Namen der einzelnen Stücke anzugeben. Jedes Paket kostet 3000 Yen, also etwa 22 E, und von der Größe ausgehend, nehme ich an, dass da mehr drin ist, als einfach nur eine CD mit einem Booklet mit Erläuterungen. Ich interessiere mich allerdings zu wenig für Bach, um sechsmal 22 E dafür zahlen zu wollen. Mit Beethoven oder Wagner wäre das was anderes, aber auch der Blick in meinen Geldbeutel sagt mir, dass ab sofort bis zur nächsten Geldvergabe am 23. Januar Ausgabesperre zu herrschen hat. Der Ausflug nach Tokyo hat das existierende Polster völlig aufgezehrt.

Es stellt sich dann auch heraus, dass auch diese CDs keine Fehlkäufe waren. Vor allem der Utena Soundtrack ist, dank der Stimme von Kamiya Maki, der Überflieger der letzten Wochen. Die Lieder können Dauerschleife laufen und dabei austesten, was die teuren Panasonic Akkus so herhalten: Man kann damit sechs Stunden Musik abspielen, bevor ihnen der Saft ausgeht. Das finde ich sehr positiv.


[1] Der Autor des „Lupin“ Manga nennt sich „Monkey Punch“.

4. Januar 2024

Sonntag, 04.01.2004 – Neujahrsfeier

Filed under: Japan,Manga/Anime,Musik,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Wir stehen um 09:10 auf, weil wir von Familie Jin zum Mittagessen eingeladen worden sind. Zumindest hieß es, um 12:00 sollten wir da sein. Für einen Saarländer klingt das nach Mittagessen. Auf der Straße liegt Schnee, nachdem es gestern Abend zu schneien begonnen hat. Es ist nicht sehr viel, eine dünne, aber geschlossene Schneedecke, und auf jeden Fall genug, um zu Fuß gehen zu müssen. Eine Fahrt mit dem Fahrrad will ich nicht riskieren. Wir müssten also um 11:15 spätestens aufbrechen.

Bis dahin kann ich noch in den „Fushigi no Umi no Nadia“ OST reinhören, den ich gestern gekauft habe. Ich stelle fest, dass man drei Vierteln des Soundtracks anhört, dass die Serie eine GAINAX Produktion ist, das heißt, man hört, dass die Nadia-Musik die Vorstufe zum „Evangelion“ Soundtrack ist, und zwar ganz deutlich. Das ist schade, aber kein Grund für mich, enttäuscht zu sein. Der größte Teil vom Rest besteht aus wirklich brauchbaren Gesangsstücken, obwohl auch darunter welche sind, denen man entweder die „Evangelion“ Verwandtschaft anhört, oder aber, dass die Musik zu den besten „SailorMoon“ Zeiten, also Ende der Achtziger bis Anfang der Neunziger, geschrieben wurde. Gleiche Instrumente, demnach sehr ähnliche Klangelemente, und nur die Melodie unterscheidet sich wirklich von der „Vorlage“. Und natürlich ist die Sängerin eine andere. Aber in den allergrößten Teil der Titel muss ich nur wenige Sekunden hineinhorchen, um zu wissen, dass ich keine Überraschungen erleben werde. Die Unterschiede zum EVA OST sind dafür zu minimal. Ich frage mich ernsthaft, ob ich die CDs behalten soll… im Prinzip könnte ich zwei davon verkaufen.

Wir gehen zeitig los und sind pünktlich bei den Jins, die das Essen in den „alten“ Teil des Hauses verlegt haben, wo wir in einer Räumlichkeit von der Größe von 12 Matten Platz nehmen. Sushanan ist nicht da, und man teilt mir mit, dass ihr „Termin“ erst am 12.01. sei. Die Großeltern sind bedauerlicherweise ebenfalls nicht mit von der Partie, aber ich frage nicht weiter nach. Es wird einiges geboten. Da wäre zum Beispiel ein Topf Oden, dessen Inhalt noch besser schmeckt als der, den ich bei Prof. Fuhrt gegessen habe. Daneben gibt es auch Sushi zum selber rollen. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob der Begriff „Sushi“ hier angebracht ist, da bei dem Begriff jeder gleich an kleine Reisröllchen mit Algenumwicklung und eine irgendwie geartete Kernfüllung denkt. Es sind mehr als die üblichen Zutaten vorhanden, darunter Gurken, Krabben, Fischwurst, Schinken, Fischstreifen, usw., aber sie werden in die Nori wie in eine Tüte eingerollt und so mit der Hand gegessen. Und das Ganze hätte auch bequem doppelt so viele Leute satt gemacht.

Während des Essens erfahre ich, dass Jin Eiko (die Gastmutter) keine Fischprodukte mag. Auch solche Japaner soll es geben. Warum dieses? Sie kommt aus einem Dorf bei Hachinohe an der Ostküste von Aomori-ken und ist die Tochter eines… Fischers. Sie wurde in ihrer Kindheit so sehr mit Fisch gefüttert, dass sie keinen mehr sehen kann. Jin Yûtaka (der Vater) macht währenddessen Fotos von dem Ereignis, das ich nicht fotografieren kann, weil meine Kamera voll ist und ich mein Übertragungskabel bei Ronald in Tokyo habe liegen lassen. Dazu macht er auch kurze Videos mit der gleichen Kamera, die er mir via E-Mail zusenden will.
Er sagt, er sei Arzt mit Schwerpunkt Nuklearmedizin (Radiologe). Und weil er Nukleartechnik so interessant findet, hat er vor einigen Jahren einmal die Gelegenheit genutzt, ein Atomkraftwerk in der Normandie zu besichtigen, wohl zusammen mit einer Gruppe von entsprechenden anderen Wissenschaftlern. Er findet diese Kraftwerke generell interessant, während ich für ein solches Interesse wenig Verständnis habe. In Deutschland sind AKW nicht sehr beliebt.

Zum Nachtisch, und da musste ich doch ein wenig lachen, gab es eine Tasse Instantkaffee, den das Ehepaar von einem „Ausflug“ nach Korea über Weihnachten mitgebracht hat, in den Milch und Zucker schon eingearbeitet sind. Weiterhin gibt es eine Reihe von japanischen Süßigkeiten, die man zu Neujahr serviert, die so richtig chemisch aussehen, und meiner Meinung nach auch ebenso schmecken. Hm, ja… ich habe schon besseren Kaffee getrunken. Und die Süßigkeiten… ich belasse es bei der Probierportion. Aber ich muss mich im Ablegen meiner diesbezüglichen Ehrlichkeit noch etwas üben. Ich sage, es schmecke „interessant“. Es fällt mir schwer, Dinge zu loben, die nicht meinen Geschmack treffen.

Yûmiko hat offenbar Interesse an einer Vortragsform namens „Rakugo“ gefunden. Oder sie ist daran „interessiert worden“. Ich sagte ja bereits, dass sie einen Sprachfehler hat, und Marc erzählt mir später, dass Rakugo in Japan derzeit ein geschätztes Mittel sei, Sprachfehler auszubügeln und deutliches Sprechen zu lernen. Angeblich machen das viele Kinder und auch Leute vom Fernsehen, die mit Sprechen ihre Brötchen verdienen. Hm, dann würde ich dem lispelnden Nachrichtensprecher von NHK eine solche Kur empfehlen. Warum auch immer Yûmiko zum Rakugo gekommen ist, sie hat in bester japanischer Manier zwei kurze Episoden auswendig gelernt und trägt sie uns vor. Als (noch) Laie bin ich mir nicht sicher, warum diese Vortragsart deutliches Sprechen erleichtern soll, denn wie es scheint, besteht eine Kür daraus, möglichst schnell einen Text herunterzurattern, der voller Wort- und Lautspiele ist und sich daher wohl nur dem Muttersprachler voll eröffnet. Ich verstehe gerade mal 10 % der gesagten Begriffe, verstehe keinerlei Zusammenhänge und weiß auch nach der „übersetzten“ Darlegung des Inhalts immer noch nicht so recht, was ich da eigentlich gerade gehört habe und was daran eigentlich lustig ist. Aber es war eine sehr beeindruckende Darstellung von schnellem Sprechen wie von einem japanischen Eddie Murphy.
Yûtarô hält sich wie üblich mit der Interaktion zurück, erscheint mir heute aber wesentlich entspannter als sonst. Immerhin beteiligt er sich an den Gesprächen, und macht nebenher allerlei Unsinn mit seiner Schwester, die Gefallen daran findet, sich von ihm huckepack durch den Raum tragen zu lassen.

Während die Kinder, Melanie und Mutter Eiko bereits zum Spielen übergehen, esse ich noch ein bisschen weiter. Von daher kann ich das Kartenspiel nicht wirklich gut erklären. Auf den Rückseiten der Karten steht jeweils ein Gedicht. Einer der Spieler liest es vor und die übrigen Spieler müssen offenbar die Karte finden, auf der das erste Silbenzeichen des Gedichtes aufgedruckt wurde. Wer am Ende die meisten hat, gewinnt. Aber all das sehe ich nur aus dem Augenwinkel, während ich mit Vater Yûtaka eine Basisdiskussion über Atomstrom führe.
Ich stoße erst zu der Spielgruppe, als Yûmiko ein „Hamtarô“ Poster auspackt. Auf der einen Seite ist Hamtarô selbst, auf der anderen Seite ist Ribon-chan abgebildet (man muss die Namen der Hamster nicht wirklich kennen, aber in Japan kennt sie jedes Kind). Aufgabe dieses Spiels ist nun, den Hamstern mit verbundenen Augen Nase, Augen und Mund zu aufzulegen. Natürlich führt das zu den abwegigsten Ergebnissen, vor allem, wenn der Mund, der die Form einer „3“ hat, die auf dem Rücken liegt, auf dem Oberkörper landet und frei heraus als „Oppai“ („Brüste“) bezeichnet wird, oder aber, wenn er im Unterkörperbereich landet und dem entsprechend „Kintama“ („Goldene Bälle“) genannt wird – eine japanische Scherzbezeichnung für nicht schwer zu erratende männliche Körperteile. Das sorgt für Belustigung, aber noch mehr erstaunt mich der offene Umgang mit Begriffen, die, nach meinem Empfinden, in meinem kulturellen Umfeld in den Tabubereich fallen, sofern man sich nicht in einem wirklich intimen Personenkreis befindet. Das ist hier zwar prinzipiell gegeben, Familie ist Familie, aber immerhin befinden sich auch zwei „Außenstehende“ im Raum.

Auch solche Treffen scheinen in Japan kurz zu sein, und wir werden um 15:00 wieder nach Hause gefahren. In Deutschland bleibt Besuch ja grundsätzlich bis mitten in die Nacht, sofern nicht etwas Dringendes dagegenspricht. Die Eltern setzen sich also nach vorn, Melanie und ich sitzen hinten, und die Kinder… ja, die werden auf der Kofferraumfläche des Jeep-artigen Fahrzeugs „gestapelt“.[1] Es sieht lustig aus, aber für sehr sicher halte ich das nicht. Ich habe überhaupt das Gefühl, dass das Benutzen der Sicherheitsgurte in Japan sträflich vernachlässigt wird, auch im Winter, auf vereisten Straßen. Wer die Sicherheitsgurte erfunden hat, dachte sich auch was dabei. Mein Kumpan Kai verwendet auch keinen, weil er nicht im Auto verbrennen will, weil die Gurtschließe sich verkanten oder die Plastikteile diese zuschmelzen können, wie er sagt. Ich glaube, die meisten machen das aus schierer Bequemlichkeit. Zum Abschied bekommen wir eine Tüte Äpfel. Wie erwartet.

Da der Tag noch jung ist, können wir auch noch Wäsche waschen. Ich will mir auch noch mehr von meinen neuen CDs anhören, aber die Batterien wollen nicht mehr. Diese No-Name Batterien haben noch nie viel getaugt… In Deutschland habe ich mal zwei Akkus von Duracell gekauft, die was herzumachen scheinen. Ich gehe also ins Sunday Home Center und kaufe ein paar Markenakkus von Panasonic und hoffe, dass sie ihr Geld wert sind.


[1] „SUV“ war zumindest mir damals noch kein Begriff.

24. November 2023

Montag, 24.11.2003 – Musica

Filed under: Japan,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

Heute bin ich endlich dazu gekommen, mir meine vor einigen Tagen, am Samstag, gekauften CDs anzuhören. Als erstes den „Cutey Honey“ Soundtrack von 1981, und damit ist es der ganz alte, der allererste Soundtrack zur Serie, und man hört die 70er Jahre deutlich aus der Musik heraus (ganz zu schweigen von den Charakterdesigns, wo die Kleidung Bände über die Entstehungszeit spricht). Ich habe zuhause bereits ein paar Versionen von dem Titellied gehört, aber die sind alle neuer. Das alte Machwerk ist also etwas gewöhnungsbedürftig für jemanden, der in erster Linie Musik aus den 80er und 90er Jahren gewohnt ist. Aber der Soundtrack ist weitgehend gut.

Danach gebe ich mir meinen neuen „Animetal Marathon V“. Von den gespielten 40 Stücken kenne ich vielleicht zehn mit Namen, und fünf habe ich schon mal im Original gehört. Aber es ist auch eine Metal-Version von „Zankoku-na Tenshi no These“ („The cruel Angel’s Thesis“ = das Titellied der Serie „Neon Genesis Evangelion“, für die, denen das mehr sagt) drauf. Es ist das letzte Lied auf der CD. Schlecht ist es nicht. Aber leider auch nicht besonders gut. Der Sänger versucht, die Ruhe in der Stimme von Takahashi Yôko (die das Original gesungen hat) zu imitieren, anstatt „alles zu geben“, wie er das normalerweise tut. Das schmälert den Genuss leider etwas. Da mag ich die Punk-Version lieber, die ich vor zwei Jahren gefunden habe, weil ihr eine starke, treibende Kraft innewohnt… weshalb die Version ja auch auf meiner CD mit den Songs gelandet ist, die man am besten laut hört.

Ich sehe mir das Begleitheft etwas genauer an. Nun ja, dass eines der Studios „Freiheit“ (ja, auf Deutsch) heißt, ist ja durchaus positiv zu nennen. Aber das Design der CD ist von einer Organisation mit der Bezeichnung „NAL@Skinheads“… und eine der Bands im Teil mit den Danksagungen heißt „AUSHVITZ“. Ach Du meine Güte… am anderen Ende der Welt ist die Konnotation dieser Begriffe wohl noch nicht so recht angekommen. Auf japanische Ohren wirkt der Klang nicht so heftig wie auf deutsche. Und ich will auch nicht unterstellen, dass das jemand so meint, wie es unsereiner im Normalfall versteht.

Und wenn ich schon über Musik nachdenke: Wollte Sebastian nicht einen „Final Fantasy“ Soundtrack geschickt haben? Ich kann mich aber beim besten Willen nicht mehr erinnern, welchen er meinte. Wahrscheinlich den neuesten – aber welcher ist das? Nummer XII? Nummer XIII? Oder mehr? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht hätte ich es aufschreiben sollen. Wahrscheinlich sogar.

22. November 2023

Samstag, 22.11.2003 – Let it snow, let it snow, let it snow…

Filed under: Japan,Musik,My Life,Spiele — 42317 @ 10:32

Heute Morgen ist es zum Teil recht windig und einzelne Schneeflocken fallen vom Himmel. Es sind kleine Schneeflocken – aber es sind Schneeflocken. Es ist dem entsprechend kühl.

Die heutige Episode SailorMoon verläuft ohne große Überraschungen. Makoto und Rei streiten sich, Rei wird von Mitarbeitern ihres Vaters (der ein reicher, mächtiger, und vor allem obskurer Politiker ist) gewissermaßen aus dem Schrein ihres Großvaters entführt. Makoto rettet sie (die Wachen fliegen nur so in der Gegend rum) und alles ist wieder gut. Interessant fand ich die Jupiter-Attacke „Flower Hurricane“. Davon habe ich noch nie gehört… oder habe ich die vergessen? Mir deucht, da will jemand kreativ anstatt reproduktiv sein.

Reis Vater oder Großvater bekommt man nicht zu Gesicht. Von dem Schrein hat man allgemein noch so richtig nichts außer ein paar nichts sagenden Außenaufnahmen gesehen. Ich will auch betonen, dass der „Hikawa Jinja“ kein Tempel (= buddhistisch), sondern eben ein Schrein (= shintoistisch) ist. Und bislang fehlt da noch ein wichtiger Jemand: Yûichirô, der Schreindiener aus Leidenschaft. Ich würde sein Fehlen wirklich sehr bedauern. Vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Annäherung von Makoto und Motoki muss ich allerdings fürchten, dass hier die „Beinahe-Beziehung“ Yûichirô/Rei der Animeserie aus Gründen der „Kreativität“ durch die neue Konstellation ersetzt wird.

Abgesehen davon finde ich es ein wenig dämlich, dass die Truppe sich die meiste Zeit in einem der (Karaoke) Räume des „Crown Game Center“ trifft, anstatt im Schrein. Okay, Luna hat den Mädels auf geheimnisvolle Art und Weise Dauerkarten für kostenlosen Zutritt verschafft, aber das wirkt an den Haaren herbeigezogen, und es ist nicht das gleiche, die Stimmung ist total anders, weil der Karaoke Raum widerlich künstlich aussieht, im Gegensatz zu der gediegenen Atmosphäre eines Schreins. Aber selbst wenn die fünf Freundinnen die Raummiete im Game Center zahlen müssten, würde das wohl nicht so sehr ins Gewicht fallen, wie man meinen könnte… am Tisch sitzen ja Usagi, Ami, Rei und Makoto, und schließlich wird noch Minako dazukommen – und von den fünf genannten Personen haben zumindest vier keinerlei finanzielle Sorgen. Bis auf Usagi sind die alle „wohlhabend“ bis „reich“: Minako als gefeierter Star, Rei mit dem Vater im Hintergrund, Ami mit der Ärztin als Mutter (und dem Vater, der es sich offenbar leisten kann, lieber irgendwo in der Welt herumzureisen und Bilder zu malen, als Zeit mit seiner Tochter zu verbringen), und Makoto mit ihrer (zumindest mutmaßlichen) Waisenrente, die ihr eine geräumige Wohnung in Tokyo für sich allein erlaubt!

Venus ist noch nicht dazugekommen. Wenn sie in der kommenden Episode nicht dazustößt, steht fest, dass hier unnötig Zeit und Produktionskapital verschwendet wird – man könnte sich doch auf das Wesentliche beschränken, als ständig nur „Das Monster der Woche“ zu präsentieren. Mehr Storyentfaltung statt Leerlauf! Ich komme zu der Überzeugung, dass die derzeitige Produktion sich auf die erste Staffel beschränken wird. Natürlich mag jetzt jemand einwenden, „auf dieser und jener Seite im Internet sind die Fakten doch zu finden, warum nur vermuten?“, aber ich muss sagen, dass ich mir nicht die Mühe mache, selbst groß zu suchen. Ich weiß inzwischen, was mich interessiert. Ich weiß, dass es eine „Episode 0“ gibt (ein „Making Of“), ich kenne die Namen der Hauptdarstellerinnen auswendig, nachdem ich sie zweimal angesehen habe (wenn mir doch nur alles so gut merken könnte, wie die Namen hübscher Frauen!) und ich habe mir die Geburtsdaten der Mädels mal angesehen – die Hauptdarstellerinnen sind zwischen 1986 und 1988 geboren, also durchaus passend für diese Rollen.

Ein Blick auf meine finanzielle Entwicklung: Am Ende des Monats scheint mir exakt so viel Geld übrig zu bleiben, wie der Anteil Melanies an den Gesamtkosten wert ist – wäre ich alleine hier, hätte ich also gerade genug zum Überleben und ab und zu einen Keks als Sonderration an Sonntagen… Ich empfehle allen meinen Nachfolgern, sich eine Wohnung mit jemandem zu teilen. Wenn man das nicht will und wenn auch nicht übermäßig viel Platz braucht, sollte man keine zwei Zimmer nehmen – eine Einzimmerwohnung reicht voll und ganz aus, und spart ein paar Tausend Yen Miete. Melanie und ich verwenden unser Tatamizimmer z.B. nur als Schlafzimmer und für sonst nichts. Rein materiell betrachtet kämen wir auch mit einem einzigen Raum aus. Der einzige konkrete Vorteil des zweiten Raumes ist der zweite Schrank, der sich darin befindet. Müssten wir die Futons zusammen mit den anderen Sachen in einem einzigen Schrank unterbringen, hätten wir ein Platzproblem. Andererseits wird die eine oder andere Ecke auch noch nicht wirklich effektiv ausgenutzt, wie z.B. das kleine Schrankfach über dem Hauptschrank. Wenn man die ganzen Kartons wegwirft, könnte man da noch einiges hineintun.

Aber was hilft das Klagen (eigentlich will ich mich gar nicht beschweren!), es ist so, wie es ist. Und der wahre Vorteil eines zweiten Raumes ist die Rückzugsmöglichkeit, die er bietet. Andauernd auf Tuchfühlung zusammen zu sein, führt zwangsweise zu Spannungen, die ich zur Erhaltung meiner Beziehung eigentlich vermeiden möchte.

Übrigens muss man nicht gleich verzweifeln, nur weil man zuhause niemanden findet, mit dem man zusammenwohnen möchte oder kann, weil man vielleicht der einzige von seiner Heimatuni ist, der hierher kommt. Es gibt hier genügend Möglichkeiten. Misi hat anfangs ebenfalls nach jemandem für eine 2er-WG gesucht (aber niemanden gefunden, ähem…), aber Mei z.B. hat eine weitere Chinesin gefunden, BiRei, die bereit war, mit ihr eine Wohnung zu teilen. Und mir scheint, die kommen gut miteinander aus.

Aus Tokyo höre ich, dass es dort kaum (oder keine?) „Internationale Feste“ gebe. Wie soll ich diese Meldung interpretieren? Was soll ich denn in Tokyo, wenn die ach so guten Universitäten dort es nicht für notwendig (oder erschwinglich) betrachten, den kulturellen Austausch etwas in Gang zu bringen? Ich finde das reichlich traurig. Dann wundert mich wenig, dass sich unter den vertretenen Ethnien „geschlossene Gesellschaften“ bilden. Wohl dem, der genügend Landsleute zur Auswahl hat! Wenn man mit einzelnen Exemplaren nicht zurecht kommt, kann man sich auch an andere wenden. Wenn man dagegen einen kurzen Strohhalm gezogen hat, vielleicht der einzige aus seinem Heimatland ist oder mit seinen Landsleuten nicht zurechtkommt, dann hat man verloren. Es ist nicht jedermanns Sache, von sich aus auf fremde Leute zuzugehen, um Kontakte zu knüpfen. Und wenn das nicht gelingt oder unterlassen wird, könnte das Austauschjahr eine widerlich einsame und lange Zeit werden.

Ich bin der Meinung, dass die Universitäten den Studierenden unter die Arme greifen sollten, damit diese irgendwo sozialen Anschluss finden. Und das nicht nur bei Japanern, sondern auch untereinander. Wann erhält man schon eine Gelegenheit, sich unter einen derart internationalen Haufen zu mischen? Ich habe das Gefühl, dass die vertretenen Nationen hier interessanter (weil für mich exotischer) sind, als das, was sich z.B. in Trier tummelt (obwohl dort die gleichen vertreten sind). Aber das ist nur meine persönliche, subjektive Meinung. Vielleicht bedarf es dafür einer „anleitenden“ Institution. Und das hiesige Ryûgakusei Center erfüllt diese Aufgabe sehr vorbildlich.

Wenn man eine zurückgezogene Natur ist, die nicht von alleine Kontakte sucht (aber dennoch braucht), muss man doch in Tokyo vereinsamen – oder sehe ich das falsch? Ich persönlich komme damit zurecht, nur oberflächliche Kontakte zu haben, weil ich mich auch mit mir selbst genug beschäftigen kann – aber ich bin ja auch „Der Extreme“. Wer also mehr Wert auf soziale Kontakte legt, als auf die – wie soll ich sagen? – infrastrukturellen Vorteile der Megalopole Tokyo, der komme ruhig nach Hirosaki. Ich habe es bisher in keiner Weise bereut.1
Aber der Winter kommt ja erst noch.

Um zehn Uhr am Morgen kommt SangSu die Treppe hoch und klingelt an meiner Tür – um mir zu sagen, dass es schneit. Ich bin erst ein wenig verwirrt, weil er wegen dieses banalen Umstandes extra vorbeikommt, aber ich empfinde es als eine freundschaftliche Geste. Bei der Gelegenheit kläre ich ihn darüber auf, dass ich kein „-san“, sondern ein „-kun“ bin. Wenn ich irgendwann einmal reich und wichtig sein sollte, darf er mich gerne „Dominik-san“ nennen, aber jetzt reicht mir „Dominik-kun“.2

Wegen der Stimmen auf dem „Flur“ steckt SongMin den verschlafenen Kopf zur Tür raus und redet ein paar Sätze mit SangSu, und das mit einer „Ich bin gerade erst wach geworden“ Stimme, die so niedlich und süß ist, dass ich auf der Stelle Karies kriegen könnte. Danach verschwindet sie wieder hinter der Wohnungstür. Bevor SangSu geht, biete ich ihm an, am Abend doch mit SongMin und Jû bei mir vorbeizukommen, um vielleicht einen Schluck zu trinken und ein bisschen zu „plaudern“, wie man so schön sagt. Er will warten, bis SongMin endgültig ansprechbar ist und Jû überhaupt wach wird (der lernt immer bis drei oder vier Uhr morgens) und verspricht, die beiden zu fragen.

Drei Stunden später treffe ich ihn in der Bibliothek wieder und SangSu teilt mir mit, dass Misi für diesen Abend bereits eine Party geplant habe. Ich habe auch nichts dagegen, da hinzugehen. Bis 1700 schreibe ich drei Berichte und treffe danach Melanie, weil wir zum Ito Yôkadô fahren wollen. Dort befindet sich der Busbahnhof und wir bringen in Erfahrung, wie viel der Trip nach Tokyo mit dem Nachtbus kosten würde. 19.000 Yen wären für Hin- und Rückfahrt zu zahlen, also etwas über 140 E. Das ist nicht wenig, vor allem gerade jetzt, wo ich noch kaum Geld angespart habe. Mein Plan war, bis zum Sommer etwas Geld zurückzulegen, um dann nach Tokyo zu fahren, um auch kommerziell etwas davon zu haben. Meine Geldreserven belaufen sich auf gerade 30.000 Yen, vielleicht ein bisschen mehr, aber 35.000 sind eine großzügige Schätzung. Melanies Planung läuft ja darauf hinaus, über Weihnachten nach Tokyo zu fahren, um mit Ronald und Ricci zusammen Weihnachten verbringen zu können. Natürlich gehen unsere Meinungen da weit auseinander. Für mich ist Weihnachten kein besonderer Tag, also hätte ich nichts dagegen, die kommenden Semesterferien im Frühjahr abzuwarten, um zu fahren. Ich will meine Freunde in Tokyo ebenfalls sehen, aber ich brauche nicht Weihnachten als Anlass. Zwei Monate später ist doch auch in Ordnung, Hauptsache, ich sehe die zwei überhaupt – oder nicht? Auf jeden Fall hätte ich dann auch die notwendigen Reserven, um in Tokyo auch ein paar sehenswerte Dinge besuchen zu können, anstatt mich auf ein Minimum beschränken zu müssen. Natürlich sieht Melanie das völlig anders. Weihnachten sei nun einmal Weihnachten, das sei etwas ganz besonderes und man solle diese Tage mit besonderen Menschen verbringen. Ein Besuch im Februar zum Beispiel sei nicht das Gleiche. Aha, wie soll ich das verstehen? Sind die Freunde weniger besondere Menschen, weil zufällig gerade nicht Weihnachten ist? Ich würde mich immer freuen – aber ich muss doch auch der (finanziellen) Realität Tribut zollen. Wenn ich jetzt nach Tokyo fahre, bin ich nachher pleite, und ich muss vielleicht noch einmal hinfahren, um die Besichtigungen zu machen, die mir so vorschweben. Also doppelte Ausgaben. Das schmeckt mir nicht. Vor allem eingedenk der Tatsache, dass ich möglichst viel Geld auch zurück nach Deutschland nehmen muss, weil ich sonst kein Geld mehr haben werde, um überhaupt meinen Semesterbeitrag zahlen zu können (der zufällig ebenso hoch ist, wie der Preis einer Fahrt nach Tokyo).

Ich könnte – oder muss – meine Internetverkäufe verstärken, damit Geld in die Kasse kommt, aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass diese jetzt geplante Reise nach Tokyo die einzige, und mangels Geld eine relativ magere bleiben wird.3

Ein Argument muss ich allerdings anerkennen: Ronalds Stipendium läuft am Ende des Wintersemesters aus, und es ist wahrscheinlich, dass er danach sofort zurück nach Deutschland fliegt. Also gäbe es keinen Zeitraum außer um Weihnachten, ihn noch einmal zu sehen, bevor ich wieder bis Oktober 2004 warten müsste… also sei es.

Man lebt nur einmal und wenn mir morgen ein Ziegelstein auf den Kopf fällt, habe ich von keinem gesparten Geld der Welt mehr etwas. Also folge ich einer feudalen „Tradition“ und mache mich bei einem „Edo sanpô“ („Gang nach Edo“ = Tokyo) arm. Schließlich bin ich der Schwarze Samurai.4

Nach der Preisinformation gehen wir ins Ito Yôkadô, weil Melanie weitere Bilder von uns machen möchte – „Purikura“, die man noch selbst an einem an der Kabine integrierten Computer bearbeiten kann, um lustige Fotos daraus zu machen.5 Wahrscheinlich habe ich darüber bereits geschrieben, also gehe ich nicht weiter auf dieses behämmerte Thema ein – Purikura sind für Kinder! Und von dieser Meinung werde ich in absehbarer Zeit nicht abweichen. Unter Teenagern erfreut sich dieses „Spiel“ jedenfalls der größten Beliebtheit, wie mir scheint.

Der Automat, den Melanie verwenden möchte, ist gerade besetzt, also setze ich mich in die CD Abteilung ab, um auch mal nach den CDs zu forschen, nach denen man mich bereits gefragt hat. Aber ich muss das anders anpacken. Ich finde auf eigene Faust nicht sonderlich viel, und ich will den Angestellten nicht nach allem auf einmal fragen… auch – oder vor allem? – um meinetwillen. Am besten schreibe ich einzelne Zettel mit den Interpreten und besorge mir etwas Vokabular, dass in einer CD Abteilung von Nutzen sein könnte. Am besten fange ich mal mit „bestellen“ an.

Ich finde auch Material, das mich selbst interessieren würde. Eine CD von Ogata Megumi… „Stop and Go“. Habe ich noch nie von gehört. So wie die CDs hier verpackt sind, muss ich annehmen, dass Deutschland den Japanern eine Serviceleistung voraus hat – offenbar kann man eine beliebige CD nicht einfach so anhören. Aber vielleicht hätte ich fragen sollen, anstatt es nur zu vermuten. Ich merke mir die CD einmal. Ah, Hayashibara Megumi findet sich auch, aber nur Singles, mit Ausnahme von „Fuwari“. Was soll ich mit Singles? Ich mache mir eine Notiz für „Fuwari“. Oha, da ist der „ANIMETAL MARATHON“… Nummer Fünf??? Dann habe ich ja einiges verpasst. Aber den nehme ich sofort mit, koste es, was es wolle. Und wenn ich schon dabei bin, nehme ich mir auch eine CD mit dem gaaanz alten „Cutey Honey“ Soundtrack mit. Dem kann ich jetzt nicht widerstehen. Oh, da steht der komplette „Sakura Taisen“ Soundtrack… teuer… aber vorgemerkt.

Dann ist der Automat endlich frei. Melanie darf die Bilder alleine bearbeiten. Mir fehlt das Verständnis dafür, was daran so toll sein soll. Mir fehlt das Interesse, also spiele ich eine Runde „Point Blank“, bzw. es ist wohl eines der Spiele aus der Reihe, und es heißt „Gun Barl“. Barl? Barrel? Japlish? Egal, die Pistole erweist sich als schlecht eingestellt und außerdem ist das Kabel zum Automaten nicht für jemanden gemacht, der größer als 170 cm ist.

Daneben steht ein Automat für ein weiteres Spiel. Und das ist seltsam. Man muss extra Spielmünzen dafür aus einem Automaten ziehen. 100 Yen geben 10 solcher Spielmünzen, „special coins“ (SC) genannt. Der Automat besteht aus einem Glaskasten und sieht ein wenig wie ein Aquarium aus. In dem Kasten bewegt sich ein Schieber vor und zurück, der bis zu einem gewissen Punkt die eingeworfenen Spielmünzen auf den Rand einer Ablage zuschiebt. Man lässt die SC über eine Schiene in den Automaten hineinrollen, und zwar hinter die bereits liegenden Münzen. Die neu eingerollte Münze kommt zum liegen und der Schieber drückt sie gegen die anderen Münzen, die ihrerseits nach vorne geschoben werden und die vordersten Münzen über den Rand hinausschieben. Sinn ist es nun, mehr Münzen aus dem Automaten herauszuholen, als man hineinwirft – wer hätte das gedacht? Machbar ist das eigentlich nur mit dem richtigen Timing. Wann man überhaupt zu spielen beginnt, heißt das. Die Münzen fallen nämlich nicht nur in den Ausgabeschacht, sondern auch in einen Jackpot. Befindet sich darin eine gewisse Menge an Münzen, wird ein sauberer Stapel mit dreißig Münzen auf die Ablage vor dem Schieber geschoben, oder aber ein wilder Haufen von vielleicht 50 Münzen auf die Ablage ausgeschüttet. Man sollte also nur dann spielen, wenn dieser Stapel, bzw. der Haufen, sich bereits sehr nahe am Rand der Ablage befindet. Das war bei mir der Fall – sonst wäre ich nicht auf die Idee gekommen, es zu versuchen. Nach dem Einsatz von fünf Münzen habe ich etwa 40 zusätzlich gewonnen, ich habe also 45 in der Hand. Ginge es hier um 10-Yen-Münzen, wäre die Sache in Ordnung und ich nach Hause gegangen, aber es sind ja Spielmünzen. Was soll ich mit dem Müll? Man kann diese Münzen nur in den Kinder-Pachinko-Automaten werfen, die ganzen anderen Spiele funktionieren alle nur mit 100-Yen-Münzen. Also bleibe ich noch eine Zeitlang und verspiele meine ganzen Münzen. Melanie findet es interessant, nachdem sie mit den Bildern fertig ist, und steuert noch einmal zehn Münzen bei, aber dabei kommt nichts Sinnvolles heraus, weil sich keine Münzenansammlung an einem kritischen Punkt befindet.

Anschließend gehen wir ins Daiei und kaufen Getränke und etwas zu Knabbern für unser Erscheinen bei Misi. Wir haben aber auch Hunger und gehen deshalb vorher noch ins Sukiya und essen eine Schüssel Gyûdon. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Schüssel mit Reis, der unter dünnen Fleischstreifen versteckt ist. Ich war mit Yui einmal hier, als ich meinen Futon gekauft habe.

Dort ruft mich SangSu an. Es ist 19:40, und, ja, eigentlich hätte ich mich schon vor zehn Minuten mit ihm treffen sollen, um zu Misi zu gehen. Ja, aber ich wolle erst was essen. Er könne also losfahren oder gehen. Vielleicht besser „gehen“, denn während des Nachmittags hat es zu schneien begonnen und es hat sich eine mehrere Zentimeter dicke Schneedecke gebildet. Fahrradfahren wird zu gefährlich, aber wir können unsere Fahrräder auch nicht beim Sukiya stehen lassen. Also fahren wir betont langsam und vorsichtig zu Misis Haus.

Wir treffen um 20:15 dort ein. Anwesend sind dort dann Alex (Rumänien), Mélanie (Frankreich), Ramona, Luba, Arpi (Slowakei), Paola (Chile), Irena (Slowenien), SangSu (Korea), Glenn (Philippinen), Misi (Ungarn), Melanie und ich. SangSu hat was zu trinken aus Korea mitgebracht, und auf der Flasche steht „Jinro“ und „25 %“ drauf. Es riecht nach dem Zeug, was man im Krankenhaus zum Desinfizieren verwendet, und der Geschmack überzeugt mich auch nicht davon, dass SangSu sich nicht im hiesigen Krankenhaus bedient hat. Er sagt, man trinke das am besten mit Orangensaft. Leider haben wir aber keinen. Und Jinro schmeckt pur absolut langweilig. Und davon, dass Alkohol drin ist, merke ich auch nichts, obwohl ich kein regelmäßiger Trinker bin. Alex schlägt das Produkt aus Korea – mit einem selbst gebrannten Pflaumenschnaps aus Rumänien, den er in seinem Handgepäck ins Land geschmuggelt hat. Die Hälfte vom Inhalt sei Alkohol, sagt er. Ah ja, dann lass mal probieren, schließlich ist alles besser als Jinro. Das rumänische Produkt ist glasklar und schmeckt in der Tat nach Pflaume. Man spürt, dass Alkohol darin ist, es ist ein sanftes Brennen, dass den Hals hinunter in den Magen gleitet, wo sich anschließend eine wohlige Wärme ausbreitet. Sehr angenehm zu trinken, wirklich. Dabei mag ich eigentlich gar keinen Schnaps… aber ich vertilge zwischen 50 und 100 ml davon. Zumindest behaupte ich, dass es angenehm zu trinken sei. Die Mehrzahl der übrigen Leute sagt, dass es ein scharfes Zeug sei, was Alex da produziert habe. Leider habe ich vergessen, wie das Getränk heißt… ich hätte es aufschreiben sollen, als ich den Namen noch im Ohr hatte.

Nebenbei erfahre ich, dass wir einen VIP unter uns haben. Ich hatte mir irgendeinen Scherz erlaubt, worauf Misi mich angrinst und sagt: „Sei vorsichtig, wie Du mit dem redest – der fummelt an Gehirnen rum!“

Arpi, „Mr. Minority“, ist ein Ungar mit einem slowakischen Pass, und eine Berühmtheit, die uns mit ihrer Anwesenheit ehrt. Natürlich ist er nur in Fachkreisen berühmt. Der Mann ist tatsächlich promovierter Mediziner – einer der führenden Gehirnchirurgen unserer Zeit, um genau zu sein. Er führt uns auch vor, wie gut seine Hände zittern können – wenn er sich Mühe dabei gibt. Er ist ebenfalls zur Fortbildung hier.

SangSu trinkt währenddessen, als gäbe es kein Morgen. Das heißt, er ist es, der den Großteil des Jinro und etwa die Hälfte des Pflaumenschnapses in sich hineinschüttet. Für einen schmal gebauten Koreaner reicht das aus. Er wird sehr lustig, nimmt Irena und Glen bei den Händen und beginnt ein wenig zu singen und zu schunkeln. Um etwa 22:45 muss er wohl auf die Toilette, aber er biegt falsch ab und landet an der Haustür. Misi will nicht, dass er an die Haustuer pinkelt, schon gar nicht an die Innenseite, also folgt er ihm sicherheitshalber. Knapp zehn Minuten später sind die beiden zurück. SangSu hat sich, aus welchem Grund auch immer, auf sein Fahrrad gesetzt und ist einige Meter weit gefahren, bevor er das Gleichgewicht verlor und auf den kalten Boden fiel. Er hat Abschürfungen am rechten Ellenbogen und sein linkes Hosenbein ist völlig durchnässt. Aber er spürt absolut nichts davon und trinkt in einem Zug den Rest von dem rumänischen Schnaps aus.

Um 23:35 (ich habe auf die Uhr gesehen) ist dann Schluss. Er will nach Hause. Es ist auch nichts mehr zu trinken da, also ziehen wir ihm seine Jacke an, packen ihn an den Armen und stützen ihn auf dem Weg nach Hause. Es ist also wirklich sein Vorteil, dass er mit uns im gleichen Haus wohnt. Die Fahrräder lassen wir bei Misi stehen, es hätte keinen Zweck, sie mitzunehmen. Erstens liegt Schnee und zweitens bringen wir einen sehr betrunkenen und nicht gehfähigen Koreaner ins Bett. Drei Fahrräder kann man nicht gleichzeitig befördern. Wir kommen morgen wieder und holen sie ab.

Im Endeffekt tragen wir ihn mehr, als wir ihn nur stützen. Außerdem labert er die ganze Zeit vor sich hin. Auf Japanisch. Ich hätte jetzt erwartet, dass er im Rauschzustand zu Koreanisch zurückkehren würde, aber er redet Japanisch. Wenn auch nur eine Handvoll Vokabeln. „Demo… daijôbu!“ („Aber… mir geht’s gut!“) wird uns wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. Und er habe ein schönes Gesicht, behauptet er von sich, „Watashi wa… kirei kao!“ Dann stellt er fest, dass auch wir schöne Gesichter haben und fünf Minuten darauf ist die ganze Welt bevölkert von Menschen mit schönen Gesichtern. Eine Dame, die ihren Hund spazieren führt, weicht uns vorsichtig aus. Ich kann sie auch ein wenig verstehen. Ich entschuldige mich im Vorbeigehen schnell für die Unhöflichkeit. Ja, SangSu, das Leben ist toll. Vor allem wenn man von dem Leiden der Welt befreit ist. Betrunken sein = Nirvana? Ach nein, das Trinken berauschender Getränke ist im Buddhismus ja untersagt. An der letzten Ampel nimmt er sich das Recht, Melanie auf die Wange zu küssen. Ich nehme mir das Recht, ihm einen moderaten Schlag mit der Handfläche an den Hinterkopf zu verpassen. Er wird sich eh nicht mehr daran erinnern.

Wir kommen schließlich zuhause an und eigentlich sind wir auch ganz froh, dass sein Apartment im Erdgeschoss liegt. Mit der untrüglichen Intuition eines Betrunkenen spürt er, dass er daheim ist. Direkt vor seiner Haustür, als Melanie gerade aufsperrt, schläft er ein. Er hat seinen Schlüssel in die Jackentasche gesteckt, und wir dachten einen Moment lang, er habe ihn verloren. Aber jetzt ist er weg vom Fenster. Ich überlege, ihn einfach über die Schulter zu werfen, um ihn in seine Wohnung zu befördern, da er ja nicht viel wiegt. Nicht viel mehr als einen Zentner, würde ich schätzen. Aber wenn ich ihn auf meine Schulter lege, könnte er eventuell seinen Mageninhalt auf meinem Rücken verlieren, und das möchte ich vermeiden. Also nehme ich ihn am Gürtel und schleife ihn in seine Küche, wahrend Melanie das Bett vorbereitet. Sie lässt es sich auch nicht nehmen, peinliche Bilder von ihm zu machen, wie er da praktisch bewusstlos (aber bekleidet) am Boden liegt. Und seine Wohnung muss sie auch festhalten. Eine Junggesellenbude – um es höflich auszudrücken. Hausputz dringend erforderlich. Melanie nimmt daraufhin seine Beine und ich seine Arme, und wir hieven ihn in sein Bett. Wir ziehen ihn aus, soweit notwendig, weil er nasse Füße hat und auch nicht in einer nassen Hose schlafen sollte, und decken ihn zu. Die Zimmertür lassen wir einen Spalt offen und das Licht in der Küche an, damit er problemlos den Weg zur Toilette findet, sollte es im Laufe der Nacht notwendig werden. Hoffentlich kotzt er nicht in sein Bett…

Nachdem wir dann gegangen sind, wartet 20 Meter weiter bereits die nächste Zufallsbegegnung. Jû und SongMin stehen auf dem Gang rum, dick in Jacken eingepackt. Wir klären sie schnell darüber auf, was vorgefallen ist und bitten sie, am folgenden Morgen nach ihm da unten zu sehen. Seine Wohnungstür sei offen, der Schlüssel liege auf der Ablage neben seinem Bett. Ja das sei in Ordnung, und sie bedanken sich, dass wir ihren Landsmann nach Hause gebracht haben. Und sie vergessen auch nicht, sich für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Schon in Ordnung. Aber warum die nächtlich Versammlung in dicken Winterjacken? Sie seien von dem plötzlichen Kälteeinbruch überrascht worden und hätten noch kein Öl gekauft. SongMin habe zwar einen elektrisch heizbaren Futon, aber dennoch sei es unerträglich kalt. Man kann m.E. darüber streiten, was „unerträglich“ denn nun sei, aber ich biete den beiden an, von meinem Öl etwas zu nehmen, damit sie übers Wochenende heizen könnten. Nein, das sei schon in Ordnung. Aha, und am Montag ist Feiertag, so weit ich weiß. Es würde ein kaltes und ungemütliches Wochenende werden. Er wolle es bei der Tankstelle versuchen. Nein, muss ich einwenden, die verkaufen kein Kerosin, sondern nur Diesel, und auf den Öfen sei groß aufgedruckt, dass man eben keinen Dieseltreibstoff verwenden dürfe. Die Diskussion wogt hin und her, bis ich schließlich nicht mehr diskutieren will. Ich mache eine fordernde Geste mit der Hand und sage ihm „Tanku wo dashite!“ („Los, schieb den Tank rüber!“). „Ee, kowai!“, sagt Jû und lacht, aber dann holen die zwei endlich ihre Kerosintanks aus den Öfen. Ich gebe jedem von ihnen etwa zwei bis drei Liter Öl, das reicht für knapp eine Woche. Was ich denn nun dafür haben wolle? Nichts eigentlich – aber das ist keine akzeptierte Antwort. Also gut, sagen wir 200 Yen. Dabei dachte ich an 100 Yen pro Nase, aber jeder kommt mit zwei 100er Münzen zu mir. Auch egal jetzt. Ich bin müde und will in mein Bett und nicht um 200 Yen diskutieren. Obwohl ich mir ein bisschen schlecht dabei vorkomme, weil man für 400 Yen etwa 10 Liter Öl bekommt.

Also haben wir heute gleich alle Koreaner in unserem Haus auf einmal „gerettet“. Ich setze mich an den Schreibtisch und halte meine Eindrücke vom heutigen Tag fest, bevor ich die Hälfte wieder vergesse. Das ist jetzt wichtiger, als mein Bedürfnis nach Schlaf. Morgen ist sowieso ein freier Tag. Um 01:50 bin ich fertig damit – und ich freue mich darauf, diesen Newsletter zu schreiben. Es ist spät. Morgen kann (und sollte) ich wohl ausschlafen. Oh ja, der Montag ist ja ebenfalls frei… dann kann ich ja wirklich beruhigt unter meine Decke kriechen.

1 Osaka scheint – vertreten durch die Osaka Gakuin – eine gute Alternative zu Hirosaki zu sein. Osaka bietet nämlich „Homestay“, i.e. Wohnen in der Gastfamilie.

2 Ebenfalls eine Misskonzeption meinerseits. „-kun“ wird in der Hierarchie von oben nach unten verwendet, nicht unter Gleichgestellten; und wenn doch, dann nur in der Dritten Person.

3 Die Realität zeigte mir jedoch einen gangbaren Mittelweg und alles kam besser, als befürchtet…

4 „Schwarz“ ist ja nun mein Familienname. „Dominik“ wiederum ist Latein und bedeutet „der seinem Herrn dient“; „dienen“ auf Japanisch ist „haberu“ und es schreibt sich mit dem Schriftzeichen „Samurai“.

5 „PuriKura“ ist die japanisierte Abkürzung für „Print Club“.

16. Januar 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 5)

Filed under: Arbeitswelt,Musik — 42317 @ 20:47

Nun pendelte ich also täglich nach Koblenz, im dicksten Februarwinter. Auf der Fahrt hörte ich Radio und fand ganz unerwartet mehrere aktuelle Songs, die mir gefielen, so sehr, dass ich sie auch kaufte. “Everything at once” war dabei (ein Lied, das möglicherweise niemals so weit gekommen wäre, hätte es diese Kinowerbung damals nicht gegeben…), auch “Guardian”, “Geboren um zu leben”, “Euphoria” lief ab und zu, “Move in the right direction”… Irgendwann auch dieses Lied von SELIG… wo man sich bei Stress am Paketband dabei erwischte, wie man auf einmal laut “Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte nicht alles auf einmal!” sang. Radio hören war ungewohnt befriedigend in jenen Tagen, wenn man davon absah, dass der Moderator einem schnell auf den Keks gehen konnte. Nach wenigen Wochen, als all die schönen Lieder wieder out waren, war es dann aber auch schon wieder vorbei.

Dienstlich hatte ich mit Peter um diese Zeit das Gespräch, dass ich den Druck nicht ewig aushalten würde, denn immerhin arbeitete ich bereits seit Mitte November über 12 Stunden pro Tag (gerechnet ab 0430 am Morgen, bis ich denn um 17 Uhr, um 18 Uhr oder sogar noch später endlich nach Hause kam) – was immerhin dazu führte, dass er mir anbot, an zwei Wochenenden, genauer jeweils Sonntag auf Montag, ein Zimmer für mich zu reservieren, damit ich in Koblenz auf Wohnungssuche gehen konnte, da die für mich angedachte Verwendung voraussetzte, dass ich nah am Arbeitsplatz wohnte, und die neuen Aufgaben übernehmen zu können, war die Voraussetzung für weniger Arbeitsstunden.
Der Plan war gut gemeint, machte aber natürlich wenig Sinn, da man heutzutage Wohnungen per Internet sucht, dann einen Termin mit dem Vermieter aushandelt und nach Absprache hinfährt. Diese komplexe Kette von Handlungen an einem Sonntag hinzubekommen, war fast unmöglich (ich hatte die Woche über nicht wirklich Zeit, mich abends noch um sowas zu kümmern), aber ich tat (bzw. versuchte) es trotzdem.

Ich nahm den Laptop meiner Freundin und setzte mich ins Ibis Budget Hotel in Mülheim-Kärlich, das anpries, kostenloses W-LAN zur Verfügung zu stellen.
Die Zimmer mit Dusche waren sauber, das Bett bequem – was will man mehr? Na, ich wollte W-LAN. Aber der Empfang war in den Zimmern (zumindest in den beiden, die ich bewohnte) so schlecht, dass da kein Blumenpott und schon gar keine Wohnungssuche mit zu gewinnen war. W-LAN hatte man genau dann, wenn man sich im Eingangsbereich direkt an den Router setzte, und da der Lobbybereich nach den Frühstückszeiten wieder geschlossen wurde, blieb einem nur der Fußboden. Alternativ gab es einen frei zugänglichen Rechner am Eingang, wo man nach Lust und Laune surfen konnte – im Stehen. Tolle Wurst.

Ich suchte auf einschlägigen Seiten und fand auch Angebote, die mich reizten (höchstens 600 E Warmmiete, 3ZKB, kein Dachgeschoss, höchstens 30 Fahrminuten vom Depot weg, vielleicht auch nicht gerade ein Dorf mitten in der Pampa, wo meine Freundin ohne Auto und Führerschein keine Jobchancen hätte und der Wocheneinkauf schwierig wäre), aber auf telefonische Anfrage hin erhielt ich entweder Absagen oder es offenbarte sich das andere Problem, nämlich, dass ein Besichtigungstermin so kurzfristig nicht zu machen sei. Es lief also so, wie erwartet.
Gefrustet besuchte ich einen in Koblenz lebenden Schulkameraden und verbrachte den ersten Sonntag Nachmittag mit Schwatzen und Fernsehen (die Neufassung von “True Grit” mit Jeff Bridges und Matt Damon von 2010 – guter Film übrigens).
Die beiden anberaumten Wochenenden vergingen so eher nutzlos, da ich nur das tun konnte, was ich auch von Trier aus hätte tun können: Im Netz nach Wohnungen suchen. Es sollte danach noch ein paar Wochen dauern, bis ich auf konventionellem Wege eine Wohnung fand und den Umzug nach Koblenz in Angriff nehmen konnte. Dazu später mehr.

2013 war (nun auch in Retrospektive) so etwas wie ein ewiges Vorweihnachten. Ich bekam mehr Stopps, als ich je für möglich gehalten hatte. Der erste Rekord waren 63 Kunden auf der Eifeltour, das sind bei meinen Fähigkeiten genug, um bis abends um Sechs mit Ausliefern beschäftigt zu sein. Ich verlor die Nerven, könnte man sagen: Mit einem FedEx-Umschlag kam ich zu einer Kundin, die auf dem Veterinäramt arbeitete und nie zuhause war. Ich brauchte Wochen, bis sie endlich eine Anliefervereinbarung (ALV) einreichte, die es mir erlaubte, ihre Pakete ohne Unterschrift in die Garage zu stellen. Die Nachbarn nahmen nichts mehr für sie an und beschrieben sie als eine Art Zicke, die sich nicht dazu herabließ, auch mal Danke zu sagen…
Ihre ALV galt jedenfalls nur für Transoflex-Pakete, nicht für FedEx-Packstücke, auch, wenn sie vom selben Fahrer gebracht werden (FedEx verlangt einen eigenen Vertrag). Ich wollte das Paket aber loswerden, denn erstens hatte ich so schon genug Stress und zweitens wurde die Straße ausgebessert, das heißt, ich musste 200 m durch die Baustelle gehen, um überhaupt zu ihrer Adresse zu gelangen.
Was tun? Ich schrieb in das Namensfeld des Scanners “Meier” und improvisierte eine Unterschrift. Wen interesiert schon, wer der Herr Meier ist, wenn das Paket da ankommt, wo es hinsoll? Ich legte es an den gleichen Platz, wo auch sonst immer die anderen Pakete hinkamen, schloss die Garage fest zu und fuhr weiter.

Unerwarteterweise wurde ich am folgenden Tag vom Rasterfahnder und dem R. in die Mangel genommen: Wo das Paket und wer der Herr Meier sei, der sei dort unbekannt. Nein, ich hatte das Paket nicht gestohlen – was sollte ich mit einem Stück Damenbekleidung (“Rumba Skirt” sagte die Inhaltsbeschreibung)? Ich legte die Karten auf den Tisch, der Rasterfahnder informierte die Kundin, die fünf Minuten brauchte, um ein Päckchen mit auffällig buntem “FedEx” Aufdruck in ihrer kleinen Garage zu finden, und ich hatte bei der Gelegenheit bei R. einen nicht geringen Teil meines guten Rufs verloren. Zum Kotzen war das. Nicht nur, dass ich mich hatte gehen lassen, die Frau war scheinbar genau so dämlich, wie die Nachbarn das behaupteten.

Ich war natürlich nicht der einzige, der nicht wusste, wo ihm der Kopf stand. Die Suche nach Paketen trieb so manchen bis kurz vor die Verzweiflung und bei Doc hatte ich ab und zu den Eindruck, er sei den Tränen nah. Ich half ihm, wo ich konnte (wie ich das bei jedem tat, der es nötig hatte) und sparte ihm durch entsprechende Tipps auch einiges an Zeit. Dann verschwand das verzweifelt zerknitterte Gesicht und machte einem strahlenden Lächeln Platz. Die Verwandlung war angesichts der Polarisierung von einem Extrem ins andere immer wieder amüsant. Er versprach mir, bei Gelegenheit vorbeizukommen und nigerianisches Essen zu kochen, seine Mutter habe nicht versäumt, ihm entsprechende Fähigkeiten mit auf den Weg nach Europa zu geben.

Dann kam er einmal zu mir und beschwerte sich über einen Kollegen, der ihn unhöflich behandelt hatte. “He’s a fucking racist!” sagte er. Ich dachte einen Moment über den Angeklagten nach, meinte aber dazu: “Nein… der redet mit allen so, wenn er einen schlechten Tag hat. Alle Rassisten sind Idioten, aber nicht jeder Idiot ist auch ein Rassist.” Leuten mit Vorurteilen gegenüber Minderheiten rutschen in der Regel immer wieder herablassende Wörter heraus (z.B. “Hakennase” für “Jude”/”Israeli”), die für sie normale Sprache sind (und viele kleiden die fraglichen Vokabeln unterbewusst in einen spöttischen Sprechklang, um dem Ganzen den Anschein eines Scherzes zu geben), das heißt, es fällt ihnen nicht auf, dass sie sich jeden Tag outen; das war bei dem Gemeinten aber nicht der Fall, von daher blieb und bleibe ich bei meinem Urteil.

Es gab natürlich auch unterhaltsame Momente… so sprach er mich einmal an (mit dem situationsgemäß verzweifelt in Falten gelegten Gesicht) und klagte, dass er viele Pakete und einen 12-Uhr-Express in einem der abgelegenen Eifeldörfer habe – wie solle er das schaffen? Bert war in der Nähe und hatte das mit angehört. Er schlurfte zu uns herüber, legte mir brüderlich die Hand auf die Schulter und sagte mit einem Grinsen zu mir:
“Don’t listen to him… you know, for him, everything is, like, faaar and cooomplicated…”
Sogar Doc lachte darüber und rief: “Shut the fuck up!”

Ein andermal ging es um sein Haar, um die Ansammlung desselben auf seinem Kopf. Leider weiß ich nicht mehr, wie wir darauf gekommen waren, aber ich kam nicht umhin, meinen Verdacht laut zu äußern:
“Are you dyeing your hair!?”
Ein Ausdruck des Ertapptseins erschien auf seinem Gesicht, und er erwiderte mit einer Stimme, als flehe er den Richter um Gnade an: “I’m not a young man anymore…”
Ein schlicht köstlicher Moment.

Als kleine Anekdote sei hinzugefügt, dass er Anfang Januar 2013 ein paar Tage krankgeschrieben war, ich wurde an seiner statt in die Eifel geschickt. In Neuerburg erwartete mich die bereits früher beschriebene Frau des Tierarztes, drückte mir 20 E in die Hand und sagte: “Hier, Ihr Weihnachtsgeld, ich hab schon auf sie gewartet.” Wahn-sinn! Es gibt Tage, da weiß man, dass man etwas richtig macht.

Aber als der Winter dann vorbei war, verließ uns Doc wieder. Er hatte wohl Ende Sommer ein Kind gezeugt, dessen Geburt für Ende Mai angekündigt war, und plante voraus. Um das Kind in guten Händen zu wissen, hatte er den Umzug von Trier nach St. Wendel beschlossen, in die Nachbarschaft seiner Schwiegermutter, die einspringen würde, wenn seine Frau arbeitete, und um die Sache abzurunden, hatte er einen Wechsel ins Transoflex Depot in St. Ingbert erwirkt. Ich telefonierte ein paar Wochen später mit ihm und fragte, wie es ihm so ginge und er zeigte sich guter Stimmung. Er brauche zehn Minuten bis zum ersten Kunden und sei um 16 Uhr zuhause. Ich sprach ihn auf sein Versprechen mit dem Essen an und er versicherte mir, dass er das keinesfalls vergessen habe. Aber der Mai stand vor der Tür und ich fragte ihn, ob es möglich sei, in den kommenden vier Wochen einen Termin zu finden – denn wenn das Kind erst mal geboren sei, werde er keine Zeit mehr für egal was haben. Nein, im Mai habe er leider keine Zeit, aber das werde sicherlich noch im Laufe des Jahres 2013 hinhauen.
Natürlich kam es letztendlich so, wie ich es prophezeit hatte. Wir standen auch nach Mai 2013 noch in lockerem Kontakt, aber sein Familienleben nahm ihn voll und ganz in Anspruch. Es sei ihm gegönnt.

Bei Elmo kam es zu einem Kurzschluss. Es dürfte im April oder Mai gewesen sein. Er arbeitete auch viel zu viel und zu lang, und er machte (zumindest nicht ganz zu Unrecht) die mangelnde Kompetenz von Peter und Rama dafür verantwortlich. An einem warmen Frühlingstag kam es um etwa Viertel nach Acht zur Konfrontation der drei. Es wurde laut und emotional und Rama sprach eine fristlose Kündigung aus, und danach tat er etwas, was ich ihm bei aller sonstiger Sympathie nachtrage: Er forderte die Richtung Trier abfahrenden Fahrer auf, Elmo keinesfalls mitzunehmen, der solle selber gucken, wie er heimkäme.
Ich ignorierte diese Aufforderung geflissentlich, sammelte Elmo am Ende der Straße auf und fuhr ihn zu einer Bekannten nach Ehrang, da ich zu dem Zeitpunkt Trier Nord fuhr.
Ein paar Wochen später traf ich ihn erneut, in Ruwer: Er hatte einen Job bei GLS gefunden (Mike ließ grüßen), wenn auch als Sprinterfahrer. Aber er sah zehn Jahre jünger aus als an dem Tag, an dem man ihm in Koblenz gekündigt hatte. Bei GLS sei auch nicht alles traumhaft, erzählte er, aber er könne nun wieder zu einer verträglichen Zeit aufstehen und habe eine vertretbare Arbeitslast zu tragen.

Auch Bert ging zum Ende der ersten Jahreshälfte. Er fand einen Lagerjob so nah an seinem Wohnort, dass er mit dem Fahrrad hinfahren konnte. Zufällig handelt es sich um einen Kunden der Saarburger Tour, von daher sah ihn Puck ab und zu, wenn er dort eine Zustellung machte.

31. März 2010

Musikalisches Intermezzo

Filed under: Musik — 42317 @ 11:48

Es ist ja nicht so schrecklich viel los dieser Tage… ich hab auch nicht so die Muße, mich mit meinem Blog zu beschäftigen, da ich ja ne Menge anderer Sachen im Kopf habe, die mich geradezu blockieren.

Aber hier habe ich ein Musikvideo, das zwei künstlerische Ausdrucksformen vereinigt, die zumindest ich noch nie in ein und dem selben Kontext gesehen hätte.

21. Februar 2008

Kratzer an der Fassade

Filed under: Musik — 42317 @ 23:48

Du fühlst dich stärker, weil du Fehler nie vergibst,
du bist das Maß aller Dinge, die du selber liebst.
Hast du die Frage je gestellt:
bist du zu gut für diese Welt?

Du hast nie gefragt, hast an nichts geglaubt,
du hast dein Leben auf Sand gebaut.

Gegen den Strom, mit dem Kopf durch die Wand –
wann fängt deine Zukunft an?

Ein Weg ohne Ziel ist unendlich weit,
weisst du, wieviel Zeit dir noch bleibt?

Bist du wirklich der, für den du dich dich hältst?
Bist du zu gut für diese Welt?

Es handelt sich hierbei um einen Songtext, um die zweite Hälfte eines Songtextes, um genau zu sein. Die erste Hälfte ist etwas flacher, meiner Meinung nach, von daher gebe ich nur die stärkere, zweite Hälfte an.

Ich habe das Lied in den vergangenen Wochen mehrfach gehört, weil es sich auf der Playlist meines MP3 Gerätes befindet, und ich muss mir eingestehen, dass mich der Text in meinem Innersten berührt. Er ruft eine emotionale Reaktion hervor, und ich finde das allein bereits beunruhigend, weil ungewohnt, und man kann sich denken, dass ich darüber hinaus keine fröhlichen Gedanken mit dem Inhalt verbinden kann. Vielleicht sind es auch nur Erfahrungen in meinem persönlichen Umfeld, die mich diese Worte in diesen Tagen besonders spüren lassen. Wer weiß.
Der ursprüngliche Text ist tatsächlich in deutscher Sprache geschrieben, es handelt sich um keine Übersetzung, die man vermuten würde, wenn man den Ursprung erfährt: Es handelt sich um einen deutschen Soundtrack zur Serie Pretty Cure.* Ich war gleich doppelt sehr überrascht, zuerst von der Serie selbst, sogar von der überraschend guten Synchro, und dann von dem deutschen Soundtrack. Deutsche Soundtracks zu japanischen Animeserien sind immer so ein bisschen “wat dat denn hier…” und *Nase-rümpf*. Aber hier schien die Sache gut gelaufen zu sein.

Der Stil hat immer noch so ein bisschen was von der westlichen “Pokemon” Musik, an die sich der eine oder die andere vielleicht erinnert, aber das gesamte Erscheinungsbild ist ansprechender (für mich zumindest) und, wie an dieser Stelle, “tiefer”. In der Regel würde man von einem Soundtrack zu einer Mahô Shôjo Serie (= über Mädchen, die sich in weltrettende Alter Egos verwandeln) eher Blumen und Schmetterlinge erwarten, als Denkanstöße zur Selbstreflexion.

Deutsche Soundtracks zu solchen Serien kann man meist gleich in die Tonne treten, man erinnere sich an das deutsche SailorMoon Desaster, von dessen Techno-/Dancefloor-Rhythmen ich heute noch Ohrenbluten bekomme, weil auch nach zehn Jahren der Nostalgieeffekt völlig ausgeblieben ist.

Die japanischen Originaltexte finde ich persönlich gewöhnlich besser als die der westlichen Gegenstücke, deren Autoren den Zuschauer für ein kritikunfähiges Kind oder einen sabbernden Halbdebilen halten mögen, aber ich muss gestehen, dass auch weniger konnotatives Sprachverständnis eine Rolle dabei spielt, mich japanische Texte nicht ebenso fühlen zu lassen, wie einen guten deutschen.

* Ich habe andieser Stelle die englischsprachige Beschreibung von ANN verlinkt, weil es auf Wikipedia zwar einen deutschsprachigen Eintrag zur Serie gibt, ich allerdings gerade  überhaupt keine Motivation verspüre, den vorhandenen Text in eine brauchbare Form zu bringen, wie ich das mit dem “Yoshitsune” Eintrag letztlich machen musste, dessen ursprünglicher Autor eine stilistische Null ist…

14. Januar 2008

Drei Mädels aus Okinawa

Filed under: Japan,Musik — 42317 @ 14:50

Man stelle sich vor, John McClane wäre in seinem ersten Abenteuer nicht an Weihnachten nach Los Angeles, sondern im Sommer nach Okinawa gefahren. Er steigt dort am Flughafen in die bereitgestellte Limousine und hört absonderliche Musik aus dem Radio.

“Sag mal, sollte hier nicht eher Okinawa Musik laufen?”

“Hey Mann, das IST Okinawa Musik…”

Bleach“Odoru Kubi”

11. November 2007

Im Wandel der Zeiten

Filed under: Musik — 42317 @ 1:03

Ich hab da letztlich ein neueres Video von Napalm Death gesehen…
Silence is deafening

Ich find den Song cool, ganz ohne Frage, aber der Sänger sieht mittlerweile ja aus wie ein untersetzter kleiner Angestellter… im ersten Moment dachte ich, das sei ein Parodievideo, so wie der rumzuckt…

28. Oktober 2007

Noch mehr Geschenke!

Filed under: Musik,My Life — 42317 @ 13:31

Ist das nicht toll? Der Autor der Seite Anistory hat mir den Soundtrack zum Film “Animalympics” (dt. “Die Dschungelolympiade”) von Graham Gouldman geschenkt, weil ich ihm geholfen habe, Informationen zu Filmen von Kon Satoshi von japanischen Webseiten zu extrahieren.

Ich suche den Soundtrack (wenn auch sporadisch) bereits seit gut 20 Jahren… es gibt ihn bei Amazon, ja, dort aber auch ab 51 E, und das ist dann doch ein bisschen heftig. Meine bisherige Version bestand aus einer Aufnahme, die ich per Cinchkabel Ende der Neunziger aus dem Videorekorder gezogen habe, erzwungenermaßen Kurzversionen, da ich ja immer nur den Teil rauspicken musste, der nicht von irgendwelchen Dialogen unterbrochen wurde.

Diese Queste ist also abgeschlossen… wie viele Erfahrungspunkte gibt’s wohl dafür? 🙂

Richtich gudd.

27. Oktober 2007

Was sich so ansammelt – Musik von Megumi

Filed under: Musik — 42317 @ 19:45

Besser gefallen als das Vergessen von Geburtstagen hat mir in den vergangenen Tagen ein Musikfund. Wie es scheint, hat Hayashibara Megumi am 21. April diesen Jahres zwei CDs veröffentlicht.
Das wäre einmal PLAIN , was erst mal gar nicht so interessant wäre, da die erste der beiden CDs in der Packung zu einem nicht geringen Teil aus aufgewärmten, älteren Songs besteht, aber die zweite interessiert mich weit mehr. Dabei handelt es sich nämlich um einen Liveauftritt im Rahmen ihres seit Jahren laufenden Radioprogramms “Tokyo Boogey Night”, wo sie nicht nur singt, mit einer Liveband im Hintergrund übrigens, sondern eben auch als Moderatorin wirkt, und das finde ich als Stimmenfetischist gar nicht uninteressant. Das Cover verrät aber auch ganz klar, dass sie wieder eine Spur älter geworden ist, die Megumi. Wir alle bleiben vom Schicksal nicht verschont.
Zum anderen hat sie eine CD gemacht, deren Cover so richtig abschreckend nach “Hello Kitty” aussieht: Tanoshii Dôyô. Ich bin mir ganz sicher, dass “Dôyô” (was im offiziellen Titel in Hiragana geschrieben ist) in diesem Falle ?? = “Kinderlieder” bedeutet (d.h. “Tanoshii Dôyô” = “Lustige Kinderlieder”), und nicht ?? = “Unruhe”, “Aufruhr” oder “Schock”… 🙂

Es handelt sich wirklich um eine sehr schöne Sammlung internationaler Kinderlieder, die meisten nur etwa eine Minute lang, und natürlich sind alle japanisiert. “Fuchs, Du hast die Gans gestohlen” ist auch dabei. Soweit ich den Text beurteilen kann, geht es aber nur darum, wie sich ein kleiner Fuchs (“Kogitsune”) im Wandel der Jahreszeiten durch die Berge bewegt. Der räuberische und tödliche Aspekt der deutschen Version wird dabei unterschlagen, von wegen “Verbrechen und Strafe”, dargestellt durch das “Stehlen” (Fressen) einer Gans und der angedrohten Sühne mittels des “Schießgewehrs” des Jägers.
Aber es sind auch ganz klassische japanische Kinderlieder dabei, wie Fingerzählreime und, äh, nu ja, ob “Sanpo” ein klassisches Kinderlied oder eine Erfindung von Studio Ghibli für “Tonari no Totoro” (“Mein Nachbar Totoro”), die schlichtweg Kult geworden ist, weiß ich noch nicht. Man findet aber auch “Akatonbo” und “Sakura”, und Lieder zu allen Jahreszeiten, für Neujahr, Hina-matsuri, Koinobori, Mamemaki, Tanabata… dann aber auch wieder “Jingle Bells” und “Aka-hana no Tonakai” (“Rudolph the red-nosed Reindeer”).

Beides sehr schöne CDs mit insgesamt fünf Scheiben… gibt’s bei Amazon Japan für 6000 Yen im Doppelpack, und das sind derzeit nur etwa 35 E. Ich glaube, so billig habe ich japanische CDs schon lange nicht mehr erlebt. Die sind zum Kaufen vorgemerkt (sollte irgendwann mal genug Restgeld in der Portokasse sein.)