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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

27. Februar 2009

Big Mac Ramadan (3/3)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 17:16

Wir gingen alles noch mal durch, damit nichts vergessen wurde, zum Beispiel eine Unzahl künstlicher Blumen, die an die Wand getackert wurden und einzeln mit Bolzenschneidern wieder befreit werden mussten, hinzu kam ein Dutzend Frischhalteboxen von jeweils 30 oder 40 Litern Volumen, in denen nichts anderes als verschiedene Arten von Kerzen drin war. Wir stapelten Kisten und Kasten um, um ein Maximum an Platz rauszuholen. Dann kam der Vorarbeiter zu mir und fragte: „Kannst Du nen PC auseinandernehmen?“
Natürlich meinte er nicht die Einzelbestandteile, die man als Endnutzer besser nicht anfasst. Er wies auf die Theke an der Vorderseite des Stands, dort stand ein PC mit flachem Monitor. Sicher kann ich das. Also, Verkabelung lösen, alles einzeln einpacken und in eine Plastikkiste packen. Und wenn ich schon dabei sei, könne ich auch das Büromaterial aus dem „verborgenen“ Büro an der Rückseite des Stands in die gleiche Kiste packen, also Tacker, Kugelschreiber, und Visitenkarten. Kein Problem. Hier vorne das dauerte natürlich nicht lange, alle Mehrfachstecker blieben hier, die gehörten der Messegesellschaft, und die Kiste mit dem bisherigen Material sah noch gähnend leer aus.

Ich ging also zum zweiten Büro. „Büromaterial“ wie Tacker und Kugelschreiber und Visitenkarten fand ich dort in keinen großen Mengen vor, genau genommen keinen Tacker, zwei Kugelschreiber, und ein Händchen voll Visitenkarten. Dafür aber ein halbes Dutzend Toner für die beiden Laserdrucker, drei mal 500 Blatt „sia“ Notizpapier, eine halbe Kiste mit Werbematerial für die Kinderzimmerdekorationsserie, ein Paar Schuhe, einigen Müll, und drei weitere Computer mit mehreren Peripheriegeräten und einem heillosen Kabelsalat unterm Tisch.
„Schaffst Du das in 20 Minuten?“ fragte der Vorarbeiter. Da musste ich einen Moment drüber nachdenken. Wieder mein Gesicht?
„Ich frag ja nur, tschuldigung…“ sagte er und wandte sich zum gehen. Wahrscheinlich mal wieder mein Gesicht.
„Nein, nein, das Problem ist nicht die Zeit, sondern die Optimierung vom Stauraum. Die Drucker sind schwer, müssten also unten liegen, aber die Oberseite der Drucker besteht aus einem dünnen Plastik, wenn ich da was draufstelle, geht’s vielleicht kaputt.“
„Du kannst ruhig Türmchen bauen. Sieh nur zu, dass das Zeug nach dem Transport noch funktioniert.“
Na denn… ich packte alles in Folie ein und sah zu, dass keine Kante die Oberfläche von den Flachbildschirmen eindellte. Die Drucker landeten daneben, auf einem Sack voller Registriergeräte, also solcher Strichcodeleser. Die piepsten zwar protestierend, aber ich hatte wenig Wahl im Moment. Nach dem Ausräumen dieses Büros war die Kiste rappelvoll und wurde mit einer Packfolie eingewickelt, damit nichts wieder heraus, oder beim Kurvenfahren herunterfiel.

Der Jungspund trat auf mich zu.
„Wollen wir so langsam mal abdampfen?“
„Wenn wir denn fertig sind…“
„Wir sind nur zum Einpacken da. Das Ausladen in Trier geht uns auch nichts mehr an.“
„Ach nein? Das ist natürlich super. Dann können wir so langsam los, es ist spät genug.“
Aber vorher bat man uns noch, bei der Verräumung eines massiven Holztischs zu helfen. Zumindest sah er auf den ersten Blick massiv aus. Aber beim zweiten Hinsehen wirkte er schon wesentlich fragiler, inklusive Gebrauchsspuren. Das konnte doch nicht sein? Die werden doch keinen völlig morschen Tisch in die Auslage gestellt haben?
Doch, haben sie. Der Tisch sollte mit der Platte nach unten auf die Palette gestellt werden, und als wir die Tischbeine anfassten, um ihn zu drehen, merkten wir nicht nur, dass der Tisch lächerlich leicht wie Zunderholz ist, sondern auch, wie die Messingschrauben, die die Beine festhalten sollten, knirschend aus dem Holz brachen. Ich legte den Tisch sofort ab und informierte den Kollegen am anderen Tischende. Wir packten ihn also besser allein an der Platte an. Alle vier Beine wackelten wie Kuhschwänze im Fliegenschwarm. Aber unser libanesischer Kamerad sagte, das sei in Ordnung. Wir füllten die Palette dann noch mit zwei baugleichen Bänken, auf die ich mich lieber nicht setzen würde nach der Begutachtung des Tischs, und einem Holzschrank mit verglasten Türen, aber dann war’s das auch. Die Uhr zeigte 0320 Uhr.

Wir kramten unsere Lohnzettel raus, trugen Datum und Name ein, alle anderen Wochentage strichen wir aus. Dann trug der Vorarbeiter die Arbeitszeit ein, inklusive der Fahrzeiten: 1200 bis 0630. Prinzipiell großzügig, aber während die Fahrzeiten bezahlt wurden, fiellen die Gehzeiten scheinbar nicht in die Arbeitszeit: Wir mussten ja noch eine dreiviertel Stunde bis zu den Autos zu Fuß gehen. Aber um diese Uhrzeit ist mir das gleich. 18,5 Arbeitsstunden werfen so einiges an Geld ab, das ich dringend brauche, aber nach einem Zeitraum von 15 Stunden bin ich auch ziemlich gleichgültig.

Dann also los. Ali beschrieb uns noch schnell, wie wir vom Gelände kommen, weil der Eingang, zu dem wir hereingekommen waren, natürlich geschlossen war:
„Ihr geht raus auf den Parkplatz, dann rechts, dann links, dann immer gradeaus, dann seid ihr auf der Straße.“
Abschließend bekam wir zweimal 25 E für Eventualitäten, zum Beispiel zum Tanken. Den Rest sollten wir mit Quittung im Wagen lassen. Der Tank hatte bei der Ankunft noch 75 %, also sollte das Geld überflüssig sein.

Frohen Mutes gingen wir zu sechst nach draußen. Der siebte, der ältere der Elsen-Mitarbeiter, blieb noch. Ali sagte, um 0400 komme der letzte Sattelschlepper, um den Rest einzuladen. Die hatten also noch was vor sich.
Auf den Parkplatz gekommen, bogen wir nach rechts ab und kamen nach etwas über 100 Metern an einen Kreisel. Dort kann man nicht links abbiegen, also gingen wir geradeaus. Bis wir an einem Bauzaun landeten, der das Weitergehen verhinderte. Hier wurde das „Japanische Tor“ gebaut, das einmal eine weitere Zufahrt werden sollte. Der japanische Charakter des Tors offenbart sich aber erst, wenn man es aus einem gewissen Abstand betrachtet: Es ist von der Form her ein geradezu gigantischer Nachbau eines japanischen Tempeltors, in das vermutlich eine Unzahl von Büros und anderen Räumlichkeiten passt. Vom linken bis zu rechten „Pfosten“ sind es bestimmt hundert Meter, und die Höhe dürfte so bei etwa 30 Metern liegen.

Es hilft nichts, wir drehten nach rechts, gingen zwischen dem Bauzaun und einem Gebäude entlang, das wir somit halb umrundeten. Auf dem Gelände herrschte alles andere als Stille. LKWs fuhren ebenso wie Gabelstapler herum, vielleicht weniger als am Tag, aber dennoch einige, Arbeiter gingen umher, manche in T-Shirts, bei klirrender Kälte. Es war beißend kalt, aber immerhin war es nicht mehr windig, das rettete viel von der gefühlten Temperatur.
Nach der halben Runde um das Gebäude drehten wir nochmal nach rechts, weil es geradeaus in der Richtung auch nicht weiter ging. Das riesige Tor hatten wir also im Rücken, und nach wenigen Hundert Metern waren wir wieder am Kreisel. Ich forderte die Gruppe auf, hier stehen zu bleiben, überquerte den Kreisel und besah mir das Schild dort. Ich wies mit dem Arm eine Zufahrt hinauf, die mit einem „Fußgänger verboten“ Schild behangen ist: „Da lang ist der Ausgang, steht da.“
Und weil uns nichts besseres einfiel, gingen wir halt da hoch. Es war tatsächlich die Ausfahrt, und da vorn war sogar ein Pförtner. Wir hätten also im Kreisel rechts abbiegen müssen. Der Pförtner zeigte die Straße hinunter und sagte, wir sollten da lang gehen bis zum Hotel Tryp, dort links abbiegen und die Straße runtergehen, dann könnten wir das Parkhaus „Rebstock“ schon bald sehen.

Also los. Der Jungspund hatte es wieder mal eilig, aber diesmal blieb er immerhin einmal stehen, um auf Nachzügler zu warten. Er verpasste es in der kurzen Pause allerdings auch nicht, an einen Baum auf dem Parkplatz zu pinkeln. Immerhin zeigte er sich umgänglicher, wenn sein älterer Kollege nicht dabei war. Soziolinguistik pur.
Nachdem auch der älteste von uns aufgeholt hatte, fragte ich ihn, ob’s denn ginge. „Es muss“, antwortete er nur. Wir stapften also weiter Richtung Parkhaus, beflügelt vom Gefühl der Heimkehr, und in der kalten Luft fühlte ich mich hellwach. Meine Füße fühlten sich zwar etwas platt an, aber im Nachhinein muss ich feststellen, dass die Arbeit körperlich nicht sonderlich anstrengend war. Viel Einzelkram halt, ich glaube, meine geistige Erschöpfung, mein Konzentrationsmangel, war zum fraglichen Zeitpunkt gravierender. Aber die kalte Luft wirkte dagegen. Ich fühlte mich beinahe euphorisch.

Bis wir vor der Zufahrt des Parkhauses stehen. Die ist fest verschlossen mit einer Schranke und einem schweren Schiebetor. Einen Moment lang sackt uns das Herz in die Hose. Sollten wir etwa hier festsitzen, bis das Parkhaus in ein paar Stunden wieder öffnet? Kann ja nicht sein, oder?
Aber ich erinnerte mich, dass der A-Block des Parkhauses offen gewesen war, und von außen schien es, als könne man zu Fuß auf der Innenseite bis zu den Autos kommen. Das würde zwar nicht notwendigerweise heißen, dass wir auch rausfahren könnten, aber immerhin hätten wir uns in die Autos setzen können und wären vor der Kälte geschützt gewesen. Ich ging voraus zum A-Block, zwei Kaninchen, die scheinbar in dem Grünstreifen neben dem Parkhaus lebten, flohen vor mir.
Wir erreichten die Autos und erkundeten die nähere Umgebung – auf der gegenüberliegenden Seite des Parkhauses konnte man herausfahren!

Also hinein in die PKWs, die Uhr zeigte 0430. Bis auf den Anglisten fuhren alle mit dem Jungspund, der sich bereit erklärt hatte, die Trier umliegenden Dörfer abzuklappern, wo die Leute wohnten. Der Anglist wohnt in der Trierer Innenstadt, also fuhr er mit mir, was mich doch freute. Ich machte mir erst gar nicht die Mühe, mit dem Jungspund irgendeine Route abzusprechen oder Fahrverhalten zu diskutieren. Ich hatte keine Böcke, auch auf der Rückfahrt durch den Hunsrück zu eiern, dafür bin ich dann doch zu müde. Ich wollte so weit wie möglich auf der Autobahn fahren.

Der Jungspund war zwar umgänlicher ohne seinen älteren Kollegen, aber an seiner Ignoranz gegenüber den Regeln der StVO änderte das nichts. 500 m nach dem Verlassen des Parkhauses überfuhr er eine rote Ampel. Es war kein Verkehr, es bestand keine Gefahr, und ein Blitzgerät gab es zu seinem Glück auch nicht. Als aber im nächsten Moment hinter uns eine Sirene ertönte und ein Polizeiwagen überholte, waren wir für einen Moment der Meinung (oder schadenfreudigen Hoffnung), die würden ihn meinen. Aber sie wollten nichts von ihm. Sie fuhren am ersten Zafira vorbei und bogen Richtung Innenstadt ab. Das Schauspiel hätte ich gern gesehen, muss ich zugeben.

Die Autobahnfahrt war unspektakulär, aber unnötig lang. Der Jungspund war irgendwann verschwunden, möglicherweise in Richtung Ebertheim abgebogen. Ich jedenfalls verpennte die Ausfahrt und fand mich auf der Strecke Richtung Kaiserslautern wieder, und bis ich eine Abfahrt fand, deren Richtungsangabe mir bekannt vorkam („Köln/Koblenz“), war ich auch schon auf etwas über 40 km an Lautern ran. Ich drehte also gewissermaßen um 180° und fuhr in Richtung Koblenz („98 km“), fand die richtige Richtung wieder („Trier 134 km“), und machte an der Raststätte „Hunsrück“ kurz halt, weil mein Nebenmann was zu Trinken brauchte. Er spendierte mir ein Snickers. Ich finde dieses zähe Karamell-Schleim-Zeugs zwar nicht sonderlich ansprechend, aber ich glaube, ich konnte den Zucker gut gebrauchen.

Nach Trier fuhren wir eine Weile auf der Bundesstraße. Stellenweise zäh fließender Verkehr, scheinbar die ersten Pendler, aber auf der Autobahn erübrigte sich das wieder. Das Thermometer zeigte -7,5° C an, und wir hatten Glück, dass es trocken blieb. Leider blieb auch meine Scheibenwischeranlage trocken, weil die Wasserleitung einfror. Ich hatte also einen Grauschleier und Streifen auf der Scheibe, aber ich konnte der Route folgen. Ich sorgte mich nur ein bisschen, weil ich Probleme hatte, die Straßenschilder scharf zu sehen.

Es klappte aber alles. Rein in den Kreisverkehr, die Paulinstraße runter. Ich ließ meinen Mitfahrer auf Höhe des Blumenladens raus und fuhr zum Moselufer, um den Wagen ins Industriegebiet zu bringen. Als ich über die Konrad-Adenauer-Brücke fuhr, war es 0645. Ich bog schließlich auf den „sia“ Parkplatz ein und stellte fest, dass der Jungspund scheinbar ebenfalls erst vor knapp fünf Minuten eingetroffen war. Der Unsichere war noch bei ihm, weil er noch im eigenen Wagen nach Kroev fahren musste und der andere auf dem Weg wohnt.

Ich warf die Wagenpapiere, die ungenutzten 25 E, den geliehenen Filzstift und das Teppichmesser ins Handschuhfach, die Wagenschlüssel in den Firmenbriefkasten unter der Laderampe. Wir verabschiedeten uns und ich ging die nächste Haltestelle suchen, die ich ein paar Hundert Meter weiter auch fand: Abfahrt 0704 – das war vor fünf Minuten. Na herrlich. Nächster Bus in zwanzig Minuten. Da ich nie viel davon gehalten habe, einfach stehen zu bleiben, ging ich noch bis zur nächsten Haltestelle, wo noch zehn Minuten verblieben. Ich wäre auch noch weitergegangen, aber ich konnte mich nicht erinnern, wie weit es bis zur nächsten Haltestelle ist. Ich verspürte keine Gelüste, den nächsten Bus wegen meiner Rastlosigkeit zu verpassen, außerdem sagten meine Füße, dass sie nicht mehr wollten. Ich blieb also ziemlich apathisch stehen und erfuhr den Sonnenaufgang im Industriegebiet West.

Ein paar Minuten später rief meine Freundin an, und genau in diesem Moment war der Akku alle. Die wird sich wohl Sorgen gemacht haben, denn eigentlich dachten wir ja, ich sei um drei Uhr morgens zurück. Das tat mir natürlich leid, aber ich hatte keine Gelegenheit, mich zu melden, außerdem konnte ich mir nicht sicher sein, wie erfreut sie auf einen Anruf zu diesen Zeiten reagiert hätte.

Ich stieg in den Bus, freute mich auf eine gemütliche Leerfahrt; stattdessen war er proppevoll mit Schülern ab 11 aufwärts. Dann also stehen. Ein paar von den Jungs machten Hausaufgaben. Ich hatte da ein Déja-vu. Aber meine aktive Wahrnehmung schaltet immer mehr ab. Am Hindenburg Gymnasium waren dann endlich genug von denen ausgestiegen, dass ich mich setzen konnte, und um 0810 war ich dann zuhause. Ich nahm einen Snack zu mir und ging anschließend ins Bett, nachdem ich meine Freundin gebeten hatte, um kurz nach Zehn in der Teppichgalerie anzurufen, in der ich heute eigentlich ab 1400 arbeiten sollte.
Die Chefin stellte mich verständnisvoll frei, bis morgen, obwohl sie alleine im Laden war. Dann hoffe ich mal, dass nicht allzuviel los ist, denn alleine die Ware vom Stapel zu hieven, ist je nach Stapel nicht ganz ohne.

Wäre ich nicht geweckt worden, hätte ich vermutlich durchgeschlafen. So stand ich um 1630 wieder auf, freute mich bis um Mitternacht an einer Runde DSA und schlief dann gleich noch einmal bis zum Mittag, 48 Stunden nach Arbeitsbeginn. Ein kleines Abenteuer für sich, aber ich glaube, für die würde ich durchaus noch einmal arbeiten.

22. Februar 2009

Big Mac Ramadan (2/3)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 21:19

Da keiner den ersten Schritt machte, ging ich vorneweg, wie erwartet folgte mir der entschlusslose Rest wie eine kleine Herde Lemminge. Nach zweihundert Metern fanden wir, was wir suchten: Einen kleinen Imbiss mit Sitzgelegenheit, der mit der Aufschrift „Good Food“ warb. Die Verkäuferin war wohl um die Fünfzig und stammte aus Ostasien. Wir bestellten alle was zu essen, ich selbst ein Sandwich mit Lachs, und die eine oder andere Bestellung musste wiederholt werden, weil die sonst nette und zuvorkommende Angestellte nur ein suboptimales Deutsch beherrschte. Aber wir kriegten alle was zu Beißen, nur der Lachs ist leider ausverkauft. Ich nahm stattdessen Tandoori-Chicken. Die Currypaste dazu war nicht schlecht, aber wenn ich das nächste Mal ein solches Sandwich zu mir nehme, werde ich sie weglassen.

Wir schlugen irgendwie eine Stunde tot. Ich hatte Glück und bekam einen SPIEGEL zu fassen, mit einem Bericht über die deutsche Beteiligung am Unternehmen „Atalanta“, der Piratenjagd im Golf von Aden, und einem Artikel über eine ecuadorianische Familie, die illegal in Deutschland lebt und arbeitet, um Geld für das Eigenheim in der Heimat zu sparen.

Um 1645 suchte ich noch die Toilette auf, und eigentlich suchte ich sie mehr als ich sie aufsuchte. Die Tür im Laden selbst führt in einen Zwischenraum mit schneeweißen Wänden, in dem sich drei weitere Türen befinden, eine links, eine geradeaus, und eine rechts. Nirgendwo ein schriftlicher oder grafischer Hinweis. Ich probierte die linke Tür aus. Sie führt in die Küche des Ladens, also schloss ich sie wieder. Ich öffnete die Tür geradeaus. Auf der anderen Seite hat sie keinen Türgriff zum Öffnen, sondern nur einen Knauf, ich würde also nicht wieder zurück können, wenn sie ins Schloss fiele. Außerdem führt sie in die Lobby eines rückseitigen Gebäudeteils und befindet sich am Kopfende der Einbuchtung, in der sich die vier Fahrstühle befinden. Dann blieb ja nur noch eine Tür übrig. Ich kam mir vor wie in einem Rollenspielabenteuer.

„Ich öffne die rechte Tür des Zwischenraums. Was sehe ich?“
„Da ist ein reichlich unbeeindruckender, leicht nach links gekrümmter Gang mit ebenso weißen Wänden wie der Zwischenraum. Du siehst, soweit Du in die Krümmung hineinsehen kannst, fünf Türen an der rechten Seite. Zwischen den Türen hängen ebenso unbeeindruckenden Gemälde, die wohl nur die Tristheit des Gangs etwas aufpolieren sollen. An der linken Seite scheint nach etwa zehn Metern ein weiterer Gang abzubiegen.“
„Ich sehe mir die Tür zur Rechten an.“
„Die Tür hat ein Schild, aber darauf steht nur eine Nummer. Kein Name und keine Funktionsbezeichnung.“
„Die nächste Tür?“
„Ebenso.“
„Kann ich mittlerweile in die Einmündung zur Linken sehen?“
„Klar und deutlich. Es ist kein weiterer Gang, nur eine Einbuchtung von etwa einem Meter Tiefe. Da befindet sich eine Tür, und über der Tür befindet sich die vereinfachte Darstellung eines Menschen, wie man sie an Toiletten öfters findet…“

Als ich dann abschließend mein Essen bezahlte, waren die anderen bereits vorausgegangen. Ein Gefühl für das Verhältnis von Raum und Zeit haben die scheinbar nicht… ach, egal. Je früher wir reinkommen, desto früher werden wir fertig.

Um 1650 standen wir am Eingang, aus dem Leute in diesem Moment hauptsächlich herauskamen, weil die Messe laut offizieller Angabe um 1700 zu Ende ging. Der Eingangsbereich ist eine längere, helle Räumlichkeit mit einem Informationsstand vorne und einem Durchlass weiter hinten, hinter dem sich zwei Rolltreppen befinden, über die man zu den Ausstellungsflächen gelangt. An dem Durchlass standen zwei Damen mit roten Blazern und im Hintergrund ein ernst dreinschauender, kräftig gebauter Mann in schwarzer Bomberjacke, wahrscheinlich für „Notfälle“.

Als wir hineingehen wollten, wurden wir zunächst abgewiesen – außer dem Älteren der beiden von Elsen hatte nämlich keiner von uns eine Karte, die ihn als Abbauhelfer identifizierte, außerdem dürften wir frühestens in zehn Minuten hinein, wenn die Veranstaltung offiziell beendet sei, hieß es. Wundertolle Sache. Der Mann mit Karte telefonierte mit dem sia-Vorarbeiter. Der versprach, alsbald die sechs fehlenden Karten zu besorgen.
Das allerdings dauerte bis 1710, und ich habe keine Erklärung zu hören bekommen, was da so lange gedauert haben könnte.

Während der Wartezeit, direkt neben dem Durchlass, wurden wir aber auch Zeuge, wie Schindluder getrieben wurde und die Organisation versagte. Eine Gruppe Männer kam herein, die man sofort als Handwerker erkannte. Zumindest machten sie mit all dem Werkzeug einen kompetenten Eindruck. Allerdings hatte nur einer von ihnen eine Karte. Alles Verhandeln half da nichts, keine Beteuerung, dass auch die übrigen Leute zum Unternehmen gehörten, das den Stand Soundso abbauen sollte. Die zuständige Dame hatte ihre Anweisungen. Die Kartenlosen mussten also zu dem Wachmann im Hintergrund gehen und jeder ein Formular ausfüllen, wonach man sie einließ.
Dieser doch Zeit raubende Vorgang entging zwei anderen Arbeitern weiter hinten nicht, von denen auch einer keine Karte hatte. Der erste, mit Karte, ging also zur Kontrolle, zeigte demonstrativ seinen „Passierschein“ vor und band die Aufmerksamkeit der jungen Frau mit irgendeiner Bemerkung. Während er sprach, führte er die Karte lässig zur Jackentasche, tat aber nur so, als würde er sie einstecken und ließ sie stattdessen fallen. Sein Hintermann hob die Karte schnell auf, worauf der erste das Gespräch mit einem freundlichen Lächeln beendete und zur Rolltreppe ging. Sein Kollege zeigte also die exakt selbe Karte vor und folgte ihm.

Es war der einzige Mogelvorgang, den wir bemerkten, aber so einige wurden aufgefordert, Formulare auszufüllen oder bis zum Eintreffen ihrer Zugangsberechtigung zu warten. Ein interessanter Fall war noch darunter: Ein junger Mann kam etwa um fünf nach Fünf zur Kontrolle und zeigte seine Eintrittskarte vor, die ihn als Aussteller oder Ausstellermitarbeiter auswies. Trotzdem ließ man ihn nicht herein.
Begründung: „Diese Karte war nur bis um 17 Uhr gültig.“
„Aber ich muss zu meinem Stand!“ rief er verzweifelt.
„Tut mir leid, ohne Abbaukarte kann ich sie nicht einlassen.“
Auch er füllte ein Formular aus. Und während all der Zeit ließ sich die Dame am Durchlass doch dazu erweichen, ich weiß nicht, mit welchen Argumenten, auch eine kleine Handvoll Leute ohne Karte durchzulassen.
WTF!?

Um 1710 kam der „Bote“ mit unseren Karten. Wir zeigten sie vor, und gleich, nachdem wir einen Schritt hinter die Absperrung gemacht hatten, wurden sie wieder eingesammelt.

Der Stand G10 war nicht gerade um die Ecke. Wir mussten ein paar Hundert Meter weit gehen, unterstützt von ebenerdigen Rollbändern. Dann kamen wir am Arbeitsplatz an. Sah auf den ersten Blick unscheinbar aus. Eine Theke mit Computer und Kühlschrank, ein paar Ausstellungsstücke. Der wahre Stand lag dahinter. Der erste Eindruck hatte getäuscht: Auf dem Weg zu der Kammer, in der wir Rucksäcke und Jacken abladen, versuchte ich, die Ausstellungsfläche abzuschätzen – und schätzte sie auf 20 mal 25 Meter, unterteilt in mehrere „Zimmer“, also Themenbereiche, voll gestopft mit mitunter kleinstem Kram, mit dem man sich die Wohnung verzieren kann. Viel Glasware war dabei, aber auch Ton, und Blumen, die sich erst beim zweiten Hinsehen als Plastik herausstellen.

Bevor es dann richtig losging, mussten erst mal die Paletten, Kisten, Kasten, und Kartons aus den LKWs geholt werden, und natürlich die Polsterfolie, von der einige Kilometer zur Verfügung standen. Diese Rollen sind einen Meter hoch und haben einen Durchmesser von 50 cm, aber sie sind ganz leicht, also nahm sich jeder zwei.
Die Paletten wurden auf dem Parkplatz ausgeladen und mussten so gestapelt werden, dass man sie mit einer „Ameise“ bequem aufnehmen und in den Lastenaufzug fahren konnte. Unseren unsicheren Kameraden konnte ich davon überzeugen, dass er die Paletten lieber flach hinlegt, weil es keinen Sinn macht, sie aufrecht aufzustellen. Und wie froh bin ich mit meinen mitgebrachten Arbeitshandschuhen – er dagegen holte sich auf dem Weg zurück zum Stand erst mal einen Splitter aus der Handfläche.

Wir bekamen jeweils paarweise einen Raum zugewiesen, und der Auftrag lautete schlicht, zuerst Kartons zu falten und einmal über Kreuz zu verkleben, mehr sei Verschwendung. Die Kartons gab es in drei Größen, je nachdem, um was für Material es ging, glaube ich, aber ich glaube es nur, weil letztendlich alles so, wie wir es in die Hand bekamen, in die kleinen und mittleren Pappkisten gepackt wurde, die wiederum in die großen Kartons eingeräumt wurden, die ihrerseits genau auf die Europaletten passten. Für Schüttgut, wie Kieselsteine und Quarzsand, gab es Plastiktüten.

Nächster Schritt: Jedes einzelne Objekt wurde in Polsterfolie verpackt. Man kann sie zu diesem Zweck relativ einfach zerreißen – eine Sollbruchstelle befindet sich nach jedem Meter, und senkrecht zu dieser Linie kann man die Folie ebenfalls geradlinig zerreißen, obwohl nicht jeder einzelne Meter sich so gut zerreißen lässt, wie der Packer das gerne hätte, von daher gab es auch etwas Verlustmasse. Die Arbeitsanweisungen hielten sich in einem geringen Rahmen. Schwere und stabile Gegenstände auf den Boden der Kisten, leichte und empfindliche Gegenstände darauf. Wenn was unklar ist, solle man fragen.

Von den sechs Festangestellten sprechen drei die meiste Zeit… nein, das ist kein Türkisch… die sprechen Arabisch, vielleicht aber auch Farsi. Ich bin mir nicht sicher, da mangelt es mir an Hörerfahrung. Später höre ich, dass es sich um Libanesen handelt: Ali, Abjar, Ibrahim, und noch einer, dessen Namen ich nicht gehört habe. Ein weiterer solcher Exote ist dabei, den ich vom Aussehen her ebenfalls dem Nahen oder Mittleren Osten zugeordnet hätte, aber der spricht kein Arabisch, er kommuniziert mit den Libanesen in deutscher Sprache, mit Akzent. Vielleicht ist der ja Iraner.

Um kurz nach Neun, ich war mittlerweile mit dem zweiten Raum beschäftigt, ging der Vorarbeiter durch und sagte, wir seien etwas hinter der Zeit, um Mitternacht müsse alles fertig sein. Das sollte wohl zu schaffen sein, dachte ich, im Hinblick darauf, wie schnell sich die Regale in meinem Bereich leerten.

Mit den Kerzenständern gab es ein kleines Missverständnis. Ich fragte den namenlosen Libanesen, wie damit zu verfahren sei, worauf er sagte, dass sie in Einzelteile zerlegt werden sollten, und natürlich sei jedes Teil einzeln einzupacken. Dass diese Kerzenständer, fast vollständig aus Glas, gesondert verpackt werden sollten, sagt er aber nicht, vermutlich hat er es vergessen, darauf machte uns erst Ali aufmerksam, nachdem alle bis auf einen schon in Pappkisten verschwunden waren.
„Das war scheiße,“ sagte er, „die hätten in Hartplastikbehälter gehört. Dann legt die Kerzenständer jeweils ganz oben in die Kisten und passt auf, dass noch ein bisschen Platz in der Kiste ist, damit die Dinger keinen Druck kriegen.“
Es muss an meinem Gesicht liegen. Wenn ich Anweisungen bekomme, höre ich konzentriert zu, aber es wird oft falsch interpretiert, was ich denke. Nachdem er mit seinem Tadel fertig ist, sah er mich an und lachte: „Ja, ich weiß, das geht Dir auf den Sack…“
Ich muss zugeben, ein bisschen erschrocken gewesen zu sein. „Ich hab doch gar nichts gesagt!“ fiel mir nur ein. Ich hatte noch nicht einmal was Böses gedacht.

Jedenfalls, wenn er mir gedachte Verwünschungen unterstellte, ließ er sich das nicht mehr anmerken. Er kam noch öfters vorbei, kommentierte meist kritisch die Füllung der Plastikkisten, räumte ein bisschen um, gewann Platz; sparte aber auch nicht mit Lob für die Dinge, die wir intuitiv richtig gemacht hatten. Der Mann versteht was von Menschenführung. Meiner Erfahrung nach nehmen deutsche Vorgesetzte gute Arbeit stillschweigend als den Normalzustand hin, loben nur herausragend gute Leistungen, erwähnen aber jeden kleinen Fehler. Die Kritik mag jeweils angebracht sein, aber man sollte auch zu motivieren verstehen. Dabei sollte jeder wissen, dass man den Mitarbeiter, den man wegen eines Fehlers kritisiert hat, auch wieder aufbauen muss, denn niemand macht nur Fehler. Ali hat das meines Erachtens drauf.

So vergingen weitere Stunden. Als ich um 2310 auf die Uhr sah und die verbliebene Arbeit in den übrigen Räumen betrachtete, wurde mir klar, dass es mit dem Aufbruch um kurz nach Mitternacht nichts wird. Kurz danach ging der Namenlose durch die Reihen und gab bekannt, dass er zu McDonald’s fahre und wissen wolle, was wir zu essen haben wollten. Ich verwies auf die Äpfel, die ich dabei hatte, aber er ermunterte mich und sagte, die Firma zahle alles. „Na dann…“ meinte der Anglist und bestellte zwei Big Mac Menüs. Ich hatte keine Ahnung, was McDonald’s zu bieten hat und nehme das gleiche. Unsere Namen und Bestellungen werden in arabischer Schrift auf einem Zettel vermerkt.

Wir waren skeptisch. Macht man eine solche Pause nicht eigentlich in der Halbzeit? Wir waren seit sechs Stunden zugange – die Sache konnte doch nicht noch mal so lange dauern? Aber was half das Grübeln und Rätseln? Wir packten weiter und harrten der Dinge, die da kommen würden.

Als die Uhr auf Mitternacht zuwanderte und ich noch immer an ein Ende zwischen Zwölf und Eins glaubte, verwünschte ich die Sache, denn wenn ich um drei oder vier Uhr in Trier ankäme, würde kein Bus mehr fahren und ich müsste eventuell zu Fuß von fast Feyen bis zum Weidengraben laufen.
Das Essen kam dann um zwei Uhr morgens. Das nächstliegende „Restaurant“ hatte wegen Umbauarbeiten geschlossen, ein weiteres musste erst gefunden werden, und das hatte scheinbar eine Weile gedauert. Und zu diesem Zeitpunkt wurde das Ende zwar absehbar, ja, aber fertig waren wir noch nicht. Aber Ali sagte zuversichtlich: „In einer Stunde seid Ihr fertig. Vielleicht ein bisschen mehr.“
Dann musste ich mir um mein Heimkommen ja keine Gedanken machen.
Bis ich zurück war, fuhren WIEDER Busse.

Ich staunte nicht schlecht angesichts der Menge Fastfood, die da angekarrt wurde. Mehrere Leute haben sich doppelte Menüs bestellt, für 14 Leute waren etwa 20 Portionen da. Die Belegschaft des Restaurants wird nicht schlecht gestaunt und geflucht haben. Ich nahm mir meine beiden Big Macs, meine beiden Pommesbehälter, und meine beiden Colabecher. Ich hatte schon ganz vergessen, wie wenig Spaß es macht, den Krempel zu essen, aber ich hatte Hunger, und so gut hat mir schon lange kein Liter Cola mehr geschmeckt, trotz Kohlensäure. Das Zeug ist kühl und nass, darauf kam es in diesem Moment an. Im Stand befand sich zwar eine Küche, aber aus dem Wasserhahn kam kein kühles Wasser, das hatte Raumtemperatur. Dem körperlichen Wasserhaushalt ist das egal, aber erfrischend ist es halt nicht. Die Cola kam ausnahmsweise gut.

Und zu guter letzt aß ich eine dreifache Portion. Ali drückte mir noch einen Cheeseburger und einen McChicken in die Hand, ein anderer versorgte mich mit einem weiteren Big Mac. Den aß ich noch, aber der McChicken landete in meiner rechten Seitentasche, der Cheeseburger in der linken. Vielleicht später. Hätte ich noch mehr gegessen, hätte ich kotzen müssen.

Ali lobte währenddessen das Essen von McDonald’s überschwänglich (das mir noch zwei Tage wie ein Stein im Magen liegen und mir Unwohlsein verpassen würde), weil es einen tollen Geschmack habe. Ich frage mich, wie Allah den Genuss eines Schnitzels von einem tierärztlich geprüften Schwein verbieten, aber den Verzehr von diesem Zeug erlauben kann, nur weil es sich zumindest angeblich um Rindfleisch handelt. Und ob Alis Frau so schlecht kocht, dass der Mann den Mist von McDonald’s gut finden kann.

Und so vollgefressen, wie ich gerade war, fühlte ich mich an Schilderungen des moslemischen Ramadan, des Fastenmonats, erinnert. Da wird nämlich nur tagsüber gefastet, während nach Sonnenuntergang gefeiert wird, mit reichlich Essen und Trinken. Natürlich alles halal, wie der Araber sagt – das ist das, was die Juden „koscher“ nennen. Aber scheinbar nehmen viele Anhänger Mohammeds im Ramadan eher zu als ab. Und eben daran musste ich denken, mit vollem Bauch und bevorstehendem Suppenkoma, in Gedenken an das kleine Frühstück, dass ich vor 16 Stunden zu mir genommen hatte. Heilige Suppenschüssel, wie soll ich mich jetzt noch bücken (Böörrrgh!)?

20. Februar 2009

Big Mac Ramadan (1/3)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:22

Ich hatte mich auf eine Tagesjobanzeige der Firma ConLog aus Wittlich gemeldet, bei der es sich um einen Ableger der Spedition Elsen im gleichen Ort handelt. ConLog vermietete meine Arbeitskraft weiter an „sia“, einen Hersteller oder Vertrieb von Einrichtungs-, aber in erster Linie von Dekorationsgegenständen für das traute Heim. Der Auftrag lautete, um 1200 am 17. Februar im Industriegebiet West zu erscheinen und die Mitarbeiter der Firma nach Frankfurt am Main zu begleiten, um dort den Abbau des Messestandes vorzunehmen. Mit Messeständen habe ich ja bereits einige Erfahrung gesammelt, also wollte ich auch mal sehen, was andere Firmen so zu bieten haben, und in gewisser Weise wurde ich da nicht enttäuscht.

Die Dame von der ConLog hatte erwähnt, dass ich entweder mit dem LKW oder mit einem PKW nach Frankfurt fahren würde, und gemäß meiner Erfahrung ging ich davon aus, dass es sich bei dem PKW um den privaten des Chefs handeln würde. Doch gleich nachdem ich zehn Minuten vor der verabredeten Zeit angekommen war, drückte mir der Vorarbeiter, der sich erst gar nicht die Mühe machte, sich mit seinem Nachnamen vorzustellen, Schlüssel und Papiere eines Leihwagens in die Hand. Die Festangestellten würden mit den LKWs fahren, die Leihangestellten aufgeteilt mit zwei Opel Zafira. Natürlich begrüße ich immer die Gelegenheit, mich hinter das Steuer eines Autos zu setzen, aber so hatte ich meine Reiselektüre halt völlig umsonst mitgenommen.

Ich befand mich im „Mittelfeld“ der übrigen für den Tag angeheuerten Leute. Drei waren bereits da, zwei davon von der Spedition Elsen (ein altes Schlachtschiff und ein Jungspund von etwa 20, beides archetypische Vertreter der Arbeiterklasse aus dem Lexikon der Sozialklischees), vier sollten noch kommen. Drei der vier Anderen kamen übrigens im Auftrag der Firma „Team BS“, für die ich anno 2006 einmal (indirekt) gearbeitet hatte (um zu bemerken, dass ein Job in der Stahlverarbeitung zu hart für mich ist). Einer fehlte um 1210 allerdings immer noch, und erreichbar war er per Telefon auch nicht. Die PKW wurden also schon losgeschickt, die Transporter würden noch so lange warten, bis alle Paletten verladen waren. Der Vermisste kam allerdings nie. Die beiden anwesenden ConLog-Arbeiter wurden noch schnell für die Kartei fotografiert, und dann ging’s los, nachdem wir noch einmal ermahnt wurden, in den Wagen nicht zu rauchen und sie auch sonst pfleglich zu behandeln. Wie wir mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit umgingen, sei unwichtig, solange wir um 1700 einsatzbereit an der Halle stehen würden – Halle 4.1, Stand G10.

Der Opel Zafira ist vermutlich das neueste Auto, in dem ich je gesessen habe, und weil ich das Ding auch noch fahren sollte, musste ich mich erst mal mit der Bedienung bekannt machen.
Ein Display in der Mitte gibt Informationen über gefahrene Kilometer und durchschnittlichen Benzinverbrauch, dazu Radiosenderangaben, Temperatur und natürlich Uhrzeit. Kupplung, Bremse, Gas, Lichtschalter, Blinker, Scheibenwischer, alles klar. Das Losfahren gestaltete sich allerdings im ersten Moment schwierig, denn wo ich den Hebel für die Handbremse erwartete, bot sich mir folgendes Bild (leider unscharf):

Handbremse, Zafira

Nach ein paar Sekunden wurde mir dann klar, dass dies die Handbremse IST, und ich brauchte eine weitere, halbe Minute, um herauszufinden, wie man sie löst: Den Griff mit der rechten Hand umfassen, mit dem Daumen den Knopf drücken, erst etwas anziehen, dann lässt sie sich lösen. Der andere Fahrer, der Jungspund von Elsen, hat das wohl auch erst rausfinden müssen, denn er klopfte ans Fenster und fragt, ob ich die Handbremse mittlerweile gefunden hätte. Weil ich den Schalter für das Fenster nicht direkt finden konnte, machte ich für die Antwort eben die Tür auf. Bei der Gelegenheit tauschten wir Telefonnummern für den Notfall aus.

Dann konnten wir tatsächlich losfahren. Bei mir saßen zwei BS-Leute, hinten einer, dem man nicht nur sofort den Studierten ansah, sondern auch, dass er in meinem Alter ist und meiner Statur nicht unähnlich, und vorne ein Milchgesicht russischer Bauart, mit einem Händedruck aus der Butterdose und einer Stimme, für die man besser ein Hörgerät bereithalten sollte. Ich habe den vagen Verdacht, dass ich schon einmal mit dem gearbeitet habe, vielleicht bei einem Umzug, aber ich kann mich nicht genau erinnern und behalte es als eher unwichtig für mich.

Im zweiten Wagen, gesteuert von dem Jungspund, saßen dann also neben den beiden Angestellten von Elsen noch einer von ConLog, der Unsicherheit aus allen Poren verströmte (wobei ich nicht erschließen konnte, ob es an seinem Mangel an solcher Arbeitserfahrung liegt oder ob es bei ihm ein allgemeines Phänomen ist), und der „freie“ Arbeiter, der bereits vor mir eingetroffen war. Über 50 war der bestimmt, eher schweigsam, nicht unfreundlich, aber auch irgendwie geistig langsam und vom Erscheinungsbild ein bisschen heruntergekommen, sein linker Jackenärmel war nur noch halb vernäht. Ich musste unweigerlich an einen Freund denken, der neuerdings beim Arbeitsamt in der „Abteilung“ für über Fünfzigjährige arbeitet und wahrscheinlich zum Teil eine ebensolche Klientel hat.

Das nächste Problem erschien am Horizont: Der Wagen hat kein serienmäßiges Navigationsgerät, und ich war nicht darauf vorbereitet, selbst nach Frankfurt zu steuern. Wenn ich längere Fahrten mache, setze ich mich vorher für gewöhnlich fünf Minuten hin und präge mir die Strecke und die Autobahnabfahrten ein, im Zweifelsfall mache ich Notizen. Die Gelegenheit hatte ich nicht, aber immerhin hatte sich der Jungspund zuversichtlich gezeigt, die Strecke hinzubekommen, also ließ ich ihn vorfahren.

Das ging gut, bis wir die Stadtgrenze hinter uns gelassen hatten. Da drehte mein Vordermann nämlich auf, fuhr „Tempolimit plus 10 %“ und etwas darüber hinaus – und das sehe ich nicht ein. Das Schild „100“ heißt, dass eben diese Zahl auf meinem Tacho nicht überschritten wird. Aber die Autobahn in Richtung Wittlich ist übersichtlich, also hatte ich keine Probleme, ihm auch mit etwas Abstand zu folgen. Zumindest, bis er auf einmal von der Autobahn abbog und eine Landstraße wählte, die sich in die höheren Regionen des Hunsrück hinaufarbeitet.
Je höher wir kamen, desto nebliger wurde es, abschnittsweise mit Sichtweiten von nicht einmal 100 m, das Thermometer zeigte knapp über 0° an, zum Teil serpentinenartige Kurven, und der Jungspund fährt wie im schönsten Maiwetter. Ich nehme den Fuß vom Gas. Ich war der Fahrer, das heißt, ich trage nicht nur die Verantwortung für ein fremdes Auto, sondern auch für meine beiden Insassen, und wie ich damit umgehe, muss man schon mir überlassen.

Irgendwann stand der erste Wagen dann am Straßenrand, ich hielt dahinter an. Der Jungspund stieg aus, kam herüber, grinste mich grenzdebil an und fragte mich, ob ich das Gaspedal nicht finden könne. Womöglich hielt er das für einen gelungenen Scherz. Ich erklärte ihm, dass ich bei Nebel und Glatteisgefahr auf einer mir unbekannten Strecke nicht schneller als 80 zu fahren bereit sei.
„Halt ein bisschen drauf – wir müssen um Fünf da sein!“ sagte er beschwörend.

Die Fahrt ging weiter wie gehabt. Ich kämpfte noch ein bisschen mit dem Zehenspitzengefühl, denn der Zafira hat eine empfindliche Bremse, die recht schnell zuhaut. Meine Mitfahrer nickten an Einmündungen also ein paar Mal mit dem Kopf, bis ich es raus hatte, und mein eher stiller russischer Nebenmann fragte mich, ob ich tatsächlich Auto fahren könne. Der Hintermann grunzt missbilligend, aber ich entnahm dem Tonfall der Bemerkung, dass sie nicht böse gemeint war. Ich verwies auf das ungewohnte Auto und gab mir Mühe, mir beim Bremsen mehr Zeit zu lassen.

Um etwa 1305 hielten wir wieder am Rand der Landstraße in einem Waldstück. Scheinbar musste im vorderen Wagen jemand pinkeln, und rauchen wollen die Elsener auch noch. Wieder kam der grinsende Jungspund zu mir und ermahnte mich dazu, zügiger zu fahren. Sein älterer Kollege pflichtete ihm bei und sagte:
„Wir sind schon ne Stunde unterwegs und immer noch im Kreis Bernkastel-Kues!“
Dass der Landkreis „Bernkastel Wittlich“ heißt, behalte ich für mich. Ich machte stattdessen darauf aufmerksam, dass ich nur so schnell fahre, wie die Polizei erlaubt, und dass ich, im Unterschied zu ihm, keine schöne lange Gerade zum Überholen der beiden Sattelschlepper mehr gehabt hatte, die im Laufe der Zeit zwischen uns eingebogen waren. Interessierte den aber nicht, er wiederholte noch einmal, dass wir um 1700 bereitstehen müssten.
“Ich fahr auch meine Hundert!“ sagte der Jungspund. Das kommentierte ich auch nicht weiter. Mein unbewusster Gesichtsausdruck sollte genug sagen.

Mit dem Gedrängel stießen die beiden er bei mir auf taube Ohren. Ich würde nicht flotter fahren, nur weil die das gerne so hätten, weil ich die Notwendigkeit nicht einsehe. Ich bin im Sommer 2003 selbst zweimal nach Frankfurt gefahren, und trotz eines geringfügigen Staus brauchte ich nicht länger als dreieinhalbe Stunden – bei einem Startpunkt, der etwa 100 km weiter südlich als Trier liegt. Die Fahrt ging also weiter und mein Hintermann stimmte mir voll und ganz zu.
„Fahr nur, wie Du es für richtig hältst… was will Dir der Typ übers Autofahren erzählen? Ist der überhaupt schon über 20? Dem ist das doch alles scheißegal… Du bist hier verantwortlich für zwei Insassen, in einem ungewohnten Auto. Also mach nur weiter so.“
Moralisch gestärkt fuhr ich also auf meine Art und Weise weiter. Den Jungspund verlor ich eine Weile nach der Auffahrt auf die Autobahn Richtung Mainz aus den Augen, aber das ist mir egal. Spätestens ab Mainz sollte Frankfurt ausgeschildert sein, und ab dem Einzugsgebiet von Frankfurt die Messe, bzw. das Gelände, ebenso.

Und genauso kam’s, ich fand problemlos das richtige Parkhaus „Rebstock“, wenn auch nach einem kleinen Umweg über den LKW-Parkplatz. Wir wurden einfach ins Parkhaus hineingewunken, einen Parkschein bekam ich nicht zu sehen.
Ich warf einen Blick auf die Uhr: 1445, in Worten: Viertel vor Drei. Wir hätten eine Stunde im Stau stehen können und wären immer noch zu früh da gewesen. Ich rief den Jungspund an und teilte ihm mit, dass wir ihm Parkhaus seien, Ebene C-0. Er antwortete, er werde gleich da sein, um uns zum Messegelände zu führen.

Ich nutzte die Wartezeit, um mir die Bedienungsanleitung des Autos anzusehen.
Weitere Beobachtungen zur Kontrolle des Autos: Der von meinem Fahrlehrer angemahnte Schulterblick beim Spurwechsel ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Schulterstützen des Rücksitzes und in erster Linie die Fahrzeugsäule hinten links machen es unmöglich, aus der Gegend irgendwelche optischen Informationen zu beziehen. Ich bleibe nach links also auf den Außenspiegel beschränkt. Die Aussicht nach rechts ist gut.

An den Blinker muss ich mich auch gewöhnen. Statt der gewöhnlichen Bedienung „Hochdrücken = rechts blinken“ und „Runterdrücken = links blinken“ hat der Zafira vier Einstellungen, mit zwei Klicks jeweils nach oben und nach unten. Ein Klick bewirkt, dass der Blinker dreimal aufleuchtet und dann abschaltet. Bewegt man den Schalter zwei Klicks weit, blinkt das Licht so lange, bis man es selbst wieder abschaltet. Oft genug schaltete ich dabei den Hebel zu weit zurück und blinkte kurz in die andere Richtung. Möglicherweise habe ich damit ein paar andere Verkehrsteilnehmer verwirrt.

Anders als in jedem anderen Wagen, an den ich mich erinnern kann, schaltet man das Fernlicht nicht ein, indem man den entsprechenden Hebel zu sich heranzieht. Im Zafira handelt es sich dabei nur um die Lichthupe. Um das Fernlicht einzuschalten, muss man den Hebel nach vorn drücken.

Zu guter Letzt verfügt dieses Auto über sechs Gänge. Mit knapp 2000 Umdrehungen 100 zu fahren, ist schon irgendwie cool, aber ich muss auch immer wieder bewusst an den letzten Gang denken, um ihn nicht völlig zu vergessen.

Der erste Wagen traf bald danach ein und wir machten uns zu Fuß auf den Weg zum Messegelände. Es war widerlich kalt, das dürfte vordergründig an dem starken Wind gelegen haben, der uns um die Ohren pfiff. Der Fußmarsch dauerte 45 eiskalte Minuten, vorbei am Hotel Tryp, am japanischen Generalkonsulat, und an einem japanischen Restaurant mit dem Namen „Sushi-Shô“.
Ich lenkte mich etwas von der Kälte ab, indem ich mich mit dem Studierten unterhielt, der mit mir zusammen gefahren ist. Es stellt sich heraus, dass er in Trier Anglistik studiert hat und derzeit einen privaten Kurs absolvierte, um ein Übersetzerzertifikat zu bekommen. Dafür müsse er 210 E pro Monat löhnen, deshalb mache er noch solche Jobs wie den heute.
Währenddessen rannten unsere „Führer“ vorneweg, ignorierten rote Fußgängerampeln zum einen und langsamere Kollegen (wie den genannten Überfünfziger) zum anderen. Irgendwie gingen sie mir auf den Keks. Wir passierten mehrere Verkehrskontrollen der Polizei, aber leider wurden die beiden da vorne nie erwischt. Schade eigentlich.

Warum haben wir nicht einfach den Shuttlebus zur Messe genommen? Der war kostenlos und windgeschützt. Wahrscheinlich wollten die beiden einfach Zeit totschlagen. Oder sie wussten zum Zeitpunkt der Beschlussfassung bereits, dass sie den Streckenabschnitt durch eine Grünanlage dazu nutzen würden, in die Sträucher zu pinkeln. Proleten…

Dann standen wir vor dem gesuchten Eingangsbereich und wurden noch einmal daran erinnert, dass wir erst um 1700 hier zu sein hatten. Was sagte die Uhr? 1545. Ich fragte den älteren „Elsen“, was für Möglichkeiten es denn gebe zum Zeittotschlagen.
„Ha, keine Ahnung! So oft war ich noch nicht hier… Kaiserstraße, da ist ein Puff,“ meinte er und lachta herzhaft über seinen Witz.
„Nee, ist mir noch zu früh am Tag dafür…“ gab ich missbilligend zurück.
„Mir ist es egal, Ihr könnt machen, was Ihr wollt, solange Ihr um Fünf wieder hier seid.“
Dann schnappte er sich seinen jüngeren Kollegen und stapfte davon, wer weiß, wohin.
Wir übrigen sahen einander an.
„Es gibt doch bestimmt irgendwo ein Café…“ suggerierte der Unsichere.
„Ach was! Doch nicht in Frankfurt!“ gab ich zurück. Zuerst sah er mich ungläubig an, dann lachte er.

15. Februar 2009

Antiquitäten in Luxemburg, 2009

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 19:44

Ich muss über die Messen eigentlich nicht immer schreiben, denn prinzipiell läuft da ja immer das gleiche, und von der Messe selbst bekomme ich ja nichts zu sehen, außer im schnellen Vorbeigehen.

Irgendwo muss bei den Vor- und Nachbereitungen dieses Jahr allerdings der Wurm drin gewesen sein, und ich kann nicht einmal sagen, wo. Die Vorbereitungen, also das Aussuchen geeigneter Ware, deren Erfassung und Verladung, dauerte ebenso lang wie sonst auch, allerdings war unschwer festzustellen, dass wir nur halb so viele Teppiche mitnahmen, als sonst üblich, und auch die gewöhnungsbedürftigen Buddhastatuen, die wir auf Kommission im Laden haben, blieben genau dort. Die einzige Verzierung, die mitgenommen wurde, war eine Schnitzerei aus Teak.

Ah ja, da war doch was! Natürlich… die Holzleisten, an denen die Teppiche aufgehängt werden, sollten neu gestrichen werden, und das zog sich ein bisschen länger, als ich erhofft hatte. In Abwesenheit von technischen Hilfsmitteln, abgesehen von zwei Brettern als Unterlage und einem Pinsel, und handwerklicher Eignung fiel mir keine bessere Lösung ein, als die Bretter halb-und-halb zu streichen, das heißt, zuerst eine breite und eine schmale Seite, trocknen lassen, dann die andere breite und die andere schmale Seite, zuzüglich der Außenkanten, wieder trocknen lassen. Der wasserlösliche Lack versprach, innerhalb von etwa einer Stunde trocken zu sein, aber damit war’s ja wohl nichts. Um 1715, also eine dreiviertel Stunde vor Feierabend, war sonnenklar, dass der Lack keineswegs so zeitig trocken werden würde, dass ich alle Bretter am selben Tag behandeln konnte.

Stattdessen trat die ältere Tochter des Hauses mit der Bitte an mich heran, ihre Hausarbeit zum Thema Büchner auf Fehler durchzusehen. Das dauerte dann bis sieben Uhr und ich glaube, dass die Arbeit zu dem Zeitpunkt weitgehend rot war. Nicht, dass ich von Büchner übermäßig viel verstehen würde, aber wenn es um Ausdrucksweise, Wortwahl, Wiederholungen, und Verständlichkeit geht, kann ich sehr wohl einen Kommentar dazu abgeben. Ich habe allerdings davon abgesehen, diese Tätigkeit als Arbeitszeit zu berechnen. Man ist in dem Laden immer fair zu mir gewesen, also will ich es auch sein.

Die Bretter brauchten dann also einen Tag länger, und wofür mir keine Lösung eingefallen ist, war das Problem, wie ich die letzte schmale Kante ohne Lackschaden hinbekommen würde. In den Brettern befinden sich nämlich Schraubhaken, oder wie auch immer das Zeug heißt – man schraubt sie ins Holz und befestigt das Brett damit an einer Aufängung an der Wand. Diese Haken mit Gewinde sind leider länger als die beiden Unterlagen dick sind,  mit denen ich die neu lackierten Flächen vom Arbeitstisch trennte. Mit einer trockenen, breiten Seite konnte ich die Bretter jedenfalls nicht auflegen, weil dann der Platz auf dem Tisch nicht gereicht hätte, also musste ich die frisch gestrichene Kante auf die Unterlage aufsetzen, und das absehbare Ergebnis war, dass der Lack verklebte und zum Teil noch offene Flächen existieren. Sie sind allerdings nicht groß und zu meinem Glück verschwinden die Bretter eh hinter den Teppichen, die verpfuschte Arbeit würde also niemand sehen.

Die Messe dauerte dann von Freitag bis in den Montag hinein, dann wurde abgebaut. Ein kurzer Spaziergang zwischen den Ausstellungsflächen zeigte allerlei Antikes, oder auch nicht antikes. Da war ein Stand, der goldene und schwarze Möpse (Hunde), und daneben noch einmal ebensolche Pinguine ausstellte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Dinger ebenso alt wie hässlich sind. Silber, hochpoliert bis zur Erblindung hier, dort reichlich gewachste Möbel, von deren Wachsgeruch einem schlecht werden könnte, dazwischen zwei Aussteller mit Ikonen, also Darstellungen von Heiligen, auf Bretter aufgemalt, aus Russland. Einen konkurrierenden Teppichstand gibt es ebenfalls seit Jahren, allerdings hat sich das Ehepaar auf afghanische Yomout spezialisiert, während der Großteil unserer alten Ware aus dem Kaukasus stammt.

Als auf der Fahrt nach Luxemburg ein paar Schneeflocken durch die Luft tanzten, dachte ich mir noch nicht viel dabei, aber als der Aufbau dann begann, hatten wir schlagartig Saarbrücker Verhältnisse, um es mal so zu nennen.  Die Teppiche mussten abgedeckt werden, was bis zum Anhänger auch gut ging, aber dort mussten wir die Plane anheben, und der ebenfalls vorhandene, böige Wind tat sein bestes, die Abdeckplane wegzupusten. Und bei jedem Gang nach draußen sammelte sich auf dieser Plane genügend Schnee, um mindestens drei Schneebälle zu formen.

In der zweiten Hälfte des Abends ließ der Schneefall allerdings mit dem Wind nach und es begann zu nieseln, was auch nicht so dolle war. Immerhin waren die Zufahrten des Messegeländes und auch die Autobahnen hervorragend gestreut. Zum Glück war ich wegen der Arbeit der vergangenen Tage nicht dazu gekommen, den Transporter zu waschen… das hätte ich nach dem Wetter nämlich gleich noch einmal machen können, um das Salz von den Oberflächen zu spülen. Der Wetterbericht hatte vor Schnee gewarnt, allerdings war es das erste Mal, dass es zur Luxemburger Messe geschneit hatte. Zur Herbstmesse dann also Sturm und Hochwasser?

Die Rückfahrt nach Trier ging also zügiger von sich, als das im November aus Richtung Saarbrücken der Fall gewesen war. Die Chefin zeigte sich sehr zufrieden mit dem Ergebnis der Messe, ich interpretiere also, dass zwei oder drei Exemplare verkauft worden sind – was bei der Art der Ware einige Monatsmieten bedeutet – und wohl auch einige andere Aufträge zur Beschaffung oder Reparatur ausgehandelt werden konnten.

Zurück in Trier das übliche Ausladen. Möglichst schnell und halbwegs ordentlich, damit in den kommenden Tagen die Liste abgehakt werden konnte, um die Teppiche dann wieder in ihre Stapel einzuräumen.
Theoretisch sollte das bei der relativ geringen Warenmenge nur einen Tag dauern, allerdings ergab es sich, dass man uns am Tag darauf gewissermaßen die Bude einrannte, weshalb das alles nicht so fertig wurde, wie es sollte, aber immerhin war das Ergebnis, dass ein paar weitere Tausend Euro als Umsatz erwirtschaftet werden konnten. Ein Ehepaar zum Beispiel suchte ein großes Stück für ein großes Wohnzimmer und hatte im Vorbeigehen am Laden zufällig das Exemplar entdeckt, für dessen Ausstellung sich Halina entschieden hatte, obwohl die Chefin eigentlich der Meinung war, dass er viel zu groß sei (3,50 x 2,50), um ernsthafte Chancen zu haben, verkauft zu werden. Aber da ging er hin und kam nicht wieder.

In dieser Reihe von Ereignissen beeindruckend auch der geschäftliche Besuch bei einem pensionierten Trierer Zahnarzt mit einer wirklich imposanten Aussicht auf die Altstadt und einem ganzen Stall voll Enkelkinder. Der hatte vor 30 Jahren einen Großeinkauf getätigt und wollte nun Reparaturen und Wäsche vornehmen lassen. Der Adlerkazak alleine, der da so unschuldig an der Wand hängt, hatte anno dazumal 100.000 Deutsche Mark gekostet, und auch die übrigen Stücke waren von bester Qualität. Wer hat hierzulande auch schon einmal von einem armen Zahnarzt gehört?
Sein Wohnzimmerafghane von über vier mal drei Metern zeigte Anzeichen von Mottenfraß (Motten lieben Afghanen, verschmähen aber andere Teppiche weitgehend), und zu allem Unglück stellte er ebenda auch fest, dass der Teppich morsch ist – vermutlich das Ergebnis eines undichten Weihnachtsbaumtrogs. Also, alles einpacken, im Hof ausbreiten, desinfizieren, wieder einpacken, und zur Wäscherei damit.

Jetzt sollte der Alltagsbetrieb wieder einsetzen. Allerding ist für April mal wieder ein Vortrag in der Teppichgalerie geplant, und wenn ich mich nicht irre, dann kam das so:
Vor langer Zeit hielt sich ein Student der FH, Abteilung Kunst, bei uns auf und hatte Erlaubnis, ein paar Teppiche zu fotografieren. Er wollte die Muster irgendwie verwerten. Binnen Jahresfrist folgten diesem Besuch zwei Vorträge der Chefin in der FH, in denen sie auf die Symbolik der alten Teppichmuster einging. Diese Vorträge inspirierten die FH-Künstler scheinbar sehr und es folgte eine ganze Reihe von Projekten. Ich glaube, diese Projekte sollen dann im April vorgeführt werden. Das erhältliche Vorabmaterial sieht auch nicht uninteressant aus, also bin ich sehr gespannt, was ich zu gegebenener Zeit darüber berichten kann.