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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

4. Mai 2018

Op da schäl Seit (Teil 5)

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 18:11

Wir kommen zum Oktober 2014, und um zu sagen, was mittlerweile ja jeder, den es was angeht, weiß: Ich habe geheiratet. Bis dahin war es allerdings ein steiniger Weg. Weniger, was die Beziehung betrifft, deren steinigster Teil war der gemeinsame Japanaufenthalt. Und das ist ja nun eine Weile her. Nein, um eine Heirat beim Standesamt durchführen zu können, braucht man eine Reihe von Unterlagen, Auszüge aus dem Familienstammbuch, die in unserem Falle aus dem Saarland geschickt werden mussten, natürlich braucht man einen freien Termin, und all das muss von der Verwaltung länderübergreifend erfolgreich bearbeitet werden.

Die Sache haperte und stolperte vor sich hin. Wir begannen mit der Planung Ende Frühjahr oder Anfang Sommer. Ein halbes Jahr Vorbereitungszeit schien ausreichend. Zuerst einen Termin ins Auge fassen, den man als Verhandlungsbasis dem Standesamt nennen konnte: Warum nicht der 3. Oktober? Tag der deutschen Einheit, Feiertag, leicht zu merken. Hm, der war schon ausgebucht. Scheinbar waren eine Menge schnellere Paare auf die gleiche Idee gekommen. Blick in den Kalender: 3. Oktober 2014 war ein Freitag. Samstag, der 4. Oktober war doch auch nicht schlecht – Vier:Zehn:Vierzehn. Auch gut zu merken. Allerdings war das Standesamt unseres Doppeldorfs hier oben ebenfalls ausgebucht. Vallendar unten am Rhein hatte noch was frei, morgens um Zehn. Eine gute Zeit, genügend Zeit für letzte Vorbereitungen am Morgen. Wenn da nicht… na ja, später.

Erst einmal die verwaltungstechnischen Aspekte. Die Zusendung der Akten von den Ämtern zuhause verzögerte sich dermaßen, dass man uns in Vallendar wohlwollend einen Aufschub über die eigentliche Einreichungsfrist hinaus gewährte. Dann musste einer von uns persönlich erscheinen, um Unterschriften zu leisten und die Trauung selbst als finalen Verwaltungsakt in Gang zu setzen, was meine baldige Frau an einem ihrer freien Mittwoche erledigte. Das wäre auch ganz einfach gewesen, wenn nicht just an dem Tag ein Software Update in der Gemeindeverwaltung fällig gewesen wäre. In Folge waren Computer als Mittel der Datenverarbeitung nicht verfügbar. Es entspann sich ein fast vorzeitlich anmutender Gang durch verschiedene Büros, der das gewünschte Ergebnis eben in Papierform erreichte.

Als dies erreicht war, bekamen wir Post vom Vallendarer Standesamt, in der der Termin bestätigt wurde und man uns zu unseren Wünschen und Vorstellungen bezüglich der Zeremonie befragte. Dazu gab es einen kleinen Fragebogen, der auch die konkrete Frage enthielt, warum wir uns für den jeweils anderen entschieden hatten. Ansonsten von formaler Bedeutung war für uns die Feststellung, dass wir beide Atheisten sind und dass wir daher keine religiösen Formeln benötigten. Der Weg war geebnet, der Termin konnte kommen.

Ja, nun war Glück ja noch nie Teil meiner Biografie, wenn es um bedeutende Dinge geht, mal abgesehen von einem Tag im Herbst 1989, als ich feststellte, dass das Mädchen, in das ich verschossen war, sich auch für mich interessierte, und dem Tag ein halbes Jahr später, der zufällig auch der Tag war, an dem sie sich wieder von mir trennte, an dem ich einen Hundertmarkschein auf der Straße fand. Und binnen Wochen komplett verfraß. Egal, ancient history. Im Juni hatte ich angefangen, Pakete im Auftrag von TNT rumzufahren, und da die Reihe der Touren immer schön regelmäßig durchgegangen wurde, hatte ich immer am dritten Samstag im Monat Dienst. Also: Kein Problem. Bis am Morgen des 4. Oktober mein Telefon klingelte und Jim mich fragte, wo ich denn bleibe? Ich teilte ihm mit, dass ich um 10 einen Termin beim Standesamt und deshalb keine Zeit hätte. In dem halbschlafenen Zustand dachte ich noch, man fordere mich auf, als Ersatz einzuspringen. Zehn Minuten später klingelte das Telefon erneut. Der Tourenfürst. Ich stehe für heute auf dem Plan, ob ich denn nicht mal einen Blick darauf geworfen habe? Mein Einwand, dass ich doch sonst auch am dritten Samstag dran sei, brachte mir nichts, ich stand auf dem Plan, weil der Malchik ausgerechnet ab Oktober Änderungen vorgenommen hatte. Der Tourenfürst versprach, mir angesichts meines Termins nur Ziele in der näheren Umgebung zuzuteilen, damit ich spätestens um neun Uhr durch sein könne.

Ich kam also eher schlecht gelaunt etwa um sieben Uhr in die Halle und fand als erstes einen Pfandflaschenzerquetscher für einen Discounter in Bad Honnef vor – auf der Rottbitze. Erstens würde ich allein für die Fahrt hin und zurück etwas mehr als eine Stunde brauchen; zusammen mit den anderen Zustellungen im Bereich Neuwied, Bendorf, Vallendar und Urbar müsste ich dann schon Glück haben, wenn ich bis halb Zehn fertig werden würde. Habe ich gerade eben tatsächlich „Glück“ in Erwägung gezogen? Zweitens handelt es sich bei diesen Flaschenquetschern um kompakte Maschinen aus Stahl in der Größe eines professionellen Werkzeugkastens, die einer allein nicht mal eben aus dem Auto auf die Rampe hebt, die diese Discounter in der Regel haben. Deswegen klebt ja auch ein Schildchen drauf, „Bitte mit Hebebühne zustellen“. Die werden aber grundsätzlich in die Kleintransporter geladen, denn wenn man nur drei LKWs zu je 7,5 t in einem Dreieck zwischen Wittlich, Limburg und Königswinter fahren hat, dann ist Stellplatz wertvoll und wird für Ware, die nicht in die Ballungszentren geliefert wird, vorzugsweise für übergroße Sachen vergeben, oder für solche ab 300 kg aufwärts. Die Kleintransporter fahren ihren Teil an Paletten und schwerem Zeug, oft in der Hoffnung, dass der Empfänger ein Hilfsmittel zum Abladen hat.
Ich beschwerte mich beim Tourenfürsten über diese Zuteilung.
„Dann ruf bei der Dispo an und sag denen, dass Ihr das Teil nicht abgeladen bekommen habt.“
Genau das tat ich, aber natürlich war es hinfällig, zu behaupten, ich sei überhaupt dort gewesen, in der kurzen Zeit, die vergangen war. War mir aber egal, ich würde dort nicht hinfahren, die könnten ihren Crusher auch noch am Montag einbauen. Ich musste auch so schon auf die Tube drücken, um mit der Zeit hinzukommen. Der letzte Stopp war ein kleines Restaurant in Urbar, das eine Lieferung eisgekühlter Ware erhielt. Allerdings war wohl jemand unachtsam damit umgegangen, ich würde annehmen: Styroporkiste ohne Sinn und Verstand unter etwas schweres in der Transportgitterbox gelagert. Der Kunde beschwerte sich bei mir über den Zustand, aber ich hatte überhaupt keinen Nerv, Dinge zu diskutieren, für die ich nichts konnte, und eine schnelle Untersuchung des Inhalts ergab, dass nichts angetaut war, das Problem war de facto also ein rein ästhetisches.

Als ich dann endlich zuhause war, reichte die Zeit noch zum Waschen und Rasieren, aber mit Haareschneiden war nichts mehr. Ich warf mich in meinen einzigen und Lieblingsanzug, dann konnte es endlich losgehen. Unsere Trauzeugen zum Ort des Geschehens zu lotsen machte überraschenderweise keine Probleme, mal abgesehen von meinem Trauzeugen und dessen Frau, die bei der Berechnung von Zeitfenstern regelmäßig daneben liegen und sich dann gegenseitig die Schuld zuweisen. In dieser Hinsicht ein wahres Duo Infernale. Aber es klappte ja.

Die Zeremonie war wohltuend simpel, dabei in einem Maße feierlich, das mir gefiel, und unfreiwilliger Humor wurde von der Gattin meines Trauzeugen beigesteuert, die, in ein bayrisches Dirndl gekleidet, die Eventfotografin mimte, und das mit einer solchen Hingabe, das die Standesbeamtin irgendwann einhakte, ob sie jetzt nicht so langsam genügend Bilder gemacht habe. Ich glaube, das einzige, was sie nicht versucht hatte, war, sich an den Deckenleuchter zu hängen, um ein paar Aufnahmen aus der Vogelflugperspektive zu machen. Ich fand das witzig.

Das Wetter war so gut, wie man es sich für einen Hochzeitstag nur wünschen konnte. Strahlend blauer Himmel, kein Wölkchen in Sicht. Nachdem wir unsere Unterschriften geleistet hatten, gingen wir auf den Vorhof raus und machten noch ein paar Fotos mehr. Leider überzog ihre Kamera alle Bilder mit so einer Art Blaustich, und der Profi würde sagen: Da hat der Skylightfilter gefehlt. Ein solcher zart rötlicher Filter verhindert Blaustich bei hochstehender Sonne an strahlend blauem Himmel. Na ja, hinterher ist man immer schlauer und ich kann mir schlimmeres vorstellen als Bilder mit Blaustich.

Wir hatten im Vorhinein ein Restaurant mit guter Küche ausgewählt und das war eigentlich durch reinen Zufall geschehen. Als Zugezogene haben wir nicht die über Generationen angesammelte Ortskenntnis, die man braucht, um zu wissen, wo man gut aufgehoben ist und wo nur so getan wird, um es überspitzt auszudrücken. Ich fragte meine Vermieterin, deren Familie alteingesessen ist, per E-Mail und erhielt auch eine Antwort. Allerdings verschrieb sie sich in der Angabe des Namens, wodurch ich auf „Mein Koblenz“ kam, ein Restaurant in der Altstadt (das leider zwei Jahre später wieder zumachte, was mich zur Suche nach einem würdigen Ersatz für unser Weihnachts- und Hochzeitstagsessen zwang). Somit bestand unsere Hochzeitsfeier aus einem gemütlichen Essen zu sechst, und im Anschluss besuchten wir noch die Reiterstatue Wilhelms I. am Deutschen Eck und machten noch mehr blaustichige Fotos.

Was denn – keine große Runde, um alle an dem freudigen Ereignis teilhaben zu lassen? Nein, uns war nicht danach. Das mag so manchem geradezu ketzerisch vorkommen, aber sowohl meine Frau als auch ich sind Leute, die in erster Linie ihre Ruhe haben wollen und jederlei Trubel vermeiden möchten, auch, wenn die Gelegenheit so fröhlich zu sein scheint, wie eine Hochzeitsfeier mit allen Freunden und Verwandten. Letztendlich handelt es sich bei solchen Feiern um einen anstrengenden Kraftakt, der eine Menge Vorbereitungszeit und Nerven kostet, von den Kosten ganz zu schweigen.

Um Unruhen gleich im Keim zu ersticken und Überraschungen vorzubeugen, erzählten wir im Vorfeld niemandem von unseren Plänen. Nur unsere Trauzeugen und deren Partner erfuhren davon. Nach dem Termin verbrachte ich Wochen damit, schriftlich „Bescheid“ zu sagen und ließ mir zum Teil viel zu viel Zeit. Aber immerhin machte ich mir die Mühe – anders als ein Jemand, der ein paar Jahre zuvor nicht das Rückgrat gehabt hatte, für seine Entscheidung einzustehen, und von dessen Hochzeit ich eher zufälig von einem gemeinsamen Freund erfuhr, der es auf die kurz gehaltene Gästeliste geschafft hatte. Dabei wurde ich mir einer Hierarchie meiner persönlichen Kontakte bewusst, die ich vorher nie so wahrgenommen hatte. Ein enger Kreis von Personen – Familie und beste Freunde – erhielten ein handschriftliches Schreiben in Briefform, in dem ich meine Gründe darlegte, heimlich zu heiraten und warum ich den und nicht sie als Trauzeugen ausgewählt hatte. Ein zweiter Kreis von Personen, die mir am Herzen lagen, erhielt eine Postkarte. Ein dritter Kreis erhielt eine E-Mail. Das schloss leider auch Personen ein, deren Postanschrift ich nicht kannte, also Leute, die eigentlich eine Postkarte hätten bekommen müssen, aber das war nicht zu ändern. Bis auf eine oder zwei Personen im Umfeld meiner Frau murrte niemand ob dieser Vernachlässigung und zeigte Verständnis. Das erleichterte mich natürlich ungemein, aber ich weiß auch nicht, ob ich dieses soziale Risiko eingegangen wäre, wenn nicht einer meiner Freunde der DSA-Runde bereits denselben Stunt gezogen hätte. Wir hatten damals ein offenes Gespräch darüber geführt, das mich sehr ermutigte.

Zu guter Letzt sei noch ein Punkt erwähnt. Als es darum ging, mich bei Tof abzuziehen und für TNT anzuheuern, sagte der Tourenfürst in Bezug auf das zu erwartende Einkommen, wenn ich heirate, würde ich noch mehr bekommen. Er meinte damit natürlich nicht, dass er mir in dem Fall einen Bonus zahlen würde, ich bekam von ihm keinen Cent mehr deswegen; was er meinte, war, dass ich in eine günstigere Steuerklasse rutschen würde. Ha-Ha.