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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

31. Oktober 2023

Freitag, 31.10.2003 – Easy Rider

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 11:08

Am heutigen Nachmittag findet kein Unterricht statt, weil die Vorbereitungen für das Fest, das ab dem morgigen Tag beginnen wird, auf Hochtouren laufen. Das heißt, die Räume werden entsprechend ausstaffiert und können nicht für Unterrichtszwecke verwendet werden. Also heute kein Yamazaki.

Stattdessen laufen ab 14:00 die Generalproben für unsere Auftritte. Marc ist für die Präsentation Deutschlands zuständig. Er soll etwas zeigen, was nicht schon jeder weiß oder kennt. Wie alle anderen Präsentationen auch handelt es sich dabei um eine Powerpoint Präsentation, von einem Computer mittels eines Projektors auf eine Leinwand übertragen. Die Zeitvorgabe dabei ist „drei bis fünf Minuten“. Das würde ich für etwas kurz halten, aber immerhin müssen wir ein Dutzend Nationen in kürzester Zeit durchgehen.

Bei den Proben schon nimmt sich Irena für Slowenien acht Minuten Zeit (ich habe aus Neugier mal die Zeit gestoppt), oder sagen wir objektiver: Sie benötigte für das, was sie über Slowenien gesagt wissen will, acht Minuten Zeit. Danach zeigt Dave Bilder aus Neuseeland. Aber er zeigt nicht einfach Neuseeland, sondern zum Großteil Bilder, die mit seiner Familie und seinem Heimatdorf zusammenhängen. Die zeigen eigentlich nichts, was ich nicht schon wusste oder mir nicht hätte vorstellen können. Er hätte besser ein paar Landschaftsaufnahmen aus „Der Herr der Ringe“ gezeigt, dann wäre Neuseeland viel besser rübergekommen.

Das geht Marc alles an die Nieren, weil er sich von dem gegebenen Zeitlimit besonders eingeschränkt fühlt und der Meinung ist, dass sich die anderen ruhig an das Zeitlimit hätten halten können. Genau genommen ist er eigentlich ziemlich sauer und entschuldigt sich wegen „Unwohlsein“.

Es stellt sich übrigens auch tatsächlich heraus, dass ich wegen der blockierenden Haltung der Hälfte der Deutschen der einzige „künstlerisch“ Vortragende sein werde. Da Ramona und Luba die „Ode an die Freude“ nicht unbedingt zu zweit singen möchten, melden sie sich freiwillig für das Kinderprogramm und machen damit immerhin etwas. Nicht so wie andere Leute, die sich ganz fern halten.

Nach den Proben begutachte ich die Rechner der Bibliothek genauer. Der Prozessor ist ein Celeron, aber als Angabe steht auf dem Bildschirm 1,2 GHz Frequenzleistung. Das ist doch nicht schlecht, und die Geschwindigkeit, mit der Programme gestartet werden, ist wirklich bedeutend höher als auf den lahmen Gurken im Center. Sie laufen schnell und vor allem stabil, Betriebssystem „Windows 2000 Professional“. Aber meine Kamera wollen sie nicht erkennen. Ich lade auch die entsprechenden Treiber für dieses Betriebssystem herunter, aber das zeigt keinerlei Wirkung. Na toll – dann werde ich die Mühlen im Center also doch noch dafür brauchen, so ungern ich das auch tue. Ich sollte anfangen, mir Sicherheitskopien zu machen.

Bei Anbruch der Dunkelheit besorge ich mir ein neues Fahrrad. Das alte ohne Bremsen war doch etwas gefährlich. Das „neue“ ist natürlich ebenfalls gebraucht. Ein Mountainbike. Es steht in einem dichten Haufen von Fahrrädern, der Sattel ist komplett zugestaubt, die Zahnräder und Kette trocken und rostig, die Reifen sind nahezu luftleer. Aber Öl und Luft sind hierzulande kostenlose Serviceleistungen (sofern man bereit ist, selbst zu ölen und Luft zu pumpen, während die Kompressorpumpen unglaubliche 20 Yen pro Benutzung kosten). Das sollte kein Problem sein. Eine halbe Stunde später ist das Mountainbike voll betriebsbereit. Sieht man davon ab, dass es kein Licht hat. Das ist ein Mangel – aber Licht braucht man nur nachts, Bremsen dagegen braucht man den ganzen Tag. Es hat hinten einen Reflektor… immerhin etwas. Die Bremsen sind wirklich gut, die Reifen haben ein ausgezeichnetes Profil und die Gangschaltung verfügt über 18 Gänge. Damit kann ich leben.

Am Abend verpackt Melanie Geschenke für Ricci, weil sie bald Geburtstag hat. Ich lege ein Paket Zucker und eine Packung Kakao dazu, weil Ricci sich vor einiger Zeit beklagt hat, was für ein minderwertiges Zeug sie in Tokyo bekommen habe. Melanie ist natürlich der Meinung, dass man so was nicht machen könne. Ich habe die Gründe leider nicht wirklich verstanden, aber es läuft wohl darauf hinaus, dass man diese Art von Geschenk (nicht niedlich, nicht ästhetisch) als „Abneigungsbezeigung“ verstehen könne. Ich bin dagegen der Meinung, dass Ricci mich lange genug kennt, um den Spaß (oder vielleicht den praktischen Zweck) dahinter zu verstehen. Ich traue ihr so viel Humorverständnis doch zu. Melanie tut das offenbar nicht, also schreibe ich ebenfalls eine Karte, auf der ich meine Hintergedanken offenbare und mich gleichzeitig scherzhaft über den Niedlichkeitszwang in Melanies Auffassung von Postversand beschwere. Sie klebt immer irgendwelche kleinen Figuren und Fotos in die Briefe und auf die Pakete, damit es schöner aussieht. Obwohl der Inhalt ausgepackt wird und der Karton anschließend im Müll landet… aber eben das habe ich in den Brief an Ricci geschrieben und eigentlich nichts anderes.

Und da beginnt das Drama des Abends. Melanie will unbedingt lesen, was ich geschrieben habe. Und ich wollte es ihr auch eigentlich zeigen – aber sie fragt gleich, nachdem ich fertig bin, explizit danach, und diese Neugier stört mich. Sie trifft damit einen Punkt, der bei mir eine Blockadehaltung hervorruft.

Nein, nein, nein – so nicht. Sie will aber unbedingt und fragt noch mehrfach. Jetzt erst recht nicht. Es wird eindeutig erkennbar, dass sie beleidigt sein wird, wenn ich es ihr nicht zeige. Damit legt sie den Schalter in meinem Gehirn endgültig um. Nichts gibt’s! Niemand hat ein Recht darauf, meine Post zu lesen, so harmlos sie auch sein mag, und wenn man wegen einer Absage auch noch beleidigt sein will, dann empfinde ich das als Erpressungsversuch („Zeig mir das oder ich bin böse mit Dir!“), und ich komme mir kontrolliert vor – und da reagiere ich empfindlich. Ich bin nicht erwachsen geworden, um mir das noch gefallen zu lassen.

Ich klebe den Brief ruhig und gelassen zu. Ich bin sauer. Sie ist beleidigt. Wegen einer Kleinigkeit. Manchmal ergibt eines das andere. Und in Folge dessen redet sie die kommenden zwei Stunden kein Wort mehr mit mir. Soll sie. Vielleicht nutzt sie die Zeit, um ein wenig über ihre Neugier nachzudenken? Ich bezweifle es eigentlich.

Natürlich findet sich beim zweiten Nachdenken immer etwas. Ich reagiere auf bestimmte Schlüsselreize zu heftig. Eigentlich regt mich so schnell gar nichts auf… aber bemuttert („Hast Du Dir die Zähne schon geputzt?“) oder kontrolliert zu werden („Lass mich mal lesen, was Du da schreibst!“) trifft den Schalter punktgenau. Es tut mir natürlich jetzt leid, dass ich so heftig reagiert habe. Offenbar muss ich noch ruhiger werden.

Die entstandene Situation lässt sich aber glücklicherweise durch ein Gespräch nach der „Frostphase“ wieder in Ordnung bringen. Melanie ist offenbar der Meinung, dass ich solche Dinge nur aus dem Grund mache, sie zu ärgern – mit anderen Worten: sie unterstellt mir, dass ich das das als boshaften Scherz meine. Aber oh nein, dem Vorwurf kann ich widersprechen. Das ist mir sehr ernst.

30. Oktober 2023

Donnerstag, 30.10.2003 – Propaganda

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 10:40

Das Wetter wechselt zwischen sonnig und wolkig, dennoch ist es relativ kühl.

In diesen Tagen spielen öfters Bands in der Mittagspause auf dem Platz der Uni. Heute spielt eine Punkband auf der Bühne, die für das Fest vom 01. bis 03.11. aufgebaut wurde. Die Jungs sehen eigentlich nicht nach Punk aus. Sie scheinen mir eher aus einem Tarantino-Streifen entlaufen zu sein, mit ihren „Anzügen“ und Hemden.

Egal, die Musik hört sich nach Punk an, vielleicht auch nur nach dem, was japanische Studenten für Punkmusik halten, oder ich habe einfach keine Ahnung von dem Krempel und halte es alleine für Punkmusik. Hin oder her, ich würde solcherlei Aktionen in Trier begrüßen. Ein bisschen Musik oder Krach zur Mittagsstunde, wenn kein Unterricht stattfindet, kann doch nicht verkehrt sein.

Die Ideen von Mareike und Tanja werden immer seltsamer. Jetzt heißt es, sie wollten sich allgemein bei deutschen Projekten zurückhalten, weil sie nicht zu sehr mit Deutschen und anderen Austauschstudenten rumhängen wollten, sie wollten sich mehr um japanische Kontakte bemühen. Aha. Gut, ich habe zu Beginn, Ende September, etwas ganz ähnliches gesagt (und mich damit bei Ramona gleich „beliebt“ gemacht), aber ich persönlich habe so meine Zweifel, dass aus dem frommen Vorsatz der beiden viel wird. Ich erlebe ja selbst, dass die Dinge so werden, wie sie halt kommen und man trifft halt, wen man trifft, und sich absichtlich aus gemeinsamen Projekten heraus zu halten ist doch unsozial. Außerdem könnte man was verpassen. Erstens einmal ist Tanja im Moment gar nicht danach, länger als ein halbes Jahr zu bleiben (obwohl die beiden mit dem Berufsziel Übersetzer studieren!?), zweitens machen sich die beiden jedes Mal ins Hemd, wenn sie in Gefahr laufen, japanisch reden zu müssen, und drittens hat Tanja sogar Probleme damit, ohne Begleitung (= Mareike) nach Hause zu gehen.

Mareike und Melanie durchsuchten z.B. vor einigen Tagen die Kramkisten im Naisu Dô, ich wartete auf Melanie, und Tanja stand mehr oder minder gelangweilt in der Gegend rum, obwohl sie nichts Bestimmtes mehr vorhatte. Sie könne doch nach Hause gehen, wenn sie sich langweile. Nein, das wolle sie nicht alleine. Und dann wollen die mir erzählen, dass hinter der gemachten Erklärung viel Wille steckt? Nein, meine Damen. Ich glaube, die werden ebenso sprachbegabt wieder abreisen, wie sie angekommen sind.

Okay, ich bin ja auch nicht ohne sturen Egoismus und sperre mich gegen eine Mitarbeit bei dem neuen „Ode an die Freude“ Projekt. Ich will mein Lied nicht umsonst geübt haben. Ich werde Ramona und Luba gerne helfen, wenn ich vorbereitend etwas für sie tun kann, aber ich mache mein eigenes Ding, egal, was die beiden zu tun gedenken.

SangSu sorgt heute im Unterricht über Kultur und Geschichte von Tsugaru für Unterhaltung.

Kitahara-sensei: „Wann kamen die ersten Ausländer wohl nach Hirosaki?“

SangSu: „Vor vielen, vielen, vielen, vielen, vielen Jahren, habe ich gehört.“

Wieder hat er für Lacher gesorgt, der arme Kerl, aber ich mag ihn. Er bezieht sich mit seiner Antwort auf die ersten Menschen überhaupt, die, wohl so in der Steinzeit, als Siedler hier in diese Gegend kamen. Natürlich existierte Hirosaki damals nicht, und natürlich war die Frage nicht so gemeint, wie er sie verstanden hat. Kitahara-sensei meint „die ersten Ausländer“ im Sinne von Leuten, die nach dem Sturz des Shôgunats und der Öffnung des Landes anno 1868 nach Tsugaru kamen.

Nur zur Erklärung des Vokabulars:

Hirosaki“ ist die Stadt und auch der „Landkreis“, wo ich lebe und wo sich die Universität befindet.

Aomori-ken ist (verdeutscht) gewissermaßen das „Bundesland Aomori“.

Tsugaru“ ist der „Gau“, in dem sich Hirosaki befindet und der einen bedeutenden Teil des Westens von Aomori-Ken ausmacht. Der andere „Gau“ von Aomori ist Hachinohe.

Um 14:40 treffe ich Yui. Wir besprechen eigentlich nur ein paar Hausaufgaben, reden über den Text, wo es um die Farben des Regenbogens geht und über meine Eindrücke von der Familie Jin, so weit diese gestern anwesend war.

Den Regenbogentext findet sie ebenfalls etwas schwierig zu verstehen, weil abstrakt, und die Familie Jin bedenkt sie wegen meiner Schilderung des Applaudierens und der „furchtlosen“ Tochter belustigt mit dem Begriff „okashii“ („merkwürdig, seltsam, komisch“).

Wegen der anstehenden Wahlen in Japan am 09.11.2003 will ich noch ein paar Worte über Wahlwerbung verlieren: Die regierende Jimintô (Liberal-Demokratische Partei) hat einen Werbespot, in dem der Premierminister auftritt. Er sitzt auf einem Barhocker vor einem neutralen Hintergrund, steht dann bedeutungsvoll auf und sagt ein paar Worte (die ich nicht verstehe). Dabei läuft im Hintergrund eine Ballade von… X-Japan!? Mit eine der legendärsten Rockbands des Landes. Da läuft „Forever Love“ um genau zu sein. Ich wusste nicht, dass diese Band für ihren Patriotismus so bekannt war, dass die Regierung ihren Werbespot damit schmücken wollte. Vielleicht auch, weil die Band eben „X-Japan heißt.

Die Minshutô (Demokratische Partei) trägt ein wenig dicker auf. Der Kandidat, das heißt, sein Gesicht, wird in Großaufnahme gezeigt, und er sagt „Watashi wa – Nippon – ga suki desu!“ („Ich – mag – Japan!“). Mit angedeuteten kurzen Pausen von je etwa einer halben Sekunde. Zur Unterstreichung der Feierlichkeit läuft im Hintergrund… die „Ode an die Freude“. „Freude schöner Götterfunken“, hübsch mit deutschem Text, in einer Werbung für eine japanische Partei, deren Kandidat Japan liebt. Hätte er dann nicht lieber die eigene Nationalhymne nehmen sollen? Das sollte hier nicht so übertrieben wirken wie in Deutschland. Wenn bei uns einer sagt, „Ich liebe Deutschland!“, dann macht er sich ja gleich verdächtig, Nationalist, Rassist oder Antisemit zu sein. In dieser Reihenfolge. Eigentlich traurig.

Am Abend essen wir Yakiniku, um mal was anderes zu essen. Auch hier wird die Stimmung besser, nachdem wir uns als Deutsche entpuppt haben (und nicht als Amerikaner). Das Yakiniku ist wirklich gut. Ich bedauere nur, dass es so schnell kalt wird. Außerdem füllt es nicht so gut wie Ramen, weil beim Yakiniku nicht so viel Flüssigkeit dabei ist, die den Bauch füllt. Dennoch plane ich, auch hier die Speisekarte einmal komplett zu essen. Seit dem Beginn unserer „Ernährungsforschung“ macht Melanie Notizen, welches Essen wie gut war. Das könnte ebenfalls eine Hilfe für nachkommende deutsche Studenten sein.1

Da ich ja nicht hundertprozentig gesättigt bin, esse ich zuhause die erste Mikan meines Lebens.

Die Dinger sehen zwar ähnlich aus wie Mandarinen, sie sind außen und innen orange, aber es sind keine Mandarinen. Will man die Schale entfernen, kann man sie nicht einfach lösen, sondern man muss die Frucht schälen. Allerdings stelle ich fest, dass man die Schale mitessen kann, wenn man sie vorher sauber macht. Das Innere besteht auch nicht aus mehreren Spalten, sondern besteht aus einem ganzen Fruchtkörper. Das Fruchtfleisch kaut sich wie eine perfekt reife Birne – nicht zu hart, nicht zu weich. Der Geschmack kommt mir entfernt vertraut vor, aber ich kann ihn nicht definieren. Vor allem kann man davon noch mehr essen.

Habe ich bereits erwähnt, dass „TRICK“ eine einmalig irre und lustige Serie ist? Mystery und Komödie sind hier fast in Perfektion verschmolzen. Der Humor basiert in erster Linie auf Slapstick. An dieser Serie ist ein Anime verloren gegangen, aber vielleicht kommt der eines Tages auch noch. Es geht um Yamada (w) und Ueda (m), die zusammen irgendwelche mysteriösen Dinge aufklären, wobei mir die Motivation nicht ganz klar ist. Sie ist eine reichlich durchschnittliche Showmagierin und er ein halbwegs erfolgreicher Autor. Interessant ist, dass dabei alle möglichen Tricks (daher wohl der Name), wie man sie in Zaubershows sehen kann, aufgeklärt werden.

Ich glaube, Yamada ist wirklich eine lebende Animefigur. Sie sieht gut aus, sie ist gerissen (wenn es darum geht, sich den Lebensunterhalt zu verdienen, auch mit Schummeleien), sie ist oft genug schusselig, sie fällt von einer Sekunde auf die nächste in Tiefschlaf, auch wenn Ueda gerade was erklären möchte, sie liegt auf lustig verdrehte Art und Weise und schnarcht, wenn sie schläft.

Ueda dagegen ist ohne all das seltsam genug. Als beide von den Handlangern eines Gegenspielers eingefangen und gefesselt werden, sollen sie verbrannt werden. Sie bittet um ein paar letzte Worte und sagt zu Ueda (auf englisch): „Why don’t you just try and do your best!?… Why don’t you just try and do your best?!?“ („Warum versuchst Du’s nicht einfach und gibst Dein Bestes!?“), worauf er die Fesseln sprengt und plötzlich so vor Kraft strotzt, dass ihm sogar das Hemd wegfliegt. Und dann steht er da, mit seinem Kampfschrei, in einer Pose, mit nach vorne gestreckten Armen, die ich bei Bruce Lee schon mal gesehen habe. Ich bin beinahe vom Stuhl gefallen, weil ich so lachen musste.

Die Hauptdarstellerin heißt Nakama Yukie. Seinen Namen konnte ich mir, wie gewohnt, nicht merken. Mein Gedächtnis für Männernamen ist offenbar kürzer.2

Danach läuft auf dem nächsten Kanal (ich schreibe nie auf, auf welchem) „Manhattan Love Story“.

Ja, der Titel klingt für die meisten wohl reichlich abschreckend. Aber der Titel täuscht ein wenig.

„Manhattan“ ist der Name des Cafés/Bistros/Restaurants (in Tokyo gelegen), in dem ein Großteil der Handlung stattfindet. Die Charaktere sind Anwohner oder Angestellte der Gegend, die das Manhattan zu ihrem Stammlokal gemacht haben. Dabei geht es um die (zum Teil sexuellen) Beziehungen der Charaktere untereinander, wer wen mag oder nicht mag, welche Frau mit welchem Mann eine Beziehung hat und mit wie vielen Frauen dieser schrecklich rückgratlose Typ (kein geringerer als Theaterregisseur Matsuo Suzuki) geschlafen hat, obwohl er verheiratet ist. Klingt ernst. Ist es aber nicht. Der Pächter des Lokals fungiert die ganze Zeit über als Erzähler im Hintergrund. Er redet während einer Episode vielleicht zwei Sätze direkt, alles andere kommt aus dem Off. Der Mann arbeitet die ganze Zeit mit seiner Mimik, die seine Gedanken untermalt – und das kann er richtig gut. Im Hinterzimmer hat er eine Schiefertafel hängen, auf die er das Soziogramm seiner Kundschaft aufgemalt hat. Die Schiefertafel hat er unter einem Kalender versteckt, damit Shinobu, sein Angestellter, sie nicht findet.

Wer Gelegenheit hat, sollte sich das mal ansehen. Man kann auch diese Serie bestimmt irgendwo runterladen, per „Bittorrent“ oder mit einem ähnlichen Filesharing-Programm. Wahrscheinlich ist die Sache dann sogar untertitelt.

Es ist festzustellen, dass ich in Japan viel begeisterter fernsehe, als in Deutschland. Die TV-Serien sagen mir mehr zu, als zuhause, und der Anteil an Animeserien ist dabei nicht wirklich gestiegen… irgendwas machen die Japaner im Fernsehen besser, als Amerikaner – oder Deutsche, deren Serien man in den allermeisten Fällen in den Mülleimer treten kann.3

1 Fast 20 Jahre später waren diese Notizen eine Hilfe oder Inspiration für unsere japanische Freundin Kazu, die zwar in Hirosaki aufgewachsen ist, aber noch nie im Bunpuku gegessen hatte.

2 Sein Name ist Abe Hiroshi.

3 Mein Eindruck ist, dass Japaner ein besseres Händchen für Serien als für Filme haben, und dass Serien ohne Spezialeffekte die besseren sind.

29. Oktober 2023

Mittwoch, 29.10.2003 – Zu Gast im Hause Gottes

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 19:50

Am Morgen regnet es, und es ist kühl, auch in den noch nicht geheizten Klassenräumen.

Im Kaikan, dem Internationalen Studentenwohnheim, gab es gestern einen Feueralarm – Gerüchten zu Folge, weil jemand sein Öl in der Bratpfanne zu heiß gemacht hat. Der Rauch löste dann den Alarm aus. Die Feuerwehr rückte an (nach 30 Minuten – schlimmer als im Petrisberg!) und wieder ab. Mehr war nicht zu erfahren.

Literaturseminar: Professor Vesterhoven ist seit 28 Jahren in Japan, erzählt er selbst. Wir lesen einen Ausschnitt einer Vorlesung von Kawabata Yasunari über Individualismus, und Vesterhoven sagt, dass es durchaus Individualismus in Japan gebe, die Japaner seien entgegen aller Klischees dazu fähig, aber den Individualismus auch zu zeigen, sei noch recht schwierig. Nun ja, nach 28 Jahren traue ich ihm das Urteil zu.

Da ich immer noch keinen Adapter gefunden habe, heute aber der Besuch bei Familie Jin ansteht, gehe ich zum Friseur. Meine Haare werden mir allmählich zu lang und außerdem gibt es einen Friseurladen direkt auf dem Campus. Man muss nur in das Mensagebäude hinein- und an der Mensa selbst geradeaus vorbeigehen und steht, am gegenüberliegenden Ausgang, vor der Eingangstür des „Hair Salon“.

Einige Minuten später habe ich meinen gewünschten Sechs-Millimeter-Haarschnitt und kann mich wieder unter Leute wagen. Das Haareschneiden kostet mich 1000 Yen, also etwas mehr als 7 E, dafür gibt es Haareschneiden mit der Schermaschine für Schafe, Kopfwäsche und Haarwasserbehandlung.1 Für den Preis lasse ich mir das gefallen. Alle zwei Monate kann ich mir das sicher leisten. Hätte es mich mehr als umgerechnet 10 E gekostet, hätte ich beschlossen, meine Suche nach einem Adapter wieder zu verstärken. Aber so hat das Zeit.

Um 16:45 gehe ich mit Nan los und wir stehen auf der Straße im Regen. Aha! Ich brauchte Nan nicht aus dem Grund, weil sie weiß, wo das Haus ist, sondern weil sie ein Telefon hat, das dann quasi als Verlängerung der Türglocke fungiert. Sie ruft also bei Familie Jin an und wir werden 20 Sekunden später von Tochter Yûmiko (11) abgeholt. Wir standen bereits direkt davor. Allerdings hätte ich das Haus lange suchen können, weil es gewissermaßen in der zweiten Reihe steht. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, eine Autoeinfahrt zu betreten, um zu prüfen, ob sich hinter dem Haus an der Straße noch ein weiteres befindet.

Die Begrüßung geht schnell vor sich. Außer Frau Jin und ihrer Tochter ist ja nicht viel los. Herr Jin (47) ist nicht da, er befindet sich auf einer Ärztetagung in Chiba (bei Tokyo) und lässt sich entschuldigen. Selbiges gilt für die Großmutter (74), die sich derzeit in Kyoto aufhält. Aber der Großvater (74) ist da. Die Großmutter geht ohne den Ehemann auf Reisen? Das überrascht mich etwas. Aber ich habe eine zu liberale Einstellung, um mich mit diesem Gedanken länger aufzuhalten. Oh, und der 14 Jahre alte Sohn Yûtarô ist auch da.

Das Wohnzimmer ist relativ groß (ca. 16 qm), aber voll. Von der Eingangstür aus betrachtet stellt sich das Ganze so dar: In der hinteren, rechten Ecke steht eine Art Bett, davor der Esstisch. In der hinteren linken Ecke steht ein Bücherregal, zwischen dem Regal und dem Tisch steht ein Teleskop, mit dem man den Mond betrachten kann (wenn das Wetter es erlaubt). Die linke Wand wird eingenommen von einem weiteren Bücherregal und einem Schrank in der Wand. Im Regal stehen Bücher und ein Computer. An der rechten Wand steht oder hängt noch ein Regal, dann ein Großbildfernseher, davor eine Schachtel mit sechs (!) Fernbedienungen für die verschiedenen Elemente der Anlage und fünf verschiedenen Kanji- und Wordtanks (das sind kleine Computer im Handtaschenformat, mit denen man Wörter nachschlagen kann), rechts neben dem Fernseher noch mehr Regal mit Souvenirs, das sich noch über die Wand erstreckt, in der die Tür zu dem Raum ist. Ein Drittel des gesamten Raums wird von einem Konzertflügel eingenommen, eine Version mit Stecker für Kopfhörer, damit man auch lautlos spielen kann, wenn andere fernsehen oder Radio hören wollen.

Das Wohnzimmer Gottes

Der Sohn spielt Klavier und bezeichnet sich selbst als „Anpanman“. Man braucht ein wenig Bildung in japanischer Populärkultur, um das zu verstehen. Bei „Anpanman“ handelt es sich um eine weit bekannte Animeserie für Kinder um eine Art Superhelden mit kugelrundem Kopf (der Kopf ist eine Art Brötchen = „Pan“ mit süßen Bohnen = „An“ als Füllung). Der Kopf ist austauschbar, denn wenn der Held was auf den Deckel kriegt und sich sein runder Kopf verformt, verliert er seine Kräfte und muss von seinen Freunden erst einen neuen Kopf zugespielt bekommen. Yûtarô ist also nicht ganz schlank und hat ein kugelrundes, fröhliches Gesicht, auch wenn er etwas verunsichert durch den Besuch wirkt. Vor allem, wenn er englische Begriffe verwendet – und ich nehme an, dass er Angst hat, sich durch Fehler bloßzustellen.

Yûtarô vor 20 Jahren

Yûmiko macht das doppelt wett: sie hat weitaus weniger Probleme mit dem fremden Besuch. Sie fühlt offenbar keine Scheu, uns sogar anzufassen, wenn sie auf etwas aufmerksam machen will. Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Aber ich empfinde das nicht als unangenehm oder unhöflich. Yûtarô ist auch eine eher stille Natur (ohne jedoch irgendwie abweisend zu wirken), aber Yûmiko dagegen ist wie ein kleines Kraftwerk, sie redet einfach drauflos und legt keinerlei kommunikative Berührungsängste an den Tag.

Yûmiko und Nan

Bei dieser Gelegenheit stellt sich ein Erfolgserlebnis ein – ich weiß, wie man „eigo“ („englisch“), schreibt, Yûmiko nicht. Ich kann also mindestens ein Kanji mehr als eine elf Jahre alte Japanerin! Bin ich nicht ein Supermann? (Es darf gelacht werden…)

Es werden Fotos von der Familie gezeigt, eines wurde vor der Kulisse des hiesigen kleinen Schlosses aufgenommen. Aha. Yûmiko in entsprechender Pose. Ich lache und sage „SailorMoon!“ Was denn, kennt man das auch in Deutschland, will sie wissen. Ja, das sei sehr populär, wenn es auch von „Pokemon“, „Digimon“ und den relativ neuen Sachen wie „One Piece“ und „Yû-Gi-Ô“ inzwischen überholt worden sei. Yûmiko freut sich darüber und zeigt mir eine Plastiktüte voll mit „Yû-Gi-Ô“ Spielkarten. Holla… in dem Sack liegen garantiert einige Tausend Yen in Form von diesem Merchandising. Und Yûmiko lässt es sich auch nicht nehmen, uns ihre Sammlung von „Winnie Pooh“ Stofftieren zu präsentieren. Dazu habe ich nun überhaupt keinen Bezug, aber einer Elfjährigen sei es gestattet.

Überhaupt ist die ganze Familie sehr musikalisch. Klavier scheinen irgendwie alle zu spielen, der Vater spielt noch eine Reihe anderer Instrumente, mit denen man Jazzmusik spielen kann, die Mutter spielt außerdem Flöte, die Oma spielt Koto, und die Tochter lernt es gerade von ihr. Nur der Großvater scheint kein musikalisches Hobby zu haben, zumindest wurde er in der Musikantenreihe nicht erwähnt. Der gute Mann war Skilehrer, mehr war nicht zu erfahren, und ich habe auch nicht weiter gefragt.

Der Großvater ist, wie alle älteren Leute, mit denen ich hier bisher gesprochen habe, etwas schwer zu verstehen, weil seine Stimme altersbedingt verändert ist. Ob er einen lokalen Dialekt spricht, kann ich nicht beurteilen. Ich brauche Frau Jin auch so, um mit ihm reden zu können. Aber auch die Kinder sind stellenweise schwer zu verstehen. Die haben beide einen Sprachfehler: sie lispeln. Bei palatalen und alveolaren Lauten entweicht die Luft seitlich der Zunge. Bei der häufigen Anwendung von Affrikaten in der japanischen Sprache nicht gerade ein leichtes Unterfangen. Man muss sich erst reinhören, bis man weiß, welche Laute verzerrt sind und man auf die richtige Form umdenken kann.

Frau Jin lernt derzeit sieben Sprachen gleichzeitig, in einer Gruppe, die sich „Hippo Family Club“ nennt. Der Hippo-Club ist wohl selbstorganisiert und umfasst etwa ein halbes Dutzend Familien. Über Sinn und Unsinn dieses Unterfangens kann man sich streiten, aber ich finde es auf jeden Fall beeindruckend, dass man etwas solches überhaupt in Angriff nimmt. Schließlich geht man hier bereitwillig auf Ausländer zu, um denen den Aufenthalt angenehmer zu machen, und das ist nirgendwo so selbstverständlich, wie es schön wäre.

Frau Jin hat ein dem entsprechend großes Interesse an deutschen Vokabeln. Den lautlichen Unterschied zwischen „Mutter“ und „Mütter“ konnte sie jedoch nicht erkennen, trotz meiner Bemühungen. Es muss damit zusammenhängen, dass der entsprechende Laut, das „ü“, im Japanischen nicht existiert, und daher das Ohr wegen mangelnder Gewohnheit die deutschen Phoneme „u“ und „ü“ nicht unterscheiden kann.

Die Konversation bleibt dennoch vielseitig. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, stehen genügend elektronische Lexika zur Verfügung. Und was haben die da für ein Teil!? Das Ding hat Sprachausgabe – und als ob das nicht schon irre genug wäre, hat es auch noch Sprachunterstützung für Japanisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Chinesisch, Koreanisch und Russisch!

Ich glaube, ich spinne… ich wage gar nicht zu fragen, was das gekostet hat.

Aber zum Essen:

Sukiyaki wurde mir versprochen, und das ist ein bisschen wie Raclette auf Japanisch. In der Mitte des Tisches befindet sich ein Pott mit eingebauter Heizfläche. In diesen Topf legt man dann Gemüse, Salat, Zwiebeln, Glasnudeln, Pilze und Fleisch, das alles köchelt in einem Sud aus Wasser und einer Art Sojasoße. Als Beilage gibt es daneben Reis und Süßkartoffeln, einen grünen Salat mit dünnen Schinkenscheiben und bestimmt noch etwas, was aufzuschreiben ich vergessen habe. Man nimmt sich was aus dem Pott heraus und taucht es in eine kleine Schüssel mit geschlagenem Ei. Klingt für Deutsche seltsam, aber das Ganze schmeckt einfach umwerfend gut.

Sukiyaki

Ich musste übrigens nicht bei der Herstellung helfen, weil alles so weit fertig war, ich habe nur etwas Teig in eine Form für Muffins gefüllt. Umwerfend, nicht wahr? Den Teig hat Yûmiko angerührt, und sie sagt, sie wolle eine professionelle Köchin werden, wenn sie mit der Schule fertig sei.2 Mir gefällt der Gedanke irgendwie. Somit ist sie wohl auch kein Anwärter für die grausamen Elite-Oberschulen und die bösen Elite-Universitäten mit ihren diabolischen Aufnahmeprüfungen, bei deren Vorbereitung sich jedes Jahr mindestens zwei Millionen japanische Jugendliche vor lauter Stress und Erwartungsdruck erhängen – wenn man den deutschen Medien glauben will.

Frau Jin vor 20 Jahren

Nur was Rotwein betrifft, scheint diese Kulturfamilie etwas unerfahren. Es ist schon überraschend, dass welcher angeboten wird, und ein guter noch dazu. Allerdings – und ich musste wegen der „Blasphemie“ etwas lachen – kommt der Rotwein fest verschlossen direkt aus dem Kühlschrank. Ich erkläre also so diplomatisch wie möglich, dass man Rotwein bei Raumtemperatur trinkt und dass man die Flasche eine Stunde vor Genuss öffnet, damit der Wein „Luft holen“ kann und entschuldige mich für die Belehrung. Von der Lehre vom „richtigen Glas“ habe ich zu wenig Ahnung, also lasse ich das aus.

Ja, natürlich war ich mit meiner Belehrung vorsichtig – es soll ja Leute geben, die der Meinung sind, ich würde grundsätzlich alles mit der „großen Keule“ verkünden und mich auch noch in meinem Wissen sonnen. Ja, natürlich sonne ich mich immer wieder mal in meinem Wissen, aber ich bin durchaus in der Lage, mich der Situation entsprechend auszudrücken.

Beim Essen kommen alle zusammen, also auch der Großvater, der eigentlich ein Stockwerk tiefer wohnt. Er redet etwas Englisch. Und er verwendet einen deutschen Ausdruck, den er schwierig findet: „Das Mädchen“. Die Aussprache wolle ihm nicht gelingen, und er bittet mich, es ihm vorzusprechen. Ich komme seinem Wunsch nach, und beim dritten Versuch macht er es richtig, wenn auch mit Akzent. „Hai, tadashii!“ („Ja, richtig!“) sage ich und die anderen drei Familienmitglieder am Tisch klatschen Applaus für den Großvater. Schon wieder bin ich überrascht. Etwas derartiges wiederholt sich mehrfach am Abend, mit wechselnden Zielpersonen. Ich begrüße diese Art von Pädagogik. Ich habe in Deutschland das Gefühl, dass man zu wenig durch Lob motiviert wird. Macht man Fehler, erntet man Tadel, auf die eine oder andere Weise. Wenn man etwas richtig macht, wird das als normal betrachtet und kein Wort darüber verloren, und nur bei schwierigeren Angelegenheiten wird möglicherweise ein Lob ausgesprochen.

Um 20:00 machen wir Schluss, ich werde nach Hause gefahren. Ich bitte Frau Jin darum, mir eine E-Mail zu schreiben für den nächsten Termin, weil ich kein Telefon habe. Sie erklärt mir, von solchen Dingen keine Ahnung zu haben, verspricht aber, zu schreiben. Ich habe diesmal meine Fotos zurückbehalten, und sagte, ich wolle damit warten, bis die ganze Familie anwesend sei, damit auch jeder etwas davon hätte und nicht drei Viertel der Familie meine langweiligen Fotos aus der Heimat und aus Italien zweimal sehen müssten. Sie bittet mich außerdem, beim nächsten Mal auch Melanie mitzubringen. Oha, dann wird der Raum aber voll. Drei Gäste, zwei Ehepaare, zwei Kinder. Wie passen die alle an den Tisch? Das ginge schon irgendwie, sagt sie. Nun denn.

Zwanzig Minuten, nachdem wir uns verabschiedet haben, steht Frau Jin wieder vor der Tür – ich Trottel habe meine Kamera auf dem Tisch liegen lassen. Ich kriege meine Nase kaum noch vom Boden hoch, so unangenehm ist mir das, aber sie sagt, das sei nicht weiter schlimm und drückt mir nebst meiner Kamera auch noch eine schwere Plastiktüte in die Hand. In der Tüte befinden sich vier riesige Äpfel und drei Mandarinen, dazu drei Mikan – jene Früchte, die ein wenig wie abgeflachte Mandarinen aussehen. Ich bin platt vor Erstaunen. Ich mag diese Familie. Eigentlich würde ich dort am liebsten gleich einziehen.

1 Mein nächster Besuch endete allerdings ohne Haarwasser. Ich habe nicht gefragt, sondern ging in der Folge davon aus, dass es sich möglicherweise um einen Service für Erstkunden handelt.

2 Sie wurde stattdessen Kindergärtnerin

28. Oktober 2023

Dienstag, 28.10.2003 – Seht da, die Deutsche Einigkeit, hier tut sie sich beweisen…

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 9:50

Nach dem Unterricht von Yamazaki-sensei findet im Center ein Meeting statt, dass nach wenigen Minuten in das Stockwerk darunter verlagert wird. Wir werden seelisch und moralisch auf das Zusammentreffen mit unseren Gastfamilien vorbereitet und werden gebeten, eine Erklärung zu unterschreiben, nach der wir die Gastfamilien nicht für Unfälle verantwortlich machen wollen, wenn uns während einer Aktivität mit der Familie (Schwimmen, Bergwandern, Skifahren, etc.) etwas zustoßen sollte. Eine formale Vorsichtsmaßnahme. Ich dachte, dass verstünde sich von selbst. Wenn Kai mich zum Kebab einlädt und ich danach an einer Lebensmittelvergiftung leide, werde ich ihn deshalb wohl kaum verklagen. Und das nicht nur der Freundschaft wegen.

Im Anschluss versuche ich, das „Haus Gottes“ zu finden. Nein, nein, ich verwende diesen Ausdruck nicht, weil ich plötzlich zur Religion zurückgefunden habe, sondern weil die Familie Jin, der man mich zugeteilt hat, ihren Namen so, wie „kami“ = „Gott“, schreibt. Ich glaube, ich habe das bereits erwähnt.

Die Straße zu finden, ist ganz einfach. Aber ich finde das Haus nicht. Ich solle nach Namensschildern an den Türen Ausschau halten, sagte Sawada-sensei. Leider hat die Hälfte aller Häuser in dieser Straße kein Namensschild. Sawada-sensei empfiehlt mir daraufhin, einfach morgen mit Nan zu der Straße zu gehen und anzurufen, sobald wir da sind. Nan hat ein Telefon, also sollte das kein Problem sein. Ich treffe sie morgen um 16:30. Wir sind für 17:00 eingeladen, also ist 16:30 eigentlich ein wenig früh, da es von der Uni bis zu der kleinen Straße nur 10 Minuten zu Fuß sind, wenn man sich Zeit lässt. Aber sicher ist sicher. Wir sind bei den Jins eingeladen, weil Frau Jin an dem Tag, an dem die Zusammenführung von Familien mit Studenten stattfinden soll, keine Zeit hat, daher die Sonderbehandlung.

Beim Schreiben meiner Post bemerke ich, dass ein weiterer der Rechner, die mit Windows XP arbeiten, das Programm Windows Word verloren hat. Wenn man es starten will, erscheint neuerdings eine Fehlermeldung. Wunderbar. Also kann ich auch hier keine längeren Mails schreiben (weil dem GMX-Server ja nicht zu trauen ist, der hat mich früher bereits mehr als einmal schon einfach so ausgeloggt, weil er Schreibarbeit offenbar nicht als Tätigkeit auf der Benutzeroberfläche betrachtet). Da ich ja nun nichts machen kann, frage ich Sawada-sensei nach dem Vorgang, wie man seine Miete bezahlt. Sie sagt, auf dem Vertrag sei gewöhnlich eine Kontonummer aufgedruckt, dorthin solle man überweisen. Aha… weiteres erfahre ich also in einer Bank.

Ich treffe mich noch mit zwei oder drei der übrigen Deutschen und stelle fest, dass die deutsche Beteiligung an dem Kulturfest „International Festa“ am 01.11. sehr dünn wird. Wir wurden gebeten, die Show vom letzten Mal doch zu wiederholen, weil dies ja dann auch ein minimaler Aufwand wäre. Wir erinnern uns: Die „Ode an die Freude“, absichtlich schief gesungen. Um Himmels willen… Ramona und sogar Luba wären dabei. Aber Marc ist nicht danach, weil ihm schon die Aufgabe zufällt, in einem Vortrag von fünf Minuten Deutschland vorzustellen, und wegen der kurzen Zeit wird er wohl nur über deutsches Essen reden. Er sagt, er werde über seltenere Speisen sprechen, um dem Klischee zu begegnen, dass Deutsche nur Bratwurst, Strudel und Eisbein mit Sauerkraut essen und dazu am liebsten Bier trinken. Aber okay, er hat eine Aufgabe. Ich will mich auch nicht an dem Projekt beteiligen. Erstens war ich von Anfang an dagegen und zweitens war die Vorstellung arm. Auf eine Art und Weise schlecht, dass es keinem auffiel, dass absichtlich schief gesungen wurde, und die Idee mit den Socken befand ich als völligen Bockmist. Ich will mein „Palästinalied“ auch nicht umsonst auswendig gelernt haben. Ich kündige an, dass ich das machen werde, solo und acapella (ohne instrumentale Begleitung).

Mareike, Tanja und auch Melanie haben absolut keine Lust („Lust ist für Tiere und Liebesspiele!“ will ich dazu mal zitieren), sich noch einmal mit Singen zu blamieren. Dabei hat sich niemand beschwert oder abfällig gelacht.

Und eigentlich wäre das nicht einmal so schlimm, wenn es dabei um Lampenfieber ginge. Viele Leute haben halt ein Problem damit, vor Publikum aufzutreten. Das ist mir bewusst und ich akzeptiere das. Was ich aber in diesem Fall abstoßend finde, ist die „ausschließende Übereinkunft“, die die drei geschlossen haben. Mareike und Tanja, immer in Personalunion, haben Sawada-sensei und Ramona gegenüber erklärt, sie würden nur mitmachen, wenn das alle anderen auch täten. Sie haben mit Melanie gesprochen, die ihre Abneigung gegen einen Auftritt zum Ausdruck brachte und beschlossen, sich durch allseitige Verweigerung gegenseitig zu blockieren – weil dann ja nicht alle „ja“ sagen. Bei Melanie muss ich die Sache aus offen ersichtlichen Gründen etwas anders handhaben, aber Tanja und Mareike haben heute bei mir einen Großteil der Achtung verloren, die ich auf menschlicher Ebene für sie hatte. Aber ich will nicht weiter lästern.

Wer nichts vorführt, muss Eintritt zahlen, 1000 Yen, habe ich gehört. Also wird sich die Zuschauermenge in Grenzen halten, die in erster Linie sowieso aus den Gastfamilien bestehen wird, die die ihnen zugeteilten Studenten kennen lernen wollen. Und wenn das Wetter schlecht wird, kommen wohl noch weniger Leute, weil das Kulturfest zum Großteil im Freien stattfinden soll. Sawada-sensei rechnet mit etwa 200 Personen im Zuschauerraum.

Am Abend kommt ein Einschreiben, wie bestellt. Der Postservice ist toll hier. Man muss verpasste Briefe nicht auf der Post abholen, sondern schreibt auf einen Benachrichtigungszettel, wann man Zeit hat, und wirft ihn in den nächsten Briefkasten. Zum ausgesuchten Termin erscheint dann der Briefträger (bis Abends um 21:00!) und bringt die Post vorbei. Das gilt allerdings (leider) nicht für Pakete. Die muss man persönlich auf der Hauptpost abholen, wie in der alten Heimat.

Der Fernseher bleibt heute aus, weil noch einige Hausaufgaben zu machen sind, und die Kanji für morgen sollten ein wenig besser sitzen, als sie das bisher tun. Gegen Mitternacht kann ich dann endlich dahinsinken und schlafen.

27. Oktober 2023

Montag, 27.10.2003 – Dröhnung durch kaputte Ölheizung

Filed under: Filme,Japan,My Life — 42317 @ 16:48

Ein kurzer Tag, gemessen an den Geschehnissen. Montag. Um 12:40 beginnt der Unterricht. Wir lernen was über japanische Satzzeichen und die Regeln, die dazugehören. In erster Linie geht es darum, unter welchen Umständen man ein Satzzeichen in die nächste Zeile schreibt oder es in das letzte Kästchen einer Zeile quetscht.

Zur Erläuterung sei gesagt, dass japanisches Schreibpapier sich nicht wie deutsches einfach in Linien unterteilen lässt. Auf einer japanischen Papierseite sind 20 mal 20 leere Schreibkästchen aufgedruckt, die ein bisschen länger als breit sind und somit das Äquivalent einer DIN A4 Seite füllen.

In jede Zeile passen also 20 Zeichen, und Satzzeichen sind auch welche, und wir behandeln heute, wie man mit diesen umgeht, weil es ja sein könnte, dass man nach dem letzten Schriftzeichen in einer Zeile noch ein Komma setzen will, und die japanische Schreibästhetik hat da halt gewisse Vorschriften, auf die ich jetzt aber nicht genau eingehen will.

Im Anschluss schreibe ich meine Post. Immer noch 10 Tage hinterher. Ich muss mehr schreiben.

Dann ist auch schon später Nachmittag und ich habe Hunger. Weil Montag ist, ist unser Ramenlokal aber geschlossen. Gegenüber davon befindet sich aber ein weiterer kleiner Laden, in dem man essen kann. Wenn wir sowieso vorbeigehen, können wir auch mal da essen, zumal der Laden auch heute geöffnet hat. „Eigyôchû“ steht an der Tür, das heißt „in Betrieb“, ergo “geöffnet“. Ich setze einen Fuß in den Laden, begrüße den Besitzer und die Frau hinter der Theke und weiß sofort, warum der Laden auch montags aufhat. Offenbar finanzielle Notwendigkeit. Der Innenraum riecht gar furchtbar nach Kerosin/Heizöl. Hmmm… offen ersichtliche Staubfäden an den Ecken der Holzleisten an der Theke ergänzen noch das ungemütliche Bild des Raumes, der durch seinen deutlichen Geruch schon genug abschreckt. Durch die Öldämpfe fühlt sich mein Kopf schon an, als würde er in Salatöl schwimmen.1

Na ja, aber man kann ja das Essen mal probieren. Die Speisekarte ist zu japanisch, als dass ich sie lesen könnte, also bitte ich den Besitzer, einen beleibten Mann um die 70, ebenso alt wie seine Frau würde ich sagen, mir die Karte vorzulesen. Es sind auch nur ein Dutzend Gerichte. Sagt mir aber alles nichts. Also bestelle ich das, was auf der Karte ganz oben steht. Aber ich habe den Namen nach wenigen Minuten wieder vergessen. Ich nenne der Frau hinter dem Tresen meine Bestellung, aber sie sieht mich an, als würde ich einen innermongolischen Dialekt sprechen. Ich sehe leicht verwirrt zu dem Herrn neben mir hinüber, der dann exakt das wiederholt, was ich gesagt habe, und zwar nicht lauter, als ich. Jetzt kommt Bewegung in die Frau.

Mein Essen besteht aus frittiertem und in Scheiben geschnittenem Hühnerschnitzel, dazu eine Tasse Misosuppe, eine Schüssel Reis und zwei Spiegeleier auf rohem Kraut. Ein ganz und gar durchschnittliches Essen eigentlich, aber mit dem rohen Kraut kann ich mich nicht anfreunden, zumal es keinerlei Soße zum Anfeuchten dazu gibt. Abgesehen von Fleisch also reines Hasenfutter von mittelmäßigem Geschmack und man kaut darauf herum wie auf Gras. Ich stopfe mir das Essen in den Rachen, weil ich Hunger habe (der treibt’s rein) – und damit das Essen verschwindet.

Die beiden alten Herrschaften wirken auch leider wenig einladend. Sie versteht mich nicht oder kann sich nicht vorstellen, dass ich gerade eben japanisch mit ihr geredet habe. Er versteht mich offenbar besser, aber – bei allem Respekt – seine Ausstrahlung ist mir unsympathisch. Natürlich kann er dafür nichts, weil das meine subjektive Wahrnehmung ist. Aber er wirkt auf mich wie einer von diesen verbitterten, beinahe grimmigen alten Leuten, denen ihre Lebenserfahrung zu schwer auf der Seele liegt. Nein. Noch einmal esse ich hier nicht.

Um 19:00 bin ich wieder zuhause und sehe mir „Ko-zure Ogami“ an. Leider überschneidet sich die Serie mit „InuYasha“ und „Meitantei Conan“, aber die Wahl fällt mir nicht sehr schwer. Lieber den Rônin Ogami. Auch hier “spannende” Kämpfe – Ogami hackt und schneidet sich seinen Weg durch Dutzende von Gegnern, weil diese zu dämlich sind, mit mehr als zwei Leuten gleichzeitig anzugreifen oder um ihren Reichweitenvorteil als Speerträger auszunutzen. Aber irgendwo ist Ogami auch ein cooler Charakter. Den wahren Werten eines Samurai zutiefst verbunden, fest wie ein Fels in der Brandung, zieht er mit seinem kleinen Sohn durch die Gegend und bekämpft das Unrecht. Und will wohl auch den Tod seiner Frau rächen, wenn ich das recht verstehe.

Danach kommt eine Serie mit dem schönen Titel „Lion Sensei“. So weit ich das verstehe, geht es in der Serie um einen verwitweten Oberschullehrer um die 502, der aus wohl eitlen (und humoristischen) Gründen eine ziemlich schlechte Perücke trägt. Humoristisch deshalb, weil diese Episode gleich mal damit anfängt, dass ihm seine Perücke vom Kopf in die Toilette fällt (und ich erinnere daran, dass altmodische japanische Toiletten aus einem länglichen Keramikloch im Boden bestehen, über dem man im Knien sein Geschäft verrichtet). Aber er will natürlich nicht zugeben, dass er eine Glatze hat und das Ding in einer Tüte nach Hause tragen, nein, er setzt sich das nasse Ding auf den Kopf und flüchtet so nach Hause.

Zwischenmenschliche Beziehungen an einer Oberschule und die Probleme, die ein allein erziehender Vater einer Tochter um die 18 Jahre so haben kann, bilden den Stoff für die einzelnen Kapitel. Das ist zumindest nicht uninteressant und ich werde mir noch weitere Episoden ansehen.

Des Weiteren läuft eine Serie, deren Titel ich nicht entziffern kann. Die Serie spielt in der Edo-Zeit Japans, und den Hauptdarsteller assoziiere ich am ehesten mit „Tai Ginseng“ – das heißt, mit einer sehr alten TV-Werbung für dieses Zeug, die vor etwa 20 Jahren im deutschen Fernsehen zu sehen war. Ein etwas zu jung aussehender, weil auf alt geschminkter, Darsteller. Es geht darum, dass eben jener Herr inkognito mit seinen Leibwächtern (?) das Land durchstreift und die unsauberen Machenschaften kleiner Lokalfürsten aufdeckt, die das Volk ausnehmen und auf ungerechte Art und Weise unterdrücken. Ich sage “ungerecht“, weil sich in Japan die Begriffe „unterdrücken“, „regieren“ und „Frieden haben“ mitunter mit demselben Kanji schreiben…

Nun ja, abgesehen davon, dass hier wieder die für Realserien typische atemberaubende Choreografie und oskar-reife schauspielerische Künste an den Tag gelegt werden, besteht der Höhepunkt einer jeden Sendung darin, dass am Ende die Bösen konfrontiert werden, es wird gekämpft, und wenn der Kampf so richtig läuft, dann lässt Tai Ginseng sein Mon (Wappen) von einem seiner Begleiter zeigen: “Ruhe! Ruhe! Seht her, wen Ihr vor Euch habt!“ und alle fallen auf die Knie und bitten um Gnade, weil er wohl ein hohes Tier der feudalen Regierungshierarchie ist. Eigentlich könnte er sein Wappen auch vor dem Kampf zeigen, weil zu diesem Zeitpunkt die Schuld der Bösen grundsätzlich bereits bewiesen ist – aber nein, wir wollen uns zuerst ein wenig prügeln. Die Serie lohnt sich in erster Linie wegen des unfreiwilligen Humors, der ihr innewohnt.

Diese Truppe von Protagonisten ist auch lustig zusammengewürfelt: Die höfliche Dame im Kimono entpuppt sich als erfahrene Kampfamazone im Lederdress, der japanische Herkules macht alle waffenlos fertig, der braucht keine Schwerter, Stäbe oder Stöcke, das kleine Mädchen, das wohl zu Herkules gehört, ist ein sieben Jahre alter Ninja in Ausbildung, und dann ist da noch „der treue Heinrich“ in zweifacher Ausfertigung, dem die Aufgabe zufällt, am Ende das Wappen in die Luft zu halten und “Shizumareee! Shizumareee!” zu rufen, damit alle Bösen auch wissen, dass sie so richtig in der Jauchegrube sitzen. Heinrich & Heinrich, Herkules, Xena, Ninjagirl und Tai Ginseng unterwegs. Erinnert auch ein wenig an das „A-Team“, das den Schwachen und Machtlosen vom Untergrund in Los Angeles aus zur Seite steht, nur ohne das obligatorische „McGyver-Basteln“ und nicht von der Regierung verfolgt. Sehr pathetisch. Aber lustig. Ich muss noch herausfinden, wie die Serie heißt.3

1 Ich füge hinzu, dass die Inneneinrichtung etwas heruntergekommen schien, ohne dabei gemütlich zu wirken, wie das im Bunpuku der Fall war, dazu noch bezeichnenderweise kein einziger übriger Gast.

2 Gespielt von Takenaka Naoto

3 Die Serie heißt „Mito Kômon“ und der Protagonist ist Tokugawa Mitsukuni (1628-1701), Lehnsherr der Provinz Mito und Vetter des Shôgun Tokugawa Iemitsu. In der späten Edozeit wurden Legenden um seine angeblichen Wohltaten als verkleideter Reisender erstmals niedergeschrieben.

26. Oktober 2023

Sonntag, 26.10.2003 – Großeinkauf und Spaghetti-Party

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Der Morgen ist sonnig und angenehm warm. Wir entschließen uns deshalb dazu, unsere Futonbezüge in die Waschmaschine zu stopfen. Leider passen zwei auf einmal nicht hinein, also fangen wir (zu meinem egoistischen Glück) mit ihrem an. Eines der Spannbänder an einer Ecke des Bezuges verfängt sich während des Waschens unter dem Rotor und reibt sich an der Antriebswelle. Der Bezug rotiert natürlich weiter und verdreht somit auch das Spannband. Jetzt ist Öl dran und die Naht ist durch den entstandenen Zug beschädigt. Das Ding sollte zur Reparatur und in die Reinigung. Immerhin ist es nicht kaputt und kann noch verwendet werden.

Angesichts dieser Tatsache zögere ich, meinen Bezug ebenfalls zu waschen und hänge Melanies Bezug draußen auf das Balkongitter. Park (Nachname, lies „Pak“) SongMin (Vorname), meine koreanische Nachbarin, mit der wir den Balkon gewissermaßen teilen, tut gerade zufällig das gleiche mit ihrer Bettwäsche. SangSu hilft ihr dabei. (Dieser Umstand setzt einen unbewussten Denkprozess meinerseits in Gang, der noch für Verwirrung sorgen wird…) Wir unterhalten uns ein bisschen (ein bisschen holpernd) und die beiden bringen mich (unbewusst) auf die Idee, wie ich meinen Futonbezug vor Schaden bewahren kann: Ich verknote die Bänder miteinander und verhindere so, dass sie unter den Rotor geraten können. Es funktioniert und auch mein Bezug kommt heute noch in den Genuss einer Wäsche.

SongMin fragt mich, ob es in meinem Kochbereich ebenfalls nach Abfluss stinke. Nein, meine Küche sei in Ordnung. Ich bitte sie, mir das Problem zu zeigen und gehe zu ihr rüber. Dabei stelle ich fest, dass sie nicht wusste, dass man den Abflusstrichter aus dem Spülbecken rausnehmen und das Innere somit reinigen kann. Ich fummele das Ding raus und finde einige Hinterlassenschaften von dem Chinesen, der vor ihr in dem Apartment gewohnt hat. Und die stinken tatsächlich. Der Chinese sei berüchtigt gewesen, heißt es, er habe nur selten geduscht und sich auch nicht sehr viel öfter die Haare gewaschen. Ikeda habe ihr erzählt, sagt SongMin, dass er die Wohnung erst einmal habe kräftig lüften müssen, um den strengen Geruch herauszubekommen.

Unter dem Trichter befindet sich ein Wasserfang, um zu verhindern, dass Gerüche aus dem Abfluss in die Wohnung gelangen; dieser ist jetzt zwar gereinigt, aber ich empfehle ihr, zusätzlich eine Schleife in das (flexible) Abflussrohr zu machen und sie mit einer Schnur zu fixieren, um sicher zu gehen.

Bei der Gelegenheit verrät sie mir gleich noch, dass es tatsächlich koreanisches Essen gibt, das nicht in erster Linie nach Knoblauch schmeckt oder so scharf ist, dass man rote Tränen weinen muss. Vielleicht sollten wir in diesem Haus öfters gemeinsam kochen und essen. Und weil sie mir für meine Hilfe danken möchte, schenkt sie mir eine Packung Nori (essbare, getrocknete Algen) aus Korea (geröstet mit Sesamöl und Salz). Man schneidet die Blätter (etwa DIN A4 Größe) in mehrere Teile, einfach mit der Schere, und packt sie dann in Folie, damit sie nicht austrocknen. Zum Essen formt man in seiner Reisschüssel einen kleinen Reishügel, legt das Blatt darauf und klemmt mit den Stäbchen den Reis in dem Blatt ein. Zumindest mache ich das so. Und es schmeckt ganz hervorragend. Das sollte ich für alle diejenigen dazusagen, die jetzt die Nase rümpfen und sagen „Igitt, Algen…“.

Im Anschluss wollten wir eigentlich ins Kaufhaus Ito Yôkadô, aber die Ankunft sollte sich verzögern.

Auf dem Weg liegt ein Laden mit der Bezeichnung „Naisu Dô“, ich habe ihn möglicherweise bereits erwähnt, weil ich ja ein oder zwei „Akira“ Artbooks kaufen wollte. Just an dem Tag, an dem ich mein Geld bekam, machte der Laden aber zu; wie es aussah, stand da eine Inventur oder so was an. Es wurde umgeräumt und aufgeschrieben und all das, und davor stand ein Schild, dass am 25.10. die Wiedereröffnung sein sollte. Für den 25. und den 26.10., also heute, sind Sonderverkäufe angekündigt worden, und heute habe ich Zeit. In dem Laden stehen zwei oder drei Kramkisten auf dem Boden. Man kann an der Kasse eine kleine Tüte bekommen (wie die typischen Apothekentüten in Deutschland) und kann sie mit allem füllen, was man aus den Kisten haben möchte, so viel wie reinpasst – für 100 Yen. Ein Blick in eine Kiste verrät mir, dass da nichts drin enthalten ist, was ich unbedingt haben müsste, aber Melanie ist natürlich begeistert. In der Ecke, wo die Artbooks ursprünglich herumstanden, steht jetzt… was anderes. Also frage ich nach, was denn aus den Büchern geworden sei. Die gebe es nicht mehr. Aber ich solle doch einmal in der Naisu Dô Zentrale nachsehen, da stehe solches Material rum. Die Verkäuferin malt mir auch extra einen kleinen Stadtplan, um mir zu illustrieren, wo dieser Laden denn nun sei. Aha, der liegt eigentlich auf dem Weg. Nicht auf dem ganz direkten, aber immerhin.

Leider finde ich das gesuchte Artbook dort auch nicht. Aber genügend andere. Der Laden verkauft gebrauchte Ware, der man aber nicht wirklich den Gebrauch ansieht. Als jemand, der deutsche gebrauchte Ware gewohnt ist, würde ich sagen, dass man einwandfreie Ware kauft. Die gebrauchten Artbooks kosten etwa 1000 bis 1500 Yen, es gibt einige, aber nicht sehr viele, die mehr kosten. Das teuerste, dass ich in der Hand hatte, kostete 2300 Yen (Neupreis 3500 Yen). Das war ein Hardcover Artbook eines Anime, den ich nicht kannte (und den ich mir auch nicht merken wollte). Ein Blick auf die Neupreise sagt mir, dass Artbooks in Japan generell nicht so schrecklich viel kosten. In Deutschland bezahlt man für ein und dasselbe Stück (nicht übersetzt) das Doppelte, das Dreifache oder das Vierfache. Irgendjemand macht da viel Geld auf dem Weg ins deutsche Bücherregal.

Das bringt mich natürlich auf den Plan, auch Artbooks zu kaufen, die mich persönlich nicht sonderlich interessieren, deren Inhalt aber in Deutschland eine Fangemeinde haben dürfte, zum Beispiel „Ah! Megami-sama“. Ich habe von dem Manga hier eine wunderschön kolorierte Sonderausgabe der ersten vier Kapitel gefunden. Ach, und einen Scanner haben wir im Center ja auch… dann sollte dem Auktionshandel eigentlich nichts im Wege stehen. Aber ich muss überlegen, ob ich versuchen will, von hier aus zu verkaufen (es lebe das Online Banking!) und Kunden durch Postgebühren zu verschrecken, oder ein Sammelpaket nach Hause zu schicken und dort dann einen entsprechenden Aufschlag zu berechnen. Wahrscheinlich werde ich es einfach mal von hier aus ausprobieren und sehen, wie weit ich damit komme.

Als ich den Laden wieder verlasse, bin ich, ähem, 15000 Yen ärmer, allerdings habe ich dafür auch 15 kg Bücher in Toppqualität bekommen. In Deutschland hätte ich zu diesem Preis vielleicht drei Bücher bekommen.

Jetzt haben wir für den Einkauf im Ito Yôkadô keine Zeit mehr, und außerdem schleppe ich nicht gerade wenig Gewicht in meinem Rucksack herum. Die Zeit spielt deshalb eine Rolle, weil Misi uns am Abend zum Spaghetti essen eingeladen hat. Was er nicht gesagt hat, ist, dass es sich um eine Großveranstaltung handelt. Wir gehen zusammen mit unseren koreanischen Nachbarn los und treffen uns mit drei weiteren Leuten am Tor der Universität, von wo aus Misi uns zu sich nach Hause führt. Als wir ankommen, herrscht bereits reges Treiben. Eine Handvoll Leute sind bereits da und das Essen würde auch in wenigen Minuten fertig sein.

Misi bewohnt ein Ein-Zimmer-Apartment (ebenfalls von Ikeda-san vermietet) und wir quetschen uns in einen Raum von vielleicht 10 oder 12 Quadratmetern. Hier sitzen:

  • eine Thailänderin
  • eine Chilenin
  • eine Slowenin
  • zwei Japanerinnen
  • drei Koreaner
  • vier Franzosen
  • ein Rumäne
  • zwei Deutsche und
  • ein Ungar.

Neun Nationen, vertreten durch 16 Personen, in einem kleinen Raum, und alle können sich miteinander verständigen, oder zumindest „sich verständlich machen“. Ich glaube, es handelt sich um die multikulturellste (Sitz-) Party, die ich jemals besucht habe. An Spaß mangelt es nicht. SangSu macht immer wieder lustige Fehler, die ihn wahrscheinlich noch eine Zeit lang verfolgen werden. Er unterhält sich mit Irena (aus Slowenien) und möchte einen (japanischen) Satz beenden mit „glaub mir bitte”. Aber er kennt den japanischen Ausdruck nicht und fragt Jû. Der sagt ihm, dass „shinjite kudasai“ richtig sei. Aber wegen der allgemeinen Geräuschkulisse versteht SangSu das nicht richtig und sagt „shinde kudasai“: „bitte stirb“. Wir lachen uns halbtot. Und ihm ist das natürlich sehr peinlich. Es liegt aber offenbar ebenfalls in seiner Natur, durch solche Fehler nicht kleinlaut zu werden, er redet munter weiter. Und das ist auch richtig so. Kurz danach spricht er einen der Franzosen an und fragt nach seinem Namen. „Yannick“ sagt der Franzose. SangSu fragt nach: „Yakiniku?“ („Grillfleisch?“).

So gut gelacht habe ich schon lange nicht mehr. Nur Yannick macht den Eindruck, als würde ihn das stören. Ich sage zu ihm, er solle sich nichts daraus machen. Und wenn Yannick „Yakiniku“ sei, dann sei Dominik „Toriniku“ („gegrillter Vogel“). SangSu ist wieder sichtlich beschämt, lacht etwas verlegen. Aber die Laune lässt er sich nicht verderben.

Nachdem wir zusammen zwei Kilo Spaghetti mit roter Soße niedergemacht haben, gehen wir nach Hause, etwa um Mitternacht. Aber das macht auch nicht viel. Morgen ist eh Montag und da ist kein Unterricht in den ersten beiden Stunden nach 08:40. Ich muss erst um 12:40 zum Unterricht, kein Problem also. Und weil das so ist, blättern wir unsere neu gekauften Artbooks einmal durch, um zu sehen, was genau wir da eigentlich haben. Ich habe nicht das Gefühl, mein Geld zum Fenster rausgeworfen zu haben.

Im Einzelnen handelt es sich dabei um

  • Tenchi Muyô – Ryô Ôki, Part 1, Gakken Mook Anime V Special
  • Tenchi Muyô Perfect Collection, Dragon Magazine Collection
  • Shin Seiki Evangelion – Death (True) + The End of Evangelion, Gekijô-han E-Konte Shû
    (Es handelt sich dabei um eine komplette Sammlung der Pencilboard (Storyboard) Bilder in der Größe des so genannten „Kleinen Hadamitzky“)
  • Shin Seiki Evangelion EVE
  • Newtype 100 % Collection – Shin Seiki Evangelion
  • Hobby Japan Mook – Shin Seiki Evangelion 3D Book
  • Ah – Megami-sama! All Color Manga (4 Kapitel, 120 Seiten)
  • The Memory of MEMORIES (von Otomo Katsuhiro, es liegt noch eines im Laden)
  • Noir – Les Deux Vierges
  • You’re under Arrest File X – Kodansha Mook Afternoon Club
  • TV Anime – Love Hina – Navigation AniHina Ver.1
  • Shôjo Kakumei Utena – Bara no Kakuhoku

Nein, ich führe das nicht einfach aus dem Grunde auf, weil ich angeben will oder anderen Leuten vielleicht den Mund wässrig machen möchte. Es handelt sich hier um mein eigenes Tagebuch, in dem ich in erster Linie für mich selbst Aufzeichnungen mache. Mein Tagebuch ist gewissermaßen eher zufällig „öffentlich“.

Das Evangelion Artbook aus der Newtype Sammlung besitze ich eigentlich schon, also war der Kauf hier eher ein Unfall. Also werde ich es verkaufen. Außerdem fällt es so sehr nicht ins Gewicht. In Deutschland habe ich seinerzeit mehr als 50 DM bezahlt, und hier stand es für umgerechnet ca. 7,50 E im Regal…

Zu Verkaufszwecken fasse ich noch ein „Slayers X“ Artbook ins Auge. Und es gibt auch einige Artbooks der Serie „Rurôni Kenshin“, die bestimmt Käufer finden werden. Außerdem steht da noch ein „Cutey Honey“ Artbook rum, das mich selbst interessieren könnte. Es ist relativ klein und kostet 2000 Yen – aber dafür ist es ein Originaldruck von 1981… ein ander Mal. Ich sollte also daran denken, meinen E-Bay Account wieder zu aktivieren. Die ganzen Artbooks sind hier so billig, dass es sich lohnen könnte.

25. Oktober 2023

Samstag, 25.10.2003 – Oden Tabehôdai („Oden – All you can eat“)

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Heute ist mal wieder Samstag – das heißt, wir sitzen um 07:30 gespannt vor dem Fernseher, um die heutige Episode von „SailorMoon“ anzusehen. Leider haben wir nicht die Möglichkeit, wie Ricci in Tokyo die Serie einfach zwei Tage nach Ausstrahlung aus dem Netz zu ziehen und dabei auch noch in den Genuss von Untertiteln zu kommen. Wir nehmen die Serie zwar auf, aber ich werde bei Gelegenheit an Ricci herantreten, um mich mit einer CD-Version beglücken zu lassen. Hm… da Ricci diese Post ebenfalls liest, habe ich das wohl hiermit getan.

Heute schaltet sich Nephlyte in die Handlung ein, und ich glaube, die Bösen und die Guten sind auf der Suche nach dem Mondkristall. Das heutige Opfer ist eine weibliche VIP, die, aus welchem Grund auch immer, öffentlich ihren Geburtstag in Form einer Kostümparty feiert. Wie passend. Und was sieht man da noch? Ami in einem Cat-Maid-Kostüm… ah-hmm… und Usagi in einem Bärenkostüm. Natürlich ist Tuxedo Kamen (der ständige Retter SailorMoons in Not) auch da. Er fällt in dieser Gesellschaft ja nicht auf. Selbiges gilt für Rei in ihrem rot-weißen Miko-Outfit, das sie um eine rote Augenmaske „bereichert“ hat. Sie hat noch nicht so recht akzeptiert, was sie eigentlich ist (SailorMars) und ist aus mir nicht näher bekannten Gründen auf eigene Faust hergekommen.

Und – wie sollte es anders sein!? Durch die ihr angeborene Ungeschicklichkeit stößt Usagi mit Mamoru zusammen und hält ihn auch gleich fest. Ihr Kommentar: „Ii Nioi wa…“ („Der riecht aber gut…“).

Der Rest der Handlung ist wieder reine Routine. Ein Monster hat seinen Auftritt, und es wird gekämpft. Diesmal auch Tuxedo Kamen und Nephlyte. Auf dem Hochhaus. Mamoru schlägt Nephlyte die Beute (ein Edelstein natürlich) aus der Hand, und der Kasten droht vom Dach in die Tiefe zu fallen. Usagi fängt das Kästchen, verliert aber das Gleichgewicht, wird von Mamoru noch festgehalten, aber dann stürzen beide vom Dach. Ohne fremde Hilfe. Nephlyte hat offenbar kein Interesse daran, sich die Situation zu nutze zu machen, obwohl auch Mars und Merkur schön an der Dachkante stehen und geradezu dazu einladen, sie vom Dach zu schubsen. Die schauen Mamoru und Usagi beim Fallen zu. Doch, Wunder über Wunder, SailorMoons Mondstab leuchtet und umfängt die beiden Todgeweihten mit einer Kugel aus Licht und sie schweben beide sanft zur Erde.

Rei akzeptiert schließlich ihre Rolle als SailorMars.

Und ansonsten herrschen hier seltsame Sitten unter den Senshi. Von Verschleierung und Geheimhaltung haben die offenbar noch nie gehört. Die reden sich nach der Verwandlung immer noch locker mit den richtigen Namen an, und man müsste ja blöd sein, nicht irgendwann eins und eins zusammenzuzählen. Aber wenn Mamoru das hört, ist das ja nicht so wild, schließlich gehört er demnächst zur Familie, und außerdem wechselt er mit den Kleidern auch immer noch das Gehirn, wie man ja weiß.

Über Usagis Mutter möchte ich auch noch etwas sagen, ich glaube, das habe ich noch nicht getan. Anders als die ruhige und besonnene Mutter aus dem Anime ist die hier präsentierte Dame eine eher lebhafte Natur. Nicht so sehr wie die Mutter von Tôru („Fruits Basket“) oder Sana („Kodomo no Omocha“), aber sie geht mir ihrer Tochter doch sehr herzlich um.

Sehr auffällig ist Aino Minako. Ich habe wohl erwähnt, dass man ihr Alter Ego, SailorV, schon über Tokyos Dächer hat flitzen sehen, aber in dieser Episode fällt wieder ein wenig mehr Licht auf Minako selbst. In dieser Serie ist sie keine Schülerin, die ein Idol, ein Star, werden möchte, oh nein! In dieser Serie ist sie eine junge Frau im Schülerinnenalter, die bereits ein Star ist und deren CDs auf Partys laufen. Während der Kostümparty gibt Usagi dem DJ einen Zettel mit einem solchen Musikwunsch.

Und das Lied, von Minako natürlich, ist eine irre Anspielung: Minako hat einen Song aus den 80ern mit dem Titel „C’est la Vie!“ gecovert. Transkribiert man das in japanische Katakana (und ich sehe die japanologisch Begabten bereits ungläubig den Kopf schütteln), steht da in etwa „SE-RA-Vi-“. Schreibe ich das nun unter Beachtung des Kontextes in die englische Sprache um, haben wir: „SailorV“. Ist das nicht toll? Und die singen das andauernd und keiner merkt’s… Leider ist noch keine der übrigen Senshi dazugekommen. Auch nächste Woche sieht es schlecht aus, da die Vorschau nichts dergleichen meldet. Also noch keine Makoto.

Inzwischen ist es 14:30 Uhr und ich gehe mit Melanie ins Ito Yôkadô. Melanie will dort noch ein paar mehr oder weniger lustige Bilder von uns machen, zur Darstellung unserer trauten Zweisamkeit und unseres Irrsinns, den wir täglich an den Tag legen. Ich glaube, „Purikura“ (von engl. “Print Club“) heißt diese Sitte, die unter pubertierenden japanischen Jugendlichen sehr verbreitet ist. Ich komme mir ziemlich dämlich dabei vor, erst für eine Reihe Bilder zu posieren und sie dann zu bearbeiten. Das heißt, es werden 14 Bilder gemacht und man sucht sich die sechs besten aus. Diese sechs kann man dann bearbeiten: Man kann irgendwelche Hintergründe einfügen, kann Sternchen und Sprechblasen und allerlei anderen kariesfördernden Kram einfügen, damit es auch süß und niedlich ist und denen zur Freude gereicht, denen man diese Bilder dann zuschickt, meist als Klebebildchen in Briefen und so. Ich könnte diese ganzen Apparate auf den Mond schießen, aber wie sollte ich Melanie das verweigern?

Im Anschluss will Melanie noch die Abteilung nach Merchandising durchsuchen. Ich nutze die Zeit und freunde mich mit dem „Ashita no Joe“ Automaten an. „Ashita no Joe“ ist ein Sport-Anime, bei dem es ums Boxen geht. Dem entsprechend ist der Automat gestaltet. Und was macht man wohl damit, na? Ich sehe den Pimpfen eine Weile zu. Manche von denen sind so klein, dass der Boxhandschuh an dem Automaten so groß ist wie der eigene Kopf. Man wirft 100 Yen in den Automaten und sucht sich einen Gegner aus. Die Gegner sind nach „Gewichtsklassen“ unterteilt, von 150 kg aufwärts. Das heißt aber nicht, dass die Gegner so viel wiegen.

Damit hat es eine andere Bewandtnis: Am Kopf des Automaten ist ein großer Bildschirm angebracht, auf dem das Bedienmenü dargestellt ist und der mit Szenen aus der Serie das Ganze untermalt. Vor dem Bildschirm befindet sich eine Vertiefung. Aus dieser Vertiefung taucht zu gegebener Zeit ein wattierter Kolben auf. Sobald dann auf dem Bildschirm „FIGHT“ zu lesen ist, schlägt man zu. Idealerweise mitten in den Zielkreis, der auf den Kolben aufgemalt ist. Der Kolben wird auf diese Weise in die Vertiefung zurückgeschlagen. Dann kann man auf dem Bildschirm ablesen, wie viel Schlagkraft in dem Schwinger steckte. Man hat drei Schläge.

Und damit löst sich das Geheimnis der Gewichtsklassen der Gegner. Um einen Gegner der Klasse „350 kg“ zu besiegen, muss man mit drei Schlägen insgesamt 350 kg oder mehr Schlaggewicht an den Mann bringen, pro Schlag also knapp 120 kg. Der Kleine vor mir schafft pro Schlag 60 bis 80 kg, bei einer Körpergröße von vielleicht einem Meter. Und dennoch wählt er immer wieder den 350-Kilo-Gegner. Und er lässt es auch nicht sein, als ihm sichtlich das Handgelenk wehtut. Blöd oder determiniert? Schließlich hat er aber doch genug. Na dann.

Ich werfe mein Geld in den Einwurfschlitz und sehe mir die Gegner an. Ich wähle ebenfalls den 350er Gegner. Ich ziehe meinen Pullover aus und spüre die Blicke von einem halben Dutzend kleiner Japaner.

Dann Schlag auf Schlag: 155, 172 und 148 Kilo reichen für den Gegner. Und es macht direkt Spaß. Also versuche ich eine weitere Runde an dem 450er Gegner. Aber den verpasse ich um 15 kg. Beim vorletzten Schlag hat sich mein Handgelenk gemeldet und das verhindert, dass ich mit dem letzten zu stark zuschlage. Man sollte also das Handgelenk vorher etwas aufwärmen, glaube ich.

Ich sehe die Gegnerliste noch einmal durch und entdecke, dass es hochgeht bis 800 kg!? Ah… ich glaube eigentlich, ein kräftiger Kerl zu sein, und einen Durchschnitt von 170 kg pro Schlag traue ich mir zu. Ich glaube, das ist auch gar nicht wenig. Aber wie zur Hölle soll man denn 270 kg Druck pro Schlag hinlegen, wenn man nicht gerade ein ausgebildeter Kampfsportler ist? Ich sehe mir die Highscore Liste mal an. Mit meinem Ergebnis von rund 475 kg komme ich auf den sonnigen 51. Platz in den „Top 100“!? Ich bin Durchschnitt!? Was für Tiere kommen eigentlich hier sonst noch her?

Interessant ist hier das Leistungsverhältnis von Kindern und Erwachsenen. Wie viel kann jemand wiegen, der nur einen Meter groß ist? Vielleicht 30 kg? Gehen wir doch von 30 kg aus. Damit würde der Knirps mit einer Schlagkraft von etwa 70 kg mehr als 2,3-fache seines Körpergewichtes schaffen. Bei meinem Gewicht von 94 kg und einer Schlagleistung von 160 kg sehe ich da relativ arm aus, betrachtet man das Verhältnis: Das 1,7-fache meines Körpergewichtes haue ich um, aber um mit dem Kleinen mitzuhalten, müsste ich auf ca. 220 kg kommen. Die verhältnismäßige Leistungsfähigkeit von Kindern ist also ganz beachtlich.

Dann ist es auch schon Zeit, zum Bahnhof zu gehen, um die übrigen Deutschen zu treffen. Wir sind bei Professor Fuhrt zum Oden Essen eingeladen, aber Melanie und ich haben keine Ahnung, wo Prof. Fuhrt wohnt. Also könnten wir nicht alleine hingehen. Und ich habe Hunger mitgebracht! Vom Bahnhof aus sind es zur Wohnung des Professors und seiner Gattin, Tanaka Miyuki (ebenfalls Lehrerin an der Universität, für Japanisch in der Unterstufe), nur wenige Minuten, und als wir ankommen, befindet sich die Zubereitung des Essens in der Endphase. Es gibt zwei Arten Salat, darunter ein interessanter Tofu-Salat, und zwei Arten von Omelett als Vorspeise. Und danach gibt es Oden. Oden besteht zum Großteil aus Fischpaste, die auf verschiedene Arten verarbeitet wurde, wie ich erfahre – und was in dem Topf unterschiedlich aussieht, schmeckt auch unterschiedlich. In dem Topf befinden sich außerdem Kartoffeln und ein Stück Daikon (Riesenrettich), außerdem eine Art Seetang (mit Knoten drin) und Mochi-Säckchen mit Füllung (bei Mochi handelt es sich um zu Teig gestampftem Reis). Diese Säckchen werden oben zugeschnürt (alles essbar) und mitgekocht. Und jetzt ist mir auch klar, warum jedes Jahr einige Leute an Mochi ersticken… man kann das Zeug als Kleister verwenden! Ich habe Probleme, die gekaute Masse zu schlucken, weil sie sich nicht aus meinem Mundinnenraum lösen will!

Der Nachtisch besteht aus Obst, Äpfel, Mikan und Trauben, Mark hat auch Gummibärchen aus Trier mitgebracht, darunter auch die kleinen Teufel mit Ingwer-Beimischung.

Wenn ich das richtig verstehe, war Prof. Fuhrt einer der ersten drei Studenten in Trier, die Japanologie dort studierten, also im ersten überhaupt möglichen Jahrgang – noch vor der Zeit von Katsuki-sensei, die vor etwa 25 Jahren in Trier angefangen hat. Ich bin derzeit nicht sicher, ob überhaupt schon welche unserer heutigen Lehrkräfte zu diesem Zeitpunkt in Trier unterrichtet haben. Mein Mangel an biografischer Bildung ist beklagenswert. Ich glaube mich nur zu erinnern, dass Frau Professor Gössmann 1987 nach Trier gekommen ist, und dass Shitaba-sensei und Frau Professor Scholz 1997 oder kurz danach in Trier zu lehren begonnen haben. Aber ich will mich dafür nicht an die Tempelmauer nageln lassen. Ich weiß, dass mein Gedächtnis nicht immer das allerbeste ist und sich am leichtesten Dinge merkt, die eigentlich ziemlich unwichtig sind.

Gegen Mitternacht verabschieden sich Mareike und Tanja, und auch Marc, weil seine Freundin irgendwo abgeholt werden möchte und, äh, offenbar nicht mehr ganz Herrin ihrer selbst ist. Wenige Minuten später gehen auch Melanie und ich, nur Ramona und Luba bleiben wohl noch bis um 0100, wie man mir später mitteilt. Nein, so gemütlich es auch ist, ich bin so vollgefressen, dass ich eigentlich nur noch schlafen will, außerdem bin ich ja ziemlich früh aufgestanden. Auf dem Rückweg entdecken wir dank Stadtkarte, dass wir doppelt so schnell zu Hause sind, wenn wir nicht wieder am Bahnhof vorbeigehen. So dauert der gesamte Weg vielleicht 20 bis 30 Minuten.

Wir entdecken auf der Strecke einen Automaten mit der Aufschrift „Tsuri-Esa“. Das wäre nicht weiter interessant gewesen, wenn in dem Automaten nicht die sonst übliche Auslage gefehlt hätte, da standen nur Preisschilder im Bereich von 500 Yen. Ich merke mir den Begriff und stelle später fest, dass es sich um einen Automaten handelt, an dem man Fischköder ziehen kann. „Tsuri“ heißt „Angeln“ und „Esa“ ist offenbar „der Köder“1. Nach Getränken, Zigaretten, Reis und Eiswürfeln kann man also auch Fischköder aus dem Automaten beziehen. Wenn ich nach Tokyo komme, muss ich mal Ausschau nach anderen Geräten halten. Vor Jahren ist im deutschen Sensationsfernsehen gezeigt worden, dass es in Japan auch Automaten geben soll, an denen man eine kleine, heiße Pizza bekommen kann. Ich will allerdings nicht so recht glauben, dass ein solches Gerät weite Verbreitung gefunden hat. Ich habe auch so genannte italienische Restaurants gesehen, auf deren Speisekarten Pizza allerdings völlig fehlte. Spaghetti dagegen sind vorhanden, offenbar kann man die Bestandteile einer Nudelsoße besser bekommen als den Belag einer Pizza. Oder der Preis dafür wäre einfach unerschwinglich. Was mich keineswegs wundern würde.

1 Genau genommen handelt es sich bei „esa“ um „Tiernahrung“, was Futter und Köder mit einschließt.

24. Oktober 2023

Freitag, 24.10.2003 – Men at Work

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 10:17

Die Unzuverlässigkeit der Computer nagt weiterhin an meinen Nerven. Computer, die gestern noch problemlos druckten, sagen heute, keine Verbindung zum Drucker zu haben. Es ist also völlig sinnlos, sich eine Maschine auszugucken, an der man bevorzugt arbeiten möchte, weil die Funktionsfähigkeit der Maschinen ständig im Wandel begriffen ist. Sehr buddhistisch eigentlich.

Am frühen Nachmittag lese ich, dass es in Riccis Wohnheim gebrannt hat und dass nur eine Handvoll Leute sich dazu hat überreden können, das Gebäude zu verlassen. Die ganzen Asiaten blieben offenbar im Gebäude. Als ob es in Ostasien nie brennen würde. Aber ich erinnere mich, dass auch die Chinesen im alten Trierer Petrisberg aus den Zimmern getreten werden mussten, weil sie gar nicht einsehen wollten, wegen eines Feueralarms (im Januar 2001) das warme Zimmer zu verlassen. Muss genetisch bedingt sein. 🙂

Kurze Zeit darauf werde ich selbst mit einem Feueralarm konfrontiert. Ich bin in die Bibliothek gegangen, um mir die Zeitungen anzusehen. Es liegt ein Exemplar der „Japan Times“ aus, in englischer Sprache. Nachdem ich drei Viertel der Zeitung gelesen habe, höre ich von den Computern her, die vielleicht zehn Meter weiter stehen, jemanden laut etwas rufen. Ich schaue hinüber und sehe einen Asiaten von seinem Stuhl aufspringen und zum Alarmknopf rennen (fünf Meter von ihm entfernt). Er drückt den Knopf, der Alarm wird ausgelöst (eine mechanische Glocke) und dann verschwindet er mit einem breiten Grinsen, aber ebenso eilig, in den Keller.

Ich blicke unschlüssig in die Runde, wie einige andere ebenfalls. Zuerst passiert gar nichts. Keiner macht Anstalten, sich irgendwie anders zu verhalten. Ich sehe verwirrt einen der Mitarbeiter an. Der geht zu dem Alarmsystem, als sei das der alltäglichste Vorgang seines Berufslebens und schaltet den Alarm ab. Noch immer passiert nichts. Zu diesem Zeitpunkt gehe ich davon aus, dass der Fall damit beendet sei. Aber die darauf folgende Durchsage ist wohl systembedingt automatisch: Nicht, dass ich viel davon verstehen würde, aber „Kaji“ („Brand“) und „Tatemono wo dete kudasai“ („Bitte verlassen Sie das Gebäude“) sind recht eindeutig. Die Letzten werden die Ersten sein. Die Studenten, die sich ganz hinten im Gebäude aufhalten, verlassen zuerst das Gebäude, weil wir hier ganz vorne, Augenzeugen des schlechten Scherzes, wissen, dass es nicht brennt, wir folgen aber der Herde. Außerdem wird das Gebäude der Vorschriften wegen tatsächlich zugemacht. Also gehen wir raus. Dabei stolpere ich über einen Schwachsinn fatalen Ausmaßes, im wörtlichen Sinne: Am Fuße der Treppe, die in das Gebäude führt, befindet sich an Sonn- und Feiertagen eine Kette mit einem Schild, auf dem zu lesen ist, dass die Bibliothek geschlossen ist. Und der irre Hausmeister hat jetzt diese Kette schon aufgespannt, bevor alle das Gebäude verlassen haben, damit keiner mehr reingeht. Und das ist nicht lustig. Wenn es tatsächlich brennt und es jemand zu eilig hat, fällt er über diese Kette, die perfekt in Höhe der Unterschenkel hängt. Im Falle einer Panik könnte es Tote geben. Nach dieser Erfahrung bleibt mir nur der Weg zurück ins Ryûgakusei Center, und danach der Rückweg nach Hause.

Dort fällt mir der Straßenzustand ins Auge. Eigentlich wäre dies kein Anlass, einen Eintrag in das Tagebuch vorzunehmen, aber die Unterschiede zu der Situation in Deutschland erscheinen mir im Nachhinein doch zu auffällig, um nicht doch ein paar Worte darüber verlieren zu wollen.

Vor zwei Tagen bereits waren in der Parallelstraße Schnitte in der Asphaltdecke zu sehen. Dies sind meiner Erfahrung nach deutliche Anzeichen dafür, dass demnächst ein Bautrupp anrücken wird, um etwas auszubessern. Ich machte mich also seelisch und moralisch auf etwa zwei Wochen Baulärm gefasst, der Länge der Schnitte nach zu urteilen. Gestern Morgen ging es auch gleich los. Als wir uns auf den Weg zur Uni machten, waren die Arbeiter bereits am werkeln, mit LKW und Bagger und Presslufthammer und allem, was man so braucht, um an eine unterirdische Leitung zu kommen.

Aber die Sache läuft hier etwas anders als in der deutschen Heimat. Wir kamen nach Anbruch der Dunkelheit wieder zurück und die Männer arbeiteten immer noch, mit Hilfe von Halogenscheinwerfern. Ein etwa zehn Meter langer Abschnitt der Straße war aufgerissen. Wenn man nun aus Deutschland ein relativ negatives Bild von Bauarbeitern hat („Proleten“), dann wurde ich hier angenehm überrascht. Der Bauabschnitt befand sich genau vor der Einfahrt zu unserer Nebenstraße. Wir schauten uns etwas verwirrt um, weil wir auf den ersten Blick nicht erkennen konnten, wie wir denn nun nach Hause kommen sollten, 50 Meter vor dem Ziel. Aber dann kam auch schon einer daher, mit seinem rot leuchtenden Dirigierstab und führte uns mit höflichem Japanisch durch die Baustelle. In Deutschland muss man sich den Weg selber suchen und die Sprache der Arbeiter ist… realistisch volksnah. Na ja, sie sind das, was man herablassend „das Volk“ nennt, wenn man Abitur hat und sich von eben „solchem Volk“ abheben möchte. (Ich bitte darum, das nicht zu ernst zu nehmen. Spaß muss sein.)

Am folgenden Morgen, also heute Morgen, war nichts mehr davon zu sehen, sieht man von dem frischen Asphalt ab. Offenbar wird alle paar Tage ein Abschnitt bearbeitet und am selben Tag wieder zugemacht, um ein minimales Verkehrshindernis zu bilden. Und statt Ampeln hat man eben zwei Leute mit Signalstäben, die den Verkehr an der Baustelle vorbeilotsen.

Das hiesige System sagt mir irgendwie mehr zu, als die tagelang verdreckten und halbgesperrten Straßen in Deutschland. Man dürfte nur in der Heimat weniger Verständnis für die Personalpolitik haben, da Ampeln auf Dauer billiger sind als zwei Arbeiter für die Verkehrsregelung.

23. Oktober 2023

Donnerstag, 23.10.03 – Netzwerk Japan

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 18:22

Heute gab es Geld. Die ersten 80000 Yen meines Stipendiums. Ich bin gespannt, was am Ende des Monats übrig bleibt. Wenn überhaupt. Aber bislang bin ich guter Hoffnung. Ich habe Miete und Nebenkosten mit Melanie anteilig mit unserem jeweiligen „Einkommen“ verrechnet. Ich bekomme 80.000 Yen pro Monat, sie knapp 140.000. Dementsprechend trägt sie ca. 60 % der anfallenden Kosten. Natürlich ist sie anfänglich von dem Plan nicht begeistert, aber sie kann überzeugt werden. Abzüglich ihrer Anteile hat sie pro Monat immer noch mehr Geld zur Verfügung als ich überhaupt bekomme…

Am Nachmittag machen wir eine Exkursion zum Schloss von Hirosaki. Vor einigen Tagen war ich ja schon einmal dort, scheute mich aber, den Bereich zu betreten, für den man bezahlen muss. Heute also sind wir in der Gruppe angereist, genießen etwas Ermäßigung und sehen uns den inneren Teil des Schlosses an.

Es handelt sich dabei um ein geradezu winziges Gebäude von drei Stockwerken Höhe, in einem Baustil, wie man ihn von japanischen Postkarten her kennt. Abgesehen davon, dass diese Postkarten meist das Schloss von Osaka zeigen, das ein wirklich beeindruckender Bau zu sein scheint. Aber in Hirosaki steht eben dieses… Schlösschen, über dessen mangelhafte Schutz- und Trutzfunktion ich bereits gesprochen habe – keines der Tore würde einem ernsthaften Versuch, es aufzubrechen oder einfach niederzubrennen, lange widerstehen können.

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Wir erfahren auch, dass es sich bei dem momentan existenten Schloss eh nur um einen Nachbau aus dem 19. Jh. handelt, weil das Originalschloss schon vor längerer Zeit durch einen Blitzschlag in Brand gesetzt wurde und durch das Feuer das Munitionslager in die Luft geflogen ist. Das alte Schloss war auch fünf Stockwerke hoch und stand an der gegenüberliegenden Ecke des inneren Parks.1

Das Innere des Schlosses ist zunächst recht dunkel, aber die Exponate sind gut beleuchtet und die Fotos sind auch was geworden. Blitzlicht ist verboten. Leider gab es nicht allzu viel zu fotografieren. Und von überall her strahlt mich dieses Tempelkanji, das gespiegelte Hakenkreuz, mit seinem für mich äußerst unheilig anmutenden Glanz an. Der Bau ist zugig und kühl. So richtig dicht sind die Holzläden an den Fensterlöchern nicht. Die Treppen sind aus Platzgründen sehr steil und nicht für Leute meiner Größe gemacht. Einer der Chinesen, der nach mir nach oben geht, stößt sich den Kopf an. Die Aussicht aus den kleinen Fenstern verrät mir, dass der Verteidigungswert des Gebäudes nicht sonderlich hoch ist. Man sieht hier seitlich eine Brücke, immerhin ein wichtiger Punkt. Aber ansonsten in erster Linie Bäume, die den Feind verbergen, bis er auf 50 Meter an das Gebäude heran ist.2

Na egal, als das Gebäude wieder aufgebaut wurde, war man sich wohl bereits bewusst, dass es darauf nicht mehr ankommen würde. Die primitive Artillerie der US-Amerikanischen Bürgerkriegszeit hätte das Gebäude bereits in einen Schutthaufen verwandelt – warum also sich die Mühe machen? Ich bin durchaus der Meinung, dass es sich um ein schönes Haus handelt, und das wird wohl die vordergründige Absicht des Erbauers gewesen sein.

Danach gehen wir ein Stück durch den Park. Leider herrscht gerade ein recht ungemütliches Wetter. Es regnet nicht, aber es sieht aus, als würde es bald anfangen. Daher macht auch der Park nicht so viel her. Ich werde auf jeden Fall wiederkommen, sobald mal an einem Wochenende die Sonne scheint und ich nicht gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt bin. Alexej, ein Russe aus dem Gebiet Irkutsk/Baikalsee, empfiehlt auch dringend, sich das Hanami, die Kirschblütenschau, in Hirosaki anzusehen. In dem kleinen Park stehen 2000 Kirschbäume, und es werden (zur gegebenen Zeit) mindestens ebenso viele Menschen pro Tag erwartet, die die Kirschblüten bewundern, sich kräftig einen antrinken und möglicherweise ihren Mageninhalt gleich als Dünger hinterlassen. So schlimm wird es wohl nicht werden, aber man sollte solche Events nicht romantisieren und nicht glauben, der durchschnittliche Besucher (Japaner oder nicht) werde im strengen Geiste der Ästhetik unter den Bäumen harren und mit vor Rührung tränennassen Augen Haiku dichten.

Wir erfahren, dass an dieser Stelle, wo heute die vielen Bäume stehen, eigentlich die Häuser der niederen Samurai und der anderen Angestellten gestanden haben. Als dann die große Finanzknappheit über den Hirosaki-Clan hereinbrach, wurden die alle hinausgeworfen und an Stelle ihrer Häuser der Park angelegt. Die Angestellten, die nicht gleichzeitig ihre Anstellung verloren, wurden außerhalb des neuen Parks angesiedelt, und genau da gehen wir jetzt hin.

Zuerst besuchen wir das Haus des Familienarztes des hiesigen Daimyô (des Lokalfürsten). Ein sehr gemütliches Haus, mit niedriger Decke im Eingangsbereich. Zum ersten befindet sich oberhalb der Decke ein Versteck, falls das Haus in Gefahr geraten sollte, überfallen zu werden und zum zweiten macht es die niedrige Decke recht schwer, ein Schwert von 120 cm Länge zu ziehen. Im Inneren gibt es einen Arbeitsraum mit Kochstelle und einem kleinen Schrank, in dem wohl das Geschirr steht. Daneben befindet sich ein Raum mit nicht näher definiertem Verwendungszweck und an diesen angeschlossen ist eine Art Wohnzimmer mit einem langen Tisch und mehreren Sitzkissen. An der Wand hängt eine Rolle mit Kalligrafieschrift (Tokonoma), davor ein Blumengesteck.

Die für das Haus zuständige Dame stellt die Frage, wo man sich als Gast wohl hinsetzt, wenn man keinen Platz zugewiesen bekommt. Für mich ist das eigentlich eine Frage, die sich nicht stellt. Wenn man mir keinen Platz zuweist, bleibe ich stehen. Aber die Antwort ist recht simpel: Nicht zu nahe an die Schriftrolle und das Blumengesteck. Die Person, die direkt davor sitzt, ist die wichtigste Person im Raum. Und als Gast macht man sich nicht selbstherrlich zu derselben. Wir werden also gebeten, aufzupassen, wenn wir unsere Gastfamilien besuchen, ob im Wohnzimmer nicht vielleicht etwas solches vorhanden ist.

Nach dem Haus des Arztes besuchen wir das Haus eines Samurai. Ich würde sagen, es ist ärmlich. Man kann auch sagen, es sei spartanisch, wie man das von einem Krieger erwartet. Man geht hinein, und im Prinzip ist der große Innenraum (der so groß nicht ist) durch Wände in vier oder fünf kleinere Räume unterteilt. Das Dachgebälk wurde nicht verkleidet, was den rustikalen Charakter der Architektur noch verstärkt.

Am Eingang des Hauses sitzt eine ältere Dame. Um die 70 Jahre alt, würde ich schätzen. Sie kassiert den Eintrittspreis, den wir aber nicht zahlen müssen, weil Sawada-sensei das mit der zuständigen Behörde so ausgehandelt hat. Der Tag ist immer noch kühl, ohne Regen, aber ziemlich frisch und windig. Es zieht an allen Ecken in diesem Haus. Ich frage sie, ob ihr nicht langweilig oder kalt sei. Ja, natürlich sei es kalt, aber sie habe einen Kotatsu (eine dicke Decke mit einer kleinen Heizung für die Beine darunter) und ein Radio gegen die Langeweile. Und sie sei es schon gewohnt.

Die Gebäude machen sich sehr schön auf Postkarten, wirklich. Aber aller schlichten Ästhetik zum Trotz würde ich mir keines davon bauen lassen.

Wir fahren zurück zur Universität und heute habe ich keinen Unterricht mehr. Da Marc die Okonomiyaki (Teigfladen, in den Meeresfrüchte oder Fleisch und Kraut gemischt werden) der Mensa empfohlen hat (im Prinzip scheint es sich dabei um ein Omelett mit Füllung zu handeln), gehe ich einfach mal hin, um sie zu probieren. Ich erinnere mich daran, dass Okonomiyaki in einem der „Ranma“ Filme (in der Synchro) als „Japanese Seafood Pizza“ bezeichnet wurden, aber in dem Angebot der Mensa befindet sich nichts mit Meeresfrüchten. Nur Gemüsefüllung. Aber das muss ja nicht schlecht sein. Ich kaufe ein Exemplar (etwa 25 cm Durchmesser) für ca. 250 Yen und werde darauf hingewiesen, dass an dem Ei kein Salz sei, ich solle also die angebotene Soße verwenden. Okay, die Soße kenne ich schon, die ist nicht schlecht. Nur her damit.

Hm… ich weiß nicht genau, was Marc hier in der Mensa gegessen hat, vielleicht etwas anderes als ich. Aber entgegen seiner Darstellung, wie toll die Dinger hier seien, habe ich den Eindruck, dass die Omeletts mit ihrer „gemüsigen“ Füllung nach Seife schmecken. Ganz eindeutige Ingwer-Vergiftung.3 Kein besonderer Genuss. Sehr viel anders hätten sie in der Mensa der Uni Trier wohl auch nicht geschmeckt. Es muss doch eine Möglichkeit geben, irgendwo Okonomiyaki zu essen? Ich habe bereits Restaurants für alles Mögliche gesehen, aber noch nichts, wo mir Okonomiyaki auf dem Speiseplan aufgefallen wären. Ich werde jedenfalls versuchen, „das Wahre“ zu finden. Ich wurde ja bisher nicht vom Essen in Japan enttäuscht und komme eher zu dem Schluss, dass Mensaessen überall gleich mies ist. Was mich daran erinnert, dass die „Amino“ Zahnpasta, die ich gekauft habe, nach rosa Plastik schmeckt. Jetzt frage man mich bitte nicht, warum ausgerechnet „rosa Plastik“. Das war das erste, was mir in den Sinn kam. Aber sie ist nicht so furchtbar, dass man sich nicht daran gewöhnen könnte. In einer Woche wird sie mir wohl normal vorkommen.

Am frühen Abend leitet Melanie den Life-Journal Eintrag von Ricci (derzeit in Tokyo) an mich weiter, in dem sie ihre Ankunft und die ersten Tage beschreibt. Ich bin natürlich sehr an den Eindrücken meiner Freunde in Japan interessiert, und sei es nur zum Vergleich. In erster Linie muss ich Ricci wegen der Klette (eine extrem anhängliche Person, wie es scheint) bedauern, die sie sich wohl eingefangen hat. Allein von dem, was ich lese, ist mir diese Person zutiefst unsympathisch. Wenn jemand meine Bewegungsfreiheit einschränken will, soll er/sie sich zum Teufel scheren. Das sind nämlich oft genug Heulsusen, die auf kurz oder lang anfangen, ihre Leidensgeschichte auszubreiten und hoffen, dafür bemitleidet zu werden. Interessant ist auch, dass Ricci sich über die Qualität des Kakaos und des Zuckers in Tokyo beklagt. In unserem Provinzstädtchen hier gibt es beides in guter Qualität. Gut, dass sie bald Geburtstag hat, ich werde ihr ein CARE Paket schicken, damit sie nicht mehr elf Löffel Zucker braucht, bis der Tee süß ist.

Melanie steigt sofort auf die Barrikaden. Das könne man nicht machen, Ricci könnte das völlig missverstehen und so lächerliche Geschenke mache man nicht, weil dadurch ein Gefühl der Abneigung entstehen könne und so weiter. Also, zunächst einmal ist Ricci nicht blöd, und des weiteren kennt sie mich seit knapp drei Jahren. Ich bin sicher, dass sie den inneliegenden Humor erkennen wird. Aber um Melanie zu beruhigen, verspreche ich, noch ein paar Zeilen dazu zu schreiben, die die Sache genauer erklären.

Bevor ich das Center wieder verlasse, gerate ich in eine kleine Diskussion mit Misi, Angela und Valérie (letztere aus Neu-Kaledonien in bester Südseelage). Valérie beklagt sich über die hohen Preise in Japan. Ja, das sei normal, versichere ich ihr. Aha, es geht konkret um Reiskocher, die seien so teuer. Ich weise sie darauf hin, dass man im Daiei und im Ito Yôkadô Reiskocher von brauchbarer Größe für bereits etwa 5000 Yen kaufen könne. Ja, genau das sei teuer, sagt sie. Wo sie herkomme, gebe es Reiskocher bereits für umgerechnet 3000 Yen. Ich reagiere mit amüsiertem Unverständnis. Dann könne sie ja einen Reiskocher aus ihrer Heimat importieren, wenn ihr die Preise hier nicht zusagten. Ja, wenn da die Transportkosten nicht wären, nicht wahr? Wir versuchen zu dritt, sie davon zu überzeugen, dass 5000 Yen (knapp 40 E) für einen (neuen) Reiskocher eigentlich ein Schnäppchen sind. Zumindest in Japan. Ich habe auch welche gesehen für 65000 Yen und mehr, also etwa für mehr als umgerechnet 500 E! Was tun diese Dinger für diesen Preis? Vielleicht „Singing in the Rain“ trällern und einen Steptanz aufführen, wenn sie fertig sind? Was hilft das Klagen? Misi weiß Rat: Er hat keinen Reiskocher gekauft, sondern kocht den Reis in einem normalen Topf.4 Aber auch das sagt ihr nicht zu. „Buy or die!“ Oder iss Nudeln. Spaghetti gibt es im 100 Yen Laden – zu einem eigentlich unverschämten Preis, beachtet man, dass ein Pfund Spaghetti in Deutschland für 29 Cent zu haben ist…

1 Die ursprüngliche Burganlage wurde 1611 fertiggestellt und brannte bereits 1627 wieder ab.

2 Das Areal wurde in den vergangenen 140 Jahren mehrfach verändert, dazu gehört auch die Umwidmung in einen öffentlichen Park, für den man eher Bäume pflanzt, anstatt Schusslinien zu schaffen.

3 In diesen Okonomiyaki waren rosa Stückchen zu erkennen: eingelegter Ingwer. Frischer Ingwer schmeckt anders.

4 Er hat sich in der Folgezeit noch einen elektrischen Reiskocher gekauft – mit dem er unzufrieden war, bis ich ihm zeigte, was es mit der Strichskala am Rand auf sich hat: Dass man nämlich den Topf nicht mit Wasser voll macht, sondern nur bis dorthin auffüllt, wo die Zahl eingestanzt ist, die der Anzahl der eingefüllten Go (Becher) Reis entspricht.

22. Oktober 2023

Mittwoch, 22.10.2003

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:42

Ich will bei der heutigen Gelegenheit den Eintrag rezitieren, den Ludwig XVI. von Frankreich an jenem Tag in sein Tagebuch schrieb, als das Volk von Paris die Tuilerien stürmte, während er einen Jagdausflug machte:

Rien“„Nichts“.

21. Oktober 2023

Dienstag, 21.10.2003 – „Obiwan-sensei wa omae ni koto wo takusan oshiete-ageta!“ to iimasu ka?

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:45

(Das bedeutet: “Sagt man so (auf japanisch) Obiwan hat Dich viel gelehrt?”)

Ich stelle fest, dass Yamazaki-senseis Unterricht besser wird, in meiner subjektiven Wahrnehmung. Das gemeinsame Aufsagen von Sätzen lässt deutlich nach, es kann also nicht nur Gewöhnung sein. Dann kann ich die Angelegenheit viel entspannter angehen, wie mir Kashima-sensei das von Anfang an geraten hat.

Danach schreibe ich eine weitere Mail, die durch einen „Time-out Error“ in den Tiefen des WWW verschwindet. Interessanterweise rege ich mich nicht darüber auf. Shit happens, und vom Grollen bekommt man doch nur Magengeschwüre, frei nach der Richtlinie meines „alten“ Feldwebels Ingolf „Ingo“ Diete:

Schwarz, manche Dinge sind so beschissen, dass man wieder drüber lachen muss.“

Und der Mann hat viel gelacht. (Ich bitte um Vergebung wegen der unfeinen Sprache.)

Die Einführung in das Studium des Buddhismus ist weder spannend noch langweilig, liegt aber im interessanten Bereich. Das Ganze ist etwas rätselhaft. „Nichts ist für die Ewigkeit“ kann man eine der Grundregeln wohl paraphrasieren. Man wird wiedergeboren, aber es gibt gleichzeitig keine Seele, sondern nur Karma – also was genau wird da eigentlich wiedergeboren? So weit ich das verstehe, ist das Karma wie ein Register, in dem schlechte und gute Taten aufgelistet werden. Wenn ein Leben zu Ende geht und das nächste anfängt, bleibt man belastet von den vorhergehenden Leben. Die Wiedergeburten haben eine seltsame Hierarchie, denn man kann als Höllenwesen oder als Tier, als Mensch oder als Gott geboren werden. Was offenbar bedeutet, dass Götter sterblich sind. So weit interessant. Aber nur Menschen können zur Erleuchtung gelangen, durch eigenes Streben oder unter Anleitung eines Buddhas. Götter können das nicht, sie müssen erst als Menschen geboren werden.

Phillips ist kommende Woche nicht da, er hält einen Vortrag in Kanada, von daher kriegen wir 100 Seiten Papier zum Lesen, um uns mit der Geschichte und der Ideenwelt des Buddhismus vertraut zu machen. Dann bin ich ja mal gespannt, wie das war, mit der Mutter von Siddharta und dem weißen Elefanten…

Danach besorge ich mir mit Hilfe von Alex eine Kundenkarte für die „King Kong“ Videothek und stelle befriedigt fest, dass eine japanische Sprachversion von „Star Wars“ (Ep. IV-VI) existiert. Oh, und den „Terminator“ fasse ich bei der Gelegenheit ebenfalls in Auge.

Der Angestellte der Videothek redet so schnell, dass ich kaum verstehe, was er sagt. Mein Dank an Alex für seine Hilfe bei der Angelegenheit. Ein Tag Ausleihe kostet 180 Yen, zwei Tage 230 Yen, sofern es sich nicht um funkelnagelneue Filme handelt. Ob die Preisangaben auch DVDs einschließen, ist mir bislang nicht bekannt geworden. Und eigentlich ist es auch nicht interessant, weil ich keinen DVD-Player besitze und auch keinen hier anschaffen werde. Da die Videothek 24 Stunden lang geöffnet hat, scheint es also günstig, um zwei Minuten nach Mitternacht einen oder mehrere Filme auszuleihen, weil man dann mehr Zeit hat. Nett zu wissen, aber für mich nicht wirklich von Bedeutung.

Alex weist mich noch auf verschiedene Dinge hin, die von minderer oder größerer Bedeutung sein könnten. In einer der nahen Städte findet offenbar jährlich eine Art Roboter-Wettbewerb statt. Dazu kommen Kinder aus aller Welt nach Japan und bauen hier ihre Maschinen zusammen. Da die Kunden meist aus englischsprachigen Staaten anreisen, suchen die Veranstalter Dolmetscher. Alex empfiehlt also, sich dafür zu bewerben, weil man eine Woche lang in einem Drei-Sterne-Hotel wohnt, mit drei warmen Mahlzeiten am Tag und anderen Vergünstigungen. Und das Vokabular sei weitgehend auf den Umgang mit dem notwendigen Werkzeug beschränkt, und darauf, was die Kinder (und ihre Erziehungsberechtigten) so brauchen. Das interessiert mich natürlich sehr.

Zuletzt bemängelt er den mangelnden Zusammenhalt der Austauschstudenten, der dieses Jahr offenbar herrscht. Er sagt, im letzten Jahr habe es zwei Wochen gedauert, bis alle so dicke zusammen waren, dass man halbnackt (!) wilde und vor allem alkoholhaltige Partys im Wohnheim gefeiert habe. „Nach zwei oder drei Wochen Party haben wir uns eigentlich weitgehend wieder beruhigt – nur JP hat weitergemacht wie gehabt“ sagt Alex, und er bedauere nichts von alldem. Na, ich kann mir vorstellen, dass jemand wie JP (ein weiterer meiner Trierer Jahrgangskollegen) die notwendigen Eigenschaften besitzt, eine solche Gemeinschaft zu schaffen und auch zu erhalten. Eine solche Persönlichkeit ist in diesem Jahrgang nicht enthalten. So weit ich das sehe, sind die allermeisten der europäischen Austauschstudenten Nichtraucher und nur Gelegenheitstrinker.

Mein Eindruck ist bisher, dass keiner dabei ist, eine Party so richtig zum toben bringt. Mathieu, „der frische Franzose“, scheint mir am ehesten dafür geeignet, aber er teilt meine Ansicht, dass man den Mund halten sollte, wenn man nichts Sinnvolles zu sagen hat. Man muss eine Konversation erst aus ihm herausziehen. Ansonsten eine gesellige Natur, wie die meisten anderen auch, aber ein Party-Tier habe ich keines gefunden. Und irgendwie beruhigt mich das ein wenig. Wenn ich das recht verstehe, waren es nämlich diese kleinen Orgien im Internationalen Studentenheim, die dafür gesorgt haben, dass „öffentliche“ Partys um 22:00 einzustellen und in den privaten Bereich, in die lächerlich kleinen Zimmer, zu verlegen sind. Es wurde ausdrücklich verboten, außerhalb der nun sehr eng gefassten Regelungen im Kaikan zu feiern; der Eingangsbereich lade zwar dazu ein, er sei aber nur ein Ort für „zivilisierte“ Zusammenkünfte, wenn ich das mal so umschreiben darf. Den O-Ton von Ôta-san auf dem Hinweisschild habe ich nicht mehr im Kopf, aber darauf lief es hinaus.

Alex erklärt mir bei dieser Gelegenheit auch, was es mit den Shimoda Häusern auf sich hat, von denen ich ja eines bewohne. Nach seiner Schilderung ist Ikeda-san der Präsident der Firma, die diese Miethäuser verwaltet, aber die Häuser befinden sich im Besitz einer Dame mit Namen Shimoda. Jene Dame ist offenbar die reichste Person in der Umgebung, wahrscheinlich eine der reichsten Frauen Japans. Sie besitze mehrere dieser Miethäuser, drei Krankenhäuser und wohl auch eine Universität. Er gibt nicht genauer an, welche. Und jene Dame hat wohl ob ihres finanziellen Hintergrundes politische Ambitionen. Gerüchte (?) besagen, dass sie Präfekt (weibliche Form?) von Aomori-ken werden will. Für deutsche Ohren klingt das vielleicht nicht weiter seltsam, aber ich glaube, man kann die Gefühle der Japaner zu dieser Sache möglicherweise damit vergleichen, wenn in der Bundesrepublik Deutschland sich eine Frau für das Amt des Bundeskanzlers bewirbt. Und das vor dem Hintergrund, dass die Geschlechterrollen in Japan etwas rigider sind als in Deutschland.

Was ganz anderes „ereilt“ mich am Nachmittag. Ich habe meine Gastmutter kennen lernen dürfen. Sie heißt „Jin“ (das ist der Familienname), was sich schreibt wie „Kami“, also „Gott“. Wer Piccolo, diesen grünen Kerl aus der Serie „DragonBall“, kennt, weiß, wie man das schreibt, er trägt dieses Kanji auf seiner Tunika. „Dieu“ (frz.) wurde es bei uns untertitelt, wegen der Herkunft der Übersetzungsgrundlage. Ich bin also folglich demnächst Gast im Hause Gottes. Nun ja, das heißt, ich werde es am 29.10. sein. Oh, und diese Frau Jin sieht nicht aus, als sei sie bereits 44 Jahre alt.

Die Familie Jin hat aus diversen Gründen am 01.10. keine Zeit, die „International Festa“ zu besuchen, wo die Austauschstudenten eigentlich ihre Gastfamilien erst treffen sollen. Also bittet sie mich (und Sushanan, eine der Thailänderinnen, die ihr ebenfalls zugeteilt wurde) dafür um Verzeihung und lädt uns für den 29.10. zum Essen ein. Zum Sukiyaki, um genau zu sein. Ich habe keine Ahnung, was das ist, aber sie sagt, ich solle bei der Herstellung helfen, dann wisse ich sehr schnell, um was es sich dabei genau handele. Na ja, das geht schon in Ordnung.

Das Programm ist also eine Art Doppelaktion. Jede der teilnehmenden Familien erhält zwei Austauschstudenten zugeteilt, die sich möglichst in Herkunft und Geschlecht unterscheiden sollen. Hier also ein Deutscher und eine Thailänderin. Warum nicht. Auf den „Clash of Civilizations“ bin ich sehr gespannt. Von Jin-san habe ich einen sehr mütterlichen Eindruck. Sie ist mir auf den ersten Blick sympathisch. Dann erhalte ich ein Blatt, auf dem eine kurze Familienübersicht dargestellt ist. In dem Haus wohnen also das Ehepaar Jin, beide Mitte Vierzig, mit zwei Kindern (eine Tochter von 11 und ein Sohn von 14 Jahren) und den Großeltern, beide 74 Jahre alt. Leider haben die Namen keine Furigana (das sind Schriftzeichen, die mir sagen, wie man die Kanji des Namens zu lesen und auszusprechen hat), also kann ich nur raten. Außerdem wird man sich mir wahrscheinlich sowieso noch einmal vorstellen, wenn ich denn im Wohnzimmer stehe.

20. Oktober 2023

Montag, 20.10.2003 – Follow the yellow Brick Road

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 9:15

Montage erfordern kein frühes Aufstehen. Und interessanterweise gibt es nicht nur zwei Kneipen direkt vor der Uni und eine Sakebrauerei nördlich daneben, nein, die ersten beiden Stunden sind montags grundsätzlich frei!1 Kein Lehrangebot bis 10:20 Uhr! Zumindest für uns Austauschstudenten.

Ich lasse mir also Zeit und gehe erst um 08:30 ins Center. Mein erster Unterricht beginnt um 12:40, also habe ich vier Stunden Zeit, das reicht für zwei lange Berichte per Mail. Eigentlich. Aber das Schicksal (die Technik!) ist gegen mich. Der erste Rechner hat kein MS Word, beim nächsten Rechner ist es zerschossen (scheint eine Krankheit der XP-Rechner hier zu sein), der dritte stellt keine Netzverbindung her, der vierte stürzt ab, sobald ich etwas machen will, was komplizierter ist, als ihn einzuschalten, der fünfte mag den Drucker nicht (nicht installiert) und der letzte, den ich noch freiwillig ausprobiere, hat keine funktionierende Kabelverbindung zum Drucker. Immerhin kann man mit dem hier schreiben. Das Senden kann man auch später in den Zeitplan einschieben.

Bis 12:40 habe ich es dann immerhin geschafft, die Mail vom 10.10. zu verfassen und zu speichern.

Nach diesem Desaster erlebe ich meinen ersten Unterricht „Japanisch A3“.

Noch bin ich mir nicht ganz im Klaren, um was es da heute genau geht. Die erste Aufgabe ist gleich komisch:

Der japanische Regenbogen hat sieben Farben. Ist das in Deiner Heimat anders? Warum ist es anders?“

Ich verstehe nicht ganz, lese die Aufgabe noch einmal. Aber das ist, was da steht. Wir sollen in Gruppen die Regenbögen unserer Heimatländer diskutieren. Ich habe mir seit dem Kindergarten keine Gedanken mehr darüber gemacht, welche Farben der Regenbogen hat. Also versuche ich, die Sache logisch anzugehen.

Der Regenbogen in Japan hat also sieben Farben. Okay, damit kann ich leben.

Aber scheint nicht überall die gleiche Sonne?

Fällt nicht überall der gleiche Regen aus H2O?

Atmen wir nicht alle die gleiche Luft?

Mehr Faktoren für einen Regenbogen fallen mir nicht ein, vielleicht noch der Einstrahlungswinkel der Sonne? Japan liegt auf der Höhe des Mittelmeers, das sollte nicht so sehr anders sein.

Am Ende sind die Studenten sich einig. Der Regenbogen hat überall die gleichen Farben, es gibt keine Unterschiede. Und die Entscheidung ist einstimmig: Deutsche, Franzosen, Thailänder, Chinesen und Koreaner sind dieser Meinung. Der Lehrer und Japaner Yamazaki sagt aber, das sei nicht möglich. Er lacht und fragt, wie das sein könne? Ich lese in dem dazugehörigen Text herum und glaube zu erkennen, dass es darum geht, dass es in Japan viele konkrete Farbbegriffe gibt, die es ermöglichen, die Farben zu benennen und zu identifizieren. In Deutschland z.B. gibt es nicht so viele Begriffe für die einzelnen Farbtöne, die über die Hauptfarben definiert werden, denen sie ähneln, wie „Karmesinrot“ oder „Ultramarineblau“. Es gibt wohl eine Verbindung zwischen den Dingen, die man in einer Sprache ausdrücken kann und der Wahrnehmung, die man als Muttersprachler eben aufgrund der Begrifflichkeiten hat. Dinge, die keine Namen haben, für die es kein Wort gibt, existieren nicht, werden nicht als existent wahrgenommen. Auf gewisse Art und Weise ist das wohl wahr.

Aber eigentlich geht es um Textaufbau und nicht um Naturwissenschaft, Psycholinguistik oder Philosophie. Einfache Textstrukturen sollten an diesem Beispiel gezeigt werden, Einleitung, Hauptteil, Schluss. Das ist alles. Aber es ist auch alles, was ich an diesem Tag von den Ausführungen von Yamazaki-sensei verstehe. Er könnte ebenso gut Chinesisch reden. Für diesen Bereich fehlt mir doch deutlich das Vokabular. Ich empfinde diesen Zustand als sehr frustrierend. Der übrige Sprachunterricht geht. Die Quintessenz herauszuhören, ist machbar, also kann ich dem Unterricht folgen.

Aber der A3 von heute Morgen… hui. Der Text ist wirklich seltsam.

Die wichtigste Funktion eines Begriffs ist sein Zweck, Dinge zu identifizieren“ steht da. So weit, so gut. Den Satz, der mir am wenigsten sagte, übersetze ich grob mit „Wir denken an Freiheit und glauben zu sprechen.“ Wie bitte? Irgendwo muss ich einen Fehler gemacht haben. Ich muss einen Muttersprachler fragen, der auch Deutsch kann. „Fudan wareware wa, Jiyû no mono wo kangae, hanashite-iru to omotte-iru.“ Im Hinterkopf sehe ich bereits Shitaba-sensei mit seinem „Kontext!!“ Schild winken.2

Auch am Nachmittag will die Sache nicht ins Rollen kommen, was das Versenden von Mails betrifft. Der GMX-Server kann nicht gefunden werden. Von keinem der Rechner, den ich ausprobiere. Ist der Server offline? Der Multi-Terabyte-Server von GMX? Das wäre mal ein starkes Stück. Vielleicht stimmt aber auch etwas an der Leitung nach Deutschland nicht. Web.de ist erreichbar. Seltsam, seltsam. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu warten, bis ich wieder an mein Postfach komme.

Magenknurren. Ein bedeutender Bestandteil meines Daseins in Japan. Ich habe mir angewöhnt, am Morgen eine satte Portion Reis zu essen, aber Reis hat eine extrem kurze Halbwertzeit, und am frühen Nachmittag knurrt mir der Magen. Gegen 17:30 komme ich für gewöhnlich zum Essen. Nein, ich muss nicht hungern, um Himmels willen. Das darf man jetzt nicht falsch verstehen. Es ist nur so, dass ich nach dem Frühstück schnell wieder hungrig werde. Vielleicht hängt das mit dem Reis zusammen, vielleicht verbrauche ich vor lauter Stress auch mehr Kalorien.

Jedenfalls hat, weil heute Montag ist, mein Ramenlokal geschlossen. Aber auf dem Weg nach Hause gibt es eine Oden-Bude mit Vordach.

Digital Camera

Dort werden in erster Linie Fleischspieße gebraten. Also Yakiniku. Und die Spieße schmecken wirklich hervorragend, vor allem mit leerem Bauch. Schwein, Rind, Geflügel und Gemüse, und das über Holzkohle gebraten. Ich bezweifle, dass ein Elektrogrill das besser hinbekommt. Aber vor allem sind diese Dinger hier salzig! „Möchten Sie Salz?“ fragt mich die ältere Dame höflich. „Ja, bitte“ antworte ich, nichts ahnend. Dann wollen mir schier die Augen rausfallen angesichts der Salzmenge, die sie an den Spieß wirft. Man kann das Salz nachher vom Fleisch abklopfen. Ich muss also nächstens um „ein wenig Salz“ bitten.

Digital Camera

Außer den Spießen probiere ich auch noch das Oden (mit einem kurzen „o“ wie in „Stock“). Zumindest so weit ich das verstehe, handelt es sich um Oden, muss ich sagen. Da schwimmen seltsame Objekte in einer dunklen Brühe, und ich glaube zu verstehen, dass alles aus Fisch gemacht ist, obwohl es nicht im Geringsten nach Fisch riecht oder schmeckt. Oh, das Ei in der Brühe ist natürlich nicht aus Fisch. Das Stück Daikon (Riesenrettich) natürlich auch nicht. Aber beides ist gut. Ich gehe gesättigt aus dieser kulinarischen Erfahrung hervor und habe auch nicht mehr bezahlt, als wenn ich ein Ramen gegessen hätte. Da kann man öfters hingehen. Aber wegen des vielen Salzes werde ich heute Abend noch drei Tassen Kaffee trinken, um das Zeug wieder rauszuspülen (Kaffee entwässert den Körper, wenn man nicht daran gewöhnt ist).3

Im Fernsehen bringen die Nachrichten am Abend wieder Bilder von Verkehrsunfällen auf der Autobahn. Diesmal drei Tote. In den letzten Tagen verging kaum ein Tag, ohne Berichte über Unfälle mit Toten. Ich frage mich, wie viele Leute eigentlich jedes Jahr auf japanischen Straßen zu Tode kommen? Oder auch allein auf den Autobahnen, auf denen man doch nur 80 fahren darf!? Bringen diese Limits denn gar nichts? Es kann ja nicht sein, dass es hier derartig viele schlechte Autofahrer gibt… vielleicht gibt es auch einfach nicht viel, über das zu berichten sich lohnen würde.4

1 Es ist mir nach all den Jahren nicht mehr erinnerlich, was das eine mit dem anderen zu tun hatte.

2 Der japanische Satz enthält einen Fehler, vermutlich habe ich ihn falsch abgeschrieben. Es muss lauten „Fudan wareware wa, Jiyû ni mono wo kangae, hanashite-iru to omotte-iru“ ?????????????????????????????? und das bedeutet „Üblicherweise denken wir, dass wir frei denken und sprechen.“

3 Die Aussage, dass Kaffee entwässernd wirkt, ist mittlerweile wissenschaftlich widerlegt. Für mich persönlich gilt allerdings, dass warme Getränke schnell zu Harndrang führen.

4 In Deutschland wurden 2003 insgesamt 6613 Verkehrstote verzeichnet, das entspricht etwa 18 Menschen pro Tag. 2016 waren es laut WHO in Deutschland noch 3327 und in Japan noch 5224 im Jahr, also etwa 14 am Tag.

19. Oktober 2023

Sonntag, 19.10.2003 – Who’s fat?

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 10:19

Guten Morgen. Wäschewaschen. Mit kaltem Wasser und 40g Waschmittel. Aber ich nehme immer mehr. Dem System ist ja nicht zu trauen. Ernsthafte Flecken (z.B. Soße) gehen einfach so nicht raus. Offenbar kommt man um die Wäscherei nicht ganz herum. Einmal im Monat wird man sich das leisten können.

Ab 14:25 (bis 16:25!) läuft auf einem der TV-Sender eine der vielen Sendungen, die sich ums Essen drehen. Aber eine Kochsendung ist es nicht gerade. Die Sendung heißt kurz „Debuya“1 und ich beschreibe die Angelegenheit einfach einmal so: Zwei schwergewichtige Japaner (ab und zu begleitet von schwergewichtigen Freunden) fahren in einem Kleinbus im Ferkeldesign durch Japan (heute z.B. Ehime auf Kyûshû, und eine andere Präfektur, die ich nicht lesen konnte) und essen sich durch die lokalen Spezialitäten einzelner Städte und Dörfer. Die Sendung dauert also zwei Stunden und ist die Zusammenfassung einer Woche, wenn ich das richtig verstanden habe. Und was die Essen, haut mich ja glatt um. Ja, die Mengen auch, aber auch die Gerichte selbst.

Ich sitze vor dem Bildschirm und sabbere vor mich hin. Ich betrachte die Herstellung von Sobagerichten, angefangen beim Mahlen des entsprechenden Mehls über das Teigkneten und -schneiden bis zum fertigen Essen. Dann essen die Jungs Mikan Mochi (also Reisteigklöße mit Mandarinenbeimischung und süßer Azuki Bohnenfüllung). Sie fahren weiter und essen gebratenes Schweine- und Rindfleisch, und Fisch, der über einem Reisstrohfeuer angebraten wird. Danach noch mehr Fischsorten, frisch aus dem Meer, auf Holzkohle gegrillt. Als nächstes Wurst und Schweinebauch und alles mit unendlich appetitlichen Beilagen. Die Jungs helfen jeweils bei der Herstellung ihres Essens, das heißt, sie lassen sich das Procedere zeigen und machen es nach, z.B. wie man ein Fischnetz bedient, wie man eine Fleischzubereitung in einen frischen Darm presst, damit mal Wurst draus wird, oder wie man Sobateig mit Händen und Füßen bearbeitet und rollt, damit Nudeln daraus geschnitten werden können. Man kann nicht einfach dasitzen und zusehen, ohne einen furchtbaren Heißhunger zu bekommen. Allein der Gedanke daran macht schon hungrig.

Aber immer langsam. Heute Abend sind bei uns „normale“ Ramen dran, also das gleiche, was ich bereits in dem Kleintransporter gegessen habe. Und ich stelle fest: Normale Ramen isst man besser in eben jenem Auto. Das Stück Fleisch ist dort größer für das gleiche Geld. Die geringere Auswahl des Rollenden Restaurants macht sich geschmacklich in einer fortgeschrittenen Spezialisierung bemerkbar.

„Tomaten-Käse Ramen“ sind übrigens im Prinzip das gleiche wie Spaghetti in Tomatensoße, nur dass die Soße eher den Charakter einer leicht verdickten Suppe hat. Schmeckt ganz hervorragend, aber der Exotikfaktor ist nicht gegeben. Scheint mir vor allem geeignet für Leute aus dem Westen, die mal etwas essen wollen, das annähernd europäisch schmeckt.

1 „Gansô Debuya“, um genau zu sein. Ist auch auf DVD erschienen.

18. Oktober 2023

Samstag, 18.10.2003 – Das Silber-Imperium schlägt zurück

Filed under: Japan,Manga/Anime — 42317 @ 10:32

Heute ist zwar Samstag, aber wir stehen dennoch um 07:00 auf, um – lang erwartet – die brandneue japanische „SailorMoon“ Realserie im Fernsehen zu sehen. Man verwechsle bitte diese Serie nicht mit dem peinlichen US-Produkt. Um 07:30 fängt die Show an, die Videokassette ist bereit. Und… wo fange ich an? Am besten mal da, wo das Wissen des „normalsterblichen“ Newsletter Empfängers aufhört, der nicht weiß, von was ich überhaupt rede. Wer mit dem Thema „SailorMoon“ nichts anfangen kann, weil er/sie noch davon gehört hat oder nie ein paar Episoden gesehen hat, darf mich gerne fragen, was es damit auf sich hat. Ich möchte in meinem Newsletter nicht den Platz mit einem „SailorMoon Guide“ füllen, also bitte ich Interessierte, mich einfach nach Unklarheiten zu fragen. Vielen Dank.

Wir haben die ersten beiden Episoden verpasst, weil in dem Werbeblatt zu lesen war, dass die Serie auf TBS/CBC laufen würde, und den Sender kriegen wir nicht rein. Dann haben wir eine Programmzeitschrift gekauft, die uns verriet, dass wir die Serie auch über das regionale Fernsehen sehen können.

Danach also Spannung bis zum Trommelwirbel:

Der Introsong ist ganz neu, also kein „Moonlight Densetsu“ Klon. Als nächstes ist auffällig, dass man die Computer-Animationstechnik nicht so weit ausnutzt, wie man das könnte (siehe zum Beispiel „Dr. Doolittle“), auch unter schmalen finanziellen Bedingungen. Ja, es ist eine Realserie, aber man hat keine „echte“ Luna (so der Name der Katze der Protagonistin) genommen, der man einfach einen Mond auf den Schädel hätte rasieren (geht nach japanischen Tierschutzgesetzen bestimmt) und nur einen beweglichen Mund hätte programmieren müssen. Nichts dergleichen! Die Katze Luna ist ein Plüschtier (!) (das man übrigens für 1980 Yen im Spielwarenhandel kaufen kann). Wenn Luna sitzt oder steht, wird sie mit einer Hand (!) bewegt, der Katzenbändiger ist dabei natürlich unsichtbar hinter dem Sessel oder unter dem Tisch versteckt, aber dennoch wie im Kasperletheater, damit sie etwas wackelt, wenn sie redet. Wenn sie geht, sind ihre Bewegungen so fließend, dass man sofort sieht, dass es eine Animation der gescannten Plüschkatze ist. Man erkennt sogar die Streifen ihrer Oberfläche. Ein echt positiver Punkt ist allerdings, dass die Stimme des Plüschtiers die gleiche ist, wie anno 1989 in der Animeserie: Han Keiko.

Die Verwandlungen der Senshi sind weniger dramatisch (und auch weniger sexy, wenn ich das bemerken darf) als im Anime, es wird sich weniger gedreht und verrenkt und die Mädchen haben nie weniger an, als das Badeanzug-ähnliche Untergewand des Sailor-Outfits. An dieser Stelle kann ich darauf zu sprechen kommen, dass die Verwandlungen erstmals „echte“ Verwandlungen sind. In „Zivil“ sehen die Mädchen aus wie normale (wenn auch überaus gut aussehende) junge Japanerinnen, und erst durch die Verwandlung tritt die Veränderung der Haarfarben auf. Man erkennt sie also wirklich schwerer, das ist ein Vorteil gegenüber der Animeserie.

Das Zubehör der Senshi wurde zeitgemäß modernisiert. Die Mädchen haben inzwischen Keitai (Handys), natürlich mit Kamera. Wenn sie mit dieser Kamera Bilder von Kleidung machen, können sie sich das gewünschte Outfit an den Leib zaubern. Das können offenbar alle, nicht nur Usagi. Das Artefakt, mit dem sie sich in Senshi verwandeln, scheint mittlerweile auch kein langweiliger Füller mehr zu sein, sondern die Armbändchen, die sie tragen. Zumindest war dies mein Eindruck. Und Ami benutzt einen Laptop neuerer Bauart, aber ich konnte noch nicht ausmachen, ob es sich um PC oder Mac handelt, aber ich halte Apple für wahrscheinlicher.

Die Senshi scheinen neuerdings auch allesamt Nahkämpfer zu sein, vielleicht nicht Merkur, aber Mond auf jeden Fall. Zum Weglachen! Zum Teil Zeitlupenkämpfe wie beim „6-Millionen-Dollar-Mann“. Und die Yôma (die feindlichen Dämonen) sind natürlich das Allerbeste. Die Schauspieler tragen abgedrehte Kostüme und geben nur unartikulierte Laute von sich. Die Yôma im Anime konnten immerhin ihre Namen sagen. Und: Ohne Pantyshots (mehr oder minder kurze, beabsichtigt zufällige Aufnahmen von weißer Unterwäsche) läuft hier gar nichts. Die akrobatischen Nahkämpfe fordern das geradezu heraus, und an entsprechenden Gelegenheiten herrscht kein Mangel. (Es ist allerdings keine echte Unterwäsche, sondern eben der untere Teil der bereits erwähnten Badeanzug-artigen Basiskleidung.) Aber das Ausnutzen der Gelegenheiten macht weniger Spaß als im Anime. Vielleicht werde ich auch zu alt dafür.

Und dann: Tuxedo Mask. Er sieht lustig aus, der Japaner im Smoking. Oh, und er wirft nicht mit Rosen. Vielleicht war das der Regie doch zu gewagt (man beachte den Schwerpunkt eines solchen Objektes, wenn es sich mit der Stielseite in den Boden bohren soll). Er wirft also mit seinem Stock. Und er erscheint auch nicht auf Laternenpfählen oder Hochhäusern oder großen Fensterbrettern, sondern er steht, wie andere Leute auch, auf dem Boden. Und wenn er wieder verschwindet, springt er nicht in Sätzen von 100 Metern davon, sondern er geht von dannen. Zu Fuß. Es ist kaum zu glauben. Ich amüsiere mich königlich.

Königin Beryll ist eine Dame im besten Alter in einem theatralischen Kostüm (mit einem wirklich auffälligen Dekolleté), mit laaaangen Fingernägeln und feuerroten Locken. Jedyte ist natürlich blond, mit leichten Locken, und ein richtiges Milchgesicht. Und natürlich sieht er (für mein Empfinden zumindest) reichlich androgyn aus. Nephlyte sieht neben ihm wie ein Motorradrocker aus. Aber der kommt erst später. Die beiden sehen nicht sonderlich älter als nach 18 oder 20 Jahren aus.

Noch was zu den Hauptrollen. Bisher sind erschienen Usagi, Ami und Rei. SailorV ist zweimal, von Luna verfolgt, durchs Bild gelaufen (Anime-style, mit seitlich abgespreizten Armen, sieht total lächerlich aus). Ich möchte mir das Urteil erlauben, dass die Darstellerinnen sich aber Mühe geben, und was die Darstellung der Charaktere betrifft, machen sie ihre Sache wirklich gut. Die Unterschiede im Gemüt der einzelnen Senshi kommen (bisher zumindest) schön zur Geltung, also Amis Zurückhaltung, Reis Temperament und Würde, und – natürlich – Usagis sonnige Lebenseinstellung. Sie könnte Werbung für Zahnpasta machen. Auf die anderen beiden bin ich gespannt.

Vor allem möchte ich wissen, wie viele Episoden es geben wird. Sollten es 52 sein, kann ich nicht alles sehen und aufnehmen, und wenn es 26 sind, bin ich neugierig, wie weit die Geschichte gehen wird, wenn Nephlyte bereits in Episode 4 auftritt. Ich wage nicht auf das Glück zu hoffen, die Outer Senshi, insbesondere Haruka und Michiru, zu erleben. Auf die Haruka wäre ich sehr gespannt. Oh, und natürlich auf ChibiUsa.

Mein Eindruck bisher: Die Serie ist, wie gehabt, für unkritische kleine Mädchen und für knochenharte SailorMoon-Fans geeignet. Man muss ein echter Fan sein, um an dieser Realserie Spaß zu haben, wenn man älter als zwölf Jahre alt ist (und ich bin ein echter Fan). Alternativ dazu kann man natürlich auch erwachsen sein und einfach nur Freude an hübschen Mädchen haben, zusammen mit der Fähigkeit, alles andere ignorieren zu können.

Ich nehme die Serie auf, aber ich bezweifle, dass ich die Tapes vervielfältigen kann, weil mein Videogerät zuhause in Deutschland kein NTSC aufnehmen kann. Ich kann nur abspielen. Wenn sich eine Möglichkeit findet (z.B. Digitalisierung), bin ich gerne bereit, Kopien zu machen. Aber das Internet ist ja groß und weit…

Ich empfehle jedem SailorMoon Fanclub, Vorführungen zur Aufnahmeprüfung zu machen. Wer nicht nach 15 Minuten schreiend davonläuft oder mit inneren Blutungen vom Stuhl fällt, ist ein wahrer Fan und hat sich den Zugang zu den inneren Kreisen der Gemeinde verdient. 😉 Ich werde jedenfalls weiterhin am Samstagmorgen aufstehen und einschalten. Yay!

An dieser Stelle muss ich mich wirklich und zum wiederholten Male fragen, warum die Produzenten japanischer Realserien nicht die aktuellen technischen Möglichkeiten ausnutzen? Es muss ja nicht der letzte Schrei sein, das kostet schließlich auch entsprechend Geld, aber mit dem technischen Stand vom, sagen wir, Ende der Neunziger Jahre könnte man sich doch relativ günstig ausrüsten, oder etwa nicht? Die Spezialeffekte in „Knight Rider“ waren ja zum Teil besser, als das, was mir in aktuellen Serien in Japan geboten wird. Will das japanische Publikum (so jung es vielleicht in bestimmten Fällen sein mag) das so sehen, wie es gezeigt wird? Oder wird hier vorgeführt, dass niemand nach Verbesserungen verlangt, um keinem der Verantwortlichen zu nahe zu treten? Und diese Verantwortlichen halten die Technik offenbar billigst, um möglichst viel Geld aus der Sache zu holen. Ich muss mich weiter bemühen, das zu verstehen.

Wie auch immer. Die TV-Zeitschrift offenbart mir weitere interessante Neuigkeiten. Anlässlich der Volleyballweltmeisterschaft 2003 (ja, das ist das Stichwort!) wird bitte was neu veröffentlicht? Ich glaube kaum, was ich da alles sehe – im positiven wie im negativen Sinne. „Attack No. 1“, in Deutschland bekannt als „Mila Superstar“ wird, digital überarbeitet, auf DVD veröffentlicht! Der Schuber beinhaltet 18 (ACHTZEHN) DVDs, mit insgesamt 2644 Minuten Spielzeit. Und der Hammer dabei: Das Paket kostet

9 4 . 8 0 0  YEN !

Und das sind (am 18. Oktober 2003) umgerechnet etwa:

7 1 0 EURO !!

Also… bei aller Liebe… da rutscht einem das Herz in die Hose. Ich warte doch lieber auf die Taiwan-Version in wenigen Monaten. Vielleicht kommt man da ran. Bei dem üblichen Preis für Taiwan-Versionen dürfte die Sache nicht mehr als 55 E kosten. Da warte ich doch gerne ein bisschen…

Hm. Zuletzt aber noch eine weitere Filmkritik. Wegen der langen Liste von hochgradig talentierten Sprechern (deren Auflistung den wenigsten unter meinen verehrten Lesern etwas sagen dürfte) wollte ich in Japan eine Gelegenheit nutzen, mir „Crayon Shin-chan“ anzusehen. Eine Serie, die mir in Deutschland nicht zusagt und von der ich derzeit wage, zu behaupten, dass man ein Idiot sein muss, wenn man sie sich freiwillig länger ansieht.

Meine Chance kam schneller, als ich dachte. Heute Abend lief einer der Movies im Fernsehen und ich habe ihn mir angeschaut. Der Titel: „Crayon Shin-chan – Arashi wo yobu MO-RE! Otona Teikoku no Gyakushû!“
Grob übersetzt: „Crayon Shin-chan – Mo-re ruft den Sturm! Das Imperium der Erwachsenen schlägt zurück!“

Verbesserungen sind mir willkommen. Ich habe z.B. keine Ahnung was „Mo-re“ (in Katakana-Schreibung) bedeutet. Vielleicht ein Name, der mir entgangen ist.

Ich habe eigentlich nicht viel von dem Film erwartet. „Crayon Shin-chan“ ist auf Deutsch freilich für Proleten, so mein Eindruck auf RTL2. Aber ich wurde vom Originalton angenehm überrascht (und ich betone, dass es sich hier um meine persönliche, subjektive Wahrnehmung handelt). Erstens war der Film lustig, ohne vulgär zu sein, sieht man davon ab, dass Shin-chan (eigentlich „Shinnosuke“) wieder Gelegenheit erhielt, seinen Hintern zu präsentieren und von einem fahrenden Bus herab auf eine Windschutzscheibe uriniert. Zweitens war der Hintergrund durchaus ernst. Ich hatte den unbestimmten Eindruck, dass der Autor vielleicht eine Spur zu viel „The Tribe“ gesehen hat.

Die Story sieht so aus: Eine Organisation mit unklaren Motiven und einem Pärchen an der Spitze verpasst den Erwachsenen eine Art Psychodroge (bitte nicht zu wörtlich nehmen), die sie wieder zu Kindern macht, zumindest im Geist. Die Verlockung ist offenbar die Sorglosigkeit und die Freuden des Kindseins, im Gegensatz zu der Verantwortung und der Arbeit, die das Leben als Erwachsener so mit sich bringt. Die Erwachsenen werden in ihrem entrückten Zustand gewissermaßen entführt (gelockt mit Musik, nach Art des Rattenfängers von Hameln, nur mit Kleintransportern) und in ein riesiges Gebäude gebracht, in dem eine Art „Heile Welt“ für sie aufgebaut wurde, in der sie Kinder sein, bzw. die „guten alten Zeiten“ leben dürfen. Die echten Kinder sind also erst einmal auf sich alleine gestellt und die stärkeren unter ihnen merken schnell, dass es materielle Vorteile bringt, die Supermärkte zu besetzen, weil dann die anderen zu ihnen kommen müssen, wenn sie essen wollen. Als dann schließlich Strom, Gas, und Wasser ausfallen, machen sich Shinnosuke und seine Freunde auf den Weg, die Eltern wieder zurückzuholen.

Am Ende gibt es eine schöne Verfolgungsjagd mit dem Bus, der von fünf Kindern gleichzeitig gesteuert wird (werden muss) und der Fahrzeugflotte der Organisation, deren Mitglieder mit Luftgewehren und Spielzeugwaffen auf den Bus schießen… niemand kommt zu Schaden, sieht man von Hunderten Autos ab. Den Höhepunkt bildet die Flucht der Familie den Tokyo Tower hinauf.

Der Kopf der Organisation hat durchaus uneigennützige Motive, aber leider habe ich nicht mehr verstanden, als ich einleitend bereits erwähnt habe. Als er seinen Plan scheitern sieht, will er mit seiner Partnerin Selbstmord begehen, aber an der Kante auf der Beobachtungsplattform des Turms überlegt sie es sich anders und sagt, dass sie nicht sterben möchte. Also auch keine Toten. Gut so. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich das jemals tun würde, aber ich empfehle diesen Film.

17. Oktober 2023

Freitag, 17.10.2003 – War da heute was?

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 9:41

Eigentlich war nichts los. Oder vielleicht waren es einfach zu viele kleine Dinge?

Ich versuche, das mal zusammenzufassen.

Am Morgen hat mein Schrottrad endlich Luft in die Reifen bekommen. Jetzt kann man bequemer damit fahren, aber wegen der Bremsen werde ich mir noch ein anderes suchen müssen. Zu gefährlich, muss ich einsehen.

Nach dem Unterricht werde ich von zwei einheimischen Studenten zu einem Interview gebeten. Sie erforschen die Unterschiede zwischen japanischen Sportarten und solchen woanders auf der Welt, und wie Sport in anderen Ländern empfunden wird, sei es als Schulsport oder als Vereinssport, welches die populärsten Sportarten in den jeweiligen Staaten sind und welchen Eindruck man dort von japanischem Sport hat.

Die Bibliothek habe ich mal flüchtig in Augenschein genommen. Irgendwie klein. Aber ich habe bestimmt nicht alles gesehen. Und da sehe ich etwa 20 öffentliche Rechner. Moment bitte – 20 Rechner für alle Studenten? Das muss ein Irrtum sein. Es kann sich doch nicht jeder einen Laptop leisten! Ich bin eher bereit zu glauben, dass die Bibliothek der Hirodai nur ein Stockwerk groß ist, als dass es außerhalb des Ryûgakusei Centers nur 20 Computer auf dem Campus gibt.

Sawada-sensei macht wiederholt und mit viel Freude auf das Internationale Fest am 01.11. aufmerksam. Vielleicht (offenbar) erhalte ich dort noch die Chance, meinen Vogelweide loszuwerden. Außerdem sollen wir dort unseren Gastfamilien vorgestellt werden. Auch hier handelt es sich um eine alkoholfreie Zwei-Stunden-Veranstaltung. Auf meine vorsichtige Anfrage hin erklärt mir Sawada-sensei, dass Alkohol auf dem Campus generell verboten sei und man nicht einmal privaten Alkohol mitbringen dürfe. Na denn prost. Aber das Fest findet eh um zwei Uhr nachmittags statt, da sollte man noch keinen Alkohol trinken. Vorführende erhalten kostenlosen Zutritt mit Verpflegung, während alle andern etwa einen Tausender zahlen müssen, um die Unkosten zu decken. Na, dann sing ich doch lieber. Außerdem ist vergessen werden schlimmer als der Tod.1 😉

Ich versende noch ein paar Bilder. Li SangSu, mein koreanischer Nachbar aus dem Erdgeschoss, dessen Name ich mir endlich merken kann, macht mir das Angebot, meine Bilder auf seinen Laptop zu laden und zu gegebener Zeit eine CD zu brennen. Ich komme bestimmt darauf zurück. Nett von ihm. Im Anschluss unterhalte ich mich noch ein wenig mit ihm und zweien der übrigen Koreaner. Die Unterhaltung wird ab und zu etwas chaotisch, weil das Japanisch von SangSu nur etwas besser ist als meines und er daher Jû, der schräg gegenüber von mir wohnt, fragen muss, was denn dies oder das heiße. Er solle es doch auf Englisch versuchen, sagt Jû, aber SangSu winkt ab. Jû lacht sich daraufhin fast tot (leise, aber heftig), zeigt auf SangSu und sagt zu mir: „Der hat zwei Jahre in Australien gelebt und kann immer noch kein Englisch!“ und SangSu sagt „Der behandelt mich dauernd wie einen Sklaven!“ Die sind lustig. Während des Gesprächs stelle ich auch fest, dass die anwesenden Koreaner die ganze Zeit dachten, Karl Marx sei ein Russe gewesen. Wohl wegen des Sowjetkommunismus. Und ich stelle fest, dass sie in Korea zwei Jahre lang Deutsch gelernt haben. In der Oberschule. Da bin ich doch platt. In der koreanischen Oberschule muss man zwei Fremdsprachen belegen und meine männlichen Nachbarn haben Englisch und Deutsch gelernt, und meine weibliche Nachbarin SongMin, sie wohnt in dem Apartment direkt gegenüber, hat wahrscheinlich (wie SangSu sagt, aber ich habe noch nicht gefragt) Unterricht in Französisch genossen. Die Sprache sei bei Schülerinnen beliebt. Die Jungs lernten lieber ein wenig Deutsch, weil Deutschland ein wirtschaftlich bedeutendes Land sei. Schön und gut, aber leider wissen sie nichts mehr davon. Sie können sich vorstellen und dem Gegenüber einen guten Tag wünschen. Aber ein Brot könnten sie wohl nicht mehr kaufen.

Wie dem auch sei, ich finde meine Nachbarn ganz umgänglich, im Gegensatz zu einer Darstellung aus den USA, von wo mir zugetragen wurde, dass Koreaner am liebsten den Tag und vor allem die Nächte mit feucht-fröhlichen und vor allem lauten Partys verbrächten. Jû sagt, dass er sich das in den USA durchaus vorstellen könne, wo es viele koreanische Studenten hinzieht, die eine gewisse Vorstellung vom „amerikanischen Traum“ und den Freiheiten dort haben. Studenten mit mehr Sinn für Disziplin gingen eher nach Japan oder Deutschland, sagt er.

Auf dem Weg nach Hause kaufe ich mir ein Glas Nescafe Instantkaffee und eine Flasche Sake aus „Sake ga nomeru zoeeeee“ Akita.2 Nur 1,8 Liter… wir wollen ja nicht übertreiben.3 🙂 Ich fange in der Preisskala unten an, die Flasche kostet ca. 1300 Yen. Wenn man hier übrigens von „Sake“ redet, dann verstehen Japaner darunter ganz allgemein ein „alkoholisches Getränk“. Das, was sonst wo auf der Welt als „Sake“ verkauft wird, heißt hier Nihonshû“. Grob übersetzt: „alkoholisches Getränk aus Japan. Ich warte also auf eine Gelegenheit, die Flasche zu öffnen. Heute hätte sich eine Gelegenheit bieten können, weil ich Misi die „Inkomplette Liste unhöflicher Begriffe“ (der englischen Sprache)4 vorführen wollte. Aber die Pappnase ist mal wieder nicht gekommen, also bleibt die Flasche vorerst zu.

1 Aus Final Fantasy IX, das ich nie gespielt habe.

2 Aus den Liedern des jap. Duos „Barracuda & Beethoven“

3 Es handelt sich hierbei um die gängigste Flaschengröße.

4 „The incomplete list of impolite words“ von Carl Douglas

16. Oktober 2023

Donnerstag, 16.10.2003 – Ramen auf Rädern

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:34

Heute Morgen haben wir festgestellt, dass sich der Gasboiler auch von selbst auspusten kann. Wenn man heißes Wasser auf- oder abdreht, kann es zu einer kleinen Verpuffung des Gases kommen und die Flamme erlischt. Ich musste also im Schnelldurchgang lernen, wie man das Ding wieder anschmeißt, nachdem der Gasmann vor einigen Tagen den Boiler angeschaltet hat, ohne mir zu erläutern, wie man das genau macht. Bei unserem offensichtlich recht alten Modell dreht man den großen Knopf in der Mitte auf Ausgangsstellung (Position 4 Uhr), dann drückt man den Knopf ein und dreht ihn auf etwa 3 Uhr. Dadurch wird eine neue Flamme gezündet. Wenn das Metall, das in die Flamme ragt, dann heiß genug ist, kann man den Drehregler wieder voll aufdrehen.1

Der Unterricht war an heutigen Tag wie gehabt. Aber am Nachmittag fahren wir ins Rathaus. Chisaki, eine Freundin von Yui, war so nett, uns mit dem Auto zum Rathaus zu fahren. Aber das Auto stand bei ihr zuhause und ich habe das Gefühl, dass wir nur wenige Minuten länger gebraucht hätten, wenn wir von der Uni direkt zur Stadtverwaltung gegangen wären. Aber dennoch vielen Dank für ihre Bemühungen. Wir müssen unsere „Alien Registration Cards“ abzuholen. Auf Japanisch „Gaikokujin Tôroku Shômeisho“, ins Englische übersetzt also eigentlich „Foreigner Registration Card“. „Alien“ klingt reichlich seltsam, ist aber der offizielle Terminus. Ich mache ein Bild von dem über dem Schalter angebrachten Schild. Eigentlich wollte Melanie auch noch ein Konto eröffnen, aber dafür wurde es zu spät, weil die Banken offenbar alle um 15:00 dicht machen.

Am Abend stellen wir fest, dass unser Stammlokal einen außerplanmäßigen Ruhetag hat. Das verschafft uns eine besondere Gelegenheit: Auf dem Parkplatz vor der Mittelschule an der Straße nach Süden (in Richtung unseres Apartments) steht an manchen Tagen das irrste Lokal, das ich je gesehen habe.

Ramen auf Rädern, außen

Ich war darauf vorbereitet, Imbissstände zu finden, die aus einem kleinen Anhänger und einer Sitzbank bestehen, gezogen von einem Moped. Aber das hier hatte ich nicht erwartet. Und es ist besser. Der Besitzer hat einen Kleintransporter umgebaut. Auf der Ladefläche (mit Dach) steht ein Tisch und zwei Sitzbänke, und gekocht wird dort, wo eigentlich die Rückbank sein sollte. Die Heckklappe, also der Eingang, steht offen, eine Plastikplane hält das Wetter draußen, und es regnet mal wieder recht stark. Es gibt Onigiri, normale Ramen, Ninniku (Knoblauch) Ramen und noch zwei andere Gerichte, deren Namen ich mir nicht merken kann. Die Innenseite ist gepflastert mit kleinen Polaroidfotos, Aufnahmen der Kunden, wie ich annehme, zumeist junge Leute. Oben links in der Ecke befindet sich ein kleiner Fernseher von Orion.

Ramen auf Rädern, innen

Eine Portion normale Ramen kosten 450 Yen, und auch hier gibt es eine ansehnliche Portion dafür. Darin befindet sich Lauch, etwas, das ich für Bambussprossen halte und ein ziemlich großes Stück Schweinefleisch, das auch noch unerwartet fett ist. Und hier gibt es keine Löffel für die Suppe. Also führt man die Schüssel zum Mund und trinkt die Suppe aus. Dafür gibt es hier Servietten, die anderswo wiederum ein wenig fehlen. Der Laden wäre in Deutschland natürlich illegal und würde aus hygienischen Gründen sofort geschlossen, weil der Koch keine Möglichkeit hat, sich die Hände zu waschen, es gibt kein Waschbecken. Er benutzt Desinfektionstücher. Verglichen mit ordnungsgemäßen deutschen Verhältnissen hat der Hygienezustand insgesamt ein „gemütliches“ Niveau. Aber offenbar schaffen es die japanischen Gäste ebenfalls, dieses Essen ohne eine Kolik zu überleben. Und ich werde garantiert noch mehr als einmal da essen.

1 Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Der Gashändler hat natürlich ein Interesse daran, dass Du die kleine Flamme nie abschaltest und somit immer ein bisschen Gas über den Zähler läuft, auch wenn Du es gerade nicht brauchst.

15. Oktober 2023

Mittwoch, 15.10.2003 – Born to kill?

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 13:40

Na, so schlimm ist es nicht geworden. Aber der Japanischunterricht heute vernichtet meine gute Laune, die ich am Morgen noch hatte, durch Phrasenbeten als Gruppenaktivität. Ich erwäge, den Vorschlag zu machen, die Sätze aus den Hörübungen nicht mehr gemeinsam, sondern einzeln abhören zu lassen. Die Leistungsunterschiede in unserer Klasse treten dabei sicherlich deutlicher zu Tage. Es sind einige dabei, die die Sätze flüssig aufsagen können, und andere brauchen eine Weile. Auf momentane Art und Weise entsteht ein Mischmasch von Artikulationsgeräuschen, die doch niemand mehr als Sprache erkennen kann. Wie soll man da die Fehler des Einzelnen erkennen und bekämpfen? Ich halte das hiesige Procedere auch weiterhin für pädagogisch fragwürdig.1

Dann sollen wir einen Text lesen und verstehen. Okay. Ich glaube, ich weiß, was drin steht, aber mit dem Erklären könnte ich Probleme haben. Ogasawara-sensei möchte, dass wir den Inhalt noch einige Minuten später wiedergeben können, und zur Ablenkung spielen wir Jan-Ken-Pon. Dabei handelt es sich um ein Spiel, dass bei uns „Schere-Stein-Papier“ heißt. Jetzt kocht meine Galle aber! Ich akzeptiere, dass das Spiel hierzulande beliebt ist und von quasi allen Altersgruppen gespielt wird (aus den gleichen Gründen wie bei uns), aber ich habe das zuletzt gespielt, als ich noch halb so groß war wie heute, vor knapp 20 Jahren. Ich ordne „Schere-Stein-Papier“ sehr eindeutig dem Bereich „Kleinkinder“ zu, und dass ich das hier spielen soll, im Alter von 26 Jahren, bringt mich zur Weißglut. Ich überlege mir, ob ich ausweichend auf die Toilette gehen soll. Aber ich lasse es. Flucht ist kein gutes Mittel, um sich an Umstände zu gewöhnen, die man nicht mag. Also spiele ich Jan-Ken-Pon und versuche anschließend, in drei Sätzen zu erläutern, was in dem Text steht.

Wie es scheint, lebe ich noch. Und alle anderen in meinem Umfeld auch. Was auch immer kommt, es kann nur besser werden. Und ich werde besser damit fertig werden. Kashima-sensei hat mir gleich zu Beginn gesagt, dass ich am besten alles ganz entspannt angehen solle. Alles andere sei Unsinn und werde im Endeffekt nur Probleme bringen. Ich folge seinem Rat in verstärktem Maße. Das wiederum veranlasst Melanie dazu, mir mangelnde Arbeitsmotivation zu unterstellen. Das Problem sehe ich nicht. Ich mache die Arbeit, die man von mir erwartet. Sie arbeitet länger an den Kanji für die Tests, und ich freue mich, dass sie diese Ausdauer aufbringt – aber meine Testergebnisse sind ebenso gut und ebenso schlecht wie ihre. Also was soll’s? Ich fühle mich durchaus in der Lage, mein Arbeitspensum zu steigern, wenn es notwendig wird.

1 Yamazaki-sensei versicherte mir irgendwann, dass er in dieser Methode geübt genug sei, um Studenten mit Problemen heraushören zu können.

14. Oktober 2023

Dienstag, 14.10.2003 – Die Wahrheit ist irgendwo da draußen

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 13:47

Heute weiß ich nicht, wo ich anfangen soll. Am besten am Beginn des Tages.

Zuerst Unterricht bei Yamazaki-sensei. Diesmal ohne gemeinsames Phrasenwiederholen. Hat er den Unmut bemerkt? Wie auch immer. So gut gelaunt war ich nach einem Unterricht schon seit Wochen nicht mehr.

Danach folgt die erste Unterrichtseinheit „Einführung in das Studium des Buddhismus“. In dem Kurs sitzen zehn Leute. Der Dozent ist Professor John Phillips, und er musste nicht erst sagen, dass er Amerikaner ist – man sieht es ihm sofort an. Aber es ist auch nicht nur seine Ausstrahlung, ich fand vor allem diese übertrieben große Gürtelschnalle auffällig, auf der sein Name geschrieben steht. Der Mann ist eigentlich Spezialist für afrikanische Geschichte, genauer für die Haussa in Nigeria. Er spricht deren Sprache und auch Arabisch. Was macht der also in Japan? Japan sei ein Land, in dem Afrika keine „Geschichte“ hat, sondern nur „Anthropologie“. Und wie kommt er zu einem Seminar über Buddhismus? Er sagt, er interessiere sich für Religion im weitesten Sinne.

Man merkt allerdings schnell, dass er überhaupt kein Interesse daran hat, in Japan zu bleiben. Oder hatte: Er hat eine Familie hier. Hm. Vielleicht will er warten, bis sein Nachwuchs einen Schulabschluss hat? Wie dem auch sei. Er lebt bereits seit einigen Jahren in Japan, man sagt, er sei seit zehn Jahren hier, aber schreiben hat er nie gelernt. Als er z.B. „Daikoku“, eine Gottheit, die man mit den Kanji für „groß“ und „schwarz“ schreibt (??), vorstellen möchte, bittet er einen japanischen Teilnehmer, das zu schreiben. Unterrichtsvorbereitung? Mangelhaft. Wenn er japanische Begriffe in den Mund nimmt (die Bezeichnung ist ganz treffend), bluten meine Ohren. Sehr amerikanisch geprägt. Ein wirklich sympathischer Mann, aber irgendwie fehl am Platz.

Nach diesem Unterricht werde ich auf Anfrage endlich über das finanzielle Gebaren hier aufgeklärt. Mir wurde vor einigen Tagen eigentlich nur mitgeteilt, dass ich als AIEJ Stipendiat (das heißt, das Geld kommt aus dem Fond der Universität Hirosaki) nicht auf ein Bankkonto angewiesen sei. Melanie dagegen erhält ein staatliches Stipendium, und dafür braucht sie ein Konto und einen „Hanko“, eine Art Stempel, der als Unterschriftsersatz dient. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass auch AIEJ Gelder auf ein Konto überwiesen würden, das erscheint mir ein normaler und ordentlicher Vorgang zu sein. Aber das war weit gefehlt. AIEJ Stipendiaten erhalten ihr Geld in bar! 80000 Yen, monatlich, in bar! Saitô-san, die zuständige Angestellte, spricht die Leute dann zu entsprechender Zeit an und bittet um eine Unterschrift, worauf man einen Umschlag mit dem Geld erhält, das einem zusteht. Wer hätte das gedacht? Niemand hat mich jemals darauf vorbereitet, dass es so was noch gibt. Jetzt bin ich seit mehr als zwei Wochen hier, ohne dass mir das jemand gesagt hätte, und auch in Trier hat mich niemand informiert. Aber ich kann mich auch nicht mehr erinnern, ob es in den Unterlagen zu lesen war, die ich erhalten habe. Das hätte mir auffallen müssen, aber ich erinnere mich nicht. Die entsprechenden Personen sollen das bitte nicht als Vorwurf auffassen. Ich war nur etwas fassungslos, dass Transaktionen von diesem Geldumfang in bar getätigt werden.

Dann aber fängt der Spaß so richtig an. Ich habe für meine Wohnung einen Versicherungsbetrag in Höhe von 7500 Yen gezahlt. Davon erstattet mir die Universität 2500 Yen zurück. Aber nur per Überweisung auf ein ordentliches Bankkonto! Ein Konto der Postbank, das ich für meine Nebenkostenüberweisungen eingerichtet habe, wird nicht akzeptiert. Ich will aber kein weiteres Konto eröffnen und kann durchsetzen, dass dieses Geld an Melanie überwiesen wird. Und dann kommt der nächste Scherz.

Die Regierung hat im Rahmen des Antiterrorpakets ein Gesetz erlassen, nach dem Banken keine automatischen Überweisungen (also Daueraufträge) für Personen ausführen dürfen, die weniger als sechs Monate in Japan wohnen. Das heißt, Melanie muss ihre Überweisungen „manuell“ machen, also die Rechnung zur Bank bringen und mit einem Formular das Geld überweisen. Nach sechs Monaten erst kann das Geld von den Firmen per Bankeinzug abgebucht werden. Für ein Bankkonto braucht man auch die „Alien Registration Card“ (die von Japanern vorgenommene Übersetzung für „Gaikokujin Tôroku Shômeisho“), die man erhält, wenn man als Ausländer für länger als 90 Tage in Japan lebt. Für ein Postbankkonto braucht man keine solche Karte, es könnte also damit zusammenhängen, dass die Postbank seltener akzeptiert wird. Aber die Postbank akzeptiert sofort automatische Überweisungen, ohne Wartezeit von sechs Monaten. Zum Glück akzeptieren die Gas- und Stromlieferanten die Postbank.

Später erfahre ich, dass aber die Krankenversicherung nur über eine „ordentliche“ Bank überwiesen werden kann. Na toll. Aber ich gehe mal davon aus, dass ich kein Konto dafür brauche, sondern eine Bareinzahlung tätigen kann. Zumindest habe ich die Hoffnung, dass das geht.

Am Abend gibt Melanie mir die Kundenkarte für den BeniMart, die sie unter Anleitung von Yumi, Marcs Freundin, angeschafft hat. Diese Karten tun folgendes: Zunächst einmal erhält man auf alles, was man kauft, 5 % Rabatt. Das ist nicht die Welt, aber es ist eben genau der Betrag der Konsumsteuer, die auf die Waren erhoben wird. Falls ich es noch nicht erwähnt habe, möchte ich an dieser Stelle einfügen, dass diese Steuer nicht in den aufgedruckten Warenpreis einfließt. Da stehen also z.B. 100 Yen auf dem Schild, aber an der Kasse bezahlt man dann 105. Die Kundenkarte revidiert das also. Und für jeweils 100 Yen Warenpreis erhält man einen Treuepunkt. Und einmal am Tag kann man an einen Automaten gehen und den Strichcode der Karte einlesen lassen. Daraufhin erscheinen die BeniMart Maskottchen (die „Beni-Rangers“) und man sucht einen aus, der dem Kunden eine zufällige Zahl von Punkten schenkt, im Bereich von 1 bis 5. Wenn man eine bestimmte Zahl von Punkten erkauft hat, bekommt man ein Guthaben gutgeschrieben, für das man dann umsonst einkaufen kann. Das ist nicht gerade umwerfend. Ich freue mich weit mehr über die 5 % Rabatt.1

Beni Mart

1 Nach meinem Abgang aus Hirosaki am 03. September 2004 blieb Melanie noch ein paar Tage vor Ihrer Reise nach Tokyo und lebte während dieser Zeit kostenlos von den angesammelten Punkten der vergangenen elf Monate. Die machen also durchaus Sinn.

13. Oktober 2023

Montag, 13.10.2003 – Im Osten nichts Neues

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 10:48

Heute ist Montag und Feiertag. Ich schlafe bis um 10:15, weil mir der Berg vom Freitag immer noch in den Knochen steckt. Meine Güte… aber noch immer meldet sich kein Muskelkater. Dann wird er wohl auch nicht mehr kommen. Bin ich so hart oder war der Berg so weich? Ich könnte mich nicht festlegen, was davon denn nun der Wahrheit entspricht. 🙂

Da der Feiertag die Supermärkte nicht stört, gehe ich einkaufen, und da dies thematisch passend ist, habe ich eine gute Nachricht für alle Männer, die mal eine längere Zeit hier verbringen wollen. Vor allem für diejenigen, die sich von ihrem „Mach 3“ nicht trennen wollen und Vorräte an Klingen mitnehmen wollen: Jungs, spart Euch das. Es gibt hier alle gängigen Rasierer Europas. Der eine oder andere Nassrasierer trägt vielleicht einen anderen Namen, aber man erkennt sie als Europäer schnell am Design. Man muss also nicht vorher einen zehn Packungen Rasierklingen für 140 E kaufen.

Vielleicht schiebe ich an dieser Stelle noch die eine oder andere Tatsache über Waschmaschinen ein. Es ist in der Tat wahr, dass die gewöhnlichen Haushaltsmaschinen kalt waschen. Ja: kalt. Und ich drucke das fett, weil die Sache folgendermaßen funktioniert (am Beispiel der mir verfügbaren Maschine): Da passen ein bis höchstens zwei Hosen, zwei Pullover (wenn man auf eine Hose verzichtet, kann man auch drei nehmen) und drei T-Shirts rein, dann kann man noch mit Socken und Unterwäsche von drei Tagen auffüllen. Wenn man Handtücher oder Futonbezüge waschen muss, dann muss man Einschnitte bei den anderen Sachen vornehmen.

billige japanische Waschmaschine

Wenn die Wäsche in der Maschine liegt, dreht man den Wasserhahn auf und lässt die Maschine voll Wasser laufen. Und dabei handelt es sich um Leitungswasser, in der Temperatur, wie es aus der Leitung kommt. Und das Wasser wird auch nach dem Start des „Waschprogramms“ nicht geheizt. Das hat natürlich zum einen den Vorteil, dass es keine Heizstäbe gibt, die verkalken könnten und daher braucht man auch kein Calgon, falls es hier überhaupt Wasserenthärter gibt. Zum anderen sinkt die Stromrechnung. Man muss die Maschine aber so weit mit Wasser füllen, bis das Flusensieb unter Wasser ist. Ich gehe davon aus, dass es sich um knapp 50 Liter Wasser handelt, aber das werde ich mal abmessen. Wenn zu viel Material eingeladen wurde, dann kann die Schraube am Boden der Maschine das Wasser nicht richtig wälzen, die Wäsche bewegt sich kaum und wird daher eigentlich nur in Seifenwasser getaucht.

Die Gebrauchsanweisung des Waschmittels sagt, dass man 5 (FÜNF) Esslöffel Waschmittel hinzufügen soll. Angesichts dieser geringen Menge und des kalten Wassers muss ich annehmen, dass man das Waschmittel alternativ auch als Rattengift einsetzen kann. Ich habe das billigste Mittel gekauft. Aber es gibt auch „Ariel“. Es hat mich amüsiert, „Arieru“ auf der Packung zu lesen. Der Preis dagegen hat mich nicht amüsiert…

An der Konsole der Maschine befindet sich ein Drehschalter, mit einer Zeiteinstellung von bis zu 15 Minuten. So lange ist das Waschgang aktiv. Ich ziehe es daher vor, die Wäsche zweimal waschen zu lassen. Danach lässt man das schmutzige Wasser ab und steckt die Wäsche in die Schleuder, die sich in der gleichen Maschine befindet. Aber nicht zu voll machen, sonst klopft die Schleuder heftig an die Innenverkleidung, anstatt sich schnell zu drehen. Bis zu zwei Drittel Füllhöhe kann man riskieren. Außerdem muss man ein großes Kleidungsstück oben auf die Wäsche legen, weil die kleinen beim Schleudern herausfallen können. Eine meiner Socken liegt am Boden im Inneren der Maschine und ich habe noch keine Möglichkeit gefunden, sie da wieder rauszufischen. Wenn ich die Verkleidung lösen will, müsste ich die Kabel der Konsole ebenfalls ausstöpseln, und die sind nicht gesteckt, sondern geschraubt. Also lasse ich das lieber und besorge mir einen Draht. Oder drehe das Ding auf den Kopf.

Aber die Wäsche liegt jetzt in der Schleuder. Bevor man das Karussell startet, muss man die Wäsche erst mit Wasser übergießen, damit die Partikel aus dem Schmutzwasser besser rausgeschleudert werden können. Die Schleuder hat ebenfalls einen Zeitschalter, den man bis zu fünf Minuten einstellen kann.

Nachdem dann alles geschleudert ist, kommt die Wäsche nicht etwa ans Seil, sondern wieder zurück in die Waschmaschine. Also noch einmal vollaufen lassen, noch mal 50 Liter Wasser, diesmal ohne Waschmittel. Dies ist der Spülgang, wo die Seife und der Restschmutz aus den Fasern gespült werden soll. Noch einmal fünfzehn Minuten. Danach noch einmal schleudern und dann kann man die Wäsche endlich aufhängen. Insgesamt ist man also mit einer Stunde dabei. Und wenn alles trocken ist, muss man die Klamotten trotz Flusensieb noch kräftig bürsten. Aber man gewöhnt sich ja an vieles.

Sonst ist hier heute gar nichts los. Vokabeln und Kanji lernen ist auch nicht ultimativ spannend. Also springe ich zum Abend. Auf einem der Sender entdecke ich am Abend um ca. 19:00 eine Animeserie, die bei uns unter dem Titel „Montana“ gelaufen ist. Hier heißt das „Bôken Kôkû-Gaisha Montana“ („Abenteuerluftfahrtgesellschaft Montana“) Dabei handelt es sich um eine Art „Indiana Jones“ Parodie, deren Akteure anthropomorphe Katzen sind. Der Vetter des Protagonisten heißt „Henry“, und beide heißen „Jones“. (Indy wurde also auf zwei Leute verteilt: Den Abenteurer Montana und den Archäologen Henry.) Mann, das habe ich ja lange nicht gesehen! Das lief in Deutschland auf Nickelodeon, und ich habe einige angenehme Erinnerungen an diesen Sender. „Natsukashii“ würde ein Japaner wohl sagen.

12. Oktober 2023

Sonntag, 12.10.2003 – Bewaffnete Aufklärung

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 8:53

Der erwartete Muskelkater ist ausgeblieben. Entgegen meiner Befürchtung habe ich keinerlei Schmerzen am Morgen und kann problemlos vom Boden aufstehen. Mir steckt nur ein gewisses Erschöpfungsgefühl in den Gliedern. Aber das soll mich nicht stören. Am Montag ist Feiertag, „Bunka no Hi“ („Tag der Kultur“) glaube ich. Also auch morgen kein Unibetrieb und ich kann mich vollständig ausruhen.

Heute machen wir (Melanie und ich) eine Erkundungstour durch die nähere Umgebung innerhalb der Stadt. Das heißt, eigentlich wollten wir nur einen Second-Hand-Laden finden, der mir von Sawada-sensei empfohlen worden war, aber es wird dann eine etwas größere Sache. Zum Beispiel suchen wir eine Münzwäscherei auf, um uns über Preise zu informieren. Die sind gesalzen. Wir fassen also ins Auge, zuhause zu waschen, aber zum Trocknen möglicherweise hierher zu kommen. Der Trip zu dem Selbstbedienungsladen wäre immerhin angenehmer, als ins viel weiter entfernte Kaikan zu gehen. Diese Wäscherei hier ist näher und außerdem muss ich nicht eine Stunde blöde in der Gegend herumsitzen, bis die Wäsche fertig ist. Der Zeitverlust wäre eindeutig geringer. Zumal wir viel mehr Wäsche auf einmal trocknen können, weil hier richtige Maschinen zum Waschen und zum Trocknen zu finden sind und nicht so ein Spielzeug, wie man es in den gewöhnlichen Mietwohnungen findet.

Ich will mir das Ito Yôkadô auch mal von innen ansehen und wir gehen da hin. Bei der Gelegenheit zeigt Melanie mir den Laden, wo es Schuluniformen zu kaufen gibt und man sie auch bestellen kann – ich werde eine Sonderkonstruktion brauchen bei meiner Größe. Im Kaufhaus gehen wir in die Spielwarenabteilung, weil Melanie natürlich immer darauf bedacht ist, Merchandising von „Hello Kity“ und ähnliches zu finden. Allerdings gibt es dort auch einige Spielautomaten. Ich probiere die Egoshooter aus, aber ich begreife die Bedienung nicht (weil ich den Bildschirmtext nicht schnell genug verstehen kann). Das Sturmgewehrmodell hat zwei Knöpfe, einen an der Schulterstütze (reagiert also offenbar, wenn man in Anschlag geht) und einen neben dem Abzug. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass der letztere zum Nachladen da ist, aber dem war nicht so. Außerdem findet man natürlich zusätzliches Zubehör auf der Karte (die aussieht wie Omaha Beach, aber mit Zombies und Skeletten in abgerissenen Uniformen), unter anderem ein Zielfernrohr, dass sich plötzlich einschaltet und abschaltet und ich habe nicht verstanden, wie ich es kontrolliere.

Direkt daneben steht ein Shooter mit Faustfeuerwaffe. Sieht aus wie die Kanone für die alte Playstation. Nachladen aber nicht per Knopfdruck, man muss aus dem Bildschirm rauszielen, dann geht der Typ in Deckung und lädt nach. Ich wähle den Polizisten mit der HK MP-5. Hm. Ich weiß also, wie er in Deckung geht und nachlädt, aber ich habe keinen Dunst, wie ich ihn dazu bewegen kann, aus der Deckung heraus zu gehen und etwas „Blei in den Mann zu bringen“ (wie mein Freund Michael das gerne ausdrückt). Ich vermute, dass das automatisch geht. Und das stört mich, weil die Uhr läuft. Aber gut, ich mache die ersten zehn Terroristen nieder, dann habe ich „verschossen“ (= Magazin leer). Ich ziele einige Sekunden aus dem Bildschirm raus und will weitermachen. Eine kurze Salve bricht. Und wieder leer. Was ist denn da los? Ich lade nach und sehe mir das genauer an: Diese Pappnase lädt mit der Hand jeden Schuss einzeln nach!? Bei der MP-5 wären das immerhin dreißig Schuss, und so viel Zeit habe ich nun wirklich nicht. Ist dem Designer entgangen, dass Maschinenpistolen Magazine haben, die man am ganzen Stück auswechselt und dass ein Antiterrorteam die Ersatzmunition nicht in Einzelstücken in der Hosentasche am Mann hat? Das ist ja frustrierend…

Die Neugier bewegt mich dazu, den kleinen Pachinko-Automaten zu testen. Ich kaufe zehn Bälle und lasse sie mal rollen. Ich gewinne nichts, aber das ist nicht das Problem. Ich frage mich eher ernsthaft, wie man Stunde um Stunde vor einem solchen Automaten sitzen kann, ohne Ermüdungserscheinungen? Pachinko ist mit Abstand das langweiligste Spiel, was ich je gesehen habe. Sogar die Drehscheibenautomaten in der deutschen Heimat sind spannender. Ich habe mir später allerdings sagen lassen, dass es weitaus bessere Automaten in den „echten“ Pachinko-Hallen gibt, wo die Bälle nicht mit einer Feder, sondern mit Luftdruck in die Maschine gepustet werden und man als Spieler durch die Regelung des Luftdrucks tatsächlich Einfluss auf die Kugel nehmen kann. Marc sagt, er habe in Sapporo eine Karte für ca. 30 E gekauft und das Vierfache mit nach Hause genommen.

Für die, die Pachinko nicht kennen, eine kleine Einführung: Pachinko spielt man, wie erwähnt, mit kleinen Plastikkugeln, die mittels eines Mechanismus in den aufrecht stehenden Automaten befördert werden, wo sie, abgelenkt von kleinen Metallstiften, einen mehr oder weniger zufälligen Weg nach unten nehmen. Mit viel Glück und etwas Geschick fallen die Kugeln in kleine Öffnungen und man kann dadurch weitere Kugeln gewinnen. Man kann diese Kugeln dann zum Spielen einsetzen, oder aber sie als Gewinn in einem Korb sammeln. Mit den gewonnenen Kugeln geht man dann zu einem Fenster, wo man einen Gewinn erhält. Dabei kann es sich um verschiedene Dinge handeln, angeblich Süßigkeiten, Sachpreise oder Geld. Manche sagen, Geldgewinne seien illegal und würden nur von zwielichtigen Organisationen ausgezahlt. Ich sollte mich informieren.

Nach dem Pachinko spielen wir „Shufflepuck“. Ich habe keine Ahnung, wie man das in Deutschland nennt, aber ich habe es schon mit meinem Kumpel Kai in einem kleinen Spielladen in Homburg/Saar gespielt, gegenüber der Sparkasse. Jeder Spieler hat eine Art Plastikschieber in der Hand. Sieht aus wie ein zu kurz geratener Stampfer für Kartoffeln. Das Spielfeld besteht aus einer glatten Oberfläche mit kleinen Löchern, durch die ein leichter Luftstrom zu spüren ist. Über diese Fläche gleitet eine Art Puck (wie beim Eishockey), der auf diesem Luftpolster „schwimmt“. Mittels der Schieber schlägt man den Puck und versucht, das Tor des Gegners zu treffen. Der Preis hier beträgt 200 Yen, dafür kann man etwa zehn Minuten spielen. Ich stelle schnell fest, dass das Gerät hier ebenso wenig wie das in Homburg für Leute wie mich gemacht ist. Der Puck fliegt dreimal durch die halbe Abteilung, die gut besucht ist. Aber getroffen habe ich zum Glück niemanden.

Am Abend esse ich ein Tonkatsu-Ramen (Nudelsuppe mit Schweineschnitzel) und dazu brauche ich keinen weiteren Kommentar zu schreiben. „Umai“ reicht da voll und ganz aus und Pickeldie ging glücklich nach Hause.

Aber um 21:00 läuft „Die Mumie“ im Fernsehen. Das lasse ich mir auf Japanisch doch nicht entgehen. Es ist eine echte Erfahrung (ich übertreibe), und die Synchro ist unbefriedigend. Die Werbung danach sagt, dass „Gladiator“ im November ebenfalls gesendet wird. Na, warum nicht? Wie hört sich „On my signal, unleash hell…“ wohl auf Japanisch an? Und nennen die den Tribun Maximus dann „Shôgun“?

11. Oktober 2023

Samstag, 11.10.2003 – Der Touristenberg ruft

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 9:56

Heute haben wir also den Iwaki-san bestiegen. „Wir“ sind Angela, David „Dave“ Ryan (beide aus Neuseeland), Misi (aus Ungarn), Ramona, Luba und meine Wenigkeit (aus Deutschland, der Vollständigkeit halber). Der Iwaki-san ist ein ca. 1600 Meter hoher ruhender Vulkan, der wegen des Shintô-Schreines an seinem Fuß sehr bekannt ist. Zwei Gerüchte im Vorfeld haben sich nicht bestätigt:

1. Dave hatte wohl was von Schneefall am Berg gehört und deshalb gemeint, da sei es kalt. In der Tat herrschten sommerliche Temperaturen und wir haben uns die Seele aus dem Leib geschwitzt. Lediglich auf dem (völlig schneefreien) Gipfel war es wegen des Windes relativ kühl, aber ich war auf alles vorbereitet.

2. Der Berg ist weiter als 10 km weit weg. Der Bus war 45 Minuten lang unterwegs und eingedenk der Fahrgeschwindigkeit möchte ich die Entfernung auf ca. 30 km schätzen. Ich musste diese Aussage aber im Nachhinein relativieren, weil der Bus um den halben Berg herum gefahren ist, um an die Haltestelle an dem Onsen zu gelangen, an der wir schließlich ausgestiegen sind.1

Aber erst mal von vorn: Ich stehe um 07:00 auf und werfe mich in meine grün-braun-schwarze Kluft mit dem zeitlos modischen grünen T-Shirt der Nobelmarke „Koch Textilien“. Das Oberteil lasse ich noch im Rucksack. Ich mache mich gleich auf den Weg. Ich brauche noch Verpflegung, also mache ich einen Umweg durch die Apfelfelder. Und die sechs zusätzlichen Kilometer sind doch eine schöne Strecke zum Aufwärmen.

Wider Erwarten von meiner Seite sind Alex, der Rumäne, und Marc nicht mitgekommen. Alex gibt am Morgen eine Nachhilfestunde (in Englisch, glaube ich) und ob Marc jemals gesagt hat, dass er überhaupt mitkommen will, weiß ich gar nicht mehr. Ist auch egal.

Wegen Daves Gerüchten um die mögliche Kälte hat Luba zwei dicke Pullover mitgebracht. Aber keinen eigenen Rucksack. Sie verteilt ihr Material auf Angela und Dave. Ansonsten hat sie zwei Onigiri (Reisbällchen mit herzhafter Füllung) und einen halben Liter Wasser dabei. Einen halben Liter!? Ich frage mich, ob sie so was schon einmal gemacht hat? Wie will sie bei einer solchen Anstrengung mit einem halben Liter Wasser auskommen? Des weiteren trägt sie, wie Ramona auch, lediglich Turnschuhe. Ich ahne bereits, dass ihre Fußgelenke am Abend quietschen werden. Aber auch ich habe eine Sünde begangen und als Weggetränk eine (Zweiliter-) Flasche „Boco“ mitgenommen. Ich stelle später am Tag fest, dass das Zeug völlig ungeeignet für Wandertouren ist, weil es einen widerlichen Geschmack und ein vergrößertes Durstgefühl im Hals hinterlässt.

Schon während der Fahrt sorgt Dave für gute Laune, auch wenn sein Humor etwas gewöhnungsbedürftig ist. Er sagt, er könne genügend Deutsch, um in Deutschland kostenlos übernachten zu können. Ach ja? Ja, sagt er, man müsse nur zu einem Polizisten gehen und… den Götz von Berlichingen zitieren. Er verwendete natürlich nicht diesen Euphemismus, sondern tat es tatsächlich, auf Deutsch, uns gegenüber. Aber das ginge auch anders. Und wie? Na, man müsse sich eben an Frauen wenden. Er sieht Ramona fordernd an und sagt (ebenfalls auf Deutsch): „Ich bin ein Mann und Du bist eine Frau – hast Du Zeit?“ Nun ja. Vielleicht ist es nur witzig, wenn man ihn live hört, mit seinem lustigen Akzent und Redefluss.

Der Bus. Mit Holzplanken.

Nach 45 Minuten steigen wir an einem Onsen (eine heiße Quelle zum Baden mit Haus drumrum) aus. Der Aufstieg ab hier dauert angeblich drei Stunden. Meine alpinen Erfahrungen sagen mir allerdings, dass solcherlei Hinweisschilder meist von abgehärteten Einheimischen geschrieben werden. Ich rechne also mit einem Zeitraum von vier bis fünf Stunden, inklusive Pausen.

An der Haltestelle befindet sich ein Laden, wo man gekochte Maiskolben kaufen kann. Eine ältere Dame bietet daumendicke Stücke zum Probieren an. Ich denke mir noch „Ist ja weich gekocht“ und stecke das Stück ganz in den Mund. Die Frau lacht überrascht und im selben Moment lerne ich, dass Maiskolben sich nicht ganz weichkochen lassen. Ich habe den Mund voll mit holzigen und wenig schmackhaften Stücken eines Maiskolbens. Ich spiele die Komödie allerdings nicht zu Ende, sondern entledige mich des Materials. Für eben das, was man eigentlich nicht in den Mund nehmen soll, befindet sich an dem Laden ein Mülleimer.

Nach etwa der Hälfte des Weges beginnt unsere Gruppe sich in Leistungsklassen zu unterteilen. Dave zieht mit atemberaubender Geschwindigkeit davon. Ich sehe ihn hinter der nächsten Biegung verschwinden und denke, wenn ich das Nebelgebirge2 vor der Haustür hätte, könnte ich das auch. Nach Dave kommt also eine Zeitlang niemand. Es folgen Angela, Misi und ich, in wechselnder Reihenfolge. Danach kommt wieder eine Zeitlang nichts und es folgen Ramona und Luba. Zwischen der Spitze und dem Schluss entsteht eine Zeitdifferenz von mehr als zehn Minuten. Der Pfad ist fordernd und meiner Meinung nach nicht wirklich ein Pfad, er macht mehr den Eindruck eines trockenen Baches. Der Weg ist stellenweise glitschig, hier muss man über Baumwurzeln steigen, da müssen große Steine überwunden werden. Lauter Hindernisse, die nur darauf warten, einem unachtsamen Wanderer die Füße zu brechen. Diese Unregelmäßigkeit macht die Angelegenheit sehr anstrengend. Kraft raubend ist aber vor allem das, was diesen Pfad von denen unterscheidet, die ich aus den Alpen kenne: In den Alpen sind die Pfade in Form von Serpentinen angelegt. Dieser Pfad jedoch geht direkt und ohne große Umschweife den Berg hoch, beinahe Luftlinie. Meine Herzschlagfrequenz ist entsprechend hoch. Zeitweise verdunkelt sich mein Sichtfeld und ich kann nicht lesen, was 1,5 Meter vor mir auf Angelas Rucksack geschrieben steht. Dann wieder verschwimmt das äußerst linke Fünftel meines Sichtfeldes, als ob jemand Terpentin auf ein Ölgemälde gesprüht hätte. Schmerzen habe ich nicht, aber meine Beine sind schwer wie Blei und das Gehen erfordert ein gewisses Maß an Willenskraft. Ich weiß, dass meine Beine irgendwann zu zittern beginnen werden, und wenn sie das tun, muss ich aufgeben, weil ich dann nicht mehr sicher gehen kann. So schön die Herbstfarben hier auch sind – ich möchte sie nicht im Vorbeirollen bewundern müssen, weil ich meinen Tritt irgendwo verfehlt habe.

Herbstfarben

Aber kurz bevor nichts mehr will, erreichen wir die Höhe 1200 Meter. Und ich traue meinen Augen nicht. Hier befinden sich ein kleines Restaurant, ein großer Parkplatz und eine Busstation. Und daneben ein Sessellift. Man kann also bis hierher mit dem Auto fahren und anschließend den Lift nehmen, der bis zur Baumgrenze fährt. Ab dort sind es noch etwa 45 Minuten bis zum Gipfel. Allerdings muss ich nachher sagen: Die haben es in sich!

Schon ziemlich platt.

Wir machen aber erst ein wenig Pause. Ich entdecke eine Toilette, vor derselben befindet sich ein öffentlicher Wasserhahn. Leute gehen daran vorbei und nehmen einen Schluck Wasser. Das findet natürlich mein Gefallen und ich trenne mich von dem Rest Boco, den ich noch habe. Ich ersetze es durch das einzig wahre Marschgetränk: Wasser – ganz ordinäres, klares Wasser. Ich teile das auch den anderen mit, damit sie sich nicht an den Getränkeautomaten arm kaufen, die es natürlich auch hier oben gibt.

Es sind also noch 400 (Höhen-) Meter bis zum Gipfel und wir nehmen sie in Angriff.

Dave zieht schon wieder davon und ich sehe ihn erst kurz vor dem Gipfel wieder. An der Baumgrenze setze ich mich mit Angela auf Steine und warte auf Ramona, Luba und Misi, die ca. zehn Minuten hinter uns liegen. Während dieser Wartezeit sehe ich seltsame Geschöpfe: Da steigen Leute aus dem Lift, eine Handvoll Herren im Alter von etwa 30 bis 50 Jahren, in geschäftlich aussehenden, ordentlichen Anzügen mit dazu passenden Schuhen. Sie kommen auch keine fünf Minuten später wieder zurück, weil man 200 Meter weiter festes Schuhwerk braucht, um weiterzukommen. Was dachten die denn, wo sie sind? Der letzte Abschnitt besteht im Wesentlichen aus zwei steilen Anstiegen, die ich auf allen Vieren hinter mich bringe. Auf den Füßen allein wäre ich da nicht hochgekommen. Aber so geht es auch recht schnell. Dave sitzt irgendwo auf halbem Weg und wartet auf uns, aber das interessiert mich wenig – auf diese Art und Weise bin ich nämlich der erste von uns, der auf dem Gipfel sein wird. (Dave war aber schon ein paar Male hier.) Hier ist auch bedeutend mehr los als auf dem bisherigen Weg, weil die ganzen Leute hier dazukommen, die mit Auto und Lift hochgekommen sind, dem entsprechend bevölkert ist der Gipfel. Da oben tummeln sich nach meiner Schätzung mehr als dreißig Leute.

Der Aufstieg hat in der Tat etwas mehr als vier Stunden gedauert. Mir ist sehr warm und ich schwitze. Und hier oben weht ein kühler Wind. Also hole ich die Feldbluse raus und ziehe sie an. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, bin ich bereits in mehreren Fotoalben verschiedener Japaner verewigt. Aber wer hat auch schon jemals einen (****) H&K-General auf einem japanischen Berg gesehen? Nur ein älterer Herr fragt mich in englischer Sprache, wo ich denn herkäme.

Aussicht nach Süden mit Schrein

Auf dem Gipfel befindet sich außerdem eine Glocke und ein Schrein. Ich glaube, es befindet sich auf jedem Berg in Japan ein Schrein, wenn ich mich nicht irre? Und leider waren meine Sinne viel zu vernebelt von der Anstrengung und gleichzeitig eingefangen von der atemberaubenden Aussicht, als dass ich auf die Idee gekommen wäre, den Schrein zu fotografieren. Seine Existenz lässt sich nur auf dem Bild erkennen, oder erahnen, das die Aussicht nach Süden zeigt. Im Norden kann man das Meer sehen, bzw. den Teil des Pazifiks, der den nördlichen Abschluss der Insel Honshû bildet.

Aussicht nach Norden

Misi, Ramona, Luba und Dave werden von starken Kopfschmerzen heimgesucht. Außerdem mahnt uns die Uhr zur Umkehr. Und zu aller Schande müssen wir den Berg tatsächlich hinunterfahren, weil wir sonst den letzten Bus nach Hirosaki verpassen würden. Also erst wieder die Klettertour, dann in den Lift und im Anschluss in den Bus zum Onsen. Dort müssen wir dann 20 Minuten warten, bis wir in den Bus nach Hirosaki steigen können.

Bus fahren in Japan unterscheidet sich übrigens in wesentlichen Punkten vom deutschen Procedere. In Deutschland steigt man ein, sagt dem Fahrer das Ziel und zahlt den Preis, den er nennt. In Japan (zumindest in Aomori-ken) steigt man ein und zieht einen Streifen Papier, auf dem die Nummer der Haltestelle vermerkt ist, an der man gerade eingestiegen ist. Wenn man aussteigt, zeigt man dem Fahrer die Karte, der dann die Nummer auf dem Streifen mit der der aktuellen Haltestelle vergleicht und aus einer Liste den Preis abliest. In Hirosaki befindet sich in den Bussen auch eine große Anzeigetafel, die den derzeitigen Tarif in Relation zur Einsteigehaltestelle anzeigt, damit die Kunden jederzeit wissen, wie viel sie zahlen müssen, wie ein Taxameter. So verkürzt man die Zeit beim Aussteigen. Das Geld wirft man in einen Kasten, in dem ein kleines Förderband das Geld in die Kasse befördert. Man braucht dafür Münzen. Wenn man nicht genug Münzen hat, kann man 1000- und 500-Yen-Scheine mittels eines Automaten wechseln, der sich im gleichen Gerät befindet. Da ich noch nie einen 500er Schein gesehen habe, werde ich ihn allerdings behalten, wenn ich einen bekomme. Die scheinen selten zu sein.

Der Weg von Hirosaki zum Onsen am Fuß des Berges hat 800 Yen gekostet. Die Tour vom Berg hinunter zum Onsen ebenfalls 800 Yen. Der Lift kostet 500 Yen. Und die Fahrt vom Onsen nach Hirosaki kostet 900 Yen. Aus irgendeinem Grund ist also die Rückfahrt teurer als die Hinfahrt. Die Busse von und nach Hirosaki kann man auch zum halben Preis benutzen, wenn man eine „Aomori Welcome Card“ hat. Man bekommt sie, wenn man Austauschstudent in der Präfektur Aomori ist. Die Busse am Berg akzeptieren diese Karte allerdings nicht.

Da ich keine Zeit hatte, die Karte zu besorgen, habe ich auf dem Hinweg den vollen Preis zahlen müssen. Allerdings nicht auf dem Rückweg. Da alle anderen solche Karten haben, ging der Fahrer ungesehen davon aus, dass ich ebenfalls eine habe. Ich schweige und genieße.

Wir verabreden uns für 19:45 bei Ramona. Ich gehe also nach Hause zum Duschen. Dabei fällt mir ein, dass ich nur weiß, dass Ramona im Kaikan wohnt, aber nicht, in welchem Zimmer, und ihren Nachnamen kenne ich auch nicht. Sie erwähnte nur einmal einen italienischen Vater. Außerdem war ich überhaupt nur einmal in dem Wohnheim, als wir das Lied für die Welcome Party aussuchen wollten. Und jetzt ist es dunkel. Aber ich mache mir darüber keine Sorgen, dafür stimmt mich meine reine Anwesenheit hier in Japan viel zu optimistisch. Das werde ich schon finden.

Ich finde es tatsächlich, aber ich komme etwas zu spät, weil ich erst die richtige Zimmernummer finden muss. Ich durchsuche erst das falsche Gebäude. Dann komme ich auf die Idee, die Briefkästen anzusehen. Ramona gehört zu den Leuten, die ihren Namen an den Briefkasten geheftet haben, „Delfino, R.“ steht da. Andere italienisch klingende Namen finde ich keine. Angela und Dave sind nicht gekommen. Dave hat noch einen Termin mit seiner Vermieterin und Angela ist zu müde, um noch den Weg zum Kaikan zu machen. Ohnmachtsanfall nach der heißen Dusche, könnte man sagen.

Aber der Abend wird dennoch angenehm. Misi spendet die Spaghetti und Ramona die Soße. Außerdem hat sie eine Art Butterkäse besorgt. Und der ist gar nicht schlecht. Und teuer sei der auch nicht, sagt sie. Der Tag endet für mich dann um 23:45, und mein letzter bewusster Gedanke gehört dem Muskelkater, den ich morgen wohl haben werde.

1 Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, wie die Haltestelle oder der Schrein heißt, von daher kann die gefahrene Entfernung nicht eindeutig bestimmt werden.

2 Ich erinnere daran, dass „Der Herr der Ringe“ in Neuseeland gedreht wurde, und Dave stammt aus einem kleinen Ort unweit der Berge, die man als das „Nebelgebirge“ in den Filmen zu sehen bekommt.

10. Oktober 2023

Freitag, 10.10.2003 – Schulausflug

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 9:18

Heute Morgen wieder schönes Wetter. Ich nutze die Gelegenheit, ein paar Fotos von der Umgebung zu machen, von meinem Balkon aus. Ich gehe dann ins Ryûgakusei Center, um meine Mails zu schreiben; heute wäre die Post für den 05.10. dran. Auf dem Weg zur Uni sehe ich einen „Corsa“ an einer der Ampeln stehen. Aber nicht von Opel, sondern von Toyota! Das heißt, es ist natürlich kein Corsa im europäischen Sinne, sondern ein Toyota Kleinwagen, der wohl mehr oder minder zufällig ebenfalls „Corsa“ heißt. Leider bin ich nicht schnell genug, um ein Bild machen zu können. Vielleicht sehe ich den Wagen mal wieder. Kann ja nicht der einzige seiner Art sein.

Ich schreibe zwei Stunden lang an meiner Post, aber als ich den „Senden” Button drücken will, meldet mir das System „Ihre Sitzung wurde beendet, wahrscheinlich durch einen Timeout.” Das macht den Tag doch gleich viel schöner! Es befindet sich keine Kopie des Geschriebenen in dem Ordner „Gesendet”, also wurde es auch nicht versendet, und ich muss alles noch einmal schreiben, weil es keine Sicherheitskopie gibt. Jetzt brauche ich eigentlich schon wieder eine Dosis Valium, bevor ich ausraste!! Aber okay, durchatmen, das passiert eben mal (ein Systemabsturz, nicht Amokläufe meinerseits). Scheinbar erachtet der Browser das Schreiben einer Mail, anders als das Drücken irgendwelcher Buttons, nicht als Aktivität.1 Heute habe ich keine Motivation mehr, den ganzen Text noch einmal zu schreiben. Ich versende also nur noch einige Bilder an meine Festplatte in Trier (und an dieser Stelle noch einmal mein Dank an Karl, der die dafür notwendige Geduld aufbringt) und verschiebe das Schreiben auf Montag. Also hänge ich noch weiter hinten dran mit meinen Berichten. Ach nee, Montag ist hier Feiertag. Also frühestens Dienstag.

Dabei war heute so richtig was los. Wir haben eine Grundschule besucht und uns Hirosaki in einfachen englischen Worten erklären lassen. „Wir“ sind 20 Austauschstudenten, darunter fünf Deutsche, fünf Thais, eine Slowenin, eine Französin, zwei Koreaner und sechs Chinesen. Die Kinder haben Stationen aufgebaut, wo es jeweils um ein Thema geht, wie z.B. die Burg, den Park mit seinen Pflanzen und Tieren, um Märchen und Sagen, und ums Essen. Und das letzte, was ich noch Gesicht bekomme, ist eine Station für „Chambara“. Dazu später mehr.

Die Grundschüler erklären in fünf kurzen Sätzen auf Englisch, um was es bei ihnen geht. Sie sind sehr nervös, reden leise und werden nur dann lauter, wenn sie sich gegenseitig auf Fehler aufmerksam machen, was etwa 50 % dessen ausmacht, was sie sagen. Wir fordern sie immer wieder freundlich dazu auf, lauter zu reden, wir würden sie nicht aufessen, wenn sie Fehler machen. Aber wir sind doch sehr auf unser Hörvermögen angewiesen. Nu ja… es sind Kinder von sieben Jahren.

Noch schüchtern

„Chambara“ ist etwas sehr interessantes, gerade für einen altgedienten „Papierknüppler“ wie mich. Es handelt sich offenbar um eine lokale Art von Stockkampf. Da die Verantwortlichen hier Kinder sind, verwenden wir natürlich keine Holzstöcke, sondern in Papier und Stoff eingewickelte Springseile. Die Regeln sind einfach: Der Körper oberhalb der Gürtellinie ist „unverwundbar“ und man muss die Beine des Gegners treffen. Der erste „Kampf“, den ich sehe, wird von Kashima-sensei bestritten. Ich lache herzlich darüber und will das auch machen.

Als ich dann da stehe, wird mir mein Problem erst so richtig bewusst: Mein Gegner ist nur halb so groß wie ich. Da, wo sein Kopf aufhört, fangen meine Beine erst an. Sawada-sensei ruft mir noch zu, ich solle bitte nicht übertreiben. Würde ich so was tun? Dabei habe ich ihr von meinem Fable für Papierknüppel noch gar nichts erzählt. Auf jeden Fall bin ich mir bewusst, dass ich meinen „Gegner“ einmal quer durch die Halle werfen könnte, wenn ich das wollte. Aber es ist ja nur ein Spiel.

Und der Anfang läuft gut für den Zwerg. Wir fangen an und ich gehe grinsend auf ihn zu. Er weicht bis zur Wand zurück und sieht an mir hoch wie David an Goliath. Ein passender Vergleich in diesem Moment. Als er nicht weiter zurück kann, legt er los wie ein Wirbelwind. Ich muss zuerst mal ein Gefühl für die Bewegungen bekommen. Bis ich weiß, wie ich mich bewegen muss, steht es 3:0 für den Kleinen. Seine Größe sorgt ja nicht nur dafür, dass meine Beine für ihn in bester Position sind – seine Beine sind für mich entsprechend tief! Dann habe ich den Bogen raus, beuge den Oberkörper weit nach vorne und halte ihn mit meinen Armen auf Abstand. Er erleidet drei „schmachvolle“ Niederlagen. Ich finde, 3:3 ist ein guter Endstand und überlasse Marc das Feld.

Macht ihn platt!

Der nimmt die Sache etwas zu ernst, wie es den Anschein hat. Er hat ein wenig Erfahrung mit Kendô, wie mir scheint, und er versucht, es anzuwenden. Ich denke, es geht ihm in erster Linie um den Showeffekt, weniger um die effiziente Anwendung seines Wissens. Vielleicht nimmt er es zu ernst, aber auf sehr lustige Art und Weise. Ich habe drei Bilder davon gemacht, wie sich Marc mit seinen Gegnern schlägt. Kashima-sensei fordert die Kinder dazu auf, Marc zu zweit zu bearbeiten, und sie schonen ihn in keiner Weise. Irgendwann liegt Marc auf dem Boden und sein siegesbewusster Gegner nutzt das für den letzten Schlag aus. Es war wirklich lustig anzusehen. Leider habe ich von dieser letzten Szene kein Bild.

Schließlich sollen wir uns zusammen auf ein Podium stellen und uns vorstellen, mit Namen und Herkunftsland, auf Englisch. Neben unserer Gruppe steht eine kleine Übersetzerin, die, unterstützt von ihrer Lehrerin, unsere Aussagen ins Japanische übersetzt und dem Publikum verkündet. Den Kindern gefällt die Vorstellung und zu meiner persönlichen Genugtuung gibt es Exemplare unter ihnen, die besonders begeistert sind, wenn sie einen Deutschen finden („Sugee! Doitsu-jin!“, also etwa „Boah! Ein Deutscher!“). Ich bin amüsiert.

Das Publikum

Danach wird aus dem Publikum eine Frage gestellt. Wir sollen bitte unsere Geburtsdaten aufsagen. Das erste Drittel der Gruppe verwendet tatsächlich die englische Version, aber eine Chinesin in der ersten Reihe verfällt ins Japanische, was alle anderen beibehalten und damit die Übersetzerin arbeitslos machen. Aber auch die Geburtsdaten werden kommentiert („Hey, die hat am gleichen Tag Geburtstag wie meine Oma!“).

Vor lauter Aufregung wird das Essen vergessen. Geplant war, dass die Kinder Süßigkeiten an uns verteilen. Wir nehmen uns beim Hinausgehen jeder einen Happen und verabschieden uns.

Ich muss sagen, so was Schönes habe ich lange nicht mehr erlebt. Es hat Spaß gemacht und ich werde gerne noch mehr solche Gelegenheiten wahrnehmen. Professur Fuhrt erwähnte in diesem Zusammenhang, dass Austauschstudenten hin und wieder gebeten würden, an Schulen kurze Vorträge über ihr Heimatland zu halten. Auch dazu erkläre ich mich gerne bereit.

Aber nach dem Ausflug fand wieder ein normaler Japanischunterricht statt. Da trifft mich doch wieder die Frustkeule. Ich verstehe nur die Hälfte der Erklärungen und Aufgaben, und der Stil sagt mir immer noch nicht zu. Phrasenwiederholen, was sonst? Das schlägt mir auf den Magen, heute schreibe ich keine großen Mails mehr, ich will meine Ruhe haben. Ich brauche noch etwas Zeit, um mich daran zu gewöhnen.

Vor dem Ausgang des Gebäudes steht eine Reihe von Hinweisschildern, die auf irgendwelche öffentlichen Veranstaltungen hinweisen. Eine Party, Karaoke und Armdrücken. Nicht schwer zu raten, welches davon mich am meisten reizt. Aber leider haben die Armdrücker nicht mit Kanji gespart und ich rufe mir Kashima-sensei raus, damit er mir den Inhalt übersetzt, aus dem ich nur den Tag und die Zeit des Wettbewerbs herauslesen kann, und dass es eine Anmeldefrist gibt. Er sagt, dass es in erster Linie ein Wettbewerb der verschiedenen Clubs sei. Aha. Die Clubs müssen sich also anmelden. Aber: Individuen, die keinem speziellen Club angehören, müssen sich nicht anmelden. Man (ich!) kann einfach hingehen und die Hand heben, wenn man jemanden herausfordern möchte. Also gut. Ich vermerke den Tag in meinem Notizbuch. Am dritten November also, um die Mittagszeit.

Ich werde also mal hingehen und mir ein Bild vom „Geheimnis der japanischen Kraft“ machen. Wenn ich natürlich gleich zu Beginn auf einen Ringer treffe, dann ist natürlich Essig. Da kann ich vorbereitend so viele Liegestütze pumpen, wie ich will.

Ich muss an dieser Stelle auf den Iwaki-san (den Berg Iwaki) zu sprechen kommen. Vielleicht, ich weiß es leider nicht mehr, habe ich bereits davon gesprochen, dass Misi eine Bergtour anleiern wollte und ich mich bereit erklärt habe, mitzugehen. Die Sache soll morgen stattfinden. Leider hat mir bis zum heutigen Abend (ca. acht Uhr) niemand Bescheid gesagt, wann ich wo zu sein habe. Erst als ich nach Hause gehen will, treffe ich Alex, rein zufällig, der sagt, dass Ramona ihm geschrieben habe, dass ich morgen früh um 09:00 am Busbahnhof des Kaufhauses Ito Yôkadô sein solle. Das Haus ist ebenso leicht zu finden wie das Daiei, eher noch einfacher, weil man das rot-blaue Schild mit der weißen Taube darin weithin sehen kann. Na denn. Eine Stunde später klopft auch Angela, eine weitere Neuseeländerin, die im Erdgeschoss wohnt, noch an meine Tür und teilt mir dasselbe mit.

Zuletzt bekomme ich von Melanie noch Geschenke, deren Anblick sie nicht widerstehen konnte. Ein „SailorMoon“ Malbuch (eines von dreien) und einen „Hokuto no Ken“ („Fist of the North Star“) Rasierer. Ich freue mich darüber, aber ihre Eigenart, auch unmotiviert Geschenke zu machen, ist mir doch noch immer recht fremd. Eigentlich bürdet mir das eine gewisse Verpflichtung auf, mich zu revanchieren. Ich hätte natürlich nichts dagegen, aber in den letzten Tagen ist eine derartige Flut von Merchandising und Briefpaper und aller anderer kommerziell niedlicher Kram in unseren Haushalt eingebrochen, dass ich mir Sorgen machen müsste, ob sie das, was ich sehe, nicht vielleicht schon hat. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, werde ich ganz einfach mal voreilig sein. Aber Gelegenheiten für mich sind relativ selten, da sich meine Einkäufe auf die Supermärkte beschränken und die Warenhäuser mehr ihr Revier sind. Aber Melanie will ja noch irgendwelche seltsamen kleinen Fotos von uns beiden machen, und dazu werde ich wohl mit ins Kaufhaus müssen (weil der benötigte Apparat dort zu finden ist).

1 Ich habe diese Mails damals online geschrieben, auf der Seite meines Mailproviders. Die Erfahrung lehrte mich, den Text offline als Dokument zu verfassen und dann in einem Stück in die Maileingabe zu kopieren.

9. Oktober 2023

Donnerstag, 09.10.2003 – Später Start

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 9:19

Heute also der erste Unterricht ab 08:40. Beim gefürchteten Yamazaki-sensei, von dem Marc wohl gehört hat, dass er tödlich langweilig sei. Aber so langweilig scheint er mir nicht. Meiner Meinung nach ein ganz sympathischer Kerl.

Yamazaki-sensei 2003

Wir starten mit Hörverstehen und simplen Kanji (verschiedene Lesungen der Zahlen). Dann aber bricht das Japanische System voll durch. Dieses hirnrissige Wiederholen von Phrasen aus der Übung im Gruppenrahmen verstößt eindeutig gegen Paragraph 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Ich fühle mich irgendwo bei „180“, wie man so schön sagt.

Dass die Chinesen allesamt besser sind als die Europäer, ist ja noch nicht einmal schlimm, weil nachvollziehbar. Und langweilig oder frustrierend ist Yamazaki auch nicht – aber er ist in pädagogischer Hinsicht voll und ganz Japaner. Nach dem Unterricht sollte man mich eine Weile nicht ansprechen. Meine Kommentare wären nicht sehr feinfühlig.

Dann ist Pause. Nach der Pause folgt die Einführungsveranstaltung für den Kurs „Kulturgeschichte von Tsugaru“. Auf dem Programm stehen Vorlesungen und Ausflüge. Das klingt doch prima. Die Dame, die die Vorlesungen zur Lokalgeschichte hält, Kitahara-sensei, ist offenbar eine Koryphäe auf dem Gebiet und beschäftigt sich außerdem mit der Geschichte der Frauen in dieser Gegend. Immerhin hat sie damit ein überschaubares Feld, weil Tsugaru erst zu Beginn des 17. Jh. besiedelt wurde.

Kitahara-sensei 2003

Nu ja. Sawada-sensei (habe ich erwähnt, dass sie gebürtige Neuseeländerin ist?) bietet uns für morgen eine interessante Gelegenheit, etwas zu erleben. Die Universität besitzt eine Abteilung für Pädagogik und Lehrerausbildung. Daher ist an die Universität ein Kindergarten, eine Grundschule und eine Mittelschule angeschlossen, wo man mit Erziehungsmethoden experimentiert. Im Prinzip eine Schule für Kinder von wohlhabenden und/oder avantgardistischen Eltern. Die zweite Klasse dieser Grundschule arbeitet an einem Projekt, in dem sie Ausländern Hirosaki vorstellen möchten, und zwar in englischer Sprache. Das muss ich erleben. Also trage ich mich in eine entsprechende Liste ein.

Des weiteren möchte ich an dem Gastfamilienprogramm teilnehmen. Wenn zuhause die Rede von solchen Dingen war, dann hatte das was mit „Homestay“ (Wohnen bei der Gastfamilie) zu tun, deshalb war ich da skeptisch. Aber dieses Programm hier ist etwas anders: „Home Visit“. Man füllt erst einmal (wie gewohnt) einen Zettel aus, auf dem man sich kurz vorstellt. Die Formulare gehen an eine Stelle, wo die entsprechenden Angaben von Gastfamilien vorliegen und man vergleicht die Daten. In etwa einem Monat ist die Zuteilung dann beendet und man kommt mit einer Gastfamilie zusammen. Dabei handelt es sich um einen lockeren Austausch. Man trifft sich dann und wann, tauscht Geschichten, Kochrezepte, Erfahrungen, usw. aus. Wenn ich schon einmal hier bin, möchte ich eine solche Gelegenheit nicht verpassen.

Am Abend, so gegen sieben, sitze ich im Ryûgakusei Center und werde kurz verwirrt. Eine ca. 150 cm große Koreanerin (sieht gut aus!) spricht mich an und fragt mich, ob ich im Kaikan (dem Internationalen Wohnheim) wohne.1 Nein, das tue ich leider nicht. Warum? Ihren Ausführungen in japanischer Sprache entnehme ich, dass sie sich fürchtet, im Dunkeln allein nach Hause zu gehen und sucht eine männliche Begleitung. Aha. Sie fragt ausgerechnet mich? Dabei sagen Leute, dass ich eher wie einer von denen aussehe, die im Dunkeln lauern… ich fühle mich geehrt. Wäre ich mit meiner Post fertig gewesen, hätte ich ihr zuliebe den Umweg gemacht, aber ich konnte sie in diesem Moment an jemand anderen verweisen, von dem ich wusste, dass er im Kaikan wohnt.

Später erzählt man mir, dass angeblich gerade Koreanerinnen ungern alleine im Dunkeln nach Hause gehen. Ich wusste nicht, dass Korea so ein übles Land ist. Die anderen Asiatinnen scheinen sich weniger Sorgen zu machen. Aber diese Angabe ist natürlich nicht repräsentativ. Die Chinesin neben mir zum Beispiel fürchtet sich nicht, wie sie sagt. Japan sei doch ein recht sicheres Land.

Ah ja?

Und dritter Dan Karate.

Ah ja!

Einige Minuten darauf treffe ich meine Nachbarn aus dem Shimoda Heights II Haus. Die sind ebenfalls aus Korea. SongMin (w), Jû (m) und noch einer (m), dessen Namen ich mir noch nicht merken kann…2 aber er sieht aus wie die asiatische Version von Thomas Stopp (dies nur für die, denen das was sagt).

Übrigens stelle ich mich gewöhnlich mit Vornamen vor, weil „Schwarz“ für Ostasiaten eine schwierige Vokabel ist. Sie brechen sich dabei die Zunge ab, wie mir scheint. Dann also lieber die einfache Silbenfolge anstatt der Konsonantenbündel.

Darüber hinaus glaube ich geringfügige Verbesserungen in meinem Japanisch festzustellen. Ich habe zwar nur eine unwesentliche Anzahl neuer Vokabeln gelernt, aber die, die ich kenne, fallen mir schneller ein.

1 MinJi. Sie wird später noch Erwähnung finden.

2 SangSu. Auch der wird einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

8. Oktober 2023

Mittwoch, 08.10.2003 – Der Auftakt

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 11:55

Der Tag beginnt mal wieder mit dem Waschen der Wäsche. Das Material von gestern ist dank Sonnenschein schon getrocknet, also kann die nächste Fuhre rollen. Mir kommt der Gedanke, dass ich bequem mit der Hälfte der Hosen und Hemden etc. hätte auskommen können, da ich sowieso andauernd waschen muss und daher auch ständig saubere Kleider vorhanden sind. Ich kann direkt aus der Maschine leben.

Heute will ich mit dem Sammeln der Lehrerstempel beginnen. Unter anderem will ich mal wieder etwas Sport treiben, kann ja nicht schaden. Aber Judo gibt es leider nur im Sommer, und der Rest von dem, was im Winter angeboten wird, wirkt nicht sehr anziehend. Aber es gibt auch einen Kurs für Badminton. Für Anfänger? Eigentlich bin ich keiner, aber ich habe auch seit etwa drei Jahren nicht mehr gespielt, also passt das schon. Dafür werde ich wohl Turnschuhe und einen Schläger brauchen. Aber mit ein wenig Glück kann man letzteres vielleicht leihen.

An dieser Stelle möchte ich Ricci danken, dass sie uns die „praxisorientierten Wörterbücher“ geschenkt hat. Sie sind in der Tat praktisch. Sehr nützlich. „Batterieladegerät“ habe ich darin allerdings auch nicht gefunden. ? Ich werde mir wohl so was kaufen, weil die Nichtauffindbarkeit eines „Hen’atsuki“, eines Umspanners, mir auf die Nerven geht. Oder ich investiere einfach mal in ein Gerät, das man für 230 V Haartrockner verwendet. Vielleicht geht es auch mit einem Haarschneider. Mehr als durchbrennen kann es ja nicht.

Am frühen Nachmittag stelle ich fest, dass ich meine ersten Kurse gleich schon mal verpasst habe. Es hing das Gerücht im Raum, die Kurse für Ryûgakusei, Austauschstudenten, würden erst am 20.10. beginnen. Das war eine Ente, eine Fehlmeldung. Wenn man den japanischen Merkzettel entschlüsselt, kann man darauf lesen, dass nicht die Kurse am 20.10. beginnen, sondern dass man seinen Stundenplan bis zum 20.10. abgegeben haben muss. Tolle Wurst. Das fängt ja gut an. Immerhin ist es noch früh genug, den Badminton-Kurs anzusehen. Er ist ausgelegt auf… vierzig Personen!?! Und ich glaube, etwa so viele stehen auch in der Halle rum. Also… nein, danke. Das ist mir zu viel. Wenn die Halle eine entsprechende Größe hätte, in Ordnung. Aber das hier ist mehr wie eine Sardinenbüchse. Ich lasse das mit dem Hallensport und bleibe bei Liegestützen und Klimmzügen (aber leider gibt es nicht allzu viele vertrauenswürdige Stangen und Rohre in meiner Umgebung).

Ich kann dann ja schon mal meine Bücher für die Japanischkurse kaufen…

Aha. Das Zeug ist also überall auf der Welt teuer. Mehr als 7000 Yen (zwischen 55 und 60 E) für die vier Bücher. Und es werden möglicherweise noch andere Kosten hinzukommen, je nachdem, ob ich für die anderen Kurse noch weitere Bücher brauche. So weit habe ich belegt:

  • Japanischkurse (A1, A2 und A3, insgesamt 10 Leistungspunkte)
  • Moderne japanische Novellen in englischer Übersetzung“ (2 Punkte)
  • Einführung in das Studium des Buddhismus“ (2 Punkte)
  • Moderne Kulturgeschichte von Tsugaru“ (das ist der „Gau“ hier) (2 Punkte)

Wieder verworfen habe ich „Interkulturelle Kommunikation“, weil der Kurs komplett in Japanisch gehalten wird. Und mehrseitige Arbeiten in japanischer Sprache wollte ich eigentlich noch nicht schreiben. Es werden auch angeboten „Techniques of Mathematics“, „Fundamentals of Chemistry“ und „Fundamentals of Polymer Science“. Das ist dann doch nicht so ganz mein Fachgebiet. Die politische Geschichte der Staaten Ost-Mitteleuropas ist auch nicht mein Ding. Und dann wäre da noch „Finanzwesen in Japan“. Na ja… die „Themen in der japanischen Gesellschaft“ hätten mich zwar interessiert, aber leider überschneidet sich dieser Kurs mit „Japanisch A3“. Da kann man nichts machen. Ich bleibe bei meiner Auswahl. Die bringt mir 16 akademische Leistungspunkte, und 14 brauche ich.

Auf dem Weg nach Hause gehen wir noch Ramen essen. „Käse-Ramen“ interessiert mich natürlich brennend, und ich werde nicht enttäuscht. Der Käse ist zwar nur ein Scheibenkäse, wie man ihn zum Beispiel von KRAFT bekommt, aber der Gesamtgeschmack ist umwerfend gut.

Da Melanie am Tag vorher ein SailorMoon Mal- oder Bastelbuch gefunden hat, zeigt sie mir den Laden, wo sie das gekauft hat. Eine Menge Manga stehen da rum, deren Titel mir nichts sagen und die ich mir auch nicht merken kann. Aber in einer Ecke stehen gebrauchte Artbooks und Fanmagazine rum. Und ich finde schnell was, das mich interessiert.

  • ein „Bubblegum Crash“ Artbook für 1300 Yen
  • ein „AirGun Magazin“ (aus dem goldenen Jahr 1997) für 1000 Yen

Das dicke „Akira Club“ Buch für 2800 Yen fasse ich ins Auge, will aber warten, bis ich mein erstes Geld erhalte. Vielleicht ist hier auch Material, das man via E-Bay verkaufen kann. Die Preise sind theoretisch nicht sonderlich hoch, aber die Versandkosten… wenn ich das richtig sehe, kostet ein 2kg-Paket etwas mehr als 2000 Yen. Aber Briefe sind nicht teuer. Ich muss feststellen, was es kostet, einen Umschlag von der Größe B4 zu versenden. Irgendwie müssen aber auch die Bücher, die ich für mich selbst kaufe, nach Deutschland kommen… ich werde mir ein Paket kaufen. Es gibt Reiskartons in einem passenden Format für 60 Yen. Ich packe also zwei Kilo rein und schicke es dann auf dem Landweg nach Hause.

Das „AirGun Magazin“ enthält eine schöne Sammlung von in Japan erhältlichen Luftdruckgewehren und -pistolen mit Zubehör. Originalgetreue Nachbildungen, nur bei genauerem Hinsehen vom Original zu unterscheiden. Dass man dieses (japanische) Magazin ungewöhnlicherweise von links nach rechts durchblättert (also wie zuhause), fällt mir erst nachher auf, als ich das „Bubblegum Crash“ Buch aufschlage – an der falschen, hintersten Seite. Die Preise für die Luftgewehre sind gesalzen. Einige Exemplare haben keine Preisauszeichnung, sondern die Angabe „Y ASK“. „Y“ steht für „Yen“, liest sich aber hier wie das englische „Why“. Durch die umgangssprachliche Mühle gedreht (ich will das jetzt nicht detailliert auswalzen), könnte man es übersetzen mit „Fragen Sie doch!“ („Why, ask!“). Das ist kein Witz! Auffällig an den Luftgewehren ist, dass sie kleine Plastikkugeln von Erbsengröße verschießen. Sie bleiben dann wahrscheinlich im Wald liegen und verrotten in vielleicht 10000 Jahren. Banzai! (Das ist ein Wortwitz durch Ambivalenz.) Der Müll wird peinlich getrennt, aber man ringt sich nicht zum nicht weniger billigen oder teuren Paintball durch, wo man Gelatinekugeln mit Lebensmittelfarbe verwendet, die nach zwei Jahren nicht mehr auffindbar sind. Durch das größere Kaliber würde aber wohl das realistische Aussehen leiden. Die nächstbilligeren Exemplare kosten mehr als 140000 Yen (ca. 1050 Euro), und die Preise gehen runter auf „wenige Tausend“ Yen, aber dafür bekommt man vielleicht noch eine Beretta oder eine Glock oder HK P8. Reichlich unerschwinglich. Also müssen die Bilder reichen. Vielleicht kann man mal an einem Spiel teilnehmen, zum Zuschauen oder mit Leihknarre. In einer Jahreszeit, in der es weder regnet noch schneit, heißt das. Wann ist das eigentlich?

Zuletzt habe ich heute ein Ladegerät für meine Batterien gekauft. Original Panasonic. Für diesen Namen zahle ich dann auch 3400 Yen. Und das Modell war nicht das teuerste. Es gibt Maxell Geräte der gleichen Bauart, die 4800 Yen kosten. Über diese Preise will ich mich aber nicht lange aufregen. Meine Kamera hat endlich wieder Energie und ich kann Fotos machen.

7. Oktober 2023

Dienstag, 07.10.2003 – Symphonie in Müll

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 10:01

Der Tag beginnt um 06:30 mit Sonnenschein. Wäschewaschen. Ein Werbeblatt verrät mir, dass bereits seit dem 04.10.2003 eine SailorMoon Realserie („Pretty Guardian SailorMoon“) auf CBC/TBS läuft, jeden Samstagmorgen um 07:30. Also beste Sendezeit… leider empfange ich den Kanal nicht. Ich werde bei Gelegenheit ein TV-Programmheft kaufen, um festzustellen, ob es vielleicht auch woanders läuft. Nichts ist unmöglich, heißt es doch bei Toyota. Die jungen Damen passen nämlich ganz hervorragend in die Kostüme und sehen obendrein noch gut aus. Und als alter SailorMoon Fan will ich das auch nicht verpassen. Ich habe also nicht nur rein „männliche“ Motive.

So, heute werden die Ergebnisse des Placement Tests bekannt gegeben und wir erfahren unsere Kurszuteilung: Ich lande zusammen mit Melanie in der Kategorie „Mittelstufe A“. Das heißt, wir haben schon einmal davon gehört, dass man in Japan mit Kana und Kanji schreibt und sind in der Lage, eine Flasche Limo im Supermarkt zu kaufen, ohne auf unüberbrückbare Sprachhindernisse zu stoßen. Unterhalb von uns gibt es nur noch die Anfänger, die nie Unterricht hatten und bestenfalls „bitte“, „danke“, „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ sagen können. Aber so sei es. Nach dieser Bekanntgabe erläutert man uns, wie man einen Stundenplan zusammenstellt, und welche Schritte notwendig sind, um Kurse zu belegen. Das ist nicht so wie in Deutschland, wo man sich an einer Uni einschreibt und dann einfach in die Kurse geht, sich dort in eine Anwesenheitsliste einträgt (wenn es überhaupt eine gibt) und man selbst sehen muss, wie man sich und seine Arbeit organisiert. Hier muss man drei Formulare ausfüllen, mit Name, Adresse, Passfoto (!) und Werdegang. Die Lehrer müssen die Anmeldung im jeweiligen Kurs mit einem hochoffiziellen Stempel bestätigen. Und wenn das alles fertig ist, gehen die Unterlagen an das Sekretariat, damit die dort genau wissen, was bei den Studis so läuft. Es dauert zwei Stunden, das alles zu verstehen und auszufüllen.

Danach wird uns das japanische Müllsystem erklärt, bzw. seine Anwendung im Raum Hirosaki. Es ist leider nicht ganz so einfach, wie ich dachte. Aber auch nicht so kompliziert, wie es sich im Folgenden anhören könnte.

Zunächst einmal gibt es tatsächlich Mülltüten, und der Müll trennt sich in mehr als vier Unterteilungen, entgegen meinem bisherigen Denken. Die meisten Säcke, die ich an den Sammelplätzen gesehen habe, sind allerdings Kaufhaustüten, die annähernd durchsichtig sind. Obwohl man doch in Hirosaki angeblich so genau darauf achtet, wie der Müll entsorgt wird. Ich sehe es kommen, dass die Austauschstudenten, denen das hier erklärt wird, den Müll vorbildlicher entsorgen werden, als die Einheimischen. Fängt schon damit an, dass Melanie „echte“ Mülltüten besorgen geht…

Digital Camera

Aber zum System: Der Müll wird getrennt nach

  • Zeitungspapier
  • sonstiges Papier (Glanzpapier)
  • Kartonagen (Milch und Saft)
  • Karton (Pappkisten)
  • PET-Flaschen
  • sonstiger Plastikmüll (Tüten, Verpackungen)
  • brennbarer Müll (Taschentücher, Küchenabfälle)
  • nicht-brennbarer Müll (kleine Metallteile, Alufolie)
  • Sperrmüll
  • Dosen (Getränke)
  • Glas grün
  • Glas weiß
  • Glas braun

Das sind die Hauptgruppen. Meine Kôhais können ja schon mal mit dem Üben anfangen. Das System impliziert, wie ich möglicherweise bereits erwähnte, dass man die Schraubverschlüsse der Flaschen ebenso wie die Folie, auf der der Produktname steht, entfernt und in den jeweils richtigen Müllsack wirft. Kugelschreiber auseinanderfummeln ist besonders lustig. Da ist nämlich Plastik, Metall und noch mehr Plastik dran, und das Material ist zum Teil verklebt, wie z.B. der Clip am Kopfende des Schreibers. Als Deutscher bin ich mit dem Trennungsprinzip natürlich vertraut, aber man kann auch übertreiben. Ich finde das deutsche System durchaus brauchbar. Dass der Müllmann nicht noch sein „Okay“ zum Inhalt geben muss und Beanstandungen den Behörden meldet, ist alles, was noch fehlt, glaube ich.

Nach der Müllshow („Gomigeki“ habe ich es Kashima-sensei gegenüber genannt) findet die Welcome Party statt, die Eröffnungsparty in erster Linie für die Austauschstudenten, aber auch für alle interessierten Japaner. Der Platz wimmelt von ihnen, wenn ich das mal so sagen darf, aber die Mensa ist nicht überlaufen.

Einleitend muss ich schon bemerken, dass ich eine solch traurige Party noch nicht erlebt habe. Und ich bedauere ein wenig die Vorführenden, die zumeist gegen eine Wand aus Geräuschen antreten mussten. Die Deutschen (mit Ausnahme meiner Person und Luba) singen eine (absichtlich) schauerlich schlechte Version der „Ode an die Freude“. Dazu haben sie eine Wand aus Zeitungspapier gebastelt, hinter der sie sich verstecken. In diese Wand sind Löcher eingerissen, und sie strecken ihre Hände hindurch, die in Wollsocken stecken, auf die Augen aufgenäht sind. Es singen also diese improvisierten Handpuppen. Meiner Meinung nach ein schwacher Vortrag, der nicht wirklich lustig war. Ich habe meine Zweifel, ob irgendjemandem klar geworden ist, dass hier eine absichtlich schlechte Version dargeboten wurde… zum Glück habe ich da nur den Wandpfeiler gemimt, der die Papierwand festhielt.

Ja, und dann… wollte ich eigentlich meinen Vogelweide zum Besten geben, für den ich stundenlang geübt habe, in leeren Lehrsälen, in denen man niemanden durch lauten Gesang stört. Aber Sawada-sensei ist so beeilt, die nächsten anzusagen, dass ich nicht zum Zug komme. Ich teile ihr mit, dass ich auch am Schluss auftreten kann, aber das wird vergessen. S U P E R. Alle Mühen umsonst!

Aber immerhin kann ich jetzt das Palästinalied auswendig. Wer kann das schon? Das ist doch auch was. Es ist mein zweiter Text von Vogelweide, nach „Suo die Bluomen uz dem Grase dringet“. Aber erst einmal bin ich oberstinkesauer wegen der investierten Mühen. Auf dem Rückweg streite ich mich mit Melanie wegen irgendeinem Mist. Das tut mir natürlich leid.

Die Party fing um 18:00 an und endete plangemäß um 20:00. Eine organisierte Zwei-Stunden-Party. Alkohol gab es da auch keinen. Nicht, dass mir persönlich das sehr gefehlt hätte, obwohl ich wegen der Aufregung vorher natürlich gerne ein Glas getrunken hätte. Nein, meiner bescheidenen Meinung nach wäre Alkohol für die Kontaktaufnahme wichtig gewesen. Das „Spiel“, das zu diesem Zweck (Kontakte knüpfen) veranstaltet wurde, wirkte nüchtern nämlich wie eine „Hauruck-Aktion“: Wir erhielten Zettel und Kugelschreiber. Auf dem Zettel befanden sich freie Felder und die Aufgabe lautete, in jedes Feld eine Kontaktadresse einzutragen, und zu diesem Zweck musste man losgehen und die Leute nach Name und E-Mail-Adresse fragen.

Am Ende des Tages habe ich einen Chinesen, einen Iraner, und zwei Japanerinnen. Meinen Namen habe ich etwa ein Dutzend Mal weggegeben. Ich rechne nicht damit, jemals etwas von diesen Leuten zu hören, denen ich meine E-Mail Adresse gegeben habe. Was soll’s. Ich beschließe, auf jeden Fall dem Iraner zu schreiben. Anders als Behrang, den ich in Trier kennen gelernt habe, kommt er direkt aus dem Iran. Und nicht irgendwie indirekt. Ich würde gerne ein bisschen mit ihm diskutieren.1

Ohne Adressaustausch habe ich noch Arpi kennen gelernt, einen Ungarn aus der Slowakei (eine Erinnerung an Minderheitenprobleme in Zentraleuropa), und eine Französin aus Bordeaux. Die Französin heißt, wie es der Zufall will, Mélanie (Mathieu). Dann wäre da noch ein Koreaner namens Jû. Ist natürlich ein Kürzel, weil es mir nicht gelingt, einen koreanischen Namen in voller Länge auszusprechen, obwohl sie schon einfacher auszusprechen sind als chinesische. Der vorletzte, den ich noch treffen darf, ist David aus Neuseeland (den man nicht mit David „Dave“ Ryan verwechseln darf). Er hat einen Gesichtsausdruck wie Stefan, geht und bewegt sich wie Stefan, spricht wie Stefan – aber seine Hingabe gehört einem anderen Fach: David ist Jazz-Musiker. Und gar kein schlechter, so weit ich das beurteilen kann. Er spielt ein paar Blasinstrumente, Saxophon und Klarinette sind dabei. Und seine Frisur erinnert an Larry von den drei Stooges. Zumindest entfernt. Ansonsten ist er auch ebenso gesprächig wie Stefan. ? Er redet auch mehr Japanisch. Und das kann er wirklich gut. Er redet langsam, aber flüssig, und er scheint nicht groß darüber nachdenken zu müssen, wie er seinen Satz konstruieren muss, wie das bei unsereins der Fall ist.

Die letzte Person ist Yukiyo, Japanerin. Die sich im Anschluss, als wir gerade gehen wollen, noch einmal versichert, ob ich mich an sie erinnere. Ähem. Sie hat meine Mailadresse. Wenn sie nicht schreibt, ist sie selber schuld.

Aber ich will auch was Positives über die völlig „totorganisierte“ und äußerst alkoholfreie Party sagen. Besonders auffallend waren zwei Tanzvorstellungen, die zum Vergleich einladen:

Der erste Tanz war japanisch. Leider habe ich zu wenig Ahnung von japanischem Tanz, um das Gezeigte zuordnen zu können. Aber als Laie möchte ich meine, wenn auch unqualifizierte, Meinung schildern.

Der japanische Tanz war sehr förmlich, geradezu formalisiert. Sehr strenge Formen wurden da vorgeführt und man konnte die Konzentration der Tänzerin geradezu spüren. Es war eine schöne, ästhetische Darbietung. Ich frage ein paar Japaner, die neben mir knien, und sie sagen, sie mache ihre Sache sehr gut. Aber welcher historischen Periode (die ich im Gegensatz zu den Japanern hier auswendig kenne) die Musik und der Tanz zuzuordnen ist, kann mir niemand sagen. Ich finde aber auffallend, dass da in erster Linie eine ästhetische Unflexibilität zu spüren ist. So will ich es einmal nennen. Wirklich bewundernswert, aber wie in einer Zwangsjacke.

Die Chinesin dagegen, die mir knapp über das Zwerchfell hinausragt, hat schnell (als Einzige an diesem Abend!) die ungeteilte Aufmerksamkeit des gesamten Publikums. Ihr Tanz ist locker und beschwingt, direkt fröhlich, und sie gibt diese Laune auch weiter. Da klatscht das Publikum im Takt mit. Hier sieht der Laie in erster Linie keine Kunst, sondern etwas, das Spaß macht. Beides zusammen im selben Paket wird gerade in diesem Moment von der kleinen Chinesin vorgeführt, aber in der (vormodernen) japanischen Kultur scheint mir Kunst und Spaß (ich möchte den Begriff „Genuss“ wegen seiner Dehnbarkeit vermeiden) ein Widerspruch zu sein.

Die beiden Tänze waren das Beste, was der kurze Abend zu bieten hatte, aber die Japanerin muss hinter der Chinesin zurückstehen, trotz ihres hohen Könnens. Eine zu ausgeprägte Spezialisierung lässt die Formen erstarren, deshalb gebührt ihr nur der zweite Platz. Aber eben jene Spezialisierung ist ein deutliches Merkmal der Kulturgeschichte, die ich studiere.

Übrigens verspeisen wir in diesen Tagen ein „Neon Genesis Evangelion“ Kultobjekt: Baumkuchen.

Steht auch hübsch groß auf der Verpackung drauf. Und war im Preis herabgesetzt. Also essen wir Baumkuchen. Eigentlich ist es ein langweiliger Kuchen, der aus einem knapp handbreiten, zusammengerollten Teigstück besteht, um anhand der Ränder Jahresringe zu imitieren. Viel Geschmack hat die Sache nicht. Aber immerhin habe ich jetzt auch mal Baumkuchen gegessen, den ich in Deutschland noch nie gesehen habe.

1 Meine Anfrage wurde nie beantwortet (wie übrigens von keiner der Personen, deren Adressen ich gesammelt habe) und ich habe ihn danach auch nur noch einmal wiedergesehen.

6. Oktober 2023

Montag, 06.10.2003 – Kanji-Terroristen

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:51

Der ständige Regen geht mir immer noch auf die Nerven. Es regnet jeden Tag bis jetzt, für mehrere Stunden, zu fast festgesetzten Zeiten. Ich überlege mir ernsthaft, einen Schirm zu kaufen. Im 100-Yen-Laden müsste ich dafür noch nicht einmal allzu viel ausgeben. Und ein Fahrrad wollte ich mir auch noch suchen.

Heute findet der Einstufungstest für die Japanischlehrgänge statt. Das heißt, alle Austauschstudenten nehmen daran teil, damit man weiß, in welche Kurse man sie stopfen muss, je nach Leistungsvermögen. Ich werde weit unten landen, ich erinnere mich noch lebhaft an den Minitest von Morita- und Degawa-sensei, der, am Ende der Sommerferien, reichlich katastrophal ausgefallen war.

Der Placement Test wird, wie erwartet, stellenweise zum Ratespiel. Die Aufgaben zum Thema Hörverstehen sind geradezu desaströs, mit 80 % geratenen Antworten. Einmal Hören reicht für mich nicht. Außerdem klopft meine Birne gewaltig von innen und ich kann deutlich das Blut in meinen Schläfen spüren. Der Rest des Tests wird ebenso toll: Eene meene muh. Am besten warte ich ganz einfach das Ergebnis ab und vergesse diesen Mist hier, bevor ich ausgerechnet in einem Land mit Todesstrafe jemanden umbringe, aus Frust über mein eigenes Unvermögen. Die Ergebnisse werden morgen um 09:00 am schwarzen Brett bekannt gegeben.

Man wird hier übrigens gewarnt vor einem Lehrer namens Yamazaki. Man sagt ihm nach, dass er streng und langweilig sei. Und mehr langweilig als streng. Aber das werde ich ja selbst sehen. Am Donnerstag.

Danach beantrage ich eine Karte für die Bibliothek. Die Idee mit dem Zugang zum Rechenzentrum muss ich vertagen, weil Prof. Fuhrt den Zettel noch nicht ausgefüllt hat (er muss den Antrag bestätigen). Er wollte das tun, sobald ich meinen Studentenausweis habe, um meine Studierendennummer eintragen zu können. Den Ausweis habe ich heute bekommen. Aber eine Nummer steht nicht drauf. „Warum?“ frage ich. Weil Austauschstudenten keine bekommen. Das sei ganz normal.

Am Abend untersuche ich die Fahrradständer. Ich suche ein Rad mit platten Reifen, schmutziger Sitzfläche und verrosteter Kette. Alles Zeichen, dass es lange nicht verwendet wurde und offenbar keinen Besitzer mehr hat. Solche Räder gibt es in nicht geringen Stückzahlen hier, aber die meisten davon sind abgesperrt. Seit Monaten nicht benutzt, aber abgeschlossen. Ich sehe ein, dass ein Bolzenschneider billiger ist, als ein Rad gebraucht zu kaufen… aber ich finde tatsächlich ein Exemplar, das nicht abgeschlossen ist. Und welch Glück: Das Mountainbike daneben ist zwar mit drei Schlössern gesichert, aber es hat eine Luftpumpe. Ich leihe sie mir mal fünf Minuten aus. So, jetzt kann das ausgesuchte Rad also zumindest rollen. Die Kette ist flexibel genug, das Ding anzutreiben, der Dynamo für die Lampe funktioniert, wenn auch anfänglich recht schleppend. Aber Bremsen sind keine da. Zumindest keine, die auch funktionieren. Offenbar muss da ein Draht nachgezogen werden. Irgendwo werde ich schon einen Schraubenschlüssel finden.

Am Abend übe ich noch am „Palästinalied“ herum. Die zweite Strophe bereitet mir noch immer etwas Unbehagen, weil auch da, wie in der ersten Strophe, von „Land“ die Rede ist, und ich werfe die beiden Folgeverse durcheinander. Das muss ich noch hinbekommen. Und ich erwarte heute Abend noch Ikeda-san, meinen Vermieter. Er sagt, er möchte Erinnerungsfotos von all den Studenten machen, die in seinen Häusern leben. Melanie und ich würden ebenfalls kostenlose Abzüge erhalten. Ikeda-san kommt 20 Minuten zu spät und entschuldigt sich höflich. Er sagt, dass neue Mieter gerne viel fragen und deshalb habe es länger gedauert. Was soll’s. Es dauert auch nicht lange, er macht drei Fotos und ich eines von ihm, außerdem „zwingt“ Melanie ihn, einen deutschen Kräutertee zu trinken.

Ikeda-san

Ich weiß, dass der Tee ohne Zucker äußerst gewöhnungsbedürftig schmeckt. Mir fällt dabei der Comic-Band „Asterix auf Korsika“ ein, wo der korsische Wirt in Massilia von dem „Zeug für die Gäste“ spricht. So wie dieser Wirt in etwa komme ich mir in diesem Moment vor. Ikeda-san, ganz in einer von mir erwarteten japanischen Geste, trinkt einen Schluck, lobt den Tee, und trinkt noch schnell einen weiteren Schluck davon. Um nicht ablehnen zu müssen. Der Rest bleibt stehen.

In deutschen Worten: „Was sauft Ihr denn für’n Zeug da bei Euch??“ ?

Leider habe ich ihm bei dieser Gelegenheit nicht das Tatamizimmer gezeigt, wo das Sonnenbanner und die Bundesflagge einträchtig nebeneinander eine Art Vorhang bilden. Er hätte es sicher ebenfalls fotografiert.

Sonne und Adler

Yui hat uns für acht Uhr zum Essen eingeladen. Misi, Melanie und mich. Und das Essen ist… man denke ich eine Reihe von Superlativen, die man auf Essen anwenden kann. Positive natürlich. Die Zubereitung schien mir (als Zuschauer) schnell und unkompliziert.

Interessant ist hier eine Anekdote zum Thema Gender Studies (Geschlechterforschung): Yui bittet um eine helfende Hand in der Küche. Und dabei bittet sie nicht irgendjemanden, sie bittet nicht mich, sie bittet nicht Misi – sie bittet Melanie. Ich komme mir beinahe diskriminiert vor. Mit einer Bratpfanne kann ich durchaus umgehen, und Miso-Suppe umrühren und in Schüsseln füllen hätte sogar ich gerade noch so hinbekommen. Also bleibe ich mit Misi zurück und wir unterhalten uns ein bisschen. In englischer Sprache. Allerdings offenbaren mir seine Reaktionen, wenn ich mit Melanie Deutsch rede, dass er mehr davon versteht, als er vielleicht zugeben möchte.

Beim Essen geht das Gespräch dann weiter, aber ich muss ihn bremsen, weil Yui und Melanie nicht flüssig Englisch sprechen. Also schalten wir um auf Japanisch und beginnen mit den Grundlektionen der Kommunikation: „Kyô wa ii Tenki desu ne!“ („Heute ist aber schönes Wetter!“). Katsuki-sensei lässt grüßen. Es wird aber besser. Japanisch muss man aus Misi erst rauskitzeln. Er hat nicht sehr viel Geduld, wenn er glaubt, nicht genügend vorbereitet zu sein. Er ist auch während des Einstufungstests gegangen (was ihn in die Anfängerklasse manövriert hat, wo man lernt, Kana zu schreiben). Ich will mich dennoch nicht zu dem Schluss verleiten lassen, mein Japanisch sei besser als seines.

Der Abend endet um 22:30. Wir müssen ja alle früh wieder aufstehen. Und der kommende Morgen wird für mich mit Wäschewaschen beginnen. Die Wäsche scheint sich noch immer schneller anzuhäufen, als sie wegtrocknen kann. Spätestens, wenn es kalt wird und die Sonne durch das Fenster nicht mehr ausreicht, um die Hosen und Pullover zu trocknen, muss ich was Neues finden, oder mein Nachschub bricht zusammen. Das Kaikan (das Studentenwohnheim) mit seinen Trocknern wirkt da natürlich verführerisch. Noch weiß ich ja nicht, wie gut der Ofen auf die Wäsche wirken wird, schließlich könnte es sein, dass einfach unsere Luftfeuchtigkeit ansteigt und die Wäsche trotz Wärme feucht bleibt…

5. Oktober 2023

Sonntag, 05.10.2003 – Ein Tag fürs Fernsehen

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:52

Der Tag beginnt für mich um 06:00, weil die Sonne mich weckt. Müde bin ich auch nicht mehr, also beginne ich meinen Tag, was Melanie nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Ich ignoriere das. Als nächstes stelle ich fest, dass es an sich eine gute Idee wäre, vielleicht Instant-Kaffee oder Tee im Haus zu haben, damit man am kühlen Morgen was Warmes in den Magen schütten kann. Aber vielleicht sollten wir auch gleich dazu übergehen, den Reiskocher einzustellen, dass wir nur noch den Reis in die Onigiri-Formen pressen müssen. Das Gegurgel in meinem Magens bei gleichzeitig ausbleibendem Hungergefühl am Morgen stört mich nämlich auch hin und wieder. Ich beschäftige mich im Anschluss mit meinem Vogelweide-Text und höre mir im Hintergrund das Lied an. Das hilft und der Text schreibt sich langsam und allmählich in meinem Kopf fest.

Wohnzimmer mit Fernseher

Um 07:00 schalte ich die Nachrichten ein. Die Sportnachrichten zeigen kurze Berichte von japanischen Sportlern in ausländischen Mannschaften. Ein Baseballspieler in den USA, ein Fußballer jeweils in England und in Deutschland. Ich glaube, solche Berichte würden eben da, in der BRD, auf wenig Interesse stoßen. Gerade deutsche Fußballer, die in einem Verein im Ausland spielen, werden (zumindest in gewissen Zeitungen) oftmals als „Legionäre“ belächelt oder verspottet, und es haftet ihnen doch irgendwie der Hauch des Vaterlandsverräters an. Von ihnen wird doch nur berichtet, wenn es Probleme gibt, also Steuern, Affären, etc. Von mir aus könnten die Jungs auch bei „Silber Mond“ oder „Rot-Grün Mars“ spielen. Die japanische Berichterstattung ist also gewissermaßen patriotisch, aber man sagt auch, dass oft zu weit gegangen werde. Wie oft und wann wurde der Spieler in den letzten Spielen ausgewechselt, oder warum wurde er nicht aufgestellt, in der wievielten Minute hat er sich am Hintern gekratzt? Vor lauter Aufregung über solch spannende Angelegenheiten wird angeblich auch dann und wann vergessen, das Endergebnis des Spiels anzuzeigen…

Aber genug vom Sport. Der interessiert mich eh nicht. Ein wenig Edutainment ist jetzt angesagt. Ich stelle fest, dass die Medienbemühungen in Japan um das frühestmögliche Erlernen der englischen Sprache spürbar gegenwärtig sind. Da wäre z.B. „Sesame English“, was Frau Duplang besonders freuen wird. Die Sendung ist pädagogisch wie immer, und heute geht es um „the letter P“. Das ist besonders lustig vor allem deshalb, weil da Dutzende Kinder rumrennen (alle Kontinente, bzw. Ethnien vertreten), die (off context) die ganze Zeit über sehr enthusiastisch und ungezwungen vom Wasserlassen sprechen.

P!“

Seine Majestät haben gelacht. 🙂

Des weiteren gibt es eine Show auf NHK (staatliches Fernsehen), die anhand praktischer Kommunikationsbeispiele („Arai Mika in New York“) den Kindern die Sprache in Form von festen Phrasen näher bringen soll. Die Sendung wird moderiert von einer Japanerin und einem Amerikaner, beide um die 20 Jahre alt, in Kindershow-gerechter Kleidung. Und die Frisur von dem Kerl sieht aus wie eine schlechte Pumuckl-Imitation. Einfach zum Schießen. Jede Show hat gewissermaßen ein „Keyword“. Wie z.B. „to have“, „to make“ oder „to do“. Heute wird „to have a look at something“ ausgewalzt. Arai Mika ist in New York angekommen und muss da eine Weile bleiben, also mietet sie ein Apartment. Sie geht zu einer Maklerin, mit der sie vorher telefoniert hat und wird von der gefragt „Would you like to have a look at it?“

Nach dem Videobeispiel wird der Ausdruck in etwa jeder möglichen Art verwendet, als Aussage, als Frage, mit jeder möglichen Betonung und in verschiedenen Kontexten. Eine Sendung dauert zehn Minuten. Aha. Es kommen mehrere in Folge. Ich sehe mir das Ganze dreißig Minuten lang an und übe dann weiter am „Palästinalied“.

Meine nächste Arbeitspause wird grauenerregend. Jetzt laufen Superheldenserien – und zwar Live-Action, also mit echten Schauspielern und Plastikrobotern in einem Sandkasten. Also diese den „Power Rangers“ ähnlichen Sentai („Kampfteams“) mit Frauenquote und farbigen Anzügen. Was zum Teufel kriecht da aus dem Fernseher in mein Gehirn? So einen Mist habe ich ja seit den „Beetle Borgs“ nicht gesehen! Diese Serien sind reine Lachnummern… unfreiwillig. Das macht die Sache eigentlich noch schlimmer. Also, so eine gequirlte Kacke… wenn ich das mal so ausdrücken darf. Und so dramatisch! Ich schildere das mal kurz:

Die Sendung heißt „Abare Senshi“. Man denke sich jetzt die ersten 15 actiongeladenen Minuten einfach mal, ich überspringe sie. Aber das Ende: Alle Ranger (ich nenne sie mal so in Ermangelung eines besseren Wortes) sind verletzt und vorerst ausgeschaltet, nur der schwarze nicht. Also übertragen sie ihre verbliebenen Kräfte auf ihn, damit er eine Art Supertransformation machen kann. Mit einem Satz springt er in das Raumschiff der Bösen hinein und trifft auf den aktuellen „Endboss“. Doch, ach weh, es ist seine Geliebte, die von bösen Mächten besessen ist! Es wird also gekämpft (mit irren Spezialeffekten aus der Augsburger Puppenkiste) und gleichzeitig diskutiert, aber, welch Not!, auch seine Liebe (die er ihr bei dieser Gelegenheit erst gesteht, dramatisch unterbrochen von einer Werbepause!) kann sie nicht retten, also muss er sie töten, um die Welt vor der sicheren Vernichtung zu bewahren. Man hat es eben schwer als Held.

Wo ist der Oskar für dieses Bravourstück? Ich will den Autor damit erschlagen, und den Produzenten mitsamt dem Regisseur gleich dazu! Die Darsteller tun mir beinahe leid, dass sie mit so was ihren Reis verdienen müssen. Aber die Kinder scheinen diese Shows zu mögen. Möglicherweise würde ich sie auch mögen, wenn ich sechs Jahre alt wäre. Vielleicht kommt ja noch was Brauchbares danach?

Oh Gott! Wie konnte ich nur hoffen! Den „Kamen Rider“ („Der Maskierte Motorradfahrer“) gibt es also immer noch!? „Kamen Rider Phasor“!?! Ich schalte den Fernseher ab, bevor ich an einer Gehirnblutung elend zugrunde gehen muss. Da wird man ja blöd von…

Um die Mittagszeit höre ich durchs Fenster, dass nördlich von hier ein Blasorchester probt. Direkt nebenan befindet sich in dieser Richtung eine Oberschule, und ich habe da bereits ein paar Schüler mit Instrumenten in der Gegend gesehen. Ich nehme an, dass die das sind. Eine Viertelstunde lang höre ich nur wildes Gedudel. Dann fängt die Musik an. Sie spielen einige Sachen, die ich nicht kenne, aber ich gewinne auch den Eindruck, dass Ghibli-Soundtracks sich großer Beliebtheit erfreuen. Ich kann mich nur an den Film nicht mehr erinnern…

Insgesamt drei Mal wird der „US Marine Corps Marsch“ gespielt. Ich habe Daffy Duck im Ohr, wie er in einem propagandistischen Cartoon von 1945 fröhlich „From the Halls of Montezuma to the Shores of Tripoli“ singt. Und als er dann eingezogen werden soll, geht er lieber stiften. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich hätte jedenfalls nicht erwartet, gerade das Lied der Marines hier zu hören. Amerikaner scheint es hier nicht zu geben, jedenfalls nicht in einer Menge, die man erwarten würde, wenn es eine US Kaserne gäbe. Aber es gibt angeblich nur eine Jieitai Luftwaffenbasis, wo es auch Amerikaner geben soll. Zehn Minuten von hier, heißt es.

Von was rede ich jetzt schon wieder? Mich kurz zu fassen, war noch nie meine Stärke.

Um 13:40 schalte ich zufällig auf einen Sender, wo mir das Gesicht von Will Smith auffällt. Und die fünf Leute um ihn herum habe ich auch schon mal gesehen… vier davon tragen Kleider wie Köche. Einer fungiert als Moderator. Ja, verdammt, das sind die Jungs von SMAP. Ungeheuer bekannte Band hier und in Fankreisen im Dunstkreis des J-Pop all around the world. So weit so gut. Aber was machen die da? Will erzählt was von seinem Film „Bad Boys II“, während links und rechts jeweils zwei Leute irgendwas kochen, braten oder frittieren. SMAP kocht, Will isst. Tempura, Sushi, Miso. Will gibt sich begeistert. Nennt das Essen perfekt (ich kann ihn verstehen) und ruft „Oishii!“ („Lecker!“). Ansonsten gibt er sich auf die ihm eigene Art und Weise cool und witzig gleichzeitig.

„Ebiten-Sushi“. Hui, das sieht gut aus. Die Jungs haben was drauf. „Matsutake-gohan“. Ich will das auch essen. Dass mir nicht der Sabber aus dem Mund gelaufen ist, war auch gerade alles, was zu dem Bild noch gefehlt hätte. Offensichtlich eine Chaotenshow. Aber lustig. Heißt „Bistro SMAP“. Könnte man sich noch einmal ansehen. Und sei es nur, um das Essen zu bewundern.

Am Abend laufen Anime. „Gundam Seed“ habe ich gesehen. Relativ neu, wie ich glaube. Aber es laufen auch alte Sachen, wie „Doraemon“, der in diesen Tagen sein 25jähriges Jubiläum feiert und daher mit ein paar Sondereinlagen aufwartet. Ich kann verstehen, warum die Sendung so beliebt ist. Um es nachzuvollziehen, muss man sie wohl selbst einmal sehen. Und da läuft auch „Sazae-san“. Die war bereits 1969 auf dem Cover einer TV-Zeitschrift zu sehen, also muss die gute Frau bereits ein gewisses Alter haben. Die Sendung ist auch gut. Auf gewisse Art und Weise lustig, obwohl es „nur“ darum geht, was eine Hausfrau (in den Sechzigern) in ihrem Haushalt und drum herum so erlebt, mit Ehemann, Kindern und Schwiegereltern.

Am Abend weihen wir unseren Reiskocher ein, den wir vor kurzem gekauft, aber noch nicht benutzt haben. Wir essen die meiste Zeit auswärts, weil die Speisekarte in unserem Stammlokal noch einiges zu bieten hat, und wir haben uns eben die Aufgabe gestellt, alles einmal zu probieren. Der Reiskocher jedenfalls funktioniert einwandfrei. Und der Reis, den ich gekauft habe, ist ebenfalls sehr gut. Ich bin sicher, dass es noch besseren gibt (nichts schlägt einen Basmati), aber er genügt meinen kulinarischen Ansprüchen. Was natürlich nichts heißen muss, weil ich fast alles esse. Man sollte nur auf der Hut sein, wenn ich etwas nicht esse. Das könnte wirklich übel sein. ? Ich habe eine Weile suchen müssen, bis ich was gefunden habe, was man zwecks Geschmack an den Reis tun kann. Ich wollte nicht gleich eine Ladung Gemüse kaufen, sondern suche etwas, was man einfach nur drüberschütten kann, etwas in der Art einer Fertigsoße. Aber da wurde ich erst einmal enttäuscht. Es gibt zwar Soßen zu kaufen, aber ich kann nicht feststellen, was es damit auf sich hat, für was für eine Art Essen sie zu gebrauchen sind, außerdem will Melanie nichts essen, was nach Fisch schmeckt.

Schließlich treffe ich im Supermarkt auf ein Schild, das aussagt, wenn man eine gewisse Menge einer bestimmten Reissorte kaufe, gebe es zwei oder drei Gläser Soße umsonst. Die Gläser stehen direkt darunter, also muss das was sein, was man am Reis essen kann. Hm, allerdings sagen mir die Bezeichnungen der Soßen nichts. Ich will keine Soße kaufen, die nichts wert ist, außerdem habe ich Hunger und daher keine Lust auf Experimente. Ich kaufe also das einzige Produkt, das mir vom Namen her bekannt ist: Kimchi. Dabei handelt es sich um eine koreanische Soße, die für ihre Schärfe bekannt ist.1 Der Aufdruck auf dem Glas sagt, dass man den Inhalt 1:5 mit Wasser mischen soll. Ich mische es 1:2. Auf diese Art und Weise ist es angenehm scharf, ohne mir die Magenschleimhaut wegzuätzen. Im Verhältnis 1:5 kann das ja sogar meine Oma noch essen. 😉

Aber weil Melanie ja auch was essen (können) möchte, gehe ich noch in den 100 Yen Laden neben dem BeniMart und frage dort nach Reiszutaten. Die Verkäuferin zeigt mir ein Regal. Aber auch da kann ich leider nicht abschätzen, was in der Packung drin ist. Ich entdecke eine mit der Aufschrift „Tamago“ („Ei“). Damit kann ich was assoziieren. Der Inhalt ist trocken. Offenbar gibt es doch Fertigsoßen. Aber ich frage lieber die Verkäuferin, weil ich die Bedienungsanleitung nicht nachvollziehen kann. Nach fünf Minuten (mein Dank und meine Bewunderung gelten der Geduld der Angestellten) ist mir dann endlich klar, dass da kein Wasser dran kommt. Man mischt es einfach unter und der gekochte Reis befeuchtet dann das Pulver und die Bröckchen. Schmeckt sogar gar nicht schlecht und eine solche Tüte reicht für zwei Portionen.2

Ein Reiskocher ist eine sinnvolle Investition. Ich musste mich allerdings erst daran gewöhnen, dass das Weichkochen des Reises eine Stunde dauert. Schonungsvoll ist eben auch langsam. Es gibt auch einen Schnellkochgang, der dauert nur etwa dreißig Minuten. Aber wir haben ja Zeit.

1 In Wahrheit handelt es sich bei Kimchi nicht um eine Soße, sondern um scharf eingelegtes Gemüse.

2 Diese Reiszutat nennt man „Furikake“. Es handelt sich um gefriergetrocknete Körnchen aus jeweils verschiedenen Zutaten, die man einfach unter den fertigen Reis mischt, dessen Feuchtigkeit die Streusel dann genießbar macht.

4. Oktober 2023

Samstag, 04.10.2003 – Klischees und Realitäten

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:28

Der Tag beginnt – heute um 07:00, Sonnenschein durchs Fenster – schön. Ich bin auch sehr gespannt, den neuen Reiskocher auszutesten. Fünf Go Reis passen hinein, ich glaube, das sind etwa 900 ml Material, zzgl. etwa vier Liter Wasser, die man dann zum Kochen braucht.1 Professor Fuhrt sagte ja, dass zwei Go ganz bequem für zwei Personen ausreichten. Wenn er das sagt, wird es wohl stimmen. Im Gegensatz zu mir kann er sich unter dem gekochten Endergebnis von zwei Go trockenem Reis ja etwas vorstellen. Der Kocher wird auf jeden Fall genug Reis liefern, auch wenn wir mal drei oder vier Leute zum Essen hier haben sollten.

Abnehmen scheint hier recht leicht zu sein, obwohl die Ramen-Suppe nicht den Eindruck macht, kalorienarm zu sein, aber seit meiner Ankunft vor etwa einer Woche habe ich bereits 10 cm um die Gürtellinie verloren. Und mehr als ein Loch will ich am Gürtel auch gar nicht frei haben.

Heute um 15:00 sollen die ersten „Proben“ für das kommende Fest stattfinden. In unserem Fall heißt das, dass sieben oder acht wildfremde (deutsche) Leute, die sich überhaupt nicht kennen und sich gegenseitig kaum einschätzen können, einen Liedvortrag koordinieren sollen. Na Mahlzeit. Ich werde heute Morgen mit Melanie zusammen erst einmal einen Spaziergang koordinieren, das dürfte gerade so hinhauen. Ich bin schon überrascht, dass sie dem Plan so schnell und bereitwillig zustimmt… na denn los. Wir drehen die Runde durch die Apfelfelder mit obligatorischer Kostprobe, die ich vor wenigen Tagen bereits gemacht habe.

Zurück im äußeren Stadtgebiet treffen wir zufällig auf Yui, die auf dem Weg zur Bank ist. Und drei Minuten später laufen wir Misi, dem Ungarn, über den Weg, der auf der Suche nach einer Telefonzelle ist. Leider sind wir selbst noch nicht lange genug da, um ihm weiterhelfen zu können und Yui fällt auch nichts dazu ein. Ich habe auch noch gar nicht auf Telefonzellen geachtet. Wenn ich an einer vorbeigegangen bin, kann ich mich nicht daran erinnern. Es zeigte sich später, dass er eine gefunden hätte, wenn er im Folgenden in der entgegengesetzten Richtung gesucht hätte.

Übrigens hat Misi auffälligerweise ein Fahrrad. Ei, wo hat er denn das her? Es sieht nicht aus, als hätte er es beim Händler gekauft. Gebrauchte Ware sieht in Japan für gewöhnlich besser aus. Ja, das habe er auch nicht gekauft, sagt er. Er empfiehlt, nach herrenlosen Fahrrädern Ausschau zu halten, also solche mit platten Reifen, deren Kette total verrostet ist und deren Sattel bereits eine Menge Schmutz angesetzt hat, denn die sind offensichtlich lange nicht benutzt und einfach stehengelassen worden, wahrscheinlich von Leuten, die ihren Abschluss gemacht haben und den alten Drahtesel nicht mehr brauchen. Im Gegenzug empfehle ich ihm, einen kleinen Reiskocher im Daiei zu kaufen, bevor die Sonderangebote entweder ausverkauft waren oder die Aktion am 8. Oktober endete.

Ich gehe mit Melanie ebenfalls noch in den dortigen „100 Yen Shop“, um ein paar Dinge zu kaufen. So ein Laden ist an sich eine praktische Sache. Da kostet alles nur 100 Yen, zzgl. der Steuern in Höhe von fünf Prozent. Natürlich bieten diese Läden nicht die beste Qualität, aber sie ist allemal besser, als die Qualität in den so genannten „Türkenläden“ in Deutschland, wo man ja ebenfalls massenweise Artikel zum Preis von einem Euro findet. Aber nicht nur die Qualität, sondern auch die Produktauswahl ist in Japan ganz eindeutig besser. In dem entsprechenden Geschäft gegenüber der Porta Nigra habe ich bis dato noch nichts gefunden, was mich zum Kaufen gereizt hätte. Andererseits, das muss ich zugeben, war ich auch noch nie in dem Laden, wenn ich gerade dabei war, meinen Haushalt einzurichten.

Und dieser Punkt führt mich zurück zum Wetter. Gut, ich bin erst seit einer Woche hier, aber ich habe das Gefühl, dass der Regen hierzulande nach einem festen Zeitplan fällt. Wenn es an einem Tag regnet, dann fängt es kurz nach Mittag an und regnet dann in den frühen Nachmittag. Um etwa 21:00 regnet es dann noch einmal eine Weile und dann wieder morgens um 04:00. Und wegen dieser Regenfälle sollte man einen Schirm haben, weil man seine Einkäufe eben nicht immer nach dem gegebenen Zeitplan organisieren kann, und wir verbringen dieser Tage eben nicht wenig Zeit mit Einkaufen. Nass sein zehrt auf Dauer sehr an den Nerven. Vor allem nach dem Supersommer in Deutschland muss man dieses Wetter hier schon beinahe als deprimierend empfinden. Einen „Goldenen Oktober“ scheint es hier nur streckenweise zu geben, quasi stundenweise auf die einzelnen Tage verteilt.

Dann also am Nachmittag die „Proben“ für den deutschen Beitrag zur „Welcome Party”. Wir treffen uns im Kaikan, dem Studentenwohnheim der Universität, in der Wohnung von Mareike und Tanja, die wie Ramona und die eingebürgerte Russin Luba in Bonn studieren. Die zwei leben zusammen in einer Wohnung für Ehepaare. Die zwei haben zwar nichts Intimes miteinander, haben aber dennoch, wohl auf Wunsch, dieses Apartment bekommen. Es sieht nicht schlecht aus, kommt aber ein wenig düster daher. Zumindest ist das mein Eindruck. Die Einrichtung erinnert mich auch ein bisschen an die frühen Achtziger Jahre in Deutschland. Woher ich diese Assoziation nehme, kann ich leider nicht sagen.

Die Mehrheit meiner Landsleute hier bleibt bei dem Plan, die „Ode an die Freude“ zu singen. Ich bleibe bei meinem Soloprojekt „Palästinalied“. Von daher mache ich bei den Proben auch nicht sonderlich viel und stoppe nur die Zeit, wie lange es dauert, den Text zu singen. Für mein eigenes Projekt werde ich mich bei Gelegenheit in leere Lehrsäle zurückziehen, um dort zu üben. Zuhause würde ich nur die Nachbarn stören, und ein Lied leise einzuüben, ist ja völliger Blödsinn, weil die Leistungssituation bei der Vorführung eine ganz andere ist, da ich ja laut und deutlich singen muss. Da würde ich ebenso gut gar nicht das Singen, sondern nur den Text üben können. In „freier Wildbahn“ zu üben ist mir dann doch zu peinlich, also werde ich mir Lehrsäle suchen.

Im Anschluss an diese Episode dürfen wir auch mal Marks Zimmer bewundern. Es ist zuvor JPs Zimmer gewesen und Mark sagt, er habe es im „Originalzustand“ übernommen, inklusive des starken Rauchgeruchs und einer Kakerlake, sagt er. Bei der Gelegenheit klärt er uns darüber auf, dass wir die nötigen Leistungspunkte des Semestercurriculums auch mit Sportkursen ableisten könnten. Das klingt an sich nicht uninteressant, aber… ich weiß nicht.

Auf dem Weg nach Hause sehe ich mir kurz den „GEO“ Laden an der Ecke gegenüber von der Polizeistation an der Abzweigung nach Nishihiro an. Man kann dort neue und gebrauchte Spiele ausleihen und kaufen und bekommt einiges an Material, was mit Spielen in Verbindung gebracht werden kann. Ich entdecke allerdings auch eine Reihe von „SailorMoon“ Plastikfiguren. Einen Preis kann ich auf den ersten Blick nicht ausmachen… vielleicht ist das Schild abgefallen. Ich habe derzeit eh wenig Geld, also frage ich erst gar nicht nach dem Preis. Vielleicht komme ich später mal wieder und kaufe welche, falls mir der Preis zusagt. Die Figuren sehen gut aus, aber Vinyl-Kunstwerke sind es nicht.

Als ich nach Hause komme, finde ich dort meine Versicherungskarte in der Post. Und die brauche ich, falls ich ein Bankkonto eröffnen will. Melanie braucht ein solches, um ihr Stipendium auch überwiesen bekommen zu können.

Melanie hat heute festgestellt, dass der BeniMart nach sieben Uhr abends seine Preise für Frischwaren zum Teil drastisch senkt, und verfällt daraufhin in einen wahren Kaufrausch. Sushi, Sashimi, Onigiri für insgesamt 2000 Yen. Dürfte etwa für zwei Tage reichen. Ich bin beim Fisch noch nicht recht auf den Geschmack gekommen, von daher ziehe ich derzeit noch Ramen als Abendessen vor. Aber was soll’s, wer in Japan ist, sollte auch Fisch essen. Es dürfte nirgendwo auf der Welt besseren geben.

Heute Abend ist auch mal wieder eine Portion Wäsche fällig, und was für eine schrottige Maschine das hier ist, muss ich auch erst noch herausfinden.

Waschmaschine

Nein, die ist nicht schwer zu bedienen, das Problem ist ja ein ganz anderes. Man könnte sagen, dass die Kleider schmutziger herauskommen, als man sie hineintut. Alles ist voller Fusseln, und zum Teil handelt es sich um richtig dicke Fusselknoten. Ich spiele mit dem Gedanken, zum Waschen ins Kaikan zu gehen, da es dort „richtige“ Waschmaschinen gibt, also solche, die man an der Vorderseite öffnet anstatt oben, und die auch heißes Wasser zum Waschen verwenden. Vor allem gibt es im Kaikan auch einen Trockner. Unsere Wäsche braucht bei den herrschenden Wetterverhältnissen etwa 48 Stunden zum trocken werden, und weil die Maschine bei maximalem Wasserverbrauch nur ein begrenztes Fassungsvermögen hat, muss die nächste Ladung gewaschen werden, sobald der Platz zum Aufhängen frei ist. Unser Raumklima ist also nicht unbedingt das angenehmste. Der Gedanke an das Kaikan reizt mich natürlich, aber wenn ich ruhig darüber nachdenke, blicke ich mit mehr Zuversicht in den Winter – dann ist die Wohnung nämlich geheizt. Zum Heizen ist es derzeit nicht kalt genug, aber wenn der Ofen mal dauerhaft läuft, wird unsere feuchte Kleidung sicher schneller trocknen.

Am Abend mache ich einen weiteren Spaziergang, in die örtliche Videothek. Sie hat eine Größe, wie ich sie in einem Vorort erwarten würde. Das Ordnungsprinzip erkenne ich nicht auf den ersten Blick… aber das macht ja nichts, weil ich ja nach Filmen fragen kann, die ich sehen möchte, außerdem nehme ich den Laden eh genauer in Augenschein und kann mir ja merken, wo in etwa Dinge stehen, die mich interessieren. Da steht zum Beispiel viel Anime im Hauptraum rum, auch alte Sachen. Da kann ich später noch mal reinschauen, weil mir gerade einfällt, dass ich ein ganz bestimmtes Phänomen untersuchen wollte: Ich gehe in den Nebenraum „für Männer“. Der ist natürlich nicht als „für Männer“ gekennzeichnet, sondern mit dem Hinweis „ab 18, nur für Erwachsene“.

Wenn man davon ausgeht, dass hier hauptsächlich Unterthemen vertreten sind, die sich gut verkaufen, dann sind die hiesigen Vorlieben leicht erkennbar: Uniformen. Man sollte jetzt nicht zu sehr ans Militär denken (obwohl es auch einen Streifen mit militärischem Setting gibt), sondern eine oder mehrere Stufen niedriger: Schulmädchen, Stewardessen, Krankenschwestern, Polizistinnen und allgemein junge Damen im Badeanzug, daneben auch so genannte „Avex Girls“ und „Race Queens“.

Den Begriff „Avex Girl“ kann ich nicht recht erklären. Bei „Avex“ handelt es sich um eine Firma im Medienbereich, und die weiblichen Aushängeschilder („Kanban Musume“) tragen eben eine bestimmte Art von Kleidung. Es handelt sich um ein enges, kurzes Kleid aus Plastik, wohl meist in silber-grau mit weißen Seitenstreifen, das knapp unterhalb vom Gesäß endet. Unterhalb vom Hals über dem oberen Brustbein befindet sich ein quer eiförmiger durchsichtiger Bereich, auf dessen Material „Avex“ aufgedruckt ist. Zumindest ist dies eine Beschreibung eines solchen Outfits, das ich in einem „zivilen“ Kontext im Fernsehen gesehen habe.

Race Queen“ ist möglicherweise nicht der richtige Ausdruck. Wenn man sich Bilder der „Tokyo Motor Show“, der bedeutendsten japanischen Automobilausstellung, ansieht, erhält man einen Eindruck von diesem Typus. Es handelt sich um die jungen Damen, die sich „schmückend“ auf Motorhauben räkeln, man kann sie in Automobilmagazinen der ganzen Welt sehen. Die Art von spärlicher Bekleidung, die dabei zur Schau gestellt wird, hat es hierzulande offenbar zum Fetisch gebracht.

Wie dem auch sei, Live-Action Pornografie (nennen wir die Dinge doch beim Namen) gibt es eine ganze Menge. Ich habe schon größere Sortimente in Deutschland gesehen, aber auffällig ist hier eben, dass alle Produktionen japanischer Natur sind, wohingegen man in Deutschland eine sehr internationale Auswahl findet. Aber deswegen bin ich ja gar nicht hier. Mich interessiert ja, wie es mit Hentai Anime aussieht. Will man der deutschen Antipropaganda glauben, dann machen animierte Filme dieses Genres einen bedeutenden Teil des Angebots in Japan aus. Aber damit ist es nichts. Die Realität sieht viel realistischer aus. Es mag wohl sein, dass hier mehr Animationsfilme zu finden sind, als in einer deutschen Videothek vergleichbarer Größe, aber den Anteil „bedeutend“ zu nennen, wäre eine polemische Übertreibung. Für Insider: Die Hälfte (!) von „Kite“ ist hier zu finden, des weiteren eine Staffel von „Bible Black“ und noch zwei Serien, die mir nichts sagen und mir auch nicht im Gedächtnis haften blieben. Keine Spur von „Countdown“, „Cool Devices“ oder „XYZ of Darkness“. Ich hätte zumindest eine der Serien im Regal erwartet. Alter kann keine große Rolle spielen, da „Bible Black“ ja mittlerweile ebenfalls ein gewisses Alter hat und nicht mehr als hochaktuell bezeichnet werden kann.

Die Hentai Anime Fixiertheit der Japaner, von deutschen Jugendschützern oft als warnendes Beispiel zitiert, ist in dem geschilderten Maße ganz einfach nicht vorhanden. Die Fans dieses Genres sind eine klar und eng einzugrenzende Klientel, die keineswegs als für die Allgemeinheit repräsentativ aufzufassen ist. Ein klarer Fall von Medienmanipulation. Was man feststellen kann, sind durch den kulturellen Hintergrund bedingte Geschmacksunterschiede, was die Kunden sehen wollen. Aber ein Unterschied, der eine Dämonisierung rechtfertigt, existiert m.E. nicht.

Lustig ist übrigens, dass diese Abteilung ein extra Servicefenster hat. Normalerweise geht man zur Theke am Ausgang, legt den Film vor, den man haben will, sagt, wie lange man ihn ausleihen will und bezahlt den entsprechenden Betrag. Dieses Fenster hier dient jedoch ganz eindeutig der Diskretion. Es befindet sich etwa auf Bauchhöhe und ist mit einer Klingel versehen, damit man einen Angestellten von der Haupttheke herrufen kann. Der Bezahlvorgang ist derselbe, aber der Angestellte kann das Gesicht des Kunden nicht sehen. Äußert sich auf diese Art und Weise das beinahe sprichwörtliche Schamgefühl der Japaner, unter dem Deckmantel der Wahrung der Privatsphäre? Wie dem auch sei, ich finde die Idee interessant. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ein gerade achtzehn Jahre alter junger Mann im Sommer 1995 zum ersten Mal einen solchen Film ausgeliehen hatte und dann an der offenen Theke von einer weiblichen Angestellten bedient worden war. Heute kommt mir diese Situation natürlich lustig vor, aber damals… ?

Wenn ich schon bei der Erforschung von Realität und Dämonisierung bin, könnte ich ja versuchen, Schulen zu besuchen, um mir dort ein Bild von den ach so grausamen Zuständen im japanischen Bildungswesen zu machen. Wann immer ich Schüler auf der Straße sehe, entdecke ich fröhliche Gesichter, die Jungs machen Scherze und benehmen sich so cool, wie sie’s halt hinbekommen, während die Mädchen hier nicht anders kichern als in Deutschland. Denen scheint es zumindest nicht schlecht zu gehen. Manche machen sich den Spaß und grüßen mich, den großen Ausländer, mit „Hallo“ und ich freue mich und grüße zurück. Sieht man entsprechende Reportagen im deutschen Fernsehen, könnte man meinen, alle japanischen Schüler seien hoffnungslos überarbeitet, meist depressiv und generell potentielle Selbstmörder. Liebe Freunde und Bekannte, glaubt bloß nicht, was Ihr im Fernsehen hört und seht oder in Zeitungen und Magazinen lest! Fremde Kulturen auf der anderen Seite des Erdballs zu stigmatisieren, ist leider einfacher, als den Dreck vor der eigenen Tür wegzukehren, auch wenn eine solch negative Berichterstattung über Japan vielleicht auch den an sich noblen Hintergedanken haben kann, dem deutschen Publikum mitzuteilen, dass die Umstände bei uns zuhause doch nicht so übel sind, wie der deutsche Bundesbürger es zu glauben viel zu gerne bereit ist.

1 1 Go sind 160 g Reis, 5 Go also 800 g, und um 1 Go Reis zu kochen benötigt man etwa 200 ml Wasser.

3. Oktober 2023

Freitag, 03.10.2003 – Einkaufstour

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:43

Der Tag der Deutschen Einheit, Deutschland einig Vaterland. Die Auswirkungen dessen sind in Japan allerdings nicht zu spüren, also gedenke ich des Vaterlands im Stillen und nicht während der Nacht.

Ich habe heute einen Termin bei Professor Fuhrt, meinem Mentor in Japan, den ich damit endlich persönlich kennen lerne. Ich war im Vorfeld nicht wenig besorgt im Hinblick auf den unglücksseligen ersten Kontakt, den ich vor einigen Monaten per E-Mail mit dem relativ jungen Professor hatte. Ich hatte mich damals in irgendeiner Angelegenheit, die mit organisatorischen Fragen zu tun hatte, an meinen Jahrgangskollegen Stefan gewandt, der das Jahr vor mir nach Hirosaki gekommen war. Stefan sah sich nicht in der Lage, eine meiner Fragen zu beantworten und schrieb mir, ich könne ja mal „den Volker Fuhrt fragen“ und gab mir dessen E-Mail Adresse. Diese recht lockere Darstellung seinerseits weckte in mir die Vorstellung, dass es sich bei jenem Volker Fuhrt um einen möglicherweise unwesentlich älteren deutschen Studenten handelte, der vielleicht bereits seit mehreren Jahren in Hirosaki lebt und sich deshalb auch mit komplizierteren Fragen auskannte. Dem entsprechend locker gehalten war auch der Stil meiner Anfrage an die genannte Person – die mir daraufhin leicht gereizt antwortete und mir mehr oder minder direkt zu verstehen gab, dass ich etwas respektlos dahergekommen war.

Meine Befürchtungen erweisen sich jedenfalls als unbegründet. Professor Fuhrt ist über meine „Hallo!“ Mail bereits hinweg und wir führen ein recht lockeres Gespräch. Da man mich im Vorfeld darauf hingewiesen hat, dass es in Japan üblich sei, Gastgeschenke mitzubringen, habe ich auch ihm etwas mitgebracht. Bier war mir etwas ordinär erschienen, also habe ich einen Weichkäse aufgehoben, den mir Melanies Vater geschenkt hat. Vor knapp zwei Monaten. Der Käse hat sechs Wochen lang in meinem Schrank im Petrisberg gelegen, während ich seinen „Bruder“ verspeiste. Als ich nach Japan geflogen bin, habe ich den Käse in meinem Handgepäck nach Japan geschmuggelt, denn eigentlich darf man keine Lebensmittel einführen, die nicht luftdicht verpackt sind – und dass dieser Käse nicht luftdicht eingeschweißt ist, wird mein Nachmieter in Trier wahrscheinlich trotz all meiner Bemühungen mit Lappen und Schrubbschwamm bezeugen können.

Professor Fuhrt ist entweder aus genetischen Gründen jung geblieben oder er ist tatsächlich der jüngste Professor, den ich je gesehen habe. Viel älter als 40 kann der Mann nicht sein. Er scheint ein ganz lustiger Mensch zu sein und erinnert mich ein bisschen an Buddy Holly. Das muss an der Brille liegen.

Professor Fuhrt 2003

Er hilft mir bei der Einschreibung an der Universität und lädt alle deutschen Studenten für den 25. Oktober zu sich nach Hause zum Essen ein.

In Japan läuft gerade eine Art „Spendenwoche“, oder wie auch immer man es nennen will. Man spendet 100 Yen an die Wohlfahrt und erhält dafür eine rote Feder, die man sich ans Revers klemmen kann. Alle Parlamentsangehörigen, die man im Fernsehen so sieht, tragen eine solche Feder und ich sehe auch in Hirosaki ein paar Leute auf der Straße, die eine tragen.

Melanie lässt sich registrieren und dann gehen wir einkaufen, zusammen mit Marc, der ebenfalls aus Trier hier ist, und seiner Freundin Yumi, die wir vor ein oder zwei Jahren während ihres Aufenthaltes in Trier kennen gelernt haben. Dabei bekomme ich zu hören, was da in Frankfurt am Flughafen so alles gelaufen ist: Melanies Mutter hat ihr für ihren Japanaufenthalt einen Betrag von mehr als 300 E zur Verfügung gestellt, den Melanie in ihrem Geldbeutel getragen hat. Und eben diesen Geldbeutel hat sie am Flughafen verloren, als sie auf die Toilette gegangen ist, weil sie ihn einfach so in die hintere Tasche ihrer Hose gesteckt hat. Ich komme mir so richtig ignoriert vor! Vor Monaten bereits habe ich ihr gesagt, dass es am sichersten sei, wenn man seinen Geldbeutel an die Kette lege. Man befestigt eine Kette in Form einer Schlaufe an einem Karabinerhaken, klemmt den Haken an der Gürtelschlaufe fest und zieht die Kette durch den Geldbeutel. Auf diese Art und Weise kann man ihn niemals verlieren und er kann auch nicht unbemerkt gestohlen werden. Als in dieser Hinsicht trotz meines Dringens nichts geschah, habe ich ihr im Mai diesen Jahres Karabinerhaken und Kette bei HELA besorgt und ihr geschenkt. Und zwei Wochen später wusste sie bereits nicht mehr, wo sie das Zeug hingetan hatte – sie hatte die Sicherung verloren und es war von ihr auch ein Kommentar zu hören, dass der Geldbeutel in der vorderen Tasche eine Beule hervorrufe, die „unästhetisch“ aussehe! Ich habe den Kopf geschüttelt und auf den Tag gewartet, an dem sich ihre Gedankenlosigkeit rächen würde. Und gestern war er dann wohl gekommen. Mitleid ist von mir in dieser Angelegenheit jedenfalls nicht zu erwarten.

Wir gehen ins Daiei einkaufen. Ich verfüge über genügend Geld, um das Notwendigste kaufen zu können. Wir besorgen ihr einen Futon mit Decke und Bezug, dann muss noch ein Reiskocher her, und ein paar weitere kleine Dinge für einen Haushalt. Der Reiskocher hat genug Fassungsvermögen, um vier Leute satt zu kriegen, und er kostet eigentlich 6000 Yen (ca. 45 E), weil aber, wie bereits angesprochen, die „Daiei Hawks“ gerade auf der Siegwelle reiten, kriegen wir noch 20 % Rabatt. An dieser Stelle möchte ich Marc und Yumi meinen Dank für die sprachliche Unterstützung, die sie uns beim Einkaufen geleistet haben, aussprechen. Wir würden sonst wohl heute noch im Daiei herumstehen und uns den Kopf darüber zerbrechen, was die Angestellte von uns will und wie wir ihr klarmachen können, was wir wollen. „Lieferservice“, bzw. „Lieferung“ heißt „Haitatsu“. Und für eine solche sind wie heute zu spät dran, Lieferaufträge, die auch heute noch erledigt werden sollen, werden nur bis 17:00 angenommen. Das heißt, wir müssen unser Zeug nach Hause tragen, quer durch die Stadt, und das dauert etwa eine Stunde. Zu allem Überfluss regnet es auch noch.

Als dann alles geschafft ist, regnet es auch nicht mehr und ich gehe mit Melanie in dem kleinen Laden essen1, wo ich vor drei Tagen meine erste Portion Ramen gegessen habe.

Ramen
Melanie im Bunpuku

Das Zeug ist einfach göttlich. Diese in Plastikfolie eingeschweißten Portionen zum Aufbrühen aus dem Asialaden kann man streng genommen bestenfalls an genügsame Haustiere verfüttern, diese Instantramen sind geschmacklich kein Vergleich. Das ist ein Unterschied wie zwischen einer Pizza Margerita aus dem Aldi und ihrem Gegenstück in Rom. Dieser Vergleich ist natürlich rein bildlich zu verstehen – die beste Pizza, die ich je gegessen habe, habe ich nicht in Rom, sondern in der Pizzeria namens „Osteria Antica“ in Cham, im Bayrischen Wald, gegessen, aber wer kann sich unter „Cham im Bayrischen Wald“ schon was vorstellen? Ein einfacherer Vergleich lässt sich zwischen deutschem und französischem Camembert ziehen – der deutsche ist in der Regel ungenießbar.

Wir kennen mittlerweile unseren „Fahrplan“ für die kommenden Tage:

Nächste Woche findet ein Einstufungstest statt, wir müssen uns in die Kurse eintragen, die wir besuchen wollen und außerdem wird es eine Art Eröffnungs- oder Willkommensparty geben, an der alle Austauschstudenten teilnehmen dürfen. Das war ein Euphemismus. Ramona schlägt vor, dass wir Deutschen die „Ode an die Freude“ singen sollten. Ich bin dagegen, weil jeder Japaner dieses Lied (besser) kennt (als wir). Ich schlage dagegen das „Palästinalied“ von Walter von der Vogelweide vor, auf Althochdeutsch. Ich stoße mit meinem Vorschlag auf wenig Gegenliebe. Von einem derart motivierten Haufen, wie wir ihn hier haben, ist scheinbar auch nicht viel zu erwarten. Aber wenn mich niemand in dieser Angelegenheit unterstützt, dann mache ich das eben alleine! Wenn mich nicht in der Stunde der Wahrheit die Nervosität dahinrafft…

1 „Bunpuku“

Donnerstag, 02.10.2003 – Horch, was kommt von draußen rein?

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:28

Nach einer heftig durchregneten Nacht folgt ein halbwegs sonniger Morgen mit ein paar Wolken.
Was sagen die Nachrichten da? In der Umgebung von Hirosaki ist gestern eine Oberschülerin (d.h. zwischen 15 und 18 Jahre alt) entführt worden, aber sie konnte gerettet werden, weil der Entführer nicht darauf geachtet hat, ihr das Handy wegzunehmen. Sie saß zwar neben ihm auf dem Beifahrersitz, war aber angewiesen worden, den Kopf unten zu halten, und diese Stellung brachte ihr den notwendigen Sichtschutz, um heimlich Textnachrichten versenden zu können. Der Mann wurde also bald darauf gefasst. Es muss ein arger Dilettant gewesen sein. Und das spielt sich gleich in der ersten Woche nach meiner Ankunft quasi direkt in meiner Nachbarschaft ab (im weitesten Sinne). Da fühle ich mich doch sofort gelassen und unangreifbar!
Was bringen sie denn noch? Aha, ein Bericht über Designernahrung. Und das heißt? Es gibt also neuerdings für alte Leute mit schlechten oder falschen oder gar keinen Zähnen spezielle Gerichte, die aussehen und schmecken wie das Original, aber das Material ist ganz weich und kann ohne Probleme zerkaut werden. Aus solchen Berichten erhält man den Eindruck, Japan sei ein durch und durch hochmodernes und hochgradig technisiertes Land, aber wenn ich so durch die Straßen gehe und mir das Stadtbild ansehe, den Zustand der Straßen allgemein und den Zustand mancher bewohnter Häuser weiter draußen, dann erinnert mich das irgendwie an das Bild, das ich als Kind in den Achtziger Jahren von Frankreich hatte, sofern ich es aus dem Grenzgebiet Lothringen kannte. Sieht alles ein bisschen verlottert aus. Natürlich hat sich in Frankreich einiges getan seit den Achtzigern. Zum Beispiel sind die französischen Landstraßen mittlerweile besser als die deutschen. Aber in Japan sind die Straßen etwas verbesserungsbedürftig.

Meine soziale Situation wird sich heute radikal verändern: Melanie kommt. Einer der Lehrer des Centers, Kashima-sensei, wird nach Aomori fahren und sie abholen, und ich komme natürlich mit.
Auf der Fahrt unterhalten wir uns über dieses und jenes, aber ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich gelernt habe, dass ein Laden, an dessen Eingang „Paama“ zu lesen ist, keinen Schinken verkauft, sondern dass es sich dabei um einen Frisiersalon für Damen handelt. Denn das betreffende Wort hat nichts mit „Parma“ zu tun, sondern mit dem englischen Begriff „Perm“, und dabei handelt es sich um „Dauerwellen“. Es gibt eine lustige Sequenz aus dem biografischen Manga von Hayashibara Megumi, in der sie, noch als Oberschülerin, in einen solchen Laden geht, um sich eine „Paama“ Frisur herrichten zu lassen – ohne zu wissen, was das eigentlich ist, und nur aus dem Grund, weil die Regeln ihrer Schule jegliche Frisuren außer natürlich glattem Haar verboten. Sie war natürlich vom Endergebnis nicht begeistert, und ich kann mir vorstellen, dass es etwas peinlich sein könnte, statt den Rebellen für einige Zeit die Großmutter raushängen lassen zu müssen.
Wie dem auch sei, ich habe von Kashima-sensei einen sehr positiven Eindruck. Er hat offenbar einige Jahre als Sprachlehrer in den USA verbracht und spricht daher ein wirklich gutes Englisch, mit lediglich einigen Akzentproblemen. Ich ziehe es aber vor, Japanisch zu reden, so schwer es mir jetzt im Moment auch fällt, aber von nichts kommt nichts.
Als wir am Flughafen aus dem Wagen steigen, ist der Flug bereits angekommen und die Passagiere sind ausgestiegen. Ich erkenne Melanie sofort in der Halle, auch wenn sie reichlich anders aussieht, als normalerweise. In einen dicken Pullover eingepackt sieht sie gerade aus wie ein kugelrunder Zombie mit geschwollenen Augen. Offenbar hat sie im Flugzeug genauso viel geschlafen wie ich. Sie ist auch todmüde und geistig kaum anwesend. Ich will beinahe behaupten, sie ist noch weniger zurechnungsfähig als ich vor ein paar Tagen.
Außer Melanie ist auch eine weitere eher rundliche junge Frau angekommen, die an der Universität von Hirosaki ihr Auslandsstudium absolvieren will. Sie heißt Glenn und stammt von den Philippinen. Da mit Melanie nicht viel los ist, lassen wir Glenn ein bisschen was erzählen, und sie redet halt Englisch. Wir können kein Tagalog und auch kein Spanisch, und ihr Japanisch ist noch gar nicht vorhanden. Sie sagt, außer „Guten Tag“ und „Vielen Dank“ und ein paar anderen kleineren Vokabeln spreche sie kein Wort Japanisch. Ich bewundere sie für ihren Mut, dennoch nach Japan zu kommen. Sie erzählt außerdem, dass sie einen Abschluss in Englisch gemacht habe und nun Lehramtsstudentin sei.

Melanie meldet sich schnell im Center an und wird dann in unsere Wohnung verfrachtet, wo sie sich erst mal ausschlafen soll. Ihre bürokratischen Formalitäten sollen ab morgen erledigt werden.

1. Oktober 2023

Mittwoch, 01.10.2003 – Also sprach Zarathustra…

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 10:16

05:46 Uhr, Sonnenaufgang in Hirosaki. Ich brauche mich nur ein wenig vom Kopfkissen zu erheben und kann ihn bewundern. Ich bin sehr beeindruckt. Man könnte sagen: „Ich bin tief bewegt.“ Und ich bin dem Schicksal ein weiteres Mal dankbar, dass ich etwas solches erleben darf. Ich bin dem Schicksal übrigens auch für den Umstand dankbar, dass ich zwei Balkontüren nach Osten habe: Die Sonne scheint mitten in die Wohnung und heizt meine Räume!

Auf einem Futon zu schlafen, ist für einen Mitteleuropäer etwas gewöhnungsbedürftig. Ich meine hier einen echten Futon. Das, was man in Europa als Futon verkauft bekommt, ist ein europäisch-japanisches Mittelding, gewissermaßen ein Bettrahmen mit sehr kurzen Beinen und einer wie auch immer speziell gearteten Matratze drin. Nichts dergleichen habe ich hier. Der japanische Futon besteht aus einer Matratze, die dünn genug ist, um am Morgen auf das Balkongeländer gehängt und mittags eingerollt in den Schrank eingeräumt zu werden. Das heißt, man spürt den Boden durch das Ding. Aber das ist bei weitem nicht so unangenehm, wie sich das vielleicht anhört, ich habe gerade ganz hervorragend darauf geschlafen.

Mein Staubsauger hier stellt eine interessante Konstruktion dar. Das liegt jetzt nicht unbedingt daran, dass es sich um einen Akkusauger handelt, der den ganzen Tag in seiner Ladestation verbringt, nein, das interessante an dem Gerät ist, dass es keine Staubtüten verwendet. Stattdessen befindet sich an der entsprechenden Stelle ein durchsichtiger Plastikbehälter, stabil wie ein hochwertiger Trinkbecher, in den die Luft den eingesaugten Schmutz hineinwirbelt. Am Kopfende befindet sich der Luftfilter, durch den die Luft hinausströmt und der die Staubpartikel zurückhält. Man muss den Becher nach spätestens zwei Wohnungssäuberungen entleeren, aber das ist nun wirklich keine nennenswerte Mühe. Hat sich da nur einfach jemand eine intuitiv gute Idee geleistet oder liegt dieses Konzept daran, dass Japan das Land der Modellbauer (mit ihren vielen kleinen Einzelteilen) ist? Wenn hier mal was durch den Schlauch rutscht, was da nicht hineingehört, dann kann man es ohne Probleme wieder herausfischen. Zuhause müsste ich den Papiersack aufschneiden und in einer Menge Dreck wühlen.

Ich habe auch das Gefühl, dass man hierzulande keine Mülltüten zu kaufen braucht. Man wird ja in jedem Supermarkt mit Plastiktüten versorgt, egal, wie viel oder wie wenig man kauft, man kriegt eine knapp durchsichtige Plastiktüte. Überhaupt kümmert man sich hier sehr um den Müll. An (fast) jedem Tag der Woche wird eine Art von Müll abgeholt. Man wird also schnell sein Zeug los und hat nicht lange stinkende Tüten herumstehen.

Meine Adresse hier lautet übrigens
036-8155 Hirosaki-shi
Nakano 5 Chôme 10-27
Shimoda Heights II 303

Shimoda Heights II

In Hirosaki fühle ich mich in der Tat ein bisschen wie in Südtirol, sieht man davon ab, dass die Berge hier viel kleiner sind. Aber es gibt Apfelfelder in großer Zahl und mit großen Ausmaßen. Außerdem sind die Äpfel, wie bereits erwähnt, pink und größer als meine Faust. Ich glaube kaum, unter was für Lasten sich die Bäume hier biegen! Unter den Bäumen liegen Plastikplanen, damit die Äpfel „sauber“ fallen und nicht den Boden berühren. Und die Äpfel sind wirklich gut – die besten, die ich je gegessen habe. Sie sind nicht zu süß und nicht zu sauer und haben dabei einen ganz hervorragenden Geschmack. Ich mag gar nicht mehr daran denken, was für ein zweitklassiges Zeug ich nach meiner Heimkehr zuhause essen muss! Na gut, Spaß muss sein. Ich bin ja nicht anspruchsvoll.

Die Hunde hier bellen Passanten nicht grundsätzlich an, bemerke ich bei meinem Spaziergang. Das heißt, einige Exemplare, die an Leinen vor Haustüren liegen, stören sich gar nicht an mir, während andere, die in Käfigen gehalten werden, schon aggressiver reagieren. Gut, wenn ich in einem Käfig leben müsste, wäre ich wohl auch gereizt. Die Katze vom Nachbarn dagegen reagiert direkt panisch auf mein Erscheinen. Als ich mich ihr nähere, um an ihr vorbeizugehen, ergreift sie schlagartig die Flucht und sprintet um die Hausecke, dass die kleinen Schottersteine nur so durch die Gegend fliegen, dann biegt sie noch um die nächste Ecke und beäugt mich dann aus sicherer Entfernung von der dritten her.

Verlässt man die Stadt, trifft man über kurz oder lang auf große Radnetze, etwa so breit, wie mein Arm lang ist. Die Spinnen darin sind zum Teil so groß wie mein Daumen, und ihre Farben sind einfach umwerfend: Schwarz glänzend mit gelben oder grünen Streifen, zum Teil noch mit kobaltblauen und roten Punkten, und die Muster wirken wie Neonfarben. Unsere Kreuzspinnen sind ein Witz dagegen, sowohl von der Größe als auch vom „Design“ her. Außerdem sind Kreuzspinnen wohl bei weitem auch nicht so häufig. In den Nadelbäumen und Hecken wimmelt es von diesen bunten Gesellen. Ihre Zahl nimmt immer weiter ab, je weiter man sich dem Stadtzentrum nähert. Offenbar mögen diese Spinnen Vegetation lieber als die Vorgärten von Menschen (womöglich werden sie dort auch eher entfernt).

Oha, 11:00 ist eine gute Zeit, um unterwegs zu sein. Lange Reihen von hübschen Mädchen in hübschen Uniformen verlassen (zusammen mit ihren für mich uninteressanten männlichen Gegenstücken) die Schulen und fahren auf dem Fahrrad ins Stadtinnere. Ich nehme an, dass die Mittagspause begonnen hat. Um diese Uhrzeit ist nicht einmal in Deutschland die Schule aus, geschweige denn in Japan. Ich würde mir eine solche „Parade“ gerne noch einmal anschauen, und ich will nicht leugnen, dass ich durchaus männliche Motive dafür habe. Den höheren Reiz asiatischer (oder hier genauer: japanischer) Mädchen kann ich jedoch nicht entdecken, trotz der hohen Zahl von Vergleichsobjekten. Es muss eine Frage des persönlichen Geschmacks sein.

Ich bin auf diese Art und Weise dann noch eine ganze Weile unterwegs und stelle irgendwann fest, dass ich Hunger habe. Dann könnte ich ja was essen gehen, aber in dem Land, in dem normale Supermärkte bis Mitternacht geöffnet haben, sind die kleinen Lokale zwischen 15:00 und 17:00 geschlossen, und genau in diesen Zeitbereich bin ich jetzt hineingeraten. Auf meinen Imbiss werde ich also noch warten müssen. Übrigens schlürft auch ein höflicher Japaner seine Nudeln aus der Suppe – er tut es nur relativ leise. Über die höfliche Japanerin kann ich noch nichts sagen, das entzieht sich noch meiner Erfahrung. Das Schlürfen an sich stellt aber keine irgendwie geartete Unhöflichkeit dar. Es wäre viel ungehobelter, wenn man sich am Esstisch die Nase putzen würde. In Deutschland ist das wiederum nichts Schlimmes. Gut, man muss ja nicht loslegen wie Benjamin Blümchen.

Warum ist der Begriff „Amino“ hier so wichtig? Es gibt Amino Drinks, Amino Zahncreme, und sogar Amino Shampoo. Nein, es handelt sich nicht um eine Handelsmarke, sondern um denselben Begriff, den man bei uns bestenfalls aus dem Kompositum „Aminosäure“ kennt. Herrscht in Japan Mangel an Amino… was auch immer?