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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

6. Oktober 2023

Montag, 06.10.2003 – Kanji-Terroristen

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 8:51

Der ständige Regen geht mir immer noch auf die Nerven. Es regnet jeden Tag bis jetzt, für mehrere Stunden, zu fast festgesetzten Zeiten. Ich überlege mir ernsthaft, einen Schirm zu kaufen. Im 100-Yen-Laden müsste ich dafür noch nicht einmal allzu viel ausgeben. Und ein Fahrrad wollte ich mir auch noch suchen.

Heute findet der Einstufungstest für die Japanischlehrgänge statt. Das heißt, alle Austauschstudenten nehmen daran teil, damit man weiß, in welche Kurse man sie stopfen muss, je nach Leistungsvermögen. Ich werde weit unten landen, ich erinnere mich noch lebhaft an den Minitest von Morita- und Degawa-sensei, der, am Ende der Sommerferien, reichlich katastrophal ausgefallen war.

Der Placement Test wird, wie erwartet, stellenweise zum Ratespiel. Die Aufgaben zum Thema Hörverstehen sind geradezu desaströs, mit 80 % geratenen Antworten. Einmal Hören reicht für mich nicht. Außerdem klopft meine Birne gewaltig von innen und ich kann deutlich das Blut in meinen Schläfen spüren. Der Rest des Tests wird ebenso toll: Eene meene muh. Am besten warte ich ganz einfach das Ergebnis ab und vergesse diesen Mist hier, bevor ich ausgerechnet in einem Land mit Todesstrafe jemanden umbringe, aus Frust über mein eigenes Unvermögen. Die Ergebnisse werden morgen um 09:00 am schwarzen Brett bekannt gegeben.

Man wird hier übrigens gewarnt vor einem Lehrer namens Yamazaki. Man sagt ihm nach, dass er streng und langweilig sei. Und mehr langweilig als streng. Aber das werde ich ja selbst sehen. Am Donnerstag.

Danach beantrage ich eine Karte für die Bibliothek. Die Idee mit dem Zugang zum Rechenzentrum muss ich vertagen, weil Prof. Fuhrt den Zettel noch nicht ausgefüllt hat (er muss den Antrag bestätigen). Er wollte das tun, sobald ich meinen Studentenausweis habe, um meine Studierendennummer eintragen zu können. Den Ausweis habe ich heute bekommen. Aber eine Nummer steht nicht drauf. „Warum?“ frage ich. Weil Austauschstudenten keine bekommen. Das sei ganz normal.

Am Abend untersuche ich die Fahrradständer. Ich suche ein Rad mit platten Reifen, schmutziger Sitzfläche und verrosteter Kette. Alles Zeichen, dass es lange nicht verwendet wurde und offenbar keinen Besitzer mehr hat. Solche Räder gibt es in nicht geringen Stückzahlen hier, aber die meisten davon sind abgesperrt. Seit Monaten nicht benutzt, aber abgeschlossen. Ich sehe ein, dass ein Bolzenschneider billiger ist, als ein Rad gebraucht zu kaufen… aber ich finde tatsächlich ein Exemplar, das nicht abgeschlossen ist. Und welch Glück: Das Mountainbike daneben ist zwar mit drei Schlössern gesichert, aber es hat eine Luftpumpe. Ich leihe sie mir mal fünf Minuten aus. So, jetzt kann das ausgesuchte Rad also zumindest rollen. Die Kette ist flexibel genug, das Ding anzutreiben, der Dynamo für die Lampe funktioniert, wenn auch anfänglich recht schleppend. Aber Bremsen sind keine da. Zumindest keine, die auch funktionieren. Offenbar muss da ein Draht nachgezogen werden. Irgendwo werde ich schon einen Schraubenschlüssel finden.

Am Abend übe ich noch am „Palästinalied“ herum. Die zweite Strophe bereitet mir noch immer etwas Unbehagen, weil auch da, wie in der ersten Strophe, von „Land“ die Rede ist, und ich werfe die beiden Folgeverse durcheinander. Das muss ich noch hinbekommen. Und ich erwarte heute Abend noch Ikeda-san, meinen Vermieter. Er sagt, er möchte Erinnerungsfotos von all den Studenten machen, die in seinen Häusern leben. Melanie und ich würden ebenfalls kostenlose Abzüge erhalten. Ikeda-san kommt 20 Minuten zu spät und entschuldigt sich höflich. Er sagt, dass neue Mieter gerne viel fragen und deshalb habe es länger gedauert. Was soll’s. Es dauert auch nicht lange, er macht drei Fotos und ich eines von ihm, außerdem „zwingt“ Melanie ihn, einen deutschen Kräutertee zu trinken.

Ikeda-san

Ich weiß, dass der Tee ohne Zucker äußerst gewöhnungsbedürftig schmeckt. Mir fällt dabei der Comic-Band „Asterix auf Korsika“ ein, wo der korsische Wirt in Massilia von dem „Zeug für die Gäste“ spricht. So wie dieser Wirt in etwa komme ich mir in diesem Moment vor. Ikeda-san, ganz in einer von mir erwarteten japanischen Geste, trinkt einen Schluck, lobt den Tee, und trinkt noch schnell einen weiteren Schluck davon. Um nicht ablehnen zu müssen. Der Rest bleibt stehen.

In deutschen Worten: „Was sauft Ihr denn für’n Zeug da bei Euch??“ ?

Leider habe ich ihm bei dieser Gelegenheit nicht das Tatamizimmer gezeigt, wo das Sonnenbanner und die Bundesflagge einträchtig nebeneinander eine Art Vorhang bilden. Er hätte es sicher ebenfalls fotografiert.

Sonne und Adler

Yui hat uns für acht Uhr zum Essen eingeladen. Misi, Melanie und mich. Und das Essen ist… man denke ich eine Reihe von Superlativen, die man auf Essen anwenden kann. Positive natürlich. Die Zubereitung schien mir (als Zuschauer) schnell und unkompliziert.

Interessant ist hier eine Anekdote zum Thema Gender Studies (Geschlechterforschung): Yui bittet um eine helfende Hand in der Küche. Und dabei bittet sie nicht irgendjemanden, sie bittet nicht mich, sie bittet nicht Misi – sie bittet Melanie. Ich komme mir beinahe diskriminiert vor. Mit einer Bratpfanne kann ich durchaus umgehen, und Miso-Suppe umrühren und in Schüsseln füllen hätte sogar ich gerade noch so hinbekommen. Also bleibe ich mit Misi zurück und wir unterhalten uns ein bisschen. In englischer Sprache. Allerdings offenbaren mir seine Reaktionen, wenn ich mit Melanie Deutsch rede, dass er mehr davon versteht, als er vielleicht zugeben möchte.

Beim Essen geht das Gespräch dann weiter, aber ich muss ihn bremsen, weil Yui und Melanie nicht flüssig Englisch sprechen. Also schalten wir um auf Japanisch und beginnen mit den Grundlektionen der Kommunikation: „Kyô wa ii Tenki desu ne!“ („Heute ist aber schönes Wetter!“). Katsuki-sensei lässt grüßen. Es wird aber besser. Japanisch muss man aus Misi erst rauskitzeln. Er hat nicht sehr viel Geduld, wenn er glaubt, nicht genügend vorbereitet zu sein. Er ist auch während des Einstufungstests gegangen (was ihn in die Anfängerklasse manövriert hat, wo man lernt, Kana zu schreiben). Ich will mich dennoch nicht zu dem Schluss verleiten lassen, mein Japanisch sei besser als seines.

Der Abend endet um 22:30. Wir müssen ja alle früh wieder aufstehen. Und der kommende Morgen wird für mich mit Wäschewaschen beginnen. Die Wäsche scheint sich noch immer schneller anzuhäufen, als sie wegtrocknen kann. Spätestens, wenn es kalt wird und die Sonne durch das Fenster nicht mehr ausreicht, um die Hosen und Pullover zu trocknen, muss ich was Neues finden, oder mein Nachschub bricht zusammen. Das Kaikan (das Studentenwohnheim) mit seinen Trocknern wirkt da natürlich verführerisch. Noch weiß ich ja nicht, wie gut der Ofen auf die Wäsche wirken wird, schließlich könnte es sein, dass einfach unsere Luftfeuchtigkeit ansteigt und die Wäsche trotz Wärme feucht bleibt…

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