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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

21. Mai 2024

Freitag, 21.05.2004 – Gemurmel mit musikalischer Untermalung

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Kuramata-sensei leitet heute den Unterricht nicht selbst, sondern überlässt ihn einem jüngeren Assistenzprofessor, der sich eingehend mit der Bedeutung des Reises für die japanische Kultur beschäftigt und fließend Englisch redet, wenn auch mit Akzent. Seinen Namen habe ich leider schon wieder vergessen. Er redet über alles Mögliche in Bezug auf Reis, also Ursprungsgebiete, Sorten, Ausbreitung und Verbreitungsrichtungen der letzten 3000 Jahre. Man geht davon aus, dass der Reis aus Südchina gekommen ist, weil es dort die größte Zahl von Sorten gebe, das heißt also, der Reis hatte dort die meiste Zeit, sich zu diversifizieren.
Er redet auch ein wenig über Verarbeitungsmethoden und führt uns dabei eine Rechnung vor, in der er darzustellen versucht, wie viele Reiskörner der durchschnittliche Japaner im Laufe einer Mahlzeit verzehrt. Er geht dabei von einem Go Reis aus, und das sind offiziell 165 Gramm (trocken). Anhand des Gewichts eines einzelnen Reiskorns kann man nun errechnen, dass ein Abendessen das Ende von ca. 448.000 Reiskörnern in einem einzelnen Magen sieht. Diese Zahl erscheint mir so unglaublich hoch, dass ich versucht bin, bei Gelegenheit mal zu zählen.[1] Im Gegensatz zu der vergangenen Stunde habe ich keine weiteren Fragen. Was das Thema „Entschlüsselung der Genstruktur des Reises“ angeht, bin ich bedient worden.
Und wir sollen einen Aufsatz über ein vergleichbares Produkt in unserer Heimat schreiben, bis in zwei Wochen. Also was wäre das? Kartoffeln sind zwar ein bedeutender Faktor deutscher Ernährung, aber sie sind viel zu „jung“, da sie erst seit ca. 300 Jahren in großem Stil bei uns angebaut werden. Dann bleibt ja nur Getreide, also Weizen oder Roggen, würde ich sagen. Eher Weizen. Melanie schustert mir auch gleich die ganze Arbeit zu – aus Kompetenzgründen, sagt sie. Erstens seien mein Englisch und meine Ausdrucksfähigkeit viel besser und zweitens käme ich ja vom Land, also sollte mir das Thema ja liegen, ich sei „prädestiniert“ für ein Agrarthema. Dabei hatte ich mit Landwirtschaft nie mehr zu tun, als zum Zeitvertreib Kornfelder mit Heuballen platt zu walzen, abgeerntete Felder anzuzünden und Traktoren zu sabotieren – was abenteuerlustige Kinder halt so alles treiben.

Ogasawara-sensei lässt uns heute das Lied „Satô Kibibatake“ („Zuckerrohrfelder“) singen, nachdem wir es in den letzten Stunden gelesen und zu verstehen versucht hatten. Allerdings würde ich den Begriff „singen“ hier lieber nicht verwenden. Ein misstönendes Etwas kommt dabei heraus. Für meine Begriffe hat das Lied eine etwas unglückliche Tonlage. Die ist höher als mein Ideal, aber wenn ich eine Oktave tiefer gehe, renke ich mir den Kehlkopf aus. Man muss es mit lauter Stimme singen, damit das was wird, und danach ist mir in dieser Situation nun wirklich nicht.

Ich gehe noch in die Bibliothek, schreibe aber wegen der Kürze der Zeit nichts mehr.


[1] Ein trockenes Reiskorn wiegt 0,02 bis 0,03 Gramm. Ein Gramm Reis sind also höchstens 50 Reiskörner, 165 Gramm Reis sind also demnach ungefähr 8250 Reiskörner. Die genannte Zahl von 448000 wären also über 54 Go Reis (mit denen man über dreißig Leute satt bekommt).

20. Mai 2024

Donnerstag, 20.05.2004 – Kamikakushi[1]

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Ich schaue mir am Morgen eher zufällig die Nachrichten an und sehe, dass sich zwei Geiselnehmer, ein Mann und eine Frau, in einem Haus verschanzt hatten, das wohl heute Morgen von einem Polizeikommando gestürmt worden ist. Der „spannende“ Bericht ist live und geht über mehrere Minuten, aber alles, was es zu sehen gibt, sind ein Haus mit zerbrochener Fensterscheibe, die obligatorische blaue Plane, um das Sichtfeld vor der Presse zu schützen und abfahrende Krankenwagen. Noch nicht einmal einen gesprochenen Kommentar gibt es. Mich interessiert heute der Wetterbericht mehr, da wohl gerade ein Taifun nach Norden rollt. Aber er wird bestenfalls den Ostrand der Kantô-Ebene mit seinen Ausläufern streifen (= Tokyo) und hier oben bei uns im schlimmsten Fall für unspektakuläre Wolken und ein bisschen Regen sorgen, heißt es. Und der Regen fällt heute zu günstigen Zeiten, nämlich dann, wenn wir unter einem Dach sind, und wir werden beim Radfahren nicht nass.

Nach Yamazakis Unterricht betreibe ich weiter Werbung für das gemeinsame Sushi-Essen am Samstag. Unser chinesisches Ehepaar Han (sie) und Jo (er) erklärt, Interesse zu haben. Und währenddessen passiert etwas sehr Merkwürdiges. Drehen wir die Zeit für die Einleitung zwanzig Minuten zurück:
Ich finde unter meinem Tisch im Lehrsaal einen Ordner mit Unterrichtsunterlagen und Hausaufgaben, einiges davon Englisch. Kein besonders gutes Englisch, der Autor (eher „die Autorin“, der Schrift nach zu urteilen) hat Probleme mit Präpositionen. Na egal. Ich suche nach einem Namen und finde schließlich eine Arbeitserlaubnis für Ausländer, wenn ich das richtig sehe. Eine Chinesin offenbar… ha, und den Namen darauf kann ich sogar lesen: „Das fröhliche, fröhliche Pferd“ – Ma FanFan. Aha… und sie ist zwei Jahre älter, als sie mir gesagt hat… sie ist 1980 geboren, nicht 1982. Eitelkeit kennt offenbar keine Grenzen. 🙂 Das würde zum Teil erklären, warum sie mich damals so vehement gebeten hat, ihr Geburtsjahr wieder zu vergessen. Ich lache in mich hinein. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass ein Chinese sein Geburtsjahr für sich behält, so wie Tei, der Programmierer, der mir erzählen will, dass das Jahr der Geburt in China für amtliche Vorgänge nicht von Bedeutung sei. Ich lege den Ordner schön sichtbar auf den Tisch, damit ich ihn nicht vergesse. Bei Unterrichtsende, nach den zwanzig Minuten der Einleitung, wende ich mich dann zuerst dem Ehepaar zu und rede zwei Minuten mit den beiden, zuzüglich der Zeit, die ich brauche, um das Foto zu machen, das mir noch von den beiden fehlt. Sie kriegen ein gemeinsames.

Als ich mich dann wieder zu meinem Tisch umdrehe, ist die Mappe verschwunden. Sie liegt auch nicht darunter. Ich gehe also davon aus, dass Melanie, die neben mir saß, das Ding an sich genommen hat und gehe ins Center, um sie zu fragen, aber Melanie hat den Ordner nicht angefasst. Ich gehe in den Raum 313 zurück und durchsuche ihn gründlicher. Aber ich kann so viele Würfe auf „Durchsuchen“ machen, wie ich will, das Ding ist nicht mehr da. Ich gehe wieder ins Center und frage Valérie und Eve, die in der 313 vor mir sitzen, aber die haben nicht gesehen, was daraus geworden ist. Das ist doch zum Mäusemelken! FanFan wird nicht begeistert sein, wenn ich ihr erzähle, dass ich ihre offizielle Arbeitsberechtigung gefunden habe, nur um sie zwanzig Minuten später wieder zu verlieren.

Den Rest des Tages verbringe ich in der Bibliothek und gehe mit Melanie am Abend noch mal in den LKW essen.

[1] Etwa: das „Verschwinden auf Grund übernatürlicher Einflussnahme“

19. Mai 2024

Mittwoch, 19.05.2004 – Der Aussteiger

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Zum Glück besteht der Monstermittwoch üblicherweise weitgehend aus Routine, an sich muss man nicht viel darüber schreiben. Es sei denn, Dinge wie heute nehmen ihren Lauf…

Vor einer Woche hatte ich im Unterricht von Kondô-sensei einen Vortrag über das praktizierte, aber nach Interpretation des Autors nicht ganz legale japanische Autobahnfinanzierungssystem gehalten. Über die erste Hälfte des Aufsatzes, um genau zu sein. In der zweiten Hälfte steht gar nicht mehr so viel drin. Das Interessanteste sind noch die Vorschläge, wie man die Situation nicht nur auf nationaler, sondern auch auf lokaler Ebene angehen und lösen könne. Es war nun Misis Aufgabe, eine Zusammenfassung des Inhalts der zweiten Hälfte vorzunehmen. Zehn Tage vor dem heutigen Datum hatte ich ihm den Text gegeben.
Er war mit der ihm eigenen Motivation an den Text herangegangen, was mir zwar aufgefallen war, ich aber nicht weiter erwähnenswert fand, weil Kommentare wie „Ich will diesen langweiligen Scheiß nicht machen…“ unter Studenten nicht unüblich sind, während die Arbeit aber in den meisten Fällen dann doch irgendwie gemacht wird. Zu meinem Vortrag war er nicht erschienen, aber auch dabei dachte ich mir nicht allzu viel. Er gehört nicht zu der eifrigen Sorte und man könnte meinen, er gehöre zu denen, die genau Buch über blaugemachte Tage führen, um das Maximum aus der erlaubten Anzahl von verpassten Stunden herauszuholen.

Heute kommt er zumindest zu spät. Aber was macht das schon? Kondô selbst kommt grundsätzlich fünf Minuten zu spät. Als Kondô dann aber da ist und das stumme Warten beginnt, frage ich SangSu, ob er Misi anrufen könne – nicht, dass er am Computer die Zeit vergessen hat. Kondô bespricht währenddessen mit Nim ein paar Einzelheiten ihres Vortrages nächste Woche. Misi erweist sich als erreichbar (alles andere wäre auch seltsam), und aus dem, was SangSu von sich gibt, muss ich entnehmen, dass Misi entweder nur mangelhaft oder gar nicht vorbereitet ist. Meine erste Vermutung ist natürlich, dass er sich mit irgendeiner mehr oder weniger fadenscheinigen Ausrede entschuldigen lässt – aber er kommt einen Augenblick später tatsächlich durch die Tür herein! Betrunken? Wahnsinnig? Blöde? Er sieht auch recht verunsichert aus. Würde mir an seiner Stelle ebenso gehen. Ich weiß nicht mehr, was er beim Reinkommen gesagt hat, aber er hat sich für seine Verspätung nicht entschuldigt. Nach der mangelnden Vorbereitung (Vorbereitung?) und dem verspäteten Erscheinen an sich ist das sein dritter Fehler. Erstens ist es eine Sache der Höflichkeit und zweitens war Kondô ein hohes Tier in einem japanischen Wirtschaftsunternehmen – der Mann ist es gewohnt, dass man ihn in höflichstem Japanisch anspricht und es ist schon beinahe beachtlich, dass er solche Basiskurse ausgerechnet für Ausländer veranstaltet.
Aber gut, Misi fährt fort auf seinem Weg in den Abgrund. Er legt seine Unterlagen auf einen Tisch in der zweiten Sitzreihe, nimmt einen Stuhl aus der ersten Reihe, dreht in um und setzt sich darauf. Ich gehe in diesem Moment davon aus, dass er die Situation retten will, indem er das, was er vorträgt, direkt aus dem Text abliest. Ich muss nicht extra erwähnen, wie hirnrissig ein solcher Plan meiner Meinung nach ist. Aber es erweckt auch den Eindruck, dass er zumindest etwas davon gelesen hat. Ansonsten wäre er doch nicht so dämlich, tatsächlich zu erscheinen. Oder doch?

Er sitzt also erst mal und holt Luft. Kondô-sensei fordert ihn aber auf, ans Pult zu gehen und von dort aus zu sprechen, wie man das üblicherweise macht. Eine reine Formalität, würde ich sagen, denn immerhin hat Kondô nichts dagegen, wenn man während des Vortrags sitzt, auch mir hat er das angeboten, aber ich stehe lieber. Misi hasst es generell, vor einer Gruppe zu sprechen, und das gilt auch für die Englischstunden, die er im „York Cultural Center“ gibt, oder gegeben hat. Möglicherweise hat er zu viel Lampenfieber. Ich dachte eigentlich, das lege sich, wenn man mal zwei oder drei Vorträge gehalten hat, und ich mache es inzwischen eigentlich ganz gerne. Aber er nicht. Und wohl deshalb entfleucht ihm beim Aufstehen ein artikulierter japanischer Laut, der das exakte Gegenstück zum deutschen „Ja, ja…“ ist, das man in seiner besten Ausführung aus dem ersten „Werner“ Film kennt. Vierter Fehler! Kondô findet es gar nicht komisch, mit einem solchen Kommentar bedacht zu werden und weist den Ungarn zurecht: „Was soll das heißen, ‚ja, ja’? Ich bin der jenige, der ‚ja, ja’ machen sollte!“ Das steckt Misi noch weg.
Er fängt an zu reden. Ich bin gespannt. Ungefähr fünf Sekunden lang. Dann weiß ich, was läuft: „In dem Aufsatz geht es darum, dass japanische Autobahnen sehr teuer sind. Ich habe mit einer Bekannten gesprochen und sie erzählte mir, dass eine Fahrt nach Tokyo 10.000 Yen koste, und der Weg zurück noch einmal 10.000…“ Und weiter kommt er nicht mehr.
„Das ist nicht in Ordnung!“ unterbricht ihn Kondô unwirsch.
„Was ist nicht in Ordnung?“ Dass Misi in dieser Situation überhaupt nicht weiß, wie er gerade seinen Untergang besiegelt hat, sagt alles darüber aus, dass er in seinen „Lesebemühungen“, wenn überhaupt, nicht einmal bis zu dem Teil gekommen ist, über den er eigentlich reden sollte. Vermutlich hat er völlig vergessen, dass er nur die zweite Hälfte hätte behandeln müssen.
„Darüber haben wir letzte Woche bereits gesprochen! Sie waren nicht da, also wissen Sie wahrscheinlich noch nicht einmal, was Sie zu tun haben!“ Uh, Kondô ist sauer, die Luft zum Schneiden dick, und nachdem sich die beiden dann noch dreimal gegenseitig ins Wort gefallen sind, erklärt Misi, dass er den Kurs verlassen wolle. Ist wohl besser so in dieser Situation. Ich bezweifle auch stark, dass er den Kurs am Dienstag weiter besuchen wird, der Trottel. Kondô verlangt für die volle Vergabe der Leistungspunkte nur regelmäßige Anwesenheit, einen unbedeutend kleinen Vortrag, wenigstens vorgetäuschtes Interesse und offenbar ein Mindestmaß an Höflichkeit. Keine Hausarbeit, keine Klausur. Man muss schon arg einen an der Waffel haben, um sich das entgehen zu lassen. Immerhin ermöglicht Kondô damit seinen Zuhörern, die Klausuren zweier weiterer Kurse in den Sand setzen zu können, ohne dadurch unter die Grenze von 12 Punkten (= sechs erfolgreiche Doppelstunden-Kurse) zu rutschen. Er erklärt den heutigen Unterricht mangels Inhalt für beendet, stärkt mein Ego, indem er meinen Vortrag von letzter Woche gleich zweimal lobt, und sagt, dass das Wesentliche bereits erläutert worden sei.

Ich bin arg durstig und gehe zusammen mit Mei in den „Maruesu“ Supermarkt, um mir eine Flasche Yoghurt Kalpis zu kaufen. Das Brot ist gerade um 30 % reduziert, also lasse ich mir das auch nicht entgehen. Ich gehe dann mit ihr in die Mensa, bis der nächste Unterricht beginnt. Sie haut mir den Stuhl übrigens nicht um die Ohren, als ich sie darauf anspreche, ob sie in Japan möglicherweise zugenommen habe. Nein, sie wiege genauso viel wie vorher.

Was also noch folgt, ist Hugosson, der alte Schwede (Ende Dreißig). Da ist heute ebenfalls ein Vortrag fällig, über die sozialen Sicherungssysteme unserer jeweiligen Heimatländer. Soweit Deutschland betroffen ist, kann das ziemlich kompliziert oder umfangreich werden. Ich sage ihm also zu Unterrichtsbeginn, dass ich zwei oder drei Minuten (wie verlangt) damit füllen könne, einfach nur zu sagen, dass es diese und jene staatlichen Versicherungen gebe und zu was sie im Prinzip gut seien, aber darüber hinaus wisse ich nicht, was ich weiter sagen könne, ohne in unwichtige Details zu verfallen, wie zum Beispiel die Bestimmungen über die Berechnung der Beiträge. Er lässt die Vorträge darauf ganz einfach sein und organisiert die Sache als entspannte Diskussionsrunde. Und das geht auch ganz wunderbar, da wir nur zu dritt sind. MunJu ist heute nicht da. Und – wer hätte das gedacht? – Misi ebenfalls nicht. Er fragt, wieso, und ich versuche mich in den schönsten Euphemismen, um die Situation von vor 90 Minuten zu umschreiben. Das beflügelt für gewöhnlich die Fantasie des Zuhörers mehr, als wenn man einfach sagt, wie es wirklich gelaufen ist, und gleichzeitig simuliert der Sprecher eine zurückhaltende Höflichkeit. J

Ich gehe in die Bibliothek (uswusf.) und komme gegen Acht nach Hause.

18. Mai 2024

Dienstag, 18.05.2004 – Wer Golf spielt, sollte versichert sein!

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Im Unterricht von Kondô-sensei ist heute wieder der Filialleiter der „Tokio Marine & Fire“ Versicherung zu Gast und er beendet seinen Vortrag heute mit einer mir sehr eigentümlich erscheinenden Sache, die von unserem Dozenten auch noch mit persönlicher Erfahrung garniert wird: In Japan gibt es offenbar Versicherungen speziell für Golfspieler, und zwar nicht einfach nur solche, die Personen- und Sachschäden durch fliegende Golfbälle abdecken, oder etwa Sportverletzungen, wenn man sich einen Muskel zerrt, ein Gelenk überbelastet oder vielleicht mit dem Golfwagen einen Unfall hat. Nein, es gibt tatsächlich eine „Hole-in-One Versicherung“.
Zur Erklärung für die, die diesen englischen Begriff nicht kennen: Das bedeutet, dass man den Ball vom Abschlagpunkt aus direkt in das vorgesehene Loch befördert, mit Hilfe welcher (regelkonformen) Umstände auch immer. Ich habe keine Ahnung, wie ein solches Ereignis im Rest der Welt zelebriert wird, aber in Japan geht es da hoch her, wenn man das so nennen kann. Zu seiner Zeit als Generalverwalter der Mitsubishi Bank habe sein nächsthöherer Vorgesetzter, der Aufsichtsratsvorsitzende, eine solche Leistung vollbracht, erzählt Kondô, und damit etwa die folgenden Ereignisse ins Rollen gebracht, die in Japan jedem widerfahren, der ein Hole-in-One schafft (und dabei „erwischt“ wird):

Da wären zunächst einmal 5000 Yen (derzeit knapp 40 E) für jeden Caddy des Spielers, also für die Helfer, die die Tasche mit den Schlägern tragen und das Golfmobil steuern. Leute mit Geld haben schon mal mehr als einen bei sich. Aber dieser Betrag fällt im Geldbeutel einer solchen Person nicht weiter auf, wenn er fehlt.
Als nächstes wäre da ein Baum am Rand des Golfplatzes zu pflanzen, mit einer entsprechenden Gedenkplakette, auf der geschrieben steht, wer der Spender ist. Das kann etwa 100.000 Yen (ca. 750 E) kosten. Dann versendet man kleine Präsente an alle, mit denen man jemals Golf gespielt hat. Der Herr Vorsitzende machte das bereits seit 40 Jahren und hatte völlig den Überblick verloren, also schenkte er jedem, der im Verdacht stand, schon einmal mit ihm das Eisen geschwungen zu haben, eine 500 Yen Telefonkarte. Auch Kondô erhielt eine, ohne jemals mit dem Vorsitzenden Golf gespielt zu haben, und er lässt es sich nicht nehmen, eine spöttische Bemerkung über das Gedächtnis „des Alten“ zu machen. Es kann sich also, je nach Alter oder Spielerfahrung des „glücklichen“ Spielers, um einige Dutzend Leute handeln. Und man verschickt ja nicht einfach schmucklos eine Telefonkarte, da muss noch eine Karte dazu, und nicht unbedingt eine aus einem Zehnerpack des 100 Yen Ladens. Man könne also von knapp 1000 Yen für eine solche Postsendung rechnen, alles inklusive, also die Telefonkarte, die Grußkarte, Versandkosten.
Zuletzt lade man seine engsten Freunde, und Kondô geht von vier oder fünf Personen aus, zu einem „angemessenen“ Essen ein, „natürlich nicht irgendwo“. Pro Nase könnten da gerne 200.000 bis 300.000 Yen (1500 bis 2250 E) anfallen. Es sei also durchaus realistisch, mit einem Ausgabenvolumen von zwei Millionen Yen (15.000 E) zu rechnen – und genau gegen solche Fälle könne man sich versichern.

Kudô, der Mann von der Versicherung, führt uns noch ein Video vor, das er in den Morgennachrichten vor einigen Tagen aufgenommen hat. Es zeigt ihn (und untermalende Szenen aus dem Park von Hirosaki), wie er in einem kurzen Beitrag seine „Kirschblüten-Wetter-Versicherung“ speziell für Taxiunternehmen vorstellt. Diese können sich gegen Einkommenseinbußen versichern, die zur Zeit der Kirschblüte entstehen können, wenn die Wagenflotte an „strategischen Punkten“ der Stadt (wie z.B. Ein- und Ausgänge des Parks, Bahnhof) steht, aber wegen zu geringer Temperaturen die Blüten noch nicht aufgesprungen sind und deshalb die Kundschaft ausbleibt. Er sagt, dieses Jahr sei etwas kühl gewesen und er habe in dieser Sparte deshalb 270.000 Yen Verlust gemacht.

Ich gehe ins Center, aber da gibt es nichts „zu holen“, also wechsele ich in die Bibliothek. Ich will heute austesten, wie lange ich brauche, wenn ich nur Dinge am Computer mache, die ich mir fest auf meinen Tagesplan geschrieben habe, also Post, Newsletter, Spiel gegen Frank und Forum. Das Ergebnis sind 3,5 Stunden. Dabei schreibe ich einen Kurozamurai-Bericht, drei kurze Einträge ins Forum, spiele eine Runde gegen Frank (und verfasse den dazugehörigen Bericht) und bearbeite meine Post. 2,5 der 3,5 Stunden sind für Newsletter und Post.

Um kurz nach Acht will ich dann wieder gehen, aber wie es der Zufall will, entdecke ich JaYong (die christliche Koreanerin) an einem der Rechner. Ich frage, was sie so mache, dass man sie so lange nicht im Center gesehen habe. „Japanisch lernen“ sagt sie. „Was sonst?“, denke ich mir ergänzend dazu. Es bestehe für sie kein Bedarf, ins Center zu gehen. Und was ist mit ihrer widerspenstigen Mailadresse bei „Dreamwiz“? Das könne sie sich nicht erklären, sagt sie. Ich mache also gleich vor Ort den Versuch, ihr Dreamwiz Konto von jedem einzelnen meiner Mailaccounts anzuschreiben – aber alle Mails kommen wieder zurück, mit der Begründung, vom Zielserver zurückgewiesen worden zu sein. Mit anderen Worten: Meine Mails werden als Spam betrachtet und gelöscht, ohne dass der geplante Empfänger ein Wort mitzureden hat. Wie auch den anderen Leuten in meinem Umfeld sage ich ihr Bescheid, dass wir am Samstag Sushi essen gehen wollten und dass sie gerne mitkommen dürfe. Sie äußert sich positiv darüber, aber wie ich sie einschätze, wird sie nicht kommen. Wie ich mein Glück kenne, werde ich mit Melanie nachher eh wieder der einzige sein, der sich vor der Tür des Sushi Shôgun einfindet.

17. Mai 2024

Montag, 17.05.2004 – Ein Besatzer???

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Yamazakis Grammatiklektionen sind heute wahre Böhmische Dörfer für mich, ich werde aus seinen Erklärungen nicht schlau. Aber da ich gleich im Anschluss Yui treffe, macht das nichts. Und Yui bringt auch gleich noch jemanden mit: Hiromi. Und schon kenne ich eine Frau mehr. Das heißt, eigentlich habe ich sie schon einmal getroffen, damals, im Oktober, als Yui vorbeikam, um mir die Waschmaschine zu erklären und Hiromi dabei im Schlepptau hatte, weil Hiromi sich gerade entschlossen hatte, Deutsch zu lernen. Mir kam ihr Gesicht auch entfernt bekannt vor, aber ich verlasse mich nicht auf meine äußerst schwachen Fähigkeiten, mir Gesichter zu merken. Unvorsichtigerweise sage ich ihr auch, dass mir ihr rundes Gesicht wegen der Form vage bekannt sei (obwohl die Aussage eigentlich übertrieben ist). Natürlich schmollt sie deshalb ein bisschen und sagt „Er erinnert sich an mich, weil ich fett bin…“ Nein, Du bist nicht fett. Du hast „Fleisch auf den Rippen“, wie man bei uns im „Gau“ sagt. Das ist was Anderes als „fett“.

Yui wird zwischendurch angerufen und geht nach draußen. Ich unterhalte mich derweil mit der verbliebenen Hiromi, die gerne in ein recht schnelles Japanisch verfällt, dass mir davon schwindelig wird. Sie finde es äußerst absonderlich, dass ein Mann in meinem Alter das aktuelle „SailorMoon“ Fernsehdrama anschaut. Natürlich ist ihr die Motivation von Männern, diese Serie zu sehen, völlig klar. Ich will das auch gar nicht abstreiten. Ich frage mich, ob sie vielleicht Skrupel hätte, eine TV-Serie anzusehen, in der fünf hübsche Jungs die Hauptrolle spielen?

Yui kommt nach ca. fünf Minuten wieder zurück, drückt mir das Telefon in die Hand und sagt „Red mit ihm.“ Moment mal – mit wem? Ich beantworte mir die Frage selbst: Es muss sich um ihren Freund handeln, also den jungen Mann, von dem ich bisher nur erfahren habe, dass er Mitglied der Militärpolizei in Misawa sei. Ich atme kurz durch, versuche mich zu konzentrieren (weil Telefonieren auf Japanisch aufgrund nicht einsetzbarer Körpersprache schwieriger ist, als ein Dialog Auge in Auge) und begrüße meinen Gesprächspartner. Yui winkt heftig mit ihrer rechten Hand, schüttelt den Kopf und ruft mir zu: „Nein, er spricht kein Japanisch!“ Was bitte? Ich starte mein System neu; eine Sekunde später bewegt sich das Rädchen im Hirn endlich und rastet mit einem leisen „klick“ ein. Jetzt wird mir der Fall sonnenklar. Yui ist mit einem Besatzungssoldaten zusammen!
Und der Mann ist tatsächlich Amerikaner, aus Florida, und er wird noch 18 Monate im Land bleiben, dann läuft sein Vertrag aus. Er sei bemüht, Japanisch zu lernen. Er macht über das Telefon einen ganz sympathischen Eindruck, und ich hege nach wenigen Sätzen bereits den Verdacht, dass dieser Typ hier viel zu nett ist für einen Job bei der Militärpolizei. „Ach, wenn irgendwo was läuft, muss man natürlich eingreifen, und es gibt leider immer wieder welche, die den schlechten Ruf der Truppe ausmachen“, sagt er dazu.
Aber Daniel, so sein Name, passt auch irgendwo in das gängige Klischee einer Armee aus Freiwilligen, von der man ja gerne sagt, sie bestehe zum Großteil aus Leuten, die wegen irgendwelcher Defizite keine Chancen auf dem freien Arbeitsmarkt hätten, aber immerhin körperlich etwas zu leisten im Stande seien. Daniel redet laaaangsaaaam, und das nicht auf die Art und Weise, wie Yui langsam redet, damit ich ihrem Redefluss folgen kann. Er spricht tatsächlich im Tonfall einer Person, deren Mühlen langsam mahlen. Er sagt, er werde Yui beim Auszug helfen, wenn sie zum Auslandsstudium nach Tennessee abreise, bei der Gelegenheit könne man ja zusammen was trinken gehen. Ja, wieso nicht.
Wie gesagt: Vielleicht nicht helle, aber sympathisch. Jetzt bin ich natürlich gespannt, ob er vom Erscheinungsbild her in das MP-Klischee passt. Was dann wohl ein Schrank von 1,90 Höhe und 120 Kilo Kampfgewicht wäre.

Yui und Hiromi gehen schließlich, weil sie Unterricht haben. Ich mache noch ein Buch versandfertig und will eigentlich in die Bibliothek verschwinden, aber Ning, der Chinese, der aus welchen Gründen auch immer Deutsch lernen möchte, plagt sich derzeit mit dem deutschen Plural (und natürlich mit den maskulinen, femininen und neutralen Artikeln der deutschen Sprache) herum, für den ich ihm nur empfehlen kann, die Geschlechtlichkeit der Nomina auswendig zu lernen, da mir nicht viele Regeln bekannt sind, an denen man sich orientieren kann. Ich helfe ihm also bei seinen Übungen, und als ich dann endlich in die Bibliothek komme, ist es zu spät, um noch mit einem Bericht anzufangen. Die Post hält mich auf.

Neben meinem Stuhl finde ich einen Ausdruck vom Rechenzentrum, darauf steht ein Name und LogIn Informationen, also Nutzerdaten für das Computernetzwerk der Universität. Sasaki Chio, soso… ich logge mich auf ihrem Nutzerkonto ein und schreibe eine Textmitteilung in ihren Hauptordner, in dem ich sie dazu auffordere, ihr Passwort zu ändern und solche Papiere nach Möglichkeit nicht zu verlieren. Danach vernichte ich den Zettel.
Oh… jetzt bleibt natürlich die Frage, ob sie sich ohne diesen Zettel überhaupt einloggen kann, um meine Nachricht zu finden!? Also gut, wenn ich noch einmal einen solchen Zettel finde, schreibe ich eine entsprechende Notiz und gebe den Zettel beim Fundbüro ab.

Um 21:00 komme ich nach Hause und sehe mir noch „Mito Kômon“, „Atashin’chi“ und „Nadia“ an, bevor ich um halb Zwölf schlafen gehe.

15. Mai 2024

Samstag, 15.05.2004 – Erdbebenalarm! (Annahme Üb)

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Ich stehe um 07:15 auf, weil ich vermeiden möchte, wieder bis zum kommenden Freitagabend warten zu müssen, um die „SailorMoon“ Episode vom Samstag sehen zu können. Es kommt jeden Abend was anderes, und weil ich inzwischen früher schlafen gehe, habe ich nicht mehr so viel Zeit, das TV-Programm zu verfolgen. „Ogami“ läuft derzeit fünfmal die Woche… mittags wird die Episode aufgezeichnet und abends angesehen… das ist zu viel. Die Serie ist cool, aber sie kostet so zuviel Zeit. Wird gestrichen. Und ich will „SailorMoon“ in Zukunft aus Zeitgründen wieder „live“ sehen.

Sieht aus, aus würde sich die Episode heute in erster Linie mit Makoto/Jupiter beschäftigen. Makoto erklärt sich bereit, für den am Arm verletzten Motoki zu kochen und landet mit ihm im Kino. Nachdem es ihm in der vergangenen Episode nicht gelungen ist, sie in „Finding Kame“ („Findet die Schildkröte!“, um dem deutschen Titel der Anspielung nahe zu kommen) zu schleppen, schafft er es diesmal, sie zu „Kame Fighter“ zu überreden (meiner Meinung nach eine Anspielung auf „Street Fighter“ oder vielleicht „Kamen Rider“, eine der unzähligen schlechten, aber auch erfolgreichsten und langlebigsten japanischen Superheldenserien). Und dann erklärt sie dem todunglücklichen Motoki, dass aus ihnen nichts werden könne. Die Gründe haben sich seit der Zeit der Animeserie offenbar nicht geändert, kurz: Sie ist ein Tomboy (sie findet sich ganz und gar nicht weiblich) und hat Komplexe deswegen. Motoki zieht ab („So gründlich hat mir noch niemand eine Abfuhr erteilt.“), worauf Makoto von einer Handvoll Yôma angegriffen wird. Es entspinnt sich die übliche Vorführung in Gelenkbeweglichkeit und sie muss auch was einstecken. Aber der Ausgang bleibt natürlich wenig spannend. Und nachdem der Feind (mit Unterstützung der übrigen Senshi) dann in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist, sieht sie passend zur heutigen Gelegenheit auch ein, dass man alleine ja doch nur mehr Probleme hat, klarzukommen (und zeigt dabei mit dem metaphorischen Ellenbogen auf die eher zufällig anwesende SailorVenus, um den unfeinen Zeigefinger zu vermeiden). Mittlerweile hilft Zoisyte dem Gedächtnis von Nephlyte auf die Sprünge, indem er Mamoru gleich vor Ort erscheinen lässt – und wenige Augenblicke später nennt auch Nephlyte ihn „Master Endymion“.

„SailorMoon“ Merchandising wird übrigens immer toller! Es gibt inzwischen nicht nur die Klamotten zu kaufen (für Vierjährige), sondern auch noch die Haartracht – und die sieht aus wie der Skalp eines gelben Langohrdackels, falls es einen solchen gibt.

Ich bekomme zufällig auch wieder eine „Pokemon“ Werbung zu Gesicht, und die macht mir das folgende lebhaft deutlich: „Pokemon“ lebt! Und es erfreut sich offenbar immer noch ungebrochener Beliebtheit, während „Digimon“ so unsichtbar ist, als habe es nie existiert. Kaum Merchandising, keine Werbung, nichts. Mir scheint, dass die Serie in den USA und in Deutschland viel erfolgreicher ist, als in ihrem Ursprungsland. Offenbar haben die japanischen Animefans „Digimon“ hier nicht nur als Plagiat erkannt, sondern auch gleich als solches von der Programmliste gebürstet.

Pokemon Landkarte 2004

Überdies ist zu hören, dass Deutschland hier inzwischen als „Zweites Animeparadies“ bekannt geworden ist. Das deutsche Fernsehprogramm scheint einen Ruf bis nach Japan zu genießen, und die deutsche Fangemeinde ruft ständig nach mehr. Natürlich kommen Lobeshymnen dieser speziellen Art auf das deutsche Vaterland nur von eingefleischten (japanischen) Fans der animierten Filmkunst; die ganze übrige (japanische) Bevölkerung ist bass erstaunt, wenn man ihnen erzählt, dass man „SailorMoon“ und „DragonBall“ in Deutschland kenne, und diese Serien sogar übersetzt worden seien.

Ich fahre in die Stadt, um mich nach einem Memorystick umzusehen und darf vor dem Kaufhaus eine halbe Stunde warten, weil der Laden erst gegen zehn Uhr aufmacht. Und dafür werde ich auch noch herb enttäuscht. Das Daiei hat überhaupt keine Elektronikabteilung mehr, seit der Pächter „Laox“ zu Gunsten des 100 Yen Shops „Daisô“ zugemacht hat, und im Ito Yôkadô gibt es kein Computerzubehör. Dass es noch das „Denkodô“ gibt, das auf solche Dinge spezialisiert ist, habe ich in dem entscheidenden Moment natürlich völlig vergessen und Melanie erinnert mich daran, als ich wieder zuhause bin. Stattdessen fahre ich erst einmal ziellos durch die Innenstadt, in der Hoffnung, vielleicht einen kleinen Computerladen zu finden, wie sie in Deutschland relativ häufig sind, aber auch da ist nichts zu finden. Reine Zeitverschwendung, weiter zu suchen. Ich gehe also ins „Game and Game“ in der Nähe vom Bahnhof. Ich wollte schon seit letztem Herbst wissen, was man da drinnen so alles spielen kann.

Da wäre zunächst der übliche Taikô-Automat. Vor dem Automaten sind zwei japanische Trommeln angebracht (in japanerfreundlicher Höhe, d.h. ein bisschen niedrig für meinen Geschmack), die man mit den vorhandenen Holzklöppeln bearbeiten muss. Auf dem Bildschirm liest man ab, in welchem Takt man auf die Trommeln zu schlagen hat (indem man für jeden Schlag eine optische Aufforderung erhält). Das Angebot an Melodievorgaben ist großzügig.

Taikô

Weiter hinten befindet sich ein „Time Crisis 3“ Automat, der hier nur 100 Yen pro Spiel kostet, und nicht 200, wie im Ito Yôkadô. Wahrscheinlich ist er deshalb dort so schnell wieder verschwunden. Und hier hat man zwei Monitore, was bedeutet, dass der Handlungsablauf anders ist – die beiden Spieler trennen sich auch schon mal und nehmen den Gegner in die Zange. Weiter links befindet sich auch ein Shooter zur Serie „Lupin III.“, mit einer Walther P38 (was sonst?) Spielpistole aus Plastik.

Timw Crisis 3 Co-op

Daneben wiederum stehen zwei Boxautomaten, deren Schlagflächen schon ziemlich mitgenommen aussehen. Ui, die Dinger sind von 1994 und zeigen irgendein Superhelden-Setting, anders als im Ito Yôkadô, wo das Setting der Anime „Ashita no Joe“ ist. Und da oben ist eine Kamera angebracht… wofür? Das kann man bald auf dem Bildschirm sehen: Es erscheint eine grobe Kopfform auf dem Bildschirm und da soll man seinen Schädel ranhalten, bis die beiden Objekte deckungsgleich sind. Dann macht die Kamera ein Bild, verzerrt und verfärbt das Gesicht und setzt es auf die Hälse der Gegner! Wenn man also jemanden nicht ausstehen kann, bringt man ein entsprechend großes Foto mit, hält es vor die Kamera und drischt dann lustig drauf los.

Den Rest der Geräte im unteren Stockwerk kenne ich bereits – bis auf den „legendären“ Angel-Automaten von SEGA, den ich bisher nur aus einschlägigen Zeitschriften kannte, in denen Leute über Japan-Erlebnisse schreiben. Es gibt ihn also immer noch… und man angelt damit auch tatsächlich. Dort, was sonstwo der Joystick, bzw. das Joypad, angebracht ist, befindet sich hier der Griff einer Angel, und man sollte sich vorher die Erklärungen auf dem Bildschirm ansehen, um zu verstehen, wie Hochseeangeln à la SEGA überhaupt funktioniert. Aus dem Griffstück ragt eine Spule heraus und der dazu gehörende Faden verschwindet in einer Öffnung unterhalb des Monitors. Man muss allerdings nicht warten, bis nach drei Stunden endlich mal ein Fisch angebissen hat, der Fisch kommt sofort. Das Spiel besteht aus der richtigen Handhabung der Angelegenheit. Am unteren Bildschirmrand befindet sich ein Balken, der länger und rot, bzw. kürzer und blau wird, und stellt die Kraft dar, die gerade auf der Leine lastet – und die Leine zieht tatsächlich recht kräftig, man langweilt sich also nicht. Wenn die Leiste rot wird, muss man Schnur geben, sonst reißt die (virtuelle)Leine, wenn die Leiste blau wird, muss man anziehen, sonst verliert der Fisch den Haken.

unscharfer Angelsimulator

Im Obergeschoss findet man weitere Automaten. Da sind natürlich die obligatorischen Kampfspiele, die meisten davon 2D, aber mit sehr guter grafischer Qualität. Auch zwei Pferderennen sind vorhanden, aber diese hier ohne die Modellrennbahn; man verfolgt das Rennen nur auf großen Bildschirmen.

Virtuelle Rennbahn

Es gibt Einarmige Banditen und natürlich auch Pachinko, dazu die üblichen Münzspiele, wo man Münzen vor einen Schieber wirft und hofft, dass mehr herausgeschoben werden, als man hineinwirft. Aber hier befinden sich vor allem interessante Fahrsimulatoren. Der Anime „Initial D“ hat natürlich einen Simulator hervorgebracht… in der Ecke steht ein „F-Zero“ (Super NES) Nachfolger, der allerdings so weit vom Original entfernt ist, dass mich das Spiel mehr an „WipeOut“ erinnert. Aber die Maschine ist cool, mit dem schaukelndem Cockpit, den Pedalen und der futuristischen Lenkvorrichtung.
Daneben aber steht das, was mich am meisten interessiert. Das Spiel heißt „Tokyo Wars“ und bietet die Möglichkeit, mit vier Leuten gleichzeitig unterwegs zu sein – in modernen Kampfpanzern, in den Straßen von Tokyo. Grüne Panzer gegen weiße Panzer. Sieht interessant aus… vielleicht sollte ich mir mal zwei oder drei Leute suchen, um eine Runde zu fahren. Allerdings kann ich auch nicht erkennen, ob man nur miteinander oder auch gegeneinander spielen kann. Nur miteinander wäre ja schlicht langweilig und kaum mehr als eine Versuchsfahrt wert.

Tokyo Wars, 6 Jahre vor World of Tanks

Ich kehre zur Universität zurück, es ist inzwischen elf Uhr. Ich schreibe zwei Berichte und gehe dann um kurz vor Zwei zu dem verabredeten Treffpunkt der Teilnehmer des Erdbebenexperiments, für das Alex in den letzten Tagen kräftig die Werbetrommel gerührt hat. Und damit fängt der eigentliche Tagesbericht erst an!

Man hat einen speziellen LKW kommen lassen, in dem man, jeweils in Paaren, ein Gefühl für Erdbeben bis Stärke 7 bekommen soll. Der Zufall hat mir die Chinesin ReiGen als „Partnerin“ zugeteilt. Sie sieht meines Erachtens unglaublich gut aus, aber allein deshalb ein Bild von ihr zu machen und es in das Poster einzubinden, wäre falsch. Wenn ich mehr kommunikativen Kontakt mit ihr bekomme, werde ich sie auch in meine Porträtsammlung aufnehmen, alles andere wäre sexistisch. Aber zurück zu unserem Simulator: Der Boden der Ladefläche kann mittels einer Hydraulik ganz heftig bewegt werden. Allerdings soll man während der Vorführung auf dem Boden sitzen, was dem Ganzen ja wieder einen Teil des Reizes nimmt – schließlich sitze ich die meiste Zeit auf einem Stuhl. Interessant ist das Gerüttel schon, aber eigentlich ist das Ding hier nur ein Spielzeug. Es ist zu klein für effektive Übungen und taugt vielleicht als Attraktion für ahnungslose Ausländer und Grundschüler. Man hat es also für die Ausländer hergefahren, und das kostet die Fakultät auch umgerechnet 1200 E. An dem Experiment nehmen nur Ausländer teil, also Nicht-Japaner, weil es bei dem Gesamtexperiment darum geht, wie verständlich die japanischen Radiodurchsagen für Ausländer sind. Da fängt der Unsinn auch schon an: Man will ein leicht verständliches Japanisch finden, anstatt für Ausländer ganz einfach Durchsagen auf Englisch zu machen.

Nach der „Erdbebenerfahrung“ wird je eine Sechsergruppe in einen Warteraum geführt. Als ich den Simulator verlasse, will mir einer der Betreuer meinen Rucksack reichen, hebt sich daran aber fast einen Bruch. Ich hebe ihn lieber selbst auf und bedanke mich für seine Mühen. Im Warteraum bekommt man ein Getränk und Kekse und sieht eine kurze Vorführung mit Bildern aus Kobe. Danach wird man einzeln zum Experiment geführt, in einen präparierten Raum also, ich bin der vorletzte in meiner Gruppe. Ich erhalte eine „Begleiterin“, die mir einen Schrittzahlmesser an den Gürtel hängt. Man soll erst den Radiodurchsagen zuhören und tun, was man vom Sprecher gesagt bekommt. Im Raum befinden sich der Versuchsleiter und eine Protokollantin, die natürlich  eigentlich gar nicht da sind (Annahme Üb halt).

Die Situation (laut Faltblatt, das man vorher bekommt): Morgens um 07:00, gerade aufgestanden, wird man von einem Erdbeben überrascht. Gegenüber von dem Tisch, an dem ich stehe, fällt effektvoll und dramatisch ein Regal aus Pappe um und die leeren Dosen scheppern auf den Boden. Ich bin zuerst gar nicht in der Lage, das mit dem Experiment in Verbindung zu bringen, weil natürlich nichts wackelt und auch keiner ruft: „ERDBEBEN! JETZT!“. Stattdessen ertönt eine ruhige Stimme aus dem Radio, die mich auffordert, mich unter den Tisch zu legen, um mich vor Trümmern von der Zimmerdecke zu schützen. Ich wackele selbst ein bisschen herum wie bei einem Erdbeben und fühle mich augenblicklich wie auf einem alten „Star Trek“ Filmset. Dann soll ich Haus- oder Straßenschuhe anziehen. Und dann heißt es, das Erdbeben sei vorbei und ich solle unter dem Tisch hervorkommen.
Was ist das für eine Reihenfolge? Ich glaube, ich ziehe lieber dann meine Schuhe an, wenn das Erdbeben vorbei ist, und nicht, wenn alles noch wackelt, bzw. greife die Schuhe auf dem Weg zum Tisch. Dann soll ich meinen Helm anziehen und nachsehen, ob das Gas abgeschaltet ist. Aha… an der Garderobe hängt ein Helm… so ein Zufall! In meinem Apartment habe ich keinen Helm. Wer hat überhaupt einen Helm zuhause? (Ha! Ich habe einen zuhause – in Gersheim, auf dem Regal im Keller!) Und ich soll sehen, ob das Gas ausgeschaltet ist? Kein Problem, ich kümmere mich darum, muss mich aber fragen, ob bei einem echten Erdbeben nicht sowieso gleich das ganze Gestänge aus der Wand raus bricht und das Gas im Raum verteilt.

„Überprüfen Sie, ob die Fenster offen sind!“ fordert mich das Radio auf. Exakt so formuliert – auf Japanisch natürlich. Ich denke: „Was heißt das jetzt?“ Was hat man mir in der Grundschule beigebracht? Bei Erdbeben kommt es oft zu Bränden. Was tut man da? Möglichst keine Fenster und Türen aufmachen, damit das Feuer keine Luft erhält. Ich interpretiere die Aufforderung also falsch und vergewissere mich, dass die Fenster geschlossen sind, indem ich theatralisch dranklopfe. Später erzählt man mir dann, dass die Fenster geöffnet werden sollen, damit die Feuerwehr schnell Löschwasser reinspritzen kann. So einen Unsinn habe ich ja lange nicht gehört! Wenn’s in dem betreffenden Raum brennt, platzen die Scheiben mit hoher Wahrscheinlichkeit (ganz zu schweigen von den Auswirkungen der Erschütterungen selbst), und im Zweifelsfall wird die Feuerwehr die Fenster selbst zerstören können, und sei es mit Trümmern, von denen es dann bestimmt genug gibt.

Dann soll man den Rucksack (ein bereitgestellter, ebenfalls an der Garderobe gelagert, nicht mein eigener) und das kleine Radio (liegt auf dem Tisch) nehmen und sich gemäß (nie zuvor gesehenem) Fluchtplan zum Rettungsplatz begeben. Der Rucksack ist mir zu klein, also schnalle ich ihn nicht auf den Rücken, sondern behalte ihn in der Hand (ist natürlich ein Fehler, weil man über Trümmer stürzen könnte) und stopfe das Radio hinein. Klarer Gedanke: Zuerst mal aus dem Gebäude flüchten, bevor es über mir zusammenstürzt, und dann höre ich mir im (kleinen) Radio an, was ich beachten muss – wo gibt es Kleidung, Nahrung und Notunterkunft, oder vielleicht auch einen Arzt? Dazu heißt es später, dass man bereits auf dem Weg nach draußen das Radio angeschaltet haben sollte. Der Mann im (großen) Radio sagt „Stellen Sie die Apfelwelle ein!“ Das ist ein lokaler Regionalsender, der offenbar eine Immunität gegen Erdbebenschäden besitzt, weil man hier ganz natürlich davon ausgeht, dass er nicht ausgefallen ist. Aber auf welcher Frequenz? Das wird entweder nicht gesagt oder ich habe es beim Wandern durch den Raum nicht mitbekommen. Ich nehme mal letzteres an, denn so katastrophal kann der Katastrophenschutz hier dann doch nicht sein.

Der Fluchtplan besteht erst mal aus fünf oder sechs Zeilen japanischen Textes. Ja, bin ich denn blöd? Ich will schnell aus dem Haus raus, und nicht erst die Höhen und Tiefen japanischer Schriftzeichen und Grammatik analysieren! Ich versuche, das Wichtigste zu erfassen. Da ist ein Bild… aha, das ist schon mal gut. Es stellt ein Viereck dar, unten ist eine bunte Fläche, da steht „Sie sind hier!“ Oben rechts befindet sich ein weiteres Feld, da steht „Fluchtpunkt“ und darüber steht geschrieben, halb im Text versteckt, aber dennoch groß, „3. Stock“. Am linken Rand des Vierecks ist dann noch ein weiteres Feld, daran steht „Fahrstuhl“. Ich nehme also an, dass das Viereck das Gebäude ist. Aber… von meiner Position aus betrachtet, ist der Fahrstuhl rechts den Gang runter und nicht links. Ist das ein Test, in dem man sich die Karte verkehrt herum vorstellen muss? Oder hat irgendein Idiot den Plan falsch gezeichnet? Ich stehe dreißig Sekunden lang wie der Ochse am Berg in der Gegend rum und versuche, aus dem Plan schlau zu werden. Ein paar Pfeile auf dem Papier, um den Weg zu markieren, wären sehr hilfreich gewesen!

Ich entscheide mich dann dafür, den Plan als falschrum zu betrachten, gehe aus der Tür und wende mich nach links. Eine Studentin (die tatsächlich meinen eigenen Rucksack mit dem schweren Zeug drin geschultert hat) folgt mir, um meinen Fluchtweg mit einer Kamera festzuhalten. Ich folge also 30 m weit dem Gang nach links und komme ins Treppenhaus. Ich überlege nur eine halbe Sekunde. Ich erinnere mich daran, dass auf dem Plan die Rede vom dritten Stock war… aber das kann gar nicht sein! Welcher Trottel flieht bei Erdbeben oder Feuer denn die Treppe hoch? Ich folge dem natürlichsten Gedanken und gehe die Treppe runter. Ich passiere dabei einen Stuhl mit (japanischer) Aufschrift, beachte ihn aber nicht weiter – im Notfall würde ich es auch nicht tun, ich will schließlich raus hier. Ich folge im Sturmschritt den „Notausgang“ Schildern, wie man das halt so macht; die Assistentin (vielleicht 1,50 m) keucht hinterher – aber die Notausgänge sind alle zu. Die sind an Wochenenden grundsätzlich abgeschlossen. Was ist denn das für ein Blödsinn? Ich mache also ein Fenster auf und mache Anstalten, hinauszuklettern, aber dann verkündet die Kamerafrau „Übung Ende“. Und führt mich tatsächlich in den dritten Stock! Im dritten Stock liegt tatsächlich der designierte Fluchtpunkt! Haben die von Psychologie denn gar keine Ahnung? Haben die von überhaupt irgendwas Ahnung?
Auf dem genannten Stuhl steht übrigens geschrieben, dass der Keller nicht zum zur Verfügung stehenden Gelände gehört – aber ich kann, in Eile, keinen japanischen Text so schnell lesen, wie ich gehe!

Zur Ermittlung der zurückgelegten Entfernung soll ich zehn Schritte weit gehen. Ich frage extra nach: „Soll ich so gehen wie eben?“ „Aber natürlich!“ Also stürme ich los und komme etwa neun Meter weit, was deutlich weiter ist, als mit der Bodenmarkierung vorgesehen. Der Mann mit der Messlatte staunt. Er fragt meine Begleiterin, ob das so stimme. Sie nickt. Dann soll ich einen Fragebogen ausfüllen, in dem ich meine Beweggründe für dieses oder jenes Verhalten darlegen soll – kundenfreundlich in englischer Sprache. Ich äußere mich (für japanische Begriffe) recht ungehalten über die unsinnige Karte, was den Zeichner (ein Doktorand aus Indien) zu einem „Aha!“ Erlebnis führt, weswegen er sich mit der flachen Hand an die Stirn fasst. Das Viereck auf dem Plan ist nicht etwa das Gebäude – es ist ein Innenhof! Der Gang im Gebäude stellt die Außenseite des imaginären Wohnblocks dar, und man verlässt den „Sie sind hier!“ Punkt nicht aus dem Viereck heraus, sondern in das Viereck hinein! Darauf muss man erst mal kommen! Ich glaube, die Jungs werden die Karte in Zukunft anders machen.

„Warum sind Sie in den Keller gelaufen, wenn doch auf dem Plan steht, dass Sie in den dritten Stock laufen sollen?“ fragt mich einer der Übungsleiter.
„Weil man Gebäude verlässt, indem man die Treppe hinunter-, und nicht hinaufsteigt!“
„Ich verstehe…“ Der andere Deutsche habe genau das gleiche gesagt, erzählt er. „Der andere Deutsche“ kann nur Marc sein, und der hat die japanische Beschriftung des Plans garantiert besser verstanden als ich. Außerdem ist auch der Chinese (also ein geborener Kanjispezialist), der vor mir dran war, die Treppe runter gelaufen. Das sollte dem Team zu denken geben und die Fluchtpunkte in Zukunft realistischer anlegen.
Schließlich muss ich noch einen kurzen Sprachtest machen, der meiner Mittelstufe entspricht. Oder „entsprechen soll“. Da werden Ausdrucksformen und Begriffe abgefragt, die ich noch nie gehört habe (und auch da sagt mir Marc später das Gleiche, was mich doch beruhigt). Als Geschenk erhält jeder ein Taschenradio, sogar mit Digitalanzeige, Uhr und Wecker und einem speziellen Aufdruck, der den Namen des Experiments wiedergibt.
Ich werde von einem Helfer aus dem Gebäude geführt, auf einem Umweg, damit ich nicht mit anderen Probanten zusammenpralle. BiRei gehört ebenfalls zu den freiwilligen Helfern, und weil sie so verloren vor dem Gebäude herumsteht, bleibe ich noch eine Weile und leiste ihr Gesellschaft.

Es scheint, dass zeitgleich eine Veranstaltung für Studenten im letzten Studienjahr stattgefunden hat. Um etwa 17:30 ergießt sich eine Masse von mindestens 100 jungen Männern und Frauen im Geschäftsanzug (!) aus der Mensa und defiliert an uns vorbei. BiRei macht sich über die Jungs lustig.
„Da, schau Dir an, wie klein die alle sind! Die sind kaum größer als ich. Und wie die rumlaufen! Die sehen doch total weibisch aus mit ihren Umhängetaschen am Arm!“ Ich grinse still vor mich hin. Immerhin können die Jungs für ihre Größe nichts. Aber BiReis Idealbild von einem Mann ist nicht schwer zu erraten. Solche, wie die da, gebe es auch in China, sagt sie. Ich glaube, „männliche“ Männer sind in Japan (prozentual) ebenso häufig wie in China, klammert man aus, dass in China zehnmal mehr Menschen (und damit „männliche“ Männer) leben.

Es erscheinen auch immer wieder Mitglieder des Forschungsteams, die meine Darbietung sehr amüsant fanden. Auch die Protokollantin, offenbar Kettenraucherin, kommt zu uns nach draußen, nachdem das Experiment für heute beendet ist. Ich frage sie, warum man neben den Informationsblättern für Mülltrennung nicht auch welche mit Informationen zum Verhalten bei Erdbeben im Rathaus oder (als Student) an der Universität erhalte. Ein A5-Blatt könne wohl nicht so teuer sein? Und dann legt sie los mit einer fünfminütigen Erklärung, von der ich nicht genug verstehe, um auch nur ansatzweise zu wissen, was sie da gerade gesagt hat. Sie redet eine Spur zu schnell für meine Ohren, und nach dieser Informationsflut pocht mir der Schädel.
MinJi kommt vorbei, sie trägt eine große Tüte mit Essen. Sie gehört ebenfalls zu den Helfern und bringt einen Teil des Essens für die „Afterparty“, das gesellige Beisammensein nach der Arbeit, das um 18:30 beginnen soll. Ich könne auch daran teilnehmen, es sei genug für alle da, sagt die Protokollantin, die übrigens 21 Jahre alt ist und wie Anfang Dreißig aussieht. Ich lehne das Angebot dankend ab, Melanie wartet zuhause. MinJi schließt sich der Einladung an. Sie zupft mich am Ärmel, sieht mich an und sagt: „Komm, wir essen zusammen, wir essen zusammen!“ Da bricht mir doch der Schweiß aus! Mal unter Männern gesagt: Wenn MinJi Dich mit ihren hübschen Äuglein auffordernd anschaut und Dich mit der ihr eigenen Art um etwas bittet, dann sagst Du nicht einfach so Nein.
Ich tue es aber trotzdem und sehe zu, dass ich wegkomme, bevor ich umkippe. Ich flüchte sogar zuerst in die falsche Richtung, obwohl mein Fahrrad unter der Treppe der Bibliothek steht. Natürlich bereue ich das (ein ganz kleines bisschen), aber ich glaube, es war richtig so. Ich war ja schon überrascht (ist das das richtige Wort?) genug, als sie eingangs sagte, sie wolle meine Augen anfassen, weil ihr die Farbe so gut gefalle. Da kam ich mir schon vor wie im Schnellkochtopf.
Ich fahre also nach Hause und gehe mit Melanie zum Essen. SangSu hört uns beim Hinausgehen auf dem Gang reden und zeigt uns stolz die Sommerklamotten, die er sich heute gekauft hat. Sehen gut aus. Ich glaube, ich will auch so ein Hemd. Aber ich habe Hunger (und damit noch weniger Sinn für Ästhetik als sonst) und wir radeln los. Ich bestelle mir gebratene Leberstücke mit Sojasprossen und Reis, dazu Misosuppe. Ich wusste nicht, dass man Leber so gut machen kann… zuhause kann ich Leber essen, auch mit Genuss, aber danach braucht es erst mal eine Zeitlang keine mehr zu geben. Das hier scheint mir beinahe was Anderes zu sein. Die Leber kaut sich sehr angenehm und schmeckt dezenter nach Leber, als ich das gewohnt bin.
Wir beenden den Tag später mit den Anime, die wir in den letzten Tagen aufgenommen haben.

14. Mai 2024

Freitag, 14.05.2004 – Wenn mir schon was einfällt…

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Mit Hilfe der morgendlichen Vorbereitungszeit ist der Kanjitest ein wahrer Spaziergang. Der Test wird heute auf die Rückseite des alten Tests geschrieben, weil Ogasawara-sensei vergessen hat, den neuen zu kopieren.

Dann fährt Kuramata-sensei mit seinem Seminar über Reis fort. Er geht zuerst noch kurz auf Sannai Maruyama ein und geht dann zu der Genetik der Reispflanze über. Eigentlich müsste man sagen, dass er über Genetik im Allgemeinen redet, was es damit auf sich hat und wer sich in dem Fach besonders hervorgetan hat. Nach sechzig Minuten ist er damit fertig, aber er will uns eine halbe Stunde vor Ende der Stunde noch nicht gehen lassen, also regt er uns zu Fragen an. Mir fällt sogar ausnahmsweise was dazu ein.

„Wenn die Jômon Leute keinen Reis kultiviert haben, warum beschäftigt sich das Seminar damit?“
Kuramata lacht darüber (hätte ich in dieser Situation auch gemacht) und sagt, dass das Seminar doch eine tolle Gelegenheit sei, uns völlig umsonst die Ruinen in Aomori zu zeigen. Sehr gute Antwort. Direkt, ohne Umschweife und ehrlich. Da stimme ich ihm natürlich zu. Außerdem, fährt er fort, sei erwiesen, dass die Menschen dort Nussbäume gepflanzt hätten, um sich auf diese Art und Weise Nahrungsquellen zu erschließen. Nun seien (japanische) Forscher natürlich Feuer und Flamme, den Beweis zu finden, dass man vor 7000 Jahren vielleicht bereits wilden Reis angepflanzt hat. Reisanbau wird (offiziell) seit der Yayoi-Periode betrieben, und die begann 300 vor Christus. Dann ist natürlich anzunehmen, dass Reisanbau – in Ansätzen – bereits in der Jômon-Zeit betrieben worden sein muss, aber meiner Meinung nach wohl erst in der Spätzeit, je nachdem, wie lange man gebraucht hat, um herauszufinden, dass Reis besser gedeiht, wenn er in einem Feld wächst, das unter Wasser steht. Aber zu hoffen, dass Reis schon 5000 Jahre früher so weit in den Norden verbreitet worden war, halte ich für etwas enthusiastisch. Es ist was ganz anderes, Nüsse von einem Baum zu pflücken, als die Früchte einer Grasart als essbar zu erkennen, wenn man diese vorher zubereiten muss. Aber gut… auch diese Nüsse mussten erst einmal eine Zeitlang in Wasser eingelegt werden, um den bitteren Eigengeschmack zu mildern. Darauf muss man auch erst mal kommen.

„Warum kann man eigentlich nicht ganz regulär Reis aus ganz Japan in den Supermärkten kaufen?“
Aber schon als ich die Frage ausgesprochen habe, ist mir der Fall selbst klar, obwohl Kuramata nur sagt, es sei zu teuer, und er nennt dabei den hohen Arbeitskräfteeinsatz. Trotz der Hochtechnologie, für die dieses Land bekannt ist, wird Reis immer noch weitgehend mit relativ primitiven Methoden angebaut und geerntet: Mit bloßen Händen und barfuß im Reisfeld. Dabei gibt es Maschinen dafür (von der Firma „Kubota“, wie ich jeden Samstagmorgen in der Werbung erfahre), und wenn es keine gäbe, könnte man locker welche bauen. Statt die Modernisierung der Reiswirtschaft voranzutreiben (und damit nicht wenige Bauern, auf die sich die Regierungspartei LDP stützt, in den Ruin zu treiben oder auf andere Produkte umsteigen zu lassen) wird die Landwirtschaft mit Milliardenbeträgen subventioniert und ist in keinem Fall konkurrenzfähig, soweit es das asiatische Ausland betrifft. Bevor ich nach Japan kam, dachte ich, Reis müsse in ostasiatischen Staaten allgemein sehr billig sein, weil er ja massenweise vor Ort angebaut wird. Aber nichts war’s damit. 10 kg japanischer Reis, aus der Gegend, in der ich ihn auch kaufe, kostet mich umgerechnet etwa 30 Euro. Wenn ich mich mit thailändischem Bruchreis begnüge, der den halben Globus entfernt angebaut wird, kosten mich 22,5 kg in Deutschland sogar gerade einmal knapp 20 E.[1]

Aber zurück zu dem hiesigen Reisverteilungsproblem: Ich erinnere mich an den Unterricht bei Kondô, kombiniere ein paar Informationen und erkenne, was hier gespielt wird. Die landesweite Verteilung der Ernte ist wegen der hohen Autobahngebühren unerschwinglich, und würde man diese Aufgabe mit Hilfe der Küstenschifffahrt zu bewältigen versuchen, wären es die von der Schiffergewerkschaft erstrittenen, hohen Personalkosten der Seeleute, die den Preis pro Sack in die Höhe trieben. Kurzum, man könnte sich in Kyûshû den Reis aus Aomori gar nicht leisten! Also lässt man es gleich sein, propagiert den Reis vom Feld 500 m weiter als das Nonplusultra, und beschränkt sich im Binnenhandel auf bestimmte Feinschmeckersorten (wer auch immer diese zu solchen erklärt), die dann natürlich auch einen Feinschmeckerpreis haben. Oder vielleicht ist auch jemand auf die Idee gekommen, „exotischen“ Reis zu verkaufen, und behauptet, der Reis sei teuer, weil er besonders gut sei – die Leute glauben ja viel. Kaviar schmeckt wahrscheinlich ebenfalls nur deshalb so umwerfend, weil er teuer ist. Man kommt sich ja vor wie in feudalen Zeiten! Die innerjapanischen Zölle sind zwar abgeschafft, aber deren Platz wurde von den Autobahngebühren eingenommen.

„Wie groß ist das Interesse der Konsumenten eigentlich an genetisch bearbeitetem Reis, den die Forscher dieser Tage ja bis auf das letzte Chromosomenpaar analysieren wollen? Wozu ist die Arbeit eigentlich gut?“
Oh, die Japaner seien strikt gegen genmanipuliertes Material. Vor allem die Bemühungen der USA, ihre „Designersojabohnen“ nach Japan zu exportieren, machten Schlagzeilen. Auf vielen Nattô-Packungen wird extra darauf hingewiesen, dass es sich um einwandfreie japanische Bohnen ohne Eingriffe technischer Art handele. Ich interpretiere also, dass genmanipulierter Reis nicht sehr freundlich angenommen würde und die ganze Genforschung auf diesem Gebiet nur dazu dient, wissenschaftliche Bücher zu füllen… und wenn man auf den Sack nicht draufschreibt, dass an dem Reis herumgeschraubt wurde, merkt es auch keiner. Oder aber man definiert „genetisch manipuliert“ entsprechend so, dass das Verfahren nicht in die Definition fällt. Sehr japanisch und einfach wäre auch ein Gesetz, nach dem nur Importwaren als „genmanipuliert“ gekennzeichnet werden müssen, und das somit die innerjapanische Angabepflicht unter den Teppich kehrt.

Damit habe ich die Restzeit auf zehn Minuten reduziert und wir können gehen. Ich schlage noch eine Stunde im Center mit Postschreiben tot, in der Hoffnung, dass der richtige Rechner mal wieder frei wird. Aber natürlich wird man dabei für gewöhnlich herb enttäuscht. Dafür findet heute wohl ein Treffen von Gastfamilien mit einigen der neuen Studenten statt. Im Hintergrund läuft Klaviergeklimper klassischer Art.

Um 16:45 fahre ich mit Melanie zum Sushi Shôgun und genehmige mir das Sushi, das mir am Mittwoch verwehrt geblieben ist. Markant: „Kaiten Sushi“! Das bedeutet, das verfügbare Angebot rollt auf einem Fließband vorbei und man nimmt sich, was man haben möchte. Wenn man etwas auf dem Fließband vermisst, kann man es bestellen, das ändert an dem Preis von 100 Yen pro Teller nichts, auf dem, je nach Materialwert, ein oder zwei Röllchen zu finden sind. Es rollt aber auch Fruchtsaft, Obst und Pudding vorbei. Es könnte etwas kühler serviert werden, aber das eine oder andere Stück ist geschmacklich wirklich eine Sensation, für die es zu morden lohnt. Übrigens ist das der Laden, vor dem wir mit Ricci und Ronald damals gestanden haben, nachdem wir aus dem Kino gekommen waren.[2]

Melanie fährt nach dem Essen nach Hause und ich in die Bibliothek. Leider habe ich mein Tagebuch zuhause vergessen, kann also nichts schreiben. Ich beschäftige mich anderweitig bis halb Neun, und gehe dann erst heim, um mir endlich die „SailorMoon“ Episode von letzter Woche anzusehen, bevor morgen wieder die nächste kommt.

Die hinterhältige Sängerin Mio setzt ihr niederträchtiges Werk fort und streut das Gerücht, Minako werde ein Live-Konzert geben. Usagi hilft bei den Aufbauarbeiten und schließlich erscheinen ein paar Dutzend Oberschüler, die lautstark nach Minako verlangen. Übrigens straft diese (quantitativ) äußerst lächerliche Fantruppe, die da vor der Bühne steht, das Aufhebens Lügen, das um Minako in dieser Serie als „Star“ gemacht wird – oder aber die Mund-zu-Mund-Propaganda ihrer Gegnerin war reichlich ineffektiv. Natürlich zielt diese Aktion darauf ab, Usagi (und Minako) den Unmut der Fans zuzuschustern, denn es war ja nie geplant, dass Minako erscheinen solle. Und Mio kann sich bei der treu-doofen Usagi darauf verlassen, dass sie, aus welchem fadenscheinigen Grund auch immer, den nicht einmal ein Japaner nachvollziehen könnte, die Verantwortung für den Fehlschlag auf sich nimmt. Während Usagi also bereits zur Entschuldigungsrede ansetzt, dass Minako wohl nicht kommen werde (und eigentlich nur noch die faulen Tomaten fehlen), geht das Licht aus und Minako erscheint tatsächlich – wenn auch auf ihrer eigenen Bühne (umgebauter LKW) ein paar Schritte weiter. Uh, ein neues Lied! Dann bleiben wir diesmal also von „C’est la vie!“ verschont. Aber was heißt „verschont“? Das Lied ist ja nicht schlecht, aber es immer wieder zu hören, ist ein bisschen viel.
Der Plan der Rivalin ist also vereitelt, die hier in einem äußerst sinnvollen Monolog hinter der Bühne offenbart, wie sehr sie die beiden hasst, und alle, die zu ihnen gehören.
Während des Konzerts erscheint allerdings, wie sollte es anders sein, der starke Yôma wieder, mit dem die Senshi in der vergangenen Episode nicht fertig geworden sind. SailorMoon macht das ganz locker und pustet das Monster mit ihrer neuen „Herzschmerzraketenwerfer“ Attacke („Moon Twilight Flash!“), für die mir auf die Schnelle keine bessere Bezeichnung einfällt, einfach so im Alleingang weg. Und die Widersacherin scheint nicht einfach nur boshaft zu sein – sie kann „was“: Naru hält auch weiterhin zu Usagi und stellt Mio zur Rede, da das Gerücht aufgetaucht ist, ihre Verletzung an der Hand (aus der vergangenen
Episode) habe sie Usagi verdanken. Mio stützt das Gerücht, indem sie geschickt (?) das exakte Gegenteil behauptet und die Angelegenheit so aussehen lässt, als beuge sie die Wahrheit, um Schaden von Usagi abzuwenden. Naru fängt sich also einen bösen Blick ein und geht mit starken Kopfschmerzen in die Knie. Aha, also dunkle Kräfte am Werk! Andererseits kann ich ihre Reaktion gut verstehen, weil sich meine Sehnerven auch ständig verkrampfen, wenn ich dieses spitznasige Schrapnell auf dem Bildschirm sehen muss.[3] Sie heißt übrigens mit vollem Namen „Kuroki Mio“, und wenn ich Kuraki Mai wäre, würde ich den Sender deswegen verklagen. 🙂


[1] Nachtrag 2010: Mittlerweile sind die Reissäcke auf 20 kg geschrumpft und die Preise auf 27 E gestiegen.

[2] Bei dem Namen „Sushi Shôgun“ handelt es sich übrigens um ein Wortspiel. Den Koch eines Sushiladens, also den Hauptverantwortlichen für das Herstellen des Essens, nennt man traditionell „Taishô“, und das bedeutet „General“. Der „Shôgun“ dagegen ist der „Generalissimus“, der „militärische Oberbefehlshaber“, und somit über dem Taishô angesiedelt, womit wohl eine Aussage über die angebotene Qualität des Lokals gemacht oder suggeriert werden soll.

[3] Die Schauspielerin wirkt natürlich sehr nett, den Interviews nach zu urteilen.

13. Mai 2024

Donnerstag, 13.05.2004 – In Kürze

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Nach Yamazakis Unterricht schreibe ich den Bericht zum 01. Mai fertig – endlich! Und den 02. und 03. Mai gleich dazu, da war nicht sonderlich viel los. Um 17:00 bin ich soweit mit allem fertig, dass ich eigentlich gehen könnte, aber ich finde natürlich noch die eine oder andere Beschäftigung (wie zum Beispiel Textkorrekturen), die mich dann doch bis 20:00 auf meinem Stuhl festhalten.

Zuhause gehe ich auch bald schlafen… für morgen sind nur 20 Kanji zu lernen, die ich im Großen und Ganzen bereits beherrsche. Ich fange dann morgen früh um 06:00 an, damit habe ich dann zwei Stunden Zeit, um das Häufchen zu wiederholen.

12. Mai 2024

Mittwoch, 12.05.2004 – Gebackene Teigfladen

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 22:19

Ich stehe um 05:30 auf und mache mich an die Arbeit. Und die geht auch gleich viel leichter von der Hand, wenn man ausgeschlafen ist! Dennoch hindert mich dieser Umstand nicht daran, während Yamazakis Unterricht vor Langeweile beinahe vom Stuhl zu fallen. Das spannendste Ereignis war noch, dass in diesem Saal der Kassettenrekorder fehlt und Yamazaki sich selbst einen organisieren musste. Und er bringt ihn, den Regeln entsprechend, auch wieder zurück, was ihrerseits Ogasawara-sensei dazu zwingt, selbst irgendwo einen herzubekommen, da wir uns heute ein Lied über Zuckerrohrfelder in Okinawa anhören sollen.
Dabei fällt mir die Ausrüstung dieser Universität wieder deutlich ins Auge. In jedem der Säle befinden sich ein großer Fernseher, dazu ein Videogerät für Kassetten und DVDs, und daneben noch ein Kassettenrekorder für MCs, CDs und MDs. Das will ich mal in Deutschland an einer staatlichen Uni sehen! Yamazaki-sensei bedient das Gerät neuerdings sogar mit einer Art Taschen-PC (?), indem er die Tondaten auf der MD mit einer Wellenlänge von 76,6 MHz auf die Antenne des Radios überträgt. Warum er die MD nicht einfach direkt in die Stereoanlage schiebt, ist mir schleierhaft.

In der Mittagspause verpacke ich zwei verkaufte Artbooks und rede ein bisschen mit BiRei, die heute den Wunsch äußert, auch mal was von Deutschland zu sehen.

Danach tritt Kondô-sensei in Aktion. Oder eigentlich trete ich in Aktion, weil ich ja einen Vortrag über das japanische Autobahnsystem halte, im Hinblick auf dessen Finanzierung. Das dauert auch gleich 70 Minuten, weil für Mei alles noch ins Japanische, bzw. Koreanische übersetzt werden muss, je nachdem, ob Kondô selbst meine Aussage zusammenfasst oder ob er SangSu „an die Front schickt“. Misi ist nicht erschienen, obwohl das eigentlich ganz ratsam wäre, da er nächste Woche über die zweite Hälfte des Aufsatzes reden soll.
MunJu fragt mich nach dem Unterricht nach dem deutschen Universitätssystem, nach Studiendauer, nach Finanzierung des Studiums und der Universitäten. Sie macht sich Notizen? Hat sie was Offizielles damit vor? Ich kann allerdings gerade nicht die Motivation aufbringen, danach zu fragen.

Dann ist Hugosson an der Reihe und erzählt uns was über NPOs in Japan, von denen es mittlerweile 16000 gebe, Tendenz steigend. Der Anfang sei das Erdbeben in Kobe gewesen, wo aus dem ganzen Land auf individuelle Initiative hin eine Flut von 1,5 Millionen freiwilligen Helfern eingetroffen war, die sich wegen des eklatanten Kompetenzmangels der staatlichen Hilfsorganisationen in kürzester Zeit selbst organisierten.
Es gibt natürlich schon seit langer Zeit Nachbarschaftsorganisationen, die ebenfalls in die Definition der NPOs fallen. In feudalen Zeiten und bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges handelte es sich dabei um eine Kontrollmöglichkeit der Regierung, um ein Auge auf die Leute werfen zu können. Auch die modernen Nachbarschaftsorganisationen lassen neu hinzugezogenen Anwohnern nicht wirklich eine Wahl, ob sie beitreten wollen oder nicht. Natürlich wird man heutzutage nicht mehr gekreuzigt – man wird ausgegrenzt. Und wer will das schon? Dafür werden Feste organisiert, wie zum Beispiel die „Undôkai“ – „Sportfeste“ – genannten Saufgelage, die ihren Namen nur deshalb tragen, weil die Kinder „organisiert spielen gehen“, während die Erwachsenen ihren asiatischen Enzymdefekt, Alkohol im Blut weniger gut als Europäer abbauen zu können, mit Nichtbeachtung strafen. Oder aber, was doch ganz nützlich ist, man zieht sich Gummistiefel an und sammelt den Müll aus einem „Fluss“, also diesen hässlich kanalisierten Gewässern – und dann geht man was trinken!
Für die kommende Stunde erhalten wir eine Hausaufgabe, wir bekommen Internetlinks mit Informationsquellen und sollen kurze Vorträge über die sozialen Sicherungssysteme unserer Heimatländer halten. Hurra, Deutschland!

Dann ist der Unterricht endlich gelaufen; ich treffe Melanie und fahre mit ihr ins „BariBari“, um Okonomiyaki zu essen. Nach einem unnötigen Umweg zum „Sushi Shôgun“ am Kaufhaus Sakurano heißt das, wo wir feststellten, dass der Laden mittwochs zu hat! Also dann halt gebackene Teigfladen zum Selbstanrühren. Da wollten wir eh schon länger mal hin.
Wir kriegen auch gleich ein Tabehôdai aufs Auge gedrückt, weil uns ein paar Details nicht bekannt sind. Man kann die Gerichte ja schließlich auch einzeln bestellen, aber auf den Gedanken komme ich gerade gar nicht, weil ich solchen Hunger habe. Genau genommen handelt es sich um ein Tabe-nomi-hôdai für 2000 Yen pro Nase, was zwar heißt, dass man essen und trinken kann, so viel man will, aber ich bin hier um zu essen – und da nehme ich für gewöhnlich nicht mehr als einen halben Liter Wasser zu mir. Man könne kein Tabehôdai ohne gleichzeitiges Nomihôdai machen, heißt es, aber umgekehrt ginge das schon. Wäre ich zum Trinken hier, und das Nomihôdai kostet nur um die 1000 Yen, würde sich das wirklich lohnen, denn die Getränkekarte ist recht großzügig: Die enthält sogar „echte“ alkoholische Getränke. Im „SkattLand“ gibt es ja nur „Sour“ und Softdrinks für diesen Preis. Die Dauer ist begrenzt auf 90 Minuten… mal sehen, was in der Zeit alles reinpasst. Ich will von den 2000 Yen auch möglichst viel haben.
Es gibt hier nur Knietische… autsch! Es ist nichts los, also suche ich mir einen Platz in der Ecke des Raums, damit ich die Wand im Rücken habe, und – römische Dekadenz hin oder her – meine Beine längs des Tisches ausstrecken kann. Unter den Tisch passen sie nicht, weil sich dort die Heizvorrichtung für die Backfläche befindet.

Ich trinke dann auch tatsächlich nur ein großes Glas Wasser – esse dafür aber drei Okonomiyaki. Mehr geht auch nicht in 90 Minuten… man muss die Dinger ja mit den Zutaten selbst machen. Man bezahlt hier, wie in wohl so ziemlich jedem Okonomiyaki-Restaurant, nicht die Arbeit eines Kochs, man bekommt die Zutaten auf den Tisch und macht sich das Essen selbst. Von daher sind die Preise meines Erachtens etwas stark.
Man bekommt also die Schüssel mit etwas Teig, Ei, Kraut und verschiedenen Zutaten, wie z.B. Ingwer (zum Glück war nicht viel dran – ich hasse eingelegten Ingwer), Käse, Krabben, Tintenfischstücke oder verschiedene Fleischsorten, je nach Angebot. Das Ganze wird verrührt und dann auf die geölte Bratplatte verteilt, mit einem Durchmesser von vielleicht 15 cm, 4 cm hoch, und gleichmäßig angebraten. Man sollte noch Soße und Mayonnaise darauf verteilen, des Weiteren auch Fischflocken und Aonori (Blaualgen) Puder. Man sollte es gegessen haben, wenn man schon nach Japan kommt. Ist wirklich gut. Nur das Selbermachen nervt.

Melanie isst nur einen solchen Fladen und wendet sich dann einer Reihe von Vorspeisen wie frittiertem Huhn, Kartoffeln und „Omuraisu Cheese“ zu. Bei „Omuraisu“ handelt es sich eigentlich um Reis in einem Omelett, daher der Name, aber in dieser Käsevariante ist überhaupt kein Reis drin – es handelt sich eigentlich nur um ein zugeklapptes Omelett mit Käsefüllung. Diese Sondergerichte allerdings treiben den Preis pro Person um 300 Yen in die Höhe – wer lesen kann, ist klar im Vorteil! An der Wand hängt ein Plakat, auf dem genau das geschrieben steht, aber da wir, anders als Einheimische, informative Inhalte nicht auf einen Blick erkennen können, sondern die Schriftzeichen analysieren müssen, bemerken wir das erst, als es ans Bezahlen geht.
Stelle fest: Tabehôdai lohnt sich hier nicht. Dann lieber drei Okonomiyaki ohne Zeitdruck essen (ich esse eh ziemlich schnell) und 500 Yen weniger dafür ausgeben.

Während des Essens kommt auch eine „Kernfamilie“ in das Lokal, also Eltern mit einem Kind. Und was für eine Familie! Er sieht aus, als hätte er den örtlichen HipHop-Laden ausgeraubt und sie scheint mir dem Ganguro-Milieu nahe zu stehen (Ganguro sind die Mädchen, die sich die Gesichter braun färben und Klamotten tragen, deren Extravaganz eigentlich nur von Cosplayern übertroffen wird). Ich schätze die beiden auf Mitte bis Ende Zwanzig, ihre Tochter auf etwa fünf Jahre. Und die Kleine ist… recht lebhaft, um es so zu nennen. So patscht sie unserer Kellnerin auf den Allerwertesten (die muss sich ja hinknien, um die Zutaten zu servieren) und ruft „Daikô!“. Jetzt habe ich natürlich so einen Verdacht und suche die sino-japanische Lesung des Kanjis für „Shiri“ in meinem elektronischen Wörterbuch… ja, sie lautet „kô“. Das kleine Balg hat eben lautstark die Größe des Hinterns der Kellnerin mokiert. Die lacht verlegen und ich möchte wetten, dass sie gerade hofft, dass die beiden Ausländer da in der Ecke keine Ahnung haben, was für ein Begriff da gerade eben in den Raum gestellt wurde. Die Eltern stören sich daran nicht besonders. Ich dachte, Entschuldigungen für alles, was auch nur entfernt unangenehm sein könnte, seien eine japanische Eigenart? Nicht bei den dreien hier. Nun gut, die Kellnerin (vielleicht 20 Jahre alt) ist zu meinem Wohlgefallen wirklich nicht dürr in der Hose (ohne „dick“ zu sein allerdings, sie liegt nahe an der „Goldenen Mitte“). Aber dennoch…
Wollte ich die Eltern nach ihrem Aussehen beurteilen (was man natürlich unterlassen sollte), dann würde ich annehmen, dass der Nachwuchs nicht das Ergebnis vorheriger Planung war, sondern eher eine Art Unfall.

Auf dem Rückweg zahle ich meine Miete am Bankautomaten, und mache noch einen „Umweg“ in die entgegengesetzte Richtung, zur Bibliothek, aber viel gearbeitet kriege ich heute natürlich nicht mehr.

Dienstag, 11.05.2004 – Das Dunkle Geheimnis[1]

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 22:06

Ich gehe früh, mit Melanie zusammen, zur Universität, damit ich noch vor Beginn des Unterrichts damit beginnen kann, meine Post zu bearbeiten. Ich sitze also bis 14:10 in der Bibliothek.

Kondô-sensei hat heute einen Herrn Kôdô zu Gast, der, wie auch sein Vorgänger vergangene Woche, über geschäftliche Dinge redet. Allerdings macht Kôdô-san das ganz anders als Tsushima-san, und er ist auch nicht selbständig, sondern der Chef der hiesigen Filiale der Versicherung „Tokio Marine & Fire“. Dabei handelt es sich um eine finanziell bedeutende Versicherung in Japan.
Er lässt Einzelheiten seines Werdegangs weg und redet ausschließlich über die Begleiterscheinungen eines Versicherungsunternehmens und wo japanische Besonderheiten liegen. Zum Beispiel schreibt sich der Name seiner Versicherung tatsächlich in westlicher Umschrift, und zwar auf die deutsche Art und Weise „Tokio“ mit „i“ (anstatt wie im Englischen: „Tokyo“), wie zur Meiji-Zeit (1868-1912). Es handele sich um die gewissermaßen graphemische Darstellung der langen Geschichte und der hohen Erfahrung des Hauses.
Des Weiteren gebe es sowohl „Fire & Marine“ als auch „Marine & Fire“ Versicherungen, und die Reihenfolge der Begriffe zeige, ob die Gesellschaft bei ihrer Gründung mit Brand- oder Seefahrtspolicen begonnen habe. Weiterhin neigten „Feuer“ Versicherungen dazu, eher Privatleute, Individuen und ihre Familienhaushalte, zu versichern, während „Marine“ Versicherungen sich mehr an Geschäftskunden, also ganze Unternehmen, wendeten. Tokio Marine & Fire ist also eine solche und Kôdô-san erzählt, dass man hierbei viel höhere Prämien erhalte. Ganz klar, es geht ja auch um wesentlich wertvollere Policen. In diesem Zusammenhang sei es besonders günstig, Mitglied der Handelskammer zu sein, weil man gerade dort viele potentielle Kunden treffe.
Dann geht er auf finanzielle Dinge und Ersatzansprüche ein und kommt schließlich auf Erdbeben zu sprechen. Natürlich könne man sich gegen solche Fälle versichern, wegen der relativen Häufigkeit von Erdbeben in Japan aber nur bis zu einer bestimmten Summe, umgerechnet 400.000 E. Bei einem einzelnen Autounfall können, je nach Situation, schon einmal eine Million (Euro) herausspringen, aber bei Naturkatastrophen sei das wegen des großräumigen Schadensausmaßes und des damit verbundenen Liquiditätsproblems nicht zu machen. Gewissermaßen als Anekdote fügt er hinzu, dass das World Trade Center in New York in erster Linie von einem japanischen Unternehmen versichert worden sei. Diese Firma habe zwar ein paar Stücke vom Kuchen an Subunternehmer weiterverkauft, sei aber in Folge der Anschläge vom 11. September völlig ruiniert gewesen.
Wir werden auch diesmal gebeten, eine kurze Beurteilung des Vortrags zu verfassen.

Dann gehe ich ins Center. Nim hat mir am Morgen zwei kleine Schokoriegel geschenkt und einen davon gebe ich Melanie. Jû bemerkt das, rückt zu mir herüber und fragt in einem schelmischen Tonfall: „Oh, Du hast was zu verschenken?“ Ich gebe ihm den zweiten Riegel, weil ich eigentlich wenig Interesse daran habe. Das wiederum wird von MinJi bemerkt, und sie sieht mich sehr bittend an. Ich spüre schon wieder diese aufkeimende Hitze in meinem Kopf, aber ich habe keinen Schokoriegel mehr. Jû gibt ihr daraufhin die Hälfte von seinem.

Am frühen Abend fahre ich mit meiner Datenübertragung fort, aber ich komme wegen Zeitmangels nicht besonders weit. Immerhin habe ich jetzt meine Fotos wieder auf dem richtigen Rechner liegen. Ich würde den Memorystick also noch eine Weile brauchen und Misi überlässt ihn mir.
Ich fahre nach Hause. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass ich Misis Memorystick während der Fahrt verloren haben muss! Grande Catastrophe. Aber ich erinnere mich an einen sanften Schlag an meiner Hose auf den letzten 75 m vor der Ampel am „King Kong“. Eigentlich dachte ich, es sei ein kleiner Stein gewesen, der durch das Vorderrad weggeschleudert worden war. Möglicherweise und hoffentlich muss ich diese „Hypothese“ überarbeiten – und neu prüfen, und das sofort. Ich ziehe meine Schuhe wieder an und verfluche die schwache Straßenbeleuchtung. Und meine eigene Fahrlässigkeit. „Tu’s in Deinen Geldbeutel!“ hatte er gesagt. „Ich hab noch nie was einfach so aus meiner Hosentasche verloren“, sagte ich dazu.
Ich untersuche minutiös Bürgersteig und Fahrbahnrand ab der Ampel, am Ministop vorbei nach Norden. Die Beleuchtung ist wirklich mies, aber die vorbeifahrenden Wagen sorgen für „Gefechtsfeldbeleuchtung“. Fünfzig Meter hinter dem Ministop finde ich den gesuchten Gegenstand in der (trockenen) Regenrinne wieder, zumindest äußerlich unbeschadet. So weit habe ich also Glück, und durch den kleinen umhüllenden Lederbeutel hat die Plastikoberfläche nicht einmal einen Kratzer, und es scheint auch kein Wagen drübergerollt zu sein. Ob das Stück allerdings tatsächlich noch funktioniert, werde ich erst morgen erfahren. Diesen Vorgang sollte ich Misi besser verschweigen, sonst leiht er mir den Speicherstein nie wieder.

Ich gehe nach Hause und früh schlafen; ich muss auch früh wieder aufstehen, um die Vokabeln zu wiederholen, mit denen ich heute Morgen begonnen habe.


[1] Dieser Eintrag ging durch einen Fehler beim Speichern der Datei verloren und wurde anhand des Manuskripts am 23. Januar 2006 rekonstruiert.

Freitag, 07.05.2004 – Auf altem Boden

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 11:46

Wir haben uns einen guten Tag ausgesucht, um die Ruinen von Sannai Maruyama in Aomori zu sehen. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, wenn auch der kräftige Wind ein wenig kühl ist. Und beinahe hätte ich den Abfahrtstermin verpasst, weil ich in mein Schrifttum so versunken war. Melanie holt mich im 12:31 aus der Bibliothek und ich mache mich im Dauerlauf auf den Weg zum Bus.
Die Fahrt dauert eine Stunde bei einer Entfernung von ca. 50 km. Ich nutze die Zeit, um das Handout von Hugosson zum Thema NGOs, NPOs usw. zu lesen. Es handelt sich um einen Auszug aus seiner Doktorarbeit und die Angelegenheit liest sich dem entsprechend „spannend“. Die Angelegenheit ist sogar doppelt langweilig, weil mich eingehendere Wirtschaftsstudien nicht die Bohne interessieren. Das letzte Drittel braucht genauso viel Zeit wie die vorangegangenen Abschnitte zusammen, weil ich mich kaum noch konzentrieren kann und die Erläuterungen dreimal lesen muss, um sie zu verstehen. Ich gleite oft genug nur noch mit den Augen über die Zeilen, sehe die Wörter, erfasse aber den Sinngehalt nicht mehr.

Wir kommen dann endlich an und man weist uns einen älteren Herrn als Führer zu. Es handelt sich um einen freiwilligen Helfer, direkt passend zu meinem Text eben, der über ein überraschend gutes Englisch verfügt.
Man kann schnell erkennen, dass die Reste des Stadions, das hier errichtet werden sollte, zum Fund der Siedlung geführt hat und auf den Luftaufnahmen noch zu sehen war, längst entfernt worden sind. Und das, was man hier von der 7000 Jahre alten Anlage besichtigen kann, ist eigentlich nur ein geringer Teil dessen, was tatsächlich vorhanden ist. Man hat vor ein paar Jahren alles ausgegraben, analysiert und erfasst und anschließend wieder eingegraben, um das Material vor dem Einfluss von Wind und Wetter zu schützen. In Europa hätte man wohl alles offen gelassen und die Anlage überdacht.

Die Größe der Siedlung ist dabei der Umstand, der es notwendig machte, die Geschichtsbücher umzuschreiben. So war man bisher davon ausgegangen, dass die Dörfer der damaligen Jäger- und Sammlerkultur nicht mehr als einige Dutzend Menschen beherbergt haben dürften, weil es noch nicht möglich war, Nahrungsmittel effektiv zu lagern oder überhaupt anzubauen. Damals gab es noch keinen Reisanbau – womit der Besuch dieses Freilichtmuseums streng genommen das Thema des Seminars verfehlt. Die Ausgrabungen haben aber aufgezeigt, dass hier etwa 500 Menschen zur gleichen Zeit gelebt haben. Die Müllhalden der damaligen Bewohner legen Zeugnis darüber ab, dass die Gewässer fischreich genug waren, um eine solche Anzahl von Menschen zu ernähren und auch noch weitgehend auf das Jagen verzichten zu lassen. Man findet kaum Überreste von Landtieren in den Abfallhaufen, und das, obwohl die Siedlung etwa 1400 Jahre lang bestanden haben dürfte, bis ein globaler Klimaumschwung zu einer Abkühlung führte, die die Winter strenger machte und die Küste nach und nach auf ihren jetzigen Stand einige Kilometer weiter nördlich verlagerte. Der Meeresspiegel sank um fünf Meter, und 80 % dessen, was heute die Stadt Aomori ist, wurde damals vom Wasser erst freigegeben.
Trotz der an sich großzügigen Natur war die Kindersterblichkeit hoch, die Angaben schwanken zwischen 60 und 80 %. Kinder bis zu drei Jahren wurden übrigens in speziellen Tongefäßen beerdigt. Nach zwei Jahren grub man sie wieder aus, säuberte die Gebeine und beerdigte sie aufs neue, während Erwachsene in Erdkuhlen gelegt wurden und ein paar Beigaben erhielten, dann aber nicht mehr „bearbeitet“ wurden.

Interessant ist auch der etwa 20 m hohe Turm. Er besteht aus zwei „Stockwerken“ (ohne Leiter oder ähnliches allerdings) an vier dicken Baumstämmen. Es handelt sich natürlich um eine Rekonstruktion; der eigentliche Fundplatz befindet sich einige Meter weiter in einem der kleinen Gebäude, die die wichtigsten Stücke oder Fundstellen vor Umwelteinflüssen schützen. Das Original, bzw. die Vorstellung davon, sorgt bei Archäologen gewissermaßen für schlaflose Nächte, weil erstens Baumstämme dieser Größe in Japan sehr selten waren und  sind (das Rohmaterial für die Replik stammt aus Sibirien), weil zweitens das damalige Werkzeug kaum zugelassen haben dürfte, solche Stämme zu bearbeiten, und weil drittens niemand eine Vorstellung davon hat, wie die Stämme aufgerichtet worden sein könnten. Schließlich handelt es sich um mehrere Tonnen Holz. Eines dagegen ist sicher: Es handelte sich nicht um einen Wachturm im kriegerischen Sinne. Es scheint sehr friedlich zugegangen zu sein in dieser Gegend. Keiner der Knochenfunde weist Spuren von Waffengewalt auf. Man geht davon aus, dass es sich um eine weit sichtbare, künstliche Landmarke gehandelt hat. Das senkrechte Aufrichten von kleineren Konstrukten jedoch scheint bereits kein Problem gewesen zu sein: In dem kleinen Museumsgebäude entdecke ich ein einfaches, aber nichtsdestotrotz effektives Senkblei – ein Stein von ca. 500 g an einer Schnur aus Flechten. Zum Schluss werden noch ein paar Gruppenfotos gemacht und ich sehe mir vor der Rückfahrt noch einen kurzen Werbefilm über die Anlage an.

Man hat von dem Gelände übrigens einen sehr schönen Ausblick auf den Berg Hakkôda („Acht-Affen-Feld“). Unser Führer erzählt uns auch eine interessante Geschichte dazu, von der Kashima-sensei sagt, sie sei in Japan sehr bekannt. Im Winter des Jahres 1903 (er sagte eigentlich „zwei Jahre vor dem Krieg mit Russland“, aber ich will von meinen Lesern nicht zu viel verlangen) hatte das örtliche Regiment auf dem Berg den Winterkampf geübt und dabei 100 Mann durch Wettereinflüsse verloren.

Zurück in Hirosaki will Melanie eigentlich mit mir ins Kino, um „Crayon Shin-chan: Kasukabe Boys“ anzusehen, aber leider hat ausgerechnet heute jemand ihr Fahrrad geklaut – das Rad, das sie sich für 5000 Yen gekauft hat, anstatt sich eines aus den Haufen alter Räder zu nehmen, wie ich ihr geraten habe. Absperren stellt halt eine Unbequemlichkeit dar und kostet Zeit. Und Bequemlichkeit kostet Fahrräder. Wenn jemand mein Fahrrad klaut, bin ich zwar nicht begeistert, aber mir geht dadurch finanziell nichts verloren. Während sie sich dann (zusammen mit Misi, der scheinbar immer das passende Werkzeug dabei hat) auf die Suche nach Ersatz macht, besuche ich Yukiyo an ihrem Arbeitsplatz – im Schnapsladen – gegenüber vom Maruesu Supermarkt. Ich bin ja bereits seit längerer Zeit auf der Suche nach einem trüb-weißen Sake, dessen Existenz bisher von allen verneint worden war, die ich gefragt hatte, auch von Leuten mit Japan-Erfahrung und auch Japanern. Aber Yukiyo hat ihn für mich gefunden. Das Zeug heißt „Nigori Sake“ (= „trüber Sake“, einfacher geht’s nicht) und ist bestimmt nicht jedermanns Ding. Man muss das Getränk schütteln, um die staubartigen Bestandteile aufzuwirbeln. Man spürt die Schwebeteilchen auch deutlich auf der Zunge beim Trinken. Schmeckt stärker als gewöhnlicher Sake (bei gleichem Alkoholgehalt), und der Geschmack ist meiner Meinung nach auch gar nicht schlecht – nur der Geruch ist unhaltbar. Ich bleibe lieber bei Standard-Sake. Ich nehme an, dass diese Art von Sake nicht vollständig vergoren oder gesiebt wurde.

Ich besorge mir im Maruesu eine Kundenkarte, weil es dort öfter preisreduziertes Brot gibt, als das im Beny Mart der Fall ist, und weil ich sie endlich entdecke, kaufe ich auch eine Dose „Fire – Gold Rush“ (das ist Dosenkaffee). Dann gehe ich in die Bibliothek und schreibe meine Post. Als ich fertig bin, um kurz vor Acht, fahre ich noch ins Naisu Dô und kaufe ein „Tenchi Muyô“ Artbook mit Produktionsskizzen drin. Ich setze die Fahrt fort und gehe ins Ito Yôkadô. Dort kaufe ich ein weiteres Artbook – mein erstes neues – das aus Teilen von „Dai Undôkai“, „El Hazard“, „Pretty Sammy“ und „Tenchi Muyô“ zusammengesetzt ist. Darunter befindet sich auch ein Crossover Manga „Dai Undoukai Vs. Pretty Sammy“. Ich stelle später beim Lesen (ja: Lesen!) fest, dass es sich hierbei weniger um ein Artbook als eher um eine Sammlung kurzer Mangastrips handelt. Mir scheint, dass es sich bei den kurzen, farbigen Szenen um Beigaben der Laserdisks handelt, aber es sind auch viele wohl „unabhängige“ in Schwarzweiß dabei. Und eine kleine CD-ROM ist auch drin. Aber da ist wohl nur das gleiche drauf, was schon im Buch drin ist. Ich sollte mir das bei Gelegenheit ansehen. Wenn ich mal Zeit habe… hahaha, Zeit! „Spässle g’macht, Witzle g’risse“, wie mein badensischer Kamerad Jordan immer zu sagen pflegte.
Die Tenchi Manga scheinen übrigens so schlecht gar nicht zu sein – man muss sie nur lesen können, weil viel von dem dargestellten Humor auf Sprache und nicht auf Bildern beruht. Und ich finde eine Übersetzung, die den Humor auch ohne Kenntnisse der japanischen Sprache rüberbringt, stellenweise unmachbar. Beispiel?

Aeka (außerirdischer Herkunft) fragt: „Was ist Hanabi?“ (Hanabi = Feuerwerk)
Ryôko (auch nicht „von hier“) scheuert ihr eine und Aeka sieht Sterne.
Tenchi: „Nein, Ryôko, das ist Hibana, nicht Hanabi!“ (Hibana = Funken)

Der Witz, der aus der simplen Verdrehung der beiden Kanji „Hi“ („Feuer“) und „Hana“ („Blume“) herrührt, kann nicht 1:1 übersetzt werden, die japanischen Begriffe müssen drin bleiben – sonst müsste der Text radikal verändert werden. Übrigens ist dieser Witz, im Rahmen der Geschichte um Tenchi, eigentlich nicht zulässig, weil man auf der Heimatwelt von Aeka erstens ebenfalls Japanisch redet und zweitens auch Feuerwerke kennt. In dem Tenchi Film „Manatsu no Eve“ wird ein solches gezeigt.
Das Lesen der Manga dauert länger als bei „Pokemon“ oder „Bôbobo“, weil hier nämlich keine Hilfszeichen gegeben sind, die mir die Lesung verraten und ein schnelles Nachschlagen möglich machen würden. Zum Glück sind die Namen der Personen derart kompliziert geschrieben, dass man sie schnell lesen lernt – sie schreiben zu lernen, würde allerdings eine ziemliche Mühe bedeuten.

6. Mai 2024

Donnerstag, 06.05.2004 – Schöner Tag, kurzer Tag

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Yamazaki behandelt das Beschreiben von Bildern unter der Prämisse, Fakten von Vermutungen strikt zu trennen. Wir sollen einen Aufsatz von 180 bis 220 Zeichen über ein Bild schreiben, auf dem ein kleines Mädchen zu sehen ist, das im Beisein zweier Erwachsener (m/w) irgendwelche Tauben vor einem Tempel füttert. Natürlich fordert das Bild kulturell bedingte Interpretationen heraus, die sich in den bislang mündlichen Beschreibungen niederschlagen. Fast alle Kursteilnehmer haben die Erwachsenen als „Eltern“ bezeichnet. Aber für diese Aussage gibt es keinerlei rationalen Beweis, also sollen wir uns schriftlich auf klar nachweisbare Fakten beschränken.

Ich gehe nach dem Unterricht meine Fotoliste durch. Ich brauche noch je ein Bild von Alex, Alexej, Yannick und Oyuna. Ich sollte das Poster endlich fertig stellen, damit ich die „Sommersemester-Version“ in Angriff nehmen kann. Ich drücke mich dazu eine Stunde lang im Center rum und stelle dabei auch fest, dass die Serie „Avenger“ inzwischen angekommen ist – hoffentlich ist sie den Aufwand und das Material wert.

Ich gehe aber bald in die Bibliothek zurück, um auf meine Daten zurückgreifen zu können, und außerdem steht ein Zug gegen Frank an. Er bestätigt mir in seiner Mail, dass mein Scharfschütze Zick wohl einen britischen Zugführer erschossen und damit bei dessen Gruppe arge Panik ausgelöst hat. Danach schreibe ich noch zwei Berichte, im Beisein von Mei, die auf dem Stuhl neben mir landet. Es ist vielleicht nur so ein Gefühl, aber… sollte ich sie mal fragen, ob sie zugenommen hat, seit sie in Japan ist? Sie kommt mir nicht mehr so mager vor wie noch zu Beginn des Winters. Aber wahrscheinlich haut sie mir den Stuhl um die Ohren, wenn ich das wage.

Kazu kommt auch noch dazu und mosert, dass ihr Aufsatz für Phillips einfach nicht fertig werden will. Sie hat momentan auch eine Reihe von ärztlichen Untersuchungen laufen, die feststellen sollen, ob ihr empfindlicher Magen den Auslandsaufenthalt in Trier auch wirklich mitmacht.

Ich sehe mir eine Episode von „Area 88“ an, dann kommt Jû vorbei. Er habe während der freien Tage nur auf der faulen Haut gelegen, sagt er. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass er das kann und gebe zurück, ich hätte auch nur gelesen und eine Handvoll Vokabeln gelernt. Was für eine Art Arbeit er später machen wolle, frage ich ihn, und er weiß es genauso wenig wie ich, mit dem Unterschied, dass ich eine vage Vorstellung von Staatsdienst und er von Privatwirtschaft hat. Der klammheimlich abgereiste David Teixera, der will Journalist werden, am liebsten in London, wie er sagte – der Mann hat einen Plan, was ich irgendwo beneidenswert finde.

Ich habe wahrscheinlich noch nicht erwähnt, woran man Japaner von Chinesen und Koreanern in der Bibliothek todsicher unterscheiden kann, ohne dass sie den Mund aufmachen müssen. Das geht so: Wenn ein Koreaner oder Chinese den Computer anschaltet, dann wartet er, bis der Auswahlbildschirm erscheint, auf dem man zwischen Linux und Windows wählen kann. Windows ist automatisch eingestellt, und man hat zehn Sekunden Zeit, auf Linux umzuschalten, wenn man das wünscht. Er drückt also nach einer knappen Sekunde einfach „Boot“ (in diesem Kontext: „Laden“) und kommt so zu seinem Windows Nutzerprofil.
„Der Japaner“ dagegen sitzt vor dem Monitor, hat keinen Dunst, was „Boot“ bedeutet und wartet, bis die Warteleiste voll ist und der Computer von alleine hochfährt. Und den Umgang mit den Windows Programmen hat denen auch keiner gezeigt. Da sitzt hier neben mir tatsächlich einer vor Excel, dem Tabellenprogramm, gibt seine Zahlen ein und packt dann den Taschenrechner aus, um die Ergebnisse auszurechnen, weil er überhaupt keine Ahnung davon hat, wie man das Programm dazu bringt, die entsprechenden Felder vom Computer ausrechnen zu lassen. Glaubt der, dass die Segnungen von Excel daraus bestehen, dass man ein wunderschönes Gittermuster als Vorlage erhält?

Nachdem Jû gegangen ist, nehme ich mir die Zeit und spiele eine Runde Combat Mission, dann gehe ich wieder ins Center, weil ich Fotos von der Jieitai-Vorführung verschicken will. Aber das Internetprogramm des erforderlichen Rechners (alle drei vorhandenen Programme, um genau zu sein) streikt und die Angelegenheit hat sich erledigt. Die Daten müssen auf einen besseren Rechner – ein eigener Memorystick, das wäre mal was! Aber man muss die Zähne zusammenbeißen, wenn man einen Anzug für ca. 375 E haben will. Ich bleibe bis Acht im Center und schreibe noch was ins Forum, bevor ich nach Hause gehe. Hm… mir scheint, ich verliere so langsam das Interesse an der Sporthalle. Vielleicht sollte ich auch einfach meine Zeit besser planen? Aber darin war ich noch nie gut.

Zuhause sehen wir uns die erste Episode der zweiten Staffel von „Kozure Ogami“ an und eine Episode der dritten „TRICK“ Staffel. Es handelt sich wohl jeweils um die Wiederholung vom letzten Winter, auf einem weniger lukrativen Sendeplatz am frühen Nachmittag, der mit weniger Werbung auskommt.

30. April 2024

Freitag, 30.04.2004 – Erbauendes Schrifttum?

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Wegen der sich anbahnenden „Golden Week“, dieser Aneinanderreihung von Feiertagen, macht sich Kuramata-sensei nicht die Mühe, heute Unterricht abzuhalten. Der fällt seinen Urlaubswünschen zum Opfer und ich muss erst um 14:20 zum Unterricht erscheinen. Aber er hat das rechtzeitig vor Tagen angekündigt.

Ogasawara-sensei dagegen bleibt regelkonform, wie nicht anders zu erwarten. Ein guter Teil des heutigen Unterrichts besteht aus altbewährter, interkultureller Kommunikation, was wegen der deutlichen chinesischen Übermacht im Raum immer wieder ein organisatorisches Abenteuer darstellt. Heute geht es um Feiertage und was man gewöhnlich dazu verschenkt.

Yuan setzt sich zu Melanie und kann kaum glauben, dass die deutsche Landwirtschaft kein Standbein im Reisanbau hat. Doktor „Hyde“ Shin ist mir zugeteilt. Da sich meine Gespräche in diesem Rahmen meist nur am Rande um das Thema drehen, das an der Tafel geschrieben steht, unterhalten wir uns auch über andere Dinge. Es ist Shin, der den Klassiker „Hobbys“ auspackt, und ich weiß nie so recht, was ich dann sagen soll. In letzter Zeit nenne ich verstärkt „Lesen“ und „Strategiespiele“. Ich frage ihn, was er denn eigentlich von Beruf sei und wie es mit seinen eigenen Hobbys aussehe. Er sei Pharmakologe, sagt er (auf Japanisch natürlich), und ich muss das Wort erst aus den Tiefen meines elektronischen Wörterbuches hervorkramen, bevor ich von dem japanischen Wort auf die deutsche Bedeutung komme, und er arbeite auch in der Medikamentenforschung, auf der Suche nach neuen und verbesserten Präparaten – daher seine Verbindung zu dem modern ausgestatteten Tierversuchslabor, auf das die Universität Hirosaki sehr stolz ist. Sein liebstes Hobby sei – und ich traue meinen Ohren nicht – „Bier trinken“. Und dabei lacht er leise – ich sage es wirklich nicht gerne – wie ein Schwachsinniger. Das war der erste Vergleich, der mir in den Sinn kam. Ein derart vulgäres Hobby hätte ich einem Mann mit seiner Bildung nicht zugetraut, aber seine allgemeine Erscheinung untermauert die Aussage…[1]
Aber eigentlich soll es ja um Feiertage und Geschenke im jeweiligen Kulturkreis gehen. Ich bin bemüht, all die Feiertage des mitteleuropäischen Abendlandes Revue passieren zu lassen und tue mich schwer bei der Findung typischer oder traditioneller Geschenke, da viele dieser Tage für mich persönlich ihre spirituelle Bedeutung verloren haben und ich mich nie wirklich damit auseinandergesetzt habe. Ich weiß noch nicht einmal, wann Ostern ist.
„In China ist das alles ganz einfach“, sagt Shin, „da verschenkt man an jedem Festtag Bargeld.“ Natürlich wird ihm in dieser Hinsicht (indirekt, durch die übrigen Gruppen) widersprochen, aber ich gehe davon aus, dass die genannten Alternativen traditioneller Natur sind. Ich hätte ebenfalls sagen können, dass man auch in Deutschland alternativ einfach Bargeld verschenkt, weil sich der Empfänger davon kaufen kann, was immer er für angebracht hält. Dem widerspricht natürlich Melanie, da das Auspacken von Geschenken für sie eine große Bedeutung hat.

Den Rest des Tages verbringe ich im Center. MinJi begrüßt mich mit einem lebhaften Kopfschütteln und lacht. Was bedeutet denn das? Ich kann keine Auffälligkeiten an meinem Erscheinungsbild finden.
„Warum schüttelst Du den Kopf?“
„Zur Begrüßung“, sagt sie, „meine Hände waren (zum Winken) gerade nicht frei.“
Ja, sie schreibt wohl gerade einen Eintrag in irgendein Forum. Das sei aber keine koreanische Sitte, sondern nur eine persönliche Marotte. Ich bin dennoch verwirrt, zu ihrer persönlichen Belustigung.

Ich warte darauf, dass die richtigen Rechner frei werden und brenne zwei Daten-CDs. Bei der effektiven Leistungsfähigkeit der Rechner ist in zwei Stunden nicht mehr drin, und die Chinesen verschwinden erst so ab etwa 17:00 von den Rechnern mit Brennerhardware. Der Memorystick wandert siebenmal hin und her.
Außer mir sind ab kurz nach Fünf nur noch Misi und MinJi da. Ich wandere im Raum herum, während ich auf das Ende der Rechnervorgänge warte. MinJi liest, sichtlich gespannt, einen koreanischen Text vom Bildschirm ab. Natürlich kann ich kein Hangul (Koreanisch) lesen, aber am oberen Rand der Internetseite steht ein (japanisches) Wort (in lateinischer Schrift), das ich sehr gut verstehe: YAOI.
Wer das Wort ebenfalls kennt und versteht, sieht mich grinsen. Breit, stark, wasserdicht.
„Was liest Du da?“ frage ich unschuldig.
„Hm… nichts Besonderes… nur eine Geschichte…“ weicht sie aus.
„Um was geht es denn?“
„Ich weiß nicht…“
„Du liest eine Geschichte und weißt nicht, um was es geht?“
Sie überhört die Frage geflissentlich.
Ich gebe ihr zu verstehen, dass ich weiß, was Yaoi ist.
„Nein, das hier ist was ganz Anderes!“ sagt sie eilig, ohne mich dabei anzusehen.
Aber jetzt ist mir klar, in welchem Teich sie angelt. Natürlich entgeht Misis „geschulten“ Ohren nicht, mit welchen Untertönen meine Konversation mit MinJi, die ich hier ja nur im Kerngehalt wiedergebe, abläuft. Er setzt sich zu uns und erweist sich als nur schwach subtiler Verhörspezialist. Nach fünf Minuten weiß er, dass sie 20 Jahre alt ist, derzeit keinen festen Freund oder ähnliche Bindungen hat und erst heiraten will, wenn sie 26 bis 28 Jahre alt ist – und das scheint ein zentraler Punkt ihrer Lebensplanung zu sein. Die Dreistigkeit seiner Fragestellung verblüfft mich. Schließlich bohrt er auch danach, was sie da lese. Natürlich erhält auch er nur ausweichende Antworten.
Schließlich wechselt sie wieder ins Forum, um einen Kommentar zu schreiben, ohne deshalb unsere Unterhaltung zu unterbrechen. Ich weiß nicht mehr, um was es wirklich ging. Ich glaube, wir waren bei dem Teil angelangt, wo es um ihre Heiratspläne ging. Sie dreht den Kopf herüber und sieht mir ins Gesicht, schreibt währenddessen aber mit geübten Händen weiter. Das bringt mich jetzt völlig aus dem Konzept, und ich könnte noch nicht einmal sagen, ob es an der Darstellung von Geschicklichkeit (Reden und Schreiben über zwei verschiedene Themen) oder an ihren wirklich schönen Augen lag. Jetzt mag jeder denken, was er will, ich weiß es wirklich nicht. Zweifellos allerdings ist für mich, dass sie diese Koordinationsübung vorgeführt hat, um anzugeben.

„Was ist Yaoi eigentlich?“ fragt Misi – mich. MinJi kann kein Englisch, aber der Inhalt seiner Frage ist ihr (wegen des Ihr bekannten Begriffs) offenbar bewusst. Sie dreht sich schnell auf dem Stuhl herum, lacht verlegen und fuchtelt abwehrend mit den Händen. „Du darfst ihm das nicht verraten!“ ruft sie mir zu. Natürlich hindert mich das nicht daran, Misi in einem ruhigeren Moment, später, zu erklären, was es damit auf sich hat. Die Erklärung passt m.E. auch in einen einzigen Satz.
Um kurz nach Sechs beginnt es zu regnen. Auch Gewitterdonner ist zeitweise zu hören. Wir bleiben, bis das Center schließt. MinJi muss 20 Minuten zu Fuß gehen, weil sie im Kaikan wohnt, und an dieser Stelle frage ich mich, ob nicht sie es gewesen ist, die mich damals, im Oktober, gefragt hat, ob ich sie, angesichts dunkler Straßen, nicht bis zur Haustür bringen könne. Aber ich erinnere mich nicht an das Gesicht. Und MinJis Erscheinung hat sich durch das Abschneiden ihrer langen Haare auch deutlich geändert. Ich rate ihr jedenfalls, einen der beiden Schirme zu nehmen, die vor dem Center in dem Ständer stecken. Sie könne sie ja kommende Woche diskret an ihren Platz zurückstellen, aber das will sie nicht. Zu ihrer Erleichterung hat der Regen mittlerweile allerdings wieder aufgehört, bis auf ein paar vereinzelte, feine Tröpfchen.
Sie fragt Misi, wie groß er sei, aber er kennt die genaue Angabe selbst nicht. Ich schätze, dass er etwa zwei Meter groß sein dürfte, vielleicht einen Tick mehr. MinJi erklärt, dass sie gerne 10 cm größer sein wolle. 1,58 m seien ihr zu wenig. Ich sage, dass sie sich wegen ihrer Größe keine Sorgen zu machen brauche, ich fände die gegebenen Proportionen sehr passend. Schließlich gehen wir unserer Wege.

Was muss ich also aus der Beobachtung schließen? MinJi hat offenbar kein Problem mit mir. Wie kommunikativ oder verschlossen sie ist, hängt bei ihr wohl, wie bei vielen Menschen, von der jeweiligen Tageslaune ab. Damit kann ich leben. Ich muss mir immer ein wenig Extra-Mühe geben, um Leute, die vor mir stehen, auf die fundamentalen Unterschiede zwischen meinem Äußeren und meinem Inneren aufmerksam zu machen. Bisher fahre ich damit gut, also habe ich auch weiterhin nicht vor, meinen persönlichen Bekleidungsgeschmack zu ändern.[2]
Misi setzt sich auf sein Fahrrad, während ich mein eigenes aufsuche.
„Sie sieht nicht außerordentlich gut aus, aber sie ist unheimlich süß…“ sagt er.
Ich winke ihm zum Abschied. Mir scheint, dass seine optische Messlatte ziemlich hoch liegt.


[1]   Shin war nicht fettleibig, eher schlank, aber er sah auch deutlich älter aus als Mitte Dreißig.

[2] Es dauerte noch etwa zwei Jahre, bis der Wehrdienst so sehr aus meinem Kopf verschwunden war, dass ich keine Tarnfarben mehr in meiner Freizeit trug.

28. April 2024

Mittwoch, 28.04.2004 – Nicht nur Rache ist süß…

Filed under: Bücher,Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Es regnet… ja, ja… und dann muss auch noch Mittwoch sein! Wegen der wieder geschrumpften Teilnehmerzahl (minus Misi und minus den Koreaner, der keinen Platz mehr fand) beschließt Ogasawara-sensei, den kleinen Saal weiter zu benutzen und auf den übergroßen Hörsaal zu verzichten. Mir allerdings wäre der Hörsaal heute lieber, weil Tei direkt neben mir ganz gewaltig nach seinem gut und vor allem chinesisch gewürzten Abendessen riecht. Der Geruch hängt im ganzen Raum und macht sich in meinem Magen bemerkbar. Das Fenster? Ja, das muss leider geschlossen bleiben, weil Melanie sonst friert, und erstunken ist ja angeblich noch keiner. Aber wenn ich noch ein paar Minuten länger als die Unterrichtsdauer hier hätte sitzen müssen, hätte ich mich übergeben müssen. Ich sage ja nicht, dass es fauliger Mundgeruch gewesen wäre… dieses eingelegte Gemüse schmeckt hervorragend, aber man bekommt die Rückstände nicht so schnell wieder aus dem Hals und aus diesem riecht es dann am Folgetag ganz gewaltig auf eine erdrückend exotische Art und Weise.
Mei ist heute nicht da… ich nehme an, dass sie mit FanFan zu der Teezeremonie gegangen ist.

Kondô eröffnet uns, dass er das angefangene Lehrbuch nicht weiterverwenden werde, weil es zu langweilig sei. Ich finde das Buch eigentlich gar nicht so langweilig – wenn auch nicht gerade spannend. Das, was wirklich langweilig ist, ist das Vorlesen der Texte während des Unterrichts, das meiner Meinung nach ausschließlich dem Totschlagen von Zeit mangels ausgearbeiteter Inhalte dient. Wir bekommen von ihm drei Themen zur Auswahl, über die Referate gehalten werden sollen. Straßenbau, Landwirtschaft, Finanzwesen. Ich entscheide mich für Straßenbau (Differenzen von Gesetzgebung und Praxis bezüglich der Autobahnfinanzierung, um genau zu sein) und Misi steigt mit ein. Nach der Themenvergabe lässt sich Kondô-sensei entschuldigen und sagt, dass er sich mit einigen Professoren aus Tokyo treffen wolle. Soll mir Recht sein – ich persönlich zahle ja keine Gebühren für den Unterricht.
Ich habe also Zeit, im Center meine Post zu bearbeiten und treffe Mei dort, die meine Vermutung bezüglich ihrer Abwesenheit bestätigt. Sie sagt, es sei interessant gewesen, ohne das weiter auszuführen. Ich bohre auch nicht nach, da ich persönlich der Teezeremonie überhaupt kein Interesse entgegenbringe.

Hugosson redet heute speziell über Non-Governmental Organizations (NGOs) und Non-Profit Organizations (NPOs) in Schweden – weil er sich dort am besten auskennt. Er teilt sie in Stiftungen, Kooperativen, Genossenschaften und… wie ich „Mutuals“ übersetzen soll, ist mir nicht klar. Ich kenne den Begriff nur als Adjektiv in der Bedeutung „gegenseitig“, aber als Nomen habe ich „mutual“ noch nicht gesehen.

Danach gehe ich ins Center zurück und schreibe einen Bericht, den ich mangels „Weltchronik“ Daten noch nicht versende. Währenddessen unterhalte ich mich mit Chris, dem Chilenen mit dem akzentfreien Englisch, dem ich vor einigen Tagen die Bedienung des Computers erläutert habe. Er studiert Medizin und hat sich, ohne irgendwelche Vorkenntnisse der Sprache, für das Hirosaki-Stipendium beworben, weil er von zuhause wegwollte. Er habe kein spezielles Interesse an Hirosaki oder Japan, er wollte einfach mal raus.
Misi sitzt gegenüber von dem Ägypter Baqr auf der Couch, MinJi an dem Computer direkt neben der Tür. Hastige Bewegungen dort erregen meine Aufmerksamkeit. MinJi unterhält sich anfänglich mit einer weiteren Koreanerin, die sich offenbar dafür interessiert, was da auf dem Bildschirm geschrieben steht, aber MinJi hält ihren Monitor mit beiden Händen zu, schiebt die Mitleserin immer wieder weg und kichert dabei. Verlegen? Misi hat das natürlich ebenfalls bemerkt. Ich sehe zu ihm herüber und sage: „Ich bin sicher, wenn man sie anbeißt, schmeckt sie süßlich.“ Ihr Verhalten spricht auf jeden Fall für diese metaphorische These, von der ich mich nicht distanziere, auch wenn sie nicht frei von Sexismus ist. Außerdem ist MinJi des Englischen nicht mächtig (was ich in dieser Situation nicht bedauere). Misi sieht mich an und grinst. Was sollte er auch sonst tun?
Als das Center schließt, gehe ich in die Bibliothek, die übrigen Herren folgen. Natürlich habe ich vergessen, meinen eben geschriebenen Text auch mit in die Bibliothek zu nehmen, um die fehlenden Daten für den Versand einzufügen… Aber immerhin ist der Text schon mal geschrieben.
Ich spiele einen Zug gegen Frank, der mir erste Verluste einbringt: Der OG Krämer wird auf seiner Erkundungsfahrt im Stadtgebiet von einem britischen Spähpanzer erschossen.

Ich gehe nach Hause und genieße den Abend, indem ich in meinem Latour lese. Was steht da geschrieben? Der Mann war bereits in Vietnam Kriegsberichterstatter und hat sogar den Schlamm des erst viel später berühmt gewordenen „Hamburger Hill“ live erlebt. Und 1951 war er in Indochina und hat die Fremdenlegion begleitet. Gar nicht schlecht. Ich habe das Gefühl, dass er deshalb spürbar auf die Generation von Wehrdienstverweigerern herabblickt, die derzeit das Sagen hat: George Bush, der (als Nationalgardist) „Texas gegen den Vietcong verteidigte“, ist damit ebenso gemeint wie die rot-grüne Riege Deutschlands, die sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch mit dem Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“ schmückte. Ich kann es mir heute erlauben, bis in die Nacht zu lesen, da morgen ja „Midori no Hi“ ist, „Grüner Tag“, und ich interpretiere: „Umwelttag“. Es findet kein Unterricht statt. Dennoch hoffe ich, dass die Bibliothek geöffnet hat, weil ich keinen gegenlautenden Anschlag an der Tür gesehen habe.

27. April 2024

Dienstag, 27.04.2004 – Money Talks

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Da ich den Morgen frei habe, wasche ich Wäsche. Bei genauerer Überlegung hätte ich vielleicht besser das Bad saubergemacht.

Kondô-sensei hat heute den ersten von einer Reihe von Geschäftsleuten eingeladen, um über ihre jeweiligen Konzepte zu sprechen. Tsushima-san ist Chef einer unabhängigen Innausstattungsfirma und schwer im Geld, wie es heißt. Irgendwie erinnert er mich ein bisschen an Dr. Hackner… die „Frisur“ sieht recht gleich aus, ebenso die Kopfform… ich glaube, sogar Redefluss und Nervositätsgesten sind sich ähnlich: Er zieht kurz nach Beginn seines Vortrags seine Uhr aus und schiebt sie hin und wieder auf dem Pult hin und her, während er (im Stehen) redet. Dr. Hackner hat allerdings bisher das Sitzen vorgezogen.

Angefangen habe er bei null, erzählt er, im Betrieb seines Vaters, aber jetzt mache er Unmengen Kohle mit seinem eigenen Laden, weswegen er vor nicht allzu langer Zeit zum Vorsitzenden der Junioren-Handelskammer gewählt geworden sei. Dabei handelt es sich um ein Wirtschaftsforum für selbständige Unternehmer bis 40 Jahre, danach steigt man in die „eigentliche“ Handelskammer auf.[1] Tsushima (39) erzählt aus seinem Leben, erläutert seinen Lebenslauf und wie er seinen Erfolg begründet, nämlich durch viel Arbeit, durch schnelle Arbeit und vor allem durch gute Arbeit. Seine Ausführungen kann man auch interpretieren als „Arbeiten, bis das Rückgrat bricht“. Der Stress habe ihn in den vergangenen 15 Jahren mehrfach ins Krankenhaus gebracht, aber da der Rubel jetzt rolle, könne er sich etwas mehr Ruhe gönnen. Ich stelle ihm eine Frage, die mein guter Freund Martin „U“ vor zwei oder drei Jahren mal ins Spiel gebracht hat. Ich möchte wissen, ob er lebe, um zu arbeiten, oder ob er arbeite, um zu leben. Das habe sich im Laufe der Jahre geändert, sagt er. Inzwischen arbeite er, um zu leben, das Gröbste sei überstanden. Aber die Zeit von 1985 bis 1995 sei schlimm gewesen.
Er fährt fort, als erstes müsse man sich ein klares Ziel setzen, um auf etwas Konkretes hinarbeiten zu können. In seinem Fall war das: Man muss sich einen Namen machen – „Erlangen von Respekt durch Kapitalakkumulation“, um genau zu sein. Auf Deutsch: „Haste was, dann biste was.“ Das ist sein Credo. Dafür müsse man auch Zwischenziele in einer vernünftigen Reihenfolge abstecken und eine Stufe nach der anderen erarbeiten.
Er teile angehende Unternehmer in vier Gruppen ein, und ich bin nicht sicher, ob ich den Aussagewert dieser Aufteilung wirklich wiedergeben kann, bzw. ob ich verstanden habe, was sich hinter den einzelnen Archetypen verbirgt.

Typ A: Der Idealfall, diese Menschen sind sich ihrer Fähigkeiten bewusst und wissen sie auch zu vermarkten.
Typ B: Der Unternehmer weiß, was er kann, aber noch weiß niemand sonst davon. Die Sache braucht also nur mehr Werbung, mehr Zeit und mehr Produktqualität.
Typ C: Dieser Mensch wird von Leuten in seiner Umgebung anerkannt und gegebenenfalls auch ermutigt, aber es mangelt ihm an Selbstbewusstsein, worunter natürlich das Ansehen (und die Werbewirkung) bei potentiellen Kunden leidet.
Typ D: Eine verlorene Seele, die nicht wirklich weiß, wie sie im Geschäft überleben kann und dessen Ideen auch keiner kennt – wie kommt so jemand auf den Gedanken, ein Unternehmen zu gründen?

Hier spricht ein wahrer Vorsitzender einer Handelskammer, über Theorien hinter dem Unternehmertum, anstatt sich auf eine Beschreibung seines Horizonts zu beschränken. Beeindruckend. Währenddessen kommt ein weiterer Herr im Anzug herein. Definitiv keiner der Studenten, viel zu alt, außerdem hat er sich bereits seit zwei Minuten vor der Tür herumgedrückt. Offenbar hat er überlegt, ob er den „Einbruch“ nach Unterrichtsbeginn noch wagen soll. Es handelt sich um den nächsten Vortragenden, in zwei Wochen. Er sagt, er wolle nur still dasitzen und sehen, wie die Sache so ablaufe. Am Ende zeigt er sich zufrieden.
Wir erhalten zum Schluss ein kleines Blatt Papier und sollen darauf eine kurze Beurteilung verfassen. Jetzt hat natürlich keiner gesagt, was genau wir bewerten sollen: Diese Art von Unterrichtsgestaltung oder den Vortrag von Tsushima-san. Ich entscheide mich für beides, lobe sein leicht verständliches Japanisch (das von Kondô übersetzt worden ist) und spreche mich für mehr Inhalte dieser Art aus.

Ich verziehe mich dann ins Center und mache Hausaufgaben. Für Ogasawara-sensei sollen wir einen kurzen Dialog schreiben: Ein Gespräch zweier Leute, die ausmachen, wer das Essen bezahlen soll, und es wird etwas, was nur von mir sein kann.
Währenddessen führe ich auch ein Gespräch mit FanFan, und ich würde mir wünschen, dass sie mich mit meinem Vornamen anspricht und nicht mit meiner Yahoo E-Mail-Adresse: „otokorashii“. Sie ist eigentlich eine Spur zu schüchtern, um Witze dieser Art zu machen. Aber niedlich ist sie trotzdem. Und auch sie redet wie BiRei neulich. Dies sei schwer und das sei schwer, und eigentlich könne sie gar nichts richtig. Also mache ich (wieder einmal) das, was man im Englischen „pep talk“ nennt: Erbauende Aufmunterung, um es geschwollen auszudrücken. Sie scheint nachher wesentlich entspannter und besser gelaunt als eingangs. Sie sagt zuletzt, dass morgen ab 09:00 eine Teezeremonie stattfinde, zu der jeder, der teilnehmen möchte, eingeladen sei und ob ich nicht ebenfalls kommen wolle. Leider muss ich das Angebot ablehnen, denn erstens habe ich Unterricht und zweitens kann ich keine fünf Minuten auf meinen Knien verbringen, ohne dass mir der Schmerz die Tränen in die Augen treibt, ganz zu schweigen davon, dass ich nicht mehr aufstehen kann, wenn ich dennoch die Zähne zusammenbeiße und die Zeit auf vielleicht 10 bis 15 Minuten ausdehne. Ich glaube, ich würde lieber an einem 20 km Gefechtsmarsch in voller Montur mit 25 kg Rucksack teilnehmen.

Das alles dauert immerhin zwei Stunden, und ich kann im Anschluss MinJi dafür gewinnen, meinen Text zu korrigieren. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie das nur widerstrebend tut, so enthusiastisch, wie sie mir über die Couch entgegenklettert, auf dem Rückweg von ihrem Rucksack, obwohl ich ihr einen Bleistift hätte geben können. Ich genieße die optische Darbietung des Bewegungsablaufs. Und sie bietet mir auch ein Stück von dem Wickelkranz an, den sie wohl im Supermarkt gekauft hat… ich habe noch nie einen so ungenießbaren Wickelkranz gegessen… also runter mit dem Brocken und am besten gleich wieder vergessen.
Ja, und dann geht sie über den Text und krempelt die erste Hälfte gehörig um, was die Wortwahl betrifft. Aber es scheint, dass immer noch gesagt wird, worauf es ankommt. Dann soll mir das Recht sein. Lebhaft wie immer… aber dennoch… spüre ich da einen Hauch von Nervosität? Die scheint sie doch bei sonst keinem zu verspüren. Ich werde ihr Verhalten noch ein wenig ausloten, wenn sich die Gelegenheit bietet.


[1] Als Habenichts möchte ich mal argumentieren, dass jemand, dessen Familie bereits ein Unternehmen besitzt, dem oder der die Grundlagen des Geschäftslebens also quasi bereits mit der Muttermilch verabreicht werden, nicht bei „null“ anfängt!

23. April 2024

Freitag, 23.04.2004 – Reis Reis, Baby!

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Ich stehe um 09:00 auf. Die Raumtemperatur beträgt 15 Grad, draußen ist es bewölkt. Aber immerhin regnet es nicht, also fahre ich mit dem Rad, das ich heute an einem offenen Platz abstellen muss, weil die überdachten Plätze komplett voll sind – wie so üblich nach zehn Uhr.

Kuramata-sensei erläutert heute die Ursprünge der Reiskultur in Japan. Zumindest tut er das offiziell. Er erklärt die japanische Frühzeit nach dem Ende der Steinzeit, also die Perioden Jômon, Yayoi und Kôfun. Er zeigt Bilder von entdeckten Siedlungen, die wir bei nächster Gelegenheit besuchen werden. Er zeigt eine Anlage bei Aomori (Stadt), die entdeckt wurde, als man sich daran machte, ein neues Baseball-Stadion zu bauen. Teile der Tribünen standen bereits, aber genau in der Mitte, wo das Spielfeld sein sollte, befindet sich die entdeckte Siedlung, die aufgrund ihrer Art und ihres Alters eine Änderung der Geschichtsbücher notwendig gemacht hat. Nachdem man sie zerlegt und analysiert hatte, war die Anlage zum Schutz vor Wind und Wetter allerdings wieder mit Erde bedeckt worden, und was man besichtigen kann, sind Repliken zu Schauzwecken.

Am Ende der Stunde weiß ich, was ich sowieso schon wusste, nämlich, dass die Jômon-Kultur nach den Seilmustern auf den Töpferwaren benannt ist, dass die Töpfe ohne Drehscheibe hergestellt worden sind, dass die Yayoi-Kultur nach dem Fundort in (oder bei) Tokyo benannt ist usw., aber der direkte Zusammenhang mit Reisanbau ist mir in Teilen entgangen. Wir sehen Bilder, die alte Reisanlagen und Werkzeuge zeigen, die nicht sonderlich anders aussehen als die heutigen, und ein Feld ist mit angeblich alten Fußabdrücken versehen. Im Nachhinein betrachtet muss ich geistig nicht ganz da gewesen sein, sonst hätte ich mal nach Lagerung und Zubereitung des Reises sowie nach der Verwendung der Reisnebenprodukte fragen können.

Nachdem dann auch der Unterricht von Ogasawara-sensei beendet ist (wo außer Misi und Nim auch noch Nun dazugekommen ist), gehe ich ins Center und besorge mir die fehlenden Stempel, die meine Teilnahme an den Sprachkursen bestätigen. Anschließend gebe ich den ganzen Formularkrempel im Sekretariat meiner Fakultät ab.

Ich bleibe noch bis 18:30 im Center, gehe dann aber in die Bibliothek, um einen Zug gegen Frank zu spielen. Noch ist nichts los, obwohl ich die „dunklen Wolken am Horizont“ bereits sehen (bzw. rasseln hören) kann, also gibt es auch noch nicht viel, was ich schreiben könnte. Ich beginne noch den Bericht über den 17.04., aber der wird bis Acht nicht fertig, und um die Uhrzeit verlässt mich die Motivation. Für die Sporthalle ist es mir auch zu spät, denn eigentlich möchte ich allgemein gerne um 21:00 zuhause sein.
Ein kräftiger Regen hat eingesetzt und regnet mein Fahrrad nass. Die Tüte auf dem Sattel macht sich wieder einmal bezahlt. Mein Steißbein wird dennoch nass sein, bis ich zuhause bin, aber so schnell habe ich die Fahrt schon lange nicht mehr geschafft. Wir sehen uns „Nadia“ und „Atashi’n’chi“ an und gehen um 22:30 schlafen.

21. April 2024

Mittwoch, 21.04.2004 – Sakura no Kisetsu[1]

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Der strahlende Sonnenschein bringt die Kirschblüten derzeit besonders gut zur Geltung, aber es weht auch ein recht starker Wind. Die Blüten beginnen daher bereits zu fallen. Inzwischen ist mir auch klar, was japanische Kirschbäume von ihren deutschen Vettern unterscheidet: In Japan kommen die Blüten vor den Blättern zum Vorschein – das Ergebnis aufwändiger Züchtungen. Allerdings ist in der „Japan Times“ zu lesen, dass die Bäume genau deshalb binnen der kommenden Jahre aussterben könnten. Durch die extreme Überzüchtung sind die Bäume viel anfälliger für Krankheiten und Schädlinge.

Yamazaki beginnt den Tag mit einer Konstruktion, die die direkte Folge einer Handlung ausdrückt.
„Naite-ita Kodomo ga rambô-shita totan ni o-Kaa-san wa soto ni okimashita.“
„Als das heulende Kind gewalttätig wurde, stellte die Mutter es nach draußen.“
Nur einer meiner üblichen Beispielsätze.

Ogasawara-sensei hat einen neuen Raum organisiert. Aber während der letzte zu klein war, ist dieser hier viel zu groß. Es ist ein Hörsaal mit einem Volumen von 120 Leuten – für 15 Kursteilnehmer ein wenig zu geräumig. Misi und Nim sind heute zudem nicht erschienen. Nim fühlt sich nicht gut, aber wie ich Misi kenne oder zumindest einschätze, wird er überhaupt nicht mehr erscheinen. „Regeltechnisch“ kann er auf den Kurs verzichten, aber vor allem müsste er sich dieses nicht ganz so billige Lehrbuch kaufen, das unsereins noch vom letzten Semester besitzt.

Die Mittagspause verbringe ich im Center, abgesehen von einem Ausflug zur Post, und ergehe mich mit Mei in englisch-japanischer Konversation, da sie ihren Plan, ihr Englisch zu verbessern, trotz des nicht allzu erfolgreich verlaufenen Kurses im letzten Semester, nicht aufgegeben hat. Sie stellt mir eine weitere Studentin ihrer Heimatuniversität vor, die Anfang April eingetroffen war. Ihr Name liest sich auf Japanisch „Jin Shoku“, aber das klingt für mich wie „Ninniku“ („Knoblauch“), außerdem hört sich das so hart an wie ein Kantholz auf dem Schädel. Dann verbleibe ich bei der in diesem Fall relativ einfachen chinesischen Version: JinShu.
„Der hat Deinen Namen nächste Woche wieder vergessen…“ sagt Mei und lacht. Oh nein, nicht den Namen – ich werde ihr Gesicht nächste Woche bereits nicht mehr erkennen, sofern ich sie nicht in der Zwischenzeit noch einmal bewusst wahrnehme. Mei erzählt mir außerdem, dass es in China keine Zeitzonen gebe, sondern dass alle Uhren nach der Zeit in Peking liefen, also auch an der Grenze zu Kasachstan. Das würde ich einen ausgeprägten Zentralismus nennen. Und es erinnert mich doch direkt an die Episode von „Don Camillo und Peppone“, in der der Bürgermeister den Entschluss fasst, die Uhren im Dorf nach Moskauer Zeit laufen zu lassen, um damit seine Solidarität mit der „großen Sache“ zum Ausdruck zu bringen.

Kondô-sensei redet heute über die Verteilung von Sparvermögen und über die verschiedenen wichtigen Einrichtungen in Japan, die den Finanzmarkt kontrollieren. Dabei ist die japanische Postbank besonders hervorzuheben. Es handelt sich dabei um eine staatliche Einrichtung[2] und die Konten dienen der Regierung öfters als „zweiter Haushalt“, falls hier und da mal ein Loch gestopft werden muss. Natürlich gibt es einige Stimmen, die dagegen protestieren, und es scheint, dass seit der Krise von 1997 immer mehr Sparer und Anleger ihr Geld lieber im Ausland investieren.
Kondô gibt das Procedere, den Text während des Unterrichts vorlesen zu lassen, vorerst nicht auf. Er lässt aber auch immer Leute (den englischen Teil) vorlesen, von denen er der Meinung ist, sie bräuchten etwas Übung – heute muss SangSu dran glauben. Mir scheint, ich werde eine gemütliche Zeit hier verbringen.

Hugosson bleibt bei seinem Diskussionsstil (was auch recht einfach ist mit nur drei bis vier Studenten) und stellt sein Modell von Wirtschaftssektoren oder –faktoren vor. Seine Dissertation, um genau zu sein. Wirtschaftliche Unternehmungen seien privat oder öffentlich, auf finanziellen Gewinn oder sozialen Nutzen ausgelegt, und entweder fest organisiert oder nur ein lockerer Verbund von Leuten. Dazu fragte er eingangs, wie wir denn „Gesellschaft“ („society“) in Untergruppen aufteilen würden. Ich verstehe darunter eine Ansammlung von historisch, kulturell oder anderweitig verbundenen Individuen, die sich durch die Definition des gemeinsamen Nenners ihrer Werte von anderen Gruppen/Gesellschaften abgrenzen, daher gefällt ihm meine Antwort nicht. Er wollte eben auf „Privat vs. Öffentlich“ hinaus, und das sind für mich Untergruppen im Bereich „Wirtschaft“ und nicht „Gesellschaft“. Aber man kann wohl auch sagen, dass eine Gesellschaft aus öffentlichen und privaten Teilen besteht. Er redet über NPOs (Non-Profit Organizations) und sagt, dass der Erlös solcher Körperschaften nicht akkumuliert, sondern in Dinge investiert werden müsse, die der Gruppe zu Gute kämen, wie z.B. einen neuen Teppichboden, einen Computer oder ein Gemeinschaftsfahrzeug. Ich frage, ob man das Geld auch in eine gemeinsame Urlaubsreise investieren könne und er lacht. Ich solle Anwalt werden, sagt er, da genau an dieser Stelle der Schwachpunkt der Definition liege. NPOs zahlen außerdem für gewöhnlich keine Steuern und es gibt natürlich Organisationen, die diesen Umstand entsprechend ausnutzen möchten.
Nach dem Unterricht unterhalten wir uns über dies und das und Hugosson erzählt, dass er Offizier bei der schwedischen Marine gewesen sei. Das ist zumindest nicht uninteressant.

Der heutige Marathon ist also vorbei und ich gehe in die Bibliothek. Im Netz ist nicht viel los, und viel Zeit habe ich eigentlich auch nicht. Ganz zu schweigen von meiner nicht vorhandenen „Aktionsbereitschaft“. Da kommt nämlich Valérie zu mir und sagt, dass ab 18:00 eine Hanami[3]-Party stattfinden werde. Ich weiß, dass ich was verpassen werde, aber ich lehne das Angebot ab. Ich bin zum Umfallen müde und einen Bericht will ich ja auch noch geschrieben kriegen. Um 18:30 gehe ich dennoch für eine Stunde zum Sport. Das gibt mir sozusagen den Rest und ich falle um zehn Uhr ins Bett.


[1] Die Zeit der Kirschblüte

[2] Dieser Zustand wurde auf Betreiben des Premierministers Koizumi anno 2006 behoben. Die japanische Postbank ist seitdem zumindest teilweise privatisiert. Koizumi schuf sich damit ein politisches Vermächtnis und trat zurück – angeblich um das bedeutendere Vermächtnis einem Nachfolger zu überlassen: die dringend notwendige Rentenreform.

[3] Blütenschau

20. April 2024

Dienstag, 20.04.2004 – Mein letztes Hemd

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Kalt ist es nicht, aber der Himmel ist wolkig. Über Nacht hat es den gestern Morgen angekündigten Regen gegeben, und einen kleinen Sturm gleich dazu.

Ein Blick in den Kleiderschrank sagt mir, dass ich dringend zwei neue T-Shirts kaufen sollte. Von den elf („elfen“?), die ich mitgenommen habe, kann ich nur noch fünf in der Öffentlichkeit tragen. Von den vieren, die ich im Discountmarkt Takko erst letzten Sommer gekauft habe, sind zwei dermaßen eingelaufen, dass sie nicht mehr in der Hose bleiben und eines davon hat Löcher vom Waschen bekommen. Die eingelaufenen Hemden könnte ich vielleicht noch im Sommer tragen, wenn es warm genug ist, (beinahe) „bauchfrei“ herumzulaufen. Mein BW-Hemd ist am Kragen völlig abgetragen, ein schwarzes hat hinten am Kragen ein Loch, durch das man das weiße Schildchen sehen kann, und das „otokorashii“ Hemd ziehe ich eh nur zu besonderen Gelegenheiten an. Ich werde ins Kaufhaus fahren und mich nach billigen T-Shirts umsehen… in Japan findet man immer wieder Sonderangebote.

Inzwischen weht wieder ein kräftiger Wind. Vor dem Daiei, auf der anderen Straßenseite, wird die relativ leichte Einkaufstüte einer an der Fußgängerampel wartenden Großmutter aus dem Fahrradkorb mitten auf die Kreuzung geweht. Das ist recht weit, bei laufendem Verkehr, und in der Sekunde, die ich überlege, wie ich reagieren soll, stürzt sich bereits eine OL („Office Lady“ = „Bürodame“) von der gegenüberliegenden Seite her todesmutig in den Verkehr und bringt der Frau ihre Tüte wieder. Meine Hochachtung.
Meine Ampel wird grün und ich gehe ins Kaufhaus. Ich habe Glück. Im Daiei finde ich sofort einen Warenständer mit Hemden für 580 Yen. Ich nehme ein „LL“ (=“XL“) und ein „L“ Exemplar und gehe zur Kasse. Die Verkäuferin schaut mich an und sagt:
„Das könnte ihnen ein bisschen zu klein sein… die Größen sind für japanische Proportionen gedacht…“
Sie zeigt mir auch ein „LLL“ Hemd, das allerdings nicht im Preis reduziert ist. 1500 Yen wollte ich nicht bezahlen. Na gut, dann nehme ich nur das größere der beiden in meiner Auswahl und lasse das kleinere hier – ich brauche „schnellfristig“ ein Hemd. Ich gehe aus anderen Gründen noch in den 100-Yen-Laden (ohne was zu kaufen) und stelle beim Vorbeigehen an der Sportabteilung fest, dass Ueto Aya Werbung für „Converse“ macht. Das ist nicht weltbewegend, aber das Bild gefällt mir.

Ich lese wenig später im Center meine Post, bevor ich um 14:15 in den Raum 315 gehe. Die übrige Gesellschaft trifft nach und nach ein, also Misi, Irena, Nim, Melanie, FanFan, MunJu, MinJi, Jû und SungYi – nur Kondô kommt mal wieder nicht. Nach zehn Minuten gehe ich nachsehen, was denn heute das Problem sein könnte. Chiba-sensei zeigt mir ein übergroßes Schild neben dem Eingang des Centers, auf dem zu lesen ist, dass der Unterricht heute ausfällt. Natürlich ist das peinlich, aber es ist auch beruhigend, dass sogar Spezialisten wie unsere koreanischen Freunde, die den Inhalt eines japanischen Textes auf den ersten Blick erfassen können, das Schild ebenfalls übersehen haben. Ich verkünde die Neuigkeiten und verlege wieder ins Center.

Dort treffe ich Jiang Ning – einen Chinesen, der sich jüngst dazu entschlossen hat, Deutsch zu lernen, und verbringe eine Stunde damit, ihm die deutsche Aussprache näher zu bringen. Da das uvulare „R“ (hinten im Hals) nicht so klappen will, wie man es im Hochdeutschen benötigt, verlege ich mich bei ihm auf das labiodentale, das „bayrische“ R hinter den oberen Vorderzähnen.

Ich finde auch Misi vor Ort, der mich heute in die Sporthalle begleiten will, aber ich kann ihm nicht mehr sagen, als dass ich für gewöhnlich gegen 19:00 dorthin gehe, aber eigentlich keinen festen Plan habe. Aber es wird heute etwas spät und ich erreiche die Halle erst um 19:30. Misi ist nicht da, was natürlich kein Beinbruch ist, aber der Fitnessraum ist völlig überfüllt mit Mitgliedern irgendwelcher Sportclubs, die vor den Geräten bereits Schlange stehen. Also das will ich mir nicht geben und gehe gleich nach Hause.

19. April 2024

Montag, 19.04.2004 – Lange nicht gesehen

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute Morgen scheint die Sonne zwar durch die Wolken, aber im Verlauf des Tages soll es möglicherweise noch regnen – mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 %.

Yamazakis Stunde bleibt heute der einzige Unterricht für mich und er verläuft in den gewohnten Bahnen, abgesehen davon, dass wir neuerdings für die Beantwortung der Fragen aus seinen Hörspielen extra Blätter zum Ausfüllen ausgeteilt bekommen – reine Materialverschwendung! Lustig ist allerdings sein Versuch, einen Umstand am Beispiel eines Mannes zu erklären, der sich gerade aufhängt, mitsamt der ihm eigenen Körpersprache. Allerdings habe ich nicht verstanden oder bereits wieder vergessen, was uns der Künstler damit sagen wollte.

Nach dem Unterricht gehe ich ins Center und sehe meine Post durch. Ich entleere auch mal wieder meine Kamera und treffe Yôko wieder. Yôko? Moment mal, wer ist Yôko? Ich verüble ihr nicht, dass sie wegen meiner Frage etwas enttäuscht ist. Ich habe sie im Januar einmal getroffen, als sie gerade aus Neuseeland zurück war und habe ihr erfrischend gutes Englisch bewundert. Allerdings hat sich dieser Umstand nicht in meinem Tagebuch niedergeschlagen, also habe ich es vergessen. Warum habe ich bei der Gelegenheit heute nicht gleich ein Bild von ihr gemacht? Weiß der Geier…

Das ist auch etwa der Zeitpunkt, zu dem Melanie das Foto mit den Krankenschwestern entdeckt:
„Dominik!? Was ist denn das für ein Bild??“

Gleich darauf finde ich auch Yui im Center vor und wir verabreden, uns am folgenden Montag um diese Zeit hier zu treffen. Danach gehe ich in die Bibliothek und beschäftige mich dort bis etwa 17:00, dann gehe ich in die Sporthalle. Kurz darauf kommen auch wieder ein paar Volleyballerinnen vorbei und spielen mit den kleinen Gewichten, aber das letzte Drittel meiner Zeit bin ich allein in dem Raum.

Als ich nach Hause gehe, durchquere ich auf dem Weg zu meinem Fahrrad wie üblich das Ingenieursgebäude und finde auf einem Zeitschriftenstapel eine der telefonbuchdicken Mangasammlungen, in denen jede Woche je ein Kapitel verschiedener Serien erscheint. Die Aufmachung ist „Gush Bell“… dann kann ich ja mal reinschauen. Ich kann anhand dieses einen Kapitels nicht sagen, ob der Manga ernst oder bekloppt ist… die kleinen Mädchen mit den kugelrunden Köpfen und den übergroßen Augen sind auf jeden Fall extrem stark und ich nehme bislang an, dass es sich um Androiden handelt.[1] Es scheint hier eine Art Endkampf stattzufinden, so wie die Protagonisten hier zusammengedroschen werden. Einer muss sogar wiederbelebt werden.

Ich gehe nach Hause und wir sehen uns „Atashin’chi“ an, von dem ich nun endlich weiß, was es bedeutet: „Atashi“ ist eine weibliche Selbstbezeichnung, „Ich“ sagen wir im Deutschen einfach, und der Anhang „n’chi“ steht für „no Uchi“, was komplett „Atashi no Uchi“ wäre, und „mein Haus“ = „meine Familie“ bedeutet.

Außerdem komme ich endlich dazu, die „SailorMoon“ Episode vom Samstag zu sehen. Das Mädchen mit den blauen Haaren ist tatsächlich Luna – nennt mich „Gott“! Allerdings folgt sie einem alten und augenfälligen „SailorMoon“ Syndrom: Wenn sie sich verwandelt, tauscht sie ihr Hirn aus. Im Falle von Usagi zu SailorMoon ist das gut, weil Usagi sowieso keine nennenswerten Kapazitäten in der Birne hat, aber Luna folgt dem Beispiel von Mamoru und tauscht ihr Gehirn während der Verwandlung gegen ein aufgeweichtes Milchbrötchen.
Man könnte doch auch mal ein Fansub einer Animeepisode machen, in der Tuxedo Kamen mal wieder irgendwo runterspringt und dann sagt: „Ich bin der Schrecken, der die Nacht durchflattert… ich bin der freche Nachbar, der Deine Rosenbeete plündert…“
Wie dem auch sei… die Katze Luna ist ultra-rational und eine Quelle der Vernunft, die sich weniger von Emotionen leiten lässt. Wenn sie jedoch als Mensch auftritt, verhält sie sich viel mehr wie eine Katze (um dem Catgirl-Klischee zu entsprechen, denke ich). Sie hat Angst vor Hunden (die in meine Hand passen) und läuft im Zeitraffer davon, und im Toys’R’Us (einer der Sponsoren) kommt sie nicht umhin, einer Anzahl herumrollender Bälle hinterher zu springen. Also bitte!

EvilMerkur hat beim letzten Mal wohl ein bisschen zu viel vom positiven Licht der Prinzessin abbekommen und nähert sich in Folge dessen wieder ihrem langweiligen Normalzustand an, lädt aber Usagi zu einem Kampf ein. Und natürlich brät sie ihr eins über und SailorMoon muss von (der menschlichen) Luna gerettet werden. EvilMerkur gerät ins Hintertreffen; Kunzyte kommt ihr zu Hilfe und kümmert sich um Luna. Sie ist schnell und er kann sie nicht erwischen, daher ist er sichtlich genervt. Er macht ein Gesicht wie ein Vater, der mit dem unbändigen Verhalten seiner Tochter überfordert ist. Es ist das Beste an der gesamten Episode. Schließlich trifft er sie doch und beendet damit ihre Verwandlung. Er kommt so gerade noch rechtzeitig, um die endgültige Bekehrung EvilMerkus zum Guten zu verhindern. Sie langt also mit dem Eisschwert noch mal so richtig hin und zerbricht damit den Mondstab, worauf SailorMoon bewusstlos (aber ohne einen Kratzer) zu Boden sinkt. EvilMerkur erkennt bei diesem Anblick ihr böses Tun und beweint ihre Tat, offenbar bekehrt.

Um neun Uhr läuft „Mito Kômon“ – das ist die Sendung, die ich irgendwann einmal als „Thai Ginseng unterwegs“ bezeichnet habe. Natürlich sehe ich mir das weiter an… man muss diesen Mann hin und wieder onkelhaft lachen hören, das macht den ganzen Tag besser. Heute bietet er sich, zum Entsetzen seiner Begleiter, einem geizigen Geldverleiher als Yôjimbô (Leibwächter) an, ohne, dass ich den geäußerten Grund verstanden hätte. Wohl, um diesem eine Lektion erteilen zu können. Es ist lustig, ihn als ungelenken Geldeintreiber zu sehen und wie er den Geizhals dabei ausbremst. Natürlich lacht er am Ende wieder auf die ihm eigene Art und Weise und die Leute fallen massenweise vor ihm in den Staub, wenn sein linker Heinrich das Wappen auspackt. Ich frage mich, ob sich die Serie eigentlich selbst noch ernst nimmt. Aber selbst wenn nicht, macht mir dieser Umstand das Ansehen nur angenehmer.

Den Rest des Tages verbringe ich mit meinem Tagebuch. Vokabeln lerne ich morgen früh, da ich ja erst um 14:20 Unterricht habe. Die Zeit sollte reichen.


[1] Entgegen dem missverständlichen Charakterdesign handelt es sich bei den meisten der gemeinten Charaktere um Jungs, und auch nicht um Androiden, sondern um eine Art von Dämonen.

16. April 2024

Freitag, 16.04.2004 – One more time

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Der erste Unterricht heute ist ein Kulturseminar über „die Bedeutung von Reis in der japanischen Gesellschaft“ unter der Leitung von Kuramata-sensei. Er bespricht zuerst die Themen und erläutert dann die „Sondertermine“, also wann der Unterricht ausfällt und wann wir irgendwelche Ausflüge machen. Problematisch an diesen Ausflügen wird sein, dass sie sich zeitlich mit dem nachfolgenden Japanischkurs überschneiden könnten. Ich habe allerdings kein Problem damit, für eine Exkursion Unterricht zu verpassen. Ich bin sicher, Ogasawara-sensei wird dafür Verständnis haben.
Wir sehen auch die Aufzeichnungen des Erstversuchs dieses Seminars vom Wintersemester 2002/2003. Es sind Fotos dabei und wir sehen darauf neben Dave auch Stefan und Hans beim Reiskochen in der Abteilung für Hauswirtschaft. JP erscheint auf dem Bild von einer Exkursion.
Der anschließende Unterricht bei Ogasawara-sensei läuft in den üblichen, entspannten Bahnen.

Danach habe ich frei und schreibe den Bericht zum 09.04.2004, aber das Versenden will nicht hinhauen. Mein Adressbuch wird als Quelle von Empfängern nicht erkannt und ich kenne die 80 Adressen nicht auswendig, um sie von Hand einzutragen – ganz zu schweigen von der Mühsal, die ich mir damit machen müsste. Dann kann diese Angelegenheit auch noch bis morgen warten.

Kazu setzt sich neben mich und brütet über einer Literaturliste von Professor Philips, die auch die wildesten Gerüchte um Listen von Frau Professor Scholz in den dunkelsten Schatten stellt. Die txt-Datei hat knapp ein Megabyte Datenumfang (txt!!), in ein Word-Dokument übertragen ist die Liste 505 Seiten lang (bei „Times New Roman 11“) und enthält nicht weniger als 10.000 Titel. Und das nur zum Thema „Afrikanische Musik“??? Philips muss komplett irre sein. Ich werfe einen Blick in die Liste und entdecke Titel in jeder mir bekannten Sprache. Ich bin sicher, dass Kazu mit japanischen und vielleicht auch englischen Titeln am meisten anfangen könnte und dass diese Beschränkung die Liste auch deutlich kürzer gemacht hätte. Sie hat bis Dienstag Zeit, aus dieser Liste eine Auswahl für ihre Arbeit zu treffen. Sie erzählt, dass sie im Oktober wirklich gerne nach Deutschland gehen möchte, aber es gebe noch Unstimmigkeiten mit der Krankenversicherung, da sie einen empfindlichen Magen und entsprechende Medikamentenrechnungen habe.

Um 17:55 gehe ich mit ihr gemeinsam zu der für heute angesetzten „Welcome Party“, und ich habe mich nicht für eine Vorstellung gemeldet. So groß ist der Kreis der neuen Studenten nicht, und außerdem hat Marc bei der Organisation durchgesetzt, dass nicht wir etwas bieten müssen, sondern dass in erster Linie wir von „Vertretern“ des Gastgeberlandes etwas geboten bekommen sollten.
Für die Organisation wurde wohl extra ein „Party Club“ an der Uni ins Leben gerufen, dessen Aufgabe und Sinn nicht darin besteht, die alkoholischen Wunschvorstellungen seiner Mitglieder umzusetzen, sondern größere Partys zu organisieren. Und das hat diesmal auch gleich viel besser geklappt als das letzte Mal.

Jeder Besucher erhält natürlich ein Namensschild, und auf diese Namensschilder sind Nummern aufgedruckt, so dass jeder eine Zufallsnummer zwischen 1 und 15 erhält. Ich habe die Nummer 13, und diese Zahl sollte alles andere als Pech verheißen. Die erste Aufgabe ist es, Leute mit der gleichen Nummer zu suchen. Ich werde von BiRei gefunden – das war schon mal ein guter Treffer – und wir machen eine Runde durch den Raum, bis wir unsere Genossen gefunden haben. Unter diesen befinden sich Mei, Saitô-san und Sawada-sensei. Daneben sind noch zwei mir nicht bekannte Japanerinnen in der Gruppe, sowie ein Professor der Physik um die sechzig. Aber ich stelle bald fest, dass die Gruppenbildung eine sehr untergeordnete Bedeutung hat. Natürlich soll man ins Gespräch kommen, aber soweit es mich betrifft, kommt es dazu gar nicht. Zuerst mal wird gegessen, und diesmal ist etwa doppelt so viel Nahrung vorhanden wie beim letzten Mal. Als ich gerade eigentlich satt bin (aber immer noch was essen könnte), fallen mir meine Stäbchen auf den Boden und Ersatz scheint es keinen zu geben, also bewahrt mich das Schicksal so davor, mich an den äußerst schmackhaften Hühnerschenkeln (Unter- und Oberschenkel getrennt) zu überfressen.

Ich erspähe irgendwann den Sohn von Sawada-sensei aus dem Augenwinkel. Ich sehe ihn nicht zum ersten Mal, und wie üblich ist er auch diesmal in seiner Schuluniform erschienen. Wie es scheint, also bereits Oberschüler[1], aber für sein Alter deutlich zu kurz geraten, schlank, dunkelblond, aber mit einem Gesicht, dass man keinem der beiden in ihm enthaltenen ethnischen Einflüsse zuordnen kann. Meine Fähigkeit zur Einschätzung von Menschen anhand ihres Äußeren ist sicherlich nicht die beste, aber der Junge hier macht nicht nur heute, sondern eigentlich ständig (da ich ihn ja nur auf Veranstaltungen sehe) einen äußerst verkrampften Eindruck. Wie soll ich das beschreiben? Er sieht aus, als ob er in jeder Sekunde mit einem Angriff rechne und gleichzeitig bemüht sei, einen selbstsicheren und unangreifbaren Eindruck zu machen. Was ihm nicht gelingt, nach meinem Ermessen. Er verzieht sich auch sehr bald in eine Ecke und bleibt dort sitzen, hin und wieder von seiner Mutter „besucht“. Gut, es kümmert sich auch sonst keiner um ihn… und ich wüsste ebenfalls nicht, was ich kommunikativ mit ihm anfangen sollte. Außerdem erhalte ich nicht viel Gelegenheit, weiter über ihn nachzudenken.

Nach dem Essen beginnt das Unterhaltungsprogramm, allerdings muss ich gestehen, dass ich sehr wenig davon mitbekomme. Da wird der „Arielle“ Soundtrack „Unter dem Meer“ karibisch echt auf Klangfässern gespielt, ein sehr ausgelassener Tanz aus Hokkaidô wird vorgeführt, Irena singt ein Lied (und man merkt, dass sie Übung hat), und auch ein Gruppenspiel wird gespielt. Jetzt kommt die Gruppenbildung zu ihrer Bedeutung!
Zuerst wird rotes und weißes Kartonpapier im Format A4 ausgeteilt. Auf einer Leinwand werden dann zwei Fotos gezeigt, worauf je ein Vertreter eines Staates hingeht und eine der beiden Darstellungen beim Namen nennt. Marc zum Beispiel hat den Begriff „Berliner“. Auf einem der Bilder ist eine Schildkröte dargestellt (wofür man das weiße Blatt hochhalten soll) und auf dem anderen drei frittierte Krapfen mit Marmeladenfüllung[2] (wofür man das rote Blatt heben soll). Und so geht das über etwa zehn Versuche. Die Gruppe, die am Ende alles richtig geraten (oder gewusst) hat, bekommt einen kleinen Preis. Gleich zu Beginn hat man mir die beiden Blätter in die Hand gedrückt und die Entscheidungen völlig mir überlassen, anstatt sich abzusprechen, wie eigentlich geplant. Aber natürlich ist das Konzept arg seltsam, denn im Grunde wird ja geraten. Ich habe zweimal falsch geraten, weil ich ein thailändisches Chiligericht begrifflich nicht von thailändischem Tanztheater unterscheiden kann, und auch die slowenischen Begriffe für Schneemann und Feiertagsschmuck kann ich nicht auseinander halten. Immerhin habe ich die chinesische Mikrowelle richtig geraten, und das einfach aufgrund der Tatsache, dass sich die erste Silbe des chinesischen Wortes recht ähnlich anhört, wie die erste Silbe des japanischen Begriffs.

Kaum, dass ich mit dem Essen fertig bin, geht der Andrang, der Sturm wissbegieriger Einheimischer auf die Ausländer, auch schon los. Oh, drei männliche Japaner? Das ist selten. Und ich verstehe auch am Ende des Abends, warum ich lieber mit Frauen verkehre. Die drei stellen nur die üblichen Fragen und ich versuche mit Händen und Füssen, sie zu beantworten – aber ich verstehe kaum, was die drei (bzw. der Wortführer) sagen. In Ordnung, die Musik ist relativ laut, aber die Jungs reden undeutlicher, als mir lieb sein kann. Wenn ich mit Frauen rede, habe ich im Allgemeinen nur Probleme mit den Vokabeln, aber bei den dreien hier kommen auch noch Verständnisschwierigkeiten wegen der Aussprache dazu.

Als die dann nach etwa 30 Minuten wieder abziehen, steht auch schon die erste Japanerin in der Warteschlange. Ihr Name ist Yumi und ich wiederhole mit ihr quasi das gleiche Gespräch, das ich gerade eben geführt habe, mit dem Unterschied, dass ich weniger Wörter nachfragen muss, weil sie eine verständliche Aussprache besitzt. Und kaum ist Yumi zum nächsten Ausländer abgewandert, kommen auch bereits die nächsten beiden zu mir, die sich bald auf drei aufstocken. Die drei studieren Medizin und sind bereits ausgebildete Krankenschwestern, jeweils 21 Jahre alt. Zu den dreien kommen gegen Schluss noch einmal drei (Krankenschwestern) dazu. Ich habe mir nicht alle Namen gemerkt, außer Fukushima (weil „Glücksinsel“ ein interessanter Name ist)[3] und Saori, die aus Tokyo stammt. Sie sagt, die Universitäten in Tokyo könne sie sich entweder nicht leisten oder aber sie habe die Eingangsprüfung nicht geschafft. Die Universität von Hirosaski habe einen soliden Ruf, was die Medizin betrifft, und sowohl die Finanzfrage als auch die Eingangsprüfung seien für sie schaffbar gewesen. Natürlich sei Hirosaki etwas langweilig im Vergleich zu Tokyo, aber sie wolle Bezirkskrankenschwester werden. Sie wohne direkt beim Book Max (in der der gleichen Straße wie Misi) – was natürlich kein Vergleich zu dem Apartment direkt an der Rainbow Bridge sei, wo sie während ihrer Schulzeit gewohnt habe.

Währenddessen singt Irena gerade und Saori fragt mich, wo sie herkäme.
„Aus Slowenien“ sage ich.
„Ist das nicht in der Nähe von Russland?“ fragt sie zurück.
„Ganz Europa liegt in der Nähe von Russland“, antworte ich amüsiert, „aber Slowenien liegt gegenüber von Italien auf der östlichen Seite des Adriatischen Meeres und nicht direkt neben Russland.“
Und dieses Gespräch läuft im Großen und Ganzen sehr flüssig ab (bis auf meine Vokabelsuche und Umschreibungen für unbekannte), was meine Meinung über männliche Studenten keinesfalls weiter hebt. Zum Schluss bitte ich Nim darum, ein Foto von mir mit den Krankenschwestern machen zu lassen, hinter denen ich wie ein Turm herausrage. Vielleicht hätte ich mir eine Mailadresse geben lassen sollen, damit sie auch was von dem Foto haben. Ich könnte in der medizinischen Fakultät ja mal nach Fukushima fragen.[4] So viele kann es davon doch in diesem begrenzten Suchgebiet nicht geben.

Der Dominik und die Sieben, äh, Sechs Krankenschwestern.

Und dann wird auch schon zusammengepackt. Ich ziehe schließlich mit Mei und BiRei ab, weil ich Kazu (die einer anderen Gruppe zugeteilt worden war) aus den Augen verloren habe. BiRei biegt in Richtung der Shimoda Heights I ab, Mei liefere ich an ihrer Haustür ab. Damit sehe ich das „Männer verboten!“ Wohnheim zum ersten Mal live und aus der Nähe. Mei bestaunt mit offenem Mund, dass es in Deutschland völlig normal ist, dass Männer und Frauen nebeneinander auf dem gleichen Gang wohnen, und zwar ohne, dass es deshalb zu einer Geburtenexplosion kommen würde. Ich verstehe ihre Überraschung nicht wirklich gut, da ja auch im Kaikan solche „Verhältnisse“ herrschen.

Ich gehe noch Getränke kaufen und dann nach Hause. Ich lese das Buch des Ehepaars Seagrave zu Ende und befreie den Latour, „Kampf dem Terror – Kampf dem Islam?“, schon mal aus seiner Plastikverschweißung. Ich wusste gleich, dass das Buch der Seagraves nicht lange halten würde.


[1]   Korrekt ist, dass auch die meisten Mittelschulen Uniformen haben.

[2]   Menschen aus Berlin nennen die Dinger „Pfannkuchen“.

[3]   Nach dem Tsunami mit anschließendem Reaktorunglück hat dieser Zufall eine gewisse Ironie.

[4]   Ist leider nicht geschehen.

15. April 2024

Donnerstag, 15.04.2004 – Sportliche Überraschung

Filed under: Japan,My Life,Sport,Uni — 42317 @ 7:00

Der Donnerstag beschert mir wieder den Yamazaki-Kurs über schriftliche Kompetenz, und ich merke gleich, dass ich ihn in diesem Durchgang ebenso genießen werde, wie beim letzten Mal. Aber was will ich mich beschweren? Ich hätte mehr lernen können, aber das hätte meinen Feriengenuss wesentlich geschmälert und mir als Kehrseite der Ehre eines höheren Kurses ein gutes Stück mehr Arbeit aufgehalst.

Wir sind um die 20 Leute in dem Kurs. Yuan ist auch noch da, ebenso die Doktoren – minus Chin, von dem ich noch kein Foto habe und der verschwunden zu sein scheint. Als Ausgleich für „den Chin“ ist ein „Chen“ aufgerückt: Dr. „Dragon“ Chen, und der hat den Drachen deshalb im Namen, weil er so heißt – das chinesische Kanji für „Drache“ ist sein Vorname.

Und dann ist der Unterricht für heute auch schon gelaufen. Ich gehe in die Bibliothek und finde noch keinen Spielzug von Frank vor. Überhaupt ist heute wenig los mit der Post, und auch im Forum herrscht Stille. Ich nehme mir die Zeit, ein Gefecht nach einer Vorlage von Andreas zu spielen. Danach schreibe ich zwei Berichte und erreiche damit heute den 08. April – der Rückstand ist so gering wie in den besten Zeiten Anfang Dezember 2003. Um 18:30 gehe ich wieder für eine Stunde in den Fitnessraum und finde darin… ein Dutzend Frauen vor! Was machen die in dieser Heimstatt für potentielle Neandertaler? Da die Sportteams offenbar ohne Trainer auskommen, ist den Teilnehmerinnen die Art des Aufwärmens wohl selbst überlassen, und etwas Krafttraining kann auch nicht schaden, wenn man Volleyball spielt.

14. April 2024

Mittwoch, 14.04.2004 – Beengte Verhältnisse

Filed under: Japan,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Mittwoch wird in diesem Semester der „Großkampftag“ werden, weil ich durchgehend Programm von 08:40 bis 16:50 habe. Und der Tag beginnt mit Yamazaki-sensei im Raum 415. Der Raum ist so klein, dass wir gerade so alle hineinpassen, nur die vier Stühle, die neben dem Lehrerpult stehen, sind noch frei.

Danach haben wir Unterricht bei Ogasawara-sensei, im selben Raum, und die Frau zieht für gewöhnlich mehr Publikum als Yamazaki. Außerdem mischen sich auch noch Misi und Nim unter uns, die eigentlich einen Level tiefer angesetzt sind. Schließlich muss einer der Koreaner den kleinen Schrank, in dem der Kassettenrekorder steht, als Schreibunterlage benutzen, weil alle Tische besetzt sind. Wir können nach kurzer Rücksprache mit der Uni-Organisation allerdings in den Raum 421 verlegen, in dem genug Platz für alle ist.
Im Anschluss gehe ich mit Nim einen Stock tiefer, um das zweite Wirtschaftsseminar von Kondô-sensei zu besuchen. Im Vorbeigehen deutet sie auf die Herrentoilette und sagt, dass sie bisher immer diese benutzt habe, weil ihr das Schild am Eingang nicht aufgefallen sei.

Der Unterricht bei Kondô-sensei ist schwach besucht. Misi und Nim sind da, die Koreanerin MunJu und meine Wenigkeit, und außerdem freue ich mich darüber, mit Mei einen Kurs zu teilen. Nur Kondô ist nicht da. Nach 15 Minuten gehe ich ins Center und frage nach. Der Stundenplan, der an seiner Tür hängt, beinhaltet einen Fehler – Kondô hat diese Stunde für Donnerstag eingetragen. Ich würde das in dieser Situation als „aufschlussreich“ bezeichnen. Ich rede mit Chiba-sensei, der meint, dass er sich darum kümmern werde. Wir sollten noch ein wenig warten.

Kondô trifft fünf Minuten später ein, entschuldigt sich für seinen Fehler und überrascht Mei damit, dass der Kurs auf Englisch gehalten werden wird (und sein schriftliches Englisch ist furchtbar – der „Rotary Club“ wird zum „Lottery Club“). Mei hat erst letztes Jahr begonnen, Englisch zu lernen, aber Kondô sorgt auch gleich für Entspannung in diesem Punkt: Er wird keinen Leistungsnachweis außer Anwesenheit verlangen und das Lehrbuch, das er verwendet (und kopiert hat), ist zweisprachig Japanisch-Englisch. In Folge dessen lässt er es abschnittsweise vorlesen. Ich hoffe, dass das nicht so bleibt und denke, dass das daran liegt, dass er für heute eigentlich nichts vorbereitet hat – das Buch kann man auch zuhause vorbereitend lesen. Sehr groß ist es nicht und die Sprache ist leicht verständlich. Nim liest den ersten englischen Abschnitt vor und Mei den japanischen. Und bei Mei spürt man die Macht von acht Jahren Unterricht in Japanisch: Sie zwitschert den japanischen Wirtschaftstext in einer Geschwindigkeit herunter, wie ich es mit der Londoner Ausgabe der „Financial Times“ nicht besser könnte. Beeindruckend.

Zuletzt habe ich Unterricht bei einem relativ jungen Lehrer, dessen leichter, aber vorhandener Akzent mir gleich verdächtig vorkommt: Der Mann heißt Hugosson und stammt aus Schweden. Er ist seit 1992 in Hirosaki. Sein Thema ist „Public Policy“, und nachdem wir die Vorstellungsrunde hinter uns haben, versuchen wir uns an Definitionen für „Wirtschaft“ („Economy“) und „Organisation“. Anders als bei Kondô wird hier allerdings eine Abschlussklausur geschrieben. Die Themen in dem kopierten Lehrbuch sind nichts sagend bis abschreckend, aber der Diskussionsstil gefällt mir. Ich hoffe, dass das so bleibt.

Ich gehe in den Computerraum und finde leider keine Post von Frank vor, wie ich sie gerne haben würde. Als ich mit meinem Krempel fertig bin, gehe ich nach Hause. Melanie hat leider versäumt, „Nadia“ aufzunehmen… aber ich bin etwas zu müde, um diesem Umstand irgendwelche Emotionen entgegenzubringen. Ich sitze eher apathisch vor dem Bildschirm… ich weiß aber noch, dass währenddessen ein Bericht über eine Frau (in den USA) gesendet wurde, die 1977 entführt und während der kommenden sieben Jahre weitgehend in Kisten und ähnlichen Behältnissen gefangen gehalten worden war – bis auf die Zeiten nachts, wo sie mit Handfesseln an einen Balken gehängt und mit einem Gürtel verprügelt wurde. Als das keinen Reiz mehr hatte, wurde sie quasi als Arbeitssklavin gehalten und kümmerte sich um Haus, Garten und Kind – das Kind des Entführers. So was wollte ich jetzt natürlich nicht unbedingt sehen, eher was Entspannendes. Soll ich darüber jetzt denken: „Das war ein unnötig hell beleuchteter Extremfall!“ oder „Man soll die Augen nicht vor unangenehmen Realitäten verschließen!“?

Dann ist da ein 290-kg-Japaner, der in eine spezielle Klinik nach China verschifft wurde und dort binnen vier Monaten 140 kg Gewicht verlor. Die Lösung: Maßvolles Essen und regelmäßige Bewegung.

Zuletzt läuft eine neue Serie an, über ein Ehepaar, dessen kleiner Sohn Autist ist. „Hikaru“ ist sein Name und der Name der Serie. Und jetzt weiß ich, dass „Autismus“ auf Japanisch „Jiheishô“ heißt – ob ich das mal brauche, ist allerdings was Anderes. Es bedeutet in etwa „Krankheit, bei der man sich selbst (vor seiner Umwelt) verschließt“. Yamaguchi Tatsuya (TOKIO) spielt die Hauptrolle als Vater des Jungen.
Das ist mir zu dramatisch… die Schwiegermutter macht natürlich die Mutter des Jungen für die Umstände verantwortlich, der Junge macht lauter Nonsens (wie zum Beispiel den Inhalt sämtlicher Schubladen auf den Boden zu werfen), und es fließen viele Tränen der Verzweiflung. Das muss nicht sein. Nicht ausgerechnet am Abend nach dem längsten Unitag der Woche, wenn ich leichte Unterhaltung brauche.

13. April 2024

Dienstag, 13.04.2004 – VIP Lehrer

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Ui, ein schöner, warmer Tag. Ich laufe die halbe Zeit im T-Shirt herum. Aber erst einmal habe ich den Vormittag frei und muss erst um 14:20 antreten. Bis dahin halte ich mich ab 11:00 im Center auf, und der Raum ist brechend voll.

Alex hatte letztes Jahr Interesse an einer Bergtour den Iwaki hinauf geäußert, hatte aber am entsprechenden Tag keine Zeit. Da ich dem Plan, eine zweite Tour zu machen, selbst nicht abgeneigt bin, frage ich ihn, wie die Sache stehe, und er meint, dass der Berg so ab Ende Mai wieder schneefrei sei. Dann könne man einen Aufstieg versuchen. Dann bleibt ja noch Zeit, um weitere Interessenten einzuladen (oder „anzuwärmen“).

BiRei erzählt mir, dass ihr Englischkurs schwer sei. Sprachen zu lernen, sei überhaupt eine schwere Aufgabe. Und in Naturwissenschaften sei sie auch nicht gut. Eigentlich könne sie gar nichts richtig – „Ich bin doof“, sagt sie. Immer langsam, junge Frau. Niemand, der ein Stipendium nach Japan erhält, kann allen Ernstes dumm sein. (Vielleicht ist das aber nur der Strohhalm, an den ich mich selbst klammere?)

Ich gehe in die Bibliothek und sehe mir ein paar Titel der 4000 (!) alten Automatenspiele an, die Frank mir dieser Tage auf CD-ROM per Post geschickt hat.

Um 14:15 gehe ich in den Unterricht von Kondô-sensei: „Business Management 1B“. Nein, ich habe keineswegs vor, auf die Wirtschaftslaufbahn zu wechseln. Der Unterricht erläutert lediglich Geschäftsmethoden in Japan, und ich dachte, das könnte interessant sein. Sind die Bodenpreise in Tokyo Ende der Achtziger nicht in astronomische Höhen gestiegen, weil das in den „Geschäftsmethoden“ einkalkulierte Schmiergeld für Bauaufträge so hoch geworden war? Wir werden wohl offizielle Versionen hören, während man mit den Korruptionsskandalen der vergangenen fünfzig Jahren wahrscheinlich eine ganze Vortragsreihe füllen könnte. Kondô-sensei scheint mir allerdings (diesem Fachgebiet angemessen?) über einen etwas zynischen Humor zu verfügen. Er hat führende Geschäftsleute aus der Region eingeladen, um über ihr Erfolgsmodell zu sprechen, und Kondô bittet uns ausdrücklich darum, höflich zu sein – weil derlei Leute ein übergroßes Ego hätten, wie er sagt. Am besten sollten wir unsere Fragen vorsorglich auf Englisch stellen, damit er sie in eine passendere Version übersetzen kann, falls notwendig.

Dann erzählt er, einfach so, dass neulich ein Freund von ihm verhaftet worden sei (ohne, dass das irgendwas mit dem Unterrichtsthema zu tun hätte), wegen „unanständiger Angelegenheiten mit Oberschülerinnen“, wie er sich ausdrückt. Ja, und? Nun, er sagt, dieser Freund sei hin und wieder im Fernsehen zu sehen – in den Börsennachrichten. Er kenne ihn von seiner Zeit an der Waseda Universität in Tokyo. Sie beide hätten dort Postgraduiertenlehrgänge in Wirtschaft unterrichtet, und jener Freund kommentiere ab und zu die japanische Börsenentwicklung im staatlichen Fernsehen. Ei, ei, ei… ein bekanntes Gesicht und auch noch ein Professor von der Waseda… ist der Ruf dieser Universität überhaupt noch zu retten, nach alldem, was man in den letzten beiden Jahren von dort so gehört hat?[1]
Und so als Anhang fügt er hinzu, dass jener Freund ein ordentlicher Professor gewesen sei, während er selbst nur einen „besonderen Lehrauftrag“ gehabt hätte, also keinen Lehrstuhl. Eigentlich sei er nämlich, bis zu seiner Pensionierung vor kurzem, der Generalverwalter der Mitsubishi-Bank gewesen. Aha!? Ich renke meinen Unterkiefer wieder ein und versuche zu verstehen, was der ehemalige Generalverwalter der hauseigenen Bank des Mitsubishi Keiretsu (Multikonzerns) in dieser verlassenen Gegend tut, anstatt sich in Odaiba niederzulassen und den Tag auf dem Golfplatz zu verbringen. Oh, er besitze immer noch sein Haus in Yokohama, aber er habe es vermietet und sei mit seiner Frau nach Hirosaki gekommen, weil die Universität ihn eingeladen habe. Aber er werde wohl nur zwei Jahre bleiben, da seine Frau die Vorzüge einer Großstadt sehr schätze und das Land langweilig finde. Vor allem habe seine Frau großen Spaß daran, mit ihrem Sportwagen zu fahren, und den könne sie während der Wintermonate hier im Norden zu ihrem Leidwesen nicht verwenden. Er selbst sei jedoch in Sapporo aufgewachsen und habe mit ländlichen Bedingungen keine Probleme. Ist es nicht schön, wenn man eine Aufgabe im Leben braucht und findet?
Nun ja, nach dieser ersten Stunde bröckelt meine Befürchtung dahin, dass wir von diesem Mann politisch korrekte Versionen der japanischen Geschäftsmethoden zu hören bekommen würden.

Nach dieser Einführung in seine Biografie gehe ich in die Bibliothek und schreibe zwei Berichte. Für viel Anderes reicht die verbliebene Zeit bis acht Uhr auch nicht mehr. Ich gehe im Anschluss nach Hause und lese weiter in meinem „revolutionären“ Buch.


[1] Es gab wohl mindestens zwei Selbstmorde von Studierenden und einen Fall von Gruppenvergewaltigung.

12. April 2024

Montag, 12.04.2004 – Hajime![1]

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute ist es einerseits zu warm, um mit Sommerjacke und Pullover unterwegs zu sein, aber der Fahrtwind ist andererseits zu kühl, um darauf zu verzichten.

Unser erster Unterricht offenbart einen Druckfehler im Vorlesungsverzeichnis. Yamazaki – und nicht Kashima-sensei – leitet den Unterricht. Ich hätte letzteren sehr begrüßt. Yamazaki ist lustig, aber auch kleinlich. Kashima maximiert den Spaßfaktor, und das mit einer wesentlich gesteigerten Umgänglichkeit. Außerdem versteht er mich, wenn mir mal wieder nichts anderes übrig bleibt, als eine Vokabel- oder Grammatikfrage auf Englisch zu formulieren. Aber man kann nicht alles haben.
Yamazaki-sensei erklärt uns daraufhin lauter Dinge, die die meisten im Kurs bereits wissen – nämlich die Feinheiten seiner Kursorganisation. Ich stelle fest, dass die meisten Leute vom letzten Semester noch immer hier sind – also bin ich nicht der einzige, bei dem kein Fortschritt auf dem Papier steht. Um 09:40 macht er dann Schluss.

Ich will in den Computerraum gehen, schon aus Gewohnheit, aber der ist unterrichtlich besetzt. Also bleibt mir nur die Bibliothek. Ich setze mich neben Yannick, schreibe vier Berichte, spiele einen Zug gegen Frank, schreibe ein paar Kommentare ins Animetric Forum und tausche dort meinen Avatar aus. Ein Avatar ist ein kleines Bild, das stellvertretend für den Autor steht. Ich verwende im Forum tatsächlich mein eigenes Gesicht als Avatar. Damit dürfte ich der einzige sein, der das hier tut, und einer der Wenigen, die überhaupt auf einen solchen Gedanken kommen.

Um 17:30 habe ich zwar noch eine Menge Zeit, weil die Bibliothek ja wieder bis um Acht geöffnet hat, aber ich will weg vom Monitor. Außerdem lockt mich mein Buch sehr. Um 22:45 schreibe ich meinen Tagebucheintrag und gehe dann schlafen.

[1] „der Anfang“, Startkommando beim Kampfsport.

9. April 2024

Freitag, 09.04.2004 – Extratour

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Die Testergebnisse hängen aus und erzählen mir, was ich auch vorher bereits wusste. Gleicher Level, gleiche Lehrer, Mittelstufe A. Die Organisation hat sich aber scheinbar geändert. Es gibt inzwischen auch einen „gehobenen“ Grundkurs. Mélanie Mathieu ist noch unter uns, Valérie hat den Test nicht mitgeschrieben, also wird sie es auch noch sein, ebenso Yannick (den ich seit einigen Tagen aber nicht mehr gesehen habe). Irena ist in die Oberstufe, Nan in die gehobene Mittelstufe aufgestiegen. Die chinesischen Namen kann ich nicht identifizieren, da ich die Schreibungen nicht erkenne. Aber ich werde früh genug erfahren, wer noch da ist und wer die Stufe gewechselt hat.

Ich gehe ins Center und rede einige Minuten mit Marc, bevor ihn irgendwelche Aufgaben der Organisation der Welcome Party am 16. April rufen. Ich rede auch noch ein paar Sätze mit Nim (sie sieht dünner aus, streitet das aber ab) und gehe dann in die Bibliothek. Aber auch dort bleibe ich nicht lange. Ich sehe nach meiner Post, finde, was ich suche, schreibe noch was ins Forum und verlege dann in den Computerraum, um mir die erste Handlungssequenz meines Gefechts gegen Frank anzusehen. Natürlich ist noch nichts los, und ich schreibe exakt das in meinen Spielbericht. Dann wende ich mich meinem Newsletter zu und schreibe bis zum Datum des 28. März, womit ich nur noch einen Rückstand von zwei Wochen habe. Ich sehe mir die Episoden 02 bis 04 von „Gunslinger Girl“ an und komme zu der Meinung, einen guten Griff getan zu haben.

Um 18:50 mache ich mich auf den Weg in die Sporthalle und bleibe dort bis 19:55. Dann fahre ich in den Beny Mart, weil ich noch was zu trinken brauche und will dann nach Hause. Zumindest ist das mein abwegiger Plan. Mir kommen nämlich zwei Eingebungen auf einmal: Als ich auf halbem Wege nach Hause auf die Uhr sehen will, stelle ich fest, dass ich sie im Umkleideraum habe liegen lassen, alle beide, und das wiederum bringt mich zu der Erleuchtung, dass ich mein Fahrrad aus unerfindlichen Gründen vor dem Supermarkt vergessen habe. Also… im Sturmschritt zum Supermarkt und mit überhöhter Geschwindigkeit zur Sporthalle zurück, wo ich alles noch an seinem Platz vorfinde. Um 20:30 komme ich dann endgültig zuhause an.

Wir schauen uns alles an, was wir innerhalb der vergangenen sieben Tage mangels Zeit auf Video aufnehmen mussten. Das wäre dann „Pretty Cure“, „Gokusen“ (der Anime), „Nadia“ und „SailorMoon“. Ich bin sehr erfreut darüber, dass NHK den Gainax-Anime „Fushigi no Umi no Nadia“ sendet. Ich kann die Serie zwar wahrscheinlich nicht komplett sehen, aber immerhin einmal die wichtigsten Originalstimmen hören. Und die sind sehr entspannend im Vergleich zu der deutschen Synchro. Nichts gegen Beate Pfeiffer, die Frau ist nett (ich habe ein paar Mails mit ihr ausgetauscht) und außerdem Saarländerin aus Neunkirchen, aber an ihre Stimme in dieser Hauptrolle musste ich mich erst gewöhnen, bevor ich Gefallen an der deutschen Version finden konnte – und das, bevor ich die japanische überhaupt kannte.

Die „SailorMoon“ Episode ist die von letzter Woche. Diesen Samstag kommt keine Folge, wegen irgendeinem bedeutenden Sportereignis. Die wichtigsten Dinge der Episode sind zunächst Mamorus Abreise nach London (nicht nach Amerika), wo er eigentlich mit Hina (seiner Verlobten) zusammen studieren wollte, aber sie sagt im letzten Moment ab. Und es gibt je einen Power-Up Gegenstand für jede der SailorSenshi. Das Ding sieht aus wie ChibiUsas „Kuhglocke“, nur ohne die Glocke – eben nur der Griff davon in Form eines (Plastik-) Reifs (grob in Sternform). Die Vorschau auf die nächste Woche zeigt eine Elfjährige im Senshikostüm, deren Name nicht verraten wird, und der paranoide Fan denkt sofort an ChibiUsa, aber eigentlich ist klar, dass es sich hier mit den dunkelblauen Haaren, den Katzenohren und dem Katzenschwanz nur um eine humanoide Luna handeln kann.

8. April 2024

Donnerstag, 08.04.2004 – Lesestoff

Filed under: Filme,Japan,My Life,Sport,Uni — 42317 @ 7:00

Heute findet von 09:00 bis 11:00 der Einstufungstest statt, der die teilnehmenden Studenten einer Unterrichtsstufe zuordnet. Wie bereits erwähnt, haben wir eine Menge neuer Gesichter in Hirosaki, und die sind vor allem chinesisch. Es scheinen diesmal keine Doktoren über Dreißig dabei zu sein, und Frauen um die Zwanzig sind in der Überzahl. FanFan sitzt vor mir und ist erfreulich kommunikativ. Ich nutze die Gelegenheit und mache ein Bild von ihr. Sie demonstriert mir eindrucksvoll (ungewollt) die Schwierigkeiten der chinesischen Aussprache: Ihr Familienname besteht aus einer einzigen Silbe, nämlich „Ma“ (was sich wie „Pferd“ schreibt), und es will mir nicht gelingen, dieser kleinen Silbe den richtigen Tonschwung zu verleihen. Das chinesische Tonsystem[1] verfügt über vier Arten von Tonverläufen, die bedeutungsunterscheidend sind. In ihrem Fall fällt die Tonhöhe nach dem „M“ zum „a“ hin ab, um am Ende des Lautes wieder zu steigen. Das klingt theoretisch ganz einfach, aber ein geübtes chinesisches Ohr ist nicht so leicht zufrieden zu stellen. Ich glaube, ich würde wirklich lieber Arabisch lernen.

Und dann knattern wir den Test durch, und einige „Veteranen“ bemerken, dass es der exakt gleiche Test wie beim letzten Mal vor einem halben Jahr ist. Aber was würde es mir bringen, mich an Testaufgaben zu erinnern? Am Ende würde ich in einer Lernstufe landen, die meinen Fähigkeiten nicht entspricht. Ich werde aber wohl in der gleichen Stufe landen, weil ich mich am Ende nicht sonderlich erfolgreich fühle.

Für 13:00 ist eine Informationsveranstaltung über „Leben in Hirosaki“ geplant, aber die kann ich beruhigt weglassen. Ich weiß inzwischen, wie man Müll trennt. Der nächste „offizielle“ Termin ist morgen früh um 09:00, und er beinhaltet das Ablesen der Testergebnisse und das provisorische Planen meines Stundenplans.
Ich schaue Irena dabei ein wenig über die Schulter, die sich schon jetzt um ihren Stundenplan bemüht, weil sie das Vorlesungsverzeichnis vor sich liegen hat, und ich finde Veranstaltungen, von denen ich nicht weiß, ob sie mich interessieren. „Traditionelle Sportarten Japans“? Nein danke. Man erinnere sich daran, was ich vor einiger Zeit über den in Japan tief verwurzelten Formalismus gesagt habe. Beim Kendô lernt man zuerst mal das Knien, beim Sumô das Wasser holen und Handtuchhalten. Dann gibt es „Kunstformen in Tsugaru“. Das klingt an sich interessant, aber da steht schon wieder Kôgin-Stickerei auf dem Plan, und das habe ich beim letzten Mal schon so unsäglich genossen. Musik ist nicht dabei… eine Shamisen-Vorstellung hätte mich überredet, mich einzutragen.
Ich kann auch keine Veranstaltungen finden, die von Philips oder Westerhoven angeboten werden (dessen Namen man tatsächlich mit „W“ und nicht mit „V“ schreibt – ich hatte letztlich ein Buch von ihm in der Hand). Carpenter ist auch nicht dabei… ich warte bis morgen und mache meinen Plan dann.

Ich gehe wieder in den Computerraum und plane meinen Spielzug gegen Frank, der heute endlich die entsprechende Datei geschickt hat. Dann schreibe ich zwei Berichte und finde eine Mitteilung von Prof. Fuhrt vor, in der er mich wissen lässt, dass die beiden Bücher, die ich bestellt hatte, angekommen seien. Ich könne sie heute abholen, wenn ich wolle, oder nächste Woche in die Sprechstunde kommen. Ich antworte, dass ich versuchen werde, am Nachmittag in seinem Büro vorbeizukommen. Ich verfasse noch ein paar Einträge für das Animetric Forum und gehe um kurz nach Vier zu meinem Betreuer. Er drückt mir die Bücher in die Hand und meint, die 2000 Yen, die ich eigentlich noch zu zahlen hätte, habe er aus dem Resthaushalt (gültig bis 31.03.) abgezweigt. Wow, vielen Dank. Ich brauche jeden Yen.
Ich lasse mich noch über die aktuelle Lage der Universität aufklären, seit sie ja am 01.04. zu einer „Anstalt des öffentlichen Rechts“ teilprivatisiert worden war. Wie erwartet, sei das Budget gekürzt worden und die Adleraugen des Bildungsministeriums lägen paradoxerweise sogar noch schärfer auf der Lehranstalt als vorher, sagt er. Er erzählt weiterhin, dass bis vor wenigen Jahren jeder Professor (unabhängig von seiner Forschung oder Lehre) ein jährliches Budget von 550.000 Yen für Bücher und 90.000 Yen für Forschungsreisen gehabt habe (ca. 4100, bzw. ca. 670 E), und dass dieses System nun geändert worden sei. Jetzt habe jeder ein Budget von insgesamt 430.000 Yen insgesamt (ca. 3200 E), aber man könne über die Verteilung von Literaturanschaffungs- und Reisekosten selbst entscheiden, was ein Lichtblick sei, weil man mit einer Reisekasse von nur 670 E im Jahr nicht weit komme.

Ich bedanke mich für das Gespräch und gehe in die Bibliothek, weil ich ein paar Zeilen über meine vorgenommene Befehlsphase im Spiel gegen Frank zu schreiben will, aber ich kann mich an Details schon nicht mehr erinnern. Ich verlege also wieder in den Computerraum, werfe das Spiel an und sehe mir den Zug noch einmal an. Ich will zum Beispiel die Namen der Truppen nicht umsonst umgeändert haben – bekannte Namen machen die Handlung plastischer, und deswegen nenne ich sie auch in meinem After Action Report. Ich verwende für meine Truppen normalerweise die Namen meiner Bundeswehrbekanntschaften, allerdings sprengt dieses Spiel den bisherigen Rahmen und ich muss auf „noch ältere“ Kontakte zurückgreifen. Karl und Mihel haben in meiner (deutschen) Aufstellung ja schon länger den Job als Panzerfahrer sicher, aber Ronald hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass er mal als OG Saladin in einem Halbkettenfahrzeug landen würde, und Sebb würde sich in einem Kübelwagen wohl ziemlich verloren vorkommen. Irgendwie ist es auch interessant, dass Frank einen deutschen Leutnant treffen wird, der nach ihm benannt ist… der auch noch einen höchst brisanten Job hat.

Ich schreibe danach einen weiteren Newsletter, sammele weitere Abschnitte des „Alpha Reports“ und gehe um 18:50 in den Fitnessraum. Ich habe sogar Wechselkleidung mitgebracht. Aber entgegen meiner Hoffnung kann man die Duschen der Turnhalle nicht benutzen. Das Material ist angerostet und der Boiler außer Funktion. Wasser läuft zwar, aber kalt duschen mochte ich noch nie.
Ich gehe alle Geräte zweimal durch, mit jeweils drei lockeren Wiederholungen, die wegen ihrer Anzahl anstrengend sein sollen, und nicht wegen dem Gewicht am anderen Ende des Zugseils. Immer die Hälfte des Machbaren. Ich teile den Raum mit zwei Japanern, die das wiederholen, was ich beim letzten Mal bereits beobachten konnte: Sie nehmen sich Gewichte vor, die sie gerade so und nur unter großen Mühen höchstens fünfmal stemmen können und fühlen sich danach wie die Könige. Ui, und einer zieht sogar sein Hemd aus. Ich lächle unauffällig in mich hinein. Seine Arme mögen (für einen Japaner) überdurchschnittlich sein, aber das, was dazwischenliegt, möchte ich mal als „Hühnerbrust“ bezeichnen. Unn die mache so gudd, die zwei! Ich muss mich arg konzentrieren, um angesichts ihrer Geräuschkulisse nicht in lautes Lachen auszubrechen. Wie Herkules mit Verstopfung auf dem Donnerbalken.

Um Acht verlasse ich die Halle wieder und fahre nach Hause. Melanie hat „Freddy Vs. Jason“ ausgeliehen und ich bin überrascht, dass mir der Film gefällt. Sehr klassische Horrorelemente, der Kampf der beiden Bösewichte ist interessant – und den Soundtrack will ich auch haben.


[1] Mandarin, um genau zu sein. Kantonesisch z.B. hat sechs Töne.

7. April 2024

Mittwoch, 07.04.2004 – Körperliche Ertüchtigung

Filed under: Filme,Japan,My Life,Sport,Uni — 42317 @ 7:00

Am Morgen trage ich mich im Center in die entsprechende Liste ein, um mich für den Placement Text anzumelden. Ich müsste das eigentlich nicht tun, aber ich bin neugierig, obwohl ich nicht damit rechne, eine Stufe zu steigen – ich habe die Ferien über mit Hochdruck an meinem Newsletter gearbeitet und die Freiheit genossen, mal wieder Romane zu lesen, die absolut nichts mit meinem Studium zu tun haben. Und ich habe das sehr genossen!
Als nächstes sehe ich auf einem der Rechner ein aufgeklebtes Hinweisschild, dass der Computer am 09. April gelöscht und neu installiert werde. Das ist doch was. Oh, aber es ist der Rechner, auf dem sich meine Fotos befinden, und der Neunte ist bereits übermorgen. Ich schreibe Misi sofort eine kurze Mail, in der ich ihn bitte, mir zur Rettung meiner Fotos seinen Memorystick zu leihen, und das so schnell wie überhaupt möglich.

Von Frank ist noch immer keine Post da, also gehe ich in den Computerraum und schreibe zwei Berichte, bis ich eine Antwort von Misi erhalte. Ich könne ihn den ganzen Tag über in der Bibliothek oder im Center antreffen. Ich schreibe den zweiten Bericht also fertig und mache mich auf den Weg ins Center, aber ich treffe ihn bereits an der Tür, und Melanie gleich dazu, die zufällig zur gleichen Zeit eingetroffen ist. Ich bekomme den Memorystick und verlege ins Center. Misi geht mit und erzählt mir auf dem Weg, dass es an der Universität hier einen kostenlos nutzbaren Fitnessraum gebe. Er wolle sich am Abend dort mit Irena und Alex treffen, der wieder aus Rumänien zurückgekehrt sei. Alex war es auch, der ihn auf die Möglichkeit hingewiesen hat. Ich bin interessiert. Dann solle ich ihn um 18:00 vor der Mensa treffen – aus der gegebenen Beschreibung kann ich die richtige Turnhalle nämlich nicht erkennen, weil die Turnhallen alle gleich aussehen. Anstatt mir das Gebäude zu beschreiben, hätte er vielleicht den Weg dorthin in seine Erläuterungen mit einbeziehen können.

Aber erst muss ich meine Daten von diesem ewig langsamen Rechner retten. Das Übertragen von Misis Daten auf den Computer dauert etwa sieben Minuten, das Löschen des Speichers nimmt etwa zwei Minuten in Anspruch, und dann sind für die Übertragung meiner Fotos auf den Speicher noch einmal sieben Minuten fällig. Es dauert… meine Daten müssen ja noch auf den anderen Rechner, der Speicher muss wieder gelöscht werden, um Platz für Misis temporär ausgelagerte Dateien zu machen, die ebenfalls wieder rauf müssen.

Ich bemerke eine Menge neuer Gesichter im Center, und die meisten davon sind asiatisch. Der Sprache nach zu urteilen, habe ich sieben oder acht neue Chinesen und vielleicht eine Koreanerin vor der Nase sitzen. Es sind auch zwei „westliche“ Menschen dabei – männlich und weiblich. Er sitzt an einem der Rechner und will eines der Chatprogramme zum Laufen kriegen, aber er hat ein Problem. Also kommt er damit zu mir, weil ich der einzige bin, der ihm nicht das Gefühl gibt, Japanisch sprechen zu müssen. Er fragt mich, ob ich des Englischen mächtig sei, und er spricht mit einem auffälligen amerikanischen Akzent. Er ist einen Kopf kleiner als ich… eher noch kleiner. Er will wissen, wie man die Tastatureingabe der Computer von Japanisch auf Englisch umschaltet, und ich zeige es ihm. Ich verzichte darauf, weitere Fragen zu stellen. Erstens will er ja chatten und zweitens bin ich selbst beschäftigt. Ich übertrage meine Bilder auf einen der Windows 98 Rechner. Das bedeutet, ich kann meine Bilder wirklich nur zwischenlagern, bis ich die Gelegenheit erhalte, sie auf einen XP-Rechner zu übertragen, weil die Windows 98 Rechner den nötigen Treiber für meine Kamera nicht haben und auch nicht akzeptieren. Also abwarten.

Danach gehe ich nach langer Zeit wieder in die Bibliothek. Die Stühle im Physikgebäude sind mir zu unbequem, und da Frank noch nicht geantwortet hat, besteht auch kein Anlass, einen „diskreten“ Computer zu verwenden. Ich schreibe zwei weitere Berichte und ein paar Einträge ins Forum.

Um 17:50 gehe ich zur Mensa. Ich will nicht mit nüchternem Magen Sport treiben und kaufe mir ein Reisbällchen. Und es wird das letzte sein, das ich hier kaufe. Die Dinger bröseln mir immer auseinander, sobald ich hineinbeiße.

Misi trifft um kurz nach Sechs ein, Irena zwei Minuten später. Wir gehen zu der fraglichen Sporthalle und treffen Alex. Da man im Inneren nur Turnschuhe tragen darf und ich keine besitze, leihe ich mir welche aus den Schuhfächern am Eingang.
Der Fitnessraum an sich sieht eigentlich schäbig aus. Die Geräte sind alt und zum Teil kaputt oder unbenutzbar. Eines kann ich hinbiegen, indem ich das Zugseil aus seiner Verklemmung befreie und wieder über die Laufrolle lege. Ich probiere alles mal aus und drehe dann eine Runde durch den Raum und dann noch eine, und dann ist es auch schon sieben Uhr. Irena hat sich um 18:30 bereits verabschiedet, der Raum ist ihr wohl zu männlich, und ich gebe ihr vollkommen Recht. Da ich allerdings selbst männlich bin, macht mir das weniger aus. Und wieder einmal erhalte ich die Gelegenheit, mit einem Japaner zu reden. Es handelt sich um einen der Fußballspieler, die gerade Training haben, in der Halle nebenan. Im Großen und Ganzen beantworte ich seine Fragen, ohne wirklich viel zu sagen.

Um kurz nach Sieben verlasse ich den Raum mit Misi und Alex, aber wir biegen in die Sporthalle ab, weil wir im Vorbeigehen ein Volleyball-Team erspähen – ein weibliches natürlich. Wir steigen also zur Empore der Halle hoch, wo gewöhnlich die TaeKwonDo Clubs trainieren und auch ein paar Tischtennisplatten herumstehen. Wir bearbeiten erst den Sandsack ein bisschen und leihen uns dann von den anwesenden, aber reichlich inaktiven Spielern zwei Schläger, um etwas Ping Pong zu spielen. Natürlich bin ich schlecht wie eh und je… ich würde lieber mal wieder Badminton spielen. Zwischendurch sehen wir den Volleyballerinnen beim Training zu. Einen Trainer gibt es nicht, man arbeitet nach dem Senioritätsprinzip – erfahrene Spielerinnen leiten die neuen an. Auffällig ist ebenfalls, dass jungen Damen alle ausnahmslos groß sind. Im Schnitt etwa 170 cm würde ich schätzen, plus/minus zehn Zentimeter, und das liegt deutlich über der von mir täglich beobachteten Durchschnittsgröße.[1]
Um 20:15 gehen wir dann endgültig. Misi und Alex wollen sich eine der Unterhaltungs-Sport-Sendungen ansehen, aber ich will nach Hause. Ich bin hungrig und das nicht zu knapp.

Ich sehe mir mit Melanie dann „Zatôichi“ an, mit Kitano „Beat“ Takeshi in der Hauptrolle. Er spielt einen anscheinend blinden Schwertkämpfer gegen Ende der Edo-Zeit (ein Revolver wird gezeigt, daher die Schätzung), der unter einem Yakuza-Clan aufräumt. Sehr blutig. Leider sind alle Bluteffekte am Computer gebastelt worden – und das würde noch nicht einmal auffallen, wenn die Schwertklingen in den durchbohrten Leibern der Gegner nicht eine solche Bewegungsfreiheit hätten. Hin und wieder gibt es auch Musikeinlagen, die überhaupt nicht in das Setting passen wollen – wie zum Beispiel die Stepptanznummer am Schluss, die den Charakter eines Musicals aufweist. Für sich allein ist das jedoch eine sehr interessante Nummer. Insgesamt handelt es sich um einen ansprechenden Film, der nicht nur Takeshi Fans gefallen dürfte. Wie es scheint, handelt es sich dabei um das Remake eines Schwarzweißfilms.


[1] Eine der Spielerinnen war eine Handbreit größer als ich. Leider gibt es kein Foto.

2. April 2024

Freitag, 02.04.2004 – Der Tod des Wochenendes

Filed under: Japan,Musik,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Um 09:00 sehe ich aus dem Fenster, und was leuchtet mir da entgegen? Schnee! Es schneit! Jetzt war bereits die ganze Woche über bester Frühling, ich habe die Winterjacke längst in den Schrank gestopft und das Sommermodell herausgekramt, und jetzt das! Also gehe ich zur Uni – ja, zu Fuß.

Ich setze mich an die entsprechenden Rechner und sehe, dass „Beru Bara“ mittlerweile mit 22 Episoden vertreten ist. Um den Speicherplatz auf dem Rechner nicht weiter zu belegen, will ich die Daten brennen – aber die Nero.exe Datei funktioniert nicht (wie so ziemlich alles auf diesem völlig zerschossenen Müllhaufen). Aber das sollte kein Problem sein. Ich versuche, das Programm von meiner Daten CD aus zu installieren… aber auch das funktioniert nicht, aus nicht näher genannten Gründen. Mein linkes Auge zuckt unkontrolliert. Aber es gibt ja noch Alternativen. Auf dem Computer befindet sich ein funktionierender Real-Media-Player, inklusive Software zum Brennen von CDs. Ja, bis auf die Episoden 11 und 12 geht auch alles glatt – bei denen liegt wohl ein Fehler vor… na klasse. Dann muss ich die einzeln besorgen. Wann auch immer. Aber jetzt reicht’s! Ich nehme mir den Block auf dem Schreibtisch von Sawada-sensei vor, beschreibe den unhaltbaren Zustand der Computer und schlage vor, alle Rechner komplett neu zu installieren und dabei auch nicht ein einziges Bit von dem alten Müll übrig zu lassen.

Dann gehe ich ins Physikgebäude und schreibe Berichte. Franks Spielzug für CM ist noch immer nicht da… die nehmen ihn zuhause arbeitsmäßig offenbar schwer an die Kandare. Natürlich bin ich ungeduldig… vielleicht sollte ich den „Maulwurf“ gegen Misi anleiern, wie ursprünglich geplant, um die Lücke zu schließen.

Nach drei Berichten sehe ich mir die ersten vier Episoden von „Area 88“ an. Der Soundtrack gefällt mir… „Mission (Fuga)“ heißt der Titelsong. Schöne Technoversion eines klassischen Stückes, dessen Name mir entfallen ist. Eine Fuge von Bach. Hm… andererseits weiß ich auch nicht, ob das Stück außer „Fuge“ überhaupt noch eine genauere Bezeichnung hat. Vielleicht ist es ja die Fuge von Bach? Wie dem auch sei… ich wollte auch den recht offensichtlich holländischen Namen des Komponisten (dieser Remix Version) abschreiben, aber leider fällt mir dabei auf, dass ich meinen Kugelschreiber im Center habe liegen lassen.
Um 17:00 verlasse ich das Gebäude und gehe mit Melanie ins Center, um meinen Kugelschreiber zu bergen. Er war zwar umsonst, aber es ist ein guter Kugelschreiber. Er liegt noch auf dem Block, auf den ich geschrieben habe. Sawada-sensei hat bereits etwas darunter geschrieben: Am Abend werde sich jemand darum kümmern.

Tatsächlich sehe ich unseren Zuständigen an den Rechnern herummachen. Ich sehe mal zu, was er so macht, und… was macht der Mann da!? Er hat die Rechner defragmentiert, die Netzverbindung immerhin wiederhergestellt und einen Virenscanner drüberlaufen lassen. Soll das alles sein? Das System ist doch jetzt noch genauso ausgelutscht und langsam wie vorher! Ein Reinstallation macht halt mehr Arbeit… die dieser Mann entweder scheut oder zu einem genehmeren Zeitpunkt nachholen will. Ich gehe derzeit optimistisch von letzterem aus. Da muss ich mir doch an den Kopf fassen… ich gehe lieber nach Hause, bevor mich hier das Grauen packt.

30. März 2024

Dienstag, 30.03.2004 – Keine Veränderung

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Die entsprechenden Rechner im Center sind noch immer ohne Verbindung zum Internet. Ich scanne also nur die beiden Covers der EVA Storyboardbücher, die noch unter meinem Schreibtisch liegen. Die Bücher landen bei E-Bay, sobald ich in den Computerraum komme.

Mein Bruder schreibt weiterhin eher beruhigende Neuigkeiten. Unser Vater darf sich vom Rauchen natürlich verabschieden… was ich in keinster Weise bedauere. Ich frage mich allerdings, was mit seinem Kaffeekonsum ist… immerhin trinkt er pro Tag so viel Kaffee wie ich Zitronentee – und mein Verbrauch ist geradezu legendär.

Ich schreibe Kommentare ins Animetric Forum und zwei oder drei Berichte, bis man mich um 17:15 rausschmeißt. Die Luft riecht nach Regen, also fahre ich lieber gleich nach Hause und lese weiter in meinem Buch.

29. März 2024

Montag, 29.03.2004 – Touring

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Es ist Montag, ich komme also wieder an die Computer, um meine Post zu prüfen. Aber die Windows 98 Rechner im Center sind noch immer offline. In Folge dessen kann ich meine eigenen Mails vom Server nicht ausdrucken, weil die Rechner, die Netzverbindung haben, keine stehende Druckerverbindung oder kein funktionierendes Textverarbeitungsprogramm haben. Wenn ich was drucken will, muss ich es mit einer Diskette auf einen der 98er Rechner transferieren. Eine ganz tolle Wurst ist das! Auf dem gleichen Wege besorge ich mir dann die Scans meiner zu verkaufenden Artbooks – ich scanne das Material auf dem dafür vorgesehenen Windows 98 Rechner ein, speichere das Bild auf Diskette und transferiere es später auf einen der Unirechner, von wo aus ich für gewöhnlich „operiere“. Ich verziehe mich dazu in den Computerraum und lese Post: Was schreibt mein Bruder da? Unser Herr Vater trägt sich mit dem Gedanken, am Mittwoch bereits das Krankenhaus wieder zu verlassen? Ich dachte, der hätte was am Herz und nicht am Kopf!

Um kurz nach Fünf verlasse ich den Raum wieder, und weil es ein schöner Tag ist, fahre ich in die Stadt.
Im Daiei hat der 100-Yen-Shop neu eröffnet und ich wollte mal reinsehen. Das Ding ist neuerdings doppelt so groß wie vorher. Ich kaufe eine Packung Kekse, weil es 300 g für 75 Cent sind… weil aber Kekse trocken sind, kaufe ich auch noch eine große Dose Milchkaffee, um die Kekse den Hals hinunter zu spülen. Die Kekse sind ganz gut, muss ich sagen, aber für einen billigen Milchkaffee ist das Produkt hier wirklich schmackhaft.
Ich fahre auch im Naisu Dô vorbei. Die beiden Artbooks, die ich vor drei Monaten zurückgelegt hatte, sind immer noch da. Dann hoffe ich einfach mal, dass sie nächsten Monat immer noch da sind. Diesen Monat habe ich mein geschrumpftes Luxusbudget bereits aufgebraucht. Ich begebe mich also wieder Richtung Heimat, währenddessen wird es dunkel. Ich habe mir auch schon lange nicht mehr so viel Zeit gelassen wie heute. Außerdem fahre ich heute nur über Nebenstraßen.

Ganz in der Nähe von dem Haus, wo Yui (noch) wohnt, befindet sich eine Kirche, und neben der Kirche befindet sich ein kleiner Park. Auf den ersten Blick dachte ich, dass es sich dabei um eine der üblichen Stadtanlagen handele, vielleicht 50 x 20 Meter groß, um ein paar Bäume als Alibi in der Stadt zu haben. Ich fahre eine Runde im Inneren der Grünanlage und muss stattdessen feststellen, dass das Gelände gar nicht so klein ist, wie ich dachte. 100 x 50 Meter dürften es schon sein. Ich entdecke einen großzügigen Spielplatz, störe ein Pärchen beim Küssen (markanter Geländepunkt: Kleine Hütte auf kleinem Hügel) und finde eine Art Brückenpfad. Der Untergrund verrät mir, dass hier im Sommer wohl Wasser fließt. Könnte ein schönes Plätzchen sein. Und Hunde müssen draußen bleiben.

Um ca. neun Uhr bin ich zuhause und wegen meiner Kaffee-und-Keks Einlage nicht sonderlich hungrig, also esse ich nur ein paar Sushi und hebe den Reis für das Frühstück auf.

26. März 2024

Freitag, 26.03.2004 – Von der Sense gehüpft

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Melanie steht früh auf, weil sie um 08:30 im Center sein will, um mit Steffi zu chatten Ich stehe um 09:00 auf und bin um 10:10 vor dem Center. Da hängt immer noch ein Schild aus: „Von 08:00 bis 10:00 geschlossen“… Dann wird Melanie mit ihrem Vorhaben wenig Glück gehabt haben.

Ich nehme Platz und rufe meine Post ab. Mein Bruder schreibt, dass der Zustand unseres Vaters noch immer nicht der beste, dass er aber immerhin über den Berg sei. Das beruhigt mich sehr. Ich befinde 52 Jahre als kein gutes Alter, um bereits den Löffel abzugeben, ganz ungeachtet der Tatsache, dass es um meinen eigenen Vater geht.

Ich brenne im Anschluss die übrigen neun der dreizehn Episoden von „Gunslinger Girl“. Bin gespannt, wann ich dazu komme, die Serie auch anzusehen… derzeit mangelt es mir an Zeit dafür. Ich denke einen Augenblick darüber nach, vielleicht eine Kopie zu machen und an meinen alten BW Kameraden Ritter zu schicken. Ich kenne sonst keinen, der sich (ungesehen) dafür interessieren könnte, aber andererseits weiß ich nicht, ob er die Serie nicht vielleicht bereits hat (oder was er überhaupt hat) und es wird ihn nicht umbringen, wenn er warten muss, bis ich zurück bin.

Die Windows 98 Rechner im Center haben heute keinerlei Verbindung zum Netz, und die Hälfte der XP Rechner auch nicht, aber bei zumindest zweien davon ist das nichts neues. Wenn aber von elf verfügbaren Computern nur drei halbwegs so funktionieren, wie sie das sollen, dann ist das etwas übertrieben. Ich sollte eine Notiz auf dem Mitteilungsblock von Sawada-sensei hinterlassen (was ich natürlich verschiebe und vergesse).

Um 13:30 wechsele ich in den Computerraum, das Center schließt heute sowieso bereits um 14:00. Dort kommt Misi auf mich zu und fragt mich, ob ich ihm mein Fahrrad leihen könnte, da er seines von Alexej abgesperrt und ohne Schlüssel zurückerhalten habe. Er wolle deshalb zu dem Russen fahren und seinen Schlüssel abholen. Er sagt, er werde mein Fahrrad am großen Parkplatz abstellen. Alexej wird übrigens in wenigen Tagen nach Hause zurückkehren, seine beiden Semester sind um.

Ich schreibe drei Berichte bis um 17:00, und mache mich dann daran, mit Melanie nach Hause zu gehen. Es regnet. Nicht stark, aber immerhin. Ich entdecke mein Fahrrad an der Kante des Überdaches am Eingang des Gebäudes, und natürlich ist es nass geregnet. Aber die Tüte, die ich ständig über den Sattel stülpe, macht sich wieder bezahlt. Auf dem Fahrradparkplatz treffe ich Tei, den Programmierer aus meinem letzten Japanischkurs, und nutze die Gelegenheit dazu, ein Foto von ihm für mein Posterprojekt zu machen und seine Mailadresse einzusammeln. Ich fahre also mit Melanie nach Hause, über die nasse Straße. Auch dieses Fahrrad hat keine Schutzbleche, also durchnässt das Spritzwasser, das der Reifen von der Straße aufnimmt, meine Hose und ich bin ganz begeistert von diesem Umstand. Aber besser auf dem Heimweg als auf dem Weg zur Uni. Ich sollte mir jetzt, nach Ende des Winters, wieder angewöhnen, eine Hose zum Wechseln im Rucksack mitzuführen, für exakt diesen Fall.

24. März 2024

Mittwoch, 24.03.2004 – Zeugnistag

Filed under: Bücher,Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Ich gehe mal wieder an mein Postfach im Sekretariat meiner Fakultät und finde mein Zeugnis vor. Aha… die Sprachkurse habe ich bestanden (ich muss annehmen, dass mich meine Mitarbeit im Unterricht über die 60 % Marke gerettet hat), für die Seminare „Kulturgeschichte von Tsugaru“ und „Einführung in das Studium des Buddhismus“ habe ich sogar eine A-Note bekommen. Für das Literaturseminar habe ich natürlich keine Note bekommen, weil ich die Hausarbeit nicht geschrieben habe. Dennoch habe ich die 14 Leistungspunkte, die ich brauche, erreicht, und ich weiß, dass ich bei der nächsten Gelegenheit gegen eine Hausarbeit und für eine Endklausur stimmen werde.

Ich packe das Zeugnis ein und gehe ins Center. „Gunslinger Girl“ ist komplett verfügbar. Dann brauche ich ja nur noch den Memorystick, um das Material verschieben zu können. Aha… und MinJi ist aus dem Heimaturlaub zurück. Ich frage sie, ob ich ein Foto für mein „Poster Projekt“ machen dürfe, aber sie sagt, dass sie heute nicht gut aussehe und es gerne verschieben wolle. MinJi… nicht gut… aussehen? Ich habe hier noch keinen Tag erlebt, an dem sie nicht gut ausgesehen hätte… dann warte ich noch eine Weile. Ich will mich dann aber auch nicht mehr lange aufhalten und gehe in den Computerraum. Ich bearbeite zuerst meine Post (inklusive dessen, was von gestern noch übrig ist), dann schreibe ich drei Berichte und versende das Material über den Zeitraum vom 10. bis zum 16. Februar.

Ich kann auch endlich das Spiel mit Frank in Bewegung setzen und schicke ihm die erste Textdatei. Ich hatte noch keine Zeit, den Auftakt meines Berichtes, über meine Aufstellung usw., zu schreiben. Aber da ich den Verteidiger spiele und die gegnerische Truppenzusammensetzung bis ins kleinste Detail kenne (weil ich die Karte ja selbst gebastelt habe), inklusive des Zeitpunkts, zu dem die Verstärkung eintrifft, muss ich darüber schon mal nicht allzu viel schreiben. Ich weiß, was mich erwartet und es wird nicht einfach. Auf jeden Fall habe ich beschlossen, den Bericht halb-prosaisch zu schreiben… wohl aus der Sicht des Kommandeurs, ohne Dialoge. Vielleicht kann ich auch den einen oder anderen Abschnitt für mein Rollenspiel „Code Alpha“ brauchen oder zumindest irgendwie verwursten.

Ich schaue bei Animetric vorbei und finde ein paar interessante Neuigkeiten. Der Anime „Ah! Megami-sama!“ soll offenbar eine Art Fortsetzung erfahren, und die japanische Vertriebsfirma Toei wird die Lizenz der Animeserie „SailorMoon“ in Nordamerika nicht verlängern – sie läuft am 01.04. aus und keiner weiß, warum. Toei wird die Entscheidung getroffen haben, die sie für das Unternehmen als die beste betrachten, aber die Verkäufe der Serie in den USA scheinen nicht so gering gewesen sein, dass es sich nicht gelohnt hätte. Wenn die Lagerbestände weg sind, gibt’s nichts mehr.

Um 17:00 erscheint ein Textfeld auf dem Bildschirm, das mich an die Schlusszeiten erinnert. Ich gehe ins Center und hole Melanie ab. Wir wollen mal wieder eine Schüssel Ramen essen. Wir gehen aus alter Gewohnheit ins „Bunpuku“, und dort weht wirklich ein neuer Wind. Die ältliche Dame ist durch eine jüngere (um die 40) ersetzt worden, die sich in diesem Metier nicht ganz so wohl zu fühlen scheint, wie ich das von ihrer Vorgängerin zumindest dachte. Die Speisekarten sind komplett neu, um 50 % des alten Angebotes gekürzt und um zwei oder drei neue Angebote bereichert. Na gut, ich probiere Chashû- und Melanie nimmt Yakiniku-Ramen.
Und so lange habe ich noch nie auf mein Essen warten müssen. Ich habe die Zeit nicht gestoppt, aber eine halbe Stunde war es auf jeden Fall. In Ordnung, der Laden ist voll, und wir mussten vorerst an der Theke Platz nehmen, bis ein Tisch frei wurde, aber dennoch finde ich, dass man so lange auch nicht warten müssen sollte. Schließlich reden wir hier über Nudelsuppe und nicht über Ente à l’Orange.

Wir gehen danach noch einkaufen und dann nach Hause. Ich lese Robotergeschichten von Asimov und bewundere die Zukunftsgläubigkeit der Menschen in den fünfziger Jahren. Asimov ging damals davon aus, dass bereits 1998 (die Zahl wird genannt) Roboter für den Hausgebrauch verfügbar seien. Interessant dabei ist, dass das Modell von Roboter, das er beschreibt, auf zwei Beinen gehen (und rennen!) kann und aufgrund technischer Einschränkungen zwar keine Sprachausgabe hat, aber über eine derart komplexe künstliche Intelligenz verfügt, dass der Roboter gesprochene Kommandos versteht und sogar als Spielkamerad für Kinder geeignet ist.
Betrachtet man nun heute, im Jahre 2004, den ASIMO von Honda… der kann auf zwei Beinen gehen, ist aber noch weit davon entfernt, rennen zu können (man geht derzeit davon aus, dass das noch knapp 20 Jahre dauern könnte), er kann Fragen beantworten, verfügt aber nicht über eine echte Sprachsynthese, und davon, dass Roboter auf eigene Initiative hin handeln und komplexe inhaltliche Zusammenhänge von gesprochener Sprache erkennen und verarbeiten können, sind wir wohl noch weit entfernt. Ich habe ja vor einigen Wochen erwähnt, dass die Robotik davon ausgeht, dass Fußballspiele, Menschen gegen Roboter, etwa um 2050 möglich sein sollten.

Melanie sieht sich weiterhin irgendwelche TV-Serien aus der Videothek an, während ich lese. Um 22:00 beschließe ich, Schluss zu machen – aber wie ich mich kenne, bedeutet das bestenfalls, dass ich noch vor Mitternacht unter meiner Bettdecke sein könnte.

5. März 2024

Freitag, 05.03.2004 – Slang-Studien

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Melanie steht bereits um 07:00 auf, weil sie um 08:00 eine Verabredung mit Steffi hat, um über den halben Globus hinweg ein bisschen per Computer zu chatten. Ich bleibe liegen und stehe erst um 08:00 auf; und beginne langsam mein Tagesgeschäft.

Um kurz nach Zehn bin ich im Center, wo Melanie noch immer mit Steffi zu Gange ist. Ich will mich nicht in den Chat einmischen und verzichte auf drei Sätze Smalltalk. Ich mag weder Chat noch Smalltalk. Ich hoffe, Steffi nimmt das nicht persönlich. Ich habe meine in letzter Zeit gekauften Singles und Maxis mitgebracht und speichere die Lieder als MP3 Dateien auf der Festplatte, bevor ich diese auf eine Daten CD brenne. Irgendwann werde ich dann ein paar wenige Musik-CDs mit jeweils etwa 80 Minuten Spielzeit daraus machen. Ich finde es nämlich störend, alle paar Minuten die CD wechseln zu müssen, weil auf den CDs, die ich gekauft habe, jeweils nur zwei oder drei Songs drauf sind. Dann fasse ich die Dinger lieber zu eigenen Sammlungen zusammen.

Ich erkläre bei der Gelegenheit auch Paula, wie das funktioniert, weil sie gerade mit dem Brennen einer Audio CD Probleme zu haben scheint. Aha, ich sehe das Problem. Nein Paula, man kann keine CD von 80 Minuten Spielzeit brennen, wenn auf der Scheibe bereits 200 MB andere Daten gespeichert sind. Wie man eine Re-Write CD-ROM neu beschreibt, weiß ich allerdings nicht. Ich gebe ihr eine meiner leeren CDs für ihr Vorhaben, und sie geht im Anschluss gleich einkaufen, um meine Leihgabe zu ersetzen.

Um 14:00 kommt Yui und wir setzen uns an die ersten paar Seiten des 125 Seiten starken Glossars von Bundeswehr-Jargon, das mir als Grundlage für meine Magisterarbeit dienen soll. Die Beschreibungen der einzelnen Begriffe werden, für Soldaten so simpel wie möglich, so übersetzt, dass der japanische Applikant nur noch das entsprechende Wort im Jieitai-Jargon einzusetzen braucht. Das geht stetig, aber nicht schnell voran, und um 16:30 muss Yui weg, weil ihr Job ruft.

Am deutlichsten markiert wird dieser Zeitpunkt durch die Koreanerin MinJi, die Probleme mit dem Drucker hat und deshalb auf der Kante des Tisches kniet, über dem auf einem Regal der Drucker steht. Ich sage nur zu ihr, dass sie darauf achten soll, nicht von der Tischkante zu rutschen, als Yui eröffnet, dass sie gehen müsse. Yui geht also und ich kann zumindest versuchen, dass Problem von MinJi zu lösen. Sie will eine Internetseite ausdrucken und der Drucker gibt eine Fehlermeldung her, die keiner von uns beiden so recht verstehen kann. Der Drucker hat Papier, alle Klappen sind geschlossen und ein Papierstau liegt auch nicht vor. Da finde ich kein Problem. Den Text auf der Seite kann man nicht markieren, weder durch Einrahmen noch per Druck auf die Tasten „Ctrl+a“, Rechtsklick geht auch nicht, also kann ich den Text nicht in ein WORD Dokument verpflanzen. Tut mir leid, mein Wissen ist erschöpft. Sie dankt mir dennoch für meine Mühen. (Man hätte allerdings einen oder mehrere Screenshots der Seite machen können, um diese dann als Bild auszudrucken, aber darauf komme ich erst einige Zeit später.)

Den Rest meiner Zeit verbringe ich damit, meine „Combat Mission“ Gefechtskarte „Maulwurf“ für mein nächstes Spiel gegen Misi vorzubereiten. Sie braucht einige Verbesserungen. Aber ich will nicht im Einzelnen darauf eingehen. Ist sicher langweilig. Ich gehe um kurz nach Sechs. Ich fühle mich müde und verzichte darauf, einen Bericht zu schreiben. Außerdem wollte ich eh um 19:30 zuhause sein, um „Atashin’chi“ zu sehen.

Danach lese ich wieder in meinem Buch und gehe später mit Melanie in die Videothek, weil sie eine ausgeliehene TV-Serie zurückbringen will. Ich entdecke dabei im Regal die US Serie „Band of Brothers“, das Projekt von Tom Hanks und Steven Spielberg nach „Saving Private Ryan“. Die Filme sind im O-Ton verfügbar, also fasse ich den Plan, mir die Serie mit Misi zusammen anzusehen, weil sie so wunderbar zu Combat Mission passt.

4. März 2024

Donnerstag, 04.03.2004 – Mehr Heizung!

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Es ist Donnerstag und es ist kalt. Immerhin kann man sich bereits am Morgen auf den Fernsehabend freuen.

Ich gehe erst ins Center, dort treffe ich (zufällig) Yui und vereinbare, mich morgen mit ihr zu treffen, wegen ein paar Übersetzungen. Ich wechsele dann ins Physikgebäude und treffe auf dem Weg dahin auch Masako wieder, die sich daran macht, ihr Büro auszuräumen. Die Ergebnisse der Abschlussarbeiten sind zwar noch nicht draußen, aber Zweifel an einem Erfolg hat sie natürlich nicht.

Physikgebäude, das heißt miese Stühle und eine auf Hochtouren laufende Lüftung, die einem ständig einen kühlen Luftzug ins Genick pustet, wenn man nicht gerade in der letzten Reihe sitzt. Also wieder eiskalte Finger und Füße (aber dem kann ich ja etwas abhelfen). Warum können die den Raum nicht einfach zwei Grad wärmer heizen? Im Winter ist der Raum hier ein echtes Erlebnis.

Ich schreibe heute 15 Einträge ins Animetric Forum und mache mich damit ganz eindeutig zum „Poster des Tages“. Leider gibt es dafür keine Geld- oder Sachpreise.

Um 18:00 gehe ich nach Hause und warte darauf, dass um 19:00 das Abendprogramm beginnt.

17. Februar 2024

Dienstag, 17.02.2004 – Ich bin enttarnt

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute Morgen also noch eine Stunde bei Yamazaki-sensei… und dieser Gedanke geht mir so langsam durch den Kopf, dass ich jede einzelne Silbe bewusst erfassen und mit Missbilligung strafen kann.

Und wieder einmal sind Melanie und ich die einzigen Anwesenden… zunächst!
Nach zehn Minuten kommt Valérie dazu. Und noch einmal 20 Minuten später trifft sogar Chin ein! Das ist der Chinese (Arzt, Mitte 30), der sich bisher um jeden einzelnen Kanji-Test herumgedrückt hat. Hui, vier Leute!
Am Schluss bekommen wir unsere Klausuren zurück und mein Pegel liegt bei 60 %. Ein Rekord in diesem Semester (in Bezug auf Japanischklausuren). Natürlich sind 60 % arm – aber wenige Minuten vor dem echten Ferienbeginn will ich darüber nicht weiter nachdenken.

Ich gehe in die Bibliothek und finde gleich drei lange Mails auf einmal vor – von Sebastian, Kai und Kati. Kati schreibt über ihre Ferien, die anderen haben wichtigere Belange. Dann muss Kati leider warten.
Ich schreibe selbst noch drei Mails und schon zeigt die Uhr nach Zwei. Ich gehe schnell ins Center und verpacke zwei Bücher, die ich per E-Bay verkauft habe und nach Deutschland schicken will. Dann kommt FanFan ins Center, sieht und begrüßt mich.

Was ich da täte, möchte sie wissen.
Ei, ich verpacke Bücher, die ich nach Deutschland schicken will.
Ob sie sie mal sehen dürfe?
Die Gedanken, die innerhalb einer halben Sekunde in meinem Kopf erwägt wurden, hier in Kürze: Wenn ich ihr verbiete, die Bücher zu sehen, ist das erstens hochgradig verdächtig und zweitens könnte sie beleidigt sein. Wenn ich ihr die Bücher zeige, werde ich ihr ebenfalls in Zukunft verdächtig sein… aber wenn ich offen bin, kann ich meinen Ruf eher wieder hinbiegen, weil sie weiß, woran sie ist.
Hm, in Ordnung… aber sie solle nicht erschrecken. Sie tut es trotzdem. Sie nimmt den ersten Band, den sie greifen kann, in die Hand, mit dem Titel „EVA Hot“ und sieht Hoshino Ruri (aus „Nadescio“) in eindeutiger Stellung. Wenige Sekunden später entschwindet sie ohne weiteren Kommentar. Ich packe also weiter ein.

Und als ob FanFan nicht gereicht hätte, kommen als nächstes BiRei und Mei mit fröhlichen Gesichtern auf mich zu. Aha, die nächsten. Das Spiel beginnt von vorn.
Was ich denn da täte, möchten sie wissen.
Ich denke erst gar nicht und drücke Mei „EVA Hot“ in die Hand.
Ein Moment Stille.
Aber immerhin laufen die beiden nicht gleich weg. Mei macht Witze über meinen Extraverdienst. Soll sie. Gefällt mir besser als Weglaufen.
Die beiden wollen kommenden Monat ins Frauenwohnheim umziehen und ich frage sie, wie es mit einer Umzugsparty wäre. Ja, BiRei zumindest hat nichts dagegen, Mei überhört die Frage und schweigt dazu. Sie blättert lieber in „EVA Hot“ mit dem Bild von Hoshino Ruri drauf. Jetzt mache ich die Witze („Was ist? Hast Du Gefallen daran gefunden?“), aber das prallt von ihr ab wie Wasser von einer gewachsten Karosserie. Ich denke an den Film „Feuerwalze“ mit Chuck Norris (Zitat):
„Was wird er schon tun? Er ist Chinese, und Chinesen lächeln…“
Mei tut genau das angesichts meiner Bemerkung.
Schließlich bringe ich die Bücher zur Post, und bis ich zuhause bin, ist es schon 14:30. Aber Melanie reagiert darauf gelassener, als ich erwartet hätte.

Unser heutiges Programm besteht aus der zweiten Hälfte der „GTO“ Serie, nur unterbrochen von einem Besuch im „Bunpuku“ Ramen-Laden. Zuletzt sehen wir uns noch eine Episode von „Chrno Crusade“ an. Ja, der Name ist richtig geschrieben. Da fehlt tatsächlich das erste „o“ in der Rômaji Schreibung. Nehmen wir also an, dass es sich um Absicht handelt. Die Serie ist auch ganz hervorragend gezeichnet, gute Arbeit, aber auf eine niedliche Variante von „Warrior Nun Areala“ (nicht totzukriegende Leser der „AnimaniA“ werden das wahrscheinlich kennen) kann ich gut verzichten. Da ist eine junge Nonne mit reichlich reizfreier Unterwäsche, die im New York des Jahres 1928 unter Dämonen aufräumt. Natürlich erfüllt sie alle Klischees, die man so braucht, um eine niedliche Heldin zu basteln. Ich nenne hier nur den klassischen Vorgang „Zu schnell zu viel essen, sich verschlucken, blau anlaufen, sich dreimal auf das Brustbein klopfen, mit Wasser nachspülen“. Ich hab das auch schon probiert (bevor ich blau angelaufen bin allerdings), aber es hat nichts gebracht, mir auf das Brustbein zu schlagen (außer dem üblichen dumpfen Trommelgeräusch). Der Brocken bewegt sich erst, wenn man ihn wegspült. Begleitet wird die Nonne von einem nicht minder niedlichen, (zum Guten übergetretenen?) dämonischen Gehilfen mit der körperlichen Erscheinung eines schätzungsweise 16-jährigen Jungen, dem die Vorgesetzten der Kampfnonne natürlich wenig Vertrauen entgegenbringen. Ich bin sicher, dass er noch eine zwiespältige Rolle spielen und am Schluss an der Vernichtung des Bösen großen Anteil haben wird. Der Inhalt offenbart sich dem Erfahrenen also eigentlich bereits nach der ersten Episode. Die restliche Handlung ist mir zu offensichtlich… mir reicht eine Episode.

Die Nonne heißt übrigens, ja, tatsächlich, „Rosette“. Natürlich ist mir bewusst, dass es sich dabei um ein architektonisches Merkmal gotischer Kirchen handelt (dieses grob runde Fenster an der Frontseite heißt im kunsthistorischen Fachjargon so) und dass ihr Name höchstwahrscheinlich deshalb ausgesucht wurde – von einem arglosen Japaner, der die populärste Bedeutung des Begriffs wahrscheinlich nicht kennt. Dennoch finde ich das Wort als Namen für eine Frau reichlich unpassend. „Uhura“ ist als Frauenname richtig harmlos dagegen.

13. Februar 2024

Freitag, 13.02.2004 – Sind wir bald fertig?

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute ist Freitag und wir müssen wieder früh raus, weil Ogasawara-sensei eine Nachholstunde angesetzt hat. Wir sollen die Klausuren vom Wochenanfang zurückbekommen. Und, hurra, ich komme auf 58 %. Kein Grund zum Feiern, aber immerhin ist das besser als das letzte Mal. Außerdem sind heute nur vier Leute anwesend: Die Lehrerin selbst, die Chinesin Chong, Melanie und ich. Wie es scheint, werden Sondertermine gerne von mindestens zwei Dritteln des Kurses „vergessen“. Und zur Entspannung spielen wir im Anschluss ein Spiel, für das wir per Zufall kleine Papierzettel zugewiesen bekommen, auf denen Begriffe stehen, die wir erklären sollen, während der Rest der Anwesenden raten soll, was wir da erklären. Ich erkläre „Zahnbürste“, „Zahnpasta“, „Tageszeitung“ und „Mikrowelle“.[1]

Nach dem Unterricht arbeite ich die notwendigste Post ab, bringe ein Buch zu derselben und gehe dann nach Hause. Wir sehen uns im Laufe des Tages noch mehr Episoden an, darunter weitere Teile von „Fumoffu!“. Die Rugby-Episode muss der absolute Höhepunkt sein, weil ich mir keine Steigerung mehr vorstellen kann. Ich leide Schmerzen und weine Tränen vor Lachen.

Des Weiteren sehen wir Teile von „Ayatsuri Sakon“, wo es um einen Puppenspieler und seine Marionette geht, die „zusammen“ Kriminalfälle lösen. Ob der Puppenspieler, Sakon, einfach nur eine glatt gespaltene Persönlichkeit oder ob die Puppe, Ukon, ein Eigenleben hat, ist mir nicht klar geworden.[2] Auf jeden Fall verfährt auch diese Serie nach dem Prinzip, den Zuschauer völlig im Dunkeln zu lassen, was die Aufklärung betrifft und den Protagonisten am Ende einen aufklärenden Monolog führen zu lassen, was ich persönlich bedauere. Man erhält als Zuschauer keine Gelegenheit, sich selbst fundierte Gedanken zu machen, es erleichtert lediglich die Arbeit der Drehbuchautoren (da sie am Ende behaupten können, was immer sie wollen). Aber ansonsten ist die Serie empfehlenswert, die Zeichenqualität ist hervorragend und die Stimmung ist sehr passend inszeniert, zum Teil sehr düster, um genau zu sein.
Zuletzt sehen wir ein paar Episoden der „Gravitation“ TV-Serie an. Der doch als homoerotisch zu bezeichnende Inhalt ist nicht ganz mein Ding, aber die Charaktere sind zum Teil sehr sympathisch und lustig. Ich würde damit keinen Platz in meinem kleinen Regal verschwenden wollen, aber anschauen hat sich auf jeden Fall gelohnt.


[1] Die ersten beiden Begriffe kann ich leicht umschreiben, weil ich mir Details aus dem Werbefernsehen gemerkt habe.

[2] „Ukon“ und „Sakon“ sind übrigens die Bezeichnungen der beiden Bäume, die rechts bzw. links vom Eingang des Kaiserpalastes in Kyoto stehen.

12. Februar 2024

Donnerstag, 12.02.2004 – Kauftour

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Die letzte Klausur des Semesters erwartet uns. Sie kommt mir besser zu bewältigen vor als die vorherige, aber… warum ist es bloß immer das letzte Drittel einer Arbeit, das meinen Karren in den Dreck schieben muss?

Danach findet heute kein Unterricht mehr statt. Aber noch ist das Semester nicht vorbei. Wir haben noch eine Stunde bei Ogasawara-sensei vor uns, morgen. Ich sehe nach meiner Post und in „mein“ Forum, aber viel steht nicht an, also bin ich zeitig wieder daheim. Entsprechend der Tatsache, dass jetzt vier Leute in unserem Apartment wohnen, muss öfters Wäsche gewaschen werden, das heißt: Heute, jetzt sofort, und morgen gleich wieder.

Am Nachmittag fahren wir mit dem üblichen Bus zum Ito Yôkadô, steigen dort in den 100-Yen-Bus um und fahren zum „Cub Center“, einem „GLOBUS“ ähnlichen Verbrauchermarkt, das sich fast genau gegenüber vom Book Off befindet. Es schneit wieder stark, und der Schnee ist nass. Die Bürgersteige neben der Hauptstraße sind nicht geräumt und wir müssen uns auf kleinen Trampelpfaden fortbewegen, die nicht nur glatt, sondern zum Teil auch noch sehr abenteuerlich mit Eistrümmern „verziert“ sind, die vom Räumdienst von der Straße entfernt wurden. Man kommt sich vor wie in den Bergen! Und das ist ausnahmsweise kein Lob an die Landschaft.

Was die anderen drei im Book Off kaufen, habe ich mir nicht gemerkt, ich jedenfalls nehme die CD „Fuwari“ von Hayashibara Megumi mit, und das für 750 Yen. Billiger werde ich sie kaum bekommen. Zwischendurch muss ich aber auch kurz in das nebenan befindliche Restaurant eilen, um eine Toilette aufzusuchen… Boco ist da fast so gut wie Pfirsich-Eistee von Solevita! Danach suche ich für Freunde nach dem Hörspiel zur Manga-Reihe „Skip Beat!“ und nach dem Album „ID“ von Aikawa Nanase. Leider sind die Titel nicht verfügbar. Es sind aber noch zwei oder drei Läden übrig, in denen ich nach gebrauchten CDs fragen kann. Wir verlassen den Laden erst bei Anbruch der Dunkelheit und kehren nach Hause zurück.

Wir fangen an, die Serien, die Ricci mitgebracht hat, anzusehen, und die erste Nummer ist „Full Metal Panic – Fumoffu!“. Ich lache mir einen Ast und bin bemüht, nicht vom Stuhl zu fallen. Hinterher tut mir der Kopf weh vor Lachen. „Full Metal Panic“ war schon eine hervorragende Serie mit Humoreinlagen, die meinen Geschmack ziemlich genau trafen, nicht zuletzt, weil ich Teile meiner Persönlichkeit in der männlichen Hauptfigur Sagara Sôsuke wiedererkenne. „Fumoffu!“ ist eine Art Zugabe. Es geht dabei nicht darum, irgendeine Handlung aus der ursprünglichen Serie weiterzuführen, oder etwa eine eigene, neue, auf die Beine zu stellen. Die paar Episoden sind locker zusammengemischt und der rote Faden fehlt ihnen. Es geht wohl nur darum, das Verhältnis von Sôsuke und Chidori weiter auszuschmücken und den übertriebenen, militärisch-rationalen Unsinn von Sôsuke noch stärker zu betonen. Man könnte die „Fumoffu!“ Episoden wahrscheinlich ganz unauffällig in die Hauptserie einfügen, ohne dass es einem Uneingeweihten auffallen würde.

Wir sehen uns dann abends „Ace o nerae“ an, was, wie ich vermutet habe, von unserem Besuch natürlich nicht mit allzu viel Ernst betrachtet wird. Das wäre auch fehl am Platze, auch wenn die Serie möglicherweise durchaus ernst gemeint ist. Aber der Schmalz darin reizt doch immer wieder zu zwanglosen Kommentaren. Von „Doll House“ können wir nur noch die letzte halbe Stunde sehen, weil sich die Sendezeit aufgrund des Fußballspiels Japan-Malaysia verschoben hat.

10. Februar 2024

Dienstag, 10.02.2004 – Die Leere

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute wieder frühlingshafte Temperaturen nach der kältesten Nacht des bisherigen Winters, wie ich in einem Gesprächsfetzen auf dem Gang in der Uni mitbekomme. Ich habe mir schon so was gedacht, als ich in die Küche gekommen bin, um zum Bad zu gelangen. Frostig.

Die Klausur im Buddhismus-Seminar steht an, und auf dem Aufgabenblatt ist zu lesen:
„Erläutern Sie den Begriff der Leere im Buddhismus und beantworten Sie eine der übrigen vier Fragen.“
Na, das ist bei meinem derzeitigen Wissenstand nicht schwer. Ich nehme auch spontan die Frage nach der Entwicklung und Verbreitung des Buddhismus.[1] Von den ursprünglichen neun Teilnehmern sind noch vier übrig: Irena, Mélanie, David und meine Wenigkeit. Manche scheuten sich vor der Klausur, die sie in englischer Sprache würden schreiben müssen, und andere hatten mir unbekannte Gründe. Die beiden Japaner allerdings hätten für das Seminar sowieso keine Leistungspunkte bekommen können, also warum sollten sie sich mit einer nutzlosen Klausur belasten, wenn sie genug andere Dinge zu tun haben?
Nach der Klausur dürfen wir noch ein Bewertungsformular ausfüllen, darüber, was wir von dem Kurs gehalten haben, aufgeteilt in verschiedenartige Fragen, zu bewerten auf einer Skala von 1 bis 5. Allerdings weiß ich auch, dass alle anderen Kurse ihre Fragebogen bereits letzte oder vorletzte Woche ausgeteilt haben. Das Semesterende ist so nah, dass ich annehmen muss, dass die Fragebögen bereits jenseits der Abgabefrist sind.

Ich gehe in die Bibliothek. Und beschränke meine Computerarbeit auf 60 Minuten, weil Melanie mich gebeten hat, wegen der anstehenden Putzarbeiten frühzeitig zuhause zu sein. Ricci und Ronald werden heute Abend um 22:00 in Tokyo losrollen und morgen früh um 07:00 in Hirosaki eintreffen. Mir scheint, ich habe das etwas durcheinander gebracht. Aber es ist ja nicht das erste Mal, dass ich einen Abreisetermin mit einer Ankunftszeit verwechsele. Ich sehe also nur meine Post an und stelle außerdem mit großer Befriedigung fest, dass „Combat Mission“ auf den Rechnern der Universität Hirosaki einwandfrei läuft. In Trier funktioniert das Spiel nicht, weil die nötige 3D-Grafikkarte fehlt. Die scheint in Hirosaki gegeben zu sein.
Ei, dann kann das Blei ja fliegen! Das Center hat durchgehend geöffnet, es sollte also möglich sein, hin und wieder einen Zug zu spielen und per E-Mail weiterzuleiten. Wenn jetzt natürlich das Rechenzentrum geöffnet hätte, dann wäre das natürlich die Ideallösung. Dann kann man nämlich ein ganzes Spiel in einem Stück fertig spielen, anstatt über Tage hinweg. Das Rechenzentrum ist nämlich relativ groß und normalerweise nur schwach gefüllt, während die Bibliothek und das Center viel Publikumsverkehr haben, und ich habe, anders als bestimmte Thailänder und Chinesen, nicht den Nerv, die Rechner stundenlang für Dinge zu missbrauchen, die definitiv nicht mit dem (zugegeben idealisierten) Grundsatz von „Forschung und Lehre“ zu vereinbaren sind, während andere Leute darauf warten, ihre Post zu checken. Die Thais spielen „Ragnarök Online“, die Chinesen spielen sogar „Halflife“, „Unreal Tournament“ oder „Counterstrike“. Anders als in Center oder Bibliothek, wo ständig jemand auf einen freien Rechnerplatz wartet, ist im Rechenzentrum immer genügend Platz, so dass ich niemanden daran hindere, E-Mails zu lesen oder Arbeiten zu schreiben.

Am frühen Abend bewaffne ich mich aber vorerst mit Putzhandschuhen, Schwamm, Scheuermilch und Handtuch und putze das Bad. Das Handtuch wird gebraucht, um die Oberflächen gleich trocken zu reiben, damit nicht gleich wieder alles anschimmelt. Ein Fenster im Badezimmer hätte Vorteile. Danach gehe ich einen neuen Sack Reis kaufen, stelle ihn abrufbereit in den Schrank und setze mich vor den Fernseher. Ich will mir die aufgenommene Episode von „Doll House“ noch ansehen und „Kochira wa Hon’ikegami-sho“.


[1] Der Buddhismus hat sich, wie andere Religionen auch, in und durch Perioden politischer Instabilität verbreitet.

9. Februar 2024

Montag, 09.02.2004 – Schlafzimmereinrichtung

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Starker Schneefall am Morgen um halb Zehn. Die Aussage meines Ölverkäufers, dass der Februar der schneereichste Monat sei, scheint sich zu bestätigen. Es ist natürlich lustig, dass es genau dann anfängt zu schneien, wenn wir Besuch kriegen sollen.

Nachdem Melanie in den letzten Tagen wiederholt angemerkt hat, dass meine derzeitige Art des Frühstücks – untertrieben ausgedrückt – „ungewöhnlich“ sei, esse ich meinen Reis heute wieder mit Mayonnaise und Nori. Ach ja, den Geruch (!) von warmer Mayonnaise mag sie ja auch nicht… Was ist also „meine derzeitige Art des Frühstücks“? Ich mische eine Soße an, die zu einem Drittel aus Sojasoße und zu zwei Dritteln aus Rotwein besteht (gerade so viel, dass der Boden der kleinen Pfanne bedeckt ist), rühre einen Kaffeelöffel Tonkatsu-Soße, einen Esslöffel Ketchup und Mayonnaise und eine Prise Pfeffer hinein, vielleicht noch einen Spritzer Essig, und köchele dann Rindfleischstreifen (ca. 2 mm dick) darin, bis sie gerade gar sind. Wenn man sie zu lange kocht, werden sie zu zäh, um noch den Reis damit umfassen zu können. Das schmeckt (mir) ganz hervorragend, und ein Kilo von diesem Fleisch kostet umgerechnet auch nur 5 E. Daraus mache ich fünf oder sechs Portionen.

Heute steht die Klausur für den A3-Kurs an. Wie neulich ist auch hier das letzte Drittel besonders knackig, eben wegen der Abfrage von Texten, die im Lehrbuch stehen. Aber diesmal habe ich mich immerhin soweit vorbereitet, dass ich mir die möglichen Texte mehr als nur angesehen habe. Das sollte ein paar Punkte retten. Aber wie üblich komme ich mir nach der Arbeit so blöde vor, als hätte ich nie auch nur eine Stunde Japanischunterricht genossen.

Danach verbringe ich den Tag weitgehend mit meiner Post und im Animetric Forum, bevor ich nach Hause gehe.

Ich finde Post auf dem Schuhschrank, die Melanie freundlicherweise hochgebracht hat. Es ist die „Combat Mission“ CD, die Karl vor ein paar Tagen in Deutschland weggeschickt hat. Das war schnell. Besten Dank. Mein eifriger Freund hat darüber hinaus nicht nur „Combat Mission“ auf die CD gebrannt, sondern auch noch „Panzer General“ und „Snow Craft“. Und seinen „Humor“ Ordner. Hm, vielen Dank. Misi ist immer auf der Suche nach interessanten Spielen, aber mit den Dateien im „Humor“ Ordner wird er möglicherweise wenig anfangen können, da er nur rudimentäres Deutsch spricht. Aber voreiliges Handeln ist besser als Versäumnis. (Ich wünschte, ich könnte so konsequent nach diesem Vorsatz leben, wie er mir immer von den Lippen fließt.)

Um 22:00 bin ich mit SangSu verabredet, weil ich etwas von dem Bettzeug leihen möchte, das Angela ihm überlassen hat. Ich ziehe also meine Schuhe an, als er schon an die Tür klopft. Er hat eine Decke in der Hand. Oh ja, das ist gut. Aber wir brauchen auch einen Futon. Nein, so was habe er nicht. Aber er könne uns noch eine weitere solche dicke Decke geben und ein Kopfkissen dazu. Ich gehe mit ihm hinunter und hole das Zeug.

Und wenn ich schon da bin, kann ich auch gleich mit Hilfe seines Laptops ausprobieren, ob die von Karl gebrannte CD auch den Transport überlebt hat – schließlich könnten kleine Kratzer die Lauffähigkeit verhindern. Außerdem bin ich, zugegeben, begierig, dieses Spiel der Spiele mal wieder zu sehen. Und es läuft. SangSu will sich auch gleich „Snow Craft“ kopieren. Er sagt, das kenne man auch in Korea und er habe es immer gerne gespielt. Ja, sicher, soll er. Vielleicht wird er ein weiteres Mitglied der „Combat Mission“ Spielgemeinde. Aber… wenn ich ihn so ansehe, mache ich mir da wenig Hoffnung, auch wenn er sagt, dass er das Spiel ausprobieren möchte. Ich lasse es also auf seiner Festplatte. Die CD dazu braucht man ja nicht.

6. Februar 2024

Freitag, 06.02.2004 – Zieh mit, Feuer, zieh mit mir…

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute Morgen gehe ich noch einmal im Schnellverfahren Grammatik und Kanji durch, aber bei letzteren gibt es nicht mehr viel rauszuhauen, weil ich mich zu sehr auf die Grammatik gestürzt habe in den letzten Tagen. Zu allem Überdruss komme ich auch noch spät weg und schaffe es gerade noch, vor dem Unterricht da zu sein und einem dringenden Bedürfnis nachzukommen.

Zwei Drittel der Klausur sind an sich nicht schwer, aber das letzte Drittel hat es in sich. Da werden unter anderem die Dialogtexte aus dem Lehrbuch abgefragt, und ich hatte kein wie auch immer geartetes Interesse daran, diese auswendig zu lernen. Die exakten, einzusetzenden Vokabeln sind mir daher auch fast unbekannt.[1] Und natürlich ein Kanjitest. Wenn ich davon die Hälfte richtig habe, schätze ich mich bereits recht glücklich. Bei zwei Zeichen weiß ich weder Lesung noch Schreibung, aber immerhin die Bedeutung. Ich schreibe die Bedeutung in das freie Feld und hoffe, dafür vielleicht noch einen halben Punkt rausholen zu können. Wie üblich gehöre ich zu den letzten vier, die ihre Arbeit abgeben. Ich hoffe auf 60 %. Mehr als 50 % werden es wohl immerhin werden.

Ich kümmere mich dann um meine E-Mails und finde eine von meiner Mutter vor. Offenbar war mein letzter Brief an sie etwas… scharf formuliert. Ihr aktuelles Schreiben erfüllt den Zweck einer beruhigenden Geste. Ich sehe ein, dass ich meine Wortwahl wohl etwas unklug getroffen habe. Ich habe wohl irgendwann in meinem Tagebuch geschrieben, dass es kalt sei, was meine Mutter dazu veranlasst hat, mir ein „Notpaket“ zu besorgen, mit Handschuhen und anderen (von ihr nicht näher genannten) Sachen drin (die sie wegen der extremen Postgebühren aber nicht versandte). Ich schrieb zurück, dass ich schon alleine klarkäme. Natürlich bin ich dankbar, dass sie sich Sorgen macht, aber derartige Dinge treffen einen empfindlichen Punkt: Ich komme mir nicht gerne bemuttert vor. Es gibt mir das Gefühl von Abhängigkeit. Leider ist meine Abneigung gegen dieses Gefühl in meine Antwort eingeflossen. Ich muss diplomatischer sein. Und weniger emotional reagieren. Es tut mir leid.

Ich hatte in diesen Tagen auch schriftlichen Kontakt zu meinem Bruder. Ich finde es sehr beruhigend, dass ihm seine Arbeit offenbar zusagt… auch wenn er überhaupt nicht aussieht, wie man sich einen Metzger vorstellt. Ich wünsche ihm jedenfalls alles Gute für den weiteren Weg, den er gewählt hat. Auch wenn er mich für diesen Abschnitt für völlig bekloppt halten und möglicherweise der Meinung sein wird, dass ich mich zu sehr für seine Privatangelegenheiten interessiere. Aber trotz aller Meinungsverschiedenheiten: Bruder bleibt Bruder. Und ich habe mehr als 20 Jahre gebraucht, um das zu verstehen. Es ist unnötig, darüber zu witzeln, dass das daran liege, dass ich alt und weise geworden sei. Ich bin nämlich eigentlich weder das eine noch das andere. Zumindest noch nicht. Allen jungen Leuten, die sich zuhause mit ihren Geschwistern in den Haaren liegen, sei gesagt, dass man viel besser miteinander auskommen wird, wenn man sich nicht mehr jeden Tag auf der Pelle sitzt.

Da heute Freitag ist, schließt das Center bereits um 17:00, also weiche ich in die Bibliothek aus, aber dort ist das nahende Semesterende immer noch deutlich zu spüren. Die Jungs und Mädchen schreiben sich immer noch die Finger an ihren Arbeiten wund und man muss immer noch eine Zeitlang warten, bis man endlich einen Platz bekommt. Natürlich könnte ich auch in den großen CIP-Pool ausweichen, aber das Procedere stört mich da ein wenig: Straßenschuhe aus- und (für mich) viel zu kleine Latschen anziehen, Studentenausweis abgeben, sich in die Liste eintragen.[2] Zumindest ist das ab fünf Uhr nachmittags so. Ich habe aber Glück; Jû wird gerade fertig mit was auch immer er hier gemacht hat und überlässt mir seinen Platz. Er werde seinen Geburtstag leider nicht feiern, sagt er.

Karl schreibt mir, dass er meine Bestellung (ich habe ihn um eine Kopie von „Combat Mission“ gebeten, damit ich mit Misi spielen kann)[3] auf den Weg geschickt hat und dass ich ihm vier Euro Porto schulde. Ich überweise sie auf sein Konto und harre der Dinge, die da kommen.

Als ich nach Hause komme, darf ich auch gleich wieder losstiefeln, weil Melanie das Tomatenmark für die Hackfleischsoße vergessen hat. Die Soße wird auch gut, wenn auch sehr „knoblauchlastig“ und mit einem seltsamen Gewürz geschärft, das aussieht wie Chilipulver und in stärkerer Konzentration nach Pfeffer schmeckt. Was habe ich da gerade gegessen? Aber es rafft mich keine Vergiftung dahin und damit bin ich zufrieden.

Wir sehen uns die Aufnahme der aktuellen Episode von „Ace wo nerae!“ an und ich komme zu dem Schluss, dass es ein interessantes Spiel wäre, sich vor den Fernseher zu setzen und jedes Mal einen Schnaps zu trinken, wenn Hiromi „Ojôfuji…“ sagt, in diesem schmelzend zarten Ton, den sie dabei so gekonnt draufhat. Zur Erklärung: „Ojôfuji“ ist die Bezeichnung, die sie gegenüber ihrem Vorbild (?) Tatsuzaki Reika verwendet, und das bedeutet etwa „hohe Tochter“ oder „junge Dame“, soweit ich das interpretieren kann. Alternativ dazu könnte man zwei Trink-Teams bilden. Die einen trinken bei „Ojôfuji“ und die anderen heben immer dann einen, wenn Hiromi sich mit Hingabe auf dem Tennisplatz räkelt, weil sie – mal wieder – angesichts der Härte des Trainings zu Boden gesunken ist. Und jedes Mal, wenn sie auch noch den Staub vom Boden im Gesicht hängen hat, einen Doppelten. Das könnte ein lustiger Abend werden.
Die Darstellung der Beziehungen der einzelnen Charaktere zueinander erweckt den Eindruck, dass eine Beziehung zwischen Hiromi und Reika weitaus wahrscheinlicher ist, als das Zusammenkommen von Hiromi mit… diesem jungen Kerl mit der „Drei-Wetter-Taft-Frisur“… „Tôdô“ heißt der. Seinen Vornamen kann ich mir nicht merken. Jedenfalls sehe ich hier das auffälligste Yuri-Team, das mir je unter die Augen gekommen ist. Das Vokabular verstehen natürlich nur Insider, und es reicht mir auch voll und ganz aus, wenn nur die es verstehen.

Zuletzt bleibt für den Abend noch „Skyhigh 2“, was sich als lohnende Serie herausgestellt hat. Die Hauptdarstellerin (Shaku Yumiko) würde eine ganz hervorragende SailorPluto abgeben – sollte „SailorMoon“ je so weit kommen. Ich würde das begrüßen. Vermutlich habe ich das bereits erwähnt. Die Uhr zeigt nach Mitternacht. Ich bin müde und ich spüre keine Motivation mehr, mir auch noch die Aufnahme von „Doll House“ anzusehen. Das kann warten. Es handelt sich eh um eine der Serien, über die man lachen kann, weil sie eigentlich ganz furchtbar schlecht sind.


[1] Das japanische System baut stark auf das Auswendiglernen von Daten, eine solche Art von Klausur ist also nur folgerichtig.

[2] … und schlecht geheizt, möchte ich hinzufügen.

[3] Ich besitze eine lizenzierte Kopie von dem Spiel, aber das Original wollte ich mir nicht über den halben Globus hinweg schicken lassen.