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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

24. Oktober 2017

Op da schäl Seit (Teil 3)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 16:39

3. Juli 2014
Ich lernte durch Schmerz – zum Thema Arbeitsteilung. Auch nach Wochen mit dem Hübschen wusste ich noch nicht auswendig, welche Kunden in Königswinter zu meinem Tourgebiet 102 und welche zu meinem Nachbarn 103 gehören. Ich erlag meinem Hang zu einem gewissen Übereifer.
Auf meinem Scanner sammelten sich mehr und mehr Abholer, bis mir gegen 15 Uhr klar wurde, dass die gesammelten Aufträge physisch nicht mehr zu machen waren. Ich fuhr bereits seit über einer Stunde nur noch den Abholzeiten hinterher. Ich rief die Dispo an und bat wörtlich um Hilfe. Jim teilte mir lapidar mit, dass es dafür bereits etwas spät sei. Der Kollege, der zu meiner Entlastung in der Gegend dieser Tage herumfahre (ich nenne ihn mal Keshan, obwohl er von Teppichen vermutlich keine Ahnung hat), sei bereits ins Depot zurückgekehrt und habe Feierabend gemacht, die 103 habe ihre eigenen Probleme (weil: ebenfalls neuer Fahrer), ich müsse da allein durch. Jim sah sich meine Liste an und gab mir Anweisungen, in welcher Reihenfolge ich vorgehen sollte, und er war nicht begeistert davon, dass ich nicht mehr Abholer an die 103 delegiert hätte.

Nu ja, ich wusste es halt noch nicht besser. Die Abholaufträge werden – anders, als ich bislang annahm – nicht von einem Disponenten bewusst auf Touren gelegt, sondern von der EDV gemäß der Postleitzahlen automatisch zugeordnet. Die Fahrer müssen im Zweifelsfall wissen, was in ihr Tourgebiet fällt und was nicht und Aufträge an die Nachbarn weiterleiten. Das klingt einfach, aber die Realität ist leider nicht so einfach. Denn die Gebiete sind nicht in Stein gemeißelt – das kannte ich ja bereits von Transoflex – und darüber hinaus sind die Grenzen auch nicht genau definiert. Die Idee ist, dass die Fahrer durch telefonische Kommunikation flexibel die Aufträge in den „Grenzregionen“ aufteilen. Klingt gut, ist es aber nicht, weil dieses Kooperationsprinzip nur dann funktioniert, wenn die Nachbarn den Zeitaufwand für die jeweils noch vorhandenen Aufträge einschätzen können, und das läuft nicht, wenn man, wie in unserem Fall, die Touren mit jeweils neuen Fahrern mit ungenügender Erfahrung besetzt hat.

Mein Nachbar auf der 103 – Khan – war nicht nur unerfahren und ebenso ortsunkundig wie ich, sondern neigte unter Stress auch zu Pessimismus und Panik. Er war kein Egoist, der jeden Auftrag, der nicht eindeutig in sein Gebiet fiel, sofort von sich wies, aber er verlor schnell die Nerven, und (das ärgerte mich am meisten) er konnte Anfragen nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Wenn ich ihn anrief und fragte, ob er diesen oder jenen Abholer übernehmen könne, weil ich sonst mit den Abholzeiten für etwas anderes nicht hinkäme, sagte er nicht einfach „Ja, das geht“ oder „Nein, schaffe ich auch nicht“, sondern gab mir erst einmal einen Überblick darüber, wie sein Tag bisher gelaufen war, und was aktuell noch auf seinem Scanner abzuarbeiten war. Diese Darlegungen zogen sich mitunter mehrere Minuten hin, was mich oft veranlasste, ihn abzuwürgen und einfach aufzulegen, da mir klar war, dass er lediglich nicht so direkt sein wollte, kurz und bündig abzulehnen. Obwohl er sonst ein netter Typ war, war die Zusammenarbeit unter diesen Bedingungen sehr schwierig.

4. Juli 2014
Ich delegierte gewissenhaft Aufträge, nachdem ich die Karten studiert hatte, welche Firma wo zu finden war. Was eindeutig im Gebiet des Nachbarn lag, bekam er auch auf den Scanner. Der Tag lief bedeutend entspannter als der zuvor.

Am 8. Juli fuhr ein weiteres Fahrzeug auf unserer rechten Rheinseite, weil so viel Fracht da war. TNT kauft Touren je nach Bedarf und natürlich reizt man jedes Auto und jeden Fahrer auch über die gesetzlichen Grenzen hinaus aus, sofern die Konzernstatistik nachher schön aussieht. Dieses zusätzliche Fahrzeug jedenfalls bewirkte das kleine Wunder, dass ich tatsächlich eine halbe Stunde Pause machen konnte. Wir schlussfolgern: Mit relativ geringem finanziellem Einsatz wäre es möglich, den überlasteten Fahrern das Leben einfacher zu machen und dafür zu sorgen, dass dem Gesetz zur Arbeitszeit abhängig beschäftigter Arbeitnehmer Rechnung getragen wird. Aber die Gewinnmaximierung ist wichtiger.

Ich komme an dieser Stelle nochmal auf das Versprechen des Tourenfürsten zurück: „Ich geb Dir ne kleine, nahe Tour.“ Ich sagte ja bereits, dass diese Aussage in Bezug auf die Frachtzahlen tatsächlich stimmte, dass aber die geforderte Flexibilität bei den zumeist willkürlich reinkommenden Abholaufträgen den zeitlichen Bogen völlig überspannte. Ich sage an dieser Stelle „zumeist“, weil es auch Aufträge gab, die fest im Programm standen. Im Konzernjargon nennt man diese Aufträge „Dailies“, also „Tägliche“. Ich hatte nur drei solcher Kunden, aber gerade der in der Mitte, in Rheinbreitbach, vernichtete jede Chance auf frühen, gesetzmäßigen Feierabend.

Sehen wir uns die Zeiten einmal an. Mein Arbeitstag begann um 05:45 Uhr, wenn die Gitterboxen geöffnet werden und das Paketband anläuft. TNT verlangte jedoch von den Fahrern, dass auf dem so genannten Tagesbericht, der jeden Tag mit zwei Durchschlägen eingereicht werden muss, eine Anfangszeit von 06:30 angegeben wird. Begründung: Um diese Uhrzeit beginnen die Fahrer nach dem Bandlauf mit dem Beladen der Fahrzeuge. Das Abnehmen der Pakete vom Band und das Zusammenstellen der Fracht allgemein wurde also nicht als Arbeit betrachtet. Meine Rückfrage in der Richtung wurde nicht beantwortet. Als freiwilligen Frühsport würde ich das alles jedenfalls nicht bezeichnen. Auf diese Art und Weise verschwanden klammheimlich 45 Minuten Arbeitszeit aus der Konzernstatistik.
Selbst wenn wir diesen Umstand nun akzeptieren: Addieren wir auf halb Sieben morgens neun Stunden gesetzliche Arbeitszeit und eine dreiviertel Stunde gesetzlich vorgeschriebene Pause (die eigentlich nicht zustande kam), kommen wir auf 16:15 Uhr. Um viertel nach Vier am Nachmittag hätten wir Feierabend machen müssen, um im gesetzlichen Rahmen zu bleiben, also: Zurück im Depot, Abholer ausgeladen, Papiere fertig und aus dem Tor raus. Mit den Dailies war das nicht zu machen.

Der Daily in Rheinbreitbach konnte frühestens um 17 Uhr abgeholt werden. Die Firma versprach schlicht ihren eigenen Kunden, dass eine Ware, die bis 16:59 geordert wurde, auch am selben Tag noch rausgehen und am Folgetag zugestellt werden würde. Für die Arbeitsweise des Logistikers konnte man die Leute ja nicht verantwortlich machen. Das heißt, wenn ich früh genug da war, hing ich ein bisschen rum, bekam Kaffee und Plätzchen angeboten, und um Schlag 17 Uhr gab mir der Warenausgang der Firma das Startzeichen. Gezählt und überprüft hatte ich die Ware schon (bei den Paketen für TNT Express fand sich auch schon mal Sendungen für Konkurrenzunternehmen, die da nicht hingehörten), dann musste ich noch Papiere unterschreiben und die Sachen verkehrssicher einladen. Im günstigsten Fall kam ich um 17:20 weg.
Und da hatte ich noch einen Daily vor mir, in Dattenberg. Selbst wenn ich die Zeit gehabt hätte, ihn früher abzuholen, lag der Kunde doch bedeutend näher bei der Heimat, ich müsste von Rheinbreitbach aus etwa 15 Minuten hin und 15 Minuten wieder zurück nach Rheinbreitbach fahren, um dann auf dem Heimweg erneut an Dattenberg vorbeizufahren. So sehr es mich ärgerte, war es an gut laufenden Tagen besser, eine Zwangspause zu machen, als die zusätzliche Strecke zu fahren.
War ich also um etwa 20 Minuten vor Sechs in Dattenberg fertig, waren es immer noch ungefähr 25 Minuten Fahrt bis ins Depot, und für Papiere und Ausladen gingen weitere, mehr als 30 Minuten Zeit drauf. Feierabend um kurz vor Sieben war die Norm, das bedeutete jeden Tag eine Arbeitszeitüberschreitung von etwa zweieinhalb Stunden – und da sind die 45 Minuten, die uns am Morgen verweigert wurden, noch nicht einmal eingerechnet. Ich diskutierte in Rheinbreitbach, aber die konnten ihre Bestellzeiten ja nicht einfach ändern, ich diskutierte in Urmitz, aber es interessierte keinen. Alles, was ich machen konnte, war, mein Fahrtenbuch, meinen Nachweis über Fahrt- und Ruhezeiten wahrheitsgemäß auszufüllen. Sollten mir die Bullen mal Daumenschrauben anlegen, würde ich von denen welche mitnehmen.

Das System war also von Grund auf illegal und auf Ausbeutung angelegt, und so unglaublich es klingt: Mehr als bei Transoflex. Dort musste man vielleicht zwei oder drei Abholer im Monat machen, und man erfuhr von denen gleich am Morgen, konnte sie also in die lineare Tour einplanen. Der Transoflexer fährt seine Runde und dann nach Hause. Ist der Fahrer gut organisiert und die Begleitumstände halbwegs günstig, kann er die Arbeitszeiten weitgehend einhalten. Bei TNT war das 2014 noch unmöglich. Die Lösung des Problems kam auf einem Weg, den niemand so erwartet hätte. Dazu später mehr.

Am 10. Juli hatte ich meine erste Lieferung der Firma Köser im Auto. Es handelt sich dabei um Tiefkühlkost gehobener Art. Die Kunden, ein nettes älteres Ehepaar in einem der Königswinterer Dörfer, versicherten mir, dass es sich um exquisite Ware handele und, entgegen der Meinung der Leute in meinem Arbeitsfeld, keineswegs nur um Fisch. Die Lebensmittel werden mitsamt Trockeneis in Styroporkisten geliefert, das die äußerlich ungekühlte Aufbewahrung über zwei oder drei Tage unbedenklich macht.
Ich habe später den Onlineshop des Versands besucht, um mir ein Bild zu machen, und was sich mir da bot, war in der Tat nicht unbedingt für jeden Geldbeutel geeignet, aber das Angebot klingt appetitlich – Lammkotelett, Hirschfilet aus Neuseeland, Lammlachse in Lavendelkruste… Fisch, Fleisch, Desserts, und so weiter. Vielleicht bestelle ich irgendwann aus reiner Neugier einmal etwas.
Das Ehepaar bestellt scheinbar regelmäßig an Ostern, Weihnachten und zu Geburtstagen, um mit den Kindern und deren Kindern ein unkompliziertes Essen zu genießen. Da die beiden nicht mehr gut zu Fuß sind, biete ich natürlich gern an, die Ware in den Keller zu tragen (dabei bitte nicht auf den lebhaften, kleinen Hund treten) und bekomme einen Zehner dafür in die Hand gedrückt. In der Folgezeit wiederholte sich das bei jedem meiner Besuche.

Leider blieb der 10. Juli nicht so golden, denn als ich eine Zustellung in Rheinbreitbach machte, verhob ich mir in Eile nicht nur den Rücken an einer kleinen Palette von 40 kg (die übliche Muskelzerrung, die nach drei unangenehmen Tagen wieder verschwindet), sondern blieb beim Zupacken mit dem rechten Mittelfinger an der Kante eines anderen Pakets hängen, was den Finger unangenehm weit in die falsche Richtung bog. Die Hand schwoll am Fingeransatz leicht an und ich litt an einem dumpfen Schmerz, aber die Hand funktionierte ausreichend.
Zwei Tage später war die Stelle allerdings noch immer angeschwollen und an dem Schmerz hatte sich auch nichts geändert. Hatte ich nicht die Sehne überlastet, sondern möglicherweise das Gelenk verrenkt? Ich umfasste den rechten Mittelfinger mit vier Fingern meiner linken Hand, drückte mit dem Daumen sanft von oben auf das Gelenk, und zog die Fingerspitze nach oben hin weg. Ich spürte ein Knacken, die Greifbewegungen wurden sofort eine Spur angenehmer. Das Gelenk saß also wieder in seiner Pfanne. Ich hatte danach zwar noch über zwei oder drei Wochen lang Schmerzen in der Gegend, aber sie ließen auch immer mehr nach und verließen mich schließlich ganz.

Zum Ausgleich für das verbogene Gelenk erhielt ich an dem Tag Süßigkeiten von einem Tierarzt, den ich in der Folgezeit als „Dr. Knabber“ in meinem Kopf abspeicherte. Wenn ich etwas brachte, hielt mir seine Frau eine Dose mit irgendwelchen Süßigkeiten aus dem Discounter hin. Ich mochte die Sorten nicht besonders, aber je nach dem, was an einem Tag sonst so los war, war ich doch ganz dankbar für die Kohlenhydrate.

Es gab auf meiner Tour keinen bequem erreichbaren NORMA Discounter, es wurde also schwierig, meinen Lieblingssaft zu besorgen und ich füllte die Flasche einfach immer wieder mit gewöhnlichem Leitungswasser auf. Allerdings musste ich feststellen, dass auch Wasser schmierig-widerliche Ablagerungen hinterließ, die auch unter abendlichem Ausspülen ein regelmäßiges Durchtauschen von Flaschen erforderliche machten. Neue Flaschen wurden dann eben beim „richtigen“ Einkaufen am Wochenende besorgt.
Ich kam auf die Idee, dass Kohlensäure im Wasser diese Ablagerungen verhindern könnte, schließlich ist es die Aufgabe der Kohlensäure, Wasser besser haltbar zu machen. Aber wo bekam ich die Kohlensäure her? Ich kaufte Brausetabletten mit etwas Geschmack und Vitaminen drin, aber das Problem wurde nicht gelöst. Die Ablagerungen rochen halt anders. Unangenhem anders. Vielleicht war der Zucker in den Brausetabletten dafür verantwortlich, dass der leichte Desinfektionseffekt der Kohlensäure wieder ausgeglichen wurde. Also: Weiter Flaschen durchtauschen, sobald sie unangenehm rochen.

Ich machte dafür andere Snackexperimente. Wenn Norma den besten Orangensaft hat, dann hat PENNY die beste Schokolade. Die Hausmarke von Penny ist von einer geschmacklichen Qualität, die weit über ihre Preisklasse hinausreicht. Man kann das richtig schön feststellen, wenn man die gleiche Art dreier verschiedener Marken kauft, zum Beispiel Trauben-Nuss-Schokolade, und parallel probiert. Da muss man schon ein teures Markenprodukt auffahren, um die Billigmarke von PENNY zu schlagen. Wirklich beachtenswert.
Zum Glück für mein Körpergewicht hielt das Verlangen nach Schokolade nicht lange an, schließlich arbeitete ich weitaus weniger körperlich hart als noch vor wenigen Monaten. Ich finde es noch immer unglaublich, dass ich anno 2012 im Sommer fast jeden Tag eine Prinzenrolle in mich hineingestopft habe, ohne meine Körperform nach außen hin auszudehnen…

22. Oktober 2017

Die Sache mit dem Eigenheim

Filed under: My Life — 42317 @ 14:26

Im Laufe des Jahres 2010 – es kommt mir heute vor, als sei es vor hundert Jahren gewesen – entschied sich mein Großvater dazu, mir sein Haus, in dem ich aufgewachsen war, zu überschreiben. Ich wollte in dem Satz das Wörtchen „endlich“ vermeiden, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich es nicht erwarten konnte, endlich zu erben, denn es würde ein völlig falsches Bild von meiner Einstellung zum Thema widergeben.

Es war noch ganz früh im Jahr 2011, es lag Schnee, als mein Großvater mich mit der Mitteilung überraschte, ich solle wegen eines Termins in der Kanzlei der Frau Oberbillig in Blieskastel nach Hause kommen. Ich tat wie geheißen und fand mich am folgenden Morgen im Büro einer gut aussehenden, wenn auch bedenklich erkälteten Notarin wieder, die uns zunächst eine Rechtsbelehrung zum Thema gab und verschiedene Optionen darbot. Ich glaube, mein Gedächtnis ist zumindest nicht schlecht, aber die Details sind mir im Laufe der vergangenen Jahre verloren gegangen. Ich muss die Frau Oberbillig in diesem Zusammenhang aber loben, weil der nächste Notar, mit dem ich in Berührung kam, nämlich eher eine Pfeife war. Ich erinnere mich allerdings, dass Großmutter nur unbeteiligt da saß und Großvater neben den wesentlichen auch solche Dinge erläuterte, nach denen niemand gefragt hatte, bis zu dem Punkt, wo mich die Notarin Hilfe suchend ansah, weil sie wohl nicht wusste, was sie mit den eben gegebenen Informationen anfangen sollte. Dass man z.B. seinen Vornamen mit „f“ und nicht mit „ph“ schrieb, weil in seiner Kindheit die Behörde entschieden hatte, die Alternative sei jüdischer Natur, war als Detail zwar interessant, aber im gegebenen Kontext nicht zu gebrauchen. Ich konnte selbst nur mit den Schultern zucken.

Diesem Termin folgte einige Wochen später ein weiterer, bei dem letzte Details geklärt und die notwendigen Dokumente unterzeichnet werden sollten. Eines der Details war der Umstand, dass Nachkommen in direkter Linie – meine Mutter – im Falle eines Verkaufs der Immobilie Anspruch auf einen Anteil erheben könnten und es sei nicht unüblich zur Vermeidung von Streitigkeiten im Übergabevertrag einen Anteil festzulegen. Und in dieser Situation raunte mir der Großvater zu, ich solle das nicht machen. Das brachte mich innerhalb von einer Sekunde auf 180, stimmte dem Vorschlag zu und legte den Anteilssatz auf 25 % fest. Ich hatte nicht vor, das Haus zu verkaufen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, und ich traue meiner Mutter deutlich mehr als er seiner Tochter, ungeachtet der Tatsache, dass wir von der selben Person sprechen. In jenen Tagen dämmerte mir, dass er das brauchte, dass diese Art zu denken sein innerstes Wesen war: Dass ihm alle was Böses wollten, abgesehen von einem kleinen Kreis von einer Handvoll Personen, zu denen ich gehörte. Er brauchte wohl diesen Argwohn, diese gefühlte Bedrohung, um sich „gut“ zu fühlen. Keine 18 Monate später konkretisierte ich meine Meinung: Er wollte bemitleidet werden. Über das Zerwürfnis mit meiner Großtante, das aus seinem Verhalten resultierte, schreibe ich wohl später einmal.
Also gut, der Vertrag kam zu Stande, ich setzte meinen Namen darunter. Da man nachher immer schlauer ist, muss ich sagen: Es war eine der dümmsten Eseleien, die ich je begangen habe.

Springen wir noch einmal etwa ein Jahr zurück. Es könnte im Sommer 2010 gewesen sein. Vielleicht auch 2009. Aber es war Sommer. Da war ich zuhause auf Besuch und in Abwesenheit der Großmutter erzählte mit Großvater von seinem letzten Arztbesuch. Der Doktor habe ihm, wohl nach einer Kernspin-Tomographie zur Untersuchung der aktuellen Schlaganfallsgefahr, eröffnet, dass sich in seinem Gehirn Strukturen fänden, die in absehbarer Zeit zur Demenz führen würden, so in zwei oder drei Jahren. „Nur, damit Du Bescheid weißt,“ fügte er hinzu.
Ich muss ihm für die Information dankbar sein, könnte mir aber in den Hintern treten, dass ich damit nichts anfing. Bedenkt man nämlich, dass Vater Staat ein zehnjähriges Zugriffsrecht auf jede Immobilie hat, wenn der Vorbesitzer die Kosten seiner Alten- oder Krankenpflege nicht aufbringen kann, kann man mein Handeln mit einem Aktionär vergleichen, der einen Tipp aus erster Hand erhält, dass seine Wunschanlage mit annähernd völliger Sicherheit in absehbarer Zeit wertlos wird und dennoch in das Unternehmen investiert.

Anfang 2011 lebte ich noch von einem Minijob und Wohngeld, mein Kontostand kam über ein paar wenige Hundert Euro nie hinaus, und schon bald nach Vertragsabschluss rollten Rechnungen in niedriger vierstelliger Höhe auf mich zu. Die leitete ich ohne großes Federlesen gleich an den Großvater weiter, da ich sie unmöglich bezahlen konnte. Der betonte zwar immer wieder gern, wie arm er doch dran sei, aber so ganz nahm ich ihm das angesichts einer BOSCH-Betriebsrente nach über 25 Jahren im Betrieb nicht ab. Die erste Rechnung beglich er. Bei der zweiten gab es schon Probleme. Ich solle ihm nicht so hohe Rechnungen schicken, er habe doch kein Geld. Was bitte? Wannimmer ich ihm gesagt hatte, dass ich nur ein paar Hundert Kröten besaß, etwa im Umfang zweier Monatsmieten, hatte er das wohl entweder verdrängt oder nicht ernst genommen – wer weiß? Vielleicht war ihm der Unterschied zwischen seinen eigenen Aussagen und seiner tatsächlichen Einkommenssituation voll bewusst und schloss von sich auf andere?
Ich fuhr erneut nach Hause, um diese Angelegenheit zu besprechen und erfuhr dabei – nicht vo ihm, sondern von seiner Frau – dass er in den vergangenen Monaten zwei Hintertüren seines Autos, zweimal die gleiche, geschrottet hatte, weil er etwas auf den Rücksitz gelegt und dann vergessen hatte, die Tür vor dem Ausfahren aus der Garage wieder zu schließen. Es war die Rede von mehreren Tausend Euro. Das machte natürlich erstmal Ebbe auf dem Konto.
Ich bemühte mich also verstärkt um Nebenjobs für einen Tag, um mein Konto zu entlasten und zahlte ein paar Hundert Euro selbst, um dem Notstand abzuhelfen. Da hatte sich scheinbar jemand keine Gedanken darüber gemacht, was so eine Überschreibung kostet.

Um den Text verständlich zu halten, muss ich eine wichtige Information einschieben – zwischen dem vorherigen und dem kommenden Abschnitt liegen zwei Jahre. Der Gesundheitszustand meiner Großeltern verschlechterte sich in dem Zeitraum rapide, bis zu der Unfähigkeit, ihren Haushalt selbst zu führen. Zunächst wurde ein ambulanter Pflegedienst hinzugezogen. Und in diesem Zusammenhang eine Warnung an alle, die dieses Schicksal teilen: Man muss sich darüber im Klaren sein, dass man nicht eine Weile einen Pflegedienst engagiert, bis es einem wieder besser geht – wenn Dich die Demenz befallen hat, dann gibt es keinen Weg zurück. Solange man geistig noch dazu in der Lage ist, sollte man alles von Wert verschenken, was im Haus ist. Im konkreten Fall meiner Großeltern mussten wir, die man die Hinterbliebenen nennen muss, am Ende feststellen, dass die beiden zuständigen Mitarbeiter des Pflegediensts alles gestohlen hatten, was einen nennenswerten Wert hatte. Die Sammlung von Markenwerkzeugen des Großvaters, den Schmuck meiner Großmutter. Zumindest die Teile, die aus Gold und Silber waren. Alles weg. Nachweisen kann man natürlich niemandem was. Festgestellt wurde dies, als die Großeltern auch für ambulante Pflege zu bedürftig wurden und in ein Pflegeheim eingewiesen werden mussten. Denn dann musste ich das Haus verkaufen, der Vertrag mit dem Käufer kam Anfang 2013 zu Stande.

Abgesehen von Kosten für die Notarin und die Änderung des Grundbucheintrags kam auch die Gemeinde auf mich zu, um die Grunstückssteuer einzutreiben. Immerhin war im Vertrag festgelegt, dass der Bewohner des Hauses derlei Kosten zu tragen habe. ABER: Die Verantwortung für die Begleichung solcher Kosten geht erst mit dem Beginn des nächsten Kalenderjahres auf den neuen Besitzer über. In meinem Fall bedeutete dies: Der Verkauf kam im Februar zu Stande, und nach einer schriftlichen Beschwerde teilte mir die Gemeindeverwaltung mit, dass ich laut Gesetz zur Zahlung (in Höhe von etwa 80 E im Quartal) verpflichtet sei, sofern im Kaufvertrag nichts anderes angegeben sei. Der Kaufvertrag enthielt keine entsprechende Klausel, ich fühlte mich vom Notar auf gut deutsch verarscht. Die Sparkasse als Makler hatte ihn ausgewählt, den Dr. Patrick Lenz aus Saarbrücken. Der hatte also scheinbar vergessen, mich auf ein solches Gesetz hinzuweisen, aber was konnte ich erwarten? Eine Beratung meiner Person fand überhaupt nicht statt, und überhaupt musste mir die Kanzlei drei Versionen des Vertrags zusenden, bis endlich einmal der Name des Käufers korrekt geschrieben war! Lieber Leser, machen Sie einen Bogen um dieses Notariat. Ich wandte mich an den Hauskäufer, denn seine Postadresse kannte ich ja, und bat ihn, diese Kosten als Nutznießer des Anwesens bitte zu begleichen. Statt einer Art von Antwort seinerseits bekam ich bald eine Mahnung der Gemeindeverwaltung. Ich zahlte zähneknirschend 360 E bis zum Jahresende.

Eine erste Version dieses Textes entstand im Oktober 2015. Ich fühlte damals noch eine ungeheure Frustration darüber, mein Elternhaus verkauft haben zu müssen, und unter welch demütigenden Bedingungen das alles zu Stande kam. Der grimmige Frust ist einem enttäuschten Kopfschütteln gewichen, aber ich fand mich spätestens ab dem Zeitpunkt in der Überzeugung, nie die Last auf mich zu nehmen, ein eigenes Haus zu kaufen.
Erstens macht eine Immobilie genau das: Nämlich immobil. Wer weiß, wo der Arbeitsmarkt mich hinträgt? Ans andere Ende der Republik vielleicht, oder sogar darüber hinaus? Dann hinge mir ein Haus wie ein Klotz am Bein. Zweitens sehe ich keinen Unterschied, ob ich vierzig Jahre lang Miete zahle oder vierzig Jahre lang Zinsen an den Kreditgeber überweise, wie es mein Großvater getan hat. Der lebte dann ein paar wenige Jahre mietfrei in seinem Haus, bevor seine Lebensreise ihn ins Pflegeheim führte.

Zuletzt enttarnt sich unter den gegebenen staatlichen Rahmenbedingungen die Werbung der Kreditgeber vom Eigenheim als reine Propaganda. Es wird nicht explizit gesagt, aber es wird suggeriert, dass ein Eigenheim der Altersarmut vorbeuge, weil man schließlich mietfrei wohnen könne. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus stellt sich das etwas anders dar: Die oberflächlichen Vorteile des Eigenheimbesitzes werden einem nicht zur Bekämpfung der Altersarmut schmackhaft gemacht (deren de facto Verbreitungsgrad eh fraglich ist), sondern damit nicht der Staat die Kosten von Unterbringung und Pflege in dem nicht unwahrscheinlichen Bedarfsfall tragen muss. Das mühsam abbezahlte (und im Falle meines Großvaters ebenso mühsam selbst gebaute) Haus wird eingesackt und verflüssigt, dass das Herzblut einer ganzen Familie mit Kindheits- und Lebenserinnerungen daran hängt, wird als reine Sentimentalität beiseite gewischt. Das ist etwa so wie mit dem Verbandspäckchen, das jeder Soldat in der Brusttasche mit sich herumträgt: Das hat er nicht dabei, um damit anderen im Falle des Falles helfen zu können – sondern einzig und allein, damit im Notfall für ihn selbst eins da ist. Damit beginnt der Kreis von neuem. Ohne geerbtes Haus, in dem er tatsächlich (anstatt nur gefühlt) mietfrei wohnen könnte, muss sich der Besitzlose sein eigenes Betongold bezahlen. Wenn er das Spiel denn mitmachen will. Ich mache es nicht.