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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

10. März 2013

Gaytal-Kamikaze (Teil 15)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 17:46

Rudi war also gegangen, den Kleinen plagte noch sein Steiß, zwischendurch hatte Felix Urlaub und auch Big M bekam neue Probleme: Er klagte immer wieder über Migräneanfälle, manchmal bekam er Nasenbluten, ohne, dass irgendein besonderer Grund auszumachen gewesen wäre.
Als Idee, was mit Big M anzufangen wäre, wenn denn ein anderer Wittlich fährt, wurde er an einem Tag mit mir zusammen ins Auto gesetzt und bekam die Südwesteifel zu sehen. War ein guter Tag, hat Spaß gemacht, zumindest die meiste Zeit. In Irrel überredete er die Fleischwarenfachangestellte der Metzgerei Schares, uns beiden je eine gebratene Frikadelle für insgesamt 2,40 E zu geben (was nur 10 Cent pro Stück unter dem Preis ist, den ich ohne Schwatzen bezahlt hätte) und in Echternacherbrück fand er es witzig, wie ich angesichts des Fehlens meiner Lieblingsmarke Orangensaft bei NORMA lieber blankes Wasser trank. Er erzählte das auch gleich mehreren Leuten im Laufe der folgenden Tage, wobei er immer mehr Verstimmung in seine Darstellung meiner Stimme zu legen pflegte, als von mir tatsächlich vorgenommen oder zumindest beabsichtigt.

Er hatte aber weiterhin gesundheitliche Probleme. Das schaltete ihn hier und da für einen Tag oder auch mal länger aus. Mike mutmaßte, dass Big M blaumachte, so wie Mike jeden zu verdächtigen pflegte, der länger als einen Tag krank war – das einzige Verhalten, das mich an Mike wirklich störte. Dabei gab es Zeugen. Sowohl Elmo als auch Puck hatten bei verschiedenen Gelegenheiten an verschiedenen Tagen beobachtet, wie Big M plötzlich Blut aus der Nase lief, Elmo war es schließlich, der ihn dazu überredete, mal zum Arzt zu gehen. Big M verbrachte sogar ein paar Tage zur Beobachtung im Krankenhaus. Ich wollte ihn besuchen, fand aber das richtige Haus nicht. Ich bin auch nur ein Laie, aber ich vermute, dass seine Symptome auf den Stress zurückzuführen waren. Natürlich hat man in einer Kfz-Werkstatt ebenfalls Stress, aber es handelt sich um eine andere Art von Stress. Ich nehme an, dass das ständige Gerenne nichts für einen übergewichtigen Typen wie Big M war und ist, dass es sich also um den Preis handelte, den er dafür zahlte, in der Regel knappe zwei Stunden früher daheim zu sein als ich.

Ein Abgang wurde sogar mit positiver Erleichterung aufgenommen: Konrad verließ uns, er hatte einen Lagerjob gefunden, der ihm das doppelte Einkommen und geregelte Arbeitszeiten bescherte. „Jetzt lernt meine Tochter endlich mal ihren Vater kennen!“ sagte er dazu, und das war wohl keine Übertreibung. Die Tochter war gegen Ende Mai 2011 geboren worden und ich erinnere mich noch, dass ich aufgefordert wurde, die Glückwunschkarte zu unterzeichnen, obwohl ich noch keinen Dunst hatte, um wen es ging.
Wir wünschten ihm alles Gute. Ich brachte Big M die Mitteilung, der nur grinste und sagte: „Pass mal auf, der ist in drei Monaten wieder da.“ Warum sollte er sowas tun?

Die Morbacher Tour ist kein Zuckerschlecken. Da steckt zwar viel Überlandfahren drin, und ich mag ja Landschaft (im Gegensatz zum Stadtbild), aber Morbach selbst ist ein Hexenkessel. Wie soll man das anders nennen? Das Städtchen hat 18 Ortsteile, deren Bewohner fast alle stolze Morbacher sind, die es nicht einsehen, zur Erleichterung der Arbeit der Lieferdienste den Namen des jeweiligen Ortsteils in die Adresse zu schreiben. Die schreiben dann einfach „Morbach“ und unsereins muss sich dann die Lage der Straßen merken und sie der richtigen Gegend zuordnen. Kein Zuckerschlecken. „Das Leben ist kein Ponyhof!“

Wie dem auch sei: Es gab kein Sommerloch in diesem Jahr 2012 und wir ackerten mindestens so viel, wie zu „normalen“ Zeiten. Wir brauchten neue Leute.

Mike, der jeden kennt (und bei Leuten, die er nicht kennt, kennt er welche, die die kennen), brachte einen neuen Fahrer für die Wittlich-Tour mit und war begeistert. Der Typ kannte die Tour und viele Kunden bereits mit Namen. Big M machte sich erneut Sorgen um seinen Job – ich hatte das im Teil 10 schon einmal kurz erwähnt. Den neuen Wittlicher Fahrer will ich aus Verschleierungsgründen mal „Brötchen“ nennen.
Brötchen fuhr seine Tour ordentlich. Nicht rekordverdächtig, aber ordentlich. Seine Einteilung in Samstagsdienste war nicht ganz einfach, weil er ohnehin immer wieder tauschen musste, er ist nämlich Musiker bei einer Band, die Deutschrock spielt. Coverband, aber immerhin, und das mit soviel Hingabe, dass er den Namen der Band auf dem Unterarm tätowiert hat. Er spielte auf kleineren Konzerten und war immer dabei, wenn’s um Musik ging. Leider hat er auf mein Anliegen, mal eine Demo-CD zu besorgen, nie reagiert.

Leider führte seine Band- und Konzertfixiertheit allerdings auch dazu, dass er gleich seinen ersten Wochenenddienst verpennte. Mike und Konrad warfen daraufhin die beiden Touren zusammen (damals Konrads letzter Samstagsdienst) und fuhren gemeinsam eine große Runde.
Brötchen legte generell eine etwas zu lockere Arbeitsauffassung an den Tag. Dies machte sich mehr in seiner Disziplin bemerkbar und nicht so sehr in seinem Verhalten gegenüber den Kollegen. Mir zumindest ging er nicht auf den Keks, obwohl ich mir schon gewünscht hätte, er würde mehr Ordnung an den Tag legen. Nun ja, man muss seine Arbeitstätigkeit, die sich immerhin bis in den Herbst zog, nicht weiter groß auswalzen, ich beschränke mich dann einfach darauf, wie sie endete: Nachdem er ja immer wieder mal einen Fehltag gehabt hatte, meldete er sich irgendwann für mehrere Tage ab; er sei beim Aussteigen an der Bordsteinkante umgeknickt und könne nicht gut laufen. Okay, für mich kein Grund, ihm etwas zu unterstellen. Was Peter am Abend allerdings auf Facebook las, fand er in seiner Funktion als Arbeitgeber nicht so witzig: Brötchen veröffentlichte dort einen Kommentar, in dem er fragte, wer denn sonst noch so in „die Luke“ komme. („Die Luke“ ist „Lucky’s Luke“, eine Art Kneipe in Trier, aber es kann auch ein anderes Lokal sein, es ist eine Weile her und die Erinnerung schwindet.) Ja, Brötchen, das war sicher schlau. Peter schickte ihm dem Screenshot und sagte, das sei ja interesant, was er da schreibe. Brötchen versuchte sich rauszureden, dass er nur gefragt hatte, wer denn dorthin gehe, da stehe ja kein Wort davon, dass er selber hingehe oder dort sei. Peter kaufte ihm das nicht ab (und ich auch nicht) und kündigte ihn mit Verweis auf den überfälligen Krankenschein fristlos.

Etwa zeitgleich kam ein anderer Typ von UPS zu uns, der die Morbacher Tour übernehmen sollte. Den nenne ich „den Kahlen“, in Anlehnung an seine nicht vorhandene Frisur. Andere nannten ihn „Pimmelkopf“, aber das ist mir zu vulgär.
Der Kahle machte den Job ebenfalls ordentlich und arbeitete auch noch am Wochenende als Türsteher, weil er scheinbar das Geld brauchte und noch Energie für’s Wochenende übrig hatte.
Ich fand ihn ganz lustig, ich mochte seinen Humor, auch wenn er ernsthaft einen an der Klatsche hatte. Kam mir vor wie der kleine Bruder eines Berliner Freundes. Dessen Mimik und Körpersprache (und Frisur) ist etwa die gleiche, wenn auch weniger zur Albernheit neigend. Leider hatte auch der Kahle seine Probleme, denn er musste ja ebenfalls alle paar Wochen am Wochenende ran. Er warf dann auch schonmal Termine durcheinander und kam an „seinem“ Samstag eine Stunde zu spät oder verpasste seinen Wochenenddienst komplett. Auch schien er anfällig für Krankheiten: Er fiel mehrfach wegen Erkältung, Kopfschmerzen oder schmerzender Glieder aus. Auch er gab mir keinen Grund, an seiner Aussage zu zweifeln, schweres Husten, laufende Nase, gerötete Augen, geschwollener Kopf – alles, was man nicht braucht. Allerdings kostete ihn die Verschleppung des ofiziellen Attests ebenfalls den Job, nachdem er ihn ein paar Monate gemacht hatte.

Sein ebenfalls zu uns gewechselter UPS-Kollege „Stranski“ dagegen blieb. Der sagte, er wolle dem Stress bei UPS entkommen und war irgendwie auf dem Radar von Mike aufgetaucht, der ihn kurzerhand abwarb. Stranski übernahm die Bitburger Tour und erwies sich in vieler Hinsicht als neuer Kalaschnikow. Er war immer als erster Fahrer da: Um vier Uhr morgens. Er könne eh nicht schlafen, und wenn er so früh komme, gebe ihm das genügend Zeit, alles vorzubereiten. Also mir reicht da auch die halbe Zeit, aber wenn er meint… ich war einmal eine Minute vor ihm da: Da hatte ich die Zeitumstellung verschwitzt und war eine Stunde zu früh aufgestanden.
Wenn dann das Band auslief und alle Pakete von den Paletten runter waren, hatte der sein Auto fertig geladen, nahm sich seine Papiere und fuhr vor acht Uhr morgens los.

Meine eigene Tour war mittlerweile zu sehr gewachsen, als dass ich das noch geschafft hätte. Anfang Sommer 2012 war das noch so. Da dachte ich noch: Jetzt hast Du’s geschafft. Meine Abläufe waren effizient, ich kam zwischen 0750 und 0815 aus dem Depot raus und war zwischen 1500 und 1600 zuhause. Gute Zeiten. Ich kam sogar in die ganz ungewohnte Zwickmühle, ZU FRÜH in Neuerburg fertig zu sein, ja: zu früh. Das hieß um etwa halb Eins. Ich musste immer wieder entscheiden, ob ich tatsächlich nach Daleiden fahren würde, um den Apotheker dort vor dessen Mittagspause zu erwischen, oder ob ich die Ecke 3DI ignorieren sollte, um die Apotheke Waxweiler vor deren Mittagspause zu erreichen – je nachdem, wer mehr Pakete bekommen sollte.
Diese Entscheidung trieb ganz seltsame Blüten. Manchmal hatte ich um zehn vor Acht meine Papiere in der Hand und konnte anhand meiner Fracht abschätzen, dass ich in genau solche Schwierigkeiten mit diesen beiden Mittagspausen kommen würde; also ging ich ins Verschlusslager und quatschte noch bis 0815 mit Antonius, weil ich dann in Waxweiler eine Punktlandung zum Ende derer Mittagspause hinlegen könnte.

Doch die Dinge änderten sich. Auch nach Knuts Urlaub blieben Kordel, Welschbillig, Newel, Trierweiler, Ralingen und Welschbillig bei mir. Dafür gingen Zemmer, Orenhofen und Speicher endgültig an die Bitburger Tour. Die Bitburger Tour selbst wuchs und bald waren die Dörfer westlich von Bitburg nicht mehr zumutbar. Die kamen dann auch zu mir. Oberweiler, Brecht, Baustert, Oberweis, Bettingen, Messerich, Röhl, Sülm, Trimport, Dahlem, Idenheim, Idesheim wurden Teil meiner Standardtour. Diese Orte hielten zwar nicht immer alle einen Kunden für mich bereit, aber alles in allem steckte dort eine Stunde mehr Arbeit am Tag für mich drin. Der Feierabend verschob sich also unwiderbringlich auf nach 16 Uhr vor, trotz organisatorischer Gegenmaßnahmen meinerseits.
Früher hatte ich solche Orte mit einem schnellen Abstecher von Mettendorf oder Neuerburg aus abgehandelt, in Waxweiler hatte ich aber den letzten Kunden, ich fuhr bei Plütscheid auf die Autobahn Richtung Wittlich und düste nach Hause.
Damit war nun Schluss. Nach Waxweiler fuhr ich über Krautscheid nach Weidingen, dann Baustert, Oberweis, Bettingen, weiter nach Peffingen und Holsthum, Dockendorf, Wolsfeld und Meckel, von dort aus über Gilzem oder Idenheim nach Idesheim und schließlich nach Welschbillig. Eine Stunde mehr Arbeit, weil auch ein Superfahrer wie Stranski nicht mehr als 80 bis 85 Kunden an einem Tag fahren konnte. Ich schaffte gerade mal 60, und 60 Kunden bedeuteten, dass ich gegen sieben Uhr abends nach Hause fand.

Stranski war also schnell und gründlich, zwei Eigenschaften, die selten in einer Person auftreten, zumindest in unserem Geschäft. Leider war er wie auch sein Vorgänger Kalaschnikow nicht in der Lage, zu erklären, wie er das schaffte. Ich muss daher versuchen, meine eigenen Beobachtungen zu analysieren, und da fallen mir nur zwei Dinge wirklich auf.

Zum einen das Laden des Transporters. Stranski verliert nicht viel Zeit mit Sortieren. Der weist quasi einer Hauptstraße (in Bitburg zum Beispiel die Saarstraße) eine Querreihe in der Ladefläche zu, das gleiche gilt für mehrere Nebenstraßen, die zusammen sowas wie eine Reihe bekommen. Er stapelt dann unabhängig von der Reihenfolge so auf, dass die Ladesicherheit gewährleistet ist und sucht dann aus diesem „Mauerstück“ die Teile aus, die er beim jeweiligen Kunden braucht. Das kostet ihn scheinbar weniger Zeit, als er durch gründlicheres Einladen (meine Devise: Ein Blick und das Paket ist gefunden) verlieren würde. Ich finde das Verfahren erstaunlich, aber auch gefährlich. Wenn ich durch einen Zufall ein Paket zu scannen vergesse, muss ich das halbe Auto wieder ausräumen, und ähnliches gilt, falls in einer Sendung ein Doppellabel vorkommt (was glücklicherweise selten ist). Aber er fährt gut damit. Das sollte ich mir abgucken und muss dafür beim Beladescan sehr aufmerksam sein.

Zum anderen scheint Stranski viel zu laufen. Kelvin hatte seinen Job schon im Laufschritt erledigt, was ich nicht einsehe, schon gar nicht im Sommer. Ich gehe mit zügigem Schritt, aber ich laufe nicht, denn ich will nicht völlig verschwitzt vorm Kunden stehen, wenn es sich vermeiden lässt. Stranski scheint zu rennen. Ich kam zum Beispiel in Bitburg vertretungsweise zu Hela. Der Mitarbeiter der Warenannahme war gerade damit beschäftigt, Paletten zu stapeln und ein paar Dinge auf dem Hof zu reorganisieren, um Platz zu schaffen. Ich machte auf mich aufmerksam, er winkte mich nach drinnen, ich brachte das eine Paket ins Gebäude hinter das Rolltor und wartete. Nach einer knappen Minute kam der Mitarbeiter und zeigte sich ganz erstaunt.
„Was? Mal einer von Euch, der Zeit hat? Dein Kollege ist ständig nur am Hetzen.“
Was ich nicht zu tun bereit bin, ist, Leute zu drängen. Damit macht man sich nur Feinde, denn es fördert die gegenseitige Abneigung. Lieber mal kurz warten, die kommen schon, sobald sie Luft haben. Kostet natürlich Zeit.

Vielleicht könnte ich mir auch diese Verfahrensweise angewöhnen, aber ich will es nicht. Nicht zuletzt deshalb, weil ich nicht das Gefühl habe, dass Geschwindigkeit belohnt wird. Ich kann keinem empfehlen, vor 16 Uhr nach Hause zu kommen. Das Management wird das merken und sich denken: „Aha, der ist schnell – dem können wir mehr Stopps geben.“ Und schon hat man mehr Arbeit. Da diese Stopps nicht aus der Luft gezaubert werden, bedeutet dies, dass die Arbeitslasten wenn möglich sozialisiert werden. Die schnelleren Fahrer entlasten damit die langsameren an deren Peripherie. Das ist natürlich nicht so ganz das, was sich so mancher vorstellt, vor allem, wenn er vorher für ein Unternehmen gearbeitet hat, in dem die Tourgebiete in Stein gemeißelt sind – anders als bei uns, wo man zwar ein Gebiet zugeteilt bekommt, wo aber auch die Devise gilt: Was morgens auf Deinem Scanner steht, IST Dein Tourgebiet. Da gibt es kein „da fahr ich nicht hin, das ist nicht mein Gebiet!“
Es hängt also vom Beobachter ab, ob dieses Verfahren begrüßenswert ist oder nicht. Ich jedenfalls empfehle neuen Fahrern, sich Zeit zu lassen, sobald sie merken, dass sie dauerhaft vor 16 Uhr zuhause sein können.

Im Falle meiner eigenen Tour hatte mein Zuwachs an Arbeit natürlich andere Ursachen, denn wie ich sagte: Stranski ist ein super Fahrer, ebensolches gilt für Knut. Das Ausufern der Paketbestellungen in deren Gebieten sorgte dafür, dass ich Teile ihrer Gebiete übernehmen musste. Und die nächste Vorweihnachtszeit rückte mit schnellen Schritten näher.

Gaytal Kamikaze (Teil 14)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 12:42

Die Zeit trübt jede Erinnerung und viele, viele Einzelheiten sind bereits verloren gegangen.
Ich glaube, im Fluss der Beschreibungen, was in meinem Arbeitsleben so läuft, war ich zuletzt etwa am Ende des zweiten Quartals 2012 angekommen, und um die Ereignisse der Zwischenzeit nachzuvollziehen, existiert nur eine Sammlung von Stichwörtern. Ich glaube, ich wollte zuletzt noch über Rudi und seinen Abgang sprechen, den marokkanischen Araber mit dem Hang zum religiösen Konservatismus, um es freundlich auszudrücken.

Um die Entwicklung kurz zu rekapitulieren, wie sie bereits im Teil 10 der Reihe Gaytal Kamikaze beschrieben ist: Rudi kam im Frühjahr zu unserer Truppe und wurde dem Bitburger Bereich zugeteilt, das heißt, er stand am Beginn des Paketbands zwischen mir und den Bandauflegern und er lernte den Job von Bert, der Konz-Saarburg übernehmen sollte, weil er da unten in der Gegend wohnt. Rudi befand sich also in der Einarbeitungsphase, und jeder würde auch heute noch einsehen, dass neue Leute mehr Verständnis und Unterstützung brauchen. Ich versuchte also, ihm die Prinzipien beizubringen und in welcher Reihenfolge man die notwendigen Dinge morgens tut, um effizient zu arbeiten.
Erstens nimmt man Pakete vom Band.
Zweitens verpasst man ihnen einen Beladescan.
Drittens stapelt man sie in Reihenfolge ihrer vorgesehenen Beladung.
Viertens lädt man die Pakete ins Auto.
Fünftens setzt man die Stoppliste, also die Reihenfolge der Kunden, fest.

Irgendwie kam das nicht alles bei Rudi an. Dass er lange für seine Tour brauchte, war am Anfang klar. Während der ersten paar Wochen braucht jeder lange, aber in der Regel stellt sich irgendwann Routine ein und man kommt durch Hilfe von außen und durch eigenen Verstand auf Verbesserungen, die die tägliche Arbeitszeit verkürzen.
Nur nicht bei Rudi. Der fuhr auch nach drei Monaten noch fast so lange wie am ersten Tag und war immer am jammern, dass er das nie schaffen werde.
„Der Kurde hat zwischendurch noch ein Nickerchen gemacht und war trotzdem um drei Uhr fertig!“
„Wer ist dieser Kurde? Das ist UNMÖGLICH! Ich werde NIE vor fünf zuhause sein!“
Aber gut, ich bin ja kein Unmensch und unterstützte ihn weiter, so gut es ging, indem ich zum Beispiel Pakete für ihn vom Band nahm, während er Pakete stapelte, einräumte, oder seine Stoppliste bearbeitete. Ich betete die Prioritätenliste mehrfach hoch und runter. Ergebnislos. Er machte die Dinge weiter so, wie er sie für richtig erachtete, auch wenn es nicht richtig war, was er tat. Er war davon überzeugt, alles richtig zu machen – und dass es andere Umstände waren, die seinen Tag verdarben… oder andere Leute.

Wohl auch durch den Stress, den er hatte (und den er sich selber machte), wurden seine Nerven nicht besser, bis er sie nach und nach verlor. Er war zunehmend unhöflich zu Kollegen: Wenn etwas nicht lief, wie er das wollte, wurde er gegenüber den Damen in der Ablaufkontrolle durchaus schon mal „unwirsch“. Auch gegenüber Kunden – einer meiner Tierärzte, den er vertretungsweise beliefert hatte, nannte es sogar „frech wie Rotz“: „In der Zeit, die meine Frau brauchte, um vom Esstisch aufzustehen und zur Haustür zu gehen, hatte der schon zweimal geklingelt und dann wurde er auch noch frech, dass man gefälligst Verständnis dafür haben solle, dass er wegen Ramadan nichts essen und trinken dürfe – als ob wir was dafür könnten.“
Da war Rudi bei Frau S. natürlich an die falsche geraten, denn die ist das, was man im maskulinen Volksmund wohl „einen Besen“ nennt. Ich habe auch ein paar Monate gebraucht, bis ich sie aufgetaut bekommen habe.

Toppen wir nun den „bislang krassesten Fall“, wie er in Teil 10 dieser Reihe beschrieben wurde. Damals hatte er Laubschi ja mit einer unglücklichen Wortwahl dazu aufgefordert, seine Pakete aus der Ecke mit den Irrläufern zu nehmen. Das geht noch besser: Als er mal spät dran und als einer der letzten Fahrer noch im Depot war, machte er Musik im Auto an und beschallte die Halle mit irgendetwas Arabischem. Unsere Transohex war davon gar nicht begeistert, sie wollte in Ruhe ihre Arbeit im Verschlusslager machen und forderte ihn auf, „das Gedudel“ abzuschalten. Daraufhin soll er sowas gesagt haben wie „Fick Dich!“
SOLL er gesagt haben. Transohex Laubschi ging damit sofort zum Chef R., der bestellte Rudi ein und wollte hören, was der dazu zu sagen habe. Rudi stritt alles ab und man hört, er habe auf Allah geschworen und gesagt, er könne das unmöglich gesagt haben, weil es nicht Teil seiner Kultur sei. Schließlich sei er auf den Trichter gekommen, eine Verschwörung gegen sich zu vermuten. Eine Verschwörung, die er nicht fürchte, weil man sich nur vor Gott fürchten solle (er sagte dies auch bei anderen Gelegenheiten, bei denen er sich ungerecht behandelt fühlte, öfter und reckte dabei immer ominös den Zeigefinger gen Himmel). Vielleicht hätte man seiner Paranoia einen Funken Glauben schenken können, wenn es nicht mindestens einen Ohrenzeugen seines Ausbruchs gegeben hätte. Big M war in seinem Wagen zu Gange und hatte die Sache gehört, allerdings hat er zu spät erfahren, dass ein Termin bei R. angesetzt worden war.

Aber er kündigte auch an, er werde nicht mehr lange bleiben. Im Frühsommer sagte er einmal, er werde im Dezember nach Irland gehen, um dort im Rahmen eines Praktikums seine FH-Abschlussarbeit zu verfassen. Aha!? War mir gar nicht klar, dass er Englisch konnte. Aber ich hatte auch keine Gelegenheit, diesbezüglich etwas festzustellen.

Mit seinem Verhalten brachte er fast jeden gegen sich auf, vielleicht mit Ausnahme von Bert. Und meiner Wenigkeit. Ich räumte vorerst weiter Pakete für ihn ab und half ihm, wo ich konnte, obwohl er mir langsam auf den Keks ging. Ich fuhr meine Unterstützung langsam zurück, indem ich auch Pakete durchlaufen ließ, worauf er sich lauthals darüber beschwerte, dass ich ihn im Stich ließe. Bert redete ruhig, Mike eher ungehalten mit ihm: „Sei froh, dass Du neben Dominik stehst, jeder andere hätte Dir bereits in den Arsch getreten!“ Mike hatte Recht – denn ich investierte jeden Tag mehr als 15 Minuten meiner eigenen Zeit in seine Aufgaben. Aber diese Unterredung mit Mike führte dann dazu, dass er endgültig zu der Meinung kam, Mike und ich seien die Köpfe der Verschwörung gegen ihn, und dass wir ihm absichtlich immer mehr und mehr Pakete auf die Tour disponierten, um selbst noch früher Feierabend und ihn fertig zu machen. Er ging in seiner egomanischen Verblendung sogar soweit, laut zu vermuten, dass nur er allein so lange fahren müsse und dass alle anderen um drei oder halb vier spätestens zuhause seien. Dieses Selbstmitleid kotzte mich zunehmend an.

Der Höhepunkt trat im Zuge des Ramadan ein. Er machte wie üblich alles so, wie er allein es für richtig hielt – und setzte sich irgendwann mit gequältem Gesichtsausdruck auf die Ladefläche seines Transporters.
Gesichter machen, ja, das kann er, wenn ich das noch schnell einschieben darf. Wir hatten da mal einen Vortrag von Peter, der sich darüber beklagte, dass sich Fahrzeugschäden gehäuft hatten. Er sprach niemanden direkt an, jeder, der einen Lackschaden verursacht hatte, wusste, dass er gemeint war. Es ging um fünf oder sechs Leute. Ich war dabei, Rudi war dabei. Der aber stand da… wie soll ich das beschreiben? Er lehnte sich stehend an die Wand, die Stirn am erhobenen Unterarm, und machte ein Gesicht wie das Leiden Christi, wie man so schön sagt. In seinem Fall vielleicht: „Allah, warum prüfst Du mich so?“ Ich hätte fast lachen können damals.
Während er also so da saß, auf seinem Trittbrett, wie nach einem Marathonlauf, lief ein Bitburger Paket nach dem anderen durch. Ich machte ihn darauf aufmerksam und fragte, was er da mache. Er ging sofort in die Luft und sagte, ich sei ignorant und noch andere Dinge, die ich im Detail vergessen habe. Nicht vergessen habe ich, wie er schließlich sein Ego aufblähte, dass es kaum mehr in die Halle passte: „Ich bin ein richtiger Mann! Ich bin nach Deutschland gekommen, ohne Verwandte, ich habe Deutsch gelernt und hier studiert! Das habe ich geschafft!“ (Ich habe bis heute nicht verstanden, was das mit der damaligen Situation zu tun hatte.)
„Ja, schön… ich bin nach Japan gegangen… ohne Verwandte, ich habe Japanisch gelernt und auch dort studiert… warum glaubst Du eigentlich, Du seist was Besonderes?“
„Ich lasse mich hier nicht unterkriegen! Ich bin ein richtiger Mann!“
(Ich GLAUBE, dass er das mit dem „richtigen Mann“ auch so meinte, dass er als Einziger mutig gegen Unrecht ansprach, während alle anderen Fahrer sich angstvoll unter das kapitalistische Terrordiktat duckten – oder so ähnlich.)
„Du willst ein richtiger Mann sein? Dann arbeite doch mal wie einer! Bislang arbeitest Du eher wie ein kleines Mädchen! Ich muss auch Leistung bringen, wenn ich mal nen schlechten Tag habe!“
Peter kam in diesem lauten Moment dazu, zog meine Aufmerksamkeit auf sich und sagte zu mir, ich solle noch heute durchhalten, ab morgen werde sich da was ändern.
Der Moment war sogar so laut geworden, dass Leute, die mich seit meiner Einstellung kannten, direkt erstaunt darüber waren, dass ich mich auch aufregen konnte.

Nun ja… es ging bereits länger das Gerücht, dass Rudi gehen müsse, nicht zuletzt wegen seiner Querelen mit Kunden, und mein Tierarzt war nicht der einzige, der sich über ihn beschwert hatte. Fast jeder wusste, dass Rudi nicht über seine Probezeit hinaus beschäftigt werden würde; nur Rudi wusste es nicht – und Peter war der einzige, der nicht wusste, dass es bereits jeder andere wusste. Irgendwie eine seltsam lustige Situation.
Der Tag darauf: Rudi wurde morgens, nachdem er das Auto in die Halle gestellt hatte, von Peter einbestellt. Rudi fiel aus allen Wolken, das hatte er nicht kommen sehen. Wie hätte er das auch kommen sehen können, so geblendet von seiner eigenen Selbstüberzeugung?
Das traf ihn so hart, dass er, wie mir Octavia erzählte, am Nachmittag erneut vor der Halle auftauchte, in der Hoffnung, Peter vorzufinden, um ihn zu bitten, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Muss ihn einige Überwindung gekostet haben, seinen Stolz für diesen Auftritt einmal zu schlucken. Peter ließ sich allerdings nicht sehen und unsere Damen waren allesamt froh, dass er endlich weg war. Und Mike bekam noch einmal Mordgedanken, als er Rudis Transporter ausräumte: Da fanden sich Dutzende Abholbelege, die Rudi eigentlich als Quittung an Kunden hätte abgeben sollen und ein halbes Dutzend PET-Flaschen voller Pisse, die Rudi zwar gefüllt, aber nie entleert und entsorgt hatte.

Zwischendurch hörte man Gerüchte, er sei als Promoter zu einem bekannten Elektronikdiscounter gewechselt. Ich weiß nicht, ob ich dem Gerücht Glauben schenken kann, denn Rudi hat keine Persönlichkeit oder Einstellung, die für den Kundendienst – ganz zu schweigen von Werbung – in auch nur der geringsten Weise zu gebrauchen wäre.
Man hörte auch von Versuchen, als Fahrer bei DPD und GLS zu landen. Beim DPD sei er über zwei oder drei Probetage nicht hinausgekommen und bei GLS habe er es verschissen, weil er sich zu realitätsfremd gab, wie man sagen könnte. Hier also die Geschichte, die ich gehört habe:

Er hatte sich bei GLS beworben, die damals noch aus dem Saarland hochgefahren kamen, um Trier zu bedienen. Er wurde einem der Trierer Fahrer als Praktikant zugeteilt und wurde von diesem gewissermaßen an der Haustür abgeholt. Aus irgendeinem Grund kam er zu der Meinung, dies würde für immer so bleiben – ich habe auf seine festgefahrenen Denkmuster ja bereits hingewiesen: Wenn er morgens bei der Überprüfung seiner Sendungsliste eine Touränderung wahrnahm, war er auch regelmäßig der Meinung, das werde so bleiben: „Bleibt das jetzt so? Für immer?“ Allein die Art der Frage nervte mich schon. „Nein, nichts ist für immer. Das bleibt so lange so, bis man auf etwas anderes kommt.“ Rudi mochte halt keine Veränderungen. Der braucht einen Job, wo er jeden Tag das selbe macht, ohne Änderung der Routine. Für alles andere ist er geistig nicht flexibel genug.
Wie dem auch sei: Bald schon ging es auf seiner GLS Tour darum, dass er morgens ins Depot kommen müsse, wie jeder andere auch. Das sah er ja gar nicht ein und er fragte, ob man ihn nicht immer morgens abholen könne, um die Tour zu fahren. Da war der Fahrer schon ein bisschen ungehalten: „Du schwingst Deinen Arsch gefälligst ins Depot und lädtst Dein Auto selbst!“ Und beim Management soll er es vergeigt haben, als er im Augenblick der Wahrheit verlangt haben soll, dass er garantiert nicht mehr als 60 Kunden pro Tag fahren müsse. „Es gibt keine GLS Tour mit nur 60 Stopps!“
Da ging er hin und war nur noch als „die Pfeife“ bekannt.

Ich bitte allerdings zu beachten, dass ich mich für den Wahrheitsgehalt dieser Äußerungen nicht verbürgen kann, die kamen über mehr als drei Ecken zu mir und ich weiß ja, dass manche Zeitgenossen eine Geschichte gern mal ausschmücken.

An einem sonnigen Herbsttag war er auf Kurzbesuch wieder da. Gekleidet in beste arabische Ästhetik… glaube ich. Sandfarbener Leinenanzug mit bordeauxrotem Hemd, D&G Sonnenbrille, feine Lederschuhe in hellbraun. Ich wär beinahe blind geworden. Er hatte an dem Tag eine Unterredung mit Peter, die der mir freundlicherweise eine Weile darauf schilderte. Wie leider alle in Ungnade gefallenen „Ausscheider“ hatte auch Rudi noch Lohnforderungen, brachte diese aber ganz anders als die anderen auf seine eigene Art vor. Er habe eine gute Arbeit in Luxemburg gefunden und verdiene 7000 E im Monat. Auf die paar Hundert Kröten könne er natürlich verzichten, das Geld sei nicht so wichtig, aber es gehe ihm um sein Recht. Er sprach gern von „seinem Recht“, das er sich zum Teil irgendwie zusammensponn und das er auf seine extrem selbstbezogene Art auslegte. Das passte natürlich alles nicht zusammen, denn eigentlich war er doch mit seinem FH Studium noch nicht am Ende, oder? Das sollte doch erst nach einem sechsmonatigen Praktikum in Irland, beginnend im Dezember 2012, zu Ende sein, oder? Ich neige dazu, ihm nicht zu glauben, wenn er was von einem 7000 E schweren Job erzählt, den kriegt man ohne Abschluss nämlich nicht einfach so. Das einzige, was Luxemburg realistisch macht, sind seine Französischkenntnisse; was alles andere betrifft, traue ich ihm eher zu, eine Lüge zu erzählen, um nicht als Loser dazustehen, um vorzugeben, er habe was erreicht, auch ohne uns. Klingt wie verwirrter Kram? Rudi IST ein wirrer Typ. Er will sich ja nur vor Gott fürchten… ob dessen Prophet nicht auch gepredigt hat, dass Stolz eine Todsünde ist? Bei den Ähnlichkeiten zwischen christlichen und moslemischen Glaubensdogmen würde es mich nicht wundern. Er ist in der Tat der Einzige, dessen Abgang ich nicht bedauere, nicht im Geringsten.