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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

10. März 2013

Gaytal Kamikaze (Teil 14)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 12:42

Die Zeit trübt jede Erinnerung und viele, viele Einzelheiten sind bereits verloren gegangen.
Ich glaube, im Fluss der Beschreibungen, was in meinem Arbeitsleben so läuft, war ich zuletzt etwa am Ende des zweiten Quartals 2012 angekommen, und um die Ereignisse der Zwischenzeit nachzuvollziehen, existiert nur eine Sammlung von Stichwörtern. Ich glaube, ich wollte zuletzt noch über Rudi und seinen Abgang sprechen, den marokkanischen Araber mit dem Hang zum religiösen Konservatismus, um es freundlich auszudrücken.

Um die Entwicklung kurz zu rekapitulieren, wie sie bereits im Teil 10 der Reihe Gaytal Kamikaze beschrieben ist: Rudi kam im Frühjahr zu unserer Truppe und wurde dem Bitburger Bereich zugeteilt, das heißt, er stand am Beginn des Paketbands zwischen mir und den Bandauflegern und er lernte den Job von Bert, der Konz-Saarburg übernehmen sollte, weil er da unten in der Gegend wohnt. Rudi befand sich also in der Einarbeitungsphase, und jeder würde auch heute noch einsehen, dass neue Leute mehr Verständnis und Unterstützung brauchen. Ich versuchte also, ihm die Prinzipien beizubringen und in welcher Reihenfolge man die notwendigen Dinge morgens tut, um effizient zu arbeiten.
Erstens nimmt man Pakete vom Band.
Zweitens verpasst man ihnen einen Beladescan.
Drittens stapelt man sie in Reihenfolge ihrer vorgesehenen Beladung.
Viertens lädt man die Pakete ins Auto.
Fünftens setzt man die Stoppliste, also die Reihenfolge der Kunden, fest.

Irgendwie kam das nicht alles bei Rudi an. Dass er lange für seine Tour brauchte, war am Anfang klar. Während der ersten paar Wochen braucht jeder lange, aber in der Regel stellt sich irgendwann Routine ein und man kommt durch Hilfe von außen und durch eigenen Verstand auf Verbesserungen, die die tägliche Arbeitszeit verkürzen.
Nur nicht bei Rudi. Der fuhr auch nach drei Monaten noch fast so lange wie am ersten Tag und war immer am jammern, dass er das nie schaffen werde.
„Der Kurde hat zwischendurch noch ein Nickerchen gemacht und war trotzdem um drei Uhr fertig!“
„Wer ist dieser Kurde? Das ist UNMÖGLICH! Ich werde NIE vor fünf zuhause sein!“
Aber gut, ich bin ja kein Unmensch und unterstützte ihn weiter, so gut es ging, indem ich zum Beispiel Pakete für ihn vom Band nahm, während er Pakete stapelte, einräumte, oder seine Stoppliste bearbeitete. Ich betete die Prioritätenliste mehrfach hoch und runter. Ergebnislos. Er machte die Dinge weiter so, wie er sie für richtig erachtete, auch wenn es nicht richtig war, was er tat. Er war davon überzeugt, alles richtig zu machen – und dass es andere Umstände waren, die seinen Tag verdarben… oder andere Leute.

Wohl auch durch den Stress, den er hatte (und den er sich selber machte), wurden seine Nerven nicht besser, bis er sie nach und nach verlor. Er war zunehmend unhöflich zu Kollegen: Wenn etwas nicht lief, wie er das wollte, wurde er gegenüber den Damen in der Ablaufkontrolle durchaus schon mal „unwirsch“. Auch gegenüber Kunden – einer meiner Tierärzte, den er vertretungsweise beliefert hatte, nannte es sogar „frech wie Rotz“: „In der Zeit, die meine Frau brauchte, um vom Esstisch aufzustehen und zur Haustür zu gehen, hatte der schon zweimal geklingelt und dann wurde er auch noch frech, dass man gefälligst Verständnis dafür haben solle, dass er wegen Ramadan nichts essen und trinken dürfe – als ob wir was dafür könnten.“
Da war Rudi bei Frau S. natürlich an die falsche geraten, denn die ist das, was man im maskulinen Volksmund wohl „einen Besen“ nennt. Ich habe auch ein paar Monate gebraucht, bis ich sie aufgetaut bekommen habe.

Toppen wir nun den „bislang krassesten Fall“, wie er in Teil 10 dieser Reihe beschrieben wurde. Damals hatte er Laubschi ja mit einer unglücklichen Wortwahl dazu aufgefordert, seine Pakete aus der Ecke mit den Irrläufern zu nehmen. Das geht noch besser: Als er mal spät dran und als einer der letzten Fahrer noch im Depot war, machte er Musik im Auto an und beschallte die Halle mit irgendetwas Arabischem. Unsere Transohex war davon gar nicht begeistert, sie wollte in Ruhe ihre Arbeit im Verschlusslager machen und forderte ihn auf, „das Gedudel“ abzuschalten. Daraufhin soll er sowas gesagt haben wie „Fick Dich!“
SOLL er gesagt haben. Transohex Laubschi ging damit sofort zum Chef R., der bestellte Rudi ein und wollte hören, was der dazu zu sagen habe. Rudi stritt alles ab und man hört, er habe auf Allah geschworen und gesagt, er könne das unmöglich gesagt haben, weil es nicht Teil seiner Kultur sei. Schließlich sei er auf den Trichter gekommen, eine Verschwörung gegen sich zu vermuten. Eine Verschwörung, die er nicht fürchte, weil man sich nur vor Gott fürchten solle (er sagte dies auch bei anderen Gelegenheiten, bei denen er sich ungerecht behandelt fühlte, öfter und reckte dabei immer ominös den Zeigefinger gen Himmel). Vielleicht hätte man seiner Paranoia einen Funken Glauben schenken können, wenn es nicht mindestens einen Ohrenzeugen seines Ausbruchs gegeben hätte. Big M war in seinem Wagen zu Gange und hatte die Sache gehört, allerdings hat er zu spät erfahren, dass ein Termin bei R. angesetzt worden war.

Aber er kündigte auch an, er werde nicht mehr lange bleiben. Im Frühsommer sagte er einmal, er werde im Dezember nach Irland gehen, um dort im Rahmen eines Praktikums seine FH-Abschlussarbeit zu verfassen. Aha!? War mir gar nicht klar, dass er Englisch konnte. Aber ich hatte auch keine Gelegenheit, diesbezüglich etwas festzustellen.

Mit seinem Verhalten brachte er fast jeden gegen sich auf, vielleicht mit Ausnahme von Bert. Und meiner Wenigkeit. Ich räumte vorerst weiter Pakete für ihn ab und half ihm, wo ich konnte, obwohl er mir langsam auf den Keks ging. Ich fuhr meine Unterstützung langsam zurück, indem ich auch Pakete durchlaufen ließ, worauf er sich lauthals darüber beschwerte, dass ich ihn im Stich ließe. Bert redete ruhig, Mike eher ungehalten mit ihm: „Sei froh, dass Du neben Dominik stehst, jeder andere hätte Dir bereits in den Arsch getreten!“ Mike hatte Recht – denn ich investierte jeden Tag mehr als 15 Minuten meiner eigenen Zeit in seine Aufgaben. Aber diese Unterredung mit Mike führte dann dazu, dass er endgültig zu der Meinung kam, Mike und ich seien die Köpfe der Verschwörung gegen ihn, und dass wir ihm absichtlich immer mehr und mehr Pakete auf die Tour disponierten, um selbst noch früher Feierabend und ihn fertig zu machen. Er ging in seiner egomanischen Verblendung sogar soweit, laut zu vermuten, dass nur er allein so lange fahren müsse und dass alle anderen um drei oder halb vier spätestens zuhause seien. Dieses Selbstmitleid kotzte mich zunehmend an.

Der Höhepunkt trat im Zuge des Ramadan ein. Er machte wie üblich alles so, wie er allein es für richtig hielt – und setzte sich irgendwann mit gequältem Gesichtsausdruck auf die Ladefläche seines Transporters.
Gesichter machen, ja, das kann er, wenn ich das noch schnell einschieben darf. Wir hatten da mal einen Vortrag von Peter, der sich darüber beklagte, dass sich Fahrzeugschäden gehäuft hatten. Er sprach niemanden direkt an, jeder, der einen Lackschaden verursacht hatte, wusste, dass er gemeint war. Es ging um fünf oder sechs Leute. Ich war dabei, Rudi war dabei. Der aber stand da… wie soll ich das beschreiben? Er lehnte sich stehend an die Wand, die Stirn am erhobenen Unterarm, und machte ein Gesicht wie das Leiden Christi, wie man so schön sagt. In seinem Fall vielleicht: „Allah, warum prüfst Du mich so?“ Ich hätte fast lachen können damals.
Während er also so da saß, auf seinem Trittbrett, wie nach einem Marathonlauf, lief ein Bitburger Paket nach dem anderen durch. Ich machte ihn darauf aufmerksam und fragte, was er da mache. Er ging sofort in die Luft und sagte, ich sei ignorant und noch andere Dinge, die ich im Detail vergessen habe. Nicht vergessen habe ich, wie er schließlich sein Ego aufblähte, dass es kaum mehr in die Halle passte: „Ich bin ein richtiger Mann! Ich bin nach Deutschland gekommen, ohne Verwandte, ich habe Deutsch gelernt und hier studiert! Das habe ich geschafft!“ (Ich habe bis heute nicht verstanden, was das mit der damaligen Situation zu tun hatte.)
„Ja, schön… ich bin nach Japan gegangen… ohne Verwandte, ich habe Japanisch gelernt und auch dort studiert… warum glaubst Du eigentlich, Du seist was Besonderes?“
„Ich lasse mich hier nicht unterkriegen! Ich bin ein richtiger Mann!“
(Ich GLAUBE, dass er das mit dem „richtigen Mann“ auch so meinte, dass er als Einziger mutig gegen Unrecht ansprach, während alle anderen Fahrer sich angstvoll unter das kapitalistische Terrordiktat duckten – oder so ähnlich.)
„Du willst ein richtiger Mann sein? Dann arbeite doch mal wie einer! Bislang arbeitest Du eher wie ein kleines Mädchen! Ich muss auch Leistung bringen, wenn ich mal nen schlechten Tag habe!“
Peter kam in diesem lauten Moment dazu, zog meine Aufmerksamkeit auf sich und sagte zu mir, ich solle noch heute durchhalten, ab morgen werde sich da was ändern.
Der Moment war sogar so laut geworden, dass Leute, die mich seit meiner Einstellung kannten, direkt erstaunt darüber waren, dass ich mich auch aufregen konnte.

Nun ja… es ging bereits länger das Gerücht, dass Rudi gehen müsse, nicht zuletzt wegen seiner Querelen mit Kunden, und mein Tierarzt war nicht der einzige, der sich über ihn beschwert hatte. Fast jeder wusste, dass Rudi nicht über seine Probezeit hinaus beschäftigt werden würde; nur Rudi wusste es nicht – und Peter war der einzige, der nicht wusste, dass es bereits jeder andere wusste. Irgendwie eine seltsam lustige Situation.
Der Tag darauf: Rudi wurde morgens, nachdem er das Auto in die Halle gestellt hatte, von Peter einbestellt. Rudi fiel aus allen Wolken, das hatte er nicht kommen sehen. Wie hätte er das auch kommen sehen können, so geblendet von seiner eigenen Selbstüberzeugung?
Das traf ihn so hart, dass er, wie mir Octavia erzählte, am Nachmittag erneut vor der Halle auftauchte, in der Hoffnung, Peter vorzufinden, um ihn zu bitten, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Muss ihn einige Überwindung gekostet haben, seinen Stolz für diesen Auftritt einmal zu schlucken. Peter ließ sich allerdings nicht sehen und unsere Damen waren allesamt froh, dass er endlich weg war. Und Mike bekam noch einmal Mordgedanken, als er Rudis Transporter ausräumte: Da fanden sich Dutzende Abholbelege, die Rudi eigentlich als Quittung an Kunden hätte abgeben sollen und ein halbes Dutzend PET-Flaschen voller Pisse, die Rudi zwar gefüllt, aber nie entleert und entsorgt hatte.

Zwischendurch hörte man Gerüchte, er sei als Promoter zu einem bekannten Elektronikdiscounter gewechselt. Ich weiß nicht, ob ich dem Gerücht Glauben schenken kann, denn Rudi hat keine Persönlichkeit oder Einstellung, die für den Kundendienst – ganz zu schweigen von Werbung – in auch nur der geringsten Weise zu gebrauchen wäre.
Man hörte auch von Versuchen, als Fahrer bei DPD und GLS zu landen. Beim DPD sei er über zwei oder drei Probetage nicht hinausgekommen und bei GLS habe er es verschissen, weil er sich zu realitätsfremd gab, wie man sagen könnte. Hier also die Geschichte, die ich gehört habe:

Er hatte sich bei GLS beworben, die damals noch aus dem Saarland hochgefahren kamen, um Trier zu bedienen. Er wurde einem der Trierer Fahrer als Praktikant zugeteilt und wurde von diesem gewissermaßen an der Haustür abgeholt. Aus irgendeinem Grund kam er zu der Meinung, dies würde für immer so bleiben – ich habe auf seine festgefahrenen Denkmuster ja bereits hingewiesen: Wenn er morgens bei der Überprüfung seiner Sendungsliste eine Touränderung wahrnahm, war er auch regelmäßig der Meinung, das werde so bleiben: „Bleibt das jetzt so? Für immer?“ Allein die Art der Frage nervte mich schon. „Nein, nichts ist für immer. Das bleibt so lange so, bis man auf etwas anderes kommt.“ Rudi mochte halt keine Veränderungen. Der braucht einen Job, wo er jeden Tag das selbe macht, ohne Änderung der Routine. Für alles andere ist er geistig nicht flexibel genug.
Wie dem auch sei: Bald schon ging es auf seiner GLS Tour darum, dass er morgens ins Depot kommen müsse, wie jeder andere auch. Das sah er ja gar nicht ein und er fragte, ob man ihn nicht immer morgens abholen könne, um die Tour zu fahren. Da war der Fahrer schon ein bisschen ungehalten: „Du schwingst Deinen Arsch gefälligst ins Depot und lädtst Dein Auto selbst!“ Und beim Management soll er es vergeigt haben, als er im Augenblick der Wahrheit verlangt haben soll, dass er garantiert nicht mehr als 60 Kunden pro Tag fahren müsse. „Es gibt keine GLS Tour mit nur 60 Stopps!“
Da ging er hin und war nur noch als „die Pfeife“ bekannt.

Ich bitte allerdings zu beachten, dass ich mich für den Wahrheitsgehalt dieser Äußerungen nicht verbürgen kann, die kamen über mehr als drei Ecken zu mir und ich weiß ja, dass manche Zeitgenossen eine Geschichte gern mal ausschmücken.

An einem sonnigen Herbsttag war er auf Kurzbesuch wieder da. Gekleidet in beste arabische Ästhetik… glaube ich. Sandfarbener Leinenanzug mit bordeauxrotem Hemd, D&G Sonnenbrille, feine Lederschuhe in hellbraun. Ich wär beinahe blind geworden. Er hatte an dem Tag eine Unterredung mit Peter, die der mir freundlicherweise eine Weile darauf schilderte. Wie leider alle in Ungnade gefallenen „Ausscheider“ hatte auch Rudi noch Lohnforderungen, brachte diese aber ganz anders als die anderen auf seine eigene Art vor. Er habe eine gute Arbeit in Luxemburg gefunden und verdiene 7000 E im Monat. Auf die paar Hundert Kröten könne er natürlich verzichten, das Geld sei nicht so wichtig, aber es gehe ihm um sein Recht. Er sprach gern von „seinem Recht“, das er sich zum Teil irgendwie zusammensponn und das er auf seine extrem selbstbezogene Art auslegte. Das passte natürlich alles nicht zusammen, denn eigentlich war er doch mit seinem FH Studium noch nicht am Ende, oder? Das sollte doch erst nach einem sechsmonatigen Praktikum in Irland, beginnend im Dezember 2012, zu Ende sein, oder? Ich neige dazu, ihm nicht zu glauben, wenn er was von einem 7000 E schweren Job erzählt, den kriegt man ohne Abschluss nämlich nicht einfach so. Das einzige, was Luxemburg realistisch macht, sind seine Französischkenntnisse; was alles andere betrifft, traue ich ihm eher zu, eine Lüge zu erzählen, um nicht als Loser dazustehen, um vorzugeben, er habe was erreicht, auch ohne uns. Klingt wie verwirrter Kram? Rudi IST ein wirrer Typ. Er will sich ja nur vor Gott fürchten… ob dessen Prophet nicht auch gepredigt hat, dass Stolz eine Todsünde ist? Bei den Ähnlichkeiten zwischen christlichen und moslemischen Glaubensdogmen würde es mich nicht wundern. Er ist in der Tat der Einzige, dessen Abgang ich nicht bedauere, nicht im Geringsten.

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