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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

24. Juni 2024

Donnerstag, 24.06.2004 – An den Start…

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Das Wetter hat sich auf ein erträgliches Maß abgekühlt und macht die Bewegung im Freien wieder angenehmer. Yamazaki-sensei geht derweil von Kurzbiografien zu Erläuterungen über, also etwa, wie man den Japanischen Fußballbund in fünf bis sieben Sätzen erklärt, und die Hausaufgaben sind entsprechend. Ich versuche mich an den Aufnahmebedingungen für deutsche Universitäten, was bedeutet, dass ich das parallele Schulsystem ebenso erklären muss wie den Numerus Clausus und die Lateinvorgabe für verschiedene Fächer. Ich bin nicht sicher, ob das auf eine Seite passt, aber das kann man sicher irgendwie stopfen.

Ab heute ist mir auch klar, dass die Internationale Party der (durchaus sympathischen) Chaoten vom „KIWA American“ Club bereits morgen, am Freitag, stattfindet. Wie bin ich bloß auf die abwegige Idee gekommen, dass eine solche Party am Wochenende stattfinden könnte? Das wäre wider die Natur (fast) jedes Studenten. Das bedeutet, dass der Nudelsalat und die Frikadellen heute Abend vorbereitet werden müssen, damit wir das Essen morgen nach dem Unterricht nur noch zuhause abzuholen brauchen.
Das Endprodukt wird auch gar nicht schlecht, auch wenn nach meiner Meinung mehr Mayonnaise an einen Nudelsalat gehört und man Frikadellen vorzugsweise warm essen sollte.

23. Juni 2024

Mittwoch, 23.06.2004 – Besser unter der Matratze sparen!

Filed under: Japan,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Ogasawara-sensei lässt uns heute, wie befürchtet, „Shima Uta“ singen, aber es wird nicht ganz so grausig wie die letzte Vorstellung. Sie hat sich während einer Reise nach Tokyo am vergangenen Wochenende die “Single Collection +“ von „The Boom“ gekauft, weil sie die Zeit nicht aufwenden wollte, die „Shima Uta“ Maxi CD zu bestellen. Dr. „Dragon“ Chen möchte sich die Doppel-CD auch gleich ausleihen und ich werde wohl das gleiche tun, sobald er sie wieder zurückgibt. Vielleicht kann man ja auch mit anderen Liedern der Gruppe was anfangen, obwohl ich es eigentlich bezweifle. „Shima Uta“ ist ja nur von „The Boom“ gecovert, und männliche japanische Sänger haben bei mir eine weitaus niedrigere Erfolgsquote als ihre weiblichen Kolleginnen.
Mir fällt immer wieder auf, wie mies J-Pop, japanische Popmusik, eigentlich ist. Natürlich gibt es Lieder, viele sogar, die gut sind, bzw. die mir gefallen, aber das sind prozentual nicht viele. Ich kann auch nicht begründen, warum mir Soundtracks von Anime im Schnitt weit besser gefallen, als das, was in den lokalen Hitparaden so läuft. Bei „Music Station“ (in gewissem Sinne das japanische Gegenstück zu den deutschen Sendungen „Formel Eins“ oder „Hitparade“) rollen sich mir regelmäßig die Zehennägel hoch, also sehe ich mir das lieber nicht mehr an. Was lief da doch letztlich? Ein weibliches Rap-Duo gab da eine Art Mix aus Rap und HipHop zum Besten: „I know, you know, I’m going to za Machi“ (= „… the city“). Das ist mindestens genau so schlimm wie die „deutsche“ Liedzeile „Du bist so sweet wie Candy“, die stammt aus den 60ern, soweit ich weiß.[1]

SangSu referiert in Kondôs Unterricht heute über das japanische Bankensystem, muss aber eingestehen, dass er die Erläuterungen des Autors nicht ganz verstanden hat. Dabei ist das Prinzip nicht schwer zu verstehen. Möglicherweise ist er an Vokabeln gescheitert. Also schwimmt Kondô-sensei ganz in seinem Element und füllt die Lücken meines koreanischen Nachbarn.

Im Prinzip gibt es in Japan Versicherungen und private Banken, die ihr Geld damit verdienen, dass sie für Zinsen Geld an Unternehmen verleihen oder aber für Gewinnbeteiligungen Geld in Unternehmen investieren – mit Ausnahme von kleinen Unternehmen, da man diese in der Regel nicht als kreditwürdig betrachtet. Wegen der im Vergleich zu amerikanischen Banken geringeren Kapitalrücklagen der japanischen Institute ist das Risiko, das Geld nicht wieder zu sehen, für die hiesigen Kreditanstalten zu groß. Wie die kleinen Unternehmen an benötigte Kredite kommen, werde ich später ausführen.

Neben den privaten Kreditinstituten gibt es noch die staatliche Post, die nicht nur Brief- und Paketdienste anbietet, sondern auch Versicherungen und Bankgeschäfte. Allerdings fehlen der Postbank die personellen Kapazitäten, um effektiv mit privaten Unternehmen Geschäfte zu machen, und diese Mittlerrolle übernimmt der japanische Staat. Zum Leidwesen der meist ebenso ahnungslosen wie naiven japanischen Sparer verwendet die Regierung die Sparguthaben als „Ersatzhaushalt“, als zweiten und inoffiziellen Staatshaushalt, was natürlich nicht legal ist, aber in Japan ist grundsätzlich alles erlaubt, wobei man sich nicht erwischen lässt. Die Regierung investiert das Geld der Sparer in (meist vom Staat selbst initiierte) Bauprojekte, wie zum Beispiel den nie endenden Bau auch unnötiger Autobahnstrecken, um die politisch einflussreichen Bauunternehmen zu befriedigen.
Die Übersicht über die Investitionen (und deren Rentabilität) der vergangenen zehn Jahre zeigt deutlich, dass das Geld zum größten Teil in den Sand gesetzt worden ist und dass die Regierung wiederholt auf den offiziellen Staatshaushalt zurückgreifen musste, um das Geld der Sparer ersetzen zu können. Die Fähigkeit der Postbank, Zinsen an die Kunden auszahlen zu können, ist einer immer weiter wachsenden Gefahr ausgesetzt, während man der Öffentlichkeit auch weiterhin erklärt, dass Postbankguthaben absolut sicher seien, weil der Staat (angeblich) nicht Bankrott machen könne.

Zum Thema der Kredite für kleine Unternehmen und Privatleute erzählt Kondô weiter, dass diese häufig auf so genannte „Schwarze Kredite“ angewiesen seien, was keineswegs bedeutet, dass es sich dabei um illegale Finanzgeschäfte, vielleicht mit der Yakuza, handelt (oder handeln muss). Er nennt als populäre Beispiele „Acomu“ und „Promise“. Jedes Kind in Japan kennt diese Firmen aus der eingängigen TV-Werbung und Kondô-sensei wiederholt zu unserem Vergnügen die Melodien, „Ha-ji-mete no A-co-mu“ und „Pu-ro-mi-su“, um unserem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, obwohl es eigentlich nicht notwendig ist, weil niemand, der einmal eine Werbung für „Acomu“ und „Promise“ gesehen hat, sie jemals wieder vergessen könnte, was a) an den Ohrwurm-Jingles der Firmen und b) an den Models liegt, die in der Werbung auftreten. Dann rechnet er an einem Beispiel vor, wie sich ein solcher Kredit entwickelt, und eigentlich reicht es völlig aus, zu sagen, dass die Zinsraten sich auf einem Level kurz vor 30 % halten. Sein Fazit: „Sollten Sie je einen Kredit brauchen, gehen Sie niemals zu Promise oder Acomu!“

Hugosson stellt uns heute ein Konzept vor, dass man wohl mit „Gesellschaftsverantwortungsbericht“ übersetzen könnte. Es handelt sich jeweils um Schriftstücke von großen Privatunternehmen, die darin hervorheben, welche ihre guten Taten des vergangenen Jahres waren, also welche allgemeinnützigen Projekte oder Fonds oder Stiftungen finanziert wurden und derlei Dinge. Wir sollen für die Stunde übernächste Woche einen solchen Bericht auftreiben und zusammenfassen. Ich bezweifle, dass die Waffen- und Rüstungsindustrie solche Berichte anfertigt, aber ich kann ja mal nachsehen.


[1]   Die beiden Japanerinnen waren die Band HARUCARI, deren Lieder ich eigentlich schätze – allerdings hatten die beiden kurz zuvor ihren Schulabschluss gemacht, waren also nicht mehr an Kleider- und Frisurvorschriften ihrer Schule gebunden, und ich habe sie deshalb schlicht nicht erkannt!

22. Juni 2024

Dienstag, 22.06.2004 – Ein Lächeln macht noch kein gutes Bild

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Wir mussten wegen des einsetzenden Regens in der Nacht das Fenster schließen, aber ansonsten handelte es sich bei dem Taifun nur um ein eher schwächlich erscheinendes sommerliches Gegenstück zu einem europäischen Herbststurm.

Ich verbringe den frühen Morgen mit dem Lernen von Vokabeln, vergesse aber leider, dass mal wieder eine Ladung Wäsche in die Maschine gehört. Möglicherweise werde ich dann morgen mal wieder ein altes T-Shirt anziehen müssen, weil nicht mehr viel im Schrank liegt.

Kondô-sensei hat für heute einen Fotografen eingeladen, der uns ein paar seiner Arbeiten zeigt, die in Japan und auch in den USA einige Preise auf Ausstellungen gewonnen haben. Außerdem ist er der erste in dieser Vortragsreihe, der nicht in einem Geschäftsanzug erscheint… er sieht wirklich wie ein Klischeefotograf aus, und ich glaube, ihm ansehen zu können, dass er von Kunst etwas versteht. Seine Bilder sprechen ebenfalls dafür. Vielleicht sprechen seine Bilder auch noch für etwas anderes, weil nämlich alle dargestellten Personen weiblich sind, und keine davon dürfte älter als 30 Jahre sein. Es sind auch Baby- und Kinderfotos dabei, weil er einen Abriss davon geben möchte, welche Motive heutzutage beliebt sind. Natürlich darf in dem Portfolio auch die Darstellung einer Frau in einem fließenden Brautkleid europäischen Stils nicht fehlen, aber es sind auch japanische Hochzeitskimonos vertreten. Es folgen also mehrere Damen in verschiedenen Kimonos, eine in einem chinesischen Kleid, und eine ohne Bekleidung. Aber das Bild ist „vernebelt“, die Dame liegt auf dem Bauch und man kann ihre Hüftrundung mehr erahnen als sehen. Aber es ist deutlich zu erkennen, dass unser Gast hier Ahnung von seinem Fach hat. Man kann keinem der Bilder den künstlerischen Charakter absprechen.

Um etwas Praktisches zu zeigen, bittet er die Thailänderin Nun nach vorn und zeigt an ihrem Beispiel, wie man durch einfache Veränderungen der Positur einer Person ein gutes Motiv erhalten kann. Ich habe auch nicht schlecht gestaunt, wie man durch eine „Korrektur“ der Stehweise aus einer normalen jungen Frau ein Model machen kann. Der Gerechtigkeit halber wird dasselbe auch an einem der Chinesen vorgeführt, mit dem Unterschied, dass man Männer in anderen Posen darstellt, als Frauen. Ich finde das wiederum nicht so überzeugend, aber das mag daran liegen, dass mir die ästhetischen Eigenschaften von Männern bei weitem nicht so sehr ins Auge fallen. Er erklärt auch den Unterschied zwischen hohen und tiefen Aufnahmewinkeln; wenn man ein lebhaftes Foto machen wolle, müsse man eine tiefe Position wählen, während eine Aufnahme aus einer erhöhten Position das Motiv ruhiger erscheinen lasse.

Er geht auch kurz auf die üblichen Kosten einer solchen Aufnahme ein. Eine Sitzung bei ihm koste zwischen 8500 und 11000 Yen, also grob zwischen 60 und 80 E, dafür erhalte man eine Reihe von Fotos, für gewöhnlich zehn, aus denen man sich die besten zwei oder drei aussuchen könne. Er bittet uns natürlich, ebenfalls einmal vorbeizukommen und macht uns das Angebot, so viele Fotos zu schießen, bis uns eines davon gefalle. Na ja, hätte ich Geld und Interesse gleichzeitig, gerade fehlt mir das erstere, würde ich gerne darauf zurückkommen, aber mein Verlangen nach Ästhetik ist nicht so groß, dass ich derzeit diesen Preis dafür zu zahlen bereit wäre… ich gebe mein Geld dann lieber für andere Dinge aus, ganz zu schweigen davon, dass ich jetzt sparen muss, um noch so viel Geld wie überhaupt möglich mit nach Deutschland nehmen zu können.

Während ich im Center herumsitze, treffe ich Wakasa Chikako, die sich hier eigentlich mit einer Freundin, die als Tutorin arbeitet, getroffen hat, sich dann aber lieber mit mir beschäftigt. Na, vielen Dank für die Blumen, aber wer ist Wakasa Chikako? Gut, ich kenne ihr Gesicht und ich weiß auch, woher ich es kenne, aber der Name allein hätte mir nichts gesagt, weil sie sich damals entweder nicht vorgestellt hat (was in der Situation durchaus vorstellbar war) oder weil ich den Namen schlicht wieder vergessen habe: Sie war die kettenrauchende Protokollantin des Erdbebenexperiments vor einigen Wochen. Es ist heute deutlich zu spüren, dass sie weniger Stress hat, weil ihre Sprechgeschwindigkeit ein verständliches („verstehbares“?) Maß hat. Ihre Erklärung zum Thema „Warum man Austauschstudenten keine Informationen zu Erdbeben zukommen lässt“, hatte sie ja in einer Geschwindigkeit vorgetragen, die mir Kopfschmerzen bereitete, zumindest hatte ich ein spürbares Klopfen an den Schläfen verspürt. Und zu meinem Glück darf hier nicht geraucht werden.
Sie zeigt mir eine Handvoll alter Fotos von ihr, ab Alter 5 Jahre aufwärts, bis zu einem Foto, dass sie aus irgendeinem Anlass im Kimono zeigt. Sie sieht darauf aus, als würde sie Kinder mögen, und zwar am liebsten mit einer großen Portion Bohnen und Speck, und weil ich ein etwas offener Mensch bin, sage ich ihr, dass sie auf dem Foto recht streng aussehe. Gut, sie nimmt meine Direktheit mit Humor. Und um mich zu revanchieren, zeige ich ihr die Fotos, die ich bis jetzt gemacht habe. Hoffentlich hat sie sich dabei nicht zu sehr gelangweilt.
Ich habe, nachdem wir uns verabschiedet haben, noch Zeit übrig, also gehe ich am Nachmittag zum Friseur und lasse meine Haare wieder auf eine erträgliche Länge kürzen, sechs Millimeter.

21. Juni 2024

Montag, 21.06.2004 – Montag, Montag

Filed under: Filme,Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Nach Yamazakis Unterricht setze ich mich ins Center, lese ein paar Strips „Kevin & Kell“ und unterhalte mich eine Weile mit Marc, der offenbar gerade an einer Kanji-Analyse existierender Namensschreibungen mitarbeitet und sich über die neuerdings erlaubten Namensbestandteile lustig macht. Man kann seinen Kindern in Japan neuerdings die verrücktesten Namen geben. Sachen wie „Käfer“ oder „Krebs“ (die Krankheit) sind in der Liste vorzufinden. Ich glaube, sogar das Kanji für „Furz“ ist dabei. Das Parlament begründet die Entscheidung mit der Eigenverantwortung der Eltern für ihre Kinder. Ich glaube, dass in den 90er Jahren ein Ehepaar ihren Sohn „Akuma“ („Teufel“) nennen wollte, war ein Meilenstein in dieser Diskussion, die nun offenbar auf diese Art und Weise beendet worden ist.
Marc ist an einer Verlängerung seines Aufenthalts, den ich ihm vor wenigen Tagen anbieten konnte, interessiert. Er wolle noch dies und das realisieren und scheint voll bei der Sache zu sein. Allerdings würde aus seinem Antrag auf Stipendium nichts werden, da das hiesige Gremium beschlossen habe, mittellose Chinesen primär und vor (angeblich) wohlhabenderen Europäern zu unterstützen. An sich klingt es sehr gut, dass man Leute finanziell unterstützt, die es nötig haben. Aber… wenn ich mich so umsehe unter den hier anwesenden Chinesen, dann finde ich auf Anhieb keinen, der nicht schon einen richtigen Job oder nicht zumindest Eltern mit Geld hat. Da wären ja zuerst einmal die Leute, die bereits einen Abschluss haben und hier eigentlich nur zur Fortbildung sind. Die haben zuhause einen Job, eine gesicherte Existenz, sei es nun als Arzt oder Pharmazeutiker oder Computerfachmann. Die sind zumindest nicht arm. Vielleicht nicht so wohlhabend wie ihre Kollegen in Europa, den USA oder Japan, aber nicht arm. Natürlich haben wir auch Chinesen ohne diese existenziellen Vorzüge hier. Aber auch die sehen zumindest nicht arm aus: Die tragen alle Designer- und Markenkleider, haben die neuesten Laptops und Handys, sind ausgestattet mit Accessoires der neueren Generation, wie zum Beispiel mehrere Gigabyte starken, transportablen Festplatten und all dem. Wenn ich deren technischen Stand ansehe, könnte ich glatt neidisch werden (wenn ich denn Interesse an diesem Zeug hätte). Aber ich habe wirklich noch keine armen Chinesen hier gesehen. Ich dagegen, der „wohlhabende Europäer“, bin arm wie eine Kirchenmaus.

Ich beende die Feinarbeit an meinem Kampfbericht und überreiche Eve die 50 DIN A4 Seiten Papier, Times New Roman 11, Zeilenabstand 1,5. Die Feinarbeit hat das Volumen dann doch deutlich über die von mir geschätzte Obergrenze von 40 Seiten gebracht. Eve braucht sich damit nicht zu beeilen, weil zumindest so lange Zeit ist, bis Frank seine Notizen ins Englische übersetzt hat (anstatt sie gleich auf Englisch zu schreiben).

Den Rest der notwendigen Zeit verbringe ich in der Bibliothek und fahre eine Stunde früher als üblich nach Hause, weil ich Melanie versprochen habe, mit ihr zusammen den ersten „Harry Potter“ Film anzusehen. Sie hat die beiden verfügbaren Teile für jeweils eine Woche ausgeliehen, um sie sich entsprechend oft ansehen zu können. Ich werde also über kurz oder lang (eher „kurz“) dazu kommen, auch den zweiten Teil noch zu sehen.
Der Film erweist sich als zumindest nicht schlecht, für junge Jugendliche gemacht und ein wenig außerhalb meiner Interessensphäre. Ich finde es gut, den Film gesehen zu haben, das war weder Zeit- noch Geldverschwendung, aber ich würde dafür keinen Platz in meinem Regal bereitstellen wollen.

Übrigens ist für heute Abend ein Taifun angekündigt worden. Oder eigentlich eher für heute Nacht. Irgendwann nach Mitternacht soll das Schauspiel beginnen und ich bedauere ein wenig, dass ich dann schlafe.

20. Juni 2024

Sonntag, 20.06.2004 – Sommer macht träge

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Ein weiterer schwüler Tag in der Bibliothek. Gleiches Spiel wie gestern: Man schwitzt aus allen Poren, ohne dabei mehr als die Finger zu bewegen.

Ich sehe mir die zweite Episode von „Konjiki no Gash Bell“ an, weil ich denke, die Zeit dafür zu haben.

Im Forum ist dieser Tage wenig los, die Zahl der täglichen Einträge hält sich zwischen 20 und 30, und für gewöhnlich finde ich in der „Winterrate“ von 60 und mehr Einträgen schon nur drei oder vier, die ich mit einem Kommentar bedenken möchte.

Ich erhalte auch weniger Post als noch vor drei Monaten. Und vor allem nach dem Ende meines durch Combat Mission bedingten Schreibmarathons habe ich wieder mehr Zeit für andere Dinge. Aber außer „Gash Bell“ ist heute nun wirklich nichts los, über das es sich zu schreiben lohnt. Vielleicht liegt es auch am Sommer und mein Gehirn wird zu träge, um die kleinen Details des Alltags zu bemerken.

19. Juni 2024

Samstag, 19.06.2004 – Powersailor Rangermoon

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Ich gehe um 19:00 in die Bibliothek und gehe meiner üblichen Arbeit (?) nach.
Das Wetter nähert sich der Grenze der Unerträglichkeit… es ist warm (und es erscheint mir vermutlich wärmer, als es tatsächlich ist) und die Luftfeuchtigkeit hält sich nicht weit unter der 100 % Marke. Es regnet auch, und ich würde das einen „stärkeren Nieselregen“ nennen, nicht mehr, aber die Lufttemperatur sinkt nicht. Es regnet widerlich lauwarmes Wasser vom Himmel und allein der Luftzug der eigenen Fortbewegung verschafft Kühlung, weil die Haut ja ständig feucht ist. Sobald man aber stehen bleibt, stürzt einem das Wasser aus allen Poren.
Der Supermarkt ist das krasse Gegenteil. In dem Gebäude sind es 20 Grad Celsius mit geringer Luftfeuchtigkeit – man kommt von draußen herein und fühlt sich sofort wie in einem Kühlschrank. Ich hätte nicht gedacht, dass 20 Grad mal so wenig sein könnten. Und sobald man wieder nach draußen geht, läuft man wie
gegen eine Wand aus wabernder Feuchtigkeit, die einen umhüllt.
Mehr gibt es da heute nicht zu sagen… wäre da nicht die Episode SailorMoon, die ich gesehen habe und die den Fan der Animeserie in basses Erstaunen (oder Entsetzen?) versetzt (die Unwissenden aber kalt lassen dürfte).

Aha, Usagi weiß also nichts von der Tatsache Minako = SailorVenus, weil ihr das tatsächlich keiner gesagt hat. Die anderen drei haben entschieden, die Information für sich zu behalten, damit Usagi nicht auf dumme Gedanken kommt… welche auch immer. Bei ihr gibt es in dieser Hinsicht ja kein Limit. Möglicherweise hätte ihr die Tatsache, ihren Lieblingsshowstar im Team zu haben, den Kopf verdreht. Ihre Ansprüche sind ja nicht hoch.
Minako ist nach dem Blackout während ihres Konzerts im Krankenhaus gelandet. Rei besucht sie und der Kernpunkt des Gesprächs ist der, dass Minako wohl noch ca. zwei bis drei Monate zu leben hat und sich eigentlich schon aufgegeben hat, weil auch die Erfolgschancen einer Operation angeblich bei nahezu Null liegen.
(In der Pause wird Werbung für ein PS2 Spiel gezeigt, das „MagnaCarta“ heißt. Ich frage mich, wie viele von den Leuten, die diese Werbung gemacht haben oder für die diese Werbung gemacht wurde, eine Ahnung haben, was dieser Begriff eigentlich bedeutet…)
Aber zum Ende erscheint Minako dann doch. Königin Beryll stellt sich den Senshi persönlich, aber weil es noch zu früh für den Showdown der Serie ist, lässt sie die vier Generäle erscheinen und droht, sie alle zu töten, sollte Endymion (Mamoru) nicht gefügig sein und ihr folgen. Die Waffen der vier richten sich also am ferngesteuerten Arm gegen ihre Besitzer und Kunzyte ist wieder die Nummer Eins, wenn es um das Schneiden verständnisloser Gesichter geht. Mamoru will natürlich nicht, dass seine ehemaligen Getreuen so schändlich gemordet werden, also macht er ein paar zögerliche Schritte auf Beryll zu. Usagi gefällt das natürlich gar nicht und wir erleben die seltsamste und unerwartetste Transformation, die keinem Fan der Animeserie je in den Sinn gekommen wäre.
SailorMoon mit Terminator-Blick: „Du wirst Deine Finger von ihm lassen!“
Beryll greift ihre leuchtende Gestalt mit einem explodierenden Blitz an („I love the smell of fresh Nape in the Morning“), der die Senshi wieder mal fliegen lässt (markant: laszives Wälzen auf dem Boden mit Schmutz im Gesicht), aber SailorMoon steht wie der Fels in der Brandung und verzieht keine Miene, was bei der Königin offenbar eine gewisse Besorgnis auslöst. Ein Schwert erscheint in Usagis Hand – ein Schwert, verehrte Fans! Es ist zwar offensichtlich aus Plastik und von Bandai hergestellt, aber es ist ein Schwert, was den krassesten Bruch mit der Vorlage darstellt, die ich bisher gesehen habe. Nicht, weil die Manga- und Anime-SailorMoon kein Schwert gehabt hätte, sondern eben, weil sie eines hatte (während sie mit Galaxia zu Gange war) und sich weigerte, es zu benutzen, weil Gewalt ja nur mehr Gewalt hervorruft.
Wie dem auch sei, SailorMoon hat also ein Schwert und wird mit Energiesalven bombardiert, die sie, ohne das Gesicht zu verziehen, mit eben diesem Schwert lässig beiseite wischt, worauf die Ladungen im Umland explodieren. Die Königin schiebt mittlerweile Panik und stößt allerhand Drohungen aus, unter anderem die alte Leier, die vier Generäle zu töten, worauf sich Nephlyte, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht, mit seinem Schwert durchbohrt und leblos zu Boden geht. (Ich will nicht sagen „tot“, weil er zu der Sorte Leuten gehört, die dauernd wiedergeboren werden). Das schockiert Mamoru dann doch sehr und er sorgt dafür, dass Usagi aus dem Terminatormodus in ihre ursprüngliche Form zurückkehrt, bevor sich noch andere den Bauch aufschlitzen. SailorMoon verwandelt sich also in Usagi zurück, die auch gleich das Bewusstsein verliert.

Wer hat hier denn am Rad gedreht? Eine SailorMoon, die über Leichen geht, um die Bösen zu besiegen? Das hat sogar noch das Schwert übertroffen! Was auch immer das hier sein soll, aber „SailorMoon“ ist das nicht mehr. Aber andererseits… sie sieht mit diesem Gesicht viel schnuckeliger aus… auf jeden Fall besser als mit ihrem Dauergrinsen wie ein Kind, dem man einen übergroßen Schokohasen zu Ostern geschenkt hat, auch wenn die Klamotten, die man ihr für diese Transformation verpasst hat, aussehen, als hätte sie den Lolitashop um die Ecke in Harajuku während des Schlussverkaufs ausgeraubt.

18. Juni 2024

Freitag, 18.06.2004 – Reis, Reis, Reis

Filed under: Japan,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Ich gehe früh ins Center, um mit meiner Datenübertragung fertig zu werden, damit ich mit Misi die Memorysticks wieder tauschen kann. Ich lerne nebenher meine Vokabeln und lese ein paar „Kevin & Kell“ Comicstrips. Ich erfahre dabei, dass man auch Bücher davon kaufen kann, man kann sie im Internet bestellen. Aber eine Ausgabe kostet umgerechnet 10 E, und zwar ohne Angabe, wie viele Seiten oder Strips ich dafür bekomme.

Weil Eve gerade da ist, kläre ich mit ihr ein paar Einzelheiten meines Kampfberichtes. Sie hat sich dazu bereit erklärt, ihn nach Fehlern zu durchsuchen, obwohl ihr das Thema nichts bis wenig sagen dürfte, aber ich habe sie eingehend vorgewarnt, um was es dabei geht und sie hat trotzdem zugestimmt. Leider ist sie die einzige Muttersprachlerin vor Ort; wären Dave oder David noch da, hätte ich die fragen können. Ich glaube, dass männliche Leser eher einen Bezug zu dieser Materie haben könnten.

Kuramata-sensei hat einen Professor zu Gast, der eine „echte“ Vorlesung über die wirtschaftliche und ökologische Bedeutung des Reisanbaus für Japan hält – das heißt, er hat eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet und liest den Text exakt so ab, wie er auf der Leinwand erscheint. Aber gut, Stil beiseite. Ich habe mich schon woanders mehr gelangweilt. In seinem Text heißt es, dass Reisfelder das Land vor Taifunen schützen. Dieser Punkt ist mir nicht klar und ich frage nach. Die Reisfelder fungieren als ein gigantisches Netz vieler kleiner Staudämme und nehmen das Regenwasser auf, weswegen Überflutungen in Japan eine eher seltene Erscheinung seien. Ja, wenn ich „Taifun“ höre, muss ich in erster Linie an einen heftigen Sturm denken, und erst lange danach kommt mir der Gedanke an Regen. Offenbar ist die Trennung von „Sturm“ und „sintflutartiger Regen“ in japanischen Köpfen nicht so strikt wie in europäischen.
Dann erscheint unter „wirtschaftlichem Nutzen“ die Aussage „Reisfelder schmücken die Landschaft und ziehen Touristen aus den Großstädten an“. Nun ja, über die Ästhetik von Reisfeldern kann man sich streiten, aber man kann wohl sagen, dass es schön aussehen kann, wenn der Reis in Blüte steht. „Wie ein goldener Teppich auf dem Land“ sagen manche Beobachter.
Interessant fand ich auch das Argument „Reisfelder nehmen Giftstoffe (engl.: contaminants) auf und reinigen die Luft“. Ja, wenn sich das Gift im Reisfeld sammelt, landet es dann nicht in meiner Schüssel? Darüber muss der Professor einen Augenblick nachdenken, wirft einen Blick in die japanische Vorlage und meint dann: „Das verwendete Wort (Giftstoffe) ist vielleicht keine gute Wahl gewesen. Damit sind Stoffe wie Kohlendioxid gemeint.“ Aha, damit wird der Fall schon klarer.
„Aber machen das nicht alle Pflanzen?“
Der Professor lacht (verlegen?): „Ja, natürlich… aber dennoch ist es auch ein Vorteil der Reispflanze, oder?“
Wie kommt mir diese Argumentation vor?
„Benennen Sie die Vorteile eines Rotstiftes!“
„Man kann damit schreiben.“
Unter den statistischen Angaben findet sich die folgende Angabe, die mir (in aktuellerer Version) durch den Vortrag von Nim über Reisanbau in Japan bereits bekannt war: „Etwa die Hälfte der japanischen Bauern pflanzt ausschließlich Reis an.“
Ja, sind die denn alle von Sinnen?
„Warum pflanzen die denn keine Varietät von Reis, Gemüse und Obst, damit ihnen ein schlechtes Jahr nicht alles nimmt, was sie investiert haben?“
Darauf weiß er keine Antwort. Eine weitere Frage, die ihm unangenehm scheint. „Ja, das wäre sicherlich besser.“ sagt er. Warum kommt es mir vor, als hätte ich heute nur Fragen gestellt, die nicht genehm waren?
Die Statistiken offenbaren mir eine weitere Schwachstelle: Ich habe an anderer Stelle erwähnt, dass Japan nur 40 % seines Kalorienbedarfs selbst decken könne, die Reisversorgung aber sichergestellt sei. Klingt gut, vor allem als Wahlkampfslogan: „Die Reisversorgung ist sicher!“ Aber das hat einen Grund, der den Slogan ins Stolpern bringt: Seit dem Beginn der Sechziger Jahre ist der Pro-Kopf-Reisverbrauch aufgrund des steigenden Verzehrs von Brot und Nudeln von etwa 120 kg auf knapp 50 kg pro Jahr gefallen. Das heißt, wenn den Japanern Brot und Nudeln plötzlich nicht mehr schmecken würden (oder wenn sie der ewigen „Esst mehr Reis!“ Propaganda nachgeben würden), dann würde der Reis eben nicht reichen und es müssten gewaltige Mengen importiert werden.

Apropos Reisimporte: Japan wurde vor einiger Zeit von der Welthandelsorganisation WTO gezwungen, pro Jahr etwa 700.000 Tonnen Reis aus anderen ostasiatischen Staaten zu importieren (was etwa 9 % des eigenen Erntevolumens ausmacht). Dieser Reis aber landet nicht auf dem japanischen Markt, sondern wird in Hafenhallen gelagert, um bei Bedarf in Staaten mit Ernährungsengpässen geliefert zu werden, also zum Beispiel nach Nordkorea. Das mag an sich sehr nobel sein, aber für diese Starrsinnigkeit gegenüber dem Import von Reis kann man nur die Machtliebe der Liberaldemokratischen Partei LDP verantwortlich machen. Japanische Bauern sind aufgrund der Primitivität ihrer Mittel überhaupt nicht in der Lage, mit dem Ausland zu konkurrieren, sie würden untergehen, weil der Reis aus dem Ausland nicht nur billiger, sondern zum Teil auch besser ist. Allerdings stellen Reisbauern einen erheblichen Anteil der LDP Wählerschaft, und die Partei hat natürlich ein großes Interesse daran, ihre jahrzehntelange Alleinherrschaft aufrecht zu erhalten.
Der größte Nachwuchsfaktor für Reisbauern ist übrigens nicht der Familiennachwuchs der Bauern selbst, sondern Leute über 50, die sich pensionieren lassen, um dann als Bauern auf dem Land zu leben. Der Bauernstand veraltet, im wahrsten Sinne des Wortes. Der durchschnittliche Reisbauer ist um die 60 Jahre alt.

Ogasawara-sensei gibt uns unsere Klausuren zurück und bespricht sie. Ich komme auf 61 % und habe damit meinen Schnitt seit dem vergangenen Semester weiter gesteigert. Man muss es auch positiv sehen können.
Zuletzt gehen wir „Shima Uta“ weiter durch und sollen für die kommende Stunde den Text flüssig ablesen können – was bedeutet, dass mal wieder gesungen wird. Hat ihr denn die Vorstellung vom letzten Mal nicht ausgereicht?

Ich gehe ins Center und rede eine Weile mit Marc. Wie wir darauf kommen, weiß ich nicht mehr, aber er erzählt von „Baldur’s Gate II“, einem Rollenspiel für PC, das offenbar große Spielräume für das Verhalten des Charakters lässt, und das interessiert mich. Nichts ist übler in einem Rollenspiel, als dem Spieler keine Aktionsfreiräume abseits der Haupthandlung zu belassen.
Izham, der Malaye, rät mir, es auch mal mit „World of Warcraft“ zu versuchen. Ich wiederum tue mein bestes, ihn für „Combat Mission“ zu erwärmen, weil er ein Faible für Taktik- und Strategiespiele zu haben scheint, also gebe ich ihm die CD mit, bevor ich mich in die Bibliothek verziehe.

17. Juni 2024

Donnerstag, 17.06.2004 – Die Welt ist klein

Filed under: Japan,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

Yamazaki-sensei wollte für heute eine Kurzbiografie irgendeiner historischen Persönlichkeit geschrieben haben, und weil ich sie gerade wegen eines Artikels im Spiegel (im Internet) zur Hand hatte, habe ich die von Reinhard Heydrich genommen, komprimiert auf eine Seite im DIN A4 Format: Geboren 1904, hervorragender Violinist und Pianist, wegen unehrenhaftem Verhalten als Funkoffizier aus der Marine entlassen, Eintritt in die SS, Aufbau des Reichssicherheitshauptamts und des Sicherheitsdiensts ab 1931, „Verwalter“ von Böhmen und Mähren ab 1941, 1942 durch ein britisches Kommando eliminiert. „Reichsprotektor“ (von Böhmen und Mähren) habe ich als Vokabel nicht finden können, weil das alte Lexikon aus den Vierzigern, das Hiroyuki mir vor seiner Abreise geschenkt hat, in Gersheim liegt. Da steht das Wort bestimmt drin…

Dann verbringe ich einige Zeit in der Bibliothek.

Um 17:00 gehen wir bei Daijô-san essen, also Melanie, Marc und meine Wenigkeit. Wie üblich ein tolles Essen, nur ist meine Portion etwas klein geraten, weil Aal etwas Besonderes ist und ich auch nicht unbedingt mehr als 1000 Yen für ein Essen ausgeben will, also nur ein „Mini Menü“ mit Aal, Reis, eingelegtem Gemüse und Miso. Daijô-sensei erweist sich ein weiteres Mal als liebenswürdiger Gastgeber und setzt sich mit einer Schachtel zu uns an den Tisch. In der Schachtel befinden sich alte Fotos – aus Frankfurt am Main, 1985. Daijô-sensei war damals nach Deutschland gereist, um das 14. Internationale Jazzfestival zu besuchen. Ich habe von einer solchen Veranstaltung noch nie gehört, und meine Landsleute hier am Tisch ebenfalls nicht, aber er versichert uns, dass das Musikertreffen noch immer stattfinde und eines der bedeutendsten auf der Welt sei.
Es ist deutlich zu erkennen, dass er seinem Dialekt sehr verhaftet ist… er redet an sich Hochsprache, hat aber immer wieder Ausrutscher in seinen Ausführungen, die uns das Verständnis schwieriger machen. Wir müssen erst umdenken, welche umgangssprachlichen Laute wir durch welche hochsprachlichen Laute ersetzen müssen. Zusammen mit der Tatsache, dass ich Hochsprache auch nur dann verstehe, wenn man sie mir nicht allzu schnell vorsetzt, komme ich ins Schwitzen, um ihm folgen zu können. Der Meister (Shamisen, nicht vergessen!) gibt sich aber Mühe, und ich bin ihm dankbar dafür, anders als der Chef vom Skatt Land, der grundsätzlich Dialekt redet und ich froh sein kann, wenn ich seinen Redefluss als „Japanisch“ identifizieren kann.

Im Anschluss fahre ich noch ins Ito Yôkadô, um mich nach meinen „Project A-Ko“ CDs zu erkundigen. Ergebnis: Keine Chance, nicht mehr lieferbar. Immerhin seien die Scheiben zwischen 1986 und 1989 erschienen, da könne man nichts bis nicht mehr viel erwarten. Schade… dann muss ich diese „Frühwerke“ von Tomizawa Michie und Shinohara Emi leider abschreiben.

Ich kehre in die Bibliothek zurück. Kurze Zeit später schreibe ich mich, weil man mich nett darum gebeten hat, in ein weiteres Forum ein: „Love is a Paradox“. Die Motivation des Initiators ist leicht zu erkennen… das Liebesleben dieses verliebten 15-jährigen aus Malaysia (den ich aus dem Animetric Forum kenne) verläuft nicht so, wie er das gerne hätte. Aber er ist ein sympathischer Kerl, also warum nicht. Er verwendet ein Bild seiner Angebeteten als Avatar… wirklich niedlich. Seine einzige Schwäche ist die unkontrollierte Einbindung von „lol“ in seinen online Schriftverkehr. Ich habe das, irritiert, bereits bemängelt, aber er sagt selbst, dass er das nicht hundertprozentig unter Kontrolle habe. Was soll’s auch, so lange ich verstehe, was er schreibt? Ah ja, und ich bin Mitglied #9. Das bedeutet, dass es derzeit mehr Moderatoren als Mitglieder gibt. Dann werden die Diskussionen ja erst einmal übersichtlich bleiben.

Nach Anbruch der Dunkelheit leiste ich mir den Luxus, meine Mutter in Deutschland anzurufen. Auf der Karte, die ich für meine Gespräche nach Trier und Homburg gekauft habe, ist noch Guthaben für etwa 10 Minuten vorhanden, also warum nicht… für wichtige Geburtstage kann man das schon machen. Jetzt könnte mein Vater mich übernächsten Monat natürlich fragen, warum ich ihm nicht den gleichen Luxus angedeihen lasse… das begründe ich natürlich in erster Linie finanziell, aber andererseits werde ich eine Woche nach seinem Geburtstag eh wieder zuhause sein.

16. Juni 2024

Mittwoch, 16.06.2004 – Wahrheiten

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Über heute ist nicht viel zu sagen. Der Unterricht von Kondô-sensei fällt, wie seit gestern angekündigt, heute aus und ich treffe stattdessen FanFan in der Halle für etwas interkulturellen Austausch.

Sie kommt aus der Stadt Shian (was wohl die japanische Umschrift sein dürfte, auf der Landkarte steht „Xian“), ein „Stück“ weit im Kontinent gelegen, die einmal die Hauptstadt Chinas während der Tang-Zeit (618 – 907) gewesen war. FanFan sagt, dass noch sehr viele alte Schätze erhalten seien. Das Schachbrettmuster der Straßen der Altstadt sei ebenso noch vorhanden, und auch die alten Stadtmauern. Wenn ich mir Revue passieren lasse, was ich über moderne chinesische Geschichte weiß (oder zu wissen glaube), drängt sich mir natürlich der Begriff „Kulturrevolution“ auf, und im Westen herrscht, sofern man den Begriff kennt, die Meinung vor, die jungen Kommunisten der 60er Jahre hätten in ihrem von Mao angefachten Eifer ganze Arbeit geleistet und wirklich alles niedergemacht, was auch nur im entferntesten Sinne mit der alten, feudalen Zeit im Zusammenhang stand. Ich hätte zum Beispiel nicht erwartet, dass es noch Städte mit Befestigungswällen gibt, aber FanFan sagt, dass etwa die Hälfte der alten Bausubstanz die Kulturrevolution überlebt habe.

15. Juni 2024

Dienstag, 15.06.2004 – Automat im Urlaub?

Filed under: Creative Corner,Japan,Musik,My Life — 42317 @ 7:00

An der Tür des Centers befindet sich heute eine Mitteilung, dass der Unterricht von Kondô-sensei diese Woche ausfallen werde, also auch morgen. Dann habe ich heute also komplett frei… und wie es der Zufall will, läuft mir FanFan über den Weg und entschuldigt sich für ihre Vergesslichkeit. Da Kondô ja morgen ebenfalls nicht da ist, einigen wir uns darauf, uns morgen nach der Mittagspause in der Halle zu treffen.

Dann verläuft der Tag in eigentlich ruhigen Bahnen, bis zu meinem Besuch auf der Post. Ich will meinen Kontostand in Erfahrung bringen. Der Schalter ist seit 16:00 geschlossen, also will mir der Angestellte zeigen, wie man den Automaten am Eingang verwendet. Eigentlich steckt man nur sein Sparbuch in den vorgesehenen Schlitz und sieht sich dann die aktualisierten Daten auf dem Bildschirm an – theoretisch. Stattdessen wird mein Heft immer wieder ergebnislos von der Maschine ausgestoßen. Der Angestellte versteht selbst nicht, warum das so ist und fragt die Filialleiterin. Die erklärt daraufhin, dass nicht nur der Schalter um 16:00 schließe, sondern auch der Automat seinen Servicebetrieb einstelle. Ich müsse also bis morgen warten. Der Automat stellt den Servicebetrieb ein!? Hat man so was schon gehört? Wozu ist die Kiste dann gut, wenn sie nur zu gebrauchen ist, wenn ich dasselbe Geschäft auch am Schalter machen kann?

Ich fahre ins Ito Yôkadô, um nach weiteren CDs zu sehen, und weil DVDs in der gleichen Abteilung stehen, entdecke ich eine DVD, die schon länger auf meinem Wunschzettel steht – seit ich die Inhaltsangabe in einem Filmlexikon gelesen habe: „Sailorfuku to Kikanjû“„Matrosenuniform und Maschinenpistole“. Es geht, kurz gefasst, um eine 16 Jahre alte Schülerin, die einen von Problemen geplagten Yakuza Clan von ihrem Vater erbt und am Ende das Hauptquartier der Gegner ausräuchert – in ihrer Schuluniform, mit einer Maschinenpistole bewaffnet…
So abgefahren, wie das klingt, kann der Streifen natürlich nur von Kadokawa sein, einer Firma, deren Chef um den Beginn der Achtziger lauter so irre Sachen herausgebracht hat, wie auch „Sengoku Jieitai“, wo eine bunt gemischte Truppe der modernen japanischen Selbstverteidigungskräfte durch wundersame Einflüsse im Zeitalter der Clankriege des 16. Jhs. landet. Der Herr Chef stürzte auch wenig später über eine Kokainaffäre…

Aber eigentlich bin ich ja wegen CDs gekommen. Ich orte die fünf „SailorMoon“ Maxis. Die Ausschnitte in der TV Werbung haben klar gezeigt, dass die Schauspielerinnen selbst singen, und weil mir die Stimmen gefallen, würde ich den kleinen Stapel eventuell kaufen, aber ich will zuerst Samples hören, wie auch immer ich das anstellen könnte.
Dann blättere ich mein Notizbuch durch und suche mir den ältesten Posten heraus: „Project A-Ko“. Michael hat bereits vor Jahren den ersten Soundtrack gekauft. Der gehört aber zum allerersten Film und ist leider Englisch, was die Sache ein bisschen langweilig macht, aber meine Hauptabneigung gegen den Kauf der CD ist die Tatsache, dass die Sprecherinnen der Charaktere nicht selbst singen.[1] Ich bin im Laufe der vergangenen zwei Jahre an Hörproben gekommen und habe auf Grund derselben beschlossen, den japanischen Soundtrack der dem Film nachgefolgten Serie kaufen zu wollen. Leider hat der OST auch ein paar Jahre auf dem Buckel, und die Lieferbarkeit müsse erst geprüft werden, sagt die Verkäuferin.
Ich kehre in die Bibliothek zurück und mache mich auf die Suche nach Hörproben. Und ich finde auch welche. Die „SailorMoon“ CDs wurden von Columbia veröffentlicht und auf der Homepage der Firma finde ich auch einminütige Ausschnitte aus allen Songs. Ja, das ist gut (genug)… ich kaufe die CDs bei nächster Gelegenheit.


[1] Wie mir ein Making-of einige Jahre später verriet, ist die Originalmusik in der Tat die englische Variante, während die japanischen Stücke erst danach erschienen, um auch die japanischen Sprecherinnen voll vermarkten zu können.

14. Juni 2024

Montag, 14.06.2004 – Wolf und Hase

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Ich verbringe den frühesten Morgen wie üblich mit Vokabeln und werfe auch noch eine Portion Grammatik dazu, aber ich kann mich nicht recht konzentrieren. Dann bringen wir den Unterricht hinter uns und ich rette weitere Daten auf meinen „Sprungrechner“, also den Computer, von dem aus meine Daten mit meinem (schnelleren) Memorystick schließlich auf dem Rechner mit dem Brenner übertragen werden sollen. Währenddessen lerne ich weiter meine Grammatiklektionen auswendig.

Ich finde einen ganz hervorragenden WebComic, also eine der Comicserien, die nicht auf Papier, sondern nur im Internet erscheinen, mit der Bezeichnung „Kevin & Kell“. Die Charaktere sind Tiere, die natürlich dazu dienen, die Menschen auf die Schippe zu nehmen. Kevin und Kell sind ein ungewöhnliches Ehepaar, in dem Sinne, als sie eine Wölfin ist, die einen heranwachsenden Sohn (aus einer Verbindung mit einem Rotfuchs) in die Ehe mitbringt, während er ein Hase ist, der aus erster Ehe ein adoptiertes Igelmädchen mit einbringt. Die „kulturellen“ Unterschiede der beiden sorgen also für den Humor zum Auftakt. Es geht aber wohl in erster Linie um die Einflüsse des Internets auf die Gesellschaft.
Der Comic erscheint seit 1995 (alle paar Tage ein Strip von vier Bildern) und wird von Bill Holbrook gezeichnet, der stellenweise einen ganz hervorragenden Humor an den Tag legt. Solche Comics haben oft einen guten Start, werden nach den ersten paar Nummern aber auch schnell langweilig. Die Qualität von „Kevin & Kell“ hält sich nach mehreren gelesenen Jahren dagegen auf einer guten Stufe, wenn auch die Story nach einiger Zeit komplizierter wird. Der deutliche Nachteil der durchgängigen Storyline: Wenn man nicht von Anfang an alles gelesen hat, versteht man nicht, um was es geht und verpasst den einen oder anderen Witz. Ich werde die Strips sammeln, soweit sie erhältlich sind. Vielleicht mache ich irgendwann eine Papierversion daraus.[1]

Und eigentlich wollte ich heute FanFan treffen, die sich für meine „Beratung“ und meine Auskünfte über deutsche Landeskunde erkenntlich zeigen und mir ein paar Dinge über China erzählen will. Aber dem stehen zwei Dinge entgegen: Ich weiß die Uhrzeit noch, habe aber den Ort vergessen. Ich dachte, wir würden uns im Center treffen, und als sie nicht erscheint, gehe ich in die Halle (wo BiRei mit ihrer Tutorin rumsitzt), was aber auch zu keinem Ergebnis führt. Vielleicht hat sie es vergessen? Aber langweilig ist mir ja eh nicht.


[1]   Die Geschichte blieb bis zum „Y2K“ Kapitel interessant, danach wurde es stetig uninteressanter.

13. Juni 2024

Sonntag, 13.06.2004 – Italienisch auf Japanisch

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Ich stehe früh auf, wie (fast) immer eigentlich um 05:30, und setze mich an meine Grammatiklektionen. Um 10:00 fahre ich dann mit Melanie in die Bibliothek. Als wir sie um 17:00 wieder verlassen, machen wir uns darüber Gedanken, wo wir heute essen könnten und derzeit fällt mir da zuerst „Daijô“ ein. Aber der hat heute leider geschlossen. Wir verlagern unser Ziel daher auf das italienische Restaurant in der Tomitamachi Straße, also nicht das gegenüber von der Polizeiwache bei Nishihiro, sondern weiter die Straße runter Richtung Osten.

Der Laden ist extrem klein. Ganze vier Tische stehen darin, und an jedem Tisch kann man vielleicht drei Leute unterbringen, zuzüglich vier Stühle an der Theke. Die Wände sind verkleidet mit einer Linoleumfolie, die ein Design hat, das man schlicht „Betonwand“ nennen könnte. Sieht „industrial“ (engl.) aus. Ansonsten ist die Einrichtung nicht so kitschig, wie ich erwartet habe, die Musik ist westlich und tönt aus Boxen der Firma Bose! Ich habe in Japan bereits mehr Material von Bose (außerhalb der Elektroläden) gesehen, als in Deutschland. Auch im Ito Yôkadô hängen Boxen von Bose in der CD Abteilung. Das Zeug kostet eine Unmenge Geld – allerdings ist üblicherweise auch die Qualität dieser Firma unbestreitbar. Wer hat, der hat halt.
Die Preise des Restaurants jedenfalls sind gleich zum Abgewöhnen. Für eine Pizza von 20 cm Durchmesser mit vier Zutaten (außer Tomatenmark und Käse nehme ich an) zahlt man schnell 3000 Yen, also etwa 23 E, und das würde ich heftig nennen! Wir nehmen also das Tagesangebot – eine halbe Pizza, eine kleine Portion Spaghetti mit Soße nach Wahl und eine Handvoll Salat, und das kostet auch nur 800 Yen. Immerhin reicht die Portion aus, um ein angenehmes Gefühl im Magen zu hinterlassen – was bedeutet, dass ich keinen Hunger mehr habe, aber noch zwei Portionen essen könnte, ohne ernsthafte Probleme zu bekommen.
Als wir dann mit dem Essen fertig sind, sage ich zu der verantwortlichen Dame:„Haraitai n desu kedo“ und meine damit: „Ich möchte bitte zahlen“, aber sie versteht:
„Hara ittai n desu kedo“, was bedeutet „Ich habe Magenschmerzen“.
Von daher verstehe ich zuerst nicht, warum sie so geschockt auf meine Bitte reagiert: „Möchten Sie eine Tablette?“ fragt sie erschrocken, und ich weiß erst gar nicht, was das mit meiner Aussage zu tun haben könnte, bis es mir dann drei, vier Sekunden später dämmert…

12. Juni 2024

Samstag, 12.06.2004 – Anprobe

Filed under: Filme,Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Gemäß der Einladung, es geht um den Erwerb einer Schuluniform, finde ich mich um 09:55 bei Jins Haus ein. Wir, Vater Jin Yûtaka und meine Wenigkeit, setzen uns ins Auto und fahren zum Ito Yôkadô. Aha, also wurde offenbar die einfachste Lösung gewählt. Der Schneider erkennt mich auch tatsächlich wieder und meint „Ich habe Sie doch schon einmal gesehen, oder?“ Ja, ich bin vor zwei Monaten bereits einmal hier gewesen und habe Preisinformationen eingeholt.
Er hat also zwei übergroße Uniformen kommen lassen und ich probiere sie an. Die passen wunderbar, nur die Hosenbeine und die Jackenärmel sollten ein wenig gekürzt werden. Die Hose ist etwas weit (ich nehme die mittlere angebotene Größe), aber er sagt, das sei normal und besser so.
Ich habe bei der Jacke extra darauf geachtet, dass ich mich ungestört bewegen kann und nicht gleich den Rücken aufreiße, wenn ich mich bücke oder mit dem Armen rudere. Schultern und Brust sind kein Problem. Das Ändern kostet nichts extra, das fällt unter „Service“. Na, ich will das auch gehofft haben, immerhin reden wir hier von einer ziemlichen Menge Geld, die den Besitzer wechseln wird. Ich bitte auch um andere Knöpfe. Die Standardausführung wird mit „Chû“ Knöpfen geliefert, also mit dem Symbol für eine Mittelschule. „Kô“ (für Oberschüler) würde ich mir noch gefallen lassen, aber „Dai“ (für Hochschule, Universität) wäre mir natürlich am liebsten. Man müsse nur im Seikyo anfragen, ob es solche Knöpfe auch gebe, sagt er, aber ich müsse diese Kosten dann selbst tragen.
Während ich meine eigenen Hosen wieder anziehe, geht Jin-san mit dem Schneider zur Kasse und erledigt die Anzahlung. Als wir dann zum Auto zurückgehen, sagt er: „Du hast nächsten Monat Geburtstag, also betrachte die Anzahlung bitte als Geschenk.“ Da klappt mir dann doch die Kinnlade runter und ich bedanke mich reichlich stammelnd, weil mir gerade die Worte fehlen. Immerhin geht es hier um 10.000 Yen, und das ist knapp ein Viertel des zu zahlenden Preises. Mir bleiben also noch 35.000 Yen Eigenkosten zzgl. des Preises für die Knöpfe. Ich werde noch eine schriftliche Dankbezeigung an ihn richten… ich habe mir eine Menge „Giri“, „Ehrenschuld“ möchte ich das nennen, aufgebürstet.

Ich möchte auch noch ein „Geheimnis“ des englisch-japanischen Vokabulars einschieben, weil ich Dr. Jin in eben diesem Moment, beim Verlassen des Parkhauses, um eine Erläuterung bitte. Es geht um einen Ausdruck, den man in der Werbung oft hört: „Dramatic“. Im Winter war auf Werbeplakaten die Rede von „Dramatic Christmas“ und eine Immobilienfirma wirbt derzeit mit dem Slogan „Dramatic Life for you“. Wenn ich das nun lese, verstehe ich „Dramatische Weihnachten“ und „Ein dramatisches Leben für Sie“, und das klingt für mich alles andere als positiv. Das klingt nach Schlagzeilen in einer Tageszeitung, nach ungewollter Action, nach Stress. Jin-san erklärt mir, dass der Begriff in Japan ganz anders aufgefasst werde: „Wie im Film“ – was mir andeutet, dass die Japaner den Begriff mit einer ursprünglicheren Konnotation auffassen, als es die westliche Welt heutzutage tut. Er findet meine Erläuterung „dramatischer Weihnachtstage“ lustig. Schwarzeneggers „Jingle all the Way“ („Versprochen ist versprochen“), das sind „dramatische Weihnachten“!

Wir fahren aus der Straße raus auf den Parkplatz des McDonald’s Restaurants, in dessen Inneren der Rest der Familie auf uns wartet. Aha, ein abgekartetes Spiel! Ich muss mich zuerst mit Händen und Füßen dagegen wehren, mir ein Essen ausgeben zu lassen, denn erstens mag ich McDonald’s nicht besonders, zweitens habe ich erst vor kurzem gefrühstückt und drittens habe ich mir heute schon genug für die nächsten paar Jahre ausgeben lassen. Ich schaffe es schließlich, mich mit dem Argument, dass man von dem Zeug nur fett werde, zu retten, was mir nicht nur einen belustigt-strengen Blick mit angehängtem Kommentar der Mutter einbringt („Bis Du fett wirst, dauert’s noch ein bisschen!“), sondern auch noch eine Portion kalorienarmen Salat mit weniger kalorienarmen Pommes Frittes als Beilage.
Die Familie bespricht schließlich die Aktivitäten für den Monat Juli. Ob ich nicht beim Kleben der Lampenschirme für das Neputa-Fest im August helfen wolle? Sicher, warum auch nicht? Man sollte von mir keine Glanzleistungen in Sachen Fingerfertigkeit erwarten, aber Papier auf ein Gestell kleben sollte nicht allzu schwer sein.

Interessant ist auch das „80-Prozent-Gespräch“. In Japan ist die Zahl Acht eine Glückszahl, weil das Zeichen aus zwei Strichen besteht, die, wie ein Zelt, unten weiter auseinander stehen als oben. Im japanischen Sinne steht das für eine positive Entwicklung. Und deshalb sagt man hier, dass man gesund lebe, wenn man jeweils 80 % von dem esse, was man maximal verdrücken kann. Ich frage den Vater, was er als Arzt von dieser Aussage halte. Er meint, er glaube daran, begründet seine Meinung aber mit oben genannter Numerologie. Eine irgendwie wissenschaftliche Erläuterung fällt ihm entweder nicht ein, oder aber er will mir den Fachvortrag ersparen. Ich denke also nicht weiter darüber nach.

Yûtarô verabschiedet sich irgendwann, und eine halbe Stunde (und ein paar Fotos) später treten auch wir übrigen den Rückweg an. Yûmiko und ihre Mutter fahren mit dem Fahrrad nach Hause, ich werde mit dem Auto gefahren. Ich nehme mein Fahrrad wieder auf und fahre zur Bibliothek. Es ist heiß heute, und allein der Gedanke daran, gerade eben einen tiefschwarzen Anzug bestellt zu haben, lässt mich in Schweiß ausbrechen.

Frank nimmt mein Waffenstillstandsangebot an und fasst es auch nicht als Kapitulation auf. Aus gutem Grund: Der Punktestand zeigt 56:38 Punkte für mich an – aber der hätte sich binnen weniger Spielzüge geändert. Was ich als wirklich ausschlaggebend ansehe, ist die Tatsache, dass die Moral der zum Angriff angetretenen Briten auf 40 % und damit sogar unter die deutsche Endmarke von 42 % gefallen war. Ich würde in Realität von einem reichlich blutigen Unentschieden ausgehen. Auf die Faktoren, die dazu geführt haben, will ich aber nicht weiter eingehen. Wer möchte, kann ja meinen Bericht lesen. Er ist mehr als 30 DIN A4 Seiten lang, in englischer Sprache. Die Fehleranalyse schreibe ich morgen, aber ich werde wohl auch damit die 40-Seiten-Grenze nicht überschreiten.

Die heutige „SailorMoon“ Episode ist ein wenig verwirrend. Mio fällt vor Mamorus Motorrad auf die Straße und er bringt sie ins Krankenhaus, wo sie sich, nachdem sie wieder aufgewacht ist, übereifrig an ihn heranmacht – was nur deshalb möglich ist, weil er aus unerfindlichen Gründen bei ihr bleibt, anstatt sie einfach dem Arzt in die Hand zu drücken und wieder zu verschwinden. Ich habe mal gelesen, dass Retter dieser Art in Japan lieber anonym bleiben, um der Person, der man geholfen hat, nicht das Gefühl zu geben, sich eine Verpflichtung aufgeladen zu haben. Ob das nun stimmt, sei dahingestellt. Vielleicht folge ich mal dem Beispiel des „Helden“ unserer Hörübungen im Japanischunterricht und frage fünfzig Leute auf der Straße…
Als nächstes schmieden Zoisyte und Venus (interessante Konstellation) einen finsteren Plan, dessen Zweck ich nicht wirklich verstanden habe, aber es geht darum, dass Usagi Mamoru vergessen soll. Die englische Zusammenfassung der Episode auf der Genvid-Seite im Internet verrät mir, dass nach der subjektiven Logik der beiden ungleichen Verschwörer das Zusammenkommen von Usagi und Mamoru (= Prinzessin Serenity und Prinz Endymion) zu einer Wiederholung der Geschichte des Mondreichs führen werde = die Welt wird mal wieder untergehen, und das wollen wir natürlich vermeiden. Das Werkzeug, das den Gedächtnisschwund herbeiführt, soll eine klimpernde Spieluhr sein. Minako lädt Usagi also zum Essen ein und spielt den Amnesiewalzer mit der Spieluhr, worauf Usagi theatralisch von ihren Erinnerungen an Mamoru verlassen wird.
Währenddessen verschleppt Mio, tatsächlich eine „direkte“ Agentin von Königin Beryllia, den hypnotisierten Mamoru auf irgendein Dach (ich nehme an, weil man dafür keine Straße sperren und Leute evakuieren muss, um in Ruhe drehen zu können). Vielleicht will sie ihn in die Selbstmordstatistik eingehen lassen? Nein – Beryllia will den schnatzen Kerl (den halbverhungerten Spargeltarzan) für sich selbst haben! Kunzyte erscheint und greift Mio an, weil er plant, Mamoru (Endymion) als Trumpfkarte gegen die Königin einzusetzen, der er nicht sonderlich viel untertänige Verehrung entgegenbringt, aber Mio wird von Jedyte beschützt, der ja immer noch äußerst loyal zur Königin steht. Dann kommen SailorMoon und SailorVenus und der aus seiner Hypnose erwachte Endymion dazu, und jeder kämpft so irgendwie mit jedem. Ich habe völlig die Übersicht darüber verloren, wer hier warum mit wem gegen wen paktiert!
Schön ist dann wieder die Szene, wo Venus zwei Karten für ihr (Minakos) Konzert an Usagi überreicht, die überhaupt nicht versteht, warum sie Karten für Minakos Auftritt von SailorVenus erhält. Mamoru glaubt nicht, was er da sieht, und er sieht ein herrlich dämliches Gesicht, das Sawai Miyû so hervorragend hinbekommt. Das hat die Hauptdarstellerin ihrem zweidimensionalen Vorbild voraus.
Ich glaube auch nicht, was ich da sehe, wenn auch aus anderen Gründen. Rei (Mars) hat vor Wochen bereits herausgefunden, dass Minako SailorVenus ist, und sie hat es nicht weitererzählt? Hat sie in der Kirche, die sie hin und wieder besucht, vielleicht eine Nase zu viel vom Weihrauch genommen? Vielleicht ist mir aber einfach nur entgangen, dass Venus darum gebeten hat.
Außerdem entsteht in der Szene die berechtigte Frage, woher Venus (man bedenke, was sie anhat und dass hier gerade wieder gekämpft worden war) die Eintrittskarten hergenommen haben könnte, und das auch noch knitterfrei? In alten Fankreisen ist ja die These anerkannt, dass die Taschen der Röcke der Senshi multidimensional sind und dass da quasi unendlich viel Material reinpasst.
Zum Schluss folgt dann das Konzert, in dem Minako, bzw. Komatsu Ayaka, unter Beweis stellt, dass sie die Bühnentauglichkeit eines C3PO Übersetzungsdroiden hat – eine komplett stocksteife Nummer, die sie da zeigt. Aber sie hat ja einen Grund: Sie ist krank und bricht auf der Bühne zusammen! Theatralisch!

11. Juni 2024

Freitag, 11.06.2004 – Trauer in Stein gemeißelt

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Kuramata-sensei lässt heute über die Geschichte des Reisanbaus von der Yayoi-Periode (300 v. Chr. bis 300 n. Chr.) bis zu den Hungersnöten der Edo-Zeit (1603 – 1868) referieren. Ein älterer Professor hat das übernommen.

Interessant ist zunächst, dass man in dem Zeitraum für das vierte bis zum neunten nachchristlichen Jahrhundert keinerlei Reisanbau in Nordjapan nachweisen kann. Offenbar hat man damit aufgehört. Die Historiker schreiben das einer Klimaveränderung zu, die ein Absinken der Durchschnittstemperatur zu Folge hatte. Sinkt diese hier oben nur um zwei Grad im Jahresmittel, bleibt von der Reisernte nicht viel übrig.
Während der Edo-Zeit wiederum war Reis aus Tsugaru so beliebt, dass er bis nach Osaka verkauft wurde. Die an Gewinn interessierten Daimyô (Landesfürsten) verstärkten also den Reisanbau, bis jeder nur halbwegs geeignete Zipfel Land mit Reisfeldern bedeckt war. Das brachte einen gewissen Wohlstand, aber natürlich erwies sich die Monokultur aus den bereits angedeuteten Gründen als Fehler.
In der Mitte des 18. Jh. erlebte die Gegend ein ziemlich kühles Jahr und die Ernte erbrachte nur ein schmales Minimum. Etwas Anderes, für Notfälle dieser Art, hatte man nicht gepflanzt. Und wie auch später die britischen Gutsbesitzer mit der irischen Kartoffelernte zögerten die japanischen Landesherren von Tsugaru nicht, auch das bisschen Reis, was vorhanden war, zur persönlichen Bereicherung zu verkaufen. Was folgte, war die wohl verheerendste Hungersnot in der Geschichte Japans, während der mehr als 100.000 Menschen an Unterernährung starben. Es gibt Belege, dass Leichenverzehr und Kannibalismus an der Tagesordnung waren.
Im Süden der Ebene von Tsugaru stehen unzählige Steindenkmäler, die von den Überlebenden zur Ehre der Toten, aber wohl auch als Bitte um Verzeihung, errichtet worden waren. Dabei handelt es sich um die in Japan weit verbreiteten Steinfiguren, aber auch um Steinplatten, in die man ein Memorandum eingemeißelt hat. Etwas in der Art wie „Auf dass wir eine solche Not wie wieder erleben mögen.“

Ogasawara-sensei lässt „Shima Uta“ laufen und den Text heraushören. Ganz fertig werden wir wegen der heutigen Grammatikfülle allerdings nicht. Sie bittet mich, ihr die CD noch ein paar Tage zu überlassen, wogegen ich natürlich nichts einzuwenden habe. Dann überlegt sie es sich aber anders und sagt, dass sie sich die CD eh selbst kaufen werde. Allerdings hat sie vergessen, die CD auch wieder in die Hülle zu tun und bringt sie mir zehn Minuten später im Center vorbei. Ich bearbeite noch meine Post, könnte aber sonst von keinen Abenteuern singen.

10. Juni 2024

Donnerstag, 10.06.2004 – Alternativhistorik

Filed under: Japan,Militaria,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Yamazaki-sensei hat einen intelligenten Plan gefasst (ganz ohne Ironie), wie er die Leute am Einschlafen während des Unterrichts hindern kann: Er lässt die Aufsätze nicht mehr zuhause schreiben, sondern schon während des Unterrichts beginnen. Immerhin beschäftigt das das Hirn weit mehr, als drögen theoretischen Vorträgen über Grammatik zu lauschen. Die gerade aktuellen Kurzbiografien sind auch nicht weiter kompliziert. Eine Meinungsdiskussion mit ihrem Für und Wider gestaltet sich stilistisch weitaus schwieriger.

Nach dem Unterricht sitze ich stundenlang im Center herum und verschiebe Dateien auf den „richtigen“ Rechner, so bis etwa um 16:00. Währenddessen kommen und gehen eine Menge Leute, wie z.B. SungYi, der ich erklären muss, dass ein Win98 Computer die Kamera nicht erkennt, wenn sie nicht vorher die Treiber installiert. Sie solle  es besser mit einem XP Rechner versuchen, weil in dem Betriebssystem ja alles Mögliche schon drin ist.
BiRei ist auch eine Weile da und erklärt, dass sie sich fest vorgenommen habe, irgendwann nach Deutschland zu reisen, um mal zu sehen, wie’s da so aussieht, für den Fall, dass sie uns besuchen dürfe. Als ob ich da je was dagegen haben könnte…

Ich verbringe noch einige Zeit online mit Lesen und lande unweigerlich bei kriegerischen Daten. Ich habe vor einigen Jahren bereits eine Dokumentation über den chinesischen Bürgerkrieg der 30er Jahre gesehen, und natürlich kommt man dabei nicht um Chiang Kai-shek herum. Die Aufnahmen zeigen ihn beim Inspizieren von Truppen. Die Männer auf dem Video waren eindeutig Chinesen, trugen aber ganz klar die Uniform der deutschen Wehrmacht, markant Feldgrau; der Schnitt der Jacken ist ebenso unverwechselbar wie der Stahlhelm. Ich habe erst jetzt endlich die Antwort auf die implizite Frage gefunden („Wie zur Hölle kommen Chinesen in deutsche Uniformen???“), obwohl man nicht von mir behaupten kann, ich würde zu wenige Bücher zu diesem Thema lesen (und es sind noch nicht so viele, wie ich gerne konsumieren würde), und die Antwort kam von www.feldgrau.com (es handelt sich um eine Seite in englischer Sprache). Dort findet man die folgende Vorgeschichte zu diesen Bildern: Das Deutsche Reich hatte bereits 1921 mit China (mit der Partei Chiang Kai-sheks) diplomatische Beziehungen aufgenommen und unterhielt von 1927 bis 1938 einen militärischen Beraterstab vor Ort. Der Chef dieses Stabes von etwa 50 Mitarbeitern war (unter anderen) kein geringerer als General von Seeckt, der zur Zeit der Weimarer Republik Chef der Heeresleitung gewesen war. Ursprünglich war geplant, dass das Deutsche Reich (nunmehr das Dritte) die komplette National-Chinesische Armee in Stärke von 3,7 Millionen Mann bis zum Anfang der Vierziger Jahre ausrüsten und vor allem ausbilden sollte. Man traute den Chinesen aber nicht viel zu und verfolgte den Plan eher halbherzig, und wegen des Geldes. Die deutsche Regierung verständigte sich aus ideologischen (= nicht von Vernunft geleiteten) Gründen aber lieber mit Japan und der Beraterstab wurde zurückgezogen (und der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 verprellte dann wiederum die Japaner, wegen des Bruchs der Antikomintern-Vereinbarung). Bis 1938 waren nur acht Divisionen in den Genuss einer deutschen Ausbildung gekommen – die allerdings dann die Elite der nationalen Armee Chinas wurden. Der Bruch mit China kostete Deutschland seine Hauptquelle für Wolfram – ein Metall, dass für moderne industrielle und militärische Zwecke unverzichtbar ist.

Das Szenario eines mit China (und damit gegen Japan) verbündeten Deutschen Reiches erscheint mir interessant. Hätten wir dann die Amerikaner im Atlantik bekämpft, um im Pazifik mit ihnen gemeinsame Sache zu machen?[1] Klingt abwegig. Ich wage aber zu bezweifeln, dass die pazifischen Ereignisse von 1941 ihren Lauf genommen hätten, wenn der japanische Großangriff auf China (südlich der Mandschurei) von 1937 auf deutsch ausgebildeten und ausgerüsteten Widerstand getroffen wäre… man erinnere sich, dass Japan an den Sowjets bereits zu Beginn des Krieges schwer zu knabbern hatte, zu einem Zeitpunkt, als mit der Wehrkraft (theoretisch) noch alles in Ordnung war. Die Sowjets (unter der Führung Schukows) fügten der japanischen Kwantung Armee im Mai 1939 heftige Verluste an der mongolischen Grenze zu – während die deutsche Invasion 1941 gegen eben jene Sowjets eine zunächst verheerende Wirkung entfaltete. Was hätte eine deutsch ausgebildete chinesische Armee also möglicherweise erreicht? Bei der Vielzahl von Ursachen und Wirkungen, die aus dem Zweiten Weltkriegs erwachsen sind, hätte es die politische Landschaft auf dem Globus nachhaltig verändert, vor allem im Hinblick darauf, dass Chiang Kai-Shek auch möglicherweise mit Mao Ze-Dong fertig geworden wäre.

Ich gehe noch in die Bibliothek, halte mich aber nicht lange auf. Ich spiele nur meinen heutigen Spielzug gegen Frank und schreibe meinen Bericht dazu. Die Entwicklung der Lage zwingt mich, um Waffenstillstand zu ersuchen – noch kann ich nämlich behaupten, nicht besiegt zu sein, also akzeptiere ich das Unentschieden.


[1]   Natürlich nicht – ohne ein Bündnis mit Japan hätte das Deutsche Reich vermutlich nicht mit einer Kriegserklärung an die USA reagiert.

9. Juni 2024

Mittwoch, 09.06.2004 – Wolken

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute ist der Tag, an dem der Planet Venus zum ersten Mal seit 122 Jahren wieder die Bahn der Sonne kreuzen wird. Ein Naturschauspiel also, das nicht jeder in seinem Leben geboten bekommt – und hier ist es bewölkt! Die ganzen letzten Tage war das Wetter hervorragend. Ich habe in den 80ern bereits den Halleyschen Kometen verpasst, weil in dem betreffenden Zeitraum der Himmel wolkenverhangen war, aber den könnte ich wieder sehen, in dem Fall, dass ich über 70 Jahre alt werde.
Außerdem habe ich nicht gut geschlafen in dieser Nacht, was selten vorkommt. Ganz klar merke ich das daran, dass ich mich daran erinnern kann, was ich geträumt habe, was mir sonst nie passiert. Kein tiefer Schlaf, würde ich sagen.

Sawada-sensei leitet auch in diesem Semester ein Kulturseminar, an dem ich allerdings keinen Anteil habe. Melanie dagegen hat es belegt, und weil es zum Thema passt, wird wieder Kôgin-Zashi, die regionale Stickereikunst, behandelt und praktiziert. Man erkennt die Kursteilnehmer also ganz leicht daran, dass sie emsig damit beschäftigt sind, Muster von den verschiedenen Vorlagen auf die Leinentücher umzusetzen.
… von Vorlagen! Meine Güte, bloß nicht kreativ sein! Dass die Vorlagen schön sind, macht die Einfallslosigkeit meines Erachtens nicht wett. Ich weiß auch, dass mein „CODE a“ (lies: Alpha) nicht der Gipfel der Schaffenskunst ist, aber es ist mein Werk, mein eigenes!

Yamazaki-sensei schafft es heute im Laufe seiner 90 Minuten Unterrichtszeit, ganze drei Sätze zu analysieren. Das mag nicht ganz an ihm liegen, aber es bombt den Rest des Tages schon ziemlich weit in die Lethargie.

Ich verleihe „Shima Uta“ an Ogasawara-sensei, die sich eine passende Version aussuchen soll. Und ich hätte nicht erwartet, dass sie sich derart auffällig (sollte ich sagen „wie ein Kind“?) über die Leihgabe freuen würde. Schreibt man Japanern nicht eine gewisse Reserviertheit zu? Es soll Ausnahmen geben… natürlich freue ich mich darüber.

Bei Kondô-sensei hält Mei heute ihren Teil des Vortrags über die japanische Landwirtschaft und mögliche Reformen, dessen erste Hälfte letzte Woche von Nim abgehandelt worden war. Ich habe keinen Funken Konzentration mehr übrig. Ich versuche es, aber ich kann mich nachher an keine Zeile von dem erinnern, was sie über das Thema gesagt hat.

Bei Hugosson geht es mir nicht viel besser, weil der heute mehr vorträgt, als er diskutieren oder Erfahrungen austauschen lässt. Es entgeht ihm auch nicht, dass es (nicht nur mir) an Aufmerksamkeit mangelt und er macht seine Witze darüber. Immerhin weiß ich im Anschluss noch, um was es ging: Um die Notwendigkeiten beim Aufbau einer Organisation am Beispiel einer Studentenverbindung. Wir erarbeiten also eine imaginäre Organisation, die Austauschstudenten das Leben leichter machen soll. Er fragt, ob ich beitreten würde, wenn es umsonst wäre.
„Das kommt darauf an, was mir die Organisation zu bieten hat.“
„Und was wäre zum Beispiel etwas Wünschenswertes?“
„Auf die Schnelle fällt mir nichts ein, was mir fehlen würde.“
Ich bin nicht gerne Mitglied in irgendwelchen Organisationen, wenn es sich vermeiden lässt, das bürstet einem nur Verpflichtungen auf, die nicht immer gelegen kommen. Dass ich bei meiner Ablehnung gleichzeitig bereit wäre, für die Organisation Informationsvorträge zu halten, ohne dabei an Bezahlung zu denken, kann er nicht ganz nachvollziehen, aber das will mir auch selbst nicht ganz gelingen. Stehe ich außerhalb der Organisation, kann ich frei entscheiden, ob und welche Aufgabe ich übernehmen will und stehe nicht durch eine Mitgliedschaft in der Pflicht.

Ich gehe ins Center, das wieder einmal voll von Leuten ist, also verschwinde ich wieder einmal lieber in die Bibliothek, wo ich meine Post, das Forum und einen Spielzug gegen Frank bearbeite. Ich finde eine Nachricht von Jin-sensei vor (auch Ärzte sind „Lehrer“). Ich habe mich letzte Woche per E-Mail an ihn gewandt, um ihn zu bitten, mir einen guten (und vielleicht nicht allzu teuren) Schneider zu empfehlen, damit ich endlich die gewünschte Gakuran, eine Schuluniform für Jungs, anfertigen lassen kann. Ich habe vor zwei, drei Tagen bereits eine Antwort erhalten, in der er mich fragte, wie groß ich sei, und wie es mit meinem Brustumfang stehe. Letzteres konnte ich ihm nicht sagen. Der wurde zuletzt vom Truppenarzt gemessen, und das ist ein paar Jahre her. Aber gut, dabei habe ich mir noch nicht viel gedacht. Heute aber schreibt er mir, dass er bereits mit einem Schneider telefoniert habe, der eine Übergröße kommen lassen wolle, und dass ich am Samstagmorgen um 10:00 bei ihm vorbeischauen solle. Meine Güte, so viel Eigeninitiative hätte ich jetzt weder erwartet noch erbeten. Es hätte ja gereicht, mir einfach eine Adresse zu nennen. Aber ich bin ebenso gespannt wie dankbar.

Dann kommen Marc und Melanie und schlagen vor, gemeinsam was essen zu gehen. Ja, wieso nicht? Ich habe schon den ganzen Tag einen unerklärbaren Appetit auf „Butter-Ramen“, also bin ich dafür, ins Bunpuku zu gehen, da sich die beiden Initiatoren noch keine Gedanken über den Zielort gemacht haben.
Im Restaurant sitzen gegenüber von uns (im Rücken von Melanie und Marc heißt das, also eigentlich „gegenüber von mir“) drei Schülerinnen. Das an sich wäre nichts wirklich Aufsehen erregendes, wenn sich nicht eine davon so auffällig rechts an der Hüfte (also knapp unterhalb des Gürtelniveaus, wo der Oberschenkelknochen ansetzt) gekratzt hätte… und ich erinnere an dieser Stelle daran, dass die alle Röcke tragen, und sie hat es vorgezogen, sich nicht durch den Stoff zu kratzen… Ende der Rückblende.
Nein, ich habe nicht auf den Tisch gesabbert. Dennoch danke ich dem Schicksal für die gebotene Gelegenheit.

Ich habe heute Mittag auch eine Nachricht von Katsuki-sensei erhalten, die ich an Marc weitergeleitet habe, und ich nutze jetzt die Gelegenheit, um den Gesamthintergrund dieses Schreibens darzustellen. Ein Hirosaki-Bewerber aus Trier ist abgesprungen, somit ist hier ein Studienplatz für eine Verlängerung frei. Natürlich würde ich diese Möglichkeit mit Begeisterung annehmen – wenn da nicht die Finanzfrage wäre. Mein Stipendium läuft nur ein Jahr, ohne Chance auf Verlängerung, also werde ich wohl spätestens Mitte September wieder in Deutschland sein (müssen), weil ich mich nicht selbst finanzieren kann. Ich habe daraufhin Marc von dieser Gelegenheit in Kenntnis gesetzt, weil er erstens sowieso jetzt schon nicht von einem Stipendium anhängig ist und zweitens ja eine Freundin in Aomori hat, die sich über eine Verlängerung seinerseits sicherlich freuen würde. Er ist interessiert, muss aber noch ein paar Punkte klären.

Melanie will noch was besorgen und fährt mit Marc nach dem gemeinsamen Essen ins Daiei. Ich fahre lieber gleich nach Hause.

8. Juni 2024

Dienstag, 08.06.2004 – Ein Ein-Mann-Unternehmen

Filed under: Japan,Musik,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Kondô-sensei hat heute einen gut ernährt aussehenden Mann namens Shibutani zu Gast, der einen länglichen Koffer bei sich trägt. Was für eine Art Boss ist der wohl? Schnell stellt sich heraus, dass er gar kein Unternehmen führt – er ist professioneller Shamisen-Spieler und verdient sich damit seinen Lebensunterhalt; anders als Daijô-sensei, der ja noch ein (überaus gutes) Restaurant führt.

Shibutani-sensei („sensei“ deshalb, weil er Schüler hat und weil Künstler im Allgemeinen so genannt werden) legt uns, wie auch Daijô-sensei vor einigen Monaten, die Geschichte der Shamisen dar, wenn auch weniger detailliert, mit einem kleinen Detailunterschied: Daijô-sensei hatte erzählt, dass die Tsugaru-Shamisen die Shamisen sei, die man solo spiele, während die übrigen nur im Verbund mit anderen Instrumenten bei japanischem Theater oder Konzerten eingesetzt würden. Heute wird uns gesagt, Shamisen werde „mehr und mehr auch solo gespielt“. Was für mich dann heißt, dass die Tsugaru-Shamisen sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Es gibt auch nur zwei Sorten: die „Tsugaru-Shamisen“, benannt nach der kleinen Ebene, die sich ab Hirosaki nach Norden bis ans Meer nach Norden erstreckt, und… der Rest. Interessant ist auch, dass die Tsugaru-Shamisen heute gar nicht mehr hier in der Gegend hergestellt werden, sondern von einer Firma in Tokyo.
Shibutani-sensei erzählt weiterhin, dass es heutzutage etwa 40000 Spieler allein in Aomori-ken gebe. Über sein Einkommen sagt er nichts, außer, dass ihm ein Schüler pro Unterrichtsstunde 3000 Yen einbringe, und er habe mehr als 20 davon. Ich frage auch nicht nach seinem Gesamtverdienst. Er weist nur auf den Materialwert seines Instruments hin, dass aus einer Vielzahl von Rohstoffen hergestellt wurde, da wäre zum Beispiel ein spezielles indisches Hartholz für den Stiel (der nicht auf Wasser schwimmen würde), andere Hölzer für den Klangkörper usw. Das einfachste daran dürfte noch die Bespannung aus Katzen- und Hundeleder sein, und die drei Saiten, von denen, wie ich an anderer Stelle bereits sagte, zwei aus Nylon, die dickste der drei Saiten aber aus Seide, bestehen. Seine Shamisen hat einen Wert von umgerechnet etwa 7500 Euro.
Er sagt, er wolle im September ein Lokal in der Nähe des Bahnhofs eröffnen, wo man zum Preis eines gewöhnlichen Getränks dann Shamisen-Musik live hören könne. Leider werde ich dann vermutlich nicht mehr da sein. Außerdem nehme er auch an Wettbewerben teil. Den gesamtjapanischen Wettbewerb hat er bereits fünfmal gewonnen, die letzten drei Male in Folge.
Natürlich spielt er uns auch was vor, und ich finde es sehr beeindruckend. Auch hier zeigen sich gewisse Unterschiede zum verehrten Herrn Daijô: Daijô-sensei spielte locker drauflos, mit einer Leichtigkeit, als mache er nur Fingerübungen. Shibutani-sensei dagegen fängt an zu spielen und macht kurz darauf ein Gesicht, als sei er in Trance verfallen, Augen geschlossen, der Welt entrückt. Aber er spielt verdammt gut. Ich kann nachvollziehen, warum er so erfolgreich ist.
Ich sollte mir eine CD mit entsprechender Musik kaufen, bevor ich nach Europa zurückkehre, sofern ich einen Interpreten finde, der schnelle Stücke spielt, weil ich mit langsamen Schlafliedern nichts anfangen kann. Aber nach dem, was ich bisher gehört habe, muss ich mir wenig Sorgen machen. Shibutani-sensei legt uns die Gebrüder Yoshida ans Herz.

Danach gehe ich ins Center und kümmere mich um meine Post. Das Center ist ziemlich stark bevölkert, also weiche ich in die Bibliothek aus, bis ich dann gegen Neun nach Hause komme. Wir sehen uns eine Episode der neuen Deutsch-Lernsendung an, die bedeutend besser ist, als die letzte. Vor allem sind die Teilnehmer sympathischer. Die „Lerner“ sind ab sofort zwei Männer (wohl Mitte Zwanzig) und die Chaoten-WG wurde gekickt, das heißt, wir sind den alternativen „Siegfried von Waldorf“ los. Was wir aber nicht los sind, ist Prinz Pipo, diese grausam animierte Trickfilmfigur, deren „Abenteuer“ wohl von vorn wiederholt werden. Dabei ist die verwendete Sprache (veraltetes Hochdeutsch möchte ich beinahe sagen) so künstlich! Der ältere japanische Lehrer ist ebenfalls noch dabei, aber der stört mich ja nicht. Der Besuch in Deutschland, natürlich in Berlin, besteht heute aus einem Interview mit einem bekannten deutschen Koch, der meines Wissens auch im Fernsehen auftritt… ich habe nur seinen Namen vergessen. Laafer ist es aber nicht. Seine „Dialektausrutscher“ verraten ihn ziemlich schnell als Hessen.

7. Juni 2024

Montag, 07.06.2004 – Alte Gesichter

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Ich vereinbare mit Misi, ab morgen unsere Memorysticks zu tauschen, für die Zeit, die ich brauche, um alle meine Daten auf einen Rechner zu bekommen, der meinen Stick auch erkennt, damit ich die Daten weiter auf einen Brennerrechner transferieren kann. Das klingt kompliziert, und das ist es auch. Misis USB 1 Stick ist zu langsam, als dass ich damit den Transfer quer durch den Raum machen wollte. Die beiden momentan in Frage kommenden Rechner stehen aber, praktisch für diesen „Kleinen Transfer“, direkt nebeneinander. Mein USB 2 Anschluss spart etwa 50 % Zeit, sobald der „Große Transfer“ steigen kann.

Der Unterricht von Yamazaki-sensei ist heute recht einschläfernd, aber wir kriegen unsere Arbeiten zurück. Meine Güte, ich komme auf 63 % – das ist eine Steigerung von etwa 25 % im Vergleich zum vergangenen Semester. Ist ja direkt ein Erfolgserlebnis.

Den Rest des Tages verbringe ich dann in der Bibliothek. Andreas hat mir einen Link geschickt, der mich zur Homepage eines ehemaligen Klassenkameraden führt. Andreas hat mir, wohl aufgrund der Bilder auf der Seite, auch einen entsprechenden Kommentar geschickt, was er von (kein O-Ton) „drohenden“ Klassentreffen halten würde: Noch weniger als ich. Ich habe mich immerhin vor zwei Jahren bereit erklärt, anno 2007 auf einem Klassentreffen zu erscheinen; das 10-jährige Jubiläum würde ich mir gefallen lassen. So lieb hatte ich den Haufen außerhalb meiner Kerntruppe dann doch nicht. Ich glaube, Andreas ist der einzige, der noch weniger Verbundenheit mit seinem Jahrgang verspürt, als ich, obwohl ich natürlich nicht für alle sprechen kann. Gedanken lesen kann ich ja nicht.
Es war aber interessant, aktuelle Bilder alter Bekannter zu sehen. Man sagt von mir, dass ich altersgemäß aussähe, ich sehe also wie jemand aus, der Mitte bis Ende Zwanzig ist. Gut, ist mir Recht. Nur habe ich bei manchen Gesichtern auf dem Bildschirm das Gefühl, mir schauen da Leute entgegen, die ihre Dreißig schon erreicht haben, und wenn dieser Zombie da „de Knapps Franz“ sein soll, dann muss ich mich fragen, was für Exzesse man hinter sich haben muss, um sich innerhalb von sieben Jahren optisch derart stark zu verändern.

6. Juni 2024

Sonntag, 06.06.2004 – D-Day, aber nur in einer einzigen Zeitung

Filed under: Japan,Militaria,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Die „Japan Times“ bringt heute einen Bericht über die Landung in der Normandie, aber an der übrigen Medienlandschaft Japans scheint dieses bedeutende Datum, es ist der 60. Jahrestag, spurlos vorüberzugehen. Kein Wort davon in den Nachrichten. Andererseits wurde auch die Landung der Amerikaner auf Okinawa vom 01.04. in den TV-Nachrichten überhaupt nicht erwähnt. Ich möchte dagegen wetten, dass Anfang August die Zeitungen voll sind von Aufnahmen aus Hiroshima und Nagasaki.
Die deutschen, britischen und amerikanischen Medien, die ich im Internet verfolge, sind natürlich Feuer und Flamme, und in den übrigen Teilnehmerstaaten wird es nicht anders aussehen. Von daher gibt es eine Menge Berichte und Artikel, die mich interessieren.

Zunächst einmal wurde in England eine Umfrage unter Schülern in Auftrag gegeben, die herausfinden sollte, ob die Elf- bis Vierzehnjährigen mit dem Begriff „D-Day“ überhaupt noch etwas anfangen können. Und da kamen abenteuerliche Sachen raus. Nur etwa 30 % der Schüler kannten den Begriff überhaupt. Andere wussten „etwas“ aber nicht genug. Harmlos ist noch, dass da „Amerikaner gekommen (sind), um die Engländer zu retten“. Der Rest der geäußerten Meinungen lässt sich übertrieben zusammenfassen: „Eine Landung im von Nazis besetzten Neuseeland anno 1066 unter Führung von Denzel Washington“. Ich kann jedem dieser Einzelteile einen gedanklichen Hintergrund zuordnen, sogar Denzel Washington (weil George Washington ein bekannter Amerikaner ist, der Engländern bekannt sein sollte), aber wie kommen die auf Neuseeland?
Die Zahl der Schüler, die Winston Churchill als den damals amtierenden Premierminister identifizieren konnten, ist ebenso gering. Die Faszination des Bösen ist allerdings spürbar: 79 % der Gefragten identifizierten Adolf Hitler richtig als den Chefoberboss des Feindes.

Außerdem wurde dieser Tage auch, zwei Jahre vor der Invasion, SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich aus der Welt geschafft. Er hatte sich 1941, als neu ernannter „Reichsprotektor von Böhmen und Mähren“, selbstherrlich die tschechische Wenzelskrone auf den Kopf gesetzt, von der es heißt, dass derjenige, der dies unerlaubt wage, binnen Jahresfrist sterben werde. Ja, und nachdem die Maschinenpistole des britischen Kommandosoldaten nicht funktionierte und ihn auch der Sprengsatz nicht (direkt) umbrachte, war es ein Rosshaar aus dem Sitz seines Wagens, das ihm (durch die Explosion) in die Milz eingedrungen war und eine Blutvergiftung auslöste. Hätte er seinem Fahrer befohlen, Gas zu geben, anstatt den Angreifer zu bekämpfen, dann hätte man sich seiner wohl erst durch die Nürnberger Prozesse annehmen können.

Ich fahre ins Ito Yôkadô. Die zweite „Anime Trance“ CD hat mir so gut gefallen, dass ich mir die erste auch noch bestellen möchte. Und weil mir immer noch nach Pizza ist, fahre ich am Abend mit Melanie noch einmal ins SkattLand. Die Thunfischpizza ist gar nicht schlecht da, sogar Tabasco macht sich gut darauf (obwohl ich das nur verwende, weil nichts Anderes zum Schärfen da ist). Die so genannte „Age-Pizza“ finde ich nicht so berauschend, wenn auch essbar. Es handelt sich dabei um Pizzateig mit Pizzafüllung, der in der Friteuse gebacken worden ist.

5. Juni 2024

Samstag, 05.06.2004 – Im Osten nichts Neues

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Wenn es heute etwas gäbe, über das es sich zu schreiben lohnt, würde ich das wohl tun, aber es ist nichts los… das soll vorkommen. Nur „Bibliotheksabenteuer“, und die will keiner wirklich lesen. Auf einem Stuhl sitzen ist so ungeheuer spannend…

4. Juni 2024

Freitag, 04.06.2004 – Sandalen auf heißem Sand

Filed under: Filme,Japan,Musik,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

In der Mittagspause bringe ich meine eben abgeholte Immatrikulationsbescheinigung zu Prof. Fuhrt, der mir verspricht, sie heute Abend nach Trier zu faxen.

Der Unterricht von Kuramata-sensei fällt heute aus, weil der Verantwortliche der Hauswirtschaftsabteilung keine Zeit hat. Es heißt, das angesetzte Reiskochen werde auf unbestimmte Zeit verschoben. Ich nutze die Zeit, um ins Ito Yôkadô zu fahren. Ich möchte noch die eine oder andere CD kaufen, bevor ich das Land verlasse, und Melanie ebenfalls. Ich kaufe also „Sotsugyô“ von „ZONE“ und, weil es mir ins Auge fällt, auch „Anime Trance 2“. Wenn ich „Animetal sammele, warum nicht auch „Anime Trance? Ich frage an der Theke nach den „Animetal Marathon“ CDs #2, #3 und dem „Lady Marathon“, muss aber erfahren, dass es von dieser Serie nur noch die CD #3 zu kaufen gibt, alle anderen sind bereits außer Produktion. Bei der dritten CD handelt es sich um ein „Ultraman“ Special, aha… das sagt mir jetzt natürlich reichlich wenig, aus musikalischer Sicht gesehen. Ich weiß nur, dass „Ultraman“ eine Serie ist, die man nicht unbedingt gesehen haben muss. Der Held verwandelt sich mit Sonnenenergie in einen Riesen und kämpft gegen Monster in der Größe von Gozilla oder so…
Bei solchen Gelegenheiten werde ich gern gefragt, warum ich die Superheldenserien so schlecht finde, mir aber aktuell „SailorMoon“ anschaue. Diese Serie sei doch ebenso schrottig, was Regie und Spezialeffekte betrifft? Einfache Antwort: Das hat ganz klar hormonell bedingte Gründe. Was nutzt es auch, das abzustreiten? Aber ich bin auch ein Fan des Originals. Und ich habe auch Gründe, die in der Handlung liegen. Ich finde zum Beispiel sehr interessant, auf welche andere Weise die Geschichte erzählt wird, und wie anders die Beziehungen verschiedener Charaktere untereinander gestaltet wurden.
Wie dem auch sei, ich würde die „Animetal“ Reihe schon gerne komplett haben, also werde ich Hiroyuki bei Gelegenheit bitten, ein Auge auf die Läden in Tokyo zu haben.

Der Unterricht von Ogasawara-sensei findet natürlich statt und nach Schluss möchte ich noch die eine oder andere Sache in Erfahrung bringen. Warum z.B. hat sie „Satôkibi Batake“ als Lied ausgesucht? Sie sagt, weil ihr das Lied gefalle und sie die CD gerade in der Hand gehabt habe. Also keine tiefgründigen Hintergedanken. Ich drücke mein Bedauern darüber aus, dass dieses Lied so schrecklich melancholisch klinge und frage, ob sie „Shima Uta“ kenne. Ja, entfernt, sagt sie. Ich solle die CD einfach mal mitbringen.
Des Weiteren interessiert mich, warum ein koreanischer Film, dessen Name sich mit den chinesischen Schriftzeichen für „Bushi“ schreibt, in Japan „Musa“ gelesen wird (was sich eigentlich ein bisschen anders schreibt). Sie erklärt, dass die beiden Begriffe theoretisch synonym seien, dass aber das Wort „Bushi“ in Japan zuerst den Gedanken an „Samurai“ wecke; „Musa“ dagegen sei „ein starker Kämpfer“, aber nicht unbedingt ein Samurai. Da der Titel direkt aus dem Chinesischen stamme, mache der koreanische Titelgeber diese Unterscheidung nicht. In meinen Worten ausgedrückt: Die dargestellten Personen sind Ausländer und können daher nicht mit einem Begriff beschrieben werden, der etwas einzigartig Japanisches ausdrückt!
Zuletzt möchte ich mir zwei Kanji-Kombinationen erklären lassen, die sich beide „Zenzai“ lesen – also so, wie der übliche Deutsche den japanischen Lehrer, den „Sensei“, betitelt, bzw. ausspricht. Zum einen handelt es sich dabei um „zuvor begangene Verbrechen“. Bei einem Gewohnheitsverbrecher also um die Straftaten, die er vor der aktuell untersuchten begangen hat. Zum anderen handelt es sich bei „Zenzai“ um eine Spezialität aus der Gegend von Osaka. Was daran so speziell sein soll, verstehe ich nicht, weil es sich dabei um eine Schüssel mit süßer Bohnenpaste handelt, wie man sie für gewöhnlich in Brot oder in Reisteig einwickelt. Offenbar isst man da unten dieses Zeug auch pur. Außerhalb von Kansai, der Ebene um Osaka, gibt es ebenfalls „Zenzai“, aber mit der Variation, dass Stücke von Reisteig (Mochi) in die Paste geschnitten werden.

Ich treffe dann Melanie am Center und wir fahren ins Kino. Wir sehen uns „Troja“ an. Die männlichen Hauptrollen finde ich allesamt gut besetzt, aber die Frauen erscheinen mir arg farblos, vielleicht abgesehen von der einkassierten Cassandra. Dass Orlando Bloom den Paris gespielt hat, war ebenfalls eine gute Wahl (auch wenn es sicherlich noch bessere gegeben hätte), aber ich musste am Ende doch lachen und mich fragen, ob er die Rolle nicht deshalb bekommen hat, weil er dann wieder mit Pfeil und Bogen hantieren kann – es fehlt eigentlich nur noch, dass er in zehn Jahren in der 2813ten „Robin Hood“ Verfilmung die Hauptrolle spielt. Paris überlebt also, trifft noch schnell Aeneas und verschwindet dann scheinbar spurlos in der Weltgeschichte. In der Originalerzählung ist er bei der Eroberung von Troja so sang- und klanglos umgekommen, dass Homer gerade mal eine oder zwei Zeilen dafür aufwendete. Paris war offenbar gutaussehend, aber nicht das Ebenbild eines Mannes – wie anders könnte ich Homer interpretieren, der sinngemäß sagt, dass die Helena ganz froh war, wieder zu ihrem Gatten zurückkehren zu können. Und dafür, dass die Helena einen erotischen Ruf genießt, wie er sonst nur der Kleopatra oder Mata Hari zukommt, hätte ruhig eine geeignetere Darstellerin als Diane Kruger herhalten können.

An sich ist der Film nicht schlecht. Ich finde nur, dass man sich zu viele Freiheiten genommen hat, um die beiden Seiten quasi als „Gut gegen Böse“ zu stilisieren. Der Hektor ist z.B. viel zu ritterlich geworden, damit er Achilles besser kontrastieren kann. Dabei war Hektor genauso ein Metzger – hat er in der Vorlage nicht ebenfalls den erschlagenen Patroklos hinter seinem Streitwagen her in der Gegend herumgeschleift?
Darüber hinaus hätte es mir nicht schlecht gefallen, das wahre Ende des Agamemnon zu sehen, anstatt diese „Happy End“ Version, die man in dem Film zu sehen bekommt. Der Mann hat Cassandra mit nach Hause genommen und wurde dafür von seiner eifersüchtigen Frau und deren Erfüllungsgehilfen umgebracht. Aber zur Verteidigung von Clytemnestra sei gesagt, dass da nicht nur Eifersucht eine Rolle spielt – Agamemnon war auch so frei, vor seiner Abreise nach Kleinasien ihre Tochter Iphigenie den Göttern zu opfern, um so einen günstigen Wind für die Überfahrt zu erbitten. Und das tragische Element dabei ist, dass die Iphigenie von den Göttern gerettet wurde, indem sie sie im Moment ihres „Todes“ an einen fernen Ort entrückten. Natürlich kann ich mich irren – ich habe den dicken Wälzer vor mehr als zehn Jahren zuletzt gelesen.
Wirklich lustig fand ich die Zeitkomprimierung. In „Gladiator“ war ja der „Blitzritt“ des Helden Maximus nach Spanien schon ein Grund zum Schmunzeln, aber in „Troja“ wird das noch viel extremer: Da landen die Griechen am Strand, dann wird zwei, drei Tage lang gekämpft, dann folgt die Kampfpause während Hektors Trauerfeiern und dann wird Troja erobert – dem unbedarften Zuschauer erscheint das wie eine Sache von vielleicht zwei Wochen. Soweit ich mich erinnere, hat die Belagerung Trojas in der Ilias etwa zehn Jahre gedauert, und in diesem Zeitraum wurden erst einmal alle mit Troja verbündeten Städte nacheinander von den Griechen zerstört.
Aber wenn wir schon dabei sind, kann man doch die Fortsetzung gleich in Auftrag geben – hat nicht Odysseus gerade seinen unvorsichtigen Fuß in sein Schiff gesetzt? Die „Odyssee“ wäre doch jetzt der nächste, logische Schritt, oder nicht? Ich bin sicher, dass Sean Bean eine gute Figur in der Rolle macht. Stattdessen finde ich einen Bericht in der „Japan Times“, die einige andere Titel (unter dem Motto „Die Rückkehr der Sandale“) ankündigt. Jetzt kann ich mich natürlich mangels Notizen nicht mehr erinnern, um was es im Einzelnen geht. Da war u.a. von einer Neuverfilmung von „Spartakus“ und „Alexander“ die Rede. Na, warum nicht.

Wir wollen nach dem Film was essen und mir ist nach Pizza. Und wenn man in Hirosaki Pizza essen will, sollte man dafür ins SkattLand nach Nishihiro fahren. Vor dem Eingang erspähe ich die erste Kakerlake, die ich in meinem Leben live sehe. Aber sie ist „nur“ so groß wie mein Daumen. Zertreten soll man sie ja nicht, weil ihre Eier so am Schuh kleben bleiben und sich bis in die eigene Wohnung verteilen können.
Im SkattLand hängt ein Angebot für 400 Yen aus, das da heißt „Eiersalat mit Ume-Mayo-Dressing“. Was bitte soll denn das sein? Eiersalat mit Mayonnaise ist klar, aber was haben Pflaumen daran zu suchen? Ich wage nicht, das Gericht zu bestellen, außerdem wollte ich eh eine Pizza (oder auch zwei) essen. Vielleicht probiere ich diese abenteuerlich klingende Mischung später einmal.

3. Juni 2024

Donnerstag, 03.06.2004 – SPAM-Blocker können auch überempfindlich sein!

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Ich habe endlich „Azumanga Daiô“, den Anime, in die Hände bekommen. Allerdings fehlt die Episode 16 und die Nummer 25 scheint beschädigt, sie lässt sich nicht abspielen. Mal sehen, ob die Serie dennoch den Aufwand wert ist. Wenn SangSu mir das vorher gesagt hätte, wäre ich nicht so hinterher gewesen.

Ich erhalte Post von Katsuki-sensei. Sie fasst meine Entwarnung mit Beruhigung auf, weiß aber gar nicht, um was es geht, weil die Firewall der Universität meine Mail in den SPAM-Ordner abgelegt und sie meine Mail mitsamt dem Müll gelöscht hat. Ich informiere sie also kurz über die Lage.

Nach dem Unterricht gehe ich in die Bibliothek und schreibe Post.

Ich sehe mir am Ende noch die erste Episode von „Konjiki no Gash Bell“ an und bin sehr zufrieden. Wenn die Serie so bleibt, muss ich sie ganz haben. Leicht gesagt! Mir stehen derzeit 30 Episoden zur Verfügung, aber die Serie hat auf jeden Fall mehr als 52 und läuft immer noch im japanischen Fernsehen![1] Ich verstehe jetzt auch endlich, um was es dabei geht. Ich hatte aus dem Durchblättern des Manga (diese telefonbuchdicke Anthologie, die ich im Papierabfall eines der Büros hier gefunden habe) geschlossen, dass es sich bei den kleinen Humanoiden um Roboter oder Androiden handele – immerhin sind sie sehr stark und haben verschiedene Arten von übernatürlichen Kräften.

Zunächst einmal handelt es sich bei der blonden Hauptfigur um einen Jungen, nicht um ein Mädchen. Er trägt nur reichlich ungewöhnliche Klamotten… einen schwarzen Überwurf, beinahe ein Poncho, könnte man sagen, eben mit Ärmeln… sieht also aus wie ein Kleid. Aber die geschlechtlichen Fakten des Kleinen werden auch gleich in den ersten Minuten klargestellt. Die Darstellung ist simplifiziert, aber gleich eine Großaufnahme.

Und die Kleinen sind Dämonen. Gash Bell hat kleine Hörner, wie es sich für japanische Dämonen gehört. Er trägt, wie alle seiner Art, ein Buch bei sich, in dem Begriffe stehen, die die Elementarattacken auslösen (das ist keine spezifische Eigenart japanischer Dämonen). Um diese Begriffe laut vorzulesen, brauchen diese Dämonen einen Begleiter, für gewöhnlich einen Menschen, wie es scheint.

Gash Bell wurde verwundet von einem japanischen Wissenschaftler in England gefunden und auskuriert. Er scheint auch immer noch einen Schaden zu haben, da er sich nicht daran erinnern kann, wenn er einen Angriff ausführt („Warum sieht Dein Zimmer so verwüstet aus?“).

Der Wissenschaftler schickt ihn zu seinem Sohn nach Japan, weil der zwar hyperintelligent ist, aber keine Freunde hat, weil er die meisten Menschen für schlichten Abfall hält. Der einzige Mensch, der ihn offenbar mag, ist der Klassentrottel, ein Mädchen, dem er offenbar einmal Mathematik verständlich gemacht hat. Sie ist wirklich nicht sehr helle, aber sehr warmherzig. Interessanterweise heißt sie „Mizuno“ und ich möchte wetten, dass es sich um eine Anspielung auf Mizuno Ami, das Genie unter den SailorSenshi, handelt.[2]


[1] Animelexika sprechen von 152 Episoden.

[2] Zehn Jahre später hatte ich knapp 30 Episoden gesehen und die Serie weggeworfen – es handelt sich um einen typischen Shônen Anime, in dem es um nicht viel mehr als immer neue Kämpfe mit immer stärkeren Techniken geht.

2. Juni 2024

Mittwoch, 02.06.2004 – Die Bauern, unsere Beziehungen, und die Neue Kuh

Filed under: Japan,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 0:00

Von den Leuten, die ich gestern um Rat gefragt habe, haben tatsächlich wie erwartet drei geantwortet. Meinen besten Dank. Ich erfahre leider nichts Neues, außer, dass die weniger wissen als ich. Unter Trierer Studenten, die vorübergehend ins Ausland ziehen, geht man davon aus, dass es notwendig sei, die Rückmeldung mit Hilfe der TuniKa in Trier vor Ort vorzunehmen, indem man einem Treuhänder seine Karte überlässt und den bittet, die entsprechende Überweisung vorzunehmen. Dies entspricht aber nicht der Wahrheit – eine Überweisung des Semesterbeitrags mit Matrikelnummer als Verwendungszweck reicht völlig aus. Am meisten wundert mich, dass Katsuki-sensei noch nicht geschrieben hat. Sie ist als notorische Frühaufsteherin normalerweise recht schnell beim Beantworten der Post, und ich habe sogar einen hohen Prioritätsgrad angegeben.

Kondô-sensei lässt den Unterricht heute ins Freie verlegen, weil das Wetter so schön ist. Dann drückt er Mei 1000 Yen in die Hand und sagt, sie solle bitte zum Automaten gehen und bitte für alle was zum Trinken besorgen. Sie bringt Tee. Und dieses Zeug aus dem Automaten, allem voran Ôlong, ist einfach widerlich. Aber ich trinke ein paar Schlucke davon, um den Spender nicht zu beleidigen, wie man das in Japan halt macht.
Nim redet über den Zustand der japanischen Landwirtschaft, und der zu Grunde liegende Aufsatz (von 2003) zeichnet da ein reichlich düsteres Bild. Fünf Prozent der japanischen Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig, in Deutschland sind es drei. Das ist an sich nicht atemberaubend. Die quantitative Reisversorgung ist sichergestellt, aber dennoch kann Japan aus sich heraus nur 40 % des nationalen Kalorienbedarfs decken. Die Nahrungsmittelimporte sind so hoch, dass sie die Exportgewinne in Höhe von etwa 7 Trillionen Yen (ca. 53 Mrd. Euro) fast vollständig aufzehren. Vom weltweiten Fischfang z.B. gehen 60 % (!) nach Japan.[1] Deutschland ist, laut Aussage des Verfassers, in der Lage, seinen Kalorienbedarf zu 99 % selbst zu decken. Natürlich bedeutet eine solche Angabe in der Statistik nicht, dass ein Staat mit einer Sättigung von 100 % keine Importe bräuchte. Schließlich könnte das auch bedeuten, dass das nationale Angebot zwar sehr kalorienhaltig, aber wenig abwechslungsreich ist.
Nim ist leider nicht leicht zu verstehen. Ihr Englisch (es mag nicht sehr gut sein, aber es ist auch nicht schlecht) macht dabei nur den geringsten Teil des Problems aus. Hinter ihr plätschert nämlich der Brunnen, neben mir übersetzt SangSu das Gesagte für Mei ins Koreanische und wir müssen andauernd Ameisen von unseren Kleidern verjagen, weil es hier in der Umgebung offenbar einen volkreichen Staat gibt.

Im Anschluss redet Hugosson, im Lehrsaal, über „Soziales Kapital“ (oder „Gesellschaftliches Kapital“), was man auf gut Deutsch „Vitamin B“ nennt – Beziehungen. Wie viele Beziehungen wir denn hätten, will er wissen. Ich gebe an, so um die 80 zu haben. Ich denke, so viele Leute stehen mir nahe genug, um sie um einen Gefallen bitten zu können, wenn es einmal notwendig sein sollte. Die Koreanerin JiGong schickt gleich „ein paar Hundert“ ins Rennen. Aha. Die Thailänderin Nun setzt der Sache die Krone auf und gibt „um die 2000“ an. Da fällt mir ja die Kinnlade runter! Und ich habe echte Probleme, das zu glauben. Ich möchte schätzen, dass es auf der Welt etwa 150 Leute gibt, die sich an meinen Namen oder an mein Gesicht (oder zumindest eines davon) erinnern können. Den „harten Kern“, also meine besten Freunde, gebe ich mit etwa einem halben Dutzend an, und da unterscheide ich mich nicht von den anderen, was meiner Meinung nach die These von den 2000 Kontakten weiter aushöhlt.

Als nächstes, nach dem Unterricht, schreibe ich „Entwarnungen“ an alle, die mir auf meine Anfrage geantwortet haben, und an meine Lehrerin. Dann gehe ich ins Sekretariat meiner hiesigen Fakultät und beantrage die Immatrikulationsbescheinigung – auf Englisch, bitte. Das Papier werde binnen der nächsten zwei Tage in meinem Postfach liegen, heißt es.
In eben jenem Postfach finde ich heute einen Bescheid des Centers, in dem ich aufgefordert werde, bis zum 30. Juni meine Rückreiseformalitäten mit der Angabe meiner Reiseroute zu beginnen. Ich gehe also zu Prof. Fuhrt, um eine mögliche Verlängerung zu klären, aber er verweist mich an meine Kontaktstellen in Trier. Außerdem bietet er mir an, das Faxen der Immatrikulationsbescheinigung für mich zu übernehmen.

Ich werfe am Abend einen Blick in die „Japan Times“ und finde darin einen interessanten Bericht. Darin ist zu lesen, dass das japanische Unternehmen „Kirin“ es geschafft habe, eine Kuh zu züchten, die gegen BSE immun sei. Man habe dazu ein Trägerprotein entfernt, das angeblich keine andere Funktion als das Übertragen von solchen Krankheiten habe. Die Kuh sei noch nicht geboren, sondern befinde sich derzeit noch im Mutterleib – nichtsdestotrotz laufen die Untersuchungen bereits. Jetzt frage ich mich allerdings, warum ausgerechnet eine Brauerei, wenn auch die zweitgrößte Japans, solche Forschungen betreibt. Die verkaufen nämlich Getränke jeder Art – nur keine Milch.[2]


[1] Ich frage mich heute, ob diese Zahl korrekt berechnet war. Im Jahr 2020 betrug der japanische Anteil am weltweiten Fischkonsum (laut de.statista.com) nämlich nur knapp 4 %.

[2]   Patente sind immer eine Kapitalanlage.

1. Juni 2024

Dienstag, 01.06.2004 – Der längste Tag

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute ist also der entscheidende Tag. Ich schreibe zuerst den Japan-Veteranen meiner Fakultät, um mir genauere Einblicke in die praktischen Abläufe einer Rückmeldung über den halben Globus hinweg zu verschaffen. Vielleicht finde ich auf diese Art und Weise eine Lücke in meiner eigenen Vorgehensweise. Wenige Leute sind das nicht – zehn, um genau zu sein. Ich rechne mal mit drei Antworten binnen der nächsten 48 Stunden.
Dann wende ich mich an meine Bank, erst einmal schriftlich, weil ich ja eventuell den Nachweis führen muss, dass ich tatsächlich überwiesen habe, möglicherweise nur mit dem falschen Verwendungszweck (falsche Matrikelnummer, da sind Nullen enthalten, die man angeblich für nichts braucht). Dann schreibe ich an meinen Sachbearbeiter im Studentensekretariat und schließlich auch meiner Lehrerin in Trier.

Kondô-sensei stellt uns heute Herrn Nakai vor, der seine Brötchen mit dem Verkauf von Hausmedizin verdient. Er hat uns Kostproben mitgebracht, darunter ein flexibles Pflaster aus einem speziellen Material, dass sich der Form der verpflasterten Stelle sehr gut anpasst, ein Pulver gegen Völlegefühl, und eine kleine Flasche mit einer Mixtur gegen Magenprobleme, die so ein bisschen wie Red Bull ohne Kohlensäure schmeckt. Ich bin sicher, dass ein guter Teil der Formel aus reinem Zucker besteht. „Aber aus Fruchtzucker!“ sagt Nakai-san. Es kratzt trotzdem im Hals. Gegen Magenprobleme? Ist genau das, was ich heute brauche, also runter damit. Geholfen hat’s allerdings nicht. Die Spannung hält bis zum Abend an.
Das Versorgungssystem ist in Japan übrigens sehr interessant: Auf Anfrage (oder im Rahmen einer Werbeaktion) kommt ein Bote mit einer ganzen Kiste voll Zeug (etwa so groß wie ein Schuhkarton für Stiefel), bedankt sich für das Interesse und geht wieder. Am Ende des Monats kommt er zurück und sieht nach, was in der Kiste fehlt. Das, was man verbraucht hat, wird berechnet; angebrochene Ware erst, wenn sie leer ist. Man merkt auf diese Art und Weise schnell, was man nicht so dringend braucht und kann den Inhalt der Kiste entsprechend anpassen lassen.

Im Anschluss will ich schauen, ob vielleicht schon jemand geantwortet hat, aber der Mailserver will schon wieder nicht mehr – hurra Deutschland! Ich fahre stattdessen ins Ito Yôkadô und hole die CDs ab, die ich letztlich bestellt habe.

Nach Anbruch der Dunkelheit gehe ich in den MiniStop gegenüber von der Universität und kaufe mir eine Telefonkarte im Wert von 3200 Yen für 3000 Yen (200 Yen geschenkt!). Die Verkäuferin lobt bei der Gelegenheit mein Japanisch, danke, und erklärt mir, wie man die Karte bedient. Es steht auf der Karte selbst drauf und sie gibt mir auch noch ein Faltblatt, auf dem noch mal dasselbe draufsteht. Diese Karten sind nicht wie deutsche Telefonkarten, in die ein Chip eingelassen ist, auf dem alles Notwendige zum Telefonieren gespeichert ist. Auf den japanischen Karten befindet sich ein Rubbelfeld, und unter der Decke befindet sich eine Nummer mit etwa 12 Stellen, inklusive Rauten. Diese Rauten dürfe man auf keinen Fall vergessen.
Dann kommt ein (japanischer) Kunde, etwa Mitte Vierzig, auf die Kasse zu. Die Verkäuferin zeigt auf ihn und sagt, dass er ausgezeichnet Englisch spreche. Aha… und was soll ich dem jetzt erzählen?
„Haben Sie Probleme?“ fragt er.
„Nein, ich muss nur mit meiner Bank reden.“
„Aber dies hier ist keine Bank.“
„Dessen bin ich mir bewusst. Ich kaufe eine Telefonkarte, um meine Bank in Deutschland anrufen zu können.“ Dann verabschiede ich mich aus diesem überflüssigen Dialog, was meinem in diesen hineingedrängten Gegenüber vielleicht auch ganz Recht ist. Für einen Japaner ist sein Englisch aber wirklich ganz hervorragend. Seinem Erscheinungsbild nach würde ich ihn für einen Lehrer halten.

Ich suche eine Telefonzelle und fahre dafür bis zur Poststelle in der Nähe vom Beny Mart, weil das Telefon, das auf dem Weg liegt, besetzt ist. Ich vergewissere mich, dass dieser Apparat für internationale Gespräche geeignet ist und wähle also zuerst die Kartennummer, worauf eine Stimme vom Band mir auf Japanisch und Englisch erläutert, dass ich auf das Signal warten solle, bevor ich die Teilnehmernummer wähle, wieviel Wert meine Karte noch hat und wie lange ich damit noch telefonieren kann. Dann erst folgt die Teilnehmernummer, dann die „49“ für Deutschland, und dann die Ortsvorwahl, natürlich ohne die „0“ am Anfang.
Ich rufe meine Kreissparkasse in Homburg an, und da weiß ich eine Weile nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Die Dame von der Telefonzentrale ist sehr nett, aber offenbar nicht in der Lage, Hochdeutsch zu sprechen, was ich sogar in der Heimat bei wichtigen Angelegenheiten vorziehe, vor allem über das Telefon, wo man schnell mal was falsch verstehen kann. „Ach Gott, Sie rufe aus Japan an!? Ei, ich vastehn Sie awwa gudd… dann beeil ich mich am beschde mol, damit Sie nit so viel bezahle misse…“ Ich bin der guten Verbindung auch dankbar – ich hätte nicht gedacht, dass es ein so gutes Gefühl sein würde, den Heimatdialekt mal wieder zu hören. Mit Melanie kann ich das ja nicht erleben… erstens kommt sie aus Saarbrücken und zweitens ist sie eh nur ein Halbblut-Saarländer. Ja, ich grinse jetzt.
Ich lande binnen 15 Sekunden bei einem Herrn Hager, der mir sagt, dass es problematisch sein könnte, die Transaktion von Homburg aus nachzuvollziehen, da ihm auch nur der Zeitraum der vergangenen sechs Wochen zur Verfügung stünde, wie mir beim Online Banking. Er werde aber versuchen, diese oder jene Schritte in die Wege zu leiten, um dem Problem zu begegnen. Er werde zuerst mit der Filiale in Gersheim reden, die könne ich dann in dreißig Minuten anrufen, um Ergebnisse zu hören. Meine Überweisungsdaten seien dort wesentlich greifbarer.

Zuvor rufe ich aber in Trier beim Studentensekretariat an. „Ja, ich habe Ihre beiden Mails gerade gelesen“, heißt es dort. Es sind deshalb zwei, weil der Rechner sich nach dem ersten Drücken auf „Senden“ aufgehängt hat und ich nicht sicher war, ob die Mail nun weg war oder nicht, also habe ich sie noch einmal geschrieben. „Die Exmatrikulation hat gar nichts mit der Nummer zu tun, die Sie auf die Überweisung geschrieben haben. Die zusätzliche Null behindert den Erkennungsprozess nicht. Das Problem besteht darin, dass Sie noch keine Immatrikulationsbescheinigung aus Hirosaki geschickt haben.“ Das sei alles, und ich könne die Bescheinigung einfach faxen, ohne das Brimborium mit der Beschwerde und dem beigefügten Bescheid. Den könne ich wegwerfen, sobald das Fax weg sei.
Ich bin so perplex wegen der Einfachheit dieses Problems, dass mir die Frage in diesem Moment gar nicht einfällt, warum man mir diesbezüglich nicht ganz einfach eine kurze Mail geschickt oder diesen Sachverhalt nicht einfach als Begründung in den Exmatrikulationsbescheid geschrieben hat! Das hätte mir einen äußerst „spannenden“ Dienstag erspart. Ich gehe wesentlich erleichtert erst mal in den Beny Mart, kaufe eine Platte Sushi und verzichte auf einen Anruf in Gersheim.

Aber zuhause erwartet mich gleich die nächste Krise: Melanie ist am Boden zerstört, weil der Friseur ihre Wünsche offenbar falsch verstanden und zu viel von ihren Haaren abgeschnitten hat, die eigentlich hätten lang wachsen sollen. Ich persönlich stelle keinen wesentlichen Unterschied in der Länge fest, dafür einen extrem hohen Anteil seltsam riechenden Haargels, um die Frisur in Form zu halten. Ich tue für sie, was ich kann, und will mir gleichzeitig die gute Laune auf keinen Fall verderben lassen. Ich verzehre den Großteil des Sushi alleine und trinke einen Pott warmen Sake. Das macht glücklich und wird mich schlafen lassen wie einen Stein. Leider muss ich bei dieser Gelegenheit meinen ersten Krug wegwerfen, weil aus unerfindlichen Gründen eine Art Pilz (grün) darin gewachsen ist. Macht nicht viel, hat eh nur 75 Cent gekostet.
Ich mache heute Abend aber auch nichts wirklich Sinnvolles mehr und gehe bald schlafen, weil ich am Morgen noch ein paar Vokabeln lernen will. Aber nach dem heutigen Tag ist mir der morgige Vokabeltest so richtig egal. Dafür geht’s mir jetzt zu gut.