Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

30. November 2006

Beitrag, für den mir kein toller Titel eingefallen ist

Filed under: Japan — 42317 @ 17:13

Vor einigen Tagen habe ich mit zwei Japanerinnen zu Abend gespeist, aber darin lag nicht der Selbstzweck des Abends. Die beiden studieren Geschichte, was mir ungewöhnlich für Frauen erscheint (nein, ich habe keine repräsentative Umfrage zur Hand), und ungewöhnlich für Japaner, und das vor allem dann, wenn sie sich auch noch als radikal kritisch zeigen – zumindest, was japanische Geschichte angeht. Japanern ist ihre jüngere Vergangenheit ja zumeist völlig unbekannt.

Kayo habe ich gleich zu Beginn ihres Aufenthaltes in Trier kennen gelernt, und der grobe Verlauf unserer damaligen Unterhaltung erschien mir recht typisch japanisch.
Kayo heißt mit Familiennamen „Nogi“. In ihrem Falle setzt sich das zusammen aus „Feld“ und „Baum“. Nun gibt es in der neuzeitlichen japanischen Geschichte einen General des Heeres, der sich zwar anders schreibt, dessen Name aber ebenfalls „Nogi“ gelesen wird, und ich erwähnte diesen ihr gegenüber. Sie machte ein ganz zerknittertes Gesicht und sagte, sie möge diese Person nicht, weil er Kamikaze Angriffe befohlen habe.

Nee, nee, muss ich da einwenden, General Nogi hatte im Russo-Japanischen Krieg anno 1904-05 ein Kommando (und führte seine Truppe bis zum Baikalsee) und folgte seinem Kaiser anno 1912 durch Freitod ins Grab – das alles, bevor Flugzeuge in Konflikten eine Rolle spielten. Und „erfunden“ wurden die Kamikaze (eigentlich „Tokubetsu Kôgeki-tai“, kurz „Tokkôtai“, „besondere Angriffseinheit“, freier übersetzt „Sonderkampfstaffel“) von einem Vizeadmiral (?) namens Onishi anno 1944.
Peinlich berührt vergrub sie den Kopf in ihren Händen und jammerte: „Dabei studiere ich doch Geschichte…“ 🙂 Das Ereignis bestärkte mich jedenfalls in meiner Meinung über das japanische Bewusstsein moderner Geschichte.

Sie war sogar so peinlich berührt, dass sie mir in den folgenden Monaten – augenscheinlich zumindest – aus dem Weg ging. Aber nun war sie drauf und dran, mit Kaori zusammen ein Referat an der hiesigen Fakultät für Geschichte zu halten, wo sie eingeschrieben ist, und bat mich, ihre Notizen aus Radebrech ins Deutsche zu übersetzen.

Wir setzten uns also zusammen und gingen das Referat durch, dessen Inhalt mich doch überraschte. Die beiden sprachen da ganz offen über japanische Kriegsverbrechen im Felde und im Hinterland, Menschenversuche in der Mandschurei, „Deals“ mit den Amerikanern, die einigen Klasse-A-Kriegsverbrechern den Strang ersparte, und die Rolle des Shôwa Tennô bei der ganzen Sache, der ungeschoren davon gekommen ist.

Ich will jetzt nicht die historischen Begebenheiten aufrollen, es geht mir nur um den Ausdruck meiner (angenehmen) Überraschung, auf Japanerinnen gestoßen zu sein, die ganz klar sagen „Der Tennô war als Entscheidungsträger an Verbrechen beteiligt und hätte ebenso belangt werden müssen wie z.B. Premierminister Tôjô“. Die beiden sagten zwar nicht „Kaiser Hirohito hätte hängen müssen!“, aber darauf wäre die Angelegenheit ja hinausgelaufen, hätte man ernsthaft gegen ihn ermittelt – stattdessen ließ man ihn in Frieden ziehen, weil man davon ausging, dass das Land durch eine solche Maßnahme ins Chaos gestürzt werde. Unruhen hätten zweifellos einer kommunistischen Unterwanderung Vorschub geleistet, und der ultrarechtskonservative General MacArthur hatte daran nun überhaupt kein Interesse. Auch den will ich nicht auswalzen, obwohl ich könnte, da es zu MacArthurs Rolle bei der fehlgeschlagenen vollständigen Demokratisierung Japans genügend Literatur gibt.

Kurzum: Ich war platt. Ich sollte Kayo anhalten, auf der akademischen Laufbahn zu bleiben und wilde Bücher gegen japanische Geschichtsbeschönigung zu schreiben.

24. November 2006

Haben Sie Vorurteile gegenüber Dresdnern?

Filed under: My Life — 42317 @ 18:32

Ich hatte gestern eine Begegnung der zweiten Art.
Und bevor ich das weiter ausführe, kläre ich dieses populäre Missverständnis mit den Begegnungen auf.

Jeder kennt den Begriff „Begegnung der dritten Art“ und jeder weiß, dass das was mit Außerirdischen zu tun hat. Man überträgt den Begriff mittlerweile auch auf „seltsame Leute“. Aber mehr weiß Otto Normaldosenbiertrinker nicht – daher eine kurze und lehrreiche Darstellung verschiedener „Begegnungen“:

Wenn man ein UFO sieht, ist das überhaupt keine Begegnung.
Wenn man Außerirdische vor der Haustür sieht und so tut, als sei man nicht da, dann ist das eine Begegnung der ersten Art. Wenn man die Außerirdischen dann aber reinlässt und die sagen sowas wie: „Erdling, wir machen da ’ne Umfrage…“, dann ist das eine Begegnung der zweiten Art. Wenn sie Dich dann aber einpacken und mitnehmen, dann erst ist das eine Begegnung der dritten Art. Und so schlimm war’s ja nicht.

Spulen wir erst mal zurück zum Oktober des vergangenen Jahres.

Es klingelt an der Tür. Ein untersetzter Mann Mitte Zwanzig steht davor und sagt:
„Wir machen da ’ne Umfrage…“
Da ich Zeit habe, schüttele ich seine Hand, bitte ihn herein und stelle ihm was zu Trinken hin.
„Sind sie vielleicht auch Jurist?“ fragt er mich zuerst, so nebenbei.
Ich bin kurz verwirrt, sehe an mir herunter, finde meine Armyhosen an ihrem Platz und antworte: „Bestimmt nicht, sowas würden Juristen nicht mal in ihrer Freizeit anziehen.“
„Ah, ich dachte nur, weil da hinten auch eine Juristin wohnt.“
„Kann sein, hier wohnen alle möglichen Leute und ich kenne die wenigsten.“

Dann fängt er mit seiner Einleitung an.
Ah ja, eine Umfrage. Er stellt ein paar Fragen zum Thema „Rettungsdienst in Deutschland“, scheinbar, um herauszufinden, wie viel ich darüber weiß. Die Art der Umfrage zeigt mir bereits, dass es sich um einen Vorwand handelt. Er machte recht unsaubere Striche auf einem einzelnen Blatt Papier.

(Zu der Zeit, im Sommer 2005, hatte ich gerade eine Umfrage für ein Saarlouiser Marktforschungsunternehmen bei Hela gemacht. Für repräsentative Zwecke verwendet man ein Blatt für jeden Gefragten, damit auch seine/ihre demografischen Daten erfasst werden können. Aber daran will ich mich nicht aufhängen. Auch nicht daran, dass drei Minuten später, mitten in der folgenden Unterhaltung, auf einmal zwei junge Mormonen vor meiner Tür standen, die über Gott reden wollten und bei denen ich kurz mit dem Gedanken spielte, sie zur Erweiterung meines Vergnügens ebenfalls herein zu bitten, was ich aber verwarf und sie wegschickte.)

Dann erzählt er, er komme aus Dresden (zeigt mir seinen Personalausweis, auf dem das geschrieben steht) und sei Dachdecker gewesen, bis er vom Gerüst gestürzt sei. Schwere innere Verletzungen, der Rettungsdienst habe zu lange gebraucht, deswegen habe er eine Niere verloren und sei wegen weiterer Schäden an Gelenken und Wirbelsäule nun berufsunfähig.

Und dann lässt er die Katze aus dem Sack: Ich solle doch bitte dem Rettungsdienst, dessen Unterlagen er mir zeigt, 60 EURO pro Jahr spenden – „nicht mal 20 Cent am Tag“.

Danke, nein, ich lebte damals ja selbst nur von Spenden. Sichtlich verstimmt verlässt der untersetzte Mittzwanziger dann die Wohnung wieder, mit einem Gesicht, als hätte ich ihm erklärt, er könne von mir aus was Unverschämtes mit seiner Mutter machen.

Zeitsprung vom Oktober 2005 zum 23. November 2006.

Es klingelt an der Tür.
Ein mittelgroßer, blonder Mann Anfang Zwanzig steht davor und sagt:
„Wir machen da ’ne Umfrage…“
Da ich Zeit habe, schüttele ich seine Hand, bitte ihn herein und stelle ihm was zu Trinken hin.
„Sind sie vielleicht auch Jurist?“ fragt er mich zuerst, so nebenbei.
Ich bin kurz verwirrt, sehe an mir herunter, finde aber meine Armyhosen nicht an ihrem Platz vor und antworte deshalb nur: „Nein, ich arbeite mit Kulturwissenschaften.“
„Ah, ich dachte nur, weil da hinten auch eine Juristin wohnt.“
„Kann sein, hier wohnen alle möglichen Leute und ich kenne die wenigsten.“

Dann fängt er mit seiner Einleitung an.
Ah ja, eine Umfrage. Er stellt ein paar Fragen zum Thema „Vorurteile gegenüber straffällig gewordenen Jugendlichen“, scheinbar, um herauszufinden, wie viel ich darüber weiß. Zum Beispiel, ob ich, wäre ich ein Chef, eine an sich qualifizierte Person nicht einstellen würde, nur weil die Person gerade gesessen habe.
Die Art der Umfrage zeigt mir bereits, dass es sich um einen Vorwand handelt. Er macht recht unsaubere Striche auf einem einzelnen Blatt Papier. Meine Hela-Umfrage habe ich noch immer im Gedächtnis und zum ersten Mal werden mir Parallelen zu einem ähnlichen Ereignis vor einem Jahr bewusst.

Dann erzählt er, er komme aus dem Erzgebirge (zeigt mir seinen Personalausweis, auf dem ein Ortsname geschrieben steht, der sich in dieser Gegend befindet) und sei vor kurzem nach zweijähriger Haft wegen Drogendelikten aus der JVA Dresden entlassen worden, sei derzeit offiziell obdachlos, daher mangels Wohnsitz aus staatlicher Sicht nicht unterstützungswürdig und müsse nun durch vorgezeigte Arbeitsmotivation irgendwelche Creditpunkte sammeln, um ein Bewertungsschreiben zu bekommen, das seine Arbeitsplatzchancen erhöhe. (Hää!?)
„Ich weiß ja nich‘, vielleicht war’n se schon mal in Dresden…“
Spätestens zu diesem Zeitpunkt grinse ich so breit, dass es schon unheimlich wirken muss.
„Nein, ich war noch nicht da… aber ich kenne da einen aus Dresden. Der hat vor genau einem Jahr auf genau dem Stuhl da gesessen, hat mir ein paar Fragen zum Thema Rettungsdienste gestellt, mir dann ebenfalls seinen Perso gezeigt und wollte dann, dass ich für Spenden unterschreibe.“
Mein Gegenüber wirkt geschockt.
„Was!? Wie!?“ Er wendet den Kopf ruckartig wie ein Huhn, schaut erst überrascht an die Wand links von ihm, dann auf den Stuhl, auf dem er sitzt und dann wieder in mein Gesicht… so binnen einer Sekunde.

Und dann lässt er die Katze aus dem Sack. Er schiebt mir schon beinahe diskret einen eingeschweißten Zettel rüber, auf dem die Namen und Preise verschiedener Wochenzeitschriften zu lesen sind. Ich werfe einen kurzen Blick darauf (TV-Zeitschriften und Boulevardpresse, kurz unterbrochen vom Handelsblatt) und gebe es ihm wieder zurück.
„Könnten Se mich da ’n bisschen unterstützen?“
Ich lebe zwar nicht mehr von Spenden, aber:
„Danke, nein, ich kaufe nichts. Was soll ich auch mit ’ner Zeitung, die mich nicht interessiert?“
„Dann nehmen Se doch eine, die Sie interessiert.“
Ich zeige grob aus meinem Fenster.
„Da drüben steht die Bibliothek der Uni Trier. Wenn ich da zum Haupteingang reingehe, dann treffe ich als erstes auf eine breite Regalwand, in der jede Zeitung zu finden ist, die mich auch nur entfernt interessieren könnte – und das völlig umsonst.“ *breites Grinsen*
„Aber es geht doch nicht um die Zeitung, es geht doch hier um einen Menschen, dem man helfen kann!“
„Trotzdem. Viel Spaß noch.“
„Mit Spaß hat das nichts zu tun…“
Sichtlich verstimmt verlässt der mittelgroße, blonde Anfanganziger dann die Wohnung wieder, mit einem Gesicht, als hätte ich ihm erklärt, er könne von mir aus was Unverschämtes mit seiner Mutter machen.

Ich warte gespannt auf den nächsten Herbst.
Vielleicht steht dann ein großgewachsener Endzwanziger vor meiner Tür, der sagt:
„Wir machen da ’ne Umfrage…“
Und wenn ich seine Hand schüttele, winde ich mich in Zuckungen und sage:

„Großer Gott! Ich hatte eben eine Vision! Warte… Du hast ein einzelnes Blatt Papier mit fünf oder sechs Fragen dabei… Deinen Perso hast Du griffbereit in der Manteltasche… und… und… ich spüre, dass… dass Du… mich für einen Juristen hältst, und… und… einen prägenden Abschnitt Deines Lebens in Dresden verbracht hast! … nein, ich unterschreibe trotzdem nichts.

23. November 2006

Das zweite Ding der Querdenkerei

Filed under: Manga/Anime — 42317 @ 14:01

Von denen, die nich‘ so drauf stehen, werden japanische Animationsfilme – im Jargon kurz „Anime“ genannt – gern als Kinderkram bezeichnet und in der Ablage P abgelegt. Oder aber man hält die ganze Angelegenheit für zur Pornografie (und damit in die komplett andere Richtung) neigend. Diese Meinung ist jedem zu gönnen, auch wenn sie nicht richtig ist, und (aber) das aus anderen Gründen, wie populär angenommen.
Darum soll’s mir aber gar nicht gehen. 🙂

Trifft der Anime-Unwillige mit seiner Meinung auf einen diskutierfreudigen Anime-Fan, hört man von letzterem oft eine Aufzählung der vielen Genres, die von Anime abgedeckt werden, Genres so zahlreich wie im Live-Action Bereich (= Filme, Serien, etc. mit Schauspielern), so dass für jeden Geschmack etwas zu finden sei, nicht nur für Kinder oder eben für die Freunde der eher animalischen Unterhaltungsmöglichkeiten.
Und zuletzt wird ein Argument besonders gerne angeführt:
Anime sei in Japan eine völlig akzeptierte Form der Unterhaltung, auf die niemand herablassend herabblicke, mal abgesehen von ein paar wenigen Extremfans, die man (herablassend) „Otakus“ nennt, weil sie sich mit nichts anderem mehr beschäftigen und keinen Kontakt zur Realität mehr haben. Aber ansonsten sei Anime und das Drumherum in Japan so normal, dass sich niemand was dabei denke, wenn der Kollege sagt, er könne heute nicht mit in die Kneipe, weil er keine Episode der neuesten Gundam-Staffel verpassen wolle (nur, um ein Beispiel zu nennen).

Mit diesem Wissen im Hinterkpf ging ich nach Japan und erlebte den nachhaltigsten Kulturschock, den jemand wie ich sich vorstellen konnte.
Man lernt japanische Studenten kennen, zwangloses Gespräch:
„Was für Musik hörst Du so?“
Ich nannte ein paar Bands von hier und da, was so etwa auf „Von Bach bis Cannibal Corpse ist alles drin“ hinauslief, und als ich speziell nach japanischer Musik gefragt wurde, fiel mir als erstes – wer könnte es anders sein – Hayashibara Megumi ein.

Jeder wahre Animefan dieses Planeten kennt sie. Sie ist (innerhalb der genannten Zielgruppe) ein internationaler Superstar der Sprechkunst, sie hat einer langen Liste beliebtester Charaktere ihre Stimme geliehen und zu den entsprechenden Filmen und Serien auch noch viele, viele Soundtracks und Imagesongs geliefert, ganz zu schweigen von der Anime-unabhängigen Handvoll Platten, die sie rausgebracht hat. Man konnte in Japan nicht an ihr vorbeikommen. Dachte ich jedenfalls.

Dem entgegen sah mich mein Gegenüber verwirrt an und fragte: „Äh, wer ist das?“
Ich war platt wie ein Blatt Papier auf dem Fußboden des Flohmarktes einer Anime Convention. Ich erklärte mich also, dass es sich um eine Sängerin und um eine Seiyû (Synchronsprecherin) handele, die im Animebereich tätig sei. Das ratlose Gesicht meines Gegenübers wechselte von Verwirrung zu belustigtem Erstaunen:
„Eine Synchronsprecherin? Meinst Du das ernst?“
Aus allen Wolken gefallen fiel mir nicht mehr viel zum Thema ein und wir wechselten bald. Er hatte wohl mehr mit Antworten wie Morning Musume, SMAP oder TOKIO gerechnet, wäre vielleicht noch angenehm überrascht gewesen, hätte ich Orange Range, The Boom oder Dreams come true genannt…

Zur zumindest oberflächlichen Überprüfung der Umstände habe ich auch später noch mit anderen Leuten das Thema angeschnitten und bekam immer ganz ähnliche, meist auffallend diplomatische, Antworten. Ich stelle also fest: Ich will den Leuten, mit denen ich mein Interesse an Anime teile, ungern in den Rücken fallen, aber das Argument, Anime sei in Japan ein anerkanntes und gleichberechtigtes Medium, ist unhaltbar und hinfällig. Ich habe sogar den Verdacht, dass der durchschnittliche Animefan – oder auch Leser von Manga (japanischen Comics) – weitaus tiefer in der japanischen öffentlichen Meinung steht, als dies bei dem durchschnittlichen Leser von Donald Duck Taschenbüchern im Westen der Fall ist.

Die allgemeine Meinung zum Thema scheint mir hier wie dort gleich zu sein, mit Abweichungen in Details vielleicht. Ja, Anime läuft in Japan im Vorabendprogramm im so genannten Free-TV, sagt der Fan (wenn er genug Ahnung hat) – aber das ist kein Argument mehr, weil: ist auch bei uns der Fall. Ich habe die Entwicklung wohl ein bisschen aus den Augen verloren, aber ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren DragonBall um 19:30 Uhr gelaufen ist.

Der kleine (?) Detailunterschied: Die Vorabendserien in Japan sind das Hauptprogramm (in Bezug auf Anime), während das Hauptprogramm in Deutschland am Nachmittag zu finden ist und Vorabend-Anime hierzulande scheinbar Ausnahmefälle sind. Bei DragonBall muss es an den ständigen Prügeleien gelegen haben. Die Darstellung von SonGokus nacktem Hintern kann es nicht gewesen sein, weil ich mich nicht erinnern kann, dass man wegen solcher Dinge Wicki oder Ronja Räubertochter zu späterer Stunde gezeigt hätte.
Anders ist auch, dass das Äquivalent der deutschen Öffentlich-Rechtlichen Sender in Japan eben Anime im Vorabendprogramm haben und man nach Mitternacht immer wieder mal Serien im Programm findet, die nicht ganz jugendfrei sind (echt animalisches Material gibt’s allerdings nur im Pay-TV), während derlei Dinge in Deutschland die Angelegenheit der Privatfernsehens zu sein scheinen (mit der Einschränkung, dass besorgte Animefans vor Jahren die Übertragung nicht jugendfreier Serien unter Klageandrohung abgewendet haben, um dem eh fragilen Image des Anime nicht noch Schaden zukommen zu lassen, worauf nur eher comedylastige Episoden einer Anime-Erotikserie gezeigt wurden).

Querdenkerei

Filed under: Japan — 42317 @ 12:57

Viele Dinge sind oft nicht so, wie sie scheinen oder dargestellt werden. Das weiß natürlich jeder, aber es gibt da zwei kleine, deutsch-japanische Dinge, wo ich es auffällig fand.

Da wäre zum ersten das entgegengesetzte Reformdenken, was Schulen betrifft. Wir haben es alle gemerkt: An deutschen Schulen hat sich der Unterricht in den Nachmittag hinein verlagert, wo vor langer, langer Zeit noch um 13:00 Uhr Feierabend war. Das Gespenst der Ganztagsschule schwebte durch den Klassenraum und die Damen und Herren Schüler fürchteten sich.
Dabei ist der Grundgedanke ein ganz vernünftiger. Unter sinnvoller Anleitung ist der Schüler beschäftigt und langweilt sich nicht. Wir wissen auch alle: Wer sich langweilt, macht irgendwelchen Unsinn, und wenn es nur unproduktive Dinge wie das Betrachten von Talkshows im Fernsehen sind. Da kam wohl jemand auf den Gedanken, dass man als Schüler hierzulande mehr Zeit hat, als einem gut tut. Mit dem jahrelangen Abstand, den ich gewonnen habe, finde ich das auch recht zutreffend.

Japan wurde als Gegenbeispiel betrachtet. Vielleicht dachte man, dass andere Systeme nicht die beste Alternative seien. Also Japan. Den ganzen Tag Schule, die Kinder unter Aufsicht, da herrscht Dsziplin; und dann diese traumhaft niedrige Drogen- und Kriminalitätsrate in Japan… offenbar sahen Franzosen und Briten im Vergleich da arm aus. (Aber natürlich ist das nur meine derzeitige Interpretation.) Ganztagsunterricht ist allerdings auch in Japan nicht auf die Art die Regel, wie sich das so mancher im Positiven oder im Negativen denkt. Der Nachmittag gehört nämlich den Clubs, in die man in hübscher Regelmäßigkeit mit sanftem sozialem Druck hineingebeten wird. Den Elite-Matheleistungskurs für die Prüfung an der Tôdai muss man sich also nicht um drei Uhr nachmittags denken. (Den haben Elite-Tôdai-Möchtegerns am Abend auf freiwilliger Basis in einer der vielen Nachhilfeschulen.)

Egal – auf der anderen Seite der Welt fasste man einen komplett entgegengesetzten Gedanken: Das Gespenst der Zwangsjackengesellschaft schwebte durch die Räumlichkeiten des Bildungsministeriums und sogar die höheren Beamten fürchteten sich. Vor der Presse. Wir haben es nicht zuletzt der japanischen Berichterstattung zu verdanken, dass in aller Welt der Eindruck entsteht, dass sich jeden Tag eine Handvoll japanischer Schüler wegen Leistungsdrucks, Hänseleien, Mobbing und Unterdrückung durch Mitschüler (jap.: Ijime) an einen Baum hängen. Minako zeigt mir erst letztlich einen Zeitungsbericht, in dem der Brief einer Schülerin (an das Bildungsministerium) abgedruckt war, in dem sie (aus oben genannten Gründen) ihren Selbstmord ankündigte. Offenbar nur ein Brief einer ganzen Reihe – siehe dazu www.japantimes.co.jp (in englischer Sprache, kostenlose Anmeldung erforderlich) am 08. November, am 11. November und am 22. November 2006.

Wie dem auch sei, drüben dachte man sich ebenfalls, dass die bestehenden Umstände die falschen seien und sah sich nach Alternativen um. Deutschland wurde als Gegenbeispiel betrachtet. Gut, vielleicht nicht direkt Deutschland, aber man fasste den Plan, den Schülern mehr Freizeit zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu geben und kürzte die Lehrpläne.
Was tut der japanische Schüler zur Entfaltung seiner Persönlichkeit? Dazu fehlen mir Informationen. Aus eigener Erfahrung weiß ich jedenfalls, dass der Nachmittag immer noch für Clubaktivitäten genutzt wird (ich habe das Schulorchester immer noch im Ohr, wie es den „March of the US Marine Corps“ spielt… „From the halls of Montezuma to the shores of Tripolis…“), und dass die Berichte von Selbstmorden wegen des Ijime-Problems nicht abreißen. Das heißt wohl, dass die Frustrate immer noch recht hoch sein muss. Meiner Erfahrung nach tritt man auch nur dann Mitschülern ins Kreuz, wenn man mit dem eigenen Status Quo nicht im Reinen ist und deshalb Dampf ablassen muss.

19. November 2006

Der japanische Blick nach Asien

Filed under: Japan,Uni — 42317 @ 14:14

Da ist mir im Laufe eines aktuellen Hauptseminars ein Aufsatz von einem Herrn Tanaka in die Hände gekommen, betitelt mit „Enkan no soto he“ – „Aus dem Ring heraus“.

Der Text beschäftigt sich mit dem sich verändernden Verhältnis der Japaner zum asiatischen Kontinent, bedingt zum einen durch den japanischen Export von Populärkultur in Form von allen möglichen Medien, und zum anderen eigentlich noch mehr durch die steigende Beliebtheit von Importen aus Asien, seien es nun Möbel, Nahrungsmittel oder Popstars, und wie Asien demnach in japanischen Medien dargestellt wird.

Zur Darstellung der Entwicklung greift der Autor zu völlig legitimen Argumenten, aber ich muss doch hier und da ein wenig darüber lächeln. Bestimmend für das Verhältnis der Japaner zum Kontinent, sagt er, sei bisher eine gewisse Distanz gewesen. Japaner seien ganz überrascht, wenn man sie als Asiaten bezeichne. Darin mag viel Wahrheit liegen, aber dieser Umstand überrascht mich nicht. Welcher gestandene Engländer würde kein süffisantes Lächeln aufsetzen, wenn man ihn als Europäer bezeichnet? Bestimmte Bewusstseinszüge scheinen allen Inselvölkern inne zu wohnen. Vielleicht sollte man eine entsprechende Umfrage auf Madagaskar starten: „Betrachten Sie sich als Afrikaner?“

Dass die geistige Distanz der Japaner zum Kontinent unter anderem auch auf einem aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verdrängten mehrjährigen, zügellosen imperialistischen Feldzug inklusive einiger Millionen Toter und Erniedrigter beruht, steht da natürlich nicht, aber ich will es der Vollständigkeit halber dennoch erwähnen.

Also Japan wendet sich wieder Asien zu. Japaner fahren nach Korea und schwelgen darin, dass es dort so schön sei, „wie früher in Japan“. Man schwelgt also in romantischer Verklärung und es gelangt überhaupt nicht ins Bewusstsein, dass man den Koreanern damit Rückständigkeit bescheinigt. Und was soll das eigentlich heißen „Da ist es wie früher in Japan“? Was heißt „früher“?
Die Frage beantwortet sich mir nicht so einfach, aber ein Umstand aus der Populärkultur zeigt meines Erachtens grob in die Richtung der Wahrheit:
Wenn Japaner in meinem Alter von „Shôwa Idols“ reden (= Popstars der Shôwa Ära), dann meinen sie Sänger und Sängerinnen aus den Achtziger Jahren, und die sind gerade mal das letzte Jahrzehnt der genannten Ära. Dabei fängt das Shôwa-Zeitalter mit der Thronbesteigung des Kaisers Hirohito anno 1926 an. Das Zeitgefühl der Japaner, deren Konservative gerne die 2000jährige Geschichte des Kaiserhauses betonen, reicht also scheinbar im Allgemeinen nicht weit.

Von der Romantik zum Pragmatismus: Im Mittelpunkt japanischer Aufmerksamkeit stand die meiste Zeit im Laufe der Geschichte der Teil der Welt, von dem man etwas lernen zu können glaubte. Das war eine ganze Weile China, in der Neuzeit war es Europa, in der Folge des Zweiten Weltkrieges waren es die USA. In Anbetracht der wirtschaftlich schnell aufsteigenden und expandierenden Volksrepublik China scheint es mir also wenig verwunderlich, wenn kontinentale Angelegenheiten wieder näher – oder ganz – ins Zentrum der japanischen Aufmerksamkeit rücken.

Es ist natürlich ganz richtig, wenn Tanaka sagt, dass die Massenmedien einen bedeutenden Anteil am Fortschreiten dieser „Rückbesinnung auf Asien“ haben. Mir persönlich dünkt allerdings, dass die Medien exotische, romantische und zum einen heilsbringende, zum anderen Grauen erregende Aspekte hervorheben, während die im Gegensatz zur bunten Fernsehwelt in tristem, unpopulären Grau von Zahlenkolonnen erscheinenden wirtschaftlichen Anreize lediglich von dafür zuständigen Kreisen wahrgenommen und aufgegriffen werden. Die potentiellen Absatzmöglichkeiten für japanischen Stahl in China reißen im Frühstücksprogramm halt keinen so richtig vom Frühstück weg. Nur bei Bomben im Irak oder hübschen Koreanerinnen hält man beim Kauen vielleicht mal für fünf Sekunden inne.

China und Korea sind geografisch relativ nahe an Japan gelegen. Aber Asien ist groß, sehr groß, mit einer kaum überschaubaren Vielzahl von kulturellen Färbungen. Asien fängt gewissermaßen in Istanbul an und endet in Tokyo. Ein Großteil Asiens ist also ein fernes Land, und wegen dieser Entferntheit, sagt Tanaka, werde Asien zum Teil zu einem gewissermaßen fiktiven Ort.
Wenn man nicht weiter darüber nachdenkt, klingt das natürlich toll. Aber dass man sich in Ermangelung von Fakten ein Gewirr aus Gerüchten, Überlieferungen und Halbwahrheiten zu einer subjektiven Realität zusammenstrickt, ist auch nichts Neues. Ich glaube, die Römer wollten der Nachwelt weismachen, die Karthager würden neugeborene Kinder ihren Göttern opfern, indem sie sie bei lebendigem Leib in einen geweihten Glutofen warfen.

Und die multimediale Welt ist voll dabei, uns, je nach persönlichem Geschmack, in unserer Meinung zu bestärken, da wir gerne aufnehmen, was wir glauben wollen und alles andere lieber vergessen. Da heißt es bei uns zum Beispiel, in Japan ginge alles diszipliniert und wohl organisiert vor. Das beschere den Japanern ihre wirtschaftliche Stellung in der Welt. Als negative Konsequenz seien arbeitende Japaner und vor allem die dortigen Schüler einem erheblichen Stress durch Leistungsdruck ausgesetzt und viele stürzten sich vom Dach der Schule, weswegen man da oben Zäune gebaut hat. Zum anderen seien Japaner aber auch gleichzeitig so ausgeglichen – wegen des Buddhismus. Und sie essen in erster Linie gesunde kleine Reisbällchen mit Fisch drauf oder drin.
Wer auch immer sich das ausgedacht hat, muss woanders gewesen sein als ich. Aber ich fasse ja nur verschiedene Ansichten zusammen; bislang habe ich noch niemanden getroffen, der von allen diesen Punkten gleichzeitig überzeugt war.

Und die Konstruktion einer subjektiven Realität läuft in Japan eben nicht viel anders als bei uns. Auch die Leute dort weben und knüpfen sich den Flickenteppich Asien, wie es ihnen am besten gefällt – zusammengesetzt aus all dem, was man im Fernsehen so mitbekommt. Exotik und Romantik, Heil und Horror. Und alles scheint darauf zu beruhen, dass man „die Asiaten“ für rückständig hält.
In Südkorea sieht man die Werte und Tugenden des Konfuzianismus, die man im eigenen Land verloren glaubt, in Zentralasien sieht man Brutstätten für den internationalen Terrorismus, in Südostasien wechselt ein General gewaltsam den anderen ab und in Nordkorea sitzt die nukleare Bedrohung vor der eigenen Haustür, wie das in einem anderen politischen und geografischen Zusammenhang einmal in Kuba zur Realität zu werden drohte… und leider fehlt den Japanern der JFK, der das hinbiegt.

Erweiterter Service

Filed under: My Life — 42317 @ 11:32

Ab sofort wird es möglich sein, die Einträge aus dem Blog direkt per Mail ins Postfach zu bekommen, damit man nicht immer erst den Code Alpha Blog besuchen muss, um zu lesen, was ich so spannendes schreibe. Alle registrierten Leser werden automatisch auf diese Liste gesetzt, und wer das nicht will, kann sich ja zu Wort melden und auf den Service verzichten.

16. November 2006

Die Eröffnungsrede

Filed under: My Life — 42317 @ 11:10

Ich habe einen Blog.

Toll, was?

Für die Ermöglichung dieses Projekts – ohne Werbung und völlig kostenfrei – möchte ich meinem kurzjährigen Freund Thomas danken, der die Seite zur Verfügung stellt und eingerichtet hat.
Ruhig bleiben, „langjährig“ fängt so bei zehn Jahren an. Ist ja nicht mehr lange.

Den Beitrag, den er als Anschauungsmaterial eingetragen hat, habe ich gleich wieder gelöscht. War zwar mein eigener Text (per Mail versandt), aber ich will meinen Blog nicht damit beginnen, dass meinem Arbeitsteam ein Klavier im Wert von 3500 E auf einer idealen Treppe umgekippt ist und wir drei dafür insgesamt 450 E Schadensbeteiligung haben.

Ja, das steht jetzt zwar auch in meinem ersten Eintrag, aber das ist kein Paradoxon – es steht nämlich an zweiter Stelle nach der Danksagung!
Ha, ich bin der WordWarrior, gebt mir den Nobelpreis. 🙂

Mal sehen, was draus wird. Nur ab und zu ein Gedanke oder Frankensteins Blogmonster.