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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

19. November 2006

Der japanische Blick nach Asien

Filed under: Japan,Uni — 42317 @ 14:14

Da ist mir im Laufe eines aktuellen Hauptseminars ein Aufsatz von einem Herrn Tanaka in die Hände gekommen, betitelt mit „Enkan no soto he“ – „Aus dem Ring heraus“.

Der Text beschäftigt sich mit dem sich verändernden Verhältnis der Japaner zum asiatischen Kontinent, bedingt zum einen durch den japanischen Export von Populärkultur in Form von allen möglichen Medien, und zum anderen eigentlich noch mehr durch die steigende Beliebtheit von Importen aus Asien, seien es nun Möbel, Nahrungsmittel oder Popstars, und wie Asien demnach in japanischen Medien dargestellt wird.

Zur Darstellung der Entwicklung greift der Autor zu völlig legitimen Argumenten, aber ich muss doch hier und da ein wenig darüber lächeln. Bestimmend für das Verhältnis der Japaner zum Kontinent, sagt er, sei bisher eine gewisse Distanz gewesen. Japaner seien ganz überrascht, wenn man sie als Asiaten bezeichne. Darin mag viel Wahrheit liegen, aber dieser Umstand überrascht mich nicht. Welcher gestandene Engländer würde kein süffisantes Lächeln aufsetzen, wenn man ihn als Europäer bezeichnet? Bestimmte Bewusstseinszüge scheinen allen Inselvölkern inne zu wohnen. Vielleicht sollte man eine entsprechende Umfrage auf Madagaskar starten: „Betrachten Sie sich als Afrikaner?“

Dass die geistige Distanz der Japaner zum Kontinent unter anderem auch auf einem aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verdrängten mehrjährigen, zügellosen imperialistischen Feldzug inklusive einiger Millionen Toter und Erniedrigter beruht, steht da natürlich nicht, aber ich will es der Vollständigkeit halber dennoch erwähnen.

Also Japan wendet sich wieder Asien zu. Japaner fahren nach Korea und schwelgen darin, dass es dort so schön sei, „wie früher in Japan“. Man schwelgt also in romantischer Verklärung und es gelangt überhaupt nicht ins Bewusstsein, dass man den Koreanern damit Rückständigkeit bescheinigt. Und was soll das eigentlich heißen „Da ist es wie früher in Japan“? Was heißt „früher“?
Die Frage beantwortet sich mir nicht so einfach, aber ein Umstand aus der Populärkultur zeigt meines Erachtens grob in die Richtung der Wahrheit:
Wenn Japaner in meinem Alter von „Shôwa Idols“ reden (= Popstars der Shôwa Ära), dann meinen sie Sänger und Sängerinnen aus den Achtziger Jahren, und die sind gerade mal das letzte Jahrzehnt der genannten Ära. Dabei fängt das Shôwa-Zeitalter mit der Thronbesteigung des Kaisers Hirohito anno 1926 an. Das Zeitgefühl der Japaner, deren Konservative gerne die 2000jährige Geschichte des Kaiserhauses betonen, reicht also scheinbar im Allgemeinen nicht weit.

Von der Romantik zum Pragmatismus: Im Mittelpunkt japanischer Aufmerksamkeit stand die meiste Zeit im Laufe der Geschichte der Teil der Welt, von dem man etwas lernen zu können glaubte. Das war eine ganze Weile China, in der Neuzeit war es Europa, in der Folge des Zweiten Weltkrieges waren es die USA. In Anbetracht der wirtschaftlich schnell aufsteigenden und expandierenden Volksrepublik China scheint es mir also wenig verwunderlich, wenn kontinentale Angelegenheiten wieder näher – oder ganz – ins Zentrum der japanischen Aufmerksamkeit rücken.

Es ist natürlich ganz richtig, wenn Tanaka sagt, dass die Massenmedien einen bedeutenden Anteil am Fortschreiten dieser „Rückbesinnung auf Asien“ haben. Mir persönlich dünkt allerdings, dass die Medien exotische, romantische und zum einen heilsbringende, zum anderen Grauen erregende Aspekte hervorheben, während die im Gegensatz zur bunten Fernsehwelt in tristem, unpopulären Grau von Zahlenkolonnen erscheinenden wirtschaftlichen Anreize lediglich von dafür zuständigen Kreisen wahrgenommen und aufgegriffen werden. Die potentiellen Absatzmöglichkeiten für japanischen Stahl in China reißen im Frühstücksprogramm halt keinen so richtig vom Frühstück weg. Nur bei Bomben im Irak oder hübschen Koreanerinnen hält man beim Kauen vielleicht mal für fünf Sekunden inne.

China und Korea sind geografisch relativ nahe an Japan gelegen. Aber Asien ist groß, sehr groß, mit einer kaum überschaubaren Vielzahl von kulturellen Färbungen. Asien fängt gewissermaßen in Istanbul an und endet in Tokyo. Ein Großteil Asiens ist also ein fernes Land, und wegen dieser Entferntheit, sagt Tanaka, werde Asien zum Teil zu einem gewissermaßen fiktiven Ort.
Wenn man nicht weiter darüber nachdenkt, klingt das natürlich toll. Aber dass man sich in Ermangelung von Fakten ein Gewirr aus Gerüchten, Überlieferungen und Halbwahrheiten zu einer subjektiven Realität zusammenstrickt, ist auch nichts Neues. Ich glaube, die Römer wollten der Nachwelt weismachen, die Karthager würden neugeborene Kinder ihren Göttern opfern, indem sie sie bei lebendigem Leib in einen geweihten Glutofen warfen.

Und die multimediale Welt ist voll dabei, uns, je nach persönlichem Geschmack, in unserer Meinung zu bestärken, da wir gerne aufnehmen, was wir glauben wollen und alles andere lieber vergessen. Da heißt es bei uns zum Beispiel, in Japan ginge alles diszipliniert und wohl organisiert vor. Das beschere den Japanern ihre wirtschaftliche Stellung in der Welt. Als negative Konsequenz seien arbeitende Japaner und vor allem die dortigen Schüler einem erheblichen Stress durch Leistungsdruck ausgesetzt und viele stürzten sich vom Dach der Schule, weswegen man da oben Zäune gebaut hat. Zum anderen seien Japaner aber auch gleichzeitig so ausgeglichen – wegen des Buddhismus. Und sie essen in erster Linie gesunde kleine Reisbällchen mit Fisch drauf oder drin.
Wer auch immer sich das ausgedacht hat, muss woanders gewesen sein als ich. Aber ich fasse ja nur verschiedene Ansichten zusammen; bislang habe ich noch niemanden getroffen, der von allen diesen Punkten gleichzeitig überzeugt war.

Und die Konstruktion einer subjektiven Realität läuft in Japan eben nicht viel anders als bei uns. Auch die Leute dort weben und knüpfen sich den Flickenteppich Asien, wie es ihnen am besten gefällt – zusammengesetzt aus all dem, was man im Fernsehen so mitbekommt. Exotik und Romantik, Heil und Horror. Und alles scheint darauf zu beruhen, dass man „die Asiaten“ für rückständig hält.
In Südkorea sieht man die Werte und Tugenden des Konfuzianismus, die man im eigenen Land verloren glaubt, in Zentralasien sieht man Brutstätten für den internationalen Terrorismus, in Südostasien wechselt ein General gewaltsam den anderen ab und in Nordkorea sitzt die nukleare Bedrohung vor der eigenen Haustür, wie das in einem anderen politischen und geografischen Zusammenhang einmal in Kuba zur Realität zu werden drohte… und leider fehlt den Japanern der JFK, der das hinbiegt.

Eine Antwort zu “Der japanische Blick nach Asien”

  1. ADH sagt:

    > Auch die Leute dort weben und knüpfen sich den Flickenteppich Asien, wie es ihnen am besten gefällt […]

    Nein, nein, das halte ich nicht fuer zutreffend. Die Massenmedien haben einen ganz gewaltigen Einfluss auf unser Weltbild. Man sollte sich mal Aljazeera (en.aljazeera.com) durchlesen um die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Ich erinnere mich auch an die Fussball-EM anno ’96, in der die deutschen Sportreporter zum Endspiel allen Ernstes behauptet hatten dass die Englaender den Underdog (Tschechien seinerzeit?) unterstuetzen, obwohl es seinerzeit angeblich kaum moeglich war, die anti-deutschen Schlachtgesaenge zu ueberhoeren. Die Sache wurde uebertuencht, vielleicht aus politischen Gruenden. Es zeigt wiederum wie sehr die Massenmedien auch selbstgesteckte Ziele verfolgen und damit wiederum die ‚Volksmeinung‘ beeinflussen.
    Anderes Beispiel: Der Spiegel hat die Ergebnisse einer Umfrage zur Verbreitung rechtsextremer Gesinnung in der deutschen Bevoelkerung veroeffentlicht. Eine Frage in der Studie lautet in etwa: Wie stehen sie zu der Behauptung dass im Dritten Reich nicht alles schlecht war. Natuerlich ist die Frage im gesellschaftlichen Kontext zu sehen, aber streng rational kann die Frage nicht verneint werden (Bsp: das Bestreben der Reichsregierung allen Deutschen einen fahrbaren Untersatz / ein Radio zu beschehren, kann kaum negativ betrachtet werden). Es zeigt sich wiederum wie sehr die gesellschaftlich (und damit medial) gepraegte Ansicht der Forscher in ihre Studie miteinfliesst.

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