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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

7. Januar 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 6)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 22:08

Ich habe in den vergangenen Wochen wenig Disziplin walten lassen, was das Schreiben neuer Einträge betrifft, aber ich muss auch dazusagen, dass mich das Weihnachtsgeschäft schon auf Trab hielt. Im Vergleich zu den Sommermonaten war die Auslastung um 50 Prozent gestiegen und so manche Fahrt endete erst nach Anbruch der Dunkelheit, glücklicherweise nicht allzu viele. Auch die Expresse wurden zeitgerecht zugestellt.
Eine Sache erfüllte sich allerdings nicht: Das Frachtaufkommen steigerte sich nicht kontinuierlich zum Wochenende des 24. Dezember hin. Am 21. Dezember war noch einmal ordentlich was drin, aber am 22. fiel die Paketzahl jäh ab, sank am 23. noch weiter, und enttäuschte mich am Heiligabend vollends, wo ich doch damit gerechnet hatte, noch eine Menge Last-Minute-Geschenke fahren zu dürfen.

Stattdessen: Fünf Kunden mit elf Paketen, keiner weiter als Bitburg und Wittlich. Da Melanie frei hatte, begleitete sie mich während der Fahrt, ich fuhr um kurz nach halb Sieben aus dem Depot und um zehn nach Neun waren wir fertig. Ich fühlte mich geradezu enttäuscht. Um Zeit zu schinden, fuhr ich über weite Strecken nur 80 km/h. Dennoch stand ich um 0700 an der Tür der Bärenapotheke in Kordel, die erst um 0830 öffnet.
Rücksprache mit Mike: „Guck mal, ob ein Nachbar schon wach ist.“
Viel besser: Die Bäckerei hatte natürlich schon auf. „Ja, lassen Sie das nur hier, die von der Apotheke kommen nachher eh bei uns rein.“
Kaum zwanzig Minuten später die nächste Apotheke, in Orenhofen. Aber der Apotheker wohnt im gleichen Haus und ist außerdem Frühaufsteher: „Manchmal kann ich um Vier schon nicht mehr schlafen, dann steh ich halt auf und seh den Frühdiensten bei der Arbeit zu.“
Apropos: In einer Auslage der Apotheke liegen schokoladig braune, glänzende, sonnenförmige Stücke herum, die man nach dem Lesen der Wareninformation als Seife erkennen kann.
„Ihre Seife sieht ja aus wie Schokolade! Besteht da nicht die Gefahr, dass mal einer spontan hineinbeißt?“
„Ja klar, das ist unsere neueste Masche. Dann können wir nämlich gleich im Anschluss auch unsere Magenmedizin verkaufen.“

Um 0755 in der Bitburger Fußgängerzone, wo der Kaffeeladen eigentlich erst um 0830 öffnet, aber Mike hatte mir versprochen, dass die dortige Angestellte immer schon um Acht da sei. Um kurz nach Acht kommt tatsächlich eine Dame, die den Laden aufsperrt und ich werde die Pakete los. Dann weiter nach Wittlich, ein Laden der gleichen Kette, und schließlich zurück nach Haus, 0910 auf dem heimischen Parkplatz. Dabei hatte ich mich doch ein bisschen auf Weihnachtsdrama gefreut.

Einen neuen Fahrer haben wir unter uns, nennen wir ihn Charley, weil er Vietnamese ist (Anfang Dreißig und seit 20 Jahren in Deutschland) und ich einen schlechten Scherz machen will. Etwa 1,50 m groß, drahtig, netter Kerl, aber auch etwas neben der Spur. Seine Fähigkeit, zu verschlafen, stellt die des Kurden in den Schatten (von dem ich ehrenhalber erwähnen muss, dass er sich wirklich gemacht hat in dieser Hinsicht, seit er Gefahrgut und Frühdienste fährt). Abgesehen davon, dass er spät reinkommt und dem entsprechend spät mit der Tour beginnt, muss er sich vom fröhlichen Winzer noch Witze darüber anhören, dass er sich ja in den einen oder anderen Karton zum Schlafen legen könne.
Oder Konrad fragte ihn letztlich: „He Charley, hast Du schon mal Reis mit Mayo gegessen?“
Das ist so einer der Momente, in denen ich mich fragen muss, ob Konrad das auf eine kindlich-naive Art ernst meint, oder ob es sich dabei um seine Form von Humor handelt, denn er stellt öfter mal Fragen, von denen ich mich fragen muss, ob er das denn nun ernst meint oder ob er subtil Witze macht. Vielleicht fasse ich gerade die „Reis mit Mayo“ Sache aber nur deshalb so auf, weil eine Weile die Reiswitze häufig waren. Ich kann mich leider an keinen der Sprüche erinnern, denn wirklich witzig waren sie nicht und auch in ihrer Bissigkeit waren sie wenig überzeugend.

Eine Art Witz bleibt jedenfalls bestehen: „Wenn Du ein Paket nicht findest und es ist nicht bei den Irrläufern am Ende vom Band, siehst Du am besten als nächstes bei Charley unterm Band nach.“ (Das ist hartnäckiger als „Wenn Deine Sackkarre auf einmal verschwunden ist, dann suchst Du sie am besten als erstes bei Felix.“)
Ich weiß nicht warum, aber er hat die Gewohnheit, sporadisch Pakete, die für Fahrer weiter oben am Band bestimmt sind (er ist der dritte von unten), runterzunehmen und bei sich unterm Band zu lagern. Ich bin ziemlich sicher, dass er dabei den Gedanken hat, das Paket in einer ruhigen Minute der richtigen Person zu übergeben, aber seine Aufmerksamkeitsspanne ist auch nicht besonders hoch, und ich allein habe bereits zweimal Pakete, die ich beim Vorüberrollen verpasst habe, bei ihm gefunden.
Außer mit fremden Paketen hat er leider auch ein Problem mit Sauberkeit im Wagen. Kurz nach seinem Arbeitsbeginn übernahm ich den Wagen mit der Nummer 560 von ihm, und es handelt sich um den Sprinter, den ich ganz zu Beginn gefahren war. Ganz so schmutzig wie damals war das Gefährt zwar nicht, aber ich habe mich nicht wenig aufregen müssen: Der Idiot hatte wohl Limonade verspritzt oder sonst etwas in der Art verbrochen, weil es in der Ablage über dem Lenkrad klebte und an allen Plastikteilen in der Nähe des Fahrersitzes waren Ablaufspuren zu sehen, von der zuckrig festgetrockneten Lache auf dem Boden ganz zu schweigen. Auch dieser Sprinter brauchte dringend eine Innenreinigung, bevor ich es überhaupt wagen konnte, die Papiere an ihrem gewohnten Platz unterzubringen, ohne sie dabei in Reste von Sirup zu tauchen.
Leider hat Charley dieser Tage auch ein paar Probleme innerhalb der Firma, weil ihm möglicherweise Ware im Wert von 2000 E abhanden gekommen ist. Er überlegt deshalb, ob er überhaupt noch weiter hier arbeiten soll… ich hoffe mal, dass er noch eine Weile bleibt, weil er mir einen vietnamesischen Tarnanzug besorgen soll – die sehen nämlich cool aus: Schwarze Grundfarbe, darauf ein gelb-braunes Blätter- und Tigerstreifenmuster. Hab ich vor Jahren mal in einer Beilage der ZEIT gesehen. Leider konnte mir dort niemand mehr weiterhelfen, weil die Beteiligten scheinbar nicht mehr da arbeiten und die aktuelle Belegschaft keine Ahnung hat, was sie mit dem alten Material anfangen könnte.

Wo ich schon den Konrad erwähnte: Der ist ja Vater geworden, als ich gerade drei Tage im Betrieb war, und letztlich klappte er in einer kurzen Pause den Geldbeutel auf, zeigte mir ein Bild von dem Kind und sagte: „Guck mal, das ist mein Mäuselchen.“ Dabei betont er die erste Silbe immer besonders.
Ich besah mir das Bild kurz (für mich sehen alle Babys gleich aus) und sagte zu ihm: „Hübsch. Aber Dir ist ja wohl klar, dass Du demnächst sterben musst?“
Er sah mich entgeistert an. „Wieso das denn?“
„Na, Du weißt doch, wie das in den Filmen läuft: Wenn da einer seine Familienbilder rumzeigt, ist das der nächste, der erschossen wird.“
Ich glaube, er hält mich für nicht weniger bekloppt, als ich ihn. Man müsste ihn mal beim Tanzen mit dem fröhlichen Winzer filmen… oder wenn der Winzer gut drauf ist, springt er bei Konrad in die Ladefläche, wenn der gerade rückwärts auf seinen Stellplatz rollt, und hüpft darin herum, dass das ganze Auto schaukelt. Konrad dreht dann die Anlage laut auf und der Sprinter schaukelt im Takt mit. Auch in diesen Momenten mag man daran zweifeln, es mit erwachsenen Leuten zu tun zu haben, aber ich fühle mich gut unterhalten.

Gehen wir mit dem Scheinwerferlicht unserer Aufmerksamkeit noch einen Platz weiter zu Felix. Der Typ schafft es, sich über seine Tour zu beschweren, unabhängig davon, wie wenig Ladung er fahren muss. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er der Meinung ist, dass Kunden, die in ihm ungenehmen Orten wohnen und trotzdem Expresse bestellen, dies nur deshalb tun, um ihm eins auszuwischen. Letztlich hatte er einen Zwölfer in Trarbach, da ging der ab wie’n Schnitzel – oder „wie Wasserfarbe“, wie Mike sagte.
„Zwölf Uhr in Trarbach! Das könnt Ihr vergessen! Verdammte Scheiße! Ihr könnt mich mal!“
Wen er mit „ihr“ meinte, weiß ich nicht, er drückte sich halt im Plural aus.

Da in der Nachweihnachtswoche wenig los war, wurden Touren teilweise zusammengelegt und es kam zu Zwangsaurlaub. Davon war auch Felix betroffen und der fröhliche Winzer fuhr die notwendigen Teile der Moseltour. Der berichtete, dass sich Kunden durchaus über Felix lustig machten, weil er sich ständig negativ äußere („Der ist schon ein Heuler, oder?“), und dass andere sich über ihn beschwerten. Ein herausragender Fall ergab sich, als Felix im Gegenzug Teile der Tour unseres Winzers fuhr. An einem der ersten Stopps sollte er eine Abholung tätigen und es handelte sich um Aufsteller zur Warenpräsentation, die nach dem Ende des Weihnachtsgeschäfts wieder zurückgegeben wurden. Diese Aufsteller haben eine Grundfläche von etwa 40 x 40 Zentimetern und eine Höhe von vielleicht 1,70 Metern. Ich mache auch nicht gern Abholungen auf den ersten paar Stopps, weil einem das Zeug die ganze Fahrt über im Weg rum steht; aber Auftrag ist schließlich Auftrag.
Felix dagegen kam in den Laden, besah sich die beiden Aufsteller und sagte zu der Angestellten so etwas wie: „Die sind mir ein bisschen zu groß, wäre es möglich, dass mein Kollege die morgen mitnimmt? Mir stehen sie sonst den ganzen Tag im Weg rum.“
Die Angestellte kam damit klar und Felix setzte einen Termin für den Folgetag. Ihr Chef allerdings hatte von der Dringlichkeit der Abholung eine ganz andere Vorstellung und beschwerte sich bei Transoflex. Das blieb nicht geheim: Am Folgetag sah sich Felix also einer nicht enden wollenden Welle von „das ist mir zu groß“ Witzen ausgesetzt, aber als er auch noch nicht einsehen wollte, dass er einen Fehler gemacht hatte, bekam er einen verbalen Einlauf von Mike (den ich fünf Sätze im Voraus kommen hörte, worauf ich den Disporaum vorsorglich verließ). Es ist ja auch nicht Mikes Art, laut zu werden, er wird nur „deutlich“, um es mal so zu nennen. In dem Disporaum schnarchte nämlich der Falli, die Kapuze ins Gesicht gezogen, in einer Ecke im Stuhl leise vor sich hin und bekam von alledem nichts mit. Felix war daraufhin eingeschnappt und sagte zu mir, er werde den ganzen Tag nichts mit dem Winzer reden (als ob die Situation dessen Schuld sei!).

Der Winzer ist ja selbst nicht ohne… meist geht es dabei um Schweich oder Niersbach, letzteres befindet sich an der Grenze dreier Zustellungsgebiete: Es liegt natürlich am Rand des Gebiets des Winzers, und gegenüber treffen sich Berts Gebiet und meines bei Binsfeld. Schweich nehme ich hin und wieder mit, weil der fröhliche Winzer so früh morgens dort ist, dass die Frisöre noch nicht geöffnet haben, also nehme ich die Pakete schon mal mit und stelle sie im Vorbeifahren auf dem Rückweg zu.
Niersbach dagegen wird schon mal Bert zugeschoben und letztlich entstand der Deal: „Du nimmst für mich Niersbach mit und ich für Dich Landscheid.“
Gesagt, getan, es war ein Freitag. Und am Montag landete das Paket nach Landscheid doch wieder bei Lambert, weil der Winzer spontane Änderungen an seiner Tour vorgenommen hatte und nicht in Landscheid gewesen war. Ganz klar, dass Bert in der Folgezeit wenig Motivation verspürte, dem Winzer noch einmal einen solchen Gefallen zu tun.
Er tat es dennoch, wieder an einem Freitag. „Wenn Du diesmal das Paket nicht zustellst, kriegst Du’s von mir!“ sagte er dabei und der Winzer versprach, das Paket zuzustellen. Es kam allerdings, wie’s kommen musste, zumindest nach Murphy’s Gesetz: Der Winzer fuhr zwar tatsächlich zu der Adresse, aber der Zahnarzt hatte an jenem Tag geschlossen. Die Nachbarn wollten die Ware nicht annehmen, weil Ärztebedarf mitunter empfindlich ist und sie nicht für Schäden oder verdorbene Ware verantwortlich sein wollten. Er rief mich auch gleich an: „Haha! Der Bert wird am Montag ausflippen! Der wird mir kein Wort glauben, wenn ich ihm erzähle, dass ich das Zeug nicht losgeworden bin und er jetzt doch selber nach Landscheid fahren muss!“

Reden wir doch mal wieder ein bisschen von Kunden, ich will ja pro Eintrag die Grenze von 2000 Worten nicht zu deutlich überschreiten:
Eine Pizzeria, betrieben von einem echten Italiener, ein verschmitzt aussehender Typ mit Halbglatze und deutlichem Hang zum Reden mit Armen und Beinen. Der nun hatte einen Garantiefall mit seiner Espressomaschine, die neue war schon da und ich sollte die alte mitnehmen, um sie nach Italien zurückzuschicken. Und das war nicht so ein Senseozwerg, nein, dabei handelte es sich um einen Klotz für Profis von etwa einem Zentner Gewicht, den wir zu zweit ins Auto hievten. Der Gastwirt schwatzte dabei munter und drückte mir zum Abschied die Hand, und ob er das aus freundlicher Gewohnheit oder aus anderen Motiven machte, kann ich nicht recht beurteilen, denn sein Händedruck ist gruselig: Der Mann hatte nämlich scheinbar bei irgendeiner Gelegenheit, ich habe nicht nachgefragt, die vordere Hälfte aller Finger seiner rechten Hand verloren (mit Ausnahme des Daumens). Irgendwie wurde mir dabei heiß und kalt gleichzeitig.