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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

26. Februar 2010

Welchen Teil von „Antiquitätenmesse“ haben Sie nicht verstanden?

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 12:44

Anfang des noch aktuellen Monats fand wieder eine Antiquitätenmesse in Luxemburg statt, zu der ich mit der Teppichgalerie angereist bin. Den ganzen Vorbereitungsteil können wir an dieser Stelle überspringen, weil ich schon des öfteren von solchen Messen berichtet habe, also muss ich nicht wieder auf das Ausbessern und Einpacken eingehen. Zumindest ist nichts kaputt oder verloren gegangen, also lassen wir das doch.

Interessant wurde es allerdings nach der Ankunft.
Der Tag an sich war geradezu angenehm sonnig, mit etwas Arbeitswärme im Leib konnte man sogar im T-shirt zum Parkplatz gehen, um Ware und Aufbaumaterial aus dem Wagen zu nehmen.
Nachdem dann die Lichtleisten hingen und der „Baldachin“ über den Ständen mal wieder unter diesen Maßnahmen gelitten hatte (wobei ich erwähnen muss, dass der Frontbalken nur ausgebessert und frisch gestrichen war, da er streckenweise aus Presspappe bestand, was mich an der Belastbarkeit der angeschraubten Leiste zweifeln ließ), sollte es daran gehen, die mitgebrachte Ware im Stand unterzubringen, und als das wichtigste dann an der Wand hing, entdeckte die Chefin während einer Pause einen Missstand, der ihr sehr missfiel.

Gegenüber von unserem Stand bot eine weitere Firma Teppiche an, aber sogar ein Laie wie ich erkannte auf den ersten Blick, dass es sich dabei nicht um Antiquitäten, sondern um Neuware handelte, möglicherweise sogar sogar um Katalogware. Ich weiß nicht, wie es genau von statten ging, aber es wurde wenig später ein weiterer Anbieter entdeckt, bei dem es genauso aussah.
Nun, ist das hier eine Antiquitätenmesse oder nicht? Im Händlervertrag ist festgehalten, dass der Großteil der ausgestellten Waren älter als 60 Jahre sein muss. Was wir hier hatten, war also eine bedeutende Aufweichung der Regeln – ist die Messe als Unternehmen LuxExpo bereits so arm, dass das notwendig ist?
Die Chefin marschierte also gleich zur Geschäftsführung und beschwerte sich. Es könne nicht sein, dass auf einer Messe, die für exklusive Waren konzipiert ist, moderne Artikel angeboten werden dürften, und drohte damit, die Messe zu boykottieren und am Stand nicht nur ein entsprechendes Hinweisschild anzubringen, sondern auch einen angemessenen offenen Brief im Trierischen Volksfreund zu veröffentlichen.
Die Geschäftsführung der LuxExpo entschuldigte sich damit, dass man zwar Ausstellungsstücke prüfe, dass Experten für Gemälde, Möbel, Skulpturen, Silberwaren, usw. vorhanden seien – aber keiner für Teppiche. Aber sie könne doch diese Expertise selbst vornehmen? Ausgeschlossen, als Ausstellerin sei sie definitiv befangen – sie könne allerdings unabhängige Experten empfehlen.

Letztendlich wurde ein Sachverständiger für Teppiche aus Antwerpen eingeflogen. Das Ergebnis: Einer der beanstandeten Aussteller musste die Messe verlassen, der andere durfte bleiben, weil die modernen Stücke, die er zeigte, selbst kreierte Musterdesigns waren, und das ist laut Vertrag erlaubt. Ganz klar, dass unsere Galerie das Gespräch der Messe war.
„Na dann, wenn uns in naher Zukunft ein Pflasterstein durchs Schaufenster reinfliegt, wissen wir ja, was läuft,“ sagte ich noch scherzhaft zur Chefin.
Dabei sollte ich das vielleicht nicht zu laut sagen, den Teufel nicht an die Wand malen, wie man so sagt, denn die LuxExpo hat scheinbar mit gewissen Imageproblemen zu kämpfen.
Während einer Haushaltswarenausstellung im vergangenen Jahr, eine große Sache über zwei Hallen verteilt, war ein Stand mit Elektronik, also Fernsehern und Stereoanlagen, komplett ausgeräumt worden. Eine kleine LKW Ladung Zeug im Wert von über 100.000 E, während der Sicherheitsdienst gerade in der anderen Halle weilte. Zufällig? Viele Leute, die ich darüber habe reden hören, sind der Meinung, dass die Abwesenheit der Wachleute alles andere als ein Zufall gewesen sei. Natürlich hat niemand Beweise.
Und zu einer anderen Ausstellung am gleichen Ort habe wohl ein Experte einen Stand mit gefälschten Barockgemälden enttarnt, der daraufhin ausgeschlossen wurde – was damit endete, dass besagter Experte, als er eine Weile später die Halle verließ, auf dem Parkplatz mit vorgehaltener Pistole bedroht wurde. Wo sind wir hier eigentlich?

Die Luxemburger Messe hat sich in den vergangenen 30 Jahren aus dem Schattendasein eines besseren Flohmarktes erhoben, und wir hoffen eigentlich nicht, dass sie wieder auf dem Weg dorthin ist.
Die Teppichgalerie zieht jedenfalls zunächst die Konsequenz, keine Ware mehr am Stand zu lagern, sondern nur noch ein paar repräsentative Stücke an die Wand zu hängen, die man am Abend schnell mal ins Auto legen und mitnehmen kann, sodass der Stand leer ist. Das macht natürlich die ganze Arbeit viel schneller, weil wir nicht mehr soviel aufbauen, und beim Abbau nicht mehr über 100 Lagernummern kontrollieren müssen, ganz zu schweigen von der Zeit, die es dauert, so viel Ware auszusuchen, zu erfassen, einzuladen, auszuladen, anzuordnen, wieder einzuladen, zuhause wieder auszuladen, Vollständigkeit zu prüfen, und wieder in die ursprünglichen Stapel einzuordnen.
Angedachte Konsequenz ist, sich wieder nach ferneren Messen umzusehen. In Metz zum Beispiel. Das ist natürlich ein gutes Stück Weg, aber wenn man dafür eine Messe mit besserem Ruf und damit mit mehr potentieller Kundschaft bekommt, ist das eine Überlegung Wert. Und ich sage „wieder“, weil das früher die Norm war. Der verstorbene Herr G. hatte wohl die Gewohnheit, jedes Jahr auf ein Dutzend oder mehr Messen zu fahren, und auch eigene, kleine, zu veranstalten.
Natürlich waren das ganz andere Zeiten. Das waren die Zeiten, als der Mittelstand nach dem Krieg wieder genügend finanziellen Wohlstand für derartigen Luxus angehäuft hatte. Damit ist es heute vorbei, also sind die Chancen, dass in naher Zukunft ein solcher Messebetrieb einsetzt, eher gering. Ich glaube, das Hauptgeschäft besteht heute daraus, die in den Siebzigern und Achtzigern verkauften Teppiche zu restaurieren und in Einzelfällen zu ersetzen – die Chefin sagt, übermäßig staubsaugende Haushaltshilfen und gelangweilte Hunde seien ihre besten Freunde.

Ganz neue Dinge waren die, die sich nicht ereigneten: Nach Sonnenuntergang wurde es zwar eisig kalt, aber bis auf ein paar Schneeflöckchen von der Größe von Zuckerkörnern blieb es trocken; kein Regen, kein Eis, kein Schnee, das war auf der Heimfahrt richtig entspannend, und schon beinahe langweilig zu nennen.

Zuletzt mein besonderer Dank an unsere Nähmeisterin, die mir wohlwollend ein dickes Pausenbrot in die Hand drückte – Butter, Käse, Paprika. Und ausgerechnet dieses Jahr hatte ich ausnahmsweise und zum ersten Mal im Lauf der Jahre meiner Tätigkeit im Teppichladen ein eigenes Pausenbrot dabei.

22. Februar 2010

Ich kam, sah, und ging lieber wieder (3/3)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 20:42

Es kam dazu, dass ich montags und donnerstags nachmittags bereits einen deutlichen Unwillen in Bezug auf den kommenden Tag spürte, was meine Laune an vier von sieben Wochentagen merklich senkte. Nach dem Aufstehen hätte ich am liebsten als erstes aus dem Fenster gekotzt, einfach so, um meine Laune kund zu tun, und nicht, um den Zustand meines Magens zu dokumentieren. Die Fahrt im eiskalten Bus wurde beinahe zum Genuss, weil ich mich durch das Lesen meines Buchs vom Fahrtziel ablenken konnte, aber sobald ich den Bus verließ und mich dem Hauptmarkt näherte, trat mir jedes Mal ein Gedanke ins Bewusstsein:
„Hoffentlich ist der Scheißtag bald vorbei!“
Und das ist ein Punkt, an dem ich jedem ans Herz lege, sich einen neuen Job zu suchen, wenn dies ein inniger und ernst gemeinter Wunsch geworden ist – wenn man seinen Job scheiße findet, soll man sich einen neuen suchen. Das ist nicht verboten und der geistigen Gesundheit durchaus förderlich. Nur motzen und meckern ist Quatsch. Wenn man nur einen Job hat und die nötigen finanziellen Rücklagen für eine Überbrückungszeit fehlen, muss man natürlich die Zähne zusammenbeißen, bis sich eine bessere Gelegenheit ergibt – was ich dank Teppichgalerie glücklicherweise nicht muss.
Nach gerade einmal drei Wochen jedenfalls hatte ich die Schnauze gestrichen voll, es stand mir bis Oberkante Unterkiefer. Dabei sagt man mir etwas nach, was man leicht antiquiert „Langmut“ nennt.

Oh, die Frau Bohlen hatte auch gute Tage, die sich darin äußerten, dass sie mich ignorierte. Das war mir eigentlich Recht. Sie hatte sogar mal einen sehr guten Tag, und an dem sagte sie etwas zu mir, ich weiß nicht mehr was, es klang jedenfalls wie eine übliche Korrektur meiner Arbeitsweise, nur ohne den scharfen Tonfall.
Als ich mich verwirrt gab, sagte sie „Ich hab bloß ’n Scherz gemacht.“
Ich verstand nicht, was daran hatte lustig sein sollen und sagte: „Ah… okay…“.
Das hat vermutlich nicht sehr zu einer positiven Auffassung meiner Person ihrerseits beigetragen, aber man kann sich kaum vorstellen, wie egal mir das war und heute noch ist. Mein größtes Glück stellte sich immer dann ein, wenn sie in der Waschküche Dienst hatte und sich um Schürzen und Tischdecken kümmerte, anstatt mich zu terrorisieren.

Nachdem das Weihnachtsgeschäft nach der ersten Januarwoche endgültig vorbei war, verschob sich auch der Feierabend zurück auf halb Vier, wie eigentlich vorgesehen. Stellenweise war so wenig los, dass ich mir wie bei der Bundeswehr vorkam: In Abwesenheit von zu spülendem Geschirr und schmutziger Reinigungsreviere wurde ich angewiesen, mir einen Lappen zu nehmen und in der Spülküche rumzuwischen – damit ich beschäftigt aussah, sollte der Chef persönlich den Kopf zur Tür reinstecken. Das kam auch immer wieder mal vor. Dabei kam er mir wie ein vernünftiger Mensch vor, also nicht wie jemand, der empfindlich reagiert, wenn seine Angestellten in einer ruhigen halben Stunde auch mal eine ruhige Kugel schieben. Erstaunt war ich davon, dass er im Fall von Reparaturen selbst mit Hand anlegte: Er reparierte gemeinsam mit dem Hausmeister einen Backofen und die Elektrik der Außentür der Küche, die sich auf Knopfdruck öffnete (bzw. öffnen sollte), wenn man mit einem Geschirrwagen darauf zu rollte.

An einem Tag sollte ich im Bier- und Weinkeller fegen und gekachelte Teile wischen – ein wahres Labyrinth unter dem Haus. Hierzu wurde ich auf die Alarmglocke aufmerksam gemacht, die im vorderen Bereich angebracht war: Der Alarm werde ausgelöst, sobald der Kohlendioxidanteil in der Atemluft einen gewissen Schwellenwert überschritt. In dem Falle sollte ich schleunigst die Treppe hochgehen.
Wie könnte es anders sein – als ich mitten bei der Arbeit war (und mit Seitenblicken die gelagerten Jahrgänge bewunderte), schrillte die Glocke, mir standen alle Haare zu Berge. Der Alarm verstummte jedoch nach zwei Sekunden wieder. Was zum Teufel war das gewesen? Ich kümmerte mich also nicht weiter darum und fegte weiter. Gleich darauf stieg mir allerdings ein ganz typischer Biergeruch in die Nase, und als ich um die nächste Ecke linste, floss mir ein Bierbach entgegen und verschwand in einem Abfluss. Ich konnte feststellen, dass ein ganzes Fass ausgelaufen war, eines von denen, die mit dem Zapfhahn im Erdgeschoss verbunden waren. Zumindest war eines leer. Vermutlich hatte das plötzliche Austreten der Kohlensäure den Alarm ausgelöst, die sich dann aber schnell genug im Raum verteilte, um im Bereich des Sensors den Schwellenwert wieder zu unterschreiten. Keine Minute nach dem kurzen Alarm war die Verwalterin mit dem Hausmeister im Anmarsch, um zu sehen, was los sei – wegen des Alarms, denn noch niemand hatte den Druckabfall in der Zuleitung registriert. Ich schilderte die Lage und wurde losgeschickt, mir einen Eimer zu besorgen und die entsprechenden Räumlichkeiten, etwa sechs Quadratmeter, auszuspülen, damit das Bier nicht alles verklebe. In der Zwischenzeit wurde ein neues Fass angeklemmt und der Hausmeister konnte sich keinen Reim darauf machen, was eigentlich vorgefallen war, von daher weiß ich auch nicht, ob sich vielleicht der Schlauch gelöst hatte, oder was sonst an einem Fass schief laufen kann.

An einem anderen Tag wurde ich ins Schneetreiben vor dem Haupteingang beordert, weil ein Hund dort einen Haufen hinterlassen hatte – das Stück von der Größe eines Lyoners war zum Glück steif gefroren und ließ sich widerstandslos mit der Schaufel entfernen… und sogar das war angenehmer, als mit Frau Bohlen im selben Raum zu sein und ihre Visage sehen zu müssen!

Es wurde nicht besser. Ich wurde immer noch angefahren und wie der letzte Depp behandelt. Besonders deutlich wurde das an einem Tag, als eine der Serviceangestellten, eine Restaurantfachfrau (in Ausbildung), wie man Kellnerinnen offiziell in der Sprache der Beamten nennt, erfahren hatte, dass aus irgendeinem Grund kein Berufschulbetrieb stattfinden würde. Sie war daraufhin in den Betrieb gekommen, um dies der Verwalterin mitzuteilen, die sie dann zu uns in die Spülküche schickte, damit sie auch dort mal gearbeitet hatte. Sie hatte in der Tat überhaupt keine Ahnung von dem, was und wie es da lief, und es fiel mir zu, ihr die Abläufe am Ende des Förderbands zu erläutern, also das Abwischen der Schüsseln, das Umverteilen der Teller, das Wenden der Tassen, und das Doppelspülen des Bestecks. Ihre Anwesenheit hob meine Laune deutlich und ich erklärte die notwendigen Abläufe mit einer sonnigen Motivation, die mich selbst überraschte. Das ging scheinbar nicht nur mir so, denn obwohl die junge Frau offen ersichtlich den Eindruck machte, als sei sie von dem Organisationsanforderungen der Spülküche überfordert, legte Frau Bohlen eine ausgesuchte und lockere Freundlichkeit an den Tag, die ich ihr nie zugetraut hätte. Verdammt, die lachte sogar! Mit anderen Worten: Ihre Kaltschnäuzigkeit lag nicht einfach an ihrem Lebensfrust, der in den Symptomen meines Erfahrungsmangels ein Ventil fand, sondern an mir, an meiner Person, an der subjektiven Wirkung, die ich auf sie hatte, ohne dass ich irgendetwas dazu beitragen musste oder überhaupt konnte. Da wurde weiter genörgelt, geschnaubt, gestöhnt, gemeckert, gejammert, und die Augen verdreht.

Also besann ich mich auf die Vorteile des Minijobberdaseins: Ich kann gehen, wann immer es mir Spaß macht – beziehungsweise, sobald es mir keinen Spaß mehr macht. Zum Ende der vierten Woche telefonierte ich mit der Verwalterin und erklärte ihr, dass ich gern aufhören mochte, und bot ihr an, noch eine Woche zu arbeiten, damit sie Zeit habe, die Stelle neu auszuschreiben.
Meine Laune während dieser fünften Woche war schon fast euphorisch, und ich behielt meine „Informationspolitik“ bei – nur „Mutti“ erfuhr, an meinem letzten Tag, dass ich nie wieder kommen würde. Sie wurde von der Aussage überrascht, was mich wiederum überraschte, weil ich dachte, dass diese Information von der Verwaltung doch zumindest an die zuständige Vorarbeiterin weitergereicht werde. Scheinbar war das nicht der Fall.
Ich hielt auch die Klappe, als David mich an meinem vorletzten Arbeitstag in die tieferen Geheimnisse der Spülmaschinen einweihte – wie man die zu reinigenden Teile ausbaute und wieder einsetzte, damit ich das in Zukunft selbständig machen könne.

Ich ging also und ich habe mich noch nie von einer Tätigkeit derart befreit gefühlt. Der ganze Hauptmarkt sah mit einem Mal viel freundlicher aus.
Leider hatte sich keinerlei Gelegenheit zum Abgreifen von Essen ergeben – wie auch? Das Robert-Schumann-Haus richtet Buffets und vorgefertigte Menüs aus, während der Domstein nur das auf den Tisch stellt, was explizit bestellt wurde, was die Restmengen natürlich minimiert.

Drei der Angestellten der Spülküche habe ich nachher noch einmal gesehen: Leo lief mir nur wenige Tage später in der Theodor-Heuss-Allee über den Weg, als ich den Hund von Frau G. ausführte, erkannte mich aber scheinbar mit Mütze auf dem Kopf und ohne Schürze nicht. David erspähte ich im SATURN in Begleitung einer Frau, ich vermute seiner Frau, aber ich hatte nicht das Bedürfnis, Kontakt aufzunehmen, um belanglosen Smalltalk zu halten oder auf neugierige Anfrage hin meine Gründe für den verheimlichten Ausstieg erläutern zu müssen. Und die Frau Bohlen blieb mir nicht erspart, als ich am Morgen des 20. September 2009 vor dem Zelt der City Initiative Trier e.V. herumstand, um meinen Wachauftrag zu übernehmen.
Und wegen all dem Geschilderten wusste ich an dem Tag auch, wie ich ohne fragen zu müssen auf die Toilette im Untergeschoss des Domsteins gelangen konnte.

19. Februar 2010

Ich kam, ich sah, und ging lieber wieder (2/3)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 21:23

Das gute Gefühl hielt sich, in Arbeitszeit ausgedrückt, gerade mal einige Stunden, und der Bus, der auch beim darauf folgenden und jedem späteren Termin eiskalt war und dessen Heizung sich erst etwa am Bahnhof bemerkbar machte, hatte das wenigste damit zu tun.
Als erstes stellte ich fest, dass sich die Besetzung der Spülküche scheinbar je nach Wochentag änderte.
Als ich freitags zum ersten regulären Arbeitstermin eintraf, war Dennis nicht da, ich habe ihn auch nie mehr gesehen, stattdessen ein anderer mit Namen David (halb-englisch „Dee-vid“ ausgesprochen, eine Trierer Macke ersten Ranges), höchstens Mitte Zwanzig, dunkle Haare, Dreitagebart, schlank, sah ein bisschen aus, als sei er der kleine Bruder meines Kameraden Ritter. „Mutti“ und Leo waren auch da, und dann noch eine Frau um die Fünfzig, leicht übergewichtig, rotbraunes Haar, deren Gesicht ich intuitiv irgendwo zwischen „Metzger“ und „Bulldogge“ einordnete. Das war die Frau Bohlen, und sie sollte ihrem Namen nach meinem subjektiven Empfinden noch alle Ehre machen.

Die Frau Bohlen wurde von mir auch so genannt, während ich alle anderen, mit deren stillem Einverständnis, duzte. Das hatte nichts mit Respekt ihr gegenüber zu tun, sondern mit einem von mir einmal vor Jahren geäußerten Prinzip, nach dem ich einerseits nur solche Leute sieze, denen das auf Grund ihres Stands und meiner persönlichen Hochachtung zusteht, und andererseits solche Leute, die ich nicht ausstehen kann. Das klingt möglicherweise paradox, aber der Raum dazwischen ist groß und weit und bislang fahre ich gut damit.

Ich machte an jenem Tag erst einmal mit „Mutti“ die Hauptküche sauber, wobei sie die Fußböden schrubbte und mir den Auftrag gab, den Speiseaufzug und die Oberflächen der Schränke und die Ablagefächer zu reinigen. Kein Problem, Viss schafft alles. Dann ging es an den ersten Spülgang, den ich mit der Frau Bohlen absolvierte – und die ordnete das Geschirr auf Tisch und Ablage ganz anders an, als Dennis es mir beim letzten Mal gezeigt hatte, und dem entsprechend unzufrieden zeigte sie sich auch mit meiner Arbeitsleistung.
(ungeduldig) „Was machst Du denn? Das gehört doch ganz anders da hin!“
„Moment, ich dachte, das würde so und so…“
(genervt) „Nein, das gehört so und so…“
Nun gut, vielleicht hatte ich das auch falsch in Erinnerung, könnte ja sein.
Im Durchgang am Mittag war die Frau Bohlen dann irgendwo anders beschäftigt und ich spülte mit David. Ich stellte das Geschirr so ab, wie Frau Bohlen es vorgemacht hatte, und sofort saß mir David im Nacken.
(erstaunt) „Was machst Du denn da für’n Scheiß?“
„Die Frau Bohlen hat gerade vorhin gesagt, dass…“
„Ach, die hat doch keine Ahnung! Wir machen das so und so, genau so, wie Dennis mir das beigebracht hat!“

Immerhin war deutlich, dass er seinen Ärger gegen Frau Bohlen richtete, und nicht gegen mich, aber ich sah mich schon zwischen den Stühlen sitzen. Meine Befürchtung minderte sich dadurch, dass ich David scheinbar sympathisch war. Jedenfalls unterhielten wir uns ganz zwanglos, was mir etwas von meiner Anspannung nahm. Er erzählte mir von seinem wichtigsten Hobby, und zwar Computertuning. Scheinbar legte er das zwanghafte Verhalten an den Tag, das jeweils neueste und aktuellste Teil in seinen Rechner einbauen zu müssen, um High-End Spiele spielen zu können, und er hatte auf dieser Basis eine Freundschaft zu einem der Köche, der wohl auch so ein Freak war und darüber hinaus mit mir den Vornamen gemein hat. Ich verstand so ziemlich gar nichts von dem, was er mir erzählte, aber er reagierte erfreut, als ich ihm erzählte, dass ich Computerspiele möge; allerdings konnte er damit nichts anfangen, weil mein Interesse entweder rundenbasierenden Strategiespielen gilt (im Gegensatz zu Echtzeitspielen), oder aber älteren Spielen, für deren Betrieb man auf einem heutzutage normalen Rechner zum Teil schon Hilfssoftware braucht. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir uns gut verstanden, wenn ich auch weit davon entfernt war, unser Verhältnis auch nur in die Nähe von „freundschaftlich“ zu rücken. Er war mir durchaus sympathisch, weil er mich von Stress und Frust ablenkte, aber für mehr waren wir meines Erachtens zu unterschiedlich.

An dieser Stelle, wo ich gerade von Nähe und Distanz spreche, möchte ich einschieben, dass außer der Verwalterin und der Hausdame niemand in dem Laden meinen Namen kannte. Die Hausdame hatte mich eingangs nicht vorgestellt, ich habe das nachher auch selbst nicht getan, und ich wurde auch nicht gefragt. Ich fand es irgendwie amüsant, dass da noch einer meines Namens war, ohne, dass jemand was davon wusste, und dass alle männlichen Mitarbeiter der Spülküche damit den selben Anfangsbuchstaben teilten. Allein Dennis wusste, dass ich studierter Japanologe bin, weil er mich gefragt hatte, was für einen Jobhintergrund ich hätte. David wiederum fragte nicht weiter nach, der gab sich damit zufrieden, dass ich Student war.

Davids zweites Hobby jedenfalls waren gemeinsame Discobesuche mit seiner Frau (und ich habe keine Ahnung, ob man die Läden heute überhaupt noch „Discos“ nennt), das war dann doch völlig jenseits meiner Interessensphäre. Er erzählte auch frei heraus, dass er schon auf Bewährung verknackt worden war, nachdem er jemandem die Nase gebrochen hatte, der seine Frau zu auffällig angeschaut hatte, und ich hatte von seinem Ton her nicht den Eindruck, dass er das als einen Glanzpunkt in seinem Leben betrachtete. Ja, er kritisierte sogar die ihm gegebene Impulsivität. Da war ich direkt erstaunt, geradezu beeindruckt. Er trug sich allerdings mit der Theorie, dass die deutsche Justiz Arbeitssuchende stärker in die Mangel nahm, als Leute mit Job.

Im Übrigen muss man überdies festhalten, dass er von seiner Frau nur in positiven Begriffen sprach, also nicht etwa von seiner „Alten“ oder so was, während er der Frau Bohlen gegenüber einen eher rauen Ton anschlug, der für mich nur sehr fadenscheinig humoristisch getarnt klang. Ich kann mich natürlich irren, aber ich glaube, er hat damit nicht wenig zu ihrem Frust beigetragen (gegen ihn anzureden war bei seiner Schlagfertigkeit schwer), der letztendlich an mir hängen blieb.

Für die Mittagspause hatte ich diesmal nichts mitgebracht und wollte in die Stadt gehen, was ich nebenläufig David gegenüber erwähnte, worauf der mich belehrte, dass das aus hygienischen und rechtlichen Gründen nicht erlaubt sei, ich dürfe das Gebäude nur mit gutem Grund und mit besonderer Erlaubnis der Hausdame verlassen, und „sich ein Mittagessen besorgen“ gehörte wohl nicht dazu. Na super. Immerhin hatte ich ein Buch dabei, mit dem ich mich dann in den Umkleideraum setzte, ans Fenster mit Blick auf den Dom. Wasser gab’s am Wasserhahn reichlich, immerhin, und niemand störte mich, mit Ausnahme von einem jungen Kellner, dessen Schicht um 1300 begann.

In der Woche darauf sollte ich mit David die Küche putzen und machte mich selbständig daran, Lift und Schränke mit Viss zu bearbeiten, bis er mich nach nicht mal zwei Minuten verwundert fragte, was ich da mache. Das gleiche, wie letzte Woche, gab ich an, worauf er sagte, ich solle die Schränke vergessen, mich auf den Aufzug beschränken, den Boden schrubben, und im Anschluss die Siebe der Abflüsse sauber machen. Hm, lecker. Dann wurde das verbliebene Wasser mit einem Abzieher beseitigt, denn schließlich sollte vermieden werden, dass sich jemand die Gräten brach. Mit nur wenig Anlauf hätte ich auf meinen Schuhen durch die gesamte Küche rutschen können.

Andere Reinigungsaufgaben fielen ebenfalls an, wie zum Beispiel die Feuchtreinigung des Magazins, der Umkleideräume, und des Aufenthaltsraums. Das Magazin, also das Lager für die Bedürfnisse des Kochbetriebs, wurde während der Pause der Köche gereinigt, und zwar flott, damit der Boden trocken sein konnte, bevor die aus der Pause zurückkamen. Auch bei den Umkleideräumen wurde kein Unterschied gemacht, der Damenumkleideraum wurde mir ebenfalls überlassen, inklusive der Toiletten für Mitarbeiter. Der Pausenraum war wegen der angehäuften Überreste der Raucherexzesse ganz besonders widerlich. Toiletten schrubben – in Ordnung. Entsorgen der Bioabfälle, die wir bei der Vorreinigung von Tellern und Schüsseln kratzen – auch in Ordnung. Aber beim Reinigen von Aschenbechern könnte ich kotzen.

Zum vierten Arbeitstermin hatte die Frau Bohlen es bereits geschafft, meine Arbeitsmotivation in den tiefsten Keller zu treten. Ich dachte mir an dieser Stelle, dass es sich vielleicht nur um eine vorübergehende Phase handeln könnte, vielleicht hatte die Frau Bohlen gerade irgendwelche vorübergehenden Probleme, die sich auf ihre Laune auswirkten? Ich beschloss, mich noch zwei Wochen lang zusammenzureißen und zu sehen, wie sich die Sache entwickeln würde.
Na klar, ich machte Fehler. Zum Beispiel wurde mir einmal gesagt, ich solle bei der Kühlkammer aufwischen. Damit war der Bereich VOR der Kühlkammer gemeint, wo auch der Lastenaufzug war. Ich hatte aber etwas missverstanden und war der Meinung, dass die Kühlkammer selbst gereinigt werden müsse, also schwang ich dort den Mob. Ich wischte einen 50 cm langen Streifen zwischen zwei Regalen und mir fiel sofort ein matt glänzender Grauschleier am Boden auf. Ich dachte noch, dass hier irgendein fettiges Zeug rumliege (vielleicht Bratfett?) und prüfte mit dem Finger – verdammt, das war Eis! Die Hand traf die Stirn und mir entfleuchte ein böses Wort. In der Mittagspause danach stahl ich mich heimlich mit der Spachtel zurück in den Kühlraum…
Andere Fehler implizierten zum Beispiel, dass ich einen Topf mit angebranntem Bodensatz vorzeitig ins Spülwasser stellte, und dieses somit verschmutzte, anstatt eine kleinere Menge Spülwasser in den Topf zu füllen und ihn damit zu schrubben. „Mutti“ machte darüber kein großes Aufsehen, erklärte mir ruhig, warum das keine gute Idee gewesen war, ich verstand es und damit hatte es sich.

Auf Grund der Tatsache, dass ich die wenigste Erfahrung mit den Handlungsabläufen hatte, brauchte ich länger als die anderen, um die mir zugewiesenen Aufgaben zu erledigen. Und unter anderem da machte sich bemerkbar, dass die Frau Bohlen extrem schnell genervt und frustriert war und mit Stress nicht gut zurecht kam. Wann immer sich der Feierabend über die Marke halb Vier hinauszuschieben drohte („Im Küfer sitzen noch mindestens 30 Leute“), begann sie zu fluchen und verzweifelt zu klagen („Awei hab isch keen Bock mehr, awei hab isch keen Bock mehr…“), als habe man ihre vorzeitige Entlassung aus einem Arbeitslager abgelehnt und sie wegen des Antrags zu 100 Stockhieben verurteilt. Ich wurde von ihr allein – und von niemand anderem – für kleinste Fehler aufs heftigste angefahren. Nicht grob beleidigt, aber sie sprach mit mir in einem sehr ungehaltenen Ton wie mit einem unmündigen Idioten, oder wie mit einem, der durch geplante Sabotageakte den heiligen, zeitigen Feierabend hinauszögerte.

An einem Morgen, als die Frau Bohlen gerade woanders beschäftigt war, war mir der Unterteller einer Capuccinotasse heruntergefallen und in zwei Teile zersprungen. Ich fragte „Mutti“, was in einem solchen Fall zu tun sei, und sie sagte, ich solle den Verlust in eine ausliegende Liste eintragen (Tag, Uhrzeit, Grund, Unterschrift) und die Reste einfach wegwerfen. In Abwesenheit eines anderen Mülleimers warf ich die beiden Hälften in den Sack, in den wir das Zeug warfen, das nicht als „Speisereste“ (für die Schweinezucht) galt, also Servietten, Bierdeckel, und all das, was Gäste auf dem Teller zurückließen und in den Restmüll kam. Damit, dachte ich, sei die Angelegenheit erledigt. Falsch gedacht: Irgendwann während der Vorbereitung des Nachmittagsdurchgangs fiel der Frau Bohlen auf, dass Keramikteile in dem Sack lagen.
Wie bereits erwähnt, in einem sehr ungehaltenen, scharfen Ton:
„Wer hat denn den kaputten Unterteller da rein geworfen?“
Ich sagte, dass ich das gewesen sei.
„Das gehört da nicht rein!“
„Das wusste ich nicht, niemand hat mir das gesagt.“
„Der Hausmeister tritt die Säcke noch zusammen! Der könnte sich doch in den Fuß schneiden! Willst Du das!?“
„Natürlich nicht, aber hier ist ja kein anderer Müllsack…“
„Dann nimmst Du Dir jetzt gefälligst Handschuhe und fischst das Zeug aus dem Sack raus!“
Knapp vor 180 stakste ich also zum Regal rüber, wo meine Gummihandschuhe liegen sollten. Da lagen sie aber nicht. Ich hatte sie nach der letzten Verwendung vor einer Woche (den Termin dazwischen brauchte ich sie nicht) zu den anderen gepackt, aber die Handschuhe mit meinen Initialen waren nicht mehr da. Und auch keine neuen. Also nahm ich mir das erste paar Gummihandschuhe, die ich in die Finger bekam und wollte sie überstreifen.
„Das sind meine!“ protestierte Frau Bohlen.
„Ist das so wichtig?“ gab ich zurück und mühte mich weiter mit den Handschuhen ab.
„Das sind MEINE HANDSCHUHE!“ sagte sie noch einmal mit mehr Nachdruck und sah mich aggressiv an, als habe sie mich bei dem Versuch erwischt, in die Putzhandschuhe zu pinkeln.
„Ich habe keine ansteckenden Hautkrankheiten!“
„Benutz gefälligst Deine eigenen!“
Ich stand kurz davor, sie niederzuschlagen und langsam zu erwürgen. Ich rupfte die halb angezogenen Handschuhe wieder von den Fingern, stopfte sie in den verdammten Karton zurück, nahm den blauen Sack aus dem Ständer und wühlte mit bloßen Händen in der warmen und feucht-glitschigen Masse herum, bis ich die Tellerhälften gefunden hatte. Ich legte sie beiseite und brachte sie zu einer Mülltonne, als ich die Zeit dazu fand.

Ich bin ein viel zu defensiver Mensch, glaube ich. Ich war drauf und dran, der Frau Bohlen gegenüber mein Bedauern dafür auszudrücken, dass sie es in ihrem beschissenen, unbedeutenden Leben nur bis zur Geschirrspülerin gebracht hatte, und dass sie den Frust darüber bitte nicht an mir auslassen solle. Aber ich ließ es bleiben, was ich im Nachhinein doch irgendwie bedauere…

16. Februar 2010

Ich kam, ich sah, und ging lieber wieder (1/3)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 23:19

Reden wir also mal über den beschissensten Job, den ich je hatte: Spülküche im Restaurant „Domstein“, am Trierer Hauptmarkt, benannt nach einem Stein, der am Eingang vom Dom rumliegt, wo ich vom 17. Dezember 2008 bis zum 22. Januar 2009 beschäftigt war.

Am 12. Dezember 2008 bewarb ich mich für einen Job im Domstein, nachdem ich eine entsprechende Anzeige über die Minijobzentrale erhalten hatte. Der Domstein hatte zwei Jobs zu vergeben – einen als Kellner und einen als Spüler, und ich entschied mich für letzteren, weil ich mit dem Kellnern dank meiner grobmotorischen Eigenschaften schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Die bieten einen (für Minijobber) guten Stundenlohn in Höhe von 9 E, und ich dachte, ich könne auf diese Art und Weise der Stadt vielleicht das Wohngeld ersparen, ohne das ich nicht auskomme. Am 17. Dezember sollte mein Probetermin sein, damit ich feststellen konnte, ob der Job überhaupt etwas für mich ist, Arbeitsbeginn 0700 in der Früh.

Es wiederholte sich zunächst das gleiche, was ich vor jedem neuen Job erlebe: Ich konnte die halbe Nacht nicht schlafen, war vor lauter Aufregung um 0530 hellwach, und stand auf, ohne den Wecker bemühen zu müssen. Die kurz zuvor gekauften Energiesparlampen machten sich an jenem Morgen angenehm bemerkbar: Im Wohnzimmer ist ein ganz billiges Modell angebracht, das ein paar Minuten braucht, um auf volle Leuchtkraft zu kommen. Man bemerkt das Einschalten eigentlich nur, wenn es stockdunkel ist, also wie im Winter um halb sechs morgens. Aber das kam mir ganz gelegen, weil es für die Augen angenehmer ist, als ZACK! HELL!

Auf die Wasserdichte meiner Schuhe war und ist Verlass, und ich zog auch nur die Klamotten an, die gerade eine Spur besser als meine zerschlissenen und geflickten Armeehosen waren. Ich packte eine Flasche Wasser und einen Apfel als Mittagessen ein, hoffte aber insgeheim, dass sich dieselben Gelegenheiten ergeben würden wie damals, Ende 2004, im Robert-Schumann-Haus. Wenn da abgeräumt wurde, dann konnte man aus den Servierschüsseln noch warme Kalbsmedaillons aus der Soße fischen, die gerade in meinen Mund passten, irgendwas vom Buffet abgreifen, und nach dem Kaffee am Nachmittag blieb immer das eine oder andere Stück Kuchen liegen – was alles niemandem auffiel, weil die jeweiligen Leistungen ja schon bezahlt worden waren, also z.B. „Mittagstisch für 10 Personen“ oder „Kaffee und Kuchen für 20 Personen“, unabhängig davon, wie viel letztendlich konsumiert wurde (allein der Wein wurde nach angebrochenen Flaschen berechnet).

Um viertel nach Sechs saß ich im Bus Richtung Innenstadt und musste feststellen: Im Bus ist es im Winter um diese Uhrzeit saukalt. Aber beim ersten Mal glaubte ich noch an einen Defekt an der Heizung.

Ich war am Telefon angewiesen worden, vor dem Eingang zu warten, bis die Hausdame (wohl die zivile, weibliche Bezeichnung für den „Spieß“) mir öffnen würde. Ich hatte dieses Haus meines Wissens nach nur einmal betreten, als mein japanischer Freund Kenji auf der Suche nach einem guten Wein war, den er als „Omiyage“, Mitbringsel, mit nach Hause nehmen konnte. Der Domstein hat einen hervorragenden Ruf, was Wein betrifft (meines Erachtens berechtigt), allerdings war Kenji durch den Preis etwas abgeschreckt und wir kauften letztendlich woanders.

Wie dem auch sei, ich erkannte das Innere des Gastraums wieder, wurde aber durch Türen „Nur für Mitarbeiter“ und „Privat“ die Treppe hoch an der Kochküche vorbei in ein Pseudobüro geleitet, das aus einem Schreibtisch vor der Waschküche bestand. Ich füllte schnell einen Personalbogen aus, bekam eine blaue Spülschürze aus Baumwolle, und erhielt einen Notizzettel, was ich beim nächsten mal alles mitzubringen hätte, sofern ich bliebe, also Dinge wie einen Immatrikulationsnachweis, meine Lohnsteuerkarte, und meinen Rentenversicherungsausweis.
Dann ging es in den Lastenaufzug, ein Stockwerk tiefer, über dem Innenhof vorbei, links in die Spülküche hinein, wo bereits drei Personen anwesend waren:

– Die Vorarbeiterin, blond, schlank, um die vierzig Jahre alt, deren Namen ich mittlerweile vergessen habe (man nannte sie in der Regel „Mutti“),

– Dennis, lang und dünn, wohl Ende Zwanzig, mittellange, dunkelblonde Haare, runde Brille, und

– „Leo“, eine nicht ganz intelligent anmutende, aber sehr nette junge Frau Anfang Zwanzig mit recht kurzen Haaren, kräftig gebaut, ohne dick zu wirken, ebenfalls bebrillt.

„Mutti“ wies mir nach kurzer Begrüßung gleich ein paar neue Gummihandschuhe zu, auf die ich meine Initialen schrieb, und führte mich in die „römische Küche“ (dort werden antik-römische Originalrezepte zubereitet) und erklärte mir knapp, dass und wie der Speiseaufzug gewienert und anschließend der Boden gewischt werden müsse. Die Ablagen solle ich sein lassen, weil die Köche dafür selbst zuständig seien. Eine nicht gerade anspruchsvolle Arbeit, die auch in der festgelegten halben Stunde zu machen war.

Innerhalb dieser Zeit hatten die anderen drei das Geschirr vom Abendessen des Vortags zum eigentlichen Spülen vorbereitet und die Hauptküche geschrubbt, und nachdem ich fertig war, ging es daran, den ersten Berg abzuarbeiten: Große Töpfe und Schneidbretter und all das, was die Köche verwenden, kommt in die Spülmaschine zur linken.

Das ganze Kleinzeug wie Teller und Tassen, Besteck, und das Allerlei, das in einem Restaurant für Gäste und von Gästen so gebraucht wird, mit gelben Plastikgitterkörben, 50 x 50 cm, in die Rollbandspülmaschine zur rechten (von der Eingangstür aus gesehen).

Nicht vergessen: Lüftung einschalten, sonst füllt sich der Raum mit Wasserdampf.

Am Ende des Förderbands, wo das fertige Kleingeschirr rauskommt, befindet sich zum einen ein Karren, in den die großen Teller reinsortiert werden, zwei Karren für Salat- und Dessertteller, und ein rollbarer Stahltisch, was mir einen Quadratmeter zum Stehen ließ. Auf dem Stahltisch stehen sechs offene weiße Plastikboxen von 30 x 30 x 50 cm, in die die Kleinteile reinsortiert werden müssen, je nachdem, wo sie nachher hingeliefert werden müssen. Denn der Domstein besteht aus insgesamt drei Gasträumen: Da wäre zum einen der eigentliche „Domstein“, dann noch der „Küfer“, und der „Römerkeller“.
Zuerst muss man also mal lernen, welches Geschirr zusammengehört und welches nicht, weil jede „Abteilung“ spezielle Gedecke hat, die sich nur in Teilen überschneiden. Das gilt für die Reihenfolge der Geschirreingabe und das Aufstapeln davor, wie auch für die Abnahme des gereinigten Materials; dass man Metallwaren anders nachbehandelt, als Keramik (Besteck wird von Hand noch einmal im Spülbecken gespült, in Boxen getrennt und mit einem Tuch bedeckt, Metallschüsseln für Soßen und Pommes werden kurz mit einem Tuch abgewischt, während die Teller von alleine trocknen und die Tassen einfach nur umgedreht und anschließend eingeboxt werden, worauf die Körbe über eine Rutsche zum Einräumer zurückbefördert werden), und wie man mit noch schmutzigen Teilen zu verfahren hat, und das alles unter dem Zeitdruck des gnadenlosen Takts der Spülmaschine. Wenn man zu langsam arbeitet, staut sich das Geschirr und betätigt einen Notausschalter, die Maschine hält an und man erntet missgünstige Blicke von der Vorarbeiterin. Und während all dieser Zeit weicht das warme Wasser Haut und Fingernägel auf. Der Nagel meines linken Zeigefingers, der überstehende Teil, riss irgendwann ein und ab, ohne dass ich etwas davon bemerkt hätte, und bei anderer Gelegenheit fügte ich mir mit einer Kante eine blutende Wunde am rechten Mittelfinger zu, als hätte ich eine Wachsschicht statt Haut am Leib.

Das war dabei noch der einfachere Teil, weil man nach wenigen Wiederholungen (für mich ein Zeitraum von drei oder vier Arbeitstagen) ein Gefühl dafür bekommt, welche Teile wohin kommen. Übler war das alles bei dem Zeug, das in die Hauptküche geräumt werden muss. Dazu gibt es große Rollwagen, von denen in der Küche drei herumstehen, damit die Köche schmutziges Geschirr hineintun können. Wir holten das regelmäßig zum Reinigen ab, und ich habe mir auch nur zweimal die Finger an einem noch heißen Kochtopf verbrannt. In dieser Küche interessierte es scheinbar auch niemanden, ob etwas anbrannte, was den Spachtel am Spülbecken erklärte.

Aus dem Rollwagen kam das Zeug dann gleich in die linke Spülmaschine. Nachdem der Reinigungsprozess abgeschlossen war, nahmen wir alles raus, rieben es kurz ab und stellten es nach einem irgendwie in jahrelanger Erfahrung ermittelten, idealen Muster auf den bereits erwähnten Stahltisch, ein Regal, ebenfalls aus Edelstahl, links neben der Maschine, und die großen Pötte auf den Fußboden unter dem Regal, um es dann in den Rollwagen zu stellen, grob nach Kategorien geordnet, damit man es schneller zuordnen kann.
Zwar merkt man sich auch da schnell, wo die Pommesschüsseln, die Eispokale, die Salat- und die Dessertteller hinkommen, und dass die großen Teller (die man wohl „Turboteller“ nennt) in den Heizschrank unter der Anrichte kommen, allerdings gibt es da, neben der Küche, auch einen Lagerraum, in dem das Material gelagert wird, das die Gäste nie zu Gesicht bekommen, und sich da drinnen auszukennen, ist geradezu eine Kunst für sich, weil natürlich jede auch nur leicht abweichend aussehende Pfanne, Schüssel, oder Kelle einen eigenen Platz hat, und manche Dinge, die denen im Lager ähnlich sehen, kommen gar nicht ins Lager, sondern werden ebenfalls direkt in der Küche gelagert, zum Beispiel Salatanrichtekörbe… oder wie auch immer man den Krempel nennt. Man glaubt kaum, welche Artenvielfalt da herrscht.

Mein erstes Missgeschick passierte zum Beispiel beim Stapeln der Metalleimer (es gibt auch welche aus Plastik), da beschwerte sich doch gleich ein Koch bei „Mutti“: Das, was für  mich wie ein Stapel gewöhnlicher 10-Liter Eimer aus Edelstahl aussah, waren in Wirklichkeit zwei verschiedene Eimersorten – die einen Eimer haben einen Wulst am oberen Rand und die anderen nicht. Das ist der einzige Unterschied, und ich habe keine Ahnung, warum das wichtig ist. Ich hatte aber meistens das Glück, bei Unsicherheit einen der Köche oder Azubis fragen zu können. Abgesehen davon, dass die es nicht mochten, wenn beim Wegräumen mal ein Topf zu laut klapperte, waren die eigentlich sehr nett (und nicht überheblich, wie die „Blauen“ in der Spülküche das von den „Weißen“ ab und zu behaupteten), und ich muss sagen, dass bei den weiblichen Azubis auch zwei sehr leckere Exemplare dabei waren.

Die Küche war auch sonst immer sehr interessant. Erstens roch es da drinnen natürlich ganz toll, und zweitens konnte man immer mal wieder einen Blick auf die Zubereitungsweise erlangen. Ich finde Zwiebeln schneiden in weniger als zehn Sekunden immer wieder beeindruckend. Und das große 80 x 40 cm Becken dort war, wie von mir auf den ersten Blick angenommen, mitnichten für die schnelle Reinigung von Arbeitsgerät zwischendurch vorgesehen – das war ein heizbarer Soßenbottich. Da wurde erst kiloweise alles mögliche reingeschnippelt und dann mit 50 Litern Wasser aufgegossen und gekocht.
Pommes und dergleichen werden übrigens tatsächlich herablassend „Füllbeilage“ genannt und genauso behandelt: Die Dinger haben keinen Wert, es lag ständig zwischen einem Pfund und einem Kilo davon auf dem Fußboden rum (bis die Heinis aus der Spülküche es am nächsten Morgen entfernten, wenn es dem Chefkoch in seltenen Fällen nicht schon vorher zu bunt wurde und er einen Azubi den Besen schwingen ließ).

Gleich auffällig ist eine lebensgefährliche Sache: Meine Schuhe sind zwar wasserdicht und sie bewahren den Träger zumindest angeblich auch vor dem Ausrutschen in Öllachen auf einem Fabrikhallenboden, aber nasse Fliesen sind wie blankes Eis! Meine Fortbewegung war also sehr angestrengt darauf bedacht, keine zu schnellen Richtungswechsel vorzunehmen, und auch diese Anspannung machte sich nach Feierabend in meinen Muskeln bemerkbar. Alle anderen trugen zu diesem Zweck spezielle Latschen, aber ich mag diese halboffenen Dinger nicht und nasse Füße noch weniger. Ich nahm also lieber die Gefahr in Kauf.

Um 0915 gibt es eine erste Pause von 15 Minuten. Die anderen drei nutzten sie dazu, um im Aufenthaltsraum eine zu rauchen, ich nutzte die Gelegenheit, vor der Spülküche mal durchzuatmen und die kühle Morgenluft zu genießen. Bei dieser Arbeit wird einem warm. Sie ist wegen der geforderten Geschwindigkeit körperlich anstrengend genug, und die von den Spülmaschinen ausgehende Hitze tut ihr übriges, um trotz hoher Luftfeuchtigkeit eine überraschend angenehme Temperatur entstehen zu lassen. Sie erfordert Konzentration, und mit wachsender Erfahrung würde ich auch schneller und sicherer werden, es wird einem weder kalt noch langweilig und die Zeit schien wie im Fluge zu vergehen. Klingt an sich wie eine gute Sache.

Um 1230 ist 30 Minuten Mittagspause für die, die keine Köche sind, die sind erst eine halbe Stunde später dran. Bis um 1100 hätte ich ein verbilligtes Essen in der Küche bestellen können, aber da ich was dabei hatte, wollte ich darauf verzichten, und zuletzt ist auch ein Essen zum Selbstkostenpreis immer noch teurer als ein oder zwei Äpfel und ein Liter Wasser.
Dem Herdentrieb folgend ging ich in den Aufenthaltsraum und bereute es sofort: Ungestört davon, dass da Leute saßen und ihr Mittagessen verspeisten, rauchten die anderen munter drauflos. Das waren drei, die aßen, und sechs oder sieben, die rauchten. Niemand kam auf die Idee, ein Fenster zu öffnen oder gar das Rauchen zu unterlassen, bis die Mahlzeiten verspeist waren. Dabei lief der Fernseher, und es hätte kein belangloseres Proletenprogramm sein können, als eine dieser hirnlosen Talkshows auf einem der Privatsender. Man wusste sofort, in welcher Gesellschaft man sich befindet.
Zwischendurch kam die Verwalterin vorbei und fragte mich, was ich von der Arbeit hielte, und ich sagte, dass ich damit klarkäme und gern hier arbeiten würde.

Am Nachmittag um etwa zwei oder halb drei Uhr ist immer eine spezielle Aufgabe zu erledigen, die ebenfalls der Spülküche obliegt: Die Kontrolle der Toiletten. Um diese Uhrzeit ist die Hauptlast erledigt, zumindest das Mittagessen mit seinem Geschirraufkommen ist weitgehend abgearbeitet. Kontrolle heißt, dass wir nachsahen, ob genügend Seife und Toilettenpapier an den dafür vorgesehen Stellen zu finden war. Ich habe nichts dagegen, als Mann für Toiletten mitverantwortlich zu sein, aber was mir schleierhaft geblieben ist, war die Tatsache, dass zumindest während meiner Tätigkeit ausschließlich Männer, ich und ein weiterer der Angestellten, diese Aufgabe erledigten, und zwar sowohl in der Herren-, als auch in der Damentoilette. Bis auf ein leicht unangenehmes Gefühl kam ich auch damit klar, aber ich meldete Bedenken an, ob nicht die weiblichen Gäste davon peinlich berührt sein könnten, wenn sie aus dem Abteil kommen und direkt davor zwei Männer erblicken. Der Einwand wurde als belanglos beiseite geschoben.

Eigentlich, und das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ist der Arbeitstag um 1530 vorbei, das heißt, die Spülküche geht nach Hause und die zweite Kochschicht tritt an. Mitte Dezember brummt allerdings das Weihnachtsgeschäft, und ich dachte mir rein gar nichts dabei, erst um 1630 Feierabend zu haben. Es sollte noch bis Anfang Januar dauern, bis mir das bekannt wurde. Das erklärt wohl die Sprachlosigkeit des Kochs, der sich über mein Topfklappern beim Einräumen beschwerte, und dazu sagte, es ginge den Köchen auf den Keks und wenn das nicht leiser ginge, dann müsse es halt um halb Vier gemacht werden, was ich mit einem verständnislosen „Na und?“ kommentierte.

Zu Feierabend trug ich meine Arbeitsstunden in eine Liste ein und auch die Hausdame fragte mich, was ich von der Arbeit hielte. Ich sagte ihr, dass sie zwar nervlich anspruchsvoll sei, dass ich mit Stress aber klarkäme. Ich erwähnte allerdings die Situation im Pausenraum, und dass ich darin meine Pause nicht verbringen, geschweige denn etwas essen könne, wenn da so viel geraucht werde. Sie bot mir daraufhin an, in der Mittagspause zu ihr an den Schreibtisch zu kommen, da dort wegen der frischen Wäsche in der Waschküche nicht geraucht werden dürfe. Ich bedankte mich für das Angebot, wusste aber, dass ich nie darauf zurückkommen würde, weil es an der Stelle, zwischen Lastenaufzug und Wäscherei, schlicht zu ungemütlich war. Ich fasste den Plan, während der Pause einfach in die Stadt zu gehen und dort eine Kleinigkeit zu essen.
Schließlich bekam ich feste Arbeitszeiten, dienstags und freitags. Ein Tag die Woche hätte mir genügt, aber die Verwaltung hielt zwei für notwendig. Nun gut, das würde mehr Zeit kosten, aber auch mehr Geld bringen.
Außerdem sollte ich morgens den Hintereingang benutzen, der vom Domvorplatz in den Innenhof führte, dort sei ein Holztor gleich links, das für uns offen sei, und innen direkt links hinter dem Tor befinde sich der Lastenaufzug. Ich ging also mit einem guten Gefühl nach Hause. Tellerwäscher bin ich schon, dann kann die erste Million ja kommen, dachte ich auf dem Nachhauseweg.