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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

26. Februar 2010

Welchen Teil von „Antiquitätenmesse“ haben Sie nicht verstanden?

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 12:44

Anfang des noch aktuellen Monats fand wieder eine Antiquitätenmesse in Luxemburg statt, zu der ich mit der Teppichgalerie angereist bin. Den ganzen Vorbereitungsteil können wir an dieser Stelle überspringen, weil ich schon des öfteren von solchen Messen berichtet habe, also muss ich nicht wieder auf das Ausbessern und Einpacken eingehen. Zumindest ist nichts kaputt oder verloren gegangen, also lassen wir das doch.

Interessant wurde es allerdings nach der Ankunft.
Der Tag an sich war geradezu angenehm sonnig, mit etwas Arbeitswärme im Leib konnte man sogar im T-shirt zum Parkplatz gehen, um Ware und Aufbaumaterial aus dem Wagen zu nehmen.
Nachdem dann die Lichtleisten hingen und der „Baldachin“ über den Ständen mal wieder unter diesen Maßnahmen gelitten hatte (wobei ich erwähnen muss, dass der Frontbalken nur ausgebessert und frisch gestrichen war, da er streckenweise aus Presspappe bestand, was mich an der Belastbarkeit der angeschraubten Leiste zweifeln ließ), sollte es daran gehen, die mitgebrachte Ware im Stand unterzubringen, und als das wichtigste dann an der Wand hing, entdeckte die Chefin während einer Pause einen Missstand, der ihr sehr missfiel.

Gegenüber von unserem Stand bot eine weitere Firma Teppiche an, aber sogar ein Laie wie ich erkannte auf den ersten Blick, dass es sich dabei nicht um Antiquitäten, sondern um Neuware handelte, möglicherweise sogar sogar um Katalogware. Ich weiß nicht, wie es genau von statten ging, aber es wurde wenig später ein weiterer Anbieter entdeckt, bei dem es genauso aussah.
Nun, ist das hier eine Antiquitätenmesse oder nicht? Im Händlervertrag ist festgehalten, dass der Großteil der ausgestellten Waren älter als 60 Jahre sein muss. Was wir hier hatten, war also eine bedeutende Aufweichung der Regeln – ist die Messe als Unternehmen LuxExpo bereits so arm, dass das notwendig ist?
Die Chefin marschierte also gleich zur Geschäftsführung und beschwerte sich. Es könne nicht sein, dass auf einer Messe, die für exklusive Waren konzipiert ist, moderne Artikel angeboten werden dürften, und drohte damit, die Messe zu boykottieren und am Stand nicht nur ein entsprechendes Hinweisschild anzubringen, sondern auch einen angemessenen offenen Brief im Trierischen Volksfreund zu veröffentlichen.
Die Geschäftsführung der LuxExpo entschuldigte sich damit, dass man zwar Ausstellungsstücke prüfe, dass Experten für Gemälde, Möbel, Skulpturen, Silberwaren, usw. vorhanden seien – aber keiner für Teppiche. Aber sie könne doch diese Expertise selbst vornehmen? Ausgeschlossen, als Ausstellerin sei sie definitiv befangen – sie könne allerdings unabhängige Experten empfehlen.

Letztendlich wurde ein Sachverständiger für Teppiche aus Antwerpen eingeflogen. Das Ergebnis: Einer der beanstandeten Aussteller musste die Messe verlassen, der andere durfte bleiben, weil die modernen Stücke, die er zeigte, selbst kreierte Musterdesigns waren, und das ist laut Vertrag erlaubt. Ganz klar, dass unsere Galerie das Gespräch der Messe war.
„Na dann, wenn uns in naher Zukunft ein Pflasterstein durchs Schaufenster reinfliegt, wissen wir ja, was läuft,“ sagte ich noch scherzhaft zur Chefin.
Dabei sollte ich das vielleicht nicht zu laut sagen, den Teufel nicht an die Wand malen, wie man so sagt, denn die LuxExpo hat scheinbar mit gewissen Imageproblemen zu kämpfen.
Während einer Haushaltswarenausstellung im vergangenen Jahr, eine große Sache über zwei Hallen verteilt, war ein Stand mit Elektronik, also Fernsehern und Stereoanlagen, komplett ausgeräumt worden. Eine kleine LKW Ladung Zeug im Wert von über 100.000 E, während der Sicherheitsdienst gerade in der anderen Halle weilte. Zufällig? Viele Leute, die ich darüber habe reden hören, sind der Meinung, dass die Abwesenheit der Wachleute alles andere als ein Zufall gewesen sei. Natürlich hat niemand Beweise.
Und zu einer anderen Ausstellung am gleichen Ort habe wohl ein Experte einen Stand mit gefälschten Barockgemälden enttarnt, der daraufhin ausgeschlossen wurde – was damit endete, dass besagter Experte, als er eine Weile später die Halle verließ, auf dem Parkplatz mit vorgehaltener Pistole bedroht wurde. Wo sind wir hier eigentlich?

Die Luxemburger Messe hat sich in den vergangenen 30 Jahren aus dem Schattendasein eines besseren Flohmarktes erhoben, und wir hoffen eigentlich nicht, dass sie wieder auf dem Weg dorthin ist.
Die Teppichgalerie zieht jedenfalls zunächst die Konsequenz, keine Ware mehr am Stand zu lagern, sondern nur noch ein paar repräsentative Stücke an die Wand zu hängen, die man am Abend schnell mal ins Auto legen und mitnehmen kann, sodass der Stand leer ist. Das macht natürlich die ganze Arbeit viel schneller, weil wir nicht mehr soviel aufbauen, und beim Abbau nicht mehr über 100 Lagernummern kontrollieren müssen, ganz zu schweigen von der Zeit, die es dauert, so viel Ware auszusuchen, zu erfassen, einzuladen, auszuladen, anzuordnen, wieder einzuladen, zuhause wieder auszuladen, Vollständigkeit zu prüfen, und wieder in die ursprünglichen Stapel einzuordnen.
Angedachte Konsequenz ist, sich wieder nach ferneren Messen umzusehen. In Metz zum Beispiel. Das ist natürlich ein gutes Stück Weg, aber wenn man dafür eine Messe mit besserem Ruf und damit mit mehr potentieller Kundschaft bekommt, ist das eine Überlegung Wert. Und ich sage „wieder“, weil das früher die Norm war. Der verstorbene Herr G. hatte wohl die Gewohnheit, jedes Jahr auf ein Dutzend oder mehr Messen zu fahren, und auch eigene, kleine, zu veranstalten.
Natürlich waren das ganz andere Zeiten. Das waren die Zeiten, als der Mittelstand nach dem Krieg wieder genügend finanziellen Wohlstand für derartigen Luxus angehäuft hatte. Damit ist es heute vorbei, also sind die Chancen, dass in naher Zukunft ein solcher Messebetrieb einsetzt, eher gering. Ich glaube, das Hauptgeschäft besteht heute daraus, die in den Siebzigern und Achtzigern verkauften Teppiche zu restaurieren und in Einzelfällen zu ersetzen – die Chefin sagt, übermäßig staubsaugende Haushaltshilfen und gelangweilte Hunde seien ihre besten Freunde.

Ganz neue Dinge waren die, die sich nicht ereigneten: Nach Sonnenuntergang wurde es zwar eisig kalt, aber bis auf ein paar Schneeflöckchen von der Größe von Zuckerkörnern blieb es trocken; kein Regen, kein Eis, kein Schnee, das war auf der Heimfahrt richtig entspannend, und schon beinahe langweilig zu nennen.

Zuletzt mein besonderer Dank an unsere Nähmeisterin, die mir wohlwollend ein dickes Pausenbrot in die Hand drückte – Butter, Käse, Paprika. Und ausgerechnet dieses Jahr hatte ich ausnahmsweise und zum ersten Mal im Lauf der Jahre meiner Tätigkeit im Teppichladen ein eigenes Pausenbrot dabei.

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