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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

24. Juli 2024

Samstag, 24.07.2004 – „Normal“ ist ein subjektiver Begriff

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 15:12

Heute schlägt das Wetter so richtig zu – das Thermometer klettert auf die diesjährige Rekordmarke von 30 Grad Celsius. Und morgen soll sich das noch steigern. Meine Güte, man vergeht hier vor Hitze. Ich weiß auch, dass ich in Deutschland schon heißere Tage erlebt habe, aber die Luftfeuchtigkeit hier haut mich beinahe aus den Latschen.

Ich schlage mir den Tag in der Bibliothek um die Ohren, wo ich ausnahmsweise auf Anhieb einen Platz gefunden habe, während Melanie zusammen mit ihrem Kultur-Seminar irgendein Kraut ernten geht, mit dem man Stoffe indigoblau färben kann. Die Färberei gehört im Anschluss auch mit dazu und Melanie holt sich hübsch blaue Ränder um die Fingernägel, die aussehen wie ungesunde Blutergüsse; als hätte jemand mit einem Hammer drauf geschlagen. Das Tuch, das sie gefärbt hat, wird hinterher allerdings nicht tiefblau, sondern eher olivgrün… was ist da wohl schief gegangen? Würde mich natürlich interessieren, wie sich die Tücher der anderen so verhalten haben.

Ich mache heute insgesamt wohl kaum sehr sinnvolle Dinge, und das Forum bietet heute ein paar interessante Diskussionsmöglichkeiten. Außerdem stelle ich fest, dass der DivX-Player, der sich ja bedingt auf dem Unisystem installieren lässt, seinen Dienst nicht mehr verrichtet. Ich versuche es mit einem Update, und seitdem geht gar nichts mehr. Bei der ersten Installation vor einem halben Jahr habe ich noch ein dutzend Male auf „Fehler ignorieren“ gedrückt und die Filme liefen trotzdem. Jetzt erhalte ich keine Fehlermeldungen mehr, aber das Programm läuft nicht. Also kann ich vorerst keine Filme mehr sehen.

Zum Abendessen kaufe ich Pizza, weil mir gerade danach ist. Die „Half & Half“ Pizza ist gar nicht schlecht, eine Hälfte Thunfisch, eine Hälfte Salami, und ist geschmacklich die beste, die ich in Japan bisher gegessen habe. Ich kaufe noch Extra-Käse dafür. Dabei fällt mir auf, dass man sich auch an japanische Preise gewöhnt, wenn man nur lange genug vor Ort ist. In Deutschland würde ich jedem, der mir eine Pizza aus dem Tiefkühlfach für 3,00 E verkaufen will, den Vogel zeigen, und umgerechnet 4,00 E für 450 Gramm geraspelten Käse würde ich zuhause auch ein starkes Stück nennen.

23. Juli 2024

Freitag, 23.07.2004 – Sie waren sieben…

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Da mein Referat für heute bereits fertig ist, verbringe ich meine Zeit im Center mit der „Pflege“ meines Postfachs. Ab 12:30 können wir dann für das „Reisseminar“ unsere Handouts kopieren und um 12:40 mit den Kurzvorträgen loslegen. Da wie üblich keiner der erste sein will, mache ich den Vorschlag, ganz einfach ganz links oder ganz rechts anzufangen und die Reihe durchzugehen. Melanie sitzt ganz links und beginnt. Ihre Schwierigkeiten bei der Aussprache des englischen Begriffs „Subsidies“ konnten im Vorhinein zwar nicht gelöst werden, aber dennoch ist es ein solider Vortrag für die Leistungsebene, in der wir uns in diesem Seminar bewegen.
Dann bin ich dran und rede nicht über Reis im Sinne eines Nahrungsmittels, sondern über „Rice“ als Begriff im amerikanischen Englisch und was man daraus machen kann. Schon mal den Begriff „Riced Car“ gehört? Ich auch nicht. Auf Deutsch würde man wohl sagten „Aufgemotzte Karre“, ein Auto mit vielen optischen Extras, die einen aggressiven, sportlichen Look ausmachen sollen. „Spanish Rice“ wäre das genaue Gegenteil – eine alte Schrottkiste, die in Deutschland nie über den TUV käme, aber in den USA in ärmeren Gebieten anzutreffen ist, oft gefahren von Leuten lateinamerikanischer Herkunft, die sich nichts Besseres leisten können. Ich erreiche den gewünschten Unterhaltungseffekt und bleibe von Fragen verschont.
Die übrigen Vorträge halten sich in einem vernünftigen und ernsthaften Rahmen. Interessant fand ich auf jeden Fall, dass die thailändische Version von „Hallo, wie geht’s?“ auf „Heute schon Reis gegessen?“ lautet. Aber angeblich sagt man in Osaka unter Geschäftsleuten ja auch „Heute schon Geld verdient?“

Ogasawara-sensei hat zum Semesterende den Plan gefasst, einen Film vorzuführen. Natürlich nicht, ohne vorher den Unterrichtsstoff zu Ende zu behandeln, was angesichts der Restzeit ihr Vorhaben reichlich obsolet erscheinen lässt. Sie hat „Shall we dance?“ ausgesucht. Es handelt sich dabei um einen Tanzfilm der japanischen Art und ich möchte betonen, dass es sich dabei um ein japanisches Original handelt – der Film mit Richard Geere ist die Kopie. Ein (verheirateter) Geschäftsmann sieht aus seiner S-Bahn heraus eine melancholisch und geheimnisvoll anmutende Frau am Fenster einer Tanzschule stehen und nimmt fortan Tanzunterricht – mit sehr zaghaften und lustigen, wenn auch klischeehaften, Anfängen. Es sind ein paar bekannte Gesichter in dem Film zu sehen, aber erst Takenaka Naoto macht die Angelegenheit so richtig interessant. Könnte die beste Rolle sein, in der ich ihn seit langem (ähem, im Laufe des vergangenen Jahres…) gesehen habe. Aber die Zeit ist leider knapp, wie ich bereits angedeutet habe, und wir bekommen vielleicht etwas mehr als eine halbe Stunde zu sehen, bevor die Unterrichtszeit um ist. Ich bleibe noch ein paar Minuten länger, muss dann aber auch gehen, weil ich erstens noch in mein Postfach sehen möchte und zweitens habe ich heute eine größere Verabredung.

Ich habe bereits letzten Monat für heute ein Tabehôdai im MooMoo angekündigt und warte ab 17:00 dort vor der Tür voller Spannung, wer letztendlich denn wohl kommt. Und in dieser Situation, während ich noch mit meiner Post zu Gange bin, eröffnet mir Valérie, dass in der Nähe der Shimoda Heights I (also dort, wo sie und Irena und Misi wohnen) eine Grillparty stattfinde, wo sich auch eine größere Anzahl der Studenten einfinden werde. Ah, deshalb ist die Zahl der Zusagen mal wieder so gering. Aber vielleicht war die Ankündigungszeit auch zu lang, und außerdem bin ich nicht der geborene Propagandist. Valérie und Misi z.B. pflegen ja viel engere Kontakte zu Austauschstudenten als ich, und von daher könnte meine Ansage schlicht vergessen worden sein. Ach, was soll’s, ich stelle mich einfach mal da hin und warte, wer kommt, und wenn es zu wenige sind (weniger als fünf Personen), dann können wir ja immer noch zur Party gehen.
Schließlich kommen dann Mei, BiRei, Yukiyo, SangSu, Shin und Melanie. Wir sind also zu siebt… eine direkt schicksalhaft anmutende Zahl. Wir beschließen, dennoch zum Yakiniku-Tabehôdai zu gehen und auf die anderen zu pfeifen. Dann stopfen wir uns eben im kleinen Rahmen voll. Shin quengelt zwar, dass keiner der anderen Chinesen da ist, mit denen er sonst immer Kontakt pflegt (ob ihm überhaupt klar ist, dass Mei und BiRei ebenfalls chinesische Staatsbürger sind, weiß ich nicht), aber ich überrede ihn, sich uns dennoch anzuschließen. Er soll ja essen, nicht reden. Der Laden ist weitgehend leer, wie um diese frühe Zeit zu erwarten, bis auf eine Fünfergruppe Schülerinnen, die während unserer Wartezeit bereits hineingegangen war. Wir haben also freie Tischauswahl. Einer natürlichen Regung folgend, suche ich einen Tisch mit Stühlen aus.

Der Spaß geht bereits bei der Getränkeauswahl los. Wir werden uns schnell einig, 200 Yen draufzulegen und ein Softdrink-Nomihôdai einzuschließen – wenn auch nicht einstimmig. Shin weiß entweder nicht, was er will, oder er leidet an mangelnder Kommunikationsfähigkeit. Zuerst fasst er ein alkoholisches Nomihôdai ins Auge, aber das würde seinen Preis auf 3300 Yen hochschrauben, und das ist wohl etwas viel. Dann fragt er nach Bier, und der Kellner, dessen wachsenden Verwirrungsgrad man deutlich erkennen kann, legt ihm Preise und Mengen dar. „Das ist aber teuer!“ bemerkt Shin frei raus, und ich muss mich beherrschen, wegen dieser Unverfrorenheit nicht laut zu lachen. Als er dann zwischen warmem und kaltem Sake schwankt, helfe ich seiner Entscheidung nach und ermuntere ihn, kalten Sake zu trinken, weil das Wetter so heiß ist. Nachdem das geschafft ist, packe ich mir zwei große Tabletts voll mit Fleisch und wir fangen mit dem Essen an.
Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet ich auf solche Methoden zurückgreifen würde, aber da Shin die ganze Zeit still vor sich hin isst, muss ich ihm die eine oder andere Frage stellen, weil ich glaube, dass er sich sonst ausgeschlossen vorkommt. Er befindet sich hier unter lauter jungen Leuten, von denen ich zwar der älteste bin – aber ich bin immer noch mehr als 15 Jahre jünger als er. Zu meinem Glück springt auch Yukiyo auf diesen Zug auf und ich muss ihn nicht mehr alleine bearbeiten. So bekommen wir heraus, dass er 43 Jahre alt und seit 14 Jahren verheiratet ist, und einen Sohn von 13 Jahren hat. Dass er in Pharmazie promoviert hat, wusste ich immerhin schon. Seine Frau jedenfalls ist Ärztin und befindet sich ebenfalls in Hirosaki, während der Sohn in China bei den Großeltern lebt. Seine Frau ist auch der Grund, warum er die ganze Zeit über im Kaikan wohnen kann. Normalsterbliche Studenten dürfen da nur ein Jahr bleiben (auch Marc bereitet sich auf seinen Auszug vor), aber verheiratete Paare genießen Sonderregelungen. Er ist bereits seit drei Jahren hier und wird wohl noch zwei Jahre bleiben. Außerdem ist rasch zu bemerken, dass er gar kein Fleisch isst, sondern ausschließlich Fisch und andere Meeresfrüchte. Ja, er mache das mit Absicht, er möge kein Fleisch. Ich bin verdutzt und muss mir die Frage stellen, warum er trotz der geringen Auswahl an Meeresfrüchten einer Einladung in ein solches Restaurant folgt, zu einem „Yakiniku Tabehôdai“ – einem „So viel Sie an Grillfleisch in sich reinstopfen können, bevor Sie platzen“ Essen.

Um etwa 19:00 sind wir dann wieder einmal pappsatt. Ich habe drei Tabletts mit Fleisch und eine große Portion Nachspeise verschlungen. Ich werde solche Gelegenheiten in Deutschland wirklich vermissen, wo es leider keine Restaurants gibt, die auf diese Art von Essvergnügen ausgelegt sind. „All you can eat“ gibt es bei uns bestenfalls mal als seltenes Sonderangebot, und die letzten beiden, die ich in den vergangenen 15 Jahren gesehen habe, konnte man im Pizza Hut bestellen – da würde ich wirklich nur essen, wenn man mich einlädt, und auch dann nur ungern. Die Pizza schmeckt nach Seife, weil den Leuten öfters das Gewürzfass mit dem Oregano ausrutscht, und die Portionen sind so klein, dass es sich vom Preis her gar nicht lohnt, dort zu essen.

Wir machen ein paar Erinnerungsfotos und es wird mir bewusster denn je, dass all das bald nichts anderes mehr als Erinnerung sein wird. Volker hat mich vor meiner Abreise nach Japan gefragt, ob mir die letzten Tage in Deutschland nicht irgendwie „unwirklich“ vorkämen. Nein, so kamen sie mir in Deutschland auf jeden Fall nicht vor. Dieses Gefühl befällt mich jetzt. Als ob ich abgesetzt von meinem Körper das Geschehen wie im Fernsehen beobachten würde. Oder als ob ich träumte und mir im selben Moment bewusst wäre, dass der Wecker gleich klingeln müsse. Das trifft es wahrscheinlich am ehesten. Ich fürchte, dass Sebastian Recht haben und ich Japan mehr vermissen könnte, als Deutschland. Aber auch die Zeit vom Oktober 2003 bis zum August 2004 wird niemals den Sommer 1997 toppen können – und den habe ich ganz eindeutig in Deutschland verbracht. Ich betrachte meinen Japanaufenthalt also als die zweitbeste Zeit in meinem bisherigen Leben.

Zwischendurch hat sich der Laden weitgehend gefüllt, sogar der Ersatzraum weiter hinten scheint benutzt zu sein. Rechts hinten neben meiner Position befindet sich eine Gruppe junger Frauen (oder sagen wir besser „Mädchen“), deren Klamotten so „hip“ sind, dass ich davon gleich Augenbluten bekomme, wenn noch einmal eine durch mein Sichtfeld geht. Gleichzeitig sind sie auch so lebendig (sprich: „laut“), dass der ältere Herr am Tisch gegenüber offenbar Ohrenbluten zu bekommen droht und sich dieselben auch mehrfach zuhält. Schließlich gibt er entnervt auf und verlässt das Lokal. Ich fühle mich wenig gestört, da unsere „Nachbarinnen“ für mich nur eine Geräuschkulisse im Hintergrund sind, die ich kaum bewusst wahrnehme.
Um halb Acht bezahlen und gehen wir dann. Wir spalten die Rechnung nach gleichen Teilen auf. Ich zahle alles, um den Geschäftsablauf zu beschleunigen und sammele dann von jedem 1800 Yen ein. Shin gibt mir das Geld und macht dann das, was man wohl einen „französischen Abgang“ nennt – er verschwindet einfach. Draußen sehe ich ihn gerade noch mit seinem Fahrrad um die Ecke biegen. Ich hab’s versucht, aber wenn er nicht will…
Wir übrigen trennen uns an der Tür, bis auf Yukiyo und SangSu, die uns noch auf den Campus begleiten, weil Melanie ja ein neues Fahrrad braucht. Wir trennen uns erst am Physikgebäude, wo Yukiyo in Richtung Nishihiro abbiegt und SangSu schon mal nach Hause fährt, weil er ja keinen Grund hat, auf uns zu warten.

Wir nehmen ein Rad aus dem völlig überwucherten Abstellplatz, prüfen, ob die Technik herhält, was sie herhalten soll, schrauben das Schloss ab und pumpen am „Cycland“ neue Luft in die Reifen. Dort steht immer noch nachts ein Eimer aus, in dem zwei Luftpumpen stehen, und immer noch ist eine davon kaputt. Offenbar hat das noch keiner dem Besitzer mitgeteilt, aber ich habe auch wenig Interesse, das zu tun, weil ja eine Pumpe funktioniert und mehr brauche ich auch nicht.

22. Juli 2024

Donnerstag, 22.07.2004 – Tanzende Mädchen!

Filed under: Japan,Musik,My Life,Uni — 42317 @ 12:20

Nach dem Unterricht gehe ich gleich ins Center und kurz darauf erscheint Kazu. Sie sagt, die Veranstaltung ihrer Oberschule beginne um 10:40. Ich sehe auf die Uhr: „10:30“ sagt die. Ich beende also, was ich gerade schreibe und besteige mein Fahrrad, um zur Bürgerhalle am Rand des Stadtparks zu fahren.
Auf dem Weg verabschiedet sich das rechte Pedal meines Fahrrades. Es ist der Druckkraft meines Körpergewichtes bei der Beschleunigung aus dem Stand nicht gewachsen. Nun ja, ein Rad, das umsonst war, muss wohl auch Nachteile haben. Es scheint, dass der Hauptteil des Pedals, auf dem der Fuß ruht, ein aufsteckbares Plastikteil ist, dessen Halterung offenbar schon ziemlich ausgeleiert ist. Was übrig bleibt, ist ein etwa fünf Zentimeter langer Stumpf. Damit fährt es sich zwar nicht ganz so bequem, aber es ist machbar. Wer hat sich dieses Patent bloß ausgedacht? Wozu soll das gut sein, dass man das Pedal teilweise entfernen kann? Warum nicht einfach ein Metallpedal mit Kugellager, fest installiert und aus einem Stück?
Als nächstes muss ich am Eingang des Parks einem Mittelschüler ausweichen, der es offenbar jenseits jeder Rücksichtnahme eilig hat. Ich kann gerade so vermeiden, in der Hecke zu landen, fange mir aber einen 20 cm langen Kratzer am linken Arm ein, der angesichts der Hitze und des Schweißes leicht zu brennen beginnt. Aber das kann ich in ein Kämmerchen in meinem Hinterkopf sperren. Die große Hitze und die pralle Sonne sind schon schwerer zu ignorieren, von daher bin ich ganz froh, als ich dann endlich in das klimatisierte Gebäude komme. Ich suche mir einen Platz möglichst weit vorne, der es mir erlaubt, die ganze Breite der Bühne auf einem Foto erfassen zu können. Von weiter hinten hätte ich nur eine helle Fläche in der Mitte einer schwarzen Fläche statt einer beleuchteten Bühne in diesem dunklen Raum. Kazu sitzt mit angestrengten Augen da, weil sie ihre Brille vergessen hat. Ich mache einen Scherz und sage, dass es ja auch eigentlich mehr ums hören als ums sehen ginge.
Es handelt sich wohl jeweils um die Mädchen einer ganzen Klasse, weil nie weniger als ein Dutzend davon auf der Bühne stehen. Die Nummern sind modern, die Musik amerikanisch. Es wundert mich direkt, dass nicht die grausigen japanischen Kopien der nicht minder grausigen amerikanischen Originale laufen, also Britney Spears, Jennifer Lopez , Christina Aguilera und Konsorten versus Hamasaki Ayumi, Misia, Utada Hikaru und was weiß ich, wie die alle heißen. Die Hälfte von dem, was ich mitbekomme, gefällt mir zwar auch nicht, aber immerhin ist es besser, die Originale zu spielen, als die noch blasseren japanischen Popkopien. Es läuft aber nicht nur aktuelle Chart-Musik. Auch „Larger than Life“ (ich glaube, das ist von den Backstreet Boys, und es gibt ein tolles Cowboy Bebop Fanvideo dazu) läuft hier zum Beispiel.
Das Publikum ist eigentlich auffälliger als die Darbietungen selbst. Da sitzen ganze Fanclubs (vornehmlich weiblich) in den Reihen, die ihre jeweilige Favoritin anfeuern und es auch während der Auftritte nicht an lautstarken Zurufen mangeln lassen. Direkt vor der Bühne sitzt eine Reihe von Jungs, die an sich das gleiche machen, nur weniger schrill, und sie bringen am Ende jeweils einen Strauß Blumen „an die Frau“.

Nach den Tanznummern, die weitgehend irgendwie alle gleich waren, was Choreografie und Musikstil betrifft, fällt der Vorhang und hinter diesem bereitet sich das Orchester der Schule auf seinen Auftritt vor. Nach knapp zehn Minuten ist der Umbau beendet und es folgt ein Konzert von 40 Minuten. Der Dirigent muss ein beliebter Lehrer sein, weil auch er zu Beginn positive Zurufe aus dem Publikum erhält, als er gerade mit dem Taktstock ausholt. Er lacht und hält den Zeigefinger an die Lippen. In Deutschland würde ich nie erwarten, dass jemand seinen eigenen Lehrer anfeuert. Bei uns scheint man ja eher froh, wenn man „das Pack“ endlich los ist. Ich bin eigentlich kein großer Fan von Blasorchestern (zum Leidwesen meines Großvaters), aber die Jungs und Mädchen da unten sind zumindest nicht schlecht, soweit ich das beurteilen kann. Zumindest sind sie besser als die MusikerInnen der Oberschule in unserer Nachbarschaft in Nakano, deren Bemühungen wir seit Ende der Winterpause wieder jedes Wochenende bewundern dürfen.
Kazu erzählt, dass morgen ein regionaler Wettbewerb solcher Schulorchester stattfinde und bedauert, dass die hier anwesenden Musiker wegen des heutigen Festes keine Zeit zum Üben hätten. Allerdings muss ich mich dann auch fragen, ob das Konzert hier denn keine Übung ist?

Nach dem Konzert ist die Sache auch schon gelaufen, aber wir bleiben noch eine halbe Stunde sitzen, weil es hier so schön kühl ist. Dann gehen wir zum Ausgang. Offenbar war das Timing gut, weil Kazu plötzlich von einer Gruppe Schülerinnen lautstark begrüßt wird. Im ersten Moment habe ich damit gerechnet, einen Gehörsturz zu erleiden. Dasselbe wiederholt sich, wenn auch in geringerem Maße und nicht mehr ganz so laut, noch mehrere Male. Ich sagte ja bereits, dass sie offenbar niemand Unbekanntes ist. Der letzten Gruppe werde ich auch vorgestellt und aufgefordert, meine Meinung über die Show zu sagen. Ich möchte beinahe vermuten, dass Kazu mich hier auf die Probe stellen will, da ich während unserer „Ruhezeit“ nach dem Ende der Veranstaltung zwar die gründliche Vorbereitung gelobt, aber die roboterhafte Ausführung bemängelt hatte. Ich wiederhole, was ich über die Vorbereitung bereits gesagt habe und halte mich mit dem Rest bedeckt. Ich kann ihnen ja schlecht ins Gesicht sagen, dass sie mit der Ausdruckskraft eines C3PO tanzen, als ob sie an Fäden hängen würden. Also lobe ich die bewundernswerten Bemühungen, die man ja wirklich sehen konnte. Und dennoch, meine Güte, machen die fünf Mädchen Gesichter, als ob sie gleich weglaufen und sich im nächsten Mauseloch verstecken wollten! He – ich habe gesagt: „Ihr habt Euch sehr gut vorbereitet und ich finde das toll“, und nicht „Ich schlepp Euch zu mir nach Hause und esse Euch zum Nachtisch!“ Sehe ich so besorgniserregend aus?
Kazu sucht noch einen der Lehrer, weil sie ein paar Worte mit ihm reden möchte. Allerdings scheint er vom Erdboden verschluckt und keiner kann ihr sagen, wo er hingegangen sein könnte. Wir kehren also zur Universität zurück.

Im Center übertrage ich gleich meine (wenigen) neuen Bilder auf den Computer, und danach besteht der Tag eigentlich nur noch aus Pause. Es ist mir kaum möglich, konzentriert an etwas zu arbeiten. Erstens ist es viel zu heiß und zweitens ist irgendeinem verantwortlichen Trottel eingefallen, den Haupteingang unseres Gebäudes ausgerechnet ab Beginn der Klausurenphase restaurieren zu lassen. In den vergangenen Tagen ist da ein schweres Arbeitskommando angerückt, das mit kleinen Baggern, Schleifmaschinen, Metallfräsen und Presslufthämmern zu Gange ist. Der entsprechende Abschnitt wird offenbar komplett entkernt und neu gemacht! Sind die nicht ganz bei Trost? Warum machen die das jetzt und nicht erst nach dem 30. Juli, wenn alle Klausuren geschrieben sind und man keinen mehr stören kann? Die Fensterwand des Ryûgakusei Centers liegt genau im Schallbereich der Baustelle. Das finde ich ganz toll… Die Bibliothek dürfte ja wegen der anstehenden Hausarbeiten voll sein, also brauche ich da auch nicht hinzugehen. Außerdem liegt auch die Bibliothek im Einwirkungsbereich der Baustelle, nur eben vor dem Eingang, anstatt dahinter. Und zusätzlich hat man in der Bücherei die Wahl, entweder wegen des Lärms die Fenster zu schließen und vor Hitze und Menschengeruch zu vergehen, oder aber die Fenster zu öffnen, sich den Schmalz aus den Ohren hämmern zu lassen, dafür aber frische Luft zu haben.

21. Juli 2024

Mittwoch, 21.07.2004 – Einführung in „Neputa“

Filed under: Japan,Musik,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Ich halte bei Kondô-sensei heute ein weiteres Referat, diesmal über die Zinspolitik der US Reservebank und deren Folgen für die wegen der anhaltend niedrigen Zinsen völlig überschuldeten Amerikaner. Simultan gibt es dazu einen Artikel aus der New York Times über Insiderverkäufe von Aktien. „Wo glauben sie liegt der Zusammenhang zwischen den beiden Texten?“ fragt Kondô. Ich habe keine Ahnung. Der Zusammenhang bestehe  darin, erklärt er, dass man als Großanleger Aktien verkaufe, wenn die Zinsen steigen und in andere Dinge investiere, weil sich der Gewinn dann nicht mehr maximieren lasse. Wie dem auch sei, mein Bezug zum Thema hält sich etwa am Nullpunkt.

Hugossons Unterricht im Anschluss… findet nicht statt. Ich setze mich stattdessen ins Center, schreibe Post und helfe KiJong ein bisschen beim Schreiben ihres eigenen Berichtes für ein Thema von Hugosson. Der lässt sich aber noch selbst sehen und mahnt mich zur Abgabe meiner beiden fälligen Berichte, über die Umwelt-NPO an der Uni und über den Besuch bei Harappa. Mein Tagebuch erfüllt hier den praktischen Zweck einer Gedächtnisstütze, da ich nach so langer Zeit überhaupt nicht mehr recht weiß, was da im Einzelnen gelaufen ist. Schlecht ist, dass es den Einträgen der vergangenen Wochen etwas an Detailqualität mangelt, weil ich mit dem Schreiben ständig hinterherhänge. Es ist so warm, dass ich eigentlich nur in der Gegend herumliegen möchte, ohne mich bewegen zu müssen. Das Center verfügt immerhin über eine effektive Klimaanlage.

Zwischendurch fahre ich in die Stadt zu dem gefundenen Spieleladen und hole „Command & Conquer“ ab.[1]

Im Center zurück erinnert mich Jû daran, dass wir heute eine Verabredung mit Kazu haben. Offenbar hat sie für das Neputa ihrer Oberschule kräftig die Werbetrommel gerührt.
Um exakt 19:00 stehe ich dann also vor dem Kaufhaus Nakasan und warte… ich bin der einzige, der am Treffpunkt steht. Aber irgendwann kommt Baqr an und meldet, dass Kazu sich verspäten werde. Um 19:25 sind dann wohl alle da, die kommen sollten oder wollten. Baqr, Kazu (mit einer Freundin), Jû, Irena, Valérie, Chris (und ein Freund aus Chile, der zu Besuch hier ist), Melanie und ich. Bis zum Nachmittag dachte ich noch, dass es sich um eine Art Schulfest mit Neputa-Thematik handele, aber es handelt sich in der Tat um einen ganzen Umzug – wenn auch im kleinen Maßstab, weil ja nur eine Schule beteiligt ist. Jede Gruppe schiebt und zieht einen Wagen, auf dem wilde Krieger, Dämonen und geheimnisvolle Damen abgebildet sind. Zum Teil handelt es bei den Lampenschirmen (also um Metallgeflechte, die mit Wachspapier bespannt sind) um dreidimensionale Figuren, zum Teil sind es einfachere Konstruktionen in grober Halbkreisform, auf denen recht blutrünstige Szenen aus der japanischen und buddhistischen Sagenwelt in zweidimensionaler Form dargestellt sind. Die Wagen werden von innen beleuchtet und auch hin und wieder gedreht. Auf diesem Umzug hier werden die übergroßen Lampen mit Hilfe von eingebauten Motoren gedreht.
Es handelt sich nach meiner Zählung um 25 Wagen und ich bekomme gerade so das „Best Of“ auf meinen Kameraspeicher. Natürlich werden nicht alle Bilder was, weil Menschen und Wagen in Bewegung sind. Wenn ich die Geschwindigkeit der Objekte nicht im richtigen Winkel zur rechten Zeit mitmache, sorgt die unnötig lange Belichtungszeit meiner Kamera dafür, dass ich nur eine undeutliche Masse auf dem Bild habe. Aufnahmen im Dunkeln sind eh nicht so das Ding dieses Yakumo-Produkts… die Bilder werden grobkörnig, und wenn ich eine weiße Lichtquelle im Bild habe, schaltet sich die automatische Helligkeitsreduktion ein und die dunkleren Flächen werden annähernd schwarz. Oder die dunklen Flächen bleiben so, wie sie eben sind, und dafür verwandeln sich die hellen Flächen in eine undeutlich schimmernde Masse ohne Strukturen und Farbstufen. Aber es macht großen Spaß, den wild trommelnden, grölenden und pfeifenden Oberschülern zuzusehen. Man kann deutlich das Leben in dieser Darbietung spüren. Wenn Japaner doch immer so lebendig bei ihren Auftritten wären! Das hier wurde wohl nicht im Detail geübt, also dringt eine Spontaneität durch, die nicht durch ständiges Üben und Wiederholen abgewürgt wurde. Was will man auch groß üben? Die Wagen werden über die Hauptstraße gezogen, hin und wieder gedreht und die Jungs und Mädels rufen „Yaa Yadô!“. Dazu braucht man keine Übung, sondern ein lautes Organ. Wer so was nicht hat, spielt halt Flöte oder bedient die Trommel. Das Flötespielen sollte man üben, ja. Wenn man etwas Taktgefühl hat, hat man die Trommeln nach zwei Minuten im Griff.
Kazu scheint auch niemand Unbekanntes zu sein. Einige der SchülerInnen und LehrerInnen erkennen sie wieder, andere werden von ihr angesprochen und so weiter, obwohl sie bereits eine Weile weg von der Schule ist. Aber das sei nicht ungewöhnlich, sagt sie. Erstens halte sie oder man einen gewissen Kontakt mit seiner alten Schule (ich bin jetzt nicht sicher, ob sie von sich oder von der Allgemeinheit spricht) und zweitens wolle sie Lehrerin an dieser Schule werden, da sei es nicht schlecht, Fühlung mit dem potentiellen Arbeitgeber zu halten. Ich erinnere mich, dass ich im Frühjahr 1999 meine Schule besucht und auch meinen Englischlehrer Spang getroffen habe, der mir da schelmisch erklärte, dass er sich nach seinem Abitur dort erst mal 20 Jahre nicht habe sehen lassen.
Der Umzug dauert etwa eine halbe Stunde, dann überlegen wir uns, was wir weiter mit dem jungen Abend anfangen können. Irgendwoher kommt der Vorschlag, zu den Gasteltern von Chris zu gehen, die wegen des kommenden Neputa Festes heute wohl irgendeine offene Party am Start hat. Wir bewegen uns dann langsam in die entsprechende Richtung und es sickert ebenso langsam durch, dass vermutlich gar nicht genug Platz für uns alle sein wird – was aber nicht etwa den einen oder anderen zum Aufgeben bewegt, sondern gleich die ganze Gruppe als solche „vernichtet“. Die meisten gehen nach Hause, Chris geht zusammen mit seinem Besucher zur genannten Party, und Melanie und ich überlegen gemeinsam mit Kazu, wo wir was zu essen herbekommen könnten.

Da wir gerade in der Nähe sind, schlage ich vor, zum „Curry Maharadja“ zu gehen, aber es stellt sich heraus, dass der heute geschlossen hat. Kazu kennt auch kaum Restaurants in der Gegend, schlägt aber eines vor, dass sie von Erzählungen ihrer Mutter kennt. Es handelt sich, einfach ausgedrückt, um einen Yakiniku-Laden, aber das Innere verspricht gehobene Atmosphäre, ebenso wie uns die Speisekarte der überdurchschnittlichen (wenn auch noch nicht japanisch-teuren) Preise versichert.
Zunächst einmal befindet sich am Eingang ein großer Schuhschrank mit abschließbaren Fächern. Ich verzichte auf Latschen, weil sie eh zu klein sind. Das Innere des Restaurants ist gediegen und sauber, dunkel lackiertes Holz. Der Service ist erstklassig, das muss ich sagen, sogar für japanische Verhältnisse. Die Bedienung ist sehr freundlich, und ich ziehe das dem Prädikat „höflich“ grundsätzlich vor. Unterwürfigkeitsgesten von Seiten des Personals sind mir immer wieder unangenehm. Aber die hier machen ihre Sache gut, scheinen sehr sympathisch und reden vor allem ein verständliches Japanisch.

Wir essen gemeinsam, und Melanie geht schließlich zum Bus (ihr Fahrrad ist ja immer noch platt). Ich bleibe mit Kazu noch eine Weile. Sie erzählt, dass ihre Oberschule (also die, deren Umzug wir gerade gesehen haben) morgen eine Art Schulfest in der Bürgerhalle habe, inklusive einer Reihe von Bühnenshows. Tanzende Mädchen? Ha, das kann ich mir doch nicht entgehen lassen. Die Veranstaltung beginne irgendwann um die Mittagszeit und sie werde mir noch eine Nachricht schreiben, sobald sie die genaue Zeit wisse. Ich müsse nur morgen frühzeitig meine Post abrufen. Wir trennen uns an der ENEOS Tankstelle und fahren nach Hause.


[1] Treppenwitz für die Nachwelt: Nachdem ich eine Menge Geld dafür ausgab, spielte ich das Spiel nach meiner Heimkehr nur ein einziges Mal für ein paar Stunden. Seitdem liegt es in der Kiste mit Playstationzeug.

20. Juli 2024

Dienstag, 20.07.2004 – In Eile

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Jetzt hat Melanie heute also Geburtstag und ich habe ihr Geschenk noch nicht gekauft. Glücklicherweise hat sie an einem Dienstag Geburtstag, was mir wegen ihrer Unterrichtskonstellation am Morgen eine ganze Menge Zeit verschafft. Ich schwinge mich also auf mein Fahrrad und düse zum Sakurano. Und meine Güte, ist das vielleicht heiß heute! Ich muss peinlichst darauf achten, dass mein Fahrrad im Schatten steht, sonst kann ich auf dem Sattel nachher Spiegeleier braten und eigentlich möchte ich keine. Man muss wirklich keine Alternativen haben, um sich freiwillig in diesen Freiluft-Backofen zu begeben. Ich habe keine. Heute ist der Tag.
Ich fahre in das entsprechende Stockwerk hoch, gehe in die Abteilung für Studio-Ghibli-Merchandising und kaufe nach einem dreiminütigen Auswahlprozess und einer fünfminütigen Suche nach einer geöffneten und zuständigen Kasse ein „Totoro“ Stofftier und lasse es als Geschenk einpacken. Mir persönlich gefallen die schwarzen Katzen aus dem „Kiki“ Sortiment viel besser, aber Melanie wollte ein „Totoro“ Produkt. So sei es also. Ich bringe das Paket gleich nach Hause, schreibe eine Widmung auf die Außenseite und lasse es auf dem Schreibtisch liegen, bevor ich zur Uni fahre. Sie wird es also in einem geeigneten Moment finden.

Kondô-sensei bringt uns heute in einen Schönheitssalon, der extra für uns seinen freien Tag für zwei Stunden unterbricht. Außerdem bekommen wir so die erste (und einzige) Frau aus unserem Referentenkreis zu sehen. Sie ist bereits seit 20 Jahren in diesem Geschäft tätig und erläutert uns kurz, was hier so läuft und wie es um die finanziellen Anreize bestellt ist. Die Leute lassen eine Menge Geld in diesen Läden, auch wenn sie aus verschiedenen Gründen kommen. Der Fuß z.B. repräsentiere den gesamten Körper, heißt es. Für jede Körperregion gebe es eine Stelle am Fuß, und wenn man irgendwo Beschwerden habe, müsse man nur den entsprechenden Neuralgischen Punkt massieren. Den deutlichsten Unterschied macht die Unterteilung Männer und Frauen. Ja, wer hätte das gedacht? Einige Männer frequentieren den Laden, und sie tun das, weil sie gut aussehen wollen. Die Damen dagegen kommen her, um sich zu entspannen und den Stress mal draußen zu lassen.
„Männer gehen zusammen in die Kneipe und trinken sich einen an. Das ist deren Form von Stressabbau“, erläutert die Chefin. „Frauen machen das aus verschiedenen Gründen nicht. Sie gehen lieber in einen solchen Salon und lassen sich eine Stunde lang massieren.“
Sie erzählt weiter, dass das Personal (sie hat eine Angestellte Mitte Zwanzig) auch geschult werde, kleine Problemberatungen zu machen, da die Kundinnen auch über solche reden. Das Alter der Kundinnen reiche von 20 bis 83, aber der Durchschnitt liegt bei Mitte Vierzig.
Dann werden die Räumlichkeiten gezeigt und vorgeführt, wie hier Geld verdient wird. Wir werden in zwei Gruppen aufgeteilt. Der Laden besteht aus einem Empfangs- und Wartezimmer, das vom „Arbeitsbereich“ durch eine Glaswand abgetrennt ist. Dort hinten gibt es drei kleine Kabinen. In zweien stehen Liegetische für Massagen, in der mittleren befindet sich ein Stuhl, der aussieht wie aus einem Science-Fiction Film, aber er wird nicht erläutert. Nun, Irena und Melanie erhalten eine Massage der Füße im Schnellverfahren (also knapp 10 Minuten), die Männer lehnen das Angebot durch die Bank dankend ab. Nun übernimmt jeweils das zweite Bein von Irena und Melanie, als wäre das die normalste Sache der Welt. Sie hat diesen Job ebenfalls gelernt, professionell, aber einen solchen freiwilligen Einsatz hätte ich nicht erwartet.
Nachdem ich dann also eine halbe Stunde Massagearbeit beobachtet habe, frage ich die Mitarbeiterin, ob sie Kartoffeln zerquetschen könne, weil man bestimmt eine Menge Kraft für diese Arbeit braucht, und sie ja täglich Finger und Unterarme trainiere. Aber sie lacht darüber und sagt, dass wesentlich mehr mit Körpergewicht gedrückt werde, als tatsächlich mit Muskeln.

Wir verabschieden uns schließlich und jeder geht seiner Wege. Melanie biegt ab nach Shita-Dotemachi und ich gehe in Richtung Universität, mit einem Abstecher in den Supermarkt, um eine Flasche Yoghurt-Kalpis zu besorgen. Da ich dieser Tage wegen der Menschenfülle nur ungern in die Bibliothek gehe, muss ich mit dem Center vorliebnehmen. Melanie ist sogar vor mir angekommen. Sie sagt, die „Card Captor Sakura“ Metallic-Karten, die sie habe kaufen wollen, gebe es nicht mehr. Außerdem teilt sie mir mit, dass ich eine Verabredung mit Yui am Morgen vergessen habe. Oh, übel. Immerhin habe ich eine gute Ausrede.

Wegen der Mängel meines derzeitigen fahrbaren Untersatzes (das vordere Bremskabel ist gerissen), muss ich mir ein neues Fahrrad aneignen. Ich beobachte also seit einigen Tagen ein brauchbar aussehendes Modell und habe festgestellt, dass es seit zwei Wochen nicht von der Stelle bewegt worden ist. Also erlaube ich mir, es zu benutzen. 21 Gänge, Federung an beiden Achsen und funktionierende Bremsen. Eine Lampe hat es auch nicht, aber immerhin vorne und hinten Reflektoren. Ich werde wohl die restlichen Wochen damit klarkommen, so lange es mir nicht unter dem Hintern zusammenbricht.

19. Juli 2024

Montag, 19.07.2004 – Die letzten Fußgänger

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Eigentlich wollte ich früh aufstehen, um ein bisschen wandern zu gehen, aber als ich um 05:30 aus dem Fenster schaue, sieht es da draußen eher nach Regen aus, also bleibe ich vorerst liegen. Um 09:00 ist das Wetter dann aber bedeutend besser, also beschließe ich, dennoch zu gehen. Überraschenderweise will Melanie mit – obwohl ihr klar sein sollte, dass Wandern mit mir kein Spaziergang ist und ich auch keine Scheu habe, irgendwohin zu gehen, von wo aus ich den Rückweg nicht im Einzelnen kenne. Aber sie will trotzdem mit. Na denn.

Wir fahren mit dem Fahrrad grob nach Südwesten, zwischen fünf und zehn Kilometer weit, und ich nehme einen auffälligen Hügel als Orientierungspunkt. In dem Ort Ishikawa biegen wir dann rechts von der Hauptstraße ab und passieren eine Baustelle. Der Posten winkt uns mit seiner Kelle durch, aber das scheint dem Baggerfahrer nicht ganz klar zu sein, weil plötzlich keine 50 cm über meinem Kopf eine Baggerschaufel vorbeirauscht, in die ich selbst hineingepasst hätte, auf halbem Weg vom Loch zur Lkw-Ladefläche. Aber knapp daneben ist schließlich auch vorbei, also warum sollte ich mich damit aufhalten.
Mein “Plan” ist es, die geschlossene Ortschaft zu verlassen und die Apfelplantagen hoch bis in die Hügel zu fahren, wo der Wald beginnt und dort die Fahrräder abzustellen. Dieser Zeitpunkt kommt allerdings ein paar Minuten früher als erhofft, weil bei Melanies Hinterreifen plötzlich die Materialermüdung zuschlägt und die Luft mit einem kurzen Zischen daraus entweicht. Ich stelle sie vor die Wahl, entweder sofort mein Fahrrad zu nehmen und nach Hause zu fahren oder aber mitzugehen und hinterher mit meinem Fahrrad zu fahren, da ich bestimmt noch mehr Kraft zum Gehen übrig haben werde als sie. Sie entscheidet sich für eine Fortsetzung der Tour. Na immerhin, gute Einstellung.
Wir folgen dem Waldweg, der nach ein paar Kilometern völlig von Pflanzen überwuchert ist – aber ich kann seiner Spur noch folgen und sehe daher gar nicht ein, meinen Ausflug wegen einer Ansammlung wilder Gräser zu beenden. Man könnte dem Weg auch mit einem Geländefahrzeug noch folgen. Zumindest eine Weile. Schließlich wird der Weg für jedes Fahrzeug zu schmal. Es wird immer abenteuerlicher.

Der “Pfad”

Nach einer wilden Geländetour durch die Vegetation erreichen wir eine Zeit später den Kamm des Hügels und treffen dort auf den offiziellen „Tôhoku Naturwanderpfad“. Wir könnten entweder den Hügel auf der anderen Seite südlich runtergehen, oder aber auf dem Kamm bleiben und weiter in Richtung Osten weitergehen. Ich entscheide mich für letzteres, da ich angesichts der fortschreitenden Zeit nicht einen ganzen Hügel zwischen mich und meinen Rückweg schieben will. Wir folgen also dem Naturwanderpfad grob in östlicher Richtung, der irgendwann nicht mehr befestigt ist. Man kann deutlich einen Trampelpfad erkennen, und der ist mit einem Seil versehen, an dem man sich festhalten kann, wenn man sich seines Tritts nicht sicher ist. Für sehr touristenfreundlich würde ich das allerdings nicht halten.

Wandern am Seil

Immerhin ist das mehr als unten am italienischen Monte Cassino, wo zwar ein geschichtsträchtiges Kloster (immerhin gegründet von Franz von Assisi höchstselbst) und ein bedeutendes Schlachtfeld mit Ehrenfriedhöfen zu finden sind, der besagte Berg touristisch aber in keiner Weise erschlossen ist. Da gab es nur Ziegen- und Rinderpfade für den Wanderausflug bei über 40 Grad Celsius im nicht vorhandenen Schatten.

Unser „angeleinter“ Pfad führt schon bald parallel zum Kamm bergab und wir erreichen einen Straßenendpunkt. Eine Betonstraße führt den Hügel hinunter und man findet ein Schild, auf dem vor Bären gewarnt wird.

Klingeling, hier komm ich…

An dem Schild ist eine Handglocke angebracht. Wenn man also von einem Bären verfolgt wird, soll man hier kurz anhalten und um sein Leben bimmeln.[1] Aber das schreckt mich wenig. Wir folgen einem weiteren Pfad, bergauf, zum Berg Obiraki, der nicht mehr als ein 500 m hoher Hügel ist. Der Wanderpfad endet groteskerweise auf seiner Spitze und wir müssen schließlich exakt denselben Weg zurückgehen, den wir gekommen sind. Dort oben befindet sich leider kein Schrein. Ich nehme an, dass der Hügel zu niedrig ist. Aber die Informationstafel in japanischer und englischer Sprache (immerhin ein Zugeständnis an den internationalen Tourismus) dort sagt, dass es einen gegeben habe, ohne Angabe des Zeitpunktes, zu dem er eventuell verschwunden ist. Außerdem soll das Umland ein Trainingsgebiet für Ninja gewesen sein. Mit schöner Aussicht ist von hier oben aus leider auch nichts, weil dieselbe völlig zugewachsen ist. Bäume und Sträucher. Man kann mit Mühe und Not etwas von der Ebene entdecken, die aber leider zusätzlich in einem undeutlichen Nebel verschwindet.

Die “Aussicht”

Die Luftfeuchtigkeit ist ziemlich hoch und die Sonne ist weitgehend verschwunden. Das heißt, sie brennt nicht heiß vom Himmel, womit uns immerhin das Heftigste erspart bleibt, aber der Schweiß fließt dennoch in Strömen. Ich bin dankbar für mein Schweißtuch aus Bundeswehr-Tagen (das eigentlich als Taschentuch für Nasenauswurf konzipiert ist).
Wir kehren zu dem Bärenschild zurück und ich möchte die Betonstraße hinuntergehen, weil es mir widerstrebt, den gleichen Weg noch einmal zu gehen, wenn auch in die entgegengesetzte Richtung. Da geht mir der Erlebnisspaß irgendwie verloren. Laut Wegweiser kommen wir in dieser Richtung an einen Ort, der „Ochanomizu“ heißt, also „Teewasser“, was mich doch sehr an den Bahnknotenpunkt in Tokyo erinnert. Aber schließlich haben wir auch „Shinagawa“ und „Ginza“ in Hirosaki.
Melanie hat eine Landkarte dabei und Ochanomizu ist nicht eingezeichnet, was mich doch etwas verwirrt. Als wir dann knapp eine halbe Stunde später ankommen, ist mir auch klar, warum das so ist: Es handelt sich nicht um ein Dorf oder einen Stadtteil, sondern lediglich um eine Wasserquelle, mit angefügter Regenschutzhütte. Daneben steht wieder ein Hinweisschild, ebenfalls in japanischer und englischer Sprache, auf dem etwa zu lesen ist: „Aus dem Wasser dieser Quelle wurde der Tee des Meiji Kaisers gemacht, als dieser im Jahre 1881 die Stadt Hirosaki besuchte.“ Ist das nicht toll? Wenn wir also schon kein Kaiserwetter haben, bekommen wir wenigstens Kaiserwasser. Es ist herrlich kühl und schmeckt auch gar nicht schlecht, aber dennoch ziehe ich es vor, größere Mengen lieber abgekocht zu genießen. Wir nehmen eine Flasche voll mit, um Reis damit zu kochen. Die Quelle scheint beliebt. Während wir weitergehen, kommen uns mehrere Autos entgegen, und jedes hat eine unglaubliche Menge 20-Liter Kanister im Kofferraum.
Eine weitere Beobachtung dieses Ausflugs ist die Menge an Müll, den man im Wald und am Wegrand findet. Wird das Volk von Japan hier und da nicht gerne als „naturverbunden“ propagiert? Mit Verlaub, das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine schmutzige Lüge, die eher zur Selbstverherrlichung zu dienen scheint, oder eine von Ausländern geschaffene Legende, wobei jene Ausländer keine Ahnung haben, von was sie reden. Würde mich wundern, wenn ich mich darüber nicht bereits ausgelassen hätte…
Einige Zeit später verlassen wir den Wald wieder und bewegen uns zwischen Apfelplantagen, immer der Straße lang. Wegen eines Hinweisschildes weiß ich, dass wir uns in der Nähe von Ishikawa befinden (obwohl ich das, abgesehen von der genauen Kilometerangabe, auch selbst gewusst hätte), aber ich hätte gerne einen Orientierungspunkt. Theoretisch müssen wir im Halbkreis um den Hügel herumlaufen, um wieder zu unseren Fahrrädern zu gelangen.

Auf dem Weg kommen wir mit einer Großmutter ins Gespräch, die gerade ihr Gemüse, das sie am Wegrand zwischen die Apfelbäume gepflanzt hat, pflegt. Ich kann mich an die genauen Inhalte des wohl reichlich bedeutungslosen Gesprächs nicht erinnern, es ist nur beachtlich, dass die ältere Dame aus eigener Initiative kurzerhand zwei wildfremde Leute anspricht. Und es kommt noch besser. Sie erzählt eingangs was von Tomaten. Tomaten? Ich verstehe nicht genau, was sie meint und sage, dass ich hier noch keine Tomaten gesehen hätte. Daraufhin bittet sie uns, ihr zu folgen und bringt uns an ein weiteres Gemüsebeet, wo Tomatensträucher wachsen. Sie geht aufrechten Ganges zwischen den Bäumen hindurch (soweit man das bei ihrem altersgebeugten Rücken noch sagen kann), während ich beinahe auf den Knien rutschen muss. Hier und da existieren noch weitere Gemüsebeete… eine interessante Ausnutzung des vorhandenen Bodens. Da ist auch ein Tomatenbeet, mit beachtlich großen Früchten. Und dann schneidet sie die besten Tomaten vom Strauch ab und sagt, sie wolle sie uns schenken. Na ja, jetzt, wo sie schon abgeschnitten sind, kann man sie schlecht noch ablehnen. Ich habe eine Plastiktüte dabei, und die Tomaten werden hineingepackt. Es sind bestimmt zwei Kilo Tomaten, die wir jetzt mit nach Hause nehmen. Ich hätte sie mit der Tüte in meinen Rucksack getan, aber Melanie fürchtet, dass sie so zu sehr eingedrückt werden. Wir bedanken uns höflich und wortreich für das Gemüse, ein Erinnerungsfoto lehnt sie leider ab. Hat man das schon erlebt? Wir werden einen ganzen Topf voll Tomatensoße damit kochen können, und Tomaten sind hier nicht gerade billig.

Wir erreichen schließlich den Bahnhof von Ishikawa und schauen uns die Karte an, um herauszufinden, wie wir wieder zur Hauptstraße kommen, von der wir ja abgebogen sind. Da fallen die ersten Regentropfen. Es geht mir in erster Linie um die Frage, an welchem Bahnhof wir uns genau befinden, weil es nämlich zwei gibt – einen für die staatlichen „Japan Railways“ und ein weiterer für eine private Linie. Zwischendurch hält ein „JR“ Zug am Bahnsteig und beantwortet die Frage damit. Trotzdem komme ich mit der eingezeichneten Anordnung der Straßen nicht zurecht. Offenbar mangelt es mir mittlerweile an Übung im Kartenlesen.
Während Melanie die Toilette benutzt, latscht ein Japaner auf mich zu. Um die Dreißig, schlecht rasiert, im Trainingsanzug. Er sieht nicht gesund aus. Das, was bei normalen Leuten in den Augen weiß ist, ist bei ihm bräunlich-gelb. Aber gut, er kommt halt herüber und sagt „Hello!“ Das ist noch nichts Ungewöhnliches, also grüße ich zurück und „harre der Dinge, die da kommen“, bis er dann direkt vor mir stehen bleibt. Hätte mich auch gewundert. Wenn Japaner „Hello“ rufen, sind sie in der Regel kommunikationsbereit. Ob wir auf einen Zug warten, möchte er wissen. Nein, wir suchen die Hauptstraße zwischen Hirosaki und Kuroishi. Er zeigt daraufhin nach Nordosten und Nordwesten und sagt, die betreffenden Städte lägen in dieser Richtung. Ja, danke, das weiß ich auch selbst, aber das erzähle ich ihm jetzt nicht, schon gar nicht in dem Tonfall, in dem mir das jetzt gerade durch den Kopf geht. Im Laufe der folgenden zwei Minuten mache ich ihm dann Stück für Stück klar, dass wir den Platz suchen, wo wir unsere Fahrräder abgestellt haben, das sei irgendwo westlich von hier und wir suchten die Hauptstraße, weil wir die Baustelle finden möchten, an der wir abgebogen sind.
Währenddessen intensiviert sich der Regen und er bietet uns an, uns mit seinem Auto dorthin zu bringen. Wir nehmen an. Ich habe das dreimalige Ablehnen vor dem „Umkippen“ nicht so verinnerlicht, wie es vielleicht der japanischen Sitte entspricht. Während der Fahrt erzählt er, dass er Jieitai-Soldat sei und gerade von den Golan-Höhen zurückgekommen sei. Das muss er zweimal sagen, weil ich hinter „Goran“ zuerst ein japanisches Wort vermutet habe. Im zweiten Anlauf erwähnt er dann Israel und Syrien und der Fall wird mir klar. Ich wusste nicht, dass sich Japan an der UNO Mission im israelisch-syrischen Grenzgebiet beteiligt. Er mache gerade Urlaub, bevor sein nächster Auftrag beginne – Irak. Ich erzähle ihm auch, dass wir in den vergangenen vier Stunden den Hügel bis zum Obiraki-san hochgeklettert und über Ochanomizu wieder heruntergekommen seien, und er findet das so unglaublich, dass er laut lacht. Ob die Jieitai denn keine Märsche absolviere, will ich wissen. Aber er sagt nur: „Wir fahren am liebsten mit dem Auto.“ Ich kann jetzt nicht sagen, was das in Bezug auf meine Frage bedeutet. Für mich ist es völlig normal, dass man bei der Armee pro Jahr mehrere Märsche von dreißig Kilometern absolviert, zuzüglich einiger übungsbedingter Gefechtsmärsche. Wenn die Jieitai das nicht macht, fände ich das doch absonderlich.
Von seinem Haus aus, das direkt neben dem Bahnhof steht, bis zur Einfahrt der Baustelle sind es vielleicht drei Kilometer. Nicht weit, aber wir sparen dadurch Zeit ein, die wir im Regen hätten verbringen müssen. Wir finden unsere Räder noch am gleichen Platz vor und trennen uns von unserem Fahrer. Der Höflichkeit entsprechend lädt er uns ein, doch noch einmal vorbeizukommen, bevor er abreist, und wir bedanken uns fürs Mitnehmen.

Melanie fährt mit ihrem platten Hinterrad. Langsam, aber schneller als zu Fuß. Zurück in Nakano gehe ich noch etwas zu Essen besorgen, weil Melanie Bentô essen möchte – ein japanisches Lunchpaket, um es mal so zu vereinfachen. Im Normalfall befinden sich darin Reis und ein wenig eingelegtes Gemüse, der Rest ist weitgehend dem Angebot des Ladens und dem Kundenwunsch überlassen. An der entsprechenden Bude in Nishihiro bestelle ich ein Bentô mit frittiertem Vogel zum Reis für sie und suche noch eine Weile auf der Speisekarte herum, was ich selbst essen möchte. Ich bestelle „Menchi“ für mich, und wenn ich das richtig sehe, handelt es sich dabei um eine Art frittierten Hackfleischkloss. Aber leider interpretiert der schon beinahe ängstlich aussehende Koch meine Absicht falsch und meint offenbar, dass ich meine Bestellung habe ändern wollen. Meine Güte, warum macht der so ein Gesicht? Macht er sich solche Sorgen, den Ausländer nicht zu verstehen? Bei den Japanern, die hier bestellen, macht er ein wesentlich entspannteres Gesicht. Wie dem auch sei, als ich dann den Preis gesagt bekomme, habe ich nur ein Menchi Bentô vor mir stehen. Ich gebe mich verwirrt und bestelle noch ein „Bikkuri“ Bentô. Nach meinem Verständnis heißt das „Überraschung“. Entgegen dieser Bezeichnung steht auf der Speisekarte aber genau, was in dem Gericht drin ist, also verstehe ich den Witz daran nicht. Mir gefallen die Zutaten, also will ich es essen. Am Ende sind wir beide wieder pappsatt für nicht mehr als umgerechnet 10 E – ist das nicht toll?
Dieser Tag hat sich gelohnt. Ich würde solche Tage gerne wiederholen, aber ich fürchte, dass mir dafür die Zeit fehlen wird.


[1]   Korrektur: Wenn man die Glocke erreicht, soll man kurz laut bimmeln, weil Bären kontaktscheu sind und sich bei lauten Geräuschen tiefer in den Wald zurückziehen.

18. Juli 2024

Sonntag, 18.07.2004 – Lauf, Forrest, lauf…

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Heute ist wieder so ein Tag, nach dessen Ende ich da sitze und mich frage: „Was habe ich eigentlich den ganzen Tag gemacht?“ Im Normalfall habe ich dann recht wenig geleistet.

Wir stehen wegen der Party gestern relativ spät auf und ich verspüre keinerlei Motivation, heute in die Bibliothek zu gehen. Das vor allem, weil mich die drohende Wartezeit abschreckt, aber es ist auch dermaßen heiß, dass ich mich eigentlich überhaupt nicht bewegen will. Das ist auch der Grund, warum ich mich auch den ganzen Tag nicht anziehe und nur in der nötigsten „Verhüllung“ herumlaufe, sofern ich von meinem Stuhl überhaupt aufstehe.
Ich sitze also am Schreibtisch und schreibe dies und das, vor allem Tagebucheinträge, von denen ich in letzter Zeit immer zwei oder drei nachzuholen habe. Wenn ich schon mal hier sitze, kann ich mir ja mal die Go Sendung ansehen, die ich für Volker regelmäßig aufnehme. Aber ich schalte nach knapp einer halben Stunde wieder ab, weil mich das Zusehen zu Tode langweilt. Spiele dieser Art sind nur dann spannend, wenn man sie selbst spielt. Mir kommt der Gedanke, dass sogar Golf Spaß machen könnte, wenn man es nicht nur aus der Zuschauerperspektive kennt.

Um 19:30 kommt eine Episode aus der „Agatha Christie“ Reihe – die Anime Version! Und ich bin nur deshalb in der Lage, das heute zu sehen, weil „The! Tetsuwan! DASH!“, was Melanie immer aufnimmt, heute ausfällt. Ich finde die Serie wirklich gelungen, wenn auch das obligatorisch eingefügte Maskottchen, die Ente der jungen Protagonistin, völlig fehl am Platze scheint. Die junge Dame ist die Enkelin von Miss Marple und sie hängt die halbe Zeit mit Hercule Poirot in London rum, um bei ihm das kriminalistische Handwerk zu lernen.
Hercule Poirot wird übrigens gesprochen von Satomi Kôtarô – dem Hauptdarsteller von „Mito Kômon“. Besagte Enkelin von Miss Marple hat die Stimme von Orikasa Fumiko, also bin ich mehr als zufrieden. Aber ich werde keine Gelegenheit haben, die Serie zu sehen (sofern man sie nicht irgendwo runterladen kann), weil ich wegen solch trivialer Angelegenheiten nicht auf Konfrontationskurs mit meiner Freundin gehen werde. Wir haben schon genug Reibungspunkte.

Um 21:00 läuft die japanische Version von „Auf der Flucht“, mit Anleihen aus „24 Stunden“, und das ganze natürlich als Serie. Die Geschichte hält sich eng am Original, sogar die Tunnelszene als Aufhänger für die Flucht des unschuldig Beschuldigten ist die gleiche wie in dem Film mit Harrison Ford. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass es auch aus Amerika vor vielen Jahren eine berühmte TV-Serie um die Flucht des Dr. Kimble gegeben hat, und dass der Film mit Harrison Ford nur eine aufgemotzte Zusammenfassung ist, aber ich kann nicht sagen, was in der alten Serie gelaufen ist, da ich die nie gesehen habe.

Der japanische „Tôbôsha“ („Flüchtling“) bekommt von mir jedenfalls die Note „6“ für Kreativität – weil nicht vorhanden. Von „24 Stunden“ wurden die „Splitscreens“ übernommen, also die Einblendung zweier zeitgleicher Szenen auf demselben Bildschirm, hauptsächlich bei der Darstellung von Reisen. Der Soundtrack wiederum könnte glatt von Hans Zimmer gemacht worden sein. Es sind seine typischen Stilelemente, die da aus dem Lautsprecher tönen – und seit einiger Zeit kann ich Hans Zimmer nichts mehr abgewinnen. Ich glaube nicht, dass ich mir diese Serie hier ansehen muss.

17. Juli 2024

Samstag, 17.07.2004 – Menschliche Überheblichkeit

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Es regnet heute Morgen, wenn auch nicht stark. Trotzdem drückt Melanie mir einen Schirm in die Hand, den ich nach 200 m bereits nicht mehr brauche, weil der Regen aufhört. Die Einschätzung (der Intensität) des Regens ist in unserer Nachbarschaft eine tückische Angelegenheit. Erstens haben wir hier viele Blechdächer und zweitens haben wir hier sehr wenige Regenrinnen. Man hört also viel mehr Wasser trommeln und plätschern, als sich tatsächlich pro Quadratmeter bemerkbar macht.

Ich schreibe ein paar Berichte und Forumseinträge, bevor ich um 17:00 wieder gehe.

Am Montag ist die Bibliothek wegen des „Umi no Hi“, dem „Tag des Meeres“, ebenso geschlossen wie der ganze Rest der Uni, ein freier Tag also. Aber der wird natürlich nachgeholt, wenn ich das richtig sehe, am 30. Juli.

Ich fahre dann mit Melanie nach Hause, um „Shin-chan“ und „Bôbobo“ anzusehen, bevor wir zu Misi rüber fahren. Das heißt, ich fahre eigentlich alleine, weil Melanie im Supermarkt noch was zu trinken kaufen will und ich keine Böcke habe, diesen Umweg zu fahren, nur weil sie mich in ihrer Nähe haben will. Bei Misi soll unsere gemeinsame Geburtstagsparty stattfinden. Die von Misi und mir – SangSu hat seinen bereits gefeiert und Melanie hat erst am 20. Juli Geburtstag.
Misi sagte ausdrücklich, dass es so ab Acht losgehen solle, und um kurz nach Acht bin auch da – als einziger. Misis derzeitige Freundin ist ebenfalls anwesend, aber sie hat noch eine dringendere Verabredung und wird so gegen 21:00 wieder gehen. Bis um diese Zeit ist auch nur Melanie dazugekommen, und das wundert mich doch sehr. Normalerweise hat Misi keine Probleme, seine Partys mit lustigen Leuten zu füllen. Er meint, dass er vielleicht zu wenig Propaganda betrieben habe, aber Fakt ist auch, dass heute irgendwo eine (spätnachmittagliche) Grillparty irgendwelcher Gasteltern stattfindet, zu der eine Menge der von uns eingeladenen Leute wohl gegangen ist. Ein Anruf bestätigt, dass das Grillen am Ausklingen und die Truppe am rüberrollen sei. Die Leute tröpfeln dann irgendwie so einer nach dem anderen herein; der Endstand sind Chris, Valérie, Irena, Arpi, Izham, Baqr, Eve, Glenn, Mélanie, Kazu, Jû, KiJong, und natürlich Misi, Melanie und meine Wenigkeit.

Meiner Meinung nach leiden wir an einem eklatanten Mangel an Japanern, Koreanern und Chinesen. Ich habe nicht wenige eingeladen, aber so läuft das halt, wenn ich solche Ereignisse ansage. Es mangelt mir offenbar an „einladendem Charisma“. Ich scheine eher einen „Furchtkreis“ um mich zu haben, wie der seit Jahren „untergetauchte“ Studienkollege Sascha „Dödel“ einmal scherzhaft bemerkte. Aber warum bloß sind so wenige der Koreanerinnen gekommen, die die Ansage dieser Party doch letzte Woche live mitbekommen haben dürften? Nachdem Misi den Termin „Freitag“ (also gestern) in den Raum gestellt hatte, sagte eine der Damen, dass sie da keine Zeit habe, also wurde der Vorschlag „Samstag“ (das ist heute) gemacht. Offenbar kam das nicht mehr bei allen an, da viele bereits im Gehen begriffen waren. Bei SangSu ging die Party ja noch eine Weile weiter und eigentlich dachte ich, die Zeit sei zur weiteren „Sondierung“ des Vorschlags genutzt worden. Leider war dem nicht so. Die Koreaner, mit Ausnahme von Jû und KiJong offenbar, wussten durch die Bank nichts von dem heutigen Termin. SangSu dachte, sie sei bereits gestern gewesen und SongMin sowie SungYi lagen um die (jetzige) Zeit, 21:30, bereits in den Federn und sahen sich nicht motiviert, daran noch etwas zu ändern.
Dennoch ist der Raum brechend voll. Zum Teil sitzen auch immer wieder mal zwei oder drei Leute in der Küche, um der Enge des Hauptraums zu entfliehen. Immerhin waren wir in der Lage, die Funktionsweise der Klimaanlage auszutüfteln – und das gelang nur, weil Valérie wusste, dass man dafür eine Fernbedienung braucht (von der Misi nichts wusste), die Glenn dann aus ihrem (gleich ausgestatteten) Apartment besorgte, und schon war die Atmosphäre viel angenehmer.

Ich habe Arpi bereits eine längere Zeit nicht mehr im Center gesehen, also dachte ich, dass er bereits wieder in die Heimat abgereist sei. Seine Frau in Ungarn war schließlich nicht sehr angetan davon, dass ihr Mann direkt nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes für längere Zeit auf die andere Seite der Welt entschwand. Er sagt, dass er sehr mit seiner Forschung beschäftigt sei und ständig zwischen dem Uniklinikum Hirosaki und einer Klinik in Aomori hin und her pendele. Er werde auch nicht länger als unbedingt notwendig hierbleiben. Sein Traum sei eine Forschungsbeteiligung in Heidelberg, wohin ihm seine Frau auch zu folgen bereit wäre. Aber er schwärmt nicht nur wegen der familiären Umstände für Heidelberg und lobt die dortige Universität für ihre Leistungsfähigkeit im medizinischen Bereich. Er erzählt mir auf Anfrage auch ein paar Dinge über Gehirnchirurgie (er hat als Jugendlicher das Spiel „Life and Death – The Brain“ gespielt, was ich doch irgendwie lustig finde) und ich frage ihn, ob er vielleicht ein paar Bilder habe. Oh ja, sagt er, nichts leichter als das. Er habe die Dokumentation einer ganzen Operation auf seiner Festplatte. Wenn ich ihm eine E-Mail zusende, könne er mich mit einer ganzen Reihe „herrlicher Horrorbilder“ versorgen. Das lasse ich mir dann doch nicht entgehen. Das könnte das Bild von der Entfernung eines Hautkrebstumors, das ich von Dr. „Dragon“ Chen erhalten habe, noch toppen.

Ich frage Izham, wie es bei ihm eigentlich mit dem Thema Alkohol aussehe. Er sei zwar Moslem, aber nicht sonderlich religiös, erzählt er, aber er trinke auch aus persönlichen Gründen keinen Alkohol.

Misi erzählt von einem Besuch bei der Gastfamilie von Chris, wo er die japanische Unsitte des „Kabuto Mushi“ kennen lernen „durfte“. Ich wage hier tatsächlich den überheblichen Begriff „Unsitte“, weil es hierbei um ein Brauchtum jenseits der Grenze meiner kulturellen Toleranz geht, und man kann mir hoffentlich nicht vorwerfen, dass mein kultureller Horizont zu eng sei.
Bei „Kabuto Mushi“ handelt es sich um große Hirsch- oder Hornkäfer, bzw. um das Sammeln derselben. Dieses „Hobby“ ist so beliebt, dass es sogar Videospiele dazu gibt, deren Bedeutung ich erst jetzt zu erfassen in der Lage bin.[1] In den Videospielen lässt man die Käfer gegeneinander kämpfen, aber „Kabuto Mushi“ ist wohl die (kampflose) Grundlage. Die Käfer sind zum Teil so groß wie eine kleine Kinderfaust, und das Sammeln ist an sich nicht weiter seltsam, weil es überall auf der Welt Insektensammler gibt. Woanders als in Japan tötet man die Käfer jedoch, spießt sie dann auf und bewundert sie konserviert in einem Glaskasten.
In Japan dagegen kauft man sie lebend, nicht selten für 20000 Yen (ca. 150 E) das Stück, packt sie in eine durchsichtige Plastikbox und findet sie ganz toll, bis sie nach etwa einem Monat an Wasser- und Nahrungsmangel, Pilzkrankheiten und Insektenbefall langsam und allmählich verreckt sind. Sie bekommen keine Nahrung und kein Wasser, und im Laufe der Zeit beginnen sie, bei lebendigem Leibe zu verfaulen. Ihre Flügel fallen ab, ebenso verlieren sie ihren Außenpanzer, und man kann ihren inneren Leib pulsieren sehen, während Fliegen ihre Eier auf ihnen ablegen und sowohl die Maden als auch die Fliegen sich von den verrottenden Körpern ernähren.
Bei aller Liebe, das ist mit Abstand das Grausamste, was mir in den letzten Monaten zu Ohren gekommen ist.

Etwa um Mitternacht verlassen Melanie und ich, mehr oder minder zufällig zeitgleich mit Kazu, die Party wieder, nachdem Melanie eigentlich die halbe Zeit nur noch mit starrem Blick in der Ecke gesessen hatte. Ich glaube, sie braucht Schlaf. Lange Konversationen in englischer Sprache sind sehr Kraft raubend, wenn man es nicht gewohnt ist.


[1]   Pokemon ist das wohl berühmteste dieser Spiele, die auf Kabuto Mushi zurückgehen

16. Juli 2024

Freitag, 16.07.2004 – Timing sollte man unter Kontrolle haben

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Am Morgen fasse ich mal wieder verschiedene Dinge in Worte. Erstens wären da ein paar Hausaufgaben für Ogasawara-sensei, und zweitens muss ich für Kuramata-sensei auch noch eine kurze Abhandlung über Reis schreiben. Ich nehme mir „Webster’s Dictionary Online“ zu Hilfe und schreibe einen Text über das Wort „Rice“ – also nicht direkt über die Pflanze und ihre kulturellen Verwicklungen mit verschiedenen Völkern dieser Welt, sondern über das Wort, das Morphem, „Rice“. Das in erster Linie, weil sonst keiner auf eine solche Idee gekommen sein dürfte. Allerdings darf ich kurze Zeit später feststellen, dass die Arbeit für heute noch nicht fällig ist, weil der entsprechende Unterricht heute nicht stattfindet. Aber die Arbeit ist damit getan.

Ich hole mir bei Kondô-sensei mein nächstes Vortragsthema ab. Ich habe einen zweiten Vortrag erhalten, und das auf kuriose Art und Weise. Wegen der großen Hitze dieser Tage stehen die Türen der Unterrichtsräume fast grundsätzlich offen. Am Mittwoch waren wir gerade dabei, den Unterricht zu beenden und ich war mit meinen Gedanken bereits ganz wo anders, als Kazu draußen vor der Tür vorbeiging, mich sah und winkte. Ich winkte zurück – just in dem Moment, wo Kondô-sensei fragt, wer denn bereit sei, den Vortrag für die kommende Woche zu übernehmen. Ein klarer Fall von schlechtem Timing, aber ich sehe bald, dass die Angelegenheit nicht kompliziert wird. Es geht um die Zinspolitik der US-Zentralbank, böhmische Dörfer für mich, aber ich sollte wohl in der Lage sein, einen englischen Zeitungstext von vier Seiten zusammenzufassen.

Ich gehe in die Bibliothek und erledige dort die üblichen Arbeiten. Aber ich mache auch eine interessante Entdeckung: Man kann die ersten Episoden der Animeserie „Atashin’chi“ bei Animesuki.com mit Untertiteln runterladen. Das würde ich eine gute Nachricht nennen. Das würde mir ermöglichen, die Geschichten erstmals auch im Detail zu verstehen und ich kann jedem empfehlen, mal einen Blick darauf zu werfen.

Weiterhin zeigt mir ein genauerer Blick auf die Homepages der „SailorMoon“ Darstellerinnen, dass die „großen“ fünf ihr jetziges Taschengeld auf nicht viel andere Art und Weise verdienen als ihre „kleine“ Kollegin Koike Rina, über die ich letztlich erst ein paar Takte geschrieben habe. Der Unterschied liegt natürlich darin, dass die Senshi-Darstellerinnen fünf bis sieben Jahre älter sind, und immerhin haben sie keine fragwürdigen Videos gemacht. Und einzig Komatsu Ayaka, die die SailorVenus spielt, ist in einem größeren Film zu sehen, der den englischen Titel „Bayside Shakedown 2“ trägt. Ich fühle mich direkt versucht, den Film auszuleihen, um mal zu sehen, was sie zu tun hat. Ich rechne damit, dass sie eine entführte Schülerin spielt und zwei Sätze Text sagen darf. Dennoch… auch die Aufmachung des Plakats macht den Film interessant. Sawai Miyû, die Darstellerin der Usagi, ist auch in irgendeiner TV-Serie zu sehen, aber deren Name ist mir in diesem Moment wieder entfallen.

15. Juli 2024

Donnerstag, 15.07.2004 – Unter den Rasen gespült

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Yamazaki gelingt heute ein wirklich interessanter Unterricht, nachdem er uns einen kurzen Aufsatz über die gängigen Sportarten in Japan vorgestellt hat. Natürlich handelt es sich dabei um Fußball, Baseball und Sumo. Und weil uns gerade Sumo interessiert, legt er uns dar, wie z.B. die Rangfolge der Kämpfer organisiert ist und was es mit Phänomenen wie fliegenden Sitzkissen auf sich hat. Wir haben gestern Abend im Gastraum bei Daijô-san am Fernseher das aktuelle Sumo-Turnier gesehen, und dabei gerade einen Kampf des hierzulande hochberühmten (mongolischen) Yokozuna Asashôryû beobachten können. „Yokozuna“ ist nicht sein Name, sondern sein Titel, und es ist der höchste in der Hierarchie. Bei der beobachteten Gelegenheit verlor Asashôryû allerdings gegen einen Kämpfer, der hierarchisch unter ihm eingeordnet ist (was ja fast alle sind, wenn er zur Spitzengruppe gehört), und bei eben dieser Gelegenheit, wenn ein Yokozuna von einem Rangniederen besiegt wird, wirft das Publikum die Sitzkissen in den Ring, um der Überraschung Ausdruck zu verleihen. Den meist lachenden Gesichtern war dabei nicht zu entnehmen, dass es sich um die japanische Form des Ausbuhens handeln könnte. Es scheint sich eher um Volksbelustigung zu handeln.

Nach dem Unterricht setze ich mich ins Center und spiele eine Runde StarCraft. Ning setzt sich daneben und sieht eine Weile zu. Dann sagt er „Komm, wie spielen eine Runde gegeneinander!“ Ich habe nichts dagegen. Dazu müssen allerdings erst die entsprechenden Netzwerkprotokolle installiert werden. Fünf Minuten später legen wir dann los und weitere 15 Minuten später wischt Ning mit mir das Schlachtfeld auf, noch bevor meine Aufbauphase so richtig beendet ist. Ich habe noch nie im Leben Finger so schnell über eine Tastatur fliegen sehen – der Kerl ist ein Profi! Er kennt die Keyboard-Befehle auswendig und muss nicht mehr auf die Tasten sehen, wenn er einen Befehl zum Bauen oder Forschen oder Angreifen geben will. Er sagt, er spiele intensiv seit etwa zwei Jahren, auch auf Online-Turnieren. Na Mahlzeit… dann weiß ich ja, mit wem ich nicht mehr in den Ring steigen muss. Ich weiß schon, warum mir rundenbasierte Spiele lieber sind… da habe ich Zeit zu überlegen und muss nicht im Blitztempo alles möglichst gleichzeitig und in der richtigen Reihenfolge machen. Das ist mir zu stressig. Ning weist mich daraufhin an, was man am günstigsten in welcher Reihenfolge unternimmt. Ich kann es nachvollziehen, aber mir ist klar, dass der erste Schritt zur wahren Meisterschaft darin besteht, die Tastaturbefehle auswendig zu lernen. Ich habe mit meiner Zeit allerdings besseres vor, und ich habe auch nichts dagegen, ein reiner Spaß-Spieler ohne Turnierambitionen zu bleiben.

Ich gehe zur Post, um ein seit einiger Zeit fälliges Päckchen abzuschicken. Auf dem Rückweg treffe ich Prof. Philips in einem ungewohnt bunten und gemusterten Hemd, das er sich schon gar nicht mehr in die Hose steckt, und ich unterhalte mich eine Weile mit ihm. Mich interessiert dieser Tage die Frage, wie es möglich war, dass eine zahlenmäßig unterlegene Truppe von arabischen Wüstenreitern die Stadt Alexandria einnehmen konnte, die von 50000 Berufssoldaten und der imperialen Flotte verteidigt wurde.
Er erzählt viel – allerdings ohne viel zu sagen oder die Frage zu beantworten – und wir machen es uns in seinem Büro gemütlich (soweit das in seinem voll gestopften Büro geht). Die Rolle der christianisierten Nubier (aus dem Gebiet des heutigen Sudan) bei der Verzögerung des arabischen Vormarsches in Nordafrika ist zwar sehr interessant (die Araber nannten sie „Die den Pfeil in die Augen schießen“), aber das ist alles sehr viel strategischer als das, was ich wissen wollte. Aber er nennt mir den Namen eines arabischen Historikers aus dem 15. Jh., der wohl etwas darüber geschrieben hat. „Ibn Khaldun“ heißt der Mann und ich habe seinen Namen noch nie gehört. Aber das ist natürlich nicht weiter verwunderlich. Abgesehen von der Tatsache, dass ich historisch nicht allwissend bin, scheint es mir, dass man in Deutschland überhaupt kaum arabische Autoren liest oder zum Studium anbietet. Dabei hatten auch die ihre guten Zeiten und haben bedeutende Werke verfasst. Ibn Khaldun z.B. wird von Kennern auch als der erste Sozialforscher bezeichnet, da er offenbar sorgfältige Studien zu diesem Thema verfasst hat. Aber wenn ich die Bücher in der Abteilung für Geschichte betrachte, dann sehe ich dort in erster Linie Europäer und Amerikaner.

Ich muss also das Büro des Professors vorerst reichlich unbefriedigt wieder verlassen, aber ich werde mich mal nach den genannten Quellen umsehen, sobald ich wieder zuhause in Deutschland bin.[1] Die Bibliothek der Universität Hirosaki ist geradezu lachhaft. Dabei dachte ich, dass bereits Trier nur eine dürftige Bibliotheksgröße aufweise.


[1] Die Biografie der byzantinischen Kaiserin Theodora, der Frau Kaiser Justinians, geschrieben von Anthony Bridge (1978), gibt darauf eine interessante Antwort: Innerreligiöser Konflikt und Verfolgung entfremdeten die christlich-monophysitischen Bewohner der östlichen und südöstlichen Provinzen von der christlich-orthodoxen Elite in Byzanz und trieben sie den muslimischen Arabern in die Hände, denen es reichlich egal war, auf welche Art und Weise die christlich gesinnten Untertanen ihren Gott anbeteten, solange sie Ihre Steuern zahlten.

14. Juli 2024

Mittwoch, 14.07.2004 – … denn die Macht wandert schnell in der Bruderschaft

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Ich muss natürlich gerade an einem Mittwoch Geburtstag haben, am längsten Tag der Woche! SangSu lässt es sich nicht nehmen, auch überall herumzuerzählen, dass ich Geburtstag habe, also lässt Kondô-sensei wieder eine Runde Getränke springen. Besten Dank dafür.
SangSu redet dann weiter über den Vergleich zwischen der untergegangenen Fuji Bank (die übrigens im „Shadowrun“ Spieluniversum weiter zu existieren scheint) und der amerikanischen Citi Corporation. Ich verstehe nicht ganz, was wir heute anderes besprechen, als beim letzten Mal. Wieder wird die These dargelegt, dass die Fuji Bank, würde sie noch existieren, ihren Geschäftsumfang einschränken und auffächern müsste, um profitabler zu sein. Und ich sage deshalb „These“ und nicht „Tatsache“, weil ich immer noch nicht zu 100 % verstanden habe, welche Maßnahmen warum für eine bessere Bilanz sorgen könnten – das ist definitiv nicht mein Fachgebiet. Das, was ich verstanden habe, habe ich ja bereits dargelegt. Immerhin ist mir jetzt klar, dass ein Unternehmer eine „gesunde Mischung“ aus Eigenkapital und Krediten braucht, um effektiv arbeiten zu können.

Das sollte ich mir merken für den Fall, dass ich je wieder dazu komme, eine Partie „Oil Imperium“ zu spielen, wo ich immer nach zwei Spieljahren pleite gegangen bin, weil ich allergisch gegen Kredite bin und es daher mangels ausreichendem Eigenkapital versäumt habe, Ölquellen in anderen Teilen der Welt zu erschließen, wo der Preis pro Barrel noch nicht unter die Rentabilitätsgrenze gerutscht war.[1]

Ich frage Kondô, ob es ein ideales Verhältnis von Eigenkapital und Krediten gebe. Das gebe es bestimmt, sagt er und grinst, aber wer den Idealstatus finde, habe sich einen Nobelpreis für Wirtschaft verdient (falls es einen solchen geben sollte). Ich interpretiere, dass es eine Frage der Situation ist. Es hängt wohl vom jeweiligen Betrieb ab, wie viel Investitionskapital geliehen werden muss und wie viele Rücklagen benötigt werden. Wegen meiner Frage überziehen wir die Stunde um ein paar Minuten und ich komme etwas spät zu dem Treffen mit Hugosson, der mit uns heute eine NPO besuchen will. Wir fahren mit dem Fahrrad, weil es nicht so weit ist, dass wir dafür den Fahrdienst der Universität in Anspruch nehmen müssten.

Die Organisation heißt „Harappa“ und unterstützt Künstler, die abseits vom Mainstream tätig sind, in erster Linie Maler und Skulpturisten. Den Anfang nahm das Unternehmen mit einem Künstler namens „Hara“, der sich wohl in den USA bereits einen Namen gemacht hatte und eine Ausstellung in seiner Heimatstadt Hirosaki veranstalten wollte, unter dem Titel „I don’t mind if you forget me“. Allerdings sah sich die Stadtverwaltung offenbar organisatorisch nicht in der Lage, für die benötigten Dinge zu sorgen, allem voran fehlte es an einem Ausstellungsraum. Es bildete sich also eine Gruppe von Freiwilligen, darunter eine ältere Dame aus der Stadt, offenbar mit Geld gesegnet, die ein altes Warenhaus zur Verfügung stellte. Es handelt sich um ein rotes Backsteingebäude und es sieht meiner Meinung nach aus, als sei es eigens für den Zweck von Kunstausstellungen geschaffen worden. Offenbar ist die Kunstszene nicht selten in solchen Bauten aus dem Industriezeitalter zu finden. Das ist ja auch in Deutschland nicht anders.
Diese lockere Organisation von Freiwilligen wagte es, mit ein paar Tausend Besuchern zu rechnen, doch letztendlich waren es 60.000 Leute innerhalb weniger Wochen, die einen Gewinn von drei Millionen Yen in die Kassen von Harappa spülten. Das war der Startpunkt, die Organisation offiziell zu gründen und sich weiteren Ausstellungen zu verschreiben. Der derzeitige Chef ist ein Anwalt um die 50, also kein Armer, der in seiner Freizeit den Laden schmeißt. Allein die Sekretärin ist fest angestellt, alle anderen sind unbezahlte Freiwillige.
Das Regal an der Wand steht voll mit Designerstücken, die zum Teil zu kaufen sind. Das einzige Stück, das mich interessiert, ist allerdings unverkäuflich. Schon mal einen psychopathisch aussehenden Plüschhund gesehen? Es gab leider nur harmlos aussehende „Brüder“ von ihm zu kaufen, die sind aber aus Plastik, für 9000 Yen das Stück. Ich bin doch nicht bekloppt. Interessant ist sonst noch die (ebenfalls unverkäufliche) Uhr. Es handelt sich dabei weder um eine Digitaluhr, noch um eine Zeigeruhr. Die Zahlen werden auf einzelnen Plastikplättchen angezeigt, von denen nach jeder Minute ein neues ins Sichtfeld des Beobachters geschoben wird. Neben den Zahlen von 00 bis 59 (bzw. 1 bis 12) befinden sich darauf kleine Bilder, die zum Teil rätselhaft, zum Teil irgendwie lustig (weil unkonventionell) sind. Frech ist allenfalls das Feld für die volle Stunde – da zeigt das Zifferblatt das böse Wort „Fuck“ an.
Natürlich sollen wir auch hierüber einen Bericht schreiben. Hugosson informiert uns außerdem, dass wir für die Klausur unsere Unterlagen verwenden dürften. Im Normalfall heißt das entweder, dass die Klausur Fragen enthält, die nicht sehr tiefgehend sind, oder aber solche, die direkt unser Verständnis der Materie überprüfen sollen. Ich werde bis dahin das Wichtigste wohl noch einmal lesen.

Danach fahren wir getrennt unserer Wege. Die einen nach Hause, andere sonst wohin, und ich will in die Bibliothek. Mein Postfach ist, dem Datum entsprechend, ziemlich voll. Was meinen Blick auch auf die Menge an SPAM lenkt, die ich jeden Tag bekomme. Es sind mittlerweile etwa 20 solche Mails, die meisten davon Werbung, aber auch einige, die keinen sinnvollen Text enthalten. Manche schaffen es trotz Spamfilter in mein Postfach und ich bin bereits am überlegen, ob ich meine Adresse nicht mal wieder ändern sollte.

Ich fahre ins Ito Yôkadô und hole meine Bestellung ab, den „Streetfighter II Animated Movie“. Einen Geburtstagsrabatt will man mir leider nicht gewähren. Dann gehe ich in die Konsolenabteilung und frage dort nach einer japanischen Version von „Command & Conquer“. Die US (NTSC) Version „brüstet“ sich mit der Option, dass man als Passwort den Begriff „Godzilla“ eingeben kann, worauf die Sprache der Truppen auf Japanisch umschaltet. Das funktioniert in der Euroversion (PAL) leider nicht, also lege ich mir doch gleich die japanische Ausgabe zu. Allerdings ist das Spiel nicht auf Lager, was mich bei dem Alter des Spiels auch wenig wundert. Mir erscheint allerdings die Verkäuferin aber ein wenig alt für eine solche Abteilung. Ich muss ihr zuerst erklären, dass es einen Unterschied zwischen „Playstation“ und „Playstation 2“ gibt und dass es sich bei dem gesuchten Spiel um Software auf zwei CDs handelt, und nicht um eine Datenkassette, wie man sie für Nintendo Konsolen verwendet. Die Frau macht ja einen wirklich netten Eindruck, wie so ziemlich alle Kaufhausangestellten in Japan, aber ich kann aus ihrem Gesicht zum Beispiel auch nicht herauslesen, ob sie verstanden hat, was ich gerade gesagt habe, und sie redet in dem Kaufhaus mit all seinen Geräuschen mit einer relativ leisen Stimme. Sie wolle bis morgen herausfinden, ob man das Spiel noch bekommen könne.

Einen Augenblick später erblicke ich in der Nähe der Kasse, an der ich mich gerade befinde, den japanischen John Belushi. Man stelle sich also einen gut ernährten Japaner in einem Anzug vor, wie ihn die Blues Brothers tragen, mit Hut und Sonnenbrille, auch die Frisur mit den Koteletten stimmt – aber mit Strohsandalen an den Füßen. Das sieht so absurd aus, dass es lustig wirkt. Und er wird seinem Äußeren auch in seinem Verhalten gerecht. Der Mann (um die Mitte 20) scheint mir stark von „Dance Dance Revolution“ geschädigt, da er, während sein Kamerad (in normaler Kleidung) gerade etwas bezahlt, zu tanzen beginnt. Und ich rede jetzt nicht von Walzer oder Tango. Schön koordinierte Beinarbeit, aber ich persönlich hätte das vielleicht nicht gerade an der Kasse im Kaufhaus gemacht. Ich hätte ihn nach einem Foto fragen sollen.

Da ich keine Motivation verspüre, bis morgen zu warten, um zu erfahren, ob ich das gewünschte Spiel eventuell bekommen könnte, fahre ich in einen der Spieleläden und frage dort nach. Ja, heißt es da, man könne das Spiel als Neuversion bestellen, also tue ich das. Für den unverschämten Preis von 4200 Yen. Das ist wirklich kein schlechter Preis für ein Spiel, dessen europäische Version man wahrscheinlich bereits in Spielsammlungen zusammen mit drei anderen Spielen für 5 E kaufen kann.

Zum Schluss gehe ich mit Melanie zu Daijô-san essen. Das Ebi-Donburi ist ganz hervorragend, darf ich feststellen. Die CD der Yoshida Brüder schaue ich immer gezielter an, aber es widerstrebt mir auch weiterhin, mir eine CD zu kaufen, ohne vorher mal reingehört zu haben. Ich werde auf der Homepage des Vertriebs mal nach Sampletracks sehen, oder den CD Verleih bemühen.


[1]   In diesem Spiel gibt es keinen globalen Handel. Nach etwa zwei Jahren sinken in einer Region die Ölpreise, dann muss man die vorhandenen Quellen stilllegen und mit Hilfe des bereits gewonnenen Kapitals eine Bohrgenehmigung und das notwendige Material woanders kaufen, wo der Preis noch hoch ist. Wenn im zweiten Bohrgebiet der Preis dann verfällt, hat er sich im ersten wieder erholt.

13. Juli 2024

Dienstag, 13.07.2004 – Hinfort mit Euch!

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Ich gehe früh ins Center und mache im Prinzip das Gleiche wie gestern, aber ich muss auch noch ein paar Vokabeln lernen. Ansonsten unterhalte ich mich mit denen, die halt da sind, in abwechselnder Reihenfolge, also Marc, Irena und Izham, der mir eröffnet, dass er meine CD-ROM mit „Combat Mission“ und der ersten Episode von „Bôbobo“ in seinem Schreibtischwust verlegt habe… „aber die ist in meinem Zimmer, kein Zweifel“ sagt er. Habe ich hier den malaysischen Volker getroffen? J Ich möchte mir das Zeug zwar nicht noch einmal besorgen müssen, aber wenn sich das vermeiden ließe, hätte ich die CD schon gerne wieder.

Abends gehe ich mit Melanie zu einem weiteren Schreinfest, das nach dem gestrigen Eintrag jeder Beschreibung entbehrt. Kennt man eines, kennt man alle. Zumindest habe ich bislang diesen Eindruck. Danach müssen wir noch ein paar Sachen einkaufen. Wir treffen zuerst SangSu, der mich fragt, ob ich ihm die Unterlagen leihen könnte, die er morgen für den Vortrag bei Kondô-sensei braucht. Ah so, dann ist er ja früh bei der Sache. Ja, ich habe den ganzen Kram ständig bei mir und kann ihm die Kopie überlassen.[1]

Danach laufen uns im Supermarkt noch FanFan und Mei über den Weg, die ich auf meine Art und Weise entsetze oder belustige. Natürlich meine ich das nicht ernst: Nachdem wir ein paar Worte gewechselt haben, verabschieden wir uns voneinander, obwohl klar ist, dass es unmöglich ist, dass wir uns beim Einkaufen in diesem kleinen Supermarkt nicht noch einmal über den Weg laufen. Eine Minute später tritt exakt dieser Fall ein, ich winke mit der Hand und rufe „Shu! Shu!“, also etwa so, wie man kleine Tiere verscheucht. Die beiden nehmen es mit Humor. „Sind wir etwa Hühner?“ ruft Mei und lacht. „Ihr seid total niedliche Hühner!“ gebe ich zurück. Melanie, die in der Öffentlichkeit mehr Wert auf das (mein) Auftreten legt als ich, hätte das wohl weniger gefallen, wenn sie in diesem Moment in der Nähe gewesen wäre.


[1] Dies ist eine völlig ironiefreie Aussage.

12. Juli 2024

Montag, 12.07.2004 – Das ewig Gleiche

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Misi hat heute Geburtstag, er wird 26.

Nach dem Unterricht nutze ich eine sich bietende Gelegenheit, eine Runde „StarCraft“ zu spielen. Ich arbeite mich weiter durch den Editor, der allerdings noch immer ein paar nicht zu erschließende Details enthält, die leider nicht durch die Benutzeroberfläche selbsterklärend wären. Mit dem Editor von „Delta Force“ war es ja nicht anders… für den brauchte ich ebenfalls die Bastelanleitung, um ein eigenes Spiel zum Laufen zu bringen. Ich muss annehmen, dass ich für weitere Detailveränderungen am Gameplay ein Original mit Anleitung benötigen dürfte. Ein Blick nach E-Bay sagt mir auch, dass das nicht allzu viel kosten wird. Danach will ich noch ins Forum und natürlich auch noch meine Post schreiben, bevor ich keine Zeit mehr dazu habe.

Melanie will mit mir zu einem der zahlreichen Schreinfeste gehen, und genau genommen handelt es sich heute um das Schreinfest unseres eigenen Stadtbezirks. Warum also nicht? Ich fahre also hinter ihr her, weil ich keine Ahnung habe, wo genau es stattfinden wird. In dem Moment, wo sie am Fahrradabstellplatz vor der entsprechenden Straße urplötzlich anhält, bin ich natürlich gerade abgelenkt und schiebe eine Viertelsekunde später ihr hinteres Schutzblech sowie den Reflektor mit meiner Radgabel zu einem Haufen Altmetall zusammen. Immerhin kann ich es wieder soweit hinbiegen, dass die Blechreste nicht am Reifen scheuern, aber der Reflektor ist hin.

Das Schreinfest ist ebenso spannend wie alle anderen auch. Für die alten Männer ist es eine Gelegenheit, zusammen kräftig zu bechern, und für Kinder ist es eine Gelegenheit, sich mit Spielsachen einzudecken, die bestimmt zwei Wochen lang interessant bleiben, bevor man sie in eine Kiste stopft. Uh, Eis in Neonfarben…
Ich hätte nichts dagegen, auf einem Schreinfest mal etwas zu sehen, was auch wirklich etwas mit dem betroffenen Schrein zu tun hat, aber irgendwas läuft da immer schief. Stattdessen nur „Volksfestkultur“ einer Art, die mir auch zuhause ebenso wenig gefällt. Allerdings sind die „Attraktionen“ in Japan sogar noch weniger nach meinem Geschmack. Neben der Zahl von Ständen für jedes mögliche japanische Budenessen (leckerer als Curyywurst, aber halt auch teuer) und Plastikspielsachen gibt es da die Wannen, aus denen man gegen einen entsprechenden, aber nicht hohen Obolus mit einem papierbespannten Werkzeug, das die Form eines kleinen Tennisschlägers von 5 cm Durchmesser besitzt, Goldfische herausschöpfen kann. Die kann man dann in einer Plastiktüte mit nach Hause nehmen. Allerdings frage ich mich, was man damit dann macht? Für ein Sushi ist so ein Fisch viel zu wenig und die wenigsten Leute hier haben Platz für ein ordentliches Aquarium, also muss ich annehmen, dass der Fisch den Rest seines bemitleidenswerten und kurzen Lebens in einem ausrangierten Wasserglas fristen wird, ohne Luftpumpe und hin und wieder mit neuem, gechlortem Leitungswasser versorgt. Er wird wohl nicht weniger bald vergessen werden wie das Plastikspielzeug.
Ebenso arm dran sind die kleinen Schildkröten, die man aber nicht aus dem Wasser fischen muss. Sie werden in Kisten gelagert, als handele es sich dabei um Schrauben oder Salzkräcker, zu Dutzenden übereinander gestapelt. Erzieht eigentlich irgendjemand den kleinen Japanern den Respekt vor der lebenden Kreatur an? Ich habe Zweifel. Wenn dem so wäre, würden die herangewachsenen Eltern diese Unsitte ja nicht unterstützen und der Markt würde zusammenbrechen. Ich lache weiter ins Gesicht des Essayisten[1], der in seinen Aufsätzen doch tatsächlich geschrieben hat, dass Japaner die Umwelt so lieb hätten, angeblich veranschaulicht durch die Verquickung von Shintoismus und Buddhismus. Meines Erachtens handelt es sich dabei um eine Legende, genährt durch nationale Propaganda und die Tatsache, dass Shintoismus eine Naturreligion ist und der Buddhismus zumindest das Töten von Kreaturen verbietet, die in der Lage sind, Schmerzen zu fühlen. Ich frage mich, ob jener Essayist jemals in Japan gewesen ist.


[1]   … dessen Namen ich leider vergessen habe…

11. Juli 2024

Sonntag, 11.07.2004 – Spielen am Bach

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Um 06:00 bin ich wieder auf den Beinen. Warum stehe ich so früh auf? Weil Melanie für uns heute einen Trip organisiert hat, für den wir um 09:00 abholbereit am Hotspar stehen sollen. Bis zu dem Zeitpunkt gehe ich noch davon aus, dass es sich dabei um eine von der Universität getragene Aktion handele, aber wir werden dann schließlich mit etwas Verspätung von der Frau (und ihrer Familie) abgeholt, die sich hin und wieder mit Melanie trifft, um ihr gelerntes Deutsch nicht einrosten zu lassen. Ich habe mir ihren Namen nicht gemerkt, und wir wurden einander auch nicht explizit vorgestellt. Aber gut, was den Ausflug betrifft, ist mir natürlich völlig egal, auf welchem Wege das Ziel letztendlich erreicht wird, mit der Uni oder auf private Weise, aber was mich nicht begeistert, ist das Wetter. Die Regenzeit macht nämlich ihrem Namen ausnahmsweise alle Ehre. Es regnet, mit kurzen Pausen, seit gestern Abend, was mich nicht davon überzeugt, dass ein Ausflug heute eine tolle Idee ist. Trotzdem lasse ich mich dazu breitschlagen. Wir werden ja noch einige Kilometer zu fahren haben, bis wir im Shirakami Naturschutzgebiet sind, vielleicht bleibt das Gebiet ja vom Regen verschont. Außerdem möchte ich auch nicht, dass Melanie die Reiseverpflegung umsonst vorbereitet hat (und ich will sie auch nicht vergeblich in dieser Extratour gestern Abend eingekauft haben).

Die Familie fährt einen Wagen namens „Raum“, das deutsche Wort steht groß auf der Heckklappe, und der heißt wohl so wegen des großzügigen und familienfreundlichen Innenraums. Aus dem Radio tönt entspannende klassische Musik, die mich auch sehr bald an die Grenze zum Land der Träume schickt.

Am Besucherzentrum des Shirakami-Gebietes regnet es tatsächlich nicht, aber der Himmel verheißt nichts Gutes. Während wir dann in einem Seminarraum im Inneren des Gebäudes sitzen und von den verantwortlichen Organisatoren hören, um was es denn hier eigentlich geht, fängt es an, wie aus Gießkannen zu regnen. Der Regen schwächt sich im Laufe des Diavortrags über die heimischen Flussinsekten etwas ab, bleibt aber.

Wir fahren dann in einem kleinen Bus noch einmal einige Kilometer in die Berge, bis wir zu einem Bach gelangen, an dem wir uns dann niederlassen. Die Gegend sieht auch gar nicht schlecht aus. Ich komme mir ein bisschen vor wie in den Alpen, abgesehen davon, dass die Vegetation anders ist. Hier herrschen Buchenwälder vor, während ich in den Alpen in erster Linie Nadelwälder in Erinnerung habe.
Die Organisatoren unserer kleinen Reise erforschen die Fauna in den hiesigen Bächen und bauen Mikroskope und Schalen auf, um die Tiere, die wir fangen, betrachten und mit ins Labor nehmen zu können. Wir erhalten zunächst jeder etwas, das aussieht, wie ein großer, gelber Bierkrug, nur aus Plastik und mit einem Boden aus durchsichtigem Material versehen. Dieses Ding setzt man ins Wasser und kann somit in aller Klarheit den Boden des Baches betrachten, den man eben sonst wegen der Kräuselung der Wasseroberfläche nicht sehen kann. Wir bekommen auch kleine Netze und Sammelschalen, um die Krebse und dergleichen einsammeln zu können. Ich interessiere mich allerdings bald weit mehr für schöne Steine aus dem Bachbett als für Kleinkrebse, die ich schon von zuhause her zu Genüge kenne. Außerdem wollen die Krebse sicherlich ebenso wenig gestört werden wie ich, wenn ich gerade einen ruhigen Nachmittag verbringe. Ich nehme zwei Steine mit, die mir gefallen und buddele weiter im Sand des Bodens, um vielleicht noch mehr zu finden.
Da ich andauernd die nackten Hände im Wasser habe, kann ich sagen, dass es nicht geschadet hätte, wenn ich mit Latschen ins Wasser gegangen wäre. Es ist nicht so kalt, wie ich das von Wasserläufen dieser Art gewohnt bin. Aber die mitgebrachten Latschen sind überflüssig. Meine Kampfschuhe BW sind wasserdicht und machen mir keine Probleme dabei, im Wasser spazieren zu gehen. Melanies Schuhe haben offenbar undichte Stellen im Bereich der Zunge oder aber dort, wo sich das Leder wegen der ständigen Schrittbewegung am oberen Ende der Zehen biegt. Ihre Füße werden nass. Und dann fängt es auch hier an zu regnen. Es nieselt in einem stärkeren Ausmaß, könnte man wohl sagen, aber es reicht aus, um nass zu werden, wenn man keine Regenkleidung hat, so wie ich. Aber wie immer ist der Regen nicht das, was ich „kühl“ nennen würde, also macht es mir auch nichts aus.
Aber es macht anderen Leuten was aus, und der Ausflug endet eine Stunde vor dem geplanten Schluss. Wir steigen wieder in unseren Bus und fahren zum Besucherzentrum zurück, wo sich die Gruppe schnell auflöst. Irgendwie hatte ich noch damit gerechnet, dass es eine Art Schlussbesprechung geben würde, aber das blieb Spekulation.

Wir fahren also wieder nach Hause, und dort wartet auch noch die eine oder andere Arbeit auf uns. Der ganze Krempel für die anstehenden Klausuren lernt sich ja nicht von allein. Ich fühle mich allerdings ziemlich erschlagen, und weiß noch nicht einmal genau, woher. Ich stehe ja auch sonst oft genug um 06:30 auf, und habe damit heute nur eine halbe Stunde weniger geschlafen als sonst. Trotzdem muss ich mich erst mal eine Weile hinlegen und schlafe zwei Stunden lang, bevor ich mich dann abends mit wesentlich klarerem Kopf an irgendwelche Aufgaben setzen kann.

10. Juli 2024

Samstag, 10.07.2004 – Einkaufen vor Schluss

Filed under: Japan,Manga/Anime,My Life — 42317 @ 7:00

Den Morgen verbringe ich damit, den Eintrag für den gestrigen Tag zu machen. In die Bibliothek komme ich daher erst gegen 13:00 und muss dann auch noch eine Weile warten, bis ein Rechner frei wird. Dann sehe ich zu, dass ich im Schnellverfahren was geschrieben und gelesen bekomme, weil die Zeit leider knapp ist, und vor lauter Lauter vergesse ich dabei, eine Mail an meinen alten Kameraden Mihel zu schreiben, der ja heute Geburtstag hat.

Nachdem die Bibliothek dann wieder geschlossen hat, fahre ich ins Ito Yôkadô und bestelle mir die japanische DVD Version des „Streetfighter II Animated Movie“, und das in erster Linie, um eine Version mit Originalmusik heranzukommen, obwohl ich überhaupt nicht zu den entsetzten, eingefleischten Fans gehöre, die sagen, dass der amerikanische (Metal) Soundtrack ja so furchtbar sei. Der US Soundtrack, der völlig anders als der japanische ist, hat eben so ziemlich genau meinen Geschmack an Musik getroffen. Ich habe kurz vor meiner Abreise nach Japan im vergangenen Spätsommer noch die deutsche Version bei Melanies Bruder gesehen und mir daher überlegt, mir auch die japanische zuzulegen.

Melanie wollte auch noch drei leere Videokassetten haben, die ich allerdings erst im zweiten Anlauf kaufe, weil ich bereits wieder ein Stockwerk nach unten gefahren bin, als mir wieder einfällt, dass da ja noch was war.
Ich verzichte auf weitere Umwege, weil es nach Regen aussieht. Der Himmel ist bewölkt und offiziell ist ja Regenzeit, also will ich kein Risiko eingehen. Nur zum Einkaufen gehe ich noch. Erst in den Beny Mart, weil ich ja was zu trinken brauche, und dann in den Sunday, weil wir keine Mülltüten mehr haben. Kaum bin ich zurück und zur Tür herein, eröffnet mir Melanie, dass ich sofort wieder gehen könne, um die Einkäufe für das Essen für den Ausflug morgen zu besorgen.

Nach Anbruch der Dunkelheit kann ich vom Balkon aus kleine Feuerwerke beobachten, die ein paar Hundert Meter weiter in den Himmel geschossen werden. Dann und wann zwei bis drei kleine Raketen, heißt das. Und etwa eine Stunde später beginnt es tatsächlich zu regnen.

9. Juli 2024

Freitag, 09.07.2004 – Tapetenkleister, Mahlzeit!

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Zuerst muss ich mal wieder Vokabeln lernen und einen Text vorbereiten, der als Hausaufgabe präsentierbar ist. Auf dem Weg nach draußen treffe ich dann SangSu, der den Müllplan studiert und außerdem heute Geburtstag hat, aber um diese Zeit denke ich noch nicht daran.

Ogasawara-sensei lässt uns heute über die Vorteile von Groß- und Kleinfamilien und über „traditionelle“ Auszugstermine aus der elterlichen Wohnung diskutieren. Ich habe eine Koreanerin und einen Chinesen mit am Tisch sitzen, also ist mir von vorneherein klar, dass die meine „separatistischen Tendenzen“ nicht recht nachvollziehen können werden. MiSong, die Koreanerin, sagt, dass sie sich eine große Familie wünsche, weil sie ein Einzelkind sei und sich immer Geschwister gewünscht habe. Ich muss in Anbetracht meiner persönlichen Erfahrungen über das Argument ein wenig lächeln und lasse mir kurz durch den Kopf gehen, was der „armen“ MiSong da alles entgangen ist!
Dr. Chen „Dragon“, der Chinese, spricht sich natürlich für eine Großfamilie aus, weil das der Altersversorgung der Großeltern zuträglich sei. Das wundert mich dann doch aus zwei Gründen. Brüsten sich nicht gerade sozialistische Staaten (also z.B. die Volksrepublik China) mit ihren sozialen Errungenschaften? Ich gewinne den Eindruck, dass das Thema „Altersversorgung“ in China ein wenig altertümlich behandelt wird – dabei dachte ich bisher, in China sei die „Ein-Kind-Familie“ Gesetz. Chen sagt, man verliere lediglich finanzielle Vorteile, wenn man mehr als ein Kind zeuge, aber es werde nicht strafrechtlich verfolgt. Deshalb wachse die chinesische Bevölkerung trotz der jahrzehntelangen Politik der Geburtenkontrolle.

Kuramata-sensei geht mit uns in die Abteilung für Hauswirtschaftslehre (das kann man tatsächlich studieren), wo üblicherweise nach idealen Diäten, Ernährungsplänen, Kinder- und Seniorennahrung geforscht wird.
Am Eingang treffe ich schon auf die erste Schwierigkeit. Eigentlich zieht man aus hygienischen Gründen die Schuhe aus und Latschen an, und damit habe ich theoretisch kein Problem. Das praktische Problem allerdings sind die zur Verfügung stehenden Latschen, die sind mir nämlich ein paar Nummern zu klein. Ich erkläre, dass ich auch ohne alles klarkäme, aber man erklärt mir, dass in einer Küche gefährliche Dinge auf den Boden fallen (oder durch Aufprall auf den Boden entstehen) könnten, also dürfe ich meine Schuhe ruhig anbehalten.
Die Lehrerin (ihr Alter ist für mich nicht bestimmbar) und ihre drei Doktorandinnen haben also den ganzen Tag wenig anderes zu tun, als zu kochen (und zu essen). Trotz der dazu gehörenden Theorie der Ernährungswissenschaften möchte ich das ein interessantes Studium nennen. Heute gibt es aber ein ganz einfaches Programm für uns. Wir erleben eine Vorführung, wie heutzutage Mochi gemacht werden und was man dazu alles braucht.
Man braucht allerdings nicht wirklich viel. In erster Linie braucht man natürlich Reis, aber es handelt sich dabei nicht um den Reis, den man üblicherweise kocht und isst. Dieser Reis hier ist besonders klebrig, damit die Masse auch zusammenhält. Traditionell wird der Reis in einem Pott gestampft, indem man ihn mit einem großen Hammer aus Holz bearbeitet. Aber die Mochi-Köchin von heute wirft den Reis ganz einfach in eine Maschine, die Reiskocher und –stampfer in einem ist. Die Maschine hat in ihrem Inneren den Kochtopf, in den man, wie üblich, nur den Reis und Wasser tut, aber sobald der Reis gekocht ist, springt der Deckel auf und ein Metallrotor am Boden des Topfes setzt sich, ganz ähnlich einem Mixer, in Bewegung. Egal, wie oft man es bereits erlebt hat, man erschrickt, wenn der Deckel plötzlich aufspringt und das Gerät, wegen des Rotors, beginnt, seltsame Geräusche zu machen und auf der Ablage herumzuhüpfen.

… was sich nicht leicht darstellen lässt.

Nach einigen Minuten sind die Reiskörner völlig in einer homogenen Masse aus mürbem Reis aufgegangen (mit der man wohl auch Tapeten an Wände kleben könnte) und werden auf ein mit Mehl bestäubtes Tablett geschüttet. Obwohl „schütten“ nicht das passende Wort ist, weil es sich um eine zähe Masse und nicht um etwas auch nur annähernd Flüssiges handelt.

Mochiblob

Alles, was man dann noch zu tun hat, ist essen. Der Einfachheit halber formt man einen Ball aus einem Stück der Masse, feuchtet ihn an und wälzt ihn in süßem Sojabohnenmehl (grün) oder in einer Paste aus süßen Bohnen (dunkelbraun), die Melanie so verabscheut. Ich ziehe das süße Mehl aber ebenfalls vor. Wir versuchen uns auch daran, die Bohnenpaste in das Innere eines Reisballs zu bekommen, aber das Ergebnis ist dürftig. Natürlich ist es einfach, den Reis flach zu drücken, eine Mulde zu formen und dann die Paste hinein zu tun, aber das schwierige daran ist, einen glatten Ball daraus zu formen, dem man von außen nicht ansieht, dass etwas drin ist! Nach zwei Experimenten reicht mir das und ich gehe wieder zum einfachen Essen über.

Mochi-Reisteig sättigt überraschend schnell, müssen wir feststellen, und wir kriegen sogar noch einen zweiten Haufen angeboten. Irena „rettet“ uns da ein bisschen, weil sie noch eine Sprachprüfung hatte und verspätet zu uns kommt. Sie hat von dem ersten Reisteig noch nichts gegessen und noch mehr Platz für den Rest, als das bei uns anderen der Fall ist. Der zweite Teig ist allerdings lila. Und das ist Absicht. Es handelt sich um eine spezielle Reissorte, die eben lila ist und einen kräftigeren Geschmack besitzt, als der normale, weiße Reis. Und weil die hier anwesenden Damen die Füllfähigkeit ihrer Vorführung deutlich unterschätzt haben, bekommen wir auch noch einen Eintopf aus Kartoffeln, Fleisch und Gemüse präsentiert, dem ich geschmacklich anmerke, dass die vier Damen Übung im Zubereiten von Speisen haben. Wirklich hervorragend. Am Ende bin ich pappsatt und eigentlich müsste man mich aus dem Raum rausrollen.

Nach dieser Erfahrung verbringe ich meine Zeit reichlich untätig im Center, weil ich kaum Motivation verspüre, mich zu bewegen. Das Wetter ist so richtig schwül-warm und man fühlt sich von der Luft beinahe erdrückt, ganz zu schweigen von dem Sättigungsgefühl, das in mir wohnt. SongMin macht zu dieser Zeit die Runde und informiert die üblichen Leute, dass bei SangSu heute Abend eine Geburtstagsparty steigen werde, und zwar ab Neun. Dass es eine Überraschung für ihn werden soll, erfahre ich erst später.

Kurz danach gehe ich in die Bibliothek und schaue mir den „Candy Candy“ Film an. Technisch betrachtet ist deutlich zu erkennen, dass es sich dabei um einen Zusammenschnitt aus Schlüsselepisoden handelt, da die Handlung viel zu schnell vor sich geht und auffällig Details fehlen. Völlig hirnrissig erscheint es da, diese Serie, die immerhin 115 Episoden hat, in gerade mal 25 Minuten (!) zu quetschen (also auf die Länge einer Episode)! Wer hat sich das ausgedacht? Man braucht allerdings schon ein dickes Fell, um diese gerade mal 25 Minuten zu überleben. Ich habe schon lange nichts mehr gesehen, was so schmalzig war! Da wird mit so richtig klassischen, althergebrachten Schablonen gearbeitet:
Candy ist ein Waisenkind und kommt schließlich im Alter von 12 Jahren zu einer reichen Witwe (?). Allerdings nicht als Tochter, sondern als Hausangestellte! Die Dame des Hauses hat bereits zwei Kinder in Candys Alter, einen Sohn und eine Tochter, der Candy als persönliches Zimmermädchen dienen soll. Natürlich sind die beiden die widerlichsten, hochnäsigsten, verzogensten und unausstehlichsten Gören (mit überdies sadistischen Tendenzen), die man sich vorstellen kann. Sie tragen ein besonders starkes Klassenbewusstsein zur Schau. Man muss sie einfach hassen. Candy vergießt also viele Krokodilstränen, bis sie schließlich die „Nachbarn“ kennen lernt – drei Jungs, die mit ihrer Großmutter auf dem nächsten Landhaus leben. Die drei sind das exakte Gegenteil von Candys Arbeitgebern und natürlich betritt hier der romantische Aspekt die Bühne, und der ausgewählte Junge sieht nicht weniger wie ein „Vorzeige-Arier“ aus als Candy selbst. Ja, und nachdem Candy also 15 Minuten lang unter ihrer „Familie“ gelitten hat, lernt sie auf einer abendlichen Gesellschaft ihren Schwarm kennen und der Film ist vorbei.
Das Werk ist durch die Kompression so abgedreht, dass ich die Datei wohl behalten werde. Man kann es allerdings keinem zeigen, ohne unweigerlich in Folge starker Hirnblutungen des Zuschauers wegen fahrlässiger Tötung im Gefängnis zu landen. Auf die Serie kann ich gut verzichten… der Schnelldurchlauf hier reicht völlig aus.

Um 20:30 bin ich dann zuhause und mache mich fertig, um runter zu SangSu zu gehen. Beim zweiten Nachdenken kommt mir der Gedanke, dass es vielleicht keine gute Idee ist, SangSu mit einem Besuch zu überraschen… man bedenke die Unordnung, der normalerweise in seinem Zimmer herrscht.
Als erstes treffen zwei Koreanerinnen ein, SûJin und KiJong, die wir vom Balkon aus ankommen sehen, worauf es zwei Stockwerke unter uns deutlich lauter wird. Melanies Interpretation: „Die haben ihn in seinem Saustall überrascht und jetzt ist er sauer!“ Ich teile diese Meinung nicht, obwohl ich (wie sie) kein Koreanisch verstehe und nur den Tonfall interpretieren kann. Dennoch zieht Melanie es vor, auf die Straße zu gehen und einen Augenblick lang an seinem Fenster zu lauschen (wie komm ich mir denn da vor???), um die Lage zu peilen, bevor wir endgültig reingehen. Wie ich mir dachte, ist die Situation da drinnen nicht gespannt, also gehen wir hinein.
Nachdem etwa die Hälfte der erwarteten Leute angekommen ist, wird sein Zimmer bereits recht eng, also bieten wir an, die Party in unser Apartment zu verlegen. Wir machen allerdings vorher selbst noch ein wenig sauber, um dem Ganzen das Prädikat „grob gereinigt“ geben zu können, und legen den Teppich in das Tatami-Zimmer, damit die Reismatten nicht mit irgendwas getränkt werden, was ich Abends nicht in der Nase haben möchte, wenn ich mich hinlege.
Es werden einige Leute, wie sich bald herausstellt. Ii, Wiirit, Nan, SongMin, SûJin, KiJong, noch zwei Koreanerinnen, deren Namen ich nicht kenne, Valérie, Chris, Misi, Eve, Irena, Melanie und ich. Alex, MinJi, Jû, Izham und Baqr (der allerdings öfters „Abu“ gerufen wird), sowie Mélanie sind nicht da. Ich nehme an, dass sie nicht zur rechten Zeit im Center waren. BiRei aber war da und ist trotzdem nicht gekommen. Sehr schade eigentlich.

v.l. KiJong, Nan, Ii, Eve, Weerit, Misi

Unsere Nachbarn werden den Abend wohl so schnell nicht vergessen. Ich bin der Meinung, dass wir nicht außergewöhnlich laut waren, aber wir waren auch nicht leise. Und ausgerechnet der Trottel von gegenüber ruft seinen Unmut zu unserem Balkon herüber! Dabei muss gerade der die Klappe halten – er, der mitten in der Nacht mit laufendem Motor (seines Geländewagens) mit seinem Kumpel (der in seinem eigenen laufenden Wagen sitzt) tratschen muss; er, mit seinem zu Sonnenaufgang kläffenden Hund (der selbst natürlich nichts dafür kann, also verzeihe ich dem Hund); er, der auch schon mal morgens um fünf Uhr laut plätschernd sein Auto waschen muss und dabi auch vor dem röhrenden Staubsauger für den Dreck im Fußraum nicht zurückschreckt; er, aus dessen Haus zu den ungewöhnlichsten Zeiten der Klang von Klavierübungen erschallt; er, der zu jeder Tages- und Nachtzeit ungeniert seinen Schleim aus seinem Raucherhals würgt und hustet und laut auf die Straße ausspuckt! Nein, der hat bei mir kein Beschwerderecht, und bei allem Respekt: Er kann mich mal kreuzweise.

SangSu ist am Ende wieder leicht angetrunken und man macht sich über sein rotes Gesicht und seine roten Ohren lustig. Aber Wiirit scheint ziemlich hin zu sein, er erinnert vom Gesichtsausdruck her ein bisschen an einen abgehobenen Guru im Rausch der Sinne oder so. Ich habe ein Foto davon gemacht. Er hat sogar Probleme, gerade zu sitzen.

Irena, Chris, SangSu

Um 00:45 verlagert sich die Party (für etwa eine Stunde) wieder nach unten in SangSus Apartment, nachdem ein Teil der Leute wohl gegangen ist. Einige gehen langsam und reden laut auf der Straße. Vor allem der lachende Misi ist bestimmt kilometerweit zu hören. Ich ziehe es allerdings vor, schlafen zu gehen, während Melanie den Rest des Festes ebenfalls noch erleben will.

8. Juli 2024

Donnerstag, 08.07.2004 – Kleider machen Leute?

Filed under: Japan,My Life,Spiele — 42317 @ 7:00

Manche Kanji sind zu einfach. Vor allem, wenn sie nur zwei Striche haben. In meinem Aufsatz über Zulassungsbedingungen deutscher Universitäten habe ich viermal „Mensch“ mit „betreten, hineingehen“ verwechselt. Das Kanji ist zu einfach, als dass mir eine sinnvolle Eselsbrücke einfallen würde.

Nach dem Unterricht bespreche ich etwa die Hälfte meines Kampfberichtes mit Eve, die das Mammutwerk am Wochenende fertiggelesen hat, um Verständnisfehler zu besprechen. Der größte Teil der Sachen, die sie markiert hat, lässt sich erklären, weil es sich um stilistische Elemente handelt, um Fachbegriffe oder militärischen Slang. Den Rest des Berichtes verschieben wir auf später, obwohl uns beiden nicht ganz klar ist, wann das sein soll – und sie will den Stapel Papier schließlich irgendwann loswerden.

Danach wird der Tag weitgehend zur „StarCraft“ Session, weil mir langsam klar wird, wie der Editor funktioniert. Ich habe allerdings noch weit nicht alles verstanden… warum der Gegner z.B. bei der Hälfte der zwölf Testspiele nur untätig in seiner Basis blieb, ohne sich die Mühe zu machen, die Karte zu erkunden, ist mir nicht klar, während er mir bei drei Spielen einen so genannten „Hard Rush“ gegeben hat – einen schnellen Angriff mit den ersten gebauten Einheiten, der mich jeweils völlig überrumpelt hat, weil ich ein zu langsamer Spieler bin.

Dann sehe ich zu, dass ich mit meinem Newsletter ein bisschen weiterkomme, bis ich dann gegen Acht zum Haus der Familie Jin fahre, nachdem ich erfahren habe, dass mein bestellter Anzug heute gekommen sei und ich ihn abholen könne. Ich habe sogar „Dai“ Knöpfe dafür bekommen, wenn auch nicht von der HiroDai, sondern von der „Nihon Daigaku“, der „Japan Universität“ in Tokyo. Wie auch immer… es ist auch eine zweite Hose dabei, von der der Schneider gesagt hat, sie sei eine Serviceleistung.
Jetzt ist dieses Wort in Japan aber ambivalent. Das kann heißen, dass eine Ersatzhose grundsätzlich dazugehört (was ich annehme), oder aber dass der Laden dem Kunden ein Geschenk macht. Das passiert in Japan des Öfteren… wir haben ja in dem Yakiniku-Laden, den wir ein paar Mal besucht haben, auch schon eine Packung Schinken geschenkt bekommen, mit dem Hinweis, dass es „Service“ sei. Und die ganzen Apfelgeschenke im vergangenen Herbst habe ich auch noch nicht vergessen. Besagte Hose allerdings kostet umgerechnet etwa 75 E, und ein solches Geschenk möchte ich dann doch ausschließen. Andererseits… ich könnte mir vorstellen, dass der Absatzmarkt für Schuluniformen in Japan heiß umkämpft sein könnte.

Dr. Jin erzählt, dass er heute einen Deutschen, wohl einen Touristen, in der Praxis hatte – der hatte eine Entzündung an… an… seinem Elften Finger… und brauchte Salbe. Meine Güte, was erzählt mir der Mann denn da? Obwohl es im Nachhinein ganz lustig ist… vielleicht auch deshalb, weil der „Gesalbte“ geradezu erschrocken war, von dem japanischen Arzt auf Deutsch mit „Tschüss“ verabschiedet zu werden. Wir haben jetzt also einen weiteren Landsmann, der die Legende weiterverbreiten wird, japanische Ärzte seien grundsätzlich des Deutschen mächtig. Und ich möchte daran erinnern, dass jede Legende ein Krümelchen Wahrheit besitzt.

7. Juli 2024

Mittwoch, 07.07.2004 – Themenvielfalt macht den Tag schöner

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Mich plagt heute den ganzen Tag über eine mehr oder weniger unterschwellige Übelkeit… ich habe keine Ahnung, wo ich die herhaben könnte. Morgens schreibe ich Kanji für den Test bei Yamazaki-sensei ab und in der Mittagspause fasse ich den „Sozialbericht“ von „Lloyd’s London“ für Hugosson zusammen, den er für heute noch gar nicht haben wollte… aber immerhin ist diese Arbeit damit erledigt. Stattdessen fragt er mich, wo mein Bericht über den Ausflug letzte Woche bleibe. Moment mal, den Bericht habe ich längst versendet! Er hat ihn aber nicht erhalten. Ich betreibe ein wenig Ursachenforschung und stelle fest, dass ich die E-Mail-Adresse falsch in das Adressfeld eingegeben habe. Nach „Hugosson@“ folgt nämlich zuerst mal „cc.“ und nicht gleich „hirosaki-u“. Was mich dabei wundert, ist die Tatsache, dass die Post nicht mit dem Vermerk „unbekannter Empfänger“ zurückgekommen ist. Das würde bedeuten, dass die Mail zwar noch irgendwo im Netzwerk existiert, aber eben nicht dort, wo sie eigentlich hinsollte. Aber was soll’s, ich hole die Versendung nach und es herrscht wieder Frieden im Land.

Dann ist erst mal Kondô-sensei dran und SangSu hält einen weiteren Vortrag, diesmal über die atemberaubenden Unterschiede zwischen der (inzwischen nicht mehr existenten) japanischen Fuji Bank und der amerikanischen CitiCorp Bank. Der zugrundeliegende Aufsatz stammt von 1996. Für unsereins sind die Details eigentlich langweilig, keiner von uns studiert ein wirtschaftlich relevantes Fach, abgesehen davon, dass ich die Erweiterung meines Allgemeinwissens gutheiße. Nim kommt noch nahe heran, weil sie die Feinheiten der Geflügelzucht studiert…
Der Aufsatz, der vom Computerwissenschaftler SangSu zusammengefasst und vom Finanzspezialisten Kondô genauer erklärt wird, führt den Nachweis, dass japanische Banken zu viel Kapital haben. Diese These kommt einem Laien wie mir natürlich seltsam vor – wie kann man zu viel Kapital haben? Die Fuji Bank, die durchaus stellvertretend für die gängige Praxis stand und als Paradebeispiel heute noch steht, hatte zwar riesige Rücklagen und eine große Summe laufender Kredite, aber die Investitionen waren wenig gewinnbringend angelegt. Die CitiCorp kam letztendlich zwar auf ein niedrigeres Geschäftsergebnis, aber der Gewinn pro investiertem Dollar war deutlich höher als der der Fuji Bank. Warum war das so?
Die CitiCorp hat ein breit gefächertes Investitionsfeld, wogegen die Fuji Bank, wie praktisch alle anderen japanischen Banken auch, eine klare Konzentration auf Großkunden besaß. Das heißt, Kredite wurden praktisch nie an Körperschaften vergeben, die nicht mindestens in die Kategorie „mittleres Unternehmen“ fielen. Kleine Unternehmen oder gar Privatpersonen haben in Japan überhaupt keine Chance, an einen regulären Kredit zu kommen. Ich erwähnte das bereits an anderer Stelle. Großkunden allerdings sind oft einflussreiche Konzerne, die die Möglichkeit besitzen, den Zinssatz der Bank herunterzuhandeln. Entweder die Bank setzt die Zinsrate niedrig an oder verliert das Geschäft. Ergo: Die Banken sollten also ihr Investitionskapital verringern und sich mehr auf mittlere und kleine Unternehmen konzentrieren, sowie auf individuelle Kreditnehmer, um so das Risiko einer einzelnen Investition zu streuen. Die Zeiten, wo man Kredite an japanische Großunternehmen als sicher betrachten konnte, sind seit etwa zehn Jahren vorbei, aber das haben die großen Kreditinstitute offenbar noch nicht gemerkt.

Wir besuchen mit Hugosson heute eine wirklich naheliegende NPO. Sie hat ihren Sitz im Studierzimmer eines Professors im Physikgebäude nebenan, und weil da alle ganz umweltbewusst sind (die anwesenden Studenten wohl eher weniger freiwillig), läuft da auch keine Klimaanlage. Das Zimmer ist ein Backofen und die Fenster müssen geschlossen bleiben, damit nicht ein Windstoß wichtige Papiere durcheinanderbringt. Nach fünf Minuten, in denen ich nur stillsitze, läuft mir der Schweiß bereits in Strömen vom Gesicht und ich wage gar nicht, meine Arme auf dem Tisch abzustützen, weil sich an den Berührungsflächen sofort Pfützen bilden. Der Professor macht für uns Gäste eine Ausnahme und schaltet die Klimaanlage ein. Nach weiteren fünf Minuten kann man den Raum dann als bewohnbar betrachten.
Das erklärte Ziel dieser Organisation ist die Renaturierung stillgelegter Agrarflächen, um durch menschlichen Einfluss verdrängte Insektenarten, unter anderem (oder vor allem) ein paar sehr schöne Libellenarten, wieder anzusiedeln. Diesbezüglich seien bereits einige Erfolge eingetreten – auch solche, die eigentlich nicht beabsichtigt waren. So habe sich nach der Aufnahme der Arbeit der NPO die Rote Libelle, die unter der japanischen Bezeichnung „Akatombo“ jedem Kind in Japan ein Begriff ist, stark verbreitet. Allerdings sei diese Libelle vorher in Aomori nicht heimisch gewesen, bis vor fünfzig Jahren gab es sie hier oben noch gar nicht – es war zu kühl. Die Verbreitung dieses Raubinsekts nach Norden ist also ein Anzeichen für die globale Erwärmung. Aber die spürt man auch weiter südlich. In Tokyo sollen schon Gottesanbeterinnen gesehen worden sein, und auch ein paar hässliche und auch giftige Spinnenarten sollen sich bereits in der Südhälfte von Honshû ausgebreitet haben. Na Mahlzeit, darauf kann ich verzichten. Aber vor die Wahl gestellt, würde ich lieber mit einer Gottesanbeterin zusammenleben.
Nebenbei hat man sich der Umwelterziehung der einheimischen Kinder verschrieben, und ich persönlich finde das angesichts des Mülls, den man auch in den Wäldern findet, recht notwendig. Der Professor ist sehr angetan vom deutschen Mülltrennungssystem, lobt es in den höchsten Tönen und zeigt uns ein paar typische Fotos, die er während einer Umwelttagung in Frankfurt am Main gemacht hat: Mülltonnen. Ich habe schon öfters Touristen in Trier am Bahnhof gesehen, die angesichts der verschiedenartigen Müllboxen auf dem Bahnsteig die Kamera rausholten und Fotos von den Eimern machten. Dann zeigt er ein paar andere Fotos und Statistiken, die belegen (sollen) wie sehr der Kohlendioxidgehalt der Luft in den vergangenen 200 Jahren zugenommen hat. Festgestellt wird das alles anhand von Ablagerungen verschiedener Art, in erster Linie durch Proben von den Polkappen, wo sich ja jedes Jahr eine aussagekräftige neue Schicht von Eis bildet.
Der liebe Professor redet viel und wir überziehen zehn Minuten lang, aber nach dieser Stunde hat keiner von uns mehr Unterricht. Zuletzt bittet er uns, an einer Radiosendung der „Apple Wave“, des Aomori-ken Lokalsenders, teilzunehmen, um von unseren heimatlichen Mülltrennungs- und anderen Umweltmaßnahmen zu berichten. Er kann uns noch kein Datum nennen, aber er werde mit unserem Dr. Hugosson in Kontakt treten, um die Sache in die Wege zu leiten. Natürlich interessiert mich diese Erfahrung… obwohl hier kaum jemand Radio hört und was von mir mitbekommen wird. Würde sich der Betrieb einer Radiostation lohnen (durch Werbeeinnahmen z.B.), dann gäbe es sicher mehr als zwei oder drei pro Region. Wenn ich bedenke, wie viel Radioauswahl ich in Deutschland genieße… dort kann ich mir beinahe für jedes Interessengebiet einen anderen Sender aussuchen – Musik auf RTL oder SR1, Nachrichten auf der Europawelle und beknackte Moderatoren auf Radio Salü (wenn man sich wieder vergewissern möchte, warum man diesen Sender nicht hören will).

Ich surfe danach ein bisschen im Internet und finde die Homepage von Koike Rina.
Wer ist Koike Rina? Dabei handelt es sich um die junge Schauspielerin, die die menschliche Luna in der „SailorMoon“ Realserie spielt. Aus verschiedenen Kommentaren kann ich entnehmen, dass Luna manche Leute so sehr an die wenig beliebte ChibiUsa erinnert, dass sie keine Chance hat, irgendwelche Sympathiepunkte zu erreichen. Diese Kommentare höre ich derweil nur aus Deutschland, aber wen wundert das? Die Animeserie war in erster Linie in Europa ein Erfolg, vor allem in Deutschland und Italien. Italiener haben wir hier aber keine, und auch Amerikaner, die immerhin einen Teil der Serie kennen könnten, haben wir auch nicht. Die Japaner, die ich gefragt habe, kennen zwar alle die Animeserie, streiten aber ab, die Realserie zu kennen. Andererseits wird sie aber auch zu einer Zeit gesendet, zu der Studenten noch tief und fest schlafen.

Wie dem auch sei, ich habe also “Lunas“ Homepage gefunden.
Aha… sie ist 1993 geboren und 135 cm groß, bei knapp 29 kg Gewicht. Meine Güte – ein Zwerg, und ein ziemlich leichter obendrein. Sie wird wohl noch ein paar Zentimeter wachsen. Rina ist unter Vertrag bei einer Promotion-Firma, die „Very Berry“ heißt, was im Japanischen Englisch irgendwo wieder lustig klingt, weil beide Begriffe gleich ausgesprochen werden. Diese Firma verdient ihr Geld offenbar mit der Vermittlung junger „Talente“ an Firmen, die etwas mit diesen produzieren, was sich irgendwie vermarkten lässt.
Eine der Firmen, die Rina „gemietet“ haben, ist z.B. „Idolland“ („Idol“ ist die japanische Bezeichnung für junge Showstars). Diese Firma wiederum verdient ihr Geld mit so genannten „Image Videos“. Das sind Videos, die, so fasse ich das zumindest auf, für die jeweilige Vertragsnehmerin (die sind nämlich alle weiblich, soweit ich das überblicken kann) als Werbemaßnahme zur „Weitervermietung“ dienen sollen – zumindest offiziell. Dass diese Videos nämlich für die Darstellung des künstlerischen Potentials der Vertragsnehmerin geeignet (oder auch nur gedacht) sind, halte ich für äußerst fragwürdig. Man kann sie auch im Handel kaufen, für 3900 Yen pro DVD. Dafür bekomme ich 40 Minuten Unterhaltung. Ich möchte es mal so nennen.

Man werfe einen Blick auf die Seite www.idolland.co.jp. Die Aufmachung der Seite sagt alles darüber aus, um was es hier tatsächlich geht. Aber für die, die keinen Zugang haben, führe ich das noch ein wenig aus. Die Gestaltung der Cover der DVDs (von den Fotos auf der Idolland Homepage mal ganz abgesehen) zeigt mir, dass hier sehr körperbetonte Aufnahmen verkauft werden. Oh nein, natürlich keine expliziten Details. Das würde dem ganzen Geschäft ja den legalen Rahmen rauben. Die meisten der dargestellten Mädchen sind minderjährig. Das ist im Idol-Business allerdings nichts Ungewöhnliches, und ich habe auch gar nichts dagegen, wenn die Mädchen singen und tanzen. Eben das tun sie in den „Idolland“ Produktionen aber eben nicht. Da sind Titel wie „Chûgakusei“ („Mittelschülerinnen“) nicht selten, und die Mädchen werden dargestellt in den „üblichen“ Outfits: Freizeitkleidung, Schuluniform, Schulsportdress (also T-Shirt mit kurzen, enganliegenden Hosen) und Badeanzug. Die Posen möchte ich dabei schon für „eindeutig“ bis „obszön“ halten, aber mir scheint, dass es Abstufungen je nach Alter der Vertragsnehmerin gibt: Je näher die Person an 21 (Volljährigkeit) herankommt, desto deutlicher treten die eigentlichen Zwecke dieser Aufnahmen hervor. Aber die ältesten Models bei „Idolland“ tragen immer noch Schuluniform, sind also bestenfalls 18 Jahre alt – sofern das Alter nicht falsch angegeben wird.
Sagen wir es kurz und knapp: Die liebe Rina kommt aus dem Loli-Business. Wie ich mit der „Altersabstufung“ andeutete, gibt zumindest das Cover ihrer DVD keine allzu erotischen Bilder her (ein magerer Spatz im Badeanzug ist nicht sonderlich anziehend in meinen Augen). Aber letztendlich handelt es sich dabei um ein Produkt, das in bewegten Bildern das zeigt, was man auch in dem kleinen Bilderbuch sehen kann, das ich vor wenigen Wochen gekauft habe. Man kann die inneliegende Pädophilie aus dem Bildschirm herausriechen. Aber ich will hier keinen Vorurteilen Vorschub leisten. Es gibt in Japan ganz bestimmt nicht mehr Pädophile als anderswo in der so genannten zivilisierten Welt – die legalen Grauzonen am Rand dieser Ausrichtung sind nur akzeptierter als sonst wo. Ich persönlich führe das auf eine Eigenart der japanischen Kultur zurück, die jedem Japaner und jeder Japanerin eingeimpft wird und sich in der Sprache niederschlägt.

Als ich im Winter in Tokyo war, habe ich mich, wie ich erzählt habe, mit Shizuka getroffen, die ich von ihrem Studienjahr in Trier her kannte. In Akihabara kamen wir an einem großen Werbeplakat vorbei, auf dem Nakama Yukie abgebildet war, und meine Sympathie für diese junge Frau habe ich in meinem Tagebuch schon öfters zur Sprache gebracht. Beim Anblick des Posters machte ich die Bemerkung, dass sie meines Erachtens die derzeit schönste Frau Japans sei. Shizuka sah mich an und fragte mich, ob ich sie „niedlich“ finde – „Kawaii?“ Die Rückfrage ließ mich kurz stutzen, weil ich an diesen Begriff überhaupt nicht gedacht hatte. Ich sagte, nein, „niedlich“ sei das falsche Wort, ich fände Yukie „schön“ – „utsukushii“. Bei „kawaii“ denke ich in erster Linie an „niedliche“ Kleinstkinder aller Art, seien es Tiere oder Menschen, aber nicht an erwachsene Frauen.
Sensibilisiert durch diese kurze Episode fielen mir in den folgenden Monaten öfters solche Kommentare auf, in denen der Begriff „kawaii“ auf erwachsene Frauen angewendet wurde, um ihr Äußeres und ihre Ausstrahlung zu beschreiben, und nach und nach fielen mir auch derlei Kommentare aus japanischen Filmen ein, die ich gesehen hatte. Ich muss daraus schließen, dass die Begriffe „hübsch“, „gut aussehend“ und „niedlich“ hier synonym sind. Der implizierte Sexismus solcher Sprachmuster besteht darin, dass, laut japanischem Sprachgebrauch, eine Frau, die nicht „niedlich“ ist, auch nicht „hübsch“ – und damit nicht anziehend sein kann. Ich habe eine solche Prägung nicht und bin durchaus der Meinung, dass schöne Frauen nicht unbedingt auch immer irgendwie niedlich sind.
„Niedlich“ ist ein Begriff, den ich – wieder beim Thema – mit einer kindlich-unschuldigen Art von Schönheit in Verbindung bringe. Nakama Yukie zum Beispiel besitzt für mich eine „erwachsene“ Schönheit, in der ich persönlich keine „Kindhaftigkeit“ sehe und auch nicht sehen kann. In Japan zu einer Frau zu sagen, sie sei „kawaiku nai“ („nicht niedlich“) ist allerdings schon eine Art Affront, da damit alle anderen äußeren Qualitäten, die die Angesprochene haben mag, in Frage gestellt werden. Diese zweifelsfrei männliche Sicht der Dinge hat natürlich der Kosmetikindustrie ihren Stempel aufgedrückt.[1]

Ein weiteres sprachliches Phänomen in dieser Richtung ist die seltsame Angewohnheit von japanischen Frauen, sich im mehr oder minder engen Bekanntenkreis mit dem eher kindlichen Suffix „-chan“ anzusprechen, den ich gerade beschrieben habe. Als Mitteleuropäer will ich nicht verstehen, warum erwachsene Frauen sich mit Bezeichnungen anzureden, wie sie eher in den Kindergarten passen würden. Ich würde gar nicht auf die Idee kommen, eine Japanerin, die 16 Jahre oder älter ist, mit diesem meines Erachtens diskriminierenden Suffix anzusprechen. Es ist ein Sexismus, der sich in der Sprache niederschlägt und die japanische Frau in ein untergeordnetes, kindliches Muster presst. Um dieses Konzept für die Frauen akzeptabel zu machen, erzählt man ihnen von klein auf, dass niedlich zu sein eine weibliche Tugend sei.
Wenn ich zu viel darüber nachdenke, wird mir noch übel davon. Ich bin ganz froh, dass der Umgang, den ich mit der Familie Jin pflege, nicht auf solche Stereotypen schließen lässt. Dr. Jin bedenkt seine Frau mit der sehr höflich zu nennenden Bezeichnung „Eiko-san, und dieses Suffix wird, laut dem einen oder anderen Soziologen, für gewöhnlich schnell vergessen, sobald man mal dasselbe Kopfkissen geteilt hat.

Ich gehe schließlich nach Hause. Ein Blick in den Himmel zeigt mir, dass der Himmel, der den ganzen Tag über, wie auch während der Tage zuvor, weitgehend klar gewesen war, jetzt bewölkt ist. Was mich daran erinnert, dass heute „Tanabata“ ist. Was ist Tanabata?
Laut einer Legende, die aus eigentlich aus China stammt, waren da vor langer Zeit einmal der Hirte Hikoboshi und die webende Prinzessin Orihime (die Sterne Vega und Altair), die sich so innig liebten, dass sie ihre Arbeit vernachlässigten. Darüber war der Himmelskaiser sehr erzürnt und er trennte die beiden durch den Himmelsfluss (die Milchstraße), über den sich nur am siebten Tag des siebten Monats eine Brücke spannt. Wenn es an diesem Tag allerdings regnet, tritt der Fluss über die Ufer, die Brücke bildet sich nicht und die beiden müssen ein Jahr auf die nächste Gelegenheit warten. Zu dumm, dass um dieses Datum gerade Regenzeit ist…
Ich bin sicher, dass es auch andere Versionen dieser Legende gibt, mindestens so viele, wie es diesbezügliche lokale Bräuche in Japan gibt. Manche Regionen z.B. feiern Tanabata erst am 07. August, weil dieses Datum näher an den ursprünglichen Zeitpunkt im Mondkalender herankommt, als der neuere Sonnenkalender. Ich habe Versionen gelesen, denen zu Folge auch der Hirte ein Prinz gewesen sein soll, und andere, nach denen er trotz seiner niederen Geburt die Prinzessin habe heiraten dürfen, bevor die beiden aus genannten Gründen getrennt wurden. Anderswo heißt es auch, dass sich die beiden nicht direkt begegnen, sondern nur sehen könnten, was natürlich nur geht, wenn der Himmel klar ist – was während der Regenzeit eigentlich eine Seltenheit ist.
Aber Tanabata ist ja nicht nur Legende, sondern auch eine feierliche Praxis. Abgesehen davon, dass anlässlich des Festes vielerorts kräftig gebechert wird, gibt es schöne Festivals zu sehen. Die Stadt Sendai zum Beispiel, ein Stück südlich von Hirosaki gelegen, ist berühmt für ihr Tanabata-Fest. Weiterhin ist es Brauch, kleine Papierzettel mit Wünschen an einen Bambusstrauch zu binden, in der Hoffnung, dass die Wünsche wahr werden. Gewöhnlich tut man das vor der eigenen Haustür, aber auch Bambusdekorationen an Bahnstationen werden verwendet. Traditionellerweise werden die Bambusgewächse in einen Fluss geworfen oder in ein Reisfeld gesteckt, um Unglück abzuhalten und eine gute Ernte zu erbitten.

Was jeweils aus dem Bambus wird, der für das Tanabata-Fest der Japanologie in Trier verwendet wird, ist mir allerdings nicht klar. Reisfelder haben wir ja keine, ebenso mangelt es unserer Fakultät an Kindern, die jung genug wären, um tatsächlich zu glauben, dass Wünsche wahr werden, die man an eine exotische Graspflanze heftet, die als Schlag- und Stichwaffe, sowie als Folterwerkzeug und Nahrungsmittel einen weitaus größeren Bekanntheitsgrad besitzt, und ich habe auch noch kein „Kommando“ bemerkt, dass den Bambus in die Mosel geworfen hätte, um so Unglück bei den kommenden Klausuren abzuwenden.


[1] Ich übersetze kawaii grundsätzlich als hübsch (engl. pretty) und verwende niedlich (engl. cute) nur in passend erscheinenden Kontexten – was mir noch den Unmut so manches selbstbewussten Hobbyübersetzers einbrachte.

6. Juli 2024

Dienstag, 06.07.2004 – Die Apfeltöchter

Filed under: Japan,Musik,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Kondô-sensei hat heute einen Mann eingeladen, der gleich zwei Geschäfte betreibt. Zum einen ist er Gebrauchtwagenhändler und konzentriert sich bei seinen Ausführungen auf die japanische Version der TÜV-Abnahme. Der entscheidende Faktor bei der Kostenberechnung ist das Gewicht des Fahrzeugs, und der Spaß kostet in Japan das Dreifache dessen, was man in Deutschland blechen muss. Das klingt auf den ersten Blick unheimlich teuer, also will ich natürlich wissen, was ich für mein Geld bekomme. Er beschreibt zuerst die Sicherheitschecks und all das, was ich selbst kenne, aber das Interessante kommt danach: Der japanische TÜV schließt nämlich die Zahlung der Kfz-Versicherung und –steuer mit ein. Vergleicht man dann diese Posten als Ganzes mit dem deutschen Gegenstück, kommt man darauf, dass Autofahren (abgesehen von den überteuerten Autobahnen) in Japan deutlich billiger ist, als in Deutschland. Für einen Benz bezahlt man alle zwei Jahre um die 1000 E, und da ist alles mit drin.
Natürlich ist das kein allzu tiefer Einblick in die Geschäftswelt des Gebrauchtwagenhandels gewesen. Es ist kompletter Unsinn, zwei Geschäftszweige in einer Doppelstunde besprechen zu wollen, er hätte einen zweiten Termin bekommen sollen, wie auch der Versicherungsmensch vor einigen Wochen. Zum anderen ist der Herr nämlich der Manager der Firma „Ringo Music“, die nichts mit dem Schlagzeuger der Beatles zu tun hat. „Ringo“ ist das japanische Wort für „Apfel“, und welchen treffenderen Namen könnte es für eine solche Gesellschaft mit Sitz in Hirosaki geben? Es geht dieser Firma um die Förderung lokaler Talente und er stellt uns „Ringo Musume“ vor, die „Apfeltöchter“. Es handelt sich dabei um fünf junge Frauen, die man eigentlich besser „Mädchen“ nennen sollte, angesichts der Geburtsdaten zwischen 1987 und 1992.
Er hat Magazine mitgebracht, in denen die Fünf (die öfters anscheinend nur zu viert auftreten) abgedruckt und vorgestellt worden sind, darunter eines, das, anderen Artikeln nach zu urteilen, definitiv für Männer gedacht ist. Außerdem hat er eine CD dabei, die kürzlich erschienen ist. Zu meinem Gefallen handelt es sich dabei nicht um den üblichen 08/15 J-Pop. Die Mädchen haben irgendwo was eigenes, und die Musik ist ruhiger als das, was ich von anderen Gruppierungen kenne, die sich ebenfalls „Musume“ nennen. Und von denen gibt es nicht so wenige, wie man annehmen könnte. Aber ich kenne außer „Ringo Musume“ nur eine weitere selbst, und die reichen mir eigentlich völlig für alle anderen Vertreter der „Töchterbands“. Das herausragende Kriterium von „Ringo Musume“ ist die Live-Band, die für die Hintergrundmusik sorgt. Bei „normalen“ Gruppen sind nämlich Melodien vom Band, bzw. von CD üblich. Sie singen auch besser als „Morning Musume“, aber das ist nicht schwer. Die Texte von „Ringo Musume“ haben natürlich dennoch einen literarischen und philosophischen Anspruch wie ein Drei-Groschen-Western von G.F. Unger. Lustig ist allenfalls noch, dass die Künstlernamen der Mädchen mit den Bezeichnungen verschiedener Apfelsorten identisch sind. Kleidung und Auftreten richtet sich nach Farbe und Geschmack des Apfels.
Wir bekommen zwei Seiten Ausdrucke aus einem amerikanischen J-Pop Forum, in dem die Apfeltöchter nur miese Kritiken bekommen haben. Ein schneller Blick in das Forum sagt mir später, dass es sich bei den Kommentatoren um eingefleischte „Morning Musume“ Fans handelt, die ihren Senf dazu abgeben, dass „Ringo Musume“ sich dem „Hello Project“ anschließen möchte. Ich will das nicht weiter ausführen; in Kürze handelt es sich dabei um ein organisatorisches Gebilde von (meiner Meinung nach oft wenig gesangsbegabten) Künstlerinnen im Dunstkreis von „Morning Musume“. Das „Hello Project“ ist allerdings sehr populär, und wer auch immer da mitmacht, kann mit steigenden CD-Verkaufszahlen rechnen. Wenn die Apfeltöchter wissen wollen, was gut für ihren Ruf ist, sollten sie den Plan lassen und lieber mittelmäßige eigene Lieder statt schlechte fremde Lieder singen. Aber der Kernpunkt des Eintrags ist die Internetadresse, von der man ein 80 MB großes Video der Apfeltöchter aus dem Internet runterladen kann, um sich ein Bild zu machen. Ich stelle nach dem Unterricht die Downloadadresse dem Animetric Forum zur Verfügung und bin gespannt, ob irgendjemand darauf reagiert. Ich wage es ja zu bezweifeln.

Am Abend habe ich einen ganz furchtbaren Appetit auf Fleischspieße und Oden, also gehe ich mit Melanie zu der entsprechenden Bude, um zu essen. Allerdings soll es dabei nicht bleiben und wir gehen um kurz nach Neun noch ins Skatt Land und lassen den Fleischspießen noch eine Pizza folgen. Allerdings erwische ich schon wieder eine, die nicht gebacken, sondern frittiert wird, und die sind meines Erachtens nicht sonderlich toll. Vielleicht sollte ich in Zukunft einfach bei Mixed, Thunfisch und Curry Pizza bleiben. Viel Zeit, im Skatt Land zu essen, habe ich ja nicht mehr.

5. Juli 2024

Montag, 05.07.2004 – „Spawn more Overlords!“

Filed under: Japan,My Life,Spiele,Uni — 42317 @ 7:00

Es ist heute etwas kühler als in den vergangenen Tagen, aber die Luftfeuchtigkeit ist immer noch so hoch, dass man bei der kleinsten Bewegung ins Schwitzen kommt. Außer dem üblichen Schreibgeschäft hat dieser Tag nur zwei Dinge zu bieten:

Zunächst einmal hat „einer der lustigen Chinesen“ (oder auch „one of these fine Chinese gentlemen“, wie Misi zu sagen pflegt) eine englische Version des Echtzeit-Strategie-Klassikers „StarCraft“ auf einem der Rechner im Center installiert, und weil es schon ein paar Jahre her ist, spiele ich eine Partie. Ich nehme auch nicht an, dass es die letzte bleiben wird…

Am Abend sehen wir uns „Kozure Ogami“ an, und es handelt sich um eine funkelnagelneue Staffel. An dem Ablauf der Dinge hat sich natürlich nichts Atemberaubendes geändert, aber Ogami hat an einer Stelle laut gedacht! Das heißt, er hat, wie üblich, nichts gesagt, aber sein Gedankengang wurde an einer Stelle laut eingespielt. So was habe ich in dieser Serie bis jetzt noch nicht erlebt, das ist geradezu revolutionär (ich sagte ja bereits etwas über die Starrheit des japanischen Kunstgewerbes). Außerdem ist bei Daigorô, Ogamis etwa fünfjährigem Sohn, verstärkter Haarwuchs auf dem sonst teilrasierten Kopf festzustellen! Wenn’s kommt, dann gleich dicke, oder wie sehe ich das? 🙂

4. Juli 2024

Sonntag, 04.07.2004 – Arbeitszeitanpassung

Filed under: Japan,Musik,My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Strahlendes Wetter haben wir heute – und das, ohne zu heiß oder schwül zu sein. Aber warm ist es dennoch.

Ich verlasse die Bibliothek um etwa 17:00 und lasse mir von Melanie den Auftrag geben, ihr aus dem Ito Yôkadô drei CDs mitzubringen, weil ich eh selbst noch hinfahren will. Meine Bonuskarte ist voll und ich bekomme auf meinen Einkauf 2000 Yen Rabatt – ich nehme „Sailorfuku to Kikanjû“ mit, für nur noch 2700 Yen.
Einer Laune folgend fahre ich dann ins Book Off und überlege mir, mir eine kleine Sammlung von Original-CDs von „X-Japan“ anzulegen, aber wenn ich mir die Preise hier so betrachte, dann belasse ich es lieber bei der „Last Live“ CD (die hier „nur“ noch 3500 Yen kostet, anstatt den Neupreis von 5000 Yen) und denke auf der Balladensammlung noch ein bisschen rum. Das sind aber eigentlich zwei Titel, die sein müssen. Später, später…

Ebenfalls einer Laune folgend, biege ich von der Hauptstraße in den „Hirosaki Sport Park“ ab, der, für die Größenverhältnisse dieser Stadt, seinen Namen auch verdient. Hier befinden sich mehrere Sportplätze, für Ballsport und Leichtathletik, einer der Plätze hat auch eine Tribüne (mit überdachter VIP Loge) und es gibt auch ein Baseballstadion. Nicht zuletzt steht da sogar eine große Halle, in der auch Sumo-Kämpfe stattfinden können. Dem entsprechend hat man vor der Halle die Statue eines solchen Ringers aufgepflanzt, aber ich kann seinen Namen auf die Schnelle nicht entziffern.
Ansonsten gibt es hier Grünflächen mit viel Spielraum für Kinder, mit Büschen und Bäumen drum herum. Leider sind einige der „Attraktionen“ wegen technischer Mängel geschlossen, und es sieht nicht aus, als ob man sie so schnell wieder in Betrieb nehmen würde. Aber man merkt nicht, dass man sich nur 150 m von der sechsspurigen Hauptstraße entfernt befindet. Ich finde das Areal sehr entspannend und bleibe ein paar Minuten.
Direkt am Sportpark befindet sich ein Minibahnhof (also ein Bahnsteig, der irgendwie unmotiviert in die Gegend gepflanzt aussieht) an der Strecke nach Kuroishi. Ich überquere den Schienenstrang, fahre einfach Richtung Süden, ohne genau zu wissen, wo ich bin, und mache eine Aufnahme vom Iwaki-san, der als schwerer, schwarzer Klotz vor der Sonne steht.

Iwaki-san

Ich komme an einer Baustelle vorbei, die Einfahrt steht sperrangelweit offen. Innerhalb befindet sich ein Rohbau, dem Schild zu Folge handelt es sich um ein (zukünftiges) Bürogebäude. Solche Baustellen haben auf mich immer einen großen Reiz ausgeübt (und sei es der Reiz des Verbotenen), also gehe ich einfach mal hinein. Der Boden um den Bau herum ist vollständig von schweren Stahlplatten bedeckt, so erspart man sich Verschmutzung durch Schlamm oder Staub, je nach Wetter, und man muss auch die Straße vor der Baustelle nicht sonderlich pflegen. Innerhalb des beinahe stockfinsteren Gebäudes gibt es noch keine Treppen, also verlasse ich es nach Besichtigung des Erdgeschosses wieder.

Man kann sich in Hirosaki unmöglich verfahren, so lange man sich ungefähr an die gewünschte Richtung hält, also schlage ich eine grob südwestliche Richtung ein und folge einer Hauptstraße in Richtung Stadt, deren Grenzen ich beim Verlassen des Sportparks überschritten habe. Am wenig einladend aussehenden „Hotel Bricks“ (ein furchtbarer Backsteinbau, wie der Name schon sagt) betrete ich dann wieder bekannten Boden, fahre die Hauptstraße weiter entlang und lande wieder am GEO. Wenn ich schon da bin, kann ich mir auch gleich die Öffnungszeiten merken. Melanie hat vor ein paar Tagen die Meinung geäußert, dass es sich sicherlich um einen 24h-Laden handeln müsse, weil man ja Sachen leihen könne. Dem ist nicht so, wenn auch auf völlig unerwartete Art und Weise: „Geöffnet von 10:00 bis 25:00“ steht auf einem Schild an der Tür. Das nenne ich mal optimale Arbeitszeitorganisation. Ich mache auch gleich ein Bild davon.

Öffnungszeiten des GEO

Ich folge der Straße dann weiter in Richtung Nakano und passiere unterwegs einen stehenden Lautsprecherwagen der Kommunistischen Partei Japans, deren Sprecher die Machenschaften verschiedener LDP-Politiker und Regierungsmitglieder anprangert, die über Jahre hinweg keine Beiträge in die gesetzliche Krankenkasse gezahlt haben, darunter auch der beliebte Ministerpräsident Koizumi. Die übrigen Wahlkampfhelfer, etwa acht an der Zahl, stehen mit Spruchbändern und Plakaten auf der Fahrspur und winken den Vorbeifahrenden zu. Ich bin amüsiert und winke zurück. Krachmacher – um nichts anderes handelt es sich hier und der Lautsprecher macht seinem Namen alle Ehre – würde in Deutschland vermutlich niemand wählen. In Japan tun das, gemessen am offiziellen Wahlergebnis, offenbar auch nur wenige.

Ich brauche Getränke und fahre in den Beny Mart. Vom Parkplatz aus höre ich Getrommel und Flöten, und in diesen Tagen, wo ständig Schreinfeste stattfinden, denke ich zuerst an eine solche Veranstaltung. Ich suche die Geräuschquelle, in der Hoffnung, auf einem Schreinfest mal etwas zu sehen, was einen kulturellen Wert hat, anstatt ausschließlich einen großen kommerziellen und vielleicht einen mittleren sozialen. Aber meine Untersuchung führt mich nur zu einer kleinen Halle, in der sich eine übende Schülergruppe befindet, offenbar eine Vorbereitung für das Neputa-Fest in wenigen Wochen.

3. Juli 2024

Samstag, 03.07.2004 – Nudelsuppe nach lokaler Art

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Ich komme etwa um 11:00 in die Bibliothek und kann von Glück sagen, dass ich einen freien Rechner finde. Ich schreibe vier Berichte und sonst nur meine Post. Da hat sich heute einiges angesammelt und ich werde etwa genau in dem Moment fertig, als der Laden schließen will.

Danach fahre ich in den großen GEO Laden, wo man auch CDs, Filme und Spiele leihen kann, und besorge mir eine Mitgliedskarte. Ich kann mir unmöglich alles kaufen, was ich an Musik haben will, auch im Hinblick darauf, dass viele CDs nur zwei oder drei Lieder enthalten, die mir gefallen, während die übrigen schlicht langweilig sind. So bekomme ich die Gelegenheit, mir CDs anzuhören, bevor ich eine Kaufentscheidung treffe.

Dann mache ich mich auf den Weg in den Beny Mart, um was zu Trinken zu kaufen, und ich nehme auch zwei Pesto-Pizzen mit, jeweils eine Handvoll mit 15 cm Durchmesser, aber ich will sie mal probiert haben. Aber die Bananen lasse ich mir nicht entgehen. Man bekommt derzeit das Kilo Bananen aus Ecuador für umgerechnet 1,80 Euro. Da es ja leider keine Mandarinen mehr zu geben scheint, muss ich auf diese Vitaminquelle zurückgreifen.
Ich treffe auch Melanie im Supermarkt – ihr Fahrrad war nicht schwer zu erkennen. Erstens liegt in ihrem Korb wieder eine ganze Menge Krempel, den man wohl zum Basteln verwenden können soll, und außerdem ist ihr Sattel sehr viel höher als der der übrigen Fahrräder. Japaner fahren nämlich Rad, als würden sie auf einem Chopper sitzen, mit möglichst niedrig eingestelltem Sattel. Vielleicht hat ihnen keiner gesagt, dass man die Höhe verstellen und somit bequemer fahren kann? Oder ist es irgendwie „cool“, wie der Affe auf dem Schleifstein auf dem Rad zu sitzen? Ich weiß es nicht… schließlich sind nicht alle Leute so klein, dass die Einstellung angebracht ist. Allerdings ist die Stange, die den Sattel trägt, auch überhaupt nicht lang genug, als dass die Höhe für jemanden über 175 cm Körpergröße ideal einstellbar wäre.

Am frühen Abend möchte ich mit Melanie Fleischspieße essen gehen, und sie möchte diese Gelegenheit nutzen, ein Schreinfest zu besuchen. Aber unsere Grillbude hat heute geschlossen. Das ist dann doch schade… aber das Schreinfest findet nicht weit vom Park entfernt statt, also fahren wir ins Neputa-Dorf neben dem Park, wo laut Marc im Sommer regelmäßig ein Ramen-Verkäufer seinen rollbaren Stand aufbaut und Nudelsuppe nach lokaler (= Tsugaru-) Art anbietet. Wir sind ein wenig früh dran und der Stand wird noch aufgebaut. Nichtsdestotrotz ist bereits eine Familie da, die darauf wartet, Nudeln schlürfen zu dürfen. Der Stand muss beliebt sein. Bald nach uns kommen auch noch mehr Leute, die sich in die Schlange einreihen. Wir müssen also warten, bis die Familie bedient ist und bekommen dann zwei große Schüsseln in die Hand gedrückt, nebst Essbesteck. Zum Essen müssen wir allerdings, sei dies geplant oder nicht, die Seitenablage des Karrens verwenden, weil die Familie alle Sitzplätze in der eigens hergerichteten Garage in Beschlag nimmt.
Aber die Suppe ist verdammt gut. Da sind zwei wirklich große und sehr zarte Stücke Fleisch drin, nebst Gemüse. Unbedingt empfehlenswert. Wer nach Hirosaki kommt, muss da mal gegessen haben, sonst hat man was verpasst. Eine sättigende Schüssel kostet 600 Yen, und bei dem Inhalt wundert mich das doch. Ich hätte mit 700 bis 800 Yen gerechnet. Wo bekommt man denn in Deutschland eine große Portion Suppe mit viel Nudeln, Gemüse und Fleisch für umgerechnet 4 E? Wahrscheinlich nirgendwo.
Und ich finde es irgendwo bedauerlich, dass solche Unternehmen in Deutschland keine Chance haben, auch wenn es die Arbeitslosigkeit senken könnte (ich habe es früher bereits erwähnt), weil man als Verkäufer von Esswaren laut deutschen Hygienevorschriften (die natürlich ihren Sinn haben und wichtig sind) einen Wasseranschluss braucht, um sich jederzeit die Hände waschen zu können. Zur Verteidigung der beiden Suppenköche sei gesagt, dass sich neben der Garage eine öffentliche Toilette befindet, wo man sich sicherlich die Hände waschen kann. Der Ramen-LKW hat allerdings keinen solchen Luxus zur Verfügung und würde zweifelsohne sofort verboten. Der Mann nimmt Hygienetücher. Aber auch das sagte ich ja bereits vor langer Zeit.

Nachdem wir also gegessen haben, fahren wir zum Schreinfest, aber da finden wir auch nur wieder die ewig gleichen Stände vor, natürlich eine Menge zu essen und das obligatorische Spielzeug. Ich entdecke aus der „Kamen Rider“ Reihe einen Blaster aus Plastik, der den Schriftzug „SPD“ trägt. Soll hier offenbar eine Typenbezeichnung sein. Ich fand das in dem Moment lustig. Aber sonst ist da nichts zu sehen, was zu beschreiben sich lohnen würde.

Wir fahren wieder nach Hause und sehen uns ein paar Aufzeichnungen der letzten Tage an, bevor ich mich weiter um mein Tagebuch kümmere. Mir fehlt es in diesen Tagen an Motivation und Disziplin, mich jeden Tag um das Tagebuch zu kümmern, und natürlich rächt sich das bitter. Gerade die letzte Woche ist aufgrund mangelnder Aufzeichnungen nur bruchstückhaft erhalten. Ich muss das ändern, sonst geht zu viel verloren.

Abschließender Gedanke: „Pepsi Blue“ hat keine Zukunft. Kinder könnten Toilettenreiniger damit verwechseln.

2. Juli 2024

Freitag, 02.07.2004 – Tauchstation in Sicht

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Nachdem wir also zu Fuß zur Universität gegangen sind, verbringe ich den Morgen vor den Computern im Center. Schließlich erscheint auch Mei, die auf eigene Faust nicht mit „CDex“ und „Nero“ zurechtgekommen ist und um weitere Hilfe bei der Konvertierung ihrer CDs bittet. Aber sie wolle es selbst machen und ich solle nur dann eingreifen, wenn sie nicht weiterwisse. Sehr löblich, gute Einstellung. Der oder die eine oder andere könnte sich davon eine Scheibe abschneiden. Aber Probleme hat sie eigentlich nur mit dem Nero Cover Designer. Das Nero Brennprogramm selbst ist eines der einfachsten Programme überhaupt. Daher bekommt sie ihre CD weitgehend alleine hin. Ich brenne dann selbst noch zwei CDs mit den „Anime Trance“ Stücken drauf und schenke sie Eve, als Dankeschön, dass sie meinen für sie sicherlich nicht sehr spannenden Kampfbericht korrigiert. Der Rest sei ihr Projekt fürs Wochenende, sagt sie.

Bei Kuramata-sensei bekommen wir heute einen Vortrag über Klimageschichte gehalten, also darüber, wie sich das globale Klima in den vergangenen Jahrtausenden so entwickelt hat und woher man darüber Bescheid weiß. Man kann aus dem Eis der Pole, aus Ablagerungen am Boden von Seen und aus Baumringen so einiges erfahren.
Im Übrigen berichtet auch dieser Doktor hier von einer „Mini-Eiszeit“, die im frühen 16. Jh. begonnen und bis etwa 1850 angehalten habe. Nach dem Ende dieser kühlen Periode sei die globale Temperatur beständig gestiegen und dies ginge eher zufällig mit der industriellen Entwicklung auf dem Planeten einher. Mit anderen Worten: Die globale Erwärmung hänge nur zum Teil mit dem menschlich verursachten Ausstoß von Treibhausgasen zusammen. Wir könnten tun, was wir wollen – auch wenn wir den Ausstoß von Kohlendioxid auf ein Minimum oder gar Null reduzieren, könnten wir das weitere Abschmelzen der Polkappen nur verzögern, aber nicht verhindern. Einige Leute werden nasse Füße bekommen, da der Meeresspiegel, laut Aussage unseres Vortragenden hier, in den kommenden Jahrzehnten um 50 bis 70 Meter steigen werde, nur der Zeitplan sei noch nicht sicher. Ein Blick auf die Karte Japans offenbart mir, dass die komplette Tsugaru-Ebene überflutet wird und gerade die südlichsten Teile von Hirosaki könnten als Küstenflecken noch trocken aus dem Meer herausragen. Auf der Ostseite der Berge wird es nicht besser aussehen, Hachinohe und die Ebene darum herum werden überflutet, weiter nördlich wird die Landspitze um Mutsu zur Insel.
Ich frage den Doktor nach der Kantô-Ebene, die sich landeinwärts hinter Tokyo erstreckt. Er sagt, das Gelände werde wohl bis zum Landkreis Gunma im Meer versinken. Wenn man sich die Landkarte anschaut, wird man feststellen, dass Gunma dort anfängt, wo die Kantô-Ebene, bedingt durch Berge, aufhört. Das ganze Gelände wird schlicht und ergreifend absaufen und ein Grossteil der Reisebenen Japans wird unter der Meeresoberfläche verschwinden.

Nach dem Unterricht versuche ich, einen Platz in der Bibliothek zu bekommen, aber der Laden ist voll. Das Semesterende naht und Abschlussarbeiten werden verfasst. Also hier alles beim Alten. Ich gehe ins Center zurück und beginne dort mit dem Schreiben meines Tagesberichtes. Dann kann ich die historischen Daten zwar nicht sofort eintragen, aber immerhin ist der Bericht dann schon geschrieben. Um 17:30 gehe ich wieder, schwinge mich auf mein Rad und mache mich daran, Melanie vor dem Kino zu treffen – wir werden uns den dritten „Harry Potter“ ansehen. Allerdings gehen wir zuerst in den Sushi Shôgun zum Essen. Ich war nur ein paar Wochen nicht hier und merke beim ersten Stück sofort, wie sehr ich den Laden vermisst habe. Ich sollte öfters hingehen. Ich glaube nämlich nicht, dass ich in Deutschland zwei mit Fisch belegte Reisröllchen so schnell wieder für umgerechnet 75 Cent bekommen werde.

Was den Film betrifft, so merkt man, dass da ein anderer Regisseur am Werk war, die Stimmung ist anders als in den ersten beiden Filmen. Alles in allem ein weiterer netter Streifen aus der Reihe, dem immer noch etwas fehlt, um richtig gut zu sein. Der Verschleiß von Lehrern aus dem Fachgebiet „Abwehr gegen böse Künste“ hält an; es handelt sich wohl um einen „running gag“, dass mit denen immer irgendwas nicht in Ordnung ist, seien sie Verbündete des Bösen, Scharlatane oder Werwölfe. Bin schon beinahe gespannt, was für eine Macke der nächste hat. Die „Dementoren“ kommen mir irgendwie wie Ringgeister vor, was ihr Äußeres und ihre Geräusche betrifft, und Harry selbst kommt so langsam rüber wie Anakin Skywalker. Er entwickelt eine impulsive Ungeduld im Umgang mit seiner „Macht“, und dass er für die dunkle ebenso wie für die helle Seite, repräsentiert durch die Häuser Slytherin und Gryffindor, geeignet ist, muss ich nicht extra hervorheben.

Wir fahren nach Hause und ich will schlafen, aber kaum liege ich im Bett, klingelt es an der Tür. Die E.A.V. hat für diese Situation geschrieben: „… es sind die Nachbarn, besoffen, mit einer Kiste Bier.“ Nun gut, es ist ein Nachbar, nämlich SangSu. Besoffen ist er nicht, aber Bier hat er dabei. Der größte Teil meiner Sake-Flasche geht normalerweise fürs Kochen drauf, und allein trinken ist nicht mein Ding, also nehme ich die Gelegenheit wahr.
Melanie, in Feierlaune (der Film hat ihr gefallen, wie es scheint), läuft zum Hotspar und besorgt ein paar Flaschen „Two Dogs“, weil ich Sake trinke und kein Bier mag, und sie weder Sake noch Bier ausstehen kann, was SangSu in schönster Regelmäßigkeit vergisst. Während Melanie also noch weg ist, geht SangSu runter in seine Wohnung und holt seinen Laptop hoch, weil er uns „Azumanga Daiô“ zeigen will.

Vielleicht liegt es daran, dass ich anderthalb Meter vom Bildschirm weg sitze, dass mir die auflösungsbedingte Unschärfe, die ich am Unirechner beobachten durfte, nicht so auffällt. Ich möchte feststellen, dass es sich um eine ganz hervorragende Serie handelt, auch wenn es sich um eine Ansammlung von kurzen Einzelepisoden zu handeln scheint, die nur einen lockeren Zusammenhang besitzen. Aber das Konzept funktioniert ja auch bei „Atashin’chi“, sogar ganz hervorragend. Außerdem muss ich Drehbuch und Regie ein Lob aussprechen (und natürlich den Sprechern) für die klar verständliche Sprache, die in den seltensten Fällen mal wirklich schnell wird und auch nicht mit wilden Dialekten und Slangs zu Gange ist. Die Charaktere sind sehr sympathisch und die Designs ansprechend, dazu gefällt mir der Humor, also was will ich mehr? Ich frage mich allerdings, ob es in der Serie auch männliche Charaktere in tragenden Rollen gibt.[1]
Ich revanchiere mich für die Vorführung und drücke ihm die ersten drei Episoden von „Gash Bell“ in die Hand, um sie gleich im Anschluss ins Laufwerk zu schieben. Die Serie kommt auch gut an. Wichtig ist schon mal, dass die Serie auch Melanie gefällt – eine Kombination, die selten zu Stande kommt. Eine Episode „One Piece“ sehen wir uns auch noch an, aber es handelt sich wohl um eine fortgeschrittene Staffel und die Handlung erklärt sich mir nicht von alleine, weil man die vorhergehenden Episoden gesehen haben muss, um sie zu verstehen, also verstärkt sich mein Drang, „One Piece“ zu sehen, nicht.
Natürlich dauert der Tag auf diese Art und Weise entsprechend lang und ich muss den Plan aufgeben, um zehn Uhr morgens an der Bibliothek zu sein.


[1] Es gibt einen männlichen Lehrer. Aber es heißt auch, dass die Darstellung eines Schülers, die in einer der ersten Szenen des ersten Bandes zu sehen war, in einer späteren Ausgabe des Manga durch die Darstellung einer Schülerin ersetzt wurde, um das Gesamtkonzept nicht zu stören.

1. Juli 2024

Donnerstag, 01.07.2004 – Curry, hausgemacht

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 7:00

Nach dem Unterricht setze ich mich ins Center und sehe mit großer Freude, dass zumindest auf einem der beiden Computer, die ich wegen dauernder Programmfehler und Abstürze klammheimlich formatiert habe, heute wieder ein Betriebssystem installiert wird. Ich finde keine Gelegenheit, den zweiten zerschossenen Rechner ebenfalls auf Neuinstallation zu überprüfen. Immerhin ist jetzt wieder ein Rechner da, der voll und ganz funktioniert und frei von den tausend verwendeten Messenger-, Chat- und Pausenspielprogrammen ist.

Um 13:00 treffe ich Mei; offiziell, um ihre Englischlektion durchzugehen, aber wir sind den größten Teil der Zeit damit beschäftigt, die CDs, die sie sich ausgeliehen hat, in MP3 Sammlungen und weitere Audio-CDs zu verwandeln, während wir nebenher ein paar grammatikalische Angelegenheiten besprechen. Sie hat von Computern so viel Ahnung wie ich von Chinesisch – ich kann ein paar Zeichen lesen und hin und wieder eine Schlagzeile in einer chinesischen Tageszeitung richtig interpretieren, aber mit dem Ganzen kann ich nichts anfangen. Also übe ich mit ihr Learning-by-Doing, indem ich ihr sage, wie das Programm funktioniert und welche Begriffe sie sich merken muss, um eine CD und ein Cover dafür herzustellen, und sie vollzieht die Schritte selbst nach. Wenn man das zweimal gemacht hat, kann man es und im Notfall kann sie die Spracheinstellung der Nero Benutzeroberfläche auch auf Chinesisch umschalten.

Um etwa 15:00 kommt dann Frau Maeda herein und knappe zehn Minuten später fahren wir zu ihr nach Hause. Sie wohnt näher an Nakano als an der Universität, und wir stellen fest, dass wir bereits mehrfach während unserer Spaziergänge im vergangenen Herbst an ihrer Haustür vorbeigegangen sind.
Jetzt hätte ich eigentlich gehofft, etwas aktiver in die Herstellung des Currys einbezogen zu werden, aber stattdessen sitze ich auf der Couch rum, sehe Schildkröten in ihrem unappetitlich trüb-grünen Aquarium zu und versuche, die „Asahi Zeitung für Grundschüler“ zu lesen. Das ist auch ganz gut möglich, weil alle Kanji mit Lesungen ausgestattet sind, von daher kann ich die Wörter, die ich nicht kenne, schneller nachschlagen. Es finden sich darin Artikel über aktuell laufende Kinderserien, auch über „SailorMoon“, in Form von Interviews, Hintergrundberichten und Zusammenfassungen von Episoden. In einer der Ausgaben ist zu lesen, dass die Senshi einen Live-Auftritt in Tokyo hatten, den ich an sich gerne gesehen hätte. Und ich habe nichts davon gewusst und hatte keine Chance, auch nur eine Sekunde davon zu sehen! Ich hadere mit dem Schicksal, aber ich habe erst das allererste Mal das Gefühl, in Hirosaki etwas verpasst zu haben.[1] Aha, und Luna heißt also „Koike Rina“. Dann sollte ich ihre Homepage auftreiben können.

Ich entdecke während meiner „Couch-Periode“ die Vorteile einer Gastfamilie, deren Kinder nicht mehr ganz so das sind, was man „klein“ nennt. Jin Yûmiko ist noch 11 und ihr Bruder Yûtarô inzwischen 15 Jahre alt. Er kriegt zwar die Zähne nicht so sehr auseinander, wie ich mir das wünschen würde, aber ich kann auch mit Yûmiko Gespräche auf einer für mich befriedigenden Stufe führen. Die Kinder der Familie Maeda dagegen sind schätzungsweise 1 (Riku, m), 6 (Minato, w) und 8 Jahre alt (Ai, m). Die sind zwar alle ganz niedlich, aber ihr Unterhaltungswert strebt für mich gegen Null. Das Baby fällt ja völlig flach, und ich beschäftige mich gar nicht gerne mit Kleinstkindern, weil ich nicht weiß, was ich mit ihnen anfangen soll und ich verstehe auch ihre Körpersprache nicht. Minato, die Schwester in der Mitte, weiß auch nicht, was sie mit einem wie mir anfangen soll und sieht lieber fern (und die Fragen, die ich ihr zum Programm stelle, kann sie mangels Hintergrundwissen nicht beantworten), und der achtjährige Ai (dessen kurzen Namen man mit einem unglaublich komplizierten Kanji schreibt) bedenkt mich mit einer Nichtbeachtung, aus der ich schließen möchte, dass er Angst vor mir hat. Yûmiko dagegen zeigt ja überhaupt keine Scheu, sich mit mir zu beschäftigen und sie zieht auch immer wieder etwas aus ihrer „Wunderkiste“, um zu verhindern, dass ich mich langweile. Es muss ein besonderes Talent von ihr sein.
Es läuft dann also eine Serie nach der anderen herunter, darunter ein japanisches Gegenstück zur „Sesamstrasse“ und „Tensai Terebi-kun MAX“ („Terebi“ = „Television“), wobei es sich um eine Show mit einer Handvoll singender und tanzender Kinder beiderlei Geschlechts zwischen 9 und 13 Jahren handelt, die weder singen noch tanzen können, und die Live-Band im Hintergrund ist schon geradezu bedauernswert. Was machen die denn da? Irgendwelche Grundschüler haben ihre Liebesgeständnisse an die Redaktion geschickt und dieser untalentierte Haufen da bringt die unlyrischen Texte mit Hilfe der „Rockband“ in eine am Stück gesungene Form. Also, das solltet ihr noch üben… das reicht nicht einmal für „Morning Musume“.[2]

Wir fahren zwischendurch in den Supermarkt, weil noch irgendwelche Zutaten fehlen. Dort stelle ich zum ersten Mal bewusst fest, wie viele Serviceangebote so ein japanischer Supermarkt bietet: Da stehen drei verschiedene Wagen, die für die Mitnahme von Kleinkindern geeignet sind und einige Rollstühle für ältere Leute, die es vielleicht nötig haben. Auch der Maruesu nahe der Uni bietet Rollstühle für Leute mit körperlichen Defiziten an. Melanie entdeckt dabei einen großen „GEO“ Laden, wo man CDs und Spiele nicht nur kaufen, sondern auch leihen kann, und wir machen einen Abstecher dorthin. Anbei danke ich Maeda-san für ihre Geduld, die uns ja begleitet und deren Essen wir verzögern. Dort fällt mir exakt die „Drifters“ CD auf, die mir der Verkäufer erst gestern im Ito Yôkadô gezeigt hat. Ich schätze, ich sollte hier Mitglied werden.
Dann kehren wir wieder zur familiären Küche zurück und das Fernsehprogramm hat mich wieder, nachdem mir Ai sämtliche Zeitungen „entwendet“ hat. Ich falle vor Langeweile beinahe vom Sofa, bis mich dann das Essen selbst vor dem Einschlafen rettet. Das Curry ist sehr gut geworden, weitaus besser als das, was man als Instantmix kaufen kann. Allerdings steht Curry nicht in der „Top 10 der Gerichte, die ich am liebsten esse“, also ist es an sich „nur“ ein herausragendes Essen unter den vielen Gerichten, die ich halt esse.
Links von mir sitzt Riku, das Kleinkind, das offenbar mit großer Begeisterung (Kirsch-) Tomaten isst, was ich ungewöhnlich finde, weil ich glaube, dass die meisten Kinder Tomaten wegen des glibberigen Inhalts überhaupt nicht mögen. Allerdings landen auch nicht wenige der kleinen Tomaten auf dem Fußboden, weil ein Einjähriger noch keine ausgereifte Finger-Augen-Koordination hat, und dieser hier auch nicht mehr die ganze Zeit gefüttert wird. Er entwickelt auch eine gewisse Eigeninitiative beim Essen, indem er die Tomaten, den Broccoli oder den Blumenkohl aus dem Salatteller in die Currysoße stopft.
Der Ehemann kommt gegen Ende des Essens nach Hause und ich bin direkt erstaunt, wie gut sich der Mann gehalten hat. Er sieht aus, als sei er gerade Dreißig geworden – was natürlich nicht unmöglich ist mit einem ältesten Kind von nur acht Jahren. Seine Frau dagegen sieht mir bereits deutlich nach über Vierzig aus.
Während des kurzen Gesprächs entdecke ich unter der Schutzfolie auf dem Esstisch drei Postkarten aus Deutschland – von Luba. Offenbar waren die Maedas ihre Gastfamilie gewesen.
Wir verabschieden uns gegen acht Uhr, nicht zuletzt wegen meines Magens, der beginnt, seinen Inhalt unkontrolliert wie eine Waschmaschine herumzuwälzen, bevor er dann auf Durchzug schaltet und ich spüre, wie mein Essen im Schnelldurchlauf durch meine Eingeweide rutscht. Wir werden nach Hause gefahren, ohne den Umweg über die Universität zu machen, wo unsere Fahrräder stehen, weil die Familie Maeda ja nicht sehr weit von uns weg wohnt. Es wird uns nicht umbringen, morgen früh zu Fuß zu gehen.

Es dauert nicht lange, bis ich ins Bett gehe, weil ich vor lauter Langeweile heute hundemüde geworden bin. Was nicht bedeutet, dass ich den Ausflug bedauern müsste, nur will Curry immer so unglaublich schnell wieder raus…


[1] Diese Darbietung wurde natürlich aufgezeichnet und als „Kirari Super Live“ veröffentlicht.

[2]   Morning Musume ist nicht so schlecht, aber halt langweilig.