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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

2. Juli 2024

Freitag, 02.07.2004 – Tauchstation in Sicht

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime,My Life,Uni,Zeitgeschehen — 42317 @ 7:00

Nachdem wir also zu Fuß zur Universität gegangen sind, verbringe ich den Morgen vor den Computern im Center. Schließlich erscheint auch Mei, die auf eigene Faust nicht mit „CDex“ und „Nero“ zurechtgekommen ist und um weitere Hilfe bei der Konvertierung ihrer CDs bittet. Aber sie wolle es selbst machen und ich solle nur dann eingreifen, wenn sie nicht weiterwisse. Sehr löblich, gute Einstellung. Der oder die eine oder andere könnte sich davon eine Scheibe abschneiden. Aber Probleme hat sie eigentlich nur mit dem Nero Cover Designer. Das Nero Brennprogramm selbst ist eines der einfachsten Programme überhaupt. Daher bekommt sie ihre CD weitgehend alleine hin. Ich brenne dann selbst noch zwei CDs mit den „Anime Trance“ Stücken drauf und schenke sie Eve, als Dankeschön, dass sie meinen für sie sicherlich nicht sehr spannenden Kampfbericht korrigiert. Der Rest sei ihr Projekt fürs Wochenende, sagt sie.

Bei Kuramata-sensei bekommen wir heute einen Vortrag über Klimageschichte gehalten, also darüber, wie sich das globale Klima in den vergangenen Jahrtausenden so entwickelt hat und woher man darüber Bescheid weiß. Man kann aus dem Eis der Pole, aus Ablagerungen am Boden von Seen und aus Baumringen so einiges erfahren.
Im Übrigen berichtet auch dieser Doktor hier von einer „Mini-Eiszeit“, die im frühen 16. Jh. begonnen und bis etwa 1850 angehalten habe. Nach dem Ende dieser kühlen Periode sei die globale Temperatur beständig gestiegen und dies ginge eher zufällig mit der industriellen Entwicklung auf dem Planeten einher. Mit anderen Worten: Die globale Erwärmung hänge nur zum Teil mit dem menschlich verursachten Ausstoß von Treibhausgasen zusammen. Wir könnten tun, was wir wollen – auch wenn wir den Ausstoß von Kohlendioxid auf ein Minimum oder gar Null reduzieren, könnten wir das weitere Abschmelzen der Polkappen nur verzögern, aber nicht verhindern. Einige Leute werden nasse Füße bekommen, da der Meeresspiegel, laut Aussage unseres Vortragenden hier, in den kommenden Jahrzehnten um 50 bis 70 Meter steigen werde, nur der Zeitplan sei noch nicht sicher. Ein Blick auf die Karte Japans offenbart mir, dass die komplette Tsugaru-Ebene überflutet wird und gerade die südlichsten Teile von Hirosaki könnten als Küstenflecken noch trocken aus dem Meer herausragen. Auf der Ostseite der Berge wird es nicht besser aussehen, Hachinohe und die Ebene darum herum werden überflutet, weiter nördlich wird die Landspitze um Mutsu zur Insel.
Ich frage den Doktor nach der Kantô-Ebene, die sich landeinwärts hinter Tokyo erstreckt. Er sagt, das Gelände werde wohl bis zum Landkreis Gunma im Meer versinken. Wenn man sich die Landkarte anschaut, wird man feststellen, dass Gunma dort anfängt, wo die Kantô-Ebene, bedingt durch Berge, aufhört. Das ganze Gelände wird schlicht und ergreifend absaufen und ein Grossteil der Reisebenen Japans wird unter der Meeresoberfläche verschwinden.

Nach dem Unterricht versuche ich, einen Platz in der Bibliothek zu bekommen, aber der Laden ist voll. Das Semesterende naht und Abschlussarbeiten werden verfasst. Also hier alles beim Alten. Ich gehe ins Center zurück und beginne dort mit dem Schreiben meines Tagesberichtes. Dann kann ich die historischen Daten zwar nicht sofort eintragen, aber immerhin ist der Bericht dann schon geschrieben. Um 17:30 gehe ich wieder, schwinge mich auf mein Rad und mache mich daran, Melanie vor dem Kino zu treffen – wir werden uns den dritten „Harry Potter“ ansehen. Allerdings gehen wir zuerst in den Sushi Shôgun zum Essen. Ich war nur ein paar Wochen nicht hier und merke beim ersten Stück sofort, wie sehr ich den Laden vermisst habe. Ich sollte öfters hingehen. Ich glaube nämlich nicht, dass ich in Deutschland zwei mit Fisch belegte Reisröllchen so schnell wieder für umgerechnet 75 Cent bekommen werde.

Was den Film betrifft, so merkt man, dass da ein anderer Regisseur am Werk war, die Stimmung ist anders als in den ersten beiden Filmen. Alles in allem ein weiterer netter Streifen aus der Reihe, dem immer noch etwas fehlt, um richtig gut zu sein. Der Verschleiß von Lehrern aus dem Fachgebiet „Abwehr gegen böse Künste“ hält an; es handelt sich wohl um einen „running gag“, dass mit denen immer irgendwas nicht in Ordnung ist, seien sie Verbündete des Bösen, Scharlatane oder Werwölfe. Bin schon beinahe gespannt, was für eine Macke der nächste hat. Die „Dementoren“ kommen mir irgendwie wie Ringgeister vor, was ihr Äußeres und ihre Geräusche betrifft, und Harry selbst kommt so langsam rüber wie Anakin Skywalker. Er entwickelt eine impulsive Ungeduld im Umgang mit seiner „Macht“, und dass er für die dunkle ebenso wie für die helle Seite, repräsentiert durch die Häuser Slytherin und Gryffindor, geeignet ist, muss ich nicht extra hervorheben.

Wir fahren nach Hause und ich will schlafen, aber kaum liege ich im Bett, klingelt es an der Tür. Die E.A.V. hat für diese Situation geschrieben: „… es sind die Nachbarn, besoffen, mit einer Kiste Bier.“ Nun gut, es ist ein Nachbar, nämlich SangSu. Besoffen ist er nicht, aber Bier hat er dabei. Der größte Teil meiner Sake-Flasche geht normalerweise fürs Kochen drauf, und allein trinken ist nicht mein Ding, also nehme ich die Gelegenheit wahr.
Melanie, in Feierlaune (der Film hat ihr gefallen, wie es scheint), läuft zum Hotspar und besorgt ein paar Flaschen „Two Dogs“, weil ich Sake trinke und kein Bier mag, und sie weder Sake noch Bier ausstehen kann, was SangSu in schönster Regelmäßigkeit vergisst. Während Melanie also noch weg ist, geht SangSu runter in seine Wohnung und holt seinen Laptop hoch, weil er uns „Azumanga Daiô“ zeigen will.

Vielleicht liegt es daran, dass ich anderthalb Meter vom Bildschirm weg sitze, dass mir die auflösungsbedingte Unschärfe, die ich am Unirechner beobachten durfte, nicht so auffällt. Ich möchte feststellen, dass es sich um eine ganz hervorragende Serie handelt, auch wenn es sich um eine Ansammlung von kurzen Einzelepisoden zu handeln scheint, die nur einen lockeren Zusammenhang besitzen. Aber das Konzept funktioniert ja auch bei „Atashin’chi“, sogar ganz hervorragend. Außerdem muss ich Drehbuch und Regie ein Lob aussprechen (und natürlich den Sprechern) für die klar verständliche Sprache, die in den seltensten Fällen mal wirklich schnell wird und auch nicht mit wilden Dialekten und Slangs zu Gange ist. Die Charaktere sind sehr sympathisch und die Designs ansprechend, dazu gefällt mir der Humor, also was will ich mehr? Ich frage mich allerdings, ob es in der Serie auch männliche Charaktere in tragenden Rollen gibt.[1]
Ich revanchiere mich für die Vorführung und drücke ihm die ersten drei Episoden von „Gash Bell“ in die Hand, um sie gleich im Anschluss ins Laufwerk zu schieben. Die Serie kommt auch gut an. Wichtig ist schon mal, dass die Serie auch Melanie gefällt – eine Kombination, die selten zu Stande kommt. Eine Episode „One Piece“ sehen wir uns auch noch an, aber es handelt sich wohl um eine fortgeschrittene Staffel und die Handlung erklärt sich mir nicht von alleine, weil man die vorhergehenden Episoden gesehen haben muss, um sie zu verstehen, also verstärkt sich mein Drang, „One Piece“ zu sehen, nicht.
Natürlich dauert der Tag auf diese Art und Weise entsprechend lang und ich muss den Plan aufgeben, um zehn Uhr morgens an der Bibliothek zu sein.


[1] Es gibt einen männlichen Lehrer. Aber es heißt auch, dass die Darstellung eines Schülers, die in einer der ersten Szenen des ersten Bandes zu sehen war, in einer späteren Ausgabe des Manga durch die Darstellung einer Schülerin ersetzt wurde, um das Gesamtkonzept nicht zu stören.

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