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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

30. Juli 2011

King of Kylltal (Teil 9)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 17:32

Dann also der Freitag, an dem ich nicht so bei der Sache war, wie es notwendig gewesen wäre.

Bei zwei Kunden musste ich noch einmal aus dem Auto springen, weil ich die Unterschrift vergessen hatte, und weil ich mit den Gedanken zur falschen Zeit mehr bei der Tourplanung war, als beim akuten Tourablauf, vergaß ich einen Kunden in Birresborn und musste nach Ablieferung der Expresse in Gerolstein noch einmal fünf Kilometer zurückfahren, weil mich der Rückweg über die Ostroute und damit noch weiter weg führen würde.

Der Konzentrationsmangel und die damit einhergehende Einschränkung meiner Entscheidungsfähigkeit zeigten sich als erstes bei Herforst, wo ich den Waldweg nach Arenrath und Landscheid nehmen wollte, um festzustellen, ob das schneller sei, als die Landstraße (ist es nicht); der Waldweg wurde nämlich mittendrin von einer Baumfällmaschine blockiert, die allerdings genügend Platz fand, um mich gerade so noch durchzulassen.
Seinen Höhepunkt fand mein mangelndes Urteilsvermögen nach diesem Omen dann am nordöstlichen Wendepunkt der Tour, als ich nach Süden abbiegen wollte, drei Stopps vor Schluss, in Essingen. Den Kunden dort hatte ich um etwa 1445 erledigt, es war nicht unrealistisch, zwischen Vier und halb Fünf daheim zu sein. Da ich von diesem Punkt aus noch nie direkt nach Neroth gefahren war, befragte ich das Navigationsgerät nach der kürzesten Strecke. TomTom zeigte mir eine Nebenstrecke, eigentlich einen Weg für landwirtschaftliche Fahrzeuge. Die Witterung war feucht, aber der Weg war geschottert, und als ich erkannte, das diese Schotterung irgendwann aufgehört hatte und in festgefahrene Erde übergegangen war, da war es zu spät. Obwohl… eigentlich war es erst dann zu spät, als ich mich in einem Beurteilungsfehler dazu entschloss, eine leicht geneigte, schmale, und vor allem feuchte Stelle zu überfahren, anstatt die Sache sofort aufzugeben und rückwärts in Richtung Straße zurückzustoßen.

Als erstes musste ich einen kleinen Baum, der quer über dem Weg hing, entfernen. Dann überquerte ich eine weitere Stelle, die schlammig war. Das war der Zeitpunkt, wo mir dämmerte, dass ich hier besser nicht entlang gefahren wäre. Hundert Meter weiter eine dritte Stelle mit weichem Boden. Hier entschloss ich mich zunächst, wieder zurückzufahren, was mangels Platz ja nur rückwärts ging, wohlgemerkt mit jeweils einem knappen halben Meter Platz links und rechts vom Wagen. Ich kam zurück zur zweiten Stelle mit weichem Boden und merkte schnell, dass der Wagen zu wenig Halt fand und Richtung Abhang rutschte. Ob das Stangenholz an der Stelle mich vor einem Überschlag bewahrt hätte, erscheint mir fraglich. Bevor die Sache hoffnungslos wurde, entschied ich mich, die Methode „mit dem Kopf durch die Wand“ zu probieren. Ich fuhr wieder geradeaus und passierte die dritte weiche Stelle, wonach der Bodenzustand sich stabilisierte und alles gut gegangen zu sein schien – aber nur hundert Meter weiter kam der Weg aus dem Wald heraus und führte über eine Wiese. Man konnte die Fahrspur zwar erkennen, gerade so, aber sie war alles andere als ausgewalzt, ich würde nie und nimmer diese Wiese überqueren können, ohne mich festzufahren. Also wieder zurück.

Weiche Stelle #3 machte keine Schwierigkeiten, aber #2 konnte nicht ohne Aufwand überwunden werden. Ich sammelte erst mal wieder Holz, um dem Boden mehr Stabilität zu verleihen, aber es half nur begrenzt. Zuletzt überfuhr ich die Stelle quer, mit Lenkrichtung quasi in den Hügel hinein, was zu einer de facto geraden Fahrrichtung führte, weil die Schräglage des Wegs ein Abrutschen zum Abhang hin verursachte, was nur durch Querstellen ausgeglichen werden konnte.
Aber dieses Verfahren funktionierte an Stelle #1 nicht mehr. Erstens war die Schräge extremer, zweitens war der Boden dort aufgeweichter, und drittens war der Weg hier noch schmaler, was die notwendige Querstellung des Fahrzeugs verhinderte. Nach zwei oder drei Metern steckte das linke Hinterrad im Schlamm am Wegrand. Weiteres Manövrieren, das mir bei Büscheich damals die Unterfütterung der Spur ermöglicht hatte, war wegen der oben genannten Faktoren unmöglich, da ich fürchten musste, den Hang hinunter zu kippen, von dem ich noch eine Lineallänge entfernt war.

Ich entschied, Mike nicht mit dem Problem zu belästigen, so lange ich noch eine Option hatte, die ich probieren konnte, und bewegte mich im Laufschritt den Kilometer zurück nach Essingen, was mich überraschend wenig aus der Puste brachte – zehn Kilogramm weniger auf den Rippen machen sich scheinbar bemerkbar, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Beruf einen spürbaren Beitrag zur Ausdauer liefert.
Der erste Bauer musste leider mein Anliegen, den Sprinter aus dem Dreck zu ziehen, zurückweisen, weil er gleich einer Kindergruppe, die sich vor dem Stall versammelt hatte, Reitstunden gebe. Der zweite, den ich fragte, musste mich ebenfalls enttäuschen, weil seine Fahrzeugbatterie gerade nicht eingebaut sei und am Ladegerät hing, empfahl mir aber seinen Nachbarn gegenüber.
Bei dem handelte es sich um einen wohlgenährten Mann in etwa meinem Alter, der sich sofort bereit erklärte, mir zu helfen. Von den dreien verfügte er auch über den größten Schlepper, so breit, dass ich Zweifel hatte, ob das Ding überhaupt in den Waldweg passte.

Es passte allerdings, und am Sprinter angekommen, mussten wir uns erst überlegen, wie wir den mir zur Verfügung stehenden Gurt am Transporter befestigen sollten. Eine Anhängerkupplung hat das Fahrzeug nicht, an die Achse kamen wir nicht ran, also machte ich den Vorschlag, den Haken an der Halterung des Trittbretts hinten einzuhängen. Mein Bauer war da etwas misstrauisch, auch im Hinblick auf den Spanngurt von knapp zehn Zentimetern Breite, der das Gewicht allein aushalten musste, aber viel Auswahl bot sich uns nicht. Er zog also, ich legte den Rückwärtsgang ein und fünfzig Meter weiter konnte ich wieder allein fahren (was sehr für die Qualität dieser Spanngurte spricht), zuerst ein paar Hundert Meter zurück bis zu einer Wendegelegenheit bei der Bahnschranke, wo der Landwirt auf mich wartete, für den Fall, des es doch noch Schwierigkeiten geben sollte. Es gab zum Glück keine.

Zurück auf der Landstraße bedankte ich mich für die Hilfe, schüttelte seine Hand und fragte, was ich als Gegenleistung anbieten könne, aber er meinte, das sei schon in Ordnung. Ihn beschäftige derzeit viel mehr seine Heuernte, weil das Wetter laut Vorhersage auch in den folgenden Tagen kaum trockener werde, und weil das gemähte Gras eine Weile in der Sonne trocknen müsse und bei Regen verfaule, wage er derzeit das Risiko nicht, die vierzig in der kommenden Woche anstehenden Hektar zu mähen. Ich wünschte ihm also alles Gute und machte mich auf den Weg nach Hause mit den letzten Stopps in Neroth, Wallenborn und Meisburg. Ich trage mich allerdings dennoch mit dem Gedanken, ihm einen Kasten Bier zu bringen, denn ich weiß ja, wo er wohnt.

Zuhause war ich dann so gegen Fünf, und wenn ich den Umweg nach Birresborn und die Aktion bei Essingen wegrechne, hätte ich sogar um Vier daheim sein können.

King of Kylltal (Teil 8)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 16:43

Gemischte Woche, wie gemischtes Eis ohne das Geschmackserlebnis, aber ebenso kühl die meiste Zeit und mit einigen Unregelmäßigkeiten.

Nachdem ich vor wenigen Tagen noch geschrieben hatte, dass ich von einigen Leuten im Depot nur eine kurze Charakterbeschreibung anbieten kann, erhielt ich kurze Zeit nach der Veröffentlichung des siebten Texts in dieser Serie eine SMS von Mike, dass meine Tour wegen mangelnder Auslastung am Montag aufgeteilt werde und ich zur Erweiterung meines Tourenwissens mit Felix fahren solle, dessen Tour die Mosel hoch bis Traben-Trarbach führt. Ich hatte Felix vorab als „leicht hypochondrisch mit Hang zum Selbstmitleid“ charakterisiert, und diese Einschätzung wurde zumindest nicht widerlegt.
Nun ja, wie kam ich auf „hypochondrisch“? Er trug vergangene Woche einen Schal und hustete. Er hustete auch noch am Montag, aber ohne Schal, dafür wollte er bevorzugt mit geschlossenem Fenster fahren – was ich wegen des schönen Wetters ignorierte. Er bot mir auch an, einen gewünschten Radiosender zu hören, was der Deutschlandfunk wäre. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass er mit einem Radioprogramm, das zum allergrößten Teil aus gesprochener Sprache (im Gegensatz zu gesungener Sprache) und Informationen besteht, nicht so klar kam, also beschränkte ich mich auf Nachrichten hier und da und ließ ihm sonst sein RPR1 Programm als leise Hintergrundmusik.

Reden wir also mal von seiner Arbeit, wie sie sich in meinen Augen darstellt. Vielleicht liegt es daran, dass er zum einen als ehemaliger Taxifahrer nur mit wenigen großen Gepäckstücken zu tun hatte und zum anderen als „Ungedienter“ nie lernen musste, wie man in kürzester Zeit einen Rucksack effizient mit einem halben Zentner Ausrüstung füllt, nach meiner Einschätzung jedenfalls ist sein Stil, das Auto zu beladen, zu ineffektiv. Soll heißen: Er macht kleine Stapel von Paketen, deren Bestimmungsorte räumlich nah beieinander liegen, während ich „Mauern“ ab der Rückwand Richtung Hecktür baue, und zwar so, dass die Pakete möglichst passgenau an der linken und rechten Fahrzeugwand anliegen. Dadurch gewinnt die Konstruktion an wichtiger „Links-Rechts-Stabilität“, wie ich es in Unwissenheit eines besseren Ausdrucks nenne. Beim Bremsen werden die Pakete von der Rückwand gehalten, und wenn man nicht wie ein Blöder Gas gibt (z.B. beim Anfahren am Berg), dann fällt auch nichts nach hinten von der „Mauer“ runter. Aber Kurven fährt man viele, ich erwähnte ja die Eifelserpentinen – bei meiner Beladung „würfeln“ sich Pakete frühestens, wenn der Ladestand im Zuge der Auslieferung unter 20 % gesunken ist (weil ja nach und nach Pakete und damit Stabilisatoren verloren gehen), aber selbst das passiert mir selten, weil ich mir meist die Zeit nehme, die Pakete neu zusammenzustecken.

Felix macht das eben nicht so. Seine Stapel kommen schon früh aus dem Gleichgewicht, weil die oberen Schichten nach den Seiten nicht stabilisiert sind, hinzu kommt sein „kantiger“ Fahrstil – und am fraglichen Tag noch der Umstand, dass jemand mitgefahren ist.
Aus unserem Gespräch muss ich nämlich schlussfolgern, dass er zwar kein schlechter Kerl ist, ganz und gar nicht, aber ich glaube, er kommt mit Menschen, bzw. der räumlichen Nähe zu denselben, nicht so klar. Meine Anwesenheit hat ihn nervös gemacht, das war nicht nur zu spüren, sondern auch zu sehen: In vier (von mehr) Fällen, in denen er ein Paket nicht gleich fand, stieg ich nach ihm in den Laderaum und fand es nach wenigen Sekunden. Er versicherte mir, dass er üblicherweise nicht so lange suchen müsse, und ich machte daher den Vorschlag, nach meinem Prinzip zu packen, damit die Pakete keinen solchen Bewegungsfreiraum haben, ich habe aber Zweifel, dass er in der Lage ist, von einem Tag zum anderen seine Gewohnheiten zu ändern, solange ihm die Auswirkungen nicht als wirklich störend auffallen.

Dabei ist doch schon auffällig, finde ich zumindest, dass Felix von der Arbeit mehr frustriert ist, als sie ihm Spaß macht, denn er ist stur darauf bedacht, alles schnellschnellschnell zu machen. Damit erinnert er mich zwangsläufig an meine eigene Situation während der Grundausbildung – und was ich damals ganz eindeutig gelernt habe, ist, dass man Dinge nicht schneller machen soll, als man tatsächlich kann, und dass sich die Steigerung der Arbeitsgeschwindigkeit durch Übung von allein ergibt. Das ist Felix aber scheinbar nicht klar, und ich hoffe, dass er meine Ausführungen zum Thema beherzigt, denn Felix ist hektisch. In seinem Bestreben, schnell zu arbeiten, macht er viele Fehler, weil sein Denken und Handeln nicht mit den Vorgaben mithalten kann, die der Wille diktiert. Eine gewisse Detailfixiertheit spielt ebenfalls eine Rolle. So erzählt er mir von einer Firma, die etwas außerhalb von Mülheim liege und fährt in dem Moment prompt daran vorbei.

Fehler frustrieren nicht nur ihn, sondern jeden, und auch ich ärgere mich über Fehler, die ich mache, aber ich kann mich in den allermeisten Fällen zur Ruhe zwingen. Felix gelingt das nicht so, seine Nerven liegen quasi blank, und so fährt er auch: Überhastetes Lenkverhalten, strammes Anfahren, Überziehen der Gänge in zu hohe Drehzahlen, gefährliche Überschreitung der Geschwindigkeitsbegrenzung. Landstraße: 130 bis 140. Zone „30“ in Nähe Rehaklinik Bernkastel: 80. Ich versuchte also ihm näher zu bringen, dass er ruhig bleiben muss, und dass er, wenn er schon zu schnell fahren wolle, wenigstens in einem Bereich bleiben solle, der ihn „nur“ ein Bußgeld, aber nicht gleich den Führerschein koste. Er fährt und arbeitet schlicht zu hektisch, und wenn er so weitermacht, wird er von der Arbeit, das heißt von dem Stress, den er sich selbst im Kopf macht, krank werden.

Inwiefern es mit Stress und Hektik zusammen hängt, dass mir sein Kundenumgang nicht gefällt, kann ich nicht sagen, aber ganz unwahrscheinlich ist es nicht, und vielleicht war es auch nur zufällig, das alle von mir beanstandeten Dialoge mit Damen über Fünfzig geführt wurden.
Zum einen muss man trotz Navi und Karten hin und wieder nach dem Weg fragen. Wenn Felix nun nach ein paar Sätzen merkt, dass die gefragte Person nicht in der Lage ist, binnen kürzester Zeit die gewünschte Information zu liefern (die Gefragten leiteten Ihre Erinnerung zum gewünschten Detail auf Umwegen über gewisse „Landmarken“ her), dann würgt er das Gespräch mitten im Satz ab: „Ja, ist in Ordnung, danke, wir finden das schon“, was von der Wortwahl zwar nicht falsch ist, aber von seinem Tonfall her unmissverständlich Unzufriedenheit mit dem Sprecher ausdrückt, und das kann keinem Gesprächspartner entgangen sein.

Es kam im Zusammenhang mit der Wegfindung auch zu einem Telefongespräch, das mich irgendwie erstaunte, denn er rief irgendeine Bekannte an, die wohl in der Nähe wohnte, uns aber nicht weiterhelfen konnte. Als das klar wurde, nahm ich mein Telefon und redete mit Mike, der mir binnen zehn Sekunden eine Lösung anbot, die auch funktionierte. Warum Felix hier nicht die naheliegendste Option – den Disponenten – gewählt hat, ist mir völlig schleierhaft. Befürchtete er, durch eine solche Rückfrage als inkompetent dazustehen?

Zum anderen war ich entsetzt, als wir bei einer Gelegenheit bei einer Dame um die Siebzig oder älter klingelten, die zum ersten Mal einen Scanner, auf dem man mit einem stumpfen Plastikgriffel unterschreibt, zu Gesicht bekam. Da ich das Gerät in der Hand hielt, sagte ich „Unterschreiben Sie bitte in der Mitte von dem hellen Feld, einfach mittenrein“, weil viele Kunden am unteren Rand des Sichtfensters unterschreiben wollen und damit die Hälfte der Signatur „abschneiden“. Die Dame lächelte etwas verlegen und schrieb ihren Namen genau dorthin, wo wir ihn brauchten. Ich kommentiere das in der Regel nicht weiter, bedanke mich lediglich und wünsche einen schönen Tag, aber Felix sagte in dem Moment „Ja, richtig – genau so!“: in einer Art, wie man mit kleinen Kindern redet, die es beim Basteln im Kindergarten zum ersten Mal geschafft haben, eine vorgegebene Figur aus einem Blatt Papier auszuschneiden. Dass er bei einem anderen Kunden wegen eines allgemeinen widrigen Umstands das Wort „Scheiße“ in den Mund nahm, konnte man noch halbwegs mit Humor nehmen (ich bat ihn dennoch, derlei zu unterlassen), aber hier war ich der Meinung, dass er zu weit gegangen war und wies ihn beim Weiterfahren darauf hin.
„Alte Leute verstehen die Technik doch gar nicht, die freuen sich doch, wenn man sie lobt.“
„Du kannst mit denen trotzdem nicht reden wie mit kleinen Kindern!“

Letztendlich waren wir relativ früh zuhause, das heißt zuerst waren wir um 1615 im Depot, weil dort mein Wagen stand. Trotz der Sperrung der Autobahnauffahrt Ehrang und dem Gezuckel im Schritttempo in die Stadt hinein dürfte ich früher zuhause gewesen sein als er, weil er in Wittlich wohnt, und über die Autobahn nach Wittlich zu fahren, ist dieser Tage kein Spaß. Wegen einer Baustelle und einspuriger Verkehrsführung staut sich der Verkehr zur Feierabendzeit vor der entsprechenden Abfahrt immer kilometerlang.

Mike und Peter haben mich am Folgetag gefragt, wie es denn gelaufen sei (weil Felix sich schnell den Ruf eines schwierigen Arbeitskollegen erworben hat, „der ist irgendwie seltsam, oder?“), und ich kam nicht drumherum, sein Fahrverhalten anzusprechen – denn so, wie er derzeit fährt, ist es nach meiner Einschätzung nur eine Frage der Zeit, bis er einen Unfall hat, selbst verursacht oder nicht, beides ist schlimm, oder seinen Führerschein wegen eklatanter Überschreitung der Geschwindigkeitsbegrenzung verliert – oder beides.

Allgemein muss man sagen, dass die Tour durchs Moseltal eine landschaftlich sehr schöne und organisatorisch einfach strukturierte ist. Sie beinhaltet nur die Orte direkt an der Mosel, mit wenig Abweichung vom Moseltal, anders als meine Tour, die an der breitesten Stelle im Norden durchaus 20 km Durchmesser hat, wo Fehler in der Tourplanung sich gravierend auf die Feierabendzeit auswirken können. Hätte Felix nicht so hektisch gearbeitet, hätten wir mindestens 90 Minuten früher zuhause sein können, denn vom Schwierigkeitsgrad der Planungsanforderungen ist diese Tour „pillepalle“, wie wir bei der Armee sagten – und beim Paketdienst sagt man „Lutschtour“.

Eine besondere Anforderung seiner Tour ist allerdings das effiziente Ausnutzen der vorhandenen Brücken und ein Mangel an Touralternativen bei zeitkritischen Lieferungen. Meine Tour ist wie ein Kreis mit einer zentralen Tangente, ich kann je nach Zielort des Expresses die Tour relativ flexibel umstellen. Seine Tour dagegen ist sehr linear und ein Expresspaket für das hintere Ende der Tour geht immer mit einem Zeitverlust einher.
Zur Verdeutlichung muss ich hervorheben, dass meine Eifeltour drei Hauptrouten hat, die alle ab Kyllburg abzweigen. Bis dorthin ist die Sache fast linear, und Abweichungen treten nur auf, falls Landscheid im Osten und Preist oder Gindorf im Westen auf dem Plan stehen.
Ab Kyllburg kann die Sache kompliziert werden.
Die westliche Route führt ab Kyllburg über Malbergweich nach Neidenbach, Balesfeld, Burbach, Wallersheim und Weinsheim. Die mittlere Route führt von Kyllburg aus die Kyll hoch über Densborn nach Mürlenbach und Birresborn und schließlich Gerolstein. Die östliche Tour läuft an Steinborn, Wallenborn, Oberstadtfeld, Neunkirchen, Neroth nach Pelm und von dort aus Richtung Westen nach Gerolstein. Schwirzheim ist von all diesen drei Routen die Verlängerung, über die man wiederum recht linear nach Olzheim, Reuth, Ormont und Hallschlag gelangt.
Hat man Stopps nur auf zweien der drei Routen, kann man einen bequemen Halbkreis fahren, aber wenn Stopps auf allen drei Routen liegen, die durch die Eifelhügel getrennt sind, wird die Sache kompliziert und kilometerlastig. Knapp 300 km pro Tag sind etwa Durchschnitt, aber je nach Lage der Zielorte kann diese Zahl in Extremfällen um vierzig Kilometer unter- oder überschritten werden, was inklusive der Zeit, die man für Stopps braucht, eine Stunde ausmachen kann.

Wie man sieht, hat mein Einsatzgebiet eine Form wie ein verzerrtes Abbild der beiden Amerikas. Die gelbe Linie (ohne rote Punkte) im Südwesten ist die luxemburgische Grenze. Ihr Gegenstück im Nordwesten ist die Grenze Belgiens. Der südlichste Punkt ist Trier/Ehrang, wo ich aber nur losfahre, zunächst nach Zemmer/Rodt, wo der erste Stopp in der Regel liegt. Der nördlichste Punkt ist Scheid, von wo aus es noch zwei oder drei Kilometer bis nach Nordrhein-Westfalen sind.

Für den Dienstag hatte Mike zumindest (und scheinbar nur) mir und Kelvin gegenüber die Weisung gegeben, wegen der Auslieferung von „Wort und Bild“ (das ist der Verlag, der die Apotheken Umschau veröffentlicht) eine halbe Stunde früher da zu sein – also stand ich um 0330 auf und stand um 0430 in der Halle. Oder eher vor der Halle, als zweiter in der Reihe hinter Kelvin, denn das Hallentor war geschlossen. Ich ging also um die Halle herum und betrat sie über die LKW-Rampe, um das Tor zu öffnen. Drinnen: gähnende Leere, noch nicht einmal die Luxemburg-Fahrer waren da, nur die Leute, die am Band arbeiten, standen mit Falli an der Rampe und rauchten. Was denn mit „Wort und Bild“ sei, wollte ich wissen, aber keiner wusste was davon, und der Rest der Mannschaft traf auch erst zur gewohnten Zeit ein und wusste ebenso wenig von Wort und Bild. Der geile Mike hatte sich im Tag vertan – die Apotheken Umschau kam erst am Mittwoch.

Das hieß also zwei Tage in Folge um halb Vier aufstehen und am Mittwoch hoben die zusätzlichen Pakete meine Paketzahl auf über 170. Der Tag wurde lang, aber immerhin wurde ich alles innheralb der üblichen Geschäftszeiten los und es war auch kein Express dabei, der mir Stress gemacht hätte. Aber Papierpakete sind schwer, die übelsten Auslieferungen sind Wort und Bild und Kopierpapier, und interessanterweise kriegen deswegen eben Kopierläden und andere Betriebe mit Bedarf fürs Büro die für den Fahrer unangenehmeren Lieferungen als zum Beispiel Werkstätten und Metallverarbeiter, oder auch die Vertragshändler der Waldarbeitsgeräte wie Viking, Sabo oder Stihl, deren Pakete in den seltensten Fällen etwas schweres enthalten. In dem Bereich fallen nur Rasenmäher wirklich auf.
Aber bei zahlreichen Papierlieferungen am selben Tag, wie zum Beispiel Wort und Bild, merke ich, dass mir der Tag noch für den Rest der Woche in den Knochen steckt und meine Einsatzfähigkeit spürbar einschränkt. Ich habe keine Schmerzen, aber eine gewisse Mattigkeit hält sich dann bis ins Wochenende.

Hinzu kam ein Softwarefehler, den ich auszubaden hatte. Am Morgen hatte ich ein Paket für eine Apotheke per Scanner in Empfang genommen, worauf das Gerät meldete, dass ich die Daten manuell eingeben solle, was am laufenden Band wegen der Ablenkung und des Zeitaufwands nie gut ist. Doch diesen Vorgang vergaß ich zunächst, weil das jede Woche zwei- oder dreimal vorkommt.
Als ich der fraglichen Apotheke allerdings ihre Pakete brachte, die ausgerechnet am selben Tag wie Wort und Bild noch 18 weitere Sendungen erhielt, stellte ich fest, dass von 31 angezeigten Paketen nur 30 vorhanden waren. Ich verbrachte eine ganze Weile mit der Suche nach dem Paket, dessen Absender im Scanner mit „Office Dep“ angegeben war. Den Mitarbeitern vor Ort sagte das nichts und sie wussten auch nichts von einer solchen Bestellung. Um die Sache zu verkürzen, fragte ich Mike um Rat, der mir empfahl, das eine Paket aus dem Stopp zu lösen und auf „Annahme verweigert“ zu setzen, damit ich die 30 vorhandenen quittiert bekam.

Immerhin, der Donnerstag war beinahe entspannend, die Expresse nach Gerolstein konnten problemlos zugestellt werden. Ich musste aus Zeitgründen allerdings die direkte Route über das Kylltal nehmen und hatte ansonsten nur Kunden auf der Westroute, was mir einen Abstecher nach Wallenborn im Osten bescherte, der mich eine dreiviertel Stunde kostete.
Beim Gespräch mit unserem Büropersonal am Morgen klärte sich die Sache mit dem fehlenden Paket vom Mittwoch: Ein echter Superheld – das Phantompäckchen.
Es sei nicht auszuschließen, dass der Scanner das selbe Paket zweimal erfasse, zum Beispiel, wenn der Barcode senkrecht zur Schachtelöffnung verlaufe. Dann kann es passieren, dass sich eine Falte bildet, die einen oder auch mehrere der Striche des Strichcodes verberge und somit einen unterschiedlichen Code vortäusche. Ich hatte das Paket wohl zufällig ein zweites Mal gescannt, das Gerät hatte den Strichcode anders gelesen und wegen der unbekannten Daten eine manuelle Eingabe verlangt, wodurch ein Packstück entstand, das nicht existiert.

Aber der Freitag zeigte, dass ich das Wochenende nötig hatte, denn ich hatte doch Probleme bei der Konzentration…

23. Juli 2011

King of Kylltal (Teil 7)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 20:06

Es passiert so viel, dass ich mir nicht alles merken kann und an den vergangenen drei oder vier Wochenenden hatte ich immer was vor, sodass sich nicht die Gelegenheit ergab, was ins Blog zu schreiben. Eigentlich müsste ich mir gleich während der Fahrt Notizen machen, um ausgereifte Einträge in dieses Blog schreiben zu können, denn anders muss ich mich auf kurze Eindrücke und subjektive Erinnerung verlassen, was nie gut sein kann.

Es gibt da z.B. Leute, die bei ihren Nachbarn unbeliebt sind.
Erste Gelegenheit: „Ich nehme für jeden in dieser Straße gern Pakete an, aber nicht für den!“
Zum Glück fand sich ein anderer Nachbar, der das Paket annahm.

Zweite Gelegenheit: „Nein, für diese Frau nehme ich keine Pakete an, und Sie werden in der ganzen Straße auch sonst niemanden finden – das ist nämlich eine ziemliche Hexe.“
„Na ja, wenn man alt wird und Familie und Freunde gestorben sind, dann wird man doch schon mal etwas eigen.“
„Nee, ich glaub, die war schon immer so…“
Ich warf eine Nachricht in den Briefkasten, kam tags darauf zurück und fand die Empfängerin vor – sie sei nicht zuhause gewesen, weil sie zum Mittagessen oft in die Kantine des nahen Krankenhauses gehe. Sie erschien mir eigentlich ganz nett und gab mir sogar ein Trinkgeld.

Dritte Gelegenheit: „Wenn Sie was für meine Cousine da hätten, gern, aber nicht für die Amerikaner nebenan.“
„Warum das denn?“
„Mit denen haben wir keinen Kontakt.“
Die Empfängerin passte mich dann aber noch vom Balkon aus ab, im Morgenmantel und mit Gurkenmaske im Gesicht.

Generell scheinen die US Soldaten einen schweren Stand in der deutschen Nachbarschaft zu haben, zumindest die, die nur kurzzeitig da sind und wenig Kenntnisse in der Landessprache besitzen. Sagt doch bei anderer Gelegenheit einer zu mir, als ich ihm ein Paket für eine Nachbarin in die Hand drückte:
„Wenn Sie was für die Frau D. haben und die ist nicht da, können Sie auch zu mir kommen. Zu denen da drüben brauchen Sie nicht zu gehen, das sind Amerikaner.“ Der Klang seiner Stimme verriet einige negative emotionale Ladung, also verzichtete ich auf die Frage, was dieser Umstand mit irgendwas zu tun haben könnte.
Woanders habe ich einen Kunden, der regelmäßig Sauerstoffflaschen erhält. Als er mal nicht da war, ging ich zur Nachbarstür und fand dort einen eben solchen Amerikaner vor, der sich aber trotz mangelhafter Deutschkenntnisse sofort bereit erklärte, die beiden Zylinder anzunehmen und dafür zu unterschreiben, und immerhin handelt es sich dabei um ein (wenn auch minderes) Gefahrgut.

Lustige Begebenheit am Altersheim Gerolstein: Direkt neben dem Wareneingang, wo ich die Pappkisten stapele, bevor ich die Unterschrift an der Rezeption hole, befindet sich ein Raucherraum, beide mit großer Glastür zum Innenhof. Und da saß im Raucherraum eine füllige Alte und qualmte. Ich parkte, stellte den Motor ab, und als ich ausstieg, herrschte sie mich an, ob ich denn ausgerechnet hier parken müsse.
„Ja klar muss ich, hier ist doch der Wareneingang.“
„So eine Unverschämtheit!“
„Wo soll ich denn sonst parken?“
Worauf sie die Tür zum Hof unwirsch zumachte und ich mir ein Lachen nicht verkneifen konnte. Ihre Windeln und Spezialnahrung will sie wohl haben, aber die Anlieferung soll scheinbar unsichtbar erfolgen – und im Vergleich zu dem, was sie sich freiwillig in die Lungen zieht (ich erinnere: 4500 Giftstoffe), sind die gefilterten Abgase des Sprinters eigentlich eher harmlos.

Dieser Job hindert mich an einer Sache, die auffällig ist, wie kaum eine andere. Das ist zwar am meisten meine Aktivität auf YouTube, für das ich seit Wochen keinen Nerv mehr hatte, was ich bedauere, aber ich meine was anderes, nämlich Essen.
Ich leide bestimmt keinen Hunger, aber folgende Phänomene lassen sich feststellen: Morgens um kurz nach Vier mehr als eine Scheibe Brot zu essen, ist nicht gut für meinen Magen, der erst nach Acht bereit für „Input“ ist. Während der Fahrt ist nicht gut essen, von daher trinke ich im Laufe des Arbeitstags eine Flasche Orangensaft – der immerhin knapp 140 Gramm Zucker enthält (und damit etwa viermal so viel wie ein Liter des berüchtigten Zitronentees, den ich seit 25 Jahren konsumiere). Knurrt der Magen zu sehr, kaufe ich mir in Gerolstein ein Fladenbrot. Das lege ich aufs Armaturenbrett und reiße kleine Stücke davon ab, während ich fahre. Zwischen zwei und vier Uhr am Nachmittag überkommt mich ab und zu ein Leistungstief, wo mir die Augen zuzufallen drohen, das ich durch Kaugummikauen (das bringt eine verstärkte Blutzirkulation im Kopf) auffange. Und wenn ich nach Hause komme, kann ich auch nicht mehr essen, als zum Sattwerden notwendig, weil jeder Bissen darüber hinaus meinen Magen am nächsten Morgen noch belastet. Im Endergebnis habe ich während der vergangenen beiden Monate zehn Kilo abgenommen und habe damit erstmals seit Herbst 1997 wieder die Marke von 90 kg unterschritten. Ich wog vor einer Woche mit Kleidung und ohne Schuhe 89 Kilo.

Mittlerweile kenne ich meine Touren fast auswendig, brauche also nur noch selten ein Navigationsgerät. Ich kenne auch meine Kurven auf der Strecke und wie schnell man sie fahren kann.
Zunächst muss ich feststellen, dass der in „Initial D“ vorgeführte Trick, die Reifen einer Seite in die Rinne an der Kurveninnenseite zu klemmen, tatsächlich funktioniert, denn durch den Höhenunterschied zur Fahrbahn werden die Räder am wegrutschen gehindert und die Neigung des Fahrzeugs entgegen der Fliehkraft gibt zusätzliche Stabilität. Das hat mich bereits vor mindestens einer Kollision bewahrt, weil mich ohne Rinne die Trägheit der Masse auf die Gegenfahrbahn gebracht hätte. Das funktioniert allerdings nur mit einer befestigten Rinne, also nicht mit Schotter oder so, und ich weiß sehr wohl, wo ich mir das erlauben kann und wo nicht.
Auf Strecken, wo man mangels Bäumen die Straße jenseits der Kurven sehen und auf Gegenverkehr prüfen kann, lässt sich so ein Sprinter auf nasser Fahrbahn durchaus auch schon mal durch die Kurve driften.
Es gibt auch einen bestimmten Ortseingang, wo das gefahrlos zu bewerkstelligen ist – die Hauptstraße führt am Ort vorbei, da gilt Tempo 60 und mit 60 fahre ich in die Kurve (deren direkte Umgebung hindernisfrei ist). Allein die entgeisterten Blicke der Zuschauer sind das wert.

Übrigens Tempo: Da fuhr ich zu einem Frisör, bog rechtwinklig in seinen geschotterten Hof ab, fünfzig Meter bis zur Tür. Links neben dem Haus, in völliger Sicherheit, spielten drei oder vier Kinder. Wenn ich auf der kurzen Strecke 20 km/h gefahren bin, dürfte das hoch geschätzt sein. Um nicht umständlich wenden zu müssen, fuhr ich einen Bogen über eine (ungepflegte) Grasfläche, wo ich eine Bodenvertiefung übersah, weswegen das Fahrzeug kräftig schaukelte, was von Kunden beobachtet wurde.
Da spielen doch Kinder! Sie können doch nicht mit so schnell die Einfahrt runterfahren!“
„Ich bin gar nicht schnell gefahren, da war nur dieses Loch da…“
„Das ist ja unverantwortlich! So wie ein Wilder hier…“
„Ich bin höchstens Zwanzig gefahren…“
Weitere Kommentare zu meinem rabaukenhaften Fahrstil folgten, die nicht den Anschein erweckten, dass das, was ich sagte, auch irgendwie in den Gehirnen der Beobachter angekommen sein könnte. Ich hätte natürlich gern erklärt, dass das menschliche Gehirn kein gutes Werkzeug zur Erfassung von Geschwindigkeiten ist, und dass sich die menschliche Wahrnehmung leicht von Unregelmäßigkeiten beeinflussen lässt, wie zum Beispiel dem Schaukeln des Fahrzeugs, was beim Beobachter einen rein subjektiven Eindruck überhöhter Geschwindigkeit weckt, der objektiv nicht haltbar ist. Aber ich schien aus dem kommunikativen Akt eh ausgeschlossen zu sein und letztendlich muss ich davon ausgehen, dass die Damen eh nichts von dem verstanden hätten, was mir spontan durch den Kopf ging.

Die Fehler anderer Fahrer kommen auch irgendwie zu Tage, wenn es um den Umgang mit Kunden geht. Manche lassen mich wissen, dass ich die Postsendung einfach vor der Tür stehen lassen solle, worauf ich klarstellen muss, dass ich das aus rechtlichen Gründen nicht kann. „Die anderen Fahrer haben das auch so gemacht.“ Was die anderen Fahrer gemacht haben, interessiert mich nicht, denn für den Empfang muss jemand eine Unterschrift leisten, und ich werd einen Teufel tun und Unterschriften fälschen, wenn auch mit Einverständnis des Kunden. Ich erkläre also, dass für ein solches Vorgehen eine so genannte Anliefervereinbarung mit dem Unternehmen geschlossen werden muss, worauf der Kunde oft genug feststellt, dass er keinen Platz zum Abstellen hat, und der muss gegeben sein. Wenn ich Pakete auf „Anliefervereinbarung“ da lasse, obwohl keine solche existiert, kostet das eine Vertragsstrafe von 200 Euro.

Ebenfalls 200 E kosten gewisse Werbesendungen für Ärzte. Ich habe keine Ahnung, was da drin ist, aber der Versender will alles genau gemacht haben: Der Empfänger muss persönlich den Lieferschein unterschreiben und seinen Stempel draufdrücken. Bei einem Paket habe ich das vergessen (weil es anders als die anderen aussah) und gab das Paket der Apothekerin im selben Haus, weil der Arzt im Urlaub war. Das Büro in Trier war nicht begeistert und hielt den Lieferschein, der an den Versender zurück sollte, zurück, damit ich das Paket (50 g) zurückholen und nach dem Urlaub korrekt mit neuem Lieferschein ausliefern konnte, um nicht diese Strafe zahlen zu müssen. Jeder der Empfänger stimmte mir zu, dass diese Vorgabe von Seiten des Versenders eine Idiotie sonder gleichen sei, da der Wert des Inhalts in keiner Weise die Vertragsstrafe rechtfertige.

Die Woche, in der ich Geburtstag hatte, war schon hart. Jene Woche fing eigentlich bereits am Freitag Abend nach der Tour an, weil ich nach der Rückgabe des Renault „Master“ an den Vermieter einen etwas kleineren Sprinter erhielt – völlig versifft und zugedreckt und entsprechend stinkend, und ich durfte den ganzen Tag drin fahren. Überall Müll, Getränkespritzer und Tabakflocken.
Ich fuhr los und stellte bald fest, dass der Wassertank der Scheibenwischanlage leer war, und bei schönem Wetter brauche ich schon ein paar Liter von Trier bis Gerolstein, um die Überreste der zerschellten Insekten von der Scheibe zu wischen. Schmetterlinge haben darunter die widerlichsten Innereien: Das ist ein schmieriges weißes Zeug, das wasserabweisend wie Fett daherkommt. Der Scheibenwischer verteilt es lediglich, und runter geht es nur mit einem Schwamm und Seifenwasser. Ich wollte also an der Shelltankstelle in Herforst Wasser aufnehmen, fand aber die üblichen Gießkannen nicht. Als ich den Tankwart fragte, sagte der doch zu mir, ich könne in der Waschanlage Wasser holen und wies auf den Münzautomaten dort! Davon bekam ich binnen einer Sekunde einen solchen Hals, dass ich bis Gerolstein alle Flugleichen ignorierte und mir das Wasser dort an der ED-Tankstelle holte. Na, bei den Idioten tanke ich bestenfalls dann, wenn ich keine andere Wahl habe, und das kann passieren – nach Herforst gibt es nämlich in meinem gesamten Einsatzgebiet keine Shelltankstelle mehr, und nur für die habe ich eine Tankkarte. Ich habe in der Umgebung von Prüm, wo meine Tankanzeige ansprang, per Navi nach der nächsten Shelltankstelle gesucht: Da wurden natürlich Trier und Herforst angezeigt, aber westlich war die nächste in Bitburg (wo ich auf den letzten Liter noch hinfuhr) und östlich gibt es eine bei Wittlich, und im Norden meines Gebiets erstreckt sich bereits Nordrhein-Westfalen, wo hinzufahren ein echter Umweg wäre.
Natürlich kann es sein, dass lediglich die Daten meines Navis veraltet sind, aber ich hätte beim Herumfahren auch nie eine der benötigten Tankstellen gesehen. Vielleicht frage ich bei Gelegenheit mal die Kollegen von UPS oder DPD.

Am Freitag Abend schrubbte ich also vier Stunden lang die Fahrerkabine und habe dabei noch nicht einmal die Glasflächen angefasst, die waren erst am Sonntag dran. Glasreiniger reichte nicht aus, um die durchs Rauchen „getönte“ Scheibe wieder klar zu bekommen, da musste was schärferes her. Sonntags waren also noch einmal zwei weitere Stunden für die Fenster innen und außen und die Karosserie allgemein fällig.
Dabei hatte ich mir die Außenseite ersparen wollen. Ich erinnerte mich, dass jemand sagte, dass man bei Hess in Trier West den Sprinter günstig durch die Waschanlage fahren könne, und da es in Gerolstein ebenfalls eine Vertretung dieser kleinen Kette gibt, fuhr ich dorthin. Nun, man konnte da das Auto waschen lassen, für einen Fünfer, aber der Sprinter passt nicht in die Anlage hinein und eigentlich sei dieser Service nur für Kunden. Also selber machen.
Alternativ versuchte ich mich an einer SB-Station mit Hochdruckreiniger. Pustekuchen. Ein Hochdruckreiniger spült nur groben Schmutz herunter, von dem nur ein bisschen zwischen Plastikteilen saß. Der feine Staub, der sich bei feuchter Witterung auf dem Lack absetzt, lässt sich mit einem Hochdruckreiniger gar nicht entfernen. Die Dinger sind nur auf rauhen Oberflächen zu gebrauchen. Ein weicher Schwamm bringt den Staub dagegen ohne Mühe und ohne Münzeinwurf ab, man muss also schon dämlich sein, wenn man diesen SB-Stationen für den Hochdruckreiniger über die erste Erfahrung hinaus Geld in den Rachen wirft.
Abgesehen von all dem hatten die Hinterreifen keinen Millimeter Profil mehr, wurden aber nach zwei Tagen ersetzt. Das Schloss der Hecktür brauchte auch etwas Zuwendung, was allerdings Peter besorgte, weil dies eindeutig über meine Fähigkeiten ging. Bis dahin fuhr ich einen Tag mit einer Hecktür, die nicht richtig zuging und bei Erschütterungen aufschwang. Daran änderte auch der Expander nichts, den ich anband, der sorgte nur dafür, dass die Tür auch wieder zuschwang. Lustig war das nicht.

Dann begann die Woche wirklich. Immerhin ekelte ich mich nicht mehr vor dem Auto, aber an drei von fünf Tagen kam ich erst nach Sieben nach Hause und brauchte wirklich das ganze Wochenende danach, um mich von der Belastung zu erholen, was durch meine Heimfahrt in den Gau erschwert wurde.
Der Donnerstag lief auch nicht optimal, hätte aber schlimmer sein können, und Melanie hatte sich bereit erklärt, an meinem Geburtstag mit auf Tour zu gehen, auch, um zu sehen, was ich eigentlich mache. Der Donnerstag war verregnet und ich habe eine Reihe von Konzentrationsfehlern gemacht, die mich nur erneut lehrten, mich vom Stress nicht hetzen zu lassen, denn eigentlich hatte ich bei der Bundeswehr bereits begriffen, dass man Dinge nicht schneller machen soll, als man kann, weil man sonst genau deswegen vermeidbare Fehler macht. Denn merke: Der Ausbilder hetzt Dich, damit Du Deine Sachen richtig machst und den Stress ausblenden lernst. Die Steigerung der Arbeitsgeschwindigkeit ist nur ein Nebeneffekt.

Am Freitag gab’s dann Geld: 1254 E netto. Nicht die Welt und objektiv bestimmt lang nicht das Wahre bei meinem Bildungshintergrund, aber für mich in meiner Situation eine ganze Menge. Mein Konto war seit Jahren nicht mehr vierstellig.
Jetzt muss ich nur noch das Arbeitsamt dazu bewegen, mir die Hartz-IV Rate zu zahlen, die ich im Juni nicht erhalten habe, wegen der Unklarheiten meines Beschäftigungsverhältnisses (ich habe zwar Geld aber immer noch keinen Vertrag!?). Da ich im Juni keinerlei Geld verdient oder erhalten habe, steht mir für den Monat noch etwas zu, das war mir in einem Vortrag des von mir beschriebenen Herrn Colling erst vor kurzem erzählt worden, aber natürlich brach zunächst ein Sammelsurium von Antrags- und Nachweisformularen auf mich herein – aber dass mich das abschreckt, können die Jungs und Mädels von der Dasbachstraße vergessen. Ich kann von einem Monatsgehalt nicht zwei Mieten UND meine übrigen Lebenshaltungskosten zweier Monate bestreiten!

Die Woche drauf war das genaue Gegenteil: Alles ging glatt und flüssig, ich war dreimal zwischen Drei und Vier mit der Tour fertig und entsprechend früh zuhause.
Ich war sogar mal recht früh in Reuth, früh genug, um die m.E. gut aussehende Sprechstundenhilfe noch anzutreffen. Das einzig störende am Haus den Tierarzts, das zu einem Bauernhof gehört, sind die vielen Fliegen. Wenn ich mit dem Ausladen fertig bin, habe ich anschließend mindestens ein halbes Dutzend davon im Laderaum und trage so zur Festigung der Erbanlagen der Reuther Hausfliegen bei, weil einige davon mit nach Trier kommen und die dortige Population mit ihren Genen auffrischen.

Mittwochs rettete mich ein Niederländer vor einer Geldstrafe: Ich fahre oft die Autobahn von Prüm Richtung Wittlicher Kreuz runter, wo ich auf die Autobahn nach Trier wechsele. Dort wird das Tempo auf 120-100-80-60 heruntergeregelt, aber bislang fuhr ich die Engstelle, wie jeder andere auch, mit 80, und die sanfte Kurve bereitet einem dabei keinerlei Schwierigkeiten. Aber just an jenem Tag war ein Niederländer im Wohnmobil unterwegs, und ich habe Niederländer als sehr vorsichtige Fahrer kennengelernt, die wohl auf Grund der Beschaffenheit ihrer Heimat keine Serpentinen kennen und an den Straßenrand fahren, um mich vorbeizulassen. Das genannte Wohnmobil nun fuhr in die Engstelle und hatte hinter sich bereits eine Reihe von Autos angesammelt, ich war der fünfte und sicher nicht weniger unmutig über die Verzögerung wie die anderen. Zuerst sah ich den Polizeiwagen auf der gesperrten Spur stehen, dann den Blitzapparat. Ein erschreckter Blick auf den Tacho – 55 – sicher!

Wo ich von der Polizei rede, erwähne ich auch den Mitarbeiter von Gerolsteiner, an dessen Privatadresse ich drei schwere Pakete zu liefern hatte. Es waren etwa 30 Grad im Schatten und er bot mir als erstes was zu trinken an, sogar eisgekühlt.
„Auf die Pakete warte ich schon sehnsüchtig,“ sagte er.
„Was ist denn drin, wenn ich fragen darf?“
„Haha, ein Schnaps/Likör aus dem Elsass. Hat nur 35 Umdrehungen, brennt also nicht so, und man hat beim Trinken das Gefühl, in eine reife Birne zu beißen. Super Zeug. Sammelbestellung mit den Nachbarn.“
„Ist natürlich toll, wenn das Zeug nach dem schmeckt, aus dem es gemacht wird. Ich dachte, auch die Eifel sei für solche Sachen bekannt?“
„Ja schon, aber den hier gibt’s nur da unten; hab ich zufällig auf einem Wochenendtrip entdeckt.“
Er zeigt mir eine Flasche, deren Inhalt von goldgelber Farbe ist. Macht einen guten Eindruck, auch von der Konsistenz her. Als ich ihm dann schildere, dass ich selten zum Trinken komme, weil ich kaum einen kenne, der hochprozentiges trinkt, sagt er grinsend:
„So, jetzt biste fällig!“ und schickt seinen Sohn in den Vorratsraum, damit der eine angebrochene Flasche vom letzten Jahr holt. Als ich etwas einwenden will, winkt er ab: „Keine Panik, nur ein halbes Gläschen. Du musst ja noch fahren.“
Und das Getränk ist gar nicht übel. Es schmeckt in der Tat nach reifer Birne, ist also für meinen Geschmack eine Spur zu süß, mit entsprechend medizinischem Nachgeschmack – aber gegen eine Flasche für einen Schluck dann und wann hätte ich rein gar nichts einzuwenden. Vielleicht hätte ich mir die Marke merken sollen… irgendwas mit „Katz~“ oder „Katzen~“, glaube ich.

Abschlusshighlight der Woche war die Fahrt mit Melanie und das Abendessen bei Nick’s Diner in Herforst. Ich habe keine Ahnung, wer Nick sein soll, denn ich war auf Empfehlung eines amerikanischen Kunden dort, der mir versprach, dass die Hamburger dort richtig gut seien, seit „der Türke“ den Laden übernommen habe, allerdings sei die Pizza dafür völlig ungenießbar. In einem Anfall von Größenwahn bestellten wir jeder einen „Big Food“ Burger, ein Ungetüm von knapp 30 cm Höhe mit 360 Gramm Fleisch, das nur durch einen Spieß in der Mitte aufrecht erhalten werden kann. Die Bedienung empfahl Messer und Gabel.
Für einen Burger war das vom Geschmack gar nicht schlecht, hätte ich etwas vergleichbares bei Burger King gegessen, wäre mir kotzübel geworden, aber zum Abschluss aß ich noch ein Eis – mein Geldbeutel und mein aktuelles Körpergewicht erlauben das nach meiner Ansicht. Der Burger mit Pommes kostet 7,90 E, das erscheint mir ein angemessener Preis, gemessen an meinem Sättigungsgrad.
Dennoch esse ich das nicht noch einmal, die Fleischmenge ist einfach zu viel für mich. Ich gehe bestimmt noch einmal hin, belasse es dann aber bei einem Cheeseburger, die ebenfalls nicht klein sind und auch nur fünf-Euro-irgendwas kosten.

Auch mein „Bandnachbar“ Kelvin (Name geändert) nutzt seine Lieferfahrten übrigens für „Familienausflüge“, wie er es nennt. Dann packt er am Nachmittag Frau und Kind in den Wagen und fährt mit denen durch die Gegend. Dort, wo die Fahrer Dan und Engel (Namen geändert) ihre Bassboxen montiert haben, hat Kelvin, sechs Jahre jünger als ich, einen Kindersitz eingebaut. Wie ich ihn einschätze, ohne vorher die Meinung des Chefs eingeholt zu haben.

Fahrer DJ (Name geändert) ist ein knappes Jahr jünger als ich, verheiratet, macht Musik, spielt mehrere Instrumente und komponiert im Bereich Electronica. Wir unterhielten uns ein bisschen und als er erfuhr, dass ich früher Songtexte geschrieben habe (vor 13 Jahren), bat er mich, ihm einen Text zu schreiben zum Thema „Feel it“. Vielleicht fällt mir was ein… ein Problem könnte allerdings sein, dass das Stück bereits existiert und ich meine Inspiration, so ich eine finde, in ein vorgegebenes Rhythmusmuster pressen muss, was früher nicht notwendig war, weil ich einfach ein spontan sich anbietendes Versmaß verwendete und Felix, Tobi und Pascal dann die Melodie um den Text herum montierten, und nicht umgekehrt. Meine Bandbreite von SailorMoon zu Sepultura und dann zum Techno-Remix „Otaku Hardcore Revolution“ war jedenfalls zu viel für sein Vorstellungsvermögen eines umfassenden menschlichen Musikgeschmacks, aber mit dem ist gut auszukommen. Nur ist er derzeit auch Montags nicht ganz so fit, weil er an Wochenenden die Renovierung seines Hauses vorantreibt. Er scheint auch entsprechend Fehler zu machen und das Gerücht macht die Runde, dass seine Tage gezählt seien.

Elmo (Name geändert), Anfang Vierzig, fährt LKW und erzählt gern von den alten Tagen beim Fernverkehr wie ein pensionierter Seemann („Damals, am Nordpolarkreis, das war mal kacke! Keine Klimaanlage! Mitternachtssonne! Da wurdest Du in der Schlafkabine gekocht! Da oben steht ja kein Baum, nichts, was Schatten spendet!“). Er lädt durch seine Art geradezu ein, dass man Witze über ihn macht, und er nimmt sie mit Humor. Wenn das Bäckerauto um kurz vor Acht vor der Tür klingelt, ruft die ganze Halle seinen Namen („ELMO! DEIN FRÜHSTÜCK IST DA!“)… da träumt so mancher Rockstaranwärter nur von. Letztlich rollte er auf einer Ameise durch die Halle, breitete die Arme aus wie Kate Winslet auf der „Titanic“ und rief: „Guck mal, ein fliegender Kobold!“

Ähnlich oft wird nur Fallis Name (auch geändert) gerufen, der dann aber schon mal wie das HB-Männchen in die Luft geht und durch die Halle brüllt – was die Halle mit lautem Lachen zur Kenntnis nimmt (und er nimmt es auch nicht wirklich übel). Falli ist in erster Linie im Büro beschäftigt und fährt, wenn die Halle leer ist, mit der Kehrmaschine durch, übernimmt bei Engpässen aber auch schon mal Fahrten nach Luxemburg und Belgien.

Da auch ein Fahrer mit dem Namen Murat im Depot arbeitet, habe ich dem einen oder anderen den türkischen Film „Dünyay? Kurtaran Adam“ („Der Mann, der die Welt rettet“) empfohlen, auch bekannt als „Turkish Star Wars“, und von mir wegen der Namen der Protagonisten als „Murat und Ali im Weltraum“ bezeichnet (weswegen ich seinen Namen jetzt nicht geändert habe). Ich muss bei Gelegenheit mal die Reaktionen einholen, denn vor ein paar Jahren konnte man den Film an einem Stück auf Google Video sehen.

Nennen wir noch den Kurden aus dem Irak, auch einige Jahre jünger als ich. Kam als Zwölfjähriger nach Deutschland, spricht Kurdisch, Arabisch und Deutsch (und Trierer Dialekt), eigentlich mehrheitlich Sprachen, von denen so mancher Sicherheitsdienst wie der BND gern profitieren möchte. Obwohl nicht unsympathisch ist er allerdings dermaßen unverlässlich, dass er einem Klischeestudenten gerecht werden könnte und hat sich sein polizeiliches Führungszeugnis völlig zerschossen. Vergangene Woche kam er tatsächlich in der Halle an, bevor das Band anlief – zum ersten Mal, seit ich da arbeite. Der Kurde kam noch nie vor Sechs oder halb Sieben.
Dabei hat er mit Bitburg eine gemütliche Stadttour und ist oft genug vor drei Uhr Nachmittags wieder zuhause, obwohl er zwischendurch Pausen zum Essen oder auch ein Nickerchen macht. Sieben Cheeseburger zum Frühstück, eine Stunde später ein Döner, noch eine Stunde später Teilchen vom Bäcker, wie Mike berichtete. Dabei sieht er eigentlich recht drahtig aus. Er habe ständig wieder Hunger, könne aber nicht viel auf einmal essen, wobei die Definition von „viel“ subjektiv ist, denn nach sieben Cheeseburgern müsste ich vermutlich kotzen.
„Dann rauch doch mal weniger Gras, hm?“
„Ich rauch kein Gras mehr, seit vier Jahren. Damals hab ich das Doppelte gefressen.“
Es kommt aber hinzu, dass er gern auf Partys und in Clubs geht, und man munkelt, dass er nicht selten von dort ohne Umweg übers Bett zur Arbeit komme. Aber vielleicht hält er sich ja mit der Pünktlichkeit der letzten beiden Tage, denn immerhin geht er damit seinen Nachbarn am Band auf den Keks, die für ihn seine Pakete runternehmen müssen. Was ihn aber nie daran gehindert hat, eine große Klappe zu haben, wenn auch im Scherz. Neben maskulinen Beleidigungen für andere Fahrer, die mal ein Paket verpassen (die aber in gleicher Münze zurückzahlen, weil er ja die selben Fehler macht und noch mehr davon), singt er neben deutschen Schlagern, Popsongs und Werbejingles auch schon mal die verpönte dritte Strophe des Deutschlandlieds und beklagt sich über die heutige Jugend und was aus Deutschland geworden sei („Damals, als ich hier angefangen habe…“ „Ja, was war denn damals vor vier Monaten?“)

Über weitere Leute kann ich nicht viel sagen, weil ich wenig Kontakt zu denen habe, die weiter weg am Band stehen. Felix und Hermes (Namen geändert) zum Beispiel sind neu. Der erstere ist ehemaliger Taxifahrer und kommt mir ein bisschen hypochondrisch vor mit Hang zum Selbstmitleid, Hermes kommt ein bisschen unsicher daher, scheint sonst gut drauf zu sein, und wenn der nicht homosexuell ist, dann weiß ich nicht, wer sonst.
Dabei ist uns das Klagen doch allen irgendwie gegeben. Sagte nicht Balzac, dass wir alle immer mehr klagten, als wir tatsächlich litten? Da muss ich auf Kalaschnikow zurückkommen, den selbsternannten „Eifel-Tornado“ und zweifellos der beste Fahrer im Depot (der sein Auto sogar zu seinem WKW Avatar gemacht hat): Jeden Tag beschwert er sich, was für Extratouren er machen müsse und wie umständlich und lang er dann fahren müsse… und wenn ich ihn tags drauf frage, wie es gelaufen sei?
„Ach, alles locker! (grins)“

Kalaschnikow kommt am kommenden Montag nach drei Wochen Urlaub wieder zurück, und den hat er wegen seines Umzugs auch gebraucht. Seine Tour wurde von Kelvin gefahren und da „sein“ Auto ja Firmenbesitz ist, blieb es im Depot und wurde ausgerechnet vom Kurden verwendet. Auch Kalaschnikow ist kein Hygienefetischist und hat eindeutig niedrigere Standards als ich (die laut meiner Freundin weit unterdurchschnittlich sind), aber der Kurde gehört zu denen, die sich nichts dabei denken, leere Flaschen und was sich durch seinen Nahrungskonsum ansammelt, im Auto liegen zu lassen. Außerdem ist in dieser Zeit wohl die Handbremse kaputtgegangen und während er parkte, fuhr jemand den rechten Außenspiegel ab.
Kalaschnikow liebt sein Auto. Er kennt jeden Quadratzentimeter der Karosserie persönlich, führt jegliche Reparaturen selbst aus und lässt sich von der Firma lediglich den Materialwert ersetzen. Von den Missgeschicken des Kurden unterrichtet, ließ er ausrichten: „Am Montag um halb Fünf bin ich wieder da und um Sieben stirbt er!“ 🙂

Na ja, mal abwarten. Für die bellenden Vierbeiner auf der Tour, und das sind ein paar, bin ich dieser Tage auch mal in den „Fressnapf“ in Gerolstein gegangen, um ein paar Hundekuchen zu besorgen, nicht zu groß, nicht zu klein, da Hunde ja in verschiedenen Größen daherkommen. Es gibt eine Sorte, deren einzelne Stückchen etwa einen Kubikzentimeter haben. Als ich das Preisschild sah, wollte ich erst mal wieder weglaufen: „24,99 E“.
Aber es handelt sich nicht um den Preis pro Kilo, sondern um den 10-Kilo-Preis. Eine große Handvoll von 100 Gramm kostet also nur 25 Cent, und das nahm ich dann. Dann wird sich wohl auch der misstrauische Kleine in der Brunnenapotheke bald an mich gewöhnen.
Ganz und gar nicht beeindruckt war der kleine Dackel einer Kundin, die Maniküre und Duftkerzen anbietet. Mike hatte mich bereits vorgewarnt, dass der Dackel völlig ignorant sei, aber dass er einen Hundekuchen, direkt vor die Schnauze gehalten, gelangweilt ignorieren würde, hätte ich so nicht erwartet.

Das Wort zum Vierunddreißigsten

Filed under: My Life — 42317 @ 12:27

Ein bisschen spät vielleicht, aber ich habe so viel andere Sachen im Kopf und zu tun, dass ich sogar von an mir vorbeirollenden Paketen träume.

Eine geradezu magere Bilanz bietet sich mir dieses Jahr, denn der Kreis der Personen, die an meinen Geburtstag denken, scheint zu schrumpfen. Ich nehme das allerdings keinem übel, denn Berufstätigkeit stellt, wie ich an mir selber bemerke, ganz andere Herausforderungen an das, wofür man am Abend noch Energie aufwenden kann, als ein selbstreguliertes Studentenleben, und das Klettern auf der Karriereleiter intensiviert dies noch. Vielen Dank also an alle, die an mich gedacht haben und viel Glück und Erfolg für diejenigen, an denen der französische Nationalfeiertag einfach vorbeigegangen ist.

Was habe ich denn bekommen? 30 Euro von den Großeltern, Geld für Brötchen, Wurst und Käse von Puck und Karl (eigentlich für den Rollenspielnachmittag vorgesehen, aber bei der Gelegenheit wegen der großen Menge an Snacks und dergleichen von Volker und Christian nicht verzehrt), „Otaku no Video“ von Ricci, die Autobiografie von Bud Spencer plus eine Sammlung weniger bekannter Filme mit ihm und Terence Hill von Melanie, ein Bundeswehrkopfkissen von Thomas, dass er mit Hilfe von Volkers Vater Horst aufgetrieben hat, man könnte auch Kevin erwähnen, einen Arbeitskollegen, der ein Paket in unserem „Grenzbereich“ für mich übernahm… und eine kleine Packung Maoam von Alex. 🙂

Da ich den „Grundriss der Japanologie“ endlich losbekam mit einem Erlös von knapp 20 E, habe ich mir von diesem Geld auch selbst was geleistet: „First Strike“ und „Master of Death“ mit Jackie Chan (dessen englischer Untertitel eigentlich „Magnificient Bodyguards“ lautet) und Doppel-DVD Special Editions der beiden Batman-Filme mit Michael Keaton, zuzüglich des „Zombie Survival Guides“ für Melanie zu ihrem Geburtstag von ihrer Wunschliste.

In diesem Zusammenhang muss ich allerdings auf ganz spezielle „Pappenheimer“ eingehen: Meinen Herrn Großvater.
Der hat es nämlich bewusst vermieden, mich anzurufen, weil er mir schmollte, um es mal antiquiert auszudrücken.
„Du weißt doch, dass es uns in letzter Zeit so schlecht geht, Du hättest ja doch mal anrufen können! Deswegen habe ich extra nicht angerufen, weil ich böse auf Dich war.“
Ich muss gestehen, dass mir das gerade ziemlich gleich ist. Das Verhalten des Großvaters hat mich in letzter Zeit etwas abgestumpft.
Der erste Punkt ist aus meiner Sicht der Dinge völlig klar: Wenn er so viel zu erzählen hat, soll er doch mich anrufen. Abends um Acht stehe ich in der Regel zur Verfügung. Auf geradezu konfuzianische Gedanken, wer wen wegen der hierarchischen Generationenordnung mit Ehrerbietung über die Telefonleitung bedenken muss, kann ich verzichten. Ich rufe niemanden an, wenn ich nichts sinnvolles zu sagen habe. Ist das so schwer zu verstehen?

Aber der Spaß geht ja noch weiter. Der Großvater trug sich ja, wie er sagte, mit dem Gedanken, seinen Führerschein abzugeben. Ich bezweifle, dass das trotz aller ihm bekannten Probleme, die ich früher an dieser Stelle bereits beschrieben habe, mehr als ein Gedankenspiel war, aber er sagt das halt, also gönne ich ihm Zweifel an meiner pessimistischen Meinung zum Thema. So, mitten in diese Gedanken platzte ein Krankenhausaufenthalt der Großmutter, und da dachte er sich, ein paar Tage mehr würden wohl noch gehen. Und so kam es, dass er in Breitfurt in einem Anfall von temporärer Geistesabwesenheit (nicht zu verwechseln mit Ohnmacht) von der Straße abkam und parkende Autos beschädigte und weiterfuhr. In der heimischen Garage angekommen, bog gleich die Polizei in die Einfahrt und stellte ihn zur Rede. Er könne sich an nichts erinnern, und der Totalschaden, den er an seinem eigenen PKW angerichtet hatte, sei ihm bis soeben nicht aufgefallen. Die Polizei („Jaja, schon klar… pusten Sie mal…“) überzeugte sich, dass kein Alkohol im Spiel war und die Sache wanderte ans Gericht.

Ich bin nicht sicher, was und ob mittlerweile etwas dabei herausgekommen ist. Aber es begab sich, dass auch ich Post von der Gerichtskasse in Saarbrücken erhielt, wegen der Änderung im Grundbucheintrag, da mir ja das Haus überschrieben worden war. Die wollten knapp 400 E Gebühren von mir, die ich heute kaum weniger gut aufbringen kann wie vor zwei Monaten. Ich brachte ihm auch diese Rechnung. Offen sagte er mir, dass ich ihm bitte solch hohe Rechnungen nicht mehr bringen möge, weil er ja selbst nichts habe – ich gehe also davon aus, dass wegen der Unfallfolgen Kontopfändungen vorliegen. Ich durfte allerdings auch mithören, wie er, als er mich außer Hörweite wähnte, klagte, warum ich denn nicht auch mal zu meinem Vater oder meiner Mutter ginge, wenn ich Geld brauchte.
Das erste Wort, dass mir in dem Moment durch den Kopf ging, will ich hier aus Grunden des Anstands nicht nennen. Erstens haben die beiden rein gar nichts mit dem mir übertragenen Haus zu tun, außerdem arbeitet meine Mutter als Putzfrau und mein Vater lebt von staatlicher Ergänzung zu seiner mageren Rente. Die haben nichts am Lappen, wie man so sagt. Es sollte jedenfalls weniger sein als eine Bosch-Betriebsrente. Aber wenn man die natürlich durch Altersstarrsinn absägt, nennt man das wohl eine Arschkarte!
Positiver Punkt: Seinen Führerschein hat er zum letzten Mal gesehen.
Ich habe das Gefühl, dass ihn diese Sache sehr belastet, denn in diesen wenigen Wochen scheint er körperlich noch stärker abgebaut zu haben als in den vergangenen Monaten. Man sollte annehmen, dass es nicht mehr lange dauert.

Reden wir noch kurz von der Großmutter, weil sie ja im Krankenhaus war. Sie hatte Nierensteine, die immer wiederkommen, weil sie bestenfalls eine null-siebener Flasche Sprudel am Tag trinkt. Zuerst wurde ein Katheter gelegt, um den Harnabfluss zu garantieren, worauf sie ein paar Tage nach Hause konnte. Dann sollte sie zurück ins Krankenhaus, um die Nierensteine zu entfernen und es wurde ein neuer Katheter gelegt. Daraufhin ging sie wieder zwei Wochen nach Hause, bevor sie erneut hinging, um den Katheter entfernen zu lassen. Die Angelegenheit ist damit an sich beendet – sie kann sich nur nicht daran erinnern. Sie glaubt, dass man sie mehrmals ins Krankenhaus rief, untersuchte, und unverrichteter Dinge wieder nach Hause schickte. Als ob Nierensteine den modernen Arzt an seine Grenzen führten… aber eine irgendwie lustige Sache gab es zum Abschluss. Anlässlich meines Besuches zeigte mir die Großmutter eine CD. Das Krankenhaus habe ihr diese „Schallplatte“ gegeben, aber sie habe ja gar keinen „Plattenspieler“ dafür. Es handele sich wohl um eine Aufnahme von einem Kinderchor. Ich besah mir die CD: Sie kommt von der radiologischen Abteilung, ist für die persönlichen Unterlagen der Patientin bestimmt und enthält die MRT-Aufnahmen der Nierensteine, um quasi beim nächsten Mal den Befund zu erleichtern.