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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

18. Dezember 2010

„Warum essen sie dann keine Hähnchen?“

Filed under: My Life,Zeitgeschehen — 42317 @ 15:30

Was besseres als eine Parodie Marie Antoinettes ist mir nicht eingefallen als Überschrift für diese Idee, die mir in den vergangenen Tagen durch den Kopf ging. Warum mir dieses naive Zitat, in dem es eigentlich um Kuchen ging, eingefallen ist, erkläre ich gleich.

Zum monatlichen Einkauf habe ich meine Großeltern besucht, just an den Tagen, an denen die Presse das Schneechaos in Deutschland ausgerufen hatte. Ich will das nicht kleinreden, bestimmt hat es viele Leute wörtlich eiskalt erwischt und mancherorts wird die Lage auch ernst gewesen sein – soweit es mich betrifft, kann ich mich nicht beschweren. Ich konnte über 100 km von meiner Haustür in Trier bis in mein Heimatdorf fahren, ohne dabei mehr als 500 m schnee- oder eisbedeckte Fahrbahn gesehen zu haben. Das waren ein paar Meter an offenen Stellen, wo der Wind den Schnee auf die Straße geweht hatte, und die letzten Meter, nachdem ich von der Hauptstraße im Dorf abgebogen war. Mein ehrlicher Dank also an die Männer (und Frauen?) der Räumdienste, die ganz hervorragende Arbeit in dem von mir befahrenen Bereich geleistet haben.

Was hat das mit Hähnchen zu tun? Kommt sofort: Da wir den Morgen mit Einkaufen verbracht hatten, blieb keine Zeit für die Vorbereitung eines Mittagessens. Die beiden alten Herrschaften ermüden sich bei einem Gang durch einen großen Supermarkt zu sehr, um nachher noch Energie zum Kochen zu haben. An diesem Tag stand jedoch in der Dorfmitte ein Hähnchengrill und ich wurde geschickt, für jeden ein halbes Hähnchen zu holen.
Ich unterhielt mich ein bisschen mit der Besitzerin darüber, warum sie keine Hähnchenkeulen anbiete, und sie sagte, dass man Hähnchenfleisch zwar nachgeworfen und auch wieder los bekäme, dass der spezielle Spieß, also das Metallkonstrukt, an dem man die Keulen befestigt, allein jedoch bereits 600 Euro koste, und sie scheue die Investition. Wir sprachen auch ein bisschen über Preise, und das brachte mich unweigerlich zu dem Preisvergleich, den ich hier ausführen möchte:

Dass Verbraucherpreise ständig steigen, muss ich keinem erzählen, das weiß jeder. Aber es gibt Unterschiede.
Vor etwa zehn Jahren kaufte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen großen Sack Reis, im Asialaden der Familie Hary in Saarbrücken. Damals bekam ich 22,5 kg thailändischen Bruchreis für 17,50 Mark.
Seitdem ist der Reispreis um das Dreifache gestiegen: Heute bezahle ich für 20 kg thailändischen Bruchreis (also für 11 % weniger Masse) 26 Euro. (Das heißt, ich würde so viel zahlen, wenn ich statt Langkornreis Bruchreis kaufen würde. Für 20 kg normalen thailändischen Langkornreis sind heute 30 Euro die Norm.)
Irgendwie kann ich das nachvollziehen. Zum einen ist da die Inflation, zum anderen Wirtschaftskrisen, dann lässt möglicherweise die Steigerung des Wohlstands in den Anbauländern die Preise steigen, und man darf auch nicht vergessen, dass es in den vergangenen Jahren zu vielen Naturkatastrophen gekommen ist, die die Bereitstellung von Nahrungslieferungen notwendig machten, die wirtschaftlich als Steigerung der weltweiten Nachfrage zu werten sein dürften.

Für mich als Laie sieht diese Preisentwicklung also irgendwie plausibel aus, obwohl ich mir bestimmt über vieles im Unklaren bin und so einiges sicherlich auch falsch verstehe. Ich hätte jedenfalls nicht weiter darüber nachgedacht, wenn mir an jenem Einkaufstag nicht zwei weitere Preisschilder aufgefallen wären.

Noch ein Rückblick: Als ich etwa zwölf Jahre alt war, überkam mich ein heftiges Verlangen nach Wiener Würstchen, von denen ich mir nach der Schule ein Kilo an der Fleischtheke kaufte, und das Kilo kostete 16 Mark.
21 Jahre später kostet ein Kilo Wiener an der Fleischtheke im Supermarkt 10 Euro, also nur wenig mehr als damals.

Ebenso hatte ich wenige Jahre später den Plan, mal ein Schnitzel mit Pommes zu essen. Auf der Speisekarte war das Gericht mit 10,50 Mark angegeben.
Wenn ich heute für eine normale Schnitzelportion mit Pommes mehr als sechs Euro zahlen soll, fühle ich mich schon beinahe über den Tisch gezogen. Für eine Portion, die mich sättigt, sind in der Regel zehn Euro fällig, aber das ist auch nicht wenig für einen normalen Magen.
Vielleicht ist es deshalb ein schlechtes Argument. Ich komme daher lieber zu den versprochenen Hähnchen:

Vor zwanzig Jahren stand im Ort meiner Schule auf dem so genannten Paradeplatz eine Imbissbude, wo ein halbes Hähnchen 5,50 Mark kostete. Hätten Hähnchen die gleiche Preisentwicklung mitgemacht, wie der Reis, dann müsste ein halbes Hähnchen heutzutage etwa 8,50 Euro kosten – und zwar ohne Salat und Pommes. Ein halbes Hähnchen kostet aber nur 2,70 Euro.

Warum sind Fleisch- und Fleischnebenprodukte der hier genannten Art von der allgemeinen Preisentwicklung (scheinbar) ausgenommen?
Der Witz von dem Kunden, der in die Bäckerei kommt und sich beschwert, dass ein Brot vor 20 Jahren soundsoviel gekostet habe, worauf die Angestellte in den Backraum ruft, ob noch Brot von vor 20 Jahren da sei, ist keiner mehr.
Sind die Futtermittelpreise seit 20 Jahren stabil? Wohl kaum, aber wenn ja, warum kostet dann mein Brot, das doch prinzipiell aus dem gleichen Rohstoff besteht, immer mehr? Wurden in der Zucht und Fleischverarbeitung in den vergangenen Jahren massiv Stellen gekürzt? Dann wäre aber doch irgendwann eine Grenze erreicht, unterhalb der ein Betrieb nicht funktionieren kann und die Preise müssten in einem normalen Maß zu steigen beginnen. Verzichtet irgendjemand in der Kette zwischen Züchter und Endverbraucher auf seine Gewinnmarge? Unvorstellbar. Gibt es so viele Anbieter mit so viel Schlachtmasse mehr, bei deutlich weniger stark gestiegener Nachfrage? Aber wer lässt sich denn auf ein Geschäft ein, wenn es da nichts oder nur wenig zu verdienen gibt (und es nicht vielleicht der Geldwäsche dient)? Sind die Mastbedingungen heute so viel schlimmer als vor 20 Jahren, um auf diese Art und Weise Geld zu sparen, das der Kunde dann dankbar nicht zu zahlen braucht?

Wiesenhof bezeichnet sich auf der Firmenseite im Internet als „Deutschlands Geflügelmarke Nr. 1“ und präsentiert sich als Unternehmen, das „seit jeher besondere Maßstäbe in punkto Qualität, Sicherheit und Transparenz“ setze. Ich habe also am 7. Dezember eine Mail geschrieben, in der ich in Kurzfassung meine Beobachtung schilderte und fragte, was Wiesenhof dazu sage, warum der Preis für Geflügel seit Jahrzehnten stabil geblieben sei.
Am 17. Dezember erhielt ich folgende Mitteilung, Zitat (minus Grußformeln):

“ (…) Ihre Feststellung bezüglich der konstanten Preise ist richtig. Das ist übrigens nicht jedem Verbraucher bewusst.

In der Geflügel-Aufzucht gab es in der Vergangenheit einige Fortschritte bei den verwendeten Technologien und in der Forschung und Entwicklung. Die sich ergebenden Kostenvorteile wurden, auch durch den starken Wettbewerb bedingt, immer an den Verbraucher weitergegeben.

Was hat sich geändert bzw. warum ist die Aufzucht von Hähnchen heute kostengünstiger?

Hauptgrund ist die züchterische Selektion. So ist bei den heute in der Aufzucht eingesetzten Rassen die Futterwertung wesentlich besser als noch vor Jahren. Und Futter ist der wesentliche Kostenfaktor. Eine gute Futterverwertung ist auch vor dem Hintergrund wichtig, dass Futter-Ressourcen nicht verschwendet werden und weniger Hühnermist anfällt. Zusätzlich wurden die Futtermischungen selbst nach wissenschaftlichen Erkenntnissen optimiert. So ist heute schon sehr gut erforscht, in welchem Lebensabschnitt bestimmte Nährstoff-, Vitamin- und Mineralstoffzusammensetzungen am sinnvollsten sind.

Daneben werden schon die Elterntierherden, die die Bruteier erzeugen, gegen die häufigsten Krankheiten mit qualitativ hochentwickelten Impfstoffen geschützt. Dieser Impfschutz geht auf die Küken über und macht sie deutlich widerstandsfähiger. Die Bruteier werden hygienisiert und in nahezu keimfreien, hochmodernen Brütereien ausgebrütet. All diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass die Verluste bei der Aufzucht in den Jahren minimiert wurden. Das ist einmal aus Tierschutzgründen vernünftig und spart zudem natürlich auch Kosten.

Der internationale Wettbewerb, in dem wir uns befinden, zwingt zu weiteren kreativen Lösungen. So wird der Hühnermist, der bei unseren Partner-Landwirten anfällt, zu großen Teilen kompostiert und dann in der Pilzzucht eingesetzt. Erzeugt werden damit z.B. Champignons und übrig bleibt Humus, der von Baumschulen abgenommen wird. Wir nutzen darüber hinaus das Fett aus den Schlachtabfällen zur Raffination von Geflügelöl. Damit fahren ca. 600 unserer LKW´s. Das spart nicht nur Kosten sondern entlastet auch die Umwelt nicht unerheblich.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer solcher Beispiele.

Leider sind die Preisschwankungen an den Rohstoffmärkten in jüngster Vergangenheit erheblich gestiegen. Und da z.B. in Deutschland bereits sehr viel Ackerfläche für nachwachsende Rohstoffe (vor allem Mais für subventionierte Biogas-Anlagen) verwendet wird, müssen wir in der Zukunft mit nachhaltigen Preissteigerungen beim Futter rechnen. Das wird leider nicht nur Geflügelfleisch mittelfristig verteuern sondern betrifft alle anderen Fleischsorten auch. (…)“

Nun ja… zum Thema Wiesenhof kursierte 2009 das folgende Video:
Skandal bei Wiesenhof
Sieht nach hoch motivierten Ein-Euro-Jobbern aus.

Man vergleiche hierzu auch den folgenden schriftlichen Bericht:
Wendland.net: Skandal bei Wiesenhof

Wenn man seine Hühnchen und Hähnchen natürlich so zusammenpfercht, spart man zusätzlich zu dem Gesagten natürlich auch Raummiete, Instandhaltungskosten, und Transportraum.

3. Dezember 2010

Kaichô wa Maid-sama

Filed under: Manga/Anime — 42317 @ 22:58

Der letzte Artikel in dieser Kategorie ist vom Januar 2009? Das müssen wir gleich ändern, und „Kaichô wa Maid-sama“ bietet sich direkt an.

Schmissige Übersetzung? Gibt’s nicht. Wahrheitsgemäß aber langatmig läuft der Titel hinaus auf
„Die Vorsitzende der Schülervertretung ist ein Hausmädchen französischen Stils“.

Stellen wir zur besseren Klärung also die beiden Hauptcharaktere vor:

Misaki, die Protagonistin. 17 Jahre alt, gut aussehend, intelligent, topfit, soziale Unterschicht. Ihre Schule wurde erst vor kurzer Zeit für beide Geschlechter zugänglich, davor war sie eine reine Jungenschule, mit üblem Ruf. Als Schülersprecherin will sie das Image der Schule aufmöbeln, indem sie die Jungs diszipliniert, um die Frauenquote (aktuell 25 %) zu erhöhen. Um sicherzustellen, dass sie sich durchsetzen kann, hat sie einen Dan (Meistergrad) in Aikidô erworben, stemmt Gewichte, und lernt fleißig, um die Nase vorn zu haben, um einer Vorbildfunktion gerecht zu werden.
Da ihre Familie arm ist (der Vater hat Schulden angehäuft und hat sich dann davongemacht), muss sie aber auch arbeiten, um essen zu können, und sie hat wegen des guten Stundenlohns eine Anstellung in einem Maid Café mit dem Namen „Maid Latte“.

Bei einem Maid Café handelt es sich um einen Gastwirtschaftsbetrieb, bei dem es weniger um das kulinarische Angebot, als um eher um Optik und Atmosphäre geht. Dazu sprechen die ausschließlich weiblichen Servicekräfte allerfeinstes Japanisch mit all seinen verschnörkelten Höflichkeitsformen und tragen dabei einen Kleidungsstil, den man im Englischen als „French Maid“ bezeichnet:

Frz Hausmädchen, jap Interpretation

Das ist per se nichts Anzügliches, obwohl sich damit ein Fetisch verbindet, wie es mit allen Arten von Uniformen der Fall ist.

Misaki arbeitet also in einem solchen Café („in einem Nachbarort“) zusammen mit einer Anzahl weiterer junger Frauen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Nun ist ein solcher Job aber per Definition mit Servilität und einer mindestens implizierten Art von Unterwerfung verbunden, ganz zu schweigen von dem angesprochenen Sex Appeal – von daher will sie nicht, dass irgendjemand von ihrer Schule davon erfährt. Diese Art von Nebenjob ist zwar durch Schulregeln nicht verboten, aber ihre Autorität als Schülersprecherin würde zweifelsfrei darunter leiden.

Kommen wir zur männlichen Hauptrolle: Takumi, meist „Usui“ genannt.
Gleicher Jahrgang wie Misaki, gleiche Attribute: Gut aussehend, intelligent, topfit. Er bleibt weitgehend ein Geheimnis für den Zuschauer, man kann über sein Privatleben anhand einer Handvoll Informationen nur Vermutungen anstellen. Dass er keine Familie hat, dass er steinreich ist und in der feinen Lebensart extrem bewandert. Er ist auf eine Art und Weise so offen und ehrlich mit seinen Gefühlen für Misaki, dass sie ihm seine Zuneigung nicht abkauft. Außerdem hat er die Angewohnheit, sie zu necken, was sie ihm natürlich negativ auslegt – dabei genießt er lediglich ihre Reaktion. Ein Verhalten, das ich nicht weiter absonderlich finde, ich mache das nämlich ebenfalls.

Es handelt sich also um eine romantische Komödie, die ihren Humor daraus schöpft, dass einerseits der männliche Protagonist aus seiner Liebe keinen Hehl macht und sie auf ungewöhnliche Art und Weise zeigt, während andererseits die weibliche Protagonistin sich ihrer Gefühle nicht sicher ist und ihre entgegengesetzten Rollen getrennt wissen will.

So weit, so gut, denn ich will die Handlung nicht zu sehr auswalzen. Ich hatte Spaß, die Serie anzusehen, da die Charakterinteraktion viele schöne und lustige Szenen bereit hält, abgesehen davon ist die grafische Gestaltung sehr schön, die SynchronsprecherInnen zeigen ein hohes Niveau, und der Soundtrack ist nicht zuletzt geradezu empfehlenswert, wenn man im Großen und Ganzen japanischen Animesoundtracks etwas abgewinnen kann.

Nur einen Pferdefuß hat die ganze Sache: Geschlechterdarstellung.
Deswegen hat es auch gereicht, nur in Kürze auf die Hauptcharaktere einzugehen. Denn die Sache stellt sich so dar:
Die Autoren stellen Misaki eingangs als starkes, intelligentes und selbständiges Mädchen vor, das den unwilligen Jungs ihrer Schule Paroli bietet und damit Erfolg hat. Die Jungs verdammen sie zwar als eine Art Dämon, aber letztendlich haben sie Respekt vor ihr und sie hat die Schule damit im Griff.
Aber wehe, falls diese Ihre Domäne verlassen wird. Man könnte sie beinahe mit dem „Alten“, dem Kapitänleutnant in Buchheims „Das Boot“, vergleichen: Unbesiegbar auf dem Meer, entkommt den haarsträubendsten Situationen – und kaum setzt er seinen Fuß wieder an Land, wird er getötet.

Misaki wird natürlich nicht getötet. Sie „rettet“ mehrfach Mädchen ihrer Schule aus unangenehmen Situationen, aber wenn sie auf Schwierigkeiten und Gegner außerhalb der eigenen Schule trifft, muss sie ständig von Usui gerettet werden, der sie unter Einsatz seines Lebens und seiner Gesundheit beschützt; sei es, dass der Gegner ebenfalls ein Kampfsportass ist, oder sei es einfach nur, dass sie zum fraglichen Zeitpunkt wegen einer Erkältung „zufällig“ nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte ist.
Das, was sie, quasi zum Ausgleich, außerhalb für ihn tut, sind alles typisch weibliche Dienstleistungen: Sie bedient ihn im Café, und sie kocht ihm Reisbrei, als er krank ist. (Es ist überhaupt zu bemerken, dass es unter den weiblichen Charakteren zwar auch „Vorgesetzte“ gibt – die Besitzerin des „Maid Latte“ und ihre Schwester, die ebenfalls eine Art Restaurant hat – aber auch die bieten „nur“ Dienstleistungen an, sie sind im weitesten Sinne „caretakers“, deren Lebensinhalt daraus besteht, sich um das Wohl anderer Leute zu kümmern.)

Was sagt uns diese Art der Darstellung über Misaki:
„Ja, sie sieht gut aus, ist intelligent und topfit, aber letztendlich ist sie halt doch nur ein Mädchen.“
Und das finde ich sehr schade. Eine Chance vergeben, einen selbständigen weiblichen Charakter zu führen. Ich verlange nicht, dass SIE es ist, die IHN rettet, aber eine Frau, die nicht immer wieder mal vor Unbill gerettet werden muss, ist durchaus eine Erholung in der Welt der fiktionalen Unterhaltung.