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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

3. Dezember 2010

Kaichô wa Maid-sama

Filed under: Manga/Anime — 42317 @ 22:58

Der letzte Artikel in dieser Kategorie ist vom Januar 2009? Das müssen wir gleich ändern, und „Kaichô wa Maid-sama“ bietet sich direkt an.

Schmissige Übersetzung? Gibt’s nicht. Wahrheitsgemäß aber langatmig läuft der Titel hinaus auf
„Die Vorsitzende der Schülervertretung ist ein Hausmädchen französischen Stils“.

Stellen wir zur besseren Klärung also die beiden Hauptcharaktere vor:

Misaki, die Protagonistin. 17 Jahre alt, gut aussehend, intelligent, topfit, soziale Unterschicht. Ihre Schule wurde erst vor kurzer Zeit für beide Geschlechter zugänglich, davor war sie eine reine Jungenschule, mit üblem Ruf. Als Schülersprecherin will sie das Image der Schule aufmöbeln, indem sie die Jungs diszipliniert, um die Frauenquote (aktuell 25 %) zu erhöhen. Um sicherzustellen, dass sie sich durchsetzen kann, hat sie einen Dan (Meistergrad) in Aikidô erworben, stemmt Gewichte, und lernt fleißig, um die Nase vorn zu haben, um einer Vorbildfunktion gerecht zu werden.
Da ihre Familie arm ist (der Vater hat Schulden angehäuft und hat sich dann davongemacht), muss sie aber auch arbeiten, um essen zu können, und sie hat wegen des guten Stundenlohns eine Anstellung in einem Maid Café mit dem Namen „Maid Latte“.

Bei einem Maid Café handelt es sich um einen Gastwirtschaftsbetrieb, bei dem es weniger um das kulinarische Angebot, als um eher um Optik und Atmosphäre geht. Dazu sprechen die ausschließlich weiblichen Servicekräfte allerfeinstes Japanisch mit all seinen verschnörkelten Höflichkeitsformen und tragen dabei einen Kleidungsstil, den man im Englischen als „French Maid“ bezeichnet:

Frz Hausmädchen, jap Interpretation

Das ist per se nichts Anzügliches, obwohl sich damit ein Fetisch verbindet, wie es mit allen Arten von Uniformen der Fall ist.

Misaki arbeitet also in einem solchen Café („in einem Nachbarort“) zusammen mit einer Anzahl weiterer junger Frauen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Nun ist ein solcher Job aber per Definition mit Servilität und einer mindestens implizierten Art von Unterwerfung verbunden, ganz zu schweigen von dem angesprochenen Sex Appeal – von daher will sie nicht, dass irgendjemand von ihrer Schule davon erfährt. Diese Art von Nebenjob ist zwar durch Schulregeln nicht verboten, aber ihre Autorität als Schülersprecherin würde zweifelsfrei darunter leiden.

Kommen wir zur männlichen Hauptrolle: Takumi, meist „Usui“ genannt.
Gleicher Jahrgang wie Misaki, gleiche Attribute: Gut aussehend, intelligent, topfit. Er bleibt weitgehend ein Geheimnis für den Zuschauer, man kann über sein Privatleben anhand einer Handvoll Informationen nur Vermutungen anstellen. Dass er keine Familie hat, dass er steinreich ist und in der feinen Lebensart extrem bewandert. Er ist auf eine Art und Weise so offen und ehrlich mit seinen Gefühlen für Misaki, dass sie ihm seine Zuneigung nicht abkauft. Außerdem hat er die Angewohnheit, sie zu necken, was sie ihm natürlich negativ auslegt – dabei genießt er lediglich ihre Reaktion. Ein Verhalten, das ich nicht weiter absonderlich finde, ich mache das nämlich ebenfalls.

Es handelt sich also um eine romantische Komödie, die ihren Humor daraus schöpft, dass einerseits der männliche Protagonist aus seiner Liebe keinen Hehl macht und sie auf ungewöhnliche Art und Weise zeigt, während andererseits die weibliche Protagonistin sich ihrer Gefühle nicht sicher ist und ihre entgegengesetzten Rollen getrennt wissen will.

So weit, so gut, denn ich will die Handlung nicht zu sehr auswalzen. Ich hatte Spaß, die Serie anzusehen, da die Charakterinteraktion viele schöne und lustige Szenen bereit hält, abgesehen davon ist die grafische Gestaltung sehr schön, die SynchronsprecherInnen zeigen ein hohes Niveau, und der Soundtrack ist nicht zuletzt geradezu empfehlenswert, wenn man im Großen und Ganzen japanischen Animesoundtracks etwas abgewinnen kann.

Nur einen Pferdefuß hat die ganze Sache: Geschlechterdarstellung.
Deswegen hat es auch gereicht, nur in Kürze auf die Hauptcharaktere einzugehen. Denn die Sache stellt sich so dar:
Die Autoren stellen Misaki eingangs als starkes, intelligentes und selbständiges Mädchen vor, das den unwilligen Jungs ihrer Schule Paroli bietet und damit Erfolg hat. Die Jungs verdammen sie zwar als eine Art Dämon, aber letztendlich haben sie Respekt vor ihr und sie hat die Schule damit im Griff.
Aber wehe, falls diese Ihre Domäne verlassen wird. Man könnte sie beinahe mit dem „Alten“, dem Kapitänleutnant in Buchheims „Das Boot“, vergleichen: Unbesiegbar auf dem Meer, entkommt den haarsträubendsten Situationen – und kaum setzt er seinen Fuß wieder an Land, wird er getötet.

Misaki wird natürlich nicht getötet. Sie „rettet“ mehrfach Mädchen ihrer Schule aus unangenehmen Situationen, aber wenn sie auf Schwierigkeiten und Gegner außerhalb der eigenen Schule trifft, muss sie ständig von Usui gerettet werden, der sie unter Einsatz seines Lebens und seiner Gesundheit beschützt; sei es, dass der Gegner ebenfalls ein Kampfsportass ist, oder sei es einfach nur, dass sie zum fraglichen Zeitpunkt wegen einer Erkältung „zufällig“ nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte ist.
Das, was sie, quasi zum Ausgleich, außerhalb für ihn tut, sind alles typisch weibliche Dienstleistungen: Sie bedient ihn im Café, und sie kocht ihm Reisbrei, als er krank ist. (Es ist überhaupt zu bemerken, dass es unter den weiblichen Charakteren zwar auch „Vorgesetzte“ gibt – die Besitzerin des „Maid Latte“ und ihre Schwester, die ebenfalls eine Art Restaurant hat – aber auch die bieten „nur“ Dienstleistungen an, sie sind im weitesten Sinne „caretakers“, deren Lebensinhalt daraus besteht, sich um das Wohl anderer Leute zu kümmern.)

Was sagt uns diese Art der Darstellung über Misaki:
„Ja, sie sieht gut aus, ist intelligent und topfit, aber letztendlich ist sie halt doch nur ein Mädchen.“
Und das finde ich sehr schade. Eine Chance vergeben, einen selbständigen weiblichen Charakter zu führen. Ich verlange nicht, dass SIE es ist, die IHN rettet, aber eine Frau, die nicht immer wieder mal vor Unbill gerettet werden muss, ist durchaus eine Erholung in der Welt der fiktionalen Unterhaltung.

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