Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

30. Oktober 2011

Gaytal Kamikaze (Teil 4)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 17:46

Weitere personelle Veränderung: Der Bergmoll (Name geändert) geht ebenfalls nach Koblenz, womit nur noch Konrad am Band älter sein wird, als ich (die LKW-Fahrer rechne ich nicht zu den Leuten am Band, da sie eine andere Klasse von Kollegen darstellen, aber das ist eine rein subjektive Kategorisierung). Den Bergmoll werde ich schon vermissen. Klar, er ist ein Prolet, der sich gern mal aufregt und allgemein ein bisschen ungehobelt daherkommt, aber er ist allgemein ein guter Kamerad.
Dazu muss ich einschieben, dass ich einer japanischen Freundin letztlich beim Umzug geholfen habe und sie drückte mir ein Paar Arbeitshandschuhe mit gummierten Handflächen in die Hand. Das machte die Arbeit irgendwie effizienter und ich dachte mir noch, dass ich sowas eigentlich selbst gebrauchen könnte.
Just am Montag danach machte der Bergmoll die Runde und fragte, wer denn Interesse an eben solchen Handschuhen habe, er könne das Paar für einen Fünfer besorgen. Super Timing, ich gab ihm einen Fünfer und bekam gummierte Handschuhe, und die sind echt praktisch. Allerdings sind sie auch nicht sehr robust, da sich nach zwei Wochen die Gummierung an den Zeige- und Mittelfingern bereits abgerieben hatte und darüber hinaus bereits an einer Fingerspitze ein kleines Loch entstanden war.

Anfang der zweiten Oktoberwoche nun gab mir Mike eine Liste, auf der ich festhalten sollte, wer was für Arbeitskleidung braucht, um sich winterfest zu machen, da machte ich dann die Runde und der Bergmoll teilte mir bei der Gelegenheit mit, dass er nach Koblenz wechsele und er daher nicht mit auf die Liste komme. Der fröhliche Winzer war da nicht weit und fragte ihn grinsend: „Na, wirste uns vermissen?“
Ich hätte nun mit einem entsprechenden Spruch gerechnet, aber mit einem Gesichtsausdruck und einer Stimme, die völlige Aufrichtigkeit vermittelten, sagte er: „Das werd ich ganz bestimmt.“ Ich war geradezu verblüfft.
Wie sei das denn eigentlich in Koblenz, fragte ich ihn.
Na ja, gab er zurück, die Arbeitsbedingungen seien schon irgendwie besser, man habe in der größeren Halle viel mehr Platz, aber hier in Trier sei die Stimmung einfach viel besser und der Umgang miteinander, sowohl unter Fahrern als auch und vor allem mit dem Büropersonal, sei wesentlich entspannter und freundlicher.

Der Bergmoll geht also und der Kurde wird „z.b.V.“ für Gefahrgut und Frühdienste (also Acht-Uhr- und Zehn-Uhr-Expresse) und als „Springer“ eingesetzt (als Ersatz, falls unerwartet einer ausfällt), und das bedeutet, dass neue Fahrer hermussten.
Das ist zum einen Knut (Name geändert) und zum anderen Bert (Name geändert). Knut, ich gehe davon aus, dass er Mitte 20 ist, scheint in Ordnung und irgendwie farblos, eine unauffällige Persönlichkeit, aber das kann ich nicht wirklich auf die Entfernung beurteilen, da er zu viele Leute weit bandabwärts und damit außer Kommunikationsreichweite steht. Bert dagegen übernimmt Bitburg, steht also direkt neben mir. Er stammt aus Nigeria, wanderte mit seinen Eltern nach England aus, von wo aus sein Bruder in die USA und er nach Deutschland ging. Bert ist 31 und hat eine kleine Tochter in der Grundschule.
Das heißt, dass er im Unterschied zu den allermeisten anderen Kollegen Englisch spricht und Mike machte bereits Witze, dass wir uns ja nun auf Englisch unterhalten könnten und keiner werde uns verstehen.
Bert hat früher beim DPD gearbeitet und noch nie vorbeirollende Pakete nach Postleitzahlen abgesucht, beim DPD macht man das scheinbar irgendwie anders. Er sieht jedenfalls nach den Ortsnamen und das kostet mehr Aufwand und Zeit, weswegen ich ihm rate, lieber die Zahlen im Auge zu behalten, was trotz unterschiedlicher Schriftgrößen auf verschiedenen Paketen einfacher ist. Dabei hat er doch nicht viele Zahlen, die er sich merken muss: 636 (Rittersdorf), 634 (Bitburg), 306 (Kordel), 655 (Kyllburg), 526 (Landscheid) und 529 (Spangdahlem).
Nach einer knappen Woche schien es mir allerdings, als kenne er meine Postleitzahlen (313, 298, 662, 666, 668, 669, 673, 675, 689, 649) bereits besser als seine eigenen, denn andauernd gibt er mir eines meiner Pakete in die Hand. Das muss ich ihm noch abgewöhnen, denn während seine Absichten natürlich gut und ehrbar sind, lenkt er mich damit mehr ab, als er mir nutzt. Wenn ich meine Augen mal nicht am Band habe, weil ich ein Paket nachscanne oder etwas Ordnung in meine Paketsammlung bringe, ist der Hinweis auf eines meiner Pakete wesentlich sinnvoller. Wenn ich sowieso am Band stehe, stört es mehr, als es nützt.

Um zu erfahren, mit wem ich es zu tun habe, unterhielt ich mich ein wenig mit ihm.
„Wo hast Du eigentlich diesen deutschen Namen her?“
„Das ist ein englischer Name, die gibt es in Nigeria.“
„Du stammst aus Nigeria? Aus dem Norden oder aus dem Süden?“
(Die Frage zielte indirekt darauf ab, ob er ein Moslem oder ein Christ ist, der Norden Nigerias ist moslemisch, der Süden christlich geprägt.)
„Aus dem Osten.“
„Aus dem Osten? Aus Biafra?“
Worauf er laut lachte. „Ja, aus Biafra. Woher kennst Du Biafra?“
„Vom Biafra-Krieg her. Ich hab darüber gelesen.“
Und wenn wir schon dabei waren, musste ich ihm noch die Meinung über Ken Saro-Wiwa sagen (den m.E. unsympathischsten Träger eines alternativen Nobelpreises, den man sich denken kann).
Von dem her, was ich bislang von Bert erfahren habe, würde ich sagen, dass er eine vernünftige Weltsicht und Arbeitseinstellung hat. Nur frage ich mich, was die beim DPD gewohnt sind, denn Bert erschrickt jedes Mal, wenn er 180 Pakete fahren muss, was auf der Bitburgtour nicht ungewöhnlich ist. Letztlich hatte er seine Feuertaufe mit „Wort und Bild“, was ihm über 250 Pakete bescherte. „Heute ist Katastrophe, heute ist Katastrophe…“ betete er beim Laden seufzend vor sich hin – aber er schlug sich gut und brachte bei einem Feierabend um halb Acht (also nur wenig später als ich) nur vier Pakete wieder mit zurück.

Die Anzahl der Altenheime, die ich mit Material verschiedenster Art versorge, hat sich im Zuge der Gebietsumstellung auf drei erhöht: eines in Speicher, eines in Neuerburg und eines in Waxweiler, und die bieten zumindest oberflächlich einen interessanten Vergleich.
Das Altenheim in Speicher wirkt völlig langweilig auf mich. Es handelt sich um einen viereckigen Bau mit Innenhof, sodass die einzelnen Stockwerke eine Art Rundgang bilden. Aber der Gesamteindruck bleibt doch sehr eintönig, unterstützt durch die Farbgebung, die auf Schwarz und Weiß aufbaut.
Das Altenheim in Waxweiler dagegen wirkt auf mich wie ein Krankenhaus. Seine Struktur, mit einem Schwesternzimmer in jedem Stockwerk, vermittelt mir genau diesen Eindruck, nur dass die Zimmer wohnlicher aussehen, als ein in der Regel eher kahles Krankenhauszimmer. Aber es riecht darin auch wie in einem Krankenhaus, nach diesen Desinfektionsmitteln einerseits und hin und wieder nach altem Schweiß und Urin. In jedem so genannten Wohnbereich gibt es eine zentrale Räumlichkeit direkt am Treppenhaus und den Fahrstühlen, wo man gemeinsam sitzen und sich unterhalten kann, aber viele Leute wirken apathisch auf mich. Letztlich wurde dort eine Art Spiel gespielt, wobei eine Moderatorin die Leute aufforderte, gemeinsam alle Orte der Eifel zu nennen. Das kam mir vor wie ein zwanghaftes Animationsprogramm auf einer Kaffeefahrt. Und zu guter Letzt wird der Lieferanteneingang in der Regel abgeschlossen (d.h. die Türautomatik ist abgeschaltet), damit die Leute nicht unangemeldet das Haus verlassen.
Kommen wir nach Neuerburg, wo alles wieder anders ist. Der Lieferanteneingang und das Lager befinden sich an der Hausseite und ich gehe regelmäßig durch das Haus hinunter zum Büro, um mich anzumelden. Dort herrschen Erdfarben vor, es hängen Bilder in Holzrahmen an der Wand, ohne Glas und Chrom, die Unterhaltungen im Gemeinschaftsraum sind lebhafter, es riecht auch mal nach Essen ohne diese Reinigungsmittelbeimischung anderer Großküchen, und zwei Hunde gehören ebenfalls zu den Bewohnern (die dermaßen verwöhnt sind, dass sie keinerlei Interesse an gewöhnlichen Hundekuchen haben). Insgesamt könnte man meinen, man befinde sich in einer größeren WG, mit dem Unterschied, dass alle Wohnparteien Rentner sind.

Wenn ich schon mal in Neuerburg bin… ich komme dann kurz auf Stoffwechsel zu sprechen. Da ich mich nur im äußersten Notfall an den Straßenrand stelle, um meine Blase zu leeren, bin ich in erhöhtem Maße von dem Angebot zugänglicher Toiletten auf der Route abhängig. Eine befindet sich in Spangdahlem, vier in Neuerburg, und eine in Waxweiler. Man sieht, dass die Verteilung etwas ungleichmäßig ist, und gerade zwischen Spangdahlem und Neuerburg befindet sich ein Zeitraum von drei bis vier Stunden, den es zu überbrücken gilt.
Da kam ich also nach Neuerburg, lieferte im Krankenhaus etwas ab. Ich ging auf die Toilette, legte einen Riesenhaufen in die Keramik, und in dem Moment klopfte der Pförtner an die Tür und sagte, ich müsse mich beeilen, weil ein weiterer Lieferant die Rampe brauche. Ich sah also zu, dass ich fertig wurde, betätigte die Spülung – und ein besseres Rinnsal floß links und rechts an meiner Hinterlassenschaft vorbei, die sich strikt weigerte, nachzugeben. Ich schob das Gebilde mit Hilfe der Bürste in den Abfluss, spülte noch einmal, worauf alles verschwand, reinigte die Bürste, wusch meine Hände, stürmte ohne diese auch abzutrocknen nach draußen… und als ich vorbeikam, rief mir der Pförtner zu, dass sich die Sache erledigt habe. Na vielen Dank! Und dafür war ich einen Moment lang ins Schwitzen geraten!?
Was raus muss, muss raus, ganz klar, aber mich gerade in dem Moment zur Eile zu rufen, ist schlechtes Timing, zumal ich mengenmäßig immer gut dabei bin… ich habe schon im Depot bereits zweimal den Abfluss dicht gemacht, worüber sich die Putzfrau bestimmt nicht gefreut hat.

„Groß“ ist auch ein Adjektiv, das auf so manchen Fernseher zutrifft und in diesem Monat stand ein Exemplar auf meiner Lieferliste, das so breit war, dass es nicht quer ins Auto passte. Ich stand also gerade ein paar Sekunden da und rätselte, wie ich das Ding transportieren sollte, denn (der Länge nach) hinlegen soll man die Dinger ja nicht, und der Länge nach hinstellen ist schwierig, weil irgendwann keine Pakete mehr da sind, um ein Umfallen in den Kurven zu verhindern. In dem Moment kam der Chef vom Depot vorbei und fragte mich „Brauchste Hilfe?“
Klar brauchte ich beim Einladen von dem Ding Hilfe, aber für einen Moment verwirrte mich die Intimität seines Angebots, denn man wird nicht einfach so vom R. geduzt (zumal ich Welten davon entfernt bin, ihm Herablasssung zu unterstellen). Er half mir also, das schwere Teil einzuladen und stellte ihn längs der Fahrtrichtung auf (eine Lösung für die Gefahr des Umfallens fand ich auch noch).
Eigentlich suchte er den Spangdahlemfahrer, und das war eben zufällig auch ich. Der Kurde vermisste ein Paket, dass er von mir bekommen haben müsste, aber ich hatte das nicht mehr. Aber ich erinnerte mich an den Empfänger und daran, wie das Paket aussah, und daraus konnte ich sicher ableiten, dass ich ihm das Paket ein oder zwei Tage zuvor auch gegeben hatte. Am Ende stellte sich heraus, dass der Kurde das Päckchen abgegeben hatte, ohne einen Kontrollscan zu machen (also beim Herausnehmen aus dem Wagen, bevor man es dem Kunden gibt), wodurch bei der Ausliefererfassung Daten gefehlt hatten, die ihm die Suche erspart hätten.

Noch kurz zu dem Riesenfernseher: Der ging nach Speicher und ich zeigte dem in diesem Moment mit einem Kunden telefonierenden Zwischenhändler den Lieferschein (ich habe schon Geräte ausgeladen und dann erfahren, dass es sich um eine irrtümliche Lieferung handelte), worauf der spontan laut lachte (und damit seinen Kunden verwirrte) und mir grinsend mit einer lässigen Handbewegung andeutete, das Ding reinzubringen, denn schließlich stand auf dem Lieferschein ja drauf, was das Ding wog. Ich setzte ein entsetztes Gesicht auf und schüttelte den Kopf. Ich trage keine 75 kg in diesem Format mal eben so durch die Gegend.
(Ist natürlich alles Schauspiel zur gegenseitigen Belustigung. Knapp 4000 E kostet so ein Ding übrigens.)

Und einen Audit hatten wir auch mal wieder, und diesmal sollte eine Fahrzeugkontrolle durchgeführt werden. Bereits im Vorfeld war darüber spekuliert worden, dass diese Teilprüfung wahrscheinlich mein Fahrzeug betreffen werde, weil ich derjenige mit der kleinsten Ladung und damit derjenige bin, bei dem die Sache am wenigsten zeitintensiv ist. Nach allgemeiner Auffassung würde also ein Fahrzeug beim Verlassen des Depots aufgehalten, auf einen leeren Stellplatz beordert und dort wieder ausgeladen, um die Ladung, also jedes Paket, einer Sicherheitsscannung zu unterziehen. Das soll scheinbar verhindern, dass Pakete an Bord sind, die da nicht hingehören, die man also der Ladung eines anderen Fahrers gestohlen haben könnte.
Und so lief es dann auch, wenn auch anders als gedacht – aber eins nach dem anderen.

Diese Audits werden interessanterweise vorher angekündigt, und der Sinn dessen entzieht sich mir, aber so ist es halt. Eine Reihe von Herren im Geschäftsanzug ging durch das Depot und sie überprüften sowohl einzelne Fahrer als auch die allgemeinen Geschäftsabläufe des Depots. Anders als vor wenigen Monaten wurden scheinbar keine Fragen zur Art und Weise des Transports bestimmter Güter gestellt, stattdessen ging es mehr um wirtschaftliche und sicherheitstechnische Dinge. Einer der Herren kam just zu mir, überzeugte sich, dass ich Arbeitskleidung inklusive der Sicherheitsschuhe trug, ließ sich Unterlagen wie Abstellgenehmigungen einerseits und Sicherheitsausrüstung wie Warnweste, Erste-Hilfe-Set, Unterlegkeil, etc. andererseits zeigen. Was ich nicht vorweisen konnte, war ein Quittungsblock: Es gibt hin und wieder Kunden, die eine Nachnahme zahlen müssen und dafür eine konkret greifbare Quittung verlangen, wenn auch selten, das kam bei mir einmal in den letzten Monaten vor. Ansonsten war in dieser Hinsicht aber alles in Ordnung.

Dem fröhlichen Winzer war der Teil mit dem Quittungsblock im Vorbeigehen aufgefallen, er ging also zu Konrads Wagen, von dem er wusste, dass da sowas drinlag, und legte ihn zu sich ins Auto. Als ihn der Prüfer also fragte, ob er einen Quittungsblock habe, sagte er: „NATÜRLICH habe ich einen Quittungsblock!“ Den er danach gleich an Konrad weiterreichte… nun ja, das Depot hat uns in Folge dessen solche Blöcke zur Verfügung gestellt und nun hat tatsächlich jeder einen.
Als Anekdote kann man allerdings hinzufügen, dass diese Entwicklung prompt von einem meiner Kunden überholt wurde: Der wollte nämlich nicht nur eine Quittung, sondern auch einen Firmenstempel – und damit kann ich nicht dienen, von daher musste es meine Unterschrift mit dem Zusatz „für Transoflex“ tun.

So, nun kam also der Moment der Fahrzeugkontrolle. Sie betraf in der Tat mein Fahrzeug, aber letztendlich war das eine völlig überflüssige Aktion. Die Auditoren machten nämlich Pause, sodass Laubschi vor meiner Abfahrt, aber nach meinem Einladen, zu mir kam und an meinem Stellplatz die Überprüfung durchführte – ich hätte mir also zweifaches Einladen sparen können, wenn ich gewusst hätte, dass die Prüfer sich nicht selbst an der Fahrzeugkontrolle beteiligen würden und diese nicht mal eines Blickes würdigten.
Nun ja, die Prüfung verlief insgesamt zur Zufriedenheit des Mutterkonzerns und das Depot wurde zu keiner Strafe verdonnert. In Folge dessen gab der Chef tags drauf eine Runde belegte Brötchen für alle aus und es herrschte eitel Heiterkeit und Freude.

22. Oktober 2011

Gaytal Kamikaze (Teil 3)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 21:52

Genau wie am Anfang meiner Gerolsteiner Tage normalisiert sich mein Dienstplan nur langsam, und auch in den vergangenen drei Wochen war meine Heimkunft oft später, als es mir lieb gewesen wäre. Aber: Es wird besser. Ohne große Abweichungen von der neuen Haupttour – Zemmer, Orenhofen, Speicher, Binsfeld, Spangdahlem, Wolsfeld, Meckel, Irrel, Bollendorf, Biesdorf, Körperich, Geichlingen, Mettendorf, Neuerburg, Dasburg, Dahnen, Daleiden, Irrhausen, Waxweiler – gelingt es mir mittlerweile, den letzten Kunden um Vier abzufertigen und um Fünf zuhause zu sein. Letztlich war ich sogar um Viertel nach Drei zurück im Depot und schlug mit Laubschi (Name geändert) etwas Zeit tot, bis der Linienfahrer eintraf, der den täglichen Berg Palletten mitnehmen wollte. Ich habe meinen Arbeitstag auch dadurch verkürzt, dass ich mein Auto näher ans Band fahre und Teile der Pakete sofort im Auto stapele, mir also einen Teil des Einladens gleich spare.

Wir haben mittlerweile Sackkarren erhalten – es geschehen noch Zeichen und Wunder! Hm, ja, es war wohl ein Sonderangebot im Wunderladen, denn nach nur einem Tag mit ein paar Zentnern „Wort und Bild“ (das sind schon mal 750 kg für die verschiedenen Apotheken) fingen die Dinger bereits an zu eiern, weil die Achse der Belastung nicht gewachsen ist. Eigentlich warten wir jetzt darauf, bei wem als erstes ein Rad abbricht.
Hinzu kommt der Faktor mangelnder Gewohnheit. Die Sackkarren sind in machen Situationen echt praktisch, aber diese Situationen sind zumindest bei mir eher selten, und normalerweise ist die Sackkarre eher ein Ballast, für den man sich was einfallen lassen muss, wenn er nicht unkontrolliert im Laderaum rumfliegen soll. Meine Lösung: Im Laderaum, zwischen dem Radkasten und dem Holzboden, befindet sich ein kleiner Spalt, und in den klemme ich die Bodenplatte der Karre. Hält wie festgenagelt und schränkt dabei noch den Raum ein, über den sich die Pakete am Ende verteilen können, wenn nicht mehr genug da sind, um sich gegenseitig in Position zu halten.

So, aber was meine ich mit mangelnder Gewohnheit? Nun, ich habe die Sackkarre bereits zweimal in Apotheken stehen lassen, einmal in Irrel und einmal in Waxweiler, wo ich sie zum Glück immer wieder vorfand. Das erste Mal, in Irrel, lief sogar noch ganz witzig ab.
Ich hatte sie also stehen lassen und merkte in Bollendorf, dass sie nicht mehr da war. Ich überlegte, wo, hielt Irrel für sehr wahrscheinlich und bat in der Mettendorfer Apotheke darum, mir die Nummer in Irrel herauszusuchen. Die Damen reagierten freundlich amüsiert, ich telefonierte mit Irrel und die Sache war geklärt. So, nun fuhr ich, immer noch in Mettendorf, von der Apotheke zum Tierarzt und stellte fest, dass ich meinen Scanner vermisste. Wütend über diese eigene Idiotie (mich lenken solche Dinge einfach zu sehr ab) fuhr ich zurück zur Apotheke und fragte, ob ich meine Handgurke hier gelassen habe.
Die Damen lachten.
„Sind sie verliebt, dass Sie so neben der Spur sind?“
„Natürlich bin ich verliebt, ich liebe meine Freundin wie am zweiten Tag.“
„Wieso denn am zweiten Tag?“
„Am ersten Tag dachte ich noch, was ist das denn für ne komische Nudel?“
In der allgemeinen Erheiterung wurde aber schnell klar, dass mein Scanner nicht in der Apotheke war. Ich machte das Auto links und fand den Scanner hinter dem Sitz.

Ja, die Scanner. An einem Morgen funktionierte die Datenübertragung einiger Scanner zum Trierer Server nicht richtig, wir hatten also bereits Dutzende Pakete gescannt, aber diese Information war nicht bis zum Server durchgedrungen, die manuelle Rollkarte hing drohend in der Luft, aber glücklicherweise konnte das Problem behoben werden. Peter erinnerte sich schaudernd an einen Tag, an dem der Zentralcomputer der gesamten Firma ausgefallen war und sämtliche Transoflexwagen in ganz Deutschland mit Rollkarte fahren mussten.

Ein Problem, das hoffentlich auch bald behoben wird, ist mein Ladegerät, denn das Stromkabel, oder eher die Anschlussbuchse, hat einen Wackelkontakt. Die Arbeit am Morgen kostet etwa 30 % der Batterieladung, der Tagesbetrieb etwa weitere 20, das bedeutet, dass man ohne Ladegerät nicht weit kommt, da volle Batterien im Depot Mangelware sind. Mein Stromanschluss kommt mir irgendwie vor wie ein C64: Wenn man einmal mit artistischem Geschick und Feingefühl das Kabel in eine Position gebracht hat, in der das Ladegerät Kontakt hat, darf man nicht mehr falsch atmen, sonst muss der Vorgang wiederholt werden, und man muss wie ein Schießhund aufpassen, ob das Kontrolllämpchen nicht irgendwann erlischt. Das mit dem dauernd richtigen Winkel ist gar nicht so einfach, da ich den Scanner bei jedem Kunden rausnehmen und wieder reinstecken muss, und dabei eben eine Bewegung des Steckers vermeiden muss. Laubschi ist jedenfalls wegen dauernder Beschwerden über die Scanner und leere Batterien letztlich mal durchgegangen und hat gefragt, was für Probleme es denn nun eigentlich gebe, von daher hoffe ich, vielleicht ein Ladegerät zu bekommen, bei dessen Stecker ich nicht auf jeden Mikrometer Feineinstellung achten muss.

Aus Peters Plan mit den Brötchen ist bislang nur einmal was geworden, und das lag nicht unwesentlich an mir und Ereignissen auf meiner Tour. Ein herausragendes Beispiel war der Kunde in Landscheid, für den an einem schönen Morgen 14 Pakete von jeweils der Größe einer großen Satellitenschüssel übers Band gingen, jedes davon etwa zehn Kilo schwer. Sie kamen alle auf einmal in einer Reihe, die mussten also quasi vom Band fliegen, weil ich zum servicefreundlichen Herunternehmen schlicht keine Zeit hatte. Als nächstes hatten diese Pakete keinen Datensatz im Server, und das bedeutet „M-Dat“, manuelle Dateneingabe per Scanner. 14x Name, Straße, Hausnummer, Ort, Referenznummer, da geht schon mal mindestens eine Viertelstunde für drauf, nicht zu reden davon, dass der wilde Haufen von Paketen auch geordnet werden musste. Am Ende des Ladens hätte auch nicht mehr viel in den Wagen gepasst, ich glaube, es war gerade noch Platz für die Sackkarre.
Ich dachte mir gleich, dass an diesen Paketen etwas faul war, denn bei vielen war unter dem aktuellen Adressaufkleber der Originalzettel zu sehen, der aussagte, dass der heutige Empfänger eigentlich der Versender und der eigentliche Empfänger in einem Militärlager mit arabisch klingendem Namen hauste. Der Kunde bestätigte prompt diesen Verdacht:
„Tut mir leid, ich kann die Pakete nicht annehmen. Die sind für einen Kunden in Kuwait.“
Es stellte sich also heraus, dass diese Pakete von FedEx nach Kuwait geliefert werden sollten, aber um eine Einfuhrgenehmigung zu erhalten, mussten die gesamten Zollpapiere ins Arabische übersetzt werden. Das dauerte schließlich so lange, dass FedEx die maximale Lagerfrist überschritten sah und die Pakete per Transoflex an den Kunden zurücksandte – am selben Tag, an dem der Versender (in Landscheid) den telefonischen Bescheid – von FedEx! – erhielt, dass jetzt alle Papiere vorhanden seien und die Sendung auf den Weg gebracht werden könne.
Okay, der Kunde konnte nichts dafür, aber glücklich war ich nicht angesichts des Umstands, dass mir nun vierzehn nicht kleine Pakete den ganzen Tag über im Auto rumfliegen und mich durch Umräumerei, um an die Sachen dahinter zu kommen, eine Menge Zeit kosten würden.

Ähnlich verhielt es sich mit einem Dutzend 24″ Flachbildschirmen für eine Abteilung der Spangdahlem AFB. Ich kam an, die Kundin war nicht erreichbar. Super Sache, wieder mal den ganzen Tag rumräumen. Am kommenden Morgen meldete mir dann das Verschlusslager, dass die Monitore auf „Annahme verweigert“ zu setzen und gleich dem Lager zu übergeben seien. Wär’s nicht schön, wenn die Leute, die solche großen Bestellungen aufgeben, sich vorher Gedanken darüber machen würden, ob sie das Zeug auch brauchen oder annehmen dürfen?
Ganz anders ist es ja mit der Instandsetzung in Spangdahlem: Von denen wissen wir, dass sie nichts (NICHTS!) mehr annehmen, was an sie adressiert ist, weil, so heißt es, ein Verfahren gegen FedEx wegen Verstoßes gegen Einfuhrbestimmungen der EU immer noch in der Luft hängt (wie es aussieht, hat man bei FedEx verschwitzt, den Paketen irgendwelche Zollpapiere mit Wertangaben beizufügen, was die Buchführung der Empfänger verzerrte und internen Untersuchungen aussetzte und der europäische Zoll witterte Betrug). Von daher wird alles für die Instandsetzung gleich aussortiert, der Stopp an die Spitze der Tour gesetzt, noch vor der Abfahrt Annahmeverweigerung eingestellt, und sofort ans Lager übergeben.

Man kann sich angesichts dieser Zahlen ja vorstellen, was aus meiner Lieferquote wird, wenn ich von 100 Paketen mehr als ein Dutzend nicht loswerde, und wie sich das auf die anteilige Quote der übrigen Fahrer, von denen es ja nicht sehr viele gibt, auswirkt. Und wenn der Schnitt über 1,6 % steigt, dann gibt’s auch keine Brötchen.

Mit dem Kurden unterhielt ich mich letztlich darüber, warum er bei seinen Sprachkenntnissen, neben Deutsch eben auch Arabisch und Kurdisch, nicht versucht habe, einen Job zu finden, wo man diese Kenntnisse verkaufen könne, ich dachte zum Beispiel an den BND oder das BKA.
„Nee,“ sagte er, „mit meinem Vorstrafenregister geht das nicht.“
Dabei erwähnte er den Richter X und den Kommissar Y, mit denen er zu tun gehabt habe.
„Kennst Du den Richter X nicht?“
„Woher soll ich den kennen?“
„Den kennt man doch, oder?“
„Nein, ich habe mit Richtern nichts zu tun. Das ist eine Frage der Perspektive. Siehst Du, Du kennst den und den Richter und den Kommissar. Ich kenne die Frau, die die Richter ausbildet. Und einen Kommissar von der Bundeswehr her.“
„Du warst bei der Bundeswehr? Ich hätt jetzt gedacht, Du warst ein Zivi.“
„Warum das denn?“
„Weil Du so’n ruhiger und friedlicher Typ bist.“
Da war’s an mir, mal zu lachen.

Ich erwähnte ja bereits, dass ich mich an der Bildung einer Spielgruppe aus Kollegen versuchte und weiter versuche, nur war dem ersten Anlauf kein Erfolg beschert. Das fing bereits damit an, dass ich mich in einem zu andersartigen sozialen Kreis bewege: Ich klapperte passende Kandidaten ab und bat um ihre E-Mail-Adresse, damit ich alle gleichzeitig erreichen kann und morgens nicht von einem zum anderen laufen muss. Die Adressen bekam ich sofort, die gibt es also, aber ich musste schließlich feststellen, dass diese Leute keine Mails lesen. Die kommunizieren per SMS, was ich so gut wie gar nicht mache.
Ich schrieb eine erste Mail, in der ich nur sagte, dass ich eine Mailingliste eingerichtet habe. Darauf erwartete ich natürlich keine Antwort. Ein paar Tage darauf schrieb ich eine zweite Mail, in der ich einen Termin vorschlug und bat, Kommentare dazu an alle zu senden, damit alle auf dem selben Informationsstand blieben. Allerdings reagierte niemand auf diese Mail. Das irritierte mich.

Also doch einzeln abklappern. Es stellte sich nach zwei Tagen dann heraus, dass keiner zum vorgeschlagenen Termin Zeit hatte, nur der Kurde und Konrad zeigten Interesse und machten ihre Witze.
„Wie heißt das Spiel denn?“
„Das heißt BANG. Es handelt sich um eine Westernparodie.“
„BANG? Sollen wir Gummis mitbringen?“
„Nein, Ihr müsst keine Gummis mitbringen.“
„Nee, dann komm ich nicht. Das ist mir zu heiß, ich hab schon ein Kind.“
„Ach was, Konrad, wir kommen. Ich bring den Whiskey und Du die Bong mit. Das wird bestimmt lustig.“
„Au ja. Du wohnst doch hoffentlich im Erdgeschoss oder im ersten Stock?“
„Nein, ich wohne im vierten Stock. Warum?“
„Wenn ich was ordentliches geraucht habe, will ich immer aus dem Fenster springen.“
Ich zweifelte einen Moment lang daran, ob das Unterfangen eine gute Idee war.
„Darf ich mein Netzhemd anziehen oder gibt es eine Kleiderordnung?“
„Du darfst anziehen, was Dir Spaß macht, aber wenn meine Freundin nicht mit Euch klarkommt, dann wird aus der Sache nichts.“
„Du hast eine Freundin? Sieht die gut aus? Die könnte ja ein bisschen auf dem Tisch tanzen.“
„Mir gefällt sie.“
„Hoffentlich willst Du sie noch haben, wenn die Party vorbei ist, hahaha.“
„Niemand hat was von einer PARTY gesagt.“
„Nicht? Ich dachte, wir machen Gangbang mit Puck?“
„…“
„Ah, ich verstehe, oder BRETTspiele… so kann man DAS ja auch nennen.“
„Was gibt’s denn zu essen?“
„Ich wollte Linseneintopf machen.“
„Da ist hoffentlich kein Schweinefleisch drin?“
„Kurde, Dein zweiter Vorname ist Haram! Und jetzt willst Du mir erzählen, dass Du Dich ausgerechnet an das Gebot vom Schweinefleischverzicht hältst???“
„Nee, ich finde Schweinefleisch widerlich. Kannst Du nicht Rindfleisch nehmen?“
„Okay, ich kann wohl auch Suppenfleisch statt Speckstreifen nehmen.“

So ging das die ganze Woche vor dem Termin. Zum Wochenende besorgte ich die notwendigen Zutaten, kaufte Getränke, bereitete am Samstag vier Stunden lang den Eintopf vor, weil Eintopf Zeit zum Ziehen haben muss, um seine Geschmackskomponenten zu entfalten, setzte mich am Sonntag Morgen vor meinen Rechner und wartete. Zur verabredeten Zeit geschah nichts, aber ausgerechnet bei diesen beiden Chaoten war nicht damit zu rechnen, dass sie pünktlich kamen.
Nun, im Endeffekt kamen sie gar nicht. Allein Puck kam, um 1800, weil er meine Ankündigung falsch verstanden hatte: Meine Idee war „so von Zwei bis Sechs“, und nicht „ab Sechs“, weil wir ja alle montags früh raus müssen. Ihm machte ich allerdings keinen Vorwurf. Puck wohnt im selben Haus und wäre nach einem Anruf binnen zwei Minuten da.
Ich telefonierte auf seinen Vorschlag hin ein bisschen rum und wir spielten zusammen mit Melanie, Alex und Thomas eine spontane Runde.

Ich war enttäuscht und gelinde gesagt stinkig und fragte die beiden am Montag nach Ihren Ausreden. Der Kurde sagte, er habe die Sache schlicht völlig vergessen. Er sei davon ausgegangen, dass ich mich vorher noch einmal melden würde (was ich nach zwei Mails auch an seine Adresse nicht einsehe und auch nicht meiner Gewohnheit entspricht, jedem hinterher zu laufen). Konrad kam mit einer Erklärung, die mich geradezu erstaunte:
„Ich hab nach meinen Mails gesehen und hab keine von Dir gefunden, da dachte ich, ich sei nicht eingeladen.“
„Wir reden doch die ganze Woche schon von nichts anderem! Da dachte ich, ich müsste Dir nicht mehr schreiben, weil die Sache klar zu sein schien!?“
Nach der Funkstille in der Folge meines Terminvorschlags hatte ich auch darauf verzichtet, mir seine Mailadresse noch zu besorgen, weil er ja eh in Kommunikationsweite am Band steht und niemand Mails zu lesen schien. Und jetzt kommt ausgerechnet der einzige, dem ich keine Mail geschrieben habe und beschwert sich darüber… ich komme zu keinem endgültigen Urteil, wenn ich darüber nachdenke, ob ich in einer Irrenanstalt oder in einem Kindergarten gelandet bin. Ich tendiere allerdings zu letzterem.

Noch mehr geklaut!

Filed under: Bücher,Filme — 42317 @ 15:24

Der Artikel „Alles gelaut. ALLES.“ hat ein Update erhalten.