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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

22. Oktober 2011

Gaytal Kamikaze (Teil 3)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 21:52

Genau wie am Anfang meiner Gerolsteiner Tage normalisiert sich mein Dienstplan nur langsam, und auch in den vergangenen drei Wochen war meine Heimkunft oft später, als es mir lieb gewesen wäre. Aber: Es wird besser. Ohne große Abweichungen von der neuen Haupttour – Zemmer, Orenhofen, Speicher, Binsfeld, Spangdahlem, Wolsfeld, Meckel, Irrel, Bollendorf, Biesdorf, Körperich, Geichlingen, Mettendorf, Neuerburg, Dasburg, Dahnen, Daleiden, Irrhausen, Waxweiler – gelingt es mir mittlerweile, den letzten Kunden um Vier abzufertigen und um Fünf zuhause zu sein. Letztlich war ich sogar um Viertel nach Drei zurück im Depot und schlug mit Laubschi (Name geändert) etwas Zeit tot, bis der Linienfahrer eintraf, der den täglichen Berg Palletten mitnehmen wollte. Ich habe meinen Arbeitstag auch dadurch verkürzt, dass ich mein Auto näher ans Band fahre und Teile der Pakete sofort im Auto stapele, mir also einen Teil des Einladens gleich spare.

Wir haben mittlerweile Sackkarren erhalten – es geschehen noch Zeichen und Wunder! Hm, ja, es war wohl ein Sonderangebot im Wunderladen, denn nach nur einem Tag mit ein paar Zentnern „Wort und Bild“ (das sind schon mal 750 kg für die verschiedenen Apotheken) fingen die Dinger bereits an zu eiern, weil die Achse der Belastung nicht gewachsen ist. Eigentlich warten wir jetzt darauf, bei wem als erstes ein Rad abbricht.
Hinzu kommt der Faktor mangelnder Gewohnheit. Die Sackkarren sind in machen Situationen echt praktisch, aber diese Situationen sind zumindest bei mir eher selten, und normalerweise ist die Sackkarre eher ein Ballast, für den man sich was einfallen lassen muss, wenn er nicht unkontrolliert im Laderaum rumfliegen soll. Meine Lösung: Im Laderaum, zwischen dem Radkasten und dem Holzboden, befindet sich ein kleiner Spalt, und in den klemme ich die Bodenplatte der Karre. Hält wie festgenagelt und schränkt dabei noch den Raum ein, über den sich die Pakete am Ende verteilen können, wenn nicht mehr genug da sind, um sich gegenseitig in Position zu halten.

So, aber was meine ich mit mangelnder Gewohnheit? Nun, ich habe die Sackkarre bereits zweimal in Apotheken stehen lassen, einmal in Irrel und einmal in Waxweiler, wo ich sie zum Glück immer wieder vorfand. Das erste Mal, in Irrel, lief sogar noch ganz witzig ab.
Ich hatte sie also stehen lassen und merkte in Bollendorf, dass sie nicht mehr da war. Ich überlegte, wo, hielt Irrel für sehr wahrscheinlich und bat in der Mettendorfer Apotheke darum, mir die Nummer in Irrel herauszusuchen. Die Damen reagierten freundlich amüsiert, ich telefonierte mit Irrel und die Sache war geklärt. So, nun fuhr ich, immer noch in Mettendorf, von der Apotheke zum Tierarzt und stellte fest, dass ich meinen Scanner vermisste. Wütend über diese eigene Idiotie (mich lenken solche Dinge einfach zu sehr ab) fuhr ich zurück zur Apotheke und fragte, ob ich meine Handgurke hier gelassen habe.
Die Damen lachten.
„Sind sie verliebt, dass Sie so neben der Spur sind?“
„Natürlich bin ich verliebt, ich liebe meine Freundin wie am zweiten Tag.“
„Wieso denn am zweiten Tag?“
„Am ersten Tag dachte ich noch, was ist das denn für ne komische Nudel?“
In der allgemeinen Erheiterung wurde aber schnell klar, dass mein Scanner nicht in der Apotheke war. Ich machte das Auto links und fand den Scanner hinter dem Sitz.

Ja, die Scanner. An einem Morgen funktionierte die Datenübertragung einiger Scanner zum Trierer Server nicht richtig, wir hatten also bereits Dutzende Pakete gescannt, aber diese Information war nicht bis zum Server durchgedrungen, die manuelle Rollkarte hing drohend in der Luft, aber glücklicherweise konnte das Problem behoben werden. Peter erinnerte sich schaudernd an einen Tag, an dem der Zentralcomputer der gesamten Firma ausgefallen war und sämtliche Transoflexwagen in ganz Deutschland mit Rollkarte fahren mussten.

Ein Problem, das hoffentlich auch bald behoben wird, ist mein Ladegerät, denn das Stromkabel, oder eher die Anschlussbuchse, hat einen Wackelkontakt. Die Arbeit am Morgen kostet etwa 30 % der Batterieladung, der Tagesbetrieb etwa weitere 20, das bedeutet, dass man ohne Ladegerät nicht weit kommt, da volle Batterien im Depot Mangelware sind. Mein Stromanschluss kommt mir irgendwie vor wie ein C64: Wenn man einmal mit artistischem Geschick und Feingefühl das Kabel in eine Position gebracht hat, in der das Ladegerät Kontakt hat, darf man nicht mehr falsch atmen, sonst muss der Vorgang wiederholt werden, und man muss wie ein Schießhund aufpassen, ob das Kontrolllämpchen nicht irgendwann erlischt. Das mit dem dauernd richtigen Winkel ist gar nicht so einfach, da ich den Scanner bei jedem Kunden rausnehmen und wieder reinstecken muss, und dabei eben eine Bewegung des Steckers vermeiden muss. Laubschi ist jedenfalls wegen dauernder Beschwerden über die Scanner und leere Batterien letztlich mal durchgegangen und hat gefragt, was für Probleme es denn nun eigentlich gebe, von daher hoffe ich, vielleicht ein Ladegerät zu bekommen, bei dessen Stecker ich nicht auf jeden Mikrometer Feineinstellung achten muss.

Aus Peters Plan mit den Brötchen ist bislang nur einmal was geworden, und das lag nicht unwesentlich an mir und Ereignissen auf meiner Tour. Ein herausragendes Beispiel war der Kunde in Landscheid, für den an einem schönen Morgen 14 Pakete von jeweils der Größe einer großen Satellitenschüssel übers Band gingen, jedes davon etwa zehn Kilo schwer. Sie kamen alle auf einmal in einer Reihe, die mussten also quasi vom Band fliegen, weil ich zum servicefreundlichen Herunternehmen schlicht keine Zeit hatte. Als nächstes hatten diese Pakete keinen Datensatz im Server, und das bedeutet „M-Dat“, manuelle Dateneingabe per Scanner. 14x Name, Straße, Hausnummer, Ort, Referenznummer, da geht schon mal mindestens eine Viertelstunde für drauf, nicht zu reden davon, dass der wilde Haufen von Paketen auch geordnet werden musste. Am Ende des Ladens hätte auch nicht mehr viel in den Wagen gepasst, ich glaube, es war gerade noch Platz für die Sackkarre.
Ich dachte mir gleich, dass an diesen Paketen etwas faul war, denn bei vielen war unter dem aktuellen Adressaufkleber der Originalzettel zu sehen, der aussagte, dass der heutige Empfänger eigentlich der Versender und der eigentliche Empfänger in einem Militärlager mit arabisch klingendem Namen hauste. Der Kunde bestätigte prompt diesen Verdacht:
„Tut mir leid, ich kann die Pakete nicht annehmen. Die sind für einen Kunden in Kuwait.“
Es stellte sich also heraus, dass diese Pakete von FedEx nach Kuwait geliefert werden sollten, aber um eine Einfuhrgenehmigung zu erhalten, mussten die gesamten Zollpapiere ins Arabische übersetzt werden. Das dauerte schließlich so lange, dass FedEx die maximale Lagerfrist überschritten sah und die Pakete per Transoflex an den Kunden zurücksandte – am selben Tag, an dem der Versender (in Landscheid) den telefonischen Bescheid – von FedEx! – erhielt, dass jetzt alle Papiere vorhanden seien und die Sendung auf den Weg gebracht werden könne.
Okay, der Kunde konnte nichts dafür, aber glücklich war ich nicht angesichts des Umstands, dass mir nun vierzehn nicht kleine Pakete den ganzen Tag über im Auto rumfliegen und mich durch Umräumerei, um an die Sachen dahinter zu kommen, eine Menge Zeit kosten würden.

Ähnlich verhielt es sich mit einem Dutzend 24″ Flachbildschirmen für eine Abteilung der Spangdahlem AFB. Ich kam an, die Kundin war nicht erreichbar. Super Sache, wieder mal den ganzen Tag rumräumen. Am kommenden Morgen meldete mir dann das Verschlusslager, dass die Monitore auf „Annahme verweigert“ zu setzen und gleich dem Lager zu übergeben seien. Wär’s nicht schön, wenn die Leute, die solche großen Bestellungen aufgeben, sich vorher Gedanken darüber machen würden, ob sie das Zeug auch brauchen oder annehmen dürfen?
Ganz anders ist es ja mit der Instandsetzung in Spangdahlem: Von denen wissen wir, dass sie nichts (NICHTS!) mehr annehmen, was an sie adressiert ist, weil, so heißt es, ein Verfahren gegen FedEx wegen Verstoßes gegen Einfuhrbestimmungen der EU immer noch in der Luft hängt (wie es aussieht, hat man bei FedEx verschwitzt, den Paketen irgendwelche Zollpapiere mit Wertangaben beizufügen, was die Buchführung der Empfänger verzerrte und internen Untersuchungen aussetzte und der europäische Zoll witterte Betrug). Von daher wird alles für die Instandsetzung gleich aussortiert, der Stopp an die Spitze der Tour gesetzt, noch vor der Abfahrt Annahmeverweigerung eingestellt, und sofort ans Lager übergeben.

Man kann sich angesichts dieser Zahlen ja vorstellen, was aus meiner Lieferquote wird, wenn ich von 100 Paketen mehr als ein Dutzend nicht loswerde, und wie sich das auf die anteilige Quote der übrigen Fahrer, von denen es ja nicht sehr viele gibt, auswirkt. Und wenn der Schnitt über 1,6 % steigt, dann gibt’s auch keine Brötchen.

Mit dem Kurden unterhielt ich mich letztlich darüber, warum er bei seinen Sprachkenntnissen, neben Deutsch eben auch Arabisch und Kurdisch, nicht versucht habe, einen Job zu finden, wo man diese Kenntnisse verkaufen könne, ich dachte zum Beispiel an den BND oder das BKA.
„Nee,“ sagte er, „mit meinem Vorstrafenregister geht das nicht.“
Dabei erwähnte er den Richter X und den Kommissar Y, mit denen er zu tun gehabt habe.
„Kennst Du den Richter X nicht?“
„Woher soll ich den kennen?“
„Den kennt man doch, oder?“
„Nein, ich habe mit Richtern nichts zu tun. Das ist eine Frage der Perspektive. Siehst Du, Du kennst den und den Richter und den Kommissar. Ich kenne die Frau, die die Richter ausbildet. Und einen Kommissar von der Bundeswehr her.“
„Du warst bei der Bundeswehr? Ich hätt jetzt gedacht, Du warst ein Zivi.“
„Warum das denn?“
„Weil Du so’n ruhiger und friedlicher Typ bist.“
Da war’s an mir, mal zu lachen.

Ich erwähnte ja bereits, dass ich mich an der Bildung einer Spielgruppe aus Kollegen versuchte und weiter versuche, nur war dem ersten Anlauf kein Erfolg beschert. Das fing bereits damit an, dass ich mich in einem zu andersartigen sozialen Kreis bewege: Ich klapperte passende Kandidaten ab und bat um ihre E-Mail-Adresse, damit ich alle gleichzeitig erreichen kann und morgens nicht von einem zum anderen laufen muss. Die Adressen bekam ich sofort, die gibt es also, aber ich musste schließlich feststellen, dass diese Leute keine Mails lesen. Die kommunizieren per SMS, was ich so gut wie gar nicht mache.
Ich schrieb eine erste Mail, in der ich nur sagte, dass ich eine Mailingliste eingerichtet habe. Darauf erwartete ich natürlich keine Antwort. Ein paar Tage darauf schrieb ich eine zweite Mail, in der ich einen Termin vorschlug und bat, Kommentare dazu an alle zu senden, damit alle auf dem selben Informationsstand blieben. Allerdings reagierte niemand auf diese Mail. Das irritierte mich.

Also doch einzeln abklappern. Es stellte sich nach zwei Tagen dann heraus, dass keiner zum vorgeschlagenen Termin Zeit hatte, nur der Kurde und Konrad zeigten Interesse und machten ihre Witze.
„Wie heißt das Spiel denn?“
„Das heißt BANG. Es handelt sich um eine Westernparodie.“
„BANG? Sollen wir Gummis mitbringen?“
„Nein, Ihr müsst keine Gummis mitbringen.“
„Nee, dann komm ich nicht. Das ist mir zu heiß, ich hab schon ein Kind.“
„Ach was, Konrad, wir kommen. Ich bring den Whiskey und Du die Bong mit. Das wird bestimmt lustig.“
„Au ja. Du wohnst doch hoffentlich im Erdgeschoss oder im ersten Stock?“
„Nein, ich wohne im vierten Stock. Warum?“
„Wenn ich was ordentliches geraucht habe, will ich immer aus dem Fenster springen.“
Ich zweifelte einen Moment lang daran, ob das Unterfangen eine gute Idee war.
„Darf ich mein Netzhemd anziehen oder gibt es eine Kleiderordnung?“
„Du darfst anziehen, was Dir Spaß macht, aber wenn meine Freundin nicht mit Euch klarkommt, dann wird aus der Sache nichts.“
„Du hast eine Freundin? Sieht die gut aus? Die könnte ja ein bisschen auf dem Tisch tanzen.“
„Mir gefällt sie.“
„Hoffentlich willst Du sie noch haben, wenn die Party vorbei ist, hahaha.“
„Niemand hat was von einer PARTY gesagt.“
„Nicht? Ich dachte, wir machen Gangbang mit Puck?“
„…“
„Ah, ich verstehe, oder BRETTspiele… so kann man DAS ja auch nennen.“
„Was gibt’s denn zu essen?“
„Ich wollte Linseneintopf machen.“
„Da ist hoffentlich kein Schweinefleisch drin?“
„Kurde, Dein zweiter Vorname ist Haram! Und jetzt willst Du mir erzählen, dass Du Dich ausgerechnet an das Gebot vom Schweinefleischverzicht hältst???“
„Nee, ich finde Schweinefleisch widerlich. Kannst Du nicht Rindfleisch nehmen?“
„Okay, ich kann wohl auch Suppenfleisch statt Speckstreifen nehmen.“

So ging das die ganze Woche vor dem Termin. Zum Wochenende besorgte ich die notwendigen Zutaten, kaufte Getränke, bereitete am Samstag vier Stunden lang den Eintopf vor, weil Eintopf Zeit zum Ziehen haben muss, um seine Geschmackskomponenten zu entfalten, setzte mich am Sonntag Morgen vor meinen Rechner und wartete. Zur verabredeten Zeit geschah nichts, aber ausgerechnet bei diesen beiden Chaoten war nicht damit zu rechnen, dass sie pünktlich kamen.
Nun, im Endeffekt kamen sie gar nicht. Allein Puck kam, um 1800, weil er meine Ankündigung falsch verstanden hatte: Meine Idee war „so von Zwei bis Sechs“, und nicht „ab Sechs“, weil wir ja alle montags früh raus müssen. Ihm machte ich allerdings keinen Vorwurf. Puck wohnt im selben Haus und wäre nach einem Anruf binnen zwei Minuten da.
Ich telefonierte auf seinen Vorschlag hin ein bisschen rum und wir spielten zusammen mit Melanie, Alex und Thomas eine spontane Runde.

Ich war enttäuscht und gelinde gesagt stinkig und fragte die beiden am Montag nach Ihren Ausreden. Der Kurde sagte, er habe die Sache schlicht völlig vergessen. Er sei davon ausgegangen, dass ich mich vorher noch einmal melden würde (was ich nach zwei Mails auch an seine Adresse nicht einsehe und auch nicht meiner Gewohnheit entspricht, jedem hinterher zu laufen). Konrad kam mit einer Erklärung, die mich geradezu erstaunte:
„Ich hab nach meinen Mails gesehen und hab keine von Dir gefunden, da dachte ich, ich sei nicht eingeladen.“
„Wir reden doch die ganze Woche schon von nichts anderem! Da dachte ich, ich müsste Dir nicht mehr schreiben, weil die Sache klar zu sein schien!?“
Nach der Funkstille in der Folge meines Terminvorschlags hatte ich auch darauf verzichtet, mir seine Mailadresse noch zu besorgen, weil er ja eh in Kommunikationsweite am Band steht und niemand Mails zu lesen schien. Und jetzt kommt ausgerechnet der einzige, dem ich keine Mail geschrieben habe und beschwert sich darüber… ich komme zu keinem endgültigen Urteil, wenn ich darüber nachdenke, ob ich in einer Irrenanstalt oder in einem Kindergarten gelandet bin. Ich tendiere allerdings zu letzterem.

2 Antworten zu “Gaytal Kamikaze (Teil 3)”

  1. Ricci sagt:

    Meine Güte, bei diesem Eintrag habe ich gleich mehrmals laut lachen müssen! 😀

    Zuerst bei diesem Satz hier: „Am ersten Tag dachte ich noch, was ist das denn für ne komische Nudel?“ Das kann ich mir gerade SO GUT vorstellen!

    Und dann natürlich bei deinem Versuch, deine Kollegen für BANG! zu begeistern. XD Haha, die Vorstellung von Melanie, die im Bikini mit Quasten an den Brustwarzen auf dem Tisch tanzt! Und Gangbang mit Puck – AUA! *lacht sich schief*

    Was besagt denn die Tatsache, dass der zweite Vorname des Kurden „Haram“ ist?

    Kindergarten klingt ziemlich zutreffend, nach dem zu urteilen, was du dort so erlebst!

  2. 42317 sagt:

    „Haram“ ist ein arabisches Wort, das vielleicht sowas wie „unrein“ bedeutet.
    „Haram“ ist das Gegenteil von „Halal“, und „Halal“ ist das, was die Juden „Koscher“ nennen.
    „Haram“ bedeutet, gegen die Regeln von Koran und Scharia zu verstoßen.

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