Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

14. August 2011

King of Kylltal (Teil 10)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:48

Zurück auf der Straße mit dem Sprinter, den ich zuerst gefahren habe. Kaum, dass ich eine Weile darin sitze, werden meine Lippen trocken und bilden kleine Risse am Übergang zur Gesichtshaut, nicht unbedingt angenehm, gerade, wenn man säurehaltige Getränke wie Orangensaft trinkt.

Ich frage mich, ob mir die geringere Geschwindigkeitstoleranz von nassen Straßen, bzw. nassen Kurven, jemals aufgefallen ist, bevor ich Expresstransporte mit einem solchen Wagen gefahren bin? Das Driften um Kreisel und Kurven ist ja gewissermaßen aufregend, wenn man die Biegung kennt und die Gegenfahrbahn sehen kann, aber manchmal komme ich dem Grundsatz, jeden Tag etwas zu tun, was einem Angst macht, zu nahe.
Zwischen Rodt und Zemmer befindet sich die Einmündung auf die Querstraße zwischen Zemmer und Schleidweiler, und wenn ich von Rodt her komme, muss ich die Vorfahrt beachten. Jetzt kam vor ein paar Tagen ein Sprinter von Schleidweiler her gefahren, der einen kleineren PKW auf einem Anhänger transportierte, während ich auf die Einmündung zufuhr. Ich hielt es wegen der geringen Entfernung für angebrachter, anzuhalten und ich dachte mir noch: „Verdammt, jetzt kann ich mit 80 hinter dem herschleichen!“ Ich trat auf die Bremse – und nichts passierte. Mit „Trockengeschwindigkeit“ auf nassem Asphalt. Ich rutschte fast ungebremst auf die Vorfahrtsstraße. Ein schneller Blick nach links: Ein Zeitfenster von fünf Sekunden oder so. Steuer rumreißen, Gas durchtreten. Ich schleudere etwa 100° weit um die Kurve und schiebe meine drei Tonnen in Vollbeschleunigung Richtung Zemmer. Blick in den Rückspiegel: Der Abstand zum Hintermann ist nicht bedrohlich geworden. Alles war gut. Zum Glück kam mir der Gedanke, dass bei plötzlich auftauchendem Gegenverkehr von Zemmer her alles aus gewesen sein könnte, erst danach, weil mich die Entscheidungsfindung, wie ich sowohl auf die vorhandene Situation als auch auf die mögliche Situation reagieren sollte, möglicherweise auf unheilvolle Art blockiert hätte. Ich musste unweigerlich an Counterstrike denken, so absurd der Vergleich auch erscheint: Wenn zwei Gegner gleichzeitig auftauchen, einer links und einer rechts im Sichtbereich, geht die erste Salve oft in die leere Mitte. Das möchte ich in der realen Welt nicht unbedingt erleben wollen.

In Gerolstein war vergangene Woche ein ungewöhnliches Packstück abzuholen, und um was es sich jeweils handelt, erfahre ich ja erst vor Ort, weil auf den Abholaufträgen nur steht, wieviel das Packstück wiegt und wie es möglicherweise verpackt ist. Da stand also nun „9 kg“ – und es handelte sich um eine Stehleuchte, wie ein Kronleuchter mit Holzbein. Der Besitzer sagte, die Glasteile befänden sich alle in der dicken Plastikverpackung um das Kopfteil, es könne also kein bedeutender Schaden entstehen. Dann ließ er es sich nicht nehmen, die Lampe, etwa zwei Meter hoch, höchstselbst zum Auto zu tragen, und zum Abschluss überreichte er mir zwei Fünf-Euro-Scheine. Ich bedankte mich und sagte, damit sei der Tag gerettet, denn an jenem Tag war auch wieder die Apotheken Umschau geliefert worden und es war schon Viertel vor Sechs.
Ich hatte mir schon überlegt, ob ich angesichts meiner späten Heimkehr nicht auswärts was essen sollte, hatte aber den Plan wegen der Kosten wieder verworfen. Nun war die Lage natürlich eine ganz andere. Ich besah meine verbliebenen Stopps und ordnete sie so an, dass ich an der Videothek der Familie Sarp in Gerolstein zuletzt halten würde. Jene Familie betreibt nämlich in erster Linie ein Pizza/Pasta/Döner Restaurant und ich gönnte mir für die zehn Euro eine große Pizza, und ich bedauerte daran nur, dass ich verpasst hatte, um die Zulage der für mich üblichen Käsemenge zu bitten.

Nach dieser halben Stunde führ ich Richtung Heimat, mit einem Zwischenstopp in Schweich, wo ein Abenddienst abzuliefern war, das war so kurz vor halb Acht. Die Tatsache, warum ich das erwähne, liegt im Nachbarhaus des Kunden begründet. Ich sah die Einfahrt, sah die Treppe, und wurde von einem starken Gefühl von Nostalgie überkommen – ich hatte im Frühsommer 2006 ein Klavier an diese Adresse geliefert. Zum Glück hat sich niemand daran gestoßen, dass ich eine Weile da stand und die Treppe betrachtete, das wäre so manchem sicher unheimlich vorgekommen.

Da ich auch mit Elektro- und Elektronikhändlern zusammentreffe, erfahre ich auch so dies und das über aktuelle Computer- und Unterhaltungsausrüstung. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Monitore heute nicht nur strahlungsarm, sondern oft auch bereits strahlungsfrei daherkommen. Abgesehen davon bekommt man gute Geräte mit 22 Zoll Bildschirm bereits für 150 E. Vor nicht allzu langer Zeit hätte man dafür noch 400 oder mehr hinlegen müssen; der Preiskampf im Elektronikbereich ist sicherlich brutal.
Fernseher kosten natürlich mehr als 150 E, so hieß es, dass ein LED-Fernseher für 800 E zu haben sei. Das ist für mich derzeit völlig unerschwinglich, aber ich war erstaunt, zu hören, dass Geräte dieser Preisklasse bei einem Bildschirmdurchmesser von über einem Meter mit einem Stromverbrauch von weniger als 100 Watt auskommen. Der 102 cm breite Samsung, den ich sah, hatte eine Angabe von 85 Watt. Da war ich ziemlich geplättet, weil ich eigentlich dachte, dass unter 400 Watt nichts gehe.
Aber, sagte ein anderer Kunde, LCD-Fernseher hätten Probleme mit so genanntem „Clouding“, was bedeutet, dass es am Rand des Bildschirms zu einer Aufhellung des Bildes kommen kann, was bei Szenen mit dunklem Hintergrund störend auffällig sein könne, und deswegen habe er sich für LCD statt LED entschieden. LCD-Fernseher einer Größe von über einem Meter Bildfläche verbrauchten etwa 125 Watt – was verglichen mit dem Röhrenfernseher, den ich zuhause habe, immer noch nicht viel ist.

Ich mache schon gern Gedanken über derlei Dinge, aber warum eigentlich? Es ist nicht absehbar, dass ich binnen der kommenden Monate auch nur in die Nähe entsprechender Beträge kommen kann, und als erstes brauche ich eine neue Matratze. Ich visiere 200 E an und hoffe, dass sie fünf Jahre oder so lange hält, bis ich was gutes kaufen kann. Und die Prioritätenliste ist auch dergestalt, dass zuerst der Computermonitor ersetzt wird, und eine Sonnenbrille in meiner Sehstärke wäre auch nicht übel. Letzteres mag sogar dringender sein, denn auch wenn der aktuelle Sommer eigentlich keiner ist, so kommt der nächste Winter doch bestimmt und man sagt, dass es in der Eifel viel schneie. Ich stelle mir das unlustig für meine Augen vor, mehrere Tage hintereinander stundenlang durch schneeweiße Landschaften zu fahren.

Eine ganz abstruse Unterhaltung hatte ich mit einem älteren Herrn in Müllenborn. Für den hatte ich ein kleines Päckchen im Auto von einer Firma, deren Name auf medizinischen Bedarf schließen lässt. Ich klingelte, seine Frau öffnete, ich gab ihr das Päckchen, sie unterschrieb auf dem Scanner, ich wünschte einen schönen Tag und wandte mich zum gehen. Dann kam besagter Herr aus der Garage, der eigentliche Empfänger. Er bat mich, einen Moment zu warten und kam mit einer Brille auf der Nase wieder aus dem Haus. Er besah sich das Päckchen, auf dem der Name des Absenders, also die Firma, die Adresse und sogar eine Telefonnummer aufgedruckt war.
„Das hab ich nicht bestellt, nehmen Sie das bitte wieder mit.“
Ich versuchte ihm klar zu machen, dass ich das nicht dürfe, weil der Empfang bereits durch eine Unterschrift bestätigt worden sei.
Nein, er könne damit nichts anfangen, ich solle es mitnehmen.
Ob er nicht vielleicht erst hineinsehen wolle? Oder vielleicht die angegebene Telefonnummer anrufen wolle (weil es bei älteren Kunden leider vorkommt, dass sie getätigte Bestellungen vergessen)?
„Nein, bitte nehmen Sie das mit, ich will das nicht.“
Na gut, aber er müsse mir das schriftlich geben. Also schrieb er auf einen Notizzettel: „Ware nicht bestellt. Annahme verweigert.“ und setzte seinen Namen darunter. Ich fügte später noch die Referenznummer des Pakets hinzu, um die Zuordnung eindeutig zu machen.

Vielleicht kommt mir finanziell eine an sich unangenehme Neuregelung zu Gute. Disponent Peter hat sich als Subunternehmer des Subunternehmers selbständig gemacht und gleich sind ein paar Änderungen eingetreten, eine davon ist die Verteilung der Samstagsdienste auf alle Fahrer, die nun für ihn arbeiten – was an unserem Band alle außer dem Kurden, Kelvin und Kalaschnikow sind. Kalaschnikow wechselt in zwei Wochen nach Koblenz, von daher würde es keinen Sinn machen, ihn in diese Planungen noch einzubinden. Warum allerdings der Kurde und Kelvin nicht auf den Samstagsplänen stehen, weiß ich noch nicht. Zur Erweiterung meines finanziellen Spielraums werde ich den Fahrern anbieten, ihren Wochenenddienst zu übernehmen, sofern sie bereit sind, 30 E zu zahlen – bei einer Arbeitszeit von sechs bis 13 Uhr ist das keinesfalls zu viel verlangt. Das Geld soll in den Pott für die neue Matratze fließen.

Ein weiterer Punkt, der sich verändert, ist die Neuverteilung der Touren. Wie gesagt, wird Kalaschnikow, der „Eifel-Tornado“, nach Koblenz wechseln, und das ist nur eine Nebenerscheinung der Reorganisation: Ab kommenden Monat wird das Gebiet von Koblenz ausstrahlend bis runter nach Kyllburg nicht mehr von Trier aus gefahren. Das bedeutet, dass diese Serie, „King of Kylltal“ in wenigen Tagen enden wird. Ich muss mir deswegen aber keinen neuen Job suchen – Mike sagte, ich werde dann eine neue Tour fahren, vermutlich einen Bogen von Zemmer über Speicher und Spangdahlem in das Gebiet nördlich von Bitburg, aber das sei noch nicht sicher.

Also kein Kylltal mehr für mich, und irgendwie bedauere ich diese Veränderung (weswegen ich schon scherzhaft vom „Schwarzen Peter“ sprach), denn ich stelle fest, dass einige Kunden nach den Wochen, die ich sie beliefere, so langsam „warm“ werden, da kann man sich kurz unterhalten und ein paar Scherze austauschen, es gibt also ein paar Adressen, wo ich ganz gern hinfahre.
Da war ich letztlich bei einem, der eine Palette Zeugs bekam. Hinter diesen Paketen kam dann zum Schluss ein Grill der Marke „Weber“ zum Vorschein, der woanders hin sollte.
„Oh!“, sagte der Kunde, „Du hast ja richtig was Edles da! Den hätt ich auch gern.“
Es handelte sich um einen großen Gartengrill mit Deckel, den man mit Holz, Holzkohle und Gas betreiben kann, und ich hatte von der Grillfirma Weber noch nie gehört.
„Ach was, GRILLEN,“ erwiderte ich in einem verächtlichen Ton, „wo ich herkomme, nimmt man ein Dreibein mit einem frei schwingenden Grillrost! Den kann sich jeder selber basteln.“
„Wo kommste denn her?“
„Aus’m Saarland.“
„Was!? Du bist’n Saarländer? Mit Dir hab ich zum letzten Mal geredet!“
„Soso, und wo kommst Du her?“
Er nannte mir einen Ortsnamen, den ich nach fünf Sekunden wieder vergessen hatte.
„Wo ist DAS denn?“
„Du kennst doch bestimmt Berlin – der Ort, wo ich herkomme, hat mindestens genauso viel Bedeutung!“
Das war die Stelle, wo sein Geschäftspartner auf den Plan trat und ihn auslachte.
„Du bist’n Dummlaller! Das ist ein Kaff bei Daun, wo’s mehr Kühe wie Menschen gibt!“
„Stimmt gar nicht! Wir haben 35 Einwohner mehr wie Kühe!“

Und dann war da noch ein Frisörsalon, wo ich ein Paket von Wella abgab:
„Wie ist Ihr Name bitte?“
„Thiel.“
„Ah, wie der Bahnwärter.“
„Wer bitte?“
„Ach, das ist nur so’n Buch.“

Das sind halt die Dinge, die ich außer dem Fahren an sich an so einem Job schätze – man trifft verschiedenartige Menschen, mit denen man kommunizieren kann. Ab nächsten Monat werden zwei Drittel davon durch andere ersetzt, aber immerhin habe ich noch Adressen, die ich weiterhin anfahre, wo ich mal eben schnell einen Fernseher oder einen Bildschirm kaufen kann. 🙂

13. August 2011

Otaku no Video

Filed under: Filme,Japan,Manga/Anime — 42317 @ 21:33

Es handelt sich hierbei um einen zweiteiligen Anime, der stellenweise durch Interviews unterbrochen wird, in dem es um so genannte Otakus geht. Ich will den Begriff nicht groß definieren, denn es ist schwierig, mit einer wechselvollen Geschichte, und könnte ein ganzes Buch füllen. Stattdessen will ich mich darauf beschränken, einen Otaku als Fan von populärkulturellen Phänomenen verschiedenster Art zu umschreiben, mit der Konnotation, dass sein Hobby auch sein Lebensinhalt ist. Die Beschreibung trifft sicherlich auch auf so manchen kleinbürgerlichen, deutschen Kegelbruder zu, und ich bin nicht der Meinung, dass man den Begriff Otaku eng fassen sollte oder kann, weil die im Fanbereich gängige Definition den Otaku auf japanische Populärkultur festlegt.

Die gezeichneten Teile (mit Charakterdesigns von Sonoda Kenichi) handeln von zwei solchen Otakus. Sie gründen ein Unternehmen, haben einen Riesenerfolg mit dem Verkauf von Modelkits, verlieren durch eine Intrige alles, fangen im Animebereich neu an, kaufen binnen weniger Jahre ihre alte Firma zurück, bauen einen riesigen Vergnügungspark für Otakus, und verlieren wieder alles durch den Anstieg des Meeresspiegels im Zuge der globalen Erwärmung.
Grafik und Animation sind ihrer Zeit angemessen, die Sprechrollen sind gut besetzt, nur leider weist die Geschichte ein paar Lücken auf und das Ende ist sehr interpretationsbedürftig. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Die Interviews dagegen zeigen nämlich echte Leute, die früher Otakus waren oder heute noch welche sind; daneben werden Statistiken eingeblendet, zum Beispiel eine, die aufzeigt, dass Cosplayer, also Menschen, die sich die Kostüme ihrer Lieblingscharaktere schneidern und damit zu Fantreffen gehen, relativ selten, dafür aber „Wiederholungstäter“ seien, oder aber, dass so genannte „Science Fiction (SF) Clubs“ an Universitäten in den frühen Achtzigern im Schnitt mehr Mitglieder hatten, als andere Clubs.

Ich habe diesen Film schon einmal gesehen, es wird so 1999 gewesen sein, und ich fand ihn damals sehr interessant – interessant genug, um ihn Jahre später auf meine Amazon-Wunschliste zu setzen, und Ricci war so nett, ihn mir zum Geburtstag zu schenken, wofür ich ihr sehr dankbar bin.
Ich denke, dass es wahr ist, dass man in der Regel mit den Jahren kritischer wird. Je älter man ist, desto mehr hat man bereits gesehen, die Vergleichsmöglichkeiten sind vielfältiger, und man wird wählerischer bei dem, worin man seine Freizeit investiert. Ich muss also sagen, dass ich Otaku no Video heute wesentlich kritischer betrachte, als vor über zehn Jahren, und es kommt ja hinzu, dass ich genau das studiert habe, nämlich japanische Populärkultur.

Zum einen ist mir völlig unklar, was der Anime, abgesehen davon, dass es um Fansubkultur geht, mit den Interviews zu tun hat. Der Anime zeigt zwar zwei Menschen, die ihre ganze Energie in ihr Hobby stecken, die aber damit Erfolg haben und nicht nur einen tiefen sozialen Fall überwinden, sondern nachher noch größer dastehen als zuvor. Sie geben nie auf und haben den Willen und die Energie, ihr Leben erfolgreich zu gestalten.
Ganz anders die in den Interviews dargestellten Personen, deren Namen verfälscht, deren Gesichter nicht gezeigt und deren Stimmen zum Großteil verzerrt werden, damit sie in der Öffentlichkeit nicht erkannt werden. Zwei sind als untere Konzernchargen zu erkennen, einer wird als „Verkäufer“ bezeichnet, der andere sagt, er programmiere Buchhaltungssoftware, einer ist scheinbar ein Missionar aus den USA, aber die übrigen sind alle im Sumpf der Unterschicht gelandet und stecken geblieben. Diese Leute wirken alle schmuddelig und manisch, und der einzige, der eigentlich ganz normal und nicht unsympathisch wirkt, ist ein Krimineller, der Cels und Skizzen von Produktionsfirmen stiehlt, um sie an Fans zu verkaufen.

Alle interviewten Personen sind negativ dargestellt, von objektiver Berichterstattung keine Spur. Die erste Person, der Verkäufer, beschreibt seine Aktivitäten im SF Club seiner Universität, wie zum Beispiel jeder sein Spezialgebiet hatte, wie man sich ergänzte, zusammen auf Fantreffen ging und feierte und derlei Dinge – wie der Interviewer dann trotz solcher Schilderungen auf die Idee kam, die Frage zu stellen, ob er damals „richtige Freunde“ („Shinyû“) gehabt habe, bleibt völlig schleierhaft, als wolle er ihn mit Gewalt in eine Schublade stopfen. Schließlich sind doch alle Otaku vereinsamte und verwahrloste Sozialkrüppel, oder?
Dass es ganz normale Fans gibt, die vielleicht nicht gern zugeben, dass sie Anime mögen, aber ganz normale Leben mit Familie und Beruf leben, wird völlig ausgeklammert. Stattdessen wird der Eindruck erweckt, bei Fans von Populärkultur handele es sich um irgendwelche Freaks. Dass man nicht noch Miyazaki Tsutomu erwähnt hat, den so genannten Otaku-Mörder, der die gesamte Subkultur in den Dreck zog und den Begriff „Otaku“ lange Jahre extrem negativ belastete, ist auch alles, was mich überrascht, denn Otaku no Video entstand Anfang der Neunziger, also nicht allzu viele Jahre nach Miyazakis Untaten.

Ich muss die Echtheit der Interviews allerdings in Zweifel ziehen. Der interviewte Programmierer sagte, er habe in seinem „Audio Club“ nur am Rande mit Anime und Cosplay zu tun gehabt, worauf der Interviewer ihn mit einem Fanzine („Dôjinshi“) und einem eingerahmten Foto konfrontiert, was den Programmierer peinlich berührt und in Erklärungsnot bringt. Was das Bild und das überreichte Comicheft mit dem Angesprochenen zu tun haben, wird weder gezeigt noch gesagt, das heißt, der Zusammenhang bleibt völlig und verdächtig suggestiv der Interpretation des Zuschauers überlassen. Was aber den letzten Rest meines Vertrauens in die Echtheit dieses Interviews im Speziellen quasi ausradiert hat (und mich an den übrigen allgemein zumindest stark zweifeln lässt), war am Ende, dass der Programmierer einen Gundam-Artikel, den Helm von Char Aznable, neben seinem Schreibtisch hervornahm, aufsetzte, und aus der Serie zitierte: „Niemand interessiert sich für die Fehler Deiner Jugend.“

GAINAX, Schöpfer von Evangelion und Fushigi no Umi no Nadia, ein Unternehmen, das von solchen Fans lebt, zeichnet sich mitverantwortlich für dieses Werk – was haben die sich dabei gedacht? Haben sie sich was dabei gedacht? Oder wurde das Material ohne deren Zutun zusammengeschnitten? Handelt es sich hierbei um eine subtil humoristische japanische Art, ein Parodievideo zu vertreiben, und die Lizenznehmer im Westen haben das nur nicht verstanden? Ich weiß es nicht.

Es wäre vermutlich ebenso wenig im Sinne von GAINAX (oder jedes Multimediaproduzenten) gewesen, hätte man die Dinge mit aufgenommen, die ich in dem Video vermisse. Mir fiele eine Reihe von ökonomischen Begleitumständen ein, die man kaum treffender bezeichnen kann, wenn man sagt, dass man in Japan als Fan elektronisch (oder elektrisch) dargebotener Produkte maßlos über den Tisch gezogen wird.
Während man mit einer Vielzahl von Manga zu erschwinglichen Preisen geradezu erschlagen wird, muss der Fan von Anime im Einzelnen und Filmen allgemein geradezu kriminell tief in die Tasche greifen.
Während man hierzulande Animeserien in relativ kostengünstigen Sammelboxen kaufen kann, mit vier, sechs, oder sogar mehr Episoden pro DVD, was zusätzlich Platz im Regal spart, beträgt die in Japan übliche Zahl von Episoden pro Scheibe gerade einmal zwei, und da dann aufklappbare Boxen ein Ding der Unmöglichkeit werden, nimmt eine TV-Serie von nur 52 Episoden einen knappen halben Meter Regalplatz ein.

Aber das ist natürlich nur ein minderes Problem, denn die Hauptbelastung liegt im Preis. Dass das früher bereits so war, erkannte ich 2003 daran, dass es dort keine Leervideokassetten zu kaufen gab, die mehr als 120 Minuten Spielzeit hatten. In Deutschland waren 240 Minuten die Norm, und 120er waren vermutlich ebenso selten wie 300er. Man sieht also, dass auch eine Sammlung von TV-Aufnahmen mit höheren Kosten verbunden war, als bei uns.
Und hier bei uns fällt auch der Preis eines Films auf DVD binnen eines Jahres nach seiner Veröffentlichung in der Regel auf einen Zehner, doch scheint dieses Phänomen in Japan nicht zu existieren. Selbst für ältere Filme, in meinem Fall waren das Sengoku Jieitai (1979) und Sailorfuku to Kikanjû (1981), bezahlt man noch 4000 Yen, anno 2004 etwa 30 E. Die irre Spitze bildete allerdings ein Pornofilm auf Videokassette, den Frisuren nach zu urteilen aus den tiefsten 90ern, den ich in einem Gebrauchtwarenladen für sage und schreibe 16000 Yen, also etwa 120 E, herumstehen sah. Man überlege sich, was das für eine Serie bedeutet, die auf 26 DVDs verteilt wird. Und es ist ja auch nicht so, dass es in Japan gar keine Sammelboxen gäbe: Ich erinnere mal an Attack No. 1, bei uns bekannt als Mila Superstar, für das man in Japan 2003 (bei der Veröffentlichung anlässlich der Volleyballweltmeisterschaft) 750 E hätte hinlegen müssen. Die komplette Serie gibt es in Deutschland auf 12 DVDs für weniger als ein Zehntel dieses Preises. Das bedeutet, dass ein wahrer japanischer Fan entweder viel Geld haben oder alternativ in ärmlichen Verhältnissen leben muss, wenn er seinem Hobby nachgehen will – was wiederum bedeutet, dass die japanische Preispolitik maßgeblich für das schlechte Image der Fans verantwortlich ist.

Und von alldem keine Rede in einem Film, der zumindest vorgeblich das Otaku-Phänomen beleuchten will. Ich komme allerdings zu dem Schluss, dass hier weniger informiert, als eher Vorurteile genährt werden sollen.

7. August 2011

Da Base!

Filed under: Militaria,My Life — 42317 @ 17:27

Am vergangenen Wochenende hat mich mein Schulfreund Andreas besucht, mit dem ich bei diesen seltenen Gelegenheiten normalerweise was essen und ein bisschen spazieren gehe, um aus meinem Gedächtnis irgendwelche möglichst neuen Informationen anderer Schulkameraden zu kramen, weil er sich darum rein gar nicht kümmert und vielleicht auch nur deswegen fragt, weil ihm nichts besseres einfällt.
Wie dem auch sei – wie es der Zufall wollte, hatte die Spangdahlem Air Force Base dieses Wochenende Tag der offenen Tür, „Open House“, also haben wir uns in sein Auto gesetzt und sind dorthin gefahren.

Mit der Sicherheit nahm man es dort natürlich sehr ernst, und der Besucherstrom war beachtlich. Vor dem Einlass eine 100 m lange Warteschlange. Zum Glück kam nach wenigen Minuten ein Soldat, der ansagte, dass Besucher ohne Taschen und Rucksäcke an der Schlange vorbeigehen und gleich zu den Abtastern gehen düften. Die untersuchten jeden Besucher mit einem stangenförmigen Detektor auf metallene Gegenstände, dann durfte man weitergehen und sich in die Warteschlange für den Bus einreihen, denn man durfte sich nicht auf der gesamten Basis frei bewegen, sondern nur auf einem abgesperrten Teil des Flugfelds, wohin man eben mit dem Bus gefahren wurde.

Aber erst mal musste man in den Bus kommen. Mehrere davon fuhren im Dauerbetrieb und dennoch entstanden nicht unerhebliche Wartezeiten – wegen der Sicherheit. Denn nach jeder Fahrt wurde der Bus untersucht, und als ein vergessenes Gepäckstück, eigentlich nur eine weiße Plastiktüte, auftauchte, ging sofort nichts mehr. Niemand durfte die Busse besteigen oder verlassen, das Einlasstor wurde abgeriegelt, und so standen wir erst mal eine halbe Stunde, bis wieder grünes Licht gegeben wurde und der Betrieb weiterlief.

Die Busfahrt zum Flugfeld dauerte ein paar Minuten, weil es sich um ein großräumiges Areal handelt. Aus dem Fenster heraus konnte man erst den Wohnbereich, danach fast leere Löschwasserteiche am Rand des Flugfelds, und dann die Fressbuden auf dem Flugfeld selbst sehen. Da man zur Haltestelle an der Rückseite der Buden vorbeifuhr, konnte man gut sehen, was da angeboten wurde, und große Grillsteaks erweckten meine Aufmerksamkeit.
Aus dem Bus ausgestiegen, sahen wir uns kurz um und stellten sofort zwei Dinge fest. Erstens hielt sich die Ausstellung sehr in Grenzen und zweitens war die Schlange der Leute, die auf den Bus zur Ausfahrt warteten, um ein mehrfaches länger, als am Eingang. Wie wir später merkten, hing das damit zusammen, dass es zwei Eingänge gab, einen am Haupttor und einen auf der gegenüberliegenden Seite Richtung Binsfeld.

Die Fahrzeuge wollte ich erst einmal ignorieren, denn schließlich waren wir ja zu Gast bei der Luftwaffe, und ich machte ein paar Bilder von den geparkten Flugzeugen.

Joint Strike Fighter

Die Oberfläche des Joint Strike Fighters ist übrigens ganz glatt und scheint aus Plastik zu bestehen, im Gegensatz zu den zumindest noch üblichen Metallkonstrukten mit ihren Nieten und Klappen und derlei Unförmigkeiten mehr.
Darüber hinaus besahen wir uns eine 20 mm Gatling und die Sammlung der üblichen US Infanteriewaffen wie zum Beispiel die Beretta, die 12mm Barrett, den M4 Carbine und die leichten Maschinengewehre. Der M4 ist übrigens trotz seiner augenscheinlich geringen Größe erstaunlich schwer und das optische Visier mit dem kleinen roten Punkt verfügt über keinerlei Vergrößerung oder Zielhilfen – ich bleibe bei H&K, da weiß man, was man hat.

Dann gingen wir die Reihe der Imbissbuden ab, und die hatten von Marketing keine Ahnung. Bei gerade einmal zweien von knapp 20 konnte man auf den ersten Blick erkennen, was da angeboten wurde. Zu allen übrigen musste man erst hingehen und einen Blick auf die klein gedruckte Preisliste werfen.
Für Kinder gab es eine Hüpfburg, und für alle, die mal wollten, gab es „Jousting“: Da stehen sich zwei Leute auf wackligem, aufgeblasenem Gummiuntergrund gegenüber, jeder einen Stock in den Händen, dessen beide Enden dick wattiert sind, und das Ziel der Übung ist es, den Gegner von seinem Sockel zu stoßen. Das würde mir zwar Spaß machen, aber ich wollte das jetzt nicht in aller Öffentlichkeit.
Dann gab es noch ABC-Ausrüstung, und wenn man das wollte, konnte man den 35 kg schweren Panzeranzug eines Kampfmittelräumers anziehen.
Das von einer lokalen Brauerei gesponserte Zelt mit der Livemusik drin fanden wir dann nicht so anziehend…

Im Großen und Ganzen muss man sagen: Hier war nicht viel los. Das heißt, gemessen an der Zahl der Zuschauer war eigentlich einiges los, aber geboten wurde für meine von Bundeswehrbesuchstagen mit Panzerfahrten verwöhnten Verhältnisse nicht viel.

Einzig die Flugshow war im wahrsten Sinne des Wortes ein Kracher und ich muss erneut bedauern, dass meine Kamera eine so lächerliche Auflösung hat. Das Formationsfliegen ist scheinbar seit der Katastrophe in Ramstein vor Jahren abgeschafft, aber eine F16 zeigte Flugmanöver bei Mach 2, bei einer Flughöhe von 50 bis 100 Metern – da flatterte das Trommelfell.

Ja… und dann war’s das eigentlich auch schon. Klar hätten wir uns was zu essen gönnen können, aber der eigentliche Plan war, zu dem Burgerladen in Herforst zu gehen, wo ich letztlich mit Melanie gewesen war, also reihten wir uns in die Schlange der Wartenden ein. Und wir standen über eine Stunde lang, immer wieder ein paar wenige Meter gewinnend, um dann festzustellen, dass wir in der falschen Schlange standen. Die Hinweisschilder darauf, zu welchem Parkplatz die Busse fuhren, ich erwähnte ja, dass es zwei gab, fanden sich erst auf den letzten paar Metern, anstatt an den Enden der jeweiligen Warteschlange. Die Einweiser waren aber flexibel genug, uns einfach direkt zum richtigen Fahrzeug gehen zu lassen, was noch dadurch erleichtert wurde, dass vor „unserem“ eine Gruppe von 20 Leuten stand, die nicht getrennt werden wollte und daher die nächste Gelegenheit abwartete.

Wir genossen also zuletzt unsere Burger, fuhren dann zurück nach Trier und verabschiedeten uns wieder von einander. Ich glaube, von einem simplen Spaziergang hätten wir mehr gehabt, als von der Warterei mit kurzem Besichtigungsintermezzo in Spangdahlem. Drei Stunden waren wir da und zwei Stunden haben wir mit Warten verbracht. Eins ist daher sicher: Zu denen gehe ich am Tag der offenen Tür nie wieder.