Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

14. August 2011

King of Kylltal (Teil 10)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 18:48

Zurück auf der Straße mit dem Sprinter, den ich zuerst gefahren habe. Kaum, dass ich eine Weile darin sitze, werden meine Lippen trocken und bilden kleine Risse am Übergang zur Gesichtshaut, nicht unbedingt angenehm, gerade, wenn man säurehaltige Getränke wie Orangensaft trinkt.

Ich frage mich, ob mir die geringere Geschwindigkeitstoleranz von nassen Straßen, bzw. nassen Kurven, jemals aufgefallen ist, bevor ich Expresstransporte mit einem solchen Wagen gefahren bin? Das Driften um Kreisel und Kurven ist ja gewissermaßen aufregend, wenn man die Biegung kennt und die Gegenfahrbahn sehen kann, aber manchmal komme ich dem Grundsatz, jeden Tag etwas zu tun, was einem Angst macht, zu nahe.
Zwischen Rodt und Zemmer befindet sich die Einmündung auf die Querstraße zwischen Zemmer und Schleidweiler, und wenn ich von Rodt her komme, muss ich die Vorfahrt beachten. Jetzt kam vor ein paar Tagen ein Sprinter von Schleidweiler her gefahren, der einen kleineren PKW auf einem Anhänger transportierte, während ich auf die Einmündung zufuhr. Ich hielt es wegen der geringen Entfernung für angebrachter, anzuhalten und ich dachte mir noch: „Verdammt, jetzt kann ich mit 80 hinter dem herschleichen!“ Ich trat auf die Bremse – und nichts passierte. Mit „Trockengeschwindigkeit“ auf nassem Asphalt. Ich rutschte fast ungebremst auf die Vorfahrtsstraße. Ein schneller Blick nach links: Ein Zeitfenster von fünf Sekunden oder so. Steuer rumreißen, Gas durchtreten. Ich schleudere etwa 100° weit um die Kurve und schiebe meine drei Tonnen in Vollbeschleunigung Richtung Zemmer. Blick in den Rückspiegel: Der Abstand zum Hintermann ist nicht bedrohlich geworden. Alles war gut. Zum Glück kam mir der Gedanke, dass bei plötzlich auftauchendem Gegenverkehr von Zemmer her alles aus gewesen sein könnte, erst danach, weil mich die Entscheidungsfindung, wie ich sowohl auf die vorhandene Situation als auch auf die mögliche Situation reagieren sollte, möglicherweise auf unheilvolle Art blockiert hätte. Ich musste unweigerlich an Counterstrike denken, so absurd der Vergleich auch erscheint: Wenn zwei Gegner gleichzeitig auftauchen, einer links und einer rechts im Sichtbereich, geht die erste Salve oft in die leere Mitte. Das möchte ich in der realen Welt nicht unbedingt erleben wollen.

In Gerolstein war vergangene Woche ein ungewöhnliches Packstück abzuholen, und um was es sich jeweils handelt, erfahre ich ja erst vor Ort, weil auf den Abholaufträgen nur steht, wieviel das Packstück wiegt und wie es möglicherweise verpackt ist. Da stand also nun „9 kg“ – und es handelte sich um eine Stehleuchte, wie ein Kronleuchter mit Holzbein. Der Besitzer sagte, die Glasteile befänden sich alle in der dicken Plastikverpackung um das Kopfteil, es könne also kein bedeutender Schaden entstehen. Dann ließ er es sich nicht nehmen, die Lampe, etwa zwei Meter hoch, höchstselbst zum Auto zu tragen, und zum Abschluss überreichte er mir zwei Fünf-Euro-Scheine. Ich bedankte mich und sagte, damit sei der Tag gerettet, denn an jenem Tag war auch wieder die Apotheken Umschau geliefert worden und es war schon Viertel vor Sechs.
Ich hatte mir schon überlegt, ob ich angesichts meiner späten Heimkehr nicht auswärts was essen sollte, hatte aber den Plan wegen der Kosten wieder verworfen. Nun war die Lage natürlich eine ganz andere. Ich besah meine verbliebenen Stopps und ordnete sie so an, dass ich an der Videothek der Familie Sarp in Gerolstein zuletzt halten würde. Jene Familie betreibt nämlich in erster Linie ein Pizza/Pasta/Döner Restaurant und ich gönnte mir für die zehn Euro eine große Pizza, und ich bedauerte daran nur, dass ich verpasst hatte, um die Zulage der für mich üblichen Käsemenge zu bitten.

Nach dieser halben Stunde führ ich Richtung Heimat, mit einem Zwischenstopp in Schweich, wo ein Abenddienst abzuliefern war, das war so kurz vor halb Acht. Die Tatsache, warum ich das erwähne, liegt im Nachbarhaus des Kunden begründet. Ich sah die Einfahrt, sah die Treppe, und wurde von einem starken Gefühl von Nostalgie überkommen – ich hatte im Frühsommer 2006 ein Klavier an diese Adresse geliefert. Zum Glück hat sich niemand daran gestoßen, dass ich eine Weile da stand und die Treppe betrachtete, das wäre so manchem sicher unheimlich vorgekommen.

Da ich auch mit Elektro- und Elektronikhändlern zusammentreffe, erfahre ich auch so dies und das über aktuelle Computer- und Unterhaltungsausrüstung. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Monitore heute nicht nur strahlungsarm, sondern oft auch bereits strahlungsfrei daherkommen. Abgesehen davon bekommt man gute Geräte mit 22 Zoll Bildschirm bereits für 150 E. Vor nicht allzu langer Zeit hätte man dafür noch 400 oder mehr hinlegen müssen; der Preiskampf im Elektronikbereich ist sicherlich brutal.
Fernseher kosten natürlich mehr als 150 E, so hieß es, dass ein LED-Fernseher für 800 E zu haben sei. Das ist für mich derzeit völlig unerschwinglich, aber ich war erstaunt, zu hören, dass Geräte dieser Preisklasse bei einem Bildschirmdurchmesser von über einem Meter mit einem Stromverbrauch von weniger als 100 Watt auskommen. Der 102 cm breite Samsung, den ich sah, hatte eine Angabe von 85 Watt. Da war ich ziemlich geplättet, weil ich eigentlich dachte, dass unter 400 Watt nichts gehe.
Aber, sagte ein anderer Kunde, LCD-Fernseher hätten Probleme mit so genanntem „Clouding“, was bedeutet, dass es am Rand des Bildschirms zu einer Aufhellung des Bildes kommen kann, was bei Szenen mit dunklem Hintergrund störend auffällig sein könne, und deswegen habe er sich für LCD statt LED entschieden. LCD-Fernseher einer Größe von über einem Meter Bildfläche verbrauchten etwa 125 Watt – was verglichen mit dem Röhrenfernseher, den ich zuhause habe, immer noch nicht viel ist.

Ich mache schon gern Gedanken über derlei Dinge, aber warum eigentlich? Es ist nicht absehbar, dass ich binnen der kommenden Monate auch nur in die Nähe entsprechender Beträge kommen kann, und als erstes brauche ich eine neue Matratze. Ich visiere 200 E an und hoffe, dass sie fünf Jahre oder so lange hält, bis ich was gutes kaufen kann. Und die Prioritätenliste ist auch dergestalt, dass zuerst der Computermonitor ersetzt wird, und eine Sonnenbrille in meiner Sehstärke wäre auch nicht übel. Letzteres mag sogar dringender sein, denn auch wenn der aktuelle Sommer eigentlich keiner ist, so kommt der nächste Winter doch bestimmt und man sagt, dass es in der Eifel viel schneie. Ich stelle mir das unlustig für meine Augen vor, mehrere Tage hintereinander stundenlang durch schneeweiße Landschaften zu fahren.

Eine ganz abstruse Unterhaltung hatte ich mit einem älteren Herrn in Müllenborn. Für den hatte ich ein kleines Päckchen im Auto von einer Firma, deren Name auf medizinischen Bedarf schließen lässt. Ich klingelte, seine Frau öffnete, ich gab ihr das Päckchen, sie unterschrieb auf dem Scanner, ich wünschte einen schönen Tag und wandte mich zum gehen. Dann kam besagter Herr aus der Garage, der eigentliche Empfänger. Er bat mich, einen Moment zu warten und kam mit einer Brille auf der Nase wieder aus dem Haus. Er besah sich das Päckchen, auf dem der Name des Absenders, also die Firma, die Adresse und sogar eine Telefonnummer aufgedruckt war.
„Das hab ich nicht bestellt, nehmen Sie das bitte wieder mit.“
Ich versuchte ihm klar zu machen, dass ich das nicht dürfe, weil der Empfang bereits durch eine Unterschrift bestätigt worden sei.
Nein, er könne damit nichts anfangen, ich solle es mitnehmen.
Ob er nicht vielleicht erst hineinsehen wolle? Oder vielleicht die angegebene Telefonnummer anrufen wolle (weil es bei älteren Kunden leider vorkommt, dass sie getätigte Bestellungen vergessen)?
„Nein, bitte nehmen Sie das mit, ich will das nicht.“
Na gut, aber er müsse mir das schriftlich geben. Also schrieb er auf einen Notizzettel: „Ware nicht bestellt. Annahme verweigert.“ und setzte seinen Namen darunter. Ich fügte später noch die Referenznummer des Pakets hinzu, um die Zuordnung eindeutig zu machen.

Vielleicht kommt mir finanziell eine an sich unangenehme Neuregelung zu Gute. Disponent Peter hat sich als Subunternehmer des Subunternehmers selbständig gemacht und gleich sind ein paar Änderungen eingetreten, eine davon ist die Verteilung der Samstagsdienste auf alle Fahrer, die nun für ihn arbeiten – was an unserem Band alle außer dem Kurden, Kelvin und Kalaschnikow sind. Kalaschnikow wechselt in zwei Wochen nach Koblenz, von daher würde es keinen Sinn machen, ihn in diese Planungen noch einzubinden. Warum allerdings der Kurde und Kelvin nicht auf den Samstagsplänen stehen, weiß ich noch nicht. Zur Erweiterung meines finanziellen Spielraums werde ich den Fahrern anbieten, ihren Wochenenddienst zu übernehmen, sofern sie bereit sind, 30 E zu zahlen – bei einer Arbeitszeit von sechs bis 13 Uhr ist das keinesfalls zu viel verlangt. Das Geld soll in den Pott für die neue Matratze fließen.

Ein weiterer Punkt, der sich verändert, ist die Neuverteilung der Touren. Wie gesagt, wird Kalaschnikow, der „Eifel-Tornado“, nach Koblenz wechseln, und das ist nur eine Nebenerscheinung der Reorganisation: Ab kommenden Monat wird das Gebiet von Koblenz ausstrahlend bis runter nach Kyllburg nicht mehr von Trier aus gefahren. Das bedeutet, dass diese Serie, „King of Kylltal“ in wenigen Tagen enden wird. Ich muss mir deswegen aber keinen neuen Job suchen – Mike sagte, ich werde dann eine neue Tour fahren, vermutlich einen Bogen von Zemmer über Speicher und Spangdahlem in das Gebiet nördlich von Bitburg, aber das sei noch nicht sicher.

Also kein Kylltal mehr für mich, und irgendwie bedauere ich diese Veränderung (weswegen ich schon scherzhaft vom „Schwarzen Peter“ sprach), denn ich stelle fest, dass einige Kunden nach den Wochen, die ich sie beliefere, so langsam „warm“ werden, da kann man sich kurz unterhalten und ein paar Scherze austauschen, es gibt also ein paar Adressen, wo ich ganz gern hinfahre.
Da war ich letztlich bei einem, der eine Palette Zeugs bekam. Hinter diesen Paketen kam dann zum Schluss ein Grill der Marke „Weber“ zum Vorschein, der woanders hin sollte.
„Oh!“, sagte der Kunde, „Du hast ja richtig was Edles da! Den hätt ich auch gern.“
Es handelte sich um einen großen Gartengrill mit Deckel, den man mit Holz, Holzkohle und Gas betreiben kann, und ich hatte von der Grillfirma Weber noch nie gehört.
„Ach was, GRILLEN,“ erwiderte ich in einem verächtlichen Ton, „wo ich herkomme, nimmt man ein Dreibein mit einem frei schwingenden Grillrost! Den kann sich jeder selber basteln.“
„Wo kommste denn her?“
„Aus’m Saarland.“
„Was!? Du bist’n Saarländer? Mit Dir hab ich zum letzten Mal geredet!“
„Soso, und wo kommst Du her?“
Er nannte mir einen Ortsnamen, den ich nach fünf Sekunden wieder vergessen hatte.
„Wo ist DAS denn?“
„Du kennst doch bestimmt Berlin – der Ort, wo ich herkomme, hat mindestens genauso viel Bedeutung!“
Das war die Stelle, wo sein Geschäftspartner auf den Plan trat und ihn auslachte.
„Du bist’n Dummlaller! Das ist ein Kaff bei Daun, wo’s mehr Kühe wie Menschen gibt!“
„Stimmt gar nicht! Wir haben 35 Einwohner mehr wie Kühe!“

Und dann war da noch ein Frisörsalon, wo ich ein Paket von Wella abgab:
„Wie ist Ihr Name bitte?“
„Thiel.“
„Ah, wie der Bahnwärter.“
„Wer bitte?“
„Ach, das ist nur so’n Buch.“

Das sind halt die Dinge, die ich außer dem Fahren an sich an so einem Job schätze – man trifft verschiedenartige Menschen, mit denen man kommunizieren kann. Ab nächsten Monat werden zwei Drittel davon durch andere ersetzt, aber immerhin habe ich noch Adressen, die ich weiterhin anfahre, wo ich mal eben schnell einen Fernseher oder einen Bildschirm kaufen kann. 🙂

Schreibe einen Kommentar