Code Alpha

Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

21. Februar 2008

Kratzer an der Fassade

Filed under: Musik — 42317 @ 23:48

Du fühlst dich stärker, weil du Fehler nie vergibst,
du bist das Maß aller Dinge, die du selber liebst.
Hast du die Frage je gestellt:
bist du zu gut für diese Welt?

Du hast nie gefragt, hast an nichts geglaubt,
du hast dein Leben auf Sand gebaut.

Gegen den Strom, mit dem Kopf durch die Wand –
wann fängt deine Zukunft an?

Ein Weg ohne Ziel ist unendlich weit,
weisst du, wieviel Zeit dir noch bleibt?

Bist du wirklich der, für den du dich dich hältst?
Bist du zu gut für diese Welt?

Es handelt sich hierbei um einen Songtext, um die zweite Hälfte eines Songtextes, um genau zu sein. Die erste Hälfte ist etwas flacher, meiner Meinung nach, von daher gebe ich nur die stärkere, zweite Hälfte an.

Ich habe das Lied in den vergangenen Wochen mehrfach gehört, weil es sich auf der Playlist meines MP3 Gerätes befindet, und ich muss mir eingestehen, dass mich der Text in meinem Innersten berührt. Er ruft eine emotionale Reaktion hervor, und ich finde das allein bereits beunruhigend, weil ungewohnt, und man kann sich denken, dass ich darüber hinaus keine fröhlichen Gedanken mit dem Inhalt verbinden kann. Vielleicht sind es auch nur Erfahrungen in meinem persönlichen Umfeld, die mich diese Worte in diesen Tagen besonders spüren lassen. Wer weiß.
Der ursprüngliche Text ist tatsächlich in deutscher Sprache geschrieben, es handelt sich um keine Übersetzung, die man vermuten würde, wenn man den Ursprung erfährt: Es handelt sich um einen deutschen Soundtrack zur Serie Pretty Cure.* Ich war gleich doppelt sehr überrascht, zuerst von der Serie selbst, sogar von der überraschend guten Synchro, und dann von dem deutschen Soundtrack. Deutsche Soundtracks zu japanischen Animeserien sind immer so ein bisschen „wat dat denn hier…“ und *Nase-rümpf*. Aber hier schien die Sache gut gelaufen zu sein.

Der Stil hat immer noch so ein bisschen was von der westlichen „Pokemon“ Musik, an die sich der eine oder die andere vielleicht erinnert, aber das gesamte Erscheinungsbild ist ansprechender (für mich zumindest) und, wie an dieser Stelle, „tiefer“. In der Regel würde man von einem Soundtrack zu einer Mahô Shôjo Serie (= über Mädchen, die sich in weltrettende Alter Egos verwandeln) eher Blumen und Schmetterlinge erwarten, als Denkanstöße zur Selbstreflexion.

Deutsche Soundtracks zu solchen Serien kann man meist gleich in die Tonne treten, man erinnere sich an das deutsche SailorMoon Desaster, von dessen Techno-/Dancefloor-Rhythmen ich heute noch Ohrenbluten bekomme, weil auch nach zehn Jahren der Nostalgieeffekt völlig ausgeblieben ist.

Die japanischen Originaltexte finde ich persönlich gewöhnlich besser als die der westlichen Gegenstücke, deren Autoren den Zuschauer für ein kritikunfähiges Kind oder einen sabbernden Halbdebilen halten mögen, aber ich muss gestehen, dass auch weniger konnotatives Sprachverständnis eine Rolle dabei spielt, mich japanische Texte nicht ebenso fühlen zu lassen, wie einen guten deutschen.

* Ich habe andieser Stelle die englischsprachige Beschreibung von ANN verlinkt, weil es auf Wikipedia zwar einen deutschsprachigen Eintrag zur Serie gibt, ich allerdings gerade  überhaupt keine Motivation verspüre, den vorhandenen Text in eine brauchbare Form zu bringen, wie ich das mit dem „Yoshitsune“ Eintrag letztlich machen musste, dessen ursprünglicher Autor eine stilistische Null ist…

16. Februar 2008

Im Wilden Osten

Filed under: Filme,Japan — 42317 @ 18:51

Vor „dausendundeinem Jahr“ habe ich, ich erinnere mich nicht, wo, einen interessanten Spruch gefunden, den ich sofort in meine Zitatensammlung aufnahm:

„Wenn Du Dir vorstellen kannst, den Terminator oder den schweigsamen Revolvermann zu spielen, dann bist Du ein Rollenspieler. Wenn Du Dir aber vorstellen kannst, wie Clint Eastwood den Terminator an der Seite von Schwarzenegger als Obiwan Kenobi in einer Star Wars Neuverfilmung verkörpern würde, dann bist Du ein verdammt guter Rollenspieler.“

Hasta la vista, Vader?

Natürlich ist das nur ein Jux, aus meiner Sicht sogar Blödsinn, denn P&P Rollenspiele hatten für mich immer was mit Spaß und Stressabbau zu tun, und nichts mit schauspielerischen Leistungen, aber etwas in dieser Art musste sich Miike Takashi gedacht haben, als er sich das Setting für „Sukiyaki Western Django“ ausdachte. Man müsste obige Aussage etwa so zurechtbiegen:

„Wenn Du Dir vorstellen kannst, wie der einsame Rächer das geplagte Volk vor dem Machthunger Taira (Heike) no Kiyomoris und Minamoto (Genji) no Yoshitsunes in einer Neuinterpretation des Heike Monogatari retten könnte, dann hast Du wahrscheinlich einen Krug Sake zu viel getrunken.“

Aber genauso ist es gekommen. Nach einem kurzen Prolog mit absichtlich schaurig-schlechter Kulisse, in dem man einen Sukiyaki essenden Quentin Tarantino bewundern kann, der Katori Shingo erschießt, wechselt die Szenerie zu einem dunklen, nebligen Landstrich.  Ein einsamer Reiter erreicht ein kleines Nest mit dem Namen „Nevada“, was man scheinbar hervorragend auch mit japanischen Kanji schreiben kann. Es schreibt sich mit „Wurzel“ („ne“) und „Feld“ („batake“): ??.

Japanisch-großzügig hat man die letzte Silbe von „Batake“ ignoriert und baut phonetisch auf den nicht vorhandenen Unterschied zwischen den Lauten „b“ und „w“ im Japanischen.

Der Ort bietet ein interessantes Bild. Auf den ersten Blick würde man ein klassisches Westernkaff vermuten, wäre da nicht das typisch japanische Tempeltor (mit einem Erhängten) am Ortseingang. Auch die Hauptquartiere der verfeindeten Gruppen, der Heike (in Rot) und der Genji (in Weiß), muten sehr asiatisch an. Das schmutzige Erscheinungsbild der dargestellten Leute ist eine optische Täuschung, vermutlich durch einen Filtereffekt hervorgerufen. Die durch ihre Muster an niedere Yakuza-Fußtruppen erinnernden, eigentlich modernen, Outfits sind bei genauerem Hinsehen in bester Verfassung.

Zwischen den Stühlen befindet sich ein unsympathischer Sheriff mit gespaltener Persönlichkeit, der versucht, das Beste aus seiner Situation zu machen, das heißt, er versucht, sich bei beiden Seiten einzuschmeicheln.

Beide Gruppen werben um den Fremden, der mit seiner Waffe umzugehen weiß, aber der entscheidet sich für eine neutrale Unterkunft. Er erfährt, dass die Heike auf der Suche nach einem Schatz hergekommen seien und die Einwohner für den Zweck des Suchens und Grabens versklavt hätten. Als kurze Zeit später die Genji eintrafen, wurden sie als Befreier begrüßt, da sie die Heike in Schach hielten, aber auch die „Weißen“ waren nur hinter dem Gold her und verfügten willkürlich über die vorhandenen menschlichen und materiellen Resourcen.

Wer den Film „Für eine Handvoll Dollar“ kennt, weiß, wie die Geschichte weitergeht.
Der einsame Reiter entschließt sich, den armen Leuten zu helfen und befreit eine Frau aus den Fängen der Bösen, wird ganz heftig verprügelt, erholt sich, kommt zurück und es kommt zum Endkampf.

Ein paar Änderungen gibt es natürlich. Zum Beispiel „Bloody Benten“, im Rahmen des Handlungsuniversums eine Legende unter Revolverschwingern, und natürlich die ganzen Einstreuungen aus der klassischen japanischen Literatur, auf Grundlage derer hier der Gempei-Krieg im kleinen Rahmen und unter neuem Gewand nach Nevada verlegt wird.

Das Wetter verändert sich mit der Zeit radikal, und das finde ich interessant – zuerst der ungemütliche Nebel, kurz darauf das hitzegeplagte Wüstenkaff, dann regnet es in der Mitte der Geschichte stark, worauf sich alles in Morast verwandelt, und während des Showdowns beginnt es zu schneien.

Es ist alles irgendwie irre. Ein bisschen Sergio Leone, ein bisschen Kurosawa Akira, ein kleines Stück Clint Eastwood (der Reiter ist nämlich einsamer, als er schweigsam ist), und ein Hauch von William Shakespeare. Taira Kiyomori ist nämlich von der Lektüre „Heinrich VI.“ so angetan, dass er sich von seinen Leuten fortan „Henry“ nennen lässt.

Wie er allerdings gerade auf Heinrich VI. gekommen ist, um sich nach ihm zu benennen und um seine Leute auf den Sieg einzuschwören, ist mir völlig schleierhaft – schließlich ist Henrys Haus Lancester, dessen Wappen die rote Rose ist, von den Yorks, mit der weißen Rose, geschlagen worden. Und nicht nur geschlagen, sondern auch ausgerottet. Ist das eine Dummheit des Charakters oder ein Mangel an Autorenrecherche? Ich komme in dieser Frage zu keinem Ergebnis, tendiere aber zu der Meinung, dass man dem wissenden Zuschauer damit einen Hinweis auf das Ende geben will.

Wirklich irre ist allerdings, dass alle japanischen Schauspieler Englisch sprechen. Nein, nicht als Synchro, sondern „in echt“, im Originalton. Das führt zu dem paradoxen Zustand, dass ich von dem Film vermutlich mehr verstanden hätte, wenn sie Japanisch geredet hätten. Ihr Englisch ist extrem mit japanischem Akzent versetzt, und dazu kommt noch, dass, so nehme ich persönlich an, alle Dialoge erst auf Japanisch geschrieben und dann ins Englische übersetzt wurden. Die Zeile „Now I can risk my life to the death“ halte ich nicht für natürliches Englisch.

Insgesamt: Ein Spaß, den man sich mal geben sollte. Die Schwächen sind in erster Linie oberflächlich, denke ich, denn die Story, wenn sie schon nicht originell ist, ist unterhaltsam und spannend, und man kann dem Streifen auch einen gewissen künstlerischen Anspruch nicht absprechen. Man spürt den Einfluss Kurosawas.

15. Februar 2008

Ein Video zum Vatertag

Filed under: Filme — 42317 @ 23:48

Ist natürlich ein bisschen früh für den Vatertag, aber aus irgendeinem Grund bin ich auf dieses Video mit dem Titel „Nancy’s Morning“ gestoßen. Es handelt sich dabei um einen etwa zehnminütigen chinesischen Computeranimationsfilm mit englischen Untertiteln.

Aus den Kommentaren dazu muss ich schließen, dass einigen Besuchern das Konzept der gebrochenen Zeitlinie nicht ganz klar geworden ist. Hier und da läuft die Zeit nicht geradlinig weiter, stattdessen wird die Uhr ein paar Sekunden zurückgedreht, um besser darzustellen, was sich an den beiden Enden der Telefonleitung abspielt (deswegen haben manche Dialogzeilen keine Untertitel, weil es sich um eine bereits gehörte Zeile handelt, die sich der Zuschauer gefälligst zu merken hat).

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass man hier eine ganz typisch chinesische Verkaufsstrategie zu sehen bekommt – viel Honig ums Maul. 🙂

14. Februar 2008

Begegnungen – der Negotiator

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 12:45

Da war sie also gerade gegangen, die emotionale Inneneinrichtungskünstlerin (ist jetzt nicht herablassend gemeint, eine sympathische Person). Es vergingen ein paar Minuten, und noch bevor wir mit dem Zurückräumen der gesichteten Stapel fertig waren und überhaupt einen Gedanken auf das weitere, für die Renovierung notwendige Umräumen im Obergeschoss verwenden konnten, da kam auch schon der nächste Kunde, dessen Anwesenheit von über einer Stunde die Renovierungspläne des Tages komplett über den Haufen schmeißen und mir damit einen freien Nachmittag bescheren würde.

Er unterschied sich deutlich von den letzten Kunden, ein etwa 60 Jahre alter, dünner Mann mit einer Jacke, die aussah wie ein besserer Parka. Sah wie ein pensionierter Vorarbeiter aus. Der Mann im Parka suchte einen Teppich von dreieinhalb auf zweieinhalb, der natürlich zu der räumlichen Umgebung seines Wohnzimmers passen sollte, das hieß eine bestimmte Art von Sahneweiß und Hellgrau, und nichts mit komplizierten Mustern. Modern sollte es aussehen. In dem Fall schaut man in den Katalog der Firma Makalu.

Dabei handelt es sich um eine Firma in Kathmandu, Nepal, unter deutscher Verwaltung, die Teppiche mit einer unglaublichen Anzahl vorgegebener Musterelemente (500 Seiten Katalog) mit kombinierbaren Mustern und individuell auswählbaren Farben (300 Stück) anbietet. Angeblich hat die Firma unter finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, was schade ist, denn die Produktpalette ist sehr interessant, sehr hochwertig, und wenn man Arbeitsbedingungen mit Milch und Fleisch vergleichen könnte, müssten die Teppiche ein „Bio“ Siegel tragen. Für die Rohstoffe würde es kein Biosiegel geben, denn es handelt sich zwar um natürliche Wolle, aber um Anilinfarben – mit Naturfarben könnte man den speziellen Kundenwünschen nicht mit 300 Farben im Sortiment entgegenkommen.
Die Verwaltung stellt aber allen Angestellten und deren Familien eine Wohnung in einer eigenständigen Siedlung zur Verfügung und trägt Sorge dafür, dass Kinder zur Schule gehen können und dass eine Notversorgung existiert, wie Kranken- und Altersvorsorge.
Für einen Aufpreis kann man sogar das Design des Teppichs komplett selbst gestalten, und wenn ich das Kleingeld hätte, würde ich mir sofort meinen „Kurosamurai“ Rundstempel in roter Seide in einen pechschwarzen Wollteppich weben lassen.

Wie dem auch sei. Während ich noch mit kleineren Arbeiten beschäftigt war, wurde der Katalog nach etwas  passendem durchgeblättert. Dabei fiel dem Kunden zwar ein Design ganz besonders auf, worauf er es herausnehmen und beiseite legen ließ, allerdings hatte er darauf bestanden, sich nicht an den Tisch zu setzen, sondern am Stapel rechts von der Tür zu stehen – vielleicht weil der in etwa die Höhe eines Tresens hat? Jedenfalls kam es, dass das herausgenommene Blatt (O-Ton) „elegant hinter den Stapel“ segelte und dort verschwand. Sofortiges Nachsehen brachte es nicht wieder zu Tage, es war in der Tat in einem perfekten Abwärtskurvenschwung genau in die kleine Ritze zwischen der Palette und dem Fußboden gerutscht.

Es war also notwendig, den Stapel mit drei-mal-vier Teppichen komplett abzubauen, damit wir wieder an die Seite aus dem Katalog kamen und der Kunde musste sich notgedrungen doch an den kleinen runden Tisch setzen, der eigens für diesen Zweck vorhanden ist. Dort ging man den Farbkatalog dann durch, aber alles Betrachten im Teppichladen ist hinfällig, weil Farben im Licht der eigenen Wohnung (im Zusammenspiel mit den dort vorhandenen Farben) wieder ganz anders wirken. Der Mann nahm also den Farbkatalog mit und versprach, später wieder zu kommen.

Was er auch tat. Er wohne in der Zurmainer Straße, also nicht wirklich weit weg.
Und dann zeigte sich, was ihm zu dem gegebenen Namen – Negotiator – verhalf.
Eine irgendwie affektierte und positiv erregte Sprechweise war bereits vorher aufgefallen. Das fiel dann wieder ganz besonders auf, als es um den Preis ging. Der Standardpreis für einen Makalu dieser Größe beträgt 4200 E. Das heißt, das ist die unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers, es ist nicht der Einkaufspreis im Großhandel. Aber mit der Chefin kann man verhandeln, durchaus, und wenn es nur um einen Barzahlungsrabatt von 3 % geht.

Er war nicht unfreundlich, meiner Meinung nach, aber er wurde – wie ein Bekannter von mir gerne sagt – „fickrig“. Schnelles, lautes Reden (lauter als notwendig und noch schneller als vorher) und Ins-Wort-fallen. Man war bereit, den Preis auf 3600 E zu drücken. Aber er wollte weniger. Redete wie ein Maschinengewehrund rechnete die verschiedensten Szenarion vor.

„Herr X, wenn ich Ihnen den Teppich für weniger verkaufe, ist für mich keine ausreichende Gewinnspanne mehr drin. Für den Preis bekommen Sie alle möglichen Serviceleistungen – bei Nichtgefallen nehme ich ihn anstandslos zurück, sie erhalten den Teppich kostenfrei geliefert…“
„Ach, den kann ich auch selbst abholen.“
„Unterschätzen Sie das Gewicht eines solchen Teppichs nicht, …“
„Mein Sohn hilft mir dabei.“
„… meine Mitarbeiter räumen Ihre Möbel um für die Vorlage…“
„Das kann ich auch selber, die paar Möbel verschieben.“
„Ich gebe Ihnen bereitwillig einen Preisnachlass von 600 Euro – das ist eine Menge Geld.“
„Könnte man nicht noch irgendwo 50 Euro rausholen?“
„Nein, nicht bei den Eigenschaften, die der Teppich haben soll.“
„Wir würden eventuell noch einen zweiten Teppich nehmen, von der gleichen Größe. Würden Sie in dem Fall einen Mengenrabatt geben?“
„Nein, das geht nicht. Ich gebe Ihnen den zweiten Teppich zu den gleichen Konditionen, dann sparen sie schon 1200 Euro, die mir dann im Geldbeutel fehlen.“
„Und wenn ich sagen würde, dass ich zu den Bedingungen keinen Teppich nehme, dann springt für sie doch überhaupt nichts raus!“
„Dann ist das eben so. Ich kann nicht unter ein gewisses Niveau gehen, und wenn ein Kunde das nicht zu zahlen bereit ist, dann entgeht mir halt ein Auftrag. Das ist Geschäftsrisiko, damit kann ich leben.“

Letztendlich würden die beiden Teppiche dann aber doch bestellt, für 3600 Euro das Stück.

„Wenn das alle Kunden machen würden, könnt ich mich aufhängen!“ sagte sie nachher, und meinte nicht das geld, das ihr entgehen würde, sondern die Nerven, die es kostet, eine Stunde lang in einem solchen Stil mit jemandem zu verhandeln, der auch ständig ein lockeres Witzchen (mäßig witzig) auf den Lippen hat und meckernd darüber lacht.
„Eine Bekannte von mir, die auch Teppiche verkauft, macht das folgendermaßen: Auf alles, was sie an Ware herein bekommt, schlägt sie 50 % drauf, lässt sich dann auf großzügige Verhandlungen mit Kunden ein und verkauft die Ware letztlich in der Regel für den Listenpreis des Herstellers. Dann ist jeder glücklich. Sie hat Ihr Geld und der Kunde seinen Rabatt.“

13. Februar 2008

Begegnungen – die Eingewanderte

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 0:39

Gerade wo ich dachte, jetzt müsste mit den auffälligen Typen doch mal Schluss sein, kamen zwei weitere. Zunächst einmal eine Frau Mitte Vierzig, die als Innenarchitektin und Raumdesignerin arbeitete und für einen ihrer Kunden und dessen erlesene Wohnung einen ebenso erlesenen Teppich suchte. So erlesen, dass auch ein Preis von 18000 E sie nicht beeindruckte.

Ihr Kunde hatte wohl alles individuell designen und farblich ausgestalten lassen. Die Küche mit viel Chrom, die Wände und das Mobilar in den Farben Grau und Brombeer (?), der Arbeitsbereich übergehend in das Wohnzimmer, in Ahorn gehalten, mit weißen Ledersesseln am Esstisch und einer dunkelbraunen Ledersitzecke gegenüber, natürlich alles auf feinstem Parkett. Die Wände in Weiß, Gold und hellen Erdfarben.
Und auf das Parkett sollte nun auch ein passender Teppich. So an 3×4 m hatte sie dabei gedacht (was bedeutet, dass der dafür vorgesehene Raum mal mindestens 5×6 m hat, eher mehr, aber das ist nur eine Vermutung meinerseits).

Bei den alten Persern braucht man da nicht suchen. Da gibt es zu viele Floralmuster auf der einen und zu simple Designs mit schwachen Farbübergängen auf der anderen Seite. Das eine ist zu verspielt, zu kompliziert, zu unruhig, das andere zu schlicht. Da müssen alte Chinesen ran, also „durchwühlten“ wir ein paar Stapel.

Zwischendrin erzählte sie ein bisschen von ihren Mühen, den Kunden von ihren farblichen Vorstellungen zu überzeugen, die wirklich was herhielten, soweit ich das als Ästhetiklaie beurteilen kann, und der Kunde hatte auch keine besseren Vorschläge.
Dann bedauerte sie das schmale Teppichangebot in Trier, denn die Teppichgalerie an der Porta sei zwar fein, aber halt klein (ihr persischer Gatte befindet sich in unserer Kundendatei), und sie habe den Kunden nicht überzeugen können, einmal mit ihr nach Hamburg zum Hafen zu fahren. Dort kenne sie so ziemlich jeden potentiellen Lieferanten, weil sie dort aufgewachsen sei.

„Ach, Sie kommen aus Hamburg? Wir sind auch öfters zum Teppicheinkauf dort.“
„Ja, ich lebe in Trier… aber mein Herz ist in Hamburg… (schnief)“ und diesen letzten Satz sagte sie mit einer solch erstickten Stimme, dass ich schon Tränen über das Gesicht kullern zu sehen glaubte. Allerdings war sie dann 10 Sekunden später wieder auf dem Damm, wie man so sagt.

Und dann fanden wir einen an sich passenden Chinesen, mit blauer Bordüre, einem hellbraunen Blumengebilde in der Mitte auf goldgelb glänzendem Hintergrund (den sie mit dem Aussehen eines Löwenfels verglich), starrte wie gebannt auf den Teppich und sagte dann in einer Stimme wie eine Siebenjährige, die einen Hundewelpen unter dem Weihnachtsbaum entdeckt: „Der ist so schön! Das ist so mein Problem: Ich verliebe mich immer sofort in solche Dinge!“ und drückte dabei die Handflächen an ihre Wangen und machte ein derart gerührtes Gesicht, wie man es sonst nur im Film zu sehen bekommt. Sie bewunderte dann noch diesen und jenen Kunstgegenstand, ließ ihre Visitenkarte da und versprach, sich mit ihrem Kunden zu besprechen, bevor sie dann ging.

… und dann kam auch schon „der Negotiator“ zur Tür herein… doch von dem beim nächsten Mal…

10. Februar 2008

Begegnungen – die Chinesin an der Tür

Filed under: My Life — 42317 @ 23:57

Eigentlich ist dies keine Begebenheit, die sich am Arbeitsplatz zugetragen hat (daher die Einschränkung bei der Wahl der Textkategorien), aber eine „Begegnung“ ist es dennoch, wenn auch nur eine kurze.

Ich kam vom Bus und ging auf das Haus zu. Ich sperrte die Eingangstür auf und sah mich wie gewohnt um, ob denn jemand hinter mir wäre, weil ich niemandem die Tür direkt vor der Nase zuschlagen möchte. Eine Chinesin, die im selben Haus wohnt, kam vom gleichen Bus, aber wegen ihrer beiden vollen Einkaufstüten und der kürzeren Beine weitaus langsamer. Sie bog gerade vom Bürgersteig auf den Parkplatz ein und bemerkte, dass ich mit der Tür auf sie wartete, und begann schneller zu laufen, worauf ich ihr zu verstehen gab, dass sie sich ruhig Zeit lassen könne.

Als sie dann zu ihrem Postfach ging fragte sie mich:
„Studieren Sie Japanologie oder Sinologie? Leute aus anderen Fächern würden das nicht machen.“

Selbst wenn ich eine Pauschalisierung nach Fachbereichen ablehne und Bemerkungen in dieser Richtung nur für den humoristischen Effekt einsetze, fühlte ich mich als Japanologe dennoch geehrt.

9. Februar 2008

Begegnungen – Der renommierte Kaufmann

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 23:01

Ich muss hier zwei unabhängige Begebenheiten zusammenfassen, weil sie in die gleiche Kategorie passen und so schön zu erzählen sind – von einem gewissen (wissenden) Standpunkt aus zumindest.

Da war eine Frau bei uns, man sah ihr einen gewissen Wohlstand an, die wollte einen Teppich bewertet haben. Immerhin fiel sie dabei nicht so tief, denn sie hatte ihn bei e-Bay gekauft, und immerhin für nur 50 E. Da das, was sie empfangen hatte, nicht so aussah, wie das, was der Verkäufer per Foto angepriesen hatte, war sie zu uns gekommen.  Der Teppich hatte keine Flecken – er war ein einziger gräulicher Fleck, unter dem man gerade noch erkennen konnte, dass er eigentlich großteils weiß sein sollte. Ich glaube, es war ein Ghoum mit Jagdszenen. Die Kundin glaubte, Rotweinflecken sehen zu können, dies konnte aber nicht bestätigt werden.

Der Knackpunkt, anhand dessen sie den Verkäufer belangen wollte, war allerdings, dass dieser angegeben hatte, es handele sich bei dem Stück um Handarbeit. Die Chefin besah sich daraufhin das Grundgewebe von unten und von oben an und stellte lapidar fest, dass es sich um einen maschinell hergestellten Teppich handelte. Und auch ein Laie wie ich konnte sich beim Befühlen des Flors des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um chemisch behandelte Wolle handelte, die zwar anfangs flauschig weich ist, wegen des fehlenden natürlichen Wollfetts nach wenigen Jahren rau und brüchig werden würde. Das bedeutet, der Teppich wird immer stärker fusseln und eher früher als später durchgelatscht sein.

Die Kundin bekam es jedenfalls offiziell und schriftlich, dass sie vom Verkäufer betrogen worden war und gedachte, diese Blitz-Expertise ihrer Beschwerde hinzuzufügen. Wertvoll blieb allein der Hinweis, dass man niemals nie Teppiche auf e-Bay kaufen sollte, schon gar keine günstigen.
„Dabei handelt es sich in der Regel um Ramsch, der von Privatverkäufern quasi vom Sperrmüll geholt und ein bisschen aufgepeppt wurde, und wenn es kommerzielle Anbieter sind, handelt es sich in 95 % der Fälle um nicht minder wertlosen Ramsch, der seit sechzig Jahren im Hamburger Hafen im Lager rumliegt, weil niemand, der ernsthaft Interesse an Teppichen hat, diesen Mist kaufen würde.“

Viel lustiger eigentlich war aber der im Titel angegebene renommierte Kaufmann.
Lustig ist die Begebenheit, wie man erahnen kann, wegen einer nicht zu leugnenden aufkommenden Schadenfreude, die dadurch verstärkt wird, dass es sich bei dem renommierten Kaufmann um den angesehensten (und in seinem Fach wohl durchaus kompetenten) Juwelier der Stadt handelt.

Jener Herr kam also in den Laden und machte sofort einen hochmotivierten Eindruck, und der Teppich, den er unter dem Arm trug, schien damit zu tun zu haben. Er erzählte, er habe vor wenigen Tagen eine Geschäftsreise in den Fernen Osten unternommen und sei dabei mit mongolischen Teppichhändlern zusammengetroffen, von denen er ein hervorragendes Stück erworben habe, für nur 150 E pro Quadratmeter, und nun wolle er die Chefin für eine Kooperation begeistern.

Das amüsierte Lächeln im Mundwinkel der Chefin konnte mir nicht entgehen, und das, nachdem sie nur einen kurzen Blick auf das „Sample“ geworfen hatte. Es handelte sich, wie im Falle der beschriebenen Dame,  um eine maschinell hergestellte und chemisch auf Glanz optimierte Kopie eines persischen Teppichs, Marktwert: 0. In Buchstaben: Null.
(Man nennt diese Teppiche im Fachjargon übrigens „Blender“.)

Dem Herrn Juwelier fiel die Kinnlade. Er hatte drei Stücke gekauft.
„Zu diesem Preis ein Original zu bekommen, das auch einen Wiederverkaufswert hat, ist eine Utopie. Sehen Sie, wenn ich in den Orient fahre, um Teppiche zu kaufen, sehe ich in den Basaren eine Menge verlockend aussehenden Schmuck. Aber ich kaufe nichts davon, weil ich von Schmuck keine Ahnung habe; das wiederum ist Ihr Geschäft.“

Der Herr Kaufmann packte den mitgebrachten Teppich mit zerknirschtem Gesicht in seinen Kofferraum. Damit werde er sich den Boden seiner Garage auslegen, sagte er.

Vielleicht sollten sich die beiden mal zu einer gemeinsamen Geschäftsreise koordinieren?
Das zu einem schelmischen Grinsen ausgewachsene amüsierte Lächeln wollte jedenfalls bis zum Abend nicht aus ihrem Gesicht weichen…

8. Februar 2008

Dating Doctor auf MySpace

Filed under: Filme — 42317 @ 22:54

 Eben durch Zufall gefunden:

Neil Strauss

Das ist eines der irrsten Videoblogs, das ich je gesehen habe…

Begegnungen – der Auswanderer

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 13:04

Eigentlich nur eine ganz kurze Angelegenheit.
Da war ein Herr bei uns, um die 60, in einem guten Anzug, der offenbar zu den „guten Kunden“ gehörte. Die Chefin erkannte ihn sofort wieder und er brachte einen Teppich zur Reinigung, den er vor etwa 20 Jahren an Ort und Stelle gekauft hatte. Er plauderte ein bisschen mit ihr und aus dem Gespräch erfuhr ich, dass er aus Trier stammte, aber seit 10 Jahren aus geschäftlichen Gründen in Berlin wohnte. Nur habe er hier noch Verwandtschaft, die er gerade besuche, und er würde seinen Teppich doch nirgendwo sonst abgeben wollen.

Während des Gesprächs machte ich mich mit Halina daran, den gebrachten Teppich auf Flecken und Schäden zu untersuchen und anschließend zu vermessen, da die Reinigung über einen Quadratmeterpreis berechnet wird. Dann packte ich den Teppich zusammen, um ihn auf den Wäsche-/Reparaturenstapel zu legen und der Kunde fragte mich:
„Sind Sie aus Trier?“
„Nein, ich bin Saarländer… warum?“
„Sie reden so…“ 

Schock

Dass er damit wohl Ausrutscher in meinem Hochdeutsch meinte, macht die Sache nicht besser… 🙂

7. Februar 2008

Begegnungen – Richie Rich

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 23:16

Theoretisch eine tolle Sache. Um 17:45 Uhr beginnen die Gedanken bereits um das Schließen des Ladens zu kreisen und man beschäftigt sich mit Dingen, die noch schnell gemacht werden müssen, meist Aufräumen, zurück in den Stapel, oder das Entfernen dicker Staubflusen, die überall dort und immer dann entstehen, wenn Teppiche in Bewegung geraten, bzw. Reibung ausgesetzt sind.

Das war jedenfalls so ein Moment, als noch einmal die Türglocke Laut gab und ein reichlich studentisch aussehender junger Mann den Laden betrat. Blond, Anfang bis Mitte 20, lässige Cordjacke, blaue Jeans mit Überlänge, an den Fersen der Turnschuhe durchgelatscht und zerrissen. Normalerweise sind das in der Tat Studierende, die mit ARO finanziell besser bedient wären, weil bei uns auch ein „Sperrmüllteppich“ – das ist ein gebrauchtes Stück, den niemand mit einem mindestens vier- bis fünfstelligen Bankguthaben noch nehmen würde – mindestens noch 100 E kostet.

Der späte Kunde aber äußerte gleich zwei konkrete Fragen. Erstens interessierte er sich für die Buddhastatuen, die seit einiger Zeit in der Teppichgalerie herumstehen, und zweitens wollte er Galerien sehen, bis 4,50 m Länge.
Kein Problem. Die Chefin war noch am Telefon und ich ging mit ihm zu dem entsprechenden Stapel, wo ich ihn fragte, an welche Art, bzw. an welchen Stil von Galerie er denn gedacht habe. Das sei egal, sagte er, es müsse ihm nur gefallen. Hm, Kelim müsse es aber nicht unbedingt sein.
Das war so der Zeitpunkt wo die Chefin dazukam, und der Kunde begrüßte sie gleich zum Auftakt schonmal in Farsi (was mir natürlich nachher gesagt werden musste, weil die fremdartige Lautäußerung nicht gleich in meinem Gehirn ankam). Dann gingen wir die Teppiche durch und es stellte sich heraus, dass er mit den grundlegenden Mustern und Stilen vertraut war. Seltsam fand ich nur, dass er nicht wusste, wo Buchara liegt.

Das liegt in Usbekistan, und nicht in Turkmenistan, aber man korrigiert weder den Chef öffentlich noch einen Kunden überhaupt, ich spürte bereits so ein Zucken an der Zungenwurzel, als der erwachsene weibliche Bestandteil des vor einigen Tagen erwähnten Ehepaars sich im Rahmen eines kulturellen Vergleichs zu der Aussage verstieg, die „Eskimos“ hätten 200 Wörter für Schnee…
Egal.

Jedenfalls erzählte der aktuelle Kunde, er sei mit solchen Teppichen aufgewachsen und wolle sich nun in Trier eine Wohnung einrichten. Beim „Durchblättern“ des Stapels stießen wir dann auf einen schönen Turkmenen, der ihn interessierte. Wie groß der sei, wollte er wissen. Dem Standardprocedere folgend, las die Chefin die ganze Beschreibung vor, die auf dem kleinen, mit einer dicken Schnur angenähten Schild geschrieben steht, sowas wie:
„Turkmen – 4,85 m x 90 cm – Preis: …„, und da fiel er ihr ins Wort und sagte allen Ernstes:
„Ach, der Preis ist egal, der sieht gut aus.“

Dann interessierte er sich noch für kleine Stücke, die man an die Wand hängen kann, vielleicht etwas aus Seide? Wir zeigten ihm einen in blau gehaltenen Ghoum (auch „Ghom“ oder „Qom„, je nach Transkription) im Größenbereich 60 x 40 cm, der ihm ebenfalls gefiel. Den Preis ließ er sich nennen, sagte aber daraufhin, dass dies das Limit sei, weil ihm nur 8000 E für seine Einrichtung zur Verfügung stünden. Aha. Nur.

Da war’s schon 18:05 Uhr. Aber wen interessiert die Uhrzeit, wenn die Kasse nachher stimmt? Jedenfalls fiel ihm dann zuerst der Samowar (ein traditioneller russischer Wasserkocher) und dann die verzierten Deckenlampen auf. Beides unverkäuflicher Privatbesitz, aber das machte ihm nicht aus. Er sei regelmäßig in Moskau und er versuche immer wieder, auf dem Markt etwas schönes in der Art wie unseres Samowars zu finden, wenn auch bislang vergeblich.
In irgendeinem kunstgewerblichen Zusammenhang erwähnte er auch Reisen nach Lissabon, aber ich habe die Details vergessen. Ebenso, wie er die halbe Zeit fast ununterbrochen plauderte, über fremdländische Dinge, die Otto Normaldosenbiertrinker nicht einmal wahrnimmt.
Und über die Lampenschirme meinte er lachend, er könne sie durch das Schaufenster hindurch abfotografieren, da er in Amsterdam eine Kunstschmiedin kenne, die sie ihm nachfertigen könne.

Warum er in dem selben Satz erwähnte, dass es sich bei der Person um eine aschkenasische Jüdin handele, ist mir nicht klar geworden, allerdings muss ich ihm Tribut dafür zollen, dass er das Wort überhaupt kennt und weiß, was es ist. Hätte ich nicht im Sommer ein Buch über jüdische Kultur gelesen, wüsste ich es auch nicht.

Um 18:15 Uhr ließ er sich dann die Daten der Stücke aufschreiben, die ihm gefallen hatten, und sagte, er müsse nochmal darüber schlafen, und dann ging er auch.

Die Chefin guckte mich verdattert an. „Herr Schwarz, was war denn das?“
Ich hatte mit der Frage schon irgendwie gerechnet. „Sein Auftreten ist zwanglos, seine Kommunikation ist natürlich. Seine Welterfahrenheit ist schon beinahe zu schön, um wahr zu sein, einzig das Detail, dass er Buchara nicht zuordnen konnte, ist seltsam.“
Es wäre jedenfalls ein gut vorbereiteter Gag gewesen.
Sie wandte sich zur Tür, um sie abzuschließen. „Der hatte schon Ahnung. Hat mich übrigens in Farsi begrüßt. Da war ich platt.“

Wiedergesehen haben wir ihn seither nicht, aber man weiß ja nie.

2. Februar 2008

Begegnungen – die Familie

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 17:26

Ich stelle immer wieder fest, dass man im Dienstleistungsgewerbe interessante Begegnungen mit seltsamen Menschen hat, bzw. dass man interessante Begebenheiten erleben darf, was nicht letztendlich der Grund dafür ist, warum ich den Job eigentlich sehr gern mache. In den letzten beiden Wochen waren es aber drei kurz nacheinander, die ich erwähnen möchte.

Kurz vor der Messe war ein Ehepaar im Laden, das einen modernen Teppich ohne ein prototypisches Orientmuster suchte. Ich sage deshalb „prototypisch“, weil Otto Normaldosenbiertrinker beim Stichwort „Orientteppich“ an einen Isfahan oder Keshan denkt, bzw. an diese Muster, weil er nicht weiß, dass man es Isfahan/Keshan, benannt nach dem jeweiligen Handelsplatz dieser klassisch-persischen Muster, nennt. (Es existiert auch u.a. die Umschrift „Kashan“). Viele Muster, wie zum Beispiel Rauten auf Kelim (Webteppiche) oder Gabbeh (eine Art von Design) sind ebenfalls klassisch, werden aber mangels Bekanntheit als modern wahrgenommen. Außerdem zählt man auch chinesische Teppiche zu den Orientalen.

Besagtes Ehepaar hatte nun auch zwei Kinder dabei, einen Jungen von fünf Jahren und ein blondes Mädchen, vielleicht sieben Jahre alt. Da sich ein längeres Beratungsgespräch entspann, während dem ich nur in Bereitschaft in der Gegend rumstand, für den Fall, dass die Kunden etwas bestimmtes sehen wollten oder sollten, begannen die Kleinen nach zwei vollen, langweiligen Minuten, ihre Schuhe auszuziehen und fröhlich auf den Teppichstapeln herumzuturnen. Der Vater fragte, ob das in Ordnung sei und es wurde gestattet. Die Töchter des Hauses haben das in dem Alter auch gemacht, also warum nicht. Nur von den kleinen Stapeln sollte man runter bleiben, weil die schnell umkippen, und von den gerollten Teppichen, denn die sind deshalb gerollt, weil sie keine Knicke vertragen.

Weitere knapp zehn Minuten später waren die Teppichstapel allein zu langweilig geworden, also zupfte mich das Mädchen am Ärmel und sagte bittend: „Spiel mit uns!“ und „Du musst uns fangen!“
Fangen spielen im Laden? Nee, das geht nicht. Außerdem bin ich mir dafür zu alt.
Daraufhin wurde ich unter fröhlichem Lachen hin und her geschubst (das heißt, es wurde versucht), und die Freude war groß, als ich dabei rückwärts über einen dick zusammengefalteten Kundenteppich stolperte und mich zwangsläufig in einer Sitzposition wiederfand. Sofort hatte ich 40 Kilo Kindfleisch auf dem Rücken, die mich dazu aufforderten, sie durch die Gegend zu tragen. Also tat ich ihnen den Gefallen und trug sie zu einem Stapel  weiter vorne, wo ich sie vorsichtig wieder absetzte.

Zu guter Letzt wurde ich von den Stapeln aus angesprungen, um dieses Herumtragen zu wiederholen. „Sie müssen es deutlich sagen, wenns Ihnen zuviel wird,“ sagte der Vater zu mir, aber ich winkte ab und sagte „Ich hab ein dickes Fell.“
Dennoch muss ich gestehen, dass die Angelegenheit mit der Zeit anstrengend wurde, und nach einer Viertelstunde holte die Chefin den Hund runter, damit die Kinder von mir abließen und sich mit dem sanftmütigen Hund beschäftigen konnten, was sie auch prompt taten.

Der Hund ist es von klein auf gewohnt, dass Kinder auf die Stapel kletterten und er sie von unten „bedrohlich“ anbellt, und wenn sie auf den Boden wollen, zwickt er sie ins Bein. Nicht fest, eher andeutungsweise, und niemand der Anwesenden hatte da irgendwelche Bedenken. Es wäre auch unnötig gewesen.
Bis zum Ende der Beratung hatten es die Kinder jedenfalls geschafft, den Hund ebenfalls zu ermüden, aber es wird mal ganz gut für ihn gewesen sein, so verwöhnt und kugelrund wie er ist.

Als es dann vorbei war und die Kunden drei Teppiche zur Ansicht mitgenommen hatten, sagte die Chefin zu mir: „Die haben Sie aber schön auf Trab gehalten, was?“
„Ja, allerdings,“ gab ich zurück, „und ich hätte auch nicht gedacht, dass mich der Hund mal retten würde.“