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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

16. Februar 2008

Im Wilden Osten

Filed under: Filme,Japan — 42317 @ 18:51

Vor „dausendundeinem Jahr“ habe ich, ich erinnere mich nicht, wo, einen interessanten Spruch gefunden, den ich sofort in meine Zitatensammlung aufnahm:

„Wenn Du Dir vorstellen kannst, den Terminator oder den schweigsamen Revolvermann zu spielen, dann bist Du ein Rollenspieler. Wenn Du Dir aber vorstellen kannst, wie Clint Eastwood den Terminator an der Seite von Schwarzenegger als Obiwan Kenobi in einer Star Wars Neuverfilmung verkörpern würde, dann bist Du ein verdammt guter Rollenspieler.“

Hasta la vista, Vader?

Natürlich ist das nur ein Jux, aus meiner Sicht sogar Blödsinn, denn P&P Rollenspiele hatten für mich immer was mit Spaß und Stressabbau zu tun, und nichts mit schauspielerischen Leistungen, aber etwas in dieser Art musste sich Miike Takashi gedacht haben, als er sich das Setting für „Sukiyaki Western Django“ ausdachte. Man müsste obige Aussage etwa so zurechtbiegen:

„Wenn Du Dir vorstellen kannst, wie der einsame Rächer das geplagte Volk vor dem Machthunger Taira (Heike) no Kiyomoris und Minamoto (Genji) no Yoshitsunes in einer Neuinterpretation des Heike Monogatari retten könnte, dann hast Du wahrscheinlich einen Krug Sake zu viel getrunken.“

Aber genauso ist es gekommen. Nach einem kurzen Prolog mit absichtlich schaurig-schlechter Kulisse, in dem man einen Sukiyaki essenden Quentin Tarantino bewundern kann, der Katori Shingo erschießt, wechselt die Szenerie zu einem dunklen, nebligen Landstrich.  Ein einsamer Reiter erreicht ein kleines Nest mit dem Namen „Nevada“, was man scheinbar hervorragend auch mit japanischen Kanji schreiben kann. Es schreibt sich mit „Wurzel“ („ne“) und „Feld“ („batake“): ??.

Japanisch-großzügig hat man die letzte Silbe von „Batake“ ignoriert und baut phonetisch auf den nicht vorhandenen Unterschied zwischen den Lauten „b“ und „w“ im Japanischen.

Der Ort bietet ein interessantes Bild. Auf den ersten Blick würde man ein klassisches Westernkaff vermuten, wäre da nicht das typisch japanische Tempeltor (mit einem Erhängten) am Ortseingang. Auch die Hauptquartiere der verfeindeten Gruppen, der Heike (in Rot) und der Genji (in Weiß), muten sehr asiatisch an. Das schmutzige Erscheinungsbild der dargestellten Leute ist eine optische Täuschung, vermutlich durch einen Filtereffekt hervorgerufen. Die durch ihre Muster an niedere Yakuza-Fußtruppen erinnernden, eigentlich modernen, Outfits sind bei genauerem Hinsehen in bester Verfassung.

Zwischen den Stühlen befindet sich ein unsympathischer Sheriff mit gespaltener Persönlichkeit, der versucht, das Beste aus seiner Situation zu machen, das heißt, er versucht, sich bei beiden Seiten einzuschmeicheln.

Beide Gruppen werben um den Fremden, der mit seiner Waffe umzugehen weiß, aber der entscheidet sich für eine neutrale Unterkunft. Er erfährt, dass die Heike auf der Suche nach einem Schatz hergekommen seien und die Einwohner für den Zweck des Suchens und Grabens versklavt hätten. Als kurze Zeit später die Genji eintrafen, wurden sie als Befreier begrüßt, da sie die Heike in Schach hielten, aber auch die „Weißen“ waren nur hinter dem Gold her und verfügten willkürlich über die vorhandenen menschlichen und materiellen Resourcen.

Wer den Film „Für eine Handvoll Dollar“ kennt, weiß, wie die Geschichte weitergeht.
Der einsame Reiter entschließt sich, den armen Leuten zu helfen und befreit eine Frau aus den Fängen der Bösen, wird ganz heftig verprügelt, erholt sich, kommt zurück und es kommt zum Endkampf.

Ein paar Änderungen gibt es natürlich. Zum Beispiel „Bloody Benten“, im Rahmen des Handlungsuniversums eine Legende unter Revolverschwingern, und natürlich die ganzen Einstreuungen aus der klassischen japanischen Literatur, auf Grundlage derer hier der Gempei-Krieg im kleinen Rahmen und unter neuem Gewand nach Nevada verlegt wird.

Das Wetter verändert sich mit der Zeit radikal, und das finde ich interessant – zuerst der ungemütliche Nebel, kurz darauf das hitzegeplagte Wüstenkaff, dann regnet es in der Mitte der Geschichte stark, worauf sich alles in Morast verwandelt, und während des Showdowns beginnt es zu schneien.

Es ist alles irgendwie irre. Ein bisschen Sergio Leone, ein bisschen Kurosawa Akira, ein kleines Stück Clint Eastwood (der Reiter ist nämlich einsamer, als er schweigsam ist), und ein Hauch von William Shakespeare. Taira Kiyomori ist nämlich von der Lektüre „Heinrich VI.“ so angetan, dass er sich von seinen Leuten fortan „Henry“ nennen lässt.

Wie er allerdings gerade auf Heinrich VI. gekommen ist, um sich nach ihm zu benennen und um seine Leute auf den Sieg einzuschwören, ist mir völlig schleierhaft – schließlich ist Henrys Haus Lancester, dessen Wappen die rote Rose ist, von den Yorks, mit der weißen Rose, geschlagen worden. Und nicht nur geschlagen, sondern auch ausgerottet. Ist das eine Dummheit des Charakters oder ein Mangel an Autorenrecherche? Ich komme in dieser Frage zu keinem Ergebnis, tendiere aber zu der Meinung, dass man dem wissenden Zuschauer damit einen Hinweis auf das Ende geben will.

Wirklich irre ist allerdings, dass alle japanischen Schauspieler Englisch sprechen. Nein, nicht als Synchro, sondern „in echt“, im Originalton. Das führt zu dem paradoxen Zustand, dass ich von dem Film vermutlich mehr verstanden hätte, wenn sie Japanisch geredet hätten. Ihr Englisch ist extrem mit japanischem Akzent versetzt, und dazu kommt noch, dass, so nehme ich persönlich an, alle Dialoge erst auf Japanisch geschrieben und dann ins Englische übersetzt wurden. Die Zeile „Now I can risk my life to the death“ halte ich nicht für natürliches Englisch.

Insgesamt: Ein Spaß, den man sich mal geben sollte. Die Schwächen sind in erster Linie oberflächlich, denke ich, denn die Story, wenn sie schon nicht originell ist, ist unterhaltsam und spannend, und man kann dem Streifen auch einen gewissen künstlerischen Anspruch nicht absprechen. Man spürt den Einfluss Kurosawas.

Eine Antwort zu “Im Wilden Osten”

  1. […] Remakes gesehen habe: “Für eine Handvoll Dollar”, “Last Man standing”, und “Sukiyaki Western Django”. “Rashômon” und “Kagemusha” sind in der Fünferbox leider nicht drin, aber […]

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