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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

5. Februar 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 7)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 20:01

Ich sollte auch mal von hinten aufrollen, sozusagen, und gebe wider, was mir von der Weihnachtsfeier berichtet wurde. Just an diesem Tag feierte Melanies Mutter ihren Geburtstag und da konnte ich schlecht wegbleiben. Abgesehen davon wäre es meine erste Feier mit den Chaoten von der Firma und ich konnte mir nicht sicher sein, wie diese Leute sich unter Alkoholeinfluss verhalten würden, der bei dieser Gelegenheit ganz bestimmt reichlich fließen würde. Peter bot mir einen Deal an: Ich würde den Dienstwagen verwenden dürfen, um nach Saarbrücken zu fahren, wenn ich im Anschluss noch zur Feier käme (die ganz unfeierlich in einer Ehranger Dönerbude stattfand). Den Sprit musste ich natürlich zahlen:
Mittels meines Fahrtenbuchs errechnete ich, dass der Sprinter auf 100 km 15 Liter Diesel säuft. Saarbrücken und zurück waren genau 200 km; auch bei Luxemburger Spritpreisen wäre Bahnfahren zu zweit billiger gewesen, wenn auch nicht viel.

Nach einem angenehmen Abend in Saarbrücken machte ich mich also mit Melanie gemeinsam Richtung Trier auf, und im Hunsrück begann es zu schneien. In Hermeskeil lagen bereits 20 cm Neuschnee, die Straßen waren natürlich noch nicht geräumt und ich musste die Reisegeschwindigkeit deutlich zurücknehmen. Das kam mir zugute, als ein vor uns fahrender Wagen plötztlich eine unkontrollierte Wende von 540° machte. Die über 100 m Abstand verkürzten sich auf etwa 15, hätte ich stärker bremsen müssen, wäre dies eindeutig zu Lasten der Fahrzeugkontrolle gegangen. Es ging aber gut und wir kamen nach zwei Stunden zuhause an. Es schneite auch in Trier, also rief ich Peter an und teilte ihm mit, dass ich nicht mehr komme, weil ich mich nicht darauf verlassen könne, nach dem Besuch in Ehrang wieder den Kürenzer Berg hochfahren zu können.

Was sich dort zutrug, erzählte mir Puck, der tatsächlich mit dem Bus hingefahren war. Eingeladen waren nicht nur die Fahrer des Subunternehmens, sondern auch Leute der DG, also das Büro- und Lagerpersonal, der Chef fehlte. Auch Peters Bruder und einer der Fahrer aus Koblenz war anwesend, interessanterweise auch der alte Chef aus Plaidt, der „große Peter“, wie Kalaschnikow gern sagte. Bevor man daran gehen kann, wer von den Fahrern zur Feier kam, sollte man vielleicht besser die Auswirkungen von Nichtanwesenheit beschreiben.
Antonius und Octavia hatten den Tag über nichts gegessen und hatten Hunger, aber Peter hatte beschlossen, dass nichts bestellt werde, bevor nicht alle da seien: Die Stunden vergingen, während derer Octavia sich an den Salzstangen, die als kostenloser Snack auf den Tischen standen, gütlich hielt. Sie hat wohl eine ganze Menge davon gegessen, denn irgendwann muss mal jemand gefragt haben, wer denn eigentlich noch fehle? Nein, ich war’s nicht, weil ich ja angekündigt hatte, dass ich später käme und man nicht auf mich zu warten brauche.
„Der Konrad fehlt noch!“
„Was? Der kommt doch gar nicht!“
Das führte übrigens dazu, dass der fröhliche Winzer am Folgetag kein Wort mit Konrad wechselte, weil er eigentlich mit ihm ausgemacht hatte, sie würden in Hawaiihemden und mit Sonnenhut zur Feier kommen. Nun ja, scheinbar hielt auch der fröhliche Winzer sich nicht an diese Abmachung… es muss auch schwer gewesen sein, mit seinem Nachbarn nicht zu reden, denn schließlich redet er ja sonst ununterbrochen.
Es wurde also bestellt, was die logistischen Möglichkeiten einer Dönerbude natürlich hoffnungslos überlastete. Das Essen brauchte also wieder eine ganze Weile, es war teilweise nicht mehr warm und man bekam wohl auch nicht immer das, was man eigentlich bestellt hatte. Octavia bestellte eine Pizza, gab aber, gefüllt mit Salzstangen, schnell auf und überließ Puck ihr Essen.

Nach dem Essen gab es Partyprogramm und sogar Geschenke. Mein Geschenk erhielt ich am Dienstag nach der Feier… Christbaumschmuck aus Plastik in Rot und Gold. Hat er den Krempel im Ein-Euro-Laden an der Ecke gekauft? Ich habe keine Ahnung von so Zeug, aber es war mit Abstand der hässlichste Christbaumschmuck, den ich je gesehen habe. Auch Konrad erhielt ein Geschenk: Eine Packung mit Pralinen, die er nicht mochte. Wir tauschten also, weil er meinte, der Baumschmuck könne seiner Freundin gefallen.
Dann also noch das Partyprogramm. Peter und sein Bruder veranstalteten ein Quiz, um zu sehen, wie viel die Leute eigentlich über ihren Arbeitsplatz wissen, zum Beispiel, wie viele Touren denn ab Trier gefahren würden. Dann versuchten sich die beiden Brüder darin zu übertreffen, wer den besten Fahrer habe.
„Mein Fahrer kann dies und jenes!“
„Ha! Mein Fahrer kann das und das!“
Was soweit ausartete, dass der von Mike aufgestellte Grundsatz, es solle nicht über die Arbeit geredet werden, untergraben wurde. Er versuchte zu intervenieren, was aber nicht viel brachte, und erst Felix beendete das Arbeitsgespräch:
„Ich hab keine Lust mehr! Ich komm extra zu der Weihnachtsfeier und dann wird doch nur über die Arbeit geredet!“
Ha, Felix! Der Fahrer aus Koblenz war wohl ein großer Fan von Michael Jackson und machte folgenden Vorschlag:
„Ich mach jetzt einen Tanzmove von Michael Jackson vor und dann will ich sehen, wer das nachmachen kann!“
Es handelte sich wohl um eine Art doppelte Drehung, während der man in die Knie geht und wieder aufsteht. Er machte es vollendet vor und dann ging es darum, einen Freiwilligen zu finden, der es ebenfalls versuchen würde – man könnte vielleicht auch sagen, einen, der sich freiwillig melden würde, um sich zum Affen zu machen. Natürlich meldete sich erst einmal niemand, und ohne, dass noch jemand wüsste, wer angefangen hatte, rief die versammelte Mannschaft:
„FELIX! FELIX! FELIX! FELIX!“
Und dann stand der Felix auf, lächelte verlegen und sagte: „Na ja, ich kann das zwar nicht, aber ich versuch’s mal…“
Natürlich bekam er es nicht hin, aber er hatte sich getraut. Allein dafür gebührt ihm mein Respekt, denn ich könnte gar nicht betrunken genug sein, um mich zu sowas überreden zu lassen, und ich habe kein Problem damit, vor Publikum zu singen oder auch Theater zu spielen.

Dürfen Trinkspiele fehlen? Natürlich nicht. Der Kurde erklärte, er könne eine Flasche Bier schneller leertrinken, als irgendjemand sonst. Der fröhliche Winzer nahm die Herausforderung an, es wurde gewettet, Peter ließ da einiges springen, weswegen Mike den Kopf schüttelte und am Montag danach zu mir sagte, da würden Dutzende Euro zum Spaß verpulvert, aber ein Firmenhandy sei scheinbar nicht drin. Nun ja, der fröhliche Winzer trat also im Schnelltrinken gegen den Kurden an. Er setzte die Flasche an den Hals und stürzte alles hinunter. Der Kurde ließ sich Zeit und trank gemütlich, wenn auch ohne abzusetzen. Der fröhliche Winzer forderte daher seinen Anteil an den Wetteinsätzen, aber der Kurde ist ja nicht völlig blöde: „Ach ja? Guck doch mal in Deine Flasche!“
Durch das schnelle Trinken war auch entsprechend schnell Luft in die Flasche gelangt: Es hatte sich Schaum gebildet, der sich erst nachher wieder in Flüssigkeit zurückverwandelte – in der Flasche des fröhlichen Winzers befand sich also noch ein Rest, die Flasche des Kurden war leer, womit er gewonnen hatte.

Es wurde insgesamt nicht wenig getrunken und die Flaschen wurden zur Kühlung schon mal auf das Fensterbrett gestellt. Wie es scheint, versammelte sich vor dem Fenster eine Gruppe Ehranger Jugendlicher, die mit viel Geduld aber wenig erfolgreicher Heimlichtuerei die angetrunkenen Flaschen immer wieder ein kleines Stück weit verschoben, bis sie aus dem Sichtbereich der innen Sitzenden verschwunden waren und abgegriffen werden konnten. Es kam aber scheinbar zu keinen Zwischenfällen deshalb.
Außer getrunken wurde scheinbar auch nicht wenig geraucht, was mir natürlich wenig gefallen hätte. Aber immerhin kam es trotz Alkoholkonsums zu keinen Ausfälligkeiten, eine Party mit den Fahrern könnte also meinem Sicherheitsbedürfnis nicht entgegenstehen.

Springen wir ganz woanders hin: Irgendwas muss ich wohl richtig machen, wenn Kunden mich auf einen Kaffee einladen. In Irrhausen wohnt ein Privatkunde, etwa 40 Jahre alt, denke ich, dem ich Pflegeartikel bringe. Als er das Angebot zum ersten Mal machte, war ich leider recht spät dran – ich muss nicht unbedingt später als 17 Uhr nach Hause kommen, wenn es sich vermeiden lässt. Ich dankte ihm für das Angebot und bot an, der Einladung nachzukommen, sollte ich einmal bis spätestens 1430 Uhr bei ihm sein, was durchaus vorkommen kann. Als ich diese Zeit dann mal schaffte, hatte er bereits Besuch, und beim letzten Versuch hatte ich eine heftige Erkältung mit dickem Kopf und Gliederschmerzen und lehnte erneut ab.

So ein Tag so schön wie jener Freitag? Nie wieder. Ich bin mitten in der Nacht wach geworden, weil meine Blase sich meldete und beim Gang durch die Wohnung wurde mir klar, dass dieser Tag nicht lustig werden würde. Ich war drauf und dran, mich krankzumelden, aber wer sollte die Tour fahren? Ich erwähnte ja bereits, dass meine Tour sich mangels „Nachbarn“ nicht gut verteilen lässt. Und gerade an diesem Freitag sollte die Apothekenumschau übers Band laufen… ich frühstückte also spärlich und der erste Effekt der Erkältung schien aus einer gehobenen Wahrnehmung des Zeitverlaufs zu bestehen. In der Regel setze ich mich um 0400 hin, esse ein paar Scheiben Brot und trinke etwa einen Liter Tee, dann ist es Zeit, die Zähne zu schrubben und mich ins Auto zu setzen, um gegen 0500 im Depot zu sein.

Nicht so an dem Freitag. Ich aß und trank, aber die Zeit wollte nicht vergehen. Ich hatte das Gefühl, eine halbe Ewigkeit da zu sitzen und zu warten, dass die Zeit zum Gehen käme. Früher da zu sein, hat Vorteile, aber viel zu früh da zu sein, bringt auch wieder nichts, weil man bestenfalls in der Halle rumhängen kann und es ist noch keiner da, mit dem man reden könnte.
Irgendwann kam ich aber doch in Ehrang an und die Hiobsbotschaften gingen weiter: Außer dem Büropersonal, Lambert (der mich am Abend zuvor extra angerufen hatte) und mir wusste scheinbar niemand, dass die Apothekenumschau heute laufen sollte. Die Bandaufleger kamen zur üblichen Zeit um 0530 anstatt um 0500, da kochte so manchem Fahrer gleich doppelt die Galle über, denn sie hatten schlicht verpasst, sich den Stichtag einzuprägen und die Leute vom Band verschärften die Situation zusätzlich. Beim spät rauskommen versteht so mancher keinen Spaß, aber immerhin stehen Paletten mit den Zeitschriften bereits lang zuvor in der Halle rum und auf den Paketen ist groß aufgedruckt, wann sie spätestens ausgeliefert werden müssen. Von diesem Datum geht man einen Werktag nach hinten und man weiß, wann sie übers Band laufen, in diesem Fall also Montag und Freitag. Der fröhliche Winzer war also erst einmal gereizt und es dauerte zwei Stunden, bis er seine übliche Laune wiedergefunden hatte – und das war wichtig, weil ein bisschen lachen gerade an dem Tag ganz gut tat.

Nächste böse Sache: Ich war nicht der einzige, den es erwischt hatte: Puck starrte wie ein Zombie vor sich hin, Konrad fühlte sich „platt wie’n Groschen“, Engel sagte, er sei grad froh, dass er stehen könne, Mike bewegte sich ebenso in Schlangenlinien vorwärts, wie ich das tat, Antonius vom Lager hatte sich beim Heben eine Verspannung im Rücken zugezogen und bewegte sich steif wie ein Roboter. Aber alle waren gekommen, immerhin. War das gut? Vielleicht. In dem Zustand, in dem ich mich befand, muss ich Autofahren als grob fahrlässig bezeichnen. Fahren mit irgendwas unter einem Promille muss sich ähnlich anfühlen.
Alkohol hätte aber möglichwerweise die Gliederschmerzen betäubt… bei jedem Aussteigen zog es im Kniegelenk, wenn ich im Stehen hustete, hatte ich das Gefühl, ich hätte mir die Hüfte verrenkt. Aber: Konzentration! Auch der übelste Tag geht einmal vorbei, und er ging vorbei. Ich legte mich früh ins Bett und fühlte mich am Tag darauf schon bedeutend besser, nur ein etwas flaues Gefühl im Magen blieb zurück.

Nun hätte ich gern noch mehr geschlafen, aber nach dem 85. Geburtstag meiner Oma musste ich endlich mal wieder in die Heimat reisen, um meine Aufwartung zu machen, wie man heutzutage ja nicht mehr sagt. Ich war ja schein seit November nicht mehr zu Besuch gewesen und hatte erstmals mit der „traditionellen“ Rundreise zu Weihnachten gebrochen. Es ging aber besser, als ich dachte, und am Sonntag war ich fast wiederhergestellt und am Montag wieder fit – pünktlich zur bislang kältesten Woche des aktuellen Winters.

Hei, was ein Spaß! Die Hauptstraßen waren weitgehend frei, weitgehend, aber die Nebenstraßen in den windigen Dörfern im Bereich Zemmer-Orenhofen-Speicher und natürlich weiter nördlich in der Eifel waren dick vereist. Einem Kunden musste ich seine beiden 30-Liter Lackfässer über 100 m zu Fuß an die Tür bringen, weil ich die Steigung mit dem Lieferwagen nicht hochkam. Ich ging stattdessen über die Wiese neben dem Bürgersteig, weil dort kein Eis, sondern eben nur Schnee lag. Ansonsten machten die Straßenverhältnisse keine Probleme, obwohl sie für spannende Momente sorgten. An einer Stelle rutschte ich auf der Landstraße aus der Kurve in den Graben und dachte mir schon in dem Moment, dass ich da nie und nimmer wieder rauskäme. Stattdessen schubste mich wohl eine Art Jojoeffekt wieder zurück. Ich hielt an der nächsten Einbuchtung an und besah mir die betroffene Seite: Keine Schäden. Nur wieder einmal Erde und Gras am Unterboden.

Immerhin blieb die kalte Woche trocken, was eine neue Eisbildung verhinderte, und bei sonnigem Wetter ist das Leben angenehmer, außerdem lief im Depot die Heizung, sodass wir immerhin auf über 10° C kamen. Ob das an mir liegt? Wohl nicht… aber ein paar Tage zuvor war es schon einmal sehr kalt gewesen und man konnte im Depot den eigenen Atem sehen. Als ich dann mit kalten Fingern und unterkühltem Gesicht zur Ablaufkontrolle ging, um meine Papiere zu holen, fragte ich den Chef dort, wie kalt es eigentlich werden müsse, damit die Statuten der DG Trier es erlaubten, dass die Heizung eingeschaltet werde. Das müsse er sich noch überlegen, sagte er. In Anlehnung an den englischen König Edward I. in Braveheart machten wir schon Witze: „Die Halle zu heizen kostet Geld – kranke Fahrer von Subunternehmen kosten gar nichts.“

Die Fahrzeuge sind jedoch außen ziemlich schmutzig; der Schlamm am Straßenrand ist zwar gefroren, aber Streusalz setzt sich trotzdem an der Karosserie fest. Aus dem Plan, das schädliche Salz abzuwaschen, wurde jedoch nichts, weil die Waschanlage wegen der niedrigen Temperaturen außer Betrieb ist!
Peter hat mich im Januar zum Kontrolleur des Reinigungszustands der Fahrzeuge berufen: Im Winter eine undankbare Aufgabe, denn zum einen fliegt einem das Streusalz nur so um die Ohren, und zum anderen werden die Fahrzeuge bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt bei Schmuddelwetter von Montag auf Dienstag wieder schmutzig. Ich kontrolliere daher aktuell nur das Innere der Fahrzeuge, ob also mal ausgekehrt und abgestaubt wurde und ob irgendwelcher Müll drin liegt. Darüber hinaus kontrolliere ich auch die Führerscheine, weil es wohl schon vorgekommen ist, dass Fahrer am Wochenende ihren Führerschein verloren und nichts davon sagten: Sollten sie ohne gültige Fahrerlaubnis erwischt werden, droht nach den mir vorliegenden Informationen ein Bußgeld von 1000 Euro, und zwar für den Fahrer UND für die Person, die für die Kontrolle zuständig ist. Der Unwille ist groß, denn schließlich wird niemand gern kontrolliert, und letztendlich schwingt bei sowas auch immer eine Unterstellung, ein Generalverdacht, mit.

Gelesen: Der Graf von Monte Christo

Filed under: Bücher,Manga/Anime — 42317 @ 17:45

Die Notizen sammeln sich… schneller, als ich ausformulieren kann (davon, dass ich bei jeder sich prinzipiell bietenden Gelegenheit nicht auch die notwendige Motivation dazu aufbringe, ganz zu schweigen). Ich muss ja zugeben, dass gewisse Möglichkeiten der Kurzweil mich manchmal eine ganze Weile aufhalten… Civilization zum Beispiel, nach dem Kauf eines neuen Flachbildschirms wieder verstärkt CounterStrike, oder in letzter Zeit auch Railroad Tycoon. Abgesehen davon habe ich mir die Zeit genommen, „Der Graf von Monte Christo“ von Dumas zu lesen. Nachdem ich vor ein paar wenigen Jahren die SciFi-Animeversion gesehen hatte, dachte ich mir, ich könnte die Vorlage mal lesen, und in Abwesenheit ausreichender Französischkenntnisse musste das halt die deutsche Ausgabe sein. An dieser Stelle also ausnahmsweise kein „Roadmovie“, sondern ein bisschen Literaturrezension.

Vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse im Frankreich des Jahres 1814 wird ein junger Mann mit dem Namen Edmont Dantes am Vorabend seiner Hochzeit als Folge von Neid, Missgunst und Egoismus auf einer Gefängnisinsel unweit von Marseille eingekerkert, ohne zu verstehen, was man ihm vorwirft und ohne je einen Richter gesehen zu haben.
Er verbringt 14 Jahre in Einzelhaft, gelangt aber durch heimliche Kommunikation mit einem Mitgefangenen an das Wissen über das riesige Vermögen einer mittlerweile ausgestorbenen Familie, das ein Opfer Cesare Borgias in Vorahnung seines baldigen Todes auf der italienischen Insel Montecristo versteckt hatte.
Nach dem Tod des Zellennachbarn gelingt ihm die Flucht, er eignet sich den Reichtum an und verbringt neun Jahre mit der Vorbereitung seiner Rache an den Leuten, die ihn ins Gefängnis gebracht haben, indem er alle auffindbaren Informationen über soziale Netzwerke, Geschäftsbeziehungen und auch alte Sünden, die sprichwörtlichen Leichen im Keller, einzieht, er lernt mehrere Sprachen bis zur Vollendung und baut selbst ein Netzwerk aus Geschäftspartnern, Freunden und Helfershelfern auf, das den gesamten Mittelmeerraum zu umspannen scheint. Er kommt als Graf von Monte Christo zurück (legt sich aber noch andere Tarnidentitäten zu) und vernichtet seine Widersacher, die mittlerweile zu Macht und Wohlstand gelangt sind.

Wenn man sich einmal an den antiquierten Sprachstil gewöhnt hat, liest sich die Geschichte sehr gut und auch schnell, obwohl ich sagen muss, dass die verwendeten Bauelemente manchmal ein bisschen simpel gehalten scheinen.

Schön ist zum Beispiel, wie aus dem Gefangenen Edmont der Graf wird:
Er wird eingekerkert und wird von einem nicht unfreundlichen Wärter bewacht, der ihn mit Namen anspricht. Nach einer Weile wechselt der Gouverneur der Insel und der Wärter geht mit. Der nachfolgende Wärter macht sich nicht die Mühe, sich die Namen der Gefangenen zu merken und ruft sie nach ihrer Zellennummer. Dantes, nun „Nummer 34“, verliert also seine Identität, was man ja scheinbar braucht, um sich eine neue anzueignen.
Durch seinen Zellennachbarn gelangt Nummer 34 also im Laufe der Jahre zu einer höheren Bildung, die es ihm später ermöglicht, sich realistisch als Aristokrat oder zumindest als Mitglied der gehobenen gesellschaftlichen Schicht auszugeben, denn Kleider machen zwar Leute, aber wenn einer, der sich „Graf“ nennt, weiterhin den Sprachstil eines Marseiller Seemanns verwendet, dann fällt das auf. Nun ja, zumindest realistisch betrachtet, denn es fällt in dieser Geschichte nicht wirklich auf, weil die einfachen Leute, die den jungen Seemann Dantes umgeben, nicht anders reden als die Aristokraten, die zu Wort kommen. So gern Dumas historische Figuren in seine Geschichten einband, so wenig wollte er sich wohl gleichzeitig mit dem Studium realistischer Soziolekte belasten. Das kann man ihm nicht nachtragen, denn er wollte ja wohl unterhalten und keinen Beitrag zur linguistischen Forschung seiner Zeit leisten.
Angesichts seines nahenden Todes weiht ihn der Mitgefangene schließlich in das Geheimnis des Schatzes ein, von dessen Existenz er überzeugt ist, was ihm jedoch niemand glaubt. Das Geldversteck befindet sich auf der Insel Montecristo und so fällt die Wahl des identitätslosen Gefangenen für seine neue Identität auf diese Bezeichnung.

Auffällig ist ebenfalls, wie das Vorleben der zu bestrafenden Personen die sie treffende Strafe beeinflusst: Hat sich die Person des Todes eines Menschen schuldig gemacht, so muss er oder sie sterben. Diejenigen, die sich nur moralischer oder nicht-tödlicher Verbrechen schuldig gemacht haben, dürfen leben. Leider schien es Dumas zum Ende seiner Erzählung hin eilig gehabt zu haben, weil das endgültige Schicksal zweier Charaktere, Benedetto, der jemanden getötet hat, und Danglars, der sich nur bereichert hat, unausgesprochen bleibt, wobei ersterer sich in seiner letzten Szene im Gerichtssaal befindet, wo er den Mord (oder einen davon) zugibt, und letzterer befindet sich in der Hand italienischer Banditen. Das Ende läuft irgendwie zackzackzack und lässt meines Erachtens die Ausarbeitung vermissen.
Übrigens verhindert nur die Rückbesinnung auf Edmont Dantes, dass der Graf selbst jemanden tötet, womit er ja selbst in das hier präsentierte Muster der Wechselwirkung von Verbrechen und Strafe gefallen wäre. Zwar tötet auch ein anderer, positiver Charakter eine Person, dies aber in einem fairen Duell frei von niederen Beweggründen, und Rache, der Antrieb des Grafen, ist ein niederer Beweggrund, der somit sein Ableben im Augenblick des Triumphs aus literarischer Sicht hätte notwendig machen können. (Der Duellist findet sich aber anderweitig vom Schicksal gestraft.)

Die Japaner haben sich in ihrem Anime übrigens in keiner Weise für diese Wechselwirkung interessiert: Da kommt es zu einem (oder dem) Duell und einer muss dran glauben – womit ein bedeutendes Standbein der in der Romanvorlage dargelegten Moralvorstellung von Verbrechen und Strafe missachtet wurde. Entweder sie haben es nicht erkannt oder sich gedacht, scheiß drauf, wenn einer stirbt, fesselt das den Zuschauer mehr, als wenn es knapp verhindert wird. Sie begründen die allgemeine Handlungsweise des Grafen aber auch anders, weil er im Anime nicht einfach nur sprichwörtlich von Rachsucht, sondern de facto von einer Art Dämon besessen ist. Diese Einflussnahme durch eine dritte Entität entschuldigt dann scheinbar die Abweichung.

Ganz lupenrein bleibt der Graf aber dennoch nicht, es gibt zwei Punkte, von denen ich annehme, dass der Autor sich nichts dabei gedacht hat.
Zum einen gibt es einen Stelle, an der Albert von seiner Mutter gewarnt wird, sich vor dem Grafen in Acht zu nehmen, aber er, der vom Grafen kurz zuvor aus den Händen italienischer Banditen gerettet wurde, antwortet nur, dass der Graf weder spiele noch Alkohol trinke, wo solle also die Gefahr sein? Nun ja, abgesehen von literarischen Erwägungen wird von dem Grafen eindeutig gesagt, dass er Haschisch in Geleeform zu sich nimmt, und dass er sich aus kantonesischem Opium und irakischem Haschisch Pillen fertigt, mit deren Hilfe er eine Wirkung erzielt, für die man heutzutage wohl RedBull verwendet. Dieser Drogenkonsum wird in keiner Weise negativ dargestellt. Interessant dabei ist, dass ebenfalls an mehreren Stellen ausgesagt wird, dass der Graf kaum Nahrung zu sich nehme; er lädt zu opulenten Mählern ein, rührt aber selbst kaum etwas an – dabei dachte ich, dass der Wirkstoff im Haschisch den Appetit anrege? Vielleicht ist diese Erkenntnis jünger als das Buch und Dumas hat es nicht gewusst.

Aber wie dem auch sei, der zweite Punkt, der mir bei den vernachlässigten und ungesühnten Machenschaften Monte Christos auffällt, ist die Art und Weise, wie er den Bankier Danglars angreift: Der Graf manipuliert die Börse und die Unternehmen, von denen Danglars abhängg ist; an mehreren Stellen findet sich die Aussage, dass es in dem Umfeld zu Bankrotten gekommen sei, in deren Verlauf Danglars Millionen an Investitionen verliert. Sollte da nicht jedem auffallen und aufgefallen sein, dass hierbei Unschuldige, billigend in Kauf genommen, ins zumindest wirtschaftliche Unglück gestürzt werden, um jemand ganz anderen zu treffen? Dantes‘ Gönner Morrel stand kurz davor, sich angesichts seiner Zahlungsunfähigkeit eine Kugel durch den Kopf zu schieben, man müsste wohl davon ausgehen, dass es in den vom Grafen ruinierten Unternehmen zu solchen Fällen gekommen ist – Familienschicksale also, deren Verlauf selbst als Vorlage für Rachegeschichten dienen könnte. Stattdessen bieten diese Ereignisse nur den Hintergrund, anhand dessen sich der unkritische Leser schadenfreudig am Niedergang des habgierigen Danglars erfreut.

Was mich wohl am meisten stört, ist die unangefochtene Über- und Allmacht des Grafen. Sein Reichtum gibt ihm Möglichkeiten der Einflussnahme, wie man sie in Computerspielen nur im Cheatmodus erreicht, seine Pläne sind perfekt, das eine Ereignis, das er weder vorhergesehen noch gewollt hat, hat keinerlei Auswirkungen auf den Gesamtverlauf und bleibt in der Kategorie „Kollateralschaden“, und an keiner Stelle ist der von ihm erdachte Ablauf der Ereignisse in irgendeiner Weise von einem Scheitern bedroht. In dieser Hinsicht fehlt dem Ganzen ein bisschen die Spannung, ob unser Held es nun schaffen wird oder nicht (obwohl jeder, der sich nur ein bisschen mit dem Geschichtenerzählen auskennt, weiß, dass der Held es immer schafft und sich nur die Frage des konkreten „Wie“ stellt), aber ich wage zu behaupten, dass jede Geschichte durch einen handlungsfähigen Gegenspieler an Reiz gewinnt. Im Buch von Dumas sind alle handelnden Personen nur passive Figuren auf dem Schachbrett des Grafen von Monte Christo.