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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

5. Februar 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 7)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 20:01

Ich sollte auch mal von hinten aufrollen, sozusagen, und gebe wider, was mir von der Weihnachtsfeier berichtet wurde. Just an diesem Tag feierte Melanies Mutter ihren Geburtstag und da konnte ich schlecht wegbleiben. Abgesehen davon wäre es meine erste Feier mit den Chaoten von der Firma und ich konnte mir nicht sicher sein, wie diese Leute sich unter Alkoholeinfluss verhalten würden, der bei dieser Gelegenheit ganz bestimmt reichlich fließen würde. Peter bot mir einen Deal an: Ich würde den Dienstwagen verwenden dürfen, um nach Saarbrücken zu fahren, wenn ich im Anschluss noch zur Feier käme (die ganz unfeierlich in einer Ehranger Dönerbude stattfand). Den Sprit musste ich natürlich zahlen:
Mittels meines Fahrtenbuchs errechnete ich, dass der Sprinter auf 100 km 15 Liter Diesel säuft. Saarbrücken und zurück waren genau 200 km; auch bei Luxemburger Spritpreisen wäre Bahnfahren zu zweit billiger gewesen, wenn auch nicht viel.

Nach einem angenehmen Abend in Saarbrücken machte ich mich also mit Melanie gemeinsam Richtung Trier auf, und im Hunsrück begann es zu schneien. In Hermeskeil lagen bereits 20 cm Neuschnee, die Straßen waren natürlich noch nicht geräumt und ich musste die Reisegeschwindigkeit deutlich zurücknehmen. Das kam mir zugute, als ein vor uns fahrender Wagen plötztlich eine unkontrollierte Wende von 540° machte. Die über 100 m Abstand verkürzten sich auf etwa 15, hätte ich stärker bremsen müssen, wäre dies eindeutig zu Lasten der Fahrzeugkontrolle gegangen. Es ging aber gut und wir kamen nach zwei Stunden zuhause an. Es schneite auch in Trier, also rief ich Peter an und teilte ihm mit, dass ich nicht mehr komme, weil ich mich nicht darauf verlassen könne, nach dem Besuch in Ehrang wieder den Kürenzer Berg hochfahren zu können.

Was sich dort zutrug, erzählte mir Puck, der tatsächlich mit dem Bus hingefahren war. Eingeladen waren nicht nur die Fahrer des Subunternehmens, sondern auch Leute der DG, also das Büro- und Lagerpersonal, der Chef fehlte. Auch Peters Bruder und einer der Fahrer aus Koblenz war anwesend, interessanterweise auch der alte Chef aus Plaidt, der „große Peter“, wie Kalaschnikow gern sagte. Bevor man daran gehen kann, wer von den Fahrern zur Feier kam, sollte man vielleicht besser die Auswirkungen von Nichtanwesenheit beschreiben.
Antonius und Octavia hatten den Tag über nichts gegessen und hatten Hunger, aber Peter hatte beschlossen, dass nichts bestellt werde, bevor nicht alle da seien: Die Stunden vergingen, während derer Octavia sich an den Salzstangen, die als kostenloser Snack auf den Tischen standen, gütlich hielt. Sie hat wohl eine ganze Menge davon gegessen, denn irgendwann muss mal jemand gefragt haben, wer denn eigentlich noch fehle? Nein, ich war’s nicht, weil ich ja angekündigt hatte, dass ich später käme und man nicht auf mich zu warten brauche.
„Der Konrad fehlt noch!“
„Was? Der kommt doch gar nicht!“
Das führte übrigens dazu, dass der fröhliche Winzer am Folgetag kein Wort mit Konrad wechselte, weil er eigentlich mit ihm ausgemacht hatte, sie würden in Hawaiihemden und mit Sonnenhut zur Feier kommen. Nun ja, scheinbar hielt auch der fröhliche Winzer sich nicht an diese Abmachung… es muss auch schwer gewesen sein, mit seinem Nachbarn nicht zu reden, denn schließlich redet er ja sonst ununterbrochen.
Es wurde also bestellt, was die logistischen Möglichkeiten einer Dönerbude natürlich hoffnungslos überlastete. Das Essen brauchte also wieder eine ganze Weile, es war teilweise nicht mehr warm und man bekam wohl auch nicht immer das, was man eigentlich bestellt hatte. Octavia bestellte eine Pizza, gab aber, gefüllt mit Salzstangen, schnell auf und überließ Puck ihr Essen.

Nach dem Essen gab es Partyprogramm und sogar Geschenke. Mein Geschenk erhielt ich am Dienstag nach der Feier… Christbaumschmuck aus Plastik in Rot und Gold. Hat er den Krempel im Ein-Euro-Laden an der Ecke gekauft? Ich habe keine Ahnung von so Zeug, aber es war mit Abstand der hässlichste Christbaumschmuck, den ich je gesehen habe. Auch Konrad erhielt ein Geschenk: Eine Packung mit Pralinen, die er nicht mochte. Wir tauschten also, weil er meinte, der Baumschmuck könne seiner Freundin gefallen.
Dann also noch das Partyprogramm. Peter und sein Bruder veranstalteten ein Quiz, um zu sehen, wie viel die Leute eigentlich über ihren Arbeitsplatz wissen, zum Beispiel, wie viele Touren denn ab Trier gefahren würden. Dann versuchten sich die beiden Brüder darin zu übertreffen, wer den besten Fahrer habe.
„Mein Fahrer kann dies und jenes!“
„Ha! Mein Fahrer kann das und das!“
Was soweit ausartete, dass der von Mike aufgestellte Grundsatz, es solle nicht über die Arbeit geredet werden, untergraben wurde. Er versuchte zu intervenieren, was aber nicht viel brachte, und erst Felix beendete das Arbeitsgespräch:
„Ich hab keine Lust mehr! Ich komm extra zu der Weihnachtsfeier und dann wird doch nur über die Arbeit geredet!“
Ha, Felix! Der Fahrer aus Koblenz war wohl ein großer Fan von Michael Jackson und machte folgenden Vorschlag:
„Ich mach jetzt einen Tanzmove von Michael Jackson vor und dann will ich sehen, wer das nachmachen kann!“
Es handelte sich wohl um eine Art doppelte Drehung, während der man in die Knie geht und wieder aufsteht. Er machte es vollendet vor und dann ging es darum, einen Freiwilligen zu finden, der es ebenfalls versuchen würde – man könnte vielleicht auch sagen, einen, der sich freiwillig melden würde, um sich zum Affen zu machen. Natürlich meldete sich erst einmal niemand, und ohne, dass noch jemand wüsste, wer angefangen hatte, rief die versammelte Mannschaft:
„FELIX! FELIX! FELIX! FELIX!“
Und dann stand der Felix auf, lächelte verlegen und sagte: „Na ja, ich kann das zwar nicht, aber ich versuch’s mal…“
Natürlich bekam er es nicht hin, aber er hatte sich getraut. Allein dafür gebührt ihm mein Respekt, denn ich könnte gar nicht betrunken genug sein, um mich zu sowas überreden zu lassen, und ich habe kein Problem damit, vor Publikum zu singen oder auch Theater zu spielen.

Dürfen Trinkspiele fehlen? Natürlich nicht. Der Kurde erklärte, er könne eine Flasche Bier schneller leertrinken, als irgendjemand sonst. Der fröhliche Winzer nahm die Herausforderung an, es wurde gewettet, Peter ließ da einiges springen, weswegen Mike den Kopf schüttelte und am Montag danach zu mir sagte, da würden Dutzende Euro zum Spaß verpulvert, aber ein Firmenhandy sei scheinbar nicht drin. Nun ja, der fröhliche Winzer trat also im Schnelltrinken gegen den Kurden an. Er setzte die Flasche an den Hals und stürzte alles hinunter. Der Kurde ließ sich Zeit und trank gemütlich, wenn auch ohne abzusetzen. Der fröhliche Winzer forderte daher seinen Anteil an den Wetteinsätzen, aber der Kurde ist ja nicht völlig blöde: „Ach ja? Guck doch mal in Deine Flasche!“
Durch das schnelle Trinken war auch entsprechend schnell Luft in die Flasche gelangt: Es hatte sich Schaum gebildet, der sich erst nachher wieder in Flüssigkeit zurückverwandelte – in der Flasche des fröhlichen Winzers befand sich also noch ein Rest, die Flasche des Kurden war leer, womit er gewonnen hatte.

Es wurde insgesamt nicht wenig getrunken und die Flaschen wurden zur Kühlung schon mal auf das Fensterbrett gestellt. Wie es scheint, versammelte sich vor dem Fenster eine Gruppe Ehranger Jugendlicher, die mit viel Geduld aber wenig erfolgreicher Heimlichtuerei die angetrunkenen Flaschen immer wieder ein kleines Stück weit verschoben, bis sie aus dem Sichtbereich der innen Sitzenden verschwunden waren und abgegriffen werden konnten. Es kam aber scheinbar zu keinen Zwischenfällen deshalb.
Außer getrunken wurde scheinbar auch nicht wenig geraucht, was mir natürlich wenig gefallen hätte. Aber immerhin kam es trotz Alkoholkonsums zu keinen Ausfälligkeiten, eine Party mit den Fahrern könnte also meinem Sicherheitsbedürfnis nicht entgegenstehen.

Springen wir ganz woanders hin: Irgendwas muss ich wohl richtig machen, wenn Kunden mich auf einen Kaffee einladen. In Irrhausen wohnt ein Privatkunde, etwa 40 Jahre alt, denke ich, dem ich Pflegeartikel bringe. Als er das Angebot zum ersten Mal machte, war ich leider recht spät dran – ich muss nicht unbedingt später als 17 Uhr nach Hause kommen, wenn es sich vermeiden lässt. Ich dankte ihm für das Angebot und bot an, der Einladung nachzukommen, sollte ich einmal bis spätestens 1430 Uhr bei ihm sein, was durchaus vorkommen kann. Als ich diese Zeit dann mal schaffte, hatte er bereits Besuch, und beim letzten Versuch hatte ich eine heftige Erkältung mit dickem Kopf und Gliederschmerzen und lehnte erneut ab.

So ein Tag so schön wie jener Freitag? Nie wieder. Ich bin mitten in der Nacht wach geworden, weil meine Blase sich meldete und beim Gang durch die Wohnung wurde mir klar, dass dieser Tag nicht lustig werden würde. Ich war drauf und dran, mich krankzumelden, aber wer sollte die Tour fahren? Ich erwähnte ja bereits, dass meine Tour sich mangels „Nachbarn“ nicht gut verteilen lässt. Und gerade an diesem Freitag sollte die Apothekenumschau übers Band laufen… ich frühstückte also spärlich und der erste Effekt der Erkältung schien aus einer gehobenen Wahrnehmung des Zeitverlaufs zu bestehen. In der Regel setze ich mich um 0400 hin, esse ein paar Scheiben Brot und trinke etwa einen Liter Tee, dann ist es Zeit, die Zähne zu schrubben und mich ins Auto zu setzen, um gegen 0500 im Depot zu sein.

Nicht so an dem Freitag. Ich aß und trank, aber die Zeit wollte nicht vergehen. Ich hatte das Gefühl, eine halbe Ewigkeit da zu sitzen und zu warten, dass die Zeit zum Gehen käme. Früher da zu sein, hat Vorteile, aber viel zu früh da zu sein, bringt auch wieder nichts, weil man bestenfalls in der Halle rumhängen kann und es ist noch keiner da, mit dem man reden könnte.
Irgendwann kam ich aber doch in Ehrang an und die Hiobsbotschaften gingen weiter: Außer dem Büropersonal, Lambert (der mich am Abend zuvor extra angerufen hatte) und mir wusste scheinbar niemand, dass die Apothekenumschau heute laufen sollte. Die Bandaufleger kamen zur üblichen Zeit um 0530 anstatt um 0500, da kochte so manchem Fahrer gleich doppelt die Galle über, denn sie hatten schlicht verpasst, sich den Stichtag einzuprägen und die Leute vom Band verschärften die Situation zusätzlich. Beim spät rauskommen versteht so mancher keinen Spaß, aber immerhin stehen Paletten mit den Zeitschriften bereits lang zuvor in der Halle rum und auf den Paketen ist groß aufgedruckt, wann sie spätestens ausgeliefert werden müssen. Von diesem Datum geht man einen Werktag nach hinten und man weiß, wann sie übers Band laufen, in diesem Fall also Montag und Freitag. Der fröhliche Winzer war also erst einmal gereizt und es dauerte zwei Stunden, bis er seine übliche Laune wiedergefunden hatte – und das war wichtig, weil ein bisschen lachen gerade an dem Tag ganz gut tat.

Nächste böse Sache: Ich war nicht der einzige, den es erwischt hatte: Puck starrte wie ein Zombie vor sich hin, Konrad fühlte sich „platt wie’n Groschen“, Engel sagte, er sei grad froh, dass er stehen könne, Mike bewegte sich ebenso in Schlangenlinien vorwärts, wie ich das tat, Antonius vom Lager hatte sich beim Heben eine Verspannung im Rücken zugezogen und bewegte sich steif wie ein Roboter. Aber alle waren gekommen, immerhin. War das gut? Vielleicht. In dem Zustand, in dem ich mich befand, muss ich Autofahren als grob fahrlässig bezeichnen. Fahren mit irgendwas unter einem Promille muss sich ähnlich anfühlen.
Alkohol hätte aber möglichwerweise die Gliederschmerzen betäubt… bei jedem Aussteigen zog es im Kniegelenk, wenn ich im Stehen hustete, hatte ich das Gefühl, ich hätte mir die Hüfte verrenkt. Aber: Konzentration! Auch der übelste Tag geht einmal vorbei, und er ging vorbei. Ich legte mich früh ins Bett und fühlte mich am Tag darauf schon bedeutend besser, nur ein etwas flaues Gefühl im Magen blieb zurück.

Nun hätte ich gern noch mehr geschlafen, aber nach dem 85. Geburtstag meiner Oma musste ich endlich mal wieder in die Heimat reisen, um meine Aufwartung zu machen, wie man heutzutage ja nicht mehr sagt. Ich war ja schein seit November nicht mehr zu Besuch gewesen und hatte erstmals mit der „traditionellen“ Rundreise zu Weihnachten gebrochen. Es ging aber besser, als ich dachte, und am Sonntag war ich fast wiederhergestellt und am Montag wieder fit – pünktlich zur bislang kältesten Woche des aktuellen Winters.

Hei, was ein Spaß! Die Hauptstraßen waren weitgehend frei, weitgehend, aber die Nebenstraßen in den windigen Dörfern im Bereich Zemmer-Orenhofen-Speicher und natürlich weiter nördlich in der Eifel waren dick vereist. Einem Kunden musste ich seine beiden 30-Liter Lackfässer über 100 m zu Fuß an die Tür bringen, weil ich die Steigung mit dem Lieferwagen nicht hochkam. Ich ging stattdessen über die Wiese neben dem Bürgersteig, weil dort kein Eis, sondern eben nur Schnee lag. Ansonsten machten die Straßenverhältnisse keine Probleme, obwohl sie für spannende Momente sorgten. An einer Stelle rutschte ich auf der Landstraße aus der Kurve in den Graben und dachte mir schon in dem Moment, dass ich da nie und nimmer wieder rauskäme. Stattdessen schubste mich wohl eine Art Jojoeffekt wieder zurück. Ich hielt an der nächsten Einbuchtung an und besah mir die betroffene Seite: Keine Schäden. Nur wieder einmal Erde und Gras am Unterboden.

Immerhin blieb die kalte Woche trocken, was eine neue Eisbildung verhinderte, und bei sonnigem Wetter ist das Leben angenehmer, außerdem lief im Depot die Heizung, sodass wir immerhin auf über 10° C kamen. Ob das an mir liegt? Wohl nicht… aber ein paar Tage zuvor war es schon einmal sehr kalt gewesen und man konnte im Depot den eigenen Atem sehen. Als ich dann mit kalten Fingern und unterkühltem Gesicht zur Ablaufkontrolle ging, um meine Papiere zu holen, fragte ich den Chef dort, wie kalt es eigentlich werden müsse, damit die Statuten der DG Trier es erlaubten, dass die Heizung eingeschaltet werde. Das müsse er sich noch überlegen, sagte er. In Anlehnung an den englischen König Edward I. in Braveheart machten wir schon Witze: „Die Halle zu heizen kostet Geld – kranke Fahrer von Subunternehmen kosten gar nichts.“

Die Fahrzeuge sind jedoch außen ziemlich schmutzig; der Schlamm am Straßenrand ist zwar gefroren, aber Streusalz setzt sich trotzdem an der Karosserie fest. Aus dem Plan, das schädliche Salz abzuwaschen, wurde jedoch nichts, weil die Waschanlage wegen der niedrigen Temperaturen außer Betrieb ist!
Peter hat mich im Januar zum Kontrolleur des Reinigungszustands der Fahrzeuge berufen: Im Winter eine undankbare Aufgabe, denn zum einen fliegt einem das Streusalz nur so um die Ohren, und zum anderen werden die Fahrzeuge bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt bei Schmuddelwetter von Montag auf Dienstag wieder schmutzig. Ich kontrolliere daher aktuell nur das Innere der Fahrzeuge, ob also mal ausgekehrt und abgestaubt wurde und ob irgendwelcher Müll drin liegt. Darüber hinaus kontrolliere ich auch die Führerscheine, weil es wohl schon vorgekommen ist, dass Fahrer am Wochenende ihren Führerschein verloren und nichts davon sagten: Sollten sie ohne gültige Fahrerlaubnis erwischt werden, droht nach den mir vorliegenden Informationen ein Bußgeld von 1000 Euro, und zwar für den Fahrer UND für die Person, die für die Kontrolle zuständig ist. Der Unwille ist groß, denn schließlich wird niemand gern kontrolliert, und letztendlich schwingt bei sowas auch immer eine Unterstellung, ein Generalverdacht, mit.

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