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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

30. November 2008

Engel in der Nacht

Filed under: Japan,My Life — 42317 @ 23:55

Wegen einer Mail von einer jungen Frau zum Thema Phonetik, deren „Wer-weiß-was“ Nutzername „Misuko“ ist, war ich kurz nach meiner nächtlichen Rückkehr aus Saarbrücken, bzw. Dillingen, damit beschäftigt, japanische Vornamen im Netz nachzuforschen. Dabei stieß ich auf zwei deutsche Seiten. Ich kann sie nicht nennen, weil ich mich nicht so weit darum gekümmert habe, aber immerhin haben sie mich dazu veranlasst, Kommentare zu schreiben.

Nummer 1 war da noch kurz zu fassen. Der Betreiber hatte den Namen „Nanami“ mit „Sieben Meere“ übersetzt (Tico lässt grüßen), die Silben aber „Na-nami“ getrennt, „na“ für „sieben“ und „Nami“ für „Meer“. Das geht natürlich nicht, also schickte ich ihm eine kurze Stellungnahme, für die er sich am Folgetag auch bedankte. Garantiert nicht bedankt hat sich „Tenshi“, die Betreiberin der zweiten gefundenen Seite. Ihr angegebener Japanbezug: Sie war als Kind mal dort gewesen und hatte (vorübergehend?) ein japanische Kindermädchen gehabt, aber ein wissenschaftlicher Bezug war nicht gegeben.

Das merkte man deutlich. Auch dort waren ein paar Patzer bei den Namen – die Bedeutung des Namens „Ami“ zum Beispiel gab sie mit „Freund“ an und verwechselte das Wort offensichtlich mit dem französischen Begriff. Okay, mir will es auch nicht mehr ohne größeren Konzentrationsaufwand gelingen, einen französischen Satz zu beginnen, ohne ihn japanisch zu beenden, dafür habe ich Verständnis. Aber für einen offensichtlichen Laien hatte sie neben Namenskunde auch noch eine beachtliche Reihe anderer Themen, darunter auch „Schule in Japan“. Da musste ich einfach reinschauen, ich hatte die Klickmotivation gar nicht mehr unter Kontrolle…

Was da für ein Mist drin steht.. ich will gar nicht mehr dran denken und hoffe, dass ich den Trieb unterdrücken kann, ihre Seite nach weiteren starken Stücken zu durchforsten und in der Luft zu zerreißen.

Tut mir leid, aber so viel Einseitigkeit treibt mir das Wasser in die Augen. Ich weiß ja nicht, wo ihre Informationen herkommen, aber ich erinnere mich an den Kommentar eines Bekannten aus Florida, der sich mal über Leute lustig machte, die eine Woche Urlaub in New York oder LA gemacht haben und dann der Meinung sind, sie würden die USA kennen…

Ich streite nicht ab, dass es extreme Formen der Schülerkontrolle gibt, aber sie sind nicht so allgemein verbreitet, wie man das glauben könnte, wenn man Tenshis Artikel liest. Ich habe in einer japanischen Kleinstadt gewohnt und mich währenddessen umgesehen und unter anderem mit einigen Schülern unterhalten.

– Die Tore werden nicht mit dem letzten Glockenschlag geschlossen.
– Die Schüler tragen keinen Registrierchip bei sich, der jeden, der das Tor nicht passiert, sofort als Schulschwänzer entlarvt.
– Die meisten Schüler, vor allem Mädchen, äußerten die Meinung, dass Schule Spaß macht.
– Niemand, den nicht irgendwelche Umstände dazu zwingen, geht früher als notwendig zur Schule, ich wüsste jedenfalls nichts davon, dass die Schüler brav eine halbe Stunde vorher kommen.
– Anders als in Deutschland betrachten japanische Schüler den Lehrer nicht als eine Art Feindbild. Ich habe auf Schulveranstaltungen erlebt, dass vorführende Lehrer lautstark von ihren Schülern angefeuert wurden.
– Die meisten Eltern lassen Ihre Kinder den Beruf ergreifen, den die Kinder erlernen möchten und zwingen sie nicht, auf Eliteunis zu gehen.
– „Ganztagsschule“ heißt in Japan, dass man den Nachmittag mit Freunden in den Clubs verbringt, wo man Sport treibt, Musik macht, bastelt, Theater spielt, oder zusammen Geschichten schreibt.
– Clubteilnahme ist nicht zwingend
– Hikikomori sind nur EINE Form des Schulschwänzers, weil das Phänomen in allen Altersgruppoen auftreten kann. Ich würde das eher mit „Realitätsflüchter“ übersetzen.
– Wenn das japanische Schulsystem so fantasiefeindlich ist, wie erklärt sie sich dann die Tatsache, dass in Japan – ganz abgesehen von der unüberschaubaren Zahl an Manga-Veröffentlichungen – mehr einheimische Literatur (nicht nur Sachbücher, sondern auch Fiction) in den Regalen der Bücherläden steht, als man das von Deutschland sagen kann?

Wenn ich japanischen Schülern (und Studenten) erzähle, was für eine Meinung der gewöhnliche Deutsche von japanischen Schulen hat, lachen die mich aus. Von daher würde ich jedem raten, die ihm über dieses Land zur Verfügung stehenden Informationen anhand sozialwissenschaftlicher Studien kritisch zu prüfen und nicht einfach aus der Presse abzuschreiben.

Je weiter ein Völkchen weg lebt, desto mehr Unsinn kann man den Leuten darüber erzählen.
Genau wie von den Eskimos. Die haben ja angeblich 300 Wörter für Schnee.

Die Saarbrücker Antiquitätenmesse – backstage (Teil 2)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 23:30

Nach einem Samstag geruhsamer, normaler Arbeit mit Teppichen – also Staub saugen und auch sonst die Ordnung und Präsentierbarkeit aufrecht erhalten – ging’s dann am Sonntag wieder nach Saarbrücken. Eigentlicher Plan: Abfahrt um 1630. Im Hinblick auf das schneeverdächtige Wetter wurde per Telefon dann aber doch lieber 1530 ausgemacht. Im gleichen Gespräch erfuhr ich, dass die Chefin wegen des nächtlich verstärkten Schneefalls am Freitag Abend nicht nach Trier zurück, sondern nur bis zur Familie nach Dillingen gefahren war – wo Brüder, Mutter, und Großmutter im selben Haus leben. Wie genau das Wohnmobil dann nach Trier gekommen ist, während der BMW am Samstag Morgen zur Messe fuhr, ist mir nicht erklärt worden. Wahrscheinlich wurde die ältere Tochter per Bahn nach Dillingen bestellt, um das Auto abzuholen.

Ich holte Halina also um 1530 ab und fuhr gemütlich nach Saarbrücken. Die Schneedecke war abseits der Fahrbahn zwar geschlossen, aber nur einen oder zwei Zentimeter hoch. Kein Grund zur Panik. Wir würden bequem um 1700 in Saarbrücken sein, ohne die durchschnittliche Geschwindigkeit über 100 km/h heben oder bedeutend darunter senken zu müssen. Während der Fahrt erfuhr ich dann die wichtigsten Eckpunkte der Vernissage zur Eröffnung der Antiquitätenmesse 2008: Schätzungsweise ein Dutzend Leute war gekommen, das heißt, am Freitag Abend waren mehr Aussteller als Besucher da. Und diejenigen, die gekommen waren, waren die, die den Zug genommen hatten. Die Autofahrer waren im Hinblick auf die Wetterlage scheinbar lieber zuhause geblieben. Und dann war da ja noch die Gräfin. Das war natürlich keine Gräfin, sondern eine Schauspielerin, die in einem barocken Kostüm mit einer ebenso barocken Perücke steckte. Sie hielt also eine kleine Rede, flanierte über die Ausstellungsfläche, plauderte mit Anwesenden und ließ sich mit ihnen fotografieren, verteilte Autogramme, und nahm es mit Humor, dass sie in der Kluft scheinbar sehr schwitzte.

Wir waren dann in der Tat um etwa 1700 vor Ort und stellten den Bus auf den Parkplatz vom Arbeitamt. Die Schranke vor dem Kongresszentrum würde erst um 1800 geöffnet. Aber mit einem gemütlichen Umsehen bis dahin war es auch nichts. Da ja nun wirklich kaum was los war, Schätzungen sprachen von etwa drei Dutzend Besuchern am gesamten Wochenende, begannen wir gleich mit der Inventur, das heißt, wir überprüften, ob das, was wir mitgenommen hatten, auch noch da war. Zu einem Verkauf war es leider nicht gekommen. Und Inventur hieß in diesem Moment, dass ich mit der Chefin Teppiche und Dekoration durcharbeitete, während Halina sich am Stand eines freundlichen, älteren, englischen Herrn (der lediglich das Konzept von „Du“ und „Sie“ nicht durchschaut hatte) dessen Angebot von Jagdmessern besah. Von meinem laienhaften Blickwinkel betrachtet, würde ich die Handwerkskunst doch als beeindruckend einschätzen. Sehr schöne Holzgriffe, sehr handlich, blitzender Stahl, sehr schön geschliffen, und er kann zu seinen Messern so viele Geschichten erzählen, wie das bei uns bei den älteren Teppichen der Fall ist.

Am heutigen Tag wurde gedrängelt – „Wir müssen bis um 1800 mit der Inventur fertig sein, damit wir den Bus reinfahren und sofort einladen können!“ – aber das bin ich ja gewohnt. Natürlich klappt das mit dem Zeitlimit nicht, aber den Bus stellen wir dennoch vor die Tür. Ein klarer Vorteil gegenüber Luxemburg: Da steht der Wagen auf dem Parkplatz und man muss ein Stück bis dahin gehen. Das schadet meinen Beinen nicht, aber wenn das Wetter nass ist, muss man die Teppiche abdecken, weil es sein kann, dass die Feuchtigkeit sie modern lässt. Beim Aufbau kann man den Anhänger noch in die Halle schieben, ausräumen, und wieder rausfahren, bevor die übrigen Stände sich zu sehr ausgebreitet haben und kein Durchkommen mehr ist. Beim Abbauen müsste man also warten, bis Platz ist, und soviel Geduld am Stück habe ich in diesem Haus noch nie gesehen, wenn es darum geht, die Zelte abzubrechen und Feierabend zu machen. In Saarbrücken gibt es am Eingang sogar ein kleines Vordach. Wir waren schnell genug und kriegten einen nahen Stellplatz. Wir konnten aus der Tür heraus sofort einladen.

Allerdings fing es um kurz vor Sechs ganz heftig an zu schneien. Der Schnee berührte kaum die Ware, dank des Vordachs, aber über die Straßen mussten wir uns Sorgen machen – ich wollte ungern über eine verschneite Autobahn fahren müssen, und wie ich bereits sagte, hat der BMW noch keine Winterreifen. Das Einladen ging zügig voran und um halb Acht holte ich den BMW ebenfalls auf den Parklplatz der Halle, nachdem ich ihn von etwa 15 cm Schnee befreit hatte. Ein kurzer Test auf dem Parkplatz gab mir Gewissheit, dass der Wagen über eine Antischlupfregelung (ASR) verfügt, die Automatikschaltung sollte also keine zu großen Probleme machen.

Während wir die letzten Gegenstände nach draußen brachten, fragte mich der nette Engländer, ob er mich für zwei Minuten ausleihen könne. Würde ich gerne zulassen, aber ich musste ihn an die Chefin verweisen, die alles ruckzuck fertig haben und nach Hause wollte. Warum er sie nicht fragte, sondern wortlos an ihr vorüber ging, und seinen Stand alleine weiter auseinanderschraubte, weiß ich nicht. Ich hätte ihm in fünf Minuten helfen können, länger würde unser Einräumen nicht dauern. Denn bislang dachte ich, dass ich in Saarbrücken zurückbleiben und mit dem Zug nach Hause fahren müsste, weil der Plan geäußert worden war. Wegen der zu erwartenden Straßenverhältnisse (in Saarbrücken war in drei Stadtteilen der Busverkehr zusammengebrochen) wollte die Chefin nicht nach Trier zu fahren, sondern in Dillingen übernachten. Ich war extra darauf hingewiesen worden, meine Zugfahrkarte mitzunehmen. Das wäre praktisch, weil meine Freundin ebenfalls in Saarbrücken war, um ihren Vater zu besuchen, und wir hätten gemeinsam nach Hause fahren können.

Natürlich war das ein Denkfehler, denn das würde für zwei Autos nur einen Fahrer lassen, und den BMW (in dem nur Buddhastatuen gelagert waren) in Saarbrücken zu lassen, war keine Option. Ich sollte also nach Dillingen mitfahren und würde dann zum Bahnhof in Saarlouis gebracht. Somit sah ich den englischen Messerfachmann nie wieder.

Die fahrt ging los, mit 30 durch die Stadt, mit 40 bis 50 über die Autobahn. Streufahrzeuge sah ich nur auf der Gegenfahrbahn. Scheinbar fuhren wir vor „unseren“ her. Aber es war gemütlich. Ich fühlte mich wie in einer Flugsimulation auf einem zu leistungsschwachen Rechner: Nach Vorgabe der Richtung konnte man bei laufendem Spiel an den Kühlschrank gehen, sich einen Snack herausnehmen oder eine Tasse Tee trinken. Leider hat der BMW weder das eine noch das andere, aber eben so in scheinbarer Zeitlupe (45 km/h sind nicht langsam!) schlich die in der Dunkelheit kaum sichtbare Landschaft an mir vorbei. Wir brauchten also entsprechend lang für die etwa 30 km nach Dillingen und wurden dort vor der Tür vom Schnee schippenden Bruder, dem ohne Bart, in Empfang genommen. Sofort tauschte man Beschwerden über das Wetter aus und erinnerte sich an vergangene Horrorfahrten, zum Beispiel im Schneegestöber nach Hamburg, mit Bullenhitze im Wohnmobil und den Insassen in T-Shirts.

Ein Blick auf die Uhr sagte, dass es kurz nach Neun war. Ein Zug für mich würde um etwa Elf abfahren. Das wäre dann doch eine lange Wartezeit. „Sollen wir riskieren, nach Trier zu fahren?“ fragte mich die Chefin. Oh, ich bin da zu allem bereit, so lange der BMW hier stehen bleibt und wir die Strecke durchs Saartal fahren. Die ist zwar ein paar Kilometer länger, hat aber keine nennenswerten Steigungen, nach dem Wechsel auf die B51 mal abgesehen von einem Anstieg bei Mettlach und einem weiteren bei Konz. Wir sattelten also die Hühner erneut, ließen den BMW in Dillingen und fuhren mit Wohnmobil und Anhänger weiter, bis auf Halina, die es vorzog, zu bleiben. Eigentlich sagte sie, sie habe am Montag um 1400 eine Verabredung… scheinbar war sie der Meinung, dass ihre Schwester früh genug runterkomme, um sie abzuholen. Ich hätte da Zweifel, aber mir soll es Recht sein. Sehr bequem wäre es im Wohnmobil für eine weitere Person eh nicht.

Ich fuhr mit der Chefin also allein Richtung Trier. Sie erzählte von weiteren Reisen in chaotischem Wetter (z.B. Strecke Straßburg-Trier in sechs Stunden, oder 40 km Stau am Elbtunnel), von Problemen mit Automatikschaltung, als es noch keine ASR gab, und vom Niedergang der Saarbrücker Antiquitätenmesse.
„Vor dreißig Jahren war das in Saarbrücken eine Riesensache, während Luxemburg lediglich ein besserer Trödelmarkt war. Der industrielle Niedergang im Saarland hat sein Stück dazu beigetragen,“ sagt sie. „Aber in Saarbrücken war auch sonst immer mal was los, was uns das Geschäft vermiest hat… Schneechaos gab’s schonmal, dann Autobahn dicht wegen Hochwassers auf der Fahrbahn, und einmal einen deftigen Bergarbeiterstreik mit einem Protestzug von Saarlouis bis Saarbrücken Stadtmitte.“ Ich kann mir allerdings denken, dass sich die Luxemburger Messe ebenfalls als „wetterfühlig“ erweisen dürfte, denn der Senninger Berg am Luxemburger Flughafen hat’s ebenfalls in sich.

Die beiden Steigungen der B51 brachten wir problemlos hinter uns. Nur die mangelnden PS-Zahlen des Wohnwagens machten sich bemerkbar, außerdem war kaum sonst jemand unterwegs, was auch ganz gut war, denn die Chefin fuhr unkonzentriert genug, um hin und wieder zu vergessen, das Licht bei Gegenverkehr abzublenden, und das plötzlich lauter erscheinende Motorgeräusch ließ nichts Gutes vermuten – wir würden später, bei Tageslicht, feststellen, dass sich, nachdem wir das Endstück des Auspuffrohrs vor ein paar Tagen mühsam entfernt und ersetzt hatten, am vorderen Teil desselben eine angeschweißte Halterung gelöst hat und wir jetzt auf Höhe der Beifahrertür ein daumengroßes Loch hatten. Immerhin gab es keine größeren wetterbedingten Schwierigkeiten.

Um 2300 waren wir dann am Ziel, röhrend wie ein Porsche, der nach Pferdestärken schreit. Jetzt musste der Hänger noch ausgeladen werden. Weggeräumt wurde aber noch nichts. Wir legten alles einfach in den Laden und achteten darauf, dass die empfindlicheren Stücke kein Gewicht tragen müssen. Dennoch sah es nachher ziemlich chaotisch aus. Die kommende Woche dürfte noch einige Arbeitsstunden parat haben. Um etwa halb Eins war der Hänger leer und grob gereinigt, er sollte also sofort ins Industriegebiet West gebracht werden, zu der Firma, bei der er gemietet worden war. Abgabetermin wäre Acht Uhr morgens, und die Chefin bezweifelte, dass sie die Laune hätte, nach diesem Wochenende in nicht einmal sieben Stunden wieder aufzustehen, also machten wir das jetzt noch.

Mit dem Hänger rückwärts aus der Einfahrt zu fahren, die 20 cm breiter ist, als der Transporter, traute sich keiner von uns so recht zu, also schoben wir den Hänger rückwärts raus und drehten ihn auf dem Vorplatz, damit das Wohnmobil vorbeipasste und der Hänger nur noch angekuppelt werden musste. Das ist bei einem zweiachsigen Hänger aber gar nicht so einfach. Da musste also mitten in der Nacht noch der Hänger herumgezerrt werden, weil wir keinen Platz zum Manövrieren hatten. Dabei bin ich noch mal kräftig ins Schwitzen gekommen.

Der Hänger wurde also ebei seinem Besitzer abgestellt und ich nach Hause gefahren, wo ich um kurz nach 0100 die Tür hinter mir schließen konnte.
Meine Freundin nicht hier?
Dann würde sie wohl noch bis morgen in Saarbrücken bleiben. Dann wäre aus der erhofften gemeinsamen Heimfahrt ja in keinem Fall was geworden.

Ich hatte seit längerem nichts mehr gegessen, seit knapp 12 Stunden nicht, also holte ich das mit einem Käsebrot nach und sah mir meine elektronische Post noch durch…

29. November 2008

Die Saarbrücker Antiquitätenmesse – backstage (Teil 1)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 0:07

In Saarbrücken findet seit Jahrzehnten jedes Jahr eine Antiquitätenmesse statt, kurz vor Winter scheint die übliche Zeit zu sein. Für die Trierer Teppichgalerie war ich zum ersten Mal als Aufbauhelfer bei diesem Ereignis unterwegs, das kaum weniger Vorbereitungszeit in Anspruch nahm, als sein Gegenstück in Luxemburg.

Lampen putzen, Leisten streichen, schadhafte Ausrüstung reparieren oder ersetzen, Ausstellungsstücke aussuchen und in einer Liste erfassen, zusammen mit Werkzeug, Leitern, Kabel, Staubsauger, Dekorationsartikeln, wie geschnitzte (Mini-) Fensterrahmen und Buddhafiguren, grünen Stoffbahnen (als Wandverkleidung), einer blauen Folie zum Verhüllen des Stands, Tisch und Stühlen, einer schmückenden, aber praktischen Holzkiste, und allerlei Büro- und Werbematerial in das Wohnmobil packen. Die ausgesuchten Teppiche werden in einem angemieteten Anhänger verstaut, doppelt und dreifach abschließbar, Funktionen, Öl, Benzin, und Scheibenwasser überprüfen. Das nahm zwei halbe Arbeitstage in Beschlag.

Während des Einladens kam, eine Viertelstunde vor dem geplanten Feierabend, ein Mann in meinem Alter herein, dem man den Studenten noch sehr ansah. Er trug eine schwarze Umhängetasche mit dem roten Schriftzug „Mis en Place“ – einem lokalen Cateringunternehmen der Mittelklasse. Würde man Fachbereiche nach der äußeren Erscheinung zuordnen können, hätte ich ihn für einen Romanisten oder Philosophen gehalten. Der interessierte sich allerdings nicht für Teppiche, sondern wollte nur um ein Taschentuch bitten. Ich gab ihm eins. Das muss diese Woche ein Hobby geworden sein: Eine junge Mutter mit Kleinkind, die die Toilette benutzen wollte, ein etwa 12jähriger, der um einen Notizettel bat, ein Mann Mitte 20, der einen Flaschenhalter kaufen wollte.

Als er das benutzte Tuch dann wegsteckte, wandte er den Kopf nach hier und da und meinte dann:
„Die sind aber teuer… wer kann sich das denn leisten? Geht man da mangels Kundschaft nicht bankrott?“
Ich lächelte darüber, sagte: „Das Geschäft existiert schon seit knapp hundert Jahren, es gibt Leute, die haben Geld zum Verbrennen,“ und dachte mir, wenn Du im Robert-Schumann-Haus arbeiten würdest, und nicht bei Mis-en-Place, dann hättest Du schon solche Leute getroffen.
Die Chefin kam mit einem fragenden Gesichtsausdruck dazu und ich erklärte ihr die Situation. Die belustigte wohl auch sie, und sie sagte: „Wenn sie ein Jahresgehalt von 150.000 Euro haben, dann sind 5000 Euro für einen schönen Teppich doch ein Klacks, die zahlen Sie aus der Portokasse.“ Einen 5000 Euro Teppich für unbezahlbar zu halten, kam sogar mir schon arg weltfremd vor. Bestimmt ein Geisteswissenschaftler, ich fügte „Germanist“ zu meinen Mutmaßungen hinzu. Schließlich wurde er mit Hinweis auf die laufenden Messevorbereitungen hinauskomplimentiert.

Am Freitag Morgen um 0900 ging es los mit Fahrtziel Saarbrücken, Kongresshalle neben dem Arbeitsamt. Das Wohnmobil erreichte mit der ihm aufgebürdeten Last seine Leistungsgrenze und wir tuckerten so manchen Berg mit 40 km/h hinauf, der Bus vorneweg und ich in dem BMW zusammen mit der Nähmeisterin hinterher, überholt von dicken Brummis. Unser Aufbau begann dann um etwa halb Elf.

Die Größe der Ausstellungsfläche entspricht in ihrer Gesamtheit etwa der einer Schulsporthalle. Ich schätze, dass etwa ein Dutzend Aussteller am Werkeln waren, vielleicht ein paar wenige mehr. Zwischendurch klirrte es aus einer Richtung, in der sich ein Stand mit antiken, gläsernen Lampenschirmen befand.

Der Veranstalter stellte uns Verlängerungskabel zur Verfügung, und auf den Steckern befand sich die Aufschrift „CCS“. Den Werbeplakaten entnahm ich, dass dies für Congress Centrum Saarbrücken“ steht. Soll das Ausdruck von Francophilie sein? Warum schreiben die das nicht deutsch, mit… Moment mal… !? Eine Minute nach dem Erscheinen des Gedankens ist mit klar, dass die Abkürzung für die korrekte deutsche Schreibweise – Kongresszentrum Saarbrücken – sich als schlechte Publicity erweisen könnte…

Die Anbringung der Lampen stellte uns vor ein erstes Problem: In Luxemburg sind die Trennwände zwischen den Ständen 3,50 m hoch, hier sind es nur 2,20 m. In der Regel verlegen wir Balken von einer Trennwand zur anderen, befestigen Stromleisten an der Unterseite, und klemmen daran unsere Lampen fest. In diesem Fall würde das dazu führen, dass die Lampen auf Augenhöhe von Leuten meiner Statur hängen. Nicht gut. Die Lampen sind nicht nur hell, sondern auch heiß. Sie vernichten jede Frisur bei Berührung, und wenn sich der potentielle Kunde beim Verkaufsgespräch bücken muss, ist die Hälfte schon verloren.
Zuerst bringen wir die Lampen an der Oberseite der Balken an, müssen dann aber feststellen, dass sie sich nicht soweit verdrehen lassen, dass man mit ihnen die Teppiche anstrahlen kann, die natürlich unterhalb der Balkenebene hängen. Also: Leisten wieder abschrauben und an der Rückseite der Balken anbringen. Dann bekommt man erst Probleme, wenn man mindestens zwei Meter groß ist.

Positiv überrascht waren wir von der Absage zweier Aussteller, was uns insgesamt drei Stände bescherte, und das ohne Aufpreis. Zum ersten Mal seit Jahren ergab sich die Gelegenheit, die alten und edlen Saroughs und Keshans im Bereich von drei mal vier Metern vorzuführen, also hatten wir so viele mitgenommen, wie auf die zur Verfügung stehende Fläche passten.

Schon während des Aufbaus war mir klar, dass dies der entspannendste Messeaufbau war, den ich je erlebt hatte, was sich darin bemerkbar machte, dass die Chefin nicht immer wieder sagte: „Macht schneller, wir müssen um Sieben fertig sein!“ Bis jetzt haben wir es jedesmal geschafft, vor der Eröffnung fertig zu werden… die sollte um sieben Uhr stattfinden, mit einer Rede des Veranstalters, einem Glas Sekt oder Bier, je nach Wunsch, und der Gräfin von Ottweiler und… irgendeinem anderen Kuhkaff.

Mittagspause war dann um etwa zwei Uhr, und wie jedes Mal hatte ich natürlich mein Mittagessen zuhause vergessen. Ich erinnerte mich allerdings, dass sich ganz in der Nähe ein chinesischer Imbiss befand, also ging ich dorthin. Ich nahm ein Nudelgericht für 2,70 E und gewann den Eindruck, dass die Dame, die den Laden mit ihrem Mann, dem Koch, führte, scheinbar gestresst oder eher gelangweilt war. Ja, wahrscheinlich gelangweilt, oder völlig gleichgültig, denn etwas anderes als Gleichgültigkeit und roboterhafte Routine konnte ich aus ihrer Stimme („ZumMitnehmenoderhieressen?“) nicht herauslesen.
Für den gezahlten Preis bekam ich allerdings eine ordentliche Portion Nudeln mit Schweinefleisch und Gemüse, die gar nicht mal schlecht schmeckte. Ich bekam noch eine Mandarine von Nina geschenkt. Besten Dank. Satt für nicht mal drei Euro? Das klingt gut, und ich fasste den Beschluss, mich in Trier umzusehen. Halina empfiehlt mir die „Zimtblüte“, ein Stück die Paulinstraße runter. Allerdings ist meine Mittagspause wegen der mittlerweile ununterbrochenen Ladenöffnungszeiten auch in der Woche auf 30 Minuten gekürzt worden – das ist zwar gut für’s Geld, weil eine Stunde mehr als früher, aber ich habe kaum mehr Zeit, als einen Getränkepack in Ruhe leer zu trinken. Aber für heute war ich erst mal gut bedient und zufrieden.

Die Chefin schien einen guten Tag zu haben, sie plauderte viel mit den anderen Ausstellern, denn ich hatte nicht den Eindruck, dass wir effektiver arbeiteten, als an anderen Messeterminen. Ja, wir hatten oder nahmen uns sogar ungestraft die Zeit, Unsinn zu machen. Ein Möbelhändler hatte einen Hund dabei, einen Berner Sennenhund, der fröhlich in der Halle herumtrabte, und jedem seinen Tennisball zum Spielen vor die Füße legte. Wir traten also, wannimmer wir gerade die Hände frei hatten, den Ball immer wieder einmal durch die Gegend, worauf der Hund ihn verfolgte und zurückbrachte. Der Ball hinterließ beim Rollen eine feuchte Spur auf dem Boden, er wurde scheinbar bereits eine ganze Weile in dem feuchten Hundemaul herumgetragen.

Wir mussten uns auch bald die ungefährlichsten Bahnen für das Ballspiel aussuchen, denn wenn man dem Ball zu viel Pepp gab, konnte es passieren, dass er etwas wertvolles beschädigte, und schoss man ihn in die falsche Richtung, dann landete er möglicherweise in einer Ansammlung von Ausstellungsstücken, auf die der spielbegeisterte Hund natürlich keine Rücksicht nahm, außerdem unterstützte der Parkettboden nicht unbedingt die Bremseigenschaften seiner Pfoten. Am meisten spielte wohl Nina, unsere Nähmeisterin, mit dem Hund, und man könnte glauben, dass sie, immerhin um die fünfzig Jahre alt, gern Fußball spielte, so wie sie mit dem Tennisball um den gespannt auf den Schuss wartenden Hund herumdribbelte. Gleichzeitig waren wir immer darum bemüht, den haarigen und sabbernden Hund von unseren wertvollsten Teppichen fernzuhalten. Nina, deren Aufgabe nach der Verhüllung der Trennwände eigentlich erledigt war, erhielt irgendwann den Auftrag, den Hund etwas abseits zu beschäftigen.

Auch ohne antreibende Kommentare waren wir um kurz nach Sechs mit dem Aufbau fertig, alle Lampen waren ausgerichtet und funktionierten, das Pult für die Eröffnungsansprache wurde in Stellung gebracht. Mein Auftrag lautete, mit Nina im BMW zurück nach Trier zu fahren, die Chefin würde mitsamt Tochter natürlich bleiben. Halina beschwerte sich, dass sie ihr Buch zuhause vergessen habe, da sie zu lesen pflegte, wenn sie auf einer Messe nichts besseres zu tun hatte. Ich bot ihr scherzhaft die Biografie von Ernst Bloch an (Zudeick, 1987), die ich derzeit während meiner Busfahrten lese.
„Wer ist das denn?“ fragte die Tochter.
„Ach Du großer Gott…“ sagte die Chefin.
Es war ja auch nur ein Scherz. Ich habe selbst Probleme, dem Buch konzentriert zu folgen, denn ein Philosoph hat es über einen berühmteren Philosophen geschrieben, und derlei zum Teil sehr spezielle Darlegungen, Philosophenjargon mit a priori und eo ipso, verlangen Übung und Konzentration. An ersterem mangelt es mir, also muss ich mit dem letzteren stärker einsteigen. Kurz kann ich darüber nur sagen, dass ich durchaus einsehe, dass für den Menschen nicht nur die Bewältigung der Vergangenheit ausschlaggebend ist, sondern auch „das noch nicht Bewusste“, das sich in abstrakten Hoffnungen ausdrückt. Und ich muss mich sehr wundern, dass erst in den Fünfziger Jahren des 20. Jh. jemand – eben Bloch – formulierte, dass die fundamentalste Motivation des Menschen nicht der Sexualtrieb (Freud), nicht der Drang nach Macht (Adler), oder der „Antrieb aus archaischen Bewusstseinsresten“ (Jung) ist, sondern der Überlebenstrieb. Ist darauf in 2500 Jahren europäischer Philosophie noch nie einer gekommen? Hat es nur keiner (überliefert) gesagt? Ich würde vermuten, dass sogar ein Heranwachsender über genug Weisheit und Einsicht verfügt, um das zu erkennen.

Aber egal, jetzt ist Heimreise angesagt. Der Wetterbericht der gesamten Woche hat immer wieder gesagt, dass es heute Schnee geben würde. Ich gebe zu, dass ich dem nicht recht Glauben schenken wollte – Schnee im November, ich kann mich nicht erinnern, sowas mal erlebt zu haben. Aber es schneite tatsächlich. Nicht stark, aber es schneite. Auf dem BMW waren noch die Sommerreifen. Tolle Wurst. Scheinbar hatte da jemand das angekündigte Wetterproblem verdrängt und die Gelegenheit zum Reifenwechseln verschlafen. Da dies die einzige Arbeit an den Autos ist, die ich machen könnte, mir aber nicht aufgetragen wird, habe ich nichts gesagt und mich darauf verlassen, dass sie wie üblich rechtzeitig in ihre Werkstatt fahren würde.

Jetzt war die Situation, wie sie war. Ich fuhr zur Autobahn und trat aufs Gaspedal, möglichst viel Strecke bewältigen, bevor das Wetter zu schlecht wurde. Zwischen Weiskirchen und der Hochwald Raststätte schneite es recht stark, aber es blieb nicht liegen. Das Thermometer im Wagen machte mich darauf aufmerksam, dass die Außentemperatur auf unter 4° C gefallen war, zeitweise war sie bei 0,5° C. Im Moseltal allerdings legte die Temperatur wieder auf 3,5° C zu. Kein Schneefall, lediglich nasse Straßen. Ich schickte nach meiner Ankunft einen entsprechenden Bericht an Halinas Telefon. Der Arbeitstag hatte über neun Stunden gedauert. Am Samstag würde ich dann ganz normal unter Halinas Anleitung im Laden arbeiten und am Sonntag Nachmittag mit ihr zusammen zum Abbauen nach Saarbrücken fahren.

21. November 2008

Zu Gast im Diamanti

Filed under: My Life — 42317 @ 23:53

Vom Brot allein kann der Mensch nicht leben, es muss hin und wieder Pizza geben.

Anlässlich des 15-jährigen Bestehens des Restaurants hat das „Diamanti“, gegenüber der Paulinskirche, ein Sonderangebot herausgegeben: Für den gesamten November sollte „jede Pizza 5,50 E“ kosten, so stand es auf dem Werbeflyer, den ich zufällig im Altpapier entdeckt hatte.
Das konnte ich mir unmöglich entgehen lassen, also leierte ich zwei Termine an, einen mit der Spielgruppe, einen mit der Freundin, wobei die Spielgruppe wegen der sich zufällig ergebenen Zeiten die Rolle der Tester übernehemn musste.

Ich will nur einen allgemeinen Kommentar abliefern, weswegen es nicht notwendig ist, zwischen dem einen und dem anderen Essen zu unterscheiden. Das einzig bemerkenswerte ist, dass ich mit den anderen Spielern am Abend und mit meiner Freundin am Mittag in dem Laden war, und dass zwischen den beiden Besuchen nur 17 Stunden lagen.

Das „Diamanti“ kenne ich als ein gutes Restaurant. Vor ein paar Jahren habe ich dort zum ersten Mal Vindalu gegessen, ein indisches Gericht mit Reis und Lammfleisch, und habe es sehr genossen. Zwischendurch war ich zweimal mit der Spielgruppe dort, um unerhörte Mengen Schnitzel in mich hineinzustopfen, und wahrscheinlich lag es an Essern meines Kalibers, dass sich das „Schnitzel All-you-can-eat“ nur wenige Monate hielt, bevor es einem Wochenplan wechselnder Sonderangebote Platz machte. Außerdem finde ich den Laden gemütlich und die Bedienung sehr nett. Dass die Tischdecke vom Gast zuvor auch mal einen Fettflecken hatte, macht mich nicht weiter traurig, dass auf der Toilette schonmal die Handtücher ausgehen, überlebt man ebenfalls, vor allem, wenn man nach einem Jahr in Japan eine gewisse Gewöhnung entwickelt hat, und für männlich markantes Stehpinkeln bei gleichzeitig herunter geklappter Klobrille und miesem Zielvermögen kann das Management ja nichts.

Aber: Schuster, bleib bei Deinen Leisten. Originär handelt es sich beim „Diamanti“ um ein indisches Restaurant, und die Familie, die den Laden gepachtet hat, scheint auch aus der entsprechenden Weltregion zu stammen. Okay, die Schnitzel waren in Ordnung. Da kann man prinzipiell auch nicht viel falsch machen. Das Pizzaangebot hat mich allerdings nicht vollends glücklich gemacht.

Zunächst einmal gilt das Angebot – entgegen dem Werbetext – nicht für alle Pizzen, sondern nur für die L-Größe. Man beachte: „L“ steht für (engl.) „Large“. Ich verstehe unter „Large“ aber ein bisschen mehr als „26 cm Durchmesser“. Darüber gibt es „XL“ und „XXL“.
„XL“ bedeutet 30 cm Durchmesser und kostet einen Aufpreis von 30 Cent gegenüber dem Angebotspreis. Über den Aufpreis von „XXL“, wie ich sie gerne gegessen hätte, konnte ich erst gar nichts in Erfahrung bringen, weil „XXL“ nicht im Restaurant serviert, sondern nur in der Pappschachtel zum Kunden nach Hause geliefert wird. Begründung: „Unsere Teller sind nicht groß genug.“
Papperlapapp! Wenn ich in die Pizzeria „San Marco“ in der Neustraße gehe, dann kriege ich dort regulär solche, die über den Tellerrand hinausragen, und zwar ohne, dass ich extra drum bitten muss. Da ist ein Preis von um die acht Euro keineswegs zuviel verlangt, auch und vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass ich im „San Marco“ nach dem Essen grundsätzlich noch einen Schnaps  angeboten bekomme, auch, wenn ich nur eine popelige Pizza bestellt habe.

Ferner kann man sich natürlich auch nicht jede Wunschpizza zusammenbasteln. Abgesehen von Tomatensoße und Käse gibt es zu dem Preis noch drei Beläge. Jeder weitere kostet extra. Ich habe mir die Mühe dann erst gar nicht gemacht, sondern bestellt, wie es auf der Karte angegeben war, abgesehen davon, dass ich auf meiner Pizza idealerweise nicht viel Grün sehen möchte.

Ich habe im „Diamanti“ also zwei „XL“ Pizzen gegessen, wie gesagt: Mit 17 Stunden Zeitunterschied.
Die Pizzen dort sind auch gar nicht schlecht – aber sie sind auch nicht besonders gut. Kritisieren könnte man vor allem die Überdosis Knoblauch, der konzentriert auf einem begrenzten Abschnitt der Pizzaoberfläche landet. Trotz Zahnpflege dampfte mir den Rest des Tages der Knoblauch aus dem Magen in den Mund, dass mir schon schlecht davon wurde, und auch am Tag danach war mir noch nicht ganz wohl dabei. Dabei mag ich Knoblauch. Sehr sogar. Aber alles hat Grenzen.
Damit kann man ein Charakteristikum der „Diamanti“ Pizzen festhalten: Abgesehen von Tomatensoße, Käse und Zutaten, die man in „Stück“ zählen kann, scheinen alle Zutaten einen festen Platz zu haben. Das Zentrum scheint zum Beispiel ein beliebter Ablageplatz für Knoblauch und Sardellen zu sein, dem entsprechend salzig war der erste Bissen meiner Achtel auch immer. Warum nicht besser verteilen? Denn manche Stellen kamen mir arg leer vor.

Was mir gar nicht gefallen hat, war die Intensität, mit der der Koch bei der Sache ist, wenn es um Kundenwünsche geht: Sie strebt gegen Null. Die Bedienung schreibt sie pflichtschuldigst auf – ich wollte statt Broccoli lieber extra Käse – aber bekommen habe ich mein Essen dennoch nach Vorgabe, also mit Broccoli. Ich behaupte nicht, dass solche Sonderwünsche absichtlich ignoriert würden. Ich glaube viel eher, dass der Koch nur die Namen der Bestellungen abliest und die Zusatznotiz schlicht übersieht. Ich würde also empfehlen, eine Wunschpizza zusammenzustellen, damit erst gar keine Standardangabe auf dem Bestellzettel erscheint. Oder am besten im „Diamanti“ nur indisch zu essen, und keine Pizza, und für italienische Küche ins „San Marco“ zu gehen, wo meinem Wunsch, die „Spaghetti Diavolo“ bitte so scharf zu machen, dass meine Oma sie nicht mehr essen kann, mit größter Sorgfalt entsprochen wurde – was mir Wasser auf die Stirn und in die Augen trieb.

6. November 2008

Eine weitere Ära, die zu Ende geht

Filed under: Arbeitswelt,My Life — 42317 @ 23:34

Nein, ich rede von nichts Großem… wie dem Ableben von Michael Crichton vielleicht, wenn man das zweifelsohne bedauerliche Ableben des gelernten Arztes mit Harvard-Diplom „was Großes“ nennen will.

Ich habe in den vergangenen Wochen Zeit mit der Lackierung von Paletten zugebracht, auf die dann Teppiche gelagert werden, damit sie nicht direkt auf dem Boden liegen. Die ursprünglich verwendete Farbe war ein wasserlösliches, geruchsfreies Produkt, das binnen weniger Stunden trocknete, ebenso die weiße Grundierung. Leider reichte die Grundierung nicht für alle Paletten, und so wurden drei restliche mit Acrylfarbe gestrichen, die nicht nach Lösungsmittel, sondern nach vergammelten Socken roch.

Die jedenfalls trocknete nicht so schnell. Leichtsinnig davon ausgehend, dass die Zeit von Mittwoch Abend bis Samstag Morgen da reiche, nahm ich die drei am nächsten Arbeitstag von den Böcken und stellte sie an die Wand der Garage schräg auf eine Pappe, damit andere Paletten, die dringender wieder gebraucht wurden, fertig gestrichen werden konnten. Und nachdem ich dann wieder zuhause war, durfte ich feststellen, dass der Acryllack weiße Flecken auf meiner grünen Armeejacke hinterlassen hatte. Scheinbar war dem stinkenden Zeug die Witterung zu feucht.

Kein greifbares Lösungsmittel half da, also versuchte ich es mit einer professionellen Reinigung, zahlte 6,40 E im Voraus und versicherte der Dame, dass es sich in erster Linie um eine Arbeitsjacke handele, die nachher nicht mehr genauso farbintensiv sein müsse, wie vorher. Das nutzte aber auch nichts, die Flecken wollen nicht mehr raus, und das heißt, dass ich diese Jacke, die ich seit etwa 15 Jahren besitze, nicht mehr in meiner Freizeit tragen kann.

Das ist zum Mäusemelken. Von dem wasserlöslichen Lack, Grundierung und Anstrich, habe ich nicht den geringsten Spritzer abbekommen. Natürlich, wie könnte es ander sein, musste ausgerechnet der Acryllack sein Autogramm hinterlassen, zuzüglich einiger kleiner Tröpfchen auf meinen Schuhen, die durch fettlastiges Überwienern bestenfalls ein bisschen abgetarnt werden, aber hartnäckig dableiben.

Ach, verdammt, ich brauch eh neue Schuhe, oder mal wieder ne Generalüberholung der alten, damit mal wieder ein Jahr Ruhe ist. Wenn die Reparaturkosten bei 15 E liegen, komm ich damit noch einige Jahre über die Runden, bevor der Neupreis von geschätzt 80 E erreicht ist. Der Kampfschuh BW ist teuer, warum auch immer. Aber eine neue Armyjacke werde ich in absehbarer Zeit nicht kaufen. Ich hab so ein Gefühl, dass ich meinen Bekleidungsstil in den kommenden Jahren eh umkrempeln muss, und es ist eigentlich nicht nur ein Gefühl, als viel mehr eine Hoffnung, denn wenn ich in fünf Jahren noch mit den gleichen Klamotten rumlaufe, wie heute, dann heißt das, dass ich nichts erreicht habe. Dann lass ich die Jacke im Rucksack für die Arbeitseinsätze der kommenden Zeit und geh bei Gelegenheit mal zum Schuhmacher. Diesmal zu einem anderen, vielleicht hält dem sein Kleber länger…