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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

13. Mai 2012

Gaytal-Kamikaze (Teil 10)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 20:03

Noch mehr Leute sind uns abhanden gekommen:
Dan war der erste. Bei dem hatte sich herausgestellt, dass bei einem Kunden drei Pakete fehlten. Es handelte sich um eine bekannte Parfümeriekette und der Inhalt der drei Pakete hatte einen vierstelligen Wert. Die Gesamtlieferung war über 150 Pakete groß, also sollte jemand hingehen, um das vorhandene Material zu zählen, es könnte ja beim Durchzählen der Pakete ein Fehler passiert sein. Da schickt man natürlich einen mit diplomatischem Geschick, mit entsprechender Rhetorik und vertrauensschaffender Ausstrahlung. Mich. Nun gut, ich war die natürliche Wahl in diesem Fall, nicht zuletzt, weil ich das Lager bereits stellvertretend beliefert hatte und weil der Leiter des Lagers aus Neunkirchen stammt; meine bisherige Erfahrung der vergangenen Jahre besagt, dass man von Saarländer zu Saarländer „im Ausland“ in der Regel einen guten Draht zueinander hat, und ich verstehe diesen Draht auch auf Betriebstemperatur zu bringen – ein gemeinsamer Dialekt wirkt verbindend und ich würde die Gespräche als sehr harmonisch bezeichnen.
Die Gesamtanzahl der Pakete stimmte zwar, aber vier davon gehörten zusammen und bildeten eine Einheit. Es fehlten drei und dabei bliebs. Dan meldete sich erst krank und kündigte dann fristlos.

Danach ging Charley. Der kam eines Morgens zu mir und sagte: „Du, ich glaub, ich hab voll Scheiße gebaut… ich hab ein Paket abgestellt und jetzt isses weg…“
Seine Geschichte dazu: Er war morgens zehn Minuten vor der Öffnung zu einer Apotheke gekommen und weil er nicht warten wollte, stellte er das Paket einfach vor die Tür. Leider fand der Apotheker das Paket nicht dort vor, wo Charley es angeblich hingestellt hatte. Bei dem Inhalt handelte es sich um Medikamente im Wert von knapp 2000 Euro. Auch Charley kündigte daraufhin fristlos.

Nun erscheint es natürlich verdächtig und wie eine Art Schuldeingeständnis, wenn die Leute die Flucht antreten und fristlos kündigen, aber es gibt auch andere Auffassungen: „Wenn jemand was teures verliert oder kaputt macht, kündigt er fristlos, weil er dann sofort in Hartz-IV rutscht und sein Konto nicht gepfändet werden kann.“
Das klingt plausibel, für mich als Laien, aber ich verstehe zu wenig von den juristischen Hintergründen, um eine Meinung dazu zu haben.

Am erschreckendsten war irgendwie der Abgang des fröhlichen Winzers. Der hatte kein Paket geklaut, verloren oder zerstört, sondern was ganz anderes. Wir wissen ja alle, dass mit dem was nicht stimmt, wenn er still ist, und so erzählte er vor Wochen, dass er sich ganz heftig mit seiner Freundin gestritten habe und dass sie sich trennen wollten. Sich von der Frau trennen, die er die ganze Zeit als „perfekt“ bezeichnet hatte? Na ja, dachte ich noch, so ist das halt mit Jugendlichen, die übertreiben im hormonellen Überschwang gern ein bisschen.
Von anderer Seite wurde mir erzählt, dass die beiden sich schon öfter heftig gestritten hatten, aber letztendlich doch sehr aneinander hingen und immer wieder zusammengekommen waren… der fröhliche Winzer lachte sich dennoch in Kürze eine andere Frau an, aber aus seinen Erzählungen musste ich schlussfolgern, dass es sich um eine rein körperliche Beziehung handelte. Scheinbar eine Tierärztin oder eine Tierarzthelferin, die zu unseren Kunden gehörte. Er sagte ihr nach, vermehrt 20-Kilo-Säcke Hundefutter zu bestellen, nur um ihn zu ärgern und zu sehen. Wie dem auch sei – eines Tages meldete er an, demnächst einen Arzttermin zu haben, ging nach der Tour dorthin und wurde just in die nächste psychotherapeutische Anstalt eingewiesen. Wir rechnen nicht damit, dass er nochmal auftaucht.

Dass er ganz ausfallen würde, kam völlig überraschend, und Peter musste tags darauf einen Fahrer aus Koblenz nach Trier bestellen, damit Wittlich beliefert werden konnte. Der brachte den Wagen mit der Nummer 440 mit – das war der Wagen des Winzers, den dieser vor ein paar Monaten wegen eines Motorschadens zur Werkstatt nach Plaidt gebracht, dann aber einen anderen Wagen erhalten hatte, die 440 war zunächst in Koblenz eingesetzt.
Die 440 fuhr nun also mit wechselnden Fahrern wieder in Trier und es ergab sich, dass in diesen Tagen meine 560 zur Werkstatt musste und ich erhielt bis zur Übergabe des Wagens 540 die 440. Glücklicherweise fand ich darin eine CD, die ich dem Winzer vor langer Zeit mal geliehen hatte, unversehrt sogar. Die CDs vom Winzer waren leider in keiner Hülle untergebracht und sahen extrem unbrauchbar aus, völlig verkratzt. Ich warf sie beim Säubern des Fahrzeugs weg. Ich fand allerdings auch einen kleinen Plastiklöwen, den der fröhliche Winzer immer dabei gehabt hatte – den werde ich ihm bei Gelegenheit schicken. Ich erzählte Felix von dem Plan, aber der meinte, der Winzer werde sich für den Löwen kaum interessieren. Ich mag sentimental veranlagt sein, aber ich glaube, dass solche kleinen Dinge oft große Wirkungen haben können, gerade bei emotional instabilen Menschen.

Und – Konrad wird Ende Juni gehen. Er hat einen Job mit besseren Arbeitszeiten und besserer Bezahlung gefunden, in irgendeinem Speditionslager.

Was bedeutet dies für die „Schichtung“ der Belegschaft? Das bedeutet, dass nur noch der Engel dienstälter sein wird, als ich, und ich bin am 17. Mai ein Jahr dabei. Anders ausgedrückt: Am 1. Juli werden der Engel und ich die einzigen am Band sein, die am 17. Mai 2011 bereits dort gearbeitet haben. Alle anderen sind fort, die meisten aus nicht eben positiven Gründen. Ich muss aber erwähnen, dass ich drei Leute nicht in diese Rechnung mit einbeziehe: Elmo, Mike und Peter sind natürlich auch noch da, aber Elmo ist LKW-Fahrer, Mike ist der Disponent und Peter ist der Chef, in meiner Wahrnehmung ist das eine andere Klasse von Leuten als „die, die am Band stehen“.

Wir brauchten also dringend neue Leute, und das scheint schwierig zu sein.
Peter brachte an einem schönen Morgen einen zu mir und sagte, ich solle ihm zeigen, wie der Laden so läuft mit Scanner und Beladen und so weiter. Zwanzig Minuten später meldete er sich ab und ward nie wieder gesehen. Peter kam zu mir und fragte, wie ich den denn so schnell vergrault hätte? „Das ist ein Student, der sucht einen Nebenjob. Der hat eben erst erfahren, dass es sich hierbei um einen Vollzeitjob handelt. Der hat keine Zeit, 50 bis 60 Stunden die Woche zu arbeiten.“

Auch Bert brachte einen Freund mit, der Interesse hatte, der schien ganz intelligent und umgänglich – hatte aber erst seit wenigen Wochen einen Führerschein. Als er den Wagen rückwärts auf seinen Platz einparken sollte, brach er in Schweiß aus und wäre wohl blass geworden, würde seine Hautfarbe dies zulassen. Drei und eine halbe Kurve sind dazu zu bewältigen: Ins Tor, um den Disporaum herum, zwischen den gelben Pfosten durch und dann in die Lücke. Er schaffte das zwar nach ein bisschen Gekurbele, sagte aber, er traue sich sowas noch nicht zu.

Weiterer Versuch: Ein Russe im mittleren Alter, sah nach einer gewissen Lebenserfahrung aus. Um kurz vor Sieben meldete er sich ab, weil er zur Toilette müsse. Wir haben ihn nie wieder gesehen.

Dann ein Pole. Er lebte erst seit kurzem in Deutschland und sprach besser Englisch als Deutsch, weswegen auch der bei mir landete. Seine Schwester sei Englischlehrerin, erzählte er. Der schien auch ganz vernünftig und Mike hatte angekündigt, dass er nicht die ganze Tour mitfahren würde, da er noch andere Termine habe. Im dritten Ort, in Speicher, stieg er dann aus, um seinen Bruder zu treffen. Er werde sich dann melden. Hat er aber nicht.

Ein Russe meldete sich bei uns und wurde mir zugeteilt. Er habe in der Moskauer Großregion mit einem Zehntonner Schweinehälften von einem Schlachthof an Metzgereien ausgeliefert. Der schien auch vernünftig und erschien sogar am Folgetag noch einmal, obwohl er mit meinem Fahrstil nicht zurecht kam. Die Eifeler Kurven machten ihn nervös. „Wenn ich selbst fahre, ist das in Ordnung, aber fahr bitte nicht so schnell!“
Ich dachte erst, der macht Witze, aber er meinte das ernst, also nahm ich ich die Geschwindigkeit etwas zurück und ließ ihn in die zweite Hälfte fahren. Und er hatte das Glück, montags dabei zu sein – da ist in der Regel nicht so viel los und wir mussten nicht nach „3DI“ (Dasburg-Dahnen-Daleiden-Irrhausen), was uns 45 Minuten sparte.
„Soll er nochmal mit Dir fahren?“ fragte mich Mike dann am Dienstag.
„Klar, kann er, aber vielleicht sollte er auch mal eine Stadttour sehen?“
Er fuhr dann mit der Bitburger Tour. Am dritten Tag kam er dann nicht mehr.

Ein Araber machte das ganz dramatisch: Mike fuhr die Wittlichtour, der Araber fuhr mit. Natürlich wollte der auch irgendwann mal wissen, was man denn hier so verdiene, und Mike drückte sich stundenlang um eine Antwort herum. Am frühen Nachmittag ließ er dann die Katze aus dem Sack: Er könne mit 1200 bis 1300 Euro netto rechnen.
„Was!? Ich will sofort hier raus! Ich brauche mindestens 1800 Euro im Monat!“

Ein junger Trierer sprach auch mal vor, er hatte ebenfalls bereits als Fahrer gearbeitet. Zufällig trägt er den selben Vornamen wie ich… ich glaube, er war der einzige Bewerber, der von Peter abgelehnt wurde. Der war ja ganz nett, aber müsste ich seinen IQ schätzen, wäre ich noch vorsichtig, ihn gerade mal bei 75 anzusetzen. „Ich glaube nicht, dass der weiß, wie man 75 schreibt…“ sagte der Kleine dazu. Mein Namensvetter jedenfalls blieb nicht und angeblich hat er eine Anstellung beim IT-Haus in Föhren gefunden.

Einen Türken hatten wir zwischendurch auch da, der nicht nochmal auftauchte.

Dann: Eine Frau. Eine zierliche Frau um die 30. Na gut, warum nicht? Mike kannte sie von früher, sie hatte für ein anderes Transportunternehmen gearbeitet und hatte sogar Ortskenntnisse im Wittlicher Raum. Man erzählte mir von ihr, dass sie ihren ersten Einsatztag in einer ganz passablen Zeit hinter sich gebracht habe. Endlich!
Aber es hat nicht sollen sein. Nach vier Tagen schrieb sie Mike eine SMS, in der sie ihm mitteilte, dass sie den Job doch nicht machen könne und dass sie den Wagen auf dem Parkplatz in der Nähe des Depots abgestellt habe. Es dauerte ein paar Tage, bis durchsickerte, was vorgefallen war:
Der Plan war, dass auch ihr Freund ab Anfang Juni bei uns arbeiten sollte, aber kaum, dass sie angefangen hatte, zerstritten sich die beiden und beide machten einen Rückzieher. Die wollten sich natürlich nach der Trennung nicht jeden Tag bei der Arbeit über den Weg laufen, und scheinbar hatte keiner dem anderen gesagt, dass er/sie nun doch nicht dort arbeiten werde. Die beiden kegelten sich also durch Kommunikationsmangel gegenseitig raus.

Es begab sich aber dennoch, dass zwei neue Fahrer gefunden wurden: Den ersten nenne ich mal „Rudi“, nachdem der Winzer ihn spontan so genannt hatte. Zu dem anderen Fahrer, der Kleine hat ihn gewissermaßen angeworben, komme ich später.

Ich weiß nicht, ob jemand Rudi an uns vermittelt hat oder wie er zu uns kam, er war halt auf einmal da, bekam von Bert die Bitburgtour gezeigt und blieb, mittlerweile seit etwa drei Monaten.
Seit er da ist, gibt Bert ständig französische Kommentare ab, durch die halbe Halle:
„Mon ami! Mon ami!“ (Damit ist Rudi gemeint.)
„Was willst Du?“
„Ca va bien?“
„Oui, ca va bien. Et toi?“
„Komm her, mon ami, hilf mir einladen!“
„Du gehst mir auf die Eier!“

Jeder weiß, dass dies alles nur Spaß ist. Es ist auch lustig und lockert die Stimmung (obwohl die Stimmung das nicht unbedingt nötig hat).

Aber was soll man im Gesamtbild über Rudi sagen? Ich finde ihn nicht unsympathisch, er scheint vernunftbegabt in einem libertären Sinne. Um zu erfahren, was das für einer ist, wollte ich ihn einladen, zusammen mit Konrad, weil Rudi Couscous mit Lamm zu kochen bereit war, worauf Konrad gelinde gesagt scharf war; wir einigten uns also, dass er das Essen bei mir machen würde, dass jeder einen Anteil zahlt, und so weiter. Leider kams dazu nicht, weil Konrad, der ihn hätte abholen sollen, nicht auftauchte und auch telefonisch nicht erreichbar war… dazu später mehr.

Eigentlich fing es gut an, denn er machte nicht mehr Fehler, als jeder andere Anfänger; aber leider neigt Rudi auch zu Starrsinn und Lernverweigerung, wenn er etwas nicht versteht, dann heißt das nach meiner Auffassung in der Regel, dass er nicht verstehen will, weil es seiner fest gefügten Meinung zuwider läuft; er macht Fehler, die man nach drei Monaten eigentlich nicht mehr macht. Ein Lernprozess ist kaum feststellbar.

Zum Beispiel, dass es notwendig ist, jeden Tag ein Fahrtenbuch zu führen, in dem man festhält, wann man gefahren ist und wann man Pause gemacht hat, und wieviele Kilometer man gefahren ist. „Das dauert ja fünf Minuten! Das dauert mir zu lange!“ Das Argument, dass die Behörden bei unvollständigen Fahrtenbüchern für jeden nachweislich fehlenden Tag ein dickes Bußgeld einfordern, schien nicht zu wirken. Peter führte ihm das Ausfüllen sogar vor: Datum, Kennzeichen, Stundennachweis, gefahrene Kilometer durch die Berechnung der Differenz der Kilometerstände zu Fahrtbeginn und zum Fahrtende – in weniger als einer Minute. Seitdem scheint er widerwillig ein Fahrtenbuch zu führen.

Nicht zuletzt deswegen führte Peter Konventionalstrafen ein, um die Leute zu motivieren, ihre ausgefüllten Unterlagen jede Woche bei ihm abzugeben. Puck, Konrad und meine Wenigkeit sind die einzigen Fahrer, die neben ihren Fahrtnachweisen z.B. auch ihre Tanknachweise regelmäßig abgeben. 🙂

Das Dumme mit Rudi ist aber auch, dass er die Prioritäten beim Arbeiten nicht einhält, und ich habe ihn mehrfach darauf hingewiesen:
– Komm spätestens um 0515, damit Du vor Bandstart genug Zeit zum Unterlagen- und Nachnahmeabgeben und zum Anmelden des Scanners hast
– Das Wichtigste ist das Abräumen der Pakete vom Band, damit andere nicht Deine Pakete runternehmen müssen und Du die Dinger nachher nicht suchen musst
– Das Zweitwichtigste ist das Scannen der Pakete, damit Du weißt, wie viele Du schon da liegen hast und wie viele Du noch woanders suchen musst
– das Drittwichtigste ist das saubere Aufstapeln der Pakete in sinnvoller Reihenfolge, das spart Zeit beim Einladen
– Das Viertwichtigste ist das Einladen, was im Auto drin ist, ist drin, man sollte also auch die Ladefläche beim aufstapeln nutzen
– Das Fünftwichtigste ist das Setzen der Stopps in umgekehrter Fahrreihenfolge, das macht man in kurzen Pausen und spart Zeit bei der Abfertigung.

Was macht der? Kommt ungefähr um halb Sechs, kommt erst ans Band, wenn es bereits läuft, weil er noch Geld und Unterlagen abgeben muss, dann kann er erst mal nichts scannen, weil sein Gerät noch nicht bereit ist, und natürlich braucht er erst mal einen Kaffee, nachdem er reingefahren ist. Dann beschäftigt er sich mit Stopps und konzentriert sich auf seinen Scanner, während ein Paket nach dem anderen an ihm vorbeiläuft. Oder er verschwindet einfach mal irgendwohin. Ursprünglich habe ich dann seine Pakete runtergenommen, aber das hatte einen negativen Lehreffekt. Von knapp 146 seiner Pakete hatte ich 64 in der Hand. Aber ich will ja keinen hängen lassen – bis er mich wirklich nervte:
Er fuhr seine Tour und schaffte den Kyllburger Tierarzt nicht mehr; Mike wies mir die neuen Pakete zu und ich sollte noch die vom Vortag von Rudi übernehmen. Unser Büro hatte die auf Status „Ausgeliefert“ gesetzt und ich sollte sie per Nachquittung zustellen. Rudi griff drei Pakete aus seinem Auto und ich fragte ihn, ob das alle seien. Ja, das sind alle, sagte er. Ich kannte seinen Hang zur Ungeduld und oberflächlicher Arbeit:
„Bist Du sicher, dass das alle sind?“
„Ja, ganz sicher.“

Am Nachmittag kam ich dann zum Kunden und stellte fest, dass ein Paket fehlte. Der Tierarzt kannte mich und unterschrieb dennoch die Unterlagen, nachdem ich ihm versichert hatte, die fehlende Ware am Folgetag zu bringen. An eben jenem Folgetag kam Rudi dann mit Hundeblick zu mir und sagte, er habe leider noch einen Polsterumschlag für den Tierarzt gefunden.
Dass ich mich darüber ärgerte und ihm das übelnahm, verstand er gar nicht: „Das kann doch mal passieren!“
„Aber ich bin derjenige, der wie ein Idiot beim Kunden steht und dem erklären muss, dass seine bestellte Ware unvollständig ist, weil Du Deine Arbeit nicht richtig machst!“
Mit meiner Abräumerei für ihn ist es seitdem weitgehend vorbei, der muss an seiner Einstellung arbeiten.
Weil ich nett bin, versuchte ich es dann mal „vorgreifend“. Da ich relativ wenige Pakete habe, stellte ich mich VOR ihn ans Band und sagte seine Pakete an. Es nutzte nichts. Nachdem Puck, der Pakete vom IT-Haus fährt, drei oder vier in Folge für ihn abgeräumt hatte, fragte er ihn: „Sag mal, wenn Dominik Bitburg! ruft, glaubst Du, er macht Witze???“

Ein Laden in Rittersdorf sollte einmal ungewöhnlich viel Ware erhalten und Elmo sollte sie mit dem LKW hinfahren. Üblicherweise wird dann trotzdem bei Bitburg abgeräumt, weil Rittersdorf zur Bitburger Tour gehört und am Bandende, wo die überladene Trierer Tour steht, schlicht kein Platz ist.
Als dann Rittersdorfer Pakete an mir vorbeirollten, fragte ich ihn, warum er sie nicht runternehme?
„Ich fahre heute kein Rittersdorf.“
„Du musst es aber trotzdem abräumen.“
„Wieso? Ich fahre dort nicht hin.“
„Da unten ist kein Platz, um die Drucker zu stapeln!“
„Wieso kümmert Dich das? Das ist doch seine Arbeit, es muss doch jeder erst mal seine Arbeit machen! Warum soll ich das machen?“

Warum erzähle ich das? Um zu verdeutlichen, dass es ihm scheinbar völlig an Selbstreflexion mangelt. Denn das mit dem „jeder muss seine eigene Arbeit machen“ hat er selbst noch nicht ganz kapiert, und seit eine Menge seiner Pakete das Band runterläuft, können ihn die da unten auch nicht mehr leiden – den letzten beißen die Hunde, und die Trierer Fahrer müssen verpasste Pakete in die Ecke mit den Irrläufern räumen.
Bei den Frauen im Büro hat er ebenfalls verschissen, denn wenn er etwas braucht, dann klingt das, als ob er Forderungen stellt, und nicht, als ob er um etwas bittet. Seine Blockadehaltung gegenüber Formalitäten („Das verstehe ich nicht!“ „Das mache ich nicht!“ „Ich fahre da nicht hin!“) verstärkt diesen Eindruck durch klar erkennbare Ungeduld in seinem Tonfall. Sie halten ihn daher für frauenfeindlich. Ich glaube nicht, dass er das so meint, wie er es sagt, aber ich kann sie schon verstehen. Letztlich suchte er eine ganze Weile nach einem FedEx-Umschlag, von dem sich dann herausstellte, dass er tatsächlich vorhanden, aber mit einer falschen Postleitzahl bedruckt worden war. Er beschwerte sich darüber im Büro – obwohl die für solche Schlampereien gar nicht verantwortlich sind, der Fehler war weiter vorn in der Bearbeitungsreihe gemacht worden. Die Damen vom Büro schrieben daraufhin eine eigene Beschwerde wegen seines ungehaltenen Verhaltens und der Chef vom Depot nahm ihn in die Mangel.

Den bislang krassesten Vorfall schreibe ich seiner verunglückten Art von Humor zu.
Auf der Suche nach Paketen teilte ihm Laubschi mit, da seien welche bei den Irrläufern, er müsse sie nur aus der Ecke räumen. Und da hielt er ihr – ausgerechnet ihr, die man auch scherzhaft „Transohex“ nennt – seinen Scanner hin und sagte sowas wie: „Da, Frau, mach.“
Ich zumindest behaupte, dass es sich um einen unglücklich ausgesuchten und vorgetragenen Scherz handelte, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie jemand sowas ernst meinen könnte. Laubschi nahm das sehr ernst und war entsprechend angepisst. Ich glaube, Felix ist der einzige im Depot, den sie noch mehr hasst. Angepisst von dem Spruch war auch der Engel, der gerade dabei stand, denn der Engel geht mit Laubschi hin und wieder einen trinken. Dass es da nicht zu Handgreiflichkeiten kam, ist auch alles, was noch fehlte.

Rudi hat auch so eine Tendenz, Adressen nicht zu finden. Zum Beispiel eine „Kirchstraße“. Wo mag die wohl sein? Welches auffällige Gebäude könnte sich dort wohl befinden? Oder eine Neuerburger Straße in Bitburg? Ein Blick auf die Karte verrät einem, wo Neuerburg liegt und daraus kann man zumindest die Vermutung ableiten, in welcher Richtung die Straße aus Bitburg heraus laufen könnte. Aber auch Navis helfen ihm nicht. So rief er bei Mike an: „Soll ich echt nach Steinborn fahren? Das sind noch vierzig Kilometer ab Seinsfeld!“ Er hatte Steinborn bei Daun angewählt, völlig anderer Postleitzahlenbereich, und war gleich in Panik verfallen, anstatt zu schauen, ob es möglicherweise noch ein weiteres Örtchen geben könnte, das so heißt. Zu „seinem“ Steinborn waren es zum gegebenen Zeitpunkt nämlich gerade mal drei Kilometer. Und er ruft manchmal mehrfach am Tag wegen solcher Sachen an – er zeigt also auch Anzeichen von fortgeschrittener Unselbständigkeit, und die verstärkt sich natürlich mit seinem Unwillen, unklare Sachverhalte kühl überlegend zu prüfen – kostet ja alles Zeit, nicht wahr. Ein Muttersöhnchen, möchte man vermuten. Mike ist ein ruhiger Typ, aber Rudi nervt ihn ernsthaft.

Vermutlich fragt mich keiner… aber würde Peter mich fragen, könnte ich ihm nicht ruhigen Gewissens empfehlen, Rudi über die Probezeit hinaus zu beschäftigen.