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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

4. Februar 2024

Mittwoch, 04.02.2004 – Datensammlung

Filed under: Japan,My Life,Uni — 42317 @ 7:00

Heute findet Unterricht wie an Dienstagen statt. Das heißt Yamazaki-sensei „versüßt“ uns die ersten beiden Stunden, danach habe ich etwas Pause und dann findet das Seminar über Buddhismus statt.
Philips ist heute ebenso wenig informativ wie gestern, weil er das Buch noch immer nicht gefunden hat. Er redet also über verschiedene andere Dinge, die mehr oder weniger mit Buddhismus zusammenhängen. Aus- und Abschweifen ist eine seiner besonderen Fähigkeiten. Aber da ich das von meinem Vater her schon kenne (dessen Gespräche dieser Art ich eigentlich immer genossen habe), stört mich das nur aus rein akademischer Sicht (und ich betrachte mich nicht als akademisch begabt), ansonsten höre ich mir gerne an, was er zu erzählen hat.

Auch diesmal bleibe ich der einzige, der Fragen stellt. Zum Beispiel möchte ich, im Hinblick auf die kommende Klausur, wissen, wo denn nun der Unterschied zwischen Mahayana und Teravada, den beiden Hauptströmungen des Buddhismus, eigentlich liege. Die erschöpfende Antwort: Mahayana beruht auf Glauben und Teravada auf Praxis. Im Klartext heißt das, dass Mahayana Anhänger zu den Boddhisatvas (den zur Erleuchtung gelangten „Normalsterblichen“) beten und hoffen, dadurch in der Lebenszeit des nächsten Buddha geboren zu werden, um von diesem zur Erleuchtung geleitet zu werden, denn nur der Buddha und seine direkten Schüler sind zu dieser Anleitung fähig (nach Ansicht des Mahayana). Die Anhänger des Teravada dagegen glauben, dass man durch geistige Übungen – wie Meditation – das Ziel, selbst ein Boddhisatva zu werden, ohne Anleitung eines Buddha oder eines Arhat (Buddha-Schülers) erreichen kann.
Man kann sich ja aussuchen, was einfacher erscheint. Und dafür haben die Oberdruiden vor 1200 Jahren ein (inoffizielles) Schisma geschaffen. Inoffiziell deshalb, weil die dogmatische Spaltung der reinen Lehre eine Todsünde darstellt, für die man unweigerlich sofort und für alle Zeiten in die nächste Hölle verbannt wird. Das ist an sich alles. Allerdings mögen den Buddhisten die Gründe für die Spaltung der christlichen Kirche ebenso unbedeutend vorkommen. Philips jedenfalls grinst mich an und meint: „Haben Sie vielen Dank, dass Sie so viele Fragen stellen. Sie haben mir eben ein paar gute Ideen für Klausurfragen gegeben. Ich hoffe, ihre Mitstudierenden sind nicht nachtragend.“

Nach dem Unterricht stelle ich im Center ein paar Dinge über den Datentransfer von einem Rechner zum anderen fest. Es gibt in der Tat ein Netzwerk (innerhalb des Centers) und somit einige Rechner, auf deren Laufwerke man von den anderen Rechnern im Raum zugreifen kann. Theoretisch. Es funktioniert nämlich in den seltensten Fällen, und das häufigste Erlebnis bei dem Versuch, einen Rechner im Netzwerk anzusteuern, ist ein Systemabsturz nach dem anderen. Und ausgerechnet der Rechner, auf dem ich die meisten Daten gelagert habe, ist überhaupt nicht per Intranet zu erreichen. Ich habe mich extra vergewissert, dass das Laufwerk, von dem ich Daten abrufen will, auch anwählbar und zugriffsbereit ist, aber ich kann den Rechner mit seinem Laufwerk von einem anderen Rechner aus im Netzwerk dennoch nicht finden.

Ich kann aber endlich auf Misis Angebot zurückkommen, seinen Memorystick zu verwenden. Ich hinterlege seine Daten in einem entsprechenden Ordner, lösche dann die Speichereinheit und transferiere langsam und allmählich meine Daten auf einen Computer, der auch einen Brenner besitzt. Der Datentransfer dauert eine Weile, also suche ich ein wenig auf den Festplatten herum, ob da nicht etwas Interessantes für mich zu finden sein könnte. Ich finde eine Handvoll MP3 Musikdateien, aber auch eine Tonaufnahme von einer 50-minütigen Vorlesung über die Relativitätstheorie, vorgetragen von einem Professor Feynman in amerikanischem Englisch. Ich habe den Namen noch nie gehört, aber für Eingeweihte ist er eine wahre Koryphäe, der in einer Reihe neben Einstein steht. Ich kopiere diese Datei, man weiß ja nie, ob man sie nicht vielleicht mal brauchen kann. Und sei es zur Erweiterung des Allgemeinwissens, das mir weit mehr bedeutet als alles Fachwissen.

Ich werde nebenbei auf eine Seite aufmerksam gemacht, von der man Musik anhören und auch runterladen kann – aber nur, wenn man eingetragener Nutzer und darüber hinaus auch noch koreanischer Staatsbürger ist. Ich finde die Idee zur Eindämmung wilder Downloads gar nicht so dumm. Aber ich kenne ja Koreaner. Vielleicht findet sich was auf der Seite… aber ich weiß derzeit nur von zwei oder drei Liedern, die mich interessieren, und vielleicht erübrigt sich das auch, nachdem Riccis Festplatte bei uns aufgeschlagen ist, höhöhö.

Der Tag zieht sich hin und ich „genieße“ das Wetter.
Es schneit.
Es ist bitterkalt.
Unter dem frischen Schnee lauert immer noch der spiegelglatte Eispanzer auf unachtsame Fußgänger.

Am Abend ist wieder Lernen angesagt, in erster Linie für das Kulturseminar, aber auch die Grammatik will behandelt sein. Das dauert lange, aber mittwochs macht das nicht viel aus, weil eh nichts im Fernsehen läuft, was sich anzusehen lohnt. Wir probieren auch an meinem Wordtank herum und Melanie findet heraus, wie man englische Begriffe und japanische Komposita markieren kann, um diese erklären oder übersetzen zu lassen. Das ist vor allem praktisch für die Teile des Lexikons, die rein japanisch gehalten sind. Es ist ja schon wirklich toll genug, dass ich Erklärungen übersetzen muss, um zur Übersetzung zu gelangen.

Übrigens hat Jû heute Geburtstag, womit er exakt fünf Monate und zehn Tage älter ist als ich. Was mich daran erinnert, dass ich noch ein paar weitere solcher Daten sammeln wollte, um meine Geburtstagsliste zu erweitern. Ich glaube, ich habe eigentlich schon zu lange gewartet. Ein bedeutender Teil meiner neuen Bekannten dürfte bereits Geburtstag gehabt haben.

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